The Project Gutenberg EBook of Charaktere und Schicksale, by Herrmann Heiberg

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Title: Charaktere und Schicksale

Author: Herrmann Heiberg

Release Date: July 17, 2004 [EBook #12927]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Charaktere und Schicksale


Roman von Hermann Heiberg


Berlin 1901




"Du darfst nicht bse werden, wenn ich es sage, lieber Friedrich! Aber
da du berhaupt auf solche Dinge Wert legst, ist mir bei deinen
sonstigen Anschauungen unverstndlich. Du bemhst dich darum,
Kommerzienrat zu werden, und jetzt gertst du sogar fr unsere Margarete
auf ehrgeizige Gedanken. Was sollen wir mit einem Schwiegersohn aus
diesen Kreisen!--Ja, wenn er etwas wre und bese!"

Die Frau, die diese Worte an ihren Mann richtete, war die Gattin des
Buchdruckereibesitzers und Zeitungsinhabers Friedrich Andreas Knoop. Sie
sa ihrem Mann beim ersten Frhstck gegenber, und schenkte ihm,
whrend ihrer Rede, nicht nur den Kaffee in seine Tasse ein, sondern
schob ihm auch--umsichtig fr ihn besorgt--den Rahmgu und die
Zuckerdose nher.

Whrend er sich aus beiden bediente, sagte er:

"Du hast recht, und du hast unrecht, Fanny! Vom allgemeinen,
vernnftigen Standpunkt aus betrachtet, verrt ein Hinschielen nach
Orden oder anderen Auszeichnungen keinen besonders erhabenen Geist Der
in sich gefertigte, den tieferen Inhalt der Dinge erfassende Mensch legt
auf solche Aeuerlichkeiten nicht nur keinen Wert, sondern berlt das
Haschen danach denen, die glauben, da sie dadurch in der Welt irgend
ein Sprchen mehr werden! Aber es giebt auch einen anderen Standpunkt!
Von diesem aus lchelt man zwar im stillen ber solchen Firlefanz,
verschmht ihn aber nicht, sondern thut etwas zu seiner Erlangung, weil
eben andere ihm eine Bedeutung beilegen. Daraus erwachsen fr den
Geschftsmann in der Welt der Aeuerlichkeiten mancherlei erhebliche,
indirekte und direkte materielle Vorteile."

"Ich glaube es nicht, Friedrich. Ich glaube, ein Wertlegen auf Titel und
Orden entspringt allezeit einer gewissen Eitelkeit, deren sich ein
wirklich ernsthafter Mann nicht schuldig machen sollte!"

"Na, und wenn's wirklich so wre,--ist die Befriedigung unsrer Eitelkeit
nicht auch etwas? Woraus besteht unser Dasein? Wir sollen uns
Glcksmomente verschaffen; wir sollen uns zum Ausgleich fr die mit dem
Leben verbundenen Unfreundlichkeiten dasjenige fr unsere Sinne
herbeiholen, wodurch sie aufgerichtet werden, wodurch wir zu irgend
einer edlen oder angenehmen Gemtserhebung gelangen!"

Auf diese an sich durchaus verstndige Betrachtung entgegnete Frau Knoop
nichts; sie warf aber einen freundlichen Blick zu ihrem Manne hinber.
Wenn sie jemanden in solcher Weise anblickte, empfing das eine,
berhaupt nur eine Thtigkeit ausbende Auge einen etwas stechenden
Ausdruck, und das erloschene andere schien wesentlich strker
hervorzutreten.

Friedrich Knoop stammte aus der nordischen Landschaft Dithmarschen. Sein
Vater war dort Mhlenbesitzer gewesen, und Frau Fanny war aus der
nordischen Landschaft Schwansen, woselbst sich ihr Vater als Pastor im
Amte befunden hatte.

Knoop hatte sich zufolge groer Energie und Umsicht zu einem sehr
reichen Mann emporgeschwungen, stand im sechzigsten Lebensjahr, und
besa zwei Kinder: die erwhnte Margarete und einen Sohn, der zur Zeit
in England war, um sich fr die einstige Uebernahme des vterlichen
Geschfts noch weiter auszubilden.

Die Eheleute saen, whrend sie sprachen, in einem Salon, der nach einem
Garten fhrte und sich in einem hinteren Quergebude befand, das zu
einem mchtigen, in der Hauptstrae befindlichen Karree gehrte, in dem
sich sowohl die Geschfts- wie auch diese Wohnrume des Chefs der Firma
befanden.

Ihre Unterredung wurde unterbrochen, weil die Tochter des Hauses ins
Frhstckszimmer trat.

Sie ging mit ruhig elastischem Schritt ihren Eltern nher, kte beide
auf die Wangen und sagte nach einer vorherigen Erkundigung nach deren
Nachtruhe und Befinden:

"Du weit doch, Papa, da heute Baron von Klamm kommt, um sich von dir
das Geschft zeigen zu lassen. Um halb zwlf Uhr hat er sich angemeldet.
Es pat dir doch?"

"Ja, mein Kind. Ich werde bereit sein.--Sage brigens einmal, wie kommt
er dazu? Hat er wirklich Interesse fr dergleichen, oder hat er
Nebenzwecke?"

Margarete lchelte und entgegnete:

"Das glaube ich allerdings, Papa! Zudem aber ist er, wie mir scheint,
wirklich ein Mann, der fr alles Tchtige Sinn, und an allem Freude hat.
Unter den vielen jungen Leuten ist er in der That der einzige, mit dem
man sich unterhalten kann. Er ist sehr anregend."

"Bitte, verguck' dich nur nicht in einen solchen Adligen, Grete!" fiel
Frau Fanny ein. "Welchen Ausgang kann das haben! Er will doch schwerlich
arbeiten, sondern sich nur von Papa ernhren lassen!"

"Das glaube ich nicht, Mutter!"

"Er ist doch nichts! Was hat er berhaupt bisher getrieben? Wer sind die
Eltern? Wenn es nach mir ginge, wrde Papa ihm nicht eher unser Haus
ffnen, bevor er sich sehr genau nach ihm erkundigt hat."

"Kann ja geschehen, Fanny!" fiel Knoop phlegmatisch ein.

"Hm--aber du willst ihn doch schon empfangen?"

"Allerdings, aber ohne Verbindlichkeit fr Weiteres.--Auch, wenn er euch
seinen Besuch macht! Nicht wahr, Grete, das will er!?"

Grete nickte.

"Ja, er bat um die Erlaubnis, euch aufwarten zu drfen. Er mchte gern
bei uns verkehren."

"Hast du Christine von Holm ber ihn befragt?" schob die Frau ein.

Christine von Holm war die Tochter des Ehepaars, bei denen Margarete in
einer Abendgesellschaft Baron von Klamm kennen gelernt hatte.

"Was sagt sie, was wei sie von ihm?"

"Die wissen nichts. Sie haben ihn auf einem Ball beim Kommerzienrat
Kgelchen kennen gelernt.

"Vielleicht vermag der Nheres zu sagen! Papa knnte sich ja dort nach
ihm erkundigen.

"Ist er kein Gentleman, so brauchen wir ihn nicht einzuladen."

"Ich werde schon zutreffende Erkundigungen ber ihn einziehen, Kinder.
Vorderhand werde ich mir heute selbst ein Urteil zu bilden suchen. Also
rege dich nicht vor der Zeit unntig auf, gute Frau Fanny."

Bei diesen Worten suchte Knoop das Auge seiner Gattin, und sie zog ein
schelmisches Gesicht. Grete aber bemerkte:

"Ich fragte Hauptmann von Uelzen nach ihm. Er sagte, die Klamms stammten
aus Sachsen. Er sei ursprnglich sterreichischer Offizier und dann
einige Zeit im Ausland gewesen.

"Er halte sich hier seit anderthalb Jahren auf und suche eine
Thtigkeit, verkehre in den besten Kreisen, und mache immer den
Eindruck, da er gut bei Kasse sei."

"Nun wohl! Sehr schn! Sorge also fr ein gutes Frhstck, Fanny, und
empfangt ihn artig. Wir sehen dann weiter.--Ich mu jetzt--"

Knoop sah nach der Uhr und stand--im brigen bedchtig im Wesen--rasch
auf, legte die Serviette beiseite, schob den Stuhl mit einem ihm
anhaftenden, starken Ordnungssinn unter den Tisch. Dann streichelte er,
gutmtig lchelnd, Frau und Tochter die Wangen, warf auch noch beim
Fortgehen ein Scherzwort hin und verlie das Zimmer.

Vor dem Garten- und Frhstckssalon befand sich ein schner, heller
Flur, der in Marmor ausgefhrt war. Von ihm fhrten seitlich Thren in
die verschiedenen unteren Gemcher. Nach oben vermittelte eine in der
Hhe durch eine Gallerie verbundene Marmortreppe den Auftritt. Dort
befand sich ein groer Tanzsaal mit Nebenstuben, und dort lagen die
Schlafrume, whrend sich unten die Wohn- und Gesellschaftszimmer
ausdehnten.

Von ihnen fhrte eine Thr, zu der nur der Herr des Hauses einen
Schlssel besa, in den Flgel links. Diesen betrat nun auch Herr Knoop,
durchschritt die Rume, die vom Hofe Licht empfingen, und begab sich in
sein vorn nach der Strae belegenes Kontor.

"Morgen! Morgen!" erfolgte wiederholt, und fand Erwiderung, whrend er
den Korridor durchma.

Redakteure der Zeitungen begaben sich eben grade in ihre Gemcher; der
Faktor, mit Korrekturen in der Hand, kam aus der Druckerei, um eine
Erkundigung im Hauptkontor beim Geschftsfhrer einzuziehen, und in des
Chefs Vorzimmer standen und saen bereits mehrere Personen, die auf sein
Erscheinen warteten.

"Morgen, Herr Knoop!" erfolgte abermals ehrerbietig im Ton, und wurde
durch Kopfnicken beantwortet. Dabei streifte der Chef mit kurzem,
scharfem Blick die Anwesenden, gab seinem herbeieilenden Faktotum
Auftrag, die drauen Wartenden noch zu bescheiden. Er wolle erst die
Post durchsehen, und lie sich sogleich an seinem Schreibtisch nieder.--

Das zweifenstrige Zimmer war sehr gediegen ausgestattet und mit allen
praktischen Bequemlichkeiten der Neuzeit versehen. Elektrische
Klingelfden fhrten bis an das Pult des Chefs. Verschiedene weie
Knpfe waren dort zu sehen und besaen smtlich Aufschriften. Sie gaben
an, wer erscheinen sollte, wenn sich der Finger zum Druck auf ihre
Flchen legte. Accidenzfaktor, Zeitungsfaktor, Magazinverwalter,
Prokurist, Hausmeister, Kontordiener hatten verantwortlichere Stellungen
im Knoopschen Geschft inne und wurden nicht selten in das Kontor des
Chefs befohlen, um seine Wnsche entgegenzunehmen.--

Unter den vielen Briefen, die Herr Friedrich Knoop zu ffnen und zu
lesen hatte, und die meist mit Bemerkungen versehen, von ihm in Mappen
gethan und vom Breaudiener den Geschfts-Abteilungsvorstnden
berbracht wurden, befanden sich heute auch zwei Privatschreiben, die
seine Aufmerksamkeit besonders in Anspruch nahmen.

Das eine war von seinem lteren Bruder, einem zurckgekommenen
Kaufmann, der sich gegenwrtig als Agent in Braunschweig aufhielt.

In diesem Brief standen folgende Worte:

"Ich frage Dich, Friedrich, zum letztenmal, ob Du mir helfen willst.
Wenn Du diesmal meine Zeilen auch nicht beantwortest, mut Du gewrtig
sein, da die Zeitungen berichten, welche Ursachen daran Schuld waren,
da Theodor Knoop zu einem verzweiflungsvollen Schritt seine Zuflucht
nahm. Gedenke unserer verstorbenen Eltern, gedenke, da unsere Mutter
uns beide unter ihrem Herzen trug, und berlege, ob ich nicht
wenigstens--was auch immer gewesen sein mag--einer Erwiderung wert
bin."--

Herr Friedrich Knoop zog die breite Stirn in dem runden, mit einem
Vollbart umrahmten Gesicht in Falten. Auch erhob er sich und ging--er
war mittelgro, stark beleibt und gedrungen--eine Weile in seinem Kontor
auf und ab. Das geschah, wenn ihn etwas stark beschftigte.

Endlich setzte er sich wieder. Er hatte seinen Entschlu gefat, und las
nun den zweiten, ihn auch sehr beschftigenden Brief, der keine
Unterschrift trug und durch eine Schreibmaschine hergestellt war, noch
einmal durch. Er lautete:

  "Sehr geehrter Herr!

  Es wird Sie dieser Tage--ich hrte es in dem Wiener Caf von Bauer
  zufllig--ein Baron von Klamm besuchen. Da ich ihn sehr genau kenne,
  so erlaube ich mir, Sie vor ihm zu warnen. Er ist durchaus
  unzuverlssig!

  Denken Sie diesmal nicht: Anonyme Zuschriften gehren, ohne beachtet
  zu werden, ins Feuer.

  M.P."

Nachdem Herr Knoop diese beiden Briefe in seinem Pulte verschlossen
hatte, klingelte er. Er bergab neben anderen Anweisungen dem Faktotum
und Breaudiener Adolf, einem Mann, der dadurch auffiel, da er runde,
sthlerne Ohrringe trug, die Mappen, und hie ihn auch, die drauen
Wartenden nach der Reihe ihres Eintreffens ins Zimmer treten zu lassen.

Zuerst erschien ein fremder Setzer. Er bat um Arbeit, und wurde von
Herrn Knoop zum Accidenzfaktor gesandt. Nach ihm kam eine sauber
gekleidete Frau und bat um einen Vorschu fr die Familie. Ihr Mann
arbeitete im Papierlager, war fleiig und gewissenhaft.

Sie brauchte das Geld fr ihren Sohn, der lange krank gewesen war und
nun berseeisch sein Glck versuchen sollte.

Herr Friedrich Knoop ging an den Geldschrank, nahm zwei Geldstcke
heraus und sagte:

"Hier, Frau Bendler! Ich schenke Ihnen das! Vorschsse gebe ich nur in
uersten Fllen! Das wissen Sie! Und ein andermal lassen Sie Ihren Mann
kommen und dergleichen vorbringen. Die Frauen will ich nicht anhren. Da
knnten alle heranlaufen, und ich htte eine schne Last--"

"Gottes Segen, Herr Knoop, und vielen Dank noch! Und nehmen Sie't man
nich fr unjut, Herr Knoop! Mein Mann--Sie kennen ihm--is bei so wat mal
zu schanierlich--"

"Na ja, das mag sein! Aber! Entweder--oder in Zukunft! Und nun Adieu!
Mg' es Ihnen gut gehen! Gren Sie Ihren Sohn Franz. Hoffentlich
gelingt's ihm in Brasilien!"

Nachdem sich die Frau entfernt hatte, erschien der Agent einer
Papierfabrik.

Er machte ein Angebot auf Zeitungspapier.

Herr Knoop trat ans Fenster, lie das hellere Licht auf den ihm
berreichten Probebogen fallen, betrachtete ihn aufmerksam und sagte,
whrend er auch noch nach Art der Erfahrenen, die Flchen des Stoffes
zwischen Zeigefinger und Daumen rieb, wie die Zahlungsbedingungen fr
500 Ballen sein wrden.

Nachdem er darauf Antwort empfangen, ersuchte er den Agenten, ihm das
Angebot nochmals schriftlich zu machen, und in dem Schreiben zu
bemerken, da die Fabrik unbedingte Gewhr fr ihre Angaben bernehmen
wrde.

"Jawohl! Ganz gut! Wenn Gewicht, Fabrikat und Frbung nach dieser
Vorlage geliefert werden knnen, denke ich, gelangen wir zu einem
Abschlu!" entschied Herr Knoop in einem kurzen Ton.

Hierauf noch ein Knopfnicken und ein verbindliches Handreichen, und eine
andere Persnlichkeit trat in das Gemach.

Ein lteres, unmodisch gekleidetes Frulein, mit an die Stirnseiten
vorgekmmtem Haar und einem Strickbeutel ber dem Arm, erschien und
errterte, da sie sich die Erlaubnis nhme.

"Nun ja! Bitte! Was ist's denn? Womit kann ich dienen?" stie Herr Knoop
heraus.

"Mein Name ist Charlotte von Oderkranz. Ich lebe von einer kleinen
Fideikommi-Einnahme und habe noch eine Nichte zu ernhren.

"Sie hat ihr Lehrerin-Examen gemacht und sucht eine Stellung als
Gouvernante oder im Fall als Gesellschafterin.

"Hier, bitte, Herr Zeitungseigentmer, ihre Photographie!"

Whrend dieser Worte nestelte sie den Beutel auf, und zog das Bild
eines jungen, ungewhnlich schnen Mdchens hervor.

Herr Knoop hatte die Antragstellern schon ersuchen wollen, von
Einzelheiten abzusehen--seine Zeit sei gemessen--aber sein Blick wurde
doch von dieser Photographie allzusehr gefesselt.

"Und was soll ich thun?" nahm Herr Knoop, schon unwillkrlich
zuvorkommender im Ton, das Wort.

"Ja, ich mchte, da wir in unseren Mitteln sehr beschrnkt sind,
bitten,--bitten, da Sie diese Annonce einigemal in den Tglichen
Nachrichten zu einem ermigten Preise aufzunehmen die Gte htten. Das
ist's, das ist's! Wir haben sie auch mglichst kurz gefat.--Bitte,
mchten Sie sie einmal lesen, Herr Eigentmer?"

"Ein junges Mdchen aus angesehenem Hause, mit Lehrerinnen-Zeugnissen
versehen, und mit allen Hausarbeiten vertraut, besonders musikalisch,
wnscht eine Stellung als Gouvernante, Reprsentationsdame oder
Gesellschafterin. Offerten an die Expedition der Tglichen Nachrichten
unter Ch.v.O."

Whrend Herr Knoop den Inhalt studierte, fiel ihm ein, da es seit lange
seiner Tochter Margaretes hchster Wunsch war, eine derartige Gefhrtin
zu besitzen.

Infolgedessen sagte er, kurz entschlossen:

"Bitten Sie doch Ihr Frulein Nichte, mich morgen vormittag etwa um
diese Zeit hier in meinem Kontor zu besuchen. Ich kann ihr vielleicht,
ohne da wir eine Anzeige erlassen, dienlich sein!

"Wenn aber nicht, so will ich Ihren Wunsch erfllen! Ich werde die
Annonce wiederholt in Zwischenrumen ohne Kosten fr Sie, aufnehmen."

"O, sehr, sehr gtig, Herr Eigentmer," stie die alte Dame, glcklich
berrascht, heraus. "Nehmen Sie innigsten Dank! Und Ileisa wird Ihrem
Wunsch genau nachkommen. Ich werde sie selbst herfhren."

"O, nein, nein! Das ist ja nicht ntig, mein Frulein. Was wollen Sie
sich bemhen"--fiel Herr Knoop, hflich bestimmt, ein und erwartete, da
die Antragstellern erfreut zustimmen wrde. Aber es geschah nicht, es
malte sich vielmehr in ihren Zgen eine mitrauische Enttuschung.

Auch sprach sie mit starker Betonung:

"Meine Nichte macht stets nur in meiner Begleitung Besuche bei Herren.
Sie ist so erzogen--"

"Gut denn--gu--ut denn!" besttigte Herr Knoop, sich in die Wnsche der
Alten fgend, mit einem berlegenen Lcheln.

"Wenn Sie Furcht haben, es knne Ihrem Frulein Nichte etwas
geschehen.--Oder--oder--jawohl--jawohl--da es eben passender fr eine
junge Dame ist--: Vllig einverstanden! Also um zehn Uhr oder spter,
wie es Ihnen gefllt. Bis zwlf Uhr bin ich in meinem Kontor!"

So sprach Herr Knoop. Die Alte aber, die nichts erwidert hatte, wandte
sich whrend des Fortgehens noch einmal um, ergriff seine Hand und sagte
zartfhlend:

"Verzeihen Sie, wenn ich--wenn ich--Es war ja so nicht gemeint!--Und
nochmals innigsten Dank."

Dann ging sie. Herr Knoop aber trat, angenehm berhrt, und zunchst noch
im Nachdenken ber diesen Besuch, an seinen Schreibtisch.

Hier begab er sich an die Beantwortung verschiedener Geschftsbriefe,
deren Erwiderungen er, bevor er sie in die Umschlge steckte, auch noch
auf einer auf einem Nebentisch stehenden Kopierpresse eigenhndig
abklatschte.

Inzwischen war die Zeit so weit vorgerckt, da es von dem Turm der
nahegelegenen Kirche zwlf schlug, und fast in demselben Augenblick
erschien auch schon der in seiner dunkelblauen Dienerlivree mit den
silbernen Knpfen steckende Adolf und berreichte Herrn Knoop mit etwas
zweifelnder Miene eine Visitenkarte.

"Soll ich ihm 'reinlassen oder jleich abweisen?" fgte er, whrend Herr
Knoop diese studierte, hinzu.

"Nein! Im Gegenteil! Ich werde ihm selbst ffnen, du kannst inzwischen
hinten fragen, ob etwas zu besorgen ist," erwiderte Herr Knoop und
entlie den, seinen dicken, mit den beringten Ohren versehenen Kopf
bewegenden Alten.

Nachdem er gegangen, zog Herr Knoop das anonyme Schreiben hervor und
lie es,--weil er das Gefhl hatte, sicherlich einem sehr gewandten,
nicht leicht zu durchschauenden Weltmann gegenberstehen,--nochmals auf
sich wirken.

Alsdann trat er Herr von Klamm gegenber und ntigte ihn, mit artiger
Zuvorkommenheit, nher zu treten.

Herr von Klamm machte einen uerst vorteilhaften Eindruck. Er besa bei
einem angenehm gemessenen Wesen vollendete Manieren, und verstrkt wurde
noch das sich fr ihn in Herrn Knoop regende Interesse, als er nach
Erledigung der Einleitungsworte eingehend ber seine Absichten sprach.

"Die Einrichtung Ihres Geschfts kennen zu lernen, ist mir von doppeltem
Wert, sehr verehrter Herr Knoop. Es interessiert mich an sich, und ich
verbinde damit, offen gestanden, einen Zweck.

"Ich mchte unter Umstnden den Versuch machen, in einem solchen
Unternehmen eine Thtigkeit zu finden. Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zu
sagen, wer ich bin:

"Mein Vater besa eine Gutsherrschaft in der Nhe von Bautzen. Diese
ging nach seinem Tode in den Besitz meiner Mutter ber, die aus den
Ertrgnissen eines aus der Verwertung desselben hervorgegangenen
Vermgens existiert.

"Ich wurde als junger Mensch von meinen Eltern in die Kadettenanstalt in
Dresden gethan, und bin sodann in Wien in sterreichische Militrdienste
getreten. Nachdem ich wegen einer Meinungsverschiedenheit mit meinem
Vorgesetzten den Abschied genommen, war ich in gleicher Eigenschaft als
Soldat einige Jahre im Ausland und habe mich, von dort zurckgekehrt, in
den groen europischen Stdten auf verschiedenen, mich interessierenden
Gebieten, namentlich auch schriftstellerisch und journalistisch
versucht, und bin endlich, nach lngerem Aufenthalt in Wien und Dresden,
hier seit reichlich einem Jahre in dem mich besonders anziehenden Berlin
gestrandet.

"Gewi, ich begreife, da man Persnlichkeiten, die hufig in ihren
Lebensbeschftigungen wechseln, ein gewisses Mitrauen entgegentrgt.
Indessen hat mich stets ein ausgeprgter Sinn fr alles Wissenswerte
geleitet, und ganz besondere Umstnde fhrten die eingetretenen
Ortsvernderungen herbei.

"Auch darf ich der Wahrheit gem behaupten, da ich, war ich auch
einmal leichtlebig, in allen ernsten und Ehrensachen stets uerst genau
verfahren habe.

"Letzteres erwhne ich, weil ich Sie gegebenen Falles zu fragen mir
erlauben mchte, ob Sie mir nicht eine Thtigkeit in Ihrem
vielverzweigten Geschft anweisen knnten.

"Ich fhre--ich darf es behaupten--eine gewandte Feder!

"Und noch eins gleich! Sie haben vielleicht ein anonymes Schreiben
erhalten! Ich bitte, da Sie mich es lesen lassen, um die Verleumdungen
zu widerlegen."

Herr Knoop hatte, wie erwhnt, dieser inhaltreichen, in einem
auerordentlich freimtigen Ton vorgetragenen Rede unter den
vorteilhaftesten Eindrcken zugehrt.

Als Herr von Klamm aber den letzten Satz sprach, meldete sich ein
gewisses Mitrauen. Sicher! Keiner, der Beste,--so berlegte Herr
Knoop--konnte sich vor Verdchtigungen schtzen, aber die Wirkung
solcher konnte auf andere niemals eine gnstige sein! Im brigen
entsprach er dem Wunsch, den Baron Klamm geuert hatte.

Whrend Baron Klamm das Schreiben prfte, trat ein verchtlicher
Ausdruck in sein Antlitz. Dann sagte er, whrend er den Brief Herrn
Knoop mit kavaliermiger Artigkeit wieder berreichte:

"Ich danke Ihnen, und ich bitte, da Sie die immer gleichlautende
Niedertrchtigkeit in den Ofen werfen. Und hier!" fuhr er fort, zog ein
Schriftstck aus der Tasche und unterbreitete es Herrn Knoop.

"Ich bitte freundlichst, da Sie dies Ihrer Beachtung wrdigen."

Herr Knoop nahm das ihm Gebotene, entfaltete es und las die
nachstehenden Worte:

  "Herr Alfred, Baron von Klamm-Gleichen, war, nachdem er den
  berseeischen Dienst verlassen hatte, whrend einer lngeren Zeit mein
  Privatsekretr. Als solcher hat er sich seiner Aufgaben in
  vorzglichster Weise entledigt, und kann ich Herrn von Klamm als eine
  durchaus vertrauenswrdige, in jeder Beziehung tadellose
  Persnlichkeit aufs Wrmste empfehlen.

  Meine besten Wnsche fr sein Wohlergehen begleiten ihn.

  Frst Alexander von Kroy."

"Und weshalb trennten Sie sich von dem Frsten, wenn die Frage erlaubt
ist, Herr Baron?" warf Herr Knoop hin, whrend er mit einer
verbindlichen Geste das Schriftstck in die Hnde Herrn von Klamms
zurcklegte.

"Ich wnschte den Frsten zu verlassen, weil ich mich verlobt und den
Besitz meiner Braut mit Zustimmung meiner Schwiegereltern selbst zu
verwalten die Absicht hatte."

"Hm.--Und das hat sich nicht nach Ihren Voraussetzungen vollzogen?"

"Nein! Meine Braut starb kurz vor der Hochzeit. Inzwischen war die
Stellung anderweitig besetzt, und berdies--ich habe mich neuerdings
wieder verlobt, und warte nur des Augenblicks, heiraten zu knnen--pate
dann das alles nicht mehr zusammen."

Herr Knoop bewegte nach diesen Worten den Kopf mit der Miene einer
Person, die einer Rede mit groem Interesse zugehrt hat und sich durch
ihren Inhalt durchaus befriedigt fhlt.

Dann sagte er:

"Glauben Sie zu wissen, wenn ich fragen darf, wer den anonymen Brief
geschrieben hat, Herr Baron? Ich komme darauf zurck, weil Sie das
Eintreffen eines solchen schon voraussetzten!"

"Gewi! Allerdings, Herr Knoop! Ich vermute, da die Urheberin dieser
und hnlicher Verdchtigungen, mit denen ich seit Jahresfrist verfolgt
werde, eine jetzt in Dresden lebende Dame der vornehmen Gesellschaft
ist, der ich den Hof machte, von der ich mich aber zurckzog, weil ich
ihren Charakter zur rechten Zeit durchschaute. Seitdem bt sie diese
Infamien gegen mich mit einer vollendeten Geschicklichkeit aus, wei
mich, wo ich mich befinde, mit ihren Kundschaftern zu umstellen, und
Personen, zu denen ich in Beziehung trat oder treten will, vor mir zu
warnen."

"Hm! So! Das ist ja eine sehr fatale Sache. Und dann noch gegen solche
Bosheiten wehrlos zu sein! Ich bedaure Sie aufrichtig, Herr von Klamm.
Das mu ja eine ganz miserable Person sein, die fortgesetzt an einem
Nebenmenschen--es sei vorgefallen was will--derart Rache bt. Ich habe
kein Verstndnis fr solche Charaktere--"

"Und doch sind sie weit verbreiteter, als man glaubt. Man begreift
bisweilen nicht, weshalb Personen pltzlich eine andere Haltung
annehmen. Man schiebt ihnen, wenn keine Erklrungen erfolgen, Launen zu.
In Wirklichkeit hat irgend ein Mignstiger ein Minierwerk begonnen, und
mit Erfolg!--Ich bin berzeugt, da es Leute giebt, die aus purem Neid
jahraus, jahrein, ohne Aufhren tglich an der Untergrabung des Ansehens
anderer arbeiten, die sich dabei noch weit raffinierterer Mittel
bedienen, als meine einstige Freundin. So geschickt auch solche
anonymen Briefe abgefat sind, der vornehm und der einsichtsvoll
Urteilende wird sie stets als ein Produkt niedriger Motive betrachten,
und sie in die Rumpelkammer werfen."

Herr Knoop pflichtete wiederum durch eine Kopfbewegung bei, dann sagte
er:

"Und Ihr Frulein Braut, Herr Baron? Sie lebt auch in Dresden?"

"Ja, Herr Knoop! Sie bleibt dort, bis wir heiraten knnen--"

"Nun, jedenfalls bitte ich, meine beste Gratulation entgegen zu nehmen,
Herr von Klamm. Im brigen! Wenn es Ihnen jetzt gefllig ist, mit mir
einen Gang durch mein Geschft anzutreten? Nachdem konveniert Ihnen
vielleicht ein kleines Frhstck bei uns! Meine Frau und Tochter werden
sich ber Ihren Besuch sehr freuen."

Baron von Klamm verbeugte sich mit kavaliermiger Hflichkeit.

"Ich danke verbindlichst, Herr Knoop. Sie kommen meinen Wnschen zuvor!
Ich wollte soeben auch diese Vergnstigung von Ihnen erbitten--"

Zunchst betraten die Herren das Vorzimmer. Von dort nahmen sie den Weg
in die Setzersle, und zwar zuerst in diejenigen, in welchen die tglich
in einer sehr starken Auflage erscheinende Tageszeitung hergestellt
wurde. Zahlreiche Arbeiter standen an Pulten mit kleinen Ksten.

Herr von Klamm war erstaunt, mit welcher Fingerfertigkeit die Leute
arbeiteten, wie einige eifrig, ohne aufzusehen, oder wie andere, noch
Geschultere, gleichsam spielend, ihre Thtigkeit ausbten. Ferner
berraschte ihn, wie geschickt und exakt die Metteure, diejenigen, die
den fertigen Satz fr die Druckpressen vorbereiteten, ihr Werk
handhabten.

Zwischen ihnen durch wandelte der Faktor, der Anweisungen erteilte, den
Setzern ein neues Manuskript berwies, oder, an sein Pult zurckkehrend,
das durch kleine Boten eben aus der Redaktion herbeigebrachte Material
zu gleichen Zwecken vorzubereiten begann.

Das war ein Bild emsigen Arbeitsfleies!

"Im brigen fr die Beschftigten ein sehr undankbares Geschft, von
aller menschlichen Thtigkeit das undankbarste!" errterte Herr Knoop,
whrend sie die oben belegenen, teils dem Zeitungssatz, teils den
Accidenzarbeiten dienenden Sle betraten.

"Sobald das von den Setzern mhsam gefrderte Werk seine Bestimmung in
den Maschinen erfllt hat, wird es wieder zerstrt. Die Buchstaben
erhalten von neuem ihren Platz in den Schriftksten, und von neuem
beginnt, was am Abend abermals aufgelst wird."

"Und so fort und so fort, bis die Lettern durch den Druck der Maschinen
so abgenutzt sind, da sie keine gengenden Dienste mehr leisten knnen.

"Der Maschinist," ergnzte Herr Knoop, als sie nach geraumer Zeit
vermittelst Fahrstuhl zur Besichtigung der Druckpressen die
Souterrainrume erreicht und betreten hatten--"hat geholfen, etwas
Bleibendes herzustellen. Das Ergebnis seiner Arbeitsmhen hat Bestand,
oft Jahrhunderte lang. Der Setzer ist--obschon ein weit grerer
Knstler--lediglich ein Handlanger."

Baron Klamm fragte, weshalb eine Anzahl Maschinen still stnden, whrend
sich andere von dem schnurrenden Gerusch der Transmissionsriemen
begleitet, und von Bogenfngerinnen bedient, in unruhiger Bewegung
befanden.

"Die auer Thtigkeit gesetzten Maschinen warten der Arbeit fr die
Zeitung; diese hier drucken komplizierteren Satz," erwiderte Herr Knoop,
und ntigte nunmehr seinen Besuch aus den von dem Geruch des
Maschinenls und der Druckerschwrze erfllten Rumen in den
Papierlagerkeller einzutreten.

Endlich durchschritten die Herren auch noch die Gelasse der Buchbinderei
und der Stereotypie, bis sie dann wieder in die Parterrelokalitten
gelangten und sich nach einem Besuch in den Redaktionsgemchern und
Kontoren, in denen ebenfalls ein zahlreiches Personal emsig bei der
Arbeit war, in die Familienwohnung begaben.

"Wie viele Menschen beschftigen Sie, Herr Knoop?" fragte Baron Klamm,
der seiner Bewunderung ber dieses groartige Rderwerk und ber die
berall herrschende Strenge Ordnung Ausdruck verlieh.

"Zweihundertundachtzig Personen erhalten Wochen- oder Monatslohn im Jahr
bei mir!" erwiderte Herr Knoop, lste die Brille von den Augen, bewegte,
whrend er Antwort erteilte und mit einem seidenen Tuch die Glser
wischte, mit einem Ausdruck berechtigter Selbstbefriedigung das Haupt.

"Und ich habe alles selbst geschaffen," ergnzte er. "Mit Kleinem habe
ich begonnen. Das ist mein Stolz! Gewi! Es giebt noch umfangreichere
Etablissements, aber dies ist auch etwas!"

Und nach kurzer Pause fuhr er fort:

"Ich habe auch eine Idee, wie ich Ihnen--wenn es wirklich in der That in
Ihrer Absicht liegt--eine Thtigkeit anbieten knnte, Herr von Klamm.
Allerdings mten Sie sich in den Geschftsrahmen hineinfgen, wie jeder
andere!"

Die Rede wurde unterbrochen, weil Frau Knoop mit lebhaft zuvorkommender
Miene ins Zimmer trat, und nun die Vorstellung erfolgte.

Gleich darauf erschien auch Margarete, ein brnettes junges Mdchen, mit
etwas brgerlichen Zgen, aber schnen, sogar blendenden Farben,
vollendetem Wuchs, und mit einer angenehm wirkenden freimtigen
Lebendigkeit.

Nach kurzem Plaudern traten sie in den Speisesalon, in dem ein blitzend
sauberer Frhstckstisch mit uerst einladenden Gerichten gedeckt war.

Neben Portwein, Thee und krftigen Bieren, prsentierte das Hausmdchen
auch Champagner, dem Baron Klamm krftig zusprach, whrend sich Herr
Knoop auf ein sehr kleines Quantum beschrnkte, und die Damen berhaupt
auf Wein verzichteten.

"Auf Ihr und auf das Wohl Ihres Frulein Braut," begann Herr Knoop,
ergriff das Glas, und stie mit dem Baron an.

Er sah wohl, da Margarete aufmerkte, und da auch seine Frau berrascht
wurde.

Nach Aufhebung der Tafel, und nach allerlei anregenden Gesprchen, die
Klamm mit Margarete fhrte, fr die er ein lebhaftes Interesse an den
Tag legte, begleitete Herr Knoop den Gast auf die Strae. Er machte
ohnehin stets um diese Zeit einen Spaziergang und besuchte eine
Weinstube.

Dies letzte Zusammensein benutzte Herr Knoop, um Herrn von Klamm mit
den fr ihn in Betracht gezogenen Plnen bekannt zu machen.

"Ueberlegen Sie," warf er hin, "ob Sie Lust und Neigung haben wrden, in
die Redaktion einzutreten, um fr eine von mir neu zu errichtende
Rubrik: "Hof und Gesellschaft" Thtigkeit und Verantwortung zu
bernehmen.

"Sie mten--ich wrde Sie dazu in den Stand setzen--an all dergleichen
Veranstaltungen teilnehmen, in Klubs eintreten, Festlichkeiten besuchen,
Personalien ber besonders hervorragende Persnlichkeiten zu erlangen
suchen, und das alles in einer anziehenden Form in die Tglichen
Nachrichten bringen."

Zu Herrn Knoops Enttuschung stimmte Baron Klamm nicht so lebhaft zu,
wie er erwartet hatte.

"Sehr vortrefflich--sehr dankbar, Herr Knoop. Ich verkenne Ihre gtigen
Absichten fr mich keineswegs. Ich bin Ihnen auerordentlich verbunden.

"Aber wenn ich ganz offen sein darf:--ich mchte am liebsten eine
Kontorthtigkeit ausben, in der mir die Aufgabe wrde, fr die immer
noch grere Ausdehnung des Geschftes zu wirken, die Auflage der
Zeitung und die Anzeigen zu vermehren, Verbindungen anknpfen, die der
Druckerei Auftrge zufhren, und insofern auch der Redaktion in die Hand
arbeiten, als ich ihr die Thren zu den Ministerien und hheren
Behrden ffnen helfe.

"Einblicke in das Getriebe eines Geschfts, wie das Ihrige, habe ich
nmlich schon empfangen. Eben daraus ist der Wunsch in mir rege
geworden, mich in Zukunft vorzugsweise auf diesem Gebiet zu versuchen."

So sprach Herr von Klamm, und Herr Knoop, fr den dieses Mitglied des
Adels pltzlich in ein vllig anderes Licht gerckt wurde, erhob nicht
ohne starke Beiflligkeit das Haupt.

"Hm--hm--so--so! Das sind Ihre Plne, Herr von Klamm. Gewi, auch das
lt sich hren. Freilich, etwas drngt sich mir dabei auf. Sie glauben,
da Sie sich in all diese, Ihnen doch in der Praxis noch fremden Dinge
wrden hineinarbeiten knnen?

"Gewi, gewi! Das ist ja auch zu machen, und wenn die Saat gut war,
weshalb sollte nicht krftiger Weizen aufgehen? Es ist aber noch ein
Umstand da! Mein Sohn ist drauen, um sich noch in unserm Geschft
weiter zu bilden. Nach bersehbarer Frist wird er zurckkehren. Dann
sollte ihm eben das obliegen, was Sie im Auge haben.--Ich bin also grade
bezglich einer solchen Thtigkeit, wie Sie sie planen, in Zukunft
versehen!

"Sie verstehen.--Hier liegt eine Schwierigkeit, Ihren Absichten
Vorschub zu leisten, schon von vorneherein!"

"Ich glaube nicht, Herr Knoop," fiel Klamm mit imponierender
Entschiedenheit ein. "In einem Geschft, wie das Ihrige, knnen Sie ein
halbes Dutzend Leute gebrauchen, wie Ihr Herr Sohn einer ist, und wie
ich es hoffentlich mit Ihrer Untersttzung sein werde! Warum wollen Sie
nicht ein Geschft in allergrtem Stil aufbauen? Sie wollen doch nicht
stehen bleiben! Fr jede Abteilung denke ich mir, mte eine
Persnlichkeit thtig sein, die, mit einem besonderen Ma von
Intelligenz und Machtvollkommenheit ausgerstet, sich eben diesem
Geschftszweig mit besonderer Energie widmet! Die Mehrkosten wrden sich
nicht gleich, aber mit der Zeit sicher einbringen."

"Den Wert Ihrer Ausfhrungen verkenne ich nicht," entgegnete Herr Knoop.
"Aber Sie urteilen und ziehen Ihre Schlsse zu sehr auf Grund von
Vorstellungen. Alle Geschfte setzen sich mehr oder minder aus Kleinwerk
zusammen. Fr jeden Erfolg sind ausnahmslos Abgaben zu entrichten.
Geschftsausdehnungen mssen sich langsam vollziehen! Man mu die
Betriebskapitalien prfen, man hat in Kreditgewhrung mit Vorsicht zu
verfahren! Ohne solche giebt's keine Kundschaft.--Man darf nichts
beginnen, wobei man Gefahr luft, die Krfte und den Ueberblick zu
verlieren.

"Langsam, bedchtig nimmt der Gebirgsbote tglich seine Tagestouren.
Wollte er sie laufen, wrde er bald zusammenbrechen!"

Die Herren waren bei ihrem Gesprch vom Wege ganz abgekommen. Sie
befanden sich, ohne darauf geachtet zu haben, im Tiergarten und hielten
nun, aufschauend, still, und wanderten, auch ferner denselben Gegenstand
errternd, auf dem nmlichen Pfade in die innere Stadt zurck. Erst beim
Wrangelbrunnen trennten sie sich, nachdem vorher noch fr einen der
nchsten Tage eine neue Zusammenkunft verabredet worden war, mit warmem
Hndedruck. Herr Knoop begab sich in die Behrenstrae, in eine von ihm
tglich besuchte Weinstube, und Herr von Klamm fuhr mit der Pferdebahn
nach der Bellealliancestrae.

Hier befand sich ein alter, hochstckiger Bau, der von mehreren Parteien
bewohnt wurde, und diesen betrat Herr von Klamm.

Zur Rechten, im Flgel, drei Treppen hoch, zog er an einer Klingel, und
nach kurzen Worten wurde ihm von einer gebckten, trotz einfacher
Kleidung sehr vornehm aussehenden Dame geffnet.

"Ach du, mein lieber Junge," stie sie in glcklich gehobenem Ton
heraus und schritt ihm in ein zweifenstriges, mit sauberen Mietmbeln
besetztes Wohnzimmer voran.

Nachdem Klamm seiner Mutter Wange sanft gestreichelt hatte, und sie sich
beide gesetzt hatten, sagte er auf ihre stark belebte Frage:

"Nun? Nun? Wie ist's ausgefallen, Alfred? Du kommet doch von Herrn
Koop?"

"Knoop, Mama--nicht Koop," berichtigte Klamm.

"Es verlief alles gut, aber ich bin doch mit mir sehr unzufrieden. Ich
habe eine Unwahrheit gesagt, die ich vielleicht--htte vermeiden knnen.
Ich schme mich, da es geschehen ist. Was bleibt von dem Menschen, wenn
er sich zur Erreichung seiner Zwecke inkorrekter Mittel bedient!"

"Was ist's denn, Alfred! Lasse mich alles wissen! Vielleicht kannst du
noch wieder gut machen," fiel die alte Dame, liebevoll sprechend, ein.

"Ich tastete hin, ob nicht auch Herr Knoop mglicherweise den blichen
Verleumdungsbrief von Frau von Krtz erhalten habe."

"Es war der Fall! Sie hat ihn geschrieben! Er lie mich das immer
gleichlautende Schriftstck lesen.

"Und gleich entging mir nicht, da sich ein starkes Vorurteil gegen
meine Person in ihm bereits festgesetzt hatte."

"Er nahm an, da ich ein bloer Abenteurer sei, der sich in sein Haus
eindrngen wolle, um seine Tochter zu heiraten. Da griff ich zu dem
Mittel, das ihn von vornherein eines anderen belehrte, warf hin, da ich
verlobt wre, und gab ihm auch den Eindruck, da wir wohlsituiert
seien."

"Im Nu vernderte das die Sachlage. So glaubte er mir! So war ich im
stande, das durch das Schreiben hervorgerufene Mitrauen zu zerstreuen."

"Ich war gezwungen, so zu handeln! Es hilft doch nichts! Ich mu
vorwrts, ich mu etwas finden, wenn wir nicht in schwerste Not geraten
sollen!"

Klamm lie, nachdem er gesprochen hatte, unwillkrlich das Haupt sinken
und schaute trbe vor sich hin. Die alte Frau aber berkam ebenfalls ein
Gefhl der Bedrckung.

"Erzhle weiter, Alfred!" hub sie dann, sich fassend, an.

Klamm that ihr Bescheid. Er berichtete ber alles, was vorgefallen war,
und schlo:

"Ich bin berzeugt, da ich eine Stellung bei Herrn Knoop erhalte. Die
Frage ist nur, wie lange ich ohne Entgelt arbeiten mu. Woher sollen wir
fr die nchsten Wochen die Mittel nehmen?

"Ah!" fuhr er beschwert fort, schnellte empor und ma das Gemach mit
Schritten, die seine Erregung bekundeten.

"Wenn ich die Schurken, die uns um alles betrogen haben, aber auch die
Person, die mich mit ihrem Ha verfolgt, mich dadurch bisher an meinen
Erfolgen gehindert hat,--hier htte, ich knnte ihnen die Seele aus dem
Leibe reien.

"Da mu man fortwhrend Komdie spielen, und sogar zu Unwahrheiten die
Zuflucht nehmen, um sich nur zu schtzen, um blos eine Existenz zu
finden!"

"Beruhige dich, lieber Alfred, du kannst spter erklren, da uns
gewissenlose Menschen um unser Vermgen gebracht haben, da die
Verlobung zurckgegangen sei.--Der Himmel wird's dir nicht anrechnen!"

"Ja, ich kann's, und ich hoffe auf seine Nachsicht, aber ich werde es,
wenn auch alles gut verluft, schwer berwinden, mich mit einer
Unwahrheit eingefhrt zu haben. Ich schme mich vor mir selbst. Es liegt
wie ein Makel auf mir!"

"Es giebt grere Vergehen, mein Junge! Mehr werden tglich Unwahrheiten
gesprochen, als sich Riegel auf den Dchern befinden, und die Welt hebt
sich doch nicht aus den Angeln.

"Dich entlasten die Umstnde: du handelst im Zwang--um den Wirkungen
einer Infamie zu begegnen. Giebt's denn gar kein Mittel, Frau von Krtz
zu besnftigen! Das heit, wenn sie es wirklich ist. Hltst du es fr
ausgemacht, da sie die Briefschreiberin?"

"Wer knnte es sonst sein, Mama. Alles deutet darauf hin. Sie hat es mir
nicht verziehen, da ich mich noch kurz vor der Verlobung mit ihr
besonnen. Sie rcht sich mit der Unvershnlichkeit einer Frau, und
scheut selbst solche Mittel der Vergeltung nicht. Natrlich, absolute
Beweise habe ich fr meine Annahme nicht. Wenn ich die htte, wrde ich
schon lange gehandelt haben. Und eben, ihr nicht beikommen zu knnen,
ist das schlimmste von allem Unglck."

Klamm ballte die Hnde, und seine Augen funkelten.

Noch einmal sprach die erfahrene Frau besnftigend auf ihren Sohn ein.
Dann sagte sie:

"Noch etwas, Alfred! Ich habe noch die Ringe und den Schmuck von meiner
Mutter. Nimm heute alles mit und veruere es. Das giebt uns
Lebensunterhalt fr die nchste Zeit!

"Du kannst dann auch deine Hotelwohnung beibehalten und dich in der
Gesellschaft bewegen, bis dir deine Plne bei Herrn Knoop gelingen."

"Wie? Du bist noch in Besitz von Schmuck, Mama!? Das ist ja eine
ausrichtende Nachricht--du sagtest es mir nicht."

"Ich that's nicht, um dir's vorzuenthalten, sondern fr den
alleruersten Fall."

Sie sprach's mit liebevollem Blick, und er kte sie. Dann besah er den
Inhalt des kleinen Kstchens, das sie aus der Kommode hervorholte.

Bevor Klamm von seiner Mutter Abschied nahm, sagte sie:

"Es ist eigentlich verkehrt, da wir nicht zusammen wohnen, Alfred.
Knntest du nicht ein Logis fr uns beide dort mieten? Hier unter diesen
Menschen ist's nicht angenehm! Meine Wirtin ist neugierig und
zudringlich, die brige Umgebung stt mich sehr ab."

"Ich nahm nur erstmal, was sich bot, Mama. Alle Wohnungen in den
besseren Vierteln kosten das Dreifache."

"Ich blieb nur im Hotel, weil ich dem Wirt noch verschuldet bin.--Ich
mute und mu dort vorlufig wohnen! Ich will indessen heute mit dem
Besitzer sprechen. Vielleicht lt sich deine Uebersiedelung machen. Ich
wrde nur zu glcklich sein, dich bei mir zu haben. Vielleicht gelingen
auch meine Plne bei Herrn Knoop rascher, als ich annehme. Habe ich
erst ein festes Einkommen, miete ich fr uns eine Wohnung im Westen.

"Ach, Mama--wre ich erst so weit, wie anders wrde mir zu Mute sein!"

Nach diesen Worten schlang der Mann seinen Arm um die Gestalt der
zartgebauten Dame, versprach am folgenden Tage wiederzukommen und stieg
eilend die Treppe herab.

       *       *       *       *       *

Als am folgenden Vormittag Frulein von Oderkranz mit ihrer Nichte im
Vorraum des Privatkontors des Herrn Knoop eintrat, glich dieses,
bezglich der Flle der Wartenden, dem Sprechzimmer eines
vielbeschftigten Arztes. Alle Pltze waren besetzt, und Adolf mute
Sessel aus dem Hauptkontor holen, damit wenigstens die Damen nicht zu
stehen brauchten. Als sie nach einstndigem Warten endlich vorgelassen
wurden, entschuldigte sich Herr Knoop, seiner Art nach, mit kurzen,
knappen Worten, und die Unterredung nahm auch bald die Wendung, da er
der jungen Dame seine Absicht aussprach, sie fr seine Tochter Margarete
zu verpflichten.

"Natrlich setze ich voraus, da Sie sich gegenseitig gefallen, und um
dieses festzustellen, erlaube ich mir den Vorschlag, da Sie uns den
heutigen Tag schenken. Am Abend lasse ich Sie dann in meinem Wagen nach
Hause fahren," schlo der Chef des Hauses.

Nach diesen Worten richtete Herr Knoop einen auffordernden Blick auf die
beiden Damen, dem Frulein Ileisa auch mit gehobener Miene begegnete,
whrend bei ihrer Tante eine deutliche Enttuschung darber hervortrat,
da nicht auch an sie eine solche Einladung gerichtet wurde.

Wenigstens deutete Herr Knoop in solcher Weise den sprden Ausdruck in
den Gesichtszgen des Frulein von Oderkranz.

Es drngte sich ihm auch gleich der Gedanke auf, da die alte Dame
mglicherweise spter mit allerlei sehr wenig bequemen Ansprchen lstig
fallen knne, und er nahm deshalb gleich das Wort und sagte:

"Ich hoffe, mein Frulein, da Sie meinem Vorschlag zustimmen.
Ueberhaupt darf ich gleich bemerken, da ich bei einem Inkrafttreten
unserer Plne voraussetzen mu, da unsere knftige Hausgenossin ihre
bisherigen Beziehungen in dem Sinne lst, da sie lediglich zu uns hlt.
Mit ihrem Eintritt in unser Haus haben wir nur mehr mit ihr zu thun.
Natrlich schliet das gelegentliche Besuche bei Ihnen nicht aus!"

Diese Rede war so deutlich und enttuschend, da Frulein von Oderkranz
zunchst erbleichte und unwillkrlich die Augen schlo. Dennoch fate
sie sich ebenso rasch wieder, wute sich sogar durch ihre Worte und eine
seine steife Wrde das Uebergewicht zu verschaffen und sagte:

"Da ich Mutterstelle bei Ileisa vertrete, hatte ich nur den wohl
begreiflichen Wunsch, mich Ihren verehrten Damen vorzustellen. Einen
weiteren Anspruch habe ich nicht erhoben, und werde ich nicht erheben,
Herr Knoop! Sie drfen darber vllig beruhigt sein!"

"Vortrefflich, vortrefflich! Also ganz einig!" entgegnete Herr Knoop,
wiederum seinerseits in einem Ton, als ob er ihre gereizte Stimmung und
die Lehre, die sie ihm hatte erteilen wollen, garnicht herausgefhlt
habe.

Ileisa aber fiel ausgleichend ein:

"Ich werde heute gleich fragen, liebe Tante, wann den Damen dein Besuch
angenehm ist. Der gtigen Aufforderung des Herrn Knoop folge ich
natrlich mit grtem Dank!"

Auf diese Rede nickte das Frulein notgedrungen. Auch knpfte sie ihren
unmodischen Mantel zusammen, trat Herrn Knoop nher und sagte:

"Ja, den allergrten Dank schulden wir Ihnen, Herr Knoop, da Sie
selbst meiner Nichte zur Erlangung einer Stellung die Hand bieten
wollen.

"Lassen Sie mich denn hoffen, da sich alles nach gegenseitigen
Wnschen vollziehen mge, und empfehlen Sie mich, ich bitte, einstweilen
Ihren verehrten Damen!"

Nach diesen in einem zwar gezwungenen, aber vollendet hflichen Tone
gesprochenen Worten, reichte sie Herrn Knoop die Hand, drckte sodann
Ileisa die Rechte und entfernte sich.

Ileisa aber sagte, nachdem die alte Dame gegangen war:

"Meine Tante ist etwas empfindlich, Herr Knoop. Sehen Sie es ihr, ich
bitte, nach. Sie lebte frher in so reichlichen Verhltnissen, da ihr
die Einfgung in andere, leider jetzt sehr beschrnkte, auerordentlich
schwer wird. Im Grunde ist sie eine vornehme, wahrhaft edeldenkende
Natur."

"Habe ich auch so aufgefat!" besttigte Herr Knoop in einem derb
gemtlichen Ton, und von Ileisas Wesen angenehm berhrt. Auch bat er sie
dann gleich, mit ihm in die Wohnung zu treten, und machte sie dort mit
seinen Damen bekannt.

       *       *       *       *       *

Sechs Monate waren vergangen. Frulein von Oderkranz befand sich als
Gesellschafterin im Knoopschen Hause. Aber auch Herr von Klamm war ein
Mitglied des Knoopschen Geschftes geworden. Er schrieb
Zeitungsartikel, fr die er die Fhigkeit in sich fhlte, und bte nach
anderer Richtung eine Thtigkeit au, die dem Unternehmen nutzbringend
war.--Der Kontrakt, der zwischen ihm und Herrn Knoop abgeschlossen,
besa nur zwei Paragraphen:

"Herr von Klamm tritt vom heutigen Tage mit einem Monatsgehalt von 450
Mark und unter gegenseitiger vierteljhrlicher Kndigung zunchst
probeweise in das Geschft des Herrn Friedrich Knoop in Berlin, ein.

Genannter bernimmt fortan einen zwischen ihnen festgestellten Teil der
Theater-, Konzert- und Kunstkritiken, und wird eventuell auch unter der
Zustimmung des Herrn Chefredakteurs, Doktor Strantz, andere in den
Rahmen der Tglichen Nachrichten passende Beitrge liefern.

Zur Vorbereitung einer gleichzeitig in Aussicht genommenen
geschftlichen Thtigkeit wird sich Herr von Klamm mit den brigen
Zweigen des Unternehmens bekannt machen und schon jetzt bemht sein, der
Firma Verbindungen zuzufhren."

Auerordentlich berrascht war Herr Knoop von dem Ideenreichtum seines
Mitarbeiters, nachdem sich dieser in das Geschft eingearbeitet hatte.
Bald regte er an, da man sich um eine Druckarbeit in den Ministerien,
bald um eine solche bei groen Instituten und angesehenen Geschften
bewerbe. Auch wies er auf auswrtige Firmen hin, denen man feste
Kontrakte bezglich der Aufnahme von stndigen Inseraten fr die
Tglichen Nachrichten anbieten solle.

Wenn irgendwo ein neues Unternehmen ins Leben trat, sann er sofort
darber nach, ob dieses nicht irgend einen von der Druckerei zu
befriedigenden Bedarf haben knne. Auch trieb er die Redaktion an,
Fhlung mit den bedeutenden Tagespersnlichkeiten zu suchen, um durch
eine Verbindung mit ihnen den Tglichen Nachrichten fortdauernd
interessanten Stoff zuzufhren.

Arbeitskraft und unermdliche Regsamkeit reichten sich die Hand. Er war
gegenwrtig die Triebfeder im Geschft. Bald hier, bald dort hielt er
Rcksprache, und immer wute er bisher die ihm weniger Wohlgesinnten
durch sein gewandtes Wesen gefgiger zu machen.

Weniger ihm Wohlgesinnte waren bereits recht viele vorhanden.

Teils wirkte der Aerger, da ein bisher so gering Eingeweihter und
Erfahrener so Tchtiges leistete, bald machte sich ein sehr starker Neid
geltend.

Es stieg die unruhige Befrchtung in dem Personal auf, da Klamm bald da
sitzen oder dort ein anderer sitzen werde, wo der Betreffende selbst
bisher sein unbeschrnktes Herrschertum ausgebt hatte. Der
Chefredakteur, Doktor Strantz, sowie der erste Disponent im Hauptkontor
und der Geschftsfhrer in der Expeditionsabteilung waren schon, ohne
da sie noch die Maske gelstet hatten, seine erklrten Gegner.

Immer wieder regte sich bei ihnen die Ueberlegung, wie es eigentlich
mglich sei, da ein frherer Offizier, da dieses in der Welt hin und
her verschlagene Mitglied der Gesellschaft, da dieser mit
geschftlichen Dingen doch bisher nur sehr oberflchlich vertraute
Lebemann eine solche intelligente Regsamkeit, solche Umsicht, und
berdies eine solche Gleichgltigkeit gegen seine bisherigen
gesellschaftlichen Beziehungen zum Ausdruck brachte.

Aber sie zogen aus diesen Umstnden nicht den Schlu, da es eben
Ausnahmen giebt, da tchtige Menschen sich energisch aufzuraffen
vermgen, da sie das krftig abthun, was sich ihnen nur durch die
Verhltnisse aufgedrngt hat, sondern sie suchten nach irgend einem
unlauteren Grunde.

Bei Gelegenheit einer monatlich einmal stattfindenden Zusammenkunft der
Redaktions- und Geschftsmitglieder wute der Chefredakteur, Doktor
Strantz, ein Mann mit einem ungewhnlich hageren Gesicht und langem
Vollbart, bereits das Allerneueste zu berichten, da nmlich schon ein
fester Kontrakt zwischen Herrn Knoop und Klamm zu stande gekommen sei.
Demzufolge solle Klamm nicht nur Stellvertreter des Chefs werden,
sondern auch die Hauptzgel in der Redaktion in die Hand bekommen. Ihrer
aller Stellung sei gefhrdet, seitdem dieser Herr in das Geschft
eingetreten sei.

In dem Hinterzimmer eines mit alten, guten Bildern geschmckten
Bierlokals in der Kronenstrae saen sie beisammen, und von kaum etwas
anderem wurde geredet, als ber Herrn von Klamm.

"Was er wohl sonst treibe?" warf einer der Herren, ein Herr Krammhver,
nach solchen lngeren, stark miflligen und abflligen Aeuerungen hin.

"Er wre ihm," bemerkte er, "schon zweimal abends nachgegangen. Da sei
er in ein Haus in der Kurfrstenstrae eingetreten. Er, Krammhver, habe
durch die groen Spiegelscheiben der Haus- und Hinterthr beobachtet,
da Klamm in eine Gartenwohnung hinaufgestiegen sei. Ob er aber dort
logiere oder eine 'Freundin' besitze, wisse er nicht."

Darauf hatte keiner etwas zu sagen, aber die Rede gefiel. Niemandem war
bekannt, wo Klamm wohnte. Ueberhaupt hielt er sich nicht mit Reden, und
noch weniger mit Offenherzigkeiten auf. Er kam, griff gleich ein,
arbeitete oder machte Besuche, und blieb als letzter abends im Geschft.

"Ob er wohl bei Knoops im Hause verkehre?"

Darauf konnte Doktor Strantz antworten.

"Und ob! Es sei in den nchsten Tagen beim Chef wieder ein Ball, und er,
Strantz, habe von Adolf gehrt, da Klamm den Tanz leiten und berhaupt
dort alles in die Hand nehmen solle."

"Und Sie sind nicht eingeladen?"

Strantz zog abfllig die Lippen.

"Ja, natrlich! Habe aber abgelehnt; bin kein Freund von derartigen
groen Abftterungen!" warf er hin, und weckte durch diese, seiner
Eitelkeit entspringende Antwort (er hatte keine Aufforderung erhalten)
einen natrlichen Neid bei den fnf brigen Mitgliedern der Redaktion.

Die Geschfts-Disponenten wurden berhaupt zu solchen Vergngungen nicht
geladen. Sie erhielten Aufforderungen zu kleinen Mittagessen, woselbst
sie Gleichgestellte fanden, und bei denen es dann sehr gemtlich
herging.--

Whrend in solcher Weise ber Klamm in dem Wirtshaus "Zur gemtlichen
Ecke" verhandelt wurde, saen die Knoopschen Familienmitglieder beim
Abendbrot und unterhielten sich gleichfalls ber dieselbe
Persnlichkeit.

Wie immer erging sich Herr Knoop in ein uneingeschrnktes Lob ber ihn.
Er habe am vorgestrigen Tage der Buchdruckerei einen Auftrag von ber
50000 Mark zugefhrt. Eines der groen Versandgeschfte habe einen
illustrierten Katalog in einer ganz betrchtlichen Hhe bestellt. Auch
habe er durch eine besondere Einrichtung in der Inseratenabteilung den
Anzeigespalten der Tglichen Nachrichten eine erhebliche Vermehrung
zugefhrt. Am legten Sonntag htten zwei Bogen mehr gedruckt werden
mssen.

Das sei eine Inseratenflle gewesen, wie sie in einem solchen Umfange
kaum zur Weihnachtszeit vorkomme. Es sei unglaublich, was Klamm alles
austftle, wie er den Leuten beizukommen wisse, wie er Bedrfnisse
ausspre oder anzuregen wisse.

"Wie geht's denn mit ihm und dem Personal jetzt? Kann er sich mit ihnen
stellen?" warf die in alles eingeweihte Frau des Hauses hin. Sie sah
berhaupt weiter als die meisten, nahm die Dinge niemals, wie sie
erschienen, sondern wie sie sich ihr durch ihr kluges Nachdenken
darstellten.

"Er thut, als ob er Unwillfhrigkeit und Gegnerschaft gar nicht bemerkt.
Es gehrt eben auch zu seinen hervorragenden Eigenschaften, da er sich
zu beherrschen, zu verstecken wei--"

"Verstecken!" sagst du, Friedrich! Der Ausdruck stimmt mit der Warnung,
die dir bei seinem ersten Besuch wurde!"

Nun meldete sich bei Frau Fanny doch wieder die Frau. Wenn Mtter
sehen, da Mnner, auf die sie fr ihre Tchter rechnen, diese nicht
bevorzugen, haben sie stets eine starke Neigung, ihnen etwas am Zeuge zu
flicken. Sie bauen sich dadurch Brcken, um ihrer Enttuschung besser
Herr zu werden.

Die beiden jungen Mdchen waren nur Zuhrende, sie uerten sich nicht.
Sie versteckten sich ebenfalls. Beide hatte eine stille, aber
leidenschaftliche Liebe fr Klamm erfat. Grete schwieg darber, weil
sie zu stolz war, davon zu reden, und Ileisa htete sich zufolge ihrer
Stellung, fr Klamm irgendwelches Interesse an den Tag zu legen. Sie
hatte gengend beobachtet, wie sehr Frau Knoop enttuscht war, da Klamm
fr Margarete verloren schien.

"Weit du, was mir auffllig ist," uerte kurz darauf die Frau des
Hauses.

"Hm?" warf Herr Knoop, der eben nach der Abendzeitung der Tglichen
Nachrichten gegriffen hatte, zerstreut hin.

"Ja nun! Da Klamm nie von seiner Braut spricht, da er sie noch immer
nicht vorgestellt hat. Sie mu entweder ein Bild der Hlichkeit sein,
oder es mu sonst etwas vorliegen, was nicht ganz richtig ist. Sonst
kann ich mir sein Verhalten absolut nicht erklren."

"I was," fiel Herr Knoop, gleich stark betonend ein. "Er hat ja
wiederholt erklrt, da sie schwer erkrankt sei, da darin der Grund zu
suchen wre, da er sie uns bisher noch nicht habe zufhren knnen."

"Ich bat ihn aber schon wiederholt, einmal ihr Bild mitzubringen,"
besttigte Margarete, die nun auch hervortrat.

"Niemals hat er Wort gehalten.--Nicht wahr, Ileisa?" fgte sie hinzu und
wandte sich zu der eifrig ber ihre Arbeit gebckten Hausgenossin. "Du
warst dabei!"

Die beiden jungen Mdchen, die sich vortrefflich verbanden, ja, ganz in
einander aufgingen, duzten sich schon seit lngerer Zeit und
besprachen--mit Ausnahme ihrer geheimen Liebe--alles miteinander, was
sie irgend anging.

Ileisa bettigte nur mit leichtem Kopfneigen, aber weil ihre Gedanken
und Sinne durch dieses Gesprch schon stark angeregt worden waren, wute
sie den Ausdruck einer starken Befangenheit uerlich nur sehr schwer zu
unterdrcken. Sie lie deshalb die Stickerei, an der sie arbeitete, wie
zufllig aus ihrer Hand fallen, bckte sich danach, und wute dadurch
den Anwesenden ihre Gesichtszge bis zur Wiederbeherrschung ihres Innern
zu entziehen.

"Ich bin begierig, ob Klamms Braut unsere Einladung nicht auch selbst
beantworten wird. Ich gab Herrn von Klamm auf seinen Wunsch die
Einladungskarte. Wir wissen ja noch nicht einmal, wie sie mit Vor- und
Zunamen heit. Danach will ich ihn doch bei erster Gelegenheit fragen."

Das Gesprch empfing eine Unterbrechung, weil Adolf eintrat und Herrn
Knoop ein Schreiben berreichte.

Schon whrend er es entgegennahm, verfinsterten sich die Zge des Chefs
des Hausen in einer Art, da Frau Fanny, die bei Briefen stets ngstlich
die Mienen ihres Mannes beobachtete, gleich besorgt das Wort nahm.

"Etwas Unangenehmes, Friedrich?" fragte sie.

"Ah--ah!" stie der Mann heraus und knirschte mit den Zhnen. "Wieder
von Theodor! Immer Theodor!" Aber als er dann gar die Zuschrift gelesen
hatte, zitterten seine Hnde vor Erregung.

"Ach--die ewige, unglckliche Plage," seufzte Frau Fanny, ohne auf
Ileisas Anwesenheit Rcksicht zu nehmen. "Was hat er denn nun abermals?
Hast du ihm nicht erst neulich wieder Geld gesandt?"

Knoop verneinte erst stumm. Dann sagte er:

"Ich habe ihm auf seine drei letzten Briefe gar nicht geantwortet. Thte
ich es, wrde ich ja noch weniger Ruhe haben. Freilich, jetzt geht er
bis an die uerste Grenze. Nun--nun--droht er! Wahrhaftig! Wre er
nicht mein--mein--Bruder, so wrde ich ihn auf Grund dieser Zeilen der
Staatsanwaltschaft berliefern."

"Lies vor, Friedrich! Wir haben ja vor Ileisa keine Geheimnisse. Wir
wissen, da sie das, was sie fr sich zu behalten hat, sicher in sich
verschliet!"

"Sie drfen dessen versichert sein, gndige Frau!" besttigte Ileisa,
das Auge frei aufschlagend, in einem einfachen, Vertrauen erweckenden
Tone.

Und Herr Knoop las:

  "Wenn ich nicht bis bermorgen vormittag zehn Uhr einen
  Postrestantebrief (Hauptpostamt Unter den Linden) mit dreitausend Mark
  unter T.K. vorfinde, geschieht etwas! Was aus dem Verzweiflungsakt
  entsteht, ist mir gleichgltig. Ich habe dann wenigstens ein Obdach!
  Falls Du aber diese Kleinigkeit Deinem weniger vom Glck begnstigten
  Bruder zuwendest, ihm dadurch wieder zu einer dauernden,
  menschenwrdigen Existenz verhilfst, so wird er nicht nur alle
  Krnkungen vergessen, sondern Dich niemals wieder behelligen. Nun
  entscheide!

  Dein Bruder

  Theodor Knoop."

"Schick' ihm das Geld," drngte Frau Fanny. "Was liegt dir an ein paar
tausend Mark, wenn du Ruhe bekommst!"

Unwillkrlich sah Ileisa empor.

Wenn sie ihrer Tante einmal einen Teil einer solchen Summe wrde
bringen, ihr dadurch die Kargheit ihres Daseins vermindern knne, welche
Seligkeit mute das sein! Sie liebte die alte Dame, die mit einer
schrankenlosen Selbstentuerung fr sie seit ihren Kinderjahren gesorgt
hatte, mit den zrtlichsten Gefhlen. Und gegenwrtig wandten sich ihre
Gedanken ihr besonders zu, weil sie sie so lange nicht gesehen hatte.

Sie kam sich so undankbar, so gefhllos vor, da sie nicht den Weg zu
ihr fand. Es berhrte sie schwer, obschon sie nicht Schuld trug. Sie war
gebunden; sie hatte Knoops versprechen mssen, ihre ganze Aufmerksamkeit
den neuen Verhltnissen zuzuwenden, alte Beziehungen vllig auer acht
zu lassen. Wohlan!

Aber da Knoops nicht einmal bisher Anla genommen hatten, sich um die
alte Dame zu bekmmern, sie ein einziges Mal einzuladen, fand sie
grausam, lie eine wirkliche Herzensbildung vermissen.

Herr Knoop aber erwiderte auf die Rede seiner Frau:

"Es ist ja nicht das Geld, Fanny! Ich wrde gewi die 3000 Mark geben,
und wenn es sich um das dreifache handelte. Aber sowie ich ihm wieder
die Hand biete, nimmt die frhere schamlose Zupferei kein Ende.

"25000 Mark stehen schon auf deinem Konto in meinen Bchern.

"Das ist ein Posten! Und einmal mu doch alles ein Ende haben, wenn
alles ohne jeden Nutzen war!

"Ja, wenn er wirklich ein ordentlicher Mensch, wenn ihm wirklich
geholfen wrde, gleich wrde ich nochmals 10000 Mark opfern!

"Aber er verthut es in Schlemmereien, mit Frauenzimmern und im Spiel. Er
ist eben leider, zu meinem groen Schmerz, eine verlumpte
Persnlichkeit, die am besten die Erde deckte."

"Was willst du denn thun?"

"Wieder gar nichts!"

"Aber wenn er dir,--uns nachstellt. Ich frchte mich! Solche
Menschen--wir lesen es doch tglich in den Zeitungen--greifen im Affekt
zum Aeuersten.--Sie laden in der Verzweiflung eine Schuwaffe."

"Er schleicht sich in das Papierlager und legt Feuer an," fiel Margarete
ein. "Ich traue ihm alles zu!

"Wenn du ihm mit dem Bemerken es sei ganz unbedingt das letzte Mal, die
3000 Mark schickst, nimmst du uns wenigstens die Angst, Papa. Wir haben
dann die Sicherheit, da dergleichen wenigstens nicht geschieht.--Mache
Bedingungen, lasse ihn ein Schriftstck unterschreiben, da er sich fr
immer abgefunden erklrt!"

Aber Herr Knoop verneinte.

"Ich will nicht, ich kann nicht. Es mu kommen, wie es mu. Unzhlige
Male war's schon das letzte Mal. Nach sechs Monaten kommt er doch wieder
und hat neue Grnde! Und die Sprache, die er schon wiederholt gegen mich
gefhrt hat! Es ist ohne Gleichen! Nein, nein! Ich bin mit ihm fertig.
Ich betrachte ihn lngst nicht mehr als zu mir gehrig!"

Nun sagten die Damen nichts, aber Frau Fanny nahm sich vor, doch noch
einmal vor'm Schlafengehen auf ihren Mann einzusprechen. Sie wollte es
thun, obschon eine gewisse, entschiedene Art sie bisher stets belehrt
hatte, da mit ihm schwer etwas anzufangen war.--

       *       *       *       *       *

Der Abend, an welchem der Ball bei Knoops stattfinden sollte, war
herangekommen. Whrend in den Seitenflgeln: in dem Kontor und den
brigen Rumen noch die Arbeitslichter flammten und die Scheiben in den
groen Gebuden von oben bis unten erhellten, fuhren Equipagen auf
Equipagen vor das Portal des Wohnhauses des Herrn Friedrich Knoop.

Und er und die Familie standen in ihren durch mchtige strahlende
Kronenerleuchteten Gemchern, und warteten vorn bei der Eingangsthr der
Gste, bis sich alle mit Ordensbndern geschmckten Herren, und alle in
ihren kostbaren Gewndern einherrauschenden Damen eingefunden hatten.

Nur Herr von Klamm fehlte noch. Er fehlte, obschon er die Anordnungen
bernommen hatte. Freilich, seine eigentliche Thtigkeit nahm erst ihren
Anfang nach dem Abendessen. Aber seine Anwesenheit beim Erscheinen der
Gste, war doch von Herrn Knoop vorausgeht worden, und sein Ausbleiben
begann ihn zu beunruhigen.

"Er ist sicher noch im Kontor!" erklrte Margarete. "Er sagte neulich,
er habe grade am Ballabend noch ziemlich spt im Geschft zu thun, werde
sich aber nach Mglichkeit einrichten."

Als er noch immer nicht erschien, sandte Herr Knoop Adolf zu ihm.

Herr Knoop lasse freundlichst bitten, da Herr von Klamm sogleich komme.
Man wolle zu Tisch gehen.

Indessen war es berflssig! Grade trat er durch die Mittelthr ein,
sprach Herrn Knoop seine Entschuldigung aus und richtete seine
scharfbeobachtenden Augen auf seine Umgebung.

"Die Sendung nach Frankfurt an der Oder wre in der That nicht
abgegangen, wenn ich nicht noch nachgetrieben htte, Herr Knoop,"
erklrte er. "Ich hatte die Absendung unbedingt versprochen; es war eine
geschftliche Pflichtsache. Auch wollte ich gern die Abendpost noch
einsehen. Es war viel da und Eiliges.--Eine groe Bestellung vom
Reichstagbreau ist eingelaufen."

So begrndete er seine Versptung, kte Frau Knoop die Hand, begrte
Margarete mit warmherziger Vertraulichkeit, und warf einen forschenden
Blick zu Ileisa hinber, die sich nicht weitab mit einem Offizier
unterhielt.--

Endlich ging's zu Tisch. Klamm fhrte die Tochter eines hohen Beamten im
Ministerium. Herr Knoop hatte es so gewnscht, und es war auch richtig
so. Klamm wute die Menschen fr sich einzunehmen, und es war klug,
nichts zu versumen, sich dieser Familie Gunst zu erwerben. Von dem
Wohlwollen des Herrn Ministerialdirektors hing die Entscheidung ber die
Vergebung sehr umfangreicher Druckauftrge ab.

Bei Tisch warfen zwei Personen wiederholt forschende, von Eifersucht
keineswegs freie Blicke zu ihm hinber: Margarete und Ileisa!

Und Klamm bemerkte es jedesmal, wenn sie hinberschauten, und jedesmal
begegnete er ihnen mit irgend einer Aufmerksamkeit, indem er entweder
das Glas erhob und ihnen zutrank, oder einen Ausdruck stillen
Einverstndnisses in seinen Augen erscheinen lie.

Als seine Tischnachbarin, Frulein von Wiedenfuhrt, dies einmal
bemerkte, redete sie Klamm auf die beiden Damen an:

"Wie Frulein Knoop sei? Sie habe sie nur einigemale bei Bazaren, wo sie
zusammen gewirkt, gesehen. Ob sie ein liebenswrdiges, junges Mdchen
wre?"

"Frulein Knoop ist eine jener tadellosen jungen Damen, an denen man nur
bemngeln knnte, da sie etwas kleinbrgerlich sind. Ihre
Natrlichkeit, ihre Gradheit, ihr ungemein rechtschaffener Charakter
verschmhen es, irgend welche Schminke zu gebrauchen Und doch wrde ihre
Anziehungskraft durch eine Milderung dieser Hausbackenheit um vieles
gewinnen."

"Also Sentiments haben Sie fr die Tochter Ihres Chefs nicht, Herr von
Klamm? Dann ist ja noch Hoffnung fr die vielen, die ihr Auge mit
Sehnsucht auf Sie richten!" warf das junge Mdchen neckisch hin.

"Glauben Sie wirklich, da sich jetzt noch jemand aus Ihren Kreisen fr
mich interessiert?" gab Klamm auf diese, der verstandesmigen Richtung
des Fruleins entsprechende, Rede zurck.

"Ich bin Prokurist in einer Buchdruckerei geworden. Das ist eigentlich
so unerhrt, da man die Pflicht hat, von meiner Existenz auf Erden
Abstand zu nehmen."

"Es wrde so sein, wenn Sie nicht eben Herr von Klamm wren," fiel die
Dame mit ehrlicher Anerkennung ein. "Es giebt Ausnahmemenschen, denen
alles wohl ansteht, zu denen infolgedessen auch jeder--und wenn er sich
noch so sehr strubt--Stellung nehmen mu. Jngst wurde Ihr Artikel ber
gesellschaftliche Arten und Unarten in den Tglichen Nachrichten
vielfach besprochen. Ich kann Ihnen verraten, da er allen ausnehmend
gefallen hat, natrlich abgesehen von jenen jungen Zweibeinigen in Frack
und Lackschuhen, die alles besser wissen, nur das Allernchstliegende
nicht merken, da sie nmlich recht lcherliche und berflssige
Erscheinungen in der Schpfung sind."

"Im brigen! Wir sind noch nicht am Ende. Sie wollten mir auch noch
etwas ber das schne Frulein von Oderkranz sagen."

Klamm zuckte die Achseln. "Wenn ich ehrlich sein soll, so lt mich
meine Menschenkenntnis bisher in Stich. Ich wei nicht sicher, wie sie
ist. Ich vermute nur, da mein Urteil zutrifft. Ich sehe, da sie sich
erstaunlich zu fgen wei, zu schweigen, ihr eigentliches Wesen zu
verbergen versteht. Ganz przise gefat, wrde ich sagen:

"Sie besitzt die Kunst, mit ihren Eigenschaften zu konomisieren, immer
nur das zu geben und zu thun, was am Platz ist. Und doch--und doch--"

"Nun?"

"Ja, und doch gewinnt man keine rechte Beziehung zu ihr, und doch kann
man ihr nicht nher kommen."

"Was vermuten Sie denn?"

"Alles!" betonte Klamm beinahe feurig. "Ich glaube, da sich in diesem
Mdchen alle jene Eigenschaften finden, die einen Mann in der Ehe
glcklich zu machen im stande sind. Sie ist weiblich, sittlich,
huslich, treu und arbeitsam, daneben voll Tiefe und Wrme, und nicht
minder voll Begeisterung fr alles Schne und Gute, sofern ihr
Gelegenheit geboten wird, es zu bethtigen. Auf ihr ruht aber die Brde
der Abhngigkeit."

"Ah! Sie schwrmen ja gewaltig, Herr von Klamm. Fast knnte man glauben,
Sie legten eine unfreiwillige Beichte ab."

Die junge Dame sprach die Worte in einem von Eifersucht nicht freiem
Tone.

"Sie irren durchaus, gndiges Frulein! Wenn ich berhaupt meiner
Passion nachgeben drfte--ich werde nmlich sicher niemals heiraten--so
wrde ich eines Tages ein gewisses Haus betreten, dort nach dem
Ministerialdirektor von Wiedenfuhrt fragen, und ihn bitten, bei seiner
beraus schnen und beraus klugen Frulein Tochter Margot ein gutes
Wort fr mich einzulegen."

Kaum, nachdem Klamm so gesprochen hatte, erhob das junge Mdchen den
Kopf und sah Klamm mit einem durchdringenden Blick an.

"Da auch Sie, Herr von Klamm"--begann sie steif im Ton--"zu den Leuten
gehren, die selbst in ernsten Augenblicken fade Spielereien treiben,
htte ich nicht gedacht. Ich bin heute um eine Erfahrung reicher
geworden."

"Aber mein Frulein--mein gndiges Frulein"--fiel Klamm nicht wenig
berrascht, ja, bestrzt ein. "Ich bitte! Welche Sprache! Wodurch gab
ich Ihnen Anla, so mit mir ins Gericht zu gehen?"

"Sie werden eher begreifen, wenn ich Ihnen mitteile," fuhr sie unbeirrt
fort, "da man allgemein davon spricht, da Sie verlobt sind und alles
daran setzen, diese Verlobung mit einem armen Mdchen rckgngig zu
machen, deshalb nmlich, um Frulein Knoop zu heiraten. So spielen Sie
also nun jedenfalls mit dreien: mit Ihrer Braut, mit Frulein Knoop, mit
Frulein von Oderkranz, und wenn ich natrlich Ihre an mich gerichteten
Worte als einen, wenn auch recht ungeschickt gewhlten Scherz
betrachte--mit mir!"

Klamm erschrak. Unversehens that sich vor ihm ein bisher gar nicht
vermuteter Abgrund auf. Aber noch mehr! Ehe er etwas zu entgegnen
vermochte, fuhr die junge Dame fort:

"Ich will ganz offen sein! Ich will alles sagen, Herr von Klamm. Neulich
hat mein Vater einen anonymen Brief empfangen, in dem er vor Ihnen
gewarnt wird."

"Ah! Die alte Infamie einer mich rachschtig verfolgenden
Persnlichkeit!" fiel Klamm, nachlssig verchtlich im Ton, ein.

"Das schreckt mich nicht, gndiges Frulein. Ich wre im stande, Ihnen
den Wortlaut dieses Schriftstcks--es hat nmlich immer den gleichen
Inhalt--aus dem Kopfe wiederzugeben. Anders aber ist es mit dem, was Sie
sonst uerten. Hier bedarf es dringend der Aufklrung. Ich bitte, da
Sie mir einmal nchstens eine Unterredung gewhren.

"Ich wei bestimmt, da Sie dann anders urteilen werden."

Da Klamm in einem sehr gemessenen Tone, da er wie ein Mann sprach, der
um seine Ehre ficht, so gewann er das Spiel.

Schon begann sich in ihr die Reue zu regen, sich so haben hinreien zu
lassen. Aber es reizte sie auch nicht wenig, von ihm selbst zu erfahren,
was Wahrheit, was Geschwtz war; es schmeichelte ihr, da er sie zu
seiner Vertrauten machen wollte.

Aber an diesem Abend geschah noch etwas, das Klamm mindestens ebenso
sehr zum Nachdenken Anla gab.

Die Tafel war aufgehoben, schon hatte die Musik den Gsten zu einer
Reihe von Tnzen aufgespielt. Eben sollte ein Kotillon getanzt werden,
den Herr von Klamm einen anwesenden Offizier deshalb zu leiten gebeten
hatte, weil er dessen Ehrgeiz: in der Gesellschaft bei solchen
Gelegenheiten eine Hauptrolle zu spielen, Rechnung tragen wollte. Aber
er hatte auch die Absicht, dadurch Zeit und Gelegenheit zu finden, sich
mit Ileisa zu beschftigen.

Er forderte sie zu diesem Tanz auf, whlte einen entfernteren Eckplatz,
woselbst ein ruhiges Plaudern eher mglich war, und sagte, nachdem er
eben mit ihr eine Runde gemacht hatte:

"Sie machen alles vortrefflich, gndiges Frulein! Auch eben zeigten
Sie sich wieder als Meisterin."

"Das mchte ich, ohne Komplimente, Ihnen sagen, Herr von Klamm--"

"So beschftigen wir uns also gegenseitig mit einander, ohne da wir es
uns eingestanden haben--"

Er sah sie bei diesen Worten mit einem werbenden Blick an. Er that's,
obschon ihm grade die Unterredung mit seiner Tischdame heute htte eine
Zurckhaltung auferlegen sollen. Aber auch ihm geschah's, da hufig das
menschliche Ich grade dann zu einer Auflehnung gegen die bedachte Mutter
Vernunft gelangt, wo es am allerwichtigsten ist, auf ihre Stimme zu
hren.

Er fand Ileisa heute schner denn je. Sie war auch an diesem Abend der
Mittelpunkt. Jedermann drngte sich zu ihr, und auch dadurch wurden des
Mannes Sinne angefacht.

Bisher war ihm niemand in den Weg getreten. In das stille Knoopsche Haus
traten wenige ein, nur bei solchen Gelegenheiten wurden die Staatszimmer
geffnet.

Statt auszuweichen, gab ihm Ileisa einen Blick zurck, der sein Inneres
in Aufruhr versetzte. Dann sagte sie kurz, bestimmt:

"Ja, Herr von Klamm!"

Diese Antwort ri Klamm fort.

Er berflog ihre Gestalt mit seinen Augen. Er sah, wie sich unter dem
seidenen Ballmieder die Bste hob und senkte. Er umfing mit seinen
Blicken all die Reize, die ihr die Natur verschwenderisch verliehen
hatte, und forschte noch einmal in ihren Augen, in Augen, in denen eine
versteckte Glut loderte.

Dann sprach er entschlossen:

"Wohlan denn, da es so ist, da wir uns verstehen, ja, da wir uns einig
sind, so wollen wir Kameraden werden, gemeinsam unser Ziel verfolgen. Es
bedarf keiner Erklrung, warum es sich handelt.--Nicht wahr, Frulein
von Oderkranz?"

Und indem er die Stimme dmpfte, dasselbe in einem weichen Tone
wiederholte, sich zu ihr drngte mit seinem Ich: "Nicht wahr, Frulein
Ileisa?"

Abermals vernahm er ein festes Ja und fhlte, als er nach ihrer Hand
tastete, einen Gegendruck, der ihm das Blut durch die Adern jagte.

"Wann und wo wollen wir uns morgen sprechen?" ergnzte Klamm, indem er
um der Umgebung willen seinen Mienen einen durchaus gleichgltigen
Ausdruck verlieh.

"Ich werde bitten, ehestens meine Tante besuchen zu drfen. Wird mir
dies erlaubt, so werde ich an einem Ihnen noch schriftlich
mitzuteilenden Tage gegen ein Uhr auf dem Potsdamer Platz am Rundteil
sein knnen."

Als Herr von Klamm eben antworten wollte, stand Margarete Knoop vor
ihnen.

"Darf ich stren?" fragte sie mit knstlicher Schelmerei im Ton. Sie
hatte beide seit langem beobachtet und schon groe Qualen empfunden.
Auch sie hatte sich vorgenommen, heute einmal mit allem zwischen sich
und Klamm aufzurumen.

"Bitte, kommen Sie nach Beendigung des Kotillons eine Weile in den
Wintergarten," bat sie, whrend er mit ihr tanzte.

"Sie mssen mir bei der Bowle behilflich sein."

"Zu Ihrem Befehl, gndiges Frulein," bettigte Klamm und zog sie
unwillkrlich fester an sich.

Er stand zwischen drei Feuern.

Seine Tischnachbarin beargwhnte ihn, nachdem er sich
unvorsichtigerweise in ihre Hand begeben hatte. Ileisa gegenber hatte
er sich von seinen bisher zurckgedrngten Gefhlen fortreien lassen.

Nun kam ihm Margarete in solcher Weise entgegen!--

Als sie spter nebeneinander standen und Moselwein in eine Punschbowle
fllten, sagte Klamm:

"Ich stehe unter dem Eindruck, da Sie auch sonst noch ber mich zu
befehlen wnschen. Darf ich fragen, womit Ihnen Ihr gehorsamer Diener zu
willen sein kann?"

"Ja, Herr von Klamm! Ich mu endlich einmal eine Frage an Sie richten.
Es mu um Ihretwillen geschehen, da ich auch heute wiederholt in einer
mich rgernden Weise angesprochen bin:

"Wie heit Ihr Frulein Braut? Woher stammt sie? Weshalb fhren Sie sie
nicht uns und der Gesellschaft zu? Ist sie wirklich krank? Und wollen
Sie sich, wie man sagt, wieder entloben?

"Nicht Neugierde treibt mich, ich betone dies. Die angefhrten Grnde
und das warme Interesse, das ich fr Sie empfinde, lassen mich
sprechen."--

Schon wollte Klamm antworten, er wollte ihr bekennen, wie es stand und
wodurch die Unwahrheit hervorgerufen worden war. Aber dann whlte er
doch einen anderen Weg, den, zu dem ihn bei Frulein von Wiedenfuhrt die
Umstnde getrieben, den er auch Ileisa vorgeschlagen hatte.

"Zuerst meinen aufrichtig empfundenen Dank, gndiges Frulein,"
entgegnete er. "Und um alles nach Ihren Wnschen zu erledigen, bitte ich
Sie, in eine zeugenlose Unterredung zwischen uns zu willigen.
Hier--heute--ist nicht der Ort, Ihnen alles zu erklren. Ich mu weit
ausholen.

"Also, ich bitte.--Wann wollen Sie mir diese Vergnstigung gewhren?"

"Sonnabend mittag bin ich allein in unserer Wohnung. Meine Mutter will
dann Besuche machen!

"Wohlan! Abgemacht!" Sie reichten sich die Hand.

"Aber bitte, gehen Sie jetzt, ich sehe verschiedene unserer Gste
kommen," betonte sie, und Klamm verneigte und entfernte sich.--

       *       *       *       *       *

Gegen Mitternacht, whrend sich die Gste bei Knoops im vollen Genieen
befanden, wurde drauen an der Hausthrklingel der Villa gezogen. Als
Adolf ffnete, trat ihm ein hochaufgeschossener, hagerer Mann mit wsten
Augen, krankhaft gerteten, scharf hervortretenden Backenknochen und
einem unangenehm wirkenden rotbraunen Halbbackenbart entgegen. Er
fragte, im brigen wie ein Gentleman gekleidet, mit hohem Zylinder und
Pelz versehen, in einem kurzen Tone, nach Herrn Knoop. Als Adolf
entgegnete, es sei Gesellschaft im Hause--es werde sich Herr Knoop jetzt
unter keinen Umstnden sprechen lassen,--erwiderte er:

"Sagen Sie nur, da es sich um hchstens fnf Minuten, da es sich aber
um eine sehr wichtige und eilige Geschftsangelegenheit handle. Sie
knnen hinzufgen, da ich noch diese Nacht Berlin verlassen msse, da
ich deshalb jetzt komme.

"Wo kann ich mich solange aufhalten, bis Herr Knoop kommt?" schlo er,
indem er durch solche Frage ohne Weiteres seinen Willen zur Geltung zu
bringen suchte.

"Ist hier nicht ein Gemach, wo ich warten kann?" Adolf zeigte, durch die
Sicherheit, mit der jener austrat, nachgiebig gemacht, auf ein kleines,
einfenstriges Kabinett zur Rechten.

In dieses trat dann auch der Fremde ein, whrend sich Adolf rasch in den
Tanzsaal begab.

Knoop unterhielt sich eben mit Klamm, sie beredeten noch eine kleine
Ueberraschung fr die Gste.

"Ein Fremder? Ein Fremder um diese Zeit? Was will er?"

Adolf berichtete, was er wute.

"Bitte, begleiten Sie mich, Herr von Klamm," entschied Knoop rasch
entschlossen. "Da es sich um Geschftliches handelt, sind Sie ja ebenso
sehr interessiert--"

Unter solchen Worten schritt Knoop voran, und wenige Augenblicke spter
traten sie in das erwhnte Kabinett.

"Ah! du!" stie Knoop ebenso enttuscht wie zornig heraus. "Nun dringst
du gar nachts unter einer Lge in mein Haus! Nein, nein--gieb dir keine
Mhe! Ich habe nichts zu hren--"

"Du erregst dich zu deinem eigenen Nachteil, Friedrich," fiel Theodor
Knoop mit eiserner Ruhe ein.

"Ich frage, da ich Berlin verlassen mu, da ich eine Antwort auf meine
Zeilen nicht empfing, ob du meiner Bitte entsprechen willst? Ich erklre
mit meinem Ehrenwort, da ich dich nie wieder belstigen werde. Ich will
dir einen schriftlichen Verzicht ausstellen."

"Sehr gndig! Du thust wirklich, als ob du Ansprche zu erheben httest,
whrend du ganz dasselbe jedesmal beschworen hast. Was nach solchen
Erfahrungen ein Ehrenwort aus deinem Munde bedeutet--"

"Ah," prete Theodor Knoop in ergrimmtem Tone heraus, und seine Augen
funkelten.

"Immer bleibst du doch derselbe eingebildete Hochhinaus, der du schon
als Knabe warst, hltst dich fr hundertfach besser, als andere, giebst
schne Lehren und teilst weise Sprche aus, whrend du----"

"Nun, ja--ja--ja--es mag sein, da du vieles mit Recht an mir
auszusetzen hast. Wir geben uns eben darin nichts nach; und weil dem so
ist, habe ich ja schon seit langen Jahren vorgeschlagen, da wir
auseinander bleiben. Du aber kommst immer wieder, und natrlich immer
dann, wenn du Geld von mir erpressen willst--

"Ich aber erklre dir, da ich mich auf nichts mehr einlasse! Ein
Vermgen, das ich dir nach und nach hingab, ist zwecklos verschleudert.
Es wrden die Tausende auch in den Sand geworfen sein, die du heute
verlangst.--

"So das ist mein letztes Wort; wir haben nichts mehr miteinander zu
sprechen.--Ich mu dich ersuchen, mich nicht ferner mehr zu belstigen.
Es ist hchste Zeit, da ich zu meinen Gsten zurckkehre."--

Theodor Knoop, ein Mann mit einem tckischen Auge und kaltem Ausdruck in
den Zgen, berlegte, was er thun sollte.

Er hatte diesen Weg eingeschlagen, weil er dadurch die ihm einzig noch
bleibende Mglichkeit erkannte, von seinem Bruder etwas zu erreichen.
Nun hatte er aber, statt den Bittenden zu spielen, seinem Bruder
Beleidigungen ins Gesicht geschleudert. Ungeschickter htte er es nicht
anfangen knnen, ihn zur Hergabe von Geld zu bewegen.

Und da griff er zu dem letzten Mittel. Indem er rasch seines Bruders
Begleiter musterte und zu diesem, zu Klamm, sich wendete, sagte er:

"Ich bitte Sie, mein Herr, ein gutes Wort fr mich einzulegen. Ich
wiederhole, da ich durch dieses Geld zu einer dauernd soliden Existenz
gelange. Bisher verfolgte mich das Unglck;--mein Bruder rechnet niemals
dieses hinein, er spricht immer nur von meinem Leichtsinn, weil er nie
die Verhltnisse geprft hat. Soll ich denn wirklich zu einem
Verzweiflungsakt getrieben werden? Ich frage: Ist derjenige, der sich
durch seine Schuld in einer schweren Lebensbedrngnis befindet, weniger
bemitleidenswert, als der unschuldig Leidende? Und wenn, ist nicht ein
Unterschied zwischen Fremden und Brdern?"

Und wieder zu seinem ungeduldig nach der Thrklinke greifenden Bruder:

"Gewi! Ich war wiederholt ausfallend gegen dich, Friedrich. Es war aber
Verzweiflung--es war nicht persnlich. Dir ist alles geglckt, du bist
von der Natur anders veranlagt, so wurde es dir leichter, den glatten
Weg zu gehen. Ich bitte, ich flehe dich an: Gieb mir das erbetene Geld!
Sage, da ich es mir morgen holen lassen darf.--Helfen Sie, mein Herr,
diese Sache zwischen uns zu einem friedlichen Abschlu zu bringen!"

Herr von Klamm hatte bisher nur den stummen Zuhrer gespielt. Es war um
so mehr geschehen, weil er in dem Manne, der hier nchtlich eingedrungen
war, einen nach der Beschreibung seiner Mutter nicht zu verkennenden
Komplizen derjenigen Geschftsleute zu erkennen glaubte, durch die seine
Mutter, whrend seines Aufenthaltes im Ausland um ihr Hab' und Gut
gekommen war. Es war eine ganze Bande gewesen, die es in der
raffinierteren Weise verstanden hatte, sie auszurauben.

So zog er nun die Achseln und sagte:

"Ich wurde von Herrn Knoop ersucht, ihn zu begleiten. Er nahm an, da es
sich um Geschfte handle. In Herrn Knoops Privatangelegenheiten habe ich
kein Recht einzugreifen; es wrde, wie ich vermute, auch durchaus gegen
seinen Willen sein."

"Ich gebe aber nochmals zu bedenken, da ich Ihnen allen fr alle Zeiten
entrckt werde. Ich will mich nach Sdamerika einschiffen. Ohne Geld
vermag ich es nicht, ich wei es mir nicht anders zu verschaffen--"

"Wohlan, so will ich das Billet fr dich kaufen," sprach Herr Knoop
pltzlich entschlossen. "Herr von Klamm wird dich auf das Schiff
begleiten, und dir auch noch etwas Zehrungsgeld einhndigen. Ein
Schriftstck unterzeichnest du vorher, da du mir so und so viel
schuldig geworden.

"Bist du damit einverstanden, so melde dich morgen vormittag elf Uhr zur
nheren Rcksprache bei mir."

"Und wie viel wrdest du mir bewilligen, Friedrich?" forschte der Mann
lauernd.

"Ich sagte es ja schon. Den Betrag fr die Ueberfahrt und eine Summe in
angemessener Hhe fr den Anfang, keinen Pfennig mehr, und auch nur
dann, wenn das Geld dafr verwendet wird. Und nun nochmals.--Adieu! Ich
kann und will hier nicht lnger verweilen--"

"Gieb mir 3000 Mark ohne Bedingung, ich wiederhole mit meinem Eidschwur,
da ich nicht wiederkommen will, Friedrich. Weise es mir zu der
angegebenen Zeit an."

"Nein, es bleibt, wie ich angab! Ich lasse mich nur nochmals bewegen,
etwas zu thun, wenn du Deutschland verlt. Es geschieht vorzugsweise
auch um meiner Damen willen, die endlich Ruhe fr mich herbeiwnschen."

Noch einen Augenblick schwankte Theodor Knoop. Dann sprach er einen
rauhen Dank, nickte kurz, griff nach seinem Hut und entfernte sich unter
der nochmaligen Wiederholung der Zeitstunde, die fr den folgenden Tag
zwischen ihnen verabredet war.

Mit uerlich sorglosen Mienen traten dann auch die beiden Herren wieder
unter die Gste. Niemand sah ihren Gesichtern an, was sich eben hinter
den Thren vollzogen hatte.

Man hatte sie bisher auch kaum vermit, nur von Ileisa war bemerkt
worden, da sie sich mit beschftigten Mienen beide pltzlich entfernt
hatten.

       *       *       *       *       *

Als Klamm am nchsten Morgen erwachte, hatte er es schwer, seine
Gedanken zu ordnen, insbesondere das Fr und Wider, das sich ihm
nchtern aufdrngte, vernunftgem zu scheiden.

Nun war der Augenblick gekommen, wo er eine bndige Erklrung abgeben
mute. Sollte er eingestehen, da er gar nicht verlobt sei? Und wenn,
welche Grnde fr seine Behauptung sollte er angeben? Die wirklichen!?
Er sah Herrn Knoops Miene und stand davon ab. Andererseits widerstrebte
es ihm, an einer Lge festzuhalten und gar noch eine neue auszusprechen.
Frulein von Wiedenfuhrt konnte er die Wahrheit bekennen, sie, die
Fernerstehende, wrde seine Handlungsweise eher begreiflich finden. Gab
er Margarete zu, da er Falsches berichtet, so konnte er ihr wenigstens
nicht erffnen, weshalb er so gehandelt hatte. Er mute ein anderes
Motiv angeben. Und wiederum, wenn er das that, mute er auch Frulein
von Wiedenfuhrt ein gleiches sagen. Der Zufall konnte spielen. Wie wrde
er dastehen, wenn er der einen diesen, der anderen einen vllig anderen
Grund mitteilte, und sie davon erfhren?

Es gab, sagte sich Klamm, Zeiten, in denen den Himmel fr den einzelnen
voll klaffender Spalten war.

So erging es jetzt ihm, und nur einen Ort gab es, wo er vielleicht Rat
und Trost finden konnte, bei ihr, seiner weisen, voll inniger Liebe fr
ihn erfllten Mutter. Ihr beschlo er sich anzuvertrauen. Ihr wollte er
alles mitteilen, wollte hren, wie sie entschied, und danach zu handeln
suchen.

Vorlufig bestand aber die nchste, ernste Tagesaufgabe darin, mit
Theodor Knoop zu konferieren. Da zu diesem Zweck noch eine vorherige
Rcksprache zwischen ihm und dem Chef verabredet worden war, beeilte
sich Klamm, baldmglichst von seiner in der Kurfrstenstrae belegenen
Wohnung nach den in der Zimmerstrae befindlichen Knoopschen
Geschftsrumen zu gelangen.--

Klamm fand Herrn Knoop allerdings nicht in der gewohnten, guten Laune,
Feste lassen nur zu hufig einen schlechten Geschmack auf der Zunge
zurck. So erging's dem Chef. Er sollte nun wieder fr seinen Bruder
Theodor, den unverbesserlichen Taugenichts, in die Tasche greifen. Auch
beschftigte seine Gedanken ein Brief, den er von seinem Sohne Arthur
erhalten hatte. Der wollte durchaus jetzt schon nach Berlin zurck. Er
mochte im Auslande nicht mehr bleiben. Und wenn er wiederkehrte, wie
wrde sich das Verhltnis zu Klamm stellen? Das ging Herrn Knoop nicht
minder durch den Kopf.

Von all dem gelangte, whrend der Unterredung mit Klamm, etwas zum
Ausdruck.

Natrlich! Gehandelt mute deshalb doch werden! Das gegebene Wort mute
eingelst werden. Die Reise nach Chile kostete, das hatte Herr Knoop
schon nachgesehen, etwa 1000 Mark. Dieser Summe wollte er noch 1500
hinzufgen.

Am nchsten Tage sollte Klamm mit Theodor nach Hamburg reisen.--Das
Dampfschiff ging von dort abends ab.

"Wenn Sie, verehrter Herr von Klamm, den Eindruck gewinnen, da mein
Bruder die Reise nur vorgiebt, da es lediglich darauf abgesehen ist,
mir wieder Geld abzunehmen," errterte Knoop, "so lsen Sie kein Bildet,
sondern hndigen ihm die Hlfte, nmlich 1250 Mark unter der Bedingung
aus, da er vorher das hier von mir schon heute morgen ausgefertigte
Schriftstck unterschreibt.

"Dann bringe ich eben dieses Opfer noch ein- und zum letztenmal.

"Und nun noch zu etwas anderem, bester Herr von Klamm! Es mu das einmal
zwischen uns errtert werden," fuhr Herr Knoop ernst geschftig fort,
und seine Mienen und seine dann folgenden Worte versetzten Klamm in
eine starke Unruhe:

"Als Sie mir damals nher traten, erklrten Sie, da Sie--ich habe Sie
nicht danach gefragt, Herr von Klamm--verlobt seien.

"Es wird nun von allen Seiten darber gesprochen, da Sie Ihr Frulein
Braut mit einem sehr auffallenden Geheimnis umgeben, nie von ihr reden,
sie nicht zeigen. Einige behaupten, Sie wollten die Verbindung wieder
lsen, Sie htten sie sogar schon wieder gelst.

"Es ist mir sehr peinlich, uns allen, da wir immer wieder auf diese
Angelegenheit angeredet werden. Ich mchte Sie daher freundschaftlich
bitten, mir Ihr Vertrauen zu schenken, mir offen und ehrlich zu
erklren, wie die Dinge stehen.

"Ich hoffe, Sie erkennen darin keine unbescheidene Zudringlichkeit,
sondern nur den wohl begreiflichen Wunsch, Klarheit zu gewinnen.

"Also ich bitte: Sprechen Sie, und seien Sie versichert, da ich Ihre
Erklrungen so entgegennehmen werde, wie es unseren Beziehungen
entspricht!"

Was ging nicht alles durch Klamms Inneres bei dieser Rede!--

So vllig unerwartet kam ihm diese Aufforderung. Whrend er noch vor
einer Stunde hatte die Dinge nach seinen Gedanken lenken wollen, wurde
er nun pltzlich durch die Umstnde zu einer Entscheidung gedrngt. Es
galt jetzt: Wahrheit oder fernere Verschleierung, volle oder halbe
Wahrheit!

Klamm entschied sich ohne Besinnen fr die Wahrheit, jedoch fr diese
mit einer Einschrnkung.

Zufolgedessen sagte er:

"Wohlan, Herr Knoop! Da Sie mich fragen, da Sie mich Ihrer Freundschaft
versichern, mit anderen Worten, Ihrer Nachsicht und Ihrer ferneren guten
Gesinnungen, so sei es bekannt:

"Ich bin gar nicht verlobt!"

Nur das sprach Klamm vorlufig, und richtete einen ruhigen Blick auf
seinen Chef.

Zu Klamms sehr starker Enttuschung erschien aber nicht der erwartete
Ausdruck in den Zgen des Herrn Knoop, sondern es malte sich darin eine
ganz gewaltige Befremdung. Ja, noch mehr! Es erschien ein Zug von
uerstem Unbehagen und einer beinahe mit Entrstung vermochten Strenge.

"Wie? Was? Sie waren und sind gar nicht verlobt? Und dabei geben Sie uns
seit dreiviertel Jahren fortwhrend Antwort auf unsere Fragen, befrdern
Gre und gar Einladungsbriefe an Ihre Braut? Ich mu gestehen, Herr von
Klamm, da diese Erklrung mich uerst befremdet, und ich werde mich
nicht eher beruhigen knnen, als bis Sie mir nhere, mich hoffentlich
befriedigende Aufklrung gen zu geben vermgen.--

"Was in aller Welt gab Ihnen Anla, mir ohne Not das vorzusprechen, und
die Unwahrheit bis zum heutigen Tage fortzusetzen?"

"Ich vermag Ihnen den Grund nicht zu sagen, Herr Knoop. Ich kann Ihnen
nur erklren, da ganz bestimmte Verhltnisse mich dazu drngten,
Umstnde, deren Zwang Sie, knnte ich reden, anerkennen wrden. Mge
Ihnen das gengen, und seien Sie, ich bitte, statt Richter, wie Sie es
versprachen: mein nachsichtiger Freund!

"Es wre ja ein Leichtes fr mich gewesen, Ihre Frage so zu beantworten,
da mich gar kein Vorwurf getroffen htte. Ich htte Ihnen ja nur sagen
knnen, da ich die Verlobung wieder aufgehoben habe. Ich hasse aber die
Lge, und sie ohne Not noch einmal anzuwenden, wre eine verwerfliche
Handlung gewesen!"

"Hm--hm--Das klingt sehr ehrenfest, Herr von Klamm! Aber es befriedigt
mich, offen gestanden, nicht. Ich mu sogar in Anbetracht des
Verhltnisses, in dem wir zu einander stehen, die Bedingung fr ein
ferneres Zusammenbleiben stellen, da Sie sich mir rckhaltlos
erffnen. Es geht nicht anders. Es ist absolut erforderlich!

"Bedenken Sie, da ich vor Ihnen gewarnt wurde. Versetzen Sie sich in
meine Lage und fragen Sie sich, ob ich anders handeln kann.

"Und wenn doch--ist jetzt einmal mein Vertrauen erschttert worden--und
es liegt Ihnen die Aufgabe ob, es wieder herzustellen."--

"Ist die Sache wirklich so tragisch zu nehmen, Herr Knoop?

"Was liegt vor? Ich habe erwhnt, da ich verlobt sei!--Ich hatte einen
Grund dafr! Ich habe dann nie wieder darber gesprochen, bin aber,
obschon ich auswich, obschon ich immer deutlich an den Tag legte, da
ich der Fragen gern entgehen mge, unzhlige Male von Ihrer Umgebung
darauf angeredet worden. Ja, aus Ihrem Hause ist die Sache auch in die
Oeffentlichkeit gebracht. Ich habe mit niemandem als mit Ihnen das
einzige Mal gesprochen. Nun erklre ich auf Ihre Frage, da ich nicht
verlobt bin, da ich seinerzeit einen wichtigen Grund hatte, mich als
gebunden auszugeben.

"Gewi, damit wird die Unwahrheit nicht beseitigt, aber es ist wohl
anzunehmen, da ich wirklich unter einem Zwange handelte. An diesen,
bitte ich Sie, nun zu glauben.

"Aber Sie wollen nicht! Sie erklren, mich sogar fallen lassen zu
mssen, wenn ich nicht mein Geheimnis preisgebe. Aber noch mehr, Herr
Knoop! Sie fhren sogar jenen ruchlosen Brief an! Obschon Sie mich nun
fast ein Jahr geprft haben, wollen Sie nicht nach Ihren Erfahrungen in
einem fr mich gnstigen, sondern ungnstigen Sinne entscheiden!"

"Ich kann nicht anders, Herr von Klamm, soviel Sie auch zu Ihrer
Entlastung anfhren. Ich mu darauf begehen, da Sie meine Frage
beantworten:

"Aus welchem Grunde erklrten Sie mir unaufgefordert, da Sie verlobt
seien, whrend dies eine bewute Unwahrheit war?"

"Ich vermag dennoch Ihrem Ersuchen nicht nachzukommen, Herr Knoop. Ich
darf Sie nochmals bitten, sich mit meiner Erklrung zu begngen und
Nachsicht zu ben!

"Wenn aber nicht--so mu ich mich, so unendlich schmerzlich es mir
ist--Ihrem Willen fgen und das wieder verlassen, was ich mit auszubauen
redlich bestrebt war, von dem ich gehofft hatte,--da ich dadurch einen
neuen dauernden Lebensinhalt finden werde.

"Ich darf und will mich auch nicht beklagen. Ich beging ein Unrecht und
mu dafr ben! Wann wnschen Sie, da ich aus dem Geschft austrete!?"

"Ich werde Ihnen darber noch Mitteilung zukommen lassen, Herr von
Klamm! Zunchst richte ich die Frage an Sie, ob Sie auch jetzt noch die
Angelegenheit mit meinem Bruder zu bernehmen, die Gte haben wollen?"

"Jawohl! Ich bin dazu bereit, Herr Knoop!"

"Ich danke Ihnen! Weiteres dann nachher bei seinem Besuch! Guten Morgen,
Herr von Klamm."

"Guten Morgen, Herr Knoop!"

Als Klamm in sein Kontor getreten, war es sein erstes, ein Briefchen an
Margarete Knoop zu schreiben.

Es war sehr kurz gefat und lautete:

  "Hochverehrtes Frulein!

  Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, von einer Unterredung in meinen
  Angelegenheiten abzugehen. Zufolge einer zwischen Ihrem Herrn Vater
  und mir eben stattgehabten Auseinandersetzung wrde eine solche nur
  Peinlichkeiten fr uns beide mit sich fhren.

  Nehmen Sie im voraus meinen verbindlichsten Dank fr die gute
  Gesinnung entgegen, die ich trotzdem ferner von Ihnen und Ihrer Frau
  Mutter zu erbitten wage.

  Ihr sehr ergebener

  Alfred, Freiherr von Klamm."

Klamm geriet noch einmal ins Zgern, bevor er diesen Brief von Adolf
hinbertragen lie. Wer ihm das diesen Morgen gesagt htte! Und doch
ging es nicht anders, und doch war es nun das Richtige, reine Bahn zu
schaffen. Es waren einmal die Dinge aus dem Gleis geraten. Wo das
Vertrauen verloren gegangen war, so sagte sich Klamm, da gab's keine
Nadeln und keinen Zwirn zum wiederzusammenheften. Hchstens konnte die
Zeit, die alles klrte, auch darin einstmals eine Aenderung wieder
herbeifhren.

Und einen Gewinn trug er davon, wenn er Knoops verlie: er konnte sich
unter weit gnstigeren Umstnden Ileisa nhern, sie, wie er nach den
gestrigen Vorgngen annehmen zu knnen glaubte, fr sich gewinnen.--

Grade ihre Art und ihr Wesen hatten ihn noch mehr bestrickt, hatten die
Funken, die in ihm glhten, angefacht. Einmal wieder den Geschften
abgewendet, war das frhere, lebendige Interesse fr Frauen und
Frauenschnheit wieder in ihm wach geworden.

Oft enttuscht, fand er--wie er hoffte--in ihr endlich das Ideal seiner
Vorstellungen. Er konnte es nicht erwarten, in ihre Nhe zu
gelangen.--Auch an Frulein von Wiedenfuhrt richtete er--infolge der
vernderten Sachlage--noch an diesem Morgen einen Brief:

  "Erlauben Sie, mein hochverehrtes Frulein!"--schrieb er--"da ich
  einmal spter um die Erlaubnis bitte, Ihnen in der zwischen uns
  beredeten Angelegenheit nhere Aufklrungen zu geben. Es hat sich
  unerwartet etwas zwischen mein Wollen und Knnen gestellt. Nur so viel
  heute von Ihrem Ihnen aufrichtig ergebenen

  Alfred, Freiherrn von Klamm."

Eben hatte die Rcksprache mit Theodor Knoop stattgefunden. Es war die
Abrede getroffen, da die Herren am nchsten Morgen nach Hamburg reisen
sollten. Im legten Augenblick hatte sich Herr Knoop bereit gefunden,
seinem Bruder auer den Ueberfahrtskosten die Summe von zweitausend
Mark, also einen greren Betrag, als er ursprnglich beabsichtigt, zu
bewilligen. Er war dem geschmeidigen Wesen Theodors, seinen
Versicherungen und Schwren, da er nie wieder etwas von sich hren
lassen, da er nie aus Chile zurckkehren werde, erlegen.

Bevor sie sich zum Fortgehen anschickten, ersuchte aber Klamm noch Herrn
Knoop um eine Unterredung.

Zu diesem Zweck traten sie in Klamms Arbeitszimmer, und hier begann
letzterer:

"Ich mu Ihnen eine Erffnung machen, Herr Knoop. Ich mu Sie dennoch
bitten, da Sie mich von meiner Zusage entbinden, mit Ihrem Herrn Bruder
nach Hamburg zu reisen, berhaupt mit ihm in Berhrung zu treten.

"Es hat sich mir nmlich als unzweifelhaft ergeben, da Ihr Herr Bruder
zu einer Gruppe von Personen gehrt, die vor Jahren meine Mutter durch
falsche Vorspiegelungen um ihr ganzes Vermgen gebracht haben. Wir haben
den Gaunern, die sich falsche Namen beigelegt hatten, bisher nicht auf
die Spur kommen knnen. Nun ist einer entdeckt.

"Meine Mutter hat ihn mir so oft beschrieben, da ich schon gestern
gleich stutzig wurde, als ich ihn sah. Eine Unterredung, die ich heute
morgen mit ihr hatte, und der eben stattgehabte abermalige Vergleich
erhrten die Gewiheit seiner Identitt.

"Wenn ich Ihnen nicht den Eklat ersparen mchte, wrde ich sogleich
seine Verhaftung veranlagen. Ich sehe davon ab, aber Sie werden
begreifen, da ich mit ihm nicht in Berhrung treten will! Es thut mir
auerordentlich leid, aber ich kann nicht anders handeln!"

"Hm--hm," stie Herr Knoop enttuscht und hchst unangenehm berhrt,
heraus. "Das ist ja sehr fatal!

"Sollten Sie sich aber nicht doch irren! Sollte wirklich mein Bruder Sie
geschdigt haben? Sie stehen doch bisher nur unter einer Vermutung. Und
ich bitte, noch etwas sagen zu drfen: Sie erklrten mir doch bei
unserer ersten Konferenz damals, da Ihre Frau Mutter vermgend sei. Wie
habe ich es zu verstehen, da nun mein Bruder sie um ihr ganzes Vermgen
gebracht haben soll?"

Klamm fhlte sich stark betroffen. Das war abermals eine Folge seiner
damaligen uerungen.

Was sollte er darauf entgegnen? Da ihm aber zum Besinnen keine Zeit
gegeben war, sagte er rasch und ohne uere Verlegenheit:

"Sie scheinen zu glauben, da ich nur nach einem Vorwande suche, mich
meiner Zusage zu entziehen, Herr Knoop. Ich versichere Sie, da ich mich
in der Person Ihres Herrn Bruders nicht irre. Schon fiel es mir gestern
abend auf, wie er gleich bei der Nennung meines Namens zusammenzuckte.
Was ferner den Widerspruch zwischen meinen damaligen und heutigen
Erklrungen anbetrifft, so hngen sie mit jenem Umstande zusammen, ber
den ich nicht sprechen kann, und um dessen willen Sie wnschen, da ich
Ihr Geschft wieder verlasse. Ich vermag mich auch jetzt nicht zu
erklren."

"Mir aber werden Sie es nachfhlen, Herr von Klamm, da mich alle diese
Dinge uerst stutzig machen mssen.

"Wenn auch alles gnstig fr Sie liegt, ich habe--ich wiederhole es--das
Vertrauen verloren, und da Sie abermals verweigern, Erklrungen zu
geben, so meine ich allerdings, da eine Trennung zwischen uns nicht
mehr zu umgehen ist."

"Und was soll mit Ihrem Herrn Bruder geschehen?" wandte Klamm, nachdem
er eine resignierende Miene angenommen hatte, ein.

"Ja--ja--das wei ich nicht," ging's zaudernd aus des Mannes Munde.
"Ich--ich kann's Ihnen ja nicht verdenken, wenn Sie wirklich einen
Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen! Ich befinde mich in einer
sehr bsen Lage. Immerhin ist's doch mein Bruder; immerhin handelt es
sich doch um die Ehre und das Ansehen meines Hauses.--Seine vllige
Entfernung aus Deutschland wre also die glcklichste Lsung."--

Klamm bewegte den Kopf mit einem bitteren Ausdruck. Dann sagte er:

"Nun, da es sich um Ihre Angelegenheit handelt, Herr Knoop, wnschen
Sie, da Nachsicht gebt wird. Es liegt ein Gaunerstreich vor, der
einer Familie das Vermgen kostete, der mich gezwungen hat, aus meinen
Lebensbahnen herauszutreten, ja, ich kann es sagen, der ein indirekter
Grund ist, da ich Ihnen etwas Unzutreffendes sagte,--da ich an ein
Mdchen gebunden sei!

"Aber diese Sache wollen Sie im Sande verlaufen lassen? Mich wollen Sie
um eines ungnstigen Scheines willen--wollen mich trotz Ihrer
anderweitigen Erfahrungen--abthun!"

"Sie haben doch selbst das Anerbieten gemacht, Herr von Klamm! Sie haben
erklrt, Sie wollten um meinetwillen den Eklat vermeiden."

"Gewi, ich wurde von meiner anstndigen Gesinnung geleitet. Nachdem Sie
mich aber interpellierten, wie es geschehen ist, entzogen Sie mir eine
gleiche Rcksicht. Die Dinge dieser Welt mssen, sollen sie einen
Ausgleich finden, auf Gegenseitigkeit beruhen."

"Sie haben recht und unrecht, Herr von Klamm! Aber jedenfalls hat--ich
wiederhole Gesagtes--das gute Einvernehmen zwischen uns durch die
Umstnde einen Bruch erlitten.

"Ich schlage Ihnen vor: Trennen wir uns in Frieden! Verschrfen wir den
Ri nicht durch eine Fortsetzung solcher Gesprche. Ich mache Ihnen den
Vorschlag, da Sie noch einige Zeit bleiben, um alles abzuwickeln, und
da wir dann von einander scheiden. Es trifft sich, da mein Sohn aus
dem Ausland zurckkehren will! So kann er an Ihre Stelle treten!"

"Ah--" ging's langgedehnt ber die Lippen Klamms, und er wollte
hinzufgen: "Nun ist mir alles verstndlich!"

Aber er sprach nicht mehr. Nur noch eine Verneigung erfolgte, aus der
hervorging, da er sich mit Herrn Knoops Vorschlgen einverstanden
erklrte.--

Er erfuhr auch nicht, in welcher Weise sich Herr Knoop mit seinem Bruder
auseinandergesetzt hatte. Er sah nur nach einer geraumen Weile Theodor
Knoop aus dem Hause treten und die Strae hinabschreiten.

       *       *       *       *       *

Klamm und Ileisa, die sich an einer von ihnen schriftlich vereinbarten
Stelle in der Bellevuestrae getroffen hatten, wanderten durch den
Tiergarten und nahmen die Richtung nach Charlottenburg.

Anfnglich stockte das Gesprch. Ileisa legte eine starke Befangenheit,
aber auch eine auffallende Unpersnlichkeit in ihrem Wesen an den Tag.
Sie sah sich wiederholt scheu um, ob man sie auch beobachte, und betonte
zu Klamms Enttuschung, da sie nur ihr Wort nicht habe brechen wollen,
da sie sich eigentlich anders entschlossen habe. Von jener versteckten
Hingabe, mit der sie ihm an jenem Abend das Herz hei gemacht und in ihm
so berechtigte Hoffnungen erweckt hatte, trat nichts zu Tage. Sie war
offenbar durch die letzten Geschehnisse vllig beeinflut. Sie nickte
nur mit ernst stummer Miene, als sie Klamm fragte, ob sie schon wisse,
da er das Knoopsche Geschft verlassen werde, und lste ihre Zunge erst
auf seine eindringlich zuredenden Worte.

Sie erklrte, da sich Herr Knoop sehr scharf geuert, da er alles
ausfhrlich errtert und auch die vollstndige Beipflichtung der Damen
gefunden htte.

Er habe gesagt, da die Unwahrheiten, die Klamm gesprochen, deshalb so
unentschuldbar seien, weil zu deren Aeuerung keine Ntigung vorgelegen
habe. Es sei sicher doch etwas mit seiner Vergangenheit nicht in
Ordnung. Der anonyme Briefschreiber habe ein Recht gehabt, vor ihm zu
warnen. Sein ganzer Lebensgang sei sehr abenteuerlich gewesen, und nicht
mit vollendeter Verstellungskunst freimtig hervorgebrachte Worte,
sondern Thatsachen wren in solchen Fllen entscheidend. Theodor Knoop
habe Klamms Beschuldigungen mit Entrstung zurckgewiesen. Aber noch
mehr! Er habe geuert: nicht er habe Klamm zu frchten, sondern Klamm
ihn! Er meine in ihm einen frheren bekannten, bel beleumdeten
Gelegenheitsmacher entdeckt zu haben, der schon wiederholt wegen sehr
bedenklicher Affren von sich reden gemacht habe.

Und nach diesen Mitteilungen geschah auch das, wovor Klamm schon
gefrchtet hatte, vor dem er zitterte:

Als er einen versteckteren Weg mit Ileisa beschritt und nun an das
letzte Gesprch auf dem Knoopschen Ball anknpfte, als er weich und
eindringlich auf sie einsprach, lsten sich schwere, langsam
niedertropfende Thrnen aus ihren Augen, die zwar auch ihm, aber
ebensosehr ihrer Enttuschung zu gelten schienen.

Und als sie sich endlich zu fassen wute, als sie auf sein Zureden die
Sprache wieder gewann, erklrte sie, da sich in ihr trotz schwerster
Kmpfe ein Mitrauen gegen ihn eingeschlichen habe, und da sie es auch
nicht abzustreichen vermge.

Klamm trafen diese Worte gradezu niederschmetternd. Die Welt um ihn
verdsterte sich. Er sah sich als ein Opfer der Verhltnisse
niedergeworfen.

Es wirkte auch nicht, da er nun Ileisa ein Gestndnis ber die Hergnge
ablegte.

Immer wieder las er in ihrem Angesicht: "Darf ich dir trauen? Bist du
nicht trotz deiner Worte doch der, als welchen dich der Briefschreiber
und Theodor geschildert haben?"

Namentlich schien auch Margarete auf sie gewirkt zu haben. Sie nahm an,
da er sich nicht zu verteidigen vermge, und sie sah, da er fr sie
fr immer verloren war.

Klamm empfing sonst aber auch heute die gnstigen Eindrcke, die er
whrend der wiederholten Begegnungen im Knoopschen Hause von Ileisa
erhalten hatte.

"Wir lebten," berichtete sie auf seine Bitte, ihm von ihrer Jugend und
Vergangenheit nheres zu erzhlen, "in sehr reichlichen Verhltnissen
auf einem meinem Vater gehrigen Gute in Schlesien. Bei einem
gelegentlichen, lngeren Aufenthalt in Berlin, machte er die
Bekanntschaft einer adeligen Abenteuerin, die ihn dermaen zu umstricken
wute, da er sich in der Folge oft wochenlang dort aufhielt, und ihr
auch, nachdem meine Mutter inzwischen vor Gram ber sein Verhalten
gestorben war, zuletzt fast sein ganzes Vermgen verschrieb. Nach
seinem, in meinem dreizehnten Lebensjahre erfolgten Tode strengte meine,
seit meinen Kinderjahren bei uns lebende, nunmehr Mutterstelle bei mir
vertretende Tante einen Proze gegen die Erbschleicherin an, der aber
nur den Ausgang hatte, da der uns verbliebene Kapitalrest noch mehr
geschmlert wurde.

"Dazu traten erhebliche Verluste, die durch Kursrckgnge an Papieren
entstanden, soda meine Tante nur so viel brig behielt, um mir eine
Erziehung geben und selbst unter den allerbescheidensten Ansprchen
existieren zu knnen. Meine, durch solche Vorgnge beeintrchtigte
Jugend hat mich frh ernst gemacht. Whrend meines spteren Aufenthaltes
in einem Mdchen-Seminar kannte ich nur Arbeit, Einschrnkungen und
Pflichterfllung. Vergngen, Abwechslungen gab es nicht. Aus dem einst
frohen, lebenslustigen Kinde wurde ein schwermtig bedrcktes Wesen, das
frh zu resignieren lernte, das sein ursprnglich starkes Temperament zu
zgeln gezwungen wurde.

"Ich habe zufolge solcher frhen Erlebnisse einen wahren Abscheu vor
allem Unsittlichen, vor allem Abweichenden und Extravaganten erhalten.
Ich habe erkannt, da nur die Hingabe an die idealen Dinge dieser Welt
einen Menschen glcklich machen kann, da nur weises Ma und
Beschrnkungsfhigkeit die Mglichkeit erffnen, den Konflikten mit dem
eigenen Ich und der Auenwelt erfolgreich zu begegnen.

"Meine Tante ist mir darin ein Vorbild. Wenn Sie einen Einblick in diese
gute, gerechte, selbstlose Natur empfingen, wrden Sie sagen, da es
doch noch Ausnahmemenschen giebt. Ihr will ich nachstreben; um ihr
meinen Dank an den Tag zu legen fr alles, was sie fr mich voll
Aufopferung gethan hat. Ich will alles vermeiden, was mich aus den
ruhigen Geleisen heraus in ein unsttes, mit Reue und Kmpfen
verbundenes Leben hineintreibt. Und sehen Sie! Das mag meine Haltung und
meine Entschlsse auch Ihnen gegenber rechtfertigen!"

Whrend sie noch so sprach, waren sie an die Ecke des Salzufers gelangt,
und grade wurde der nach dem Brandenburger Thor fahrende Pferdebahnwagen
sichtbar. Infolgedessen beschleunigte Ileisa ihren Schritt, uerte
durch Miene und sonstiges Benehmen, da sie die Gelegenheit zur Rckkehr
benutzen wolle und bot Klamm unter hastigen Worten die Hand.

"Verzeihen Sie, wenn ich mich von Ihnen verabschiede. Ich mu zurck;
schon ist's ber die Zeit. Haben Sie Dank fr Ihr Vertrauen; ich werde
es Ihnen nicht vergessen! Und mge es Ihnen gut gehen: ich wnsche es
von ganzem Herzen! Adieu--Adieu!"

Zu einer Einrede, zu einer neuen Abrede, zu einer Bitte vermochte Klamm
berhaupt nicht mehr zu gelangen. Sie that ihn ab fr immer. Und so
rasch entglitt sie ihm unter einem nochmaligen fast unpersnlichen
Kopfneigen, da er gar nicht zu der Ueberlegung gelangte, da er den
Wagen ebenfalls besteigen und dadurch noch in ihrer Nhe bleiben konnte.

Langsam, mit zerstreuten Gedanken, nahm er den Weg in der Richtung des
Brandenburger Thors zurck.

       *       *       *       *       *

Herr Knoop war in keineswegs guter Stimmung. Wenn er ehrlich mit sich zu
Rate ging, mute er einrumen, da er Herrn von Klamm trotz alledem
nicht htte gehen lassen, wenn nicht das unerwartet frhe Zurckkehren
seines Sohnes auf seine Entschlieung mitgewirkt, ja, da dieser Umstand
den Ausschlag gegeben habe.

Auch wurden ihm seine Aussichten, den Kommerzienrattitel zu erhalten,
sehr geschmlert. Er hatte mit Klamm darber gesprochen und dieser hatte
ihm--mit solchen Dingen vertraut--seine Beihilfe zugesagt.

Er kannte Peinlichkeiten, mit denen er, ohne Gefahr miverstanden oder
abgewiesen zu werden, sprechen, und bei denen er die Sache bereden und
Interesse dafr erwecken konnte.

Endlich aber hatten die Vorflle auch sehr strend auf die Plne
eingewirkt, die ihn in den Angelegenheiten seines Bruders geleitet
hatten. Da ihm niemand zur Verfgung gewesen war, der Theodor begleiten
konnte, war die Unterredung vorlufig ergebnislos verlaufen.

Er hatte ihm einstweilen auf seine Bitten einige hundert Mark gegeben
und ihm erklrt, er solle wegen des weiteren noch von ihm beschieden
werden. So war die Ausfhrung in der Schwebe geblieben, und Theodor so
bald wie mglich zu beseitigen, war doch mehr als je erforderlich.

Im Geschft befand sich niemand, mit dem Herr Knoop jemals ber seinen
Bruder gesprochen hatte. Er war in allen privaten Angelegenheiten sehr
verschwiegen. Er neigte gegen Theodor immer wieder zur Nachsicht, weil
der Familiensinn sehr stark in ihm ausgeprgt war. Theodor Knoop besa
zudem eine ungewhnliche Verstellungskunst. Er wute durch das
freimtige Eingestndnis seiner Fehler zu vershnen, und war sich der
Wirkung bewut.

Im brigen war noch allerlei, was der Erledigung harrte, und da Klamm
seinen Verstand und sein Nachdenken zu gebrauchen und seinen Vorteil zu
nutzen wute, trat zur Erhrtung der nun einmal eingerissenen
Entfremdung noch vor dessen Fortgange zu Tage.--

Er lie sich durch Adolf am folgenden Vormittag bei Herrn Knoop melden
und begann nach gegenseitiger knstlich unbefangener Begrung:

"Ich erachte es als zweckmig fr beide Teile, da unsere Trennung
sobald wie mglich stattfindet, Herr Knoop. Bevor sie jedoch nach unsern
bereinstimmenden Wnschen in freundschaftlicher Weise erfolgt, mchte
ich Ihnen etwas vortragen, das Sie sicher als berechtigt anerkennen
werden."

"Zuerst darf ich wohl voraussetzen, da Sie Ihrer Kundschaft und
Bekanntschaft meinen Austritt mit einem Zeugnis zur Kenntnis bringen,
wie es gerecht ist. Ich habe Ihrem Geschft die erwarteten Vorteile
zugefhrt, ich war von morgens bis abends in Ihrem Interesse thtig.

"Ich darf das Verlangen stellen, da die Motive, die Sie zur Kndigung
leiteten, unbedingt zwischen uns bleiben. Wenn Sie sie auch als
berechtigte erachten und ich, weil der Schein gegen mich spricht, ihren
Entschlu vergehe, so versteckt sich doch thatschlich hinter ihnen
nichts, was den geringsten Tadel gegen mich erwecken knnte. Sie mgen
bedenken, da es so ist, wenn ich Sie auch nicht zu berzeugen
vermochte.

"Und ferner: Ich darf von Ihrer bisherigen Kulanz erwarten, da Sie mir
mein volles Gehalt auszahlen!"

"Ich wei nicht, ob ich mir in einem Viertel- oder Halbjahr schon
wieder einen Erwerb werde verschaffen knnen."

"Dann noch etwas, Herr Knoop:

"Ich werde Ihnen vielleicht, ja sicher, Konkurrenz machen. Ich spreche
das gleich offen aus, damit Sie mich nicht spter einer unkorrekten
Handlungsweise zeihen!"

Und Knoop erwiderte:

"Gegen Ihren sofortigen Austritt habe ich nichts einzuwenden, Herr von
Klamm. Auch bin ich bereit, Ihnen ein ganzes Vierteljahrhonorar und die
Hlfte einer weiteren Quartalrate bei meiner Kasse anzuweisen. Mehr
bedaure ich nicht bewilligen zu knnen. Es htte in Ihrer Hand gelegen,
in meinem Geschft zu bleiben, wenn Sie meiner Bitte um offene
Darlegungen Ihrer Handlungsweise entsprochen haben wrden. Da Sie es
verweigerten, waren Sie--nicht ich--schuld an unserer Trennung. Ueber
die inneren Vorgnge, die Ihren Austritt veranlaten, werde ich nicht
sprechen. Das gewnschte Zeugnis werde ich Ihnen ausstellen."

"Konkurrenz mu sich jeder gefallen lassen. Ich htte lieber gesehen,
Sie htten auf solche Plne verzichtet--natrlich--ich bedaure sogar,
da ich Sie nicht in dem Vertrage zwischen uns, dazu verpflichtet
habe--aber ich vermag nichts einzuwenden."

Die Gegenrede war sehr khl gehalten. Sichtlich kostete es Knoop Mhe,
auch nur so zu sprechen.

Und so blieb und wurde dann auch alles.

Schon am folgenden Vormittag machte Klamm den Damen seinen
Abschiedsbesuch, und die Damen lieen sich verleugnen.

Den Redaktionsmitgliedern, die ihm, wie er wute, meist feindselig
gesinnt waren, sandte Klamm nur seine Karte. Von denen im Geschft, die
ihm wohlwollten, die seinen Fortgang bedauerten, verabschiedete er sich
persnlich.

Als er am vierten Tage nach der erwhnten Unterredung bei Herrn Knoop
nach vorangegangenem Klopfen und "Herein" eintrat, fand er Theodor Knoop
dort, und die Blicke der beiden Mnner trafen sich, ohne da sie einen
Gru wechselten, mit einem Ausdruck von Feindseligkeit.

Klamm ging bei dieser letzten Verabschiedung mit dem Gefhl von dannen,
da er fortan nicht nur in dem Bruder Theodor, den er bisher noch
geschont hatte, einen unerbittlichen Gegner haben werde, sondern, da er
sich auch das Wohlwollen des Herrn Knoop vollstndig verscherzt habe.

       *       *       *       *       *

Den ersten Schritt, den Klamm nach seiner Entfernung aus dem Knoopschen
Geschft unternahm, richtete er ins Polizeiprsidium. Er hatte sich
vorher erkundigt, an wen er sich wenden mute, und fand auch bei dem
Abteilungschef eine sehr hfliche Aufnahme und ein bereitwilliges Ohr.

Nach eingehender Darlegung der Umstnde empfing er die Zusage, da ihm
vorlufig fr die nchsten acht Tage ein Geheimpolizist zur Verfgung
gestellt werden sollte, der gegen Personen, welche sich bei Klamms
Ausgngen durch Verfolgung seiner Schritte verdchtig machen sollten,
vorzugehen haben wrde.

Aber Klamm traf auch Manahmen, um sich ber Theodor Knoops
Persnlichkeit eine Gewiheit zu verschaffen.

Da er bei der ersten Konferenz erfahren hatte, da jener in einem Hotel
in der Jgerstrae wohne, fuhr er mit seiner Mutter am nchsten Morgen
dorthin, lie die Droschke in angemessener Entfernung halten und zog bei
dem Portier Erkundigung ein, wann Herr Knoop auszugehen pflege.

Er empfing die Antwort, da ein Herr Knoop dort berhaupt nicht wohne,
aber allerdings ein Herr, der zu der von Klamm gemachten Betreibung
passe, und sich Ulmer nenne.

Er sei noch auf seinem Zimmer; er wre whrend der Zeit, in der er im
Hotel wohne, meist morgens zwischen neun und zehn fortgegangen.

Nach diesen Ausknften begab sich Klamm zu seiner Mutter zurck, um ihr
zunchst das Ergebnis dieser Unterredung mitzuteilen.

Ulmer hatte sich Knoop damals nicht genannt. Also in dieser Beziehung
gewhrte die angestellte Ermittlung keinen Anhalt. Frau von Klamm
bettigte wiederholt, da Knoop bei den damaligen Verkaufsverhandlungen
als Agent aufgetreten sei, da er die Sache in die Wege geleitet, die
ungeheuren Vorteile gerhmt und den Wert der statt Geld zu zahlenden
Papiere in den Himmel gehoben habe.

Spter waren zwei andere Herren, die sich Malch und Wendt genannt, in
Aktion getreten. Der groe Preis hatte die arglose Dame verfhrt, sehr
rasch ohne mit ihrem damals im Ausland befindlichen Sohne in Verbindung
zu treten, abzuschlieen. Sie hatte ihn durch den glcklichen Erfolg
berraschen wollen, ein Erfolg, der sich allerdings als ein uerst
trauriger Irrtum insofern herausgestellt hatte, als sich die
Industriepapiere, die sie neben der kleinen Auszahlungssumme von den
Kufern in barem Gelde empfangen, als vllig unverkuflich, also wertlos
herausgestellt hatten.

Reue, Scham und Schmerz hatten sie nach der Entdeckung abgehalten,
ihrem Alfred--nunmehr aus diesen andern Grnden,--Mitteilung zu machen,
bis er dann aus dem Ausland zurckgekehrt und nichts mehr zu
verschleiern gewesen war. Das Gut war seit dem damaligen Verkauf schon
wieder dreimal in andere Hnde bergegangen. Die als Kufer um jene Zeit
genannten Personen waren, da sie sich falscher Namen bedient, nicht mehr
zu ermitteln gewesen, und nur ihr Aussehen hatte Frau von Klamm ihrem
Sohne immer wieder beschreiben, nur die Namen ihm mitteilen knnen.

Der Verdacht, der in Klamm aufgestiegen war, hatte sich zur Gewiheit
verstrkt, weil Theodor, wie erwhnt, ein uerst unsicheres Wesen bei
der Nennung des Namens Klamm an den Tag gelegt hatte.--

Das Ergebnis dieser an diesem Morgen angestellten Untersuchung verlief
vllig nach Voraussetzung. Es gelang Klamm und seiner Mutter, Theodor
Knoop, als er aus dem Hotel trat, gengend in Augenschein zu nehmen, und
Frau von Klamm vermochte mit unbedingter Sicherheit festzustellen, da
er mit jenem Agenten identisch sei.

Nun konnte Klamm Friedrich Knoops Anstandsgefhl anrufen, wenigstens
einen Teil der Veruntreuungen, die sein Bruder an seiner Mutter und an
ihm verbt, zurckzuerstatten.

Bei nherer Ueberlegung hatte er sich gesagt, da es ein bertriebenes
Zartgefhl sei, nicht wenigstens den Versuch zu machen, das Ehrgefhl
des Bruders anzusprechen.

Im brigen war Klamms Sinn schwer verdstert. Ileisas Verhalten
hatte--abgesehen von der ungeheuren Enttuschung--einen gewaltigen
Aufruhr in ihm hervorgerufen. Immer wieder hefteten sich die Folgen der
Verleumdung an seine Fersen!

Der Austritt aus dem Knoopschen Geschft wrde ihm--wie anderweitige
Erfahrung in solchen Fllen lehrte,--berall zu seinen Ungunsten
ausgelegt werden, und endlich stand er wiederum vor einer leeren
Luftschicht und sollte sich aus dem Nichts Neues herausholen.

Das Selbstvertrauen, das er seiner Mutter und Knoop gegenber an den Tag
gelegt, war in Wirklichkeit stark beeintrchtigt, und erst allmhlich
entwickelte sich aus dem Unmut, dem Schmerz, der Verbitterung und
Enttuschung, der Entschlu, seinerseits jeden Gedanken an das sprde
Mdchen vllig von sich abzuthun und in Zukunft nur seinen Zielen und
Erfolgen zu leben!

Zunchst nahm er sich vor, gleich am nchsten Tage nach Dresden zu
reisen, bei der Frau, die er einst geliebt, einen Eingang zu
ermglichen und sie auszuforschen. Es hatte sich seiner ein solches
Gefhl trotziger Auflehnung bemchtigt, da er die Ermittlungen der
Berliner Polizei nicht abwarten wollte. Vielleicht vermochte er die
Manahmen der Behrde zu untersttzen, vielleicht ohne sie zum Ziele zu
gelangen. Jedenfalls wollte er aus dem bisherigen Zustande des Abwartens
heraus!------

       *       *       *       *       *

Am Tage der Ankunft Klamms in Dresden sa in einer reizvoll
zurckgelegenen Villa in der Neustadt vormittags eine Dame der vornehmen
Gesellschaft in ihrem Kabinett.

In einen seidenen Morgenrock gehllt, umgeben von Pariser Mbeln und
kostbaren Kunstgegenstnden, lehnte sie sich in einen weichgepolsterten,
mit Damast bezogenen Stuhl zurck, putzte an den Ngeln ihrer weien,
zierlichen Hnde und horchte auf den Bericht eines vor ihr gehenden
Mannes.

Er war nach Art jener die herrschenden Moden beobachtenden
Persnlichkeiten gekleidet, die zwar ein Auge dafr besitzen, was den
Leuten der bevorzugten Gesellschaftsklassen gefllt, die aber bei der
Wahl der Stoffe und des Schnittes wegen ihres eigenen Mangels an gutem
Geschmack fr sich selbst allezeit fehlgreifen. Auch besa er die grobe
Gesichtsfarbe und jenen gewissen unsicheren Ausdruck in den Zgen, der
dem gewhnlichen Mann schon Mitrauen einflt, die Erfahrenen aber
abhlt, sich mit ihnen, sofern sie sie nicht fr ihre Zwecke durchaus
brauchen, berhaupt einzulassen.

"Ich bin hergekommen, um mir fernere Verhaltungsmaregeln zu erbitten,
meine Allergndigste!" hub er an. "Es war das von Ihnen befohlen, sobald
in Herrn von Klamms Lebenslage eine Aenderung eintreten wrde.

"Ich habe zu melden, da er das Knoopsche Geschft schon wieder
verlassen hat.

"Auch ist allerlei Auffallendes in diesen Tagen geschehen. Er hat mit
seiner Mutter zusammen einen Fremden, der in einem Hotel in der
Jgerstrae wohnt, versteckt beobachtet. Dieser Fremde ist, wie ich
wei, weil ich ihn persnlich kenne, der Bruder seines bisherigen Chefs.
Was aber die gndige Frau besonders interessieren wird, ist die
Nachricht, da er offenbar mit der Gesellschafterin im Knoopschen Hause
ein Verhltnis angeknpft hat.

"Ich bin ihm gefolgt, whrend er mit ihr ein Rendezvous im Tiergarten
hatte, und schliee aus diesem Umstand wohl nicht mit Unrecht, da seine
Entlassung damit im Zusammenhange steht."

"Ah--ah! Das sind ja interessante Neuigkeiten, Herr Numick.--Ich mu
Nheres, Ausfhrlicheres hren," fiel Frau von Krtz mit lebhaftem
Ausblick ein, ntigte ihren Agenten nunmehr zum Sitzen und lie sich von
ihm erzhlen. Und er gab zum Besten, was Wirklichkeit war und was er, um
den Wert seiner Dienste zu erhhen und sich dadurch einen greren
Anspruch auf Belohnung zu sichern, ohne Skrupel aus seiner Phantasie
hinzufgte.

"Was Sie ferner thun sollen?" bemerkte dann am Schlu seines Berichtes
die Dame.

"Sie sollen mir melden, was Herr von Klamm Neues beginnt oder einleitet,
welchen Verkehr er frder pflegt, besonders aber, ob sich Ihr Verdacht
besttigt, da er mit dem Frulein eine ernstliche Beziehung angeknpft
hat."

Der Ehrenmann verbeugte sich ehrerbietigst. Dann sagte er:

"Und sollen die Briefe wieder abgesandt werden, in denen vor ihm gewarnt
wird? Sollen sie denselben Inhalt haben?"

"Nein," entgegnete die Dame in einem raschen Ton und lie einen
vershnlichen Ausdruck in ihren Zgen erscheinen.

"Das will ich berhaupt nicht mehr fortsetzen! Ich bedaure eigentlich
sogar, da es geschehen ist.--Ich bin Ihnen da gefolgt, aber es ist im
Grunde nicht mein Geschmack, es ist auch trotz der vorsichtig
gehaltenen Fassung sicherlich bei einer Entdeckung keineswegs ohne
Gefahr.

"Da ich diesem Manne eine Strafe fr seine Treulosigkeit gegen mich
gewnscht habe, ist menschlich,--begreiflich. Er hat mehr als unrecht
gegen mich gehandelt. Aber enfin--Was hat mein Vorgehen gentzt? Er hat
doch seine Zwecke erreicht. Er ist eben einer, dem niemand
widersteht.--Nein, nein, das nicht, das will ich unter keinen Umstnden
fortsetzen! Ich will nur ferner wissen, was er thut und treibt. Hren
Sie, Herr Numick?"

Nachdem sie ihn fr seine Dienste belohnt, ihm noch etwas hinzugefgt,
auf dessen Anwartschaft er in ausfhrlicher Rede hingewiesen hatte,
verlie sie ihn.--

       *       *       *       *       *

Am Abend eines der nchstfolgenden Tage gab Frau von Krtz ein Fest,
einen Maskenball. Alles, was Dresden an bevorzugten Persnlichkeiten
besa, alles, was zur Gesellschaft gehrte, war geladen. Seit einer
halben Stunde wogte schon eine buntgekleidete Menschenmenge in den
weitlufigen, strahlend erleuchteten Rumen der Villa auf und ab,
schwatzte, lachte und trieb jenen lustigen Schabernack, der zu der
ausgelassenen Frhlichkeit einer Karnevalsstimmung gehrt. Wundervolle
und auch sehr eigenartige, das Auge fesselnde Kostme waren von den
Gsten gewhlt.

Da fehlte von bekannten Masken weder ein Pierrot, noch eine Colombine,
weder der Tanzbr, noch der Brieftrger, weder das Baby, noch die
Knigin der Nacht.

Aber man sah auch eine besponnene Eau de Cologne-Flasche, die
fortwhrend ihren duftenden Inhalt spendete, und einen indischen
Frsten, dessen Seidengewand mit Edelsteinen bedeckt war, aus denen
fortwhrend elektrische Funken sprhten.

Ein Gast trug ein Gewand, das ein Gesicht darstellte, dessen Zge einen
unerbittlich kalten Ausdruck besaen. Auf seinem Rcken war ein Schild
befestigt, auf dem geschrieben stand: "Ich bin die ffentliche Meinung."
Auch erregte eine schlanke Dame Aufsehen, die in weie Seide gekleidet
war und nur ein einziges, groes dunkles Auge, statt deren zwei, und
zwar mitten auf der Stirn hatte.

Sie erklrte, da sie der letzte Nachkomme des Riesen Polyphem sei, mit
dem einst Ulysses ein Tnzchen habe bestehen mssen.

Und so fort. Immer war etwas Neues zu sehen. Die Geladenen hatten es an
Anstrengungen ihrer Phantasie und an krftigen Griffen in ihre
Geldbrsen nicht fehlen lassen.

Die Wirtin, Frau von Krtz, hatte beim Empfang der Gste keine Maske
vorgesteckt, es hing ihr jedoch eine, sichtbar und erkennbar, am Grtel.
Nicht aber mit dieser bedeckte sie--zur besseren Tuschung der sie
Ansprechenden--spter ihr Angesicht, sondern mit einer anderen, zarten.
Auch das Gewand hatte sie rasch in ihrem Ankleidegemach abgestreift und
war in ein fr diesen Abend nach ihren Ideen angefertigtes Kostm
geschlpft.

Sie stellte eine Undine dar. Grnes Schilf hing in ihrem Haar. Ihren
Leib umspannte ein silberner Grtel. Silberne Schuhe bedeckten ihre
Fe, die Augen in der fr die Blicke freien, weiseidenen Maske
blickten trumerisch, und mit einem, wie von Mondesglanz durchleuchteten
Schilfwedel berhrte sie die sich ihr Nahenden und bat sie, sie einmal
in ihrem Geisterreich am Undinensee zu besuchen.

"Und wo ist der?" fragte eine dunkelschwarze Gestalt mit verhlltem
Haupt und fast verhlltem Angesicht.

"Wo? Wenn du fragst, bist du nicht berufen, in meinem Reiche zu
erscheinen. Das mu dir dein Herz, dein Verlangen, deine Sehnsucht
selbst beantworten!"

"Ich hatte dieses Verlangen, diese Sehnsucht! Aber ich ward betrogen!
Das Reich der Schnheit fand ich, der klugen Kunst, aber nicht das Reich
der Wahrheit. Als ich es einst betrat--fand ich keine engelhafte Undine,
vielmehr eine launenhafte, von Eindrcken abhngige, in der Liebe
Unbestndige, ja, der echten Treue Entbehrende und des Besitzes
Unwerte--"

"So whltest du den unrechten Pfad, einen, der nicht zu mir fhrt. Dann
wrest du bei einer meiner Schwestern, deren ich viele besitze, die aber
nicht zu den reinen Geistern gehren!--Komm zu mir und du wirst
erfahren, was eine echte Undine fr Schtze zu bieten hat."--

Sie nickte und war verschwunden. Er aber folgte ihr durch das Gewhl der
Masken, und nachdem er sich in einer versteckten Ecke rasch und
geschickt ein Brustschild vorgesteckt hatte, auf dem sich ein Totenkopf
und die Worte: "Mitglied der heiligen Inquisition" befanden, wute er
ihr abermals am Eingang des in der Villa befindlichen Wintergartens zu
begegnen. Und nachdem er sie angehalten, sagte er:

"Hre, Undine! Ich bin erschienen, um dich zur Rechenschaft zu ziehen!
Du verfolgst durch anonyme, herabsetzende und verdchtigende Briefe
einen Ehrenmann, schdigst ihn an seinem Ansehen, seiner Ehre und
seinem Fortkommen. Du begehst gemeine, einer edlen Seele unwrdige,
verbrecherische Handlungen!

"Herunter mit der Maske der Sanftmut, Tugend und Weiblichkeit! Erklre,
da du bereust, da du dein unerhrtes, strafwrdiges Treiben einstellen
willst!

"Geschieht es nicht, so ist es mein Wille, hier jetzt laut zu erklren,
was du gethan, wer mich hergesandt hat, was meines Amtes ist. Ich werde
die Maske abstreifen und dich im Namen des Gesetzes verhaften!

"Nun whle rasch! Bekennst du, so wirst du mir morgen eine schriftliche
Erklrung abzugeben haben, eine, von deren Inhalt dann nichts in die
Oeffentlichkeit dringen soll; auch die Strafe wird dir erlassen werden,
dir und deinem Helfershelfer--der, nachdem er lange beobachtet und
inzwischen berfhrt wurde,--bereits ein Gestndnis abgelegt hat!"

Alles war in raschem Flu gesprochen und in einem Tone der
Entschiedenheit, der Frau von Krtz nicht darber in Zweifel lie, da
es sich nicht um einen zufllig auf sie passenden Scherz, sondern um
etwas sehr Ernstes, um das wirklich handelte, was ihr schuldbewutes
Inneres belastete.

Vllig entmutigt und geschlagen aber wurde sie, als der Mann, der in
der unheimlichen Maske vor ihr stand, die letzten Worte geredet hatte.

Wenn Numick gestanden hatte, half kein Leugnen!

Sie sprach deshalb--rasch entschlossen, jedoch in kluger Berechnung:

"Ob Maskenscherz oder Ernst--ich vermag nicht zu beurteilen, was dich
reden lt, Mitglied der heiligen Vehme!

"Jedenfalls erwarte ich dich morgen mittag zu einer Besprechung in
meiner Wohnung. Fr jetzt achte das Gastrecht und lasse uns in Frieden
ziehen!"

Nach dieser Antwort streckte sie ihm--uerlich auch jetzt noch mit
leichter Unbefangenheit und unter anmutiger Geberde,--die Hand hin und
wollte von ihm zurcktreten.

Er aber hielt sie und sprach mit nunmehr unverstellter Stimme:

"Zu Ihnen redete Freiherr, Alfred von Klamm! Er will--eingedenk frherer
Beziehungen--Ihrem Wunsch stattgeben. Er wird morgen mittag bei Ihnen
erscheinen und die Angelegenheit weiter besprechen!"

"Ah--Klamm--also wirklich--Sie!?" stie die Frau in hchstem Erschrecken
heraus. Ihre Stimme bebte, auch ihre Gestalt. Sie mute sich an den
Thrpfosten lehnen, um nicht einer Schwche zu unterliegen. Er aber
wute sie unauffllig zu sttzen und flsterte:

"Ich verlasse jetzt die Villa, damit Sie sich ohne Zwang Ihren Gsten
ferner zu widmen vermgen. Im brigen: Es bleibt bei unserer Abrede! Sie
wollen es mir nochmals besttigen!"

"Ja, auf morgen!" drang in einem gefgigen Ton an sein Ohr, whrend er
sich nun rasch zurckzog. Grade wlzte sich auch wieder ein Schwarm von
Masken heran, der den Wintergarten betreten wollte, aber auch Diener
erschienen, die Champagner und andere Getrnke darboten. Und sie schob
die Maske beiseite, griff nach einem Glase und strzte den Inhalt
hinunter.

Jetzt erst gewann sie wieder die alte Fassung und Sicherheit zurck.--

       *       *       *       *       *

Mit klopfendem Herzen erwartete Frau von Krtz am folgenden Morgen den
Besuch ihres einstigen Anbeters, des Freiherrn von Klamm. Er war whrend
seines frheren Aufenthaltes in Dresden ein tglicher Gast in ihrem
Hause gewesen, hatte sich von ihrer Liebenswrdigkeit bestricken lassen
und ihr zuletzt einen Antrag gemacht.

Nachdem er aber erfahren und Beweise dafr empfangen hatte, da sie
nach der Zeit noch eine sehr wenig angesehene Persnlichkeit, einen
Grafen Dyk, trotz ihrer gegenteiligen Versicherungen in spten
Abendstunden bei sich empfangen, sich auch sonst verschiedener, fr sie
nicht passender Abweichungen schuldig gemacht, hatte er ihr ohne weitere
Erklrungen einen Absagebrief geschrieben und auch in der Gesellschaft
erklrt, da er die Beziehungen zu ihr rckgngig gemacht habe.

Auf Nachfragen hatte er erklrt, sie besitze nicht die Eigenschaften,
die er bei ihr vorausgesetzt habe. Nachdem wiederum ihr dies bekannt
geworden, hatte sie die Schuld auf ihn geladen und ihn des Wortbruchs
angeklagt.

Freilich waren ihre erregten Gefhle schon bald wieder einer milderen
Auffassung gewichen. Es war nur eine durch ihre leidenschaftliche Liebe
zu ihm hervorgerufene Eifersucht geblieben, aber eben die hatte sie
verfhrt, gegen ihn dann in der bekannten Weise vorzugehen.--

Als der Diener ihr das Erscheinen Klamms meldete, befand sie sich in
solcher Spannung, da sie fortwhrend die Farbe wechselte. Nur unter
Aufbietung aller ihrer Krfte, vermochte sie ihm mit einem einigermaen
gelassenen Wesen zu begegnen.

Klamm beobachtete, als er ihr gegenbertrat, die Hflichkeit eines
Kavaliers, der einer Dame der Gesellschaft zum erstenmal einen formellen
Besuch macht. Nachdem er sich vor ihr mit ernster Artigkeit verbeugt
hatte, sah er sie mit unpersnlichem Ausdruck an, und sprach zu ihr, die
wiederholt zur Dmpfung ihrer Erregung die Hand auf die Brust drckte,
in kurzen, scharfabgerissenen Stzen:

"Wir wollen uns kurz und bndig auseinandersetzen, gndige Frau. Ich
mute die Verlobung zwischen uns aufheben, weil Sie, gegen Ihre
feierliche Ansage, einen zweifelhaften Menschen bei sich empfingen, ja,
ihm bis zwei Uhr in der Nacht den Aufenthalt bei Ihnen gestatteten.
Ueberdies wurde mir bekannt, da Sie mir allerlei Beziehungen, die Sie
gehabt, verheimlicht hatten. Sie thaten es, obschon ich Sie gebeten,
sich rckhaltlos zu uern, Ihnen bemerkt hatte, da ich Ihnen nichts
nachtragen wrde.

"Ich mute infolgedessen frchten, mich in unserer Ehe gleichen
Abweichungen auszusetzen, und so that ich, was geschehen ist. Ich hob
unsere Verlobung auf. Da es mir nicht leicht wurde, will ich Ihnen
bekennen. Ich liebte Sie mit allen zrtlichen Gefhlen eines Mannes.

"Sie haben sich nun dafr in der Ihnen gestern vorgehaltenen Weise
gercht! Sie haben einen Mann, den Sie zu lieben vorgaben, der nur auf
Grund Ihrer Handlungen sich so entschlieen mute, derartig verfolgt und
verdchtigt, da er trotz des allerredlichsten Bemhens, heute wiederum
vor dem Nichts steht."

Nach diesen Einleitungsworten schilderte Klamm ihr alle Folgen ihrer
Nachstellungen, berichtete ihr ber Knoop, sprach von seiner Wirksamkeit
und der Lsung seiner Beziehungen. Endlich teilte er ihr auch mit, da
er neuerdings die Berliner Polizei zur Hilfe gerufen, und da ihm nach
Dresden berichtet sei, da ein gewisser, sehr anrchiger Numick in ihren
Diensten stehe!--

Sie hatte ihn nicht einmal unterbrochen. Als er nun aber geendet, sagte
sie weich:

"Und was soll ich zur Shne thun, Herr von Klamm?"

Nur das sprach sie, und sah ihn mit einem demtigen Blick an.

"Sie mssen das Schriftstck, das ich mitgebracht habe, unterzeichnen.
Ueberdies wnsche ich von Ihnen, die Sie eine reiche Frau sind, ein
greres Kapital zur Begrndung einer sicheren Existenz. Dieses Kapital
werde ich Ihnen verzinsen und nach und nach zurckzahlen. Wohlthaten
will ich von Ihnen nicht, ich will aber, da Sie Ihr Unrecht dadurch
gut zu machen suchen, da Sie mir die Mittel zu meiner Rehabilitierung
zur Verfgung stellen.

"Man knnte sagen: es sei den Vorgngen mehr entsprechend, da ich Sie
den Gerichten berlieferte und sie der Verachtung anderer und eigener
Verachtung preisgbe! Aber mir fehlt die Veranlagung zu einem
sentimentalen Stolz. Ich habe zu viel gesehen und erfahren, um mich ber
irgend etwas zu wundern.

"Infolgedessen lehrte mich das Leben, eher zu versuchen, aus dem
Ungnstigen das Gnstige herauszuziehen, mit redlichen Mitteln, aber
ohne Hingabe an eine unntzliche Empfindlichkeit oder ein unfruchtbares
Grbeln.

"Ich will schlieen, indem ich sage:

"Sie haben in Ihrer Leidenschaft gehandelt. Das mag Sie ein wenig,
vielleicht mehr, als sonst eine solche Handlungsweise verurteilt zu
werden verdient, entlasten. Ich erwarte nun Ihre Antwort."

Und Frau von Krtz entgegnete ohne Besinnen:

"Ich bitte, lassen Sie mich das Schriftstck lesen, das ich
unterzeichnen soll."

Er reichte es ihr; es lautete:

"Ich erklre, da ich den Freiherrn Alfred von Klamm infolge einer
starken Enttuschung verleumdete. Ich besttige indessen aus freiem
Antriebe, da ich ihn als einen vollkommenen Kavalier schtzen und
lieben lernte, und deshalb mein Vergehen tief bereue."

Hierauf legte er ein anderes, von ihm entworfenes Aktenstck in ihre
Hnde, das folgenden Inhalt besa:

"Ich, der unterzeichnete Freiherr Alfred von Klamm, bekenne, von der
verwitweten Baronin Adelgunde von Krtz, geborene Grfin Dugos in
Dresden, die Summe von.... Mark als Darlehn erhalten zu haben und
verpflichtet zu sein, dieses Kapital baldmglichst, jedenfalls in
fnfzehn Jahresraten zurckzuzahlen, auch ihr mit Beginn des
nchstfolgenden Jahres dafr vier Prozent, in Vierteljahresraten
zahlbar, zu vergten."

"Und wie viel wnschen Sie, und wann wnschen Sie das Geld zu haben,
Alfred? Wollen Sie es nicht ohne Schuldschein von mir annehmen?" fragte
Frau von Krtz, in der Ueberwallung ihrer Gefhle wieder den Ton
frherer Zeiten anschlagend. Ein feuchter Schimmer erschien in ihren
Augen, auch streckte sie ihm ihre kleine Rechte mit demtig flehendem
Ausdruck entgegen.

Klamm aber verneinte stumm.

"Nein, gndige Frau! Ich nehme von Ihnen nur, was ich nehmen mu, und
lediglich um nicht infolge Ihres Vorgehens unterzugehen.

"Ich verspreche Ihnen, da ich nur bestimmte Personen in das von Ihnen
zu unterzeichnende Schriftstck Einsicht nehmen lassen werde.

"Und ferner:

"Ich erbitte das Geld, sobald Sie es flssig machen knnen! Und die
Summe? Die Summe? Soll das Unternehmen, das ich plane, gengend fundiert
werden, brauche ich den Betrag von 100000 Mark!"

"Wohlan! Ich bitte Sie, morgen nachmittag sechs Uhr bei mir zu sein,
dann werde ich es Ihnen einhndigen."--Und indem sie sich erhob und ihn
mit einem liebewarmen Ausdruck anblickte, sagte sie:

"Ich bitte--ich flehe Sie an, vergessen, verzeihen Sie! Sie haben selbst
zutreffend die Grnde angefhrt, die mich fehlen, straucheln lieen.

"Und nicht wahr? Morgen! Ich gebe Ihnen dann auch die Unterschrift.
Und--und Geld! Ich bin ja reich! Ich kann es entbehren. Wollen Sie nicht
mehr?"

"Ich danke, gndige Frau--es gengt."

Er griff nach seinem Hut und wandte sich von ihr ab.

"Alfred--Alfred!" stie die Frau unter schmerzlichem Schluchzen hervor.
"Knnen Sie wirklich so von mir gehen?"

Einen Augenblick kmpfte Klamm. Dann aber sah er sie, statt ihrem Anruf
Folge zu leisten, mit fremdem Ausdruck an, verbeugte sich frmlich und
mit einer ablehnenden Bewegung und verlie das Zimmer.

Sie aber warf sich, nachdem er gegangen, in die Sofaecke und weinte sich
aus.--Es gab fr sie nur einen wahrhaft liebewerten Menschen in der
Welt. Er war eben gegangen!--

       *       *       *       *       *

Whrend Klamm den Weg zu dem Hotel einschlug, in dem er Wohnung
genommen, fhlte er sich in seiner Stimmung sehr gehoben. Er hatte durch
sein gewagtes, fast ein wenig abenteuerliches, aber wohlberlegtes
Vorgehen alles erreicht, was er nur wnschen konnte.

Bei seinen Erkundigungen nach Frau von Krtz hatte er zufllig erfahren,
da sie im Begriff stehe, einen Maskenball zu geben, und gleich war in
ihm der Gedanke aufgestiegen, sich unter dem von ihm gewhlten Domino in
ihren Rumen einzufinden.

Freilich wirkte auch gegenwrtig noch etwas auf sein Gemt und seine
Sinne, das er nicht im entferntesten vorausgesehen.

Die Frau, die er in jener Zeit leidenschaftlich geliebt hatte, war ihm
in einem beraus vorteilhaften Lichte erschienen. Ihre Erscheinung und
ihr Wesen hatten wieder so sehr auf ihn gewirkt, und die Art ihrer Bue,
ihre Weichheit und das neue Bekenntnis ihrer Liebe ihn von neuem
derartig fr sie eingenommen, da er--den das Leben so rcksichtslos
mitgenommen,--nicht nur bedauerte, nicht in diesen sicheren Hafen
eingelaufen zu sein, sondern weislich berlegte, ob nicht doch ein
Bndnis mit ihr mglich sei.

Er streifte dann sogleich alle Sorgen ab, die Sorge fr sich und seine
Mutter. Aber noch mehr! Er vermochte denen mit der Miene stolzen
Selbstgefhls zu begegnen, die sich ber ihn zu stellen gewagt hatten,
die nichts von dem freieren Sinn besaen, der ihm selbst innewohnte.

Ileisa konnte keinen gerechten Tadel gegen ihn erheben! Er hatte um sie
geworben, und sie war ihm--beeinflut durch ihre Umgebung--als eine
vllig andere, als er sich vorgestellt, als sie sich an jenem Abend
gegeben, khl, ja abweisend begegnet.

Es blieb also nur die Dresdner Gesellschaft, mit der er zu rechnen
hatte! Und da stutzte freilich Klamm! Die Winde wrden von Berlin nach
Dresden tragen, da etwas dort nicht richtig gewesen sei! Und da er ein
Charakterloser sei, wurde dadurch erhrtet, da er sich nunmehr wieder
mit der vereinigte, die er seinerzeit so geschmht hatte. Auch
schlichen sich, nachdem sich diese Ueberlegungen in ihm festgesetzt
hatten, die alten Bedenken in seine Seele, ob er mit Adelgunde von Krtz
auf die Dauer glcklich werden wrde.

Und das, grade das, erfllte ihn schon bei dem bloen Gedanken mit Sorge
und Bedenken.

Grade der Lebemann, grade der, sagte er sich, der einen tieferen
Einblick in die Gesellschaft gethan, der gesehen hatte, wie uerlich
und grundsatzlos sie durchweg war, schaute in erster Linie nach einem
Weibe aus, bei dem er sich vor solchen Gefahren geschtzt wute.

Er wollte sich endlich retten aus dem groen Scheinleben. Er wollte
unter allen Umstnden ein reines Haus haben und mit all dem Eklen, das
auf ihn selbst eingedrungen war whrend seiner Wanderjahre drauen,
abschlieen.

       *       *       *       *       *

Nach diesen Ereignissen waren einige Monate vergangen. Whrend dieser
Zeit hatte der Freiherr Alfred von Klamm, schwer erkrankt, in der Villa
der Frau von Krtz in Dresden gelegen.

Er hatte gedacht, das Schicksal aber anders entschieden!

Als er am Mittag des nchsten Tages den Weg zu Frau von Krtz genommen,
war ihm schon sehr schlecht gewesen.--Eine eigentmliche Mattigkeit
hatte in seinen Gliedern gesessen. Kalter Frost war ihm ber den Krper
gerieselt, und diesem krperlichen Unbehagen hatte sich auch noch eine
starke Gemtsbeschwerung hinzugesellt. Trotzdem war er gegangen! Er
wnschte, sobald wie mglich, Dresden wieder zu verlassen; er stand
unter der Furcht, da er hier wrde ein Krankenlager aufschlagen mssen.

Auch wollte er Begonnenes zu Ende fhren! Darum war er doch eben
hergekommen! Aber schon nach der ersten Gesprchseinleitung hatte ihn
abermals eine solche Schwche ergriffen, da er Frau von Krtz um eine
Strkung hatte bitten mssen. Whrend sie voll angstvoller Besorgnis
davon geeilt, war er Zustnden erlegen, die einen solchen Charakter
angenommen, da sie ihn in der Villa hatte betten lassen mssen.

Und die vorlufige Wiedergewinnung seiner Krfte hatte er auch nur den
verstndigen Manahmen des Hausarztes der Frau von Krtz zu verdanken.
An ein Ausstehen war nicht zu denken gewesen, weil sich, statt
Besserung, ein Nervenfieber eingestellt hatte.

Zu diesen ungnstigen Verhltnissen gesellten sich noch andere.

Frau von Klamm--die Frau von Krtz sogleich benachrichtigt, und der sie
Wohnung in ihrer Villa angeboten hatte, um bei ihrem Sohn zu sein,--war
selbst schwer erkrankt. So blieb der Witwe die Sorge fr Klamm allein,
so wurde sie seine Pflegerin whrend der ganzen Zeit seines sich Monate
hinziehenden Siechtums.

"Ihnen wird er sein Leben verdanken!" hatte der Arzt wiederholt gegen
die Frau des Hauses, und Gleiches hatte er hufig gegen Klamm geuert,
nachdem er sich wieder erholt, nachdem ihm klar geworden, wie krank er
gewesen, wer ihm die Samariterdienste geleistet.

Klamms erstes Wort und erster beredter Blick galten auch ihr, und sie
kamen aus einem bewegten Herzen.

Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte, weich betonend:

"Wie soll ich Ihnen danken?"

Das zweite Wort galt der Frage seiner Mutter: ob sie ihn auch gepflegt
habe, wo sie sei?

Nun mute Frau von Krtz mit der Wahrheit hervortreten! Sie berichtete,
da Frau von Klamm dem Tode nah' daniedergelegen habe, da sie sich
indessen in der Besserung befinde, da die Nachricht von seiner
fortschreitenden Genesung besonders gnstig auf sie gewirkt habe.

Ein Ausdruck glckseliger Befriedigung trat in Klamms Zge. Wiederum
drckte er Frau Adelgunde die Hand.

Und so vergingen die Tage, und wieder verliefen zwei Wochen, und dann
konnte Klamm zum erstenmal anstehen und ihr, die wie eine Schwester an
ihm gehandelt, gegenbersitzen.

Whrend sie, selbst noch bleich von der Pflege, der Sorge und den
Anstrengungen der Nachtwachen, aber mit einer gleichsam vergeistigten
Schnheit vor ihm sa, ihre stillen, liebewarmen Augen auf ihn richtete,
sagte er:

"Ich habe in diesen Tagen der Ruhe und des Nachdenkens immer wieder
darber nachgedacht, wie sehr ich whrend meiner ganzen Lebenszeit ohne
die Unflle gerechnet habe.

"Immer, wenn ich eben glaubte, mein Spiel zu gewinnen, die Dinge nach
meinem Willen lenken zu knnen, zog am Himmel eine Wetterwolke auf,
entlud sich und zerstrte, was ich geplant oder gar schon aufgebaut
hatte.

"Ist immer der Charakter auch des Menschen Schicksal? Ich frage mich, ob
ich allezeit die Schuld an den Enttuschungen trug, die mir geworden
sind!?

"Vielleicht! Vielleicht deshalb, weil ich mich niemals begngen konnte,
nur eine Nummer zu sein, weil ich--einmal auf dieser Erde, und mit
Krften und Genusinn versehen,--auch dem Leben etwas abgewinnen, ja,
etwas erreichen, erobern, mein Eigentum nennen wollte."

"Beziehen sich Ihre ersten Worte auch auf das, was Ihnen hier geschah?"
fiel Frau Adelgunde ein.

Sie forschte in seinem Angesicht in einem Gemisch von Schmerz und
Trauer.

"Ja--und nein," entgegnete Klamm, und gab ihr durch Mienen und Betonung
zurck, was sie, in solche Frage eingekleidet, aus ihrem tiefsten Innern
hervorholte.

"Ich will vllig ehrlich gegen Sie sein, wozu es mich stets drngt,
obschon diese Art nicht grade immer weise ist, mir gar oft, meist
schdlich war.

"Die Wahrheit darf in unserer Welt einmal nicht nackt gehen, sie mu
sich verhllen!

"Ich wollte vor meiner Erkrankung wieder so rasch wie mglich von Ihnen
scheiden. Ich wollte mich vor mir selbst behten. Der Gedanke, Sie nun
doch um das zu bitten, was Sie mir einst gewhren wollten--was sich fr
uns beide zerschlug--scheiterte an der Ueberlegung, da es Ihnen einmal
nicht gegeben sei, nur fr einen zu leben, nur einen zu lieben, in
eigentlichem Sinne Treue zu ben, sich in der Ehe wirklich anzupassen.

"Ich hatte Furcht vor der Zukunft, und ich hatte Furcht vor der
ffentlichen Meinung, die mir, die uns nachsagen wrde: 'Die
Charakterlosen schlagen und vertragen sich!' Ich wollte endlich auch das
unberechtigte Vorurteil zerstreuen, das die Menge beherrscht: da ein
Mann, und besonders ein Adeliger, mit einer stark wechselnden
Vergangenheit, sein ernsthafter, sittlicher, auf seinen Namen und seine
Ehre das Allerhchste haltender Mensch sein knne.

"Nur deutsche Einseitigkeit der Auffassungen weist den Schuster an,
Schuster zu bleiben und wenn er auch die Fhigkeit in sich entdeckt, als
Schneider weit Besseres zu leisten.

"Erst wenn diejenigen, die sich allmhlich zu dem Rechten durcharbeitete
und zugleich Groes wurden, gestorben sind, lobt man ihnen nach, da sie
dem Vorurteil zum Trotz, sich nicht begngten, etwa blo Spargel zu
stechen, sondern etwas Bedeutendes geschafft zu haben. Und dann: Alles
wird bei uns klassifiziert, und in dieser Klasse hat der Mensch hhere
Rechte oder hat er sich der Ansprche auf Vorrechte zu begeben.

"Wie kann ein Adliger in eine Buchdruckerei eintreten? Er mu
notwendigerweise aus der Art geschlagen sein!

"So ist es mir ergangen! Und wie ist es wirklich? Ich wollte berhaupt
nur eine Thtigkeit aufnehmen, eine, die mich fesselte, die mir Erfolg
verhie, die mich aus dem blichen Nichtsthun gewisser Lebemnner mit
adligen Namen befreite! Nun, da ich--durch harte Umstnde bedrngt--aus
dem Geschft wieder so bald ausgetreten bin, wird die ffentliche
Meinung mir schuld geben. Und wer Schuld trgt, wissen wir beide allein,
Frau Adelgunde!

"Wollen wir es nun trotzdem versuchen, dennoch versuchen, ein Bndnis zu
schlieen? Wollen Sie meine Frau werden? Knnen Sie dem Vorurteil
begegnen, da ich nicht als der Freiherr von Klamm auftrete, der als
Mann einer sehr reichen Frau lediglich die Zeit stiehlt und im Miggang
lebt, sondern ein Geschft, ein Gewerbe betreibt, arbeitet, schafft,
frdert, mavoll lebt, den rechten Lebensgewinn in dem Verkehr mit
gleichgesinnten, wertvollen Personen erblickt, die denselben
Anschauungen huldigen, so berlegen Sie meinen abermaligen Antrag! Aber
gnnen Sie mir auch--verzeihen Sie das viele--das Gelbnis, da Sie
lediglich mein sein und bleiben wollen, da Sie"--Klamm sprach's mit
einem sanften, gewinnenden Lcheln--"keine anderen Gtter haben wollen,
neben mir!"

Adelgunde von Krtz nickte nur und sah Klamm mit einem weichen Blick an.
Und dann schnellte sie empor, lehnte sich mit leidenschaftlicher Hingabe
an ihn und flsterte:

"Ja, ja, Lieber! Wie du es willst, so soll und wird es sein!"--

       *       *       *       *       *

Nach diesen Geschehnissen waren fast anderthalb Jahre verstrichen.
Whrend dieser Zeit hatte sich fr Klamm und Adelgunde sehr viel
Bedeutsames ereignet. Frau von Klamm litt nach ihrer Krankheit unter
einer Lhmung, und aus den Plnen Klamms, sich gleich wieder eine
Thtigkeit zu suchen, war nichts geworden. Die Vorbereitungen zur
Hochzeit hatten seine Zeit und Sinne in Anspruch genommen, und spter,
nach ihrer Hochzeit, waren sie, teils um seine Gesundheit noch zu
strken, teils um Adelgundes Vergngungsdrang Nahrung zu geben, auf
Reisen gegangen.

Frau von Krtz war sehr klug vorgegangen. Bald nach ihrer Verlobung
hatte sie zu Klamm gesagt:

"Erlaube mir eine Bitte, mein teurer Alfred! Verfge schon jetzt ber
meine Kasse und mein Vermgen, als ob sie dir gehren! Es soll dir auch
in Zukunft alles mit gehren, was mein ist! Wir werden nicht in
getrennter, sondern in Gtergemeinschaft leben! Ich mchte dich auch
gleich ber meine Verhltnisse unterrichten! Ich besitze das dir
bekannte, von mir verpachtete Gut in der Lausitz, ferner das hiesige
schuldenfreie Haus, berdies liegen in der Bank Staatspapiere, die mir
allein eine Rente von 80000 Mark im Jahr gewhren. Ich habe nur einen
entfernteren Verwandten, der Ansprche an mich erheben knnte, und ich
liebe nur einen Menschen auf der Welt aus voller Seele--und dieser
Mensch bist du!"--

Und ein andermal hatte sie bei seinen sich uernden, auf die Berliner
und Dresdner Gesellschaft beziehenden Bedenken hingeworfen:

"Ach, Lieber! Was sorgst du dich, was sie alle meinen, denken und sagen!
Wir schlagen sie ja alle aus dem Felde, wenn wir sie besuchen und ihnen
erklren: die Irrtmer htten sich aufgeklrt, und wir htten uns
dennoch gefunden, wie wir es anfangs gewollt."--

"Und Knoops und Ileisa von Oderbruch?" hatte Klamm hingeworfen.

"Ah, bah, mein Freund! Was hast du auf die Rcksichten zu ben! Sie
nahmen dich auf, und du warst ihnen beraus ntzlich! Dann gaben sie dir
den Laufpa. Also ignoriere sie fortan. Zudem gehren sie ja gar nicht
zur Gesellschaft, kommen also nicht in Betracht. Und das kleine Mdchen,
das es so geschickt begonnen hatte, dich zu fangen, deren dann folgende
Sprdigkeit nur darauf berechnet war, dich nur noch fester zu binden,
lasse erst ganz aus dem Spiel!"

Klamm hatte nichts erwidert, aber grade ihre Bemerkungen hatten ihn
wenig angemutet.

Adelgunde besitze,--so sagte er sich--nicht die erhabene Seele, nach der
er verlangte. Sie war viel zu sehr Aristokratin und zu sehr verwhnt, um
sich in die Lage der bebrdeten Mitmenschen, und in ihre vllig
gleichberechtigten Anforderungen an das Dasein, hineinzuversetzen. Sie
beurteilte die Dinge nur richtig und immer nur nachsichtig, sofern sie
in ihren Ideenkreis paten.

Jene gttliche, der gesamten Menschheit zugewendete Anteilnahme, jene
Beschrnkungsfhigkeit, jene echte Weiblichkeit, die er an eine Frau
seiner Wahl stellte, besa sie nicht.

Und im Zusammenhang mit ihren Aeuerungen ber Knoops und Ileisa, die
zugleich ihre Eifersucht gegen das junge Mdchen bekundeten, stieg in
Klamm die Erinnerung auf, was sie ihm aus dieser Eifersucht angethan
hatte!

Auf solche "Gedanken" geriet nicht einmal ein vornehmer Mensch, viel
weniger fhrte er sie aus. Und endlich und zulegt! Das sah er schon
jetzt:

Nicht nur keinen Vorschub wrde sie seinem Schaffensdrang leisten,
vielmehr ihn zu hindern suchen. Er wrde--wenn er nicht die
erforderliche Energie entwickelte--nun doch der Miggang treibende Mann
einer reichen Frau werden!

Schon jetzt begriff Klamm nicht, da er je hatte glauben knnen, da sie
sich in brgerliche Verhltnisse wrde hineinfinden, da sie gar die
Gattin eines Geschftsmannes wrde sein wollen. Sie konnte dem Auslugen
nach vornehmem Verkehr nicht entsagen, ihre Genusucht, ihren Ehrgeiz
nicht einschrnken! Sie hatte anfangs zu allem ja gesprochen, aber sie
hatte sich gleich dabei selbst zugeflstert, da sie es schon verstehen
werde, die Dinge nach ihrem Gefallen zu lenken.

Etwas Ausgleich fand Alfred von Klamm in seinem Innern durch das Urteil,
das seine Mutter ber Adelgunde fllte.

Sie sagte ihm:

"Jeder hat etwas; jeder hat Berge von Fehlern, aber jeder hat Vorzge,
hat Anlagen, die entwickelt werden knnen. Deine Frau ist ein
temperamentvolles Wesen! Sie ist auch gut, weich und lenksam, obschon
sie, sobald es sich um ihr Ich handelt, egoistisch zu berlegen, sehr
wohl die ihr mitgebrachte, nicht geringe Klugheit zu ihrem Vorteil zu
gebrauchen wei.

"Aber ist das nicht aller Menschen Art, und kannst du sie dir nicht
weiter erziehen?"

"Ich wrde aber, ich fhle es, Mutter, mit dem kleinen, pflichttreuen
Mdchen im Knoopschen Hause trotz aller Entbehrungen weit glcklicher
geworden sein. Ich liebe--ich wiederhole es--die ernste Arbeit; verachte
die Uebertreibung. Ich besitze keinen Hang zum fortwhrenden Vergngen,
zu reinen Aeuerlichkeiten. Ich bin--obschon ein Adliger--durchaus
brgerlich veranlagt; ich verkehre am liebsten mit ganz einfachen Leuten
aus dem Volke!"

Zwischendurch war denn doch Klamm wieder dem liebenswrdigen und
aufgeweckten Wesen seiner Frau erlegen. Da ihre Zrtlichkeit, da ihre
reinen und ehrlichen Gefhle mehr in Blicken, mehr in stummer Hingabe
befanden, nahm ihn auch fr sie ein.

Sie liebte auch Klamm mit der Tiefe, deren sie fhig war, und wollte
sich ihm in allem mglichst fgen. Sie wollte nur nichts von seiner
brgerlichen Richtung, nichts von Geschften brgerlicher Art wissen!
Hofchef, Theater-Intendant, Ceremonienmeister, Oberstallmeister eines
Frsten konnte er werden. Aber Zeitungsunternehmer, Fabrikant,
Kontorkaufmann! Dergleichen mute er sich aus dem Sinn schlagen! Auch,
wenn er wieder in die Armee eintreten wollte, hatte sie nichts dagegen.
Aber das wies er wiederum schroff zurck. Er wollte keinerlei solche
Abhngigkeit.

Endlich konnte er auch Gutsbesitzer werden, ihre, seine Gter selbst
bewirtschaften. Das war nach ihrem Sinn. Dann konnte sie im Sommer auf
dem Lande, und im Winter in Dresden leben, die Geselligkeit genieen,
und die alte Rolle spielen!

Es hatte sich zunchst auch alles gestaltet, wie sie es gewollt. Die
Umstnde waren ihr zur Hilfe gekommen.

Der Pchter auf ihrem Gute Gro-Loschwitz war unerwartet gestorben. Es
bedurfte also einer fhrenden Hand, und dazu hatte sie ihn zum Schlu zu
berreden gewut.

Nach ihrem Aufenthalt im Sden, an den italienischen Spiel- und
Vergngungsorten, in Paris und Berlin, waren sie nach Dresden
zurckgekehrt und rsteten sich mit dem nun eben begonnenen Frhjahr--es
war Mai geworden--nach Gro-Loschwitz berzusiedeln.--

       *       *       *       *       *

Inzwischen waren die Dinge im Knoopschen Hause in Berlin durch
eingetretene Umstnde stark beeinflut worden.

Hier, wie anderswo, hatten Zwang der Umstnde, Einflsse von auen und
innen und jene Schwche, die sich aus natrlicher Rcksicht,
weichherzigen Anwandlungen und Ntzlichkeits-Erwgungen zusammensetzt,
bewirkt, da derselbe Mann, der von allen Knoops bis dahin verabscheut
worden war, den fr immer aus ihrer Nhe zu entfernen, ihr fortwhrendes
Sinnen und Trachten gewesen, nunmehr im Hause wieder verkehrte und als
berechtigtes Familienmitglied behandelt wurde.

Wenn man auch nicht unbedingt an seine Besserungsschwre glaubte, auch
seinen auf Entlastung von Schuld berechneten Erklrungen ber seine
Vergangenheit nur ein halbes Ohr schenkte, so hatten doch seine
einschmeichelnden Beteuerungen bewirkt, da von einer dauernd trennenden
Auseinandersetzung nicht mehr die Rede war.

Herr Knoop hatte eine Summe gespendet, die Theodor, wie er selbst
erklrte, von Sorgen befreite, aber sich auch dazu verstanden, seinem
Bruder eine Thtigkeit im Geschft anzuweisen.

Er hatte die Aufgabe, der Buchdruckerei und der Leitung Kundschaft
zuzufhren und empfing dafr eine feste monatliche Zahlung und berdies
eine nicht schlecht bemessene Provision.

Herr Knoop berlegte wohlweislich, da Theodor seine Pflichten sehr bald
vernachlssigen wrde, wenn nicht ein Nebenreiz zum Verdienen bestand.
So sah er wenigstens die Mglichkeit, da sich sein Bruder an eine
ehrliche Thtigkeit gewhnte. Wo ihn sein Nachdenken und sein Verstand
anders belehrten, da traten die Verwandtschaftsgefhle in ihr Recht,
auch entschlug er sich nach verstndiger Menschenart dem Grbeln ber
das, was einst kommen "konnte".

Erreicht war zunchst, da das unnatrliche Verhltnis zwischen den
Brdern beseitigt worden war, da er sich der Gewissensbisse enthoben
fhlte, die ihm immer doch geblieben wren, wenn er Theodor in der von
ihm beabsichtigten Weise fortgeschafft haben wrde, und endlich, da er
sich so am besten vor ferneren Schdigungen des Namens Knoop schtzte.--

Das nchste wichtigste Ereignis im Hause war die Rckkehr von Arthur
Knoop aus dem Auslande.

An einem Sonntag Morgen holten ihn sein Vater, seine Mutter und
Margarete vom Lehrter Bahnhof ab. Sehr verndert sah er aus, als er den
Seinigen gegenbertrat, und ganz anders, als sie erwartet hatten,
begrte er sie.

Er legte das Wesen eines Mannes an den Tag, der es als etwas Kindisches
ansieht, Gefhle hervorzukehren.

Er sprach, nachdem er ihnen kaum flchtig die Hand geboten, wohl aber
den mit dem Tragen deines Handgepcks betrauten Trger deshalb sehr
scharf angefahren, weil er bei dem Allzuviel eine lederne Tasche hatte
fallen lassen, lediglich von der Zugversptung. Auch uerte er gleich
beim Verlassen des Perrons,--unliebenswrdig kritisierend--da die Feder
auf Margaretens Hut seinen Beifall nicht habe. Er flocht in recht
gemachter Weise englische Laute in seine Reden ein: "No--no--you
know--certainly" und anderes an englischen Einschaltungen ging ber
seine Lippen. Vor dem Besteigen des Wagens mute er sich noch eine
Cigarette anstecken. Der scharfe Geruch fhrte fr Frau Knoop einen
Hustenreiz herbei, und Margarete wehte mit der Hand den Rauch ab.

"Na, seid ihr aber zimperlich," entschied Arthur, warf zwar den Rest zum
Fenster hinaus, zog aber ein miflliges Gesicht und schttelte den
Kopf.

Und was drauen in den Straen sich darstellte, das unterzog er einer
fortwhrenden, abflligen Kritik, verglich es mit England und meinte:

"Die guten Deutschen bleiben ewig in den Kinderschuhen stecken."

Der Eindruck auf seine Familie war, wenn auch ein vermiedener, bei
allen ein unbehaglicher. Bei Frau Knoop siegte zwar die Bewunderung ber
den Sohn. Arthur besa das Aeuere und die Manieren eines Mannes von
Welt. Sie verglich die Zeit, in der er im Kittel und gelben Riemengurt
um den kleinen Leib umhergelaufen war, mit dem heutigen Tage, und fhlte
sich gehoben durch ihres Sohnes Bildungs- und Anpassungsfhigkeit. Sie
glaubte an seinen Wert, weil sie ihn erhoffte. Sie redete sich ein, da
er sein altes, zutrauliches Kinderherz nur verstecke.

Und Herr Knoop sah in ihm den jedenfalls das Leben krftig anpackenden
Mann, der wute, was er wollte, der besser fuhr, wenn er sich mit
Weichmtigkeit nicht abgab.

Was ihm nicht gefiel, darber wrde er schon mit ihm sprechen. Anders
war's mit Margarete. Sie empfand nicht nur eine starke Enttuschung,
sondern sie wurde auch zu einer energischen Abwehr gedrngt.

Das Gefhl fr alles Natrliche, Vernnftige und Gerechte, das im Grunde
auch ihrer Mutter eigen war, das bei der nur einen Abbruch erlitt,
sofern es sich um ihre Kinder handelte, lehnte sich gegen den kaltherzig
abbrechenden Ton auf, den sich ihr Bruder erlaubte.

Wenn er ihre Hutfeder getadelt hatte, so rgerte sie sich ber seinen
Hang, sich der herrschenden thrichten Mode anzuschlieen:

"Warum hast du denn deine Beinkleider unten umgelegt? Es ist ja vllig
trockenes Wetter!" warf sie spttelnd hin.

Und Arthur antwortete:

"Sprich doch nicht so naives Zeug, Grete! Man sollte glauben, du lebtest
in Posemuckel oder in einem anderen Nest--"

"Du irrst, Arthur! Ich wei sehr wohl, da zahllose Narren mit
aufgekrempelten Beinkleidern umherlaufen, sollte aber meinen, da sich
Menschen mit gelutertem Geschmack nicht zum Diener solcher
Abgeschmacktheiten machen."

"Na ja, na ja, liebes Kind! Du bist die Weisheit in Person," warf
wiederum Arthur hin, und schon hier im Wagen muten die Eltern zum
Frieden ermahnen.--

Die nchsten Tage nach seiner Ankunft benutzte Arthur Knoop, um sich im
Geschft umzusehen, und dort die alten und neuen Angestellten zu
begren.

Ueberall, wo er erschien, begegnete man ihm mit einer ausnehmenden
Zuvorkommenheit, ja, nicht selten mit uerster Unterwrfigkeit. Man sah
in ihm den Stellvertreter des Herrn Knoop, den knftigen Chef. Und
Arthur, mit der tadellosen Erscheinung, der uninteressierten Miene, den
kalten Augen und dem nach portugiesischer Art zugespitzten Kinnbart,
reichte den Herren in den Geschftsabteilungen entweder herablassend die
Hand, oder machte sich, wenn er ein Gesprch anknpfte, zum Mittelpunkt
der Errterungen.

Niemals fragte er nach den persnlichen Verhltnissen der Mitarbeiter
seines Vaters. Den Unterbeamten und Handlangern nickte er berhaupt nur
zu, und behielt in den Unterabteilungen der Druckerei, den Setzerslen,
den Maschinenslen und Papierlagerrumen, nach englischem Vorbild den
schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.

Nur Adolf behandelte er anders, und auch Theodor, sein Onkel, fand Gnade
vor seinen Augen. Theodor wute ihn zu umschmeicheln, und da es mit
vollendeter Meisterschaft geschah, so wute er Arthur fr sich
einzunehmen. Arthur fragte, wo sein Onkel abends verkehre, lie sich
erzhlen und erklrte, sich ihm hufiger anschlieen zu wollen.

Theodor Knoop hatte inzwischen in seiner ueren Erscheinung sehr
gewonnen. Er kleidete sich einfach dunkel, mit groem Geschmack. Er
hatte den roten Bart abgeschnitten, die Haarfrisur vorteilhaft verndert
und glich nunmehr einem, den vornehmen Kreisen angehrenden Flaneur der
Grostadtwelt.

Dieses Wertlegen auf eine ausgewhlte Kleidung gefiel Arthur
ausnehmend, er zog daraus sogar Schlsse auf die Wrdigkeit seines
Onkels. Die Vorurteile, die ihm durch den Inhalt der Briefe von Hause
ber Theodor geworden, schwanden allmhlich mehr. Da Theodor es auch bei
gelegentlichen Gesprchen ber seine Vergangenheit mit gewohnter groer
Klugheit verstand, sich lediglich als Opfer ganz besonders widriger
Verhltnisse darzustellen, befestigte er sein Ansehen in den Augen
seines Neffen wenigstens gegenwrtig durchaus.

In einer Unterredung mit seinem Vater hatte Arthur die Absicht kund
gegeben, die Thtigkeit von Klamm, von dem er sich immer und immer
wieder erzhlen lie, der ihm wegen seiner jetzigen Vermgenslage
auerordentlich imponierte, aufzunehmen.

Allerdings machte er auch gleich bestimmte Einschrnkungen, indem er
erklrte, da er stets um sechs Uhr frei ber seine Zeit verfgen und
sich berhaupt nicht gleich einem Angestellten binden wolle.

Er huldigte dem Sport nach allen Richtungen, und bte alle Passionen,
die zu pflegen in England zum guten Ton gehrten.

Namentlich verstand er es auch, die vorhandenen Krfte auszunutzen, die
Angestellten in jener fortwhrenden Spannung zu erhalten, die in ihnen
die Befrchtung wach erhielt, da sie bei irgend einer Unterlassung oder
geringerem Eifer ihrer Stellung verlustig gehen knnten. Die Personen
waren eben nur fr seine Zwecke da, und Geschft war lediglich Geschft.
Da gab's keine Artigkeiten, keine Rcksichten, sondern nur Dienstbarkeit
und Arbeit, wofr bezahlt wurde. Wo die Familie verkehrte, machte er
alsbald Besuche, und dem Kutschbock-Diener, der fr ihn die Karten
abwarf, mute eine neue Livree angeschafft werden.

Auch lie er sich in verschiedenen Sportklubs, und namentlich auch in
dem so genannten Millionenklub aufnehmen. Er trat auf als der Sohn des
Grokaufmanns, des Millionrs.

Und infolge seines Auftretens und seiner Erfolge verwandelte sich auch
das anfngliche Unbehagen seiner Eltern bald in ein Gefhl, da ihn das
doch alles gut kleide. Stolz erfllte ihr Inneres. Die alte Schwche der
Nachsicht des Herrn Knoop gegen seine Familienangehrigen trat in Kraft.
Nur Margarete verhielt sich nach wie vor ablehnend gegen seine kalte
Art, gegen sein Besserwissen, gegen seinen Egoismus und seine
Ueberhebung.

So hrte sie auch mit allergrtem Mifallen einem Abendgesprch zu, in
dem Arthur bei Erwhnung der Kommerzienrat-Aussicht des Herrn Knoop
geringschtzig hinwarf:

"Ach! Das ist ja gar nichts, Vater. Kommerzienrat kann jeder werden, und
wenn du es sein wirst, so meinst nur du allein, da du etwas erreicht
hast.

"Du mut den erblichen Adel erstreben! Das ist etwas fr dich und fr
uns! Und das werde ich einleiten, und in dieser Richtung soll Theodor
helfen. Unsere Vorfahren waren ja adlige Dithmarscher Ritter. Daran
wollen wir anknpfen, und wenn du dafr Opfer bringen mut, du hast ja
die Mittel!"

Herrn Knoop gefiel diese Rede ausnehmend. Er, der Sohn eines einfachen
Mhlenbesitzers, sollte den erblichen Adel erhalten! Das war Nahrung fr
seinen Ehrgeiz!

Aber noch eine vernahm, was er sprach, obschon sie dabei sa, als ob sie
gar nicht dazu gehre, ja, als ob sie gar nicht im Zimmer sei: Ileisa!

Und sie dachte, welche geringe Bedeutung und welcher Unwert das war, was
man besa, und welchen ungemessenen Reiz das ausbte, was man nicht
hatte.

Sie war eine Baronesse von Oderbruch--und was war sie, und was fing sie
damit an? Und diese Leute wollten ihr ehrliches Brgertum gegen ein
"von" umtauschen und dafr Opfer bringen, deren Inhalt zahllosen
unglcklichen Menschen ein glckliches Dasein verschaffen konnte.

Auch ihr gefiel, wie Margarete, manches durchaus nicht an Arthur, aber
seine Entschiedenheit, seine Mnnlichkeit, sein Selbstgefhl flten ihr
einen gewissen Respekt ein.

Sie drngte die Empfindungen fr Klamm, die in grter Strke wieder
erwacht waren, nachdem seine Verlobung mit der Witwe in Dresden bekannt
geworden, mit aller Kraft zurck. Sie nahm sich vor, Arthur
entgegenzukommen ihn zu prfen, sich allerdings auch nichts zu vergeben.
Sie war ihm infolgedessen, als er einmal etwas frher ins Speisegemach
getreten war, sie dort allein angetroffen und sie angesprochen hatte,
zuvorkommender begegnet, als es sonst in ihrer Art lag.

Aber als er, dadurch khn gemacht, sich eine Vertraulichkeit gegen sie
hatte erlauben wollen, hatte sie mit groer Bestimmtheit im Ton gesagt:

"Sie werden von Ihrem Frulein Schwester erfahren haben, wer ich bin,
Herr Knoop! Ich bitte deshalb, da Sie mir trotz Ihres Aufenthaltes im
Hause, ein Bleiben mglich machen. Ich habe nichts, als mein
unbescholtenes Ich! Aber das ist mir so wert, wie irgend jemandem, der
sich einer Bedeutung und eines Ansehens in der Welt rhmt.

"Ich rufe den Kavalier in Ihnen an--ich wei, Sie sind ein
Kavalier--und nun--ich bitte--Ihre Eltern und Frulein Margarete
kommen--treten Sie zurck--"

Zwei Tage spter, als er abends mit seiner Schwester aus einer
Gesellschaft zurckgekehrt war, hatte er die Gelegenheit ergriffen,
einmal eingehend ber Ileisa zu sprechen. Er fragte sie, was sie nach
ihren Beobachtungen von ihr halte.

Und Margarete hatte erwidert:

"Ileisa ist eine vornehme Natur. Ich wte nichts an ihr auszusetzen--"

"Aber einen Fehler wird sie doch auch haben," fiel der nchterne Arthur
ein.

Margarete dachte nach, dann sagte sie:

"Mutter meint, der Verstand sei doch mehr in ihr ausgebildet, als das
Herz."

"Na, das ist doch erst recht ein Vorzug--"

"Wohlan, wenn du es so betrachtest--und dann--dann--"

"Nun?"

"Sie glaubt, sie sei im Grunde doch ziemlich adelsstolz. Als du neulich
von den Plnen gesprochen httest, die du fr Vater hast, habe sich ein
verchtlicher Zug um ihre Mundwinkel gelegt. Als ob sie htte sagen
wollen:

"Ihr Brgerlichen! Ihr bleibt ja doch Grautiere, wenn ihr euch auch mit
der Lwenhaut umhllt."

"Na, ja," fiel Arthur mit kaltem Lachen ein. "Sie hatte ja damit auch
nicht so ganz unrecht. Ich meine,--in den Augen derer trifft's zu, die
auf ererbten alten Adel zurckblicken. Die Menge beugt dagegen den
Rcken. Bei der Masse giebt's Ansehen. Und auf sie kommt es an. Und den
Zutritt zu den vornehmen Kreisen erffnet das 'von', ja, sichert es. Was
will man mehr?"

"Unbegreiflich," warf Margarete hin.

"Du, der entsetzlich nchterne Verstandesmensch, legst auf Dinge solchen
Wert, errterst gar deren Wert in solcher Weise! Du, fr den Erwerb,
Geld, Lebenszweck ist! Ich denke, der Adel soll bestehen in der
Tadellosigkeit unserer Lebensfhrung, in vornehmer Gesinnung und
Handlungsweise! Mein Brgerstolz lehnt sich dagegen auf, um des
erkauften Titels oder Ranges willen mit anderen Augen in der
Gesellschaft angesehen zu werden."

"Ja, ja, du kommst immer mit deiner Kinderstubenmoral und Tugendsamkeit,
meine Beste. Das kennt man! Aber mit ihnen wird man hchstens eine
kleine Kompastorin auf dem Lande.

"Uebrigens kamen wir von Ileisa ab! Giebt's sonst noch etwas?"

Margarete schttelte erst den Kopf, dann sagte sie spttisch:

"Ja, eines giebt es noch, und das wird wenigstens auch in deinen Augen
ein sehr starker Mangel sein! Dieses einzige ist: du imponierst ihr gar
nicht! Nachdem offenbar sogar ein Herr von Klamm ihr den Hof gemacht--so
stark den Hof gemacht, da er sie heiraten wollte,--versinkt deine
Herrlichkeit in nichts!"

"Wie? Herr von Klamm hat sich um sie bemht?" fiel Arthur, die starke
Enttuschung, die Margarete ihm bereitet hatte, vorlufig unterdrckend,
ein.

"Das ist ja etwas ganz Neues! Das habe ich ja gar nicht erfahren! Woher
weit du's? Hat sie es dir gesagt?"

"Gesagt? Nein, Liebster! Dazu ist sie zu diskret und zartfhlend. Sie
wute ja, da er mir durchaus nicht gleichgltig war.--Aber ich habe sie
im Traume sprechen hren. Es geschah bald, nachdem uns Klamm verlassen
hatte. Sie schlft doch neben mir. Die Thr stand an dem Abend offen.
Pltzlich hub sie an, seinen Namen zu rufen und sich sehr schwrmerisch
auszudrcken.

"Und berdies hat mir Onkel Theodor erzhlt, da sie ein gewisser Numick
im Tiergarten mit ihm hat promenieren sehen.

"Es mag Zufall gewesen sein. Aber es ist sehr verdchtig, da sie mir
niemals etwas davon erzhlt hat."--

"Hm--hm--so--so! Darber mchte ich wohl etwas Sicheres erfahren? Und
namentlich mchte ich wissen, weshalb denn nichts aus der Partie
geworden ist?"

Margarete zog die Schultern und holte unwillkrlich Atem, wie jemand,
der sich so besser einer Starken Bedrckung entledigt.

Dann sagte sie:

"Ist berhaupt Herr von Klamm zu ergrnden? Bei uns eifrig, ja
unermdlich! Ein Adliger aus vornehmer Familie! Ein Mann, mit dem Drang
nach Einfachheit, Soliditt, brgerlicher Thtigkeit, nach Erwerb und
Erfolg. Und gleichzeitig versteckt, unzuverlssig, unwahr! Der Frau von
Krtz, die er nun geheiratet hat, soll er kurz vor der allgemein
erwarteten Verlobung pltzlich abgeschrieben haben. Dann hatte er
sich--es scheint sicher--an ein anderes armes, junges Mdchen in Dresden
gebunden. Die lie er aber auch,----und wiederum--nachdem ihn die Not
trieb--suchte er die Millionrin auf. Wenn nun noch hinzutritt, da er
Ileisa den Kopf verdreht hat, so steht man ja vor einem Rtsel, es sei
denn, da er eben doch ein Abenteurer ist, da er hier nur so arbeitete
und tuschte, weil er sich mit den geheimen Absichten trug, Papas
Kompagnon zu werden, oder ihm das Geschftliche fr damalige eigene
Zwecke abzulauschen. Diese Thatsachen haben denn auch, wenn meine
Sympathien fr ihn nicht abgeschwcht, doch meine Neigung fr ihn zum
Erlschen gebracht."

Arthur hatte nicht ohne Spannung zugehrt. Nachdem seine Schwester aber
ihre Rede beendet, sagte er mit einer an ihm sonst nicht hervortretenden
Lebhaftigkeit:

"Ich mu ihn kennen lernen! Ich mchte mir selbst ein Urteil bilden,
mchte der Wahrheit oder den Ursachen seiner Handlungsweise nachspren.
Und Ileisa von Oderbruch--!? Hm--was du sagst--Uebrigens--da fllt mir
ein--sie hat ja noch eine Tante. Die wollen wir doch bald einmal
einladen.

"Ich mchte sie nher kennen lernen--"

"Mir will wirklich scheinen, da du fr unsere Hausgenossin ein nicht
gewhnliches Interesse hast, Arthur!" fiel Margarete ein. "Aber ich
wiederhole dir: Bei der, grade bei der wirst du kein Glck haben!"

"Na, ich werde dir das Gegenteil beweisen," stie Arthur Knoop heraus,
zog sein Etui hervor, entzndete eine Cigarette und blies die
Rauchwolken nach der Art stark Erregter aus dem Munde.

Grade waren sie jetzt eben an dem Knoopschen Hause angelangt. Nachdem
Arthur seiner Schwester die Thr geffnet und sich noch versichert
hatte, da das ihrer wartende Mdchen zur Stelle war, nahm er den Weg
zurck. Er wollte noch in den Klub und dort einige Nachtstunden
verbringen.--

       *       *       *       *       *

In einem alten Berliner Hause in der Kronenstrae, drei Treppen hoch,
zog einige Tage spter, um die Zeit zwischen Mittag und Sptnachmittag
Ileisa von Oderbruch an der nach frherer Sitte durch eine Messingstange
in Bewegung zu setzenden Klingel. Sie wollte ihre Tante, die dort ihre
Zimmer besa, besuchen, wollte endlich einmal wieder nach lngerer Zeit
dieser einzigen Verwandten, die sie noch auf der Welt hatte,
Liebesbeweise an den Tag legen.

Es whrte eine Weile, bevor ihr geffnet wurde. Auch klffte ein Kter
mit den bekannten heiseren Kehllauten, die diesen Vierflern eigen
sind.

Als endlich die Thr aufgeklinkt wurde, geschah's nur spaltenweit.
Hinter der noch nicht abgehakten Sicherheitskette fragte die Bewohnerin
mit einer mrrisch mitrauischen Stimme, wer da sei, und was man
wnsche.

"Ich bin's, ich bin's, liebe Tante," betonte Ileisa. Nun flog auch
rasch die Thr auf, und unter dem freudenerregten Winseln des Hundes,
unter dessen Wedeln und Anspringen, nahmen Tante und Nichte den Weg
durch den etwas dunklen Flur ins Wohngemach.

Die alte Dame mit dem kleinen, drren Krper, den eingefallenen Zgen
und den pergamentfarbenen Wangen, legte eine berselige Freude an den
Tag, ihre Nichte vor sich zu sehen.

Immer wieder schaute sie ihr ins Angesicht, strich ihr liebevoll die
Hnde und stellte Fragen.

Und nachdem dieser erste Freudenausbruch vorber war, begab sie sich
zunchst fort, um eine Tasse Thee zu bereiten.

Nachdem sie alles Erforderliche herbeigeholt, und endlich noch aus einem
neben dem Ofen stehenden Blechkasten eine Anzahl selbstgebackener Kuchen
hervorgeholt, lie sie nun auch ihrer Zunge ber ihre Person und
Angelegenheiten freien Lauf.

Zunchst berichtete sie, da Mopsi--so hie der Hund--recht ernstlich
krank sei, was um so strender gewesen, weil sie selbst wieder an ihrem
alten, bsen Husten gelitten, und sich im Bett habe halten mssen. Dann
folgten mitleidige Bemerkungen ber das Fuleiden der Aufwrterin, die
tglich erschien, um die grbere Arbeit zu verrichten, und nachdem sie
dann auch noch allerlei mehr nachsichtige als anklagende Mitteilungen
ber den Hauswirt und die Mitbewohner gemacht, gelangte sie auf die
Verhltnisse der Familie Knoop.

Sie lie sich besonders von Arthur erzhlen. Und Ileisa sprach aus, was
zutraf, aber sie verhehlte auch ihrer Tante nicht, da er ihr wegen
seines krftigen, weltmnnischen Auftretens und seiner Abneigung, sich
irgendwie in seiner Eigenart zu verdecken, nicht bel gefalle.

"Und wie stellt sich der Sohn zu dir?" warf die alte Dame hin.

Ileisa berichtete ihrer Tante, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen
war.

"Hm--gut so--sehr gut, mein Kind. Du bist nun sicher, da er sich nichts
wieder gegen dich erlauben wird! Noch mehr! Ich glaube, nach deiner
Schilderung wirst du in seinen Augen nur gewonnen haben."

"Es scheint so, allerdings, Tante. Ich hatte ein sehr unpersnliches
Wesen von ihm erwartet. Statt dessen redete er mich heute morgen in der
liebenswrdigsten Weise an. Es geschah sogar das bisher Unerwartete, da
die Familie sich endlich auch deiner einmal erinnert!"

"Siehst du wohl! Siehst du wohl," fiel die Alte ein, machte vergngte
Augen, und lie einen fast triumphierenden Ausdruck in ihren Zgen
erscheinen.

Und gleich fgte sie hinzu:

"Ach, mein ses Kind, wie wrde ich mich freuen, wenn du mit der Zeit
aus jeder Abhngigkeit herauskmest, wenn du einen braven, gutsituierten
Mann fndest. Es ist mein tglicher Gedanke und mein tgliches Gebet.

"Schade, da dieser Arthur ein solcher Verstandesmensch ist, das wre
sonst ja alles nach Wunsch! Du die Schwiegertochter des Herrn Knoop! Es
wre erreicht, was ich im geheimen gehofft und erwartet habe, als ich
dir riet, eine Stellung anzunehmen.--Uebrigens--was macht denn der Herr
von Klamm? Fr ihn interessierte ich mich immer auerordentlich. Wenn
der in guten Verhltnissen gewesen wre, htte ich dir gewnscht, da du
seine Frau geworden wrest."

Statt zu antworten, stellte Ileisa die eben schon erhobene Theetasse
wieder auf den Tisch, vernderte ihre Miene und lie gedankenvoll das
Haupt sinken.

"Ja, ja, Tante--wenn er--"

Dabei lste sich gleichsam als Befreiung versteckten Schmerzes ein
langer Seufzer aus ihrer Brust.

"Also du interessiertest dich wirklich ernsthafter fr ihn? Du liebtest
ihn, meine liebe Ileisa? Ja! Ja! Ich hab' mir's gedacht, ohne da du
mir davon gesprochen hast," fiel die alte Dame teilnehmend ein.

"Hatte es einen Sinn und Wert, Tante? Er hatte und war nichts--und was
da so pltzlich zum Vorschein gelangte und geschah--lie mich ja
zweifeln, ob er berhaupt ein wirklich vertrauenswerter Mann sei--

"Und nun ist ja auch alles aus, und nichts mehr zu ndern."

"Gewi, mein Kind, und sollte sich Herr Arthur Knoop fr dich
entscheiden, prfe dich zwar erst, aber dann sei nicht sprde, dann sage
nicht nein. Ich halte es fr mglich, da du, grade du ihn sanfter,
weicher zu machen verstehen wirst. Und wenn dir das gelingt, so hast du
ja auch das, was du jetzt noch an ihm entbehrst. Im brigen, mein Kind.
Es ist eine Thorheit, wenn die jungen Mdchen den Veilchen nachahmen,
und eher in demutvoller Bescheidenheit verblhen, als die Augen einmal
aufschlagen wollen.

"Wie der Mann, so hat auch die Frau die Pflicht und Aufgabe, die sich
fr ihr Fortkommen bietenden Gelegenheiten wahrzunehmen. Ein Mdchen ist
wirklich nicht unweiblich, wenn sie sich vorhlt, da ohne
Entgegenkommen berhaupt im Leben kein Bndnis geschlossen wird!

"Gewi! Sitte und keinerlei Abweichung von der Tugend! Aber den ihr von
Gott verliehenen Verband soll jede Kreatur gebrauchen! Kein Mensch zahlt
uns Frauen etwas dafr, da wir aus lauter sittsamer Prderie alte
Jungfern werden. Im Gegenteil: Wenn wir's geworden, verhhnt man uns
noch dazu!"

Die alte Dame sprach's und seufzte auf.

"Allerdings, oft mit bitterem Unrecht," fuhr sie fort. "Man kann sein
Glck auch aus Pflichtdrang fr andere verpassen--wie es mir
geschah.--Wie! Was?--Du siehst schon nach der Uhr? Ist's schon so weit,
mein ses Kind? Nein, nein, ich will dich nicht aufhalten--!

"Wart', ich helfe dir----Still, Mopsi--still--still!----Wie meinst
du?--Gewi, ich komme gern, und da sie mich gar in ihrem Wagen nach
Hause bringen wollen, ist ja uerst liebenswrdig!

"Gre und danke.--Adieu! Adieu! Auf Wiedersehen, mein liebes Kind!"--

       *       *       *       *       *

Acht Tage nach dem vordem Geschilderten hatte Arthur vormittags eine
sehr wichtige Beratung mit dem Oberfaktor. Verschiedene grere Firmen
in Berlin waren von der zustndigen Behrde aufgefordert worden,
Offerten einzureichen. Es handelte sich um die fr die allgemeine
Volkszhlung im Deutschen Reich erforderlichen Zhlformulare, deren
Ausfhrung einer mindest bietenden Buchdruckerei bertragen werden
sollte. Arthur berlegte mit dem Faktor schon seit Stunden. Die Kosten
fr das Papier und die gesamte brige Herstellung wurden wiederholt
berschlagen, aber auch Erwgungen angestellt, ob das ungeheure Quantum
in der vorgeschriebenen Zeit fertig gestellt werden, ob der jedenfalls
mit sehr gedrckten Preisen hervortretenden Konkurrenz so begegnet
werden knne, da ein Nutzen berhaupt zu erzielen sei.

Von groem Vorteil wrde es sein, wenn in Erfahrung zu bringen wre,
welche Offerten eine andere, im wesentlichen in Betracht kommende Firma,
nmlich die Hohensteinsche Buchdruckerei mache. Sie war die einzige, die
bezglich der gesamten Einrichtungen Gleiches und mehr schaffen und zu
migen Stzen herzustellen vermochte, als das Knoopsche Geschft.

Whrend sich noch Arthur und der Faktor unterhielten, zwischendurch
Anfragen von Eintretenden beantworteten, auch den sich ihnen
zugesellenden Herrn Knoop eben mit der Erklrung beruhigt hatten, da
sich selbst bei dem von ihnen erwogenen Minimalpreis noch ein sehr
schner Nutzen herausstellen werde, trat nach dessen Fortgang Theodor
Knoop mit sehr beschftigter Miene ins Kontor.

Arthur streckte ihm mitten im Redeflu, kurz nickend, die Hand entgegen
und warf, als Theodor fragte, ob heute morgen etwas zu besorgen sei,
erst nachsinnend und dann von einer praktischen Idee erfat, in einem
belebten Ton hin:

"Hm--ja. Allerdings!" Dabei gellte er sich gegen das Pult, zog erst noch
vorm Weitersprechen das Cigaretten-Etui hervor, entzndete mit gewohnter
Schnelligkeit eine Diubek und stie den Rauch durch die Nase. Dann
ergnzte er, whrend er die Linke in die Beinkleidertasche schob:

"Knntest du vielleicht an den Faktor der Hohensteinschen Buchdruckerei
herankommen und ihn ausforschen, welche Offerte--sie fr die Zhlkarten
einreichen! Da wre was fr dich und fr andere zu verdienen."

Erst zog Theodor die Lippen. Gleich darauf aber trat ein cynischer
Ausdruck in seine Mienen und er stie heraus:

"Ah! Du meinst, ich soll ihn--" Hier machte er eine nicht
mizuverstehende Bewegung mit der Hand und lachte unangenehm anzglich.
Arthur aber ging auf diese Auslegung seiner Worte nicht ein; er lie
vielmehr einen abweisenden Ausdruck in seinen Gesichtszgen erscheinen
und sagte:

"Nein, du irrst dich!--Wie sollte ich auf so etwas kommen.

"Weit du, wir sprechen noch ber die Sache, ber das Wie.--Wo
frhstckst du heute?--Hm--Hm--Ich schlage dir vor, da wir bei Ewest in
der Behrenstrae um ein Uhr ein Steak essen. Ich lade dich ein!"

Und ohne Theodors Antwort abzuwarten, da er dessen Zustimmung immer
gewi war, wenn er ihn zu einer Pikanterie einlud, schlo er:

"Also abgemacht! Ein Uhr, rechts im Zimmer mit der geschnitzten
Thr.--Jetzt habe ich hier noch vollauf zu thun."

Dabei drckte er ihm in jener Art die Hand, durch die man jemanden
hflich hinauskomplimentiert.

Nachdem der Onkel gegangen, war Arthur zunchst bemht, den
unvorteilhaften Eindruck dieser Scene bei dem Faktor zu verwischen. Was
er gesagt hatte, war ihm in Wirklichkeit im Augenblick so
herausgeschlpft. 'Dergleichen that man natrlich nicht bei ruhiger
Ueberlegung.' Er sagte deshalb:

"Gewi, Karlsen, man htte es leicht, wenn man etwas von Hohensteins
erfahren knnte. Aber natrlich meinte ich nur, da man dem Faktor
vielleicht Fragen stellen knne, aus denen man sich einen Vers zu
machen im stande wre.

"Einen Beamten zu Pflichtvergessenheiten zu verleiten, wie Herr Knoop
annahm, kann mir doch nicht beifallen."

Arthur hatte auch Glck. Karlsen, der Faktor, nahm die Worte, wie sie
Arthur verstanden haben wollte.

Und Arthur war dessen sehr froh!

Es kam ihm jetzt auch noch der Gedanke, da sein eigener Beamter auf die
Idee geraten knne ihn an die Hohensteinsche Buchdruckerei fr Geld zu
verkaufen!!

Er erschrak frmlich! Und er nahm sich vor, Theodor unter allen
Umstnden von Schritten abzulenken, zu denen er in einer unbesonnenen
Anwandlung, in der Sucht, Vorteile zu erringen, den Anla gegeben
hatte.--

Als Onkel und Neffe zur verabredeten Zeit im Ewestschen Restaurant in
dem erwhnten Raum beisammensaen, einen halben Hummer verzehrten und
eine Flasche Bocksbeutel dazu tranken, sagte Theodor, sobald er die
Gelegenheit als gnstig erachtete, in stark belebtem Tone:

"Weit du, Arthur, wie ich die Sache mit Hohensteins Faktor machen
knnte? Wir wollten ja darber noch reden!--Ich werde mich an ihn
heranmachen und fragen, ob er nicht bei uns ins Geschft eintreten
wolle. Verbessern will sich jeder!

"Wenn ich ihn dann heute abend in den Ratskeller bestelle, und nach
einigen Flaschen Wein nach meinem Willen habe, dann gehe ich vor!"

Zunchst entgegnete Arthur mit ungeknstelter Ueberraschung:

"Bei uns eintreten? Ich verstehe nicht! Wir knnen den Mann doch nicht
anstellen?"

"Ach, davon ist ja auch nicht die Rede. Das soll ja nur die Einleitung,
das Lockmittel, der Vorwand sein. Nachher kriegt er eben seinen Batzen
fr seine Dienste. Und--und--wie viel hast du mir denn zugedacht, wenn
ich euch die Offerte, die Hohensteins machen, herausbringe."

Diese letzte Aeuerung rgerte Arthur ausnehmend. Abgesehen davon, da
die Vorschlge, die sein Onkel machte, ein starkes Oppositionsgefhl in
ihm erregten, sah er es als einen Mangel an Delikatesse an, da Theodor,
der inzwischen so viel Gutes von der Familie genossen hatte, gleich
seinen Vorteil betonte, schon vorher wissen wollte, was fr ihn abfiel.

Er sagte deshalb wiederum in seiner unangenehm kalten Art:

"Du hast mich vllig miverstanden, wenn du annimmst, da ich jemals
die Hand zu dergleichen Vorgehen bieten knnte. Meine Meinung war, da
man versuchte, etwas auf geschickte Art herauszubringen. Aber so was--"

"Na, du sagtest doch, ich und andere knnten verdienen," betonte Theodor
brsk. "Das war doch nicht mizuverstehen!"

"Du hast es aber doch falsch aufgefat! Ich meinte, du solltest etwas
davon haben, obschon ich--aufrichtig gesagt--eben nicht angenehm berhrt
war, da du das in den Vordergrund stelltest, uns das nicht berlassen
wolltest. Und wir wrden was davon haben, wenn die Wirkung die wre, da
wir die Lieferung erhielten."

"Na, ja--Also--du hast dich besonnen! So drehst du's jetzt! Du willst
lieber nichts ausgeben.--Darauf kommt's heraus!" fiel Theodor--zum
erstenmal Arthur in einer solchen abflligen Weise begegnend, ein.

Einen Augenblick wollte sich Arthur hinreien lassen, das zu thun, was
sich Menschen um so eher aufdrngt, wenn sie sich getroffen fhlen. Dann
aber beherrschte er sich doch und entgegnete nur in einem berlegenen
Tone:

"Du hast recht: Ich habe mich besonnen, da ich zu derartigen Mitteln
nicht greifen will, besonders und unter keinen Umstnden zu solchen,
wie du sie zu meinem Erstaunen vorschlgst! Aber im Unrecht bist du,
wenn du meinst, die Furcht einer Schmlerung des Verdienstes leite mich.

"Wenn die Firma Knoop so dchte, verehrter Onkel, wrde sie mit dir doch
keine Pakte geschlossen haben--"

"Was soll das nun wieder?" fiel Theodor ein. "Ich denke, ihr habt
hinreichenden Nutzen aus meiner Thtigkeit, und alte Sachen soll man
endlich schon deshalb ruhen lassen, weil jeder seine Rechnung mit sich
zu machen hat. Wie ich fr euch thtig bin, wollte ich dir grade
erzhlen. Ich wollte dir mitteilen, wie weit ich im Heroldsamt mit der
Nobilitierung deines Vaters gekommen. Aber freilich--bei solcher Art
vergeht einem die Lust.

"Du denkst immer, verehrter Neffe, da dir alles ansteht. Andere denken
sehr viel anders darber."

"Hm--es mag sein, Onkel! Aber entscheidend ist wohl, ob Defekte im
Charakter oder nur unsympathische Eigenschaften der Kritik unterliegen.
Da deine Vergangenheit nicht vllig tadellos ist, kannst du doch nicht
leugnen, und wenn du vorschlugst, den Faktor bestechen zu wollen, so ist
dies nur ein Beleg, da du es mit Gewissenssachen nicht sehr ernst
nimmst. Ueber dir zu Gericht sitzen--kann mir nicht beifallen, aber
wenn du einen solchen Ton gegen mich anschlgst, so sage ich dir meine
Meinung."

"Ja, ja, es ist immer dieselbe Geschichte. Dein Vater und du halten sich
fr Gtter, andere aber gehren in den Hades!"

"Gut, zugegeben, da wir unsere Schwchen haben! Sie berhaupt zu
leugnen--da wir Menschen sind--wre ja eine Lcherlichkeit," entgegnete
Arthur mit unheimlicher Ruhe.

"Aber du bietest ja selbst die Hand zu dem Ehrgeiz, den du so herbe
verdammst.--Eben hobst du noch hervor, da du wieder Schritte gethan
habest. Ich sollte denken, da du doch so etwas Schlimmes dann nicht
darin erkennen kannst.--Im brigen! Wohin sollen solche Gesprche
fhren? Sie knnen schlielich nur den Ausgang einer vlligen
Entfremdung zwischen dir und uns haben. Und das kann dir doch am
wenigsten wnschenswert sein!

"Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Lasse also die Dinge
ruhen, lasse aber hren, was du aus dem Heroldsamt bringst."

Nach diesen Worten erhob Arthur das Glas, hielt es seinem Onkel hin, und
lie einen knstlich vershnlichen Ausdruck in seinem Angesicht
erscheinen.

Es wurde Theodor nicht leicht, sich gleich wieder umzustimmen. Er war zu
allem, was ihn verchtlich machte, auch noch ber die Maen
empfindlich. Er wollte--trotz aller Ueberfhrung--immer noch ein Opfer
der Verhltnisse, und auch zu seiner jetzigen Thtigkeit nur deshalb
gedrngt sein, weil er noch unter den Folgen frherer Widerwrtigkeiten
litt. Das Wesentliche seiner indessen nun folgenden Mitteilungen ging
dahin, da dem Antrag auf Nobilitierung deshalb an sich nher getreten
werden knne, weil es als richtig festgestellt sei, da die Familie in
frheren Jahrhunderten "von Knoop" gehieen habe. Aber es sei nach den
gegebenen Vorschriften erforderlich, pekunire Nachweise und Opfer zu
bringen, und jedenfalls besser, die Zeit abzuwarten, nachdem sich Herr
Knoop als Privatmann vom Geschft zurckgezogen haben werde.

Einen Gewerbetreibenden mache man zum Kommerzienrat, wenn die
Vorbedingungen vorhanden seien, aber eine Nobilitierung sei bei Personen
mit offenem Geschft nicht angebracht.

"Na--und weiter," forschte Arthur, nachdem das alles von Theodor
errtert war.

"Ja, sonst nichts! Dein Vater mu nachweisen, da er standesgem leben
kann--also etwa eine Million oder mehr besitzt, und er mte wohl aus
dem Geschft austreten.

"Zudem wird vorausgesetzt, da er irgend eine Schenkung macht, zum
Beispiel an den Deutschen Frauen-Verein vom roten Kreuz oder
dergleichen. Ihr wrdet gut thun, das Geschft--ich wollte schon darber
immer einmal mit dir und deinem Vater reden--an eine Aktiengesellschaft
zu verkaufen. Dann kann sich dein Vater zurckziehen, und alles ist in
Ordnung."

"Doch nicht! Wo bleibe ich?" fiel Arthur kritisch ein. "Wenn mein Vater
als Geschftsmann nicht nobilitiert werden kann, so also auch ich
nicht!--Und ich will doch eine Thtigkeit behalten, ich will doch noch
Geld verdienen--"

"Hm! Weit du, darber habe ich auch schon nachgedacht. Du lt dich zum
Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Aktiengesellschaft machen. Du
schwebst sozusagen als Geist ber den Wassern. So erreichst auch du
deinen Zweck! Sehr hufig fungieren ja Adlige--Grafen und Barone--als
Aufsichtsrte. Das hat sich ja eingebrgert und wird nicht moniert! Im
Gegenteil!"

Diese Worte gefielen Arthur nicht schlecht.

Er sah sich bereits in seinen jungen Jahren in einer solchen Position.
Er war der reiche Privatmann, der sich bei groen Unternehmungen
beteiligte, den man auch sonst in Direktionen hineingewhlt, der
Vertrauensstellungen einnahm, der groes Ansehen geno und mit
verhltnismig wenig Arbeit seine Taschen fllte. Der Freiherr Arthur
von Knoop--den Freiherrn mute er erzielen!--war in aller Welt Munde!
Ah! Wie das des ehrgeizigen jungen Mannes Inneres entflammte!

Er sagte jedoch, rasch wieder nchtern geworden, und seinen Zgen einen
pessimistischen Ausdruck verleihend:

"Aktiengesellschaft! Aktiengesellschaft! Ja, wenn das so leicht wre!
Gewi! zu machen ist ja alles! Aber ob man den Preis erhlt, den man
haben mu!

"Andere Menschen rechnen auch, und erst recht.

"Die ganze Nobilitierungsaffre scheint mir nicht nur auf sehr schwachen
Fen zu stehen, sondern in dieser Behandlungsart, bei solchen
Forderungen, ziemlich aussichtslos."

"Du irrst wieder einmal grndlich," fiel Theodor mit abflliger Betonung
ein. "Die Aktiengesellschaft bringe ich sehr rasch zu stande, und wenn
ich gut verdiene, so vorteilhaft, da ihr mehr als zufrieden seid!

"Und wenn's keine Aktiengesellschaft wird, so wei ich einen Millionr,
der darauf reflektiert. Schlielich kann's euch ja gleich sein--woher
ihr euer Geld bekommt--und um so eher begegnest du dem Einwand, da du
eine gewerbliche Thtigkeit als knftiger Freiherr betreibst."

"So--so--da wre ich begierig," fiel Arthur ein, zog die bekannte
Cigarette hervor, entzndete sie mit gewohnter Hast und paffte stark.

"Also--bitte--heraus damit, wenn's gefllig ist--"

"Der Reflektant ist--ich nehme natrlich an, da ihr nicht selbst
verhandelt, sondern mir das berlat--Freiherr Alfred von Klamm. Er
sucht ein Zeitungs- und Druckerei-Unternehmen zu erwerben--"

"Du meinst?" fiel Arthur berrascht, aber zunchst nicht unglubig ein.
Und dann doch gleich wieder abwiegelnd:

"Jedenfalls kannst du aber doch nicht mit ihm verhandeln. Du, den er
beschuldigt, da du ihn und seine Mutter um ihr ganzes Vermgen gebracht
hast. Da mte doch ein anderer vorgehen--"

"Und du glaubst noch immer an diesen Unsinn, Arthur!? Ich mu mich
wirklich wundern! Schon aus dem Umstande, da ich mit ihm in Verbindung
treten will, erhellt doch zur Genge, da ich ihm seine Behauptungen
vollkommen zu widerlegen im Stande bin.

"Ich will davon absehen, da ich ihn eigentlich wegen schimpflicher
Verleumdung belangen mte."

Arthur erhob das Haupt und sah seinen Onkel nicht ohne starken Beifall
an. Was sich nicht alles in dessen Kopf gestaltete, und mit welcher
cynischen Souvernitt er ber Felsen und Schluchten wegsetzte. Man
mute es bedauern, da ein an sich so findiger und gewandter Mensch
seine ihm von der Natur verliehenen Gaben nicht in den Dienst solider
Dinge stellte!

Nach diesen, auf Theodor gerichteten Betrachtung gen aber gingen auch
seine Gedanken wieder zu Klamm.

Er sagte infolgedessen:

"Na, ja--gleichviel! Lassen wir das! Etwas anderes aber ist--und das
fllt allein ins Gewicht: Sollte wirklich Klamm, nachdem er in einen
solchen Glckstopf gegriffen und sich wieder in die vornehme
Gesellschaft eingereiht hat, ein Zeitungs-Unternehmen und eine
Buchdruckerei kaufen wollen?"

"Ja," betonte Theodor entschieden.

"Er sucht etwas, obschon seine Frau, wie ich erfahren habe, durchaus
dagegen ist. Er hat einmal Geschmack an der Publizitt gefunden, und die
Eitelkeit, als selbst produzierender Mensch und Zeitungsbesitzer die
bliche einflureiche Rolle zu spielen! Frage nur deinen Vater, mit
welchem unglaublichen Eifer er bei euch thtig war. Freilich das nur, um
bei euch etwas mglichst rasch abzulernen."

"Ja!" meinte Arthur und rstete sich jetzt, rasch nach der Uhr sehend,
zum Aufbruch. "Es ist ein ungewhnlicher Mensch, und ich wiederhole oft
Gesagtes: ich mchte ihn gern 'mal kennen lernen. Na, ja! Denkbar ist es
ja jetzt--wenn du"--hier nahm Arthur seinen pessimistischen Ton wieder
an--"dir nicht selbst etwas eingebildet, wenn du nicht Mglichkeiten und
Hoffnungen als Thatsachen hingestellt hast!

"Jedenfalls will ich noch heute mit meinem Vater sprechen und ihm ber
alles Mitteilung machen. Du sollst dann alsbald Nachricht haben."

Hierauf klingelte er, zahlte dem Kellner, ohne von seinem Onkel noch
besondere Notiz zu nehmen, und machte sich dann--ihm rasch und flchtig
die Hand drckend--davon.

"Geben Sie mir noch einen Hennessy Cognac vom besten!" erklrte Theodor,
der noch dageblieben war, dem Kellner, und zog die Brse.

Und whrend dieser forteilte, um das Verlangte herbeizuholen, murmelte
Theodor Knoop:

"So viel ist gewi! Sobald ich mein Geld bei ihnen fr die
Adelsgeschichte und den Verkauf des Geschfts in der Tasche habe, ziehe
ich mich von der ruppigen Gesellschaft ein fr allemal zurck! Jede
kleinste Zuwendung wird einem vorgehalten. Selbst Bezahlungen fr
geleistete Dienste werden einem auf das Mitleidskonto geschrieben!

"Mit meinem Bruder lt sich wenigstens noch sprechen! Aber dieser
eingebildete Ruppsack und Erz-Egoist Arthur ist mir nachgerade
widerlicher, als irgend ein anderer Mensch!

"Bevor ich vorgehe, werde ich mir erst einen Schein ber meine Provision
ausstellen lassen! Sonst streiten sie mir alles nachher ab.

"Ich hole die Kastanien aus dem Feuer und habe nachher das Nachsehen!

"Und--und--kann ich dem Arthur nachher 'mal eins beibringen, so soll's
gewi geschehen!

"Ich vergesse es nicht, wenn jemand sich einen solchen Ton gegen mich
erlaubt!"

Und whrend er die Friedrichstrae hinabflanierte und den Weg nach der
Kanonierstrae nahm, woselbst er in einem kleinen Hotel wohnte, schlo
er:

"Wetter! Wie wre es, wenn ich mir die Preise fr die Zhlkarten
von Knoops verschaffte und durch--hm--hm--vielleicht durch
Numick--solche der Hohensteinschen Buchdruckerei offerierte?
Da wre jedenfalls ein Geschft zu machen. Die sind nicht so
zimperlich.--Freilich--freilich--solange ich so noch zu Knoops
stehe--ist's wohl besser--Ich knnte hereinfallen und mir alles
verderben.--"

       *       *       *       *       *

Arthur machte an demselben Tage seinem Vater Mitteilung von der
Unterredung mit Theodor.

Sie hatten sich nach Tisch in der Villa im Arbeitszimmer des alten Herrn
niedergelassen und schlrften, whrend sich die Damen zu einem
Schlfchen zurckgezogen, eine Tasse Kaffee, und rauchten eine Havanna.

Herr Knoop war in auerordentlich guter Stimmung. Die Aussicht auf das
Geschft mit den Zhlkarten machte ihm eine gute Laune. Er hielt den
Zuschlag fr ziemlich sicher, weil die als uerst zuverlssig bekannte
und bei den Behrden vorteilhaft eingefhrte Buchdruckerei schon seit
Jahren wiederholt als Sieger bei solchen Konkurrenzen hervorgegangen
war. Nicht der Preis allein, sondern die Gte und die Sauberkeit der
Ausfhrung der Ware, deren man bei Knoops sicher war, halfen, wie er
wute, bei der Entscheidung mit.

Arthur hatte ihm von neuem besttigt, da ein sehr hbscher Posten,
selbst bei der beabsichtigten starken Ermigung, abfallen werde.
Ueberdies wirkten die Nachrichten und Vorschlge, die Theodor gemacht,
sehr erhebend auf Herrn Knoop.

Da Klamm Kufer sein knne, leuchtete ihm ein. Als Bewerber pate er
ihm ausnehmend. Die Frau besa bekanntlich Millionen! Infolgedessen
wrde die Anzahlung, die Knoops fordern muten, keine Schwierigkeiten
haben. Aber auch der Bildung einer Aktiengesellschaft war Herr Knoop,
der solchen Plnen bisher ausgewichen war, nicht abgeneigt. Thtigkeit
wrde ihm, dem spteren Freiherrn von Knoop, nicht fehlen.

Auch Arthur wrde sich, bei seinem ausgeprgten Erwerbssinn, der Arbeit
nicht entziehen und schon etwas Passendes finden, sofern er nicht in der
Aktiengesellschaft Beschftigung und Vorteile fand.

Nach Theodors Mitteilung stie ja nur noch der Geschftsmann in seiner
jetzigen Faon im Heroldsamt auf Widerstand.

Eine erheblichere Summe fr einen ffentlichen, dem Staat dienenden
Zweck herzugeben, fiel ihm nicht schwer, und er war dazu bereit.

Es lagen starkgewlbte Packete mit Staatspapieren in seinem Geldschrank!
Gegenwrtig hatte alles andere, was ihn sonst beschftigte, ein
untergeordnetes Interesse. Nur die Ueberlegung, wie seine Frau und
Margarete die Sache auffassen wrden, machte ihm noch Sorge.

"Deine Mutter wird freilich nicht sehr einverstanden sein, Arthur,"
erklrte Herr Knoop. "Sie legte schon auf den Kommerzienrat keinen Wert.
Und deine Schwester ist erst recht nicht dafr, da wir das Geschft
aufgeben! Freilich, auf sie kommt nichts an. Aber deine Mutter hat ein
Wort mitzureden."

"Na, was will Mutter denn mehr, als eine so gesicherte Zukunft, Vater!?

"Ihr werdet euch die schon mehrfach von euch gewnschte Villa kaufen,
eine angenehme und noch erweiterte Geselligkeit pflegen, im Sommer--da
du nicht mehr gebunden bist--ins Bad reisen und so euch in eurem Alter
eines ungewhnlich behaglichen Lebens erfreuen.--

"Grete besitzt wirklich etwas mehr als kleinbrgerliche Anschauungen.
Sie gleicht trotz ihrer Jugend alten Leuten, die sich in eine neue,
andere Zeit nicht hineinversetzen knnen.

"Ihr fortwhrender Oppositionsdrang ist recht strend und wenig
geschmackvoll!"

"Na, sie leidet sonst nicht daran, Arthur! Sie besitzt nur einen stark
ausgeprgten Sinn fr alles Natrliche. Es ist ein vortreffliches
Mdchen.--Schade--schade"--unterbrach er sich--"da sich Klamm gebunden
hatte. Der wre ein Mann fr sie gewesen. Es mag sein, wie es
will--hervorragende Eigenschaften hatte er trotz alledem."

"Vielleicht, Vater! Aber die Sache war ja aussichtslos, da Klamm Ileisa
den Hof machte. Er hat sich fr Grete ja gar nicht interessiert--"

"Allerdings! Es scheint so! Sicher aber wre es anders geworden, wenn
wir das fremde junge Mdchen nicht ins Haus genommen htten. Es war ein
Fehler--"

"Wie du so sprichst, Vater! Ich denke, Grete hatte doch einen groen
Gewinn von dem Verkehr mit ihr! Und die Dinge mit Klamm sind doch nun
abgethan! Er kmmert uns doch nur noch als Reflektant. Und dahin wollen
wir wirken. Ich werde Theodor morgen frh gleich mitteilen, da du
einverstanden bist."

"Nein, nein! Warte doch noch erst, mein Sohn! Erst mu ich mit deiner
Mutter nochmal sprechen. Wir wollen nichts berhasten. Besser fahren wir
beim Verkauf, wenn die Zhlkarten-Angelegenheit durchgeht. Das
entscheidet sich ja--wie anzunehmen--in acht Tagen--

"Und dann--"

In diesem Augenblick erschien mit vorsichtigem Schritt Adolf mit der
wichtigen Miene und den sthlernen Ringen in den Ohren. Er bestellte,
da ein Herr Herrn Knoop senior sogleich dringend zu sprechen wnsche.

"Warte hier--ich komme zurck"--entschied der alte Herr, erhob sich
rasch und elastisch und verlie, von Adolf gefolgt, das Zimmer.

Eine Zeitlang blieb Arthur noch nachdenklich sitzen.

Dann erhob er sich--von einem starken Verlangen nach Ileisa, von der er
wute, da sie im Wohnzimmer sein werde, erfat--und trat, auf dem
dicken Teppich unhrbar einherschreitend, in das erwhnte Gemach.

Und da bot sich ihm dann ein Anblick, der ihn berckte:

Ileisa war, whrend sie mit einer Lektre beschftigt, eingeschlafen.
Das Buch, in dem sie gelesen hatte, war ihr aus der Hand geglitten. Es
ruhte auf ihrem Scho. Whrend des Schlummers hatte sie ihre
ursprngliche Stellung verndert. Der Krper war in eine schrge Lage
geraten, das Gewand hatte sich verschoben, und ein kleiner Fu und ein
Knchel, ber dem ein wahrhaft vollendetes Ebenma der Linien sichtbar
wurde, bot sich Arthurs Augen. Aber er berflog auch mit feinen Augen
die klassischen Formen ihres ppigen Krpers; er sah, wie sich die Bste
in sanfter Regelmigkeit hob und senkte, und ihn entzckte der whrend
dieser Bewutlosigkeit in ihrem Angesicht noch strker hervortretende,
ihr gleichsam angeborene Ausdruck stolzer Gemessenheit.

Nicht trennen konnte er sich von ihrem Anblick, und je strker es ihn
berkam, da er eigentlich eine Unzartheit begehe, so von ihr unbemerkt,
ihre Schnheit auf sich wirken zu lassen, desto mehr verstrkte sich
sein Verlangen, in ihrer Nhe zu bleiben.

Ja, noch mehr! Von einer mchtigen Leidenschaft erfat, kniete er vor
ihr nieder und war eben im Begriff, einen Ku auf ihre Hand zu drcken,
als sie jhlings erwachte, sah, was vorging und in hchster Verwirrung
emporschnellte.

"Wie--Sie--Herr Knoop?" stie sie, whrend das Rot der Scham in ihr
Angesicht scho, erschrocken heraus.

"Ja, ich!" betonte der Mann, "ich, der Ihnen schon lange sagen wollte,
da ich Ihnen gut bin, der ich Sie schon lange bitten wollte, mir Gehr
zu schenken!

"Es sei Ihnen gestanden, Frulein Ileisa--ich liebe Sie, und wrde
glcklich sein, wenn ich gleiche Empfindungen bei Ihnen voraussetzen
drfte."

Nach diesen Worten beugte er sich zu dem zunchst fassungslosen jungen
Mdchen herab, kte erst strmisch ihre Hnde und nahm sie, als sie
keinen Widerstand leistete, vielmehr in einem Gemisch von andauernder
Verwirrung und aufflammender Hingebung den Oberkrper unwillkrlich zu
ihm neigte, in seine Arme. Nun kte er auch ihre Lippen, zwang sie,
sich zu erheben, und drngte sich ganz zu ihr.

Und sie zu ihm! Von einem heftigen Liebesrausch erfat, verharrten sie
so eine Weile, ganz sich hingegeben, bis pltzlich nebenan ein Gerusch
hrbar wurde, und beide auseinanderflogen.

Aber, als er dann etwas Furchtsames in ihrem Angesicht sich regen sah
und den Grund richtig deutete, fand er noch Zeit, ihr hastig
zuzuflstern:

"O nein, nein--frchte nichts, mein teures Mdchen. Ich meine es
ehrlich. Noch heute erklre ich meine Verlobung mit dir meinen Eltern!
Du bist mein--und ich bin dein fr immer!"

Noch sah er, welch glckseliger Ausdruck in ihrem Angesicht erschien,
wie sich die Bste befreit hob. Dann entschlpfte sie, er aber schritt
seinem zurckkehrenden Vater mit uerlich gleichmtiger Miene
entgegen.--

       *       *       *       *       *

Nach diesem Zwischenfall trat bei den Verlobten dasselbe ein, was der
erste Liebesrausch zunchst nachwirkend stets zur Folge hat.

Eine starke Erregung durchstrmte ihre Krper und Seelen, und die
Sehnsucht, jede Trennung zu verkrzen, trat in ihr Recht.

Daneben begannen sich, da beider Verstand nicht schlief, die
Ueberlegungen zu regen. Im Gegensatz zu den meisten Brautpaaren, die
alles, was den Gegenstand ihrer Neigung betrifft, verherrlichen, die das
rechte Augenlicht fr Helle und Schatten verlieren, bersannen diese
beiden Menschen nchtern die Folgen, die Vorteile und Nachteile des
zwischen ihnen geschlossenen Bndnisses.

Arthur sagte sich, da die Standes-Erhhungsplne, die sein Vater und er
verfolgten, eine Frderung erfuhren, wenn er in den Zeitungen
verffentlichen konnte, da er sich mit der Freiin Ileisa von Oderkranz
verlobt habe!

Dies klang sehr gut, das machte Eindruck. Und wenn er sie zudem als
seine Braut in die Gesellschaft einfhrte, wenn sie erst die Kleider und
den Schmuck trug, die er ihr schenken wollte, wenn ihre groe Schnheit
noch dadurch gehoben wurde, dann geschah seiner Eitelkeit und seinem
Drang, Beachtung und Aufsehen zu erregen, vollste Sttigung.--

Und endlich: Ileisa hatte whrend ihres Aufenthaltes im Knoopschen Hause
bewiesen, wie sehr sie sich zu fgen wute. So erhielt er eine Frau, die
immer des Spruches eingedenk sein werde, da sich die Frau dem Manne
unterzuordnen habe.

Und da sie schlielich sonst auch alle Eigenschaften besa, die eine
Frau zieren, da sie sittlich, gebildet, tchtig, sich zu beschrnken,
zu entsagen im Stande war, so mute er sich darein finden, da sie
nichts besa.

Da ihn das doch stark strte, da das seine Neigung, ihr seine Hand zu
reichen, abschwchte, verhehlte er sich in ruhigeren Augenblicken nicht.

Auch die Welt werde fragen, ob sie etwas habe?--Nein! Sie war die Nichte
einer sich kmmerlich durchschlagenden adligen Jungfer; sie hatte eine
Stellung als Gesellschafterin im Knoopschen Hause inne gehabt!

Aber nun hatten die Umstnde einmal eine Entscheidung herbeigefhrt,
eine, die seiner Schwester und seiner Mutter vllig sympathisch war, die
auch, allerdings nach einigem Zgern, Herr Knoop guthie.--

Nicht ohne Zagen dachte auch Ileisa in den Stunden nchterner
Betrachtung ber ihre Zukunft.

Sie glaubte nicht an die sittliche Kraft der Mnner, weil sie ein
solches Gegen-Beispiel im Vaterhause gehabt, und sie glaubte an
Rcksichten der Mnner in der Ehe ebenfalls nicht, weil sie zu hufig
das Gegenteil beobachtet und allzuviel darber gelesen hatte, wie wenig
sich deren Beteuerungen mit den spteren Wirklichkeiten deckten.--

Eine volle Befriedigung erfllte dagegen Frulein von Oderkranz, ihre
Tante. Sie begegnete den Bedenken und Gewissensregungen, die Ileisa
erhob, mit denselben besnftigenden Aeuerungen, wie damals, als von
dieser Mglichkeit die Rede gewesen.

Inzwischen hatten die Plne, die Herr Knoop, Vater und Sohn, verfolgten,
in der That noch zu starken Auseinandersetzungen mit den beiden Frauen
gefhrt. Herr Knoop hatte nicht mit Unrecht gegen Arthur hervorgehoben,
da er sich mit ihnen, namentlich mit seiner Frau zu verstndigen habe.

Frau Knoop hatte gesagt:

"Wir empfangen doch keinerlei Wert und Ansehen durch unser Kleid,
sondern lediglich durch die Tadellosigkeit unserer Handlungen.

"Legten deine Vorfahren den Adel ab, so wuten sie sicher, was sie
thaten. Sie entuerten sich gewisser Pflichten und Ntigungen, die sie
hemmten und schdigten. Hat es denn irgend einen Vorteil, ein 'Herr von'
zu sein, wenn man seine Befriedigung statt in Eitelkeiten, in der
Ausbildung des Gemts und des Sinnes fr die idealen Dinge dieser Welt,
sowie in der Pflege des Verkehrs mit den Besseren und Gleichgearteten
sucht?

"Fr Arthur ist's eine Thorheit, ihn in seinem Ehrgeiz zu verstrken,
ja, ich frchte, es kann sein Verderben werden!"

Und Margarete ging noch weiter.

Sie drang in ihren Vater und in ihren Bruder, von der Erstrebung dieser
Aeuerlichkeiten berhaupt abzusehen. Sie hatte ein Bild in Ileisa vor
sich! Was war sie in der Gesellschaft mehr? Erfolg sicherte nur das
Geld. Und Geld besa ihr Vater. Was wollte er sich mglicherweise dem
Gesptt aussetzen?

Letzteres sagte sie ihm jetzt nicht. Ihre Piett als Tochter hielt sie
davon ab, aber in einer Unterredung mit ihrem Bruder brachte sie ihre
Ansichten zum Ausdruck.

"Du solltest deinen Ehrgeiz darin suchen, es unserm Vater gleich zu
thun. Du solltest durch energische Ausbung deiner dir verliehenen
Fhigkeiten etwas Groes, Ntzliches zu schaffen und zu frdern suchen!
Thatkrftige Mnner der Industrie schlugen den Adel aus. Sie wollten,
da man lediglich ihren Namen respektierte, nicht das "von"!

"Du bist Ileisa gar nicht wert! Sie ist viel zu gut fr dich!

"Ein Mensch, der ohne Not auf solche Nichtigkeiten etwas giebt,
erniedrigt sich selbst; er zeigt, wie ungefestigt sein Charakter ist!"

Und Arthur hatte erwidert:

"Deine zimperliche Weisheit und Tugendhaftigkeit verpflanze, wie ich dir
schon frher riet, in ein Pastorenhaus. Du bist und bleibst ein
Gnschen, das die Federn eines Paradiesvogels verschmht, weil es eben
nur zum Gnschen Veranlagung hat."

"Ah--du solltest dich schmen," hatte Grete erwidert.

"Um das letzte Wort zu behalten, um einen Deckmantel fr deinen Ehrgeiz
zu haben, scheust du dich nicht, deine eigene Schwester herabzusetzen--

"Frage nur Ileisa, wie sie ber solche Dinge denkt! Ich sprach zufllig
noch gestern mit ihr ber Eitelkeiten und die blichen Heucheleien, die
gang und gbe!"

Arthur hatte nichts mehr erwidert, nur die Achseln gezuckt und sich
entfernt.

Aber ein zweiter Stachel setzte sich ihm schon vor seiner Heirat mit
Ileisa ins Fleisch.

Sie war erstens eine, die nichts, gar nichts einbrachte, und sie legte
auf dasjenige an Aeuerlichkeiten keinen Wert, das ihm sehr, sehr viel,
ja, das Hchste war!--

       *       *       *       *       *

Der Sptherbst war inzwischen gekommen; Frau Adelgunde von Klamm hatte
es durchgesetzt, da ihr Mann sich damit einverstanden erklrt, den
Winter in Berlin zu verleben.

Als Aufenthalt hatten sie sich das Parkhotel am Potsdamerplatz
ausgesucht. In dieses zogen sie in den ersten Tagen des Oktober ein, und
nahmen drei Gemcher in der ersten Etage nach vorn in Besitz.

Dem Struben Klamms, der auf dem Lande hatte bleiben wollen,--der sich,
weil er seine Stadtplne nicht verwirklichen konnte--auf die dortige
Thtigkeit mit allem Eifer geworfen,--hatte sie entgegengehalten, da
man in seiner Mutter Nhe gelange, da man der alten Dame die Freude
machen msse.

Frau von Klamm war nach der schweren Krankheit noch immer leidend, aber
sie liebte trotzdem Geselligkeit, und sie war besonders glcklich, wenn
sie ihren Sohn womglich tglich sehen und sprechen konnte.--

Theodor Knoop hatte durch einen seiner Helfershelfer, einen gewissen
Schmeidel, bei Herrn von Klamm vorgefragt, ob er das Knoopsche Geschft
kaufen wolle. Klamm hatte erwidert, da er nicht abgeneigt sei, wenn die
Offerte von der Familie Knoop selbst an ihn gelange.

Allerdings hatte Frau von Klamm wiederum strksten Einspruch erhoben,
und nicht Schwche, aber die Fessel, die Klamm angelegt war, weil seine
Frau das Geld besa, hatten ihn bewogen, dem dann inzwischen wirklich
eingegangenen Antrag von der Firma Knoop vorlufig noch keine Folge zu
geben.

Sehr schwer war's ihm geworden, und starke Kmpfe waren damit verbunden
gewesen.

"Du hast ja eine Thtigkeit, mein lieber, teurer Freund! eine
Thtigkeit, die dich befriedigt, die fr dich pat, deinem Stande
angemessen ist," hatte sie errtert. "Weshalb immer wieder auf diese
Plne zurckkommen! Thu's mir zu Liebe und gieb die Gedanken an!

"Bedenke auch! In welche Nesseln du dich setzest! Du wirst deines Lebens
nicht froh werden, wenn du in all das Geznk verflochten wirst!

"Und nicht ungefhrlich ist's bei der starken Konkurrenz, dafr ein
solches Kapital zu wagen! Weshalb darauf ausgehen, wo in anderer Weise
ohne Fhrlichkeiten und Aerger dasselbe zu erreichen ist."

Klamm hatte nur mit wenigen Worten erwidert.

"Du kannst es nicht vergehen, da ich grade dafr Neigung besitze, weil
du eine Frau, ein Kind der Gesellschaft bist. Ich kann immer nur
wiederholen, da mich grade eine solche Beschftigung mehr anzieht, als
irgend eine andere! Frage den Musikfreund, weshalb er grade die
Tonkunst, den Knstler, warum er die Malerei liebt und in deren
Frderung sein volles Genge findet!? Ist es nicht etwas Herrliches,
durch die Presse den Sinn fr edle Dinge, Fortschritt, das Interesse fr
Kunst und Wissenschaft zu heben, ein Kulturfrderer in bester und auch
in wirksamster Weise zu sein?

"Ist es nicht beraus anziehend, auch die praktische Seite des
Schrifttums, das Buchdruckereigewerbe und seine Vervollkommnung zu
pflegen?"

"Hm--aber nun grade das Knoopsche Unternehmen! Ich wrde zu stolz sein,
um mich diesen Personen wieder freiwillig zu nhern, dadurch all die
alten Dinge aufzurhren, Alfred!"

"In dieser einen Beziehung mu ich dir recht geben, Adelgunde! Ich habe
ja auch deshalb erwidert, da ich die Offerte von der Familie erwarte.

"Aber noch mehr! Ich habe ja bisher noch gar nicht von mir hren
lassen--"

"Mag es auch so bleiben, liebster Alfred! Schreibe ab! Beschftigen wir
uns mit anderen Dingen. Zunchst wollen wir einmal unsere Visiten
machen, deine und meine Bekannten aussuchen!"

So hatte das Gesprch sein Ende gefunden, und Klamm hatte auch jetzt,
bei seiner Anwesenheit in Berlin noch von einer Berhrung mit Herrn
Knoop vllig Abstand genommen.--

Inzwischen aber hatte Theodor Knoop nicht geruht. Er war nach allen
Richtungen thtig gewesen, um das Geschft vorteilhaft zu verkaufen und
den Nobilitierungsplnen weiteren Vorschub zu leisten. Zu dem
Verlobungsfest Arthurs mit Ileisa war er mit eingeladen worden, und
diese Gelegenheit weicherer Stimmungen hatte er benutzt, um von seinem
Bruder einen Provisionsschein zu erhalten. Wrde das Geschft, wie es
geplant war, fr drei und eine halbe Million verkauft, erhielt er 25000
Mark Vermittlungsgebhr, und erfolgte die Standes-Erhhung, wrden ihm
weitere 20000 ausgezahlt.

Er solle aber darber nicht reden, auch mit Arthur nicht! hatte ihm
Friedrich Knoop auf die Seele gebunden.

Als Klamm sich trotz des Angebots, das ihm durch Theodors Handlanger
gemacht worden war, nicht meldete, warf sich Theodor auf die anderweitig
vorgesehene Realisierung des Verkaufs des Geschftes, hielt aber Klamms
Mitwirkung dabei doch im Auge.

Er erklrte der Bank, an die er herantrat, da ein knftiger Leiter in
der Person des Herrn von Klamm nicht nur gewonnen sei, sondern da sich
dieser auch mit einem sehr erheblichen Kapital beteiligen werde. Auch
Knoops wrden Aktien statt Geld nehmen, und Herr Arthur Knoop werde als
Aufsichtsrat spter thtig sein.

Ueberdies hatte er auch gleich den sogenannten Emissionsplan vorgelegt.
Nicht dreieinhalb Millionen, sondern vier Millionen Aktien sollten
ffentlich von der Bank aufgelegt und dem Publikum zur Beteiligung
angeboten werden. Nach den bisherigen Einnahmen ergab sich dann immer
noch, wie er ihnen vorrechnete, eine jhrliche Verzinsung von neun bis
zehn Prozent.

Wiederholte, sich ziemlich lang hinausziehende Besprechungen endeten mit
der Bereitwilligkeit der Bankdirektion, in eine Prfung des Geschfts
einzutreten. Sie sollte durch zwei der Bank kundige und vertrauenswerte
Persnlichkeiten vorgenommen werden. Sie hatten die Aufgabe, die
Gebude, die Maschinen und das gesamte Inventar abzuschtzen und die
Bcher des Geschftes einzusehen.

Ergab sich wirklich ein solcher Nutzen, sollte in ernsthafte
Verhandlungen eingetreten werden.

Unter solchen Umstnden mute aber Theodor nun doch an Klamm
herantreten. Da sich Klamm mit Kapital und seiner Arbeitskraft
beteiligen werde, hatte die Bank, die Erkundigungen nach ihm eingezogen,
als Vorbedingung hingestellt. Gegen Arthur Knoop hatte sich wegen seiner
Jugend Bedenken erhoben; auch ergaben die Ermittelungen, da er mehr
Sportsmann und Lebemann, denn ein eifriger Geschftsmann sei.--

Bei einer Unterredung, die zwischen Arthur und Theodor stattgefunden,
hatte Arthur gedrngt, da Klamm nunmehr baldigst bestimmte Erklrungen
gbe.

Theodor hatte bisher mitgeteilt, da Klamm ihm gesagt, da er in irgend
einer Form der Sache nher treten wolle. Er hatte Arthur unter dem
Eindruck gelassen, da er persnlich mit ihm verhandelt habe.

Um nun nicht der Lge berfhrt zu werden, mute er den Gang zu Klamm
schon wagen. Er wollte ihm erklren, da er im besonderen Auftrag des
Herrn Knoop komme, und gab sich der Hoffnung hin, dadurch einer
unhflichen Behandlung von seiten Klamms enthoben zu werden.

Lie sich Klamm, wie er voraussetzte, auf Besprechungen ein, wollte er
alles vorbringen, was er den Bankdirektoren und Knoops als thatschlich
bereits erzhlt hatte. Theodor hatte auch, wie es schien, Glck. Herr
von Klamm lie, als der Oberkellner bestellte, da Herr Theodor Knoop im
Auftrage des Herrn Friedrich Knoop komme, und bte, den Herrn Baron
sprechen zu drfen, heraussagen, er werde sich unten im
Konversationszimmer einfinden.

"Was wnschen Sie?" begann Herr von Klamm mit eisiger Miene und
Betonung, als er in den erwhnten Salon eintrat und sich Theodor erhob
und eine besonders hfliche Verbeugung machte.

Theodor brachte vor, was er zu sagen hatte. Er knpfte daran an, da
Herr von Klamm erklrt habe, da er das Angebot von Knoops in
Ueberlegung ziehen wolle.

"Ja, aber ich mu dennoch ablehnen.--Sie wollen das, da Sie als
Beauftragter des Geschftsinhabers erscheinen, Ihrem Herrn Bruder
mitteilen.--Sonst noch etwas?" schlo Klamm und machte eine Bewegung zum
Gehen, die hinreichend bewies, da er mit dem Besuch ferner zu
konferieren nicht wnsche.

Aber Theodor lie sich nicht abschrecken. Er sagte nun das, was er
klglich zuerst nicht in Vorschlag gebracht, das, was er der Bank aber
bereits mitgeteilt hatte.

Er bat Klamm, die Oberleitung zu bernehmen, erzhlte, da ein
Kapitalisten-Konsortium die Sache kaufen, in eine Aktiengesellschaft
verwandeln und grade ihn als Geschftsleiter erwhlen mchte. Man hoffe,
da sich Klamm auch mit einem Kapitalbetrag des ihm ja sehr bekannten
Geschftes beteiligen werde. Er fgte hinzu, da sich Knoops ganz
zurckziehen wollten.

Hchstens sei der junge Herr Knoop bereit, sich mit in den Aufsichtsrat
einzureihen. Klamm berlegte rasch. Bei solcher Sachlage wrde Adelgunde
vielleicht keine Einwendungen erheben. Einen geringen Teil ihres
Kapitals wrde sie dann nur riskieren, und sicher wrde er ihren
Widerstand beseitigen, wenn er lediglich die Stellung des Vorsitzenden
des Aufsichtsrates bernhme.

Thatschlich wrde er aber dann schon die Mittel und Wege finden, die
Zgel ganz in seine Hnde zu bekommen.

Das klang dann ganz anders! Das stimmte dann mit dem berein, wozu sich
auch sonst adlige Personen verstanden. Klamm konnte alle seine Wnsche
erfllen, wenn die Dinge sich so vollzogen.

Er erwiderte in diesem Sinne knapp und kurz und schlo:

"Ich wnsche aber mit der Bank selbst zu verhandeln! Welche ist es?--Sie
werden von dort ber meine Entschlieungen verstndigt werden--"

Hierauf nickte er und machte abermals eine Bewegung, sich zu entfernen.

In Theodor schwoll's auf! Das ging ja alles herrlich! Aber eben nun
mute das Eisen noch gleich ganz geschmiedet werden. Er wollte Alfred
berreden, ihm eine feste, prinzipielle Zusage zu erteilen.

Als er jedoch zu diesem Zwecke nochmals anheben wollte, richtete sich
Klamm mit uerst brsker Miene empor und sagte:

"Ich mu es ablehnen, mit Ihnen auch ber das Allernotwendigste noch
ferner zu sprechen. Es geschah berhaupt nur, weil Sie im Auftrage Ihres
Herrn Bruders zu kommen erklrten. Wre das nicht, htte ich Sie gar
nicht empfangen, und ich rate Ihnen dringend, nicht noch einmal den
Versuch zu machen, sich mir zu nhern.

"Bedingung fr meinen Eintritt ist berhaupt, da ich nichts--gar nichts
mit Ihnen in Zukunft zu thun habe. Solches werde ich auch allen
Beteiligten mitteilen.--Adieu!"

Theodor Knoop scho das Blut in den Kopf, eine rasende Wut ergriff ihn.
Statt zu gehen, statt alles hinzunehmen, statt ein erklrend
besnftigendes Wort zu sprechen, um sich so den Abgang zu erleichtern
sagte er:

"Wohlan, mein Herr! Nach Ihrem Belieben! Ich darf mir aber wohl die
Frage erlauben, was Sie berechtigt, mich in solcher Weise zu beleidigen?

"Sollten es die alten Mrchen sein, da ich Ihre Frau Mutter bei
Gutskufen geschdigt habe, so erklre ich das fr eine Lge. Ich kann
Ihnen nur dringend raten, da Sie Ihre Verleumdungen nicht fortsetzen!
Also nicht Sie haben ein Recht, eine solche Sprache zu fhren, sondern
ich knnte Sie wegen Ihrer Nachreden, die sich auf vllig vage
Vermutungen sttzen, zur Rechenschaft ziehen. Ich habe Ihre Frau Mutter
nie mit Augen gesehen!"

Theodor hatte seine Rede kaum beendet, als schon ein, mit einer
befehlenden, jeden Widerstand aufhebenden Handbewegung begleitetes:
"Hinaus! Augenblicklich hinaus!" in einem so drohend lauten Ton
erfolgte, da es hell durch die unteren Rume des Hotels ertnte, und
Anla gab, da sich mehrere nebenan befindliche, beim zweiten Frhstck
sitzende Gste erhoben und herbeieilten, aber auch der Portier
unmittelbar darauf mit besorgter Miene den Kopf durch die Thrffnung
steckte.

"Lassen Sie dieses Subjekt niemals wieder vor! Hren Sie, Portier! Er
soll mir nicht mehr gemeldet werden!" befahl Klamm in einem kurz
befehlenden, sehr scharfen Ton. Whrend sich Theodor, zitternd und
zhneknirschend vor Wut, entfernte, schritt er auf dem entgegengesetzten
Weg zum Auenflur, um sich wieder in sein Zimmer zu begeben.

       *       *       *       *       *

Nach diesem Vorfall richteten sich zunchst Theodor Knoops Gedanken auf
die Ueberlegung, wie er sich--gleichviel ob ihm Vorteile dadurch
entgehen wrden--an Klamm rchen knne. Je mehr er zugeben mute, da
Klamms Haltung vllig gerechtfertigt gewesen, desto hher loderte
der Ingrimm in ihm auf, desto mehr verschrften sich die
Vergeltungsgedanken.

Aber schon am selben Tage dachte er anders! Was scherte ihn das
Wohlwollen oder die Abneigung des Herrn von Klamm! Wenn er nur das
Geschft machte, nur Geld verdiente! Und nur in dem einen Punkte mute
er noch handeln! Er mute fr alle Flle den Bankdirektoren eine
Erklrung geben, weshalb Klamm so sehr gegen ihn eingenommen sei.

Da Klamm sich gegen Knoops uern wollte, machte nichts aus. Das waren
fr jene ja allbekannte, von ihm lngst widerlegte Sachen.

Zuletzt rieb sich Theodor Knoop sogar die Hnde.

Wie nun? Wenn Klamm ihn--als jener Betrugshandlungen verdchtig--beim
Staatsanwalt denunziert haben wrde! Dem war er doch entgangen!

Also den Kopf hoch und leichten Sinnes! Die Unterredung war so
vortrefflich wie mglich verlaufen!

Noch an demselben Abend suchte er Arthur im Kontor auf, teilte ihm mit,
da er ihm Gutes zu melden habe, und schlug ihm vor, den grade in Berlin
anwesenden Cirkus Renz zu besuchen.

Da Ileisa und Margarete einer Einladung zu Wiedenfuhrts folgen wollten,
Arthur also die Stunden nicht, wie sonst, mit seiner Braut verleben
konnte, nahm er seines Onkels Vorschlag an und traf die Abrede, da sie
sich im Restaurationsraum vorm Cirkuseingang treffen wollten.

Bevor sich Arthur aber dahin begab, traf zufllig grade die Nachricht
ein, da der Firma der Zhlkarten-Auftrag zuerteilt worden war, ein
Umstand, der Arthur Anla gab, sich so gleich zu seinem, hinten im
Wohnhaus befindlichen Vater zu begeben.

Der Bote, der ihm die Nachricht schon vor der offiziellen Mitteilung
gebracht und dafr ein vorher versprochenes Trinkgeld erhalten, hatte
noch zu erzhlen gewut, da sich die Offerte der Hohensteinschen
Buchdruckerei in allem stets ein weniges unter dem Knoopschen Angebot
gehalten habe, da aber trotzdem der Zuschlag deshalb fr die Knoopsche
Offizin ausgefallen sei, weil man greres Vertrauen in ihre
Leistungsfhigkeit und Zuverlssigkeit setze. Namentlich habe sich auch
Herr Wiedenfuhrt fr Knoops ausgesprochen.

Das alles regte die beiden Herren sehr an, hob ihre Stimmung ausnehmend,
gab aber auch zu der Befremdung und Frage Anla, wie es komme, da die
Hohensteinsche Buchdruckerei grade die Stze von Knoops unterboten habe.

Es machte fast den Eindruck, als ob sie von der Offerte der Firma Knoop
Kenntnis gehabt.

Arthur erinnerte sich seines Gesprches mit Theodor und dem Oberfaktor,
und uerte, da der letztere sich unmglich eines Vertrauensbruches
schuldig gemacht haben knne.

"Fr den trete ich ein!" betonte er, und Herr Friedrich Knoop Stimmte
ihm bei.

Was sie aber beide sonst noch dachten, sprachen sie nicht aus.--

Im brigen waren sich Vater und Sohn nunmehr einig, da sie in Theodors
Vorschlge willigen wollten. Es folgte gleich nach der unmittelbar
bevorstehenden Prfung der von der Bank erwhlten Kommission, in deren
Geschftszimmer eine Zusammenkunft anberaumt und: Kaufpreis,
Zahlungsmodalitt, Beteiligung, Direktorium, Aufsichtsrat und
Uebernahmetag festgesetzt werden.

Wenn Klamm, wie Theodor sicher behauptet hatte, eintreten und sich
beteiligen wollte, war die Sache sicherlich gemacht! Dann strich Herr
Knoop drei und eine halbe Million in die Tasche.

Und dann noch das letzte: die Nobilitierung! Was machte es aus, wenn von
den drei und einer halben Million wirklich selbst anderthalb hundert
tausend noch abgingen--der Rest war wahrlich ein Resultat, das sich
sehen lassen konnte!

Und darin waren sich Vater und Sohn einig. Sobald alles erreicht war,
wollten sie Theodor, den Onkel, ein fr allemal von sich abthun.

Dafr war Margarete berhaupt schon immer eingetreten.

Sie hatte wiederholt gebeten, da ihn die Familie so wenig wie mglich
ins Haus ziehe, ja, wie damals schon geplant, selbst mit strkeren
Opfern alle Beziehungen zu ihm lse! Sie traute ihm durchaus nicht. Sie
glaubte an den Klammschen Gterbetrug!

Und bis zum legten Augenblick--noch am Abend vorher--war sie in ihren
Vater gedrungen, sich von dem Geschft nicht zu trennen, und sich auf
Standes-Erhhungsplne nicht einzulassen.

Bei allem aber blieb Herr Friedrich Knoop auf seinem Standpunkt stehen.
Er ereiferte sich durchaus nicht. Er betonte stets mit vollkommener
Ruhe, da er materiell gar nicht besser fahren knne, als wenn er jetzt
verkaufe.

Ueber eine Million Thaler in sicheren Staatspapieren sei ein Resultat.
Darin msse er Arthur recht geben.

Und der Adel? Er hiee lieber Freiherr Friedrich von Knoop, als Herr
Rentier Knoop! Gewi, im Grunde sei dergleichen wie so vieles, ein
Nichts, ein Schaum, dem nachzujagen, eine Thorheit. Aber man lebe eben
in einer Welt der Komdien, und wolle man den absolut Vernnftigen
spielen, laufe man geradezu Gefahr, ins Irrenhaus gesperrt zu werden.

Und das wiederum so Vorgebrachte klang denn auch wahrlich nicht so bel!
Wie berall das, was die Sinne bestrickt, stets in anderen Farben
leuchtet, als die graue Vernunft.

Sie, die Vernunft, mit ihrer rauhen Tugend, pat in die
Trappistenklster, aber nicht in die Welt der Bedrfnisse, des
Genieens, des Ehrgeizes.----

Whrend sich die Dinge in solcher Weise bei Knoops abspielten, sa am
Schlu der Woche abends im Millionen-Klub Alfred von Klamm neben einem
ihm bereits aus seiner Dresdner Zeit bekannten, jetzt in Berlin lebenden
Freiherrn von Milan, einem frheren Garde-Ulanen-Offizier, der wegen
eines Knieleidens hatte seinen Abschied nehmen mssen.

Zu Milan hatte sich Klamm stets sehr hingezogen gefhlt. Er war ein
Mann, der nichts weniger als schablonenhaft zugeschnitten war.

Auch er suchte etwas. Da er nicht ohne Vermgen war, vermochte er auch
so zu leben. Er wnschte aber eine ansprechende Thtigkeit zu finden und
sich--zu verheiraten.

Whrend sie einer Flasche Wein zusprachen, warf Milan die Frage nach
Klamms nchsten Plnen und nach--Klamms Gattin hin. Er fragte ihn ohne
Rckhalt, ob er sich in seiner Ehe glcklich fhle.

Sie hatten ihr Inneres einander so hufig geffnet, da keinerlei
Unzartheit darin lag.

Klamm lie einen ernsten Ausdruck in seinen Zgen erscheinen, und sagte:

"Da ich aus den mehr als bedrngten Verhltnissen herausgekommen bin,
da sich meine teure alte Mama der Sorgen und der Vorwrfe, die sie sich
meinetwegen gemacht, entschlagen hat, ist ja ein unschtzbarer Gewinn.
Ja, ich mu sagen, da ich dem Himmel nicht dankbar genug sein kann.
Wenn Sie mich aber fragen, lieber Freund, ob ich glcklich bin, so sage
ich--nein! Durchaus nicht!

"Immer mehr gelange ich zu der Einsicht, da der Begriff Glck nicht zu
definieren ist. Ein Blinder kann sehr glcklich sein, ein Armer, ein
ewig Dienender, Entbehrender. Liebe zu unseren Mitmenschen, die Freude
am Kleinen, die Fhigkeit, eines Sonnenstrahls Verschnerungskraft mit
den Augen des Naturschwrmers wrdigen zu knnen, Genufhigkeit und
Gesundheit knnen uns glcklich machen!

"Am wenigsten erzeugt Geld, Besitz an sich, Glck--

"Es mu dem Erdenmenschen immer etwas zu wnschen brig bleiben, etwas,
dem er entweder eifrig nachstrebt, und an dessen Gewinnung er dann
Freude erlebt, oder dessen Erfllung er der alles reifenden Zeit mit
geduldigem Wartesinn berlt.

"Das Furchtbarste ist: der Mann seiner Frau zu sein, in dem Sinne, da
sie das Vermgen hat, man selbst nichts besitzt und deshalb in seinen
Bewegungen, Entschlssen und Handlungen von ihr abhngig ist.

"Und darum antworte ich Ihnen: ich bin nichts weniger als glcklich."

"Aber Ihre Frau Gemahlin vermag sich doch der besten Eigenschaften zu
rhmen. Sie ist bekannt wegen ihrer Liebenswrdigkeit, Klugheit und
Herzensgte! Sie ist, wie ich sicher wei, eine Sie sogar eiferschtig
liebende Frau, lieber Klamm."

Klamm bewegte erst leichthin das Haupt, dann sagte er, langsam
sprechend:

"Ja, aber wir passen nicht zu einander! Sie kennt und will nur
Vergngen, und ich--ich habe jeglichen Geschmack daran verloren.

"Meine Frau kann eigentlich keinen Abend mit mir allein sein! Sie
musiziert, sie liest, sie plaudert wohl gern einmal ber ernstere Dinge,
hat Talent fr jene und Verstand fr diese; aber es mu immer ein Zeuge
da sein, der sie bewundert, ihr zuhrt, dem sie ihre kleinen Komdien
vorspielen kann. Es giebt Personen, die nur glcklich sind, wenn sie
jeden Tag als Akteure auftreten, ihre Fhigkeiten vor anderen leuchten
lassen knnen, wenn sie in Lust und Trauerspielen, in Vaudevilles und
Singspielen, die sie auffhren, oder zu denen sie sich als Teilnehmer
drngen, womglich die Hauptrolle spielen und zum Schlu laut oder stumm
beklatscht werden.

"Solch ein Mensch ist meine Frau. Dazu kommt der verrckte, nicht zu
bannende Ehrgeiz, in der allervornehmsten Gesellschaft zu verkehren,
sich dieser anzuschlieen, deren Modethorheiten oder ble
Passionen mitzumachen. Sie wrde sich auch--wenn jene es ihr
vormachten--einbilden, sie msse neben mir einen Geliebten haben. Da
sie ohnehin schon dazu manche ernannt hat und immer wieder ernennt,
macht sie sich nicht einmal klar. Es ist aber der Fall. Kleine
Liebestndeleien mit flotten Offizieren oder Diplomaten, aber auch mit
lteren Personen von Distinktion gehren zu ihr, wie frher zu den alten
Jungfern die Mpse und Strickbeutel!

"Und nun die Abhngigkeit von ihrem Gelde! Das ist's, mein Freund. Sie
hat zwar anfnglich ausgesprochen, da alles mir so gut gehren solle,
wie ihr, aber sie hat die Initiative, das gerichtlich festzusetzen,
nicht ergriffen. Und wenn ich bisweilen dachte, ich wollte ihr's
nachtrglich abgewinnen, stockte ich doch.--

"Weshalb?--Ich habe ein Gefhl, da ich mich dann erst recht in
unlsbare Fesseln schlage--ohne dem aber noch einmal meine Freiheit
zurckgewinnen kann--"

"Wie? Mit solchen Gedanken beschftigen Sie sich, Klamm?" fiel Milan
berrascht ein.

"Nein--und ja!--Ich will jetzt eben versuchen, ob meine Frau mir zu
willen sein will. Ich habe die Absicht, eine groe Zeitung zu
bernehmen, in dieser Richtung zu wirken. Ich habe einmal Sinn fr
ffentliches Leben, sozialen Fortschritt, Pflege der Kunst und
Wissenschaften. Meine Frau aber hat fr dergleichen nicht das geringste
Interesse. Sie liest nicht einmal eine Zeitung. Und dergleichen
'Thtigkeit' ist ihr viel zu brgerlich. Das zieht mich ja von
Geselligkeit und all den Modelasten ab, an dem sie lediglich Gefallen
findet."

Milan hatte bei Klamms Eingangsworten besonders ausgehorcht. Nach einer
nheren Errterung darber, sagte er:

"Vielleicht knnen Sie mir--knnen wir uns die Hand reichen! Ich teile
Ihren Geschmack, ich wrde sehr gern die Stellung eines stndigen
Mitarbeiters an Ihrer Zeitung bernehmen. Ich habe--wie Sie
wissen--schon ziemlich viel geschrieben: Militrisches,
National-Oekonomisches und auch Feuilletonistisches.--Vielleicht hat's
der Zufall gefgt, da wir an einer Sache gemeinsam arbeiten knnen. Das
wrde mich sehr freuen! Ich mchte auch in die Kammer gewhlt werden.
Ich habe ja Grundbesitz und bin nicht ohne Einflu in meinen Kreisen."

In diesem Sinne festen die beiden Mnner ihre Unterredung bis in die
Nacht fort.

Erst um drei Uhr morgens schritten sie zusammen die Friedrichstrae und
spter die Leipzigerstrae hinab. Und heute etwas gehobener denn seit
langer Zeit, stieg Klamm die Hoteltreppen empor, und suchte den Segen
des grten Gottes, der sich dem Menschen nhert--den Schlaf.--

       *       *       *       *       *

Der Abschlu war erfolgt. Herr Friedrich Knoop hatte seine Buchdruckerei
und seine Leitung an die Aktiengesellschaft fr den von ihm bedungenen
Preis verkauft. Die Anzahlung war bereits gemacht, und die Erledigung
der brigen Raten war von der an dem Geschft beteiligten Bank
garantiert worden.

Und Freiherr Alfred von Klamm war als Vorsitzender des Aufsichtsrates
mit der Magabe erwhlt worden, da es ihm berlassen sei, fr die
Direktionsgeschfte eine passende Persnlichkeit ausfindig zu machen.
Vorderhand sollte er selbst aber als Direktor eintreten, und im Fall er
Neigung besitze, diese Thtigkeit fortzusetzen, den Vorsitz an eine
andere Persnlichkeit abgeben. Eine starke Enttuschung hatte die
Familie Knoop dadurch erlitten. Auf Arthur war nicht--wie Friedrich
Knoop und die Damen angenommen und gewnscht hatten--die Wahl gefallen.

Klamm war vor dem Uebergang an die neue Gesellschaft einigemale mit
Arthur in Berhrung gelangt, hatte jedoch an der Selbstgeflligkeit und
der unangenehm wirkenden Sicherheit des sich mit den Hnden in den
Hosentaschen vor ihm ausstellenden jungen Menschen so wenig Geschmack
gefunden, da er ihn aus der Zahl der Bewerber von vornherein
ausgeschieden.

Er wnschte gegebenen Falles vllig neue Bahnen, und hatte sich deshalb
auch in der Wahl der Anstellung anderer Beamten das Recht selbstndiger
Entscheidungen vorbehalten.

Knoops waren auch schon aus dem Wohnhause fortgezogen, Klamm hatte dort
seinen Einzug gehalten.

Sonst hatte sich uerlich zunchst nichts verndert.

Klamm empfing smtliche Angestellte und versicherte sie, da jeder, der
seine Pflicht, wie bisher, gewissenhaft ausbe, auf seinem Platz bleiben
und von ihm bestens beschtzt werden werde.

Wo frher Herr Friedrich Knoop in dem Arbeitszimmer mit den zahlreichen
Klingelknpfen geherrscht, da sa nun--der einst kurzweg Entlassene!--

Und in einem vornehmen Villenbau in der Kurfrstenstrae, den Herr Knoop
gekauft hatte, wurden zu gleicher Zeit die Hochzeitsfeierlichkeiten
zwischen Arthur und Ileisa vorbereitet. Das Aufgebot war erfolgt, und
der Tag der Vermhlung bereits festgesetzt.

Zunchst waren die Gemter auch noch sehr gehoben. Die Erwartung hielt
alle in Atem, sie lie sie zu rechten Nebengedanken nicht gelangen. Herr
und Frau Knoop beschftigte die Sorge, wie sie ihrem Sohn alles
mglichst vollkommen herrichten knnten. Sie waren viel unterwegs,
prften, whlten und zogen den Geldbeutel.

Aber auch die beiden jungen Mdchen waren ganz bei der Sache,
und wenn nicht Ileisa die Nadel rhrte oder mit Margarete
Aussteuer-Angelegenheiten berlegte, begab sie sich an ihres Verlobten
Arm auf die Suche nach einer Wohnung.

Und der junge Mann kritisierte nach seiner Art das meiste, zeigte aber
doch auch dabei den praktischen Sinn, der eine seiner besten
Eigenschaften war.

Im brigen hatte er sich auch schon nach einer neuen Thtigkeit
umgesehen.

Sein Vater hatte sich bereit erklrt, ihm und Ileisa den Zinsgenu einer
Million Mark zu berweisen; eine gleiche Rate sollte Margarete bei ihrer
Hochzeit werden. Den Rest wollten die Alten fr sich verwenden.

Kapital wollte Herr Friedrich Knoop nicht hergeben. Sein Sohn und sein
knftiger Schwiegersohn sollten der Gefahr entgehen, jemals zu verarmen.
Sie sollten sich, falls sie Geld fr Geschftszwecke brauchten,
anderweitig umsehen.

Arthur hatte auch keinen Einwand erhoben. Wenn er ber eine Rente von
40000 bis 50000 Mark verfgte, dann konnte er "standesgem" existieren.

Es wrde sich finden, was er noch that und wie er sich einrichtete.

Als Ileisa einmal bescheiden davon gesprochen hatte, da er ihr einen
Liebesbeweis an den Tag legen wrde, wenn er ihrer Tante eine jhrliche
Beihilfe zuwende, hatte er "solches zu berlegen" versprochen.--Es war
aber sehr bezeichnend gewesen, da er seinen Vater ersucht hatte, diese
Last zu bernehmen.

Herr Knoop hatte unter der Bedingung ja gesagt, da die Dame ihm
dagegen nach ihrem Tode ihr Vermgen berweise.

Dann vermochte er sich voll oder zum Teil wieder von dem Ausfall zu
erholen. Frulein von Oderkranz konnte noch zwanzig Jahre und lnger
leben! Es hie also eine erhebliche Summe verschenken, wenn sie ein
hohes Alter erreichte.

Arthur hatte nicht den Mut gehabt, seiner Braut diese "kaufmnnischen
Plne" zu unterbreiten, er hatte nur gesagt, da er es geordnet habe,
da die alte Dame die von Ileisa gewnschte vierteljhrliche Rate
erhalte.

Und sie hatte ihn--ahnungslos ber die Vorgnge--gekt und sich
bedankt.

Vier Tage vor der Trauung hatte Ileisa noch eine Unterredung mit ihrer
Tante in der frher erwhnten Wohnung.

Frulein von Oderkranz schaute auf, und auf den knochigen Backen
erschien das Rot freudiger Erregung, als Ileisa in einem uerst
geschmackvollen, neuen Radkostm in dunkelblauem Stoff zu ihr ins Zimmer
trat.

"Reizend siehst du aus, mein ses Kind! Wohl ein Geschenk von Arthur?"
warf sie belebt hin.

"Ja, Tante! Aber nicht nur das! Sechs neue Roben hat er mir auf einmal
gekauft, und alles, was irgendwie sonst noch dazu gehrt. Und sieh nur,
das Geschenk von Vater!"

Hierbei knpfte sie das Jacket auf und zeigte auf eine Brosche, die
einen Saphir in der Mitte barg, der von zahlreichen Brillanten umgeben
war. Es blitzte das Geschmeide. Die klassische Bste des schnen
Mdchens hob sich unter dem straff geschnittenen Kleide, und ein
Ausdruck glcklicher Befriedigung verschnte ihre Zge. Sie hatte, wie
sie so dastand, etwas Berckendes.

Unwillkrlich stie die alte Dame heraus:

"Nun? War's nicht gut, da wir's so machten? Haben wir nicht alles
erreicht? Bist du nicht glcklich?"

Und Ileisa nickte und zwang sich, an etwas zu glauben, was ihr Inneres
bestritt, schwatzte aufgerumt und verlie ihre Tante erst nach geraumer
Zeit.

Aber an dem Abend desselben Tages nach dem Zusammensein mit ihrem
Verlobten, lagen Schatten auf ihrer Stirn, es whlte und nagte etwas in
ihrem Innern, dessen sie nicht Herr werden konnte.

Bevor sie an diesem Abend zur Ruhe ging, warf sie sich Margarete an den
Hals und weinte und schluchzte bitterlich.

"Was ist, meine einzige Ileisa!" flsterte die warmherzige Freundin.

"Ach, Grete! Glaubst du, da ich deinen Bruder glcklich machen werde?"
sprach sie nach deren wiederholter Aufforderung, ihr ihr Herz
auszuschtten, mit verzagender Stimme.

"Seltsam! Je nher der Augenblick kommt, desto mehr ngstige ich mich!
Wenn wir nur zu einander passen, Grete.--Natrlich, nur dir sage ich
das--und nur zufolge meiner Gewissenhaftigkeit in allen ernsten Dingen.
Glaube nicht, da ich irre geworden bin. Jeder hat ja seine Art. Arthur
wird auch manches an mir lieber anders sehen--

"Es ist krperlich--gewi nur krperlich! Ich erleichtere mich schon
durch Aussprechen--"

So belog sie sich selbst, zog in demselben Augenblick zurck, was sie
eben betont hatte, und setzte voraus, da Grete alles so hinnhme, wie
es ihr in ihrer wechselnden, durch ihre seelische Bedrckung
hervorgerufenen Stimmung wnschenswert war.

Die kluge Margarete schwankte, ob sie Ileisa zurufen sollte: "Was ntzt
die Verstellung, was ntzt das Hinausschieben! Sage noch heute: Ich kann
nicht! Ich will nicht! Sei wahr und ehrlich gegen dich und meinen
Bruder, dem ich mich niemals zu eigen geben wrde."

Aber dieselben Bedenken, die Ileisa bestimmten, sprachen auch bei ihr.

Was sollte aus ihrer Freundin werden? Stie sie auch hier zurck, was
sich ihr bot, war's sicher fr immer aus.

Da sich ihr Vater, und da Arthur sich niemals ferner um sie kmmern
wrden--und wenn sie selbst in hchste Not geriet--wute sie. Sie wute
es, obschon ihr Vater ein zu beeinflussender Mann war, obschon ihre
Mutter ein gutes Herz besa. Und Arthur? Er wrde vielleicht sogar eine
boshafte Freude empfinden, wenn die, die ihn verschmht hatte,
unterging.

Sie sprach zu ihrer Freundin:

"Ich las jngst, da ein Mann vor der Ehe seiner Tochter riet:

"Nimm dir vor, dem Mann deiner Wahl ein guter Kamerad zu sein! Prfe, ob
er Widerspruch vertrgt! Wenn nicht, beherrsche ihn durch Schweigen!
Willst du etwas erreichen, was ihm und dir ntzlich ist, whle immer den
rechten Augenblick. Darauf kommt alles an. Selbst Teufel haben eine
Stelle, wo sie, angefat, vergessen, da sie Engel zu bekmpfen haben!
Kannst du nicht in 'Liebe' leben, so erstrebe, es in 'Frieden' zu
knnen. Das ist das A und O der Ehekunst--"

       *       *       *       *       *

Neun Monate waren nach diesen Ereignissen vergangen.

Ileisa hatte geheiratet, mit Arthur eine Hochzeitsreise gemacht, war
zurckgekehrt und nun bereits gewohnt worden, da sie ihr Mann abends
hufig allein lie. Gegenwrtig waren die alten Knoops nicht in Berlin.
Sie hatten sich nach dem Sden begeben, um die Nachwirkungen einer
strkeren Unplichkeit, die sie beide ergriffen hatte, endgltig zu
beseitigen.

Die Nobilitierung war noch immer nicht erfolgt, aber Arthur hatte auch
noch immer keine Thtigkeit gefunden. Er hatte sich Pferde und Equipagen
angeschafft und in auffallende Livreen gekleidete Diener waren
angenommen worden.

Im Grunde konnte er sich diesen Luxus neben den vielen anderen Ausgaben
nicht leisten, aber er rechnete auf die Einnahme, die ihm durch seine
Thtigkeit werden wrde.

Theodor Knoop hatte Berlin ebenfalls vorbergehend verlassen. Es hie,
da er sich zum Vergngen nach Paris begeben habe. Mit der Provision in
der Tasche, die ihm sein Bruder ausgezahlt hatte, konnte er sich wieder
einmal auf's Nichtsthun und Wohlleben legen.

Die Haltung Klamms hatte seinen Fortgang beschleunigt. Man hatte ihm
erzhlt, da Klamm geuert htte, er werde ihm, wenn er sich nicht aus
Berlin entferne, wegen alter Unregelmigkeiten rcksichtslos zu Leibe
gehen.

Ileisa suchte sich durch einen lebhaften Verkehr mit ihrer Tante fr das
zu entschdigen, was sie in ihrer Ehe entbehrte, und Arthur hinderte sie
nicht daran. Wenn ihn sein fortwhrender Vergngungsdrang aus dem Hause
trieb, war sie nicht immer allein. Es pate ihm eine solche "Aja"
vortrefflich.

Viel beschftigte sie sich auch mit Lektre und Musik, und setzte aus
der Ferne die Beziehungen zu Margarete durch eine regelmige
Korrespondenz fort. Sie holte sich Wohlgefhl und Erhebungen, wo sie sie
fand. Im brigen war in ihrem Hause alles so neu, so schn, so
ausreichend und bequem, da schon die Freude an dem Besitz ihr anfangs
leichter ber die Leere weghalf, die sie an der Seite ihres Mannes fand,
nachdem seine Leidenschaft abgekhlt und der alte Mensch wieder in ihm
eingezogen war.

Arthur war weder warm, noch besonders rcksichtsvoll. Er verkehrte mit
ihr, wie mit allen anderen.

Aber er war auch gelegentlich gar schon brutal gegen seine Frau gewesen.

Wenn sie ein einschrnkendes Wort ber Ausgaben gewagt hatte, die er
machen wollte, hrte sie Worte, wie:

"Du sollst es ja nicht bezahlen! Also verdrehe dir deinen Kopf, nicht
den meinen! Gewhne dir berhaupt das Moralisieren ab. Damit hat niemand
Glck bei mir!"

Und ein andermal, als sie ihn gefragt, ob er noch immer keine Thtigkeit
und keinen Verdienst gefunden, hatte er ihr erwidert:

"Na, hast du's denn noch nicht gut genug? Frher warst du--so viel ich
wei--bei deiner Tante doch nicht so sehr verwhnt--"

Und als ihr unter Erblassen die Worte entschlpft waren:

"Ah--wie--unzart, ah, wie--" hatte er zornsprhend gerufen:

"Nun--? Was denn noch mehr? Was beliebt noch?"

Und: "O, nein--nein--nichts!--Gar nichts!" war ihm Ileisa, sich
erschrocken fgend, in die Rede gefallen, hatte die Hand auf die erregte
Brust gedrckt und sich seinem Anblick entzogen.--

"Dieser Schuft, dieser Lump, dieser Theodor," hatte grade an einem der
letzten Tage Arthur bei Tisch herausgestoen.

"Du meinst? Ist wieder etwas geschehen?" hatte Ileisa sanft gefragt.

"Ja, ich meine, wie er uns mit seinen Zusicherungen beschwindelt hat.
Nichts regt sich. Von der Nobilitierung schweigt alles. Als ich heute
vormittag einen Unterbeamten im Heroldsamt zu sprechen wute, erklrte
der mir, da die Akten gar nicht wieder behandelt wren. Er glaube
nicht, da dem Antrag Folge gegeben werden wrde--"

"So lasse es denn, lieber Arthur!--Wir haben ja alles, was wir wnschen
und brauchen! Wenn du auch noch eine Beschftigung findest, knnen wir
doch wahrhaft mit unserm Schicksal zufrieden sein."

"Nun kommet du wieder mit deiner Beschftigung," stie Arthur, aufgeregt
und rcksichtslos im Ton, heraus.

"In den letzten Tagen haben mich die im anderen Hause mit diesen Reden
schon halbtot gedet. Namentlich entwickelt Margarete darin eine solche
bevormundende Beharrlichkeit, da ich ihr schon erklrt habe, sie mge
sich geflligst um ihre eigenen Kochtpfe bekmmern, mich aber in Ruhe
lassen. Ich werde schon wissen, was ich zu thun habe.--

"Da fllt mir brigens ein: Sie wnschen, da wir heute abend zu ihnen
zum Abendbrot kommen. Wir treffen uns um acht Uhr dort! Ich kann dich
nicht abholen, ich mu heute nachmittag Geschfte besorgen."

Ileisa hatte sich schon daran gewhnt, da sie eigentlich nur neben
ihrem Gatten einherging. Wenn er einmal, entsprechend seinem Verhalten
whrend der Verlobungszeit, wieder ein fgsames und gemtlicheres Wesen
hervorkehrte, so muten sie diese Augenblicke fr seine Unpersnlichkeit
und Klte entschdigen, denen allerdings auch alle anderen, die mit ihm
in Berhrung traten, ausgesetzt waren.

Das waren dann die kleinen lachenden Inseln, die in dem uferlosen Meer
auftauchten, auf dem sie sich befand. Es war eben alles so eingetroffen,
wie sie es--von Zweifeln whrend ihrer Brautzeit wiederholt
ergriffen--vorhergesehen. Neuerdings kam sie, da mit den alten Knoops
auch Margarete wieder zurckgekehrt war, leichter ber die Entbehrungen
ihres Herzens und die sich in ihr immer mehr festsetzende Bitterkeit
fort.----

       *       *       *       *       *

Aehnlich, wie bei den jungen Knoops, standen die Dinge bei Klamms, nur
mit dem Unterschiede, da sich Alfred von Klamm auf die Arbeit geworfen,
und mit Eifer und mit immer steigenderem Erfolge den Geschften, der
Leitung und der Druckerei zugewendet, hier Ersatz fr das zu finden
gesucht hatte, was er in seiner Ehe entbehrte.

Es kamen nicht eigentlich Scenen zwischen ihm und Adelgunde vor. Dazu
war er zu kavaliermig geartet, und dazu war sie eine zu leichtlebige,
bequeme Natur. Ueberdies wirkte bei ihr noch die eiferschtige Liebe
nach, die sie fr Klamm empfand.

Aber es verging fast keine Woche, in der sie nicht ber die eingetretene
Vernderung klagte.

Er war und blieb ein Gegner von Visiten, berflssigen
gesellschaftlichen Rcksichten und all den Nichtigkeiten, die nun einmal
fr Frau Adelgunde den Mittelpunkt ihrer Gedanken bildeten.

Ihre Toilette, ihre tglichen Ausfahrten, ihre Besuche und jene Sucht,
stets einen Hofhalt um sich zu bilden und eine Hauptrolle zu spielen,
hielten sie in Atem. Und da Alfred nur immer mit halbem Interesse dabei
war, oder deutlich zeigte, welchen starken Zwang er sich auflegen msse,
ihr nachzugehen, da ihn immer nur seine Zeitung, seine Geschfte, die
Politik und ffentliche Vorgnge interessierten, lebte jeder ein Dasein
fr sich. Jeder legte an den Tag, da er sich in des anderen Thun und
Treiben nicht hineinzuversetzen vermge.

Was Frau Adelgunde besonders empfand, war der Umstand, da sich die
bereits angebahnten Beziehungen zu den hchsten Kreisen der Berliner
Gesellschaft schon wieder zu lockern begannen, nachdem ihr Mann die
Leitung bernommen hatte.

Es wurden einmal Unterschiede gemacht! Man bediente sich seiner, wenn
man ihn brauchte--eine Zeitung war eine Macht--aber der frheren
Gesellschaftsgleichberechtigung geschah Beeintrchtigung. Wenn man auch
Herrn von Klamm einlud, wenn er auch zu den Ministerabenden entboten
wurde, so nahm man doch von Adelgunde keine Notiz.

Grade das nagte an der lebhaften und ehrgeizigen Frau. Als sie sich
einmal mit einem Gesandtschafts-Attach aus frstlichem Geblt in einer
Abendgesellschaft begegnete, erklrte sie bei den Errterungen ber
Ehrgeiz und Erfolge, sie wrde ihre hchste Befriedigung darin gefunden
haben, als Mitglied eines Frstengeschlechtes geboren zu sein.

Und als der Artigkeiten gegen Frauen gewohnte Hofmann ihr erwidert
hatte, da er allerdings glaube, da kaum eine der Berliner Damen so
sehr die Allren dazu besitze, wie sie, war sie berglcklich.

Sie hatte auch Alfred davon Mitteilung gemacht; sie hatte damit die
Absicht verbunden, ihm zu imponieren. Er aber hatte gesagt:

"Wenn du nur wtest, welche Freuden in der Welt ausgestreut liegen und
nur aufgehoben zu werden brauchen. Aber du willst nichts dazu thun, um
ihrer teilhaftig zu werden."

"Ach, bitte, Alfred, komm mir nicht wieder mit den Hinweisen auf das
Krhen der Hhne und das Brllen der Rinder auf dem Lande. Ich kann
einmal weder etwas Poetisches noch Melodisches darin finden. Ebenso geht
mir der Sinn dafr ab, an den Krankenbetten alter Bauerweiber zu sitzen
und Christentum zu ben. Ich finde es schrecklich! Und die kindische
Freude an vollen Leinenschrnken, selbstgemachten Handarbeiten,
Einmachen von Frchten und Gurken geht mir nun einmal ebenso sehr ab,
wie das Interesse fr die langweiligen Zeitungen mit ihrer Kritik, ihren
Lgen, ihren Uebertreibungen, ihrem Furchtmachen vor Kriegsgefahr und
anderer Sensationsmacherei! Ich kann es ja doch nicht ndern.

"Du sprachst neulich von Wohlthtigkeitsvereinen! Nun ja! In ihnen hat
man wenigstens ein bischen Amsement, man kommt mit Menschen in
Berhrung. Aber dieser Frauenbewegungsbereifer und all das entsetzliche
Reden ber die verkannten Rechte unseres Geschlechtes treiben mich zum
Widerstand.

"Ich sage es frei, wie ich es meine. Sehr, sehr viele denken ebenso,
wagen es nur nicht auszusprechen."

"Ja, ja, du bist ein echtes Weltkind, du kannst froh sein, da du nicht
auf Arbeit und Erwerb angewiesen bist, sonst wrdest du anders reden,
Adelgunde. Und wenn du nur einmal auf dich Einflu ausben lassen
wolltest! Wenn du dich mit der Natur, mit Kindern und einfachen Leuten
abgeben, diese Menschen suchen und ihnen Interesse abzugewinnen dir Mhe
geben wrdest! Wenn du berhaupt so recht ins Leben hineingreifen und an
allem teilnehmen wolltest, dann wrdest du erkennen, da die Freuden,
die du dadurch empfngst, mit anderen, die du jetzt schtzest, gar nicht
zu vergleichen sind.

"Was meinst du, Adelgunde, wenn wir ein Kind annhmen?

"Ich glaube, die Beschftigung mit einem solchen wrde dich ausfllen,
befriedigen, wrde dich von den Nichtigkeiten ablenken, denen du
nachgehst und die dich--im Grunde--doch nicht befriedigen--"

"O nein, nein, Monsieur le Baron Alfred," wehrte die Frau ohne
Empfindlichkeit, mit lustigem Pathos ab, beugte sich zu ihm herab und
kte ihn.

"Ich will kein Kind! Ich bin glcklich, da uns keins beschert ist! Nur
fr dich thut es mir leid," schrnkte sie gutherzig ein. "Aber gar ein
fremdes? Na, wie dergleichen ausfallen kann, sieht man doch an zahllosen
Beispielen.

"Nein, nein! Es geht ja auch so! Jeder fgt sich dem andern. Ich wre
ja auch ganz glcklich, wenn du nur nicht diese grlichen brgerlichen
Passionen httest, wenn du nur nicht grade auf diese Thtigkeit geraten
wrest.

"Wie herrlich war's, als du mit der Pfeife im Munde und mit dem
eisenbeschlagenen Feldstock in der Hand ber unser Gut schrittest, oder
wenn unsere Fchse vor unserem Jagdwagen ungeduldig auf und ab tanzten,
wenn wir die Nachbarn besuchten, unsere reizenden kleinen
Sommergesellschaften arrangierten, uns auf die Freuden des Winters
prparierten, auf unseren Reisen interessante Menschen kennen lernten,
so Anregung, Belehrung schpften, sorglos, frhlich und befriedigt
waren!

"Was hast du jetzt? Verantwortung, Sorgen, Aerger, Abspannung--und
Undank! Ja, ja--Undank! Wie sind sie neulich bei Theobalds ber die
Zeitung hergefallen.

"Ich hrte es, ohne da die Gruppe der Schwtzer es ahnte.

"Mich, liebster Alfred, stellst du allezeit als ein im Grunde
verlorenes, lediglich Thorheiten treibendes Wesen hin. Aber mit welchem
Recht? Ich habe die Passionen einer Dame! Ich liebe Musik, Lektre, ich
liebe interessante und geistvolle Menschen, und ich bin dir trotz
kleiner Gefallschtigkeiten so treu, wie nur eine unvollkommene Eva
sein kann. Aber ich suche dir auch dein Haus gemtlich zu machen und
dich nach Krften zu pflegen.

"Also la das Geschelte, schrnke deinen langweiligen Lebensernst ein!"

Nach solchen Antworten war Alfred entwaffnet, diese Art vershnte ihn
wieder. Sie weckte alle Zuneigung und weckte seinen Gerechtigkeitssinn,
der ihm sagte: wenn selbst den von dem groen Weltgeist regierten, und
in den himmlischen Hhen kreisenden Sonnen, Planeten und Monden Mngel
anhafteten, erst recht den, von demselben Schpfer geschaffenen
Kreaturen, die sich Menschen nannten, winzige Unvollkommenheiten eigen
und nachzusehen seien.

Wie Ileisa die Klugheit, die Nchternheit, den Ordnungssinn und den wenn
auch zur Zeit falschen Zielen nachjagenden Ehrgeiz ihres Mannes
schtzte, wie sie sich an seinen gelegentlichen, besseren Launen wieder
von seiner Herzensklte aufzurichten suchte, so auch Alfred an der
liebenswrdigen Gemtsrichtung seiner Frau.

Und es wrden sich diese beiden Ehen, wie so viele tausende andere, die
im Grunde nicht glcklich sind, wohl miteinander ein- und ausgelebt
haben, wenn nicht Ereignisse eingetreten wren, die so stark auf die
Mitglieder eingewirkt htten, da ihr Wille und ihre Fertigkeit daran
gescheitert wren.

       *       *       *       *       *

Alfred von Klamm befand sich bei seiner Mutter; sie hatte ihn gebeten,
sie zu besuchen. Sie wohnte noch in der Kurfrstenstrae, in der damals
von Klamm gemieteten Etage, war wieder hergestellt und nahm an allem,
was ihren Sohn und ihre Schwiegertochter betraf, den lebhaftesten
Anteil. Sie wnschte ihn zu sprechen, weil sich Adelgunde wieder einmal
an sie gewandt hatte, um ihre bei ihrem Manne auf Widerstand stoenden
Plne durchzusetzen. Er war fast niemals dazu zu bewegen, an den
Premieren im Theater teilzunehmen. Nur wenn er selbst einmal eine Kritik
ber ein neues Stck, oder ber die Leistungen eines Knstlers auf
anderem Gebiet schreiben wollte, trat seine Abneigung zurck, grade dann
einem ffentlichen Konzert oder einer Ausfhrung beizuwohnen. Fr
Adelgunde hatte aber just die Teilnahme an den ersten Vorstellungen den
allergrten Reiz. Sie konnte sehen und konnte gesehen werden.

Das Publikum, das fr ein Opernplatzbillet bei Gelegenheit des
Erscheinens einer Berhmtheit fnfzig bis hundert Mark bezahlte, war
dasjenige, was ihr gefiel, mit dem sie sich gleichgestimmt fhlte.

Adelgunde steckte sich in solchen und anderen, mit ihrer Eitelkeit
zusammenhngenden Fllen hinter Frau von Klamm, und die gab sich auch in
ihrer Herzensgte dazu her, Alfred zuzureden, seiner Frau
entgegenzukommen.

Und oft gelang's ihr auch; aus Gutherzigkeit willigte er ein. Neuerdings
hatte sich Adelgunde in den Kopf gesetzt, ihr Gut bei Dresden zu
verkaufen. Da sie nun doch in Berlin ferner leben sollte, wollte sie in
nicht zu weiter Ferne von der Hauptstadt ein anderes erwerben.

Sie schwelgte schon im voraus in dem Gedanken, dort im Sommer ihre
Berliner Bekannten zu empfangen, Feste zu geben, und das Dasein in
solcher Weise zu genieen.

Es gehrte zur Befriedigung ihrer Eitelkeit, und sie geriet dadurch in
die Lage, mit den adligen Gutsbesitzern der Umgegend in Berhrung zu
gelangen.

Nur kein Stillstand, keine Einfrmigkeit, keine Langeweile! Jeder Tag
mute etwas Besonderes bringen, mute in seiner Art ein Festtag sein.

Klamm hatte sich zunchst ihren Plnen widersetzt. Es widerstrebte ihm,
den Besitz bei Dresden, der so lange Eigentum der Familie gewesen, auf
dem auch er gearbeitet und so mancherlei gefrdert hatte, zu veruern.

"Wer wei, was wir wieder erhalten! Bei Gter- und Pferdekufen das
Richtige treffen, ist sehr schwer! Wie nun? Wenn wir fr schnes Gold
Kupfer einhandeln? Wir wollen doch dein Vermgen zusammenhalten," hub er
morgens beim Frhstck an.

"Warum sprichst du immer von 'meinen' Vermgen?" fiel ihm Adelgunde in
die Rede. "Warum sagst du nicht: 'unser' Vermgen?"

"Weil es dein Geld ist, was gewagt werden soll--"

"Du hast doch auch mein Geld--wenn du auf dieser Unterscheidung
bestehst--an dem Knoopschen Zeitungsunternehmen gewagt und bist voll
Vertrauen! Weshalb sollten wir denn grade hierbei getuscht werden?

"Andere Menschen kaufen auch Gter und machen einen guten Handel. Es
giebt doch zuverlssige Leute und auch Sachverstndige. Wir knnen doch
letztere zu Rate ziehen."

"Hm--Ja, es ist mglich! Aber wer kauft uns den Besitz bei Dresden ab?
Und wenn--wer bezahlt ihn uns so, wie wir ihn schtzen?"

"Das ist denn auch kein Unglck. Wir knnen ihn ja auch zur Not
behalten! Behalten wir ihn doch berhaupt, und erwerben wir uns ein
hbsches Gut im Oderbruch oder in noch grerer Nhe von Berlin dazu."

Aber bei dieser Errterung war es einstweilen geblieben. Nun sollte Mama
Klamm vorgehen! Freilich wute Adelgunde nicht, wie ihre Schwiegermutter
die Sache auffassen werde. Sie frchtete, sie wrde auch bei ihr auf
Widerstand stoen.--

Zu ihrer angenehmen Ueberraschung fand sie Frau von Klamm jedoch
durchaus bereit, ihren Wunsch bei Alfred zu untersttzen. Der Dame
gefiel der Plan, weil sie auch Vorteile davon haben wrde. Sie war auf
dem Lande gro geworden und hatte ihre meiste Lebenszeit dort
zugebracht. Sie liebte das Land; ja, sie stellte sich bereits vor, da
sie dort ferner mit ihren Kindern leben werde. Sie wrden im Sommer
ganze Wochen oder Monate dort zubringen, Alfred wrde zwar tglich zur
Stadt fahren, aber abends zurckkehren. Das Stadtleben zersplitterte.
Frau von Klamm war nicht gern in Berlin. Mitten in dem groen Getriebe
fhlte sie sich vereinsamt, umsomehr, weil sie wenig Umgang pflegte.
Neuerdings hatte sie Frulein von Oderkranz kennen gelernt und sich ihr
etwas genhert. Die alte, kluge, seine Dame hatte ihr ausnehmend
gefallen.

Alfred hrte seine Mutter, als sie auf ihn einsprach, ohne Unterbrechung
an. Er erhob auch, nachdem sie geendet, keinen Einwand, lchelte nur
und sagte:

"Wenn ihr einen Verschwrerbund stiftet, was soll ich dann machen? Ich
mu ja wohl ja sagen. Ich habe mich hauptschlich geweigert, weil ich
immer gehofft hatte, da sich meine Frau mir mehr anpassen werde, da
sie grere Freude an ihrem Hause, an unserm Zusammenleben finden, da
sie ernstere, bessere Dinge ber ihre Vergngungen setzen werde.

"Aber ich erkenne immer mehr, da in dieser Richtung eine Einwirkung auf
sie unmglich ist. Da ich sehe, da auch du fr den Plan bist, will ich
nachgeben. Ich verstehe, da du dich nach der reinen Luft des Landes
sehnst, da du dorthin wieder zurckkehren mchtest, wo dein
eigentlicher Lebensboden ist. Aber damit wir nicht auseinander geraten,
damit wir ebenso hufig miteinander verkehren, wie bisher, mu es doch
schon ein Gut in nchster Nhe Berlins sein, und das wird viel Geld
kosten."

"Ihr habt ja viel! Wieviel besitzt eigentlich deine Frau?" wandte Frau
von Klamm mit sanfter Beharrlichkeit ein.

"Nun, eine Anzahl Millionen werden wohl herauskommen," entgegnete Klamm.
"Aber was will das sagen, wenn so groe Summen in verschiedenen
Unternehmungen festgelegt werden!

"Ich gestehe dir, da ich eigentlich die Absicht hatte, die Leitung und
die Druckerei allein kuflich an mich zu bringen, darin Adelgundes
Vermgen festzulegen. Meine greren Plne, meine eigentlichen Wnsche
werden durch den Gutskauf nicht nur beeintrchtigt, sondern vielleicht
unmglich."

"Ich wrde es vermeiden, das Geld deiner Frau in deine Unternehmungen zu
verwickeln, Alfred. Du bleibst freier."

Klamm lchelte bitter.

"Ja, ja!" betonte er. "Du hast vllig recht. Das ist's ja eben! Sobald
es sich um meine Wnsche handelt, tritt immer die Erwgung ein, da es
ihr Geld ist.

"Schlieen wir indessen das Gesprch, liebe Mutter. Ich werde Adelgunde
und dir--ich wiederhole es--nachgeben, ich werde ein Gut ehestens
besehen, und auch sonst alles thun, was deine Wnsche verwirklicht."

In Frau von Klamms Angesicht erschien ein Ausdruck grter Befriedigung.
Sie nickte ihrem Sohn warmherzig zu und schlo, whrend er sich erhob
und zum Fortgehen rstete:

"Was machen eigentlich Knoops? Ich verga immer, dich danach zu fragen.
Sind sie zurck, und ist"--hier lchelte Frau von Klamm gutmtig--"der
Bote mit dem Adelsbrief unterwegs oder gar schon angelangt?"

"Ja, sie sind zurck, und auch der berhmte Theodor, der Hallunke, ist,
wie ich von einem der Herren in der Redaktion zufllig gehrt habe, aus
Paris heimgekehrt.

"Er wird wohl die Provision, die ihm sein Bruder fr den Zeitungsverkauf
zugebilligt hat, schon wieder verthan haben und mu nun neues Futter
suchen.

"Dazu gehrt die Nobilitierung. Er ist ja der eifrige Vermittler, um der
Familie das 'von' anzuhngen."

"Und der junge Mann und Frau Ileisa? Hast du sie auch wieder gesehen?
Frulein von Oderkranz uerte neulich, da es ihr lebhafter Wunsch sei,
da ihre Kinder mit euch verkehren--"

"Aber besser ist's schon, da es unterbleibt, Mutter! Dieser Herr Arthur
ist mir nichts weniger als sympathisch; namentlich seitdem er sich zum
Nichtsthuer herausgebildet hat. Ein Mensch in seinen Jahren ohne
Beschftigung, ohne Erwerb! Es sind mir solche Leute gradezu
widerwrtig!

"Um brigens deine andere Frage zu beantworten: Ja, ich sah sie noch
gestern in der Equipage, die er sich angeschafft hat. Er kutschierte
selbst, und sie sa neben ihm. Sie sah beraus anziehend aus, und
grte, als ob niemals etwas zwischen uns vorgefallen wre!"

Klamm schlo seine Rede mit einem Seufzer. Dann neigte er sich zu seiner
Mutter und kte sie auf die Wange und verlie das Zimmer.

       *       *       *       *       *

Der Winter hatte sich in diesem Jahre sehr frh verzogen. Der Frhling
war jhlings ins Land gestrmt und hatte seine unwiderstehliche
Herrschaft angetreten. Pltzlich war's von den Dchern getropft. Der
Schnee war rasch und behende zerschmolzen; die Eiszapfen waren ihm mit
eilfertiger Auflsungshast gefolgt, und zu allem hatten vergngt
geschwtzige Staare die Musik gemacht. An Bumen und Gestruchen waren
in einer einzigen Nacht die jungen Triebe erschienen, und ehe sich's die
Welt versehen, hatte die Natur ein farbiges Kleid angelegt. Und dem
Frhling war ein bltenschwerer Sommer gefolgt. Schon war die Zeit bis
Ende September wiederum vorgerckt, und seit Monaten befanden sich
Klamms bereits auf dem von ihnen erworbenen, in der Nhe von Berlin
belegenen Gut Grnhagen.

Aber es war noch etwas geschehen:

Ihre Nachbarn waren--Knoops geworden. Der Zufall hatte gespielt. Als an
den alten Herrn Knoop die Anforderung ergangen war, sich als Eigentmer
einer umfangreicheren Gutsherrschaft auszuweisen, war Behrwalde--so hie
das Rittergut--grade zum Verkauf gestellt worden.

Der frhere Besitzer, ein Graf Klker, war pltzlich gestorben, und die
zurckgebliebene Familie hatte sobald wie mglich den Landaufenthalt
gegen die Stadt zu vertauschen gewnscht. Da hatte Herr Knoop sogleich
zugegriffen, obgleich auch ihn die Nhe der Familie Klamm gehrt.

Bei Klamms aber war erst recht ein Mibehagen eingetreten.

Nachdem Alfred eben die Familie geschftlich von sich abgeschttelt
hatte, sa sie nun neben ihm, gleichsam Stube an Stube.

Aber nicht nur die Alten, sondern auch die Jungen!

Wie es hie, blieben Knoops nur fr den Sommer und Herbst dort.

Aber da Arthur und die Alten ihre Wohnung in der Stadt schon wieder
aufgegeben, erschien die Verwirklichung doch sehr zweifelhaft. Es pate
das, wie man sich erzhlte, Arthur so besser. Er stand nun, da seine
Frau und seine Familie auf dem Lande wohnten, unter gar keiner
Kontrolle mehr. So konnte er seinen Lebemnner-Gewohnheiten voll
nachgehen!

Margarete Knoop war ber die Ortsvernderung auerordentlich glcklich.
Sie hatte den Plan ihres Vaters, ein Gut zu erwerben, mit allen Krften
gefrdert.

Mit der Erhebung in den erblichen Freiherrnstand, war es nach Theodors
Rckkehr aus Paris pltzlich sehr rasch gegangen. Herr Knoop hatte
fnfzigtausend Mark fr Zwecke des roten Kreuzes gespendet, zudem dies
adlige, groe Rittergut erworben, und sich endlich auch der brgerlichen
Thtigkeit begeben.

Da die Familie Knoop in vergangenen Jahrhunderten den Adel besessen und
ihn nur freiwillig abgelegt, so waren sonstige vorhandene
Schwierigkeiten leichter zu beseitigen gewesen.

Und da war denn in berraschend kurzer Frist, nach ein paar Wochen, die
Nobilitierung erfolgt.

"Na, ja! Es ist doch etwas! Ich sag's noch einmal!" hatte Herr Baron
Friedrich von Knoop in einem sehr gehobenen Tone gegen seine Frau
geuert. "Ich bin doch vom Buchdruckergesellen zum Freiherrn
herausgerckt, und habe drei Millionen Mark und reichlich darber, teils
im Kasten, teils in rentablem festem Besitz!

"Und unsere Schwiegertochter stammt aus altem Adel und ist eine
treffliche Frau, und unsere Kinder sind von der Natur so veranlagt, da
wir an ihnen sicherlich nur Freude erleben werden."

Frau von Knoop hatte sich zunchst auch mit der Neueinrichtung der Dinge
ziemlich ausgeshnt, ja, sie hatte Augenblicke, in denen auch sie ihrer
Eitelkeit erlag.

Und zu dieser gesellten sich sonstige Befriedigungen. Anders war's mit
Margarete. Sie mibilligte ihres Vaters Ehrgeiz nach wie vor. Sie
bedauerte seine Unthtigkeit, die schon allerlei unliebsame Folgen mit
sich gefhrt. Als einzigen wirklichen Gewinn betrachtete sie lediglich
die Erwerbung des Gutes, und die Aussicht, dort ferner zu leben. Ihr
ging's wie Frau von Klamm! Das Gezwitscher der Vgel in der blauen Luft
ber den saatengoldenen Feldern klang ihr weit melodischer als der Laut
der geflgelten Scharen ber den mit geschwrzten Schornsteinen
besetzten Dchern der Grostadt.

Die Freiheit und die Unabhngigkeit von dem gesellschaftlichen Zwang mit
all seinen Komdien und Unwahrheiten mutete sie an wie eine neue
Wunder-Daseinswelt. Da nun auch Ileisa fortan in ihrer Nhe blieb,
glaubte sie alles zu besitzen, was ihr Herz ausfllen konnte.

Nur eines strte sie jeden Tag. Das Verhltnis zu ihrem Bruder wurde
immer schlechter. Immer mehr verflachte er, und mit der Annahme der
Verflachung und der Arbeitsscheu verstrkten sich seine Empfindlichkeit
und sein Mangel an Rcksichten gegen seine Umgebung.

War er frher rauh und rechthaberisch gewesen, so hatte er doch Sinn fr
Arbeit, Erfolg besessen und Respekt vor seiner Person in allen Kreisen
erstrebt.

Jetzt sprach er nur von den gesellschaftlichen Errungenschaften, die
ihm, als Mitglied des Adels, immer mehr zufielen. Als ihn ein bisher
sehr unnahbares Mitglied des Unionklubs, in dem er aufgenommen war, zu
einem Frhstck eingeladen, war ihm diese Auszeichnung dermaen zu Kopf
gestiegen, da er im Hause mit seiner ganzen gefhllosen
Unausstehlichkeit austrat.

"Du thust wirklich, als ob dich die Beachtung, die dir Graf von der
Horwitz erwiesen, zu einem Mitglied der Ritter vom schwarzen Adlerorden
gemacht habe, Arthur," hatte seine Schwester mit verchtlichem Spott
hingeworfen. "Wie ist es mglich, da ein Mensch mit freiem Sinn und
Selbstachtung auf solche Nichtigkeiten Wert legen kann! Wo ist die Zeit,
in der du noch deinen Ruhm in krftiger Thtigkeit und deine Erfolge in
dem sahst, was unser Vater sein Lebelang unermdlich schaffte und
frderte. Ich sage dasselbe, was ich dir schon frher vorhielt:

"Du lt dich--ein junger Mann--von ihm ernhren, spielst den groen
Herrn, vergeudest dein Geld in Ueberflssigkeiten, vielleicht gar im
Spiel, vernachlssigst deine Frau, deine Eltern und was das Schlimmste
ist, machst dich wegen deines eitlen Auftretens zum Gesptt bei allen
unbefangenen und ernsthaften Men--"

Aber weiter war Margarete nicht gelangt.

Der von ihr so Angegriffene hatte sich wie ein Tobschtiger benommen.
Die Reitpeitsche, die er zufllig in der Hand gehabt, hatte er gegen
seine Schwester erhoben und sie mit wutentstellten Mienen angeschrieen:

"Schweig, unverschmte, dumme Gans, die du immer nur nach deinen
jmmerlich hausbackenen Auffassungen Thun und Treiben anderer
beurteilst. Was weit du, welche Zwecke ich verfolge, welchen Plnen ich
nachgehe! Und es sei dir zum letztenmal gesagt: deine Unverschmtheiten
verbitte ich mir! Wenn du noch einmal so auftrittst--untersage ich dir,
unser Haus zu betreten."

"Vaters Haus meinst du doch wohl! 'Dein Haus' giebt es nicht! Du hast
seit deiner Rckkehr von England nur im ersten Jahre gearbeitet und
etwas selbst verdient.

"Jetzt bist du ein Tagedieb und verminderst dein Ansehen von Tag zu Tag
vor deiner Frau," war Margarete unerschrocken fortgefahren.

"Gold glaubte sie zu finden, aber wertloses, ja unedles Metall hat sie
erhalten."

Aber mit diesen Worten hatte sie doch zu viel gewagt. Sie hatte Arthur
dermaen gereizt, da er sie gepackt und mit einem Ruck auf den Flur
gesetzt hatte. Und hier hatte er sie stehen lassen und ihr bei seinem
Fortgange zugerufen:

"Wage nicht, jemals wieder ber diese Schwelle zu treten"--und war dann,
die Hausthr heftig hinter sich zuschlagend, keuchend vor Wut und
Aufregung seiner grade aus dem hinteren Teil des Gartens kommenden Frau
entgegengetreten.

Ihr hatte er dasselbe erklrt. Sie habe Margaretes Umgang fortan
berhaupt zu meiden, und wenn sie das nicht knne und wolle, werde er
Behrwalde wieder verlassen und sich irgendwo anders niederlassen.

"Mit meiner Schwester bin ich ein fr allemal fertig. Das werde ich auch
noch heute den Eltern mitteilen!"

So hatte er geschlossen, ohne Ileisa zu Wort kommen zu lassen und war,
nachdem er stumm und verbissen mit ihr das Mittagessen eingenommen, zur
Stadt gefahren.

"Sie mge nicht auf ihn warten! Es werde spt werden. Er habe
Geschfte!"

Mit dieser Erklrung war er gegangen und hatte auch ihr kaum einen Gru
gegnnt.

       *       *       *       *       *

Margarete fand ihre Eltern, gleich nach dieser Scene mit ihrem Bruder,
im Begriff, ebenfalls zur Stadt zu fahren. Der Wagen stand bereits vor
der Thr, Herr Knoop knpfte mit ungeduldigen Gebrden an seinen
Handschuhen und drngte eben seine Frau, sich zu beeilen. Grade kam sie
auch aus dem Hause hervor, um in dem eleganten, mit dem Knoopschen
Wappen bereits geschmckten, offenen Landauer Platz zu nehmen. Als sie
aber Margaretens ansichtig wurde und deren auffallende Blsse und deren
verweinte Augen bemerkte, trat sie sogleich besorgt auf sie zu, zog sie,
von ihrem Manne begleitet ins Haus, und sprach auf sie ein.

"Was sie habe, was geschehen, warum sie nicht, wie sie beabsichtigt, bei
Ileisa geblieben sei?" stie sie bengstigt heraus.

Und Margarete berichtete, und nachdem sie alles mitgeteilt, ja, fast
wrtlich wiedergegeben hatte, was zwischen ihr und Arthur vorgefallen
war, geriet Herr Knoop in eine ganz ungeheure Aufregung. Er sprach aus,
da er nur bedaure, Arthur nicht gleich fassen, ihn zur Rede stellen und
ihn so abkanzeln zu knnen, da ihm zu Wiederholungen eines solchen
Auftretens die Luft vergehen werde.

Aber auch Margaretens Mutter bemchtigte sich eine groe Emprung, der
sich eine tiefe Trauer und eine starke Bedrckung hinzugesellte.

Ihre alte Ahnung, da die in solcher Art herbeigefhrte Abweichung von
frherer Einfachheit ihrem Manne und ihnen allen nicht zum Segen
gereichen, ihnen vielmehr zum Verderben werden wrde, erfate sie von
neuem.

Immer wieder mute Margarete erzhlen, und mit jeder Erneuerung ihrer
Darlegungen verstrkten sich in beiden der Zorn und die Entrstung ber
Arthurs Benehmen.

Erst nach einiger Zeit vermochten sie sich zu besnftigen. Whrend sich
aber Herr Knoop anschicken wollte, nunmehr zur Stadt zu fahren, erklrte
Frau Knoop, da sie sich nicht mehr in der Stimmung befinde, Besuche zu
machen. Ueberhaupt sei sie gegen das fortwhrende, von ihrem Manne
gewnschte Visitenmachen; sie brdeten sich dadurch ohne Not und Zweck
und ohne irgend welche Vorteile Lasten auf.

Das reizte nun aber wiederum Herrn von Knoop dermaen, da er sich in
den schrfsten Worten gegen seine Frau erging. Das gestrte Gemt mute
sich an irgend etwas wetzen und austoben.

"Ach Gott," seufzte Frau von Knoop unter heien Thrnen. "Wie waren wir
doch frher in unserer Villa hinten auf deinem Arbeitshof glcklich!
Fast nie kam eine Verstimmung, gar ein bses Wort zwischen uns vor! Und
jetzt? Seitdem Arthur aus England wiedergekommen, ist's, als ob ein
bser Geist bei uns eingekehrt. Nach unserer Standeserhhung und nach
dem Gutskauf ist erst gar die Freude von uns gewichen."

Und eben, weil sie das Rechte traf, weil ihre Worte den Thatsachen
entsprachen, weil sich der Mann getroffen fhlte, erhhte sie nunmehr
sein Ingrimm.

Er wollte, da sich jetzt doch der Eitelkeitssinn fr den Sohn regte,
Arthurs Ansehen retten; er wollte namentlich nicht zugeben, da ihn der
Sohn beeinflut habe.

Eine unbndige Heftigkeit kmpfte in seinem Innern mit einer sich
regenden, heien Reue. In diesem Augenblick wnschte er, da er niemals
sein schnes, durch Flei und krftige Pflichterfllung aufgerichtetes
Werk anderen Hnden berlassen, da er, wie seine Frau richtig
geuert, in Arbeit und Einfachheit auch ferner sein Glck gefunden
htte.

Und eben diese Selbstanklage, und diese groe, sich unheimlich in seine
Seele einschleichende Reue, veranlaten ihn zu den schwersten Ausfllen
gegen seine Familie.

Er sprach in den heftigsten Ausdrcken von Uebertreibungen, und er
redete von schndem Undank! Statt Anerkennung zu empfangen und guter,
gerechter Einsicht zu begegnen, da er--allezeit ein Fleiiger und
Bebrdeter--in seinem Alter auf Ruhe, Erholung und Ablsung ein Recht
habe, faten sie beide nur ihre Annehmlichkeiten ins Auge, ergingen sich
gegen ihn in Vorwrfen und Anklagen, und verbitterten ihm das Dasein.
Ihnen fehle jedes Verstndnis dafr, da sich ein Mann Ansehen und
Beachtung in der Welt erwerben solle.

Sie stellten ihn nachgerade als einen Unmndigen hin, der noch wie ein
Schulkind belehrt werden msse. Er wisse aber sehr genau, was er wolle,
und sie sollten Gott danken, da sie sich keinen Wunsch zu versagen
brauchten, und berhaupt vom Glck berschttet seien.

Im brigen trenne er Berechtigtes von unzutreffenden Sentimentalitten.

Mit Arthur werde er ein sehr deutliches Wort reden. Er habe einen
festen Entschlu gefat. Den Inhalt wrden sie bald erfahren.--

Hierauf griff er nach Hut und Stock, erklrte, da er, da er frische
Luft und andere Eindrcke zu seiner Besnftigung gebrauche, allein zur
Stadt fahren wolle, und befahl dem schon mit recht mrrischer Miene auf
dem Bock sitzenden Kutscher, vorwrts zu machen.

Nachdem er sich entfernt hatte, errterten Mutter und Tochter die
Vorgnge in einer mglichst sanften und sachlichen Weise.

Sie nahmen sich vor, auf Herrn von Knoop nach seiner Rckkehr
vershnlich einzusprechen, aber ihn auch bei der ersten sich dazu
bietenden Gelegenheit zu bitten, da sie ihr Leben anders einrichteten.

Mutter und Tochter hatten schon erfahren, da man sie im Grunde doch nur
als Emporkmmlinge ansah. Bei ihren Besuchen in der Nachbarschaft, auf
den Gtern, war man ihnen wohl hflich, aber nichts weniger als sehr
zuvorkommend begegnet.

Man lie sie dafr ben, da sie sich einbildeten, sie seien nun schon
Gleichberechtigte. Was war ein erkaufter Adel? Mutter und Tochter
fhlten eine heie Scham, um die Gunst so Denkender zu buhlen.

Aber auch in ihrem bisherigen Bekanntenkreis in Berlin hatten sie starke
Enttuschungen erfahren. Dort machte sich der Neid breit. Die
angeseheneren Familien, die Knoops ihre Thren bisher geffnet, mit
ihnen, wenn auch nicht eng, aber doch in sehr freundlicher Weise
verkehrt, hatten nun nichts mehr vor jenen voraus!

Jetzt standen Knoops mit Geld und Rang ber ihnen! Das pate ihnen
nicht!--

Das Benehmen der jungen Herren gegenber Margarete war auch ein ganz
anderes geworden. Die Gutgearteten, die Absichten auf sie gehabt hatten,
zogen sich zurck, weil sie nicht den Eindruck hervorrufen wollten, sie
wrben nur um die reiche Erbin! Und wiederum drngten sich die auf ihren
Geldbeutel Spekulierenden jetzt mehrfach mit solcher Unzartheit an sie
heran, da es sie verletzte.

Herr von Knoop hatte frher seine ihn stark in Anspruch nehmende
Thtigkeit gehabt. Er hatte einen Tageszweck besessen. Jetzt langweilte
er sich, er beschftigte sich fortwhrend mit seiner Gesundheit und
bildete sich zum Hypochonder aus. Infolgedessen war seine Laune meistens
keine gute. Er nrgelte um nichts; er qulte seine Umgebung mit
Kleinlichkeiten. Und wiederum, wenn die vornehme Gesellschaft in Frage
kam, konnte er, trotz eben hervorgehobener Beschwerden, alles, war er zu
Opfern stets bereit und befand darauf, da man den Adligen den Hof
mache. Er schalt, wenn seine Familie nicht sehr willig auf seine
Aeuerlichkeits-Rcksichten einging, als kleinlich, unsinnig,
empfindlich und unliebenswrdig.--

Nach Tisch begab sich Margarete in ihr Zimmer oben im Gutshause und
hielt eine Umschau in die sie umgebende Welt.

Behrwalde war ein prachtvoller Besitz, wurde von einem uerst tchtigen
Mann verwaltet, und stand infolgedessen in bester Kultur.

Aber auch die Lage des Gutes war eine herrliche. Das in weier Farbe
prangende Herrenhaus war umschlossen von laubreichen, alten Buchen und
Linden. Weiter hinab umgaben uerst wohlerhaltene, von Epheu und
Schlinggewchsen meist umzingelte Wirtschaftsgebude den mchtig
gerumigen Gutshof. Hinter den zwei, unten das Gesamtviereck
begrenzenden, altertmlich gebauten Thorhusern bot sich dem Auge ein
Blick, der nicht schner gedacht werden konnte.

Durch Tannen- und Buchenwaldungen unterbrochene grne Flchen dehnten
sich bis zum sanftblauen Horizont aus. Zwischen ihnen tauchten die
Silberbnder kleiner Auen auf, und berall erhoben sich Drfer mit
weischimmernden Mauern, Kirchtrmen und roten Dchern.

Zur Linken, gleich neben dem Schlo, trat man in einen, durch ein
vergoldetes Gitterwerk eingefriedigten Park. An ihn stie der Besitz von
Klamms. Zur Rechten befand sich ein groer Gemsegarten.

Die nie einen Anruf versagende, groe Trsterin der Menschen: die Natur,
half auch Margarete heute zu einer ruhigeren Auffassung. Ja, als sie das
alles vor sich sah, in seiner noch prangenden Schnheit und Flle,
bergossen von goldenem Sonnenlicht, und in solchem stillen Erdfrieden,
erfate sie gar wieder eine starke Zuversicht.

Sie hoffte, ihren Vater beeinflussen zu knnen. Sie sah die alten Zeiten
zurckkehren, und sie nahm sich vor, auf Ileisa einzuwirken damit sie
ihres Mannes Herr werde.--

Unter solcher Vorstellung verlie sie ihr mit Blumen und allerlei
kleinen Zierlichkeiten und Kunstgegenstnden angeflltes Gemach, und
stieg die weilackierte Treppe hinab. Alle Thren, Fenster und Treppen
im Hause trugen diese schneeweie Farbe, und erstere waren geschmckt
mit Messing-blitzenden Klinken und die Schlsser umgebenden, zierlich
gewundenen Einfassungen.

Margarete eilte ber den Hof, erreichte das, seine Front dem eben
betriebenen, freien Land zuwendende, sogenannte kleine Herrenhaus, in
dem frher ein Bruder des verdorbenen Grafen Klker gewohnt und in dem
nunmehr Arthur eingezogen war. Sie fragte den ihr auf dem Flur
entgegentretenden Diener nach ihrer Schwgerin.

Er erklrte hflich beflissen, da sie im Garten sei oder sich ins Dorf
begeben habe. Er wolle eilig nachforschen.

Nachdem er sich entfernt hatte, trat Margarete zunchst auf die Veranda,
dann aber ins Wohngemach, schaute sich, wie am Vormittag, als Arthur sie
berrascht hatte, nach allem um. Dann ging sie gedankenlos, ihrem
Impulse folgend, in das daneben befindliche, von Ileisa vorzugsweise
bewohnte Kabinett.

Auf der anderen Seite befand sich ein hnliches, von Arthur
ausschlielich benutztes Arbeitszimmer.

Hier fand Margarete auf Ileisas Schreibtisch eine Art von Gedenkbuch mit
beschriebenen Blttern, und las--gegen ihren Willen angezogen--was
Ileisa dort angezeichnet hatte.

Und so ergriff sie das, was sie fand, da sie unwillkrlich in einen
nebenan gehenden Sessel zurcksank und sich--den Gedanken unterdrckend,
da sie etwas that, wozu ihr das Recht fehlte--vllig in die Lektre
vertiefte.

Es hie da:

"Alle _Vorstellungen_ ber Glck sind ausnahmslos unzutreffend. Nur die
Erfahrungen knnen uns ber dessen Einzelwesen belehren.

"Einer denkt, er werde mit dem Haupt in den Himmel hineinragen, wenn er
seiner Nahrungssorgen entrckt werde, und wird ihm in Flle, was er vom
Schpfer erflehte, schreit er nach dem Wechsel zwischen Entbehrung und
Genu!

"Zum Glck gehren mglichste Unabhngigkeit von anderen, und die
Sttigungen, die unsere 'Herzen' und Gemter bedrfen.

"Ich bin eine Sklavin geworden, die ich dachte, ich wrde alle Fesseln
abstreifen. Und mich hungert frmlich nach Liebe!

"Wren nicht zwei Menschen: meine edle Tante und Margarete, wrde ich
vielleicht schon ins Wasser gesprungen sein.

"Es fliet so lockend jenseits der Wiese vorber. So tief ist der Au, so
rein ist sein Wasser. Da ruht's sich sicher gut. Ich bin so
todestraurig, so verzagt, so grenzenlos unbefriedigt. Wer hilft mir--?"

Als eben Margarete noch weiter lesen wollte, vernahm sie nebenan
Gerusch von Schritten, scheuchte infolgedessen hastig empor, warf sich
eilig in einen Sessel, der in einem nach dem Garten schauenden
Erkerausbau stand, und griff nach einem, auf einem kleinen Tisch
liegenden Buch.

Im nchsten Moment stand Ileisa vor ihr. Aber ein Schreck ergriff
Margarete, als sie Ileisa anblickte.

Diese aber eilte auf Margarete zu, fiel vor ihr nieder, und stie
erschttert heraus:

"Ach, liebe, liebe Margarete, was habe ich eben erlebt--"

Dann folgte ein verzagtes, herzzerreiendes Wimmern, das die mitfhlende
und bengstigte Margarete fast ebenso fassungslos machte.

"Um Himmelswillen! Was ist geschehen? Bitte, richte dich auf. So, so!
Setze dich hierher.--Ah--ah--meine arme Ileisa," rief sie, sich selbst
mit Gewalt aufraffend, lief erst noch fort, schlo das Gemach und begab
sich dann wieder rasch zu ihrer bedrckten Verwandten.

"Ja! Hre," begann Ileisa und strich, tief aufatmend, mit der Hand ber
die Stirn. "Ich kam vom Dorf zurck, ging ber die Landstrae, und
wollte eben an der Parkthr zu Klamms vorberschreiten, als Herr von
Klamm von dort herauskam, pltzlich vor mir stand und mich anredete.

"Ich wei nicht--aber vielleicht wei ich's doch--weshalb mir das Herz
so zitterte. Jedenfalls wurde ich so verwirrt, da ich ihm keine Antwort
stehen konnte. Er legte das als ein krperliches Unbefinden aus, redete
teilnehmend auf mich ein, bat, ob ich nicht einen Augenblick in den
Park treten, und mich dort--du weit, gleich rechts auf dem
Eichenberg--niederlassen wollte.

"Ich that dann etwas, was ich nicht wollte. Statt sein Anerbieten
abzulehnen, lie ich mich--gradezu wie von einer Hypnose ergriffen--von
ihm mitziehen und verwickelte mich mit ihm in ein Gesprch.

"Er erkundigte sich nach Tante, auch flchtig nach Arthur und eingehend
nach dir. Zuletzt berhrte er unser frheres Zusammensein. Er erwhnte
des Zufalls, da wir nun doch wieder zu einander gerckt wren und
meinte, es mache ihn glcklich, mich wenigstens dann und wann wieder zu
sehen.

"Um etwas zu erwidern, entgegnete ich:

"'Ich danke Ihnen herzlich fr Ihr Interesse, Herr Baron, um so mehr, da
ich es nicht verdiene. Sie wissen es am besten! Lassen Sie mich Ihnen
aber sagen, da ich glaube, da es am besten ist, wenn wir uns meiden,
uns nur aus der Entfernung schtzen. Ich werde dabei entbehren, gewi,
aber es ist richtiger so, wenigstens fr mich.'

"Diese Antwort wirkte auf Herrn von Klamm ganz anders, als ich erwartet
hatte.

"Statt darauf etwas unmittelbar zu entgegnen, lie er den Kopf sinken,
verfiel in Nachdenken und sagte dann:

"'Es fehlt mir die Zeit, und es ist hier nicht der Ort zu einem
Gesprch, an dem ich Ihnen--wie ich mchte--auf Ihre Worte erwidern
kann, meine gndige Frau.

"'Lassen Sie mich nur das eine bemerken:

"'Wenn Sie von Entbehrung sprechen, so trifft dies bei mir erst recht
zu--'

"Nach diesen Worten sah er mich mit einem so traurigen Blick an, da ich
am liebsten an ihm herabgeglitten wre und ihm gedankt htte, da er mir
noch immer so gut geblieben sei.

"Was aber dann dieser Auseinandersetzung folgte, spottet jeder
Betreibung.

"Klamm hatte mich eben verlassen; er war, als er mir begegnete, im
Begriff gewesen, zur Bahnstation zu gehen, und mute sich, um nicht den
Zug zu verpassen, sehr beeilen. Ich aber sa noch in Gedanken versunken.
So viel war auf mich eingestrmt, da ich vllig vergessen hatte, wo ich
mich befand.

"Daran sollte ich aber sehr bald, und sehr unliebsam erinnert werden.
Ich hatte whrend meines Gesprches mit Klamm schon einmal Gerusch
hinter den Gebschen zu hren vermeint, da aber Klamm sich nicht
umgesehen, angenommen, da ich mich doch wohl getuscht habe.

"Es war aber Frau von Klamm gewesen, die, um ihrem Manne noch etwas zu
sagen, ihm gefolgt war, und als sie uns sprechen gehrt, stehen
geblieben und gehorcht hatte.

"Sie trat nun jhlings hervor, stellte sich vor mich auf, ma mich mit
hochmtiger Miene und stie, mit vor Erregung zitternder Stimme, heraus:

"'Ich war eben Zeuge des Gesprches zwischen Ihnen und meinem Mann.
Voller Emprung vernahm ich, da Sie sich nicht scheuten, ihm Avancen zu
machen, mit wohlberechneter Weichmtigkeit uerten, wie schwer es Ihnen
werde, ihm fern zu bleiben! Der Sinn Ihrer Worte war nicht
mizuverstehen, am wenigsten fr denjenigen, der frhere Vorkommnisse
kennt.

"'Ich mchte Sie nun sehr ernstlich ersuchen, solche Koketterien mit
meinem Gatten nicht ferner zu wiederholen! Ich mchte Sie erinnern, da
wir, Ihre Nachbarn, sehr streng ber Ehrbarkeit, Sitte und Ehepflichten
denken. Jawohl! Nicht nur ich--sondern auch mein Mann, dem Sie von
Entbehrungen sprachen, den Sie--nun doch wieder an sich ziehen mchten.

"'Bitte, bitte, echauffieren Sie sich nicht! Es ist doch, wie man hrt,
Ihrem Andrngen zu verdanken, da Sie sich unmittelbar neben uns
angekauft haben! Also Thatsachen sprechen!

"'Ich fordere Sie auf, dafr zu sorgen, da Ihr Gatte wieder von hier
fortzieht. Erst dann werde ich glauben, da Ihnen Sittlichkeits- und
Ehrgefhl nicht abgeht, da meine Rede den Zweck erfllt hat, den ich
mit ihr verbinde! Ich will meinen Gatten Ihnen nicht opfern!

"'So, das habe ich zu sagen. Ich empfehle mich Ihnen--'"

"Und du? Und du? Was antwortetest du?" stie Margarete nach diesem
Bericht heraus, bi vor Zorn die Zhne zusammen, und ballte
unwillkrlich die Hnde.

"Ich that nichts, denn ich konnte nichts thun, Margarete," entgegnen
Ileisa. "Sie war ja schon fort, als alle die Feuer, die sich in mir
entzndet hatten, losbrechen und sie versengen wollten.

"Nachdem ich nur eben wieder Atem gewann, eilte ich, ohne mich
aufzuhalten, ins Haus. Ich sehnte mich nach Vereinsamung, Nachdenken und
Ruhe. Ich wollte mich hier auf's Sofa werfen und ausweinen--und fand
dich!"

"Wohlan," erklrte Margarete mit fester Stimme und entschlossener Miene,
"so will ich statt deiner antworten, so will ich jetzt zu ihr gehen.
Ich will Einla fordern, und ihr erklren, was sie ist, was die Welt von
ihr sagt, und ihr verbieten, sich ferner herauszunehmen, Personen zu
beleidigen, die moralisch so hoch ber ihr stehen, da sie die Augen
niederzuschlagen hat. Fr dich will ich eintreten! Ich will ihr ins
Gesicht schleudern, da sie die Unehrbare ist, die mit Mnnern tndelt,
die nichts anderes kennt, als Eitelkeiten und Aeuerlichkeiten, da sie
sich wie eine ungebildete Xantippe benimmt, whrend sie sich rhmt, eine
Dame, eine Bevorzugte der Gesellschaft zu sein!"

Nach diesem Ausbruch wollte sich Margarete entfernen. Aber Ileisa hielt
sie zurck, redete auf sie ein, und teilte ihr das Gefhl der
Besonnenheit mit, das sie inzwischen selbst zurckgewonnen. Sie hatte
Einkehr in sich genommen, und ihr gerechtes Ich hatte sich gemeldet.

Wenn schon Herr von Klamm die vergangenen Dinge berhrt habe, so htte
sie, erklrte sie, als verheiratete Frau, darauf gar nicht eingehen
drfen. Sie habe sich--unglcklich wie sie wre--von ihrem
Enttuschungsschmerz fortreien lassen.

"Ich bin," fuhr sie fort, "insofern nicht ohne Schuld. Und Frau von
Klamms Ausbruch gegen mich war ein Produkt der Eifersucht. Eifersucht
aber wei nicht, was sie thut; sie darf nicht mit dem gewohnten Ma
gemessen werden. Da aber Frau von Klamm auf einen solchen Mann
berhaupt eiferschtig ist, da sie ihn fr sich, fr sich ganz allein
behalten will, ist's ihr zu verdenken? Ich wrde ebenso fhlen, und
vielleicht gar auch so handeln.

"Ach, Margarete! Haben wir Klamm nicht beide geliebt und lieben--wir ihn
nicht noch heute?

"Ich wenigstens gestehe es in diesem Augenblick. Ich liebe ihn mit der
ganzen Kraft meiner Seele. Ich knnte mein Leben fr ihn lassen, ich
sehe in ihm ebenso sehr das Ideal eines redlich strebenden Mannes, wie
ich in Arthur nur ein Abbild jener erblicke, die nichts anderes kennen
als ihr genuschtiges Ich, die nichts anderes erstreben, als
Aeuerlichkeiten.

"Ach--ach--wer rettet mich, Margarete? Ich bin verloren!" schlo sie
erschttert, und warf sich ihrer Freundin an die Brust.

Margarete aber sagte, nachdem sie Ileisa von ihrer Brust sanft gelst
hatte:

"Ich wei, wie vielleicht doch noch alles gut werden kann, Ileisa. Rede
einmal fest und unerschrocken mit meinem Bruder. Sage ihm, da du
unglcklich seist, bitte ihn, da er ein anderer wird, da er mit dir
lebt, dir Wrme und Liebe entgegentrgt, da du sonst neben ihm
verdorrst. Gewi, ich wei! Eine einzige solche Unterredung thut's
nicht. Aber du mut es ihn wissen lassen, da es so in dir aussieht. Und
wenn er etwas thun will, was ihn von dir und seinen guten Regungen
abzieht, so sprich auf ihn ein und beginne immer von neuem, und suche
auf ihn einzuwirken. Ihr seid nun doch einmal verheiratet, und als Frau
hast du Pflichten bernommen. Du klagst dich an! Ich wei nicht, ob mit
Recht. Sollen es aber nicht Worte bleiben, so mut du wenigstens den
Versuch machen, und erst, wenn alles vergeblich, wenn du erkennst, da
er weder will noch kann--dann fge dich in das Unvermeidliche."

Und Ileisa erwiderte weich gestimmt:

"Du sprichst gut und weise, und ich will deinen Rat zu befolgen suchen,
meine liebe Margarete. Aber wenn es mir nicht gelingt, auf Arthur
einzuwirken, vergi nicht, da man eigentlich doch nur lehren kann, wenn
man etwas zu sagen hat. Ich aber habe die Zuneigung, die ich fr ihn
empfand, so gut wie verloren.

"Es ist furchtbar, zu gestehen, aber ich bekenne dir, da ich eher einen
Abscheu vor ihm empfinde, denn die Neigung spre, mich ihm ferner zu
nhern.

"Wir haben eben sehr frh mit einander verspielt--und mein Verdienst
nach dieser Erkenntnis war bisher nur das--da ich duldete
und--schwieg."

Und pltzlich, in einem sie mchtig berwltigenden Gefhl, umschlang
sie Margarete und flsterte:

"Willst du mir versprechen, meine teure Margarete, mich, wenn das Ende
doch so wird, wie du es herbeizufhren mir selbst rtst--nicht zu
verlassen?

"Was soll ich beginnen? Wohin soll ich mich flchten? Ich zittere schon,
wenn ich mir nur vorstelle, was meine Tante sagen wird, wenn ich mein
Glck--so nennt sie meine Ehe, und nannte sie sie, als sie mir vordem
stets so eifrig zuredete--wieder von mir gestoen habe!"

"Ja!" entgegnete Margarete fest. "Ich werde dir eine Schwester sein im
besten Sinne des Wortes, Ileisa, ich werde dich--so lange ich lebe und
etwas mein eigen nenne--nie verlassen!"

Es waren, whrend sie redeten, die Abendschatten schon herangeschlichen
und hatten das Gemach verdstert.

Dster war's drauen und in den Herzen dieser beiden Menschen, die nach
ihrer Art redeten und Plne machten, die wie alle anderen Sterblichen
durch Einstze in die groe Daseinslotterie zu gewinnen hofften, und
doch verloren, oder--ohne Einstze--in grerer Geduld--der Zeit und den
Umstnden vertrauend--aufrecht stehen blieben und sich vor den
Lebenszufllen schtzten, bis die Zeit auch ber ihre kmpfenden Seelen
die Schwingen ewiger Ruhe ausbreitete.

       *       *       *       *       *

In der Knoopschen Aktienbuchdruckerei war ein gewaltiges Hin und Her.
Klamm hatte mit Zustimmung der magebenden Persnlichkeiten eine Reihe
von Vernderungen ins Auge gefat, und nunmehr herbeigefhrt. Es waren
Rotationsmaschinen fr die Leitung und Buchdruckmaschinen angeschafft,
auch Schneide- und Satiniermaschinen besserer Konstruktion eingestellt
worden. Ferner war beschlossen worden, die Zeitung durch ein
handlicheres Format, neue Schrift, eine andere Einteilung,
Textvermehrung, sowie grere Vielseitigkeit zu verbessern.

Klamm ruhte und rastete nicht, Vervollkommnungen zu erstreben. Natrlich
wurden bei der Vermehrung der Arbeit die Krfte der Angestellten in
hherem Mae angestrengt. Es hatten deswegen schon heftige
Auseinandersetzungen mit dem noch im Amt befindlichen Chefredakteur
stattgefunden. Es bedrfe, wie er erklrte, umfangreicherer Beihilfe und
besserer Honorierung! Ueberhaupt lehnte er sich gegen die
Zeitungs-Neuerungen auf und behauptete, da sie dem Blatte nicht zum
Nutzen, sondern zum Schaden gereichen wrden.

Gegenwrtig handelte es sich um die Herstellung der ersten neuen
Quartalsnummer, und diese stie auf unerwartete, ganz erhebliche
Schwierigkeiten.

Unten in den Druckrumen schalt der Maschinenmeister mit den Mdchen,
die sich bei den neuen Rotationsmaschinen ungeschickt benahmen. Die
Folge war, da sie smtlich aufstzig wurden, kehrt machten und davon
gingen.

Nun war guter Rat teuer! Woher gleich andere nehmen? Der
Maschinenmeister eilte zu Klamm hinauf und meldete, was geschehen sei.
Er hatte den Kopf vllig verloren. Es schien unmglich, da die Zeitung
berhaupt am nchsten Morgen erscheinen konnte.

Um das Unglck voll zu machen, berichtete der Zeitungsfaktor, da dem
Metteur ein Unglck mit dem im brigen kaum zu bewltigenden Satz
passiert sei, die Setzer aber, trotz Aufforderung und Bitte,
Ueberstunden nicht machen wollten.

Zunchst schickte Klamm einen Boten zu der ltesten, in der Druckerei
schon seit zwei Jahren beschftigten Bogenfngerin. Der Maschinenmeister
wute zufllig, wo sie wohnte--und lie ihr vom Direktor bestellen, da
sie so gut sein mge, "rasch einmal heran zu kommen".

Sodann begab sich Klamm in den Setzersaal und verhandelte mit den
Setzern, die sich bereits die Hnde wuschen und fortgehen wollten.

Er bot ihnen eine angemessene Entschdigung, wenn sie nach einer Stunde
zurckkehren, und einen Teil der Nacht durcharbeiten wollten.

Nach sehr schwierigen Verhandlungen, bei denen eine bedauerliche
Interessenlosigkeit fr das Geschft bei den Angestellten zu Tage trat,
gelang es Klamm, deren Zusage zu erreichen.

So war wenigstens diese Schwierigkeit beseitigt. Nun aber galt es auch
unten zum Ziele zu gelangen. Klamm hielt Umschau und prfte, ob nicht im
Papierraum Angestellte zu haben seien. Aber die Versuche verliefen hier
eben so ungnstig, wie die Prfung bei dem brigen Maschinenpersonal.
Zwei sonst Beschftigte waren berhaupt nicht anwesend, weil sie sich
krank gemeldet hatten. Die Maschinenmeister selbst erklrten, da sie
zweien Herren nicht dienen knnten. Sie mten fortwhrend nach den
Druckpressen sehen, da noch alles nicht recht "eingelenkt" sei.

Inzwischen war die Zeit immer weiter vorgerckt. Ueberall wurden die
Arbeitskittel bereits ausgezogen, und Klamm lief Gefahr, sich einer
groen Blamage auszusetzen, wenn es nicht gelang, Bedienung fr die
Maschinen herbeizuschaffen.

Zum Glck erschien nun das von ihm herbeigerufene Mdchen, eine etwa
sechsundzwanzigjhrige, robuste Person, in einem schwarzen Mantel und
mit federbesetztem Hut.

Sie sah wie eine schlecht kostmierte Nebenfigur auf einer
Kleinstadtbhne aus und legte, als Klamm sie anredete, ein recht
schnodderiges Wesen an den Tag.

Sie beklagte sich im Berliner Jargon ber den Maschinenmeister Schulze,
der "die Mchens man immer so behandelte, als ob sie 'Rakkers' wren,
die vor 'ne Lehmmhle zu jehen htten. Det Jeschimpfe hre jar nich uf,
nu dafr wr'n sie sich alle einig jeworden, abzujehen. Sie persnlich
habe sich auch den Abend schonstens mit ihr Verhltnis verabredet, sie
knne nich bei die Maschine arbeiten, und wo die anderen wohnen thten,
det wisse sie man sehr unbestimmt.

"Wiederkommen wollten sie ja alle, aber blo, um beim Direktor
vorstellig zu werden. Sie htten sich verabredet, am nchsten Morgen,
Uhr neune, anzutreten."

Nach dieser Erklrung ergriff nun aber Klamm das Wort.

Er bot dem Mdchen, wenn sie die Arbeit etwa nach einer Stunde wieder
aufnhme, und wenn sie die brigen Arbeiterinnen mit Droschken
herbeizuholen sich verpflichtete, eine erhebliche Belohnung, ihnen allen
aber Abendbrot mit Bier, Kaffee in der Nacht, und eine so bedeutende
Vergtigung, da "Christine Munk" schlielich weich wurde. Das Geld
reizte die Person, und um so schwankender wurde sie, da Klamm erklrte,
da er allen fortan den Lohnsatz erhhen wolle.

Hierauf eilte die Munk fort. Klamm begab sich, nachdem er die
Maschinenmeister zum Dableiben verpflichtet hatte, ins Kontor, und von
dort in die Redaktion.

Hier sah er nach dem Rechten, wartete dann noch in grter Spannung, ob
Setzer und Mdchen erscheinen wrden, und atmete frmlich auf, als er
zunchst die Setzer hinauskommen sah und nun sicher war, da in den
Slen oben weiter gearbeitet wurde.

Die Mdchen lieen viel lnger auf sich warten. Als der Maschinenmeister
endlich ber ihr Eintreffen berichtete, hatte er zu melden, da nur zwei
erschienen seien.

"Nun, wohlan! So mssen wir mit angreifen, Schulze! Ich bleibe so lange
an der Maschine, bis wir unsere Auflage fertig haben!" erklrte Klamm,
setzte ein kurzes, Adelgunde verstndigendes Schreiben auf, sandte einen
herbeigeholten Dienstmann damit fort, und begab sich in den
Maschinenraum.

Und hier arbeitete er dann ganz ebenso wie das Personal, und wenn er
einmal seine Thtigkeit unterbrach, um oben im Setzersaal nachzutreiben,
so mute auch der andere Maschinenmeister so lange mit anfassen.

Endlich nachts zweieinhalb Uhr war die Arbeit gethan. Da das
Expeditions-Personal diesmal schon um vier Uhr morgens eintraf, konnten
die mit den fr die verschiedenen Bahnhfe bestimmten Zeitungspacketen
beladenen Geschftswagen bereits um sechseinhalb Uhr abfahren.

Trotz aller Hemmnisse und Ungelegenheiten, und trotz der umfangreicheren
Auflage war alles ohne irgend welche Verzgerung in der Stadt und an die
auswrtigen Abonnenten expediert worden.

Aber Klamm begngte sich damit nicht.

Nachdem er ein paar Stunden in der ihm berwiesenen, frheren Knoopschen
Villa geschlafen hatte, begann er schon wieder seine Thtigkeit, traf
allerlei Manahmen, wodurch fortan jegliche Hast und Ueberstrzung, aber
auch hnliche Verlegenheiten vermieden wurden.

Er ordnete sowohl in der Redaktion wie in den Setzerslen eine andere
Einteilung an, und sah sich nach einem zuverlssigeren Arbeiterpersonal
fr die Maschinen um.

Die Mdchen hatten ein sehr unzuvorkommendes Wesen hervorgekehrt. Unter
der Fhrung Christine Munks, traten sie, wie sie schon angekndigt
hatte, mit so erheblich hheren Lohnforderungen an die Direktion heran,
und legten eine so feindselige Gesinnung gegen den Maschinenmeister
Schulze an den Tag, da Klamm sie berhaupt nicht zu behalten beschlo.
Es mute eben vielfach aufgerumt werden. Er kndigte auch bereits an
diesem Tage dem Chefredakteur, Doktor Strantz, der heute, wie frher,
sowohl im Geschft wie in dem "Wirtshaus zur gemtlichen Ecke" in der
Kronenstrae, seine Intriguen gegen ihn fortsetzte, zum nchsten
Quartal, und unternahm so gleich Schritte fr eine andere Besetzung.

Endlich berief Klamm auch die Vorstnde der verschiedenen Abteilungen.
Er setzte ihnen auseinander, da eine grere Anspannung der Krfte
erforderlich sei, ersuchte sie, ihn zu untersttzen, versprach ihnen
dagegen Erhhung ihres Lohnes, und lud sie zudem fr den Schlu der
Woche zu einer geselligen Zusammenkunft im Leipziger Garten ein.

Um sechs Uhr nachmittags war Klamm erst so weit, da er sich nach Hause
begeben konnte. Als er jedoch im Grnhagener Gutshaus eintraf, fand er
in seiner Wohnung weder seine Frau noch die Dienerschaft. Erst nach
vergeblichem Klingeln sah er bei weiterem Nachforschen die beiden
Mdchen im Nebengebude im Gesprch mit den Stallknechten.

Der Diener sei, wie sie meldeten, im Auftrage der gndigen Frau, bereits
nachmittags in die Stadt gefahren, sie selbst habe vor einer Stunde
gesagt, da sie den gndigen Herrn im Geschft abholen werde.

"Hat denn meine Frau keinen Brief von mir erhalten? Ich hatte nach sechs
Uhr das Essen bestellt?" warf Klamm sehr unmutig hin.

Die Mdchen verneinten. Es sei ihnen nichts gesagt. Die gndige Frau
oben (Klamms Mutter) habe um zwei Uhr mit Frau von Klamm reichlicher als
sonst gefrhstckt, das Essen sei berhaupt abbestellt worden.

Die gndige Frau habe gesagt, da sie mit dem gndigen Herrn in der
Stadt speisen werde. Sie wollten nachher das Theater besuchen. So htten
sie verstanden.

Klamm nickte. Er wute nun genug. Seine Frau hatte, wie ersichtlich, die
Gelegenheit benutzt, um sich einmal wieder ein Vergngen zu verschaffen,
wie so oft, ohne ihn zu fragen, ihre Plne gemacht und war trotz seines
Briefes fortgegangen.

Sein Mivergngen verstrkte sich, weil er starken Hunger sprte und die
Zimmer kalt waren. Er hatte sich grade heute nach den Anstrengungen, die
hinter ihm lagen, auf sein Haus und auf Gemtlichkeit gefreut. Und zu
haben war natrlich nichts; und wenn doch, dauerte es sehr lange.

Er beschlo deshalb, nach der Stadt zurckzukehren, dort sogleich zu
speisen, und seine Frau aufzusuchen. Er nahm an, da sie Bescheid im
Geschft zurckgelegt hatte.

Er mute sich in die Sachlage finden, so sehr er sich dagegen strubte.
Schon weil Adelgunde nicht allein abends zurckkehren konnte, mute er
sich auf den Weg machen.

Sie war mit der Bahn gefahren, statt das eigene Fuhrwerk zu benutzen.--

Whrend Klamm noch sann, regte sich drauen ein Gerusch.

Ein Mietswagen fuhr vor, und diesem entstieg--Adelgunde!

Sie war also, da sie ihn nicht gefunden, wieder zurckgekehrt!

So dachte Klamm, und das freute ihn, das freute ihn sogar so sehr, da
er Lust hatte, die Droschke zu benutzen, und mit seiner Frau nach
Berlin zu fahren, und dort zu soupieren. Er wute, da das ganz in ihrem
Sinne sein werde.

Aber schon war der offenbar schon von ihr vorher abgelohnte Kutscher
wieder abgefahren, schon stand sie vor ihm und stie in einem hchst
mimutigen, sehr unfreundlichen Ton heraus.

"Na, das war eine schne Enttuschung--die httest du mir doch auch
ersparen knnen. Da fahre ich wie in einem Karussel immerfort in der
Runde herum, um nun unverrichteter Sache, hungrig, abgespannt und
verrgert wieder hier anzukommen."

Selbst in dem friedfertigsten und selbstlosesten Menschen wird sich ein
Gefhl der Entrstung regen, sobald man ihm Vorwrfe macht, wenn er fr
seine Handlungsweise ein unbestreitbares Recht besitzt, lediglich Gutes
dabei im Auge hatte.

So sagte er mit stark auflehnender Miene: "Ah--lasse doch Lamentationen,
an denen du selbst schuld bist!

"Ich bin der Genarrte! Ich komme hchst abgespannt und sehr hungrig nach
Hause, finde niemanden, finde keinen gedeckten Tisch, und erst recht
dich nicht, die ich doch von meiner Rckkehr und meinen Wnschen
vorzeitig unterrichtet hatte!"--

Klamm sprach, whrend er ins Wohnzimmer schritt, und Adelgunde
erwiderte, whrend sie den Mantel lste und ihn auf die Lehne eines
Stuhles warf:

"Ich kann doch nicht dafr, da ich dich nicht traf. Du lt mich ja gar
nicht sprechen, erklren, kommst gleich mit Vorwrfen. Der Zug hatte
Versptung. Als ich mich so rasch wie mglich nach deinem Kontor fahren
lie, warst du schon fortgegangen."

"Wohlan, Adelgunde! Ich hatte dir aber doch ausdrcklich geschrieben,
da ich zu Tisch kommen werde, da du mich zwischen sechs und halb
sieben erwarten mgest.

"Da ich, nachdem ich von Mittag vorigen Tages bis jetzt mit geringer
Unterbrechung gearbeitet hatte, zu solchen Vergngungen nicht aufgelegt
sein wrde, konntest du dir wohl vorstellen. Du denkst aber leider fast
immer nur an dich, willst dich mir nicht akkomodieren!"

Adelgunde hatte sich whrend ihres Mannes Rede in einen Sessel
niedergelassen, ihn auch ohne Unterbrechung angehrt.

Nun aber hielt es sie nicht ferner, und lang zurckgehaltenes drngte
bei dieser Gelegenheit nach Ausdruck.

"Du machst mir die gewohnten, sich in unertrglicher Gleichmigkeit
wiederholenden Vorwrfe," begann sie. "Es geschieht, obschon ich es gut
meinte und denke, da ich wohl auch eine Entschdigung fr meine
Vereinsamung und dafr verdient htte, da du nun gar schon um deiner
Zeitungsgeschichten willen die Nchte fortbleibst!

"Ich wollte alles in mir herabdrcken, dir freundlich begegnen, und dich
gar aus dem Geschft abholen!

"Aber da du dich als den Verletzten hinstellst, will ich sprechen!

"Erstens: Ich will nicht mehr hier auf dem Gute wohnen und frmlich
verdorren. Der Besitz wurde erworben, damit wir die Sommermonate hier
zubrchten, nicht Herbst und Winter, und nicht fortwhrend mit deiner
Mutter!

"Ich erwarte, da du mich ber deine mir unsympathischen Zeitungs- und
Druckgeschichten nicht, wie es schon vielfach geschehen ist, gradezu
vernachlssigst. Ich verwnsche den Augenblick, in dem ich dir darin
nachgab. Und endlich erwarte ich, da du fr alle Zeiten der koketten
Frau nebenan die Absage erteilst, die sie verdient!

"Ich war Zeuge eurer Unterredung, und ich mu gestehen, da mich dein
Liebeswerben emprt hat. Es mute mich doppelt empren, weil du doch
erkannt hast, welchen Unwert sie besitzt. Sie gab dir damals einen Korb,
und erteilte ihn deshalb, weil sie glaubte, da dein Glcksstern
erloschen sei. Es beweist wenig Selbstgefhl, da du ihr nach solchen
Erfahrungen berhaupt noch einen Blick, geschweige werbende Worte
gnnst!

"So, das ist mein Standpunkt, immer derselbe Standpunkt von frher!"

Klamm berlegte, ob und was er auf diese Rede entgegnen sollte.

Dennoch sah er von einer Auseinandersetzung ab und sagte:

"Ich will, mag und kann heute abend mit dir nicht streiten. Du bist
nicht sachlich, gerecht und logisch. Es wird sich ein geeigneter
Augenblick finden. Ich wnsche, mich in mein Arbeitszimmer
zurckzuziehen. Die Mdchen sollen mir etwas bereiten und auf den Tisch
setzen.--Nachdem ich gegessen und noch eine Cigarre geraucht habe, werde
ich mich ins Bett verfgen. Ich habe Schlaf und Ruhe sehr ntig. Es
waren sehr gemtaufregende Stunden mit groer Anspannung--"

Nach diesen Worten zog er die Klingel, durchschritt das Gemach und begab
sich in sein Zimmer.

Er machte sich auch daran, selbst Feuer in dem Ofen zu entznden,
gab--da seine Frau sich nicht regte--dem jetzt zurckgekehrten und
eintretenden Diener Auftrag, ihm ein Abendbrot mglichst rasch
herrichten zu lassen und ihm in seinem Zimmer zu servieren. So bemerkte
er auch nicht, da Adelgunde berhaupt das Haus verlie.

Sie ging ber den Gutshof, erreichte den bereits mit Licht versehenen
Herrenstall und befahl dem Kutscher, sogleich anzuspannen.

Alsdann schritt sie in ihr Kabinett, schrieb einen Brief an ihren Mann,
den sie vorlufig zu sich steckte, und war schon unterwegs nach Berlin,
als es ihn nach beendigtem Mahle trieb, sich nach ihr umzusehen.

Klamm war nicht wenig erstaunt, und geriet in nicht geringe Erregung,
als er seine Frau nicht fand, und ihm auf sein Befragen der Diener
erklrte, da die Frau Baronin nach Berlin gefahren sei und auch einen
Brief zurckgelassen habe.--

"Einen Brief? Weshalb haben Sie mir den nicht gleich gebracht," stie
Klamm schroff heraus.

"Die gndige Frau hatte mir befohlen, ihn dem gndigen Herrn erst
auszuhndigen, wenn der gndige Herr nach der gndigen Frau fragen
wrden."

"So--das ist etwas anderes. Sie knnen gehen! Ich werde rufen, wenn ich
noch etwas brauche."

Nachdem sich Friedrich entfernt hatte, brach Klamm das Schreiben auf,
lie sich in einen Sessel und las folgendes:

  "Ich will in Grnhagen nicht mehr wohnen. Ich will nicht neben der
  Person noch eine Nacht sein, die sich dort eingenistet hat, um Dich zu
  umgarnen. Die ganze Gegend wei es, da sie hchst unglcklich mit
  ihrem neugeschaffenen Baron ist. Da wirst sie natrlich die Netze
  wieder nach Dir aus.--Ich mag und will aber auch nicht--ich wiederhole
  es--auf dem Lande verdorren und mich tot langweilen. Ich kehre nicht
  zurck, unter keinen Umstnden.

  Ich will aber gern mit Dir in Berlin leben und alles thun, damit Du
  mit mir zufrieden bist.

  Allerdings erwarte ich, da auch Du Konzessionen machst. So geht es
  nicht weiter.

  Ich werde heute nacht im Askanischen Hof logieren. Der dort uns so
  lange Jahre kennende Wirt wird nichts Aufflliges darin finden.

  Morgen vormittag begebe ich mich in unsere Wohnung und werde alles zum
  Aufenthalt herrichten.

  Unsere Sachen bitte ich Dich, von unserem Dienstpersonal sofort
  einpacken und herbefrdern zu lassen. Sie sollen auch selbst bis
  morgen abend sptestens hier sein.

  Dich erwarte ich natrlich schon um Mittag und ich schliee nicht nur
  mit den Worten Corneilles:

  'Soyons amis', sondern sage: Seien wir sogar die alten, die wir einst
  waren. Es wrde darber glcklich sein, Deine, auch einmal einen
  Willen und ihre Neigungen besitzende Adelgunde."

Der erste Gedanke, der Klamm kam, nachdem er diesen Brief gelesen hatte,
war: da Adelgunde seiner Mutter mit keiner Silbe gedacht hatte. Sie
entbot die Dienstboten zu sich--seine alte Mama konnte sehen, wo sie
blieb und was aus ihr wurde. Da man ihr das Personal nahm, das fr sie
kochte und ihr aufwartete, kam gar nicht in Frage.

Klamm lie das Haupt sinken.

Gab's denn wirklich nur eine einzige auf der Welt, die ein Recht auf
seine Liebe und unbedingte Verehrung besa, sie, seine Mutter, die oben
gewi noch seiner wartete, damit er ihr, wie immer, einen Ku auf die
Wange drcke, und ihr "Gute Nacht" sage.

Schatten umfingen seine Seele und trieben ihm eine grenzenlose Trauer
ins Herz.

Fhlte sich Ileisa nebenan unglcklich, so unglcklich, da sie schon
von tiefen Wassern gesprochen, er, Klamm, htte sich in diesem
Augenblick mit seinem Leibe tief unten in der Erde gewnscht.

Er hielt Umschau! Lag's an ihm? War er zu anspruchsvoll? Waren die
Menschen im Grunde gut und umgnglich? Verlangte er zu viel--hatte er
etwas vom Philister an sich, der nicht in blicher Weise mitgehen wollte
und konnte. Er mute diese Frage verneinen.

Er suchte ja grade das Gute bei allen, wennschon ihn seine Veranlagung
die Schwchen der Menschen mit solcher Deutlichkeit erkennen lie.

Befriedigte ihn seine Thtigkeit nicht? Gewi, sie grade! Aber nicht der
Tand, das Hohle, das beides ihn stets angewidert hatte.--

Hatte er sich wirklich gegen seine Frau versehen? Nein! Ein weiches
Gefhl ohne Nebengedanken hatte ihn fortgerissen, Ileisa so zu begegnen,
so zu ihr zu sprechen, wie es geschehen war.

Er hatte einmal die Sehnsucht nach Glck durch das Zusammenleben mit
einer Frau.

Die Gedanken gingen weiter.

Die gestrigen Vorgnge im Geschft hatten ihn belehrt, welche Lasten er
sich aufgeladen. Nur durch Vorteilszuwendungen hatte er sich die
Personen gefgig gemacht. Geld machte alles! Das ekelte ihn an, das
emprte ihn, obschon er das Leben so genau kannte.

Er schnellte empor, fuhr sich mit der Hand ber die Stirn, schritt
ruhelos auf und ab und berlegte, was er thun sollte. Er fragte sich,
was er wohl mchte, was ihn doch noch glcklich machen knne! Er wute
es!

Er mchte Ileisa sein Weib nennen. Sie konnte ja schweigen, sich fgen.
Sie hatte ihm weh gethan, aber sie hatte selbst genug darunter gelitten.
Ihr Lebensgang entschuldigte sie. Sie liebte ihn noch; seine Erfahrung
und sein Blick hatten es ihm unwiderlegbar bewiesen.

Was ihm Adelgunde von Arthur schrieb, wute er sehr wohl. Die Spatzen
schwatzten es von den Dchern, da sie mit ihrem Manne unglcklich sei,
aber ringsum war man dagegen ihres Lobes voll. Alle, die mit ihr in
Berhrung traten, rhmten ihr gtiges, verstndiges und sanftes Wesen.
Es kam kein unfreundliches Wort ber andere ber ihre Lippen, ihr
Hauswesen besorgte sie musterhaft, in diese neuen Verhltnisse hatte sie
sich in berraschender Weise gut hineingelebt, und immer war ihre Hand
offen fr Bedrftige.

So sprachen die Menschen--und sie redeten, wie es sich mit der Wahrheit
deckte.

Und weiter dachte Klamm:

Es wrde Klamms Ideal gewesen sein, hier wohnen zu bleiben, wenn er
statt Knoops andere Nachbarn wrde erhalten knnen.

Er, Ileisa und seine Mutter! Sie wrden in schnster Harmonie leben!

Und das auszubauen, was er in Berlin begonnen, wrde ihn nach wie vor,
vollkommen ausfllen und befriedigen! Nur wre er gern alleiniger
Besitzer, nicht von anderen abhngig gewesen! Schon hatten sich
Mihelligkeiten eingestellt.

Vielleicht konnte er mit der Zeit das Geschft kaufen, die Aktien an
sich bringen.--Aber da stockte er doch nun pltzlich, und berhaupt fiel
jetzt doch wieder das ganze Gebude zusammen! Er war ja an Adelgunde
gebunden! Sie, sie hatte ja das Geld! Er war ja der abhngige Mann einer
reichen Frau.--Das Luftschlo zerflo, und alles zerrann.--Er besa ja
nichts, gar nichts--und abermals seine Mutter bei ihrem Recht auf ein
endliches sorgenloses Alter mit neuen Fhrlichkeiten, gar mit
Ehescheidungen zu beunruhigen, war ausgeschlossen.--Als Arthur an diesem
Tage nach Hause kam, lag ein Billet von seinem Vater auf seinem
Schreibtisch, dessen Inhalt lautete:

  "Ich ersuche Dich, morgen frh, bevor Du Dich in die Stadt begiebst,
  bei mir vorzusehen. Ich habe wegen der heutigen Vorkommnisse zwischen
  Dir und Deiner Schwester, aber auch sonst mit Dir zu sprechen!"

Nachdem Arthur diese kurz und khl gefaten, sicher nichts Gutes
verheienden Stze gelesen und nochmals gelesen, schlo er den Brief ein
und ging eine Weile nachdenklich auf und ab.

Sodann begab er sich zu seiner Frau, teilte ihr aber von dem Inhalt der
Zuschrift nichts mit, war berhaupt den ganzen brigen Teil des Abends
in seinem Wesen verschlossen und legte sich auch sehr frhzeitig
schlafen.

Am kommenden Morgen besuchte er zunchst den Pferdestall, machte dann
einen Spaziergang ins Dorf, und las nach eingenommenem Frhstck in
vllig wiedergewonnener Gemtsruhe die Zeitung. Dann nahm er
gemchlichen Schrittes den Weg zu seinem Vater nach dem Hauptgebude.

Vorm Fortgehen wandte er sich noch einmal zu seiner bereits im Hause
schaffenden Frau um und sagte:

"Ich gehe zu den Eltern hinber. Vielleicht lade ich sie zum Abendessen
ein. Sollte es der Fall sein--es kommt auf die Stimmung drben
an--mssen wir noch etwas besorgen. Denke inzwischen einmal darber
nach, was wir geben knnten!"--

Herr Friedrich Knoop befand sich in seinem Arbeitszimmer im Parterre zur
Linken, als Arthur ihm gegenber trat.

"Ah so--du! Jawohl!" betonte Herr Knoop, der sich mit der Durchsicht
von Schriftstcken beschftigt war, legte letztere beiseite, nickte kurz
und unzuvorkommend und zeigte auf einen Stuhl.

"Setz' dich! Wir haben lnger zu sprechen," fuhr er dann in jenem
gewissen Ton fort, den er stets angenommen, wenn es sich um sehr ernste
Dinge gehandelt hatte.

"Margarete hat uns gestern den Inhalt des Gesprches mitgeteilt, das
zwischen ihr und dir stattgefunden hat!

"Ich habe mir infolgedessen vorgenommen, dir einmal meine Meinung zu
sagen. Ich wollte es schon frher thun, unterlie es aber, weil ich
hoffte, da du dich selbst noch rechtzeitig besinnen wrdest.

"Bitte, bitte, jetzt rede ich--nachher kannst du, wenn du etwas zu
erwidern hast, zu Worte kommen," unterbrach er sich, als Arthur das Wort
nehmen wollte.

"Als du aus England zurckkehrtest, hattest und warst du so wenig wie
heute! Ich beschftigte dich infolgedessen bei mir!

"Wenn du auch keinen Uebereifer entwickeltest, so hattest du doch Sinn
fr Arbeit und Erwerb, und ich freute mich dessen und sah dir--und wir
alle sahen dir deshalb eine starke, wenig erfreuliche Selbstberhebung
nach, die du aus dem Auslande mitgebracht hattet.--

"Dann kamen die neuen Plne. Dann kam deine Verlobung mit Ileisa. Von
der Zeit an lieest du geschftlich gnzlich nach, hattest eigentlich
nur noch Sinn fr deine Passionen und vorbergehend fr deine Braut.

"Deinen Eltern hast du nicht die geringsten Rcksichten erwiesen,
geschweige bist du ihnen mit Wrme oder gar mit Gefhlen der
Erkenntlichkeit fr ihre vielfache Frsorge begegnet.

"Du nahmst alles hin, als ob es ganz selbstverstndlich wre, als ob dir
in erster Linie alle Vergnstigungen zukmen!

"Aber ich will das noch hingehen lassen, du bist eben noch jung und
unreif. Wenn ich mich einmal ber deine Mngel beklagte, wies deine
Mutter auf die sicher gnstigen Wirkungen durch deine Verheiratung hin.

"Da wrdest du gefunden, wieder an Arbeit und Erwerb Freude finden, dich
von deiner prchtigen Frau beeinflussen lassen, ein anderer werden!

"Aber leider ist nichts eingetroffen. Im Gegenteil! Deine
Selbstberhebung, deine Arbeitsscheu, dein Drang nach Vergngungen hat
zugenommen, deine Pflichtversumnisse gegen deine Eltern, deine
Schwester und gegen deine Frau haben sich vermehrt, und endlich hast du
dir angemat, deiner dir einmal in bester Absicht zu Herzen redenden
Schwerer das Haus zu verbieten, ja, sie sogar auf die Strae gesetzt!
Das stt dem Fa den Boden aus!!

"Nein, nein--nein--bitte sehr! Lasse mich erst aussprechen. Ich
wiederhole vorher Gesagtes!

"Ich erklre dir nun folgendes:

"Wenn du deine Schwester nicht um Verzeihung bittest, wenn du nicht
innerhalb vier Wochen Thtigkeit gefunden hast, wenn du dich nicht
vllig nderst und ein anderes husliches Leben beginnst, so ziehe
ich--es ist mein fester Wille--die Zuwendungen zurck, die ich dir
bisher gewhrt habe.

"Es war leider ein Fehler von uns, dir berhaupt in solcher Weise die
Hand zu bieten. Es entsprang das derselben Schwche, der ich mich auch
deinem Onkel Theodor gegenber schuldig gemacht habe. Man soll nach
Grundstzen verfahren, sich niemals von Gefhlen leiten lassen, auch
selbst seinen Angehrigen gegenber nicht!

"Mein Familiensinn ging falsche Wege; es soll aber jetzt anders werden!

"Du kannst dir, wie jeder andere, dein Brot verdienen, und keinesfalls
will ich dir ferner--selbst wenn diese Unterredung einen gnstigen
Erfolg hat--eine so hohe Rente bewilligen. Equipagen und Pferde kannst
du wieder abschaffen. Vermagst du spter selbst so viel zu verdienen, um
sie dir halten zu knnen, so ist es etwas anderes.--

"So, das habe ich zu sagen, und merke es dir, mein Sohn, ich bleibe
eisenfest. Diese Wirtschaft soll ein Ende nehmen--und fgst du dich
nicht, magst du deine eigenen Wege gehen!"

"Bist du fertig, Vater?" begann Arthur in einem vllig unempfindlichen
Tone, erhob sich zur grten Ueberraschung des Herrn Knoop, und schob
sogar, zum Zeichen des beabsichtigten Gesprchs-Abbruchs, den Stuhl, auf
dem er gesessen, wieder auf seinen Platz.

"Schn! Wohlan! Ich entgegne auf deine Worte, da ich mich schon von
heute ab auf meine eigenen Fe stellen und nichts mehr von dir fr mich
frder annehmen werde. Ich werde aber auch nicht bei meiner Schwester um
Verzeihung nachsuchen; sie hat vielmehr mir ihre ungehrigen Ausflle
abzubitten. Ich vermag nicht zu sagen--und das erhrtet meinen
Entschlu--ob ich in vier Wochen schon eine Thtigkeit gefunden habe. Es
liegen die Verhltnisse zur Zeit sehr ungnstig, und deshalb waren meine
Bemhungen bisher auch nicht von Erfolg gekrnt.

"Da du fr Ileisa materiell eintreten wirst, nehme ich dagegen an. Ich
habe sie mit eurer Genehmigung geheiratet, und es war nicht nur eine
stillschweigende Voraussetzung, da mir von dir eine Jahresrente
berwiesen wrde, sondern sie ist mir von dir ohne mein Ansuchen gewhrt
worden. Ich htte mich sonst natrlich noch nicht verheiratet. Sie wirst
du also in deiner Weigerung, mir keine Zuwendungen mehr machen zu
wollen, nicht einschlieen.

"Sonst habe ich noch kurz nachstehendes zu entgegnen:

"Nachdem wir nobilitiert worden, sind uns gewisse Pflichten erwachsen.
Das liegt einmal bei richtiger Wrdigung der Dinge vor, und sie decken
und deckten sich ja auch mit meinen bisherigen Neigungen. Ich mchte
diesen nicht entsagen--ich mchte eben der bleiben, der ich einmal bin.
Ich habe keine Anlage zum Schrzengatten, der den ganzen Tag um seine
Frau herumschwrmt, finde auch keinen Geschmack an Familiensimpeleien,
sondern brauche Menschen, Luft, Abwechslungen und Anregungen von
drauen.

"Da ich das Geld hatte, war ich berechtigt, so zu leben, wie es geschah.
Ich habe ja keine Schulden gemacht. Und endlich: ich habe mich nicht
geschaffen, wie ich bin; das ist des Schpfers Laune und Bestimmung
gewesen. Unehrenhafter Handlungen bin ich mir nicht bewut, meine also,
eine solche Entschlieung, wie sie mir von dir heute wegen eines bloen
Wortstreits geworden, nicht verdient zu haben.

"Aber es ist ganz gut so. Ich wiederhole, da ich mich fge. Und weiter
habe ich denn auch nichts zu sagen, Vater. Gre Mutter! Ich siedle
schon heute nach Berlin ber. Wegen Ileisas erhalte ich wohl noch
Nachricht! Guten Morgen!"

Whrend Arthur, von seinem Vater nicht gehemmt, den Weg ber den Gutshof
nach der Nebenvilla zurcklegte, hielt er folgendes Selbstgesprch:

"Fr die nchsten drei Monate habe ich hinreichend Geld, und fr weitere
drei Monate habe ich unter allen Umstnden den erforderlichen Kredit. In
dieser Zeit werde ich etwas finden. Ich will mich gleich ernstlich
umsehen. Da alles so gekommen, ist vielleicht nachteilig fr mich,
vielleicht auch nicht. Mein Vater hat ja nicht unrecht, aber er hat
darin unrecht, da er gleich das Kind mit dem Bade ausschttet, da er
so vorgeht! Aber das ist seine Art. Er hat es mit Herrn von Klamm ja
auch so gemacht.

"Wenn ich mir selbst eine Selbstndigkeit und ein Vermgen erwerbe--so
werde ich das wertvolle Gefhl besitzen, nicht der von seinem reichen
Vater gndigst dotierte Sohn zu sein. Es ist nicht das Rechte. Ich habe
es schon lange empfunden! Bei allem, was ich that, und was sie drben
natrlich stets berflssig fanden, sah ich den Vorwurf in ihren Augen.
Ein unertrglicher Zustand, ein ganz unertrglicher!

"Und meine Frau--Ileisa?--

"Wir passen nicht zusammen. Sie ist aus der sittsamen
'Margaretenschule', sie ist die Mutter Vernunft, die an der Krankheit
schweigender Langeweile und tugendsamer Fgsamkeit leidet.

"Ich brauche ein strriges Pferd, einen lebhaften Araber--eine, die mit
mir geht durch Dick und Dnn.--Ich brauche ein elegantes, geistvolles
Weib, das gesellschaftlich eine Rolle spielen kann und will. So eine,
wie die Frau von Klamm--das wre eine fr mich gewesen.

"Und wenn denn die Sache mit einer Trennung zwischen mir und Ileisa
endet--na, dann ist's mir eben sehr recht.

"Ich hatte mich in ihren Krper verliebt--ihre Seele kannte ich wenig."

Nachdem Arthur seine Wohnung wieder betreten hatte, begab er sich mit
Hilfe seines Dieners an ein eifriges Packen, und suchte alles zusammen,
was er fr sein Junggesellenheim brauchte. Auf die Mitnahme von Mbeln
verzichtete er vorlufig. Das alles wrde sich spter finden!--

Dann rief er seine Frau ins Zimmer, legte ein gelassenes Wesen an den
Tag und sagte:

"Ich mchte dir gegenber ganz ehrlich und offenherzig sein, ich mchte
dir alles sagen und dich auf die Folgen rechtzeitig vorbereiten.

"Ich hatte eben eine Auseinandersetzung mit meinem Vater. Ich werde von
heute nichts mehr von ihm annehmen. Ich will mich--es ist mein fester
Wille, und es ist mir der Anla durchaus nicht unwillkommen--auf eigene
Fe stellen. Ich siedle--vorlufig allein--nach Berlin ber.

"Von mir oder meinen Eltern wirst du weiteres hren. Sollte aus dem
allen eine Trennung zwischen uns hervorgehen--es erscheint mir
zweifellos--so wei ich,--da dir dadurch kein Herzeleid entstehen wird.
Wir haben uns geheiratet, Ileisa, aber wir passen gar nicht fr
einander! Ich spreche ja nur das aus, was du mir lange selbst hast sagen
wollen. So blind bin ich nicht, nicht nachzuempfinden, da ich dich
nicht befriedige, und ich--ich--ich sage es frei--brauche auch eine
andere Frau! Die Welt wrde--sollte sie mich jetzt sprechen hren--eine
solche Auseinandersetzung, eine solche kalte Erklrung entsetzlich
finden! Vielleicht--sicher--wrde sie--allerdings in gleicher
Lage--anders denken, nicht ber mich und dich zu Gericht sitzen.

"Wir knnen friedlich auseinander gehen. Da du keine materiellen
Sorgen haben wirst, versteht sich.

"Wie gesagt--darber erhltst du noch Mitteilungen.

"Ach, was! Weine doch nicht, Ileisa! Ich wei, du denkst in diesem
Augenblick daran, wie sich deine Tante beunruhigen wird. Du denkst an
die Meinung der Welt--an das, was die Leute sagen werden!

"Bin ich kalt--ich bin ein Mensch, der zuerst an sich denkt, ich leugne
es nicht--so gehre ich doch nicht, wie sie, zu der groen verchtlichen
Schar der Komdianten. Ich gebe mich unverstellt, allezeit, wie es in
mir aussieht, und da niemand mir etwas anderes vorwerfen kann, als da
ich nicht grade so zugeschnitten bin, wie die Menge es nach ihren Launen
und ihren Anforderungen verlangt--so habe ich nur ein Achselzucken und
stilles Lcheln ber ihren Vormundungsdrang.

"So, da hast du mein Bekenntnis!

"Ich beging einen Fehler, einen einzigen! Ich erkenne den Vorwurf
darber als berechtigt an. Ich habe mir das Leben lediglich nach meiner
Faon gestaltet. Ich werde ihn ablegen und nicht, um der Welt zu
gefallen, sondern weil ich selbst mich nicht behaglich fhle, weil ich
nur wieder zu meiner eigentlichen Natur: zur Thtigkeit und zur
richtigen Einteilung zwischen Geschft und Abwechslung zurckkehren
will!"

Und als Ileisa nach dieser stummen Rede vllig in sich versunken, die
Hnde vor ihrem Angesicht, sitzen blieb, wie jemand verharrte, dem man
das Letzte an Leben und Trost abgeschnitten, trat er auf sie zu, lste
die Schatten von ihren Augen, und sagte:

"Nun, rede doch auch ein Wort! Ich sprach ja nichts, was nicht in deinem
Herzen Widerhall fand!"

So angeredet, lste sich Ileisa aus ihrer Agonie, erhob das Haupt, und
sagte in einem bitteren Ton:

"Ja, du hast recht. Du nanntest dich selbst einen Egoisten, und du gabst
eben wieder in einer Weise davon Zeugnis, wie wohl sonst kaum ein
anderer Mensch es ber sich gewinnen wrde, Arthur. Und so ist denn auch
alles am Platz und gut, und es ist thricht, da ich erschttert bin,
da alles so und so rasch ein Ende genommen. Du hast ja nicht einmal den
Versuch gemacht, dich mit mir einzurichten, etwas von der Liebe und
Wrme zurckzugewinnen, der du mich frher versichertest.

"Ich wei mich jedenfalls frei von Schuld, ja, mich trifft nicht einmal
ein Vorwurf, nicht alles angewendet zu haben, auf dich einzuwirken!

"Im Anfang habe ich es versucht! Aber mein guter Wille, den ich auch
jetzt grade wieder anwenden wollte, prallt allezeit an deiner Klte ab.
Da ich somit erlahme, ist begreiflich. Wo Steine sind, da wchst kein
Samen!"

"Nun wohl! Aber wir sind uns schon heute einig!" fiel Arthur ein. "Ich
verzichte auf eine Erwiderung, da ich dir in der That nichts vorzuwerfen
habe, da ich deine Worte gerechtfertigt finde. Ich sage nur: wir haben
uns beide geirrt, beide, denn es stand dir ja seinerzeit frei, mir einen
abschlgigen Bescheid zu erteilen.

"Ach, da kommt schon Friedrich mit dem Wagen. Karl soll noch meinen
Koffer schlieen!"

Nach diesen Worten entfernte sich Arthur mit eiliger Beflissenheit.
Ileisa aber ging mit langsamen, schweren Schritten in ihr Zimmer und
lie sich dort in einen Stuhl fallen.--

       *       *       *       *       *

Arthur war bereits seit einigen Stunden abgefahren. Ileisa hatte whrend
dieser Zeit ihren Gedanken eine geordnete Richtung zu geben versucht,
und zuletzt den Entschlu gefat, sich dahin zu flchten, wo sie bisher
immer noch in ihrem Leben Trost und Krftigung fr ihre Seele gefunden:
ins Freie, in die Natur!--

Diesmal whlte sie aber einen anderen Weg wie jngst.

Sie wollte unter allen Umstnden vermeiden, Adelgunde zu begegnen.
Schon bei der bloen Vorstellung, sie knne ihr wieder gegenbertreten,
berlief sie ein angstvolles Gefhl. So nahm sie die Richtung nach einem
kleinen Walde, der zu dem Gute gehrte. Man mute ihn durchschreiten,
wenn man zur Eisenbahn wollte.

Whrend sie noch--alles wieder berdenkend--dahinwandelte, auch
bersann, da sie doch noch heute eine Unterredung mit ihren
Schwiegereltern ber die Geschehnisse herbeifhren msse, begegnete ihr
eine ltere Frau, die aus dem Dorf gebrtig war und fast tglich bei
Klamms Dienstleistungen verrichtete.--

Sie gehrte zu den gutherzigen, aber zugleich schwatzlustigen Personen,
denen man lieber ausweicht. Heute nun hatte sie etwas ganz Besonderes zu
berichten und nahm, nachdem sie Ileisa ehrerbietig gegrt,
unaufgefordert das Wort, und sagte eifrig:

"Haben gndige Frau schon gehrt, da auf der Bahn ein Unglck passiert
ist?!"

"Nein, nichts habe ich gehrt. Was ist denn geschehen?"

"Ja, eben erzhlte es mir der Jger vom Grafen drben in Edelmark. Unser
Herr Baron ist noch glcklich davon gekommen, er hat es sogar zuerst
gemerkt und hat gleich vorgebeugt. Er ist whrend des Fahrens auf das
Trittbrett geklettert und ist nach der Maschine gegangen.

"Da hat der Lokomotivfhrer den Zug zum Halten gebracht.

"Nu ist man einiges Vieh verunglckt; wren sie noch etwas weiter
gefahren, htte es ein groes Malheur gegeben."

"So--so--! Das ist ja sehr erfreulich, da alles so gut abgegangen ist.
Wo kam denn Herr von Klamm her? Von Berlin?" forschte Ileisa. Und gleich
fgte sie hinzu:

"War Frau Baronin auch mit im Zug?"

"Ach, nein! Die nicht! Die ist ja schon gestern nach Berlin abgereist,
ganz pltzlich! Wissen gndige Frau das gar nicht?"

Ileisa verneinte. Es bemchtigte sich ihrer eine starke Spannung. Ein
ahnendes Gefhl sagte ihr, da Adelgundens Entfernung mit der
Unterredung in Verbindung stehe, die zwischen ihr und Alfred
stattgefunden hatte.

"Weshalb ist denn Frau von Klamm so pltzlich abgereist?" warf sie, im
Ton gelassen, hin.

Die Frau machte eine geheimnisvolle Miene.

"Ich wei es nicht genau. Ich hrte man, da sie in der Kche allerlei
sprachen. Der gndige Herr und die gndige Frau sollen sich mchtig
erzrnt haben.--Sie bleibt auch in Berlin, er bleibt aber noch hier. Er
kommt gleich; er ist schon unterwegs. Der Jger sagte es."

Ileisa htte noch mehr fragen mgen. Aber es widerstand ihr, die
Neugierige zu spielen. Auch beunruhigte sie der Gedanke, da sie Klamm
begegnen knne. Sie fertigte deshalb die Frau mit einigen Worten ab und
schlug einen Seitenpfad ein.

Aber nachdem sie kaum fnfzig Schritt gegangen war, kam Klamm ihr
entgegen.

Er schritt nachdenklich einher und sah Ileisa erst, als sie eben in den
Nebenweg einbiegen wollte.

Beide waren verwirrt, fast bestrzt. Aber Klamm fate sich rasch,
lftete den Hut, und sagte in einem warmen Ton:

"Welch ein abermaliger, glcklicher Zufall, gndige Frau! Wollen Sie
nach Hause? Darf ich Sie begleiten?"

Ileisa htte lieber "nein" gesagt, aber sie fgte sich, da sie keinen
Ablehnungsgrund fand, und schlo sich Klamm an.

"Ich hrte eben, da sich ein Eisenbahnunglck ereignet hat," nahm
Ileisa das Wort, um das Gesprch gleich auf ein mglichst unpersnliches
Gebiet zu leiten.

Klamm nickte und berichtete.

Wie immer war, was geschehen, von dem Berichterstatter stark
bertrieben; aber es besttigte sich, da Klamm, da keine Notleine im
Coup gewesen, letzteres geffnet und bis zur Maschine geklettert war.

"Das knnen doch auch nur Sie thun," stie Ileisa unwillkrlich heraus.
"Ich wrde es vor Angst nicht wagen. Andere wrden es auch nicht
versuchen--"

"Das Gefahrvolle liegt doch nur in der Vorstellung," entgegnete Klamm.
"Die Schaffner revidieren doch whrend der Fahrt die Billete--"

"Ja, die--sie sind's gewohnt," meinte Ileisa.

Fr Augenblicke stockte das Gesprch. Klamm hatte nichts erwidert, und
die junge Frau war gesenkten Hauptes neben ihm hergeschritten.

Nun aber blieb Klamm stehen, sah sich um, ob er mit Ileisa allein sei,
und sagte:

"Erinnern Sie sich noch, da wir schon einmal so neben einander
hergingen, gndige Frau? Sie entwichen mir damals rasch. Sie waren mir
nicht wohlgesinnt, und nun, da Ihre guten Gesinnungen zurckgekehrt
sind, trotz der Erregung meiner Frau, werden wir durch andere Umstnde
getrennt.

"Sie werden sich wundern, da ich auf alte Zeiten zurckkomme. Aber ich
habe den heien Drang nach Aussprache. Ich bitte, gehen wir noch eine
Weile hier, machen wir einen kleinen Umweg. Frchten Sie nichts"--fgte
Klamm bitter lchelnd hinzu--"meine Frau ist in Berlin. Sie wird uns
nicht wieder beobachten.--

"Und Sie--Sie?--Ich hrte auf dem Bahnhof, da Ihr Herr Gemahl zur Stadt
gefahren sei. So wird auch er nicht schmollen knnen, da ich die
Gelegenheit ergreife, mich von alten Zeiten wieder mit Ihnen zu
unterhalten--Nicht wahr, Herr von Knoop ist nicht auf dem Gute?"

"Nein----Und er wird auch"--Ileisa sprach's, obschon sie es eigentlich
nicht wollte, obschon sie es, nachdem es geschehen, schon bereute--"er
wird auch nicht mehr zurckkehren--"

"Wie? Er wird nicht mehr zurckkehren?"

"Nein!--Wenigstens nicht zu mir--"

"Gndige Frau!--Was Sie mir sagen. Bitte, reden Sie.--Schenken Sie mir
Ihr Vertrauen."

Ileisa zauderte, sie hob die Schultern und atmete tief auf. Aber in der
Ueberlegung, da ihr Mann ihr ihre Freiheit bereits zurckgegeben,
berwand sie alle Bedenken. Auch drngte es sie, wie ihn, nach
Aussprache, nach Ablsung von der Qual ihres Innern.

"Mein Mann erklrte mir vor einigen Stunden, da er sich mit seinem
Vater berworfen habe, da er sich auf eigene Fe stellen, aber auch,
da er die Ehe mit mir wieder lsen wolle.--"

"Wie? Das that er? Das ist geschehen? Und die Grnde?"

Ueber Ileisas Angesicht flog ein hartes Lcheln.

"Grnde? Er erklrte mir, da er mir durchaus nichts vorzuwerfen, da er
aber eingesehen habe, da wir nicht fr einander passen. Er berief sich
bei seinen kaltherzigen Erklrungen auf den Umstand, da
ja--auch--ich--ihn nicht liebe----"

"Und das stimmt mit den Thatsachen berein?"

Statt zu antworten, senkte Ileisa das Haupt, und ihre Hand strich ber
ihre Augen, aus denen es unaufhaltsam hervortropfte.--

"Ah--Sie arme, liebe Frau," flsterte Klamm weich.

"Wie fhle ich mit Ihnen--doppelt, da ich mich in gleicher Lage befinde.

"Ja, in demselben Vertrauen, das Sie mir geschenkt haben, und das ich
ehren werde, bekenne ich Ihnen, da ich fast vor einer gleichen
Entscheidung stehe, insofern schon, als auch ich nicht glcklich bin.

"Seien Sie nicht traurig, wenn sich alles friedlich lsen kann. Sie sind
die Bevorzugte.--Ich--ich vermag mich niemals von meiner Frau zu
trennen, es sei denn, sie legte diesen Wunsch an den Tag.

"Mein freier Wille ist durch das Gefhl der Dankbarkeit, das ich ihr
fr ihre aufopfernde Pflege in meiner lebensgefhrlichen Krankheit
schulde, gebunden. Eben dies Gefhl war's ja auch, das mich damals
veranlate, ihr meine Hand zu reichen.--

"Ja, gndige Frau--wir sind beide den falschen Weg gegangen, Sie, indem
Sie, statt Ihr Herz sprechen zu lassen, damals Ihrer Umgebung allzu viel
Gehr ber mich schenkten, und ich, indem ich zu weich an unrechter
Stelle war--etwas that, das, ich wute es, mich einst gereuen wrde. Nun
ist fr mich ein Glck in der Ehe dahin. Selbst meine Arbeit, die mich
entschdigen knnte, macht mich nicht froh, weil meine Frau auch auf sie
scheel herabsieht, sie mir fortwhrend zu verleiden sucht.

"Doch ich spreche von mir;--reden Sie--ich bitte Sie--von sich. Nur das
allerwrmste Interesse leitet mich. Ich mchte Sie ja so gern glcklich
wissen--"

Er sprach die letzten Worte so weich und herzlich, und seine
Empfindungen waren so lebhaft, und seine Gefhle quollen so stark ber,
da er ihr nher trat und sie unwillkrlich sanft an sich zog.

Und da neigte sie stumm das Haupt, und weinte sich aus wie ein
schluchzendes Kind.--

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatten sehr lebhafte Gesprche zwischen Herrn Knoop und
seinen Damen stattgefunden. Die Entschiedenheit, mit der Arthur
aufgetreten war, besonders aber die Gleichgltigkeit, mit der er die
Zuwendungsfrage behandelt, war Herrn Knoop so berraschend gekommen, da
er zu gar keiner rechten Klarheit gelangen konnte.

Er hatte ja nur zur greren Wirkung seiner Worte mit der Entziehung der
Jahresrente drohen wollen. Nun war durch Arthurs Verzichtleistung, die
neben ihrer Unnatrlichkeit sein Herz deshalb so stark berhrte, weil
sie Arthurs Gemtlosigkeit selbst gegen seine Eltern nur allzu scharf
beleuchtete, alles verschoben und auseinander gerissen.

Frau Knoop pflanzte dagegen doch noch Hoffnungen auf. Sie erklrte, da
sie sich von einer Unterredung mit Arthur ein Einlenken verspreche, und
da sie auch Ileisas Einflu vertraue. Grade dieser Zwischenfall knne
vielleicht eine Wandlung in alles bringen. Die Ehegatten wrden sich
nhern, da nun Arthur materiell von Seiner Frau abhngig werden wrde.

"Du wirst ihr doch dasselbe geben, wie ihnen beiden vorher?" schlo Frau
Knoop ihre Rede.

Bevor Herr Knoop antworten konnte, sagte Margarete:

"Ich frchte, liebe Eltern, da die Dinge einen ganz anderen Verlauf
nehmen werden, als ihr voraussetzt.

"Ich stehe unter dem Eindruck, da Arthur deshalb so entschieden hat,
weil er so die beste Gelegenheit findet, sich seiner Frau wieder zu
entledigen--"

Herr und Frau Knoop sahen ebenso berrascht wie erschrocken empor. Wenn
sie sich auch nicht verhehlten, da die Ehe drunten im Nebenhause keine
glckliche sei, so war ihnen doch der Gedanke nie gekommen.

"Wie, das meinst du?" fiel Frau Knoop, die ihrer Tochter richtigem
Instinkt auerordentlich vertraute, hchst beunruhigt ein. "Das wre ja
schrecklich! Hat Arthur in diesem Sinn jemals mit dir gesprochen?

"Du lieber Himmel," beendete sie seufzend ihre Rede. "Wenn das nun auch
noch kme, wenn das das Ende wre--"

Margarete berlegte, ob sie noch mehr verraten, ob sie ihren Eltern
mitteilen sollte, wie sich Ileisa bereits geuert hatte!

Aber sie schwieg. Sie wute, da sie, wenn sie jetzt redete, damit
Ileisas Zukunft gefhrden knne. Sie wrden jetzt Ileisa die Schuld
beimessen. Noch waren ihnen, trotz allem Geschehenen, die Augen nicht
weit genug geffnet. Natrlich! Dem Sohne konnte man es zur Not
nachsehen, wenn er sich fr andere Frauen interessierte, sein eigenes
Weib vernachlssigte, oder gar die Treue brach. Aber sie--sie durfte
kein anderes Gefhl, als das des Enttuschungsschmerzes in sich
aufkommen lassen!

Das waren die landlufigen Anschauungen der Menschen, und auch die ihrer
Eltern.

Margarete mute, um Gutes fr Ileisa zu erwirken, nachweisen, da alle
Schuld Arthur zufalle, der in ihren Augen auch ganz allein der Schuldige
war.

"Es ist so, glaubt es mir! Er will wieder frei sein! Und da Ileisa sich
nicht die Augen ausweinen wird, dessen bin ich gewi! Ist das eine Ehe!
Wie geht er mit ihr um! Wann ist er einmal abends zu Haus'? Und wenn er
mit ihr zusammen ist, spricht er entweder gar nicht, oder redet mit ihr
wie mit irgend jemandem, mit dem ihn der Zufall in Berhrung gebracht
hat."

"Na, da Ileisa auf ihn htte mehr einwirken, da sie sich auch ihrer
Pflichten besser htte erinnern knnen, ist sicher," fiel ganz nach
Margaretes Erwartung ihr ihre Mutter in die Rede.

"Gewi, sie macht keine Scenen, sie ist fgsam, wei zu schweigen und
klagt nicht. Aber das hat ihn vielleicht grade gereizt. Er mit seinem
lebhaften Temperament will Anregung--"

"Es mag sein, Mutter, aber wenn Menschen so verschiedene Interessen
besitzen, tritt schon von vorneherein eine Entfremdung ein. Ileisa hat
eine ernsthafte Lebensauffassung, ist huslich, sparsam und
wirtschaftlich! Musik, Lektre und Unterhaltungen, die einen tieferen
Inhalt besitzen, langweilen Arthur, Gemtswrme und Zuspruch bezeichnet
er als Gefhlskomdie, und Pflichten, die er doch auch wahrlich hat,
erkennt er nicht an. Was soll denn die arme Ileisa thun?"

Frau Knoop mute zugeben, da ihre Tochter recht hatte. Aber aus der
schmerzlichen Einsicht entstand keine milde Gesinnung gegen Ileisa,
sondern ein bitteres Gefhl, da jene so viel mehr wert war, als ihr
Sohn.

Herr Knoop hatte stark rauchend bisher zugehrt, ohne die beiden Frauen
zu unterbrechen. Nun aber sagte er:

"Es mu eine faktische Trennung deshalb verhindert werden, weil wir
einen ffentlichen Skandal unter allen Umstnden zu vermeiden haben. Das
wre Wasser auf die Mhle aller der uns ungnstig gesinnten, von
neidischen Gefhlen erfllten Familien.

"Nein, nein, das darf und soll nicht sein.--Knnen sie wirklich nicht
mit einander leben--ich hoffe, da Margarete nur nach Eindrcken
urteilt,--dann darf nichts an die Oeffentlichkeit dringen.

"Und du urteilst doch nur vorlufig nach Eindrcken? Du antwortetest
nicht auf die Frage deiner Mutter, ob Arthur irgend etwas darber
geuert hat!"

"Nein, aber sie haben beide mir gegenber nicht verhehlt, da sie
unglcklich sind--"

"Hm--so also doch----So weit ist Ileisa schon gegangen?" warf Herr Knoop
betroffen hin.

"Fr alle Flle wollen wir hren, wie die Dinge zwischen den beiden
drben verlaufen sind, was Arthur ihr gesagt hat! Geh' hinber, Frau!
Ileisa soll herkommen! Arthur wird ja jedenfalls heute abend wieder
nicht zu Hause sein!"

Frau Knoop erhob auch keinen Einwand. Sie nickte still. So viel Trbes
ging durch ihr Inneres, und ein Spruch, den sie einmal gelesen, kam ihr
ins Gedchtnis:

  "Nicht Willkr, Ordnung herrscht,
  Wo Sonnen, Monde kreisen!
  Gebannt an der Gesetze Kraft
  Webt, was die Allmacht einst geschafft!
  So sei's ein Vorbild
  Dir, o, Mensch! Weich nicht vom Wege!
  Weich nimmer von Gesetzen ab,
  Die, unbefolgt, selbst Welten strzt ins Grab!"

Der Zufall wollte es, da sich Ileisa, von ihrem eigenen drngenden
Verlangen nach Aussprache ergriffen, aufgemacht hatte und das Gutshaus
betrat, whrend Frau Knoop zu ihr unterwegs war.

Frau Knoop traf bei ihrer sogleich erfolgenden Rckkehr, ihre
Schwiegertochter im Wohnzimmer, und fast gleichzeitig kamen auch Vater
und Tochter wieder und betraten das Gemach.

Durch diese Umstnde wurde Margarete an ihrer Absicht behindert, Ileisa
vor ihrer Unterredung mit ihren Schwiegereltern erst mit einigen Worten
vorzubereiten. Sie wollte sie bitten, sich vorsichtig zu uern, mehr zu
hren, als zu reden.

Es ergriff sie eine starke Enttuschung, als sie nun bereits bei ihrem
Eintritt Ileisa thrnenberstrmt in den Armen ihrer Schwiegermutter
fand.

"Ach, ich bin ganz fassungslos, Mutter. Arthur hat mir vordem erklrt,
da er nicht ferner mehr mit mir leben will," stie Ileisa, von ihrer
Erregung fortgerissen, heraus und besttigte somit frher, als gedacht,
was Margarete als wahrscheinlich behauptet hatte.--

Der Abend verlief den Familienmitgliedern in einer grenzenlos bedrckten
Stimmung. Frau Knoop sa nach dem Abendbrot wie zerschlagen da. Whrend
sich ihre Hnde an einer Arbeit rhrten, tropfte es immer wieder aus
ihren Augen. Herr Knoop ging bald wortlos, bald aufgeregt sprechend, auf
und ab. Immer wieder wurde errtert, wie man Arthur beikommen knne, und
immer wieder gelangten die Beteiligten zu dem Schlu, da mit ihm nichts
anzufangen sein werde. Jedenfalls wollten sie alle--das wurde zum
Beschlu erhoben,--vorlufig das Gut nicht verlassen.

Sie wichen so besser allen Fragen aus. Hier auf dem Lande lag der
Verkehr weit auseinander, und ein erheblicher oder engerer hatte sich,
wie schon erwhnt, berhaupt zu ihrer Enttuschung nicht entwickelt.

Und auch das Aeuerste wurde bereits ins Auge gefat.

Wenn schlielich die Dinge das traurige Ende wirklich nahmen--wenn
Arthur auf Scheidung bestand--dann waren Knoops dafr, da Ileisa mit
ihrer Tante Berlin und berhaupt die Provinz verlie.

Dann wollten auch Knoops fortziehen.

Herr Knoop dachte an seine Heimat, an Holstein, wogegen die Frauen
durchaus nichts einzuwenden hatten. Wenn ihr Vater sich dort ein Gut
kaufte, war's ganz in ihrem Sinne.

Frulein von Oderkranz und Ileisa konnten vielleicht knftig in Hamburg
wohnen. Dann konnten sie sich untereinander leicht erreichen.

So endete dieser Tag, und so wurde wiederum ein erheblicher Teil von dem
"groem Glck" abgebrckelt, das dem Verkauf des Geschftes und der
Nobilitierung hatte folgen sollen.--

       *       *       *       *       *

Klamm hatte inzwischen gesonnen und gegrbelt, wie er die Dinge lenken
knne. Zuletzt war er zu seiner Mutter gegangen, die schon wiederholt
nach ihm gefragt hatte. Ihr war von den Dienstboten mitgeteilt worden,
da Adelgunde abgereist sei und nicht wiederkommen werde. Alfred sollte
ihr Aufschlu geben. Es lag sonst nicht in ihrer Art, sich vorzudrngen;
sie wartete aus Grundsatz ab, bis man sie rief. Was einst Klamm seinem
Freunde Milano gesagt hatte, das legte er in dieser Unterredung seiner
Mutter dar, er verschwieg ihr auch nicht die zwischen ihm und Ileisa
stattgefundene Begegnung, die Scene, die seine Frau ihm gemacht, und das
abermalige Zusammentreffen mit der jungen Frau nebenan.

Und sie sagte:

"Ja, dein Fehler ist, da du dich zu leicht von deinen augenblicklichen
Gefhlen beherrschen und Eindrcke zu sehr auf dich wirken lt. Dein
gutes Herz steht in den gegebenen Fllen ber khler Erwgung.

"Ich rate dasselbe, was ich dir immer riet. Schliee einen Kompromi mit
deiner Frau. Wenn ihr nicht zusammenleben knnt, lebt mglichst
ertrglich 'nebeneinander'.

"Ihr seid's nicht allein, denen etwas zu wnschen brig bleibt.

"Ich bin gar nicht erzrnt, da deine Frau ohne Abschied fortgegangen
ist; sie hat wohl nicht darber nachgedacht, da mich das verwundern,
mich gar krnken knne. Und da sie eine Klage um meinetwillen erhoben
hat, verble ich ihr auch nicht. Junge Frauen betrachten meistens die
Mtter ihrer Mnner ungefhr wie muhamedanische Nebenweiber! Sie wollen
ihre Gatten fr sich allein haben. Man kann's ihnen wahrlich nicht
verdenken und mu den durch ihre Eifersucht hervorgerufenen Mangel an
unbefangenem Urteil ihrem krankhaften Eifersuchtsgefhl zu Gute
schreiben."

Klamm hrte seiner Mutter Reden voll Bewunderung zu. Jegliches suchte
sie zum Guten zu lenken. Als er davon sprach, da er Adelgunde den von
ihr schon wiederholt selbst errterten Vorschlag machen wolle, einen
Besuch bei einer Freundin in Paris zu machen, uerte sie ihren Beifall,
meinte aber, da er Adelgunde dazu bringen solle, selbst diesen Wunsch
auszusprechen. Es wrde sich sonst leicht Mitrauen in ihr regen.

In solcher Weise von seiner Mutter angesprochen und gestrkt, begab sich
Klamm am folgenden Tage in die Stadt-Villa. Es war eben elf Uhr
vormittags geworden; Adelgunde hatte sich grade erhoben und sa beim
ersten Frhstck, als Klamm zu ihr ins Speisezimmer trat.

Als sie seiner ansichtig wurde, streckte sie ihm ihre Hand liebenswrdig
und mit der Miene vlliger Unbefangenheit entgegen, und sagte:

"Das ist freundlich von dir, Alfred, sehr freundlich! Nun sehe ich, da
du wieder gut bist! Ich konnte wirklich nicht anders handeln! Natrlich
bin ich zu weit gegangen! Ich habe dir Unrecht gethan, insofern, als du
ja nicht die Begegnung mit dem koketten Frauenzimmer herbeigefhrt hast.
Aber im Recht bin ich wiederum auch!

"Und--und--was sagt Mama?! Hast du sie gesprochen? Grade wollte ich ihr
schreiben, und mich entschuldigen, da ich so fortgegangen bin.

"Na, sie wei es ja auch ohne Worte, da ich keine bse Absicht damit
verband.--Erklre brigens! Welch einen frchterlichen Lrm haben eure
Maschinen wieder einmal gemacht. Werden denn nun auch am Tage die
schrecklichen Ungeheuer in fortwhrende Bewegung gesetzt?"

So sprach sie rasch und lebhaft nacheinander, erschpfte alles, was sie
beschftigte, auf einmal.

Klamm sah infolgedessen auch davon ab, die Vorgnge ausfhrlicher zu
berhren. Er sagte nur:

"Du erlaubst dir viel, Adelgunde. Was grade deine Sinne kreuzt, das mut
du haben, ohne Rcksicht auf andere. Aber lassen wir das! und hre, was
ich meinerseits vorzuschlagen habe.

"Ich mchte unser Gut noch nicht verlassen. Die Witterung ist so milde,
und die Landluft so wohlthtig fr meine Nerven, da es thricht wre,
mich des guten Einflusses zu entziehen. Ich mchte auch mit meiner
Mutter die knftigen Dinge feststellen. Sie will nicht in die Stadt
zurckziehen. Es ist das auch von Wert! So haben wir stets jemanden, der
drauen nach dem Rechten sieht. Du mut also allein hier wirtschaften,
oder du mut dich berhaupt anderweitig einrichten.--"

"Was heit das? Wie meinst du das?" fiel Adelgunde befremdet ein. Und
gleich fuhr sie fort:

"Ah, ich wei! Ich knnte meine Absicht ausfhren, meine Freundin, Frau
von Stein, in Paris zu besuchen, das wre eine Idee.--Das heit,"
unterbrach sie sich wieder, und stockte.

"Nun? Was hast du? Ich finde den Plan sehr gut. Wenn du von Paris
zurckkehrst, werde ich auch den Wunsch haben, wieder in die Stadt zu
ziehen.--Also alles in Ordnung--"

"Jawohl, Alfred! Ich will nach Paris reisen! Aber nur dann, wenn die
Person--die Knoop--nicht drauen wohnen bleibt. Zieht sie es ferner vor,
unsere Nachbarin zu sein, trotz meines Verbots, so--so--"

"Du hast es ihr verboten? Was heit das? Wie kannst du ihr etwas
verbieten?--

"Im brigen ist deine Reizbarkeit gegen die junge Frau ungerechtfertigt.
Ich leugne gar nicht, da ich etwas von ihr halte--viel halte--es wre
unnatrlich, wenn es anders wre, da ich mich damals mit ihr verloben
wollte. Aber ich habe sie doch niemals gesucht. Wir haben Knoops dann
einen Besuch gemacht, bei dem wir sie absichtlich nicht zu treffen
wuten, und damit war's vorbei.

"Also gieb nun deine Eifersucht auf. La Frau von Knoop bleiben oder
fortgehen! So viel ich gehrt habe und wei, ziehen die alten Knoops
ehestens wieder in die Stadt. So werden die Jungen wohl folgen!"

"Hm, du kannst sie aber auch in der Stadt treffen--"

"Um Himmelswillen, Adelgunde! Nun beschftigst du dich pltzlich sogar
mit dieser Mglichkeit, whrend du doch eben nur den Wunsch
ausgesprochen, sie solle das Gut verlassen. Ich habe keine Lust und
Neigung, dir auf all diesen Wegen zu folgen. Ich werde darauf nicht mehr
antworten. Kommen wir zu Ende! Ich mu ins Geschft! Es bleibt also
dabei.--"

"Ich mu ins Geschft! betonst du.--Nicht einmal in so wichtigen Dingen
hast du Zeit--hast du Zeit fr mich, Alfred! Ach--ich bin
unglcklich.--Ich hoffte einen Mann zu heiraten, der mit mir leben
wrde. Aber seine wirkliche Braut, seine Frau, die er liebt, ist die
grliche Zeitung, das ewige Hasten und Jagen, der frchterliche Geruch
des Maschinenls und der Druckerschwrze. Gieb doch diese Beschftigung
auf! Wir wollen wieder nach Dresden ziehen.--Wir wollen die Hlfte des
Jahres auf unserm Gute leben. Das waren kstliche Tage.--Gottlob, da
wir es nicht verkauft haben. Dann lsen wir uns auch von dieser
frchterlichen Knoopschen Gesellschaft, von diesen Parvens, von dieser
koketten Person, die nicht ruhen wird, bis sie dich mir ganz abgewendet
hat.--"

So sprach, weinte und schluchzte die junge Frau, und Klamm ging auch
diesmal in allergrter Unbefriedigung von ihr.

Er wute zwar, da sie nach Paris reisen, da er vorlufig Ruhe haben,
und den Geschften wurde leben knnen, aber es war doch nur ein
Aufschub. Wenn sie zurckkehrte, hatten sie von neuem Kompromisse mit
einander zu schlieen.--

       *       *       *       *       *

Inzwischen hatte Frulein von Oderkranz an Ileisa einen Brief gerichtet,
in dem sie ihrer Verwunderung und ihrer Enttuschung Ausdruck verliehen,
da sie so lange nicht bei ihr gewesen sei. Sie sehne sich nicht nur
nach einem Wiedersehen, sondern msse auch noch eine besondere
Angelegenheit mit ihr besprechen.

Es beherrsche sie seit Tagen ein Gefhl von Sorge und Angst, dessen sie
nicht Herr werden knne. Vielleicht sei's nur krperlich, aber nicht
minder unertrglich. Sie mge sie beruhigen und sobald wie mglich
kommen.

Ileisa lie das Schreiben aus der Hand fallen und starrte--tief
schwermtig, wie in all diesen Tagen--vor sich hin.

Ihre Tante hatte eine nur zu starke Berechtigung, sich Sorgen
hinzugeben.

Ileisa graute vor dem Augenblick, in dem sie ihr alles offenbaren
sollte. Sie schwankte sogar, ob es berhaupt nicht besser sei, sie erst
schriftlich vorzubereiten. Aber sie verwarf doch diesen Gedanken
wieder. Sie wrde dadurch die Unruhe, die die von ihr ber alles
geliebte Verwandte beherrschte, sicher noch vermehren.

So machte sie sich denn sogleich auf den Weg.--

Der Hund klffte wie immer, und die Thr wurde nur spaltenweise
geffnet, wie stets, nachdem Ileisa die Klingel in der Wohnung ihrer
Tante gezogen hatte.

Und wie allezeit schritt die alte Dame unter glcklichen Worten voran,
und ntigte ihr Herzenskind, sich niederzulassen, nachdem sie ihr selbst
behlflich gewesen, sich von ihrem Mantel zu befreien.

"Gott sei Dank, da du da bist! Wie ich mich gesehnt und gesorgt habe,
kannst du dir nicht denken--"

So begann sie, und eine Flle von warmherzigen Aeuerungen folgte, bis
Ileisa endlich auch zum Sprechen gelangte.

Sie erklrte--die notwendige Vorsicht bend--vorerst nur, da keine
Einigkeit zwischen Knoops, Vater und Sohn, sei, da ihr Mann stets
aushusiger, gleichgiltiger und klter gegen sie werde, und da sie
schmerzensreiche Tage hinter sich habe.--

"Hm--hm--armes, liebes Kind! Aber sei ruhig, das hat bei Mnnern seine
Zeit! Das kommt dann auch wieder," trstete die gute Alte, aber fgte
schon gleich hinzu, was sie selbst gegen Arthur vorzubringen hatte. "Ich
habe," hub sie an, "trotz meiner bescheidenen Mahnung, die zugesagte
Vierteljahrsrente nicht empfangen, und gestern schreibt dein Mann mir
gar: ich wte doch, da er sie berhaupt gar nicht zu entrichten habe,
sondern sein Vater! Nichts wei ich, und eben darber wollte ich auch
mit dir reden. Wutest du es, Ileisa?"

"Nein, Tante!" stie Ileisa heraus. "Aber wahrlich! Man darf sich bei
meinem Manne ber nichts wundern!"

Und durch diese Mitteilung innerlich noch mehr gereizt und zum Reden
gedrngt, hielt auch Ileisa nunmehr mit ihren Erffnungen nicht mehr
zurck. Sie erklrte rckhaltlos, was vor sich gegangen war, und nur
bezglich Klamms legte sie sich noch Reserve auf.

Und die alte Dame fiel in ihren Sessel zurck, der Atem wollte ihr vor
Erregung stocken.

Also so weit war es schon gekommen! Er drang auf Scheidung!

Und Stunden vergingen, und sie schwanden wie Augenblicke in den
Gesprchen ber Gegenwrtiges und Zuknftiges.

Und ganz, wie Ileisa es vorausgesehen, so kam's!

Ihre Tante drang zunchst auf sie ein, festzuhalten, dennoch nochmals
einen Versuch zu machen, mit Arthur in irgend einer Weise
zusammenzubleiben. Ihr schwebte das Urteil der Welt vor Augen, sie
berlegte auch, da Ileisa nun ebenso weit wieder sei, wie sie gewesen.
Sie zog ferner die materielle Frage in Betracht, besonders aber lehnten
sich ihr Stolz, ihr Selbstgefhl gegen diese Art und dieses frhe Ende
auf.

Sie erklrte als ihren unumstlichen Willen, selbst mit Arthur sprechen
und in nichts frher willigen zu wollen, bis sie selbst einen unbedingt
richtigen Eindruck gewonnen habe. Und wenn wirklich alles an der
Unempfindlichkeit dieses auserlesenen Egoisten scheitern sollte, dann
wollte sie im Austausch ihrer Zustimmung zur Scheidung wenigstens ihn
bindende materielle schriftliche Zusicherungen erlangen.

Ileisa wollte anfnglich ihrer Tante entgegentreten, aber eine nhere
Ueberlegung hielt sie doch davon ab. Sie war es sich schuldig, die Dinge
nicht ohne eine nhere Errterung hinzunehmen. Auch waren die
materiellen Verhltnisse zu bercksichtigen. Es hie einen vllig
falschen Stolz anwenden, in Armut zurckzukehren, wo die Umstnde so
lagen, wie hier.

Ueberdies war Ileisa sicher, da Arthur auf seinem Scheidungsantrag
beharren wrde, und wiederum hatte auch Ileisa nichts mehr einzuwenden.
Nur eine nicht zu bannende Schwermut, Traurigkeit und Oede beherrschte
ihr Inneres. Ein Weh um den Verlust ihrer Ehe war nicht mehr vorhanden.
Nur wenn sie Klamms gedachte, schwoll ihr Herz auf.

       *       *       *       *       *

Die Unterredung zwischen Frulein von Oderkranz und Arthur fand infolge
schriftlicher Vereinbarung in der Wohnung der alten Dame statt.

Arthur sa in seinem hochmodernen, schwarzen, eben aus einem
Mode-Magazin hervorgegangenen Anzug, mit dem sorgfltig gepflegten
Spitzbart und den beraus subtil gepflegten Hnden, der ein zwar
hfliches, aber sehr gemessenes Wesen hervorkehrenden alten Dame
gegenber.--

"Ich habe die Bitte an Sie gerichtet, mich zu besuchen, weil ich nach
den mich tief erschtternden Mitteilungen meiner Nichte aus Ihrem Munde
hren--um der Ehre unseres Namens willen--hren mchte, welche Grnde
Sie bestimmen, die Ehe wieder lsen zu wollen?" begann Frulein von
Oderkranz und schob den drren, in einem altmodischen, braunen
Seidenkleide steckenden Krper in steifer Haltung zurck.

Arthur, der neuerdings ein Glas in dem linken Auge trug, lie es, ohne
es mit der Hand zu berhren, mit ausdrucksloser Miene fallen, und sagte
ohne jegliche Erregung:

"Ich wundere mich, offen gestanden, verehrte Gndige, da Sie grade
diese Frage an mich richten. Ich habe doch Ileisa auseinandergesetzt,
was mich zu meinem Entschlu veranlat. Ich habe eingesehen, da wir
nicht zu einander passen, und meine, da wir eine gegenseitige
Unbequemlichkeit nicht freiwillig fortsetzen wollen.

"Den Anschauungen, in denen Sie auferzogen sind, widerspricht die Lsung
einmal geschlossener, ehelicher Bndnisse. Unsere abgeklrteren Begriffe
haben uns dahin gebracht, da wir sagen: man trenne sich ohne Eklat in
Frieden und suche, statt sich unpraktischen Sentimentalitten
hinzugeben, die Folgen eines begreiflichen und verzeihlichen Irrtums zu
beendigen. Die Ansicht, man nhme Schaden an seiner Ehre und seinem
Ansehen, ist nur ein--pardon--knstlich erzeugtes, einer gewissen
Schablonen-Anschauung entspringendes Gefhl. Alle verstndigen Menschen
werden den Entschlu gutheien. Irrtmer, Lgen und Komdien nicht
fortzusetzen, nicht deshalb an unnatrlichen Verhltnissen festzuhalten,
weil die Welt darber die Nase rmpfen knnte.

"Ich will berdies nochmals, auch Ihnen gegenber betonen, da ich
Ileisa gar nichts vorzuwerfen habe, nicht einmal, da sie sich
neuerdings um Herrn von Klamm recht sehr bemht, so bemht hat, da es
an sich eigentlich mit ihren Ehepflichten nicht ganz im Einklang steht.
Es ist mir darber grade gestern berichtet worden.--

"Ich will das nur erwhnen, damit Sie nicht unter dem Eindruck stehen,
meine Gndige, da Ileisa lediglich die Eigenschaften eines Engels
besitzt. Wir sind eben alle Menschen und haben unsere Tugenden und
begreiflichen Schwchen."

"Ich mchte darauf erwidern," entgegnete Frulein von Oderkranz, "da
das unausgefllte Herz naturgem nach Ersatz sucht. Da Ileisa etwas
Unweibliches gethan, da sie ihre Pflichten gegen Sie versumt, gar die
Treue gegen Sie gebrochen, ist ausgeschlossen! Und was Ihre Ausfhrungen
anbelangt, so mchte ich Ihnen doch auch meinen Standpunkt darlegen, den
Standpunkt, den Sie als unpraktische Sentimentalitt bezeichnen.

"Die Ehe wird unter sehr ernsten, im Gotteshause stattfindenden
Ceremonien geschlossen. Der Geistliche richtet an beide Beteiligte
Fragen, die, wenn sie sie mit Ja beantworten, ihnen unverbrchliche
Ehrenpflichten auferlegen, in dem Sinne auch, da jeder--und sei's ein
Menschenleben hindurch--die Aufgabe hat, erziehlich, sanft und geduldig
auf den anderen einzuwirken, Liebe zu erzeugen und zu krftigen. Eine
absolute Notwendigkeit tritt ein, eine gradezu heilige Pflicht, wenn die
Ehe mit Kindern gesegnet ist. Gewi, bequemer ist's, die Ehe als ein
Zeitbndnis zu betrachten. Zwei Kameraden vertragen sich in demselben
Gemach nicht mehr und trennen sich.

"Aber es ist dies doch die allerroheste Anschauung ber das, was wir
selbst einmal als eins der vornehmsten Sittengesetze aufgestellt haben.

"Es gehrt ein grenzenloser Mangel an Pflichtgefhl und rechtschaffener
Gesinnung dazu, auch diese menschliche Beziehung lediglich aus dem
Gesichtspunkte der Ntzlichkeit und Bequemlichkeit zu behandeln.--Sie
erachten die Anschauung, da die Familienehre durch Scheidung nach auen
beeintrchtigt wird, als ein knstlich erzeugtes Eitelkeitsgefhl. Ich
mu dem widersprechen. Der vornehm geartete, wahrhaft sittliche Mensch
hat das natrliche Bestreben, in der Umgebung, in die ihn die
Verhltnisse gesetzt haben, nicht nur als eine mglichst tadellose
Persnlichkeit zu erscheinen, sondern auch eine solche zu sein.

"Ehre, Anstandsgefhl, moralisches und sittliches Empfinden sind ein
Teil des Blutes gewisser Menschen, und da sie es besitzen, ziert sie.

"Ernste Pflichten zu ben, statt die Welt als ein lustiges
Schlemmerhaus anzusehen, und danach zu leben, ist eine Sache jener
Religion, die zwar nichts auf Aeuerlichkeiten, aber desto mehr auf ein
musterhaftes, auf Grundstzen aufgebautes Handeln und Wirken sieht,
jenes, das den Eingang in eine bessere Welt vorbereitet."

"Hm--sehr schn! Ich verstehe Ihren Standpunkt vollkommen, meine
Gndige. Aber schon, da ich ihn nicht teile, bin ich Ihrer Nichte nicht
wert.

"Lassen wir alle moralischen Betrachtungen und Ergsse--ich bitte Sie
dringend.

"Lassen Sie uns lieber darber unterhalten, welche beste Form wir
whlen, um das einmal Unabnderliche zu gestalten."

"Sie bernahmen auch materielle Pflichten gegen meine Nichte. Wie denken
Sie darber, Herr von Knoop?"

"Mein Vater wird sich darber mit Ihnen unterhalten, meine Gndige."

"Haben Sie denn schon mit ihm Rcksprache genommen?"

"Nein vorlufig im speziellen wenigstens noch nicht. Sie mgen aber
beruhigt darber sein, da Ihr Frulein Nichte nicht zu kurz kommt--"

"Das bin ich eben nicht, Herr von Knoop. Nachdem ich nicht einmal die
mir gtigst von Ihnen freiwillig zugesagte Rente erhielt, bin ich in
Sorge.

"Wann wollen Sie mir eine schriftliche Erklrung von Ihrem Herrn Vater
aushndigen, die meine Nichte sichert, die unbedingte Garantie liefert?

"Und welche Jahreszuwendung haben Sie sich gedacht?"

"Ich kann, wie gesagt, darber Bestimmtes noch nicht uern, ich
wiederhole bereits Gesagtes--"

"Wohlan! Ich erwarte also Ihre Mitteilungen! Und noch eins! Sie nehmen
alle Schuld der Ehelsung auf sich--?"

"Ja--ich nehme die Schuld auf mich. Ich werde Ileisa verlassen, und sie
wird auf bswillige Verlassung 'klagen'. Das ist der formelle Hergang."

"Wann darf ich den Besuch Ihres Herrn Vaters erwarten!?--Offen
gestanden, bin ich berrascht, da bei solcher Sachlage Ihre Familie mir
nicht die Ehre eines Besuches, nicht einmal einer Benachrichtigung
gegnnt hat.--

"Nur Frulein Margarete hat mir whrend unserer Bekanntschaft
freundliche Rcksichten erwiesen."

Arthur zog die Lippen. Er wollte nun nichts mehr hren, es ergriff ihn
eine gewisse Reizbarkeit. Er erhob sich nach den letzten Worten der
Dame und sagte in einem ruhig bestimmten Tone:

"Ich bitte Sie dringend, keine Empfindlichkeiten hervorzukehren, und
keine zu erzeugen, meine Gndige. Es geschieht, wenn Sie so fortfahren,
und statt Vorteile, werden Ihnen Nachteile erwachsen.

"Ich gebe Ihnen die bndige Erklrung nochmals, da Sie ber alles
benachrichtigt werden, und da Sie nicht zu kurz kommen sollen. Was
ausblieb, wird nachtrglich erfllt werden."

Damit griff er nach seinem Hut, wehrte mit einer wenig rcksichtsvollen
Bewegung den lstigen Hund von sich ab, und verlie nach formellen
Abschiedsworten das Gemach.--

       *       *       *       *       *

Zweierlei beschftigte die Familie von Knoop in Behrwalde
auerordentlich. Arthur hatte, nachdem seine Mutter einen vergeblichen
Versuch gemacht hatte, ihn zu sprechen, geschrieben, da er eben vor
einer Reise nach England und Frankreich stehe. Er wolle sich dort nach
Kapital fr ein geplantes groes internationales Unternehmen umsehen.

Er ersuchte seine Mutter in diesem Schreiben, seinen Vater zu
veranlassen, Frulein von Oderkranz die rckstndige, von ihm zu zahlen
unterlassene Vierteljahrsrate zuzusenden, und sie auch ber die Rente
zu verstndigen, die Ileisa ferner erhalten wrde.

Er hoffe, wie man sich auch zu seinen Entschlssen stelle, da man
Ileisa nicht beeintrchtigen, vielmehr sie und ihre Tante standesgem
befriedigen werde. Da er verzichte, so erwachse seinem Vater ja kein
Nachteil. Leben msse doch seine Frau, und ohne Sicherstellung werde
Frulein von Oderkranz in die Trennung nicht willigen.

Zum Schlu war noch die Bitte ausgesprochen, alles in Frieden und
Freundlichkeit zu behandeln. Aendern knne er seine Absichten nicht--es
wrde schon die Zeit kommen, wo sich ihm die Seinigen mit anderen
Empfindungen wieder zuwenden wrden.

Auerdem beschftigte die Familie von Knoop ein Gesprch, dem sie
tagsvorher whrend der Eisenbahnfahrt zugehrt hatte.

Sie waren mit zwei Herren und zwei Damen zusammen gefahren, die sich,
ohne zu wissen, da sich Knoops mit ihnen zusammen im Coup befanden,
grade ber sie unterhalten hatten.

Einer der Mitfahrenden hatte auf die Frage einer der Damen nach den
Gtern und Inhabern der Gter in dieser Gegend, hingeworfen:

"Behrwalde ist von einem frheren Buchdruckereibesitzer Knoop in Berlin
erworben worden, nachdem er sich mit seinem, bei den Tglichen
Nachrichten erworbenen Reichtum den Adel gekauft hatte.

"Es ist aber davon die Rede, da er das Gut schon wieder veruern will,
weil sich die Familie in ihren Voraussetzungen getuscht findet. Sie
haben nmlich, als sie hier bersiedelten--so ist mir aus guter Quelle
erzhlt worden--den Anspruch erhoben, mit den umliegenden adeligen
Gutsbesitzerfamilien zu verkehren, whrend diese ihnen zum Teil nicht
einmal die Rcksicht eines Gegenbesuches erwiesen. Der ltere Adel ist
gegenber solchen gekauften 'Vons' zurckhaltend. Dieser Herr Knoop soll
schon von vorneherein durch Auftreten und aufdringliche Aeuerlichkeiten
starke Opposition erregt haben.

"Wo es angeht und nicht angeht, bringt er unter anderem das neu
geschaffene Wappen an, und bei jeder mglichen und unmglichen
Gelegenheit erzhlt er gehobenen Hauptes, da die Familie eigentlich zu
dem ltesten Adel des Nordens gehre und solchen nur seinerzeit abgelegt
habe.

"Sie sollen bereits ganz allein stehen. Die angeseheneren Berliner
Familien, mit denen sie frher verkehrten, haben sich von ihnen
zurckgezogen weil bei ihnen das Protzen- und Strebertum: 'sich an den
Adel heranzumachen', groes Mifallen erregt hat."

"Giebt's nicht auch einen jungen Knoop? Ich meine auch von ihm, und in
ebenfalls nicht sehr vorteilhafter Weise gehrt zu haben," hatte der
zweite Herr gefragt.

"Ja! Allerdings! Von dem wei ich noch Positiveres!! Der junge Mensch
kam einige Zeit vor dem Verkauf des Geschfts aus England zurck und
spielte sich schon damals in lcherlicher Weise als Grand Seigneur auf.
Jetzt gilt er als einer der bekanntesten und nicht grade bestbeleumdeten
Berliner Lebemnner, der sich nur mit Sport, Weibern und Spiel
beschftigt. Jetzt eben hre ich, da er bereits mit seiner erst vor
wenigen Jahren geheirateten Frau in Scheidung liegt, und zwar lediglich
aus dem Grunde, weil er ihrer berdrssig geworden ist. Die Frau soll in
jeder Richtung tadellos sein!--Na, ja! Es ist der bliche Verlauf der
Dinge. Dem Alten ist das Geld in den Kopf gestiegen, und so verleugnet
er seine brgerliche Abstammung und seine Vergangenheit. Und wenn
berdies Frauen ihren Ehrgeiz spielen lassen, wei man, wie es geht.
Gewisse Weiber knnen niemals genug Eitelkeiten treiben, und so
verpulvern sie und der junge Tagedieb allmhlich das Vermgen. Das
Resultat solcher Ambitionen ist dann die Einbue der Selbstachtung und
der gnzliche Verlust dessen, was einst durch Flei, Ausdauer und
Umsicht erworben ist."

Margarete hatte sich in eine Ecke gedrckt, damit man die Thrnen der
Scham nicht bemerke, die ber ihre Wangen rieselten.

Frau von Knoop htte die Coupthr ffnen und hinausspringen mgen, und
Herrn von Knoop hatte die Zeitung, in der er gelesen--es war sein
frheres, eigenes Blatt gewesen--in der Hand gezittert. Wortlos, mit
verstrter Miene, war er mit seinen Frauen in die auf der Station seiner
wartenden Equipage--die Equipage mit dem eben so abfllig beurteilten
Wappen--gestiegen.

So--so--beurteilte man also ihn und seine Angehrigen! Sein ganzes
Innere befand sich in Aufruhr, und wenn es in diesem Augenblick mglich
gewesen wre, wrde Herr Knoop gleich abgereist sein, Berlin und
Behrwalde fr alle Zeiten den Rcken gewendet haben. Aber wenn sich das
auch so rasch nicht machen lie, so war doch sein Entschlu unweigerlich
gefat! Er wollte fort, sobald wie mglich. Er wollte mit Frau und
Tochter nach Holstein bersiedeln. Der frher bereits erwogene Gedanke
sollte zur Ausfhrung gebracht werden!

Zu einem Gesprch zwischen ihm und den beiden Damen ber den Vorfall kam
es nicht. Scham lie die Lippe verstummen. Aber ber seine Absichten
uerte sich Herr von Knoop bereits an diesem Tage, auch warf er hin,
wie er es mit Ileisa und ihrer Tante halten wollte.--

Mitten in diese Aufregung platzte abends Theodor Knoop herein.

Ohne vorherige Anmeldung erschien er, und erklrte seinem sich durchaus
nicht sehr zuvorkommend gebenden Bruder in dessen Arbeitszimmer, mit
wichtig geheimnisvoller Miene, da er ihm den italienischen Grafentitel
verschaffen knne, wenn er 100000 Francs und eine Provision von 25000
daran wenden wollte.

Der Augenblick fr ein solches, inzwischen wieder von dem geldgierigen
Theodor ausgehecktes Anerbieten konnte allerdings nicht schlechter
gewhlt sein.

Kurz und rauh, mit schroffer Zurckweisung im Ton, fertigte Herr von
Knoop seinen Bruder ab.

Er solle sich schmen, seine Krfte und seine Thtigkeit solchen
Vermittlungsgeschften zu widmen. Er solle namentlich ihn ein- fr
allemal mit derartigen Anerbietungen verschonen. Er habe das
Geldausgeben fr solche Thorheiten satt, bersatt, und wenn er alles
recht bedenke, so sei eben Theodor schuld daran, da er seinen guten,
brgerlichen Namen, aber auch seinen zufriedenen Sinn fr einen elenden
Tand dahingegeben.

Nichts, nichts wolle er mehr von solchen Dingen hren, und er erklrte
ihm zugleich zum ersten und allerletzten Mal, da er ferneren
Ansprchen an seinen Geldbeutel--es sei doch diese Offerte wiederum
nichts anderes--keinerlei Gehr mehr schenken werde. Es sei berhaupt
besser, da Theodor sich nicht ferner nach Behrwalde herausbemhe, und
zudem werde er auch dort bald nicht mehr anzutreffen sein.

Theodor war ebenso berrascht wie aufgebracht, und unterdrckte die
Ausbrche seines Ingrimms nur deshalb, weil es sich herausgestellt
hatte, da sich sein Bruder hchst unglcklich fhlte. Das war Nahrung
auf sein rachschtiges und neidisches Herz.

So erwhnte er blo sanftmtig, da er wohl ein Recht haben wrde, sich
gegen eine solche Begegnung und Sprache aufzulehnen, aber da er davon
abshe, weil er in Betracht ziehe, da sein Bruder sichtlich schweren
Verdru und starke Enttuschungen erlitten habe, und sich deshalb in
mimutiger Stimmung befinde. Was ihn selbst betreffe, so habe er sich
doch nur eine Anfrage erlaubt. Es sei ja gut, wenn Friedrich davon
nichts hren wolle; er werde ihn sicherlich nicht wieder belstigen.
Aber es drnge ihn sein brderliches Mitgefhl, zu erfahren, was
geschehen sei. Vielleicht knne er ihm helfen, raten, ntzen, ihn
rchen! Er verlange weder Dank, noch Lohn dafr! Er mge ihm doch
freundlich gesinnt sein! Sie wren doch Brder!

Und da erlag denn Friedrich von Knoop abermals wie allezeit den Listen
seines Bruders, da stellte sich der alte Vergebungssinn gegen seine
Familienmitglieder wieder ein.

Er gab wider seinen Willen in der Folge alles zum besten, was er besser
fr sich behalten, worin er jedenfalls nicht Theodor htte einweihen
sollen.

Nicht gleich zwar gelangte alles ber seine Lippen, aber nach und nach,
infolge der sanften Ermunterungen, erheuchelten Teilnahmsuerungen und
klugen Zwischenreden seines Bruders.

Bevor Theodor Behrwalde verlie, wute er, da sich das junge Paar
wieder trennen wollte, ferner, da Vater und Sohn auseinander waren, da
Behrwalde wieder verkauft werden solle, und endlich, da die ganze
"Sippe", wie er seine Verwandten im stillen nannte, tief gedemtigt war,
und sich ebenso bedrckt wie unglcklich fhlte.

Und da triumphierte er, einmal darber, da jenen ein Stachel im Herzen
sa, und dann darber, da sich ihm nun doch unerwartet ganz sichere
Geschfte aufthaten, da es wieder etwas einzuheimsen gab.

Denn Friedrich von Knoop hatte sich auf Theodors Bitten hinreien
lassen, ihm die Veruerung des Gutes Behrwalde in die Hand zu geben und
ihn berdies beauftragt, etwas Passendes in Holstein, in mglichster
Nhe von Hamburg auszuspren. Aber er sollte nur schriftlich mit ihm
verkehren, hatte Herr Knoop bereits in Hinblick auf die sicher
eintretenden Vorwrfe seiner Damen hingeworfen und zur Bedingung
gemacht.

Und als er sich wieder ins Wohngemach begab, erwhnte er nur auf deren
nicht unbesorgte Frage, da sich Theodor lediglich habe Ausknfte ber
einiges einholen wollen.

Die Reue hatte ihn schon jetzt erfat, und sie wirkte derartig nach, da
er an diesem Abend eine noch schlechtere Laune hervorkehrte, als er sie
nach den Erlebnissen im Coup der Eisenbahn an den Tag gelegt.--

Am folgenden Morgen suchte Herr von Knoop seine Gedanken zu ordnen, und
es gelang ihm, indem er allerlei Kompromisse mit seiner Vernunft und den
Unabnderlichkeiten schlo.

Zunchst suchte er Ileisa auf, und teilte ihr mit, da er ihr monatlich
die Hlfte von dem auskehren wolle, was er ihrem Manne bisher zugewendet
habe. Auerdem hndigte er ihr die rckstndige Rente fr ihre Tante ein
und ersuchte sie, mit ihrer Verwandten zu sprechen, ob sie nicht mit ihr
nach Hamburg bersiedeln wolle. Sie selbst wollten Behrwalde verkaufen,
in der Nhe der genannten Stadt auf's Land ziehen, und wnschten
natrlich Ileisa in ihrer Nhe zu behalten.

"Na ja," schlo er, resigniert sprechend, und indem er wenigstens
uerlich gute Empfindungen gegen seine Schwiegertochter hervorkehrte.
"Der Mensch baut sich etwas auf und glaubt unter ein sicheres oder noch
besseres Dach zu gelangen. Das Schicksal aber schiebt sich rcksichtslos
dazwischen und bestimmt es nach seinem Gefallen.

"Und dann mu man sich eben anders einrichten.

"Deiner Tante bitte ich eine Entschuldigung auszusprechen, da ich noch
nicht bei ihr war, aber es wird ehestens geschehen.

"Auch Mutter und Margarete werden sich baldigst bei ihr sehen lassen.

"Uebrigens," beendete er seine Rede: "Hast du einen Brief von Arthur? Er
ist ja nach England gereist! Was schreibt er dir?"

"Ja," entgegnete Ileisa, und holte gleichzeitig ein Schreiben von ihrem
Manne hervor, das sie ihm mit stummer Miene berreichte. Es lautete ohne
Anrede:

  "Ich teile Dir von hier, von Kln aus, mit, da ich auf lngere Zeit,
  mglicherweise fr mehrere Monate, nach London und Paris gehe. An
  meinen Vater schrieb ich Deinet- und Deiner Tante wegen. Du wirst--ich
  bin dessen sicher--Zufriedenstellendes von ihm hren. Deine Tante
  besuchte ich noch vor meiner Abreise und fand sie unter den von ihr
  angenommenen Voraussetzungen mit unserer Trennung einverstanden. Nach
  meiner Rckkehr wird die Scheidungsklage schon wesentlich
  weitergerckt sein, und alles wird sich ohne Verdrielichkeiten und
  ohne Aufsehen vollziehen, sofern Du und Deine Tante dem
  Unabnderlichen zuvorkommend die Hand reichen.

  Noch eins: Gestern abend traf ich zu meiner Ueberraschung im Hotel du
  Nord Frau von Klamm, die denselben Weg nimmt. Wir fahren zusammen!
  Dies unter uns.

  Und nun Addio! Ich gre Dich.

  Arthur."

Herr von Knoop nickte nur und gab Ileisa das Schreiben ohne Bemerkung
zurck.

Was er dachte, behielt er fr sich; im brigen wunderte er sich ber
nichts mehr.

       *       *       *       *       *

Wieder war eine lngere Zeit verstrichen. Whrend ihres Fortschreitens
hatte sich nach dem gewohnten Laufe der Dinge manches, das
vorausgesetzt und erhofft worden war, erfllt, manches Unliebsame den
Personen geworden, die der Zufall in diesem engeren Kreise
zusammengefhrt.

Klamm hatte sich nach Adelgundes Abreise wie ein pltzlich frei
gewordener Mensch gefhlt und--nun unbehindert--den Geschften mit noch
grerem Eifer zugewendet.

Statt des Herrn Strantz war Herr von Milan in die Redaktion eingetreten,
und dadurch war Klamm ein doppelter Gewinn erwachsen.

Einmal ging Milan durchaus auf Klamms redaktionelle Ideen ein--whrend
Strantz stets mrrische Einwnde erhoben--und berdies war Herr von
Milan im stande gewesen, Klamm eine so erhebliche Summe an Kapital zur
Verfgung zu stellen, da sich die sichere Auskunft erffnete, durch ein
Auskaufen verschiedener unbequemer Aktionre vllig freie Hand zu
erhalten und schlielich gar alleiniger Herr des Geschftes zu werden.

Verdrielichkeiten ber Verdrielichkeiten waren Klamm allmhlich
erwachsen, indem bald einer der Herren vom Aufsichtsrat Klagen ber die
Haltung des Blattes in wichtigen, grade seine Interessen berhrenden
Fragen erhoben, bald Aktionre ihre Ansichten und Meinungen in
lstigster Weise hatten zur Geltung bringen wollen. Aber auch
persnliche Dinge hatten gespielt und Verstimmungen hervorgerufen.
Protektionswesen hatte sich geltend gemacht und Intriguen waren
angezettelt. Jeder stellte an Klamm Forderungen, da er ihm dienlich
oder gefllig sein sollte. Sobald er es ablehnte oder ablehnen mute,
die geuerten Wnsche zu erfllen, waren ihm Gegner oder gar Feinde
erwachsen.--Fr alles und jegliches suchte man ihn verantwortlich zu
machen, und einige Male hatte er schon, des Nrgelns und der
fortwhrenden Aergernisse satt, die Flinte ins Korn werfen wollen.

Ein gewaltiges Leben pulsierte auch ferner in dem Geschft; die Zeitung
gewann immer mehr an Beachtung und Einflu, an Abonnenten und
Inserenten.

In der Buchdruckerei hoben sich die Geschfte derartig, da an
Erweiterungsbauten fr die neu einzustellenden Maschinen gedacht werden
mute.

Alle Neuerungen wurden geprft. Wo sich herausstellte, da in anderer
Weise weniger umstndlich gearbeitet, und insbesondere ein grerer
Gewinn erzielt werden konnte, setzten die beiden Herren ein. Vielfach
frderten und verbesserten sie zufolge ihrer planvollen Ueberlegungen
noch das, was der Erfinder ursprnglich ersonnen hatte.

Das gesamte Rderwerk fate genau ineinander. Wo einmal das Personal zu
versagen Gefahr lief, da war bereits im voraus dafr gesorgt, wie Ersatz
zu schaffen. Wo Mitarbeiter an Eifer nachlieen, da wurden andere
berufen. Nirgends Stillstand, berall Regsamkeit und Fortschritt.

Da die beste Empfehlung und die beste Reklame stets diejenige sei,
wirklich Gutes zu leisten, bewahrheitete sich auch hier. Da berdies
Klamm fr die Zeitung immer ein ganz bestimmtes Lesepublikum im Auge
behielt, dessen Geschmack und Wnsche im Laufe der Zeit hatte
festgestellt werden knnen, so gewann er stetig mehr an Terrain.

Adelgunde schrieb hchst zufriedene Briefe aus Paris. Sie versprte
vorlufig gar keine Neigung, zurckzukehren. Sie ermdete die Geduld
ihres Mannes auch nicht durch Eiferschteleien. Nur anfangs hatte sie
den alten Ton angeschlagen. In der letzten Zeit war es sogar einmal
vorgekommen, da sie geschrieben hatte:

  "Es kommt mir so vor, da ich auch in einer Ehe mit Dir glcklich sein
  knnte, wenn ich fern von Dir wre.

  Ich lebe durch die Illusionen, denen ich mich hingebe, fast
  glcklicher als vordem, und berdies finde ich Ersatz durch den
  Verkehr mit anregenden Mnnern. Du wirst ja nicht eiferschtig, wenn
  ich das sage? Du wrest mich gern los? Gelt?"

Diese Worte hatten doch Klamm zum Nachdenken gestimmt, allerdings fhlte
er sich dadurch nicht einmal unangenehm berhrt.

In solchen Augenblicken gingen dann seine Gedanken zu Ileisa, die nun
bereits seit einem halben Jahre mit ihrer Tante nach Hamburg
bergesiedelt war, und hier zunchst das Ende des Scheidungsprozesses
abwartete.

Sie hatten sich noch vor ihrem Fortgang mehrere Male drauen gesprochen.
Ileisa hatte auch Frau von Klamm wiederholt besucht. Es war beides ohne
Wissen der alten Knoops geschehen. Nur Margarete hatte Kenntnis davon
gehabt, es nicht eben gebilligt, aber auch nicht verhindert.

Sie fhlte ihnen nach, da sie sich zu begegnen wnschten. Wenn sie
einschrnkend erklrte, da sich Ileisa so verhalten msse, da sie
keinerlei Vorwurf whrend ihrer noch bestehenden Ehe treffen knne, so
geschah's mehr aus einem Rest von Eifersuchtsgefhl, das sie sich zwar
nicht selbst zugestehen wollte, das sie aber thatschlich leitete.--

Die alte Zuneigung fr Klamm brach immer noch einmal wieder hervor. Wenn
sie auch Ileisa den Mann gnnte, den sie ursprnglich geliebt, so htte
sie ihn doch sich--wre eine Aussicht dazu gewesen--nicht minder als
Gatten gewnscht.

Knoops hatten sich berall verabschiedet. Sie waren bei ihren alten
Freunden und bei denjenigen gewesen, denen sie seinerzeit ihre
Antrittsbesuche gemacht. Nirgends waren sie indessen bei ihren
Rundfahrten ausgestiegen, nur die Karten waren von dem Diener abgegeben
worden.

Sie wollten nicht gefragt werden, weder, wohin sie sich zu begeben die
Absicht hatten, noch, was ihr Fortgehen veranlate.

So viel Bitterkeit und so viel Ingrimm gegen die gesamte Gesellschaft
sa in ihnen, da sie diese nicht durch Reden und Erklrungen noch
vermehren wollten.

Sie hatten genug von allen, denn fast alle hatten ihnen den Rcken
gewendet. Da es auch an ihnen, vielleicht gar allein an ihnen lag,
erkannten die Frauen, nicht aber gab es Herr von Knoop zu. In den
Resultaten war's auch gleich. Sie brauchten ja auch die Menschen nicht.
Sie waren unabhngig. Fiel's ihnen ein, konnten sie in Afrika wohnen.
Frau von Knoop war zudem glcklich, da es ihr noch in ihrem Alter
vergnnt sein sollte, in ihrer Heimat zu leben.--

Arthur hielt sich abwechselnd in Paris, London und Berlin auf. Mit
seiner Familie hatte er keinen Verkehr mehr. Nur einmal hatte er in
seiner nchternen Weise geschrieben, da es ihm gut gehe, und da er
Gleiches von ihnen erhoffe.

Das Verhltnis war nicht schlechter geworden, aber es war auch nicht
gut. Es bestand gegenwrtig sozusagen gar keines zwischen ihm und der
Familie.

Herr von Knoop entschlug sich--um ber Unabnderliches keine neuen
Aufregungen herbeizufhren--des Nachdenkens ber seinen Sohn. Die Frau
resignierte unter Hoffen auf eine wieder eintretende Wandlung der Dinge.

Zwischen ihnen und Ileisa war eine vllige Entfremdung eingetreten.
Knoops schoben in ihrer Verbitterung Ileisa die Verantwortung fr das
Geschehene zu, sie gaben ihr, je lnger, desto mehr, Schuld an dem
Ausgange der Dinge. Sie beschuldigten sie, da sie whrend ihrer Ehe
Beziehungen zu Klamm angeknpft habe.

Noch hielt Margarete zu Ileisa, aber da sie seit ihrem Fortgang von
Behrwalde fortdauernd krnkelte, oft wochenlang bettlgerig war,
verminderte sich zunchst die Korrespondenz und sie hatte, da sich
Ileisas Stolz gegen die ungerechte Behandlung aufgelehnt, gegenwrtig
ganz aufgehrt.--

Das nchste bedeutsame Ereignis war die Wiedererkrankung der Frau von
Klamm. Ihr Zustand wurde so bedenklich, da sich Alfred tglich zu ihr
herausbegab.

Es war an einem Tage am Ende des Sommers, als er abermals, von Sorge
getrieben nach Grnhagen fuhr, um ihr seine liebevollen Empfindungen an
den Tag zu legen.

Schon im Flur teilte ihm die Magd mit, da es heute grade sehr schlecht
stehe, und mit zitterndem Herzen trat Klamm zu seiner Mutter ins
Schlafgemach und lie sich an ihrem Bette nieder.

Und sie streckte die Hand aus und sprach mit einem Ausdruck von Verzicht
in den kranken Zgen, der dem eindrucksvollen Mann das Innere
zerschnitt:

"Sei nicht traurig; weine nicht, mein teurer Alfred. Wir werden
allerdings getrennt, aber dir bleiben die Erinnerungen an die guten
Stunden, die wir zusammen verleben durften, und ich finde Erlsung. Der
Tote ist immer der Glcklichere. Da er keine Seele mehr besitzt, so
entbehrt er nichts und leidet auch nicht mehr.

"Ist es nicht das hchste Streben und der Wunsch eines jeden, das zu
erreichen?

"Mir wird das Sterben nicht schwer, weil ich mit der Sicherheit
davongehe, da du--soweit ein Mensch sorgenfrei werden kann--es geworden
bist. Fandest du insbesondere in deiner Ehe kein Genge, denke an
andere und vergleiche! Sobald wir vergleichen, gelangen wir zu der
Einsicht, da wir es doch noch besser haben, als tausende.

"Ich htte deine Frau gern noch einmal gesehen, aber sie zu rufen, wird
zu spt sein. Gre sie von mir und sage ihr, da ich mit wrmsten
Gefhlen von ihr Abschied genommen habe.

"So, und nun kann ich nicht mehr sprechen. Ksse mich, mein
Herzensjunge. Gott breite seinen vollsten Segen ber dich aus."

Gegen Morgen war sie dann wirklich verschieden. Aber nach Verlauf von
vier Wochen hatte sich etwas gleich Bedeutsames zugetragen.

Es war Klamm ein Brief zugegangen mit folgendem Inhalt:

  "Hochverehrter Herr von Klamm!

  Ich mache Ihnen die Mitteilung, da meine Tante gestern nacht
  gestorben ist, und frage Sie durch diese Zeilen, ob es Ihnen mglich
  sein wrde, nach Hamburg zu kommen, um mir zur Seite zu stehen. Ich
  bitte darum, weil ich vllig allein bin. Die Familie Knoop hat sich
  schon seit Wochen nach Madeira begeben, und wenn ich sie auch wirklich
  erreichen knnte, so wrden sie doch deshalb nicht zurckkehren. Auch
  Margarete ist nach einem Influenzaanfall so leidend--um ihretwillen
  haben Knoops ihr Gut in Holstein verlassen--da sie nicht zu mir
  reisen kann. Sie wre sonst sicher zu mir geeilt. Ich wage diesen
  Anspruch an Sie zu erheben, weil Sie mir in Ihrer groen Gte bei
  unserer letzten Begegnung sagten, da Sie--wann immer ich Sie
  riefe--da sein wrden.

  Ihre Ileisa von Knoop."

Klamm hatte den Brief in dem Augenblick gelesen, als der auch ferner im
Geschft verbliebene Adolf ihm einen Herrn aus dem Ministerium gemeldet.

So legte er vorlufig das Schreiben zu anderen, eben von ihm
durchgesehenen Korrespondenzen, obschon es ihm noch durch den Sinn ging,
da es besser sei, grade dieses Schriftstck wegzuschlieen.

Unter den Ansprchen, die dann an ihn herantraten, und die ihn Stunden
lang und lnger als sonst in Atem hielten, blieben die Eingnge auf dem
Pulte liegen. Sie wurden auch von Klamm--da er mit einem Lieferanten in
der Druckerei zu thun hatte und sich mit diesem in der Nhe in ein
Restaurant nach geschehener Rcksprache begab--spter nicht entfernt.

Er besorgte selbst die Depesche an Ileisa nach Hamburg, in der er ihr
mitteilte, da er bereits abends abreisen und sie in der Frhe sogleich
aussuchen werde.

Klamm hatte, als er gegen fnf Uhr zu Tisch kam, Adelgunde, die zur
Beerdigung seiner Mutter nach Berlin zurckgekehrt war, an diesem Tage
noch nicht gesehen. Sie stand sehr spt auf, whrend er stets frh wach
und in Thtigkeit war.

"Ich werde heute abend eine Reise antreten," warf Klamm, nachdem er
seine Frau gelassen gegrt, nach bereits verzehrter Suppe hin. "Auch
werde ich einige Tage fortbleiben, denke jedoch Ende der Woche
zurckzukehren."

"Ich wei es--ich wei alles," entgegnete Adelgunde, die ihm schon mit
sehr verschlossener Miene gegenber gesessen, mit ausdruckslosem
Gesicht.

"Du weit es?! Was weit du?"

"Ich suchte dich in deinem Kontor auf, fand dich nicht, aber einen offen
daliegenden Brief von der Person in Hamburg, den ich las--"

"Du liest Briefe ohne Erlaubnis.--Darber mu ich mich wundern--"

Statt diesmal etwas zu entgegnen, sah Adelgunde ihren Mann erst mit
einem kurzen Blick an. Dann legte sie die Serviette beiseite, lehnte
sich in ihren Stuhl zurck, bedeckte ihr Angesicht und brach, whrend
sich Thrnen aus ihren Augen lsten, in die Worte aus:

"Wie war ich einst glcklich--und wie unglcklich fhle ich mich heute."

"Ja, wir beide," besttigte Klamm mit mder, trostloser Stimme.

Da der Diener in diesem Augenblick erschien, wuten sie ihre Erregung zu
verbergen. Nachdem er aber gegangen, stand Klamm, gleichsam in besserem,
mildem Besinnen auf, zog seine Frau auf das Kanapee und sprach:

"Warum peinigen wir uns gegenseitig, Adelgunde? Wollen wir nicht einmal
frei mit einander reden, damit wir beide zur Ruhe gelangen knnen? Du
sagst, du seist nicht glcklich. Warum bist du es nicht, da ich dich
doch ganz gewhren lasse--"

Sie zog die Schultern wie jemand, der reden mchte, aber die Sprache
nicht findet.

Klamm aber fuhr fort:

"Und da du mich nicht mehr liebst, entbehrst du auch nach der Richtung
nichts mehr.

"Du kannst mich doch nicht mehr lieben, denn selbst die lebhafteste
Empfindung erlischt, wenn sie keine Nahrung empfngt. Ich gestehe zu,
da ich dir nichts biete. Aber ich kann nicht geben, was ich nicht
besitze."

Adelgunde bewegte mit der Miene tiefster Bitterkeit das Haupt. Dann
stie sie heraus:

"Ah! Ich begreife! Da du heute zu ihr reisen willst, nimmst du die
Gelegenheit wahr, mich fr immer zu verabschieden."

Klamm sah seine Frau, mit sanftem Vorwurf im Auge, an.

"Nein!" entgegnete er dann. "Ich verband mit meiner Bitte gar keine
Nebengedanken. Ich wollte nur mit dir berlegen, welchen Modus wir
jetzt, nach deiner Rckkehr, nach Mamas Tode, whlen knnten, uns nicht
zu trennen, aber nebeneinander ohne Verstimmung einzurichten. Und
ferner: Von mir wird der Vorschlag, ganz auseinander zu gehen, niemals
gemacht werden."

"Und weshalb nicht?"

"Meine Dankbarkeit gegen dich verbietet es. Es wre ein Akt grter
Undankbarkeit--"

"Das verstehe ich nicht. Du knntest, wenn dieses Gefhl so mchtig in
dir ist, es doch auch in anderer Weise zum Ausdruck bringen--"

"Zum Beispiel, Adelgunde?" Klamm sprach freundlich und einlenkend.

"Da du dich bemht httest, mich glcklich zu machen, Alfred--"

"That ich es, thue ich es nicht, Adelgunde?"

"Kann ich mich glcklich fhlen, wenn du eine andere liebst?"

Einen Augenblick zauderte Klamm mit der Antwort, dann erwiderte er:

"Ich lebe doch nicht mit der, von welcher du sprichst. Ich nhere mich
ihr niemals. Bei unseren Begegnungen haben uns zwar unsere Gefhle
berwltigt, aber dabei ist es geblieben.--Wir haben nicht einmal
korrespondiert."

"Ich glaube dir, Alfred. Aber du liebst sie doch--und mich liebst du
nicht--"

Nun zog er die Schultern.

"Wollen wir uns nicht einmal sachlich verstndigen, Adelgunde. Ich
wiederhole Vorhergesagtes."

Sie nickte ernst.

"Wohlan, ja, sprich, Alfred."

"Sage mir erst mit einem unverbrchlichen Wort der Wahrheit, ob du dir
in der Ehe mit mir nichts vorzuwerfen hast? Kamst du keinem Mann in
deinen Gedanken, keinem durch deine Handlungen entgegen? Ich fordere von
dir dieselbe Wahrhaftigkeit, die ich dir eben bewiesen."

Erst sah sie ihn forschend, mitrauisch, aber auch ngstlich an, dann
erwiderte sie:

"Du weit, wie ich bin.--Ich interessiere mich fr Mnner--"

"Das ist keine richtige Antwort, Adelgunde. Ich frage dich auf Ehre und
Gewissen:

"Interessierst du dich nicht in ungewhnlich starker Weise fr Herrn
Arthur von Knoop. Warst du nicht in Paris wiederholt mit ihm zusammen?
Hat er dir nicht Avancen, ja einen Antrag gemacht? Mir ist das von
mehreren Seiten mitgeteilt--"

Adelgunde zuckte zusammen und statt zu antworten, lie sie sich neben
ihm nieder, umschlang seine Knie, sprach auch jetzt nicht, aber weinte
und schluchzte bitterlich.

"Ach, was werde ich hren mssen," stie Klamm heraus. Und dann:

"Sprich, was es auch sei. Ich bitte dich, Adelgunde. Es ist bei dir dein
bester Freund auf der Welt trotz alledem! Er wird alles verstehen und
sicherlich alles--vergeben knnen."

"Nein, nein--nein, das--das kannst du nicht--"

Sie war wie zerschmettert. Als ob die Krfte versagten, die Glieder zu
regieren, dem Krper zu gebieten, so lag sie da.

"Rede--rede--ich bitte dich noch einmal," drngte Klamm gtig.

"Du weit ja alles, Alfred--"

Ein kurzer Laut ging aus Klamms Munde. Dann sprach er:

"Nun wohlan! Aber wenn es so ist, so verstehe ich nicht, da dir die
Trennung von mir so schwer wird. Jetzt brauche ich ja nicht mehr zu
fragen, ob du mich noch liebst! Jetzt erweise ich dir ja einen Dienst,
wenn ich sage: lsen wir unsere Ehe."

"Ach, Alfred, ich liebe dich ja doch, liebe dich ja tausendmal mehr, als
jeden anderen Menschen, wenn ich mein besseres Ich finde, wenn ich still
und ruhig, nicht im Rausch des Vergngens bin. Aber jetzt,
jetzt--nachdem ich die Treue gegen dich verwirkte--bleibt mir ja nichts
anderes, als dich zu bitten, da du--mich--frei giebst."

"Armes Weib--arme Frau--Ich wollte, ich knnte dir helfen.--Ich wollte,
ich knnte dich glcklich machen. Glaubst du, da ich mit dir fhle,
Adelgunde--?"

"Ja--ja," seufzte sie mit immer noch abgewendetem Gesicht.--"Ich glaube
alles von dir, was gut, nachsichtig, gro, menschlich und gerecht ist.
Grade weil du, obschon auch bisweilen ein irrender Mensch, alle deine
Gedanken auf das Ernste, Mavolle, wahrhaft Gute gerichtet hast, mu ich
dich ja lieben, kann ich das Gefhl fr dich nicht aus meinem Herzen
reien."

"Rege dich nicht auf, Adelgunde! Beantworte mir aber noch eine Frage:
Ich stelle sie, um zu berlegen, ob ich dir in deinem Sinne zu helfen
vermag--"

"Nun ja, ich bitte?" besttigte sie und nahm, jetzt ihr Angesicht
trocknend, ihm gegenber im Sofa Platz.

"Ihr wollt euch also heiraten--?"

"Ich habe ihm noch keine Zusage gegeben. Wie knnte ich--"

"Er drngt dich aber?"

Adelgunde nickte.

"Und du meinst, da ihr fr einander pat?"

Sie zog die Schultern.

"Ich finde bei ihm gleichen Sinn und gleiche Interessen. Das zieht mich
an. Er besitzt eine eiserne Gesundheit, einen unverwstlichen Gleichmut,
einen Cynismus, der mich nicht nur nicht strt, sondern anzieht. Er hat
ein vorteilhaftes Aeueres, er wei sich in der Gesellschaft zur Geltung
zu bringen. Er ist klug und ist geschickt in allen Dingen, die die
Kreise, in denen ich leben mchte, schtzen."

"Hm--aber er ist kalt--sehr kalt, Adelgunde. Wie hat er sich gegen seine
Frau benommen--"

"Sie langweilte ihn--sie ist ein Tugendspind--sie ist phlegmatisch, ohne
Temperament--sie liebte ja auch dich, nicht ihn."

Adelgunde wollte noch mehr sagen, sie war im Begriff, einen Ausfall
gegen Ileisa zu machen, aber Klamm lie sie nicht dazu gelangen.

Er sagte:

"Wenn du nun aber dasselbe in der Ehe erlebst, wie Ileisa, Adelgunde--?"

Sie stie an mit einem herbklingenden Laut. Dann erwiderte sie in einem
wehmtig ernsten Ton:

"Gewi, es kann kommen, da er auch mich vernachlssigt. Aber habe ich
dann weniger, als jetzt?

"Wir leben doch auch nur nebeneinander! Aber Arthur von Knoop wird mich
nie in der Ausbung meiner Neigungen hindern, wir werden--ich wiederhole
es--in dieser Beziehung vllig harmonieren. Es giebt keine Menschen, die
nach der Richtung besser fr einander passen."

"Hm--so wren wir uns denn einig.--Du willst von mir gehen--?"

"Ich will nicht, du willst, Alfred--und nun mu ich, da ich
mich--deiner--unwert gemacht--"

Sie sprach die Worte mit tief herabgesenktem, demtigem Blick,
abgebrochen, voll Scham und Zerknirschung. Und Klamm sprach:

"Ich will dir nichts vorwerfen und ich will dir nichts nachtragen. Ich
will mich in deine Lage hineinversetzen und denken, ich sei es selbst,
dem zu verzeihen wre. Das ist meine Antwort!

"Ueber alles weitere, ber das wann und wie wollen wir uns in vlligem
Frieden verstndigen.--Lasse uns jetzt speisen. Komm! Ich mu noch meine
Geschfte besorgen, packen--ich kann das arme Weib in Hamburg nicht ohne
Hilfe lassen. Finde dich darein.--Noch einmal! Komm!"

"Ich kann nichts essen, Alfred! Aber ich will dir danken, du guter,
edler Mensch."

Sie umschlang ihn und kte ihn wie eine Braut. Und ihn durchzog's, und
alle Schauer des Mitleids drangen auf ihn, aber auch jene Empfindungen,
die uns trotz alles Kmpfens beschleichen, wenn wir die Liebkosungen
einer Frau--dulden, statt ihrer zu begehren.

       *       *       *       *       *

Klamm sa in der Vorstadt Hamm bei Hamburg Ileisa in dem Wohngemach
einer uerst eleganten und bequem eingerichteten Villa gegenber. Er
war, wie er es beabsichtigt und gemeldet hatte, am Abend abgereist, und
hatte sich nach kurzer Morgenruhe in Streits Hotel sogleich nach Hamm
aufgemacht.

Das Wesentlichste, das zur Bestattung gehrte, war schon von Ileisa
besorgt worden. Nach Ueberwindung der ersten Erschtterung und des
ersten Schmerzes, hatte sie sich aufgerafft und die notwendigen
Vorkehrungen getroffen.

Klamm war auch schon mit ihr ins Sterbezimmer getreten.

Die alte Dame, deren ganzes Leben eigentlich nur in der Sorge fr andere
bestanden, und eben doch dieses ihr Schicksal, sanft ergeben, getragen,
hatte dagelegen wie eine Schlafende. Ein Ausdruck stillen Friedens hatte
ihre Mundwinkel umschwebt; nichts von dem Abstoenden, das sonst meist
der Tod mit sich fhrt.

Ileisa aber war bei ihrem Anblick in bittre Thrnen ausgebrochen, und
anfnglich war's Klamm kaum mglich gewesen, sie zu besnftigen.

Spter lie er sich berichten, wodurch der Tod herbeigefhrt sei, was
der Kranken gefehlt habe.

"Sie hat wohl mehr der Gram gettet, als krperliches Leiden," erklrte
Ileisa. "Sie konnte es weder berwinden, da so schnell alles
ausgelscht war, was sie sich als mein Glck gedacht, noch vermochte sie
sich mit ihrer feinen Seele, ihrem Stolz und ihrer sittlichen Auffassung
darin finden, da mich Knoops fortan fast ganz wie eine lstige Zugabe
ansahen und behandelten, statt als Verwandte, als Opfer der
Unbestndigkeit ihres Sohnes.

"Sie warfen und werfen--je lnger die Zeit--die Schuld an allem, was
eingetreten, auf mich. Sie versetzten sich nicht einen Augenblick in die
Lage einer geschiedenen Frau, die zwar nun zu leben hatte, aber
naturgem in einen menschenscheuen, weltverachtenden und lebensmden
Zustand geraten war."

"Und Frulein Margarete?" fragte Klamm.

"Sie ist so leidend, da man an ihrer Wiedergenesung zweifelt, ja, sie
ist wohl berhaupt aufgegeben. Sie schleppt sich nur noch als unheilbare
Lungenkranke nach der Influenza, an der sie fortdauernd in schwerster
Weise gelitten, hin. Wenn mich etwas schmerzt, wenn mich etwas auer dem
Hinscheiden meiner Tante traurig macht, so traurig, da ich jeden Tag
daran denken und mich sorgen mu, so ist es das Schicksal dieser meiner
Freundin. Sie ist ein wahrhaft vortreffliches Mdchen, Sie wissen es,
Herr von Klamm. Und sie war mir wie eine treue Schwester."

"Hm," stie Klamm nachdenklich heraus. "Wenn ich bedenke, wie glcklich
die Familie Knoop war, und was aus ihnen nach Aufgabe ehrlicher Arbeit
geworden ist!

"Die Alten voll tiefster Enttuschung, voll sehnschtigen Verlangens
nach dem "Einst", die Tochter sterbend--der Sohn--der Sohn.--Was wissen
Sie von ihm, Frau Ileisa?"

"Nichts--gar nichts! Bei dem formellen Scheidungsakt haben wir uns noch
einmal gesehen und gesprochen. Da gab er mir die Hand und sagte in
seiner kalt nchternen Weise: 'Lebe wohl! Mge es dir gut gehen,' dann
ging er, ohne mich auch nur noch einmal anzusehen. Er behandelte die
Angelegenheit ganz wie ein nun einmal nicht zu umgehendes, mglichst
rasch zu Ende zu fhrendes Geschft. Er ist ein Mensch, der nur sich
kennt, der nichts respektiert, aber allerdings auch sich selbst nicht.

"In dieser Hinsicht ist er uerst objektiv, er ist durchaus nicht im
Unklaren ber sich. Er giebt der Wahrheit die Ehre, spielt keine
Komdien. Und das war's ja auch, das mich seinerzeit anzog, wodurch es
kam, da ich meiner Tante glaubte, die mir zuredete und einbildete, ich
knne auf ihn einwirken. Er war anders, als der Durchschnitt. Er besa
Konsequenz und Willen, wennschon er, wie sich herausgestellt hat,
lediglich die Pfade bequemer Selbstsucht und Genusucht beschritt.

"Nachdem er mich abgethan hat, wird er, ich bin dessen sicher, eine
mglichst vorteilhafte Partie zu machen suchen. Er will gut leben und
hchstens bei Spekulationen einmal seinen Kopf in die Weiche legen!"

Klamm hatte Ileisa mit groer Spannung zugehrt. Als sie geendet hatte,
sagte er.

"In der letzteren Annahme irren Sie sich durchaus nicht, Frau Ileisa.
Was sie voraussetzen, ist schon unterwegs."

Und whrend er den Eindruck in Ileisas Mienen beobachtete, schlo er:

"Arthur von Knoop wird in nicht zu langer Frist--meine Frau heiraten."

"Wie? Sprechen Sie die Wahrheit?" brachen die Worte aus dem Munde der
Frau, whrend ihre Wangen erbleichten, ein eigenes Feuer aber in ihren
Augen aufleuchtete.--

       *       *       *       *       *

Zwei und einhalb Jahre waren nach den geschilderten Vorgngen
verstrichen. Je nach ihrem Thun und Treiben, nach den auf ihr Innenleben
von auen einwirkenden Geschehnissen, war den einzelnen das Dasein als
ein Wandeln in einer glcklichen Welt oder als eine Last erschienen.

Wo die Anforderungen gering, die erkenntliche Empfindung fr des Himmels
Zuwendungen lebhafte, wo Pflichtbung und Arbeit die Grundlagen gewesen,
hatten sich die Menschen zufrieden gefhlt. Wo die Sucht nach
fortwhrenden Abwechslungen und Zerstreuungen den Hauptinhalt des
Denkens und Handelns gebildet, hatten sich Unbefriedigung und Ueberdru
eingestellt.

Nach ihren Charakteren hatte sich aller Schicksal vollzogen.

Das zielbewute Streben Klamms hatte seinen Lohn empfangen. Seine
Hoffnungen hatten sich erfllt. Er war Herr des Geschftes, dem er sein
ganzes Interesse von vorneherein zugewendet, geworden, und neben ihm,
als seine Frau, lebte Ileisa. Sie ging ganz in ihm auf. Ihr Augenmerk
richtete sich von frh bis spt auf ihn und ihre Obliegenheiten. Sie war
sein rechter Kamerad und sein bester Freund geworden. Wie er es wollte,
so war es gut. Was er vornahm, pate auch ihr.--

Arthur hatte Frau von Klamm geheiratet und ihr Vermgen eingezogen. Nur
ein grerer Teil war auf ihren Wunsch und bestimmten Willen dem
Zeitungs- und Druckereigeschft geblieben; Klamm verzinste es ihr. Das
Gut war verkauft. Dagegen hatte Klamm eine Villa in Wannsee erworben, in
der sein guter Geschmack und sein praktischer Sinn, von Ileisa
untersttzt, einen vollendeten Ausdruck gefunden. Nebenan hatten sich
Milans angebaut.

Auch Arthur lebte mit seiner Frau gut. Sie fand an seiner Seite die
volle Mglichkeit, das Dasein zu genieen. Sie hatten beide den
gleichen Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, und fanden ihre Rechnung. Ihm
half sein kalter, und ihr ihr leichter Sinn ber das fort, was sich
allen Menschen einmal strend in den Weg stellt. Zu Streit und Scenen
kam es zwischen ihnen schon deshalb nicht, weil jeder den anderen
gewhren lie. Auch bewahrte ihn sein Egoismus und sein khles
Temperament davor, eine gewisse Grenze jemals zu berschreiten, und
Adelgunde besa doch zu viel sittlichen Fond und soviel Erfahrung, um
sich nicht auf Abenteuerlichkeiten einzulassen, die ihren Ruf und ihres
Mannes gesellschaftliche Stellung gefhrden konnten.

Knoops hatten ihre Tochter Margarete verloren. Nachdem Arthur noch am
Grabhgel seiner Schwester gestanden, auch eine Ausshnung zwischen
ihnen stattgefunden, waren sie auf ihr Gut in Holstein zurckgekehrt.

Hier lebten sie mit Nachbarn, die zu ihnen paten. Unter dem Adel eine
Rolle zu spielen, hatte Herr von Knoop vllig aufgegeben. Er suchte sich
den Umgang von Personen, die, wie er jetzt, ganz in ihren Interessen fr
die Landwirtschaft aufgingen, und deren einfacher Sinn zu seinem im
Grunde einfachen Naturell, und besonders zu der Richtung seiner Frau
pate.----

Unter den Briefen, die Alfred von Klamm eines morgens auf seinem Tisch
im Frhstckszimmer in der Stadtvilla vorfand, erregte ein Schreiben
seine und auch Ileisas Aufmerksamkeit im hohen Grade. Es lautete:

  "Hochverehrter Herr von Klamm!

  Ich liege seit elf Wochen bereits in Bethanien im Lazaret. Ich habe
  einen Knochenfra im Krper, dessen Ende nur der Tod sein kann. Ich
  bitte Sie flehentlich um Untersttzung! Vergessen Sie Vergangenes,
  bercksichtigen Sie, ich bitte, dagegen, da ich indirekt mit Anla
  gewesen bin, da Sie erreicht haben, was Sie heute--ein Glcklicher
  nach allen Richtungen--Ihr eigen nennen!

  Und um dieser Thatsache und um der edlen Gesinnung willen, die Ihnen
  eigen, wage ich, Ihnen diese Zeilen zu schreiben.

  Der Edle verzeiht, wenn er sieht, da sein Nebenmensch in Qualen
  dahinsiecht. Sie sind ein solcher, und ich bin ein armer Elender!
  Keiner hilft mir!

  Mein Neffe Arthur hat mir auf alle meine vielen Briefe nicht
  geantwortet! Mein reicher Bruder beruft sich auf einen endgltigen
  Verzichtschein, den ich ihm einst ausstellte. So habe ich niemanden
  auf der Welt, als meinen einstigen grten Feind! Er wird mich, ich
  wei es, nicht umsonst flehen lassen. Weisen Sie mir, ich bitte,
  hochverehrter Herr von Klamm, wchentlich eine Summe an, bis ich in
  die Gruft gesenkt werde. Lange werde ich Ihnen nicht lstig fallen.
  Der mich behandelnde Arzt, Herr Doktor Strber, wird Ihnen besttigen,
  da alles strenge Wahrheit, was ich Ihnen sage. Ich lege die
  Bescheinigung bei.

  Ich segne Sie im voraus als Ihr dankbarer

  Theodor Knoop."

"Und was willst du thun?" warf Ileisa hin und blickte ihren Mann fragend
an.

"Ich werde seine Bitte erfllen! Es giebt nur einen Richter, der das
Recht besitzt, zu richten, und er wird ausnahmslos sanft und gtig
vergeben. Sollte sein Geschpf nicht um so mehr ohne Schwanken stets
dazu bereit sein?"

Sie sah ihn an. Dann stand sie auf, nherte sich ihm und umschlang ihn.
Sie sprach nicht, aber er wute, was sie sagen wollte, und jenes Gefhl
der Selbstachtung durchdrang ihn, das eines der glckseligsten und
befriedigendsten ist, die in der menschlichen Brust emporzukeimen
vermgen.





End of Project Gutenberg's Charaktere und Schicksale, by Herrmann Heiberg

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHARAKTERE UND SCHICKSALE ***

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is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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