Project Gutenberg's Der Mann von vierzig Jahren, by Jakob Wassermann

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Title: Der Mann von vierzig Jahren

Author: Jakob Wassermann

Release Date: April 30, 2005 [EBook #15736]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Der Mann von vierzig Jahren


Ein kleiner Roman

      von

Jakob Wassermann


S. Fischer, Verlag, Berlin
1913
Erste bis zehnte Auflage.


       *       *       *       *       *

Man wei von Sternen, die ohne ergrndbare Ursache ihr Licht verlieren,
um entweder fr kurze Frist oder fr immer in die Finsternis des
unendlichen Raums zu entschwinden; so gibt es auch Menschen, deren
Schicksal von einem gewissen Zeitpunkt ab in Dmmerung und Dunkelheit
gleitet.

Ein solcher Mann war der Herr von Erfft und Dudsloch, der gegen das Ende
der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zwischen Wrzburg und
Kitzingen im unterfrnkischen Kreis lebte. Seine Wirtschaft und seine
huslichen Angelegenheiten befanden sich in gutem Stand; obwohl es ihm
versagt war, einen Luxus zu entfalten, nach dem er sich bisweilen in
migen Stunden sehnen mochte, erlaubten ihm seine Vermgensverhltnisse
doch, alle Wnsche zu befriedigen, die durch phantasievolle Neigung oder
eingefleischte Gewohnheit in ihm lebendig erhalten wurden. Die beiden
Gter warfen ein ansehnliches Ertrgnis ab, die hypothekarische
Belastung einzelner Grundstcke und Neubauten wurde mit jeder Ernte
geringer, und ein Kapital, das aus der Mitgift der Frau und den
allmhlich angewachsenen Ersparnissen bestand, war in einem Wrzburger
Bankhaus niedergelegt. Sylvester von Erfft konnte mehrere Reitpferde und
einen Kutschierwagen halten, konnte ein ziemlich ausgedehntes Waldland
pachten, um sich dem Vergngen der Jagd hinzugeben, konnte mit Agathe,
seiner Lebensgefhrtin, kleine Reisen nach einer nrdlich oder sdlich
gelegenen Residenz unternehmen, weil hier ein Konzert, ein Theater, dort
ein geselliger Zirkel lockte, und war vor allem nicht daran gehindert,
seine Bibliothek zu bereichern, denn er war ein Mann von Kenntnissen und
lebhaften Interessen.

Doch an alledem fand sein heftiger Ttigkeitstrieb kein Gengen. In
seiner Jugend hatte er mehrere Jahre in England verbracht, und nachdem
er geheiratet hatte und landsssig geworden war, beschftigten ihn lange
Zeit hindurch allerlei Reformplne; er wollte das Pachtwesen und die
konomieverwaltung nach englischem Muster einrichten; er regte
Versammlungen der Bauern an, in denen er vorschlug, da sie sich gegen
den drohenden Industrialismus und die wirtschaftliche Ausbeutung als
starke Gemeinschaft zur Wehr setzen mchten; er ging sogar damit um, die
Erbfolge in den deutschen Adelsfamilien nach dem Vorbild der englischen
Aristokratie umzugestalten und richtete eine Eingabe an den Knig, die
von weitem Blick und Sachkenntnis zeugte, aber nicht im mindesten
beachtet wurde, sondern ihm, als etwas davon verlautete, unter seinen
Standesgenossen Feindseligkeiten und Spttereien zuzog. Sein Schwager,
der Major von Eggenberg auf Eggenberg, stellte ihn sogar wegen dieser
nrrischen Schrift, wie er sich ausdrckte, zur Rede; Sylvester schlug
es ab, sich zu rechtfertigen, und lchelte nur, als der Major ihm sagte,
wenn er einen so unbndigen Tatendrang verspre, mge er sich doch
whlen lassen und als Abgeordneter nach Frankfurt gehen. Der Herr von
Bismarck sei ja im Begriff, Deutschlands leibhaftiges Unglck zu werden,
und man brauche Mnner im Kampf gegen diesen Drachen.

Von so beschaffener Politik wollte Sylvester nichts wissen. Mehr als
eine hfliche Teilnahme konnte er denen nicht widmen, die das Rderwerk
der Staatsmaschine in Gang setzten; wer gut regierte, war ihm schtzbar,
den schlechten Herrn machten eifrige Diener nicht besser. Ich liebe
meine Heimat, pflegte er zu sagen, die Erde, die mich trgt und nhrt,
aber es ist mir gleichgltig, was diese Erde auf den Landkarten fr
einen Farbenrand hat, und kein Minister kann von mir verlangen, da ich
ihm meine Steuern mit einem patriotischen Jubelgesang bezahle. Wie so
viele aufgeklrte und berlegene Geister verstand er seine Zeit nicht
recht. Es schien ihm eine tote Zeit zu sein; eine leere und nchterne
Zeit, eine Zeit der Spiebrger, der schlechten Musik, der schlechten
Bcher, der geschmacklosen Mbel und des unfruchtbaren Geschwtzes. Ihm
dnkte, man mache nur deshalb soviel Lrm, weil man die Dinge verwirren
und die Ideen verfinstern wollte; er glaubte nicht an eine gedeihliche
Zukunft, ohne Hoffnung blickte er auf sein Vaterland und ohne Anteil auf
die trgerische Erregung seiner Mitbrger, denn alles, was er selbst zu
ihrem Besten hatte vornehmen wollen, war schmhlich milungen.

Dadurch wurden aber sein Lebensmut und seine Heiterkeit keineswegs
getrbt. In den letzten Jahren hatte er eine groe Vorliebe fr
Gartenknste gefat, er hatte eine Orangerie gebaut und einen Grtner
aus Richmond kommen lassen; mit diesem beriet er stundenlang ber die
Anlage neuer Wege, ber Pfropfungen und Verpflanzungen. Agathe
untersttzte ihn dabei, soweit sie es vermochte, und zu der
Ritterlichkeit, die er gegen sie an den Tag legte, gesellte sich
Dankbarkeit. Sie war nur um zwei Jahre jnger als er; dieser Umstand
machte sie um so mehr zu seiner Freundin; bei jedem vortretenden Anla
achtete er sie fr gleichberechtigt. Es gab auch Zank, denn er war
jhzornig und nicht ohne Launen, und Agathe war nicht die Person, die
sich sklavisch unterwarf, aber jedesmal fhlte sie sich entzckt durch
sein williges Bemhen, ein Unrecht vergessen zu machen, das er ihr
zugefgt. Manchmal konnte er sie mit seinen Neckereien bis zu Trnen
bringen; dann nahm er am Abend irgendein Buch mit schnen Gedichten und
las ihr vor. Im dritten Jahre ihrer Ehe war ihnen ein Kind geboren
worden, ein Mdchen; es hie Silvia, war jetzt sieben Jahre alt und sehr
schn. Am Vater wie an der Mutter hing es mit der berschwenglichen
Kraft, die der frhen Jugend eigen ist, und mit seiner geschmeidigen
Gestalt und seinem heitern Antlitz wandelte er durch die Trume des
Kindes wie ein Gott.

       *       *       *       *       *

Von irgendeinem Tage ab, niemand konnte genau sagen von welchem,
vernderte sich Sylvesters Wesen ganz und gar. Eine unentschiedene,
schwankende, zweifelvolle Stimmung war ihm anzumerken, eine Unlust, die
sich bis zur Verdrossenheit steigerte und die Agathe mehr und mehr
Besorgnis einflte. Bisweilen versuchte sie es, ihn aus sich
herauszulocken, aber er antwortete nur mit einem Achselzucken und einem
fremden Blick. Er hrte auf, sich mit Silvia zu beschftigen; was er mit
dem Kind redete, klang gezwungen und zerstreut.

Umsonst grbelte Agathe ber die Ursache der Verwandlung nach. Umsonst
lie sie Leckerbissen fr ihn kochen; umsonst machte sie ihm einen
englischen Hhnerhund und ein neues Jagdgewehr zum Geschenk; umsonst
waren ihre Anstrengungen, ihn aufzuheitern; er schien wie eingemauert.
Eines Tages trat sie in sein Zimmer und beobachtete ihn, wie er, den
Rcken gegen sie gekehrt, unbeweglich vor dem Spiegel sa. Sie erschrak
ber den Ausdruck seines Gesichts, den ihr der Spiegel zeigte. Sie
nherte sich ihm; er hrte sie nicht. Er hatte den Kopf auf die Hand
gesttzt, und sein Blick war verloren auf das Ebenbild gerichtet. Sein
Auge war voll Schwrze; um die Brauen hatten sich dunkle Entschlsse
geballt wie Wolken um ein Gebirge; aus den Lippen schien eine qulende
Frage unhrbar zu dringen. Agathe schlich davon, und als sie den Flur
erreicht hatte, rang sie stumm die Hnde.

Ein anderes Mal geschah es, da sie ihn, es war mitten in der Nacht, in
der Bibliothek unermdlich auf- und abgehen hrte. Sie lag im Bett,
aber schlafen konnte sie nicht. Je lnger sie dem Gerusch seiner
Schritte lauschte, je wacher wurden ihre Sinne. Endlich erhob sie sich,
umhllte die Schultern, verlie das Zimmer und ging nacktfig die
Treppe hinauf. Leise pochte sie, denn sie wollte ihn nicht berfallen,
aber als sie die Klinke herabdrckte, merkte sie, da die Tr verriegelt
war. Im selben Augenblick erlosch der Schein in den Ritzen und Spalten,
und drinnen wurde es still. Kein Zweifel, da er das Klopfen gehrt, und
da er wute, Agathe sei es, die vor der Schwelle stand. So gengt also,
dachte Agathe, das Bewutsein meiner Nhe, um ihn mit Furcht zu
erfllen, mit Furcht und mit solchem Abscheu, da er die Lampe ausblst,
um mich zu verscheuchen.

Am andern Morgen bergab sie das Kind der Pflege ihrer Wartefrau und
fuhr zu ihrer Schwester nach Eggenberg. Ihrem Gatten hinterlie sie ein
paar Zeilen, des Inhalts, da sie Sehnsucht nach der Schwester empfinde
und sich fr die Reise um so leichter entschlossen habe, als sie
annehme, da er ihrer nicht bedrfe und eine Trennung von acht oder zehn
Tagen ihm in seiner gegenwrtigen Verfassung vielleicht willkommen sei.
Sie lebte bei Schwester und Schwager wie in einem peinvollen Exil, doch
stellte sie sich vllig harmlos, und kein Wunsch, drohende Gefahren zu
errtern, war ihr anzusehen; es widersprach dem Grundgefhl ihrer Natur,
eine Sache vor andere Ohren zu bringen, die einer nur mit sich selbst
und seinem Partner ausmachen kann. Indessen wartete sie von Tag zu Tag
auf Nachricht; eine ihr eigentmliche Halsstarrigkeit hinderte sie
daran, die Frist zu brechen, die sie sich selbst gesetzt, und als sie
nach Verlauf von eineinhalb Wochen wieder in Erfft eintraf, erfuhr sie,
da Sylvester schon vier Tage vorher abgereist war. Er hatte Adam Hund
mitgenommen, seinen Diener aus frheren Jahren, den er nach seiner
Verheiratung mit einer Aschaffenburger Bierbrauerstochter als Verwalter
in Dudsloch angestellt hatte.

Kein Brief, kein Zeichen meldete ihr, wohin er sich gewandt. Frau
sterlein, Silvias Pflegerin, erzhlte, er sei in der Nacht zuvor an das
Bett des Kindes getreten, habe es aus den Polstern gerissen und an seine
Brust gedrckt; Silvia habe jedoch fest geschlafen und von dem
Zwischenfall nichts in Erinnerung behalten. Fast gleichzeitig bekam
Agathe eine Post des Wrzburger Bankhauses, worin ihr ordnungsgem
mitgeteilt wurde, da Herr von Erfft die Summe von zweitausend Talern
behoben habe.

Agathe begab sich in ihr Zimmer, setzte sich hin und whlte die Stirn
in die Winkel beider Arme wie in ein Versteck. Sie schmte sich vor dem
Mittagslicht, und die erste Frage an ihr Inneres war, welchen Makel sie
auf sich geladen, welche Snde sie unwissentlich begangen haben knne.
Sie war bereit, jeden Fehler in sich selbst zu suchen und htte sich
eines Verbrechens bezichtigt, wenn sie es nur zu entdecken vermocht und
dadurch Klarheit erlangt htte. Das Herz, das ihr am teuersten war, in
geheimnisvoller Weise umschleiert zu wissen, dnkte ihr unertrglich.
Desungeachtet bewahrte sie vor den Leuten ihre Haltung, und kein
Spherauge war imstande, hinter den wohlwollend ernsten Zgen den
nagenden Kummer zu bemerken.

So verging eine Woche. An einem Nachmittag stand Agathe im Hof und
sprach mit dem Inspektor, da kam der Bote und reichte ihr einen Brief.
Ohne zu sehen, sprte sie, da der Brief von Sylvester war. Diesmal
versagte die Selbstbeherrschung: ihre Hand zitterte, ihr Gesicht
erbleichte. Sie eilte ins Haus; im Wohnzimmer mute sie sich an die
zugeworfene Tre lehnen und die erregte Brust erst ausatmen lassen, ehe
sie die Briefhlle aufri. Dann las sie, und ihre angespannte Miene
wurde mit jeder Sekunde ruhiger, aber auch verwunderter.

Der sonderbare Mann schrieb ihr, als ob es die natrlichste Sache von
der Welt sei, da er sich fern von Haus und Hof befand und als ahne er
nichts von Agathes Herzensunruhe. Er wute seine Mitteilungen in einen
anmutigen Stil zu kleiden; es war seine vorzgliche Gabe von jeher
gewesen, aber nie frher und nie mit solchem Recht hatte Agathe dieser
Gewandtheit so tiefes Mitrauen entgegengesetzt; die glatten und
schmuckhaften Wendungen erschienen ihr wie Lgen, und sie bedurfte der
Mhe groer Selbstberredung, damit die festgegrndete Achtung sich
nicht verringerte, die sie gegen Sylvester hegte. Er schrieb ihr von
gleichgltigen Bekannten, die er getroffen, von der Familie des
Prsidenten, wo er diniert, von der Einladung des Groherzogs, nach
Karlsruhe zu kommen, von seiner Reiselust, von einem schlechten
Theaterstck das er gesehen; dann fuhr er fort: Ich bewohne zwei elende
Zimmer im Gasthof, hoch oben im dritten Stock, denn wegen der Nrnberger
Messe ist alles berfllt. Doch hat mir dieses Ungemach zu einem kleinen
Abenteuer verholfen. In dem Fenster gegenber ist eines Abends ein
junges Mdchen aufgetaucht. Wir haben einander in die Augen gesehen wie
zwei Wesen von verschiedenen Sternen. Sie ist mehr als jung, das Blut
in ihren Adern singt vor Jugend; dabei ist sie melancholisch wie alle
Aufwachenden, mit ihren schwarzen Judenaugen klagt sie mir das Leiden
von vielen Geschlechtern, und ihre Gebrden sind unbeholfen wie bei
Gefangenen. Wenn ich mit de Vriendts Schach spiele, denke ich an sie,
wenn ich durch die den Sle der Residenz gehe, um meine geliebten
Tiepolos anzusehen, begleitet sie mich wie eine flehende Sklavin. Rtst
du mir, sie zu verfhren, Agathe? Sie zu verfhren, nur um sie
loszuwerden? Ich wei, du legst auf eine Treue kein Gewicht, die sich
nur um des Scheines willen behauptet. Du hltst ja wenig von den
Sinnenfreuden, zu wenig vielleicht, um mich ganz zu verstehen. So weit
ich Tier bin, duldest du mich, deine Nachsicht ist zu berirdisch, als
da sie mich nicht demtigen sollte.

Agathe lie das Blatt sinken und ihre Augen trbten sich gedankenvoll.
Das klang wie Ironie; fr Ironie fehlte ihr das Verstndnis. Nach einer
Weile las sie weiter: Ich war nie der Ansicht, da Blutstrieb ein
Brandmal der Kreatur sei. Soll ich meinen Gelsten eine Larve
aufstecken, mit der sie heuchlerisch in mein Leben grinsen? Liebe ist
etwas sehr Weihevolles, aber auch etwas sehr Irdisches, und wir mssen
nicht frchten, gemein zu werden, wenn wir unschuldig genug sind,
unsern Krper zu achten. Ich mache mir nichts aus der schmachtenden
Orientalin, ich mache mir aus keiner was, es ist nur Begehrlichkeit, und
nur lahme Seelen sind begehrlich. Meine Seele ist lahm, Agathe, sie mu
geheilt werden. Ich werde meinen Aufenthalt verndern. Wohin ich gehe,
kann ich noch nicht sagen; wann ich zurckkehre, kann ich auch nicht
sagen. Hab Geduld und vergi fr einige Zeit deinen Sylvester.

Es war Agathe zumute, als fliee Quecksilber ber ihre Finger. Sie fate
nicht die Worte; aus einem vertrauten Antlitz sprach eine unbekannte
Stimme; ein bser Geist tuschte die Gestalt eines Freundes vor. Er ist
krank, fuhr es ihr durch den Sinn, und da nun Silvia mit gro fragenden
Augen vor sie hintrat, als ahne das Kind den Schmerz und Zwiespalt der
Mutter und fordere stumm eine entscheidende Handlung, beschlo sie zu
ihm zu gehen. Es war Abend geworden, als sie diesen Vorsatz gefat
hatte, sie schickte zum Inspektor hinber und bestellte den Wagen. Am
andern Tag, in ziemlich frher Morgenstunde, fuhr sie in die Stadt.

Es war um eine Stunde zu spt.

       *       *       *       *       *

Agathe stammte aus einer angesehenen Adelsfamilie, die im Nassauischen
begtert war. Ihr Vater hatte lange Zeit in Frankreich gelebt, hatte
dann in Deutschland ttigen Anteil an der Revolution genommen und war in
den Mrztagen durch einen unglcklichen Schu gettet worden. Sie war
die jngste unter sieben Schwestern, die man wegen ihrer Schnheit die
Plejaden nannte. Ihren Gatten hatte sie bei einem Hofball in Darmstadt
kennen gelernt, Sylvester stand damals im achtundzwanzigsten Lebensjahr.
Er hatte nicht die Absicht, zu heiraten. Er hatte ein Vorurteil gegen
die Ehe, das ihm berechtigt schien, weil es durch vielfache Erfahrung
und mancherlei Einblick in das Eheleben anderer Menschen erzeugt und
erhrtet worden war. Er wollte seine Freiheit nicht verlieren; er hatte
Angst davor, an ein Haus, an eine Stube, an einen Tisch gefesselt zu
werden; er wnschte nicht, seine Selbstbestimmung einzuben; er trug
kein Verlangen nach Familienfrieden und ungestrter Idylle, er war zu
sehr an die Aufregungen des Ungefhrs, an die Zuflle und
Abenteuerlichkeiten des Umherschweifens gewhnt. Er hatte viel von der
Welt gesehen, aber doch nicht genug, die Lockrufe in ihm waren noch
nicht verstummt. Dies alles sagte er Agathe. Er sagte ihr, da er nicht
fr sich brgen knne.

Allein Agathe wute ihn zu berzeugen, da eine gemeinschaftliche
Existenz mit ihr zu seinem Glck ausschlagen werde, und je lnger er sie
kannte, je mehr war er geneigt, ihr zu glauben. Er nahm eine Art von
Tatkraft in ihr wahr, die er noch an keinem menschlichen Wesen bemerkt
hatte. Es war die Tatkraft gewisser Pflanzen, die aus zartesten Anfngen
zu einer unwiderstehlichen Gewalt emporwachsen, mit der sie Abgrnde
berbrcken und Felsen zerreien. Dieser nicht zu beirrende Wille machte
ihn zum Untertan Agathes, ohne da er es wute. Er bewunderte sie, ohne
es zu wissen. Sie konnte ihn einfach rauben, denn der Widerstand, den er
ihrer Liebe entgegensetzte, hatte seine Quelle in einer sonderbaren
Furcht vor ihr, Furcht vor ihrer Entschlossenheit, vor ihrem Mut, ihrer
naiven Leidenschaft und dem strmischen Tempo, in dem sich ihr Geist und
ihr Herz bewegten, lauter Dinge, denen er sich nicht gewachsen fhlte.
Er war nicht stark in Handlungen, nicht einmal in berlegungen, nur
seine Eindrcke waren von groer Tiefe und Unvergelichkeit. Sie liebte
ihn mit dem ganzen Ungestm ihrer Natur. Er lie sich von ihr lieben,
und an diesem Punkt begann seine Schuld. Obwohl er ihre Liebe erwiderte,
gab er sie nicht freiwillig her, sondern er gewhnte sich so daran,
sein Gefhl erobern zu lassen, da er vllig passiv wurde und jeden
Zoll zu bezahlen versumte. Sie verlebten glckliche und reine Tage,
aber Agathe bemerkte nicht, da sie ihrem Mann bequem wurde. Sie schien
ihm zur Gefhrtin auserlesen, ja er sah in ihr das Wunder einer
Gefhrtin, aber mit der Zeit wurde ihm dies selbstverstndlich. Sie lie
ihm nichts zu erraten brig, sie enthllte sich in jedem Augenblick, und
in jedem Augenblick ohne Rckhalt und ohne Vorbehalt. Wre sie nicht so
reich erschaffen worden, in seiner Nhe htte sie bald verarmen mssen,
denn alles was in ihm schenken und bauen konnte, wurde ihr gegenber
stumm und lustlos. Trotzdem war ihm ihre Gesellschaft unentbehrlich, die
Jahre gingen hin, die aufwachsende und zum Menschen werdende Silvia
kettete sie noch fester aneinander, bis eines Tages eine Unruhe in
Sylvester erwachte, ber die er sich lange keine Rechenschaft geben
konnte.

An einem Morgen fing es an, als er in ihr Schlafzimmer trat. Agathe sa
vor dem Spiegel und frisierte sich. Dieses Schauspiel habe ich schon
viele tausendmal gesehen, zuckte es Sylvester durch den Kopf. Agathe
begann von Wirtschaftssorgen zu sprechen, und er hrte nicht den Sinn
ihrer Worte, sondern nur den Klang ihrer Stimme. Und irgend etwas in
dieser Stimme, sei es der bekannte Tonfall, sei es die bekannte Folge
der Worte, erbitterte ihn in einer hchst ungerechten und sein eigenes
Gefhl beleidigenden Weise. Er wartete, welche Bewegung sie machen wrde
und riet im stillen, da sie den Kopf an einer genau von ihm bestimmten
Stelle fassen und auf die linke Hand sttzen wrde. Es geschah so, und
seine Erbitterung verwandelte sich in Widerwillen. Er sah ihre auf den
Sthlen liegenden Kleider, die Schuhe, Bnder und Wschestcke, und
jeder einzelne dieser Gegenstnde vermehrte seinen unheimlichen Ha. Die
Decke ihres Bettes war zurckgeschlagen, und der Geruch des
Frauenkrpers, der dem Linnen zu entstrmen schien, erweckte keine
Begierde oder Zrtlichkeit mehr in ihm.

Von jener Stunde an wuchsen Unlust und Unzufriedenheit bestndig in
seinem Innern. Da sie darunter litt, blieb ihm nicht verborgen, und er
freute sich dessen; ihm war, als msse er Rache an ihr ben, ihm war,
als htte er durch Agathe seine Jugend verloren, als wre sie die Diebin
seiner Illusionen und seiner Hoffnungen. Die zehn Jahre, die er an ihrer
Seite verbracht, erschienen ihm wie ebenso viele Jahre der Verbannung
und der Kerkerhaft. Eine schreckliche Angst vor dem Altwerden packte
ihn, und der Spiegel wurde ihm zum Zeugen der Zerstrung. Der Anblick
der Furchen auf seiner Stirn und der Unebenheiten seiner Wangen
verfinsterte seinen Geist, und oft, wenn er ber den Vernichter
grbelte, der so tckisch unter der Epidermis whlte, ber dies langsame
Hinschwinden und Niederbrennen, erfate ihn eine qulende, aber in ihrem
innersten Kern beglckende Sehnsucht, die er anfangs nicht zu betuben
versuchte.

Eines Nachmittags sa Agathe mit der kleinen Frau des Inspektors
zusammen. Sie schwatzten ber Frauensachen, Sylvester hatte am Tisch
Platz genommen und las in einem Buch; bisweilen blickte er zu den beiden
hinber und da bemerkte er, da die kleine Inspektorin ebensooft einen
raschen, erkundenden Blick auf ihn warf. Er beobachtete sie schrfer,
und sie sprte es sofort, denn sie versteckte die Fe unter dem Kleid,
und Schultern und Arme zeigten jene koketten halben Bewegungen, die zu
gefallen berechnet sind. Es lag darin etwas Belebendes fr Sylvester.
Die sinnliche Strmung, die zwischen ihm und dem fremden Weib entstanden
war, machte ihn feurig und froh. Er erhob sich und ging an den Frauen
vorber, und er tat es nur deshalb, damit er im Vorbergehen mit seinem
rmel das Gewand der Inspektorin streifen konnte; in der Sekunde, in der
es geschah, glaubte er sie zu besitzen; in derselben Sekunde wurde ihm
auch bewut, da er fort mute, fort von Agathe und dem Kind, da er
dadurch seinen Untergang vielleicht herbeifhren wrde, da aber sein
Bleiben diesen Untergang nicht verhten knne. Er stellte sich dann
hinter Agathes Stuhl, Agathe schaute zu ihm empor, und sie lchelte
vergngt, weil sie ihn lcheln sah. Aber sein Lcheln galt nicht ihr, es
galt der andern, die auch zu ihm aufblickte. Und obwohl ihm Agathes Zge
vertraut und angenehm vertraut waren, da ihre Art zu sprechen, zu
denken, zu lachen, zu weinen ihnen die ihm allein entrtselbaren
charakteristischen Formen verliehen hatte, obwohl ihr Antlitz ihm wie
ein Gef voll zarter und heiliger Erlebnisse war, die sein Dasein
verndert und verschnert hatten, hingen seine Gedanken und Empfindungen
doch an dem gewhnlichen und leeren Gesicht der Fremden, die nichts
weiter als hbsch war, hbsch, jugendlich und unbekannt.

Er hatte danach die Inspektorin weder gesprochen, noch hatte er das
flchtige Spiel zum zweitenmal anzufangen versucht. Aber er hatte sich
selbst begriffen. Er sah ein Gleichnis fr seine Not. Jemand will eine
Reise antreten; auf dem Weg zum Bahnhof begegnet ihm ein Freund, der ihm
die Reise dringend widerrt; die Gesellschaft des Freundes entzckt
ihn, sie verbringen Tage, Wochen, Jahre miteinander, endlich aber
schlgt dem Zurckgehaltenen das Gewissen; war es gleich kein bestimmter
Auftrag, der ihn einst zu der Reise veranlat, so war es doch sein
innerer Trieb; ihm ist, als sei er sich selber ungehorsam gewesen, als
habe er sich selbst betrogen; ihn peinigt der Gedanke an die Schnheit
der Landschaften, die er nicht gesehen hat, an die Mglichkeiten und
Aussichten, die ihm entgangen sind, und mag sein gegenwrtiges Glck
noch so gro sein, das Gefhl des unwiederbringlichen Verlustes wird ihn
nicht zur Ruhe kommen lassen.

Sylvester wollte noch einmal frei sein. Wei ich denn, an welchem Tag
sich die Pforte hinter mir schlieen wird? fragte er sich. Wei ich
denn, was mich hinschleudern, kraftlos, wunschlos, mde machen wird? Ihm
tauchten Bilder auf von mannigfacher Lockung. Es riefen ihn Stimmen von
allen Seiten. Er wollte leben, ohne Ziel und ohne Ma leben. Nicht der
Luxus der Stdte, nicht Feste und Geselligkeit zogen ihn hin; es kam wie
von einem Traum. Ergreifen und ergriffen werden waren Worte, vor denen
er wie vor einem Urwald stand. Wenn er an die unendlichen Gestaltungen
des Lebens dachte, berlief ihn ein Schauer, den er seit seiner Jugend
nicht mehr versprt hatte. Er taumelte dahin und suchte Platz. Die
Vielzahl der Wege berckte seine Augen. Eine wechselvolle Erwartung
strmte wie Brandung in ihm. Es muten nicht nur lchelnde Gesichter
sein, auch Trnen zu sehen war er bereit. Schon ahnte er, wie sein Herz
verstrickt wurde; noch ist es nicht zu spt, sagte er sich, noch ist der
wunderbare Magnetismus in mir, den ich verloren zu haben gefrchtet. Und
darauf eben kam es an. Dies war zu erproben. Seine Seele war erfllt von
einer Schar bunter Genien; wenn er im Walde ging oder einsam lag und vor
sich hinsann, gewahrte er Frauen und Mdchen mit schnen Augen und
schnen Haaren; sie warteten auf ihn; jede war in einer
stillbeschlossenen Bewegung; jede beglckte ihn durch ihre eigentmliche
Weise, zu sein. Aber auch die Wirklichkeit hatte einen neuen Zauber fr
ihn gewonnen: eine, die am Brunnen stand und Wasser schpfte; eine, die
am Fenster ihrer Kammer sa und zum Mond emporschaute; eine, die hinterm
Zaun auf ihren Geliebten wartete; eine, die verschleiert in einem Wagen
zur Kirche fuhr; eine, die vor seinem Blick errtete und sich dann
niederbeugte, um ihr Schuhband zu knpfen. Jede hatte ihr Geheimnis; die
Augen einer jeden Frau waren geheimnisvoll; er liebte ihre Augen bis zum
Schmerz; jedes Auge war ihm eine unerforschte Welt; dies war das
Gttliche, das Geisterhafte; aber das Sinnliche, das Nahe waren ihre
Hnde, sanfte, stolze Wesen fr sich, sonderbar entkleidet, herrlich
gegliedert, unbewut die gehtetsten Regungen verratend.

Sein Herz verschmachtete nach Zrtlichkeit, denn es war ihm klar
geworden, da er die Leidenschaft nicht kannte. Er hatte geliebt, oft
und heftig; er hatte als junger Mann vieles Ungewhnliche erlebt an
Begegnungen, an Hingabe, manche Stunde der Gnade und der Lust, manche
Wochen des Rausches, manche Nacht jener halb gern gelittenen Leiden, die
traurig und erfahren machen, aber ein Gefhl, das alles bisherige Leben
ttet und ein neues dafr schafft, das auflst und sammelt in einem
Atem, von dem jeder zu wissen scheint und zu welchem doch nur Gottes
Lieblinge erwhlt werden, das kannte er nicht. Er wollte es kennen
lernen. Und wenn er heimkehren mute, ohne es gefunden zu haben, dann
wute er wenigstens, da es ein solches Gefhl fr ihn nicht gab.

       *       *       *       *       *

Die junge Jdin erschien immer zu einer bestimmten Stunde des Abends am
Fenster. Die Gasse, die Sylvester von ihr trennte, war nicht zwei
Armlngen breit. Man mute nur vermeiden, sich ber das Sims zu beugen,
dann konnte man von den tief unten gehenden Menschen nicht gesehen
werden. Nachbarn waren nicht zu frchten; auf der einen Seite endeten
beide Huser im Straeneck, auf der andern erhob sich ein Torturm.

Der von einer Lampe erhellte Raum, in den Sylvester tglich schauen
konnte, hatte grne Tapeten; an der gegenberliegenden Wand hing das
Bildnis eines alten Mannes, der einen goldnen Becher in der Hand trug.
Sylvester hrte, wie drben die Uhr tickte; auf ihrem geschweiften
Mahagonigehuse stand ein alabasterner Adler mit ausgebreiteten Flgeln.

Schon am ersten Abend hatte Sylvester das Mdchen beobachtet. Schweren
Herzens war er im dunklen Zimmer herumgegangen, zu vergessen gewillt,
da er ein Haus auf dem Rcken schleppte und da ein Weib ihm folgte,
unfhlbar fesselnd; da sah er wie in einem Panorama durch die beiden
geffneten Fenster beider Huser die an den Tisch hingelehnte Gestalt;
eine Hand, die den Kopf sttzte, lag im schwarzen Haar vergraben, das
Gesicht hatte einen Ausdruck von trumerischem Enthusiasmus, aber die
feuchten Augen besaen die Glut einer Nonne, die sich mitten im Gebet
an eine sndhafte Vision verliert.

So sehen sie aus, dachte Sylvester, die Schlferinnen, wenn das Seelchen
zwischen Jubel und Qual seiner selbst inne wird. Ein Weib zu belauschen,
das sich allein whnt, das heit, der Natur ihr am meisten bewachtes
Geheimnis zu entreien, dachte er weiter; wie nackt ist solch ein
Seelchen, wie menschenhaft! Bittet und lockt, wenn das Schicksal
schweigt, und zuckt und wimmert, wenn es spricht. Er war versucht, sie
anzurufen.

Eine leichte Unruhe in den Zgen des Mdchens belehrte ihn ber die
Kraft, die der ungewute Blick eines andern auszuben vermag. Sie erhob
sich pltzlich und ging zum Fenster, um es zu schlieen. Ihr Krper war
enttuschend klein, in der Senkung der Schultern verriet sich
Zaghaftigkeit als eine gewohnte Last. Sylvester beugte sich ber die
Brstung, und das Mdchen stie einen hauchenden Schrei aus; es duckte
den Kopf und starrte in das jh emporgetauchte, unbestimmt erhellte
Gesicht des fremden Mannes. Aber er haschte frmlich nach ihr, er hielt
sie fest durch Blick und Willen. Er redete; er wute, da er nicht laut
sein durfte; in zwei Stzen erriet er sie ganz, ihr Leben, ihre
Wnsche, ihre Trume, und sie, nicht ahnend, wie leicht dies sei,
umklammerte mit den Fingern den Fensterpfosten und staunte ihn gro an.
Die nie Umworbene braucht nur begehrt zu werden, und sie begehrt selbst;
sie gleicht dem Schlafwandler, der beim ersten Laut aus Menschenmund
sich gefangen gibt; ihre Liebe ist Vorrat, ihre Hingebung der Fall einer
reifen Frucht, ein Abenteuer verleiht ihr Bestimmung.

Den Mut zu antworten fand sie noch nicht. Aber es folgten andere Abende.
Sie war immer zu dieser Stunde in der Wohnung allein. Sie ging zum
Fenster wie ein Hungriger zur Mahlzeit. Sie fragte nicht: wer bist du da
drben? sie glaubte an den unerwartet Erschienenen blindlings.
Vielleicht hielt sie ihn fr einen jungen Menschen, doch um sie zu
tuschen, htte es der Dunkelheit kaum bedurft, sie sah nur, wonach sie
verlangte. Ihre Ausdrucksweise war der eines Kindes hnlich, ihr
Vertrauen zur Welt war durch den Argwohn eines tyrannischen Vaters nur
um so schrankenloser geworden. Sie hie Rahel und sie war achtzehn Jahre
alt. Ihr Vater war ein Antiquittenhndler, und so lange Rahel denken
konnte, lebte er einsam mit ihr in diesem schmalen, hohen und finstern
Haus. Ihre Mutter hatte sie nicht gekannt, sie wute nichts von ihr,
der Vater sprach nie von ihr. Whrend des Tages mute sie bei ihm
drunten im Laden bleiben; hinter dem Laden war eine kleine Kche, und
dort kochte sie. Es war ihr verboten mit den Menschen zu reden. Wenn es
dunkel wurde, sperrte der Vater den Laden zu, schleppte seine Geldtruhe
ber die drei Stiegen hinauf, und dann ging er zum Gottesdienst. Seine
Furcht vor den Menschen grenzte an Wahnsinn. Zitternd lag er in seinem
Bett, wenn des nachts die Trunkenbolde auf der Strae lrmten, und stets
verzerrte sich angstvoll sein Gesicht, wenn der Bcker am Morgen die
Hausglocke zog. Er bewachte jeden Blick und Atemzug der Tochter; als sie
einmal einem Vorbergehenden, der sie um den Weg gefragt, Auskunft
erteilt hatte, kauerte er bei ihrer Rckkehr in den Laden in seinem
Polsterstuhl und heulte dumpf in sich hinein, so da sie mit
Beteuerungen und ihren eigenen Trnen seinen Kummer stillen mute. Ohne
seine Begleitung durfte sie nicht ber die Strae gehen, und er geriet
schon in Unruhe, wenn sie die Augen aufschlug. So war ihr die Welt zum
verbotenen Fest geworden, und wenn es eine Ungeduld gibt, die Ketten
sprengen und Kerkermauern strzen kann, die ihre war von solcher Art.

Die abendliche Fensterstunde war schon Erlsung; das Beisammensein mit
der Strae als Abgrund dazwischen reizte Sylvester zu verwegenen Plnen;
Rahel lie sich gengen, bis sie die schrenden Worte des Freundes
besser begriff. Ihr war ja das Wort noch neu; es mute keimen, vom Mund
zum Ohr konnte es noch nicht Beute der Sinne werden, aber von der Nacht
zum Morgen schlug es Wurzeln, und dann kam sie erglht wieder. Sie war
ohne die Gabe der Verstellung; ihre Freude, ihre Hoffnung, ihr
Erstaunen, alles prgte sich in frische Mnze des Ausdrucks um; wenn er
ihr Blumen hinberreichte, wurde sie stumm und bleich vor Dank, und
sogleich malte sich die Ratlosigkeit in ihren Zgen, wie sie das
Geschenk vor den Augen des Vaters verbergen knne.

Einmal brachte er ihr rote Rosen; sie geriet auer sich; sie hatte nicht
gewut, da man im November Rosen haben knne, und sie schaute ihn an
wie einen Zauberer. Mit einem fast verstrten Entzcken fragte sie
wieder, wohin sie damit solle; Sylvester sagte, sie mge sie unter das
Kopfkissen ihres Bettes legen, doch eine, bat er, mge sie an ihrer
Brust bewahren. Sie nickte, und ein Lcheln huschte ber ihr Gesicht; da
verlangte er, da sie es vor seinen Augen tun solle, aber sie fragte
verwundert, weshalb er dies wnsche. Er antwortete nur, indem er seine
Bitte dringlicher wiederholte. Rahel schttelte betrbt den Kopf. Nun
stellte sich Sylvester verletzt, und sie, mit erstickter Stimme,
beschwor ihn, von solcher Forderung abzulassen. Er entgegnete kalt, ob
sie an ihrer Schnheit zweifle, er selbst msse zweifeln, weil sie sich
so ziere, und sogleich machte er Anstalten sich vom Fenster zu
entfernen. Als sie sah wie ernst es ihm schien, war sie bereit, ihm zu
willfahren, und obwohl ihr anzumerken war, wie sie sich vergebens mhte,
den Sinn seines Willens zu ergrnden, ffnete sie ihr Gewand und steckte
die erblhteste unter den Rosen zwischen das Hemd und den Krper.

Sylvester gewahrte die weie Haut; dunkel bewegt faltete er die Hnde
gegen Rahel. Endlich verstand sie ihn. Wie ein Licht strahlte es aus
ihren Augen, in dieser Sekunde erwachte das Weib in ihr. Es drngte sie,
seine Hinneigung, von der sie Gewiheit zu haben glaubte, zu belohnen
und ihm durch eine Tat zu beweisen, da sie sie verdiene; da streifte
sie mit einer keuschen Lssigkeit Kleid und Hemd vllig von den
Schultern und der Bste herunter und stand vor ihm wie eine Herme aus
Opal. Es sah aus, als ob der Lampenschein ihren Leib durchglhe, und die
schne Rose, deren Stengel noch innen hinter dem Grtel festgehalten
war, glich zwischen den weien Brsten einem Wundmal. Ein s
bescheidener Triumph lag in ihrer Haltung, und whrend Sylvester sie
regungslos anschaute, grte sie ihn mit einem fast mtterlichen Neigen
des Hauptes, dann schlo sie das Fenster und zog die Gardine zu.

Es wird Zeit, dies Gespinst zu Ende zu spinnen, sagte sich Sylvester in
einer angenehmen Trunkenheit; es soll mich nicht fesseln, es soll mich
nur beschftigen. Am andern Abend warf er ihr ein Briefchen hinber,
dessen sorgsam berechnete Leidenschaftlichkeit Rahels Herz entflammte.
Komm zu mir, hatte er geschrieben, komm, wenn es Nacht ist, komm zu
einem Durstigen, du selbst Verschmachtete. La mich nicht unwrdig um
dich betteln, Glck ist ein schnellbeleidigter Gast, nur einmal wirft es
dir den goldnen Schlssel auf den Weg. Keine Reue ist brennender als die
um das Versumnis. Das Schicksal prft dich, sei nicht sparsam mit dir,
sonst rcht es sich durch einen Geiz, der dich fr immer zu fruchtloser
Sehnsucht verdammt. Komm, ich warte. Nenn' am Tor meinen Namen, frag'
nach meinem Diener, er soll dich ber die Treppen geleiten.

Den Abend darauf stand er wieder am offenen Fenster. Ein kalter Regen
fiel. Vom Dom schlug es sieben, es schlug viertel und halb acht, und die
dumpfen Schritte der auf der Gasse Gehenden klangen sprlicher. Rahels
Fenster blieb geschlossen. Will sie mir nicht einmal Antwort geben?
dachte er zornig, und er fhlte wieder jenen bleiernen berdru in sich
aufsteigen, der ihn solange beherrscht hatte. Aber jetzt knarrte hinter
ihm die Tre seines Zimmers. Er wandte sich langsam um. Die Lampe war
nicht angezndet, es flackerte nur eine Kerze auf dem Tisch. In dem
entstehenden Luftzug wehte der Vorhang wie eine Fahne weit ins Zimmer
hinein. Rahel schritt zgernd ber die Schwelle, machte leise die Tre
zu, blieb dann stehen und drckte die Hnde gegen die Brust. Sie heftete
die Blicke auf den Boden, und ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von
Tiefsinn und Verlorenheit.

Sylvester ging auf sie zu und schlo sie in seine Arme. Sie wagte ihn
anzusehen; ihre Augen schienen zu flehen: sag' mir, wer du bist. Er
sprte den warmen Krper unter dem Gewand, er sprte das zrtlich
ungestme Blut, doch in seine Freude mischte sich eine wunderliche
Trauer, und je lnger er sie hielt, je khler wurde ihm ums Herz.
Nachdenklich strich er mit der Hand ber Rahels Haar, und ebenso
nachdenklich kte er die Schaudernde auf die Stirn und auf die Augen;
pltzlich lauschten beide erschrocken. Vom Flur herein drangen
streitende Stimmen. Gleich darauf wurde die Tre mit Heftigkeit geffnet
und ein alter Mann mit einem weien Bart trat ein.

Bei seinem Anblick duckte sich Rahel; ihr Kopf fiel wie gebrochen gegen
die Brust. Sylvester wollte den Eindringling zur Rede stellen, aber er
begegnete einem Blick voll solcher Raserei, da ihm der Mut verging und
er sich nur mit einer fragenden Miene an seinen Diener Adam Hund wandte,
der mit philosophischem Ernst auf der Schwelle stand und einem
Wachtposten glich, dem man zu seiner Verwunderung das Gewehr weggenommen
hat. Eine Magd und ein Kellner hatten sich in den stattgefundenen
Wortwechsel gemengt und sphten neugierig ins Zimmer.

Eine Weile betrachtete der alte Mann stumm seine Tochter. Die unzhligen
Falten in seinem Gesicht sahen aus wie Striche auf einem radierten
Blatt; die weien Haarringeln, die von der Stirn herabfielen, waren na
vom Regen. Auf einmal packte er das Mdchen bei den Haaren und warf es
nieder; Sylvester und Adam sprangen herzu, aber er rollte die Augen wie
ein Wahnsinniger und stie mit den Fen nach ihnen. Mit einer Kraft,
die ihm niemand zugetraut htte, schleifte er Rahel an den Haaren zum
Zimmer hinaus, ber den Flur, ber die Stiege hinunter, so da man die
Schuhe der Unglcklichen auf den Stufen klappern hrte, schleifte sie
drunten an einigen Leuten vorbei, die versteinert zuschauten, weil das
Entsetzliche des Vorgangs jeden Entschlu lhmte, schleifte sie ber den
Gang bis zum Tor und dann noch ber die Strae in sein Haus. Whrend
alles dies mit ihr geschah, hatte das Mdchen nicht einen Laut hren
lassen.

Zu spt gewann Sylvester Besinnung und berlegung zurck. Als er die
Treppe hinuntergerannt und vor dem Haus des Hndlers angelangt war,
hatten sich ungeachtet des strmenden Regens eine Menge Menschen in der
engen Gasse versammelt. Sylvester rttelte an der Tr, sie war
verriegelt. In seiner Erregung forderte er die Umstehenden auf, da sie
ihm helfen mchten, das Schlo zu sprengen, doch keiner folgte seinem
Gehei, spttisch und finster sahen sie ihn an. Da kehrte er um, und als
er ber die Stiege hinaufging, fand er einen von Rahels Schuhen dort
liegen. Er hob ihn auf und nahm ihn mit. In der Wohnung des Juden blieb
es den ganzen Abend ber dunkel. Niemals erfuhr Sylvester, auf welche
Weise der Alte von Rahels Flucht unterrichtet worden war, ob sie ihm
selbst einen Hinweis gegeben, ob ihr Gefhl und Trieb sie verraten, ob
er die Gefahr mit dem Instinkt der Argwhnischen gewittert und sie
heimlich beobachtet hatte, ehe sie selbst noch gewut, was in ihrem
Innern vorging.

Sylvester benutzte einen Teil der Nacht dazu, um seine Koffer zu packen.
Am andern Morgen reiste er ab.

       *       *       *       *       *

Als Agathe in der Stadt ankam, blieb ihr die Beschmung nicht erspart,
von den Hotelbediensteten erfahren zu mssen, da Herr von Erfft
abgereist sei. Kaum brachte sie es ber sich, zu fragen, ob er nicht
eine Adresse hinterlassen habe. Die Antwort lautete verneinend.

Dann stand sie auf der Strae und berlegte. Zum Baron de Vriendts,
befahl sie dem Kutscher.

Der Domherr Baron de Vriendts wohnte in einem alten palasthnlichen
Hause am Residenzplatz. Sie wurde ber eine breite, mit roten Teppichen
belegte Stiege in einen Saal gefhrt und bergab dem livrierten Diener
ihre Karte. Aus einem entfernten Raum tnte das Spiel einer Orgel. De
Vriendts galt fr einen groen Liebhaber der Musik, und man erzhlte
sich, da eine junge Verwandte bei ihm lebe, manche behaupteten auch,
da es eine Fremde sei, ein elternloses adeliges Mdchen, das eine
Virtuosin auf der Orgel war.

In frheren Jahren war de Vriendts hufiger Gast bei Sylvester und
Agathe gewesen; jetzt litt er dermaen am Podagra, da er nicht mehr
sein Zimmer, geschweige denn die Stadt verlassen konnte. Das krperliche
bel hatte auch seiner Umgnglichkeit Abbruch getan; so oft Sylvester in
der Stadt gewesen, hatte er gegen Agathe Klagen gefhrt ber die
zunehmende Verdsterung des einst so lebensfrohen Mannes.

Der Lakai kam zurck und sagte, Hochwrden lasse bitten. Sie ging durch
ein Zimmer, in welchem Kupferstiche hingen und alte geschriebene
Folianten auf schmalen Pulten lagen, und durch ein zweites, in dem sich
eine Mnzensammlung befand. Dann mute sie ber einen Korridor
schreiten, der Diener ffnete die Tr, und eine berheizte Luft schlug
ihr entgegen. Bei ihrem Eintritt hrte das Orgelspiel auf, sie vernahm
einen raschen, leichten Schritt hinter dem Instrument und sah durch den
Spalt einer sich schlieenden Tapetentr ein weies Gewand. De Vriendts
lag in einem Polstersessel; seine Fe staken in dicken Verbnden. Auf
einem Tischchen vor ihm war ein Schachbrett aufgestellt, und die
majesttisch hinrollende Fuge schien ihn nicht daran gehindert zu haben,
die Position auf dem Brett zu studieren. Neben ihm in einem Kfig mit
versilberten Stben hockte ein grner Papagei unbeweglich wie aus Stein;
zwischen dem Kamin und der Tre hingen sechs venezianische Marionetten,
deren bunte Kleider und wilde Gesichter etwas Gespenstisches hatten.
Agathe erschrak bei dem Anblick de Vriendts. Sein Gesicht war
eingefallen und aschfahl; die furchtbare Hlichkeit der Zge wurde nur
durch den Ausdruck des Leidens gemildert. Die Entfleischtheit des Kopfes
bot einen schaurigen Gegensatz zu dem dicken und aufgequollenen Krper,
aus dem hart und laut ein gepreter Atem brach. Agathe mute sich Gewalt
antun, um ihr Entsetzen, in das sich Abscheu mischte, zu verbergen. De
Vriendts lud sie mit einer mhsam liebenswrdigen Bewegung zum Sitzen
ein. Wie jung Sie sind, wie schlank, sagte er mit einer hohlen,
gellenden, angestrengten Stimme, und etwas wie Neid und Ha war in
seinen hchst unruhigen Augen.

Stockend brachte Agathe ihr Anliegen vor und fragte, ob de Vriendts
nicht wisse, wohin sich Sylvester gewandt habe. De Vriendts zog die
Brauen hinauf und erwiderte, er wisse nichts von Sylvester, der seit
vier Tagen nicht mehr bei ihm gewesen sei. Er heftete einen
mitrauischen Blick auf Agathe und fragte ein wenig lebhafter: Ja, ihr
lieben Leute, wart ihr denn nicht glcklich miteinander?

Ich war der Meinung, da wir glcklich seien, antwortete Agathe leise,
aber fr das Glck bin ich vielleicht doch nicht mehr jung genug. Mit
siebenunddreiig Jahren mu eine Frau verzichten lernen, scheint mir.

De Vriendts legte den Kopf zurck und mit gleichgltiger Miene schlo er
die Augen.

An wen knnte ich mich nur wenden? fuhr Agathe ebenso leise fort. Ich
will ja alles hinnehmen, ich will ja warten, aber einen Grund will ich
wissen.

De Vriendts hob jh den Kopf und sah bse aus. Wenn Sie den Weg nicht
scheuen und bles Gerede nicht frchten, dann erkundigen Sie sich doch
bei Ursanner, stie er fast schadenfroh hervor.

Hat er denn mit Ursanner verkehrt? fragte Agathe verwundert.

Nichts natrlicher, als da einer mit dem Teufel anbindet, wenn er von
Gott verlassen ist, versetzte de Vriendts hhnisch.

Agathe versuchte einzulenken. Sylvester war in frheren Jahren sehr
befreundet mit Achim Ursanner, sagte sie schchtern.

Das mag ja sein, jeder Verbrecher war einmal unschuldig, Ursanner
wahrscheinlich auch. Und damit ich's Ihnen nur offen gestehe: als man
mir hinterbrachte, da Sylvester mit diesem Menschen zusammenkommt, habe
ich ihn gebeten, mein Haus zu meiden.

Ein Frsteln lief Agathe ber den Rcken.

Das war der jahrtausendalte, unvershnliche Geist der Kirche, der ihrem
Herzen fremd blieb. Sie beschlo, zu Ursanner zu gehen.

Sie schien zu vergessen wo sie war. Vor den Fenstern lag ein dicker
Nebel, der das Zimmer mehr und mehr verdunkelte. Die Schachfiguren
verloren ihre Farbe und sahen aus wie eine Schar von Gnomen. Es war ein
wunderschnes Elfenbeinspiel; die Trme hatten goldene Fhnchen auf
ihren Basteien.

Unten auf der Strae zogen Soldaten mit dumpfem Gleichschritt vorber.
De Vriendts hatte Agathes Schweigen geschont, weil er ihr Zeit geben
wollte, sich zu sammeln. Nun, da er seiner Christen- und Priesterpflicht
gengt zu haben glaubte, vernderte sich sein Wesen vllig. Sie leben
doch, Frau Agathe, Sie leben, sagte er, und sein Genieermund, der alle
Leckerbissen des Daseins gekostet hatte, wlbte sich gierig-schlaff,
ihr Lebenden wit nicht, was das heit. Ich, sehen Sie, ich habe nur
noch einen Wunsch, ich mchte noch einmal singen hren. Nicht von einem
Mann, Mnner drften eigentlich nicht singen. Auch nicht von einer Frau,
Frauen sind schon zu erfahren, das himmlische Instrument in ihrer Kehle
ist verstimmt. Was ich meine, ist der Gesang vor den Toren des Lebens,
der von Snde und Tod nichts wei, der die Wollust heiligt und das Blut
ser macht. Wenn ich das noch einmal hren kann, will ich meine letzte
Flasche Bocksbeutel entkorken, den ltesten, der so jung und sanft wird
mit der Zeit und will ihn schlrfen, bis sich der kleine Rausch in den
groen Tod verwandelt hat. Er griff nach einer Zeitung, die neben ihm
lag. Haben Sie von Gabriele Tannhauser gelesen?

Von der Sngerin?

Schon nennt man sie die Gttliche. Alle Journale sind voll von ihr.
Morgen singt sie in Karlsruhe. Ich werde hinfahren und wenn man mir
vorher die Beine amputiert.

Agathe hatte ein seltsames Gefhl von Scham. Der ekstatische, ja fast
irre Blick aus den blagrnen Augen des Greises ngstigte sie. De
Vriendts beleckte mit der Zunge seine Lippen, faltete die Hnde und fuhr
mit heiserer Stimme fort: Haben Sie nie die Erfahrung gemacht, da man
eine Blte mit anderen Augen ansieht, als mit blo neugierigen oder
bewundernden, wenn man sie noch in der Knospe gesehen hat? Es mag jetzt
vier Jahre her sein, im Herbst, da fuhr ich von Rom nach Deutschland und
mute in Augsburg bernachten. Am Abend ging ich durch die Straen,
traurig und verstimmt, da komm' ich ans Theater und lese auf dem Zettel,
da 'Lucia di Lammermoor' aufgefhrt wird. Die Vorstellung hat schon
angefangen, ich kaufe mir ein Billett, und mit geringer Erwartung geh'
ich hinein. Das Theater hnelt einem Stall, berall riecht es nach
llampen, kaum hundert Personen sitzen schlfrig herum, und das
Orchester macht einen Lrm, da mir die Ohren weh tun. Nicht viel anders
sieht es auf der Bhne aus, Akteure und Aktricen sind mit schmierigen
Lappen bekleidet und singen zum Steinerweichen. Auf einmal erscheint da
ein Persnchen und erhebt seine Stimme und mir ist, als ob Rom ein bser
Traum sei und Florenz eine Hlle und Deutschland ein Grab. Mir ist, als
juble der seste von allen Engeln ber die Auferstehung der Toten, mein
Herz wird klein und gro, meine Augen fllen sich mit Wasser, die Hnde
zittern mir, und als der Vorhang fllt, wanke ich hinaus und lese auf
dem Zettel: Gabriele Tannhauser. Ich habe sie dann gesehen. Ein
jmmerlicher Bursche, den sie Direktor nannten, hat mich hinter die
Kulissen gefhrt. Sie sa auf einem Pappendeckelfelsen und blickte mich
mit groen, grauen Augen fremd an. Sie konnte nicht lter als achtzehn
Jahre sein. Ich nahm ihre Hand und kte sie und sagte: spter werden
Knige dasselbe tun. Sie erhob sich und ihre Augen leuchteten. Es war
etwas Erschtterndes in diesem zuversichtlichen und zugleich demtigen
Glanz. Ich ging weg wie ein neuer Mensch, und nicht zwei Jahre hat es
gedauert, da klang dieser Name aus der Dunkelheit in die beglckte Welt.
Nun mchte ich sie noch einmal hren.

Agathe schwieg. Sie wute nichts zu sagen. Halb war sie erstaunt, halb
von ihren qulenden Gedanken abgezogen. Sie stand auf und verabschiedete
sich.

       *       *       *       *       *

Sie a bei einer alten Verwandten zu Mittag, schrieb dann mehrere Briefe
und bestellte den Wagen, um nach Randersacker zu fahren. Als sie der
alten Dame sagte, da sie zu Ursanner wolle, bekreuzigte sich diese und
schttelte entsetzt den Kopf.

Achim Ursanner war der Sohn eines Flubaumeisters, eines angesehenen und
in seinem Fach tchtigen Mannes. Seine Mutter war eine Franzsin
gewesen, aber gerade diesem Umstand verdankte er eine fast trotzige
Liebe fr sein Vaterland, fr deutsches Wesen und deutsches Leben. Er
hatte die Rechte studiert und dem Wunsch seines Vaters gehorsam die
Laufbahn eines Staatsbeamten gewhlt. Sein Talent, seine Tatkraft wie
auch einflureiche Verbindungen brachten ihn rasch in die Hhe, und mit
dreiig Jahren war er bereits Kabinettschef im Ministerium. An dieser
Stelle machte er sich zum erstenmal durch ein reformschtiges Treiben
unliebsam bemerkbar, aber je mehr man diese Eigenschaft bekmpfte, je
strker trat sie hervor. Es erregte Aufsehen, als er nach vielen
Bemhungen die Wiederaufnahme eines Prozesses durchsetzte, in dem nach
seiner Meinung ein ungerechtes Urteil gefllt worden war; es erregte
nicht minder Aufsehen, als er in einer Druckschrift gewisse Mngel der
Justiz und der Verwaltung rcksichtslos an den Pranger stellte, und bald
begngte er sich damit nicht mehr, sondern ging dem Schlendrian der
Behrden, der Bestechlichkeit der Beamten, dem Servilismus der
Hofschranzen, der Verbrderung der Profitmacher und der Nachlssigkeit
in der Fhrung ffentlicher Geschfte mit einer solchen Wut und
Bitterkeit zuleibe, da er eines Tages kurzerhand den Abschied erhielt
und der Knig ihm befehlen lie, die Hauptstadt zu meiden. Seine Frau,
eine Mnchener Kaufmannstochter, die er ein Jahr zuvor geheiratet und
die ihn durch Anmut und leichte Lebensart bezaubert hatte, war bei
dieser Nachricht wie aus den Wolken gefallen, denn sie hatte sich um
das, was ihn erfllte und gefhrdete, nicht im geringsten bekmmert.

Es hatte begonnen als ein Funken; vielleicht mit einem rger, vielleicht
mit dem Erstaunen ber eine versumte Handlung der Billigkeit; der
Widerstand, den sein mnnliches Eingreifen erfuhr, hatte ihn erhitzt.
Nach und nach mute er wahrnehmen, da er einem solchen Widerstand
berall dort begegnete, wo er das Unrecht in Recht verwandeln wollte,
da es der Widerstand der Trgen, der Aufruhr der Bequemen war. Jetzt
wurde ihm Lebensziel, was vorher nur Wallung gewesen. Sein ganzes
Inneres entflammte sich gegen eine zerrttete, verdorbene, faulende
Welt.

Er ging in die Heimat. Seine Frau folgte ihm, mivergngt durch die
Aussicht auf dauernde lndliche Langeweile und emprt durch den
erzwungenen Verzicht auf ihre gesellschaftliche Stellung in der groen
Stadt. Die Seinen empfingen ihn kalt. Der Vater grmte sich ber den
Zusammenbruch der Hoffnungen, die er auf den einzigen Sohn gesetzt, zu
Tode; die Mutter war verstndnislos und den Einflssen geistlicher
Berater unterworfen. Ursanner nahm dies alles hin. Er publizierte eine
Rechtfertigung, die eine glhende und beispiellos khne Anklage gegen
die Regierung war. Er nannte sich herausfordernd den Deutschen; die
Deutschen, an die er sich wendete, von Mal zu Mal freier, gesammelter,
bewuter und beredter, denen er den Wurzelfra ihres nationalen Haders,
ihrer Kleingeisterei, ihrer Verlogenheit und Selbstgengsamkeit
aufdeckte, nannten ihn den Feind. Er war so gefrchtet als gehat. Das
Brandmal eines Verrters haftete ihm an, in dessen Seele die heieste
Liebe fr sein Land und fr sein Volk wohnte. Als es gar noch bekannt
wurde, da er mit Ferdinand Lassalle in brieflichem Verkehr stand, dem
Erzketzer und Demagogen, verlieen ihn selbst die wenigen, die bis dahin
wenn auch nicht zu seiner Sache, so doch zu seiner Person gehalten
hatten. Damals hatte sich auch Sylvester von Erfft von ihm zurckgezogen
-- gezwungenermaen, um nicht selbst von seinen Freunden gemieden zu
werden.

Aber es war Achim Ursanner vom Schicksal nicht bestimmt, auf dem geraden
und zweifellosen Wege des geistigen Kampfes zu bleiben. Die Umstnde
rissen ihn ins Kleine und Gemeine und verzehrten dort seine Kraft. Ein
Jahr nach dem Tod des Vaters starb auch die Mutter. Bei der
Testamentserffnung stellte sich heraus, da sie einen Teil des
Grundbesitzes, einen Weinberg und mehrere cker, dem nahegelegenen
Karmeliterkloster vermacht hatte. Achim Ursanner bestritt die Gltigkeit
dieser Schenkung und strengte einen Proze gegen das Kloster an. Sein
Einspruch wurde zurckgewiesen; er appellierte; er brachte Zeugnisse
bei, die klrlich bewiesen, da seine Mutter in ihren letzten
Lebenstagen in getrbter Geistesverfassung gewesen. Der Proze lief von
Instanz zu Instanz und kostete Geld ber Geld. Indessen hatte sich
Jakobe, seine Frau, innerlich von ihm abgekehrt. Ihr Betragen gegen ihn
wurde feindselig und sein Schmerz war gro, als sie es nicht mehr vor
ihm verbarg, da sie mit den Karmelitern im Einverstndnis war und in
ihm, wie die Mnche sie gelehrt, eine Art von bsem Dmon erblickte. Als
er eines Tages von der Stadt zurckkehrte, war Jakobe mit den beiden
Kindern verschwunden. Er liebte die Kinder bis zur Vergtterung, und von
der Stunde ab war sein einziges Bestreben, wieder in ihren Besitz zu
gelangen. Er verwandte darauf seine ganze Umsicht und Energie, alle
Erfindungsgabe und allen Mut. Die Spuren der Flchtigen zogen ihn nach
den verschiedensten Gegenden des Landes, ja bis nach Tirol und Verona.
Diese Reisen, das Aufgebot von Helfern und die Besoldung der Advokaten
verschlangen nahezu sein ganzes Vermgen, und obgleich der Kampf, den er
im Finstern und gegen die Finsternis fhrte, sein Herz zermalmte,
erlahmte der Wille nicht. Nach dreizehnmonatlichen Fahrten entdeckte er
Jakobes Aufenthalt. Sie befand sich in einem Dorf in der Nhe von Nancy,
in der Wohnung einer Generalswitwe, und von dort fuhr sie bisweilen nach
Paris, um sich zu zerstreuen. Nachdem Achim das Versteck gefunden, traf
er alle Vorbereitungen, um die Kinder zu rauben, und als Jakobe wieder
einmal von ihnen wegfuhr, wartete er den spten Abend ab, stieg durch
ein Fenster in das Haus, nahm die schlafenden Kinder, von denen das eine
sieben, das andere sechs Jahre alt war, aus den Betten und entfloh mit
ihnen, ohne da er gesehen wurde. Ein Wagen zum nchsten Bahnhof stand
bereit, und zwei Tage darauf befand er sich mit den beiden Kindern
wohlbehalten in Randersacker. Aber jetzt erst erhob sich die wahre Hlle
gegen ihn. Jakobe rief die Gerichte an. Er konnte erhrten, da ihn
sein Weib ohne Rechtsgrund verlassen, da sie ihm die Kinder bswillig
genommen und da er in erlaubter Notwehr gehandelt, als er sich wieder
in ihren Besitz gesetzt hatte. Neue Prozesse kamen in Gang. Das
Schlimmste war, da die Bevlkerung gegen ihn aufgehetzt wurde. Er
konnte kaum mehr wagen, auf die Strae zu gehen. Die Flle der
Verleumdungen, der Beleidigungen und des niedrigsten Unflats machte ihn
krank vor Ekel. Sein Haus glich einer Festung. Er mute von weit her und
gegen hohes Entgelt Leute kommen lassen, die ihm dienten und seine
Kinder beschtzten. Er mute tglich und stndlich gewappnet sein gegen
den Andrang eines verrohten und mileiteten Pbels.

So standen die Dinge um Achim Ursanner, als Agathe sich anschickte, ihn
zu besuchen.

       *       *       *       *       *

Das Haus lag auf einem Hgel, und ein Schlangenweg fhrte hinauf. Agathe
lie den Wagen unten halten. Es fiel ihr auf, da zwei junge Burschen am
Tor oben standen und ein Pfeifensignal gaben, als sie den Weg
hinanschritt. Jetzt erschien Achim Ursanner selbst, warf einen sphenden
Blick auf Agathe und kam langsam hgelabwrts. Erst als er vor ihr
stand, erkannte er sie, lpfte den Hut und bot ihr zum Gru die Hand.

Er war ein ziemlich kleiner Mann von gedrungenem Krperbau, kurzhalsig
und breitbrstig; das Gesicht war von einem rtlichbraunen Bart umrahmt,
und er trug eine Brille mit dicken Hohlglsern, hinter denen die Augen
bisweilen rasch und erregt aufblitzten. Seine Zge hatten einen
trumerischen Ausdruck, und der Mund war von fast frauenhafter
Weichheit.

Was fhrt Sie zu mir, gndige Frau? fragte er mit tiefer, verwunderter
Stimme, whrend er an Agathes Seite umkehrte. Agathe schttelte den
Kopf, wie wenn ihr die Antwort nicht leicht fiele. Als sie in den Hof
getreten waren, schlossen die beiden Wchter das Tor zu. Drei riesige
Doggen sprangen herbei und umschnupperten Agathe mitrauisch. Das Innere
des Hauses zeigte Spuren der Vernachlssigung, die dem Auge einer Frau
nicht entgehen konnten. Von den Wnden war an vielen Stellen der Mrtel
abgefallen, Diele und Treppen waren seit langem nicht gescheuert, und
die Trklinken waren rostblind. Ursanner schien die Gedanken Agathes zu
erraten; sein resigniertes Lcheln wollte sagen: ein Kranker putzt sich
nicht. Er geleitete Agathe in ein groes, niedriges Zimmer zu ebener
Erde, zndete, da es schon dunkel wurde, die Hngelampe an und schaute
nun seiner Besucherin ruhig forschend ins Gesicht. In seiner Haltung, in
seinem Auge war etwas von einem Lufer, der stille steht und sich
besinnt, etwas, wovon Agathe ahnungsvoll ergriffen wurde, so da ihr
pltzlich der Grund ihres Hierseins klein und unwichtig vorkam und sie
nur mit berwindung die Frage nach Sylvester ber die Lippen brachte.
Sie hatte sich niedergesetzt und blickte zaghaft zu Ursanner empor. Da
er stumm blieb, fhlte sie das Unzulngliche der bloen Frage und fgte
in mattem Ton eine Erklrung ihrer seltsamen Situation hinzu.

Ich wei nichts von ihm, antwortete Achim Ursanner, genau wie de
Vriendts geantwortet hatte. Dann fuhr er fort: Wir trafen uns eines
Tages in der Stadt, als ich ins Pfandhaus ging. Anfangs war er verlegen,
aber dann begleitete er mich bis hier heraus. Ich mute ihm von meinen
Umstnden berichten, und er hrte mir geduldig zu. Er bot mir Geld an,
aber ich schlug es aus. Ein Mann, der Weib und Kind hat, darf keinem
andern Mann Geld borgen. Er sagte mir, da er reisen wolle, und ich
beglckwnschte ihn dazu. Und als er fortging, versprach er, mir zu
schreiben. Er hat mir wohlgetan, es waren ein paar menschliche Stunden,
wir haben uns sogar noch geduzt wie in frherer Zeit, als wir beim
Regiment standen.

Er wollte Ihnen also schreiben? unterbrach Agathe den hastig Redenden.

Ja, er wollte schreiben. Sein Hndedruck, als wir schieden, hatte auch
etwas Bindendes, und das war nicht der Fall, als wir uns vor Jahren zum
letztenmal die Hand reichten. Er hatte vielleicht eingesehen, da er
treulos gewesen, er, gerade er, mit dessen Namen ich den Himmel gegrt
htte. Aber was soll mir Reue? Ich hab' ihn ja noch immer gern, doch ein
Freund, der vor mir steht und bereuen mu, lt mein Herz nicht froh
werden.

Wie verndert er ist, dachte Agathe; Achim Ursanner war ihr noch
gegenwrtig als eine Gestalt von eigentmlicher Helligkeit, die Wrme
mitteilte und Offenheit natrlich machte, als ein Mann, dessen ordnender
Verstand jedem Gesprch einen erquickenden Flu verlieh und dessen Humor
und stille berlegenheit jeden Gegenstand adelte, den sein Wort
berhrte. So hatte sie ihn vor acht oder neun Jahren gesehen, als
Sylvester den Jugendgefhrten in sein Haus gefhrt hatte; jetzt aber
schnrte sich in seiner Nhe ihre Brust zusammen, und die ganze
Atmosphre des Hauses erdrckte sie. Sie beugte sich weit vor, sttzte
beide Ellenbogen auf die Knie, legte die Wangen zwischen beide Hnde und
mit ernsten Augen, zwangvoll und furchtsam zugleich, bat sie ihn, er
mge ihr erzhlen, was sich in seinem Leben ereignet hatte; denn obwohl
sie vom Hrensagen mancherlei wute, und Sylvester bisweilen diese oder
jene Neuigkeit ber Achim aus der Stadt mitgebracht hatte, verlangte sie
jetzt doch nach anderm Aufschlu und sie schmte sich, da sie nur
kannte, was die betrgerische Fama verbreitet hatte.

Er willfahrte ihr. Er erzhlte. Er ging im Zimmer auf und ab, und es
war, als spreche er zu den Wnden. Seine Stze waren kurz, scharf,
schneidend. Jeder einzelne enthielt eine Tatsache und nichts weiter. Es
war aufregend, ihn zu hren.

Nun ist es soweit gekommen, da Bcker und Krmer mir nichts mehr
verkaufen wollen, schlo er seinen Bericht; Leute, denen ich einst
geholfen habe, spucken aus, wenn sie mich sehen. Kinder und Weiber
laufen vor mir davon. Heute habe ich sieben Drohbriefe erhalten, anonym
natrlich. Die Bauern werfen mir Steine auf die Acker, des Nachts
demolieren sie den Zaun und wollen meine Hunde mit vergiftetem Fleisch
umbringen. Wer mich nur grt, der ist schon verfemt, und es war kein
kleines Wagnis von Sylvester, zu mir zu kommen. Sie, Frau Agathe,
scheinen nicht recht gewut zu haben, was Sie taten. Ich bin vogelfrei.
Wer mich besudelt, verdient sich einen Gotteslohn. Ich bin wie ein Aas,
an dem sich die Raben msten. Nun, wir wollen sehen. Es wird sich ja
zeigen, wieweit die menschliche Niedertracht zu gehen vermag; es ist
eine wahre Begierde in mir, ihre Grenzen kennen zu lernen; so sonderbar
es klingt, ich bin immer wieder berrascht, wenn sie sich in einer neuen
Entfaltung zeigt.

Agathe hatte allmhlich die Augen gesenkt und blickte wortlos zur Erde.
Hie und da lief ein Frsteln ber ihre Glieder, und es kam ihr vor, als
htte sie bis zu dieser Stunde nicht geahnt, in was fr einer Welt sie
lebte. Ihr ward es dunkel im Gemt, und so beredt auch ihr Schweigen fr
Ursanner war, sie selbst nahm es fr einen Beweis von Schwche, ja von
Mitschuld. Sie legte die Hand ber die Augen. Achim setzte seine
Wanderung durch das Zimmer unermdlich fort. An den Fenstern trug jemand
eine Pechfackel vorber, und die Flamme war wie ein Band gebogen.

Wollen Sie mich nicht zu Ihren Kindern fhren? lie sich Agathe
endlich vernehmen. Ursanner nickte, sie stand auf und folgte ihm durch
den Korridor ber den Flur in den ersten Stock. Er ffnete eine Tre
und sie blieb auf der Schwelle stehen. Die zwei blondlockigen Knaben
saen auf der Erde und blickten in ein Bilderbuch. In der Ecke zwischen
Ofen und Wand hockte ein alter Knecht mit der Tonpfeife im Mund und
schlief. Die Kinder waren bla und einander hnlich wie Zwillinge. Sie
bewegten kaum die Kpfe, als die Tr aufging, sie schauten nur schief
zum Vater und zu der fremden Frau hinber. Agathe trat zu ihnen, bckte
sich und redete zrtlich auf sie ein. Doch sie schwiegen trotzig, und
auf den Lippen des lteren Knaben zeigte sich ein sonderbar lauerndes
Lcheln. Ratlos sah Agathe Achim Ursanner an, und sie bemerkte, da
seine Zge sich verfinstert hatten und da sein Mund zuckte. Sie erhob
sich. Ich mu jetzt gehen, sagte sie, ich mchte am Abend zu Hause
sein. Werden Sie mir Nachricht geben, wenn Ihnen Sylvester schreibt?

Das werde ich, Frau Agathe, das werde ich unbedingt, versicherte
Ursanner in seinem treuherzigen Ton. Und wenn Sie erlauben, will ich
auch Ihren Besuch erwidern, sobald ich aufatmen kann, fgte er hinzu;
mir ist, als mte ich Ihnen danken, und vielleicht darf ich's, denn
sind Sie auch nicht meinetwegen gekommen, so wei ich doch, da Sie ein
zweitesmal meinetwegen kommen wrden. Stimmt es?

Es stimmt, antwortete Agathe, und sie selbst fhlte etwas wie
Dankbarkeit. Er begleitete sie hinunter zum Wagen; die drei groen Hunde
standen um ihn her, und ihre Augen glhten aus der Dunkelheit. Was
raten Sie mir zu tun? fragte Agathe, whrend ihre Hand schon den Griff
der Wagentre gefat hatte.

Wenn ich mir den Eindruck zurckrufe, den Sylvester auf mich machte, so
mu ich sagen, er ist auf keiner guten Bahn, entgegnete Ursanner. Es
ist am besten, wenn Sie ganz stille bleiben. Seien Sie gromtig. Es
gibt im Leben jedes Mannes eine Zeit, wo er Gott verliert, und wenn er
da einen Menschen hat, der ihn liebt, was ist natrlicher, als da der
ein wenig Gottes Rolle bernimmt? Ich htte nicht gedacht, da zwischen
euch beiden solche Dinge passieren knnten, aber eine Ehe ist fr den
Dritten so ziemlich das Geheimnisvollste auf der Welt. Und Mann und
Weib, was wissen sie voneinander? Die Nhe macht grausam, die Ferne
blind, Gefhle sind vergelich, Worte Luft. Und trotzdem, glauben Sie
mir, wird mit einem Wort oft viel erreicht. Manchmal, wenn ich so zwei
Leutchen zanken hrte oder einander stumm zerfleischen, war ich
versucht, ihnen zuzurufen: Kinder, warum sagt ihr euch denn nicht das
richtige, gute Wort? So geht's mir auch im Theater, wenn die
Herrschaften einander Szene machen. Es ist sehr viel Freiwilligkeit in
dem Bsen, das Eheleute einander zufgen, und jede Liebestat will sich
rchen durch eine Hassestat. Seien Sie gromtig.

Mit fast ungestmer Bewegung streckte Agathe dem Freunde die Hand hin,
und er prete sie fest in der seinen. Dann stieg sie ein, nickte noch
einmal aus dem Fenster, und die Pferde zogen an.

Agathes Herz war schwer. Sie konnte die zwei Kinder nicht vergessen, das
sonderbar lauernde Lcheln des einen Knaben, den schlafenden Knecht
hinterm Ofen und Achim Ursanners zuckenden Mund. Es lag fr sie eine
Unheilsverkndigung in dem Bild, und ihr dnkte, sie sei mit dem
nahenden Unheil verkettet.

War dies die Ursache, da sie sich entschlossener als bisher in ihre
Lage fand? War es die Vergleichung der Schicksale, die sie geduldiger
stimmte, ernster, gesammelter? Sie wandte ihre ganze Aufmerksamkeit der
Wirtschaft zu, berwachte die Lieferung des Holzes und der Viktualien,
die Ausbesserung der Pflge und Wagen, die Pflege der Tiere in den
Stllen und rechnete jeden Samstag mit dem Inspektor ab. Ihr Einblick
wurde tiefer, ihre Kenntnis der Verhltnisse grndlicher und im Umgang
mit den angestellten Leuten zeigte sie sich verstndig und durchaus
fhig zu regieren. Aber ihr war, als ob sie Flei und Mhe ans Bodenlose
verschwende, als sie eines Tages von dem Wrzburger Bankier abermals
eine Bescheinigung darber erhielt, da an Herrn von Erfft nach Paris
dreitausend Taler geschickt worden seien.

So wute sie also wenigstens, wo er war.

Bisweilen kam die Inspektorin mit ihrer Geige, Agathe setzte sich ans
Klavier, und sie spielten eine Mozartsche Sonate. Bisweilen las sie,
doch selten mit Anteil. In manchen Stunden war Schwermut unabweisbar,
und wenn man nach innen weinen kann, sie sprte solche Trnen; dann floh
sie den Anblick aller Menschen, die auf dem Gut um sie waren, stieg in
das Turmzimmer ber dem Hause und schaute regungslos in die winterliche
Landschaft, bis es Abend wurde.

Einmal ersphte Silvia, wohin die Mutter ging und folgte ihr. Das kluge
Kind stand lange vor der Tre und wagte nicht, sie zu ffnen;
schlielich setzte es sich nieder, und seine schnen Augen fllten sich
mit Traurigkeit. Es war kalt da oben, der Wind heulte im Sparrenwerk,
und wenn der Schnee ber die Ziegeln rutschte, klang es, als ob
Geisterfe ber das Dach trippelten. Es wurde dmmerig und Silvia
schien es, da sie ganz allein auf der Welt sei. Sie lehnte den Kopf an
einen schrgen Balken und gedachte ihres Vaters. Sie malte sich aus, wie
er in der Fremde unter vielen Menschen herumirrte und wie er den Weg
nach Hause nicht mehr finden konnte, weil berall der Schnee zu hoch
war. Da knarrte die Tr, und Agathe, den Pelzmantel um die Schultern,
trat heraus. Sie erblickte das Kind sich zu Fen, erschrak und kniete
nieder. Silvia umhalste die Mutter, ohne zu sprechen; Agathe bedeckte
die Frierende mit ihrem Mantel, hob sie auf und trug sie hinab. Am Kamin
in der Bibliothek setzte sie das Kind auf ihren Scho und erzhlte ihm
das Mrchen vom Wacholderbaum.

... und als ein Monat vorbei war, da war der Schnee vergangen, und zwei
Monat, da war es grn, und drei Monat, da kamen die Blumen aus der Erde,
und vier Monat, da drngten sich alle Bume in dem Holze und die grnen
Zweige waren alle ineinander gewachsen. Dort sangen die Vglein, da das
ganze Holz erschallte, und die Blten fielen von den Bumen. Da war der
fnfte Monat vorbei und die Frau stand wieder unter dem Wacholderbaum,
dort sprang ihr das Herz vor Freude, und sie fiel auf die Knie. Und als
der sechste Monat vorbei war, da wurden die Frchte dick und stark und
sie wurde ganz still und im siebenten Monat, da griff sie nach den
Beeren und a sich satt und wurde traurig und krank. Der achte Monat
ging hin und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: wenn ich sterbe,
begrabt mich unter dem Wacholderbaum. Da war sie getrost, und im neunten
Monat kriegte sie ein Kind so wei wie Schnee und so rot wie Blut, und
als sie das sah, freute sie sich so, da sie starb.

Silvia schaute drein wie eine Frau, und Agathe fuhr in ihrer Erzhlung
fort.

Am andern Tag kam ein reitender Bote von Achim Ursanner. Er brachte
einen Brief des Inhaltes, da Sylvester aus Paris geschrieben habe. Ich
will Ihnen die Epistel nicht schicken, schrieb Ursanner, wozu auch? Er
versteckt ja nur sein Gesicht. Er berichtet von der Schnheit einer
Tnzerin, und da irgendeine Grfin eine Liebschaft mit ihrem Kutscher
hat, da der Marquis de Luzon aus Indien zwei Tiger mitgebracht hat, da
einer gewissen Kreolin ganz Paris zu Fen liegt, und da man beim
spanischen Gesandten auserlesene Weine trinkt; er schwrmt von den
exotischen Blumen, die das Frulein von Feurquires zchtet und von der
Juwelensammlung des Herzogs von Praslin; von dem Bild eines berhmt
gewordenen jungen Malers, von einer Begegnung im Versailler Schlo, von
einer Bootsfahrt in Passy, von lustiger Gesellschaft auf dem Montmartre
und von einem Feuerwerk im Luxembourg. Genug an dem, es ist Schaum.
Mancher setzt sich einen bunten Kranz aufs Haupt, wenn ihn das schlechte
Gewissen nicht schlafen lt. Ich denke viel an Sie, aber ich kann nicht
kommen, damit ist alles gesagt. Letzten Sonntag ist von der Kanzel
herunter gegen mich gepredigt worden. Leben Sie wohl. A. U.

Es ist alles aus, dachte Agathe, und sie sprte, wie es in ihrem Herzen
dunkel und de wurde, whrend sie langsam in den Flur ging, um den Boten
zu entlohnen.

       *       *       *       *       *

In Karlsruhe machte Sylvester Station. Er besuchte mehrere Freunde, ging
zu Hofe und wurde zu einer Soiree im Schlo geladen. Vorher hatte er
einen ganzen Nachmittag darauf verwendet, sein Gesicht verjngen zu
lassen, und zwar durch Adam Hund, der sich auf diese Kunst meisterlich
verstand. Er hatte alle Utensilien in einem schwarzlackierten,
lnglichen Kasten, der mit seinen silbernen Spangen wie ein kleiner
Sarg aussah; es befanden sich in ihm Rasiermesser, Schneide- und
Brennscheren, Feilen, Brsten, Pinsel und Kmme, Puderschachteln und
Salbentuben, verschiedene Glser mit Essenzen, eine Spritze mit
klnischem Wasser, und auf der inneren Seite des Deckels war ein
geschliffener Spiegel angebracht.

Adam Hund war ein magerer Mann; dennoch wirkte er fett; alles war hell
an ihm, das Haar, das Gesicht und die Augen; dennoch machte er einen
finstern und unzufriedenen Eindruck, wenigstens solange er nicht redete;
er glich einem Kavalier, dennoch erweckte er ein Gefhl von
Fadenscheinigkeit. Diese widerspruchsvolle Person, bei der man an allen
Ecken und Enden auf die Gegenstze der menschlichen Natur stie, hatte
sich zu Sylvesters Ergtzen immer mehr als ein unvershnlicher
Weiberfeind entpuppt. Das sechsjhrige Zusammenleben mit der bsen
Bierbrauerstochter hatte ihn mit tdlichem Ha gegen das andere
Geschlecht erfllt. Er war im Besitz einer Liste, die in alphabetischer
Reihenfolge alle schlechten Eigenschaften aufzhlte, die er an den
Frauen entdeckt hatte; nmlich: Aberglauben, Dummheit, Eifersucht,
Eigensinn, Habsucht, Hoffart, Klatschsucht, Launenhaftigkeit,
Leichtsinn, Lgenhaftigkeit, Naschhaftigkeit, Neid, Neugier,
Prahlsucht, Putzsucht, Rechthaberei, Sinnlichkeit, Spottsucht,
Streitsucht, Vergngungssucht und Verschwendungssucht. Und in diesen
Pfuhl von Qualitten werfen Millionen von Mnnern ihre arme Seele,
pflegte er auszurufen, mit einer Gebrde wie Hamlet, wenn er seiner
Mutter den Geist zeigt.

Zuerst hatte er nicht recht begriffen, welchen Zweck die Reise seines
Herrn verfolgte. Der Zwischenfall mit der schnen Jdin klrte ihn in
einer angenehmen Weise auf. Er war berzeugt, da sich Sylvester in
einer Lage befand, die der seinigen sehr hnlich war, nur da er es
nicht bei unttigem Groll bewendet sein lie, sondern ttige Rache bte.
Er soll nur mglichst viele von den langhaarigen Satanstchtern ins
Unglck strzen, sagte sich Adam Hund, damit sie endlich das Kuschen
lernen, und er hatte das Gefhl, einer Jagd beizuwohnen, die seine
Dienste als Aufpasser und Spurenfinder in Anspruch nahm.

Whrend er Sylvesters brnettem Haar einen jugendlicheren Schnitt gab,
dann den Schnurrbart zurechtstutzte, hierauf das Gesicht mit Fett
bestrich, wie einen Teig knetete und wie eine Metallplatte rieb,
erzhlte er die Stadtneuigkeiten, die er ausgekundschaftet hatte. Es
soll jetzt eine Sngerin hier sein, die das ganze Mannsvolk behext,
sagte er; der Erbprinz ist jeden Tag im Theater, wenn sie spielt, und
es heit, da man ihn ins Ausland schicken will, um ein Malheur zu
verhten. Ein Legationsrat soll sich ihretwegen erschossen haben, und in
Stockholm, man sollte nicht glauben, da es dort droben so hitzige Leute
gibt, hat sich ein Buchhndlersgehilfe aus Liebe zu ihr ins Meer
gestrzt. Gabriele Tannhauser heit die Kanaille. Das fltet und lockt,
blo damit unsereiner den Verstand verliert. Soll ich ein Billett
besorgen, Herr Baron?

Also um meinen Verstand ist dir nicht bange? fragte Sylvester lachend.

Nein, Herr Baron; wenn einer die Schliche kennt, droht ihm keine
Gefahr. Sobald ich merke, da mich jemand mit einem Kder fangen will,
werde ich doch nicht hineinbeien; ich lauf' auch nicht davon, im
Gegenteil, ich nehme mir den saftigen Kder vom Haken und verspeise ihn,
dann hat der Angler das Nachsehen und ich hab' meine Freude.

Na ja, von dir kann man etwas lernen, entgegnete Sylvester trocken.

Adam Hund hatte seine Arbeit vollendet. Er zog den Frisiermantel von
Sylvesters Schultern, und mit liebkosend gespitzten Lippen blies er
einige Hrchen vom Halse weg. Sylvester trat vor den Spiegel und halb
mit Spott, halb mit Befriedigung betrachtete er sein Bild. Er sah jung
und gesund aus. Seine Augen glnzten. Er lchelte, um seine Zhne zu
prfen; sie hatten eine erfreuliche Weie und Dichtigkeit. Nun
vollendete er seinen Anzug und verlie trllernd das Zimmer. Wenn jetzt
noch die Sonne schiene, wre ich ein glcklicher Mensch, dachte er in
einem eigentmlichen Zustand von Vergessen und Erwartung.

Er ging ins Kasino und hrte, da an allen Tischen von dem Konzert
gesprochen wurde, das Gabriele Tannhauser an diesem Abend veranstaltete.
Er wurde gefragt, ob er eine Eintrittskarte habe und mute verneinen.
Und Sie haben sie noch nicht gehrt? -- Nein. -- Nie gehrt?
-- Nie. -- Und wollen abreisen, ohne sie gehrt zu haben? -- Was
soll ich tun? -- Es ist die letzte Gelegenheit, vielleicht auf Jahre;
sie geht jetzt nach London und dann, wie es heit, nach Amerika. --
Wenn ich Ihnen raten darf, so zahlen Sie jeden Preis fr ein Billett.
-- Man hat mir keines angeboten. -- Lassen Sie mich dafr sorgen, ich
werde mich an den Impresario wenden.

Nach einer Stunde erwies es sich, da auch dieser Versuch erfolglos
gewesen war. Sylvester gab sich ohne sonderliches Bedauern zufrieden.
Die allgemeine Erregung berhrte ihn peinlich, zumal er auch Leute von
ihr angesteckt sah, fr die die Kunst nicht mehr war als etwa ein
Hanswurst auf dem Marktplatz.

Er setzte sich an den Lesetisch und vertiefte sich in den Bericht ber
die letzte Rede, die der Bundeskanzler im preuischen Landtag gehalten
hatte. Der Mann interessierte ihn, als Mann noch mehr denn als
Politiker; seine Worte hatten etwas Unbedingtes, doch ihre Kraft wurde
durch vielfach bedingte Verhltnisse scheinbar zerbrochen. Er stand wie
in einer Wolke des Zorns, man sprte den Willen eines geborenen
Herrschers und ein Feuer, das in Sylvester den Wunsch nach fruchtbarer
Werkttigkeit erweckte. Es war ein Augenblick, wo er pltzlich die Zeit
empfand wie sonst nur sich selbst, ihrer Grungen inne ward wie des
unterirdischen Rollens eines fernen Erdbebens und seiner zuschauenden
Dumpfheit sich schmte.

Whrend er noch las, trat einer von den Herren, die ihm so ungestm
zugesetzt hatten, in Begleitung eines lteren Mannes zu ihm, den er als
Graf Blumau vorstellte; der Graf hatte ein Billett zu vergeben, da seine
Frau verhindert war, das Konzert zu besuchen. Sylvester nahm es mit Dank
und fuhr ins Hotel zurck, um den Frack anzuziehen.

Vor dem Konzerthaus war groe Auffahrt. Um acht Uhr sollte die
Produktion beginnen, doch um halb neun war noch ein Teil des Publikums
in der Eingangshalle vor den Tren festgekeilt. Endlich befanden sich
alle Zuhrer auf ihren Pltzen. Der Raum war so voll, da die Kpfe sich
auf unbeweglichen Krpern zu drehen schienen. Der Lrm der Stimmen glich
dem Brummen und Feilen einer ungeheuren Dampfsge, und die Hitze stieg
von Minute zu Minute. Sylvester sa in der Mitte des Saals, dessen beide
Seiten glatte weie Wnde hatten; in halber Hhe der hinteren Schmalwand
war eine Galerie, deren Sitze fr die Mitglieder des Hofes und einige
bevorzugte Wrdentrger bestimmt waren.

Pltzlich erschallte eifriges Hndeklatschen, dann richteten sich die
Opernglser auf die Sngerin, die das Podium betreten hatte. Sylvester
verschrnkte die Arme ber der Brust, was ein Ausdruck von
Kritikbereitschaft war, denn wie es bei eitlen Menschen oft der Fall
ist, waren ihm die Huldigungen unbehaglich, die man einer Person
darbrachte, fr die er selbst nichts fhlte und deren Leistungen er aus
Widerspruchsgeist skeptisch zu beurteilen schon jetzt entschlossen war.

Ihr Gang ist zu bedchtig, um auf Temperament schlieen zu lassen,
nrgelte er; dieses Allerweltslcheln, das jedem Laffen schmeicheln
soll, ich kenne es; der Klavierspieler hat die Physiognomie eines
Dorfschulmeisters, seine rote Nase erweckt geringe Hoffnung auf seine
Fhigkeit; wozu flstert sie mit ihm? Komdie. Im brigen ist sie gut
gewachsen, das Gesicht ist fein, obschon von deutlich slawischem
Schnitt, die Hnde knnten kleiner sein, und die Toilette betont allzu
absichtlich eine bescheidene Fhrung.

Die ersten Takte von Schuberts Wandererlied unterbrachen Sylvesters
bellaunige Betrachtungen. Es trat eine so lautlose Stille ein, da es
schien, als htten die Menschen von dem Augenblick an, da sich oben die
singende Stimme erhob, keinen Atem, ja keine Seele mehr in ihrem Leib,
als zucke keine Wimper mehr an ihnen, als hre ihr Blut auf zu flieen.
Es war eine Bezauberung, die nicht so sehr von der Kunst Gabriele
Tannhausers herkam, von der Kraft und Flle des Organs, von der
Weichheit und dem seltsam matten Glanz ihrer Tne, von der Leichtigkeit
des Ansatzes, dem Schmelz und der vogelhaften Natrlichkeit der
bergnge, obgleich sie diese Eigenschaften, die von zeitgenssischen
Kennern zur Genge gepriesen worden sind, in hohem Grade besa und dabei
jene letzte Meisterschaft erst ahnen lie, die als Versprechen noch
kstlicher ist denn als Erfllung, -- es war eine in ihrem Herzen
wohnende Gewalt, die ihr die Menschen unterwarf, das unbewut Bewute
eines allgemeinen Leidens, das von stummen Generationen jahrhundertlang
gesammelt wird, um in einem begnadeten Wesen als Gebet und Klage,
Trstung und Jubel aufzublhen, es war das, was jede Brust fhlt und
doch nur vom Genius verkndet werden kann, das schmerzlich Entselbstete,
unschuldsvoll Prophetische, dem auch die vollendetste Kunst nur Krcke
und Behelf ist.

Sylvester strubte sich noch immer, trotzdem er jene traumhafte Schwche
empfand, die sich bei starken Gemtsaffekten einzustellen pflegt, ja er
wehrte sich mit einer Art von Verzweiflung, die ihn spter erstaunte und
ihm zu denken gab. Das Lied war noch nicht ganz zu Ende, als auf den
Galerielogen ein strender Lrm hrbar wurde, der eine nachhaltige
Erregung und entrstete Rufe veranlate. Viele Leute wandten sich um,
auch Sylvester schaute hinauf, und er gewahrte, da zwei Lakaien einen
Mann auf einem Liegesessel bis an die Brstung trugen und ihn dort
niederstellten. Der Mann, der auf dem Sessel lag, war de Vriendts. Es
graute Sylvester bei dem Anblick dieses Gesichts, welches dem eines
halbtoten Affen hnelte. Mit berquellenden Augen starrte de Vriendts
auf das Podium, und seine Kinnlade schlotterte. Gabriele Tannhauser
stutzte; sie schien den tosenden Beifall nicht zu hren; auf ihren
Wangen zeigte sich eine zarte, fieberische Rte; sie begann das zweite
Lied: _In questa tomba_; ihre Augen waren unausgesetzt auf das ihr
gegenber befindliche Gesicht des Domherrn gerichtet, auf dieses
entfleischte Gesicht, dessen fressende, angstvolle und krankhafte Gier,
dessen vom Tod gezeichnete Hlichkeit auf einmal wie ein Alpdruck ber
dem ganzen Saal lastete. Auch in Gabrieles Augen war Angst; der
gespenstische Kopf erschien ihr wie eine Drohung; sie empfand ihre
Jugend, ihre Macht, ihre Freiheit als Gter, die sie nur geraubt; sie
erinnerte sich dieses Gesichts, sie hatte es irgendwo gesehen, und
whrend sie nachdachte, klang ihre Stimme reiner, rhrender und
flehender. Das Publikum raste, als sie geendet hatte, aber auf der
Galerie war ein bestrztes Zusammenlaufen. Man sah den Domherrn mit den
Hnden in die Luft greifen; rchelnde Laute drangen herunter. Nach einer
Weile kamen die Lakaien und trugen den Sterbenden hinaus. Der
Zwischenfall wurde herumerzhlt und zu deuten versucht. Im Nu bildeten
sich Legenden, die den Enthusiasmus fr Gabriele Tannhauser steigerten.
Als sie die letzte Note gesungen hatte, glaubte sich Sylvester in einem
Haufen von Wahnsinnigen. Auf dem Podium erhob sich ein Berg von Blumen,
junge Mnner strmten hinauf, junge Mdchen knieten auf den Stufen, aber
Gabriele blickte gelassen in den Tumult; sie hatte den Kopf gesenkt und
ihre niedere Stirn war kindlich verzogen.

Sylvester wurde von mehreren Bekannten um seinen Eindruck befragt. Er
zuckte die Achseln. Ich finde nicht, da sie das ist, was die Welt aus
ihr macht, antwortete er, ich vermisse Schwung und Leidenschaft. Sie
hat noch nichts erlebt, dessen bin ich sicher. Vielleicht ist sie gar
nicht fhig, etwas zu erleben. Das klang plausibel, und die es
vernahmen, machten ein tiefsinniges Gesicht.

Am andern Abend, bei der Soiree im groherzoglichen Schlo, lernte er
Gabriele Tannhauser kennen. Sie wechselten nur wenige Worte. Er fragte
sie, ob sie im Frhling in London singen werde; er selbst sei im
Begriff, nach Paris zu gehen, doch sei es wohl mglich, da ihn sein Weg
auch nach England fhren werde.

Ja, Sie sollten nach London kommen, erwiderte sie, ohne ihn
anzublicken und wahrscheinlich auch ohne an ihn zu denken, dort ist das
Leben unmittelbarer als irgend sonst in der Welt.

Was knnte es Ihnen bedeuten, wenn ich kme, einer unter den
Millionen, sagte er lchelnd.

Der Unmut, der ber Gabrieles Zge flog, zeigte, wie mde sie solcher
Redensarten war. Sie reichte einem Offizier den Arm, der sie zum Tanz
aufforderte. Sylvesters Eigenliebe war verletzt, und er suchte eine
Gelegenheit, um die Sngerin noch einmal an sein Gesprch zu fesseln. Es
war vergebens, und er berredete sich, da ihm die Meinung, die sie von
ihm hatte, gleichgltig sei. Doch war sein Ehrgeiz erwacht, und
allmhlich bildete sich ein Kreis von Menschen um ihn, die er durch
seine Unterhaltung entzckte. Ohne da er sich darber klar wurde,
entfaltete er diese Gabe nur fr das junge Weib, das ihm so schnde den
Rcken gekehrt hatte.

Als er in der Nacht nach Hause kam, berichtete Adam Hund, da der
Domherr noch whrend des Transports auf der Strae verschieden sei. Wie
schade, war Sylvesters erster Gedanke, ich htte ber de Vriendts mit
ihr sprechen knnen. Unzufrieden und voll von Wnschen begab er sich zu
Bett.

       *       *       *       *       *

Unter demselben Dach wohnte in dieser Nacht Gabriele Tannhauser. Es war
spt; zu wissen, da alle Menschen schliefen, tat ihr wohl. Sie sa mit
einem Buch bei der Lampe; auf dem Tisch vor ihr stand eine Schale mit
pfeln.

Ihr war, als msse sie die Zeit, die sie in Gesellschaft verlor, dadurch
wieder einbringen, da sie sich dem Alleinsein mglichst lange hingab.
Die von keinem hlichen Gedanken, von keiner unsteten Empfindung
getrbte Ruhe ihres Antlitzes bezeugte, wie natrlich ihr diese
Gewohnheit war.

Sie bedurfte der Menschen kaum. Sie hatte keine Freundin, keinen Freund.
Allen, die sich um sie bemhten, begegnete sie mit Gte, und angeborene
Liebenswrdigkeit verurteilte sie dazu, auch gegen die Aufdringlichen
Geduld zu ben. In jeder Stadt waren Personen, denen sie fr
Dienstleistungen und Beweise der Ergebenheit verbunden war, Frauen und
Mnner, mit denen sie gern verkehrte und fr die sie eine lebhafte
Anhnglichkeit versprte, aber in Wahrheit htte sie sie entbehren
knnen. Seit Sziralsky, ihr wunderbarer alter Lehrer, gestorben war,
hatte sie sich an keinen Menschen mehr so innig angeschlossen, um nach
seiner Nhe zu verlangen. Mit Anna Ewel, ihrer Zofe, einer
Postmeisterstochter aus Gabrieles bhmischem Heimatsdorf, reiste sie
umher, an keinem Ort verweilend, von Gasthof zu Gasthof, von Land zu
Land, ohne Erregung, ohne sonderliche Neugier, ohne Launen und ohne zu
ermden.

Der bestndige Wechsel ihres Aufenthalts verhinderte die Menschen, sich
ihrer zu bemchtigen und sie mit Forderungen zu qulen, die sie nicht
erfllen konnte. Ihre anmutige, immer gleiche Freundlichkeit war wie
eine Lichtflut um sie gebreitet, die es schwierig machte, sie genau zu
sehen, und so wute niemand auf der Welt, wie es eigentlich mit ihr
beschaffen und welch ein merkwrdiges Kind Gottes dieses junge Geschpf
war, das mitten im Strom des Lebens und im Glanz des Ruhmes sein Glck
in der Einsamkeit suchte.

Sie hatte keine Familie. Vater und Mutter waren tot, ein Bruder war vor
zwei Jahren bei Kniggrtz gefallen. Wenn sie ihrer Heimat gedachte, sah
sie ein karges Hgelgelnde, eine Strae, die in dunkle Wlder fhrte,
einen regungslosen Teich, auf dem Gnse und Enten schwammen, gelbhutige
Khe, arme Huser, ein armes gedrcktes Volk, und ber alldem einen
blassen Himmel bei Tag und am Abend funkelnde Sterne. Schwermtige
Abende, wenn aus den Schenken die Tanzmusik klang oder in einem
Zigeunerlager eine Geige fiedelte, Licht um Licht in den kleinen
Fenstern erlosch und der Mond wie eine glhende Glocke aus den
geheimnisvollen Tiefen der Erde emporstieg. Erinnerte sie sich whrend
des Singens daran, gewahrte sie dies Bild, das im Frhlingswerden oder
in der Herbstesneige die Seele mit Frieden und Trauer erfllt hatte, so
zerflossen die vielen, ihr zugewandten Gesichter in Dunst, und nur die
Augen strahlten ihr noch entgegen, fremd und fern.

Sie war nicht von der Art jener Knstlerinnen, denen ihr Auftreten zur
festlichen Gefahr wird. Sie gehrte nicht zu denen, die ein Publikum
schmhen, vor welchem sie zittern. Sie kannte nicht das Fieber der
Vorstunde und die groen Gebrden des Erfolges. Sie war keine Diva, sie
war ein junges Mdchen, das sang. Die Kunst gab ihr keinen Rausch und
keine Ernchterung, sie war ihr weder Lust noch Plage, sondern eine
Pflicht. In ihr war ein Quell, der berstrmte und berstrmen mute,
wenn er sie nicht ersticken sollte. Sie arbeitete tglich viele Stunden,
doch niemals mit Angst um die ihr gewordene Gabe. Sie hatte Ehrgeiz,
aber nicht den zerstrenden und herzttenden; ihr Ehrgeiz glich dem
jener mittelalterlichen Ritter, die Gut und Blut daran setzen, um ihren
Schild fleckenlos zu erhalten. Es war eine dumpfe Bescheidenheit in
ihr; den Gang aufs Podium oder auf die Bhne trat sie mit einem fr
ihre Umgebung unbegreiflichen Gleichmut an; sie ihrerseits hatte kein
Verstndnis fr die Rnkesucht und das wrdelose Treiben mancher
Fachgenossen, und deshalb spielte sie nur noch ungern auf dem Theater.

Jeden Morgen erhielt sie Liebesbriefe und Blumen. Die Briefe verbrannte,
die Blumen verschenkte sie. Ehedem hatte sie eine Leidenschaft fr
Blumen gehabt, jetzt machte sie sich nichts mehr daraus und grollte
ihnen, da sie solchem Zweck dienen muten. Der Gedanke an Liebe hatte
nichts Befeuerndes fr sie, er besa nicht einmal die Kraft, sie zu
erwrmen; es entstand keine Hoffnung aus ihm, hchstens in seltenen
Augenblicken eine Furcht. Bisweilen kam es vor, da sie ber sich selbst
erstaunte, wenn sie sich so zugeschlossen fand, so khl, so
sehnsuchtslos, so allein im Raum, und sie konnte wnschen, eine Stimme
zu vernehmen, die sie noch nie gehrt und einen Blick zu spren, der
noch nie auf ihr geruht. Aber nicht mehr als eine Stimme und einen
Blick, nicht mehr; zu viel war schon die Hand, die fremde Hand, die hei
sein konnte, zu viel das Wort, das lgen konnte. Ihr war dunkel zumute,
als habe ihre Seele beim Eintritt ins Dasein den mystischen Befehl
empfangen, niemals Flamme zu werden fr eine andere Seele. Jugend und
Gesang waren wie zwei ineinandergewebte Schleier, die sie nicht
emporheben durfte, wenn sie nicht nackt und wehrlos dem Schicksal
preisgegeben sein wollte.

Es gab aber auch Stunden, wie die der heutigen Nacht, wo ihr Inneres von
einer gleichsam nur getrumten Unruhe erfllt war, wo ihre Augen sich
gro ffneten wie die eines erwachenden Kindes und sie sich fragte: Wer
bin ich? Was wird aus mir?

       *       *       *       *       *

In seiner Knabenzeit hatte Sylvester einmal im Herbst in einer Kammer
einen Korb mit frischen Trauben entdeckt. Es war nicht Hunger, was ihn
getrieben, darber herzustrzen. Da es die ersten Trauben des Jahres
waren, hatte auch die Freude am Anblick der schnen Dolden, das
Entzcken, sie greifen zu knnen, seine Gier erweckt. Er war
niedergekniet, hatte jauchzend zwei Hnde voll gepackt und dann das
Gesicht, den Mund, die Zhne frmlich in die Trauben vergraben, so da
der ausgeprete Saft nicht nur ber den Gaumen hinab, sondern auch ber
das Kinn und die Kleider trufelte.

Daran mute er manchmal whrend seines Pariser Aufenthaltes denken. Es
war dieselbe Lust an der Flle, dasselbe unbedachte, gefrige
Ansichreien. Jeder Tag hatte siebzehn Stunden, oft auch mehr, und keine
Stunde war reizlos. Er hatte gewichtige Empfehlungen mitgebracht, wurde
glnzend aufgenommen und fhrte das Dasein eines groen Herrn. Er wute
sich zu kleiden, er verstand Geld auszugeben, seine Umgangsformen waren
ohne Tadel, er hatte Bildung und Geschmack, kein Wunder also, da man
sich um seine Person stritt. Ihm selbst schien es, als htten seine
besten Talente bis jetzt geschlummert, als sei er seiner Fhigkeiten
jetzt erst sicher und brauche nur zu whlen unter den Zaubermitteln,
durch die man die Menschen erobert. Desungeachtet war nichts von Krampf
und knstlichem Feuer in seiner Lebensfhrung. Was an ihm gefiel, war
seine krftige Mnnlichkeit, eine Grazie des Geistes, die dem Deutschen
doppelt angerechnet wurde, und jener angenehme Witz, der nicht verwundet
und andere witzig macht.

Eine ununterbrochene Kette von Vergngungen hielt ihn gefangen. Die
krperliche Frische, die er mit triumphierendem Behagen tglich sprte,
besiegte jeden Widerstand und gab ihm das Bewutsein der Leichtigkeit
und mhelosen Erneuerung. Ich habe zehn Jahre lang gespart, sagte er
sich, nun kann ich Preise bezahlen, die mich nicht schrecken, so hoch
sie auch sein mgen.

Sie waren hoch. Nicht gewillt, sich mit uerer Reprsentation und einem
oberflchlichen Gesellschaftstreiben zufriedenzugeben, suchte er ohne
Scheu Gebiete auf, wo die menschliche Existenz nicht blo wie ein
harmloses Wasser flutet, wo nicht geflliger Schmuck und leer
verpflichtende Worte ber den Mangel ernsthafter Verbundenheit
hinwegtuschen, sondern wo aus tieferen Schlnden die Elemente rauschen
und der sich bewahren mchte, zur Entscheidung aufgefordert wird. Er
lernte das Paris des zweiten Kaiserreichs grndlich kennen. Ein Schauder
erfate ihn, wenn er dieser aus trunkenen Mnaden und wahnsinnigen
Silenen gemischten Tnzerscharen inne wurde; wie da alles nur noch
Schall war, was sonst ein Volk aus seinem Taumel ri, wie jeder nur von
Gnaden des Momentes lebte, aus hohlem berschwang Freude saugte und
seinen drftigsten Gtzen zum Idol aufputzte; wie die Schatten
vergangener Gre umherschlichen, um Almosen der Ehre zu erbetteln, wie
jedes Fest zum Bacchanal wurde und Schnheit und Unschuld flchtiger
waren als der Seufzer eines Ertrinkenden, dies erfuhr Sylvester nicht
ohne Zurckbesinnen und Zukunftsfurcht. Aber er wollte nicht Beobachter
sein, er wollte mit diesen leben.

So blieb ihm keine Sttte des Lasters unbekannt, kein Ort, wo die
Ausgestoenen von lsternen Jgern gestellt wurden, keiner von den
Smpfen, auf deren Grund das Verbrechen wie giftiges Reptil hauste und
auf deren buntem Spiegel mancherlei bewimpelte Fahrzeuge schwimmen. Er
knpfte Beziehungen mit einer Italienerin an, die berhmt kleine Hnde
und Fe hatte; nach einer Woche verabscheute er sie; er machte auf
einem ffentlichen Ball am Boulevard St. Michel die Bekanntschaft einer
Strumpfwirkerstochter, die ein unstillbares Verlangen danach hatte, ein
Diamanthalsband zu besitzen; er kaufte ihr nur einen Ring, und ihr
Gewissen schwieg bei seiner Werbung. Sie glich einer Nordlnderin und
hatte das Blut einer Wilden. Ihre Launen ermdeten ihn, und er verlie
sie. Hinter einer kleinen Kirche im Quartier latin wohnte ein Arzt,
dessen junge Frau so fromm war, da das ganze Viertel darber spottete.
Ein Student, der hoffnungslos in sie verliebt war, erzhlte Sylvester
von ihr. Um sie zu sehen, ging er in jene Kirche, besuchte dann eines
erfundenen Leidens halber den Arzt und war bald hufiger Gast im Hause.
Er umstrickte die Frau, sie verfiel ihm, aber der Gatte war nicht blind;
was sich zwischen den beiden ereignet hatte, wute kein Mensch; eines
Tages waren sie aus Paris verschwunden.

Erbeuten und wegwerfen; bewahrte das Gedchtnis einen Namen, ein zartes
Wort, eine seltene Gebrde, so war die Mhe belohnt; Gestalt und Wesen
schwanden hin. Wer Blten pflckt, will oft kaum riechen; den Strau in
der Hand, mag er ihn schon nicht mehr weiter tragen, und schleudert er
ihn fort, ist er sorgloser geworden. Aber Sylvester hatte eine schwere
Sorge. Seine Geldmittel verringerten sich schnell. Die dreitausend
Taler, die er hatte schicken lassen, waren verbraucht. Er verlangte
einen Kreditbrief auf zehntausend Taler und berechnete, da er ihn nach
drei Monaten erschpft haben wrde. Eine gleichgroe Summe lag nicht
mehr bereit. Ein Bankier riet ihm, Brsenpapiere zu kaufen, doch er fand
das Geschft zu unsicher und zu langwierig. In der Neujahrsnacht kam er
in Begleitung mehrerer junger Englnder in ein Haus, wo Bakkarat
gespielt wurde. Er beteiligte sich am Spiel und gewann neunzehnhundert
Franken. Acht Tage spter ging er wieder hin und gewann ber viertausend
Franken. Nach einiger Zeit wollte er zum drittenmal sein Glck
versuchen, aber da verlor er. Es waren zwar nur dreiig Goldstcke, aber
der Verlust rgerte ihn, und er wollte ihn am andern Tag wieder
einbringen. Er verlor. Nun hatte er keine Ruhe mehr und whnte, das
Glck erzwingen zu mssen. Allnchtlich sa er bis gegen die
Morgenstunde am grnen Tisch, ruhiger als alle anderen Spieler und von
einer seltsamen Neugier erfllt, zu erfahren, wann das Migeschick
aufhren wurde, ihn zu verfolgen.

Nach Verlauf eines Monats hatte er zweiunddreiigtausend Franken
verloren. Um seine Schulden tilgen zu knnen, mute er das ganze Depot
erheben, das sich noch in Wrzburg befand. Darauf schrieb er an den
Inspektor nach Erfft, es msse eine Anleihe aufgenommen werden, ein ihm
bekannter Agent in Mnchen, an den er sich gleichfalls brieflich wandte,
sollte dazu behilflich sein. Unter groen Schwierigkeiten wurden
zwanzigtausend Taler flssig gemacht. Sylvester spielte trotzig weiter,
und in einer Woche verlor er die Hlfte dieser Summe. Nun erkannte er
das Vergebliche seines Eigensinns, und da ihn nicht so sehr die
Leidenschaft als der Wille beherrscht hatte, das dumme, blinde Ungefhr
zu lenken, bedurfte es nur eines Entschlusses, um ihn von seinem
verhngnisvollen Weg abzubringen. Freilich trug dazu ein Ereignis bei,
das auch wie ein Spiel begonnen hatte, aber mit Trauer und Vernichtung
enden sollte.

Durch einen jungen Marineoffizier, den er im Salon der Prinzessin
Mathilde kennen gelernt hatte und der ihm eine herzliche Freundschaft
entgegenbrachte, war er in das Haus des Lords Albany gekommen. Lord
Cecil Albany war ein Mann von ungeheurem Reichtum, der es liebte, die
Wintermonate in Paris zu verbringen und sich durch seinen Aufwand in
groen Respekt gesetzt hatte. Er hatte in der Rue St. Honor einen
Palast gemietet und sah jeden Abend die vornehme Welt bei sich. Doch
geschah dies nur seiner Frau zuliebe, er selbst war ziemlich
menschenscheu und die ihn nher kannten, schilderten ihn als einen
trockenen, hochmtigen und rohen Patron. Lady Evelyn war eine echte
Englnderin, schlank, anmutig, uerlich khl, doch in irgendeiner Art
heimlich besessen. Es war eine unverhehlte Tatsache, da sie den Lord
wider ihren Willen und nur auf den Befehl ihrer Eltern geheiratet hatte.
Sie hatte erklrt: Wenn man mich zu dieser Ehe zwingt, so werde ich
alles tun, um mich zu rchen. Das Zusammenleben mit Lord Cecil bestrkte
ihre Abneigung, und es galt fr ausgemacht, da sie ihren Gatten betrog.
Doch ging sie dabei mit List und Heimlichkeit zu Werke, und der Lord
hatte bis jetzt nicht die geringste Ursache gehabt, sich ber sie zu
beklagen.

Sylvester fand sogleich den Ton, der ihrem romantischen Wesen zusagte,
er gewann ihr Vertrauen, und nach kurzer Zeit standen sie im innigsten
Einverstndnis. Sie ergtzte Sylvester, und er konnte sie nicht ganz
ernst nehmen, obgleich er das Pflanzenhafte an ihr wahrnahm, das
allerdings nur in dieser besonderen Atmosphre eines Treibhauses
gedeihen konnte.

Seit sie seine Geliebte war, besuchte sie ihn in seiner Wohnung; nun
geschah es aber, da Lord Cecil nach London reisen mute und seine
Rckkehr erst fr das Ende jener Woche in Aussicht stellte. An einem
Abend ging Sylvester zu Lady Evelyn, und die Vorsicht vergessend, die
sie beide bis jetzt beobachtet, blieben sie bis weit ber Mitternacht
beisammen. Als Sylvester durch den beleuchteten Flur zum Tor schritt,
wurde die Nachtpforte gerade von auen geffnet, und zu seinem
peinlichen Erstaunen sah er Lord Albany hereintreten. Der Lord stutzte,
griff aber dann nach seinem Hut und grte Sylvester mit
auerordentlicher Hflichkeit. Darauf wandte er sich zur Treppe, und
Sylvester verlie ziemlich beruhigt das Haus.

Indessen rief der Lord smtliche Diener und Dienerinnen herbei,
bedeutete ihnen, im Vestibl zu warten, forderte von einem der Mdchen
ein gewhnliches Kleid, und nachdem er es erhalten und ber den Arm
geworfen, betrat er das Schlafzimmer seiner Frau. Er brauchte keinen
andern Beweis ihrer Schuld als den Umstand, da sie im Bette lag. Mit
eisigem Gesicht befahl er ihr, sich zu erheben, warf ihr das Gewand hin
und hie sie es anzuziehen. Sie gehorchte zitternd. Nur wenn Sie
augenblicklich das Zimmer und augenblicklich mein Haus verlassen, knnen
Sie sich eine krperliche Zchtigung ersparen, sagte er. Sie sah ihn an
und wute, da sie nichts zu hoffen habe. Sinnlos vor Scham und Angst
eilte sie hinaus, durch das Spalier der regungslosen Dienstleute
hinunter auf die Strae. Lord Cecil sperrte das Tor hinter ihr zu und
bewachte es eine Stunde lang, um zu verhten, da einer von den Leuten
ihr folge und Hilfe leiste.

Erst drei Tage spter gelangte die Kunde dieses Vorfalls zu Sylvester;
da Lord Albany selbst sich in Schweigen hllte, konnte das Gercht nur
durch die Mitteilungen der Dienerschaft in die Welt dringen. Man war
entsetzt, man schttelte den Kopf, und die Gesprche erschpften sich in
ausschweifenden Vermutungen. Sylvester war froh, da nirgends sein Name
genannt wurde, aber der Gedanke an das Schicksal der unglcklichen
Evelyn verfolgte ihn bestndig. Da sie nicht zu ihm gekommen war und
keine Nachricht gab, zeigte, da auch sie das Spielerische und Haltlose
ihrer gegenseitigen Beziehungen empfunden hatte, und seine Sorge um sie
verdoppelte sich. Nach einigen Wochen erzhlte ihm der Marineoffizier,
Lady Evelyn habe Mittel gefunden, nach Essex zu kommen, wo ihre Eltern
wohnten, habe sich ihrem Vater zu Fen geworfen, sei aber von diesem
mit groer Hrte abgewiesen worden, da in den Augen eines anstndigen
Englnders ein Ehebruch unauslschlichen Makel mit sich bringe, und eine
Frau, die solcher Snde berfhrt worden, von der menschlichen
Gesellschaft verstoen und auf ewig gebrandmarkt werden msse. Einer
ihrer Brder habe ihr aus Mitleid eine geringe Summe Geldes zugesteckt,
und damit sei Evelyn nach London gegangen, wo sie ein unstetes, ja, wenn
man den Versicherungen des Sir Randolph Canning, eines Vetters von Lord
Albany glauben wolle, verworfenes Leben fhre. Sir Randolph behaupte
nmlich, sie sei jede Nacht in einer berchtigten Opiumkneipe im Norden
der Stadt zu sehen.

Es kam der Juni, und Sylvester lie sich von seinen englischen Freunden
berreden, mit ihnen nach London zu gehen. Er entschlo sich um so
leichter dazu, als er in den Pariser Zirkeln pltzlich eine feindselige
Haltung gegen seine Nationalitt sprte, eine Gespanntheit und
zunehmende Klte, die er sich nicht erklren konnte und die jedenfalls
durch gewisse politische Machenschaften und Hetzereien begrndet war.
Eines Abends, im Foyer der Oper, stellte er den Herzog von Montmorency
zur Rede, der in seiner Gegenwart eine spttische Bemerkung ber die
Prussiens gemacht hatte, und es wre zum Duell gekommen, wenn nicht
einsichtige Vermittler den Streit geschlichtet htten. Eben jener Sir
Randolph, ein jngerer Sohn des Lord Winchester, lud ihn ein, die
Herbstmonate auf seinem Schlo in Bangor an der Irischen See zu
verbringen. Er versprach es.

Schon die ersten Londoner Tage zogen ihn in eine verwirrende
Geselligkeit und die Anforderungen wuchsen mit der Bereitschaft, sie zu
erfllen. Eines Morgens nahm er eine Zeitung zur Hand, und sein Gesicht
verfrbte sich, als er unter den Todesanzeigen die Nachricht vom
Hinscheiden der Lady Evelyn Albany las. Lord Cecil verkndete es in
Ausdrcken geziemenden Schmerzes und teilte mit, da sich die Leiche in
seinem Haus am Trafalgar Square befinde und er daselbst die
Kondolenzvisiten annehmen werde. Noch am Vormittag erhielt Sylvester den
Besuch eines jener Alleswisser, die ber die Ereignisse in der groen
Welt genau unterrichtet sind und vernahm von ihm, da man die arme
Evelyn vor zwei Tagen gegen Morgengrauen in einem Elendsviertel
bewutlos auf der Strae gefunden habe. Sie sei ins Hospital geschafft
worden, habe dort nur noch ihren Namen flstern knnen und dann sei ihre
Seele entflohen. Lord Cecil wurde verstndigt; dem Tod gegenber zeigte
er sich wenn auch nicht vershnt, so doch der ueren Pflichten seiner
Stellung eingedenk; durch ihren Tod wurde die grausam in den Schlamm des
Lebens hinabgeschleuderte Evelyn wieder zur Lady Albany und alles was
geschehen war, seit sie sich entwrdigt, wurde einfach als ungeschehen
betrachtet.

Sylvester zgerte lange, bis er den Entschlu fate, in Lord Cecils Haus
zu gehen. Aber er glaubte es dem Andenken Evelyns schuldig zu sein,
ihrem irdischen Rest einen Abschiedsgru zu erweisen. Er whlte eine
Stunde, wo er sicher war, da man unter vielen Leuten seine Anwesenheit
nicht beachten wrde. Jedoch seine Erwartung traf nicht zu. Als er in
den Saal kam, in welchem die Tote auf einem mit schwarzem Sammet
ausgeschlagenen Katafalk lag, waren die meisten Besucher schon
weggegangen, und einige Personen, die flsternd in einer Ecke des Raumes
standen, waren ebenfalls im Begriff, sich zu entfernen. Sylvester trat
an den Sarg und blickte in das ergreifend zerstrte, unendlich
abgehrmte Antlitz, dessen starre Ruhe zu trgen schien, und dessen
Blsse phosphorisch leuchtete. Whrend er noch niederschaute, sah er
pltzlich dicht neben sich Lord Cecil Albany. Der Lord hatte die Hnde
auf dem Rcken, wandte Sylvester den Kopf langsam zu und sagte mit
heiserer Stimme: Sie war schn, nicht wahr? Sylvester zuckte zusammen,
die Augen des Lords verdrehten sich unheimlich, als er seine Worte
wiederholte: Sie war schn, nicht wahr?

Da senkte Sylvester die Stirn, kehrte sich um und ging schweigend
hinaus.

       *       *       *       *       *

Seiner selbst berdrssig sein ist schrecklicher als sterben. Jeder
Gedanke wird Anklage, das Herz erstickt in Melancholie, der Schritt
spottet seines Zieles, nur Ekel saugt das Auge aus den Dingen, die Hand,
wonach sie auch greift, sie hlt nichts, der Mund mag nicht mehr reden,
das Ohr nicht hren. Sich auskleiden am Abend, sich anziehen am Morgen,
wozu? Und die Menschen, was soll ihre Eile frommen, ihr Gelchter, ihr
Nein und Ja, ihr Schn und Hlich; wie zwecklos dies Anznden von
Lichtern und Auslschen von Lichtern, dies Abreisen und Wiederkommen,
der Schmuck von Wnden, die Zierat der Stdte, all dies Vergebliche,
ach, so furchtbar Vergebliche!

Unheilvoller als vor Monaten in der Heimat gewann solche Stimmung Macht
ber Sylvester. Er blieb tagelang in seinem Zimmer, schlo die Lden zu
und lag in der Dunkelheit. Jedes fremde Gesicht war ihm unertrglich und
jeder Laut von der Strae verstrte ihn. Wenn der treue und besorgte
Adam an die Tre pochte, antwortete er zuerst berhaupt nicht, dann
bermannte ihn der Zorn und er befahl ihm unter Schimpfworten, sich zu
trollen. In spter Nacht ging er aus, um zu essen und kehrte oft hungrig
wieder heim. Am liebsten weilte er am Flu, in spter Nacht; beugte sich
ber ein Brckengelnder und sah zu, wie das Wasser flo und Barken und
kleine Dampfer dahin glitten. Er wollte sich nicht Rechenschaft darber
geben, was er unterlassen. Er war nicht gewohnt, ber sich nachzudenken.
Sein Schmerz hatte nichts mit seinen Handlungen zu schaffen, obwohl er
sich klar darber war, da er nichts Gutes und Heilsames, sondern nur
Schdliches und Schlechtes durch sie hervorgebracht hatte. Erinnerte er
sich an die Begegnungen der letzten Zeit, an die Abenteuer und
Verstrickungen, so fand er sich um so leerer und klter, je deutlicher
er sie vergegenwrtigte, und Evelyns bleiches Totenantlitz hatte nur
einen Flammenschein in die Klte und Armut seiner Brust geworfen wie
eine Fackel in die Ruine eines Hauses. Sein Schmerz strmte aus dem
allertiefsten Grund des Lebens, und mit ihm stieg zuweilen eine
unermeliche Sehnsucht empor, in deren Umklammerung er sich ohnmchtig
hinschleppte.

Einmal trumte ihm, er sei mit Adam Hund von Erfft aufgebrochen. Sie
ritten durch den Wald, Adam mit einer brennenden Fackel voraus. Es ist
eine strmische Nacht, die Zweige krachen und seufzend biegen sich die
Stmme. Eine Regenflut prasselt nieder und verlscht die Fackel. Die
undurchdringliche Finsternis ttet alle Hoffnung in Sylvester, und er
kann nichts denken als das eine: nur nicht zurck, nur nicht mehr nach
Hause. Er sprt den warmen Leib des Pferdes und vernimmt Adams hufigen
Zuruf, der sich seiner Nhe versichert. So irren sie viele Stunden lang
umher, und als der Morgen graut, fangen die Pferde an zu wiehern, und
Sylvester gewahrt durch Nebel und Regen hindurch sein Haus. Darber
empfindet er eine solche Verzweiflung, da er sich ber den Hals des
Pferdes beugt und ihm ein Messer in die Brust stt. Ein Blutstrahl
quillt auf, steigt immer hher empor und leuchtet wie Feuer. Adam ist
verschwunden, das Haus ist leer, Sylvester sucht und wei nicht wonach,
keuchend luft er durch unbekannte Rume, die Luft ist rot von der
Blutfontne, er sinkt erschpft zu Boden und erwacht.

Bei diesem Erwachen fate er den Vorsatz, wieder unter Menschen zu
gehen, damit die in seiner Nhe lebten, nicht das bestndige Schauspiel
selbstzerstrenden Tuns vor Augen htten. Er rief Adam zum Rasieren, der
schleppte mit heller Freude seinen Kasten herbei und behandelte
Sylvester wie einen von Krankheit Genesenden; im brigen war er schlecht
auf England zu sprechen, weil er nirgends Suppe zu essen bekam, und
nannte die Englnder traurige Hungerleider. Seine Gefrigkeit wuchs im
selben Ma wie seine zarteren Bedrfnisse schwanden.

Nur um die Zeit zu fllen ging Sylvester am Abend ins
Coventgarden-Theater, nicht weil Gabriele Tannhauser dort sang. Um so
unerwarteter war der tiefe Eindruck, den sie auf ihn machte. Zwei Tage
spter traf er sie auf einem Rout bei der Herzogin von Devonshire. Sie
gewahrte ihn, als er unter die Tre trat, schien sich seiner zu
erinnern und lchelte ihm flchtig zu. Da sie von Bewunderern umlagert
war, verschmhte er es, zu ihr zu dringen. Es fiel ihm auf, da sie sich
ganz und gar nicht als Dame gab, ganz und gar nicht als Stern fr eine
entzckte Menge, aber er verga nicht, wie schlank und fein sie dastand,
sprlich in Gesten und wachsam hinter ihren besonderen Verschleierungen.

Die vielfachen Wege des gesellschaftlichen Lebens hatten Stationen, auf
denen man sich immer begegnete. Schon am andern Tag sah er Gabriele auf
einem Ball bei Lady Tankarville wieder, und am darauffolgenden bei einem
Diner im Hause des Lord Keith. Sie hatte groen Erfolg in London, alle
jungen Mnner lagen ihr zu Fen, und ehrwrdige Granden des Reichs
gehrten zu ihren Anbetern. Sie schien es kaum zu merken. Die Last der
Verpflichtungen, die ihr der Ruhm auferlegte, bedrckte sie. Sie klagte
gegen Sylvester, da sie unter dem Klima leide. Er riet ihr krperliche
Bewegung an, empfahl ihr zu wandern, zu reiten und machte sich erbtig,
sie bei Ausflgen zu beschtzen. Ich bin ein armer Sklave, antwortete
sie, ich kann mein Joch nicht abtun. Im Herbst wolle sie sich erholen,
sagte sie; sie sei von den Cannings eingeladen, nach Bangor zu kommen
und habe die Absicht, einige Wochen dort zuzubringen. Es berhrte sie
nicht unangenehm, als Sylvester ihr mitteilte, da auch er in Bangor
sein werde. Sie fand Gefallen an der Unterhaltung mit ihm. Sein offenes,
geistig durchwhltes Gesicht hatte ihre Sympathie erweckt.

Sylvester hatte eine alte Freundin in London, eine Frau von Rhynow, die
Gattin eines Konsuls. Sie war frmlich verliebt in Gabriele, der sie in
dem fremden Land viele Dienste leistete, und da sie ein Vergngen daran
fand, Menschen zusammenzubringen, die sie gern hatte, lud sie Gabriele
und Sylvester hufig zur Teestunde ein. bertriebenes Zartgefhl lie
sie glauben, da das harmonische Gesprch der beiden durch ihre
Gegenwart gestrt werde, und so ging sie meist aus dem Zimmer, nachdem
sie ihre Gste bewirtet hatte. Die Zurckgelassenen muten ihre
Situation scherzhaft nehmen, wenn sie ihnen nicht verfnglich scheinen
sollte.

Gabriele war ohne Arg, auch gegen sich selbst. Sie war der Nhe eines
Menschen froh, der fest in seiner Welt stand und ihre Empfindlichkeit
gegen dieselbe Welt milderte. Sie durfte immer wieder in ihre Einsamkeit
zurckkehren, sie hatte die Sicherheit, sich nicht verlieren zu knnen
und als sie erfuhr, da er verheiratet sei, wuchs ihr Vertrauen gegen
ihn, ein mdchenhafter Zug und ein philistrser zugleich. Sylvester
betonte sein Gefhl der Freundschaft; er sagte, da sein Herz mde sei,
und er glaubte es. Der Magnetismus, den zu erproben er ausgezogen, er
sprte ihn nicht mehr; er hatte ihn verschwendet, in Kleinmnze
zerstckt. Er hielt sich fr unfhig, zu entflammen und unfhig,
entflammt zu werden. Wenn er Gabriele vor sich sah, in der Herrlichkeit
einer Jugend, die sie wie eine Brde trug, wenn er in ihre Augen
blickte, in denen unbewut und ergreifend die Schnheit der Bereitschaft
war, dann dnkte ihm Resignation natrlich und anstndig.

In dieser stolzen und ergebenen Stimmung schrieb er an Achim Ursanner,
an den er sich jetzt zuweilen wie an einen heimlichen Boten wandte: Da
ich in meiner Zeit lebe, ist mein Schicksal; da ich sie betrachte,
enthlt schon einen Triumph ber das Schicksal. Vor ihr stehe ich wie
vor einem Spiegel. Sie atmet mir die Welt entgegen, sie zeigt mir die
Menschheit in dem Augenblick, wo ich es vermocht habe, mich ihr zu
entziehen. Meine Selbstbesinnung ist mein Sieg ber die Zeit. Ich kann
die Augen schlieen, und Welt und Zeit strmen in mich hinein, kein
einzelnes hat mehr Gewalt ber mich, ich habe die Gewalt des Trumers
ber das Ganze. Ich mchte mich mit einem Trauernden vergleichen, der in
unzugnglicher Abgeschlossenheit haust, dennoch sich gehetzt, bedroht,
aufs uerste beunruhigt fhlt, und der gerade in der Sekunde der
letzten Hoffnungslosigkeit einen zauberhaften Trost empfngt, so da
seine Stirn, von der neuen Morgenrte berhrt, einen Schein mystischen
Entzckens ausstrahlt, whrend die Brust noch in einer poesielosen
Finsternis begraben ist.

Aber Sylvester irrte sich. Die ganze Weisheit war gewnschtes
Miverstndnis dessen, was in ihm vorging. Lockte ihn nicht die Gebrde,
mit der die Freundin nach einer Notenrolle griff? Und jene, mit der sie
die Arme hob, um den Schleier zu binden? Und jene halb frstliche, halb
zaghafte, mit der sie eine Tr ffnete? Gab nicht ein schelmisches
Lcheln, ein verstohlener Blick Stoff zu Grbelei? Folgte nicht die
Phantasie der schlanken Gestalt in ihr Alleinsein? Belauschte sie nicht
die Gedanken hinter der eigentmlich gefesselten Stirn des Mdchens? War
nicht sein Gleichmut erheuchelt, sprte er nicht, wie er sich wandelte,
seinen Bindungen entfloh, seiner Gewiheit entschlpfte?

Als sie bei Lady Jersey Polens Klage von Chopin sang, dieses
Lied, in dem eine von Visionen umschauerte Melodie aus der von
leidenschaftlichem Kummer verdsterten Begleitung emporsteigt wie eine
Liebende, die sich krank vom Lager erhebt, um noch einmal den Geliebten
zu umarmen, empfand er zum erstenmal die Scham, mit der man einen
heimlichen Besitz zum ffentlichen Gut werden sieht, und er hatte Mhe,
sein eiferschtiges Fieber zu verbergen. Ihm war, als entkleide sie sich
und wisse es nicht, werfe sich hin vor die allgemeine Gier, geschndeten
Herzens, sie, die das zchtigste besa. An jenem Abend ging er nach
Hause wie ein Betrunkener, lie die Lampe brennen, bis es Tag wurde,
hatte die Augen offen und vermochte nicht zu denken.

Er hatte bis zu dieser Stunde gehandelt und sich betragen als ein Mann,
der frei ist, den keine Pflicht kettet, keine Rcksicht lahmt; er hatte
sich losgelst von Weib und Kind, hatte nicht geschrieben, ihrer kaum
gedacht und zehn Monate lang ein Leben gefhrt, wie wenn die zehn Jahre
vorher nur die Episode einer Nacht gewesen wren. So tief sein
versptetes Staunen war ber das mondschtige Dahinstrmen, das Freveln
ohne Verantwortung, die Existenz ohne Erinnerung und ohne Gte, so
scharf erkannte er auch, da der Wille zur Rckkehr ihn trotzdem
beherrscht hatte, das Bewutsein, da der dunklen Wanderung ein
unverrckbares Ziel gesetzt sei. Jetzt aber verlangte ihn nach
wirklicher Freiheit. Er kmpfte gegen Agathe. Er bumte sich auf gegen
ihre stumme Forderung. Ihre Verlassenheit erweckte nicht seine Reue,
sondern seinen Ha. Der Schein von Recht, mit dem sie ihn anklagte,
erbitterte und die Macht, die sie pltzlich von fernher ber sein Gemt
ausbte, erzrnte ihn. Doch als der erste Strahl der Morgensonne ins
Zimmer fiel, erfate ihn Schrecken und Zerknirschung; noch kann ich die
Gefahr abwenden, sagte er sich; es gibt in jedem Schicksal einen
Augenblick, wo der Geist sich um seine letzte Freiwilligkeit betrgt,
ich will diesen Augenblick nicht versumen; ich will abreisen, ich kann
es noch, ich wrde lgen, wenn ich einen Zwang vorschtzte, wo nur
Schwche ist.

Er sprang auf mit dem Entschlu zu packen. Adam zu rufen war es noch zu
frh; doch wollte er alles fr ihn zusammenlegen, dann konnten sie mit
dem Vormittagszug nach Dover fahren. Beim ffnen einer Lade erblickte er
den Schuh der schnen Rahel, den er damals auf der Treppe gefunden. Die
Erinnerung an ein Feuer, das von der Zeit gelscht worden ist,
berhaucht die Vergangenheit mit Todesklte. Mutlos warf sich Sylvester
aufs Bett, und auf einmal entsann er sich einer Menge von huslichen
Unannehmlichkeiten: es ist ein Wintermorgen, und im Frhstckszimmer
raucht der Ofen durch eine zersprungene Kachel; er kehrt hungrig von der
Jagd zurck und mu warten, weil die Kchin einen Streit mit dem
Inspektor gehabt hat; in Dudsloch hat ein Knecht Holzdiebsthle verbt
und man mu die Polizei benachrichtigen; Schwager Eggenberg hat seinen
Besuch angemeldet, und im ganzen Haus riecht es nach Sauerkraut, das die
Leibspeise des Majors ist; all das ist so klein, so nchtern, so
wohlbekannt, so langweilig, so hlich. Seufzend schlief er ein.

Gegen Mittag weckte ihn Adams Pochen. Ein Brief mit Antwortbitte war da.
Sylvester kannte Gabrieles groe, eckige Schrift noch nicht, aber mit
klopfendem Herzen entfaltete er das Papier. Sie schrieb ihm, da sie
sich fr den Nachmittag frei gemacht habe und gern einen Spaziergang mit
ihm unternehmen mchte; sie habe auch Frau von Rhynow dazu gebeten, die
sei jedoch verhindert.

Adam starrte verwundert auf die im Zimmer herrschende Unordnung, denn
Sylvester hatte schon Kleider und Wsche aus den Behltern genommen.
Bring' nur alles wieder an seine Stelle, befahl Sylvester kurz.

       *       *       *       *       *

Sie gingen durch den Park von Richmond. Unter freiem Himmel haben die
Menschen ein wahreres Gesicht als in Rumen. Gabriele nahm mit jedem
Schritt die Natur als Geschenk hin. Sylvester mute an Agathe denken, an
Agathes Entzcken, solange sie empfnglich, an ihre Verdrossenheit, wenn
sie mde war. Gabriele hatte eine sanfte, gedankenvolle Ruhe. Sie
lauschte seinen Worten, als ob sie ein Wechsel von Licht und Schatten
wren, nicht wie Agathe, die allzu wach das Wort wie ein lebendiges Ding
ergriff und sich von ihm reizen und steigern lie. Wie sehr liebte er
die Sanftmut an den Frauen; Sanftmut trgt das Feuer innen; die Erde ist
sanft mit ihrem glhenden Kern, der dunkle Nachthimmel durch sein
verborgenes Licht. Schon in frhen Tagen hatte er das Bild der sanften
Frau umworben, und nun wute er erst, was ihm an Agathes Seite gefehlt,
die keine Nachgiebigkeit kannte, ganz auf Wille und Tat gestellt war und
sich nur in selbstschtiger Trumerei vergessen konnte.

Gabriele fhlte, da eine unsichtbare Dritte mit ihnen ging. Es lag ihr
nah zu fragen. Wunderliches Spiel des Einandererratens; whrend sie
einen Weg zur Frage suchte, uerte Sylvester, es sei ihm aufgefallen,
da sie so selten Fragen an ihn richtete. Sie lchelte und wollte
wissen, ob ihm dies fr einen Mangel gelte; es sei wahr, sie knne nicht
fragen, sie habe es nie gelernt. Der Mensch ist da, um zu fragen,
entgegnete er, und sein Blick bat sie um eine Frage. Sie standen unter
einem riesenhaften Nubaum; die Sonne ging unter und das Grn der
Rasenflchen berzog sich mit sen, violetten Tnen. Durch die
sommerlich feuchte Luft schwangen sich Schwalben in vernderlichen
Bogen. Wieder lchelte Gabriele und sie fragte also: warum er so ruhelos
sei? Er schwieg. Sie lchelte zum drittenmal; sie begriff, da die Frage
zu allgemein gewesen und sammelte Mut fr eine begrenztere: warum er
niemals von seinem Haus, von seiner Frau, von seinem Kind spreche? Er
errtete. Davon zu sprechen bindet mich, antwortete er mit gesenkten
Lidern, ich will aber frei sein.

Man ist nicht frei in einer Ehe, sagte Gabriele sehr ernst.

Man kann aber frei werden, oder nicht?

Nein. Man kann niemals frei werden, beharrte Gabriele mit demselben
Ernst; ist eine Ehe nicht vor Gott und vor der Menschheit geschlossen?

Was reden Sie da, Gabriele! rief Sylvester unmutig. Das ist
Pfaffenmoral.

Nein. Es ist Blutgesetz.

Blutgesetz? Also Leibeigenschaft?

Vielleicht Leibeigenschaft; so mu es vielleicht sein. Zuviel ist vom
einen Teil im andern Teil, zuviel Unauslschliches ist geschehen.

Aber ich liebe Agathe nicht, wandte Sylvester beklommen ein.

Ob Sie Agathe lieben oder nicht lieben, das ist gleich, versetzte
Gabriele, und ihre Wangen erglhten. Die Ehe steht ber der Liebe. Sie
steht deswegen ber der Liebe, weil sie zwei Menschen vereinigt. Aus
eins kann man nicht mehr zwei machen. Und wenn Sie Agathe auch nicht
lieben, sie ist in Ihnen drin, Sie knnen nicht leben ohne sie. Sie
knnen ihr untreu sein, aber Sie knnen nicht Liebe finden ohne Agathe.
Sie ist immer da, wo Sie sind, immer, immer. Wre sie nur eine Frau, so
wre das Band zerreibar; doch sie ist Mutter, und zwischen euch wchst
ein Kind, und dem seid ihr verfallen beide.

Es war Sylvester zumute, als habe er fr ewige Zeiten seine Seligkeit
verloren. Er schaute verzweifelt vor sich hin.

Da es zu dmmern begann, gingen sie zur Chaussee, wo der Phaethon
wartete. Sie stiegen ein, und Gabriele schmiegte sich in die Ecke. In
ihren Augen brannte noch die Flamme der Beredsamkeit; die jonisch
geschwungenen Lippen hatten einen Ausdruck von beseelter Kraft.
Sylvester griff nach ihrer Hand, und sie berlie ihm die Hand, befangen
zwar, doch ohne Mitrauen. Pltzlich glitt er auf die Knie nieder und
drckte ihre Finger an seinen Mund. Hastig flsternd befahl sie ihm,
aufzustehen. Er gehorchte und nahm wahr, da sie zitterte. Ihr Gesicht
wurde totenbleich. Er atmete in schweren, langen Zgen und umfing sie;
ihre sthlerne Brust tobte gegen seine Arme; ihr wilder Blick flchtete
in die Landschaft hinaus, die wie gefrbtes Wasser vorberrann. Auf
einmal wurde alles weich an ihr, der Kopf fiel ihm zu wie geknickt, die
Augen schlossen sich, die Lippen suchten seine, Schmerz und Glck waren
ein einziges Gefhl, ein kurzes nur, und als sie sich aufrichtete, war
dieses schon Verbot, und jener strmte aus unheilbarer Wunde. Sie saen
schweigend nebeneinander; er hielt noch ihre Hand, deren Pulsschlag sein
Geschick besiegelte. Gabriele entzog sie ihm nicht, denn es war Abend
geworden. Beim Abschied grte sie ihn nur mit einem Blick.

Als Sylvester nach Hause kam, sah er neben der Lampe das Bild Silvias
stehen, ein Miniaturportrt, das er vor zwei Jahren in Mnchen nach
einer Photographie hatte anfertigen lassen. Da er sich nicht erinnerte,
es mitgenommen zu haben, auch whrend seiner Reisen es nie bemerkt
hatte, fragte er Adam verwundert, wie er dazu gelangt sei, und Adam
erwiderte, er habe es beim Aufrumen in einer Schatulle gefunden.
Sylvester setzte sich an den Tisch; whrend er sprte, wie sein ganzer
Krper gleichsam hinuntergerissen wurde in eine Flut der Leidenschaft,
betrachtete er das Bild des schnen Wesens, und sein Auge schien
ngstlich zu fragen: bin ich dir wirklich verfallen, Silvia? So
bermchtig war diese Leidenschaft, da er in geheimnisvoll
verbrecherischem Trotz eher den Tod des geliebten Kindes erdenken konnte
als den Verlust Gabrieles.

       *       *       *       *       *

Es wurde Schicksal.

Sie schrieb ihm: Wir drfen uns nicht mehr sehen. Am Schlusse stand
aber: Helfen Sie mir. Da wute er genug und kte sein eigenes
Spiegelbild wie ein Narr.

Er ging zu ihr. Sie wohnte in einem Landhaus in Twickenham. Anna Ewel
fhrte ihn in den Garten, wo Gabriele sa, die Hnde ber den Knien
verschrnkt. Sie empfing ihn khl. Er hatte vieles sagen wollen, nun war
es schal im voraus. Ihre Hrte verletzte ihn; er erhob sich, um zu
gehen; da machte sie eine erschrockene Bewegung mit dem Arm, und ihr
Gesicht bebte vor Bestrzung. Sie zwangen sich zu ruhigem Gesprch, aber
mit jedem Wort wurde die Kette enger, die sie umschlang.

Sie trennten sich wie Fremde. Sylvester hatte nicht die Kraft, in seine
Behausung zurckzukehren. An der Landstrae war ein kleines Gasthaus; er
lie sich ein Zimmer geben, warf sich dort auf das Sofa und haderte
stumm. Als es Abend wurde, zndete er zwei Kerzen an, verlangte
Briefpapier und schrieb an Agathe, -- zum erstenmal seit zehn Monaten.
Ich bin deiner Nachsicht gewi. Du hast Rechte auf mich, aber la sie
mich nicht fhlen. Du hast Grund, mich zu verdammen; tue es nicht. Ich
mchte an dich als an eine Freundin denken. Ich mchte an dich glauben
als an einen Menschen, der mich liebt, ohne meine Person als Einsatz zu
fordern. Du warst mir sehr nah in den letzten Tagen. Ich suchte dich und
mied dich, ich frchtete dich und brauchte dich. Ich bin hilflos, wenn
ich dich feindselig wei, und stark, wenn du mich billigst.

Solche Tne hat die Lge nicht. Sylvester hatte nicht gewut, was ihm
Agathe war. Nicht an die Gattin wandte er sich, nicht an die Gefhrtin,
auch nicht an die Mutter seines Kindes, sondern an die Richterin ber
sein Leben.

       *       *       *       *       *

Als er Gabriele im Wagen gekt, hatte ihn noch Eitelkeit getrieben und
Eroberungslust erfllt. Es war, wie wenn der Beginn dieses Kusses noch
Spiel gewesen wre, sein Ende aber schon Unwiderruflichkeit enthalten
htte. Und nicht blo fr ihn. Gabriele war so neu, so wahr, da jene
flchtige Berhrung entscheidend fr sie blieb. Sylvester erkannte es
wohl; der Sammet der Frucht ist noch unversehrt, sagte er sich beglckt,
ein Beweis, da das Zarteste in der Natur auch das Strkste ist. Aber er
ahnte nicht, da ihre uere Klte eine sehnschtige Glut verbarg, ihre
Schweigsamkeit ein unbeirrbares Gefhl, ihr fliehender Blick ein fr
immer ergriffenes Herz.

Sylvester kannte diese Seele nicht. Er glaubte, brgerliche Feigheit
mache sie zurckhaltend. Er hatte zu viele Frauen kennen gelernt, um
noch reinen Instinkt zu besitzen. Er sah das geliebte Mdchen in allen
Gestalten und Verwandlungen, die sein Argwohn, seine Ungeduld, seine
bsen und guten Trume heraufbeschworen. Er schlief nicht mehr. Er
konnte stundenlang liegen und nur an ihre Hand denken; er hrte nur
ihre Stimme, wenn Menschen sprachen; er sah nur sie gehen, wenn Menschen
gingen; er sprte nur sie, wenn Gegenstnde seine Haut berhrten. Jeder
Tag ohne sie war gespensterhaft, jeder Abend ein Leiden, jede Nacht ein
Alpdruck. Er flsterte ihren Namen in die Luft, um den Klang zu
vernehmen, es gab nichts in der Welt, was er nicht in Beziehung zu ihr
setzte, und wenn andere Leute von ihr redeten, zuckte er zusammen wie
ein Verbrecher bei der Erwhnung seiner beltat. Die Leidenschaft
erfllte ihn von oben bis unten, ja sogar ber dem Schatten lag sie, der
ihn begleitete. Sie spannte ihn schmerzlich, sie machte ihn sich selbst
verachtenswert, sich selbst wunderbar; die Wirklichkeit wurde zu einem
Schemen die Zeit etwas so Wahnvolles, da er in Stunden der Trauer
zehnmal starb, in Sekunden der Freude Ewigkeiten lebte. Seine ganze
Existenz war eine Mischung von Torheit, Rausch und Fieber geworden, und
wenn er drei Wochen zurckdachte, so dnkte ihn die eigene Person von
damals ein fremdes, scheintotes Ding.

Es geschah, da er am Abend nach Twickenham ging, und vor Gabrieles Haus
auf und ab wandelte, bis der Morgen anbrach. Gabriele erfuhr es nie. Er
war bei alledem so stolz, da er durch vergebliches Werben sich nicht
erniedrigen wollte. Einmal in einer schnen Nacht trat sie in einem
weien Gewand auf den Balkon und schaute zu den Sternen empor. Da war
es, da er mit berirdischem Schauer die Gre des Weltraums begriff. Er
stand verborgen an einem Zaun und blickte zur Kassiopeia so wie sie; der
Erdball hatte keine Geschpfe mehr als ihn und sie, und auf den feurigen
Bahnen der Sterne begegnete er nur ihr allein.

Vergtterung ist ein schnes Wort; man mu viel von der Gottheit
besitzen, um vergttern zu knnen, und wenn der Vergtterte auch nicht
zum Gott wird, erhoben, beschwichtigt und beseelt wird er doch. Gabriele
sprte dies; es schien ihr leichter zu gehen, mheloser zu atmen, aber
an andern Tagen kam dann eine Lauheit ber sie, eine kraftlose
Schwermut; ihre Arme wurden trg, ihre Worte unbestimmt, ihr Geist
bedrckt, und Menschen, denen gegenber sie sich bisher heiter und frei
gegeben hatte, nahmen die Vernderung wahr. Frau von Rhynow trat eines
Nachmittags bei Sylvester ein und sagte: Mein lieber Sylvester, was ist
mit Gabriele vorgegangen. Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich bin besorgt
um sie. Merken Sie denn nichts? Sylvester antwortete mit einem Blick,
der alles verriet. Um Gottes willen, begann die alte Dame zu jammern,
Sie wollen doch das Mdchen am Ende nicht zu Ihrer Geliebten machen?
Das geht auf keinen Fall. Das wre Tollheit, Schurkerei und kann nicht
geduldet werden. Jetzt geht mir ein Licht auf, jetzt wird mir manches
klar. Ich beschwre Sie, teurer Freund, schlagen Sie sich das Mdchen
aus dem Kopf, die ist zu gut fr dergleichen. Sylvester stand am Kamin,
seine groen Zhne blitzten, und er sah vor Blsse fast grau aus. Sie
knnen sich auch von Agathe nicht scheiden lassen, fuhr die Rhynow
eifrig fort; es gibt viele Frauen, bei denen ich mir vorstellen kann,
da man sich von ihnen scheiden lt, bei Agathe nicht. Ich wei nicht
genau, warum, ich wei nur, da es unmglich ist. Wer Agathe einmal
gesehen hat, der wei, da es unmglich ist. Und Sie wissen es auch.

Sylvester antwortete nicht; in matter Haltung auf der Seitenlehne des
Sessels sitzend, verkrampfte er die Finger ineinander. Mein armer
Freund, sagte Frau von Rhynow, ich verstehe alles. Wre ich ein Mann,
mir ginge es ebenso. Ich fordere nicht, da Sie heute schon einen
Entschlu fassen, aber wahren Sie Ihre Besonnenheit. Schonen Sie
Gabriele.

Die wohlmeinenden Rater nhren stets ein Feuer, das zu lschen sie
gekommen sind. Nun, wo es Gefahr bedeutete und Wchteraugen zu betrgen
waren, achtete Sylvester keine Schranke mehr. Er schrieb sieben Briefe
an Gabriele, die er alle wieder zerri; seine Phantasie gab dem
Abenteuerlichen, dem Mrchenhaften Raum, doch wenn er dann Gabriele vor
sich sah, in ihrer lieblichen Unruhe, in ihrer scheuen Gespanntheit und
wie sie immer wieder versuchte, sich dem finstern Element zu entziehen,
dann stockte er verzweifelt und wute keinen Weg mehr.

Er fuhr zum Rennen nach Epsom und erblickte sie auf einer Tribne neben
der Grfin Shrewsbury. Sie hatte den Kopf zurckgewandt und sprach
frhlich mit einigen Herren, als sich ein ungewhnlich schner junger
Mann im Reitkostm zu der Gruppe gesellte. Sylvester kannte ihn vom
Sehen, es war der Viscount Darrington, ein Jngling von zwanzig Jahren
mit einem Gesicht und einem Krper wie von Phidias gemeielt. Sylvester
stand unten im Gewhl und beobachtete jede Gebrde Gabrieles. Ihm wurde
eiskalt, als sie dem jungen Menschen zulchelte, und als der Viscount,
der sich am Herrenreiten beteiligte, ihre Hand beim Abschied lnger als
es ntig schien in der seinen behielt, legte sich ein purpurner Dunst
ber Sylvesters Augen. Wenige Minuten spter begann das Rennen. Mit
solcher Aufmerksamkeit, da seine Lider kaum blinzelten, verfolgte
Sylvester die Gestalt des jungen Edelmanns, der auf einem Grauschimmel
bald unter den Vordersten ber das Feld flog. Hundert Meter weiter
berflgelte er den Ersten, und Sylvester war es, als sei alles fr ihn
verloren, wenn jener als umjubelter Sieger ans Ziel gelangte. Er
wnschte nicht, er befahl, da der Jngling zu Fall kommen mge und in
einer Art von Raserei sammelte er seine Gedanken in diesem Willen.
Gleich darauf ertnte ein hundertfacher Schrei. Der Grauschimmel hatte
vor dem letzten Hindernis versagt. Sylvester gewahrte wie im Schein
eines Blitzes den Krper des Viscount in der Luft, dann eilten viele
Menschen hinber, um dem regungslos auf der Erde Liegenden beizustehen.
Er hatte beide Arme gebrochen und aus seiner Nase rann Blut.

Das ist also mglich, fuhr es Sylvester schaudernd durch den Sinn, warum
sollte es etwas Unmgliches geben? Sein schuldvoller Blick suchte
Gabriele. Die Zuschauer auf den Tribnen hatten sich erhoben und
pltzlich sah er, wie sich Gabriele durch die Menge drngte; hastig und
beklommen trat sie zu ihm, schob ihren Arm unter den seinen und bat, er
mge sie in die Stadt bringen. Kaum saen sie im Wagen, so fing es an
zu regnen und nach einer Viertelstunde Wegs wurde aus dem Regen ein
Wolkenbruch. Die Pferde scheuten ein paarmal, der Kutscher mute
absteigen und sie fhren.

Gabriele schaute wie geistesabwesend vor sich hin; in seiner sonderbaren
Verwirrung und inneren Not glaubte Sylvester, sie denke nur an den
Viscount, whrend ihr dies und ihr ganzes gegenwrtiges Leben nur wie
Wolkenziehen vorberging. Sie sprach aber nichts, und in ihrem Schweigen
war etwas Redeverbietendes. Sylvester hatte den Kopf gesenkt und ihm
schien, als ob sein Herz in einer salzigen, brennenden Lauge zersetzt
wrde. Weshalb ist sie mit andern liebenswrdig, ja freudig erregt,
grbelte er, und mir zeigt sie ein erstorbenes, verdunkeltes Wesen? Er
htte Ehre und irdisches Heil dafr gegeben, wenn er diese Frage an sie
htte richten knnen und Gabriele sie beantwortet htte. Aber es lag
eine unermeliche Entfernung zwischen ihnen. Was bedeutete jedoch der
Blick, als sie ausstieg, dieser volle, tiefe, strahlende, flehende,
demtige Blick? Schon war sie im Eingang des Theaters verschwunden.

Sie spielte an diesem Abend zum letztenmal in der Saison. Es wurde der
Barbier von Sevilla aufgefhrt, und nach den Aktschlssen glich das
Theater einem mit brllenden Tieren gefllten Kfig. Als die Oper zu
Ende war, ging Sylvester hinter die Kulissen. Anna Ewel geleitete ihn in
eine Ecke, wo sich Gabriele vor den vielen Menschen versteckt hielt, die
ihre Garderobe belagerten. Sie kauerte auf einem hlzernen Karren und a
eine Birne. ber das Kostm der Rosine hatte sie ein schwarzes Tuch
geschlagen, und die weie Haut des Nackens und der Bste leuchtete
eigentmlich feucht. Ich will nach Hause wie ich bin, sagte sie, wir
knnen das Theater unbemerkt verlassen, wenn wir durch den finstern Gang
dort gehen. Meinen Mantel, Anna.

Soll ich denn mitkommen? fragte Sylvester. Sie nickte.

In der Villa drauen war ein Imbi vorbereitet, aber Gabriele hatte
keinen Hunger. Sie lie Sylvester einige Zeit allein, dann kehrte sie in
einem Gewand aus weichem, weiem Kaschmir zurck und setzte sich still
an den Tisch. Die Fenster waren offen; schon herbsteten die Abende, und
die Bume hauchten einen zarten Modergeruch aus. Whrend er allein
gewesen, hatte Sylvester eine Laute genommen, die an der Wand hing; er
hatte sie betrachtet und es wunderbar empfunden, da in dem Instrument
unbekannte Melodien schlummerten, die er nicht hervorlocken konnte;
wieviel wunderbarer dnkte ihn jetzt Gabrieles Anblick, dieser atmende
Leib, aus dem die Gottheit Tne zauberte, welche die Armut der Menschen
in Reichtum und ihre Nchternheit in berschwang verwandelten.

Seine Finger glitten zerstreut ber die Saiten und erzeugten ein sanft
vibrierendes Gerusch, dem einer fernen Windharfe hnlich. Gabriele nahm
ihm die Laute aus der Hand, rckte sie in vertrauter Weise zurecht, und
ihre Zge hatten einen versonnenen Ausdruck, als sie einige dunkle
Akkorde anschlug. Dann schttelte sie entschlossen den Kopf und legte
die Laute beiseite.

Ich liebe dich, Sylvester, sagte sie, du weit es, da ich dich
liebe. Wie es gekommen ist, das kann ich nicht erklren; wozu auch, es
mu nicht erklrt sein. Ich bin nur ein Weib, nicht besser und nicht
schlechter als andere, und wie soll ich's verwinden, da du es bist,
gerade du, den ich liebe. Sprich mir nicht von Glck, trste mich nicht
mit Hoffnungen, sag' nicht, da ich vergessen soll und da es Stunden
gibt, die ausgleichen, und da man seine Lust aneinander haben kann,
wenn auch morgen die Welt untergeht. Das ist alles nicht fr mich. Sieh,
Liebster, du bist wie einer, von dem ich nur eine Hand halten kann, die
andere ruht in der Hand einer andern. Die andere hat ihr Leben auf dich
gesetzt, sie will und kann nicht von dir lassen, und knnte sie auch,
bei mir wrde sie erst lebendig werden fr dich, und du bist der Mann
nicht, der ein lebendiges Geschpf ins Grab wirft. Ich fhle ja, wie es
um dich steht, aber ich kann nicht tun, was du verlangst. Nicht Agathes,
nicht des Kindes wegen; wenn du bei mir bist und ich dich sehe, ist mir,
als knnt' ich darber hinwegkommen; auch an dem, was man Ehre nennt,
liegt mir dann nichts mehr. Aber ich will lieben, so wie man stirbt,
ganz, ganz und ohne Rest. Und ich will geliebt sein so wie man
untertaucht im Meer, tief ins Bodenlose. Wie soll ich das, Sylvester,
bei dir, der ein bses Gewissen zu mir bringt? Widersprich mir nicht,
sei wahr, in diesem Augenblick sei wahr gegen mich! Das bse Gewissen,
es ist ja eigentlich das gute und edle Gewissen, dein Menschenherz, es
wrde dich immer zu mir treiben, aber nicht bei mir halten, und wir
wrden schlecht und mde. Und nun sag' mir, was sollen wir tun?

Sie hatte leise gesprochen und als sie geendet hatte, schaute sie ihn
voll schchterner Erwartung an. Sylvester, ohne Schmerz noch Freude, in
einem schwebenden Gefhl, erwiderte ebenso leise: Ich habe dich
gesprt, als ich noch in der Heimat war. Ich habe dich mit mir
herumgetragen wie eine Schwangere den Schling trgt, bis du wesenhaft
wurdest, bis du erschienen bist. Ich habe andere genossen wie man
Wurzeln verzehrt, wenn keine Speise da ist. Ja, ich will wahr sein;
deine Worte sind das grte Unglck meines Lebens, denn du hast recht
mit allem was du sagst. Was wir aber tun sollen, das wei ich durchaus
nicht. Nur da ich ohne dich nicht existieren kann, wei ich. Fliehen
wir, Gabriele, geh mit mir auf ein Schiff, la uns ber den Ozean
fahren, versuch' es mit mir, vielleicht zeigt es sich, da deine Furcht
unbegrndet war --

Jetzt belgst du dich doch, unterbrach ihn Gabriele sanft. Es gibt
keine Freiheit durch Anmaung, es gibt kein Recht, das einer nur fr
sich selber schafft. Freilich, es gibt Menschen, die solches zustande
bringen, aber ich bin dazu nicht robust und du, Lieber, bist nicht
phantasielos genug. Wir sind Menschen und mssen tun, was menschlich
ist.

Dies sagte sie mit einer so unheimlichen Hoheit und Ruhe, da Sylvester
vor ihr erschrak.

Es war mein Plan, morgen nach Bangor zu gehen, fuhr sie fort; du hast
geglaubt, da wir in Bangor beisammen sein knnten. Es darf aber nicht
sein. Ich will ja nicht, da wir uns nie wiedersehen sollen, wie knnt'
ich das, aber wir mssen uns die Mglichkeit zur Besinnung geben, du mir
und ich dir. Wenn dir also am Aufenthalt in Bangor etwas liegt, so werde
ich anderswohin gehen. Antworte mir, Sylvester. Zrnst du? Wie schwer
ist es doch, das Richtige zu tun!

Ich werde nicht nach Bangor gehen, sagte Sylvester stockend.
Unwillkrlich streckte Gabriele die Arme aus, und mit einem dumpfen Laut
strzte er zu ihr. In ungeheurer Bewegung ergriff sie seinen Kopf und
drckte sein Gesicht in ihren Scho. Sie beugte sich ber ihn und
stammelte: Lieb' ich dich denn? Ich liebe dich ja gar nicht. Ich liebe
ja einen andern, der nicht da ist und den ich nicht kenne. Jetzt mut du
gehen, Sylvester. Geh jetzt, la mich allein, geh jetzt, leb' wohl.

Zwei Stunden nach Mitternacht fand sich Sylvester am Tisch seines
Schlafzimmers sitzend. Vor ihm lag eine Pistole, die er unverwandt
betrachtete. Da war es ihm, als hre er die Tre knarren und als trete
Agathe herein und als lege sie den Arm um seine Schulter und die Wange
an seine Stirn und seufze tief. Sein Kopf fiel auf die Tischplatte, und
er weinte wie ein Kind.

       *       *       *       *       *

Die Oktobertage und -nchte vergingen, ohne da Sylvester ihre Folge
wahrnahm. Wie ein aus dem Schlaf hufig Erwachender lebte er sie
zerstckt. Bisweilen sa er plaudernd bei Frau von Rhynow; er zeigte
sich besonnen und gelassen, doch insgeheim machte er sich ber jedes
Wort lustig, das er gebrauchte. Eine bestimmte Behauptung aufzustellen,
dnkte ihn vollkommen sinnlos, und wre es die flachste und beweisbarste
gewesen. Er ging in den Klub und redete mit dem und jenem; meistens
verfuhr er so, da er mechanisch ungefhr das Gegenteil von dem sagte,
was der andere gesagt hatte. Zu seinem Erstaunen wurde ein Gesprch
daraus. Er a und trank und wunderte sich, da ihn ein Bedrfnis trieb.
Er suchte einen Schneider auf und besichtigte Stoffe fr einen Anzug;
whrend er es tat, wunderte er sich, da er es tat. Das Leben, welches
er fhrte, kostete viel Geld, und da er mit seinem Vorrat zu Ende war,
unterschrieb er einen Wechsel, war sich aber keiner Verantwortung dabei
bewut. Seine Beobachtungsgabe war trotzdem dieselbe geblieben. So fiel
es ihm auf, da sich Adam ungewhnlich viel mit Briefschreiben
beschftigte. Er stellte ihn zur Rede, und Adam gestand, da er mit Anna
Ewel korrespondierte. Bei der Erwhnung dieses Namens drckte Sylvester
den Zeigefinger auf das rechte und den Mittelfinger auf das linke Auge
und sein Gesicht bekam den Ausdruck verstrten Nachdenkens.

Adam Hund hatte zahlreiche Gelegenheiten gehabt, mit Anna Ewel
zusammenzutreffen und sie die berlegenheit fhlen zu lassen, die er
sich im Weltgetriebe angeeignet. Er hatte in der schwarzen Bhmin eine
glubige Zuhrerin gefunden, und weil der Selbstliebe eines Mannes
nichts so sehr schmeichelt, als wenn eine junge Dame seinen moralischen
Urteilen wie auch den Erzhlungen seiner Abenteuer bewundernd lauscht,
so hatte sich die Abrede einer brieflichen Verbindung, die den
fruchtbaren mndlichen Verkehr gedeihlich fortspinnen sollte, bald
ergeben. Adam belehrte seine Schlerin vornehmlich ber den Weg, den sie
einschlagen msse, um einen Gatten zu bekommen. Zuvrderst ist es
geraten, da man sich eines mglichst geheimnisvollen Benehmens
befleiige, schrieb er; wenn sich zum Beispiel ein Strumpfband
gelockert hat und es steigen einem darber peinliche Gedanken auf, weil
man notabene in guter Gesellschaft ist und nicht wagen darf, den Fehler
zu beheben, so empfiehlt es sich, eine melancholische Miene zur Schau zu
tragen oder mit tiefsinnigem Schmachten von einem gereimten Gedicht zu
sprechen. Es empfiehlt sich berhaupt, wenn ein Frauenzimmer von Sachen
spricht, die sie nicht versteht, dann glauben die Mnner, sie verstnden
noch weniger davon und sagen untereinander: das Weib hat einen
ungewhnlichen Geist. Natrlich gengt solches nicht. Sie mssen auch,
teure Anna, trefflich gewaschen und gekmmt sein, gewisse Lcken in der
uern Person geschickt zu stopfen wissen, Salben und Wohlgerche ohne
Zudringlichkeit anwenden, im Beisein anderer wenig essen, auch wenn Sie
noch so groen Hunger haben, und ist dann der Gimpel einmal gefangen, so
hat's weiter keine Not. Das ist ja das Merkwrdige, da so selten einer
loskommt, und ich will Ihnen auch den Grund mitteilen, warum es so ist.
Nmlich wir Mnner, wir nehmen die Weiber ernst, wir wollen ihnen etwas
beweisen, wir wollen sie widerlegen, wir streiten mit ihnen wie mit
unseresgleichen und das, verehrenswerte Anna, ist das Dmmste, was wir
tun knnen. Dadurch haken sie sich an uns fest wie die Schnecke am Bein
eines Ochsen, und whrend wir glauben, da sie mit uns auf dem
Lebenswege wandeln, tun sie nichts anderes als faul an unserem Fleisch
schmarotzen.

Bei einem sonderbaren Anla entdeckte Sylvester, da Adam auch
Nachrichten von Erfft erhielt. Seit kurzem kochte Adam seine Mahlzeiten
selbst und tischte zuweilen seinem Herrn Kle in saurer Brhe oder nach
frnkischer Art gebratene Kartoffeln auf. Er wich nicht vom Fleck, bis
Sylvester seine Kunst belobt hatte, fhlte sich dadurch ermuntert, ber
die englische Kche zu rsonieren und endete mit einem Preis der
heimatlichen Dinge. Sogar sein bses Weib erschien ihm in freundlicherem
Licht, und eines Tages verteidigte er sie gegen Sylvester mit einem
Eifer, als ob dieser sie der grten Schandtaten bezichtigt htte. Das
mit den Prinzipien und der mnnlichen Wrde ist ja ganz schn, redete
er auf den immerfort schweigenden Sylvester ein, aber sie wei einen
Apfelkuchen zu backen, da geht einem das Herz im Leibe auf. Neulich war
der Inspektor Marquardt bei ihr und konnte sich nicht daran satt essen.
Er hat mir geschrieben, da sie in Dudsloch musterhafte Ordnung hlt,
whrend in Erfft alles drunter und drber geht. Die gndige Frau, die
doch gewi eine Ausnahme ihres Geschlechts ist, kmmert sich nur noch
wenig um die Wirtschaft und um die Leute und lt sieben gerade sein.
Manchmal kommt der Herr Major herber, befiehlt, da man ihm die
Haushaltungsbcher zeigt, schimpft ber den Verbrauch und verhandelt
dann stundenlang mit der gndigen Frau hinter geschlossenen Tren. Es
ist traurig, wenn der Herr nicht da ist.

Adam hatte sich getuscht, als er glaubte, mit dieser beredten und
vorsichtigen Schilderung unerquicklicher Zustnde auf seinen Herrn
Eindruck zu machen. Sylvester antwortete nicht, und die Gleichgltigkeit
seiner Miene erfllte den diplomatischen Zwischentrger mit Besorgnis.

Ein uerster Grad von Sehnsucht kann eine zweite Wirklichkeit
erschaffen. Gefesselt in jedem Betracht, flohen Sylvesters Sinne in ein
anderes Reich, das kein ertrumtes, das wesensvoller fr ihn war als die
zu ertastende und mit leiblichen Augen zu erschauende Gegenwart. Whrend
er apathisch und regelmig dem Trieb bestimmter Gewohnheiten folgte und
den Stunden des Tages gab, was sie von ihm verlangten, waren sein Geist
und seine Seele ausgewandert, den Krper als eine zufllig bewegte Hlle
hinterlassend.

Er fhlte genau, da in dieser Epoche seines Daseins innerer und uerer
Besitz auf dem Spiele stand: Vernunft, Behagen, Ttigkeitsfreude,
Vermgen und Gesundheit, das Ererbte und das Erworbene; er wute, was er
verloren hatte und was ihm jede Minute des tdlichen Brtens raubte:
seinen Stolz, sein Selbstvertrauen, die Kraft, zu wirken und dienendes
Glied zu sein; er erkannte, da er sich auf Vorrechte der Jugend nicht
mehr berufen durfte, da der Hinweis auf das Versumnis hchsten Glckes
die Verachtung der Menschenpflichten nicht entschuldigen wrde, da ber
dem leidenschaftlichen ein sittliches Gebot war, dennoch whlte er sich
mit Begierde immer tiefer in den Schmerz, und die Einsicht, da seine
Jugend vorber war, endgltig fr alle Zeiten vorber, da er zum
letztenmal erglht, zum letztenmal erwhlt war, zum letztenmal die
Seligkeit der Entuerung, die Lust der Bezauberung, die Sigkeit der
Blutesnhe und den entzckenden Schauer der Wiedergeburt in einem andern
Herzen gesprt, da alles dies dahin war, fr ewig dahin, wie durch
Todesurteil verwirkt, eben die Einsicht verfinsterte sein Gemt und
zerstrte seinen Willen.

Er lebte zwiefach. Sein eigentliches Leben fhrte er im Schlo zu
Bangor. Halluzinationen, die sich erneuerten und fortsetzten, machten
ihm den fremden Bezirk vertraut. Er sah die alte Normannenburg mit ihren
efeubewachsenen Hfen, dem stumpfen Turm und den gezackten Mauern. Er
ging ber die ehemalige Zugbrcke und unterhielt sich mit Sir Randolph,
whrend er zugleich aufs Meer schaute. Einige Herren kehrten plaudernd
von einer Segelfahrt heim. Die jungen Leute hatten Kricket gespielt,
sie eilten mit heiterem Lachen von der Wiese herber, und die weien
Kleider der Mdchen flatterten im Seewind. Der Gong ertnte, eine lange
Frhstckstafel war gedeckt, und Silber und Porzellan auf dem Tisch
hoben sich reizvoll gegen die braungetfelten Wnde ab. Zwei Hunde, ein
Spitz und ein Terrier, wirbelten klffend durch den Saal, und Lady
Canning, die ihre Migrne hatte, beschwerte sich darber beim Kastellan.
Mi Holland, ein sehr mageres Mdchen mit Sommersprossen, erzhlte, da
sie einen groen Brasiliendampfer gesehen habe, und Monsieur Renard
behauptete, in Barrow habe man einen Walfisch gesichtet. Sylvester
bestritt die Mglichkeit und Gabriele nahm seine Partei. Ein
scherzhafter Wortkampf entspann sich, und Sylvesters Schlagfertigkeit
erregte allgemeines Vergngen. Monsieur Renard, verdrielich ber seine
Niederlage, wurde von Mrs. Watch getrstet, die ihm ihre mit Schokolade
gefllte Bonbonniere reichte.

Sylvester ging zur Kste des Meeres hinunter und gewahrte Gabriele von
ferne. Sie gab ihm kein Zeichen, obwohl sie ihn zu erwarten schien. Sie
trug einen Reiseanzug und blickte gespannt auf ein Boot, das sich dem
Ufer nherte. Er konnte nicht zu ihr gelangen, seine Fe verwickelten
sich in Gestrpp, er bckte sich, um sich frei zu machen, und als er
sich aufrichtete, war Gabriele verschwunden und mit ihr auch das Boot.
Er rief, die Brandung bertnte seine Stimme; er eilte ins Schlo
zurck, suchte sie in der Kapelle und in vielen Zimmern, und es war ihm,
als ob sie jeden Raum, den er betrat, kurz zuvor verlassen htte.
Dennoch hatte er bestndig das Gefhl, da sie ihn erwartete. Da wurde
es Nacht. Alles schlief im Hause. Sylvester ging durch die langen,
finstern Korridore und ffnete Gabrieles Schlafgemach. Es war ein sehr
groes Zimmer mit drei riesigen Fenstern, ber denen Vorhnge aus
scharlachrotem Damast hingen. Auf einer Spiegelkonsole brannte eine
Kerze, und weit davon in einer Mauervertiefung stand das Bett, in
welchem Gabriele lag. Sie hatte die Tre nicht versperrt, weil sie ihn
erwartete. Zugleich hatte sie um seinetwillen gehofft, da er nicht
kommen wrde. Er kniete an dem Lager hin und fate ihre Hand. Sie floh
sichtlich, ihre Seele floh vor ihm; sie zitterte wie ein gefangenes Reh.
Wenn er sie anschaute, schttelte sie den Kopf, und ihre Finger preten
flehentlich die seinen. Die Nacht verwandelte sie in ein Naturwesen,
doch ihr Blut, ihr Auge und ihre des Widerstandes schon mden Glieder
widerstrebten ihm. Da erst empfand er ihren ganzen Wert, die ganze
Unschuld ihres Herzens, das Erschtternde und zur Ehrfurcht Zwingende
der nie zuvor Berhrten, die dem Ansturm des Geschlechts nur im hchsten
Schmerz ihrer Liebe unterliegt. Er gab ihr die Namen von Blumen, denen
sie verwandt war und dachte an schne Tiere, an die ihre Grazie
erinnerte. Unberwindliche Scheu verbot ihm, sie zu umarmen, und er
liebte sie mit opfernder Inbrunst, die alle sinnlichen Emprungen
erstickte. Die Nacht hindurch kauerte er an ihrem Bett, und ehe er ging,
beugte sie sich zu ihm, enthllte furchtlos die Lieblichkeit der
Schultern und das edle Spiel jugendlicher Krperlinien, schlang die Arme
um seinen Hals und kte ihn.

Eines Nachmittags kam sie auch in sein Zimmer in London. Es war die
letzte und entscheidende Begegnung in diesem seltsamen Erleben auerhalb
des Wirklichen. In der Dmmerung trat sie ein. Ihr Gesicht unter dem
Schleier war sehr bleich. Er wute, was sie hergetrieben hatte, er
begriff ihr Mitleid und ihr Leiden, ihre Frage und ihren Vorwurf, und
nun war es beschlossen fr ihn, da er nach Hause reisen und von Agathe
seine Freiheit fordern msse. Von der Stunde an war die Schwche und
traumhafte Schwermut von ihm gewichen.

Am selben Abend schrieb er ein paar kurze Zeilen an Gabriele, worin er
sie lakonisch, jedoch mit dem Ton festesten Ernstes von seinem Plan in
Kenntnis setzte. Den nchsten Vormittag verwendete er mit Adams Hilfe
zum Packen und um fnf Uhr sa er in der Eisenbahn, die ihn zur
Hafenstation brachte. Adam summte vor Freude Kirchen- und Kneipenlieder
bunt durcheinander.

Genau drei Tage spter erblickte Sylvester vom Kupeefenster aus die
Wrzburger Marienfeste, an der noch immer gebaut wurde, seit sie,
whrend des Mainfeldzugs vor drei Jahren, von den Preuen in Brand
geschossen worden war. Novembernebel hllte die Stadt in flaumigen
Dunst, und der an den Rebenhgeln hingleitende Strom war von der
untergehenden Sonne blutrot gefrbt.

       *       *       *       *       *

Die Mhe, die sich Agathe in den ersten Monaten ihres Alleinseins
gegeben hatte, Wirtschaft und Haushalt vor jener Verlotterung zu
bewahren, die sich notwendig einstellen mu, wenn das anerkannte
Oberhaupt fehlt, hatte sich in Teilnahmslosigkeit verkehrt, als der
trichte und leichtsinnige Aufwand, den Sylvester trieb, offenbar lag.
Sie liebte nicht das Geld, aber sie achtete es, weil es eine gewisse
Summe von Arbeit, berlegungen und Entbehrungen darstellte und die
persnliche Unabhngigkeit sicherte. Daran gewhnt, zu sparen und selbst
bescheidene Bedrfnisse nur zu erfllen, wenn sie unabweisbar wurden,
erregte Sylvesters Verschwendung ihren Schrecken und, nachdem er das
Bankdepot erhoben hatte, mit Wucherern in Beziehung getreten war, die
Ernten im voraus verschleudert, Wechsel in Umlauf gesetzt, also das
Gespenst der Not und der Schuldbedrngnis heraufbeschworen hatte, ihren
Abscheu und ihre Verachtung.

Sie berlie dem Inspektor Marquardt die Aufsicht ber beide Gter,
anfangs nur der Form nach, schlielich in jeder Weise, denn um ttig zu
sein, brauchte sie die berzeugung der Frderlichkeit und des sichtbaren
Gelingens, hier aber konnte sie nur im Geringfgigen ntzen, indes ein
unersttlicher Vampir das Lebensmark aus dem Besitze sog. Da die
bezahlten Diener den Vorteil der Herrschaft nicht ber ihren eigenen
stellen wrden, war ihr klar, und mit dem Gedanken an Untreue,
Fahrlssigkeit und schlechte Fhrung der Geschfte hatte sie sich lngst
vertraut gemacht.

Ihre Schwester Martha, die Frau des Majors, redete ihr zu, sie solle
doch mit dem Kind nach Eggenberg bersiedeln, der Major wrde dann
Erfft und Dudsloch von seinem Vetter verwalten lassen, der ein
erfahrener konom sei. Agathe weigerte sich. Ich e bei dir und deinem
Mann doch nur das Gnadenbrot, sagte sie, und das pat mir nicht. Gehen
die Dinge schief, so will ich wenigstens dabei sein, obschon ich nichts
ndern kann; dem Verderben zusehen ist besser, als es blo ahnen.

Um jene Zeit wute der Major noch nichts von Agathes Geldsorgen, erst
der schwatzhafte Inspektor verschaffte ihm Aufklrung. Am folgenden
Sonntag kam er und zog Agathe in ein frmliches Kreuzverhr. Sie gab nur
zu, was sie nicht leugnen konnte. Sie behauptete, Sylvester sei mit
ihrem Einverstndnis ins Ausland gereist, sie billige seine
Lebensfhrung und habe zu klagen keine Ursache. Ich glaube dir nicht,
polterte der Major; entweder bist du blind, oder du willst mich blind
machen. -- Ich wollte, ich wre in dem Sinne blind, den du meinst,
erwiderte Agathe mit unfreiwilliger Offenheit. Der Major brauste auf.
Schn; so werde ich deinem Herrn Gemahl schreiben, rief er, und wenn
er noch einen Funken Ehre im Leib hat, so wird er nicht im Zweifel
darber sein, was er dir und der Familie schuldet. Da trat Agathe ganz
nahe vor ihren Schwager hin, blitzte ihn mit ihren wunderbar energischen
Augen drohend an und sagte hart und bestimmt: Du wirst ihm nicht eine
Zeile schreiben, Konrad. Nicht eine Zeile, verstehst du? Weder du noch
Martha. Von dem Tage an, wo dies geschhe, httet ihr mich zur Feindin
und ich kennte euch nicht mehr. Der Major senkte betroffen den Kopf,
ging zum Fenster und trommelte an die Scheiben. Agathe aber, indem ihre
Stimme tiefer und ruhiger wurde, fuhr fort: Sylvester schuldet mir
nichts und schuldet der Familie nichts. Er wei, was er tut und tut
wahrscheinlich, was er mu. Da er kein Mensch nach dem Reglement ist,
habt ihr immer gewut, nun beweist er's, und wir mssen uns damit
abfinden. Der Major zuckte die Achseln: Wenn du dich damit abfindest,
hat niemand das Recht zur Einrede, versetzte er, aber es freut mich
doch, da in dem Fall wieder einmal mein altes Wort zur Wahrheit wird:
ein schlechter Brger, ein schlechter Mann. Und das, meine liebe
Schwgerin, das mut du schlucken, so eifrig du ihm auch den Anwalt
machst.

Nach ein paar Tagen erschien Martha und versuchte ihre Schwester mit
List zu einem entschiedenen Schritt zu bestimmen. Agathe durchschaute
sie schnell und wies sie fast verchtlich ab. In nachhaltiger
Verstimmung kehrte Martha nach Hause zurck und grollte der Schwester
monatelang. Der Major, viel zu gutmtig, um die Erbitterung seiner Frau
zu teilen, ritt jede Woche einmal nach Erfft, brachte Silvia eine Puppe
oder ein Kleidchen mit und prfte die Rechnungen, die ihm der Inspektor
vorlegte. Agathe war ihm dankbar, trotzdem sie von der Vergeblichkeit
solchen Beistands durchdrungen war. Da der Major auch ein bichen in
sie verliebt sein knne, fiel ihr nicht im Traume ein.

In der Nachbarschaft und unter den Bekannten wurde ber die rtselhafte
Abwesenheit Sylvesters mancherlei geredet, wie sich denken lt.
Forschenden Blicken zu begegnen, Vertraulichkeiten abzuwehren und
taktlose Neugier zufriedenzustellen, hatte Agathe keine Lust; nicht blo
aus diesem Grund, sondern auch, weil ihr die Menschengesichter immer
weniger gefielen, mied sie Gesprche und Zusammenknfte und verbarg sich
still in ihrem Hause. Achim Ursanner, der einzige, dessen Gesellschaft
ihr bisweilen erwnscht gewesen wre, gab selten ein Lebenszeichen, und
gesehen hatte sie ihn seit ihrem Besuch in Randersacker nicht mehr.
Einmal hatte er ein paar Stellen aus einem Brief Sylvesters geschickt,
ein anderes Mal die Abschrift einiger kraftvoller Stze aus der
Schopenhauerschen Abhandlung: Von dem, was einer vorstellt. Die Erde
ist von einem heillosen Gezcht bevlkert, hatte er hinzugefgt, und
was mich vor der Verzweiflung, ja vor dem Selbstmord rettet, ist
einerseits die Erkenntnis, da dieses Gezcht in unermelicher
Geistesfinsternis begraben ist (denn wir alle, Frau Agathe, wir alle
unterschtzen sehr die Macht und Souvernitt der Dummheit), anderseits
der Trost und Zuspruch aus den Werken der wenigen groen Mnner, die in
diese ble Welt versprengt sind wie Goldkrner in eine Felsenwstenei.

An einem Nachmittag im Juni kam Frau sterlein zu Agathe und meldete,
da ein fremder Mann drunten warte. Sie konnte den Namen des Ankmmlings
nur verzerrt wiedergeben, aber Agathe erriet sogleich, da es Ursanner
sei. Sie eilte hinab und begrte ihn. Pferd und Wgelchen, die ihn
hergebracht, standen am Tor.

Er sah ziemlich vernachlssigt aus; sein Bart war gewachsen, auf der
Stirn und neben den Nasenflgeln hatten sich tiefgehhlte Furchen
gebildet, und sein Blick erhob sich selten bis zu den Augen Agathes. Er
hatte nervse Gesten und oft mitten im Sprechen Sekunden der
Gedankenflucht. Der Hndedruck, mit dem er Agathes Gru erwiderte, war
eigentmlich klammernd. Seien Sie mir nicht bse, da ich Ihre
Freundlichkeit so spt heimzahle, begann er, doch was ich wnsche und
was ich darf, das ist so verschieden wie Himmel und Hlle.

Agathe bot ihm eine Erfrischung an, er wollte nichts nehmen und
verlangte nur einen Trunk Wasser. Dann fragte er nach Silvia, aber das
Kind war mit Frau Marquardt zum Bad gegangen. Schade, ich htte das
Mdchen gerne gesehen, meinte Ursanner, und Agathe, indem ein Schatten
ber ihre Stirn zog, erwiderte, auch sie htte gern erfahren, wie er
ber das Kind denke; sie ist so sonderbar seit einiger Zeit, so
verschlossen, so launenhaft, manchmal wird mir angst und bang. --
Davon kann ich ebenfalls ein Lied singen, sagte Ursanner halblaut; an
unsern Kindern merken wir immer, wie die Welt zu uns steht, und das gibt
meistens ein trauriges Echo. Doch wie wr's, fuhr er lebhafter fort,
wenn wir einen Spaziergang machten, Frau Agathe? Haben Sie Lust?

Agathe stimmte zu. Am Mittag hatte es gewittert, jetzt war es schn
geworden. Laub und Wiesen glnzten, und die Mcken, die in der Luft
schwrmten, sahen aus wie Silberspne. Agathe begehrte zu wissen, ob
sich in Ursanners schlimmen Angelegenheiten etwas verndert habe.
Ursanner ging eine Weile nachdenklich neben ihr her, dann sagte er:
Lassen wir das doch, Frau Agathe. Meine Sachen sind dermaen
beschaffen, da man am besten darber schweigt. Um mich und in mir
wird's schwrzer mit jedem Tag. Letzte Nacht nun, wie ich schlaflos in
meinem Bette lag, dacht' ich mir: morgen will ich einmal in ein liebes
Gesicht schauen, und ich dachte an Sie dabei und nahm mir vor, zu Ihnen
zu gehen. Das gab mir meine Ruhe wieder, und ich konnte einschlafen. Da
bin ich also, Frau Agathe, und wenn ich eine Bitte tun darf, ist es die,
da wir nicht von meinem Elend sprechen.

Die Bitte mu ich Ihnen schon aus Dankbarkeit erfllen, antwortete
Agathe, und mit einem Seufzer setzte sie hinzu: Aber es dnkt mich, wo
immer zwei Menschen beisammen sind, sprechen sie von ihrem Elend.

Sie trinken das Bittere, weil Ses drauf folgt, heit irgendein Vers,
sagte Ursanner. Bei mir nicht. Sie, Frau Agathe, spren das Se schon
auf der Zunge, denn Ihr Schicksal, dessen bin ich gewi, wird sich bald
zum guten wenden. Sie gehren nicht zu denen, die niedergetreten werden,
dessen bin ich gewi.

Sie haben recht, da Sie meine Leiden nicht schwer nehmen, entgegnete
Agathe; was soll's auch weiter? Man hat etwas genossen, was man dann
entbehren mu. Das Herz gewhnt sich so leicht an einen Glckszustand,
da es ihn fordern zu knnen glaubt und sich ganz ungebhrlich benimmt,
wenn es verzichten soll. Ich hoffe selbst, da es mich nicht
niederwirft.

So war die Meinung mit nichten, sagte Ursanner, aber ich sehe schon,
Sie ziehen Ihr Miverstndnis meiner Zuversicht vor. Jeder liebt seinen
Schmerz, und heute scheinen Sie unvershnlicher gestimmt als damals.

Wissen Sie denn nicht, da er von mir gegangen ist, ohne mir auch nur
ein Wort zu sagen, weder ein gutes, noch ein bses Wort? rief Agathe
stehenbleibend; ihre Wangen entfrbten sich, und die Hnde hatte sie auf
die Brust gedrckt. Er ist fort wie einer aus einem Garten schleicht,
aus dem er pfel gestohlen hat, wie einer, der mit Falschspielern am
Kartentisch gesessen ist und voll Ekel aufsteht und sich entfernt. Was
kann ich aber machen? Bin ich nicht fr mein Leben entwrdigt? Hat er
mir nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, da ich nur Zeitvertreib
und Fllsel fr ihn war?

Es ist nicht so, es ist nicht so, beschwichtigte Ursanner die
leidenschaftlich Erregte. Nicht wie ein Apfeldieb, auch nicht wie ein
Spieler ist er gegangen, sondern vielleicht wie ein aberglubischer
Schatzgrber; solche Leute haben oft eine geheimnisvolle Manier und sind
von ihrem Trieb bis zur Sinnlosigkeit besessen. Denken Sie doch einmal
mit aller Gte an ihn, deren Sie fhig sind. Erinnern Sie sich seiner
besten Augenblicke, und Sie werden Mhe haben, sein Bild so finster zu
sehen, wie es Ihnen Ihre beleidigte Empfindung zeigt. Ein sonst
vortrefflicher Mensch, und das ist Sylvester doch, der einem teuren
Wesen Schlechtes zufgt, leidet mehr als dieses Wesen selbst. Man
braucht oft nur ein wenig Einbildungskraft, um dem Hlichen einer Tat
die Qual anzumerken, die sie dem Tter bereitet.

Nein, nein, entgegnete Agathe, das verwirrt mich. Wer eine einfache
Pflicht erfllt, hat niemals so feine Auslegungen ntig wie der, der sie
miachtet. Was fr Geschpfe sind doch die Mnner! Wahllos in ihren
Neigungen, skrupellos in ihren Gelsten, erfinden sie eine neue
Weltordnung, um der Schwche und dem Laster einen groartigen Namen zu
geben, und fr ein Mysterium der Natur mchten sie gelten lassen, was
nur berdru und Lsternheit ist. Hab' ich nicht denselben Anspruch
darauf, mein Leben auszuschpfen? Bin ich nicht auch aus Fleisch und
Blut? Ist bei mir Snde, was bei ihm Not ist? Was ihm erlaubt ist, soll
mir verwehrt sein? Warum? Mat sich ein Weib dergleichen an, so kehrt
ihm jeder Mann und jedes Weib den Rcken. Wie, wenn ich ihm eines Tages
sagte: ich habe mich vergessen, nur ein einziges Mal, aber ich habe mich
vergessen --? Dann wre ich die Verrterin, und er, der mich im Tiefsten
verraten hat, der Gott, der seine Ehre rcht. Ist das billig? Sie hob
einen Zweig vom Boden auf und ri mit heftigen Gebrden die Bltter
herunter.

Achim Ursanner lchelte. Sie knnten es nicht, auch wenn Sie wollten,
antwortete er, und damit ist alles gesagt. Eine Ehe ist nur uerlich
ein Vertrag zwischen Gleichberechtigten, in Wahrheit hat sie die ganze
Bosheit und Gefhrlichkeit der natrlichen Einrichtungen, denen wir
durch Widerstand und Kampf nichts von ihrer majesttischen Willkr
abdingen knnen. berall wo im Kosmos Krfte verteilt sind, streben sie
zur Harmonie, und was wir als sinnliche oder sittliche Gebote in uns
spren, sind nur Zeichen fr die Elemente einer hheren und meist sehr
grausamen Ordnung. Weib und Mann! Es ist, als ob man zwei Sterne im Raum
durch eine Brcke verbinden wollte.

Ja, sind wir denn los und ledig und ist jeder nur Werkzeug? Mu man
alles was geschieht, erdulden, blo weil es geschieht?

Das Weib ist fr die Ehe geboren, der Mann mu zu ihr entschlossen
sein; das erklrt vieles, scheint mir.

Wohl mglich, versetzte Agathe entmutigt. Klger werde ich mit diesem
Lehrsatz nicht. Und wenn er dazu entschlossen ist, gewinn' ich nur, was
er mir freiwillig gibt; was er mir vorenthlt, darf ich ihm nicht
verargen. Er besitzt mich, ich aber bin von seiner Gnade abhngig. Das
wollen Sie doch sagen, nicht wahr? Sie fanden mich unvershnlich
gestimmt; und nach alledem klingt das wie Hohn. Kehrt er eines Tages
zurck, so sucht er seine Bequemlichkeit bei mir, wie er sie vorher
gesucht hat. Er hat mich weggeworfen, er wird mich wieder aufheben. Die
Wunde, die er geschlagen hat, wird vernarben, der Mensch ist ein
Ungeheuer an Vergelichkeit. Das Band, das er zerrissen hat, wird
geflickt werden; hat der Magen nur sein Futter und der Kopf ein Dach, so
kann man schon miteinander leben. Wagt' ich's, Rechenschaft zu fordern,
was soll ich tun, wenn er mir antwortet: wer gibt dir das Recht dazu? In
der Tat: wer gibt mir das Recht dazu? Meine Blte ist dahin, was fr
Lockmittel hab' ich, was fr Drohungen, wie kann ich vergelten? Also,
was nennen Sie denn das Unvershnliche an mir?

Wieder blieb sie stehen, mitten auf dem Waldweg stand sie, aufrecht und
streitbar gleich einer Walkre, und ihr italienischbraunes Gesicht mit
den groen Augen machte das abendliche Zwielicht frmlich heller.

Achim Ursanner schaute sie bewundernd an, und jh scho ihm der Gedanke
durch den Sinn: mit einem solchen Weib an der Seite htte ich siegen
knnen. Er senkte rasch den Blick und entgegnete: In Ihnen ist mehr
Blhen als Sie ahnen. Grbeln Sie nicht, Frau Agathe, hadern Sie nicht!
Seelen wie die Ihre sollen brennen, nicht glimmen. Handeln Sie stets
nach Ihrem reinen Gefhl, denn dieses ist die Stimme Ihres Schicksals.
Und fragen Sie sich selbst, fragen Sie Ihr Herz fromm und ruhig nach der
Zukunft, so werden Sie erfahren, da in Ihrem eigenen Innern keine
Furcht und kein Zweifel ist.

Agathe lauschte bestrzt; das klang wie ein Abschied und wie ein
Vermchtnis. Sie wute nichts zu erwidern. Schweigend gingen sie das
Waldtal hinunter und ber die nassen Wiesen gegen den Gutshof. Ursanner
hatte Eile; ohne vorher ins Haus zu treten, stieg er in den kleinen
Wagen und trieb das alte Pferd heimwrts.

       *       *       *       *       *

In Randersacker wartete schon seit dem Nachmittag ein Gerichtsbote auf
Ursanner. Schlimmes ahnend, ri er dem Mann das Dokument aus den Hnden.
Es war das Urteil der letzten Instanz, gegen das es keine Berufung gab
und lautete, da Ursanner die beiden Knaben innerhalb dreier Tage von
der Stunde der Rechtsgltigkeit des Verdiktes ab der Mutter auszuliefern
verpflichtet sei, da er durch eine das ffentliche rgernis erregende
Haltung als Brger wie als Mensch seiner Ehegattin den Aufenthalt in
seinem Hause unertrglich gemacht, seine Erziehungsprinzipien dem
gegrndetsten Mitrauen preisgegeben und somit seine vterlichen
Ansprche verwirkt habe.

Er entlie den Boten mit einem knurrenden Laut. Die Kehle war ihm
ausgedrrt, er mute etwas Scharfes trinken und griff nach einer Flasche
Kirschwasser auf dem Spind. Nachdem er die tzende Flssigkeit
hinabgegossen, stand er wieder unbeweglich und starrte zu Boden. Auf der
Landstrae drunten zog ein Haufe von Burschen johlend vorber. Die eine
der drei Doggen, das Weibchen, bellte dumpf. Vom Kirchturm schlug es
zehn Uhr.

Als die Glocke die elfte Stunde ankndigte, stand er noch ebenso
unbeweglich. Von Zeit zu Zeit heftete er einen finster unglubigen Blick
auf das Gerichtspapier, das auf dem groen Tisch unter der Lampe lag.
Pltzlich fing er an wie rasend auf- und abzugehen. Du Hund, sprach er
zu sich selbst, was willst du noch dahier? Der Schinder kommt, dein
Jappen hilft nichts mehr. Sie drngen dich in die Ecke und geben dir den
Genickfang. Geifere nur, das rhrt sie nicht, das ergtzt sie blo,
geifere nur, du einfltiges Vieh.

So wtete er bis gegen drei Uhr nachts. Dann warf er sich buchlings auf
das gebrechliche, rundgebogene Sofa, prete die Fuste in die
Augenhhlen und strzte sich in den Schlaf wie man sich ins Wasser
strzt. Als er erwachte, war das Zimmer so voll Qualm der Lampe, die
geblakt hatte, da die Strahlen der Morgensonne ihn nicht durchdringen
konnten.

Die Brust war ihm eng, er mute ins Freie. Am Brunnentrog wusch er das
Gesicht, dann strmte er durch die Landschaft, und pltzlich entschlo
er sich, in die Stadt zu gehen. Dort angelangt, frhstckte er hastig in
einem Kaffeehaus an der Mainbrcke, danach suchte er den Professor
Barenius auf, seinen Universittslehrer, einen der wenigen Menschen, mit
denen er noch Beziehungen unterhielt. In gepreten Worten berichtete er
ber die letzte Wendung des Prozesses und fragte den greisen Juristen,
ob er kein Mittel wisse, den Urteilsvollzug zu verzgern. Barenius
verneinte. Ich werde die Kinder nicht preisgeben, erklrte Ursanner
zhneknirschend. Dann bleibt nichts andres brig als mit ihnen zu
fliehen, und zwar rasch und ohne Aufsehen, war die Antwort. Ursanner
schttelte heftig den Kopf. Fliehen? Das hiee ein Unrecht bekennen.
Nimmermehr. -- Ich sehe nicht ein, was Sie sonst anfangen knnten, um
die Kinder zu behalten. Wollen Sie sich etwa gegen den Staat zur Wehr
setzen? -- Man wird mich zwingen, entgegnete Ursanner wild, ich wei
es und ich warte darauf. -- Seien Sie klug, Achim, vertrotzen Sie sich
nicht, mahnte der Professor. -- Um des Himmels willen, begreifen Sie
doch, was an mir verbt wird, sagte Ursanner in einem Flsterton, der
schrecklich klang; man stellt mir die Welt auf den Kopf, und alles was
ich ehedem fr heilig, ja nur fr respektabel gehalten, erscheint mir
als ein Hexentanz der Lge. Htte ich etwas Auerordentliches erstrebt,
neue Ideale proklamiert oder einen neuen Gott gepredigt, ich wollte mich
nicht wundern. Doch ich habe blo getan, was jeder redliche Mensch von
sozialem Gewissen tun mte. So mge man mir denn zu Leibe gehen!
Vielleicht ritzt mich das Schwert der geschndeten Gerechtigkeit, und
ich kann mit grerem Fug als bisher Zeuge sein fr die Verblendung und
die moralische Verworfenheit eines Volkes, das zu lieben ich mir einst
eingebildet habe. Nach diesen Worten drehte sich Ursanner um und
verlie das Zimmer.

Der Gedanke, da man sich whrend seiner Abwesenheit der Kinder
bemchtigt haben knne, peitschte ihn geradezu nach Hause.
Schweibedeckt langte er an und atmete erst auf, als er die Knaben
hinter der Scheune spielen sah. Er befahl ihnen, in ihr Zimmer zu gehen,
dann rief er seine Leute zusammen. Es befanden sich in seinem Dienst
fnf Knechte, darunter der alte Schermer, der die Knaben beaufsichtigte,
auerdem drei halbwchsige Jungen, die er aus dem protestantischen Asyl
zu sich genommen, und eine einzige Magd, die die Kche versorgte. Sie
war ihm erst in letzter Zeit durch einen Kaufmann in Markt-Erlbach
geschickt worden. Sie hatte ein heuchlerisches Wesen, und er mitraute
ihr. Einer der Knechte wollte sie im heimlichen Gesprch mit dem
Fischhofbauern, dem bigottesten im ganzen Dorf, gesehen haben. Ursanner
schrfte den Leuten ein, da die Tore bei Tag und Nacht versperrt
bleiben mten, da ohne seine ausdrckliche Bewilligung niemandem
geffnet werden, da ebensowenig einer den Hof verlassen drfe und da,
wer sich aus Angst oder sonstiger Ursache dem nicht fgen wolle, es
jetzt gleich sagen mge; dem werde der Lohn ausbezahlt, und er knne von
dannen ziehen.

Es meldete sich keiner. Ursanner bestimmte die Wachtposten, die von
Stunde zu Stunde abgelst wurden und lie die Doggen loskoppeln.

Der Nachmittag, die Nacht und der nchste Morgen verliefen ruhig. Kurz
vor zwlf Uhr schlugen die Hunde an. Auf dem Schlangenweg zeigten sich
drei Mnner, einer mit einem Hcker, einer mit einer groen Hornbrille
und ein Gendarm. Durch das Lrmen der Tiere herausgelockt, trat Ursanner
an die eichenen Latten des Hoftores. Den mit dem Hcker kannte er, es
war der gegnerische Advokat; der mit der Hornbrille mochte ein
Gerichtsfunktionr sein. Als die drei Personen oben waren, entwickelte
sich zwischen Ursanner und dem Advokaten folgendes Gesprch: Was
wnschen Sie? -- Ich hoffe, da Sie von dem Zweck unseres Besuches
unterrichtet sind. -- Das bin ich. -- Nun also. Wollen Sie uns nicht
einlassen? -- Nein. -- Was bedeutet das? -- Es bedeutet, da ich
das Urteil nicht anerkenne. -- Sind Sie toll? -- Ich weigere mich,
die Kinder herzugeben. -- Das kann Ihnen teuer zu stehen kommen. --
Gewi; ich bezahle die Dinge nach ihrem Wert. Der Funktionr und der
Gendarm rissen vor Erstaunen die Augen auf. In dem hlichen Gesicht des
Advokaten zeigte sich Mitleid. Es mu Ihnen doch klar sein, da Sie
sich eines Verbrechens schuldig machen, sagte er; wenn ich die Anzeige
erstatte, sind in einer halben Stunde zwanzig Gendarmen hier, und Sie
knnen sich denken, da es nicht lange dauern wird bis dem Gesetz, so
oder so, Folge geleistet ist. Es lt sich nichts dagegen einwenden, da
Sie Ihre eigene Person ins Unglck strzen wollen, aber die armen
unwissenden Menschen, deren Brotgeber Sie sind, mutwillig zugrunde zu
richten, haben Sie kein Recht. Belieben Sie den Umstand zu berlegen.

Da schwieg Ursanner. Der Vorwurf traf ihn. Er konnte sich nicht
verhehlen, da er hier eine unaustilgbare Schuld auf sich lud und nicht
mehr reinen Herzens vor das Tribunal der Menschheit treten durfte. Seine
erste Regung war, die Leute, auf deren Beistand er gezhlt,
fortzuschicken, denn der tiefere Sinn seiner Absicht war ja blo, die
bermacht, der er weichen mute, zu sehen und krperlich zu spren,
damit das Ma der Unbill sich flle, ohne da er sich schmhlich
unterwarf. Wenn sie einen Schu abfeuerten und die Tren
zerschmetterten, war dem gengt; zu sinnlos ungleichem Kampf brauchte es
nicht zu kommen. Aber diesem Verlangen nach einer symbolischen Handlung
willfahrt die Wirklichkeit nicht; ihre Entscheidungen sind von grberer
Art. Ursanner erbebte vor sich selbst. Noch einmal erhob sich der
furchtbare Trotz, und mit Wollust trieb es ihn zum Untergang und zur
Vernichtung; doch zugleich war ihm, als sei dazu ein Blick der Liebe
ntig, irgendeine Botschaft aus den Wohnungen der Schicksalsgeister, ein
pythischer Trost. Es leuchtete in seinen Augen, er schob die Brille in
die Hhe, um frei in den Himmel zu schauen, nickte vor sich hin, und
whrend er sich gegen das Haus wandte, bat er den Advokaten, er mge
sich eine kleine Weile gedulden.

Er ging in das Zimmer, in dem sich die Knaben befanden. Sie saen mit
eigentmlich verbissenen Gesichtern am Fenster einander gegenber und
lieen ihre Beine pendeln. Ursanner nahm einen Stuhl und setzte sich zu
ihnen. Hrt mal, Buben, sagte er, eure Mutter schickt nach euch. Die
vier Beine hrten auf zu pendeln, und vier Augen blickten Ursanner
gespannt an. Was meint ihr, fuhr er scheinbar harmlos fort, wollt ihr
am Ende mit den fremden Mnnern zu eurer Mutter gehen? Kein Laut, nur
ein gieriges, forschendes Schielen. Das Blut rauschte Ursanner in den
Ohren; mit Mhe rang er um die Sprache. Oder wollt ihr bei mir bleiben?
Redet nur frisch von der Leber weg. Der jngere Knabe, der den
offeneren Charakter besa, sprang empor, klatschte in die Hnde und
rief: Zur Mutter, ach ja, zur Mutter! Das mchten wir, nicht wahr,
Friedel? Friedel lchelte seltsam tckisch, und sein Vater durchschaute
in diesem verzweifelten Augenblick die gemtlose, verstockte und
unehrliche Seele dieses Kindes. Ihr wollt also lieber zu eurer Mutter
gehen? fragte er, ohne die Anstrengung zu verraten, die ihn diese Worte
kosteten. Jetzt riefen beide Knaben: Ja, zur Mutter, erlst, freudig
und wie aus einem Mund.

Ursanner schaute im Zimmer umher. Er suchte den alten Knecht; als er die
Tr ffnete, um zu rufen, trat Schermer auf die Schwelle. Packen Sie
die Kleider und die Spielsachen der Buben, redete ihn Ursanner an, in
einer halben Stunde mssen sie fertig sein. Darauf kehrte er in den Hof
zurck, gebot, da man die Hunde an die Kette lege und riegelte selbst
das Tor auf. Der Advokat und seine Begleiter traten ein. Jener war fein
genug, das vernderte Benehmen Ursanners mit einer stummen Verbeugung zu
quittieren. Auf der Chaussee hatten sich inzwischen eine Menge
Dorfbewohner versammelt, Mnner und Weiber, und stierten mit bsen,
hmischen Gesichtern empor. Ein alter Bauer hob drohend beide Fuste und
ein kahlkpfiger Mensch, der an Krcken ging, stie mit krhender Stimme
Flche und Schimpfreden aus. Ursanner sah und hrte es, sah und hrte es
auch nicht. Wie von einem elektrischen Schlag berhrt, fuhr er zusammen,
als ihm Schermer mitteilte, da die Kinder bereit seien. Sie kamen; sie
reichten ihm die Hnde; sie stellten sich auf die Zehen, um seine Wange
zu kssen; ihre Augen glnzten und ihre Bewegungen waren voll
Lebhaftigkeit, -- Ursanner sah es und sah es auch nicht. Der Advokat
redete etwas, der Funktionr zog den Hut, der Gendarm salutierte, dann
waren sie alle verschwunden, Schermer trug zwei Bndel hinterdrein, man
sah ihn noch lange auf der Landstrae wanken; der Krppel unten
kreischte hysterisch, das Doggenweibchen fing an zu heulen, aber Achim
Ursanner stand wie zu Stein geworden. Den Knechten war er unheimlich.
Sie flohen seinen Anblick.

Am andern Morgen wurde ihm hinterbracht, da es den Bauern gelungen war,
die Hunde zu vergiften. Er war abermals die ganze Nacht hindurch auf dem
rundgebogenen Sofa liegen geblieben. Eine Flasche Wasser, Wurst, Kse,
Brot und Frchte standen neben ihm auf einem Stuhl. In der getnchten
Stubendecke hatten die Sprnge und Risse auffallend interessante Figuren
gebildet. Er mute sie bestndig anstarren. Er wute nicht, wieviel Zeit
vergangen war, als in einer Nacht eine Weiberstimme durch das Haus
gellte: Es brennt, Herr, es brennt! Die Magd war es, die Ursanner
weckte. Die beiden Scheunen und das Waschhaus waren bereits von den
Flammen ergriffen. Als Ursanner ins Freie trat, loderte auch das Dach
des Wohngebudes wie Reisig. Die Landschaft lag weithin in roter Glut.
Die Kirchenglocken luteten, das Dorf erwachte und geriet in Eifer, die
Knechte hatten sich schon ans Lschen gemacht, vermochten aber dem
Element nicht Einhalt zu tun; auch war zu wenig Wasser vorhanden. Die
Magd, die, merkwrdig genug, ihr Sonntagskleid am Leibe hatte, kniete
vor dem Zaun und betete. Gegen Morgen rckten die Lschmannschaften aus
Wrzburg an; die Flammen zngelten aber nur noch in vier Ruinen.

Ursanner begab sich in die Stadt und mietete sich in einem Gasthaus in
der Nhe des Domes ein. In dem schmutzigen kleinen Zimmer schrieb er
folgenden Brief an Agathe.

Es ist alles vorber. Ihnen die Vorgnge in ihrer Reihe zu berichten,
dazu fehlt es mir an Mut, an Klarheit und an Worten. Die Kinder sind
weg, Haus und Hof sind eingeschert, ich selbst bin auf dem Weg nach
Frankreich. Ich lasse in der Heimat nichts zurck, was mir die Trennung
erschwert. Ich lsche das Gedchtnis an ein Land aus, das meine Krfte
gemordet, meine Fhigkeiten erstickt, meine Hingebung mit Verachtung
bezahlt und meinem Gemt die unheilbare Krankheit des Menschenhasses
eingeimpft hat. Ich gehe nach Frankreich, um dort in den Kriegsdienst zu
treten. Die Franzosen schlagen sich fortwhrend in Mexiko, in Algier und
in Asien. Der Marschall Montauban, bekannt oder berchtigt durch seine
Expedition in China, wei von mir, denn er war ein Jugendfreund meiner
Mutter. Leben Sie wohl, teure Frau. Ihr Bild raubt meinen letzten
Erlebnissen etwas von ihrer wrgenden Schmach. Schenken Sie dem armen
Flchtling bisweilen einen freundlichen Gedanken. Achim Ursanner.

       *       *       *       *       *

Agathe hatte die Nachricht von dem Brand in Randersacker durch die
Wrzburger Botenfrau erhalten, die zweimal wchentlich nach Erfft kam.
Die Zeitung brachte nur eine flchtige Notiz. Es wurde allgemein
angenommen, da das Feuer gelegt worden sei, und nun erhoben sich
Stimmen der Bevlkerung, die fr Ursanner Partei ergriffen und dem
Kesseltreiben gegen den unglcklichen Mann steuern wollten. Eben hatte
sich Agathe entschlossen, zu Ursanner zu fahren, als sie seinen Brief
bekam. Whrend des Lesens konnte sie sich der Trnen nicht erwehren. Da
der Umschlag den Wrzburger Poststempel trug, drngte es sie in die
Stadt, aber bei weiterem Bedenken sah sie das Fruchtlose eines solchen
Schrittes ein, da sie nicht wute, wo er wohnte und er wahrscheinlich
schon abgereist war. Im Lauf der Tage begrub sie ihre mitfhlende Trauer
still in ihrer Brust, und eigene Not brachte die des Freundes in
Vergessenheit.

Daran war vor allem Silvia schuld. Das Kind verlor seinen Frohsinn nach
und nach gnzlich. Es liebte seine ehemaligen Spiele nicht mehr, nur
selten hrte man sein unbefangenes Geplauder, und das immer blasser
werdende Gesichtchen gab der Mutter Anla zur Sorge. Am meisten betrbte
es Agathe, da das Mdchen immer jh die Augen senkte, wenn es ihrer
ansichtig wurde, und Agathe gewann allmhlich den Eindruck, da ein
bestimmter Argwohn in dem Kind wuchere. Mit Schrecken nahm sie wahr, da
Silvia ihr kein Vertrauen mehr entgegenbrachte, und um so beklommener
war ihre Lage, als sie es bei sich fr unmglich erklrte, dem
achtjhrigen Geschpf triftige und verstndliche Aufschlsse zu geben.
Sie ahnte ja, was das forschende und gequlte Wesen Silvias zu bedeuten
hatte, und obwohl sie sich sagte, da dieser unentwickelten Seele die
volle Empfindungskraft und der entschiedene Wille eines erwachsenen
Weibes eigen sei, verbot ihr der verwunderte Hochmut und jene Scham,
welche gewisse Mtter bei frhen Persnlichkeitsuerungen ihrer Kinder
spren, dem armen kleinen Herzen in seiner Bedrngnis beizustehen.

Oft trat sie am Abend an das Bett Silvias, wenn diese mit offenen Augen
dalag und in die Dunkelheit schaute. Einmal glaubte sie das Kind im
Schlaf, da beugte sie sich und kte es auf die Stirn. In demselben
Augenblick bemerkte sie, wie Silvias beide Hnde sich zu Fusten
zusammenkrampften und die zuckenden Wimpern verrieten, da der Schlaf
geheuchelt war. Agathe empfand einen heftigen Schmerz; Zentnerlast
wlzte sich auf ihre Brust, und still ging sie hinaus. Eines Tages im
Juli geschah es, da ein Hagelwetter das Getreide auf den Feldern und
den Wein an den Stcken niederschlug. Die Erntehoffnungen fr dieses
Jahr waren vernichtet. Agathe sa im groen Wohnzimmer, den Kopf in
beide Hnde gesttzt, und Inspektor Marquardt stand neben ihr, verlegen,
finster und schweigsam. Whrenddem ging die Tre auf und Silvia kam
herein. Sie stellte sich zwischen den Inspektor und ihre Mutter und sah
diese an, und Agathe wurde aufmerksam auf Blick und Miene des Kindes. Es
war der groe, kalte Blick befriedigter Rache, die grausame Miene der
Genugtuung. Unwillkrlich erhob sich Agathe. Was willst du? herrschte
sie das Kind an, geh! Geh mir aus den Augen. Ein Zittern berflog
Silvias Glieder, und sie gehorchte. Der Inspektor schaute ihr mitleidig
nach, weil er dachte, ihr sei unrecht geschehen.

Einige Wochen spter war es, als Agathe den Brief Sylvesters erhielt,
den er in dem kleinen Wirtshaus in Twickenham geschrieben. Mit
unendlicher Bitterkeit las sie die Stze, die ihr allzu verstiegen und
allzu demtig erschienen, um ihr Gefhl aufzurhren. Doch wute sie
sogleich, was fr eine Bewandtnis es mit dem Brief hatte, und da er von
verhngnisvollen Banden umstrickt sein mute, um so vor ihr zu betteln.
Sie hatte sich lngst abgefunden mit ihrem Los, doch die mahnende
Stunde, das unerbittlich Gegenwrtige des Bruchs und der Zerstrung
wirkte auf sie, als ob man ihr die Haut vom Leibe risse. Silvia sa
drauen auf einem hochbeladenen Heuwagen; sie hatte den Brieftrger
gesehen und konnte durch die offnen Fenster in die Stube blicken. Nun
kletterte sie vom Wagen herunter und eilte ins Haus. Zgernd trat sie
ein, richtete aber die Augen furchtlos gegen Agathe und fragte: Was
schreibt denn der Vater? Agathe war betroffen von der Divination wie
auch von der verstellten Ruhe in der Stimme des Kindes. Es war das
erstemal, da sich Silvia durch eine unmittelbare Frage nach ihrem Vater
erkundigte, aber der mitrauische und heimlich gereizte Ton erzrnte
Agathe, und sie antwortete: Deinem Vater geht es gut. Was dich
betrifft, so nimm dich in acht, Kind, da du mir nicht durch Dnkel und
Vorwitz verhat wirst. Nicht was du sprichst, sondern wie du dich gibst,
ist ber deine Jahre und steht dir nicht an. Wenn du lter und klger
bist, wirst du einsehen, da man mit einem so kleinen Mdchen nicht ber
die ernsten Dinge sprechen kann, die Vater und Mutter beschftigen.

Silvia lchelte. Es war ein sehr besonderes Lcheln, das ungefhr zu
sagen schien: Du weichst mir aus und du willst mich tuschen, aber ich
frage ja nur, um zu ergrnden, ob du mich tuschen willst. Nicht Dnkel
und Vorwitz lag in dem Lcheln, sondern eine gleichsam in Trumen
gewonnene Erfahrung. Von diesem Tage an wnschte Silvia, da sie sterben
mge, denn nun whnte sie die Gewiheit erlangt zu haben, da der Vater
niemals zur Mutter zurckkehren werde. Warum es so war und so sein
mute, begriff sie nicht; da es so war, berhauchte ihr Wesen mit einer
Schwermut, die aus der abgttischen Liebe zum Vater stammte. Sie
entbehrte ihn; sie verdorrte ohne ihn wie eine Blume ohne Regen. Sein
Tod htte sie vielleicht hrter getroffen, doch hat der Tod fr die
Phantasie eines Kindes eine abschlieende und verklrende Macht. Sie
wute, da er lebte, irgendwo drauen in der Welt lebte und die Tatsache
seines pltzlichen Verschwindens, seiner Abwesenheit, seines
Fernbleibens erfllte sie mit um so grerer Bangigkeit und Sehnsucht,
als sie in sich selber die Ursache davon erblickte.

Sie bildete sich nmlich ein, da er nur deshalb fortgegangen war, weil
er sie nicht mehr hatte leiden mgen, weil er Unarten an ihr entdeckt
und sie hlich gefunden hatte und eine andere, bessere, schnere
Silvia haben wollte. Sie entsann sich, wie oft sie ihn gergert hatte
durch Grimassenschneiden, Lrmen auf der Treppe, Naschhaftigkeit und
Ungehorsam; sie konnte sich dies nicht verzeihen, nie, solange sie
lebte, wrde sie sich's verzeihen knnen. Nur um unter dem Gewicht der
eigenen Schlechtigkeit nicht erdrckt zu werden, verfolgte sie das Tun
und Treiben der Mutter mit tadelschtigen Augen, war fast glcklich,
wenn sie einen Fehler, eine Schwche an ihr beobachtete, und mit
derselben wunderlichen Unbarmherzigkeit stand sie den Dienstleuten
gegenber und allem Migeschick, das dem Hause zustie.

Bisweilen erwachte sie in der Nacht, und ihr war, als habe sie den Vater
lachen gehrt. Dann vermochte sie sich seine Zge so eindringlich
vorzustellen, da sie seine beim Lachen blitzenden Zhne sah und seine
Augen, deren spottlustiger Glanz sie oft ergtzt hatte. Am meisten hatte
sie ihn bewundert, wenn er ritt, und sie kannte kein greres Vergngen,
als in einer dunklen Ecke zu kauern und sich zu erinnern, wie prchtig
er auf dem Pferde gesessen war, und wie die Leute auf den Feldern sich
von ihrer Arbeit aufgerichtet hatten, um ihm lange nachzuschauen.

Es verging kein Tag, ohne da sie der Gefahren dachte, die ihn drauen
in der unbekannten Welt bedrohten. Wilde Tiere konnten ihn berfallen;
er konnte von einer Eisenbahnlokomotive ergriffen und von den Rdern
zermalmt werden; er konnte in ein tiefes Wasser strzen, sich in einem
Wald verirren, in die Hnde von Rubern geraten; er konnte einen Feind
haben, der in einer finstern Gasse hinter ihm herschlich, um ihn zu
erstechen; er konnte krank werden und kein Mensch war da, der ihn
pflegte. Jede solche Mglichkeit malte sie sich aus, bis ihre Kraft zu
denken vor Mitgefhl und Kummer erlosch.

Ihr dnkte, da es gut und mutig wre, hinauszuziehen und ihn zu suchen.
Sie war davon berzeugt, da sie ihn finden wrde. Den ganzen Sommer
ber spielte sie mit diesem Plan, und schon mehrmals hatte sie sich
aufgemacht und war ein Stck Wegs ber die Chaussee marschiert, um dann
furchtsam wieder umzukehren. An einem Tag im Oktober war sie weiter
gelangt als vordem, da hrte sie lautes Rufen und stehenbleibend sah sie
die dicke sterlein auf sich zurennen. Unter Schelten und Kssen
schleppte sie den entflohenen Liebling zurck, und erst als Silvia
versprach, einen derartigen Frevel nicht mehr zu begehen, gelobte sie,
gegen die Mutter zu schweigen. Auf Silvia hatte das Versprechen keine
andere Wirkung, als da sie sich vornahm, beim nchstenmal pfiffiger zu
sein. Ein paar Wochen lang wurde sie freilich von Frau sterlein mit
Argusaugen bewacht, und Silvia grmte sich, da die Tage immer krzer
wurden und das Wetter immer schlechter.

Es war an einem Morgen, als Agathe wegen der flligen Zinsen der von
Sylvester in Paris aufgenommenen Anleihe nach Eggenberg zu fahren
beschlossen hatte. Sie wute nicht, wie sie das Geld auftreiben sollte
und sah sich gezwungen, Hilfe oder wenigstens Rat vom Major zu erbitten.
Silvia schlief noch, als sie ging. Zufllig berhrte sie die Stirn des
Kindes und sagte zur sterlein, die Stirn scheine ihr hei, die Frau
mge acht geben und Silvia im Zimmer halten. Silvia erhob sich mit einem
Frsteln aus ihrem Bette und lie sich von der Pflegerin ankleiden, was
seit Monaten nicht mehr vorgekommen war, denn sie war in solchen Dingen
sehr selbstndig. Darauf ging Frau sterlein ins Bgelzimmer und dachte,
das Mdchen werde wohl bei seinen Schreibheften sitzen bleiben. War es
nun der fieberische Zustand oder das erwnschte Alleinsein oder die zu
undmmbarem Drngen gewordene Sehnsucht, genug, Silvia verlie auf
einmal die Stube und das Haus, schritt, ohne gesehen zu werden, ber den
Parkweg an der Orangerie vorbei und durch eine kleine Gartenpforte
gegen den mehrere hundert Meter weit entfernten Wald. Sie hatte weder
den Mantel angezogen, noch ihre Mtze aufgesetzt, aber sie sprte den
rieselnden Regen nicht und ging erst langsamer, als sie unter den Bumen
war. Wie ist das nur, berlegte sie, es geht immer weiter, da vorn geht
es immer weiter, da hinten geht es immer weiter und in den Himmel hinauf
geht es immer weiter: es ist komisch und langweilig. Die neblige
Dunkelheit im Forst erschreckte sie, und bald fhlte sie sich uerst
mde. Sie mute bestndig zu Boden schauen; so oft sie den Blick erhob,
drehte sich alles im Kreise um sie. Die Stille tat ihr weh, aber wenn
das drre Laub unter ihren Fen raschelte, wollte ihr Herz vor Angst
brechen. Zuweilen bog sich der Weg nach links oder nach rechts, dann
glaubte sie, der Vater komme ihr entgegen, und sie beschleunigte ihren
Schritt. Allmhlich wurden jedoch die Beine gar zu schwer; und wie kalt
es pltzlich war; es schttelte sie durch und durch. Sie setzte sich auf
einen Wurzelstrunk und schluchzte leise in sich hinein. Schlielich fiel
sie auf die Seite und verlor die Besinnung.

Gegen Mittag kam ein Holzfller vorber. Erstaunt betrachtete er das
bleiche, berirdisch schne Gesicht des anscheinend schlummernden
Kindes, warf seine Last zur Erde, hob das Mdchen aus dem nassen Moos
und trug es ber eine Stunde Wegs nach Erfft zurck, wo alles in grter
Sorge und Bestrzung war. Frau sterlein, der Inspektor, der Grtner,
der Stallbursche und zwei Mgde hatten die Gegend schon nach jeder
Himmelsrichtung durchstreift, nur an den Wald hatte keiner gedacht. Frau
sterlein war stumm erschttert, als sie das Kind aus den Armen des
Bringers nahm. Sie trug die bewutlose Silvia in deren Zimmer, ri ihr
die Kleider vom Leib und brachte sie zu Bett. Zwei Stunden spter begann
die Kranke zu delirieren. Am Abend, noch ehe Agathe eingetroffen war,
kam der Arzt, und als er ging, sagte er zu Frau Marquardt, die ihn in
den Flur begleitete: Ich frchte, das Kind wird den morgigen Tag nicht
mehr erleben.

       *       *       *       *       *

Whrend seiner dreitgigen Reise hatte sich Sylvester keine Rast
gegnnt; jetzt unmittelbar vor dem Ziel, wre er am liebsten wieder
umgekehrt. Unter dem Vorwand, seinen Koffer erwarten zu mssen, blieb er
in Wrzburg. Die Frage, ob er seine Ankunft in Erfft melden oder
berraschend in sein Haus treten solle, verursachte ihm eine
ungebhrliche Pein der berlegung. Wenn er an die ersten Augenblicke des
Wiedersehens mit Agathe dachte, entsank ihm aller Mut und er wnschte
Agathe auf irgendeine Weise entfernen zu knnen, um Silvia fr sich zu
haben. Die ganze Kleinlichkeit und Engigkeit des brgerlichen Daseins
ghnte ihm wieder entgegen, die Geldsorgen, die geistlosen Geschfte,
das belwollen beflissener Verwandten, und alles, was in dem Verhltnis
zu Agathe zum Austrag gelangen sollte. Er nahm sich vor, vierzehn Tage
in Erfft zu bleiben. Bis dahin mute die Entscheidung gefallen und der
Weg in die Zukunft offen sein. Von der Seite Agathes auf einen
Widerstand gefat, den er bei ihrer edlen und herben Natur als schwer
bekmpfbar schon jetzt empfand, hatte er doch die Grnde gesammelt, die
sie zur Nachgiebigkeit bewegen muten, und so beredt, so mild und so
bezwingend war er nie gewesen wie in den einsamen Stunden, in denen er
sich die Gesprche mit Agathe zurechtlegte. Nach solchen stillen
Exerzitien berkam ihn immer eine hoffnungsselige Laune.

Er wohnte nicht in dem Hotel, dessen Bedienstete vor einem Jahr Zeugen
des Auftritts mit der schnen Rahel gewesen waren. Am dritten Morgen
trieb es ihn nach dem Gchen, in welchem der Laden des Hndlers war.
Tre und Auslagefenster waren mit Rollbalken versperrt und das ganze
Haus machte den Eindruck, als ob es verlassen sei. Indes Sylvester
sinnend davor stand, gewahrte ihn der Portier des Gasthofs, erkannte
ihn, trat mit einem halb vertraulichen, halb respektvollen Grinsen heran
und erzhlte, da seit jenem Tage, der Herr Baron wisse schon, seit
welchem, der Alte seine Butike nicht mehr geffnet habe. Seine Tochter
habe den Verstand verloren, sie tue nichts anderes als am Fenster sitzen
und stumpfsinnig vor sich hinstarren. Sie habe blo eine einzige
Liebhaberei, man knne es ruhig eine Tollheit nennen: jede Woche einmal
gebe ihr der Vater eine Uhr, eine richtige Taschenuhr, die zerstre sie
dann, ziehe die Feder und die Schrubchen heraus und sei glcklich, wenn
alle Bestandteile Stck fr Stck vor ihr lgen. Der Alte habe mehrere
Uhren, die er dann immer wieder zusammensetzen lasse, um der Tochter von
neuem eine Freude zu bereiten, denn die Uhr msse ticken; wenn sie nicht
ticke, lasse das Mdchen sie unberhrt. Finden Sie nicht, Herr Baron,
da das eine lustige Art von Verrcktheit ist? schlo der joviale Mann
seinen Bericht.

Sylvester antwortete nicht und ging weiter. In seinem Quartier
angelangt, forderte er seine Rechnung und bestellte fr den Nachmittag
einen Wagen. Sodann verabschiedete er den getreuen Adam, der mit der
Post nach Dudsloch fahren sollte. Adam Hund war aufgeregt wie ein
Brutigam am Hochzeitsmorgen und sah aus wie ein lebendiger Beweis fr
die Hinflligkeit aller Theorien. Er hatte seinem Weib ein silbernes
Armband, einen buntgesprenkelten Schal, ein Paar Filzschuhe und ein
halbes Dutzend roter Strmpfe gekauft, und mit diesen Gegenstnden in
seinem Rucksack dnkte er sich gegen alle knftigen Unbilden an seinem
ehelichen Himmel gefeit. Sylvester zahlte ihm den vereinbarten Lohn und
schenkte ihm auerdem noch zwanzig Taler.

Um drei Uhr rumpelte die plumpe Kutsche, die ihn nach Erfft bringen
sollte, ber das holprige Pflaster der Stadt. Pltzlich ergriff ihn eine
sonderbare Ungeduld. Auf der kotigen Strae ging es so langsam vorwrts,
da er einigemal ausstieg und mit raschen Schritten weitereilte. Es
dmmerte bereits, als er die Huser von Erfft sah. An der Landstrae
befand sich eine kleine Schenke; er befahl dem Kutscher, hierzubleiben
und erst in einer halben Stunde nachzufahren, dann schlug er in der
beginnenden Dunkelheit einen wohlbekannten Fupfad ein.

Der Platz vor dem Haus lag de. In den Stuben brannte noch kein Licht,
auch im Flur war es noch finster. Er stieg die Treppe empor; kein Mensch
war zu sehen, kein Laut zu hren. Am Ende des Gangs war Silvias Zimmer.
Der Lichtschein im Schlsselloch glich einem Stern. Da trat aus einer
Tr zur Linken eine in der Dunkelheit nur umrissene Gestalt. Sylvester
blieb stehen. Bist du es, Agathe? fragte er leise. Agathe stie einen
Schrei aus und klammerte sich an den Pfosten, als ob sie fliehen wollte
und ihr der Weg abgeschnitten wre. Die Tr von Silvias Zimmer wurde
geffnet und auf der Schwelle erschien Frau sterlein mit warnend
erhobenem Finger. Ihr zum Flstern schon bewegter Mund erstarrte, als
sie Sylvesters ansichtig wurde. In dem breit auf den Flur flieenden
Lampenlicht konnten Sylvester und Agathe einander in die Augen sehen.

Er reichte ihr die Hand. Stumm und kalt lag ihre Hand in seiner. Wie
geht es dir, Agathe? Sie antwortete nicht. Matt deutete sie gegen
Silvias Zimmer. Sylvester griff sich an die Stirn; fnf Schritte, und er
stand vor dem beleuchteten Gemach. Frau sterlein wollte ihm den
Eintritt verwehren, er schleuderte sie beiseite. Agathe folgte mit einem
dumpfen Lcheln. Als Sylvester vor Silvias Bett auf die Knie gestrzt
war und verzweifelt in die vom Fieber aufgeschwemmten Zge des Kindes
schaute, als er die lieben, sinnlosen Worte, das erbarmungswrdige
Rcheln vernahm, dem gebrochenen, heien, suchenden, nicht erkennenden
Blick begegnete, krampfte er die Hnde in das Linnen und fhlte selbst
den Tod, der diese Seele seiner Seele bedrohte. Eine Klage, ein
Bekenntnis, ein Gelbde, ein irres Gebet, eine Forderung an Gott, ein
zerknirschtes Hinsinken, Vermessenheit, die ein Schicksal leugnet,
whrend es sich vollzieht, wie nichtig und niedrig empfand er es selbst,
wie glich es dem Zappeln eines Tieres, das zertreten wird!

Agathe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er verstand sie, erhob sich
und ging hinter ihr aus dem Zimmer. Im Flur sagte sie: Letzte Nacht
glaubten wir schon, es sei aus mit ihr, da begann sie pltzlich zu
schlummern. Heute mittag ist das Fieber mit doppelter Gewalt
zurckgekehrt. Vorhin war der Doktor hier. Lt das Fieber in einer
Stunde nicht nach, so ist sie verloren.

Der Inspektor und seine Frau hatten von Sylvesters Ankunft gehrt. Sie
kamen die Treppe herauf und begrten ihn.

Anderthalb Stunden lang sa Sylvester in seinem Zimmer. Um acht Uhr trat
Agathe herein und sagte: Sie schlft. Sylvester war es, als lse sich
ein um seinen Hals geschlungener Strick. Agathe sank in einen Sessel und
bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Ich bin mde, flsterte sie nach
einer Weile, ich habe seit vorgestern kein Auge zugetan. Auch du wirst
mde sein. Gute Nacht.

In seinem ganzen Leben hatte sich Sylvester nicht so allein gefhlt wie
an diesem Abend in seinem eigenen Haus.

       *       *       *       *       *

Das menschliche Dasein setzt sich aus Tagen zusammen, die Tage haben
ihre Zeiten, jede der Zeiten hat ihr Erfordernis, Schlaf die eine,
Arbeit die andere, Sttigung die dritte, und wer schlafen will, dem mu
das Bett gerichtet werden, und wer essen will, dem mu Speise gekocht
werden, und wenn nun zwei Menschen unter demselben Dach hausen, sind sie
durch kleinliche Bedrfnisse aufeinander angewiesen, und meiden sie sich
auch, so sind sie durch die Dinge gebunden; die Sorge des einen lastet
auf dem Genu des andern, das Bse, das zwischen ihnen liegt, wird
zerstckt, das Gute, das sie suchen, in unerwartete Bahnen gelenkt,
entschiedenes Gefhl bleibt nicht bestehen, der Blick verrt die
Absicht, das Wort verdunkelt sie, krperliche Nhe gibt der Atmosphre
eine Beschaffenheit, welche Einflu auf die Gedanken und Entschlsse
nimmt, und was mutig geplant war, endet in Zweifel und feigem
Aufschieben.

Sylvester erfuhr dies. Er war gekommen, um ein Band zu zerreien; nun
umschlang dieses Band in hundert und aberhundert Windungen seine
Glieder, und jeder Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, erzeugte
eine Wunde. Als Silvia wieder ihre Besinnung erlangt hatte und er an ihr
Lager treten durfte, nachdem sie vorbereitet worden war, als das Kind
ihn wie auer sich umhalste und dabei lachte und weinte und immer wieder
sehen und greifen wollte, ob er es denn wirklich sei, wissen wollte, ob
er sie noch lieb habe, ob er zu Hause bleibe und vieles sonst, was sie
nur stammeln und schluchzen konnte, als ihre Hndchen sich stets von
neuem nach ihm ausstreckten, sobald er, um ihren Zustand zu schonen,
Miene machte, sich zu entfernen, da begann er die Kette und die Wunden,
die sie schrfte, zu spren, und ratlos fragte er sich, was nun
geschehen solle.

Kurz darauf kam Agathe in sein Zimmer. Ich bitte dich nur um eines,
Sylvester, sagte sie; das Kind darf vorlufig nicht ahnen, wie es um
uns steht. Ich will auch nicht, da zwischen uns etwas besprochen wird,
ehe Silvia ganz gesund ist. Wenn wir bei ihr sind, es lt sich nicht
vermeiden, da wir manchmal alle beide bei ihr sind, mssen wir uns
sorgfltig hten, ihren Verdacht zu erregen. Es wrde sie vielleicht
tten. Nach diesen Worten entfernte sich Agathe wieder. Sylvester
fragte sich verwundert: Was meint sie? Was wei sie? Will sie mir zu
verstehen geben, da sie es aufs uerste ankommen lassen wird und will
sie mich mrbe machen durch Ungewiheit?

Doch erstaunte er ber ihre Haltung, ber ihre Wrde. Sie grten
einander am Morgen, sie sagten einander Gutenacht am Abend, sie
unterhielten sich khl und friedfertig bei Tisch, sie lchelten einander
zu, wenn sie an Silvias Bett saen und sprten, mit wie angestrengter
Aufmerksamkeit Silvia sie beobachtete, sie vermochten es sogar, ber die
durch Sylvester heraufbeschworene Schuldenkalamitt sachlich zu
verhandeln, und als der Major und seine Frau herberkamen, um der
Rekonvaleszentin einen Besuch abzustatten, spielte Agathe die Komdie
einer Gattin, die ihrem Mann einen Fehltritt gromtig verziehen hat und
mit ihm in neuen Flitterwochen lebt. Der Major war finster und
zurckhaltend; man sah es ihm an, da er eine Auseinandersetzung
wnschte und sie diesmal nur um Agathes willen vermied; Martha war voll
Spott ber die vermeintliche Dummheit Agathes und zeigte Sylvester eine
verchtliche Klte.

Unzhlige Male sagte sich Sylvester: Ich ertrag es nicht mehr. Aber es
war etwas in Agathe, das ihn niederzwang und gefgig machte. Oft lag ihm
ein Wort auf der Zunge, das sie ntigen mute, ihm Rede zu stehen; es
gefror und wurde wesenlos, ehe er den Mund ffnete. Heimlich ging er im
Haus herum; heimlich pfiff er dem Hund und wanderte in den Wald;
heimlich las er ein Buch; heimlich redete er mit dem Inspektor und gab
Anordnungen und Befehle. Agathes rascher, khner Schritt verfolgte ihn;
es knarrten nachts die Dielen unter ihrem Schritt, und sie schlief doch.
Unerbittlich schallte ihre tiefe Stimme. Ihr Auge war klar, der Blick
fest. Niemals und mit keiner Gebrde rechnete sie auf sein Wohlgefallen
und mit Strenge entuerte sie sich alles dessen, was an weibliche
Schlauheit, an weibliche Schwche und an weibliche Sehnsucht erinnern
konnte.

War sie zugegen, so vermochte er den Namen Gabriele nicht einmal zu
denken. Der Name enthielt das Fremdeste und zugleich das Vertrauteste,
ein auf einem geheimnisvollen Eiland gefhrtes Mrchenleben, Glck und
Verzicht, Schuld und Entbehrung. Er liebte sich selbst in diesem aus
Herzensangst und Sigkeit gemischten Gefhl. Sein Geist war in einem
bestndigen leichten Rausch; er glaubte zu spren, da er begehrt wurde,
da sie, die Ferne, mit ihren Trumen an ihm hing und er liebte sich
selbst in ihren Trumen. Er sah ihre herrliche Gestalt im dunklen Kleid
mit sanft verhaltenen Bewegungen: das junge Mdchen. Sie trauerte. Aber
schon nahm die Welt sie auf, der sie angehrte, deren Geschpf sie war
durch ihre Kunst; schon verga sie den Mann, der an der Grenze zweier
Lebensalter stand und sie um ihre Jugend und ihre Kunst betrgen wollte,
verga ihre Leidenschaft fr ihn, wie man einen Irrtum und die seine,
wie man eine schne Abendrte vergit. Erste Liebe whlt nicht: das
junge Mdchen ist die Kreatur des Liebenden. Kunst ist ein Moloch; sie
frit Seelen und lt ihrem Opfer nur den Schein der Selbstbestimmung:
die Sngerin geht zu den Menschen wie in der Sage die Schwanenjungfrauen
in mondhellen Nchten ans Gestade gehen und verdammt und ausgestoen
werden, wenn man ihnen das Zauberkleid raubt.

Sylvester fing an, vieles als Gesetz und Notwendigkeit zu begreifen, was
er kurzsichtig als Migunst des Geschicks beklagt hatte, und voll
Resignation folgerte er, da sein Leben nutzlos, berflssig und
verbraucht sei.

Eines Abends, es war ungefhr eine Woche nach seiner Heimkunft, sa er
mit Agathe beim Nachtessen. Sie waren zum erstenmal allein bei Tisch;
bisher hatte Agathe immer den Inspektor und dessen Frau eingeladen.
Sylvester a lustlos und in kleinen Bissen und fand das Beisammensein
beklemmend. Marquardt hat gestern eine Andeutung fallen lassen, da
Achim Ursanner nicht mehr in der Gegend weilt, sagte er endlich; das
ist mir neu. Ich habe vergessen, den Inspektor deswegen zu fragen. Weit
du etwas Nheres?

Agathe erzhlte, wie sie vor einem Jahr Achim Ursanner besucht habe, wie
sich aus einem Gesprch ein Freundschaftsverhltnis zwischen ihnen
entwickelt, und wie er einmal im Sommer in Erfft gewesen; wenige Tage
spter sei das Anwesen in Randersacker abgebrannt und er habe ihr
geschrieben. Den Brief wute sie beinahe Wort fr Wort auswendig.

Sylvester runzelte die Stirn. Es war der blanke Widerspruchsgeist, der
ihn zu der Bemerkung veranlate: Es scheint mir aber doch, da der gute
Achim ein wenig wie ein Schwrmer und Starrkopf gehandelt hat. Um mit
den Menschen zu leben, mu man sich ihrer zu bedienen wissen, nicht
aber sie durch kindischen Trotz in Teufel verwandeln.

Findest du? antwortete Agathe ruhig. Ich dagegen finde, da er wie
ein Mann gehandelt hat.

Sylvester blickte jh in ihr Gesicht. Das hatte messerscharf geklungen.
Es gibt vielerlei Arten, wie ein Mann zu handeln, versetzte er
abweisend.

Nein; es gibt nur eine einzige.

Und die wre?

Die ist: durch die Tat bekrftigen, da auerhalb des egoistischen
Wohlbefindens noch etwas anderes, etwas Hheres existiert.

Sylvester zuckte die Achseln. Nach ein paar Minuten stand er auf,
verbeugte sich hflich und ging in die Bibliothek. Er warf sich in den
breiten Polsterstuhl und dachte ber Agathes Worte nach. Er hate sie,
weil sie den Mut besa, ihm dergleichen zu sagen; er hate sie, weil
diese ihre uerung einen so tiefen Eindruck auf ihn bte; er wre gern
zurckgegangen, um ihr zuzurufen: Ich hasse dich, wenn er nicht neben
dem Ha etwas empfunden htte, das ihn klein und befangen machte.
Regungslos kauerte er einige Stunden hindurch. Pltzlich richtete er
sich empor und rief laut: Es mu noch heute geschehen. Fr uns beide
ist kein Raum in demselben Haus.

Im Speisezimmer war es lngst finster. Er hatte der Zeit nicht geachtet
und wunderte sich, als er wahrnahm, da die Mitternacht vorber war. Da
er aber den Augenblick benutzen wollte, der seinem Vorsatz den hchsten
Schwung verliehen hatte, betrat er Agathes Schlafgemach, entschlossen,
sie zu wecken. Er hatte eine Kerze angezndet und trug sie in der Hand.
Als er die Tre geffnet hatte, war er erstaunt, zu sehen, da mitten im
Zimmer ein gepackter Koffer stand. Agathe schlief fest. Ihr Gesicht war
bla, um die Lider war ein Zug von Mdigkeit. Sylvester zauderte. Er
hatte stets Ehrfurcht vor dem Schlaf empfunden. Whrend er noch
berlegte, fiel sein Blick auf den kleinen Schreibtisch und auf einen
Brief, der, sicherlich kurz vorher geschrieben, noch offen dort lag. Er
setzte sich hin und las: Das Kind ist Gott sei Dank so weit, da ich
fr mehrere Wochen zu Martha fahren kann. Bleibe so lange bei ihm, bis
du selber Erfft wieder verlssest. Ich gebe dir die Freiheit. Ich
hindere dich nicht, dir ein neues Leben zu schaffen, das deinen
Hoffnungen entspricht. Ich sehe ein, da ich dir nicht mehr gengen
kann, und du mut wissen, da ich dir die Achtung nicht mehr
entgegenzubringen vermag, ohne die eine Ehe zur Hlle wird. La dich
nicht durch die Sorge um mein ferneres Glck oder Unglck beirren. Ich
bin gesund und krftig, und ein Ereignis, auf das ich solange
vorbereitet war, kann mich nicht zerschmettern. Gehorche der Stimme
deines Herzens. Mge es zum Segen fr dich sein. Die innerlich
vollzogene Trennung auch uerlich in aller Form und tunlichst rasch
durchzufhren, darf ich dich wohl bitten. Agathe.

Sylvester las den Brief dreimal. Da hrte er ein Gerusch und wandte
sich um. Agathe war erwacht und hatte sich, den Kopf auf die Hand
gesttzt, halb aufgerichtet. Schweigend blickte sie herber; schweigend
erwiderte er den Blick. Mit einer unwillkrlichen Bewegung zog Agathe
die Bettdecke bis an das Kinn. Kein Vorspiel eines Lchelns war in ihrem
Gesicht, aber auch kein Unwillen, kein Befremden, keine Frage, nichts
als eine unbeschreibliche Ruhe. Sylvester stand auf, nahm die Kerze und
sagte: Gute Nacht, Agathe. In ihm tobten die seltsamsten, einander
feindseligen Gefhle, aber wenn man ihn auf die Folterbank gelegt htte,
um ihm ein Wort zu entpressen, er htte nichts anderes hervorbringen
knnen als dieses: Gute Nacht, Agathe.

In der Bibliothek griff er blind nach einem Buch. Es war die Bibel. Er
schlug eine Seite auf und las unter den Sprchen Salomonis: Bewahre
dein Herz, denn aus demselben quillt das Leben.

       *       *       *       *       *

Agathe war fort. Wenn Silvia sich nach ihrer Mutter erkundigte, wute
Sylvester nicht, was er sagen sollte, denn das Kind hatte ein Auge, vor
dem sich schwer lgen lie. Oft betrachtete sie den Vater so forschend,
als sei sie von der Sicherheit der gegenwrtigen Umstnde keineswegs
berzeugt. Sie durfte schon aufstehen, mute jedoch, des harten Winters
wegen, das Zimmer hten. Beim Erwachen war ihr erstes Wort der Vater,
ihr letztes Lcheln am Abend war fr ihn. Er spielte Kugel- oder
Lottospiele mit ihr, oder er setzte sie auf sein Knie und erzhlte ihr
Geschichten, in denen zumeist von Piraten und Gespensterschiffen die
Rede war. Sie hing an seinem Mund mit einem Entzcken, das nicht blo
der Geschichte galt; sie bewunderte seine Stimme, seine Art zu sprechen,
seinen Blick und die Bewegungen seiner Brauen. Zartfhlend erriet sie
auch jede Stimmung, in der sie ihm zur Last fiel; dann beschftigte sie
sich auf eigene Faust.

So verflossen anderthalb Wochen. Sylvester hatte whrend dieser Zeit
viele Schreibereien, da er jetzt erst die Unordnung berblicken konnte,
in die er die Wirtschaft gestrzt hatte. Er korrespondierte mit Agenten,
mit Privatbanken, und mit einem reichen alten Onkel, der im
Westflischen lebte und war ernstlich bemht, seine Torheiten wieder
gutzumachen. Bei alledem war seine Lage so sonderbar, da er immer die
Empfindung hatte, er tue etwas ganz anderes als was er htte tun sollen.
Wartete Agathe nicht darauf, da er fortging? War sie nicht seinem
verwegensten Wunsch zuvorgekommen, indem sie ihm schenkte, was er ihr
hatte abkmpfen wollen? Wie kam es, da er blieb? Er begriff sich selber
nicht. Zwang er sich zum Nachdenken, so fand er nur Ausflchte. Eine
solche Ausflucht war es, als er sich eines Tages sagte, es bedrfe, um
dem unnatrlichen Schwanken ein Ende zu machen, noch einer Unterredung
mit Agathe. Er schickte ihr durch den Grtnerburschen einen Brief,
welcher lautete: Liebe Agathe! Morgen werde ich vierzig Jahre alt.
Vielleicht ist dies der Grund eines Zgerns, das dir unerklrlich
erscheinen mag. Der Kreuzweg, an dem ich im Solstitium meines Lebens
stehe, stimmt mich wider meinen Willen feierlich. Ich kann deinen
nchtlichen Brief nicht als einen Abschlu betrachten. Gib mir
Gelegenheit, dich noch einmal zu sehen. Wir mssen als Freunde
voneinander scheiden. Eine Existenz im Paradies wre mir vergllt, wenn
ich dich entfremdet wte. Ich schlage dir vor, da wir uns morgen
nachmittag in Dudsloch treffen, es ist ein neutraler Ort zwischen den
feindlichen Lagern. Benachrichtige mich, ob du kommen wirst.

Agathe trug dem Boten mndlich ihr Einverstndnis auf.

Dudsloch war vier Kilometer von Eggenberg und sechs von Erfft entfernt.
Es lag in ziemlich ebener Landschaft und war auf drei Seiten von Wldern
umgeben; im Sdosten war das Maintal. Mehr eine Meierei als ein Gutshof
zu heien, bestand es nur aus einem einfachen Bauernhaus und einigen
Stallgebuden. Sylvester ritt nach dem Mittagessen hinber und wurde von
Adam Hund mit schwermtiger Herzlichkeit, von Frau Brigitte Hund mit
einem milungenen Hofknicks empfangen. Frau Brigitte legte Gewicht auf
reprsentative Manieren. Da sie eine Megre war, erkannte man an ihrer
hohen Stimme und an ihrem sauersen Lcheln, von dem sie sich
einbildete, es sei gewinnend. Adam sah herabgekommen aus; die groe
Welt, in der er verkehrt hatte, haftete noch an ihm wie, um in seiner
eigenen bildhaften Sprache zu bleiben, ein Rosenblatt an einer
Mistgabel. Whrend auf dem beschneiten Weg, der vom Strom herauffhrte,
Agathe sichtbar wurde, fragte Sylvester, ob die oberen Zimmer ordentlich
durchheizt seien; er hatte am Morgen den Stallknecht eigens deshalb nach
Dudsloch geschickt. Adam bejahte; man habe auch grndlich lften mssen,
denn die Rume seien so lange versperrt gewesen, da die Atmosphre dick
und muffig geworden sei.

Davon war noch etwas zu spren, als Sylvester und Agathe eintraten. Es
waren zwei Zimmer, schmal und niedrig wie Kfige, mit gelbgetnchten
Wnden und altvterischen Mbeln. Hier hatten sie, weil damals das
Erffter Haus umgebaut worden war, die ersten Wochen ihrer Ehe verlebt.
Alle beide schienen diese Erinnerung in ihrem Gesicht auszulschen, als
sich ihre Blicke begegneten.

Agathe legte Pelzmantel und Pelzhaube ab, strich ihre Frisur glatt,
rckte einen der winzigen Lehnsthle zum Ofen und lie sich darauf
nieder. Was willst du mir also sagen? begann sie trocken.

Sylvesters Stirn verfinsterte sich. Das ist eine ihrer Anwandlungen von
hlzerner Verstocktheit, dachte er rgerlich. Nach einem Stillschweigen
versetzte er, indem er ihr gegenber Platz nahm: Ich will dir sagen,
da ich ... da ich keine Freude an mir habe.

Warum nicht? Ist denn nicht alles in Erfllung gegangen, was du
begehrt hast?

Es ist nichts davon in Erfllung gegangen.

Das tut mir leid. Jedenfalls liegt es nicht an mir, wenn deine Plne
fehlgeschlagen sind.

Doch, Agathe, an dir, nur an dir.

Ich verstehe dich nicht, Sylvester. Was fr Opfer soll ich noch
bringen?

Du willst mich nicht verstehen, Agathe. Ich habe dir ja geschrieben --

Du hast mir geschrieben, es sei dir unmglich, im Bsen von mir zu
scheiden. Du legst Wert darauf, da wir Freunde bleiben. Was soll ich
dazu sagen? Ich finde, da du einen Luxus treibst, der etwas
Imponierendes hat. Es gengt dir nicht, fr die Befriedigung einer Laune
den hchsten Preis zu zahlen, der bezahlt werden kann, du forderst auch,
da diejenige, die hauptschlich die Kosten zu tragen hat, versichert,
es sei nur eine Kleinigkeit, und man sei entzckt. Bin ich wie eine Kuh,
die man melkt und auf die Weide treibt und wieder melkt und so fort, bis
ans selige Ende?

Sylvester verfrbte sich. Jedes Wort, Agathe, erwiderte er gepret,
jedes Wort ist Miverstndnis und Entstellung. Ich befriedige nicht
eine Laune, ich habe das Unglck gehabt, eine Katastrophe zu erleben;
ich wage kaum, darber zu sprechen. Meine Stimme versndigt sich an
meinem Gefhl. Ich habe nichts zu beichten. Ich liebte ein wundersames
Menschenwesen; ich liebte und wurde geliebt. Es war Verkettung von
Anfang der Welt her. Httest du mich in einen steinernen Sarg gemauert,
ich htte ihn zerbrochen und sie gefunden. Ich fand sie, und als ich sie
gefunden hatte, verlor ich sie. Ich konnte dich nicht vergessen, Agathe.
Wir beide konnten dich nicht vergessen. Was zwischen ihr und mir
vorgefallen ist, drfte ich meiner Tochter erzhlen. Du warst so
gegenwrtig, wie du es jetzt nicht einmal bist, so mchtig, da ich vor
dir zitterte und wenn wir beieinandersaen, dachten wir an dich, und
unsere Liebe wurde zum Raub an dir. An einem solchen Tag ging sie, und
ich habe sie nicht wieder gesehen.

Agathe senkte den Blick und antwortete lange nicht. Ich wute es,
sagte sie endlich wie zu sich selbst, es ist so, es ist genau wie du es
schilderst. Aber was war vorher, Sylvester, ehe du zu ihr kamst? Vorher
hast du doch mich und dich, und dein Kind und auch sie, die Geahnte, an
alles Niedrigste der Welt verraten? Hab' ich unrecht?

Sylvester zuckte zusammen. Ja, es war so, gestand er zgernd, ich
will es nicht leugnen. Aber wozu die dunklen Labyrinthe aufdecken, in
denen die Tiernatur ihre Feste feiert? Ich verteidige mich nicht,
Agathe. Wenn du mich anklagst, hast du mich schon gerichtet.

Ach, Sylvester, Mann, Mensch, rief Agathe bewegt, das wollte mich
alles nicht so krnken, wenn du nur offen gewesen wrest, nicht so
schief, so verhehlt. Hatte ich mir nicht wenigstens deine Offenheit
verdient?

Es war nicht Unoffenheit, Agathe. Ich wollte dich nicht hinunterziehen
in die -- Labyrinthe. Und dann, du warst mir pltzlich so fremd geworden
als Weib und zu vertraut als Mensch. Ich war in Gefahr, dich auf andere
Weise zu verlieren, wenn ich nicht die Flucht ergriffen htte. Was man
auch Tiefsinniges ber die Ehe sagen mag, zuletzt ist sie eine
Angelegenheit der Nerven. Das Beste was sie sein kann, ist eine
schicksalsvolle Freundschaft zwischen Menschen, die einander nicht
stren. Wer mehr von ihr erwartet, belgt sich und wird grausam
enttuscht.

Die bunten Glser, durch die ich einst unser Leben betrachtet habe,
sind mir schon lange aus der Hand geschlagen worden, sagte Agathe
bitter.

Das Unheil der Ehe besteht darin, da sie vieles zur Pflicht macht, was
freie Gabe sein soll, erwiderte Sylvester. Wird dadurch nicht jede
Gabe verdchtigt, jede Pflicht in Fron verwandelt? Der Anspruch auf
Bestndigkeit erzeugt Abtrnnigkeit, der Anspruch auf Treue Untreue. Sie
legt dem stolzen Mann Fallen, die ihn erniedrigen, und wie soll er
aufrichtig sein, wenn er frchten mu, da Aufrichtigkeit ein Verhltnis
zerstrt, das ihm trotz alledem unentbehrlich ist? Denn hier ist etwas
Mysterises, wovor meine ganze Weisheit verstummt, fuhr er grblerisch
fort; ich hatte geglaubt, ich sei nur deshalb zurckgekommen, um mit
deiner Einwilligung von dir wegzugehen. Ich kann aber nicht von dir weg,
Agathe. Das ist es eigentlich, was ich dir sagen wollte.

In Agathes Gesicht zeigte sich eine kaum merkbare Erhellung, als ob ein
feiner Schleier abgerissen wrde. Wie kannst du denn bei mir bleiben
mit der andern im Herzen? entgegnete sie. Sie wrde dir immer
engelhafter und ich immer unzulnglicher erscheinen. Eine solche
Rivalitt zu ertragen, ist keine Frau fhig. Ich denke, du bist jetzt
nicht stark und ehrlich, sondern schwach und gutmtig. So schn eine
Brcke ist, so schauderhaft sind mir Notbrcken, besonders wenn sie ber
strmisches Wasser fhren. Nein, nein, Sylvester, geh du nur hinber ans
andere Ufer; ich bleibe hier, wir wohnen ja doch nicht mehr im selben
Land. Sie zog ihr Taschentuch, um es an die feuchten Augen zu bringen,
besann sich aber in einer Regung des Trotzes und drckte es auf den
Mund.

Dann habe ich mich allerdings furchtbar geirrt, sagte Sylvester. Von
allem, was ihm htte widerfahren knnen, war ihm das standhafte Struben
Agathes, das er anfangs dem Gefhl verletzter Wrde zugeschrieben, das
Unerwartetste. Da sie ihn liebte, ihn allein, bedingungslos und ohne
die Denkbarkeit eines Aufhrens, daran hatte er nicht im mindesten
gezweifelt. Ihre Liebe war ihm so selbstverstndlich gewesen wie die
Luft, die er atmete; er hatte niemals die Mglichkeit erwogen, da
dieser Schatz an Liebe, den er in seltsam gleichgltiger Gewiheit fr
unerschpflich gehalten, vergeudet werden knne; wie ein gesunder Krper
seine inneren Organe nicht sprt, so hatte er die Kraft und Ausdauer
dieser Liebe als etwas Gesetzmiges und ein fr allemal Geregeltes
hingenommen. Die Einsicht, da dem nicht so war, weckte ihn frmlich
auf; er begann anders zu sehen und zu hren; pltzlich erblickte er in
Agathe ein Weib, das sich ihm versagte. Was soll nun werden? fragte er
stockend, willst du es nicht mehr mit mir versuchen?

Du bist Herr in deinem Haus, und ich kann unser Kind nicht im Stich
lassen, also mu ich mich deinem Beschlu fgen, antwortete Agathe
hart, und ohne auf Sylvesters beschwrende Gebrde zu achten, sprach sie
weiter: Versuchen? Was heit das? Du traust mir eine berlegenheit zu,
die ich nicht besitze. Ich bin nicht rachschtig, aber ich kann nicht
hindern, da das Erlittene auf mein Gemt wirkt. Ich glaube nicht mehr
an dich, Sylvester. Liegt dir an Verzeihung? Gibst du mir ein Recht,
gibt es berhaupt ein Recht zu verzeihen? Dann habe ich dir verziehen
seit dem Tag, an dem du kamst. Aber ich glaube nicht mehr an dich. Gern
will ich zugeben, da es von tiefer Bedeutung fr dich war, was du
erlebt hast. Aber gerade da du es erlebt hast und da es eines solchen
Erlebnisses bedurfte, um dich zu beflgeln und deiner Seele Schwung zu
geben, das macht dich klein in meinen Augen, weil etwas so Unreifes,
etwas so Spielerisches und etwas so Zuchtloses darin liegt. Wenn ich dir
weh' tue, so vergib; ich mute es sagen, und ich bin froh, da es nun
gesagt ist.

Was aber mte geschehen, damit du den Glauben an mich wieder
gewinnst? fragte Sylvester tonlos.

Was geschehen mte? Ich wei es nicht. Oder vielleicht doch.
Vielleicht mtest du -- es ist schwer, das auszudrcken; ob du mich nur
recht verstehst -- vielleicht mtest du Achim Ursanners wrdig werden.

Achim Ursanners wrdig? Wie meinst du das?

Es ist mein Gefhl so. Ich finde kein anderes Wort dafr.

Sylvester erhob sich und ging im Zimmer umher. Es dmmerte schon, und
das blaue Schneelicht wurde violett. Die Stille war so gro, da das
Knistern der drauen von den Zweigen fallenden Flocken hrbar war.

Willst du nicht gleich jetzt mit mir nach Erfft gehen? wandte sich
Sylvester an Agathe. Martha kann ja deine Sachen morgen
hinberschicken, und Silvia freut sich, wenn du kommst. Er war bemht,
seiner Haltung und seiner Stimme Ungezwungenheit zu verleihen, jedoch es
gelang ihm nicht. Agathe stand ebenfalls auf, sah ihn forschend an und
nickte.

Sylvester verabschiedete sich vom Ehepaar Hund. Sein Reitpferd lie er
in Dudsloch und sagte, er werde es am nchsten Tag holen lassen. Dann
folgte er Agathe, die vorausgegangen war.

In einem ununterbrochenen Schweigen wanderten sie durch den Winterabend
nach Hause.

       *       *       *       *       *

Mit Hilfe eines mig zu verzinsenden Darlehens, das der Major gab, und
der Summe von zwanzigtausend Talern, die der westflische Onkel
vorstreckte, brachte Sylvester seine zerrtteten Finanzen einstweilen in
Ordnung. Er hatte mancherlei Plne im Kopf, wollte eine Winzerschule
grnden, Dudsloch in eine Zuchtanstalt fr Mustervieh umwandeln,
studierte die Fachzeitschriften wegen Ankaufs neuer landwirtschaftlicher
Maschinen und beschftigte sich nebenbei wieder mit seiner Liebhaberei
fr die Gartenkunst. Er war sechs bis acht Stunden whrend des Tags im
Freien, und sein Trachten war, am Abend so mde zu sein, da er nicht
mehr denken konnte.

Wie vor der Unterredung in Dudsloch sah er Agathe nur bei den
Mahlzeiten. Sie war freundlich, oft sogar gtig, er hingegen wortkarg
und unstet. Wenn Agathe vom Tisch aufstand, blickte er ihr bisweilen
wunderlich bittend nach. Es kam vor, da sie allein in den Wald
spazieren ging; beunruhigt folgte er ihr von weitem, versteckte sich
hinter Buschwerk, wenn sie umkehrte und war erst zufrieden, wenn er sie
wieder in der Nhe der bewohnten Sttten wute. Einmal blieb sie auf
einer Lichtung stehen, schaute zurck und sah ihn, der eben in die
Lichtung hinaustrat. Sie wartete, bis er herangekommen war und fragte,
ob er zufllig denselben Weg gegangen sei. Er bejahte.

Es war Ende Februar, einer jener milden und tckischen Tage, an denen
die ganze Natur um den Frhling zu ringen scheint. Da war es Sylvester,
als msse er von Gabriele sprechen, und er erzhlte der stumm
lauschenden Frau die Geschichte seiner Liebe mit allen Einzelheiten.
Nachdem er dies getan hatte, setzte er sich auf einen Baumstumpf und bat
Agathe, sie mge allein nach Hause gehen. Ach du, murmelte er
verstrt, als sie fort war, du Hochmtige, du Selbstgewisse, du
Qulerin, du Zuschauerin. Lieest mich erzhlen, zu Ende erzhlen, damit
es auch wirklich zu Ende sei. Nun ist es zu Ende. Er blieb sitzen, bis
die Nacht anbrach.

Hypochondrie trat in seinem Wesen immer strker hervor.

Sylvester gehrte zu jenen Mnnern, die mit zunehmenden Jahren
vereinsamen. Er war der Freundschaft fhig gewesen wie wenige, und er
hatte seine Freunde einen nach dem andern verloren. In jede solche
Beziehung hatte er Ideen und Ideale getragen, und jede war eben daran
gescheitert. Er setzte seine Person zum Pfand und wurde mit Almosen
abgespeist. Mit der Zeit begriff er, da nichts in der Welt rmer macht
als Freundschaft zu suchen. Er brauchte geistige Zrtlichkeit,
brderliche bereinstimmung, und da er zu viel Scharfblick und
Menschenkenntnis hatte, um sich mit Surrogaten zu begngen, wirkte er
herrschschtig und launenhaft, wo er in seinen Erwartungen enttuscht
wurde. Sinnliche Naturen geraten leicht in einen Zustand der
Unbefriedigung, auch der Gesellschaft gegenber, und die Sylvester
eigene Empfindlichkeit war die Ursache, da er die Menschen gerade dann
am meisten abstie, wenn ihn der Menschenhunger zu ihnen trieb. Er
erkannte zu spt, da er unter einem Geschlecht lebte, welches sich vor
der Hingebung frchtete und dem der Adel des Herzens fehlte. Er fand
fast alle Mnner nchtern, leer, gemtsroh und hoffnungslos banal; so
hatte er sich an die Frauen gewandt, als ob die Frauen einen
glcklicheren Kontinent des Lebens bewohnten; hier halfen ihm
Phantasiespiele, und whrend er eroberte, hatte er die Illusion, zu
besitzen. Auch dies war nun vorber, denn sein Haar zeigte graue Fden.

Im Lauf des Frhjahrs machte er hufig Besuche in der Nachbarschaft. Er
langweilte sich tdlich und kam jedesmal verstimmt nach Hause. Agathe
billigte die Urteile nicht, die er ber die Leute fllte; sie erinnerte
sich des einen als eines anstndigen Kaufmanns, des andern als eines
verdienten Beamten, des dritten als eines opferwilligen Familienvaters,
und die Erbarmungslosigkeit, mit der er Gericht hielt, verletzte sie.
Ihm war jeder fremde Mensch ein Feind, ihr war jeder Mensch ein Mensch.

Sie gab Sylvester verloren. Sie sah keinen Weg, wie er sich retten
knne. Sie htete sich aber, ihm ihre Verzweiflung zu zeigen. Oft war
ihr zumute, als hielte sie den Mann mit uerster Anstrengung ihrer
Kraft und als msse er fallen, wenn sie nur mit einem einzigen Gedanken
von ihm ablie. Was sie von ihm erwartete, darber hatte sie nicht die
geringste Klarheit, dennoch wute sie, da die Glut, mit der sie eine
geheimnisvolle Forderung an ihn stellte, nur durch die Erfllung
gelscht werden konnte. Eher htte sie ihren Leib hinsiechen lassen, als
da sie einem Anruf der Sinne nachgegeben htte, um in den
schwchlichen, unreinen und ungesicherten Zustand eines Scheinglcks
zurckzukehren. Kein krperliches Leiden, seines nicht, das ihn heftig,
finster und reizbar machte, und ihres nicht, das hinter einer Schutzwehr
von instinkt- und charaktervoller Klte verborgen war, konnte sie
beirren.

Eines Morgens, als Sylvester bei Silvia im Zimmer sa und sie in
franzsischer Grammatik unterrichtete, wurde ihm ein Brief berbracht.
Beim Anblick der Schriftzge auf der Adresse verfrbte er sich, erhob
sich sogleich und ging in die Bibliothek. Bebend ffnete er den Umschlag
und las:

Mein teurer Freund! Ich vermute Sie bei den Ihren zu Hause und hoffe,
da dieser Gru aus weiter Ferne Sie erreicht. Seit sieben Wochen fahre
ich hier in Amerika von Stadt zu Stadt, und es ist mir alles so
fremdartig, als sei ich nicht ich selbst, und was ich mit den Menschen
spreche und wie ich lebe erscheint mir wie etwas Ausgedachtes und
Unnatrliches. Bevor ich von England abgereist bin, habe ich mich mit
dem Viscount Horace Darrington versprochen, aber wir werden erst
heiraten, wenn er von Indien zurckkommt, und das dauert zwei Jahre.
Nach diesen zwei Jahren werde ich aufhren zu singen. Ich bin nicht
gerade mde; freilich, des Beifalls bin ich mde, der Zudringlichkeit
und der Neugier auch, und bange wird mir manchmal bei dem Gedanken, da
ich jeden Abend in ein anderes Bett mich legen soll. Aber es ist nicht
das, was meinen Vorsatz, der ffentlichkeit Adieu zu sagen, erzeugt hat
und immer strker werden lt; es ist das Gefhl, da ich gegeben habe,
was ich zu geben vermochte und da alles brige nur Fertigkeit und
hchstens Kunst ist. Heute noch treibt mich eine unbekannte Gewalt, es
ist als ob ich etwas verkndigen sollte, morgen vielleicht ist es kein
Befehl mehr, sondern blo Gewohnheit, und das Heilige wird zum
Hokuspokus. Heute noch beten und morgen leiern? Das ist meine Sache
nicht; wenn mich nicht mehr die Andacht erfllt, bin ich ein verlorenes
Wesen, ein heimatloses Weib und mu vom Leben erbetteln, was die Kunst
einem Weib nie und nimmer gewhren kann. Nun wei ich ein Haus fr mich
und einen Hter darin, und was gewesen ist, bleibt in seiner Schnheit
bestehen. Ich habe das empfunden, als wir noch beisammen waren; ohne Sie
wre ich blind hingegangen zu der Grenze; in dieser Minute trumend, in
der nchsten schon erwacht, htte ich keinen Weg mehr gesehen und
unbefriedigt, mich selbst verkennend, immer wieder zum Traum
zurckgewollt. Was knnte ich Ihnen auerdem noch sagen in den
armseligen Worten, die ich habe? Vergessen kann ich nicht und wnsche
auch nicht, da irgend etwas htte anders geschehen sollen. Ich mchte
Sie leicht und Ihr Auge hell und Ihr Herz klingend machen, und mir ist,
als knnte ich nur glcklich werden, wenn Sie es sind. Man braucht
Kraft und Reinheit, um glcklich zu sein, um eins mit sich selbst zu
sein. Meine Seele ist voll von Dank fr Sie, und ich mchte fr das Wort
Freund ein noch nie gehrtes Wort finden, damit Sie spren, wie Sie in
und mit mir leben. Schreiben Sie mir nicht, antworten Sie nicht. Es wre
zu frh, es wre zu wenig Fgung, zu viel Mahnung.

                                        Ihre Gabriele.

Nachdem Sylvester den Brief gelesen, verlie er das Haus und kehrte erst
spt in der Nacht wieder heim.

Sein Dasein erschien ihm nun noch weit zerstckter, und er warf einen
Tag um den andern gleichsam weg und zum voraus weg. Ein Aufruf der
liberalen Partei erregte flchtig sein Interesse, er besuchte auch eine
Versammlung in Wrzburg, aber dann sagte er zu Agathe, die auf dieses
Emporraffen in ihm einige Hoffnung gesetzt hatte und nun ihre
Enttuschung kaum verbergen konnte, die Leute seien ohne politische
Disziplin, htten keinen Begriff davon, was dem Lande wirklich ntzen
knne, und ihr Treiben ekle ihn an.

Bei alledem fhlte er doch, eben was das nationale Leben betraf, eine
eigentmliche Spannung in der Luft. Man atmete wie in einem
abgeschlossenen schwlen Zimmer, wo man unwillkrlich auf Dinge lauscht,
die drauen vorgehen und unwillkrlich Furcht empfindet bei jedem Tritt
und jedem Flstern. Gerchte schwirrten auf und wurden wieder erstickt.
Die einen wollten nicht glauben, die andern hielten sich die Ohren zu.
Handel und Gewerbe stockten, und die Brsenkurse zeigten beunruhigende
Schwankungen. Mnner, die sonst den ffentlichen Angelegenheiten ohne
Teilnahme gegenberstanden, richteten den Blick besorgt auf die
Geschehnisse, deren Entwicklung noch ganz im Dunkel verborgen war. Auch
Sylvester ertappte sich bisweilen in der Ungeduld eines Zuschauers, der
im Theater vergebens darauf warten mu, da der Vorhang hochgezogen
wird.

So kam der Sommer. Eines Tages war der Major zu Tisch in Erfft; nach dem
Essen, man hatte ber allerlei geredet, sagte er zu Sylvester: Mein
lieber Schwager, wir mssen auf groe Dinge gefat sein. Es gibt Krieg.

Sylvester lchelte spttisch. Du bist ein so unverbesserlicher Patriot,
da dir ein Zeitungsgeschwtz schon wie Kanonendonner klingt,
antwortete er.

Na, wir werden sehen, meinte der Major, wir werden ja sehen.
brigens steht in den Zeitungen gar nichts, ich habe nur so meine
privaten Nachrichten. Der preuische Gesandte in Paris hat schon vor
acht Monaten nach Berlin geschrieben: die Luft riecht nach Pulver. Ich
habe viel gegen Bismarck einzuwenden, aber das mu man schon sagen, der
Mann versteht seinen Kopf aufzusetzen und wird sich nichts gefallen
lassen. Die Franzosen sind teuflisch bermtig geworden und der Kaiser
Napoleon sitzt auf einem wackligen Thron, deshalb will er seine
Untertanen beschftigen.

Geh mir doch, mein Lieber, erwiderte Sylvester, deine Politik
schmeckt nach der Stammtischkneipe.

Und wenn auch Krieg entstnde, warf Agathe mit ernster Miene ein, wie
kann man sich ber ein so ungeheures Unglck freuen?

Verstehst du nicht, warum ich mich freue, Schwgerin? rief der Major
mit einer jungenhaften Begeisterung; wir werden sie verhauen, die
Kerle, wir werden sie windelweich verhauen.

Aber du doch nicht, sagte Agathe lchelnd.

Nein, ich nicht, seufzte der Major, fr mich alten Krppel ist an so
was nicht zu denken. Sylvester hingegen, der kann noch seinen Mann
stehen.

Agathe heftete die Augen erschrocken auf ihren Gatten. Sylvester
runzelte die Stirn. Ich befinde mich nicht mehr im Dienstverhltnis zur
Armee, bemerkte er khl, und dann wrde sich's ja wahrscheinlich um
einen Krieg gegen Preuen handeln.

Preuen? fuhr der Major auf, Himmel und Wetter, mir scheint, er wei
nicht einmal etwas von einem Schutz- und Trutzbndnis. Wenn es losgeht,
geht's gegen uns alle, darauf kannst du dich verlassen, und alle werden
zusammenhalten, darauf verla dich ebenfalls. Wen's juckt in der Faust,
der schlgt zu. Den Ofenhockern, na, denen wird eingeheizt. Er lachte
mokant und zndete mit zitternden Fingern seine Pfeife an.

Agathe hielt es fr geboten, dem Gesprch eine andere Richtung zu geben.

Drei Wochen spter, an einem schwlen Julinachmittag, kam der Inspektor
Marquardt in groer Erregung aus Wrzburg zurck. Er brachte die
Extraausgabe einer Zeitung mit, welche die Kriegserklrung enthielt. Das
Blatt ging durch alle Hnde, und bald standen Mnner und Weiber im Hof
und disputierten mit bestrzten und feierlichen Gesichtern. Silvia hatte
sich in der Wohnung der Inspektorin befunden. Sie lief zu ihrer Mutter
ins Haus. Agathe sa am Klavier. Mutter, die Franzosen kommen, schrie
das Kind mit aufgerissenen Augen. Agathe stand auf, schaute Silvia
erstaunt an und trat ans Fenster. Der Inspektor gewahrte sie. Seine
Mtze war in den Nacken gerutscht, die schweitriefenden Haare hingen
ihm in die Stirn. Gndige Frau, rief er, es wird Krieg! Hurra! Es
lebe der Knig! Ohne besondere berschwenglichkeit stimmten einige
Knechte in das Hoch mit ein. Nur der rothaarige Grtnerbursche, der
unlngst rekrutiert worden war, tanzte wie ein Indianer und klatschte in
die Hnde.

Sylvester war nach Kitzingen geritten. Abends um sieben Uhr kam er. Er
wute die Neuigkeit schon. berall herrscht groes Entzcken, auch bei
den Bauern, sagte er zu Agathe. Das Volk ist wie toll. Es berrascht
einen doch, so viel berschssige Lebenskraft wahrzunehmen. Ich htte es
nicht gedacht. Whrend der Mahlzeit blieb er einsilbig, und als die
Lampe gebracht wurde, las er einen Roman von Balzac. Agathe sa am
Fenster. Sie war tief in Gedanken versunken.

Glaubst du, da Achim Ursanner im franzsischen Heer weiterdienen
wird? fragte sie pltzlich.

Sylvester schaute zerstreut empor. Es ist wohl mglich, gab er zur
Antwort.

Er, der deutscheste Deutsche! flsterte Agathe beklommen.

Der Ausdruck in Sylvesters Zgen wurde gesammelter. Wachsende Unruhe
umflorte seinen Blick. Ja, hier hat das Fatum einen unentwirrbaren
Knoten geschrzt, entgegnete er, fhlte aber, wie matt und knstlich
die Floskel klang.

Agathe schwieg.

Die Nacht war so hei, da Sylvester, im Bette liegend, nicht
einschlafen konnte. Die Uhr in der Bibliothek schlug zweimal, als er
sich erhob und seine Kleider anzog, um in den Garten zu gehen. Der
Himmel war prachtvoll bestirnt, und auf dem Rasen glnzte der Tau. Die
andchtige Stille der Natur berhrte ihn schmerzlich, wenn er des
Schlachtens gedachte, das morgen, bermorgen beginnen und, wer konnte es
wissen, vielleicht auch das friedliche Gefild um ihn her mit Blut dngen
wrde. Ihn schauderte.

Doch wie er so vor sich hinging, wollte es ihm scheinen, als ob jetzt
nicht die Zeit fr wehleidige Betrachtungen sei. Es wollte ihm scheinen,
da hier eine groe Fgung auf groe Empfindungen rechne. Es wollte ihm
scheinen, da dabei die gegrndetste berlegenheit des einzelnen
verklauselte Flucht, da jedes Messen und Erwgen zum Laster der
Trgheit wurde. Die Ruhe der Nacht versetzte seinen Geist in eine
wunderbare Schwingung. Er sprte den Enthusiasmus so vieler Millionen,
sprte, da sich sein Gemt der Absonderung begab, um an der allgemeinen
Entflammung teilzunehmen. Er hatte kein Recht mehr fr sich allein, er
hatte nur noch das Recht aller. Seine Augen begannen in der Dunkelheit
zu leuchten. Seit langem war ihm nicht mehr so wohl ums Herz gewesen.

Im Bogen um das Orangeriegebude schreitend, sah er eine weie Gestalt
auf einer Bank sitzen. Es war Agathe. Sie blickte kaum auf, als er sich
nherte. Er setzte sich neben sie. Hat es dich auch herausgetrieben?
fragte er.

Sie seufzte blo.

Hr' zu, Agathe, fuhr er fort, ich werde morgen nach Erlangen
fahren.

Nach Erlangen? Aus welchem Grund?

Um mich bei meinem Bataillon zu stellen.

Du willst --? Sylvester! Es war ein halb klagender, halb jubelnder
Aufschrei. Sie prete das Gesicht schluchzend in die rechte Hand, die
bebende Linke reichte sie ihm. Als sie sich ausgeweint hatte, gingen sie
Hand in Hand ins Haus.

       *       *       *       *       *

Am andern Morgen hatte Sylvester noch vielerlei zu erledigen. Er schrieb
sein Testament und traf umsichtige Vorkehrungen wegen der
Wirtschaftsleitung. Um elf Uhr kam der Major und war sehr ergriffen, als
er hrte, da Sylvester ins Feld zog. Es rinnt eben doch ein guter Saft
in seinen Adern, sagte er zu Agathe, die still und bleich dastand;
sein Grovater ist Anno dreizehn bei Leipzig gefallen. So etwas hlt
nach.

Der Wagen, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, war schon vorgefahren.
Wo ist Silvia? erkundigte sich Sylvester. Da erschien das Kind mit
einer Rose, die sie dem Vater gab. Die hellen Trnen liefen ber ihre
Backen, aber beim Abschied nahm sie sich heldenmtig zusammen. Agathe
wurde immer bleicher. Sylvester umarmte sie, dann fiel sie dem Major
ohnmchtig an die Brust. Die Leute vom Gut grten ihren Herrn
schweigend und voll Ehrerbietung. Ich wei gewi, da der Vater wieder
kommen wird, sagte Silvia mit gefalteten Hnden. Als die Kutsche sich
in Bewegung gesetzt hatte, schaute Sylvester noch einmal aus dem Schlag.

Die Zge hatten groe Versptungen, und so langte Sylvester erst am
Abend in der Garnison an. Nur mit Mhe fand er in einem Weinwirtshaus
Unterkunft. Es war ein Treiben in dem Stdtchen, als ob Jahrmarkt wre.
Allenthalben war Musik und Gesang, doch sah man nirgends einen
betrunkenen Menschen.

Um sechs Uhr morgens ging er zur Kommandantur und dann auf die Kanzlei
des Jgerbataillons. Er war als Sekondeleutnant aus dem aktiven Dienst
getreten und wurde in dieser Charge wieder eingereiht. Die Kerntruppe
war schon ins Feld gerckt und alle Rume der Kaserne waren voll von
Rekruten und Freiwilligen. Beim Exerzieren merkte Sylvester zu seinem
Schrecken, wie steif seine Glieder und wie verrostet seine Gelenke
waren. Der nchste Truppenabmarsch sollte erst in zehn Tagen
stattfinden; bis dahin muten die jungen Mannschaften eingeschult sein,
und die bungen erschpften den verweichlichten Krper Sylvesters so
sehr, da er seine ganze Willenskraft ntig hatte, um sich aufrecht zu
erhalten. Nicht geringere berwindung kostete es ihn, den schlechten
Geruch in den Stuben, den bestndigen Lrm und die bestndige Nhe
vieler Menschen ertragen zu lernen.

Am fnften Tag schickte ihm Agathe mit einem ihrer Briefe ein Schreiben
Adam Hunds. Adam gab darin seinen Vorsatz bekannt, da er dem Beispiel
seines Herrn folgen wolle. Wo der Herr Baron stirbt, will ich auch
sterben, schrieb er; ich habe bei den sechsten Jgern gedient wie der
Herr Baron. Man wird einen alten Landwehrmann nicht abweisen. Der Krieg
ist meine einzige Hoffnung. Wenn mich keine Kugel trifft, bleibe ich
Soldat. Denn zwischen mir und meinem Weib steht es dermaen bel, da
ich keinen Spa mehr an diesem Leben finde. Ich bin ziemlich sicher, da
mich die elende Kreatur betrgt. Sie hat es mit dem Sohn eines
Grobauern. Ich mchte wissen, was dem dummen Teufel an ihr gefllt.
Mein Gott, zu all dem Jammer noch die Schande! Da kann nur das Vaterland
helfen. Des Himmels Strafe ber sie. Ich ziehe von dannen. Bin ich ein
gehrnter Ehemann, schn, so werde ich ein um so besserer Schtze sein.

Wenige Stunden spter begegnete ihm Sylvester in der Kantine. Er war
schon eingekleidet und sang mit den andern, wennschon nicht ohne
Gravitt, kampflustige Lieder. Sylvester drckte ihm lchelnd die Hand.

An dem Morgen, an dem die Abteilungen endlich zum Bahnhof marschierten,
verbreitete sich die Nachricht von einem groen Sieg der deutschen
Armee. Der Eisenbahnzug, der von Nrnberg kam und ber Wrzburg nach
der Pfalz fahren sollte, war mit Infanterie besetzt. Sylvester
berlegte, ob er an Agathe telegraphieren solle, damit er sie in
Wrzburg sehen knne; er unterlie es jedoch, um nicht abermals
Trennungsweh hervorrufen und empfinden zu mssen.

Auf den Stationen wurden Einzelheiten ber die stattgefundene Schlacht
erzhlt. Es wurde von zehntausend Toten gesprochen. Sylvester stellte
sich diese Zehntausend vor, wie sie in unabsehbarer Kette dalagen. Er
vermochte nicht zu glauben, da nur seine Phantasie allein so ttig war;
er zweifelte an der Ehrlichkeit einer Kampfbegier, die den Tod so nahe
fhlen mute. Er hielt es nicht fr Mut, die Augen zu schlieen und die
bangen Fragen der Seele durch Liederbrllen zu betuben; er hielt es fr
Mut, zu wissen und zu zittern und des Wissens und Zitterns Herr zu
werden. Unter den Offizieren gewahrte er viele sinnende und ernste
Gesichter. Manche hatten die Lippen in einer Weise geschlossen, als
seien sie nicht darber im unklaren, was es heien wollte, jung zu
sterben. Zu ihnen fhlte sich Sylvester am meisten hingezogen. Aber auch
unter den Mannschaften erregten viele seine Sympathie, die bei aller
Tapferkeit der Haltung sich mit innerlichem Grauen von der Sonne
bescheinen lieen.

Auf der letzten Pflzer Bahnstation wurden die Truppen auswaggoniert.
Einige Abteilungen, die gegen Metz ziehen sollten, setzten sich gleich
in Marsch. Die Jger muten stundenlang warten, bis der fhrende
Hauptmann genaue Ordre erhalten hatte. Das Bataillon befand sich bei der
Maaarmee. Es war schon gegen Abend, als die Kolonne den freundlichen
Ort verlie. In einem Dorf mit vielen verbrannten Husern war Nachtrast.

Whrend der folgenden Tage regnete es unaufhrlich. Am Rand eines Waldes
sah Sylvester den ersten Toten. Es war ein franzsischer Franktireur.
Die Kleider ber der Brust waren offen; er trug feine Wsche. Er lag in
einem Reisighaufen und hatte ein Stckchen Schokolade in der blutigen,
starren Hand. Ferner Geschtzdonner war vernehmbar. Die Atmosphre war
eigentmlich rauchig. Auf einem Wiesenhang wurde eine Viehherde von
preuischen Musketieren geweidet. Ein bebrillter Unteroffizier, der
vielleicht unlngst auf einem Katheder gestanden, hatte die Aufsicht. Im
Graben an der Chaussee lag mit glsernen Augen ein erschossenes Pferd.
Eine Eskadron Kavallerie sprengte vorber. Im nchsten Quartier
erhielten sie Nachrichten von der furchtbaren Schlacht bei Mars-la-Tour.
Da wurde manchem das Herz enger. Sylvester berraschte einen Jger, wie
er ein Amulett, das er auf der Brust trug, hervorgezogen hatte und
betrachtete.

Je weiter sie ins feindliche Land kamen, je widerspenstiger und
gehssiger wurden die Bewohner. Das Requirieren der Nahrungsmittel
erwies sich als schwierig, und der Hunger zwang die Soldaten oft zur
Grausamkeit. Sie erbrachen die Weinkeller, drangen in alle Winkel der
Huser und rissen Kranke aus ihren Betten, um die Strohscke und
Matratzen zu durchsuchen, in denen die Bauern bisweilen Brot und Fleisch
verbargen. Beim Aufspren der Verstecke zeigte sich Adam Hund am
findigsten. Er gelangte auch wegen der hohen Vollendung seiner Kochkunst
und durch die Gabe, spannende Geschichten zu erzhlen, zu Ansehen.
Selbst die Offiziere verschmhten es nicht, ihm zu lauschen, wenn er
seine Anekdoten zum besten gab, von denen er jede mit einer moralischen
Nutzanwendung schlo.

Seltsam war es fr Sylvester, den guten Adam so zu erblicken, unter den
wettergebrunten, brtigen Leuten, am Herdfeuer stehend und mit
philosophischer Ruhe Pfannkuchen backend. Weit entfernt waren anders
gelebte Tage, Bilder des Glanzes, Stunden, deren Schmerz sogar wie
rhrende Musik nachhallte, Erregungen, deren Grund er kaum mehr fate.
Nun war alles so wild, so schwarz, so na, so fiebergleich, die
Geschehnisse so gro und ohne sein Zutun wachsend, die Dinge so wahr!
Ohne sein Zutun, und doch war alles Tat, ganz anders als vordem, wo mit
seinem Zutun fast alles nur Erleiden gewesen war.

Eines Tages, als er seine wundgelaufenen Fe verband, brachte ihm ein
altes Mtterchen eine Salbe, die sie fr ihre beiden Shne gemischt
hatte, welche beide vor St. Privat gefallen waren. Ihre Freundlichkeit
erschtterte ihn tiefer als alles gesehene Elend, und die Worte Krieg
und Feind klangen sinnlos. Und als sie in ein Dorf kamen und vor der Tr
einer Schenke ein junges Mdchen stand, in einer koketten roten Jacke,
einen blumengeschmckten Hut auf dem reizenden Kopf, trat er zu ihr und
unterhielt sie, indem er ihr von der Kaiserin Eugenie erzhlte und deren
Schnheit rhmte. Da fragte sie zutraulich, ob es wahr sei, da
Frankreich bisher alle Schlachten verloren habe. Er bejahte, worauf sie
den Kopf senkte und bitterlich weinte. O, Menschheit, dachte Sylvester,
und ihm dnkte, als stehe er hilflos auf einer Planke im Ozean.

Sie rasteten in einem von Franzosen verlassenen Biwak. Zeitungspapier,
Proviantreste, Waffen, Kleidungsstcke und zersplitterte Granaten lagen
umher. Sylvester schrieb auf der Trommel des Tambours einen Brief an
Agathe. Dann bereitete er sich unter einem Birnbaum ein Bett aus
Zeltdecken. Der Regen durchnte ihn bis auf die Haut, und er konnte
nicht schlafen. Im Norden war der Horizont gertet. Um ein Uhr nachts
wurde alarmiert. Sie zogen weiter. Flammengarben sprhten ber den
Himmel. Von allen Seiten marschierten Truppen heran. Die von der
fortwhrenden Spannung und Erwartung mehr als von den Strapazen
ermdeten Soldaten fhlten, da die Stunde der Entscheidung angebrochen
sei. In der Nhe des Dorfes Buzancy stieen sie zu ihrem Bataillon.
Einige Jger warfen heimlich die Spielkarten fort, mit denen sie sich in
den Quartieren die Zeit vertrieben hatten. Sylvester versprte ein
kaltes Rieseln lngs der Rckenrinne, aber sein Herz blieb ruhig und
sein Auge klar. Er hatte nur den Wunsch, mglichst bald ins Treffen zu
kommen; hinter den Linien zu stehen, war so qualvoll, wie einen Mrder
im Nebenzimmer zu hren.

       *       *       *       *       *

Unbestimmbare drohende Gerusche drangen von weit- und nahher durch die
auerordentlich finstere Nacht. Den Mannschaften wurde die grte Stille
befohlen. Ein Ordonnanzoffizier sauste auf seinem Pferd von Sommerance
herber. Sylvester kannte ihn. Gibt's was Neues? -- Wir greifen an.
-- Bald? -- Wahrscheinlich. Er sprengte davon.

Gegen die ber den Strom geschlagene Schiffsbrcke ritt in langsamem
Trabe ein preuisches Dragonerregiment. Dann jagte eine Batterie quer
ber das Feld. Sie protzten ab, schossen jedoch nicht. Jetzt stieg
hinter den Hgeln, gegen Sedan zu, ein gewaltiger Feuerschein auf.

Der Unterjger, der hinter Sylvester stand, fluchte, weil ihm sein
Hosengrtel gerissen war. Ein Mann aus der Korporalschaft bot ihm den
seinen an. Es war ein kleiner dicker Mensch, im brgerlichen Beruf
Fltenspieler an einem Theater; er hatte sich immer durch Munterkeit
ausgezeichnet, war jedoch seit einigen Stunden auffallend schweigsam.
Und du? Was wirst du machen? fragte der Unterjger erstaunt. Ach ich,
ich werde ja doch heute totgeschossen, erwiderte der andere mit
vollkommener Ruhe und schnallte seinen Grtel ab. Sylvester drehte sich
nach dem Manne um. Weder Prahlerei noch Angst war in dem pausbckigen
Gesicht zu bemerken, nur stumme, selbstverstndliche Ergebung. Der
Premierleutnant hatte ebenfalls die Worte des Soldaten gehrt und wandte
ihm sein hageres, in der Brandglut doppelt unheimliches Gesicht zu. Mit
ihm hatte es eine eigene Bewandtnis; er hatte vor fnf Jahren wegen
irgendwelcher Unregelmigkeiten den Dienst quittieren mssen. Als der
Krieg ausgebrochen war, hatte er sich gemeldet, und man brauchte ihn nur
anzusehen, um zu wissen, da er fest entschlossen war, den Tod in der
Schlacht zu sterben und damit seinen Makel auszulschen.

Der Feuerschein verlohte. Es wurde wieder finster. In einem Gehft
krhte mit durchdringender Stimme ein Hahn. Die Soldaten lachten. Dem
ist ein zu groes Gedrnge dahier, witzelte einer. Ruhe! schrie der
Hauptmann wtend. Pltzlich krachte es rechts vorn. Ein Adjutant brachte
den Befehl, das Bataillon solle ber den Bahndamm marschieren und gegen
das Dorf Bazeilles vorrcken. Die Abteilung setzte sich in Bewegung,
erstieg den Damm und berschritt den Strom auf der Eisenbahnbrcke.
Sylvester konnte das von dichtem Nebel bedeckte Gelnde berschauen.
Wenn aus fernen Geschtzen die Blitze auffuhren, sah der Nebel wie
brennende Baumwolle aus. Ein zweiter Befehl traf ein: das Bataillon habe
vorlufig noch in Reserve zu bleiben. Hinter den Damm zurck und
niederlegen! hie es. Mit klopfenden Herzen warfen sich alle ins
feuchte Gras.

Auf einmal erschallte ein heftiges Kleingewehrfeuer. Das war in
Bazeilles. Ein Generalstbler berichtete, das Dorf sei von vier
Regimentern franzsischer Marine-Infanterie und einem Teil des Korps
Lebrun besetzt; es habe feste steinerne Huser und der Angriff sei
erschwert dadurch, da die Einwohner im Bunde mit den Soldaten schssen
und die Straen durch Barrikaden versperrt seien.

Sylvester und der Premierleutnant begaben sich auf den Damm. Die meisten
Huser von Bazeilles brannten schon. Die wachsenden Flammen erstickten
frmlich den aufdmmernden Tag. Rings um das ungeheure Schlachtfeld
donnerten die Kanonen. Die Erschtterung des Luftkreises vertrieb den
Nebel, dafr wallten die weilichen Dampfmassen aus den Schlnden der
Geschtze und der schwarze, wurmartig gekrmmte Rauch von den brennenden
Husern empor. Chassepotkugeln zischten durch die Luft, und Sylvester
und sein Begleiter wollten sich eben wieder in die Deckung begeben, als
das Kommando: Vorwrts! Ausschwrmen! ertnte.

Den Degen in der Faust, marschierte Sylvester vor der Schwrmerkette
ber den Damm und jenseits herab. Er wunderte sich dumpf, als ein Stck
Himmel ber ihm herrlich blau erstrahlte. Weit drben im Gelnde
erblickte er ein ameisenhaftes Gewimmel rothosiger Soldaten. Sie sahen
aus wie die Mohnblumen in einem Kornfeld. Auf allen Hhen, stundenweit
im Umkreis, siedete der sonnenbeleuchtete Dampf. Das Donnern, Knattern,
Sausen und Zischen hatte etwas Unwirkliches wie im Traum. Verwundete
wurden vorbergetragen; ihr Sthnen und Wimmern verlor sich im
allgemeinen Getse. In einer Ackerfurche lag ein menschlicher Arm.
Sylvester hatte die Empfindung, er komme nicht vom Fleck, trotzdem er
und seine Leute schnell gingen. Das gespenstische Knarren einer
Mitrailleuse lie ihn neugierig herumschauen; es war wie ein tierischer
Laut und durchschnitt das Herz. Der kleine Fltenspieler machte
pltzlich einen Sprung und strzte auf das Gesicht. Wie kann man nur so
ungeschickt sein, dachte Sylvester und rief ihm zu, er solle aufstehen.
Ein Kamerad beugte sich ber ihn. Er ist tot, sagte er. Im selben
Moment fiel auch dieser, in den Kopf getroffen, wie ein Stck Holz.
Warum der und warum nicht ich? dachte Sylvester verwundert.

Dicht vor Bazeilles lag das alte Schlo Dorival. Verwitterte Amoretten
blickten aus dem Gestruch. Im Vorbeiziehen hatte Sylvester das nmliche
Gefhl, das er als Knabe gehabt, wenn er zur Schule hatte gehen mssen
und auf dem Weg eine Spielverlockung an ihn herangetreten war.

Da platzte zwei Schritte neben ihm eine Granate; einem Mann an seiner
Seite wurde wie durch ein unsichtbares Beil der Kopf vom Rumpfe
gerissen; er ging noch einen Schritt und brach zusammen wie Asche. Am
Eingang des Dorfes lagen die Toten zu dreien und vieren bereinander.
Der Erdboden war mit Blut begossen. In einer Rinne rann das Blut, wie
sonst das Regenwasser nach dem Regen. Obwohl am Himmel die Sonne schien,
war es in den Gassen dster wie am Abend. Aus allen Fenstern starrten
Gewehrlufe, auch aus den Fenstern der brennenden Huser. Aus mancher
Kellerluke krachte ein halbes Dutzend Schsse auf einmal. Jede Barrikade
war mit Hunderten von Leichen gepflastert. Viele lagen mit friedlichen
Gesichtern da, als ob sie schliefen, andere wieder zeigten einen
Ausdruck grimmigster Qual. Immer neue Abteilungen rckten vor,
frenetisch jubelnd strmten sie in die Hauptgasse, und nach einigen
Minuten waren sie hingemht. Jedes einzelne Gebude mute wie eine
Festung erobert werden. Aus den brennenden Rumen drang das Geschrei der
Weiber und Kinder in den Hllenlrm. Von dem einstrzenden Geblk der
Dcher prasselten ununterbrochen Funken herab. Auf einer Brunnenstufe
gewahrte Sylvester einen schwerverwundeten Jger des dritten Bataillons.
Dem Mann war die Hfte zerschossen, und er schien Durst zu leiden.
Sylvester gebot einem Soldaten, ihm Wasser zu reichen, aber der
Verwundete bat um eine Zigarre. Der Soldat griff in die Tasche, gab ihm
die Zigarre und zndete sie auch an, whrend um ihn her die Kugeln wie
Hagelschloen fielen. Nachdem jener die ersten Zge geraucht hatte,
starb er. Sylvester ging weiter und sah seinen Premierleutnant tot auf
einem Haufen anderer Toten liegen, rosigen Schaum ber den Lippen.

Die dritte Kompagnie unternahm einen Sturm gegen ein Gebude, das etwas
auerhalb des Dorfes lag und von den Franzosen mit wildester Wut
verteidigt wurde. Die Mauern des Hauses waren schwarz vor Alter; es
hatte zwei Erker, und die Fenster waren vergittert. Jedes der beiden
Stockwerke hatte sechs Fenster, an jedem Fenster standen die Soldaten
enggedrngt, und die Erschossenen wurden sogleich wieder durch andere
ersetzt. Die Granaten hatten das Dach eingeschlagen, aber bis jetzt
hatte noch keine gezndet. Auch aus dem Sparrenwerk des Daches schossen
die Feinde herab, und wie alle frheren Angriffe, wurde jetzt der
Angriff der dritten Kompagnie zurckgeschlagen. Folgt mir, Jger! rief
Sylvester und verlie mit seinem Zug die Deckung einer Hofmauer. Die
Leute waren smtlich sehr bla, gehorchten jedoch dem Befehl mit einem
rachschtigen Hurrageschrei. Viele drckten die Augen zu, whrend sie
liefen. Die vierte Kompagnie, deren Hauptmann gefallen war, vereinigte
sich mit Sylvesters Abteilung. Einer um den anderen strzte. Sylvester
vernahm den slichen U--i-Laut, mit dem die Kugeln an seinem Ohr
vorberpfiffen. Auf einmal taumelte er und hatte ein Gefhl, als sei der
linke Arm von einem frchterlichen Keulenschlag getroffen worden. Einen
Augenblick verweilend, bemerkte er, da das Blut aus dem Rockrmel flo.
Zugleich sah er mit einer Kampfesaufregung, die ihm Schwindel
verursachte und ihm in einem tiefen, ganz stillen und sonderbar
wachsamen Winkel seiner Seele kaum verstndlich dnkte, da seine Jger
endlich bis an die Mauer jenes Hauses vorgedrungen waren, wo die Leichen
in Hgeln lagen. Sie hatten die Gewehre umgedreht und schlugen, zwanzig
zu gleicher Zeit, mit den Kolben wie mit Hmmern gegen das massive Tor.
Angeln und Schlo gaben nach, auch die Fassung zersplitterte, das Haus
war geffnet, und die Tapferen erstiegen die drei Stufen; mit gefllten
Bajonetten strzten sie in den Flur. Eine Salve empfing sie, mehr als
dreiig verhauchten ihr Leben, doch fr die brigen war kein Aufhalten
mehr. Sylvester drngte sich eben durch sie hindurch in den Flur, als
er, wie zu einer Bildsule verwandelt, stehen blieb.

Der Feldwebel der vierten Kompagnie hatte die Verteidiger aufgefordert,
sich zu ergeben. Einige der franzsischen Soldaten hatten unwillkrlich
die Gewehre gesenkt. Darauf trat ihr Leutnant vor und rief dreimal mit
starker Stimme und in einem Ton von uerster, ja unbegreiflicher
Verzweiflung: _Jamais! Jamais! Jamais!_ Zugleich ri er einem
seiner Leute das Gewehr aus den Hnden und legte es an.

Diesen Mann gewahrte Sylvester jetzt. Er gewahrte ihn whrend des kurzen
Zeitabschnittes, in welchem sich der Offizier des Gewehrs seines
Untergebenen bemchtigte und es an seine Schulter prete. Er sah den
festen, eigentmlich gelben und in seiner Gelbheit und vernunftlosen
Raserei geradezu tigerhaften Blick, -- da erkannte er das Gesicht noch
nicht. Eine Sekunde spter erkannte er es. Die Geschehnisse gingen in so
rascher Folge vor sich, da der Geist mit einer erstaunlichen
Schnelligkeit auffate und arbeitete. Von dem Moment des Anlegens der
Waffe, der auf ihn gerichteten Waffe, bis zum Abfeuern des Schusses
erkannte Sylvester nicht nur dieses Gesicht, erinnerte sich nicht nur
aller frheren Begegnungen mit dem Manne, alles dessen, was zwischen
ihnen lag, kombinierte er nicht nur die Art des jetzigen
Zusammentreffens, wunderte sich nicht nur ber die schmerzliche Fgung,
sondern empfand auch eine hchst gesteigerte liebende Teilnahme. Zu spt
rang sich ein Schrei aus seinem Mund. Achim! Der Hahn des Gewehrs war
schon abgedrckt. Sylvester brach in die Knie.

Kaum hatte Achim Ursanner den Schrei vernommen, als er hinzueilte.
Sylvester, rchelte er, erhob die Augen und umkrallte mit den Fingern
den Hals. Ein Unterjger, vermeinend, da der feindliche Leutnant seinem
verwundeten Offizier noch zu Leibe wolle, hatte sich mit dem Gewehre in
Positur gesetzt und stie dem nahenden Ursanner das Bajonett mitten
durchs Herz. Nun kamen die franzsischen Soldaten vom ersten Stock und
vom Dachboden herunter und begannen neuerdings zu feuern. Der Feldwebel
packte den starren Krper Sylvesters und zog ihn ber die Stufen auf die
Strae, wo er unter grauenvoll verrenkten und verkrampften Toten liegen
blieb. Unterdessen strmte die erste Jgerkompagnie unwiderstehlich an,
und nach einer Viertelstunde war das schreckliche Haus in ihrem Besitz.

Sylvester war nicht vllig ohne Besinnung. Er wute, da er verwundet,
schwer verwundet war und da er wahrscheinlich verbluten wrde, wenn
keine Hilfe kam. Desungeachtet fhlte er keinen Schmerz; auch
Todesfurcht sprte er nicht, ganz im Gegenteil schienen ihm seine
Gedanken durch eine ungewhnliche prickelnde Leichtigkeit ausgezeichnet.
Er bildete sich ein, am Meeresstrand zu liegen. Die Wellen benetzten
seine Kleider, und es war eine angenehme Empfindung von Gefahr, wie sie
immer nher an seinen Krper rckten. Zuerst glaubte er, da er sich in
Bangor befinde; er glaubte es deshalb, weil Anna Ewel unweit von ihm
eine Schrze wusch und sie an der Tr einer Badehtte aufhing. Dann aber
sagte er sich, es sei Unsinn, Bangor habe gar keinen Strand, auch sei
dort der Ozean nicht so blau. Wo bin ich denn? Wo bin ich denn
eigentlich? qulte er sich. Da fiel ihm ein, da das Gestade zwischen
Amalfi und Salerno ebenso sanft und lieblich war wie hier; er gewahrte
auch die olivenumwachsenen Hnge. Wie oft hatte er sie auf der Jagd nach
Eidechsen durchstreift! Damals hatte er Eidechsen gefangen, denn er
hatte eine Rmerin geliebt, die viele Eidechsen in einem Glashaus hielt
und ftterte. Nun kam sie selbst; er hatte ihren Namen vergessen. Tut
nichts, lachte ein Fischer, der eben seine Netze aus dem Boot zog, wir
heien sie Angiolina. Der Klang dieses Wortes berauschte ihn. Auf
einmal trabten zwei ungemein zierliche Esel vorbei, und als er sie
neugierig betrachtete, sah er, da das Sattelzeug aus zusammengesetzten
Spielkarten bestand. Das ist ein Racheakt von Lord Albany, dachte er und
ballte die Faust. Es wurde Nacht, und eine Person mit einer
unvergleichlich schnen Stirn kniete neben ihm. Bist du es wirklich,
Gabriele? fragte er leise. Sie ergriff seine Hnde und whrend mit
erbitterten Mienen Tausende von Menschen auftauchten, begann sie zu
singen. Da hatte er den herzzerreienden Argwohn, da sie ihn verachte,
ihn zum besten halte, da sie falsch, listig und selbstschtig sei. Sein
Vater und seine Mutter kamen und zwischen ihnen Silvia. Silvia trug
einen Veilchenkranz im Haar. Als er sie erblickte, fhlte er sich
pltzlich aufgehoben und fortgetragen ...

Der ihn aufhob und forttrug war Adam Hund. Seine Kompagnie hatte jenen
letzten Angriff auf das Haus unternommen. Durch einen Kolbenhieb am Kopf
verletzt, war er niedergefallen und hatte dabei das bleiche, leblose
Gesicht Sylvesters gesehen. Dies gab ihm seine Krfte wieder. Er warf
sich mit dem Gesicht auf die Brust Sylvesters und lauschte, ob das Herz
noch schlug. So an der Brust seines Herrn ruhend, bezwang er zunchst
sein Schwindelgefhl, dann, von der Hoffnung beseelt, da noch Leben in
dem Krper sei, raffte er sich auf, hob den Bewutlosen empor und nahm
ihn auf seinen Rcken, um ihn nach einem Verbandplatz zu schaffen. Die
Schlacht wtete mit unverminderter Heftigkeit. Das Stck Feld, das Adam
mit seiner Last berqueren mute, war so vom feindlichen Feuer
bestrichen, da die Soldaten des elften Regiments, die jetzt zum Kampf
rckten, sich nur kriechend vorwrts bewegten, und obwohl dreimal in
seiner unmittelbaren Nhe Granaten krepierten, kmmerte sich Adam darum
nicht. Ein Gescho zerschmetterte ihm die rechte Hand. Er fluchte wie
ein Fuhrknecht, trabte aber unverdrossen weiter, bis er zwei
Sanittsleute gewahrte, denen er zuwinkte. Da verlie ihn das
Bewutsein.

Diese Heldentat eines getreuen Dieners gehrt, obwohl sie in
bescheidenes Dunkel gehllt blieb, zu den wunderbarsten eines an
rhmlichen und berhmten Heldentaten reichen Tages.

       *       *       *       *       *

Das Schlo Dorival war in ein Lazarett verwandelt worden, und hier fand
Sylvester Unterkunft. Seine Heilung machte anfangs nur langsame
Fortschritte, denn die Verletzung war lebensgefhrlich und die Pflege
bei der groen Anzahl von Verwundeten nicht ausreichend. In den Zimmern,
auf den Korridoren, sogar in den Kellern lagen die Soldaten in langen
Reihen und der Anblick des Blutes und der furchtbaren Wunden, das
markerschtternde Geschrei der Leute, denen Gliedmaen abgesgt oder
Geschosse aus dem Fleisch geschnitten wurden, bedrckte Sylvesters Gemt
und machte seinen Lebenswillen stumpf.

Aber nach einer Woche, als es in den schnen alten Gemchern des
Schlosses etwas ruhiger geworden war, kam Agathe, und unter ihren
sorgsamen Hnden nahm die Wiederherstellung Sylvesters einen rascheren
Verlauf. In den ersten beiden Nchten hatte sie in ihren Kleidern neben
dem Lager des Gatten ruhen mssen, spter verschaffte ihr der Oberarzt
in der Wohnung des Kastellans ein notdrftiges Quartier. Ihre Umsicht,
Entschlossenheit und Unermdlichkeit gereichten nicht nur Sylvester,
sondern auch vielen seiner Leidensgefhrten zum Segen. Sie schrieb
Briefe fr die Verwundeten, brachte ihnen Erfrischungen, half beim
Verbinden, und ein bloes Wort von ihr wirkte manchmal Wunder, ein Blick
flte Zuversicht ein, eine Berhrung zauberte die Hoffnung in
verfinsterte Augen. Es schien eine neue Kraft ber sie gekommen, eine
neue Seele, eine neue Jugend. Ihr Schritt war elastisch, ihre Stimme
sonor wie ein Cello und von jener besonderen Resonanz, die nur die
innere Freude gibt. Die ruhige Heiterkeit ihres Lchelns erregte
Sylvester oft, wie einen Gefangenen der Gedanke an die Freiheit erregt.
War sie ihm bisweilen fremd wie ein Bild, so war sie ihm zu andern
Stunden vertraut wie eine Schwester; sprte er gleich fr sie nicht das,
was er Leidenschaft nannte, so stillte doch das Gefhl ihrer Gegenwart
alle Unzufriedenheit in ihm.

Eine rtselhafte Scheu verhinderte ihn lange, ihr von der Begegnung mit
Achim Ursanner zu erzhlen. Als er es endlich tat, war er nicht wenig
betroffen von der Art, wie sie es aufnahm, ohne Staunen, ohne ein
sichtbares Zeichen der Ergriffenheit. Offenbar dnkte ihr die Fgung so
schicksalsvoll und so mit dem innersten Sinn ihres Daseins, ihrer
Zukunft verwebt, da sie ihm whrend seiner Erzhlung den Eindruck eines
Menschen machte, dem man ein Ereignis berichtet, dessen Zeuge er gewesen
ist. Da erkannte er, wieviel Mrchenhaftes, Wunsch- und
Wahnversponnenes selbst in einer Frau wie Agathe verborgen war, die mit
ihren beiden Fen fest auf der wirklichen Erde stand. Was aber dabei in
ihr vorging und wie sie das Geschehene in ihrem Geist ordnete, vermochte
er nicht zu ergrnden, wollte es auch nicht ergrnden. Ihm schien, da
dieses Geheimnis sie reicher und reiner mache. Einige Tage spter sagte
sie zu ihm, der Gedanke schmerze sie, da Achim Ursanner in einem
Massengrab vermodern solle, und Sylvester versprach, dafr Sorge zu
tragen, da der Leib des unglcklichen Freundes eine wrdige Ruhesttte
erhalte. Er bedachte aber die Schwierigkeiten nicht, die der Erfllung
eines solchen Versprechens begegneten. Es war unmglich, den Leichnam
unter den Tausenden von Toten aufzufinden oder zu erfahren, in welche
Grube er eingescharrt worden war.

Obwohl Sylvesters vllige Genesung noch mehrere Monate dauern mute,
erlaubten die rzte nach drei Wochen den Transport in die Heimat. Dieser
wurde auch mit schicklicher Vorsicht und ohne ble Folgen durchgefhrt.
Adam Hund begleitete Sylvester und Agathe. Er hatte den Arm in der
Binde, und es war ziemlich sicher, da seine Hand lahm bleiben und nie
wieder erquickende und ntzliche Sentenzen auf allerlei Briefpapier
verewigen wrde, es sei denn, sie bertrug dieses Amt an ihre Gefhrtin
zur Linken. Doch war Adam Hund deswegen nicht verhindert, in seinem
Umgang mit gewhnlichen Sterblichen ein majesttisches Benehmen fr
angebracht zu halten, und trotzdem ihm Frau Brigitte Hund nicht den
Gefallen erwiesen hatte, mit ihrem Galan das Weite zu suchen, oder nur
in angreifbarer Form sich blozustellen, trotzdem sie ihm nach wie vor
die Suppe versalzte und den Brotkorb hoch hing, raubte ihm die
Beimischung von Ehebitternis nichts von seiner innerlichen Glorie, ja
sie war vielleicht ersprielich, damit sein Selbstgefhl nicht zu einer
Art von Trunkenheit wurde. Die Ursache des eitlen und verstiegenen
Wesens war, da er sich whrend des Krieges einen Vollbart hatte wachsen
lassen und im Bewutsein dieses mnnlichen Schmuckes, dessen ungeahnte
Glcksquellen er nie zuvor ermessen hatte, von einer Begeisterung fr
seine eigene Stattlichkeit durchdrungen war, die viele Menschen
unwillkrlich ntigte, ein so echtes und berzeugendes Gefhl zu teilen.
Es heit, da sogar Frau Brigitte gegenber dieser unwiderstehlichen
Kriegstrophe Regungen von Zrtlichkeit an den Tag gelegt haben soll.

Schon im Frhjahr konnte Sylvester, von Agathe und Silvia begleitet,
kleine Spaziergnge unternehmen. Als der Friede geschlossen wurde,
hatte er seine Gesundheit und Kraft zurckgewonnen. Aus Dmmerung und
Dunkelheit, aus Zerrttung und Verwirrung stieg sein Genius wieder ans
Licht empor und war es Notwendigkeit, da er sich begngte, so war es
Verdienst, da er sich bezwingen lernte. Es war schn zu sein, noch
schner zu wirken, und was an unfrohen Trieben keimte und wucherte,
wurde durch die vielfltige Mhsal des Tages um so leichter
beschwichtigt, als ja ein Mann von vierzig Jahren, wenn die Lebensuhr
nicht stille steht, mit der Zeit ein Mann von fnfzig Jahren wird.

_Ende_





End of Project Gutenberg's Der Mann von vierzig Jahren, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN VON VIERZIG JAHREN ***

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*** START: FULL LICENSE ***

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

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