The Project Gutenberg eBook, Hansi, by Ida Frohnmeyer, Illustrated by
Hedwig Schwegelbaur


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Title: Hansi


Author: Ida Frohnmeyer



Release Date: November 29, 2006  [eBook #19971]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HANSI***


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Anmerkung zur Transkription:

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      Im Original in Fettdruck gesetzte Worte sind mit = gekenntzeichnet





Sonne und Regen im Kinderland
Das zweite Bndchen

HANSI

von

IDA FROHNMEYER

Zwei Erzhlungen

Mit Scherenschnitten von Hedwig Schwegelbaur







[Illustration]




12.-26. Tausend
1922
D. Gundert / Verlag / Stuttgart

Druck der Stuttgarter
Vereins-Buchdruckerei



Hansi

[Illustration]


Und wenn wir uns wiedersehen, ist mein Hansi ein groer, strammer Bub!
Ach, wie ich mich jetzt schon freue!

Das hatte Mutterchen gesagt, als sie zum letzten Male an ihres Jungen
Bett gesessen hatte. Am andern Morgen, noch ehe Hansi die Augen
geffnet, waren sie und der Vater weggereist, weit weg, zurck in das
heie Land, in dem Hansi geboren war und als kleiner Junge gespielt
hatte.

Wie war es da so schn! Wie ein langer, leuchtender Sonnentag! Ein
bichen hei war es ja manchmal gewesen, aber dann hatte ihn die
freundliche, braune Ayah gefchelt, und Mutterchen hatte ihm erlaubt,
wie ein kleiner Hindujunge, nur mit einem Lendentuch bekleidet,
herumzuspringen. Und da war eine groe, mattenbedeckte Veranda gewesen
und ein prchtiger Blumengarten und das weite, blaue Meer, in dem er
jeden Morgen gebadet, und das ihm so viele schne Muscheln geschenkt.
Ja, und einmal war eine dabei gewesen, die sah drein, als habe sie ein
Tigerfellchen angezogen, und sie hatte etwas ganz Wunderbares in sich
verborgen -- -- das Rauschen des Meeres. Man mute sie nur dicht ans Ohr
halten, dann hrte man es deutlich, und wenn man die Augen schlo,
konnte man denken, nahe bei Vater und Mutter zu sein.

Jetzt wohnte Hansi in einem groen Haus mit vielen andern Buben
zusammen. Eine Veranda gab es da nicht, nur weite, helle Stuben, die ein
wenig leer und nchtern dreinsahen. An den Wnden hingen keine Bilder,
und nirgends standen Blumentpfe oder schn geformte Vasen. Natrlich,
in einem Haus mit so vielen wilden Buben konnte man derartiges nicht
haben. Mutterchen wenigstens hatte den Mangel so erklrt.

[Illustration]

Wenn sie nur ein bichen weniger wild gewesen wren, diese Buben! Hansi
frchtete sich vor ihnen, oft unntigerweise, denn im Grund meinten sie
es gut mit dem neuen Kameraden. Aber er war so vertrumt und so
fabelhaft leichtglubig, der kleine Hansi. Das verlockte sie immer aufs
neue zu Neckereien aller Art. Hansi, du mut einmal ein Sandmnnchen
werden und mit einem Karren herumziehen und Sand verkaufen! sagte einer
der Buben. Hansi schaute klglich drein und meinte: Ich will aber
nicht! -- Ja, du mut eben, du mut! grhlte die ganze Bande. Sie
lachten aus vollem Halse und sahen ohne alles Mitleid, wie in Hansis
Augen eine heie Angst aufwachte. Vielleicht da ihnen die dummen Worte
leid gewesen wren, wenn sie gewut htten, da sie wochenlang wie ein
schweres Gewicht auf Hansis Herzen lagen. Ja, wochenlang. Dann auf
einmal kamen ihm Mutterchens Worte in den Sinn: Wenn wir uns
wiedersehen, ist mein Hansi ein groer, strammer Bub. Also noch ein
Bub! Da konnte Mutter doch gewi verhindern, da er ein Sandmnnchen
werde. Hansi ward darber so froh, da er einen bescheidenen kleinen
Luftsprung machen mute. Dann lief er in den groen Hof hinunter, wo die
andern Jungen spielten und schrien, und schrie zum erstenmal in seinem
Leben tchtig mit.

Der Hof erinnerte in nichts an den herrlichen Blumengarten. Nur in einer
Ecke war ein kleiner Abglanz davon. Da hatten die greren Buben ihre
Grtchen. Jedem gehrte ein schmales Beet, das er selbst bepflanzen
durfte. Wie sehr liebte Hansi diese kleinen Grten! Keiner der eigenen
Besitzer wartete mit grerer Spannung auf das Erblhen einer Knospe,
auf das Aufgehen irgend eines geheimnisvollen Blumensamens.

[Illustration]

Die groen Jungen fanden es oft recht angenehm, den Kleinen helfen zu
lassen. Er tut es ja so gern, entschuldigten sie sich vor sich selbst,
wenn sie sahen, wie er mit glhendem Gesicht die Beete von Unkraut und
Steinen suberte. Aber keiner dachte daran, dem kleinen Hansi ein
Stckchen, ach! nur ein winziges Stckchen zu geben. Und er mute noch
so lange auf ein eigenes Grtchen warten! Wer in die dritte Klasse
eintrat, bekam eines zugewiesen. Hansi aber gehrte noch zu den
Nullten. So nannte man die Brschchen unter sechs Jahren, die noch
nicht zur Schule gingen. Manchmal waren deren zwei, drei, oder noch mehr
beisammen, aber als Hansi ins Haus gekommen, waren eben alle Nullten
stolze Erstklssler geworden, und Hansi war die einzige kleine Null.
Das war dem guten Mutterchen gar hart erschienen. Sie hatte wohl
vorausgesehen, wie verloren die kleine Null in dem groen Hause
herumwandern werde. Den ganzen Vormittag hindurch waren Lektionen; fr
Hansi war niemand da, und so ging er mit seinen kleinen, immer noch ein
bichen trippelnden Schritten treppauf, treppab. Oft blieb er vor einem
Klassenzimmer stehen und hrte ein Weilchen zu. Es freute ihn, wenn er
die verschiedenen Stimmen unterscheiden konnte. Das ist Gerhard und das
Karl und das Fritz. Er konnte sich beinahe einbilden, mit im
Klassenzimmer zu sein wie ein richtiger groer Junge. Ach, wenn doch das
Frhjahr bald kommen wollte!

Aber vorerst war es Juni. Im Juli und August waren lange Ferien, das
wute Hansi. Alle Jungen sprachen von diesen Ferien. Jeder war
irgendwohin eingeladen, zu Verwandten oder guten Freunden, und jeder
hatte etwas Schnes von den kommenden Wochen zu erzhlen.

Nur Hansi nicht. Er wute nicht, da ihn eine Tante lngst eingeladen,
und niemand dachte daran, ihm etwas davon mitzuteilen. Da berkam ihn
nach und nach eine groe Traurigkeit. Alle werden sie fortgehen, dann
bin ich ganz allein, dachte das Hnschen, und in Gedanken durchwanderte
er das groe Haus und horchte vergeblich an den totenstillen
Klassenzimmern. Mit einem Mal hatte er die vielen wilden Buben lieb. Er
konnte es ihnen nicht sagen, er schaute sie nur an mit bittenden Augen,
die so deutlich sagten: Geh nicht fort! Weit du denn nicht, da ich
dann ganz allein bin?

Aber frische, lebenslustige Buben verstehen eine leise Augensprache
schlecht. Hansi mute deutlicher reden, und das tat er auch eines Tages.
Der Grte der ganzen Schar, der schon beinahe wie ein Herr dreinsah,
hatte Hansi erlaubt, sein Grtchen zu begieen. Eifrig trippelte der
Kleine hin und her. Das Wasser lief aus der Kanne nicht nur auf die
Blumen hinab, sondern auch auf Hansis Schrze und Schuhe. ngstlich
beschaute er den Schaden aber der Groe wute Rat.

[Illustration]

Komm, die Schrze hngen wir an die Mauer, da scheint noch Sonne hin.
Die trocknet bald.

Er ttschelte bei diesen Worten Hansis Haarschopf -- das tat wohl bis
tief ins kleine Herz hinein. Hansi fate pltzlich Mut.

Du, Ernst, kann ich nicht mit dir in die Ferien gehen? Weit du, ich
mu sonst allein dableiben.

Noch ehe Ernst antworten konnte, erklang ein unbndiges Gelchter.
Hinter den beiden stand Hansis schlimmster Qulgeist, ein lang
aufgeschossener Junge mit schlenkrigen Gliedern. Nun meint das Kindle,
es bleibe allein zu Hause! Ha, ha, das ist ja rein zum Totlachen! Aber
halt! -- der lustige Ton schlug pltzlich in einen ernsthaften um --
du hast ganz recht. Du mut freilich allein dableiben. Ganz allein ...
Die Hauseltern gehen weg, und die Mgde gehen weg, und die Lehrer gehen
weg, und natrlich alle Buben -- nur du allein mut dableiben und das
Haus hten.

Hansi starrte den Sprechenden an mit weit aufgerissenen, entsetzten
Augen, und nun geschah etwas vllig Unerwartetes. Er schrie auf, so
jammervoll, da es sogar dem dummen Buben ins Herz drang, und dann
strzte er, immer den gleichen schmerzlichen Schrei ausstoend, aufs
Haus zu.

[Illustration]

Du Esel! knurrte der groe Ernst und gab dem Qulgeist einen
Rippensto. Dann rannte er in groen Sprngen dem kleinen Kameraden
nach. Drinnen im Haus fand er ihn. Die Hausmutter, eine rstige Frau,
mit einem freundlichen, tchtigen[TN1] Gesicht, hielt Hansi auf dem
Scho und strich ihm beruhigend ber die trnennassen Bckchen.

Nun weine nur nicht mehr! Hat es denn gar so weh getan? Wo bist du denn
gefallen? Komm, jetzt machen wir: Heile, heile Segen! Drei Tag' Regen,
drei Tag' Schnee -- tut dem Kindchen nimmer weh!

In ihrer Stimme lag etwas so Beruhigendes, da Hansis wildes Schluchzen
allmhlich verstummte. Da stellte ihn die Frau wieder auf die Erde,
putzte ihm das Nschen und ging eilig, um in der Kche ihre Befehle fr
das Abendbrot zu geben.

Der groe Ernst stand etwas verlegen neben dem kleinen Kameraden.
Hansi, sagte er, nun pa einmal auf: du mut nicht allein dableiben.
Du bist auch eingeladen, zu deiner Tante in den Schwarzwald. Dort ist's
schn, freu' dich nur! Auf Karl brauchst du nicht zu hren, der schwatzt
nur dummes Zeug.

Hansi sagte nur das eine Wrtchen O, aber seine Augen sahen dabei so
glcklich und dankbar drein, da es dem groen Ernst ganz merkwrdig
warm ums Herz wurde. Zrtlichkeiten waren unter den Jungen verpnt. Aber
nun konnte er nicht anders: er bckte sich und kte das strahlende
Gesichtchen vorsichtig und rasch.

[Illustration]

[Illustration]

Ende August rckte Hansi wieder in die Anstalt ein. Er brachte ein
sonnenverbranntes Gesichtchen mit und frohe, blanke Augen, in denen sich
viel Liebes gespiegelt hatte. Das war deutlich zu sehen. Und ebenso
deutlich war zu sehen, wie die Augen allmhlich den frohen Glanz
verloren und wieder den alten suchenden, vertrumten Ausdruck gewannen.

Und doch war eigentlich niemand unfreundlich mit dem Kleinen. Nur ... es
hatte niemand Zeit fr ihn. Das war es. Die Hausmutter und die Mgde
hatten alle Hnde voll mit dem groen Haushalt. Der Hausvater und die
Lehrer beschftigten sich wohl auch auer den Stunden mit den Buben,
aber Hansi war meist zu klein, um bei den verschiedenen Unternehmungen
mittun zu knnen. Nur der Singlehrer gab sich hie und da mit ihm ab. Der
hatte ihn einmal ein Lied, das ihn seine Ayah gelehrt, singen hren, und
seither durfte Hansi in der Singstunde der Kleinen mitsingen. Ja, und
manchmal durfte er auch noch nach der Stunde eine Weile bei dem
freundlichen Herrn bleiben, der ihm auf dem Klavier allerlei vorspielte.

Gleich nach Vater und Mutter und den Blumen liebte Hansi die Musik. Aber
es mute schne sein. Die bungsstcke der Buben waren ihm zuwider. Auch
der Lehrer spielte nicht immer schn nach Hansis Meinung. Schn waren
nur die feinen, zarten Tne, die einen wie liebe Hnde streichelten. -- --

Der Herbst brachte eine groe Freude fr Hansi. Bei Vater und Mutter war
ein Kindchen angekommen, ein kleines Schwesterlein, das mit ebenso
erstaunten Blauaugen in die Welt gucke, wie es Hansi getan. Als das
kleine Ding ein paar Wochen alt war, wurde es photographiert, und Hansi
erhielt ein Bildchen.

Er betrachtete es mit strahlenden Augen, dann lief er zur Hausmutter.
Nicht wahr, Tante, einmal hat der liebe Gott gedacht: Nun will ich mal
ein ses, kleines Mdchen machen, und da hat er Kthe gemacht.

[Illustration]

Ja, ja, das wird wohl so sein, lchelte die Tante. Dabei setzte sie
den groen Wschekorb, den sie eben auf den Boden tragen wollte, wieder
ab, um Hansi einen Ku zu geben.

Hansi trug das Bildchen immer bei sich in der Tasche seiner
Matrosenbluse. Wenn er sich sehr klein und verlassen vorkam, zog er es
hervor und setzte sich damit in die Nhe der Grtchen, um den Blumen von
der kleinen Schwester zu erzhlen. Sie verstanden ihn sehr gut,
besonders die Dahlien, die mit ihren dicken Kpfen so vergngt und
wohlgenhrt dreinsahen. Sie erinnerten Hansi immer an einen Buben des
Hauses, der rote Pausbacken hatte und immer zufrieden war. Die Blumen
waren berhaupt wie die Menschen. Sie hatten ihre eigenen Gesichter und
ihr eigenes Wesen. Die Stiefmtterchen waren wie liebe, freundliche
Kinderchen, aber die Rosen trugen sich stolz und hatten wundervolle
Seidenkleider, da man sie gar nicht anzufassen wagte. Noch schlimmer
waren die Lilien, die so steif und gerade standen, nie sich hin und her
wiegten und flsterten wie die bunten Nelken. Doch die Liebste von allen
war die Sonnenblume. Sie war die Mutter aller Blumen. Es konnte nicht
anders sein. Sie glich ganz und gar einer freundlichen, liebespendenden
Mutter.

[Illustration]

Aber nun waren die Sonnenblumenmutter und alle ihre Sommerkinder
verblht. In den Grten standen auer Dahlien nur noch Chrysanthemen.
Der groe Ernst hatte sein ganzes Stckchen Land damit bepflanzt. Da
waren violette und bronzefarbene, blagelbe und weie. Hansi liebte die
weien am meisten, denn sie sahen drein wie Sterne, und er mute bei
ihrem Anblick immer an den Stern von Bethlehem, an Weihnachten denken.

[Illustration]

Und Hansi freute sich auf Weihnachten! Ganz weh tat ihm oft das Herz,
weil es so voller Freude und Erwartung war. Zwar war es traurig, da
auch die bunten Herbstblumen verblhen muten, und da der weie Schnee,
der so na und kalt war, alles zudeckte. Hansi konnte nicht verstehen,
da er die Blumen warm halte, wenn es ihm die andern auch noch so oft
vorsagten. Nein, die Blumen waren alle tot und konnten sich nie mehr
durch den dicken Schnee hinausfinden.

Das war furchtbar traurig. Aber Hansi wollte nicht daran, sondern an das
wunderschne Christfest denken. Er lernte viele Weihnachtslieder. Ja,
der Lehrer lie ihn ganz allein ein altes Lied singen, das fing an: O
Jesulein s, o Jesulein mild. Es waren ein paar Worte drin, die Hansi
nicht verstand. Aber das schadete nichts. Die Melodie war s und zart,
gerade wie ein Lied sein mu, das man dem Jesuskindlein in der Krippe
singen darf.

Hansi sang es oft. Wenn er allein in dem groen Kinderzimmer sa und
mit dem alten Baukasten spielte, baute er einen wunderschnen Stall mit
vielen Trmchen und Erkern. Dann legte er den blonden Kopf auf die
Tischplatte, um durch das winzige Fensterchen in das dmmrige Innere zu
sehen. Dazu sang er mit lieber, feiner Stimme, und seine Augen gewannen
dabei einen Ausdruck, als wachse das winzige Stllchen zu einem groen,
als stehe die Tr weit offen und das Hnschen wandere hinein in den
seligen Glanz, der von dem Kindlein in der Krippe ausgeht.

[Illustration]

[Illustration]

In der Stadt war Weihnachtsmarkt. Von dem alten Stadttor, das einst
trutzig jedem Fremden den Einla verweigert hatte, nun aber lngst
friedlich, mit efeuumsponnenen Trmen innerhalb der Stadt stand, fhrte
eine breite Strae auf den Andreasplatz hinunter. Und hier standen alle
die Weihnachtsbume. Prchtige Weitannen, die wohl dafr bestimmt
waren, einen groen Saal zu schmcken; schlanke Rottannen, deren Zweige
verlangend ausgestreckt waren, als knnten sie es kaum erwarten, die
strahlenden Kerzen und goldenen Ketten zu tragen. Da waren auch putzige,
kleine Bume, zu denen sich Hansi ganz besonders hingezogen fhlte. Er
schritt neben der Hausmutter die grne Tannenstrae auf und ab; aber
whrend diese die groen Bume musterte, betrachtete Hansi mit
zrtlichen Blicken die kleinen. Endlich wurde eine groe, stolze Tanne
gewhlt, und Elise, die neueingetretene Magd, und der groe Ernst, der
zur Hilfe mitgekommen, packten sie vorsichtig und machten sich auf den
Nachhauseweg.

Komm, Hansi, sagte die Tante, wir gehen jetzt auch.

Hansi streckte gehorsam seine Hand aus, aber er konnte nicht hindern,
da ihm dabei ein kleiner Seufzer entschlpfte. Er hatte, whrend die
Tante mit dem Verkufer verhandelt, die ganze

[Illustration]

Zeit neben einem zierlichen Bumchen gestanden, dessen grne Spitze nur
eben an sein Nschen reichte.

Gefllt dir das Bumchen? Mchtest du es haben? fragte mit einem Mal
die Verkuferin. Ich schenke es dir. Die Frau Mama haben ja eine so
groe Tanne gekauft, da geht das Kleine noch drein.

Hansi konnte sein Glck kaum fassen. Er dankte mehr mit den Augen als
mit dem Mund, dann schritt er neben der Tante, vorsichtig die grne Last
gegen das dankbare Herzchen gedrckt.

Es war merkwrdig. Als der Morgen des Festes dmmerte, auf das sich
Hansi wochenlang von ganzem Herzen gefreut, war die Freude mit einem
Schlag wie weggewischt. Noch nie war er sich so klein und so verlassen
vorgekommen, wie in dem unruhigen, frohen Treiben, das den ganzen Tag
beherrschte. Er wurde erst ein bichen froher, als ihm die Tante zwei
beschdigte Glaskugeln, ein paar schillernde Goldfden und sogar einige
Halter mit Lichtstmpchen darin schenkte. Nun konnte er doch sein
Bumchen, sein eigenes, liebes Bumchen schmcken. Er hatte sich selbst
einigen Schmuck gefertigt: wundersam gezackte Sterne, auch Blumen und
Vgel und allerlei Getier. Sie sahen zwar ein bichen seltsam drein --
Mutterchen hatte das entschieden besser gekonnt -- aber im Grund
schadete es nichts. Die langgeschwnzten Vgel wiegten sich vergnglich
in den grnen Zweigen, die Goldsterne und Goldfden leuchteten prchtig,
und die Glaskugeln waren so schn, da Hansi eine Weile seine Arbeit
unterbrechen mute, um das Bumchen von allen Seiten bewundern zu
knnen. Nun wurden noch die fnf Kerzen angesteckt, und das Bumchen war
geschmckt.

[Illustration]

Es stand in einem Rumpelkmmerchen auf einem alten Schemel, den Hansi
erst fein suberlich mit einem Taschentuch bedeckt hatte. Es war kalt in
der Dachkammer, und Hansi hatte nahezu blaugefrorene Hnde und ein
rotes Nschen. Aber er schien es gar nicht zu beachten. Er war ganz
versunken in den Anblick seines Bumchens, und erst als die Glocke zum
Vieruhrbrot rief, verlie er das Kmmerchen.

[Illustration]

Um 6 Uhr sollte die Weihnachtsfeier beginnen. Vorher muten alle die
vielen Buben noch einmal gewaschen und gekmmt, gebrstet und
gestriegelt werden. Da konnte es leicht passieren, da ein so kleines
Mnnchen wie Hansi bersehen wurde.

Niemand vermite ihn, bis es an das Ordnen des Zuges ging. Den mute ja
der Kleinste anfhren. Aber wo war er nur? Nicht im Wohnzimmer, nicht in
der Kinderstube, in keinem der Lehr-, in keinem der Schlafsle. Die
Buben lachten und stellten die ungeheuerlichsten Vermutungen auf. Er
hat vielleicht gemeint, die Krippe sei im Kohlenkeller, meinte der
lange Karl. Das schien der Tante gar nicht so unmglich. Sie ging selbst
die Kellertreppe hinunter; die Elise aber, die neue Magd, schickte sie
auf den Boden, nach Hansi zu suchen.

Langsam schritt das junge Mdchen die steile Stiege hinauf. Oben
angekommen, lehnte sie einen Augenblick den Kopf an die Wand und
schluchzte laut und schmerzlich. Es war zum erstenmal, da sie in der
Fremde Weihnacht feiern mute... Ach, wie sie sich nach Hause sehnte, wo
sie von allen geliebt worden! Hier fragte niemand nach ihr, niemand
brauchte sie. Es war gleichgltig, ob sie da war oder nicht... Doch --
sie mute ja Hansi suchen gehen.

[Illustration]

Ein, zwei Tren hatte Elise schon geffnet und umsonst in dem Halbdunkel
herumgespht, da sah sie einen Lichtstrahl aus dem alten
Rumpelkmmerchen fallen. Die Tre war nur angelehnt. Ganz leise schob
sich Elise hinein, und da sah sie das verlorene Hnschen auf einer Kiste
sitzen. Vor ihm stand das wundersam geschmckte Bumchen und leuchtete
mit seinen fnf Kerzen.

Wie arm und wehmtig sah das drein... Aber das Kind sa davor mit
glckstrahlenden Augen und sang:

[Illustration]

    O Jesulein s!
    O Jesulein mild!
    Des Vaters Will'n
    Hast du erfllt,
    Bist kommen aus dem Himmelreich,
    Uns armen Menschen worden gleich.
    O Jesulein s!
    O Jesulein mild!

Die blonde Elise lehnte unter der Tre. In ihre guten Augen, die schon
so mtterlich schauen konnten, traten heie Trnen, die langsam ber ihr
Gesicht rollten. Sie achtete es nicht. Hier in dem kleinen
Dachkmmerchen, als sie das Kind so einsam sitzen sah, war pltzlich
eine groe Freude in ihr aufgewacht... Der brauchte sie und ihre Liebe!
Der war ja auch ganz allein. Es tat ihm gewi not, da ihn jemand mit
groer, warmer Liebe umfasse. Ach, und sie war ja froh, wenn sie Liebe
schenken durfte ...

Hansi, sagte Elise, komm, Bubele, wir haben dich gesucht, weil man
zur Bescherung geht. Du kannst jetzt nicht dableiben, aber dein schnes
Bumle znden wir morgen wieder an, gelt?

Nicht wahr, es ist wunderschn? Hansi kletterte von seiner Kiste
herunter. Dann fate er mit seinem kalten Hndchen die braune, warme
Hand des Mdchens, und als er in ihr gutes Gesicht schaute, kam auch
ber ihn eine groe, helle Freude.

[Illustration]




[Illustration]

Die alte Bodenkammer


Wohl jeder trgt in sich verborgen die Erinnerung an einen Ort, ber dem
der Stern der Kindheit mit besonders hellem Glanze leuchtet.

Vielleicht ist es ein Garten, ein weltfremder, drin prunkende
Pfingstrosen und hohe Malvenstauden stehen; oder ein trauliches
Zimmerchen mit herabgelassenen Vorhngen, und man sieht sich selbst
klein und schmal an Mutters Knie lehnen und ihren Geschichten lauschen.
Wieder zaubert die Erinnerung schneeige Berge, leuchtende Seen oder
auch einen alten Hof, eine Scheuer -- eine Bodenkammer.

Sie lag nicht in unserm Haus. Bei uns war alles hell und neu und sauber,
sogar auf dem Boden. Aber im Nachbarhaus, schrg ber der Strae, war
eine richtige alte Bodenkammer, durch deren halbblindes Fenster das
Licht nur sprlich eindringen konnte. Gegen Abend wurde es daher dster
und schn gruselig. Man hockte so nahe wie mglich zusammen auf der
riesigen alten Kiste und erzhlte sich Geistergeschichten, bis einem vor
Angst beinahe die Stimme versagte. Ich hatte an unserer Kchin eine sehr
ergiebige Quelle und wute u. a. von den Mdchen, die noch Erbsen
einlegen wollten und von dem frchterlichen Telegramm Habe acht auf
den Sarg zu erzhlen.

Anni, die lteste unserer kleinen Schar, behandelte Hauffs
Gespensterschiff. Wir kannten ja die Geschichte lngst auswendig, aber
Anni sorgte fr Variationen, so da wir immer neuen Grund zum Kreischen
fanden.

Die andern zwei erzhlten nie. Dem dicken Gretchen fiel nichts ein und
das kleine Elschen zhlte noch gar nicht recht mit. Sie mute sich
berhaupt geschmeichelt fhlen, da wir groen acht- und neunjhrigen
Mdels sie mittun lieen. Wenn man erst fnf Jahre alt ist und noch
nicht einmal lesen kann!

Sie, Klein-Elschen, war brigens manchmal recht angenehm. Wenn man statt
der Puppen gerne ein lebendiges Kindchen gehabt htte, lie sie sich
geduldig in einen groen Schal wickeln und herumschleppen. Ja, sie nahm
sogar mit sichtlichem Vergngen den Schnuller in den Mund, den wir dem
richtigen Baby entwendet hatten. Mit unserer Moral war es berhaupt
etwas lax bestellt. Wurde in unserm Haushalt irgend ein Mangel entdeckt,
so unternahm das fr die Sache am meisten Befhigte einen Beutezug nach
unten, wir nannten es einen Ausgang in die Stadt.

[Illustration]

Die Bodenkammer war sehr gerumig. Wir hatten uns in einer Ecke ein ganz
behagliches Wohnzimmerchen eingerichtet, dessen Hauptstolz ein
dreibeiniges Sofa -- an Stelle des vierten Beines stand eine Kiste --
und eine wacklige Kinderbettlade bildete. Wir waren auch im Besitz einer
Truhe, deren Deckel so schwer war, da wir ihn nur mit Lebensgefahr
aufheben konnten. Lange war es uns berhaupt nicht gelungen, und wir
hatten uns schon darein ergeben, nie etwas von den darin verborgenen
Schtzen zu Gesicht zu bekommen. Aber einmal packte uns die Neugierde so
mchtig, da sie uns wahre Riesenkrfte zu verleihen schien; unter
Sthnen und chzen gelang es uns, den Deckel zurckzuschlagen. Eine
dicke Staubdecke war das erste, was sich den vier neugierig gesenkten
Kinderkpfen darbot. Sie lag ber einer Menge Bcher und vergilbter
Bltter und hatte sich auf einem rundlichen, mit einem Tuch bedeckten
Gegenstand, der in der untersten Tiefe sichtbar ward, angesammelt. Was
stak wohl unter dem Tuch?

Ein Ball! riet das kleine Elschen. Ein Goldklumpen! meinte Gretchen
mit bedchtiger Stimme.

Wir wollen es herausholen, schlug Anni vor. Steig' du hinein, Mixi,
du bist die Dnnste.

Dagegen lie sich nichts einwenden. Ich hockte zwischen den staubigen
Bchern nieder und fing an, das runde Ding aus seiner Umhllung zu
schlen. Ich versuchte dabei mit Kopf und Schultern den andern die
Aussicht zu verdecken. Mute ich in die staubige Kiste kriechen, so
wollte ich wenigstens die Entdeckerfreude erst allein genieen.

[Illustration]

Die letzte Hlle fiel und -- -- ein Totenschdel grinste mich an aus
leeren Augenhhlen ... in dem Oberkiefer staken noch ein paar gelbliche
Zhne.

Ein eisiges Grauen packte mich, aber ich lie den Schdel nicht fallen.
Langsam, wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, richtete ich mich auf
und hielt meinen Spielgefhrten den unheimlichen Fund entgegen.

Anni stie einen gellenden Schrei aus. Das sonst etwas schwerfllige
Gretchen flchtete mit ein paar jhen Stzen. Nur Elschen blieb stehen
und tippte mit seinen rosigen Fingerchen auf den bleichen Schdel. Sie
lachte dazu und sagte: Was fr ein komischer alter Mann!

Die kalte Hand des Grauens lie mich los. Ich lachte, lachte, da mir
beinahe die Trnen kamen. Dabei entglitt mir der Schdel und rollte mit
merkwrdigem Ton ber den Fuboden. Elschen hob ihn beinahe mitleidig
auf und wickelte ihn in ihr Schrzchen.

Wir drei andern standen etwas verlegen beiseite. Zum erstenmal war sie
die berlegene, die Tonangebende.

Wollen wir ihn begraben? fragte die Kleine pltzlich, und wir stimmten
begeistert zu.

Anni mute sich unten nach einer passenden Schachtel, will sagen nach
einem Sarg umsehen. Gretchen ging auf die Suche nach der Begrbnissttte
und dem Grabstein. Ich bernahm es, die Inschrift zu schreiben. Elschen,
immer noch den Schdel im Schrzchen, lehnte neben mir und schaute
bewundernd zu, wie ich mit krampfhaft festgehaltenem Federhalter meine
groen, steifen Buchstaben malte.

Lies es mir einmal vor! bat sie, als das Werk beendet war, und ich
las:

    +------------------------------------------+
    |                                          |
    |  Hier ruht unser liber Uhruhrgrovater.  |
    |  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  |
    |  Gottes Brnnlein hat Wassers die Flle. |
    |  --  --  --  --  --  --  --  --  --  --  |
    +------------------------------------------+

Du httest nicht diesen Spruch schreiben sollen, sagte Anni,
mibilligend das Schriftstck betrachtend. Auf Grber schreibt man ganz
andere Sachen. Etwas von Auferstehen oder Wiedersehen.

Das ist mir einerlei! entgegnete ich unerschttert. Mir gefllt der
Spruch und ich habe den Ururgrovater gefunden.

Gretchen stand unter der Tre, die Hacke ber der Schulter.

Ich habe einen feinen Platz, kommt schnell!

[Illustration]

Eiligst wurde der Schdel in Annis Schachtel gesteckt. Der Deckel wollte
zwar nicht zugehen, aber das schadete nichts. Wir legten einen Fetzen
schwarzes Tuch darber und nun ordnete sich der Zug. Voraus ging
Gretchen, der Totengrber, dann Anni, der Pfarrer; Elschen, die den
Schdel trug, war der Leichenwagen, ich stellte das Trauergeleite dar.

Wir gingen mit ernsten Kpfen und bedchtigem Schritt die Treppe
hinunter. Unter der Tre begegnete uns die kleine Mutter des Hauses. Sie
war eine zierliche, bewegliche Frau mit lebhaften Augen, die sich stets
zu freuen schienen, obwohl sie oft genug Grund gehabt htten, rgerlich
und mde drein zu sehen. Auer meinen drei Freundinnen waren noch zwei
grere und zwei ganz kleine Brder zu versorgen. Das zappelte und
schrie, lachte und kreischte den ganzen Tag um die Mutter herum, zerri
Kleider und Strmpfe, beschmutzte Fubden und Fensterscheiben, wollte
gewaschen und gefttert sein. In dem allem stand die kleine Mutter, trug
den Kopf mit dem tiefschwarzen Haar froh und aufrecht und hatte
lachende, warme Augen.

Wir waren das so gewohnt und es erschien uns nichts Absonderliches. Erst
viele Jahre spter verstanden wir, was fr eine tapfere Seele in der
kleinen Mutter gewohnt hatte.

       *       *       *       *       *

Mama, wir mssen ganz still sein, wir spielen Begraben! krhte Elschen
im Vorbergehen, und die Mutter stand denn auch andchtig und still.

Das Haus lag inmitten eines groen Gartens, der in verschiedene
Abteilungen zerfiel. Da war ein freier Platz mit einem Sandhaufen fr
die Kinder. In einem andern Teil standen Blumen und Zierstrucher und
wieder in einem andern lagen in schnen Reihen Gemsebeete, daneben zog
sich eine dichte Himbeerhecke. Am Ende dieser Hecke war der von Gretchen
gewhlte Begrbnisplatz. Sie hatte schon ein Loch gegraben, das sich
aber als viel zu flach erwies. So arbeiteten Totengrber, Pfarrer und
Trauergeleite mit vereinten Krften, bis das Loch tief genug war, den
Ururgrovater aufzunehmen.

Die Grabrede fiel kurz aus, um so krftiger und anhaltender war der
Gesang. Wir hatten als passende Lieder gewhlt: Morgenrot, Morgenrot!
Leuchtest mir zum frhen Tod! und: Der Pilger aus der Ferne zieht
seiner Heimat zu.

Elschen hatte noch vorgebracht Wenn ich gro bin, aber das war als
vllig unmglich abgeschlagen worden. berdies sank sie durch diese
Forderung in unserer Achtung wieder auf die frhere Stufe zurck.

An diesem Tag blieben wir bis zum Abendbrot im Garten. Der Sonnenschein
war so hell und freundlich, whrend ber der alten Bodenkammer immer
noch etwas Unheimliches zu lagern schien. Aber am nchsten Tag
unterzogen wir den Inhalt der Truhe einer weiteren Besichtigung.

Die Bcher rochen uralt und hatten schwere, feste Einbanddecken. Die
Schrift war merkwrdig schnrkelig und lie sich nicht ohne Mhe
entziffern. Wir strengten uns auch nicht sonderlich an. Eine Menge der
Bcher wurden mit Abscheu zur Seite gelegt, weil sie sich als
Doktorsbcher erwiesen. Dasselbe Schicksal teilten ein paar
Andachtsbcher auf Kosten einer wahrheitliebenden Gesellschaft
gedruckt. Dann stie Anni einen Schrei des Entzckens aus, denn sie
hatte ein Geschichtenbuch, nein, noch schner, ein Mrchenbuch entdeckt.
Wer htte der Truhe diesen kstlichen Schatz angesehen!

[Illustration]

Anni fing gleich an, uns die Geschichte von dem tugendhaftigen Prinzen
Treuherz und der wonnesamen Prinzessin Herzelaide vorzulesen, aber der
Genu war nur mig. Sie blieb immer wieder an den feinen Schnrkelchen
der Buchstaben hngen, und da die Stze endlos lang waren, hielt sie an,
wenn der Atem ausging, was nicht zur Erleichterung des Verstndnisses
beitrug.

Gretchen ghnte unverhohlen. Elschen spielte lngst mit ihrer Puppe, da
ging auch mir die Geduld aus.

La doch die grlichen alten Prinzen und Prinzessinnen in Ruh! Man
versteht ja gar nicht, was sie miteinander sprechen. Und richtig
ordentlich schreiben konnten die Leute frher scheint's auch nicht. Wir
wollen das Buch wieder in die Truhe werfen.

Das Schlieen des Deckels war viel leichter zu bewerkstelligen als das
ffnen. Mit einem dumpfen Knall schlo sich die Truhe, und fortan war
sie vor unserer Neugier sicher.

[Illustration]




[Illustration]

Ein paar Tage lang besuchten wir regelmig Ururgrovaters Grab und
schmckten es mit Blumen. Auch mute die Inschrift zweimal erneuert
werden. Das eine Mal hatte sie der Regen zerstrt, das andere Mal war
sie den Buben in die Hnde gefallen.

Diese schrecklichen Buben! Wie viel schner wre die Welt gewesen ohne
sie! Wenn man mit den Puppen spazieren ging, fften sie die Unterhaltung
nach oder versuchten einen berfall auf die Kinder. Wenn man im
Bodenkammerzimmer eine Einladung an sie ergehen lie, aen und tranken
sie all das mhsam Gekochte im Augenblick weg, und statt des Dankes
brummten sie ber das bichen Zeug.

Nur bei den Ball- und Springspielen, hauptschlich bei dem
unvergleichlichen Pflumeboppi, 's Hsli brennt! gingen wir Mdel und
Buben gemeinsame Wege. Ja, und dann noch bei einem ganz besonderen
Anla.

Unsere Vaterstadt feierte die 400jhrige Wiederkehr des Tages, an dem
sich die beiden, durch den Strom getrennten Stadthlften
zusammengeschlossen hatten, mit der Auffhrung eines historischen,
eigens fr die Gelegenheit verfaten Festspiels.

Weit drauen vor der Stadt war die Bhne errichtet worden. Am zweiten
Tag -- die Stadt schwelgte eine halbe Woche lang in ihren Erinnerungen
-- waren bei der Vorstellung smtliche Schulkinder zugegen.

Das war ein Ereignis, vor dem alles andere, das sonst unser Leben
ausfllte, zurcktreten mute. Whrend der Vorstellung saen wir
getrennt, aber auf dem Nachhauseweg fanden wir uns zusammen und konnten
das Geschaute besprechen.

Anni schwrmte besonders fr den Knig Rudolf. Wie er sich hielt, wie er
sich neigte! Sie streckte ihren schwarzen Wuschelkopf und die kurze
Stumpfnase hher in die Luft, als erwerbe sie sich dadurch etwas von der
kniglichen Wrde.

Gretchen war entzckt von all den holdseligen Frauengestalten, auch von
den Kindern, die so niedliche, lange Kleider trugen. Ich wollte, wir
htten auch welche! meinte sie seufzend. Unsere kurzen Rcke und
Socken sehen gar nicht schn aus.

Damit war ich jedoch nicht einverstanden.

Denk dir doch, wie unangenehm die dummen, langen Kleider beim Springen
wren! Der 'Pflumeboppi' z. B. fiele alle Augenblicke auf die Nase.

Ja, das ist wahr! stimmte mir Anni zu. Wer hat denn dir am besten
gefallen, Mixi? -- Seht, nun wird sie schon wieder ganz rot!

Gar nicht! wehrte ich ab, obwohl ich die Glut bis unter die
Haarwurzeln steigen fhlte.

[Illustration]

Ihr werdet natrlich lachen, aber das ist mir einerlei. Mir hat der
Priester am besten gefallen.

Der alte, heidnische Kerl! Anni war entrstet. Das gutmtige Gretchen,
wohl um mir wieder zu meiner natrlichen Gesichtsfarbe zu verhelfen,
meinte trstlich: Sie hatten ihn, glaube ich, alle sehr gern.

Ja, und hrtest du nicht, wie sie alle so jammervoll aufschrieen, als
er sich den Dolch ins Herz stie?

Du tust gerade, wie wenn er es richtig getan htte, Mixi! Du brauchst
gar keine so frchterlichen Augen zu machen, es ist ja doch alles nicht
wahr.

Ich duckte mich und schwieg. Da war wieder das Wort, das ich am meisten
frchtete und hate -- -- es ist nicht wahr.

Wozu hatte man denn all die seltsamen Gedanken und Trume, die einen
halb froh, halb traurig stimmten, wenn alles nicht wahr sein sollte!

Freilich, das auf der Bhne war vielleicht nicht wahr gewesen. Das waren
ja alles gewhnliche Menschenkinder. Unter den langlockigen Pagen hatte
ich einen Knaben entdeckt, von dem ich genau wute, da er in
Wirklichkeit einen struppigen roten Haarschopf besitze. Aber wozu daran
denken? Das lie sich alles so hbsch beiseite schieben. Das gehrte in
die Welt, die Schule, Aufgaben, Stricken und Gemse-essen hie.

[Illustration]

Die andere Welt, die man in sich trug, und die sich doch so seltsam weit
ausbreitete, bis zu den weichen, weien Wolken hinauf, bis zu den
winzigen Maliebchen und Marienkferchen hinab -- diese Welt war weit
schner und heimatlicher.

       *       *       *       *       *

Mixi, was trumst du wieder! So hr' doch! Ich habe einen wunderschnen
Plan. Wir wollen das Festspiel auffhren, daheim in unsrer Bodenkammer.
Dann kannst du ja deinen alten Priester spielen.

Nein, nein! Das soll Teddy tun. Ich will den Kaiser Valentinian, du
nimmst Knig Rudolf und Gretchen kann Bischof fein. Ach, und fr Elschen
mssen wir auch eine Rolle finden. Wie herrlich wird das werden, ich
freue mich halb zu Tod!

Hatte uns schon die groe Vorstellung die Kpfe verdreht, so tat es
unsere eigene noch weit mehr. Die Mutter mute natrlich in die Sache
eingeweiht werden, denn die Blumentpfe, die wir als Kulissen brauchten
und die langen Kleider, auf denen Gretchen mit groer Energie bestand,
waren alle in ihrer Verwahrung und konnten denn doch nicht ohne weiteres
herbeigeschafft werden. Meine Gromutter steuerte zu unserer
Kostmierung einige Umlegtcher und Schmucksachen bei.

Wir arbeiteten tglich stundenlang an unsern Vorbereitungen. Natrlich,
das ganze Festspiel konnten wir nicht auffhren; wir muten uns auf
solche Szenen, in denen mglichst wenig Personen austraten, beschrnken.
Aber wir trsteten uns damit, da sich ja das Publikum das brige dazu
denken knne.

Der groe Tag nahte. Punkt 2 Uhr sollte die Vorstellung beginnen; ein
paar Minuten frher fanden sich die Zuschauer ein. Wir hatten ihrer nur
wenige gebeten. Natrlich die kleine Mutter, die sich beinahe ebenso
sehr wie wir auf das Festspiel freute, dann Gromutter und eine Tante,
die auf Besuch gekommen. Gromutter erhielt den gedruckten Text, da sie
die richtige Auffhrung nicht mit angesehen hatte. Sie hielt das
Heftchen weit von sich, denn ihre alten Augen konnten nicht mehr in die
Nhe sehen. Das imponierte mir immer gewaltig, und es verfehlte auch
seinen Eindruck auf meine Spielgefhrten nicht. Es hat nicht jeder eine
Gromutter, die so merkwrdig liest.

[Illustration]

Die Zuschauer saen auf dem alten Sofa. Wir hielten uns in einer
Nebenkammer verborgen, bis es 2 Uhr schlug.

Das erste Bild stellte die Grndung unserer Stadt durch Kaiser
Valentinian im Jahre 374 dar. Anni, Gretchen, Elschen und Teddy zogen
als raurakischer Volkshaufe auf die Bhne und sangen ein Lied, von
dessen sanfter, flieender Weise uns allerdings nur zwei Zeilen im
Gedchtnis geblieben waren, weshalb das brige mehr rezitativartig
vorgetragen wurde. Dann strzte Willy herein und verkndete das Nahen
rmischer Scharen, was erregtes Sprechen und Schreien zur Folge hatte.
Er verschwand blitzschnell, um nach wenigen Augenblicken als rmischer
Hauptmann aufzutreten, der an Stelle der uns fehlenden Kriegerhaufen
einen seltsamen Schwerttanz auffhrte. Mit einem Male wandte er sich
gegen die Tre und whrend seines Jubelrufs: Groer Csar, Imperator,
Heil sei dir, du starker Held! ritt ich auf schnaubendem Ro auf die
Bhne.

Das ging so zu: Wir hatten ein Schaukelpferd, das bei jeder starken
schwingenden Bewegung einige Zoll vorwrts glitt; so konnte man also
tatschlich reiten.

Kaiser Valentinian trug ein Barett mit weien [Illustration]

Gnsefedern und einen malerisch umgeworfenen roten Mantel. Auer dem
Szepter hielt er merkwrdigerweise auch ein Heftchen in der Hand, denn
es war ihn das Genieren angekommen, und die rasch eingelernten und nur
halb verstandenen Worte schienen sich alle verflchtigt zu haben. So las
denn der gute Kaiser Valentinian seine wohlmeinenden Worte an die
verngsteten Rauraker. Ihre freudigen Zurufe wurden durch den Priester
bertnt, der vor dem neuen Leben sich zu den alten Gttern flchtet.

    Nehmet mich auf! von mannigfaltigen
    Greueln und Snden, von Schand und Not
    Lse mich leicht der heilige Tod!

Teddy in einem langen, dunkeln Gewand, mit mchtigem weiem Bart sah
nach Annis Urteil ganz wie so ein heidnischer Kerl aus. Die letzten
Worte heulte er geradezu. Dann lie er sich, in dem schnen Glauben, die
klagenden Weiber wrden ihn auffangen, rcklings zu Boden strzen. Aber
o weh! Keine schtzenden Arme umfingen seinen sinkenden Leib. Er schlug
mit solchem Drhnen auf den harten Fuboden, da aus dem Zuschauerraum
ein Entsetzensschrei erscholl, der freilich in ein Lachen berging, als
der tote Priester wtend zischte: Na, wartet nur bis nachher!

[Illustration]

Kaiser Valentinian stellte die Stimmung wieder her, indem er ein
leuchtendes Bild der zuknftigen Stadt Basilea entwarf.

[Illustration]

Unter dem Jubelchor des Volkes und von ihrer Schar begleitet und
hilfreich geschoben, ritt seine Majestt davon.

Die zweite Szene, die den Bau der alten Rheinbrcke im Jahre 1225
behandelte, berschlugen wir, der vielen Personen wegen. Um sie aber
nicht ganz unerwhnt zu lassen, wandelte Gretchen langsam und heimlich
als Bischof ber die Bhne; Elschen trippelte, ein Meglcklein
schwingend, hintendrein.

Das dritte Bild brachte den Hhepunkt des Festes: Anni als Knig Rudolf.
Ihre schwarzen Zpfe waren unter einem Turban verborgen. Sie stak in
einem deutschen Militrrock und schulterte einen uralten Schieprgel.
Um den Hals hing ihr eine goldene Kette, und ihre Beine waren mit
Reiterstiefeln bekleidet. Knig Rudolf versprach mit groem Pathos der
Stadt ihre Freiheit; Schulthei Gretchen dankte tief.

[Illustration]

Die kriegerischen Rollen des vierten Bildes, wo es sich um den in die
Schlacht von Sempach abziehenden Herzog Leopold handelte, wurden
durchweg von den Buben gespielt, deren schauspielerische Begabung sich
hauptschlich in einem ungeheuren Stimmenaufwand uerte. Auch die
feierliche Vereinigung der beiden links und rechts vom Strom gelegenen
Stdte, des mehrern und mindern Basel, wurden von den Buben in stark
verkrzter Form vorgetragen.

Den erhebenden Schlu bildete das Auftreten der drei Frauengestalten:
Helvetia, Basilea, Klio. Unter dem vllig programmwidrigen
Hurrahgeschrei der Buben sank Basilea in die mtterlichen Arme
Helvetias.

Das Publikum erwies sich sehr aufmerksam. Die kleine Mutter lachte
Trnen. Die Tante fhlte sich bewegt, und auch Gromutters alte Augen
schauten freundlich zu uns herber. In die Ferne konnte sie ja gut
sehen, und so war ihr keine Einzelheit unserer Kostme, keine einzige
frstliche Geste und dramatische Bewegung entgangen.

Nach dem wirklichen Festspiel hatte ein groes Festessen stattgefunden.
Auch uns ward eines zu Teil.

Als die Vorstellung zu Ende war, lud uns die kleine Mutter feierlich
ein, hinunter zu kommen. Der Tisch im Ezimmer war gedeckt. In der Mitte
stand eine Riesenplatte mit Erdbeeren. Hei! Wie da Knig Rudolf, Kaiser
Valentinian und Herzog Leopold frhlich schmausten. Auch der alte
Priester verga seinen Groll, whrend er eine saftige Beere nach der
andern in den Mund schob.

Diese Auffhrung blieb nicht die einzige, die die alte Bodenkammer
erlebt hat. Das Bhnenfieber hatte uns gepackt, und eine Zeit lang
muten sich Gromutter und die kleine Mutter wieder und wieder zu dem
alten Sofa hinaufbequemen, um unsere Lebenden Bilder, Komdien und
Tragdien anzusehen.

Der Winter machte diesen Vorstellungen ein Ende, und der Winter brachte
auch eine schmerzliche Trennung. Meine Freunde verlieen die Stadt. Das
alte Haus wurde eingerissen, und in dem zierlichen Neubau, der sich an
seiner Stelle erhob, war keine alte Bodenkammer mehr zu finden.

[Illustration]

[Illustration]

=Sonne und Regen im Kinderland=

       *       *       *       *       *

_Eine Reihe bunter Geschichten mit Bildern fr kleine und groe Leute_

1. _Agnes Sapper_: =Frieder=. Die Geschichte vom kleinen Dummerle mit
   Scherenschnitten von Hedwig Schwegelbaur.

2. _Ida Frohnmeyer_: =Hansi=. Zwei Erzhlungen, von einem einsamen Bub u.
   vom Spiel froher Mdchen mit Scherenschnitten von Hed. Schwegelbaur.

3. _Charlotte Wrner_: =Prinze Gnselore=. Ein Mrchen fr brave Kinder
   mit Orignialholzschnitten von Martha Welsch.

4. _Charlotte Wrner_: =Die Mnnlein vom Mummelsee=. Ein Mrchen aus dem
   Schwarzwald mit Zeichnungen von Martha Welsch.

5. _Charlotte Wrner_: =Im Reich der Blumen-Knigin=. Ein Elfenmrchen mit
   Zeichnungen von Martha Welsch.

6. _Anna Schieber_: =Annegret=. Eine Kindergeschichte mit Bildern von
   Elisabeth Sauer.

=Jedes Bndchen ist fein gebunden u. einfach kartoniert lieferbar=

Von Sonne und Regen im Kinderland, von Kinderlust und Kinderleid
erzhlen diese lieblich ausgestatteten Bndchen. Den Kleinen bringen sie
lebendige, gemtvolle Unterhaltung und den Groen rufen sie die ganze
Schnheit des Kinderlebens in warme Erinnerung

       *       *       *       *       *

=D. Gundert / Verlag / Stuttgart=




Anmerkungen zur Transkription

[Anmerkung TN1: In Original steht hier tchigen.]



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For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

