Project Gutenberg's Die schnsten Geschichten der Lagerlf, by Selma Lagerlf

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Title: Die schnsten Geschichten der Lagerlf

Author: Selma Lagerlf

Editor: Walter von Molo

Translator: Marie Franzos

Release Date: December 29, 2006 [EBook #20211]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHNSTEN GESCHICHTEN ***




Produced by Markus Brenner, Evelyn Kawrykow, La Monte H.P.
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                         Die schnsten Geschichten
                               der Lagerlf


                        Ausgewhlt und eingeleitet
                                    von
                              Walter von Molo


                          Albert Langen, Mnchen



                       Die Geschichten der Lagerlf
                              in diesem Bande
                                 sind von
                               Marie Franzos
                                 bersetzt



                              Ein Verzeichnis
                         der Werke Selma Lagerlfs
                          befindet sich am Schlu
                               dieses Buches



                       [Illustration: Selma Lagerlf]




_Inhalt_
                                             Seite
Frau Lagerlf von Walter von Molo                7
Der Luftballon                                  13
Herrn Arnes Schatz                              37
Reors Geschichte                               110
Das Mdchen vom Moorhof                        116
Das Schweituch der heiligen Veronika          177
Die Legende vom Vogelnest                      224





Frau Lagerlf


Die reine Frau hat das innigste Verhltnis zur Dichtkunst. Ihre
seelische Veranlagung und ihre dadurch bedingten Aufgaben erhalten sie
dem wahrhaft Realen, dem Mysterium des Fhlens, das die Wurzel der
Dichtkunst war und ist, nher als den Mann, der vor allem durch die Tat
und durch die Arbeit seines Kopfes wirkt, der sich im allgemeinen erst
zum Zentrum des Fhlens durchkmpfen mu. Wie den Mann die Bezwingung
des weiteren Weges strkt und sichtet, hlt die Nhe des Zieles die
Frau, die die treueste Gefolgschaft jeder Kunst ist, entweder vom
Selbstschaffen ab (meist zum Segen der Ihren!), oder sie wird, wenn sie
selbst schafft, zumeist, gerade durch ihre Weiblichkeit, der Kunst
verdorben: sie lernt nicht zu dem ihr Angeborenen zu, sie bleibt
seelische Molluske, weil ihrem Werk nicht die Knochen des unerbittlich
logischen Denkens, die innere und uere Form, in voller Kraft
zuwachsen. Die schpferische Frau hat drum hauptschlich das Gebiet der
erzhlenden Dichtung, deren Notwendigkeiten, in dieser Hinsicht,
verhltnismig gering sind. Die Frau fabuliert! Sie erhlt den Glauben
an den unablssigen, unumstlichen Sieg des Guten; sie ist, in ihrer
reinsten Erscheinung, Mrchen und Sage! Alles, was der Kindersinn
sehnschtig sucht, ist den Frauen vorhanden! Ihr ragendstes Symbol ist
mir die genialste selbstschpferische Frau: die Lagerlf! Die Lagerlf
schafft der Menschheit schnsten Besitz, Heimatliebe, Kinderliebe,
Elternliebe, Gattenliebe, Liebe, mit all ihren unendlichen
Schattierungen und Spiegelbildern in der menschlichen Seele, dichterisch
zu ragenden Monumenten um. Ihr ist das Wunder an sich Voraussetzung
alles Seins. Fr sie gibt es keine erkennende Wissenschaft, keine
unbelebte Natur! Wort fr Wort ist ihr die Bibel, das Buch der Bcher,
wahr; sie erhellt sie, sie bersetzt die Glubigkeit aller Konfessionen
gefhlsmig in Kunst. Nach den groen Gesetzen des Weltrtsels, des
gtigen Schicksals oder Gottes, reden und handeln ihr die Menschen und
Tiere. Die Flsse, Pflanzen und Steine sind ihr Lebewesen mit Seelen.
Dieser begnadeten Frau ist das bersinnliche Selbstverstndlichkeit.
Alles Schne geht ihr in Erfllung. Das Jenseits lebt, es greift
entscheidend ins Dasein ein! Die Trolle, Nymphen, Kobolde,
Heinzelmnnchen und Riesen leben, die Engel schweben auf und nieder, die
Brcke bildend fr die bedrngten, erlsten Seelen, der Gottessohn
steigt, immer wieder, zu uns herab, unter denen er ewig wandelt, damit
das Bse stetig Gutes schafft. Es gibt keine Verfemten oder Narren,
keine Toren und Krppel oder Enterbten, es gibt blo, im schlimmsten
Falle, ein Nichtverstehen, ein Aneinandervorbeireden. Dieses menschliche
Erbbel beseitigt und fhrt lchelnd zur Harmonie der Liebe der Lagerlf
groes, unbesiegliches Herz! berall lt sie Verzeihung und
Gerechtigkeit triumphieren, und was das Wunderbarste ist: diese
evangelische Frau steht dabei stets auf dem Boden der hchsten
Wirklichkeit! Sie reit dem Dasein die Maske ab, sie liebt ihm die Maske
ab und -- Gott sieht uns an! Mit tiefster Menschenkenntnis, mit
schrfster Charakterisierungsfhigkeit, mit rhrendem Humor, mit
verzeihender Schalkhaftigkeit und nie verletzendem Sarkasmus sieht und
gestaltet sie die Lcherlichkeit, Nichtigkeit und Schurkenhaftigkeit
dieses Seins. Alles Bse und Harte schmilzt in der bermenschlichen
Liebe dieser genialen Puppenspielern zu Glck. Ihr hat nur das Leben des
Geistes Wert; sie ntzt alle Register, sie lt alle Weltstimmen
erbrausen, um die Symphonie der sinngemen Luterung, des
Verbundenseins mit dem Himmel des Guten und Schnen, der uns vterlich
berwlbt, begnadet und erlst, laut und sichtbar werden zu lassen. Es
liegt an der Stumpfheit, da die Menschen nicht immer so gesehen werden,
wie sie der Lagerlf erscheinen; sie sind edel, betrachtet man ihr
Wichtigstes, entkleidet aller Nebenschlichkeiten! Der groen Schwedin
Kraft und unwiderstehliche Beredsamkeit lassen jubelnd erkennend ins
Gefge des Ganzen, des Letzten sehen. Sie setzt menschliche Seelen in
Handlung. Stets ist es der gleiche Geist, Gottes Geist, der ihr Geist
ist, der sich die Vielfalt der Krper baut! Sie formt nicht von auen
nach innen, nicht vom Realen zum Romantischen; sie formt von innerst
heraus. Ihre Gestalten sind Vollwesen, nicht Hirngespinste, Vollwesen,
geschaffen von subtilster Psychologie, geschaffen von hherer
Psychologie, als sie die grte Hirnarbeit jemals zutage zu frdern
vermag. Sie glaubt dem Wunder, weil das Wunder in ihr ist! Ihr Ich ist
legendre Anschauung der Seele! Ihre Psychologie ist nicht schrfend,
sie ist da mit der Selbstverstndlichkeit der Schpfung. Untrennbar sind
ihr Erfindung und Tatsache verwoben. Ich mu sterben wird zum Ich
darf sterben, der Tauf- oder Hochzeitszug trifft den Leichenzug, der
wieder Tauf- und ewiger Hochzeitszug ist. Die Menschen sehen mit den
Augen der Seele, durch sie, da das Glck der Einbildung ihr Bestes
ist, da es nichts Schneres gibt als das Leben, das nicht schwer und
traurig, sondern: wunderschn ist, lebt und versteht man es richtig!
Alles Hliche wird ihr zum vergnglichen Entwicklungsstck, alles
Bittere ist berwindbar. Alle Groen sind Kinder, und alle Kinder sind
gro߫. Sie zwingt die Sehnschte, mitzudichten, und sie folgen ihr
freudig, weil sie berirdische Erfllung durch sie finden. Zeitlos ist
die Dichtung der Lagerlf, sie wandelt die Wege der Ewigkeit. Alles
Grenzende, Einengende fllt. Immer leidet das Hohe, immer leidet die
Liebe, immer leiden Mann und Weib und Eltern und Kinder, arm und reich,
doch es ist nur scheinbar; kaum steht die Lagerlf neben ihnen, so sinkt
das Niedere, gleich kriegen sie sich, gleich ist Hilfe, sind Verzeihen
und Begreifen jedes Wollens da, gleich verschenkt der Reiche sein Gut,
um wahrhaft reich zu sein, gleich singt der Arme, weil er schon lange
wahrhaft reich ist. Mann und Weib sind der Lagerlf immer dieselben!
Sie ist die reine Magd, blond, keusch, stolz, hochgewachsen,
hellugig, zu jeder Erlserarbeit bereit, mag sie erst auch noch so
hohl, selbstisch und kokett gewesen sein, nie ruft das Schicksal sie
vergeblich zur Ordnung! Der Lagerlf Frauengestalten sind mit der vollen
Reinheit, mit der verschwiegensten Sehnsucht, der unberhrten, ewigen
Jungfrulichkeit gebildet! Er ist wild, trotzig, verwegen, untreu aus
gierig suchender Treue, aufbegehrend in der Tollpatschigkeit seines
Geschlechtes gegen die letzten Fragen, die er durch die Frau, die ihn
erlst, erkennt. Er ist ein Weihnachtsmann, wie die liebenswerten
Kavaliere in Gsta Berling wie Gsta Berling selbst, hoch, traurig und
verliebt, kindlich, schn, ritterlich, und immer hat er Locken ber
der bleichen Stirn. Er ist immer ein Stck Jesus Christus in
Verkleidung; sie ist immer ein Stck Gottesmutter! Der Lagerlf
Religion ist die Religion aller Religionen; sie predigt unentwegt, ohne
Predigt, des Dichtens Axiom: kein Mensch ist ganz verdorben! Sie ist die
Toleranz selbst, die auch die wtendsten Gegner vershnt.
Kirchenglubigen und Sozialist! Die Lagerlf kann nicht verstehen, warum
zwischen diesen, berhaupt zwischen den Gegenpolen, zugegeben, da sie
bestehen, Feindschaft sein soll. Sie sind doch beide ntig; sie sind
doch beide nur Handwerker des Ewigen? Sie heien einmal Christ und
Antichrist, vielleicht ist einmal der eine ein bichen mehr wei und der
andere ein bichen mehr schwarz. Du lieber Gott! sie wollen aber doch,
blo auf verschiedene Weise, das gleiche: das Glck, die Ruhe des
Herzens! Der Lagerlf ist's kein Unterschied, ob die heidnischen Bilder,
ob die Heiligenbilder ins Leben herauf- oder hinuntersteigen; sie wirken
Gutes. Musik erklingt, das Chaos legt sich, alle, die bangten, weinten,
schluchzten und sich in Schmerzen wanden, beginnen zu lcheln! Die Welt
wird immer am Ende schn, heldenhaft, edel, und was das Schnste und
Edelste daran ist (ich verwende absichtlich die abgebrauchten
unphilosophischen Worte, die der Lagerlf Echtheit so vllig der
Phrase entkleidet!): die Skeptischen werden besiegt, sie erkennen: wir
sind so, wenn auch leider nur fr Augenblicke der Erhebung, wie uns die
Lagerlf sieht oder selbstherrlich-demtig sehen will. Was in den
geheimsten Ecken des Ichs nistet, mag man's nun Sentimentalitt,
Familienblattgier, Kindischkeit, Leiermannrhrung, Kinoseligkeit,
Kolportagegift oder wie immer nennen, das alles und noch viel mehr
regiert diese Frau souvern, vllig unbekmmert um die Entsetzensschreie
ngstlicher, Bedenkenberfllter, zum Sieg. Die groe Kunst der
Lagerlf, die Inbrunst ihrer dichterischen berredung, vermag alle
geheimen und wilden Schlinge des Seelenbesitzes zu einer Blte von
berauschender Flle und Seltenheit zu treiben und zu binden. Dieser
Zusammenraffung alles Vorhandenen im Stofflichen entspricht die
Verwendung aller Darstellungsmittel. Die Technik der Lagerlf ist, wie
der Inhalt des Gegebenen, nie Selbstzweck; beides ist Handwerkszeug, um
immer wieder den Gralsschein der Seele leuchten zu lassen. Die Lagerlf
ist dramatisch und episch, modern, historisch und unmodern; sie
beherrscht den Dialog gleich wie die Schilderung, sie geht, wenn's ihr
pat, Schrittlein fr Schrittlein, sie berspringt, wenn's ihr ntig
erscheint, jeden Abgrund, sie pinselt und strichelt hin und her, sie
legt mit einem oder zwei Stzen jeden Charakter, mag er noch so
kompliziert sein, hin. Sie findet manchmal schwer den Schritt, sie
spitzt mit geistvoller Schrfe die menschliche Tendenz in einen Satz.
Ihr ist nichts unmglich, weil der erlsenden Liebe alles mglich ist!
Sie hat zu viel geschrieben und doch viel zu wenig, sie malt fast immer
die Schnheiten ihrer schwedischen Heimat, doch der Polarstern ihres
Einfhlvermgens steht ber der ganzen Welt; der Stern wandert mit dem
Erlser der Schwere! Sie ist durch und durch germanisch, doch sie dankt
dem grten Slawen, Dostojewski, das meiste! Ihre Seele ist die
schwedische Volksseele in ihrer tiefgrndigen Verspieltheit, doch ihr
gehrt die Welt, deren gesamte Pracht sie in sich trgt. Sie ist die
liebreichste Mutter, ohne Mutter zu sein, sie bildet die Sagen und
Mrchen ihrer Heimat; es sind die allgemein gltigen, auch in unseren
Tagen in jedes Menschen Leben im letzten Sinne sich stets wiederholenden
Sagen und Mrchen aller Menschen, die Sehnsucht tragen und den Himmel
suchen. Sie ist naiv und aufs uerste raffiniert; sie ist
Unterhaltungsschriftstellerin mit der Weltanschauung und dem Knnen der
reifsten Kunst; sie ist die reinste Seele, die seit Goethe und Hlderlin
am Werke war! Sie ist Knstlerin, weil sie ein groer Mensch ist! Sie
lst das Rtsel, das sich unablssig in ihren Werken lst, die zum
bedeutendsten Besitze dessen gehren, was das Menschengeschlecht, zu
seiner Erderlsung, hienieden aufzubauen vermag. Sie ist die lebendige,
wirkende Summe des Gttlichen, das sich zu hchst lobt, dadurch, da es
unverlschbar in der Menschheit, in deren Besten, brennt! Sie ist die
Lagerlf.

_Frohnau_ i. d. Mark

_Walter von Molo_





Der Luftballon


Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem
Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner
Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenber, eng aneinander geschmiegt,
und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel fhrt: Sechs Wochen
im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben knnen es fast
auswendig und haben endlose Diskussionen darber gefhrt, aber sie lesen
es immer wieder mit demselben Vergngen, sie haben alles vergessen, um
den khnen Luftschiffern quer ber Afrika zu folgen, und sie erheben nur
selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu
betrachten, die sie durchfahren.

Die Knaben sehen einander sehr hnlich. Sie sind von gleicher Gre,
gleich gekleidet -- in graue berrcke und blaue Schulmtzen --, sie haben
alle beide groe trumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie sind
immer gut Freund, gehen immer miteinander, kmmern sich nicht um andre
Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten. Der
Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der ltere,
der dreizehn Jahre zhlt, kommt in der Schule schwer vorwrts, und er
kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt halten.
Dafr ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er will
Erfinder werden und beschftigt sich bestndig damit, eine Flugmaschine
zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jnger als Lennart, aber er begreift
leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder. Auch er
interessiert sich nicht besonders fr das Lernen, hingegen ist er ein
groer Sportsmann. Skilufer, Radfahrer und Eislufer. Wenn er erwachsen
ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts Flugmaschine
fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken, was von der
Welt noch zu entdecken brig ist.

Vater ist ein grogewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem
Gesicht und schmalen, schnen Hnden. Er ist nachlssig gekleidet. Seine
Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhnger guckt am Halse hervor, die
Weste ist schief geknpft, und die Strmpfe sind herabgerutscht. Er
trgt das Haar so lang, da es auf den Rockkragen hngt, dies jedoch
nicht aus Nachlssigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.

Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem
Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen
mitbekommen. Die eine Anlage ist eine groe musikalische Begabung, und
sie trat als erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,
studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen
Studienjahren so glnzende Fortschritte, da er selbst und seine Lehrer
erwarteten, es wrde ein groer, weltberhmter Violinspieler aus ihm
werden. Er htte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu
erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich
drauen in der Welt keine Stellung erkmpfen, sondern kam gar bald heim
und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs
schmte er sich wohl, da er allen den in ihn gesetzten Erwartungen
nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern
Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute
in Anspruch nehmen zu mssen.

Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige
Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schnes
kleines Heim, eine frohe und glckliche Frau und zwei kleine Jungen, und
er war der Liebling der ganzen Stadt, berall gesucht und gefeiert. Aber
dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen
schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen
und sein Glck zu versuchen, doch fhlte er sich verpflichtet, daheim zu
bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.

Vor allem war es die Frau, die ihn berredet hatte, von dieser Reise
abzustehen. Sie glaubte, da es ihm nicht besser glcken werde als das
erstemal. Sie meinte, sie seien so glcklich, da er nichts andres zu
erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mute
ihn auch schwer genug ben; denn von der Zeit an kam der zweite
Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm
und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu
trsten.

Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen
pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Ma und kam binnen kurzem ganz
herunter. Er wurde allmhlich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war
nicht mehr liebenswrdig und einnehmend, sondern bse und hart. Und das
grte Unglck war, da er einen furchtbaren Ha gegen seine Frau fate
und sie in jeder mglichen Weise qulte, wenn er betrunken war -- und
auch sonst.

Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wre
sehr unglcklich gewesen, htten sie sich nicht eine kleine Welt fr
sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplnen
und Abenteuerbchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese
Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,
da sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben ber nichts
zu sprechen, was sie interessiert. Er strt sie einmal ums andre, wenn
er fragt, ob es nicht schn wre, Stockholm kennenzulernen, und ob sie
sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie
antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu
vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, da die Knaben von
seiner Liebenswrdigkeit sehr entzckt sein mten und nur zu schchtern
wren, es zu zeigen.

Die haben zu lange an Mutters Schrzenband gehangen, denkt er. Sie
sind ngstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,
wenn sie in meine Hand kommen.

Aber Vater tuscht sich. Da die Knaben ihm so kurze Antworten geben,
kommt nicht von der Schchternheit, sondern bedeutet nur, da sie
wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wre,
wrden sie ganz anders antworten. Warum sollten wir es schn finden,
mit Vater zu reisen? wrden sie dann sagen. Vater glaubt freilich,
etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, da er nur ein
verkommner Schwchling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,
Stockholm kennenzulernen? Wir wissen sehr gut, da Vater uns nicht
mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu
krnken.

Es wre klger, wenn Vater die Knaben lesen liee, ohne sie zu stren.
Sie sind niedergeschlagen und ngstlich, und es reizt sie, da er so
guter Laune ist. Nur weil er wei, da Mutter daheim sitzt und weint,
ist er heute so vergngt, flstern sie einander zu.

Vaters Fragen bringen es schlielich dahin, da die Knaben nicht mehr
lesen, obgleich sie noch immer ber das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt
dessen beginnen ihre Gedanken mit groer Bitterkeit um alles zu kreisen,
was sie um Vaters willen haben leiden mssen.

Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken
hatte und ber die Strae getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen
verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurck, wie die andern
Jungen sie gehnselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen
Vater hatten, der trank.

Sie haben sich fr Vater schmen mssen, sie muten seinetwegen in
bestndiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spa hatten, ist er
dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergngen verdorben. Es ist kein
kleines Sndenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr
sanftmtig und geduldig, aber sie fhlen einen Groll in sich aufsteigen,
der strker und strker wird.

Er htte doch begreifen mssen, da sie ihm die groe Enttuschung nicht
verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das
rgste, was er ihnen noch angetan hatte.

Die Sache war nmlich die, da die Mutter der Knaben sich im vorigen
Frhling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere
Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und
gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war
bei ihm geblieben, damit er nicht vllig verkomme. Aber jetzt endlich
wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, da der
Vater sie unglcklich machte; und sie meinte, sie msse sie diesem Elend
entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.

Als das Frhlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu
ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs
einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht
gewesen, da es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr
Verschulden gelst wrde; aber dem hatte sie sich unterwerfen mssen.
Noch weniger zufrieden war sie damit, da die Knaben vom Gerichte dem
Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufene Ehefrau wre. Sie
trstete sich freilich damit, da er unmglich die Absicht haben knnte,
die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.

Sobald die Scheidung durchgefhrt war, war sie zurckgekommen und hatte
eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor
zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so da die Knaben zu ihr
bersiedeln konnten. Es war der glcklichste Tag, den die Kinder noch
erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem groen Zimmer und
einer groen Kche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so
auerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und
ihnen tagsber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da
schlafen. Die Kche war sehr niedlich und hell. Da wrden sie essen. Und
in einem kleinen Verschlag hinter der Kche hatte Mutter ihr Bett.

Mutter hatte ihnen gesagt, da sie sehr arm sein wrden. Sie hatte eine
Stelle als Gesanglehrerin an der Mdchenschule bekommen; aber dies war
auch alles: davon muten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich
ein Dienstmdchen zu halten, sondern muten sich allein helfen. Die
Knaben waren ber das Ganze in hellstem Entzcken; vor allem darber,
da sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu
tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein
rechter Spa, sich das alles auszudenken.

Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er
selbst sollte den Schlssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er
sollten sie je betreten drfen.

Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glcklich
sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan
hatte, solange sie sich zurckerinnern konnten. Mutter hatte ihnen
erzhlt, sie habe gehrt, da Vater eine Erbschaft von einigen tausend
Kronen gemacht htte; er habe seine Stellung gekndigt und wolle nun
nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darber gefreut,
da er die Stadt verlie, so da sie ihm nicht mehr auf der Strae zu
begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der
Botschaft zu Mutter gekommen, da Vater die Knaben nach Stockholm
mitnehmen wolle.

Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu drfen, aber
Vaters Abgesandter hatte geantwortet, da Vater fest entschlossen sei,
die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kmen,
wrde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch
das Scheidungsurteil durchlesen, da stnde es ja deutlich, da die
Knaben dem Vater gehrten. Und das wute Mutter ja auch. Das lie sich
nicht leugnen.

Vaters Freund hatte viele schne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen
und wolle sie deshalb fr sich haben ... Aber die Knaben wuten, da
Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu qulen. Er hatte
sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude
htte. Sie sollte in bestndiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze
war nur Rache und Bosheit.

Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf
dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenber sa Vater und freute sich,
da er Mutter unglcklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der
verging, wurde ihnen der Gedanke, da sie bei Vater bleiben und mit ihm
leben mten, immer widerwrtiger. Waren sie denn vllig in seiner
Gewalt? Gab es keine Rettung?

Vater hat sich in seine Ecke zurckgelehnt, und nach einem Weilchen
schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander
zu flstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschlu zu fassen. Den
ganzen Tag haben sie, jeder fr sich, nur daran gedacht, durchzubrennen.

Sie verabreden, sich auf die Plattform schleichen und aus dem Zuge zu
springen, wenn er gerade durch einen groen Wald fhre. Dann wrden sie
sich an einem versteckten Pltzchen im Wald eine Htte bauen und dort
allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.

Whrend die Knaben diese Plne schmieden, bleibt der Zug an einer
Station stehen, und eine Buerin, die ein kleines Kind an der Hand
fhrt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trgt ein
Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das
berrckchen aus, das vom Regen na geworden ist, und wickelt ihn in
einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten
Fchen, sucht aus einem Bndel Strmpfe und Schuhe hervor und legt sie
ihm an. Schlielich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die
Bank, den Kopf auf ihrem Schoe, damit er einschlafe.

Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Buerin,
die sich mit ihrem Kinde beschftigt. Diese Blicke werden immer
hufiger, und pltzlich haben die Knaben, beide zugleich, Trnen in den
Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnckig
niedergeschlagen.

Es ist, als wre zugleich mit der Buerin noch jemand anders, der fr
alle, auer fr die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen
gekommen. Und dieser andre ist -- Mutter. Die Knaben haben das Gefhl,
da sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hnde
ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich
entschied, da sie reisen mten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie
damals: Ihr mt mir versprechen, da ihr Vater meinetwegen nicht gram
sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen knnen, da ich ihn
gehindert habe, fortzureisen. Er meint, da es meine Schuld sei, wenn
nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug
strafen. Aber ihr drft ihm deshalb nicht bse sein. Da ihr jetzt mit
Vater leben sollt, mt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr
drft ihn nicht reizen, ihr mt auf ihn achten, so gut ihr knnt. Das
mt ihr mir versprechen; sonst wei ich gar nicht, wie ich euch ziehen
lassen soll.

Und die Knaben hatten es versprochen.

Ihr drft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!
hatte Mutter gesagt.

Das hatten sie auch versprochen.

Die Knaben sind zuverlssig, und in demselben Augenblick, wo sie daran
denken, da sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle
Fluchtgedanken fahren. Vater schlft noch immer, aber sie bleiben
geduldig auf ihren Pltzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie
wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, fhrt sie bald
aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.

       *       *       *       *       *

Weit drauen in der Sdervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde
gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon
lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre bergegangen,
ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse
und Flecken, die Decken sind verrut, ein paar Fensterscheiben sind
zerbrochen, und der Kchenboden ist so ausgetreten, da er ganz holprig
geworden ist. Ein paar Dienstmnner haben die Mbel vom Bahnhof geholt,
sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehenlassen. Vater und
Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobener Axt
da, um eine Kiste zu ffnen. Die Knaben packen aus einer andern Kiste
Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind geschickt
und arbeiten eifrig, aber Vater hrt nicht auf, sie zur Vorsicht zu
mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen Teller auf
einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit nicht
recht vorwrts. Seine Hnde sind zittrig und kraftlos, und er ist schon
ganz schweibedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu
knnen. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,
ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und
fngt an, sie anzustemmen, doch Vater stt ihn fort. Lennart werde doch
nicht glauben, da er den Deckel aufbringen knne, wenn Vater selbst es
nicht zustande bringe? Nur ein gebter Arbeiter kann diese Kiste
ffnen, sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.

Kaum ist Vater zur Tre hinaus, als ihm etwas einfllt. Er begreift
pltzlich, warum er keine Kraft in den Hnden hat. Es ist noch frh am
Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf
bringt. Wenn er in ein Caf ginge und einen Kognak trnke, dann wrde er
seine Kraft wiederfinden und knnte sich ohne fremde Untersttzung
behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.

Vater geht also auf die Strae, um ein Caf zu suchen. Als er in die
kleine Hofwohnung zurckkehrt, ist es acht Uhr abends.

In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der
Sdervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts
gewesen, das hauptschlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten
bestand und in einem Keller in der Nhe von Mosebacke seine
Zusammenknfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,
nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich
noch da, und Vater hatte das Glck gehabt, ein paar von den alten
Freunden zu treffen, die da saen und frhstckten. Sie hatten ihn mit
grter Freude begrt, ihn zum Frhstck eingeladen und seine Ankunft
in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit
schlielich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Mbel
auszupacken; doch die Freunde hatten ihn berredet, zu bleiben und mit
ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,
da Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn
keine geringe berwindung gekostet, sich zu so frher Stunde von der
lustigen Gesellschaft loszureien.

Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben
kein Zndholz. Vater hat ein Zndholzschchtelchen in der Tasche, und
als er ein kleines Kerzenstmpfchen angezndet hat, das glcklicherweise
mitgekommen ist, sieht er, da die Knaben erhitzt und verstaubt sind,
aber munter und vergngt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem
Tag.

In den Stbchen stehen die Mbel geordnet, die Kisten sind fortgerumt,
Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten
Zimmer die Betten fr die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters
Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,
wie er sich's nur wnschen kann.

Jetzt geht mit Vater ein eigentmlicher Umschwung vor. Als er heimkam,
war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit
davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurckgelassen hatte.
Aber jetzt, wo er sieht, da sie guter Laune sind, und da ihnen nichts
abzugehen scheint, bereut er es, da er ihrethalben seine Freunde
verlassen hat; er wird reizbar und streitschtig.

Er sieht wohl, da die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie
geleistet haben, und da sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber
dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und
ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich geflligst zu merken, da man
in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht fr alles, was
er tte, bezahlt werden msse. Die Knaben antworten, da sie keine Hilfe
in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht htten, aber er hrt
nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die groe Kiste
zu ffnen. Sie htten sich dabei etwas zuleide tun knnen. Er htte
ihnen doch verboten, sie zu ffnen. Sie htten jetzt ihm zu gehorchen.
Er sei fr sie verantwortlich.

Er nimmt die Kerze, geht in die Kche und leuchtet in die Schrnke. Der
kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den
Brettern aufgestellt.

Er prft alles haargenau, um Anla zu weiterem Tadel zu finden.

Pltzlich erblickt Vater ein paar berreste des Abendbrots der Knaben
und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie
sich das verschafft htten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedchten?
Ob sie sein Geld hinauswrfen, um Hhner zu essen?

Dann fllt ihm ein, da er ihnen ja kein Geld zurckgelassen hat. Er
fragt, ob sie das Huhn gestohlen htten, und gert ganz auer sich.

Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den
Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn
haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hlt ganze Reden, ganze
Predigten, er erschpft seine letzten Krfte. Schlielich bittet und
bettelt er.

Ich beschwre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles
verzeihen, was ihr auch begangen haben mgt, wenn ihr mir nur die
Wahrheit sagt.

Jetzt knnen es die Knaben nicht lnger aushalten. Vater hrt einen
prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er
merkt, da sie vor unterdrcktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und
whrend sie jetzt ungezgelt herauslachen, sagt Lennart, von bestndigem
Kichern unterbrochen: Mutter hat uns doch ein Hhnchen in den Ekorb
gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.

Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber
keine passenden Worte. Er richtet sich noch majesttischer empor, sieht
sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weiteres auf sein Zimmer.

       *       *       *       *       *

Vater hatte jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er
bentzt dies, um ein Dienstmdchen zu ersparen. Morgens schickt er
Lennart in die Kche und lt ihn Kaffee kochen, whrend Hugo den
Frhstckstisch deckt und Brot vom Bcker holt. Nach dem Frhstck setzt
Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten
machen, die Zimmer kehren und die fen heizen. Er gibt unaufhrlich
Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine
Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufrumen vorber ist, geht er aus und
bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen lt er aus einer
benachbarten Kochschule holen. Dann lt Vater die Knaben fr den Abend
allein und verlangt von ihnen nichts andres, als da sein Bett gemacht
sei, wenn er heimkommt.

Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und knnen sich
beschftigen, womit sie wollen.

Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.
Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier
und Marken, damit sie ihr antworten knnen.

Mutters Briefe enthalten hauptschlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu
sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn
kennenlernte, und sie erzhlt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er
im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zrtlich und
liebevoll gegen ihn sein. Sie drften nie vergessen, wie unglcklich er
wre.

Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid
mit Euch und lt Euch wieder nach Hause zu mir kommen, schreibt
Mutter.

Mutter erzhlt, da sie beim Pfarrer und beim Brgermeister gewesen sei,
um zu fragen, ob es nicht mglich wre, die Knaben wieder zu bekommen.
Aber alle beide htten ihr gesagt, da es keinen Ausweg gebe. Die Knaben
mten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm
bersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu knnen, aber
alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie
glaubten, da Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder
heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.
Einerseits finde sie es schrecklich, da ihre Knaben in Stockholm ohne
irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:
wenn sie ihr Heim verliee und ihre Anstellung aufgbe, knnte sie sie
nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei wrden. Aber zu
Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach
ihnen sehen.

Die Knaben schreiben und erzhlen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde
fr Stunde. Sie lassen Mutter wissen, da sie Vater das Essen holen und
ihm das Bett machen. Sie begreift, da sie sich bemhen, ihr zuliebe gut
gegen ihn zu sein, aber sie merkt, da sie ihn nicht besser leiden
knnen als frher.

Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer
groen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen,
niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer wei,
in was sie hineingeraten knnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften
machten!

Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie
wrden sich schon durchschlagen. Sie erzhlen, da sie sich die Strmpfe
stopfen und die Knpfe annhen. Sie deuten auch an, da Lennart mit
seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, da alles gut sein
werde, sowie die fertig wre.

Aber Mutter lebt in bestndiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken
bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er mge ber ihre
kleinen Shne wachen, die einsam in einer groen Stadt leben, ohne
irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schtzt
und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bsen bewahrt.

       *       *       *       *       *

Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von
Vaters frheren Kollegen, der der Hofkapelle angehrt, hat ihn
eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater
hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von
den Tonwellen erfllt wird, gert Vater in so heftige Bewegung, da er
sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfngt. Er schluchzt,
schneuzt sich geruschvoll und sthnt einmal um das andere auf. Er legt
sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, da die Spielenden
gestrt werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater
die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des
Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hren seine Trnen nicht auf
zu flieen.

Vater hat die Hnde der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem
Jungen an jeder Seite einher. Ganz pltzlich fangen auch die Knaben zu
weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst
geliebt hat. Es war entsetzlich fr ihn gewesen, versoffen und verkommen
dazusitzen und andre spielen zu hren. Es war ein Jammer, da er nicht
das geworden war, was er htte werden sollen. Es war fr Vater so, wie
es fr Lennart wre, wenn er seine Flugmaschine nie fertig brchte, oder
fr Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen drfte. Zu denken, da
sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Hupten prchtige
Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden htten
noch lenken drften!

       *       *       *       *       *

Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bcher vor
sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist
ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, da er eine Musiklektion zu
geben htte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden
lassen, da dies die Wahrheit sei.

Vater ist schlechter Laune, wie er so ber die Strae geht. Er hat den
Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, da er zu einer
Musiklektion ginge. Sie werfen sich zum Richter auf ber ihren Vater,
denkt er.

Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich htte jedem eine Ohrfeige geben
sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.

Wie wre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umshe? fhrt
er fort. Es knnte gewi nichts schaden, sich zu berzeugen, wie sie
ihren Studien obliegen.

Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, ffnet ganz leise die Tre und
steht in dem Zimmer der Knaben, ohne da einer von ihnen ihn htte
kommen hren. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Kpfen auf,
und Lennart reit ngstlich ein Bndel Papiere an sich, das er in die
Schreibtischlade wirft.

Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt,
in welche Schule sie gehen wrden, und Vater hatte geantwortet, mit
ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er wrde versuchen, einen Meister zu
finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins
Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem
Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer
der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbcher wurden
hervorgesucht, und jeden Vormittag saen die Knaben an einem alten
Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen
Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu
arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt htten.

Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin
und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht.
Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch heran.
Httet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie? fragt er. --
Ja, antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. -- Aber wo habt ihr
das Geographiebuch und den Atlas? -- Die Knaben werfen einen Blick auf
das Bcherbrett und sehen tdlich verlegen aus. Wir haben noch nicht
angefangen, sagt Lennart. -- So, so, sagt Vater. Ihr habt wohl etwas
andres vor. Und er richtet sich ganz vergngt auf. Er hat jetzt die
Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben grndlich an die
Wand gedrckt hat.

Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper
gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel
berwindung gekostet wie frher, artig gegen ihn zu sein. Aber natrlich
haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu
ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid
tut.

Habt ihr einen Brief geschrieben? fragt Vater mit seiner strengsten
Stimme. -- Nein, rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. -- Was
habt ihr denn getan? -- Wir haben nur geplaudert. -- Das ist nicht
wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade
gesteckt hat. -- Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. -- Nehmt es
heraus! ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, da die Shne an seine
Frau geschrieben htten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten,
stnde natrlich etwas Hliches ber ihn darin. Die Knaben rhren sich
nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der
Schublade sitzt. -- Rhr' ihn nicht an! ruft Hugo. Wir haben nur ber
etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.

Hugo schiebt Lennart weg, reit die Lade auf und zieht einen Bogen
Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen
vollgekleckst ist. Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel fr
sein Luftschiff ausgedacht. Und darber haben wir gesprochen.

Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die
Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit
Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre
vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehrt.

Zum grten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich
fort, er lacht auch nicht ber ihre Versuche, sondern er betrachtet
Blatt fr Blatt genau. Vater hat nmlich auch ein wenig Anlage zur
Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte,
fr solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von
diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, da er groen
Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekmpft Lennart seine
Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zgernd, doch allmhlich mit immer
grerer Bereitwilligkeit.

Bald sind Vater und die Kinder in eine tiefsinnige Diskussion ber
Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug
gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre
Plne und Trume mit. Und wenn Vater auch begreift, da die Knaben mit
den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen knnen,
imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Shne sprechen von
Aluminiummotoren, roplanen und Gleichgewichtslagen wie von den
selbstverstndlichsten Dingen. Er hat sie fr rechte Dummkpfe gehalten,
weil sie in der Schule nicht gut vorwrts kamen. Jetzt scheint es ihm
mit einem Male, da sie ein paar kleine Gelehrte seien.

Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, -- das versteht Vater besser
als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so getrumt und
hat durchaus keine Lust, ber solche Trume zu lachen.

An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und
plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen
und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer
groen berraschung richtig gute Freunde.

       *       *       *       *       *

Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straen. Die kleinen
Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben
sich dicht an die Tr gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater sa allein
an einem Tisch, einen groen dunkeln Toddy vor sich, und hrte einer
Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem
Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen.
Was soll das heien? hatte er gefragt. Warum kommt ihr hierher? --
Du solltest doch nach Hause kommen, Vater, sagten die Knaben. Es ist
doch der fnfte Dezember. Du hast ja versprochen -- -- --

Da hat sich Vater erinnert, da Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei
Hugos Geburtstag, und da er versprochen htte, beizeiten nach Hause zu
kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein
Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu
besorgen.

Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er,
unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Strae entlang. Als er
heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es
festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar
Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein
bichen Geld bekommen, und dafr haben sie Nsse, Mandeln und eine
Flasche Himbeersaft gekauft.

Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genieen wollen,
sondern haben gewartet, da Vater heimkomme und sie mit ihnen teile.
Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, knnen sie ein so
groes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es
schmeichelt ihm, da sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich
guter Laune lt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie
er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hlt sich an der
Tischdecke fest, fllt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als
er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft ber den Boden strmt
und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas
verstreut liegen.

Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, luft zur
Tre hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim.

       *       *       *       *       *

An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen ber
der Schulter durch die Strae. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind
mager und bla geworden und sehen ungepflegt und nachlssig aus. Ihr
Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und
Strmpfe und Schuhe zeigen Lcher. Wenn sie miteinander sprechen,
brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrcke, und es kommt auch vor,
da ein Fluch ber ihre Lippen gleitet.

Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich
von dem Abend her, an dem Vater verga, heimzukommen und Hugos
Geburtstag zu feiern. Es war, als htte sie bis dahin doch die Hoffnung
aufrecht erhalten, da eine baldige nderung in ihrem Schicksal
eintreten wrde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, da
Vater ihrer bald mde werden und sie wieder heimschicken wrde. Dann
hatten sie sich eingebildet, Vater wrde sie liebgewinnen und um
ihretwillen zu trinken aufhren. Ja, sie hatten sich gedacht, da Mutter
und er sich vershnen knnten, und da sie alle glcklich sein wrden.
Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, da dies alles unmglich war.
Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu
einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus
ihnen.

Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemchtigte sich der Knaben. Nichts
knnte je anders werden. Sie wrden nie von Vater loskommen. Sie hatten
das Gefhl, als wren sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem
dunkeln Gefngnis eingeschlossen zu sitzen.

Nicht einmal ihre groen Plne konnten sie trsten. Festgekettet, wie
sie hier saen, knnten sie die ja nie zur Ausfhrung bringen. Da sie ja
doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte
der groen Mnner gut genug, um zu wissen, da jeder, der etwas
Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht.

Der hrteste Schlag aber war gewesen, da Mutter zu Weihnachten nicht zu
ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe
gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so da sie whrend der
Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mute und nicht nach Stockholm
reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre
Schule wieder begonnen. berdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles,
was sie zusammengespart hatte, war whrend ihrer Krankheit
draufgegangen.

Die Knaben fhlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar,
da es ihnen nie besser gehen wrde, wie sehr sie sich auch anstrengten;
und darum hatten sie so allmhlich aufgehrt, sich mit dem zu plagen,
was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was
ihnen Spa machte.

Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hrten
ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte
sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge.

Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich
aufzurtteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur
ohnmchtige Anlufe. Er verga seine Befehle ebenso rasch, wie er sie
gegeben hatte.

Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu
vernachlssigen. Niemand hrte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja
keinen Zweck, da sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes
Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang
es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und
sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber
Schlittschuh liefen als daheim saen und lernten.

Heute nun ist ein so wunderschner Tag, da sie unmglich im Zimmer
bleiben knnen. Es sind nur ein paar Grad Klte, -- stille, hohe Luft und
klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, da die Schulen
Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Strae ist voll von Kindern, die
daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise
zueilen.

Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr
ernst und schwermtig aus. Kein Lcheln huscht ber ihr Gesicht. Ihr
Unglck ist so gro, da sie es keinen Augenblick vergessen knnen.

Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist
von einer dichten Menschenmenge umsumt, weiter drauen schwirren die
Schlittschuhlufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschdigt
worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in
blitzschneller Fahrt dahingleiten.

Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die
brigen Lufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt ber
das Eis schieen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch
nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder.

Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie
etwas sehr Schnes. Ein groer Luftballon kommt aus der Richtung von
Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und
als die Sonne darauf fllt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel
ist mit einer Menge bunter Fhnchen geschmckt, und da der Ballon nicht
sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen.

Als die Knaben den Ballon erblicken, stoen sie einen Freudenschrei aus.
Es ist das erstemal in ihrem Leben, da sie einen groen Ballon durch
die Luft segeln sehen. Er ist viel schner, als sie ihn sich vorgestellt
haben. Alle die Trume und Plne, die in so vielen schweren Tagen ihr
Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken.
Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt
sind, sie bemerken den Anker und die Sandscke an der Gondelkante.

Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit ber die vereiste
Bucht. Alle Schlittschuhlufer, gro und klein durcheinander, strzen
ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann
nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungenen Linie, wie ein
ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergngen sich damit, eine
Menge Papierchen in verschiedenen Farben auszuwerfen, die langsam durch
die blaue Luft flattern.

Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon
nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurckgeworfen, den Blick nach oben
gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind,
strahlen ihre Augen von Glck. Sie sind ganz auer sich vor Entzcken
ber das Luftschiff und denken an nichts anderes, als ihm solange zu
folgen wie nur mglich.

Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man mu schon ein guter Lufer
sein, um nicht zurckzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet
sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die
kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, da man auf sie aufmerksam wird.
Spter sagten die Leute, es sei etwas eignes ber ihnen gewesen. Sie
lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der
Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als shen sie eine
Vision.

Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer
Wegweiser, der kme, sie auf den rechten Pfad zurckzufhren und sie zu
lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken,
schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der groen
Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewi, da es ihnen gelingen
wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege
durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff
besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden
sie dort oben hoch ber den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird
weit vollkommener sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich
lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne
Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nchte tragen, wohin sie nur
wollen. Sie werden sich auf den hchsten Berggipfeln niederlassen, die
desten Wsten durchfahren, die am schwersten zugnglichen Gegenden
erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen.

Wir drfen es nicht aufgeben, Hugo, sagt Lennart. Es wird prchtig
sein, wenn wir nur fertig werden.

Vater und sein Unglck, -- das ist etwas, was sie gar nichts mehr angeht.
Wer ein so groes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von etwas
Erbrmlichem hindern lassen.

Je weiter der Ballon kommt, desto grer wird seine Geschwindigkeit. Die
Schlittschuhlufer haben nun aufgehrt, ihn zu verfolgen. Die einzigen,
die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und
leicht dahin, als htten sie Flgel an den Fen.

Pltzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit
ber die Bucht schauen knnen, ein Schrei des Entsetzens und der Angst.
Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem
offenen Fahrwasser zugleitet.

Drauen ist offenes Wasser! Offenes Wasser! So rufen die Menschen.

Die Schlittschuhlufer unten auf dem Eise hren die Rufe und wenden ihre
Blicke der Mndung der Bucht zu. Sie sehen, da weit drauen ein
Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, da zwei kleine
Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken, weil
sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur einen
Moment zur Erde zu wenden.

Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnellufer eilen
dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie
sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, da sie die einzigen
sind, die es verfolgen: sie hren keine Rufe hinter sich, sie vernehmen
nicht das Wogen und Brausen des offenen Wassers vor sich. Sie sehen nur
den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fhlt Lennart, wie sein
eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt ber den
geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin.

Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben
dem offenen Wasser nhern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so
atemlose Spannung, da sie weder rufen noch ein Glied rhren knnen. Es
liegt wie eine Verzauberung ber den beiden Kindern, die in ihrem wilden
Dahinstrmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden
Himmelserscheinung nach.

Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben
bemerkt. Sie sehen, da sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und
machen warnende Gebrden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie
sehen, da die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene
wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen
empor, berglcklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum
folgen zu drfen.

In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit
emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobenen Armen
gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die
Schlittschuhlufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar
Sekunden spter an der Eiskante, aber die Strmung hat die Krper unter
das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen.





Herrn Arnes Schatz

Im Pfarrhofe von Solberga

1

Zur Zeit, als Knig Friedrich II. von Dnemark Bohusln regierte
[1559-1588], wohnte in Marstrand ein armer Fischkrmer, der Torarin
hie. Er war ein schwacher und geringer Mann, sein einer Arm war lahm,
so da er weder zur Fischerei noch zum Rudern taugte. Er konnte seinen
Unterhalt nicht auf der See verdienen wie die anderen Inselbewohner,
sondern er zog umher und verkaufte eingesalzene und getrocknete Fische
an die Leute auf dem Festlande. Er war nicht viele Tage des Jahres
daheim, er zog immer von Dorf zu Dorf mit seinem Fischwagen.

An einem Februartage, als die Dmmerung hereinbrach, kam Torarin den Weg
gefahren, der von Kunghll nach dem Kirchspiel Solberga fhrte. Es war
ganz einsam und menschenleer auf dem Wege, aber Torarin brauchte sich
darum nicht Schweigen aufzuerlegen. Er hatte neben sich auf der Fuhre
einen verllichen Freund, mit dem er Zwiesprach pflegen konnte. Das war
ein kleiner schwarzer Hund mit buschigem Fell, den Torarin Grim nannte.
Er lag meistenteils still da, den Kopf zwischen die Beine geklemmt, und
blinzelte nur zu allem, was sein Herr sagte. Aber wenn er etwas zu hren
bekam, was ihm nicht behagte, dann stellte er sich auf der Fuhre auf,
streckte die Schnauze in die Luft und heulte rger als ein Wolf.

Nun will ich dir erzhlen, Grim, mein Hund, sagte Torarin, da ich
heute groe Neuigkeiten gehrt habe. Sowohl in Kunghll als in Kareby
sagten sie mir, da das Meer zugefroren sei. Es ist nun eine Zeitlang
ruhiges schnes Wetter gewesen, das weit du ja am besten, der du alle
Tage drauen gewesen bist, und das Meer soll nicht nur in den Buchten
und Sunden zugefroren sein, sondern weit hinaus ins Kattegat. Es gibt
jetzt zwischen den Schren keinen Weg fr Boote und Schiffe, da ist
berall nur starkes hartes Eis, und man kann nun mit Schlitten und Pferd
bis hinaus nach Marstrand und zur Paternosterschre fahren.

Alles dies hrte der Hund, und es schien ihm nicht zu mifallen. Er lag
still da und blinzelte Torarin an.

Wir haben nicht mehr sonderlich viel Fische hier auf der Fuhre brig,
sagte Torarin gleichsam berredend. Was wrdest du nun dazu sagen, wenn
wir bei der nchsten Wegscheide einbgen und nach Westen zum Meere
fhren? Wir fahren an der Solberger Kirche vorbei und hinunter nach
dmalsskil, und dann glaube ich nicht, da es viel mehr als fnfviertel
Meilen Wegs nach Marstrand sind. Es wre doch eine schne Sache, einmal
heimkommen zu knnen, ohne Boot oder Fhre zu benutzen.

Sie fuhren ber die lange Karebyer Heide, und obgleich den ganzen Tag
ruhiges Wetter gewesen war, kam jetzt ein kalter Lufthauch ber die
Heide gestrichen und machte die Fahrt unbehaglich.

Es mag weichlich aussehen, da wir so mitten in der besten Arbeitszeit
heimfahren, sagte Torarin und schlug der Klte wegen mit den Armen um
sich. Aber wir sind nun doch viele Wochen unterwegs gewesen, du und
ich, und knnen es gut brauchen, ein paar Tage daheim zu sitzen und die
Klte aus dem Krper auszutreiben.

Da der Hund noch immer still dalag, schien Torarin seiner Sache sicherer
zu werden, und er fuhr in zuversichtlicherem Tone fort:

Nun hat Mutter viele, viele Tage einsam daheim in der Htte gesessen.
Sie sehnt sich wohl danach, uns wiederzusehen. Und in Marstrand geht es
nun im Winter hoch her. Straen und Gchen, Grim, sind voll von fremden
Fischern und Kaufleuten. In den Seeschuppen gibt es jeden Abend Tanz.
Und das viele Bier, das in den Schenken fliet! Das kannst du dir gar
nicht denken.

Als Torarin dies sagte, beugte er sich zu dem Hunde hinab, um zu sehen,
ob er auf das hrte, was er zu ihm sprach.

Aber da der Hund ganz wach dalag und kein Zeichen des Mivergngens gab,
bog Torarin in den ersten Weg ein, der nach Westen zum Meere fhrte. Er
knallte mit der Peitsche und lie das Pferd rasch traben.

Da wir am Solberger Pfarrhof vorbeikommen, sagte Torarin, werde ich
wohl dort vorsprechen und fragen, ob es sicher ist, da das Eis bis nach
Marstrand trgt. Dort mssen sie wohl darber Bescheid wissen.

Torarin hatte dies mit leiser Stimme gesagt, ohne daran zu denken, ob
der Hund ihn hrte oder nicht. Aber kaum waren die Worte gesprochen, als
der Hund sich auf der Fuhre aufstellte und ein entsetzliches Geheul
ausstie.

Das Pferd machte einen Sprung zur Seite, und auch Torarin erschrak und
drehte sich um, um zu sehen, ob ihm Wlfe nachjagten. Aber als er
merkte, da es Grim war, der so heulte, versuchte er ihn zu beruhigen.

Lieber, sagte er zu ihm, wie viele Male sind wir, du und ich, im
Pfarrhof von Solberga eingekehrt. Ich kann ja nicht sagen, ob Herr Arne
wei, wie es mit dem Eise steht, aber das wei ich sicher, da er uns
ein gutes Abendbrot vorsetzt, ehe wir unsere Seereise antreten.

Doch seine Worte vermochten den Hund nicht zu beschwichtigen. Er
richtete die Schnauze empor und heulte immer furchtbarer.

Da fehlte nicht viel, da es Torarin unheimlich zumute geworden wre. Es
war nun beinahe dunkel geworden, aber Torarin konnte doch die Kirche von
Solberga sehen und die weite Ebene ringsherum, die nach der Landseite
von breiten bewaldeten Hhen geschtzt dalag, und von runden nackten
Felsenklippen nach dem Meere zu. Wie er da ganz mutterseelenallein ber
die weite weie Ebene fuhr, kam er sich wie ein ganz geringes und
kleines Gewrm vor, aber von den dunklen Wldern und den den
Felsenklippen rckten groe Ungeheuer und Trolle aller Art an, die sich
nach Anbruch der Dunkelheit hinaus ins Land wagten. Und auf der ganzen
Ebene gab es sonst niemand, auf den sie sich strzen konnten, als den
armen Torarin.

Aber zu gleicher Zeit versuchte er den Hund zu beruhigen.

Lieber, was hast du gegen Herrn Arne? Er ist der reichste Mann im
Lande. Er ist aus hohem Geschlecht, und wre er nicht Geistlicher, so
wrde er ein mchtiger Anfhrer geworden sein.

Aber damit konnte er den Hund nicht zum Schweigen bringen. Da ri
Torarin die Geduld, so da er den Hund beim Nackenfell packte und ihn
vom Wagen hinunterwarf.

Der Hund lief ihm nicht nach, als er weiter fuhr, sondern blieb auf dem
Wege stehen und heulte, bis Torarin durch ein dunkles Tor einfuhr und in
den Hof des Pfarrhauses kam, der von vier langen niedrigen Holzbauten
eingeschlossen wurde.


2

Im Pfarrhof von Solberga sa der Pfarrer, Herr Arne, und a sein
Abendbrot im Kreise aller seiner Hausgenossen. Es war kein Fremder
zugegen auer Torarin.

Der Pfarrer war ein alter, weihaariger Mann, aber er war doch noch
krftig und hoch. Er hatte seine Gattin neben sich sitzen. Ihr hatten
die Jahre bel mitgespielt. Ihr Kopf und ihre Hnde zitterten, und sie
war beinahe taub. An Herrn Arnes anderer Seite sa der Hilfspfarrer. Er
war jung und bleich und hatte ein bekmmertes Aussehen, so als ob er
alle die Gelehrsamkeit nicht tragen knnte, die er whrend seines
Studienjahres in Wittenberg eingesammelt hatte.

Diese drei saen zu oberst am Tische, gleichsam ein wenig fr sich. Nach
ihnen kam Torarin, und dann die Diener. Diese waren auch alte Leute. Da
waren drei Knechte, sie hatten Kahlkpfe, ihre Rcken waren gebeugt, und
die Augen zwinkerten und trnten. Der Mgde waren nicht mehr als zwei.
Sie waren etwas jnger und rstiger als die Knechte, aber sie schienen
doch hinfllig und voller Altersgebresten.

Am allerweitesten unten am Tische saen zwei Kinder. Das eine war Herrn
Arnes Sohnestochter, sie zhlte nicht mehr als vierzehn Jahre. Sie war
blondhaarig und zartgliedrig, das Gesicht war noch nicht recht fertig,
aber sie sah aus, als wrde sie lieblich werden. Sie hatte ein anderes
kleines Jngferchen neben sich. Das war eine arme vater- und mutterlose
Waise, die immer im Pfarrhof lebte. Die beiden saen dicht aneinander
geschmiegt auf der Bank, und es hatte den Anschein, als ob groe
Freundschaft zwischen ihnen herrschte.

Alle diese Leute saen da und aen im tiefsten Schweigen. Torarin sah
vom einen zum andern, aber keiner hatte Lust, whrend der Mahlzeit zu
sprechen. Alle die Alten dachten bei sich: Es ist eine groe Sache, sein
Essen zu haben und nicht Not leiden oder hungern zu mssen, wie wir es
in unserm Leben oftmals muten. Whrend wir essen, drfen wir an nichts
anderes denken als daran, Gott fr seine Gte zu danken.

Da Torarin niemand hatte, mit dem er reden konnte, wanderten seine
Blicke das Zimmer hinauf und hinab. Er lie die Augen von dem groen
Ofen, der in vielen Geschossen unten von der Eingangstre hinaufgemauert
war, zu dem groen Himmelbette schweifen, das in der entferntesten Ecke
des Zimmers stand. Er blickte von den wandfesten Bnken, die rings um
die Stube liefen, hinauf zum Windfang an der Decke, durch den der Rauch
hinauszog und die Winterklte hereinstrmte.

Als Torarin, der Fischkrmer, der in der kleinsten und rmlichsten Htte
der Schren hauste, dies alles sah, dachte er: Wenn ich ein groer Herr
wre, wie Herr Arne, dann wrde ich mich nicht damit begngen, in einer
uralten Htte mit einer einzigen Stube zu wohnen. Ich wrde mir ein Haus
bauen mit Giebeln und vielen Gemchern, so wie der Brgermeister und die
Ratsmnner in Marstrand es tun.

Aber am hufigsten heftete Torarin seine Blicke auf eine groe
Eichentruhe, die zu Fen des Himmelbettes stand. Er sah sie so oft an,
weil er wute, da Herr Arne darin all sein Silbergeld verwahrte, und er
hatte gehrt, es wre so viel, da es die Truhe bis hinauf zum Rande
fllte.

Und Torarin, der so arm war, da er fast nie einen Silberling in der
Tasche hatte, sagte zu sich selber: Ich mchte dieses Geld dennoch nicht
haben. Man sagt, Herr Arne htte es aus den groen Klstern genommen,
die frher einmal hier im Lande waren, und die alten Mnche htten
prophezeit, da dieses Geld ihn ins Unglck strzen wrde.

Als Torarin eben in diesen Gedanken dasa, sah er, wie die alte
Hausmutter die Hand an das Ohr hielt, um besser zu hren. Hierauf wandte
sie sich an Herrn Arne und fragte ihn: Warum schleifen sie Messer auf
Branehg?

Es war eine so tiefe Stille im Zimmer, da alle zusammenzuckten und
erschrocken aufblickten, als die alte Frau dies fragte. Als sie sahen,
da sie dasa und auf etwas horchte, hielten sie ihre Milchlffel still
und strengten sich an, um zu hren.

Eine Weile war es ganz totenstill in der Stube, aber dabei wurde die
alte Frau immer unruhiger und unruhiger. Sie legte die Hand auf Herrn
Arnes Arm und fragte ihn: Ich wei nicht, warum sie heute abend auf
Branehg so lange Messer schleifen?

Torarin sah, da Herr Arne ihr ber die Hand strich, um sie zu
beruhigen. Aber er dachte nicht daran, zu antworten, sondern a ruhig
wie zuvor weiter.

Die alte Frau sa noch immer da und horchte. Vor Angst traten ihr Trnen
in die Augen, und ihre Hnde und ihr Kopf zitterten immer heftiger.

Da begannen die beiden kleinen Jngferchen, die am Tischende saen, vor
Angst zu weinen.

Knnt ihr nicht hren, wie es scharrt und kratzt? fragte die Alte.
Knnt ihr nicht hren, wie es zischt und knirscht?

Herr Arne sa still und streichelte seiner Frau die Hand. Solange er
schwieg, wagte niemand sonst ein Wort zu uern.

Aber alle glaubten, da die alte Hausmutter etwas hre, was entsetzlich
und unheilbringend sei. Alle fhlten, wie das Blut in ihren Adern
erstarrte. Es sa niemand am Tische, der noch einen Bissen zum Munde
fhrte, auer dem alten Herrn Arne selbst.

Sie dachten daran, da die alte Hausmutter es war, die durch viele Jahre
Sorge fr das Haus getragen hatte. Sie war immer daheim auf dem Hofe
geblieben und hatte mit Klugheit und Frsorglichkeit ber Kinder und
Gesinde, ber Hab und Gut und Viehstand gewacht, so da alles gedieh.
Nun war sie abgearbeitet und steinalt, aber es war doch gewi, da sie
es vor allen anderen merken wrde, wenn dem Hofe Gefahr drohte.

Die alte Frau wurde immer ngstlicher und ngstlicher. Sie faltete die
Hnde, und in ihrer Hilflosigkeit begann sie so bitterlich zu weinen,
da groe Trnen ber die verschrumpften Wangen rollten.

Fragst du gar nicht danach, Arne Arneson, da mir so bange ist? klagte
sie.

Herr Arne beugte sich nun zu ihr hinab und sagte: Ich wei nicht, wovor
du dich frchtest.

Ich frchte mich vor den langen Messern, die sie auf Branehg
schleifen, sagte sie.

Wie kannst du hren, da sie auf Branehg Messer schleifen? sagte Herr
Arne und lachte. Der Hof liegt ja eine Viertelmeile Wegs von hier. Nimm
nur wieder den Lffel zur Hand und la uns unser Abendbrot beenden.

Die Alte versuchte, ihr Entsetzen zu unterdrcken. Sie nahm den Lffel
und steckte ihn in die Milchschale, aber dabei zitterte ihre Hand so,
da alle hrten, wie der Lffel an den Rand schlug. Sie legte ihn gleich
zurck. Wie kann ich essen? sagte sie. Hre ich denn nicht, wie es
knirscht? Hre ich denn nicht, wie es feilt?

Im selben Augenblicke schob Herr Arne den Milchnapf von sich und faltete
die Hnde. Alle anderen taten ein gleiches, und der Hilfsgeistliche
begann das Tischgebet zu sprechen.

Als dieses beendet war, sah Herr Arne zu denen hinunter, die unten am
Tische saen, und als er merkte, da sie bleich und erschrocken
aussahen, wurde er zornig.

Er fing mit ihnen von den Zeiten zu sprechen an, als er eben nach
Bohusln gekommen war, um die lutherische Lehre zu predigen. Da hatten
er und seine Diener vor den Ppstlichen fliehen mssen wie gehetzte
wilde Tiere. Haben wir nicht unsere Feinde im Hinterhalt auf uns lauern
sehen, wenn wir in das Haus Gottes zogen? Waren wir nicht aus dem
Pfarrhof vertrieben, und haben wir nicht gleich Friedlosen in den Wald
ziehen mssen? Steht es uns an, eines bsen Omens wegen den Mut zu
verlieren und zu verzweifeln?

Wie Herr Arne so sprach, sah er aus wie ein Recke, und die anderen
faten frischen Mut, als sie ihn hrten.

Das ist ja wahr, dachten sie. Gott hat Herrn Arne in den grten
Gefahren beschtzt. Er hlt seine Hand ber ihm. Er lt seinen Diener
nicht untergehen.


3

Als Torarin auf die Strae hinausfuhr, kam ihm sein Hund Grim entgegen
und sprang auf die Fuhre hinauf. Als Torarin sah, da der Hund vor dem
Pfarrhof gewartet hatte, wurde er aufs neue unruhig. Lieber, warum
stehst du den ganzen Abend hier unterm Tore? Warum gehst du nicht in die
Htte und lt dir einen Abendimbi geben? sagte er zum Hunde. Kann
Herrn Arne etwas Bses bevorstehen? Vielleicht habe ich ihn zum
letztenmal gesehen. Aber auch ein solcher Recke wie er mu wohl einmal
sterben. Er ist nun wohl an die neunzig Jahre alt.

Er lenkte das Pferd auf einen Weg, der an dem Hofe Branehg vorbei hinab
nach dmalsskil fhrte.

Als er nach Branehg kam, sah er, da Schlitten auf dem Hofe standen und
ein Lichtschein durch die verschlossenen Fensterladen drang.

Da sagte Torarin zu Grim. Hier sind die Leute noch auf. Ich will
hineinfahren und fragen, ob sie heute abend hier im Hause Messer
geschliffen haben.

Er fuhr in den Hof, aber als er die Tr zur Stube ffnete, sah er, da
darinnen ein Gastmahl abgehalten wurde. Auf den Bnken, den Wnden
entlang, saen alte Mnner und tranken Bier, und auf der Diele gingen
die Jungen umher und spielten und tanzten.

Torarin sah sogleich, da hier niemand daran dachte, seine Waffen zu
blutiger Tat zu bereiten. Er schlug die Tre wieder zu und wollte seiner
Wege gehen, aber der Herr des Hauses kam ihm nach. Er bat Torarin, zu
bleiben, da er nun einmal gekommen wre, und zog ihn mit hinein in die
Stube.

Torarin sa eine gute Weile in groem Behagen da und plauderte mit den
Bauern. Sie waren sehr aufgerumt, und Torarin war es zufrieden, sich
alle dsteren Gedanken aus dem Sinne zu schlagen.

Aber Torarin war nicht der einzige, der an diesem Abend spt zum
Gastmahl kam. Lange nachher traten ein Mann und eine Frau zur Tre
herein. Sie waren drftig gekleidet, und sie blieben verzagt in der Ecke
zwischen der Tr und dem Herde stehen.

Der Wirt ging sogleich zu den beiden Gsten hin. Er nahm sie beide bei
der Hand und fhrte sie hinauf in die Stube. Dann sagte er zu den
brigen. Ist es nicht wahr, was man sagt: die, die den krzesten Weg
haben, kommen am sptesten ans Ziel? Dies sind meine nchsten Nachbarn.
Es gibt keine anderen Ansiedler hier in Branehg, als sie und mich.

Sage lieber gleich, da es keine gibt auer dir, sagte der Mann. Du
kannst mich nicht einen Ansiedler nennen. Ich bin nur ein armer Khler,
den du auf deinem Boden bauen lieest.

Der Mann setzte sich neben Torarin, und sie begannen miteinander zu
sprechen. Der neue Ankmmling erzhlte Torarin, warum er so spt zum
Gastmahl kme. Das wre, weil sie daheim in ihrer Htte einen Besuch
gehabt htten, den sie nicht allein zu lassen wagten. Es wren drei
Gerbergesellen, die den ganzen Tag bei ihnen verbracht htten. Am
Morgen, als sie gekommen wren, wren sie ermattet und krank gewesen.
Sie htten gesagt, sie seien eine ganze Woche im Walde umhergeirrt. Aber
nachdem sie gegessen und geschlafen htten, wren sie bald zu Krften
gekommen, und am Abend htten sie gefragt, welches Gehft das reichste
und grte in der Gegend sei. Dorthin wollten sie gehen, um Arbeit zu
suchen. Die Frau htte ihnen geantwortet, da der Pfarrhof, wo Herr Arne
wohnte, das ansehnlichste Anwesen wre. Da htten sie alsogleich aus
ihren Rnzeln lange Messer gezogen und angefangen, sie zu schleifen.
Dies htten sie eine gute Weile fortgesetzt, und dabei htten sie so
wild ausgesehen, da der Khler und sein Weib nicht gewagt htten, das
Haus zu verlassen. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie dasaen und mit
ihren Messern knirschten, sagte der Mann. Sie sahen furchtbar aus, sie
hatten groe Brte, die sie so manchen Tag nicht gestutzt oder gepflegt
hatten, und sie waren in zottige Fellrcke gekleidet, die zerfetzt und
schmutzig waren. Ich glaubte, es seien zwei Werwlfe in die Stube
gekommen. Ich war froh, als sie sich endlich trollten.

Als Torarin dies hrte, erzhlte er dem Khler, was er selbst im
Pfarrhof mitgemacht hatte.

Also war es doch wahr, da sie heute abend in Branehg Messer
schliffen, sagte Torarin und lachte. Er hatte viel getrunken, weil er
so traurig und bedrckt auf den Hof gekommen war. Und so hatte er denn
versuchen mssen, sich zu trsten, so gut er konnte. Nun bin ich wieder
froh, sagte er, da ich jetzt wei, da die Pfarrersfrau kein anderes
Vorzeichen gehrt hat als ein paar Gerber, die ihre Werkzeuge in Ordnung
brachten.


4

Lange nach Mitternacht traten ein paar Mnner aus der Stube auf
Branehg, um ihre Pferde anzuschirren und heimzufahren.

Als sie auf den Hof kamen, sahen sie im Norden eine Feuersbrunst zum
Himmel flackern. Sie eilten sogleich in die Stube zurck und riefen:
Stehet auf! Stehet auf! Der Pfarrhof von Solberga steht in Flammen!

Es waren viele Leute bei dem Gastmahl, und wer ein Pferd hatte, schwang
sich darauf und eilte zum Pfarrhof, aber beinahe ebenso rasch kamen die
ans Ziel, die auf ihren eigenen flinken Fen hinlaufen muten. Als die
Leute zum Pfarrhof kamen, schien da kein Mensch auf zu sein, sondern
alle schienen zu schlafen, obgleich das Feuer hoch zum Himmel loderte.

Aber es war keines der Huser, das brannte, sondern ein groer Haufen
Reisig und Stroh und Holz, der an der Wand des alten Pfarrhauses
aufgeschichtet war. Er konnte noch nicht lange gebrannt haben. Die
Flammen hatten gerade nur das gute Zimmerholz der Wand geschwrzt und
den Schnee auf dem Strohdache zum Schmelzen gebracht. Jetzt war jedoch
das Stroh des Daches im Begriffe anzubrennen. Alle begriffen sogleich,
da dies ein Mordbrand war. Sie fingen zu zweifeln an, ob Herr Arne und
seine Hausgenossen wirklich schliefen, oder ob ein Unglck sie getroffen
htte.

Aber bevor die Retter in das Haus drangen, wlzten sie mit langen
Stangen den brennenden Scheiterhaufen von der Hauswand fort und
kletterten auf das Dach und rissen das Stroh ab, das zu rauchen begonnen
hatte und nahe daran war, Feuer zu fangen.

Dann gingen ein paar Mnner auf die Haustre zu, um einzutreten und
Herrn Arne zu wecken, aber als der, der voranging, zur Schwelle kam,
wich er zur Seite und lie einem den Vortritt, der nach ihm kam.

Dieser machte einen Schritt vorwrts, aber als er die Hand nach dem
Trgriff ausstrecken wollte, ging er zurck und machte jenen Platz, die
hinter ihm standen.

Es deuchte sie eine grausige Tr, die da zu ffnen war; denn es kam ein
breiter Blutstrom unter der Schwelle hervorgerieselt, und der Trgriff
war mit Blut besudelt.

Da ging die Tre vor ihnen auf, und Herrn Arnes Hilfsgeistlicher kam
heraus. Er taumelte auf die Mnner zu, er hatte eine tiefe Wunde im
Kopfe und war blutberstrmt. Er stand einen Augenblick aufrecht und
reckte seine Hand empor, um Schweigen zu gebieten. Dann sagte er mit
rchelnder Stimme:

In dieser Nacht ist Herr Arne und sein ganzes Haus von drei Mnnern
ermordet worden, die durch den Windfang des Daches hereingeklettert
kamen und in zottige Felle gehllt waren. Sie strzten sich ber uns her
wie wilde Tiere und tteten uns.

Mehr vermochte er nicht zu sagen. Er fiel vor den Fen der Mnner hin
und war tot.

Nun traten die Leute in das Haus und fanden alles so, wie der
Hilfspfarrer gesagt hatte.

Die groe Eichentruhe, in der Herr Arne sein Geld verwahrte, war
verschwunden, und Herrn Arnes Pferd war aus dem Stalle genommen, und
sein Schlitten aus dem Schuppen.

Es fhrten Schlittenspuren vom Hofe ber die Pfarrhofwiesen hinab zum
Meere, und ein Dutzend Mnner eilten davon, um die Mrder zu greifen.
Aber die Frauen mhten sich um die Toten und trugen sie aus der
bluttriefenden Stube hinaus in den reinen Schnee.

Da fand man nicht alle von Herrn Arnes Hausgenossen, sondern einer
fehlte. Es war die arme Jungfrau, die Herr Arne in sein Haus aufgenommen
hatte. Da herrschte groe Verwunderung, ob es ihr vielleicht geglckt
wre, zu entfliehen, oder ob die Ruber sie mitgenommen htten.

Aber als sie das ganze Haus genau durchsuchten, fanden sie sie zwischen
dem groen Ofen und der Wand versteckt. Sie hatte sich whrend des
Kampfes dort verborgen gehalten und war ganz unversehrt. Aber sie war
vom Schrecken so mitgenommen, da sie nicht Rede noch Antwort stehen
konnte.



Auf den Brcken

Die arme Jungfrau, die von dem Blutbade verschont geblieben war, hatte
Torarin mit nach Marstrand genommen. Er hatte ein so groes Mitleid fr
sie gefat, da er ihr angeboten hatte, in seiner engen Htte zu wohnen
und Speise und Trank mit ihm und seiner Mutter zu teilen.

Dies ist das einzige, was ich fr Herrn Arne tun kann, dachte Torarin,
zum Lohn fr alle die vielen Male, wo er mir meine Fische abgekauft hat
und mich an seinem Tische essen lie.

So arm und gering ich auch bin, dachte Torarin, ist es doch besser fr
die Jungfrau, da sie mit mir in die Stadt kommt, als wenn sie hier bei
den Bauern bleibt. In Marstrand gibt es viele reiche Brger, und die
Jungfrau wird vielleicht bei einem von ihnen einen Dienst finden und so
ihr gutes Auskommen haben.

In den ersten Tagen, nachdem die Jungfrau zur Stadt gekommen war, sa
sie da und weinte vom Morgen bis zum Abend. Sie jammerte ber Herrn Arne
und sein Haus, und sie klagte, weil sie alle verloren hatte, die ihr
nahe standen. Am meisten jedoch wehklagte sie ber ihre Milchschwester
und sagte, sie wnschte, sie htte sich nicht an der Mauer versteckt, so
da sie ihr in den Tod htte folgen knnen.

Torarins Mutter sagte nichts dazu, solange der Sohn daheim war. Aber als
er wieder seine Fahrt angetreten hatte, sagte sie eines Morgens zu der
Jungfrau:

Ich bin nicht so reich, Elsalill, da ich dir Nahrung und Kleidung
geben kann, damit du hier mit den Hnden im Schoe sitzest und deinen
Kummer htest. Komm du mit mir hinunter auf die Brcken und lerne Fische
reinigen!

Da ging Elsalill mit ihr hinunter auf die Brcken und stand den ganzen
Tag unter den anderen Fischerinnen und arbeitete.

Aber die meisten Frauen auf den Brcken waren jung und frohgemut. Sie
begannen mit Elsalill zu sprechen und fragten sie, warum sie so traurig
und stumm wre.

Da begann Elsalill ihnen zu erzhlen, was fr ein Abenteuer ihr vor
nicht mehr als drei Nchten widerfahren war. Sie erzhlte von den drei
Rubern, die durch den Windfang des Daches in die Stube gedrungen waren
und alle gemordet hatten, die ihr im Leben nahe standen.

Als Elsalill dies erzhlte, fiel ein schwarzer Schatten auf den Tisch,
an dem sie stand und arbeitete. Und als sie aufsah, standen vor ihr drei
vornehme Herren, die breite Hte mit groen Federn trugen und
Samtkleider mit groen Puffen, die mit Seide und Gold bestickt waren.

Einer von ihnen schien der Vornehmste zu sein. Er war sehr bleich, sein
Bart war geschoren, und die Augen lagen tief in ihren Hhlen. Es hatte
den Anschein, als wre er jngst krank gewesen. Aber sonst sah er aus
wie ein frhlicher und khner Kavalier, der auf den besonnten Brcken
umherging, um die Leute seine schnen Kleider und sein schnes Gesicht
sehen zu lassen.

Elsalill hielt mit der Arbeit und mit der Erzhlung inne. Sie stand mit
offenem Munde und aufgerissenen Augen da und betrachtete ihn. Und er
lchelte ihr zu.

Wir sind nicht hergekommen, um dich zu erschrecken, Jungfrau, sagte
er, und wir bitten dich, da du auch uns gestattest, deiner Erzhlung
zu lauschen.

Die arme Elsalill, niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie einen solchen
Mann gesehen. Sie vermeinte, vor ihm nicht sprechen zu knnen. Sie
schwieg nur und sah hinunter auf ihre Arbeit.

Da begann der Fremde noch einmal: Sei doch nicht bange, Jungfrau. Wir
sind Schotten, die wohl an die zehn Jahre in den Diensten des Knigs
Johann von Schweden gestanden haben, aber jetzt haben wir Urlaub und
wollen heimreisen. Wir sind nach Marstrand gekommen, um eine
Fahrgelegenheit nach Schottland hinber zu finden, aber als wir
herkamen, lagen alle Sunde und Fjorde gefroren, und hier mssen wir nun
bleiben und warten. Wir haben keinerlei Beschftigung, und darum
schlendern wir ber die Brcken, um Leute zu treffen. Wir wren froh,
Jungfrau, wenn du uns deine Geschichte hren lieest.

Elsalill begriff, da er so lange sprach, um ihr Zeit zu geben, ihre
Fassung wiederzuerlangen. Endlich dachte sie bei sich selber: Du mut
doch wohl zeigen, da du nicht zu gering bist, um mit einem hohen Herrn
zu sprechen, Elsalill! Du bist doch eine Jungfrau von guter Geburt, und
keine Fischerdirne!

Ich sprach nur von dem groen Blutbade im Pfarrhofe von Solberga,
sagte Elsalill. Es sind ihrer so viele, die davon zu erzhlen wissen.

Ja, sagte der Fremde, aber ich wute bis jetzt nicht, da jemand von
Herrn Arnes Leuten mit dem Leben davongekommen ist.

Da erzhlte Elsalill noch einmal von dem Eindringen der wilden Ruber.
Sie erzhlte, wie die alten Knechte sich um Herrn Arne geschart hatten,
um ihn zu schtzen, und wie Herr Arne selbst sein Schwert von der Wand
gerissen hatte und auf die Ruber eingedrungen war, die aber hatten sie
alle besiegt. Und die alte Pfarrersfrau hatte das Schwert ihres Mannes
aufgehoben und war auf die Ruber losgegangen, aber sie hatten sie nur
ausgelacht und sie mit einem Holzscheit zu Boden geschlagen. Und alle
die anderen Frauen hatten sich auf die Ofenmauer verkrochen, aber als
die Mnner tot waren, kamen die Mrder und rissen sie herunter und
mordeten sie. Die letzte, die sie tteten, sagte Elsalill, war meine
liebe Pflegeschwester. Sie bat so flehentlich um ihr Leben, und zwei von
ihnen wollten es ihr schenken, aber der dritte sagte, alle mten
sterben, und stach ihr sein Messer ins Herz.

Solange Elsalill von Mord und Blut sprach, standen die drei Mnner vor
ihr still. Sie tauschten keinen Blick miteinander, aber ihre Ohren
wurden gleichsam lang vom Horchen, und ihre Augen funkelten, und
zuweilen ffneten sich ihre Lippen, so da die Zahnreihen
hervorleuchteten.

Elsalill stand da, die Augen voll Trnen, nicht ein einzigesmal sah sie
auf, whrend sie sprach. Sie sah nicht, da der Mann vor ihr Augen und
Zhne hatte wie ein Wolf. Erst als sie zu Ende gesprochen hatte,
trocknete sie ihre Trnen und sah zu ihm auf.

Doch als er Elsalills Augen begegnete, vernderte sich sein Gesicht
alsogleich.

Da du die Mrder so gut gesehen hast, Jungfrau, sagte er, httest du
sie wohl sogleich wiedererkannt, wenn du ihnen begegnet wrest?

Hab' ich sie doch nicht anders gesehen als beim Schein der Kienspne,
die sie aus dem Herde rissen, um sich beim Morden zu leuchten, sagte
Elsalill, aber dennoch wrde ich sie mit Gottes Hilfe wohl
wiedererkennen. Und ich bete alle Tage zu Gott, da ich ihnen begegnen
mchte.

Was meinst du damit, Jungfrau? fragte der Fremde. Ist es nicht wahr,
da die mrderischen Wanderer tot sind?

Ja, das wei ich wohl, sagte Elsalill. Die Bauern, die ihnen
nachjagten, verfolgten ihre Spuren vom Pfarrhofe bis zu einer Wake im
Eise. Bis dorthin sahen sie auf dem blanken Eisspiegel Spuren von
Schlittenkufen, Spuren von Pferdehufen, Fustapfen von Menschen, die
harte, eisenbeschlagene Schuhe getragen hatten. Aber von der Wake
fhrten keine Spuren weiter ber das Eis, und darum glaubten die Bauern,
da alle tot wren.

Glaubst du, Elsalill, denn nicht, da sie tot sind? fragte der Fremde.

Doch, ich glaube wohl, da sie ertrunken sind, sagte Elsalill, und
dennoch bete ich jeden Tag zu Gott, da sie entronnen sein mchten. Ich
spreche so zu Gott: La es so sein, da sie nur mit Pferd und Schlitten
in die Wacke gefahren, da sie selbst aber davongekommen sein mchten.

Warum wolltest du das, Elsalill? fragte der Fremde.

Das zarte Mgdlein Elsalill, das warf den Kopf zurck, und ihre Augen
leuchteten: Ich wollte wohl, da sie lebten, damit ich sie ausfindig
machen und greifen knnte. Ich wollte, da sie lebten, damit ich ihnen
das Herz aus der Brust reien knnte. Ich wollte, da sie lebten, damit
ich ihren Leib in vier Teile zerstckelt auf das Rad geflochten she.

Wie wolltest du dies alles bewerkstelligen? sagte der Fremde. Du bist
ja nur so ein schwaches, kleines Jungfrulein.

Wenn sie lebten, sagte Elsalill, dann wrde ich sie schon der Strafe
zufhren. Lieber wollte ich selbst in den Tod gehen, als sie entrinnen
lassen. Sie mgen wohl stark und gewaltig sein, das wei ich, aber mir
wrden sie nicht entrinnen knnen.

Da lchelte der Fremde, aber Elsalill stampfte mit dem Fue.

Wenn sie lebten, dann wrde ich dessen wohl eingedenk sein, da sie mir
mein Heim genommen haben, so da ich jetzt eine arme Dirne bin, die auf
der kalten Brcke stehen und Fische schuppen mu. Ich wrde mich dessen
erinnern, da sie alle gettet haben, die mir nahe standen. Und
besonders wrde ich mich seiner erinnern, der meine Milchschwester von
der Mauer herunterzerrte und sie mordete, die mir so hold gesinnt war.

Aber als die kleine zarte Jungfrau so groen Zorn zeigte, da begannen
die drei schottischen Kriegsleute zu lachen. Sie waren so lachlustig,
da sie ihrer Wege gingen, damit Elsalill keinen Ansto daran nhme. Sie
gingen ber den Hafen ein enges Gchen hinauf, das zum Marktplatz
fhrte. Aber noch lange, nachdem sie verschwunden waren, hrte Elsalill,
wie sie aus vollem Halse lachten, hhnisch und gellend.



Die Ausgesandte

Acht Tage nach seinem Tode wurde Herr Arne in der Kirche von Solberga
beigesetzt, und an demselben Tage wurde auf dem Thingplatze von Branehg
Untersuchung ber den Mord gehalten.

Aber Herr Arne war ein wohlbekannter Mann in Bohusln gewesen, und an
seinem Begrbnistage kamen so viele Menschen, vom Festlande wie von den
Schren, zusammen, da es war, wie wenn ein Kriegsheer sich um seinen
Anfhrer sammelt. Und ber die Felder zwischen der Kirche von Solberga
und Branehg wanderten so viele Leute, da es am Abend keinen Zollbreit
Schnee gab, der nicht von Menschen niedergetreten war.

Doch spt nachts, als alle diese Leute ihrer Wege gezogen waren, kam
Torarin, der Fischkrmer, den Weg von Branehg herauf nach Solberga
gefahren.

Torarin hatte im Laufe des Tages mit vielen Menschen gesprochen. Wieder
und wieder hatte er von Herrn Arnes Tod erzhlt. Er war auch auf dem
Thingplatze wohl verpflegt worden und hatte so manchen Bierkrug leeren
mssen, mit Wanderern, die von weither kamen.

Torarin fhlte sich schwer und trge, er hatte sich auf seiner Fuhre
niedergelegt. Er war betrbt, da Herr Arne dahingegangen war, und als
er in die Nhe des Pfarrhofs kam, begannen ihn noch schwerere Gedanken
zu qulen. Grim, mein Hund, sagte er, wenn ich an dieses Vorzeichen
mit den Messern geglaubt htte, htte ich das ganze Unheil abwehren
knnen. Ich denke oft daran, Grim, mein Hund. Mir ist so ngstlich
zumute, ganz, als htte ich selbst mit dazu geholfen, Herrn Arne aus der
Welt zu schaffen. Merke nun wohl, was ich sage: wenn ich das nchste Mal
so etwas hre, werde ich es glauben und mich danach richten.

Aber whrend Torarin auf dem Wagen lag und mit halbgeschlossenen Augen
vor sich hindmmerte, ging sein Pferd, wie es ihm gefiel; und als es zum
Pfarrhof von Solberga kam, da trabte es aus alter Gewohnheit in den Hof
und ging bis zur Stalltre. Torarin wute von nichts. Erst als das Pferd
stehen blieb, richtete er sich auf und sah sich um. Er schauderte
zusammen, als er sah, da er sich auf dem Hofe vor einem Hause befand,
wo erst vor einer Woche so viele Menschen ermordet worden waren.

Er griff sogleich nach den Zgeln. Er wollte das Pferd umdrehen und
wieder auf den Weg hinausfahren, aber in demselben Augenblick klopfte
ihm jemand auf die Schulter, und er sah sich um. Da stand neben ihm der
alte Olof, der Pferdeknecht, der im Pfarrhofe gedient hatte, solange
Torarin berhaupt zurckdenken konnte.

Hast du es so eilig, heute nacht vom Hofe wegzufahren, Torarin? sagte
der Alte. Komm doch lieber ins Haus hinein! Herr Arne sitzt da und
wartet auf dich.

Torarin gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Er wute nicht, ob er
trumte oder wachte. Olof, den Pferdeknecht, den er frisch und lebend
vor sich stehen sah, hatte er vor einer Woche tot neben den anderen
liegen sehen, mit einer groen Wunde im Halse.

Torarin fate die Zgel fester. Es deuchte ihn das Beste, rasch
fortzukommen. Aber die Hand Olofs, des Pferdeknechts, lag noch auf
seiner Schulter, und der Alte fuhr fort, in ihn zu dringen.

Torarin grbelte hin und her, um eine Ausflucht zu finden. Es lag mir
nicht im Sinn, Herrn Arne zu so spter Stunde zu stren, sagte er. Das
Pferd ist hergetrabt, ohne da ich davon wute. Ich will jetzt
weiterfahren und mir eine Herberge fr die Nacht suchen. Wenn Herr Arne
mich sprechen will, kann ich wohl morgen wiederkommen.

Damit beugte Torarin sich vor und schlug mit der Peitsche nach dem
Pferde, damit es sich in Bewegung setze.

Allein im selben Augenblick stand der Pfarrhofknecht vorne beim Kopfe
des Pferdes, fate es am Zaumzeug und zwang es, still zu stehen. Sei
nicht halsstarrig, Torarin, sagte der Knecht. Herr Arne ist noch nicht
zu Bett gegangen, er sitzt da und wartet auf dich. Und du mut doch
wissen, da du hier ein ebenso gutes Nachtquartier finden kannst wie auf
irgendeinem anderen Hofe im Kirchspiel.

Da wollte Torarin antworten, da er sich nicht damit begngen knnte, in
einem Hause ohne Dach zu wohnen. Aber bevor er etwas sagte, warf er
einen Blick auf das Wohngebude. Da sah er das alte Dach ebenso
wohlbehalten und ansehnlich wie vor dem Brande dastehen. Und doch hatte
Torarin noch an demselben Morgen den nackten Dachstuhl in die Luft ragen
sehen.

Er schaute und schaute und rieb sich die Augen, aber das Pfarrhaus stand
ganz gewi unversehrt da, mit Stroh und Schnee auf dem Dache. Durch den
Windfang sah er Rauch und Funken aufflattern. Und durch die
wohlverschlossenen Fensterladen sah er den Lichtschein hinaus auf den
Schnee fallen.

Wer weit auf der kahlen Landstrae umherzieht, wei sich keinen
traulicheren Anblick als den Lichtschein, der aus einer warmen Stube
dringt. Aber Torarin wurde nur noch erschrockener, als er vorher gewesen
war. Er peitschte das Pferd, so da es sich bumte und ausschlug. Aber
nicht um einen Schritt brachte er es von der Stalltre fort.

Komm du nur mit herein, Torarin, sagte der Stallknecht. Ich dachte,
du wolltest doch in dieser Sache nichts mehr zu bereuen haben.

Nun kam es Torarin wieder in den Sinn, was er sich auf dem Wege gelobt
hatte. Und whrend er eben noch mit hocherhobener Peitsche auf dem Wagen
gestanden hatte, wurde er mit einem Male so zahm wie ein Lamm.

Sieh her, Olof, hier bin ich also! sagte er und sprang von der Fuhre
hinunter. Es ist wahr, da ich in dieser Sache nichts zu bereuen haben
will. Fhre mich jetzt hinein zu Herrn Arne!

Aber die schwersten Schritte, die Torarin noch gegangen war, waren die,
die er ber den Hof zum Hause hin machte.

Als die Tr aufging, schlo Torarin die Augen, um nicht in die Stube
sehen zu mssen. Aber er suchte sich Mut zu machen, indem er an Herrn
Arne dachte. Er hat dir so manche gute Mahlzeit gegeben. Er hat deine
Fische gekauft, wenn auch seine eigene Vorratskammer voll war. Er ist
dir immer im Leben wohlgesinnt gewesen, und sicherlich will er dir auch
nach seinem Tode nicht schaden. Vielleicht will er einen Dienst von dir
verlangen. Du darfst nicht vergessen, Torarin, da man Dankbarkeit
zeigen mu, auch gegen die Toten.

Torarin schlug die Augen auf und sah in die Stube. Da sah er den groen
Raum, ganz wie er ihn immer gesehen hatte. Er erkannte den hohen
gemauerten Ofen wieder und die gewebten Tcher, die die Wnde
bekleideten. Aber er schaute viele Male von Wand zu Wand und vom Boden
zur Decke, bevor er sich ein Herz fate und zu dem Tische und der Bank
hinsah, wo Herr Arne immer gesessen hatte.

Aber endlich blickte er auch dorthin, und da sah er Herrn Arne selbst
leibhaftig am Tische sitzen mit seiner Gattin und dem Hilfspastor zur
Rechten und zur Linken, so wie er ihn vor acht Tagen gesehen hatte. Er
schien eben seine Mahlzeit beendigt zu haben, er hatte den Teller
zurckgeschoben, und der Lffel lag vor ihm auf dem Tische. Alle die
alten Diener und Dienerinnen saen am Tische, aber nur eine von den
jungen Jungfrauen.

Torarin stand lange unten an der Tr und betrachtete die, die am Tische
saen. Sie sahen alle ngstlich und betrbt aus, und auch Herr Arne sa
schwermtig da wie die anderen und sttzte das Haupt in die Hand.

Endlich sah Torarin, da Herr Arne den Kopf erhob.

Bringst du jemand Fremdes mit in die Stube, Pferdeknecht Olof?

Ja, antwortete der Knecht, es ist Torarin, der Fischkrmer, der heute
auf dem Thing in Branehg gewesen ist.

Da schien Herr Arne frhlicher auszusehen, und Torarin hrte ihn sagen.
Tritt nher, Torarin, und la uns die Neuigkeiten vom Thing hren! Hier
habe ich jetzt die halbe Nacht gesessen und auf dich gewartet!

Das alles klang so wirklich und natrlich, da Torarin anfing, sich
immer beherzter zu fhlen. Er ging ganz mutig durch die Stube, auf Herrn
Arne zu. Er fragte sich, ob es nicht ein bser Traum gewesen wre, da
Herr Arne ermordet sei, und ob er nicht in Wahrheit lebte.

Aber whrend Torarin durch die Stube ging, warf er aus alter Gewohnheit
einen Blick auf das Himmelbett, neben dem die groe Geldtruhe zu stehen
pflegte. Aber die eisenbeschlagene Truhe stand nicht mehr auf ihrem
Platze, und als Torarin dies sah, durchlief ihn wieder ein Gruseln.

Nun, Torarin, sage uns, wie es heute auf dem Thing abgelaufen ist, hub
Herr Arne an.

Torarin suchte so zu tun, wie ihm geheien war, und erzhlte vom Thing
und von der Untersuchung, aber er konnte weder seiner Lippen noch seiner
Zunge Herr werden, sondern sprach schlecht und stammelnd.

Herr Arne unterbrach ihn auch sogleich: Sag' mir nur das Wichtigste,
Torarin. Sind unsere Mrder gefunden und bestraft worden?

Nein, Herr Arne, erkhnte sich da Torarin zu antworten. Eure Mrder
liegen auf dem Grunde des Hakefjords. Wie wollt ihr, da jemand Rache an
ihnen nehme?

Als Torarin diese Antwort gab, schien in Herrn Arne wieder seine alte
Laune zu fahren, und er schlug mit der Hand hart auf den Tisch. Was
sagst du da, Torarin? Der Amtmann auf Bohus wre mit seinen Beistnden
und Schreibern hier gewesen und htte Thing gehalten, und da htte ihm
niemand sagen knnen, wo er meine Mrder finden soll?

Nein, Herr Arne, antwortete Torarin, das kann ihm niemand unter den
Lebenden sagen.

Herr Arne sa eine Weile mit gerunzelter Stirn und blickte dster vor
sich hin. Dann wandte er sich noch einmal an Torarin.

Ich wei, da du mir ergeben bist, Torarin. Kannst du mir sagen, wie
ich Rache nehmen soll an meinen Mrdern?

Ich kann es wohl verstehen, Herr Arne, sagte Torarin, da Ihr
wnschet, Euch an jenen zu rchen, die Euch so unsanft des Lebens
beraubt haben. Aber es gibt niemand unter uns, die wir auf Gottes grner
Erde wandeln, der Euch da behilflich sein knnte.

Als Herr Arne diese Antwort erhalten hatte, versank er in tiefes
Grbeln.

Und es entstand ein langes Stillschweigen. Nach einer Weile wagte
Torarin sich mit einer Bitte hervor.

Ich habe nun Euren Wunsch erfllt, Herr Arne, und Euch gesagt, wie es
auf dem Thinge abgelaufen ist. Habt Ihr mich noch etwas zu fragen, oder
wollt Ihr mich jetzt ziehen lassen?

Du sollst nicht gehen, Torarin, sagte Herr Arne, ehe du mir nicht
noch einmal geantwortet hast, ob keiner der Lebenden uns rchen kann.

Nicht, wenn alle Mnner aus Bohusln und Norwegen zusammenkmen, um
Rache an Euern Mrdern zu nehmen, wrden sie imstande sein, sie zu
finden, sagte Torarin.

Da sprach Herr Arne:

Wenn die Lebenden uns nicht helfen knnen, mssen wir uns selber
helfen.

Damit begann Herr Arne mit lauter Stimme ein Vaterunser zu beten, aber
nicht auf norwegisch, sondern auf lateinisch, wie es vor seiner Zeit im
Lande der Brauch gewesen war. Und bei jedem Worte des Gebetes, das er
aussprach, wies er mit dem Finger auf einen von denen, die mit ihm am
Tische saen. Er ging sie auf diese Weise mehrere Male durch, bis er zum
Amen kam. Aber als er dieses Wort sagte, streckte er den Finger gegen
das junge Jngferchen aus, das seine Sohnestochter war.

Die junge Jungfrau erhob sich allsogleich von der Bank, und Herr Arne
sagte zu ihr: Du weit, was du zu tun hast.

Da klagte die junge Jungfrau gar sehr und sagte: Sende mich nicht mit
diesem Auftrag aus. Das ist ein zu schweres Beginnen fr eine so
schwache Jungfrau wie ich.

Ganz gewi sollst du gehen, sagte Herr Arne. Es ist nur billig, da
du gehst, denn du hast am meisten zu rchen. Niemandem von uns sind so
viele Jahre des Lebens geraubt worden wie dir, die die Jngste unter uns
ist.

Ich begehre nicht nach Rache an irgendeinem Menschen, sagte die
Jungfrau.

Du sollst allsogleich gehen, sagte Herr Arne, und du wirst nicht
alleine stehen. Du weit, da es unter den Lebenden zwei gibt, die vor
acht Tagen hier mit uns an diesem Tische saen.

Aber als Torarin Herrn Arne dieses sagen hrte, glaubte er zu verstehen,
da Herr Arne ihn ausershe, gegen Missetter und Mrder zu kmpfen, und
er rief:

Um Gottes Barmherzigkeit willen beschwre ich Euch, Herr Arne -- -- --

Im selben Augenblick deuchte es Torarin, da Herr Arne und der Pfarrhof
in einen Nebel verschwnden, und er selbst sank tief hinab, als fiele er
von einer schwindelnden Hhe, und damit verlor er das Bewutsein.

Als er wieder zum Leben erwachte, begann der Morgen zu dmmern. Da sah
er, da er im Hofe des Solberger Pfarrhauses auf dem Boden lag. Das
Pferd mit dem beladenen Wagen stand neben ihm, und Grim bellte und
heulte ber ihm.

Es war alles nur ein Traum, sagte Torarin, nun sehe ich es ein. Der
Hof ist de und zerstrt. Ich habe weder Herrn Arne gesehen noch
irgendeinen andern. Aber ich habe mich im Traume so erschreckt, da ich
vom Wagen heruntergestrzt bin.



Im Mondenschein

Als vierzehn Tage seit Herrn Arnes Tod verstrichen waren, kamen ein paar
Nchte mit starkem, klarem Mondschein. Und eines Abends war Torarin
unterwegs und fuhr durch den Mondschein. Einmal ums andre hielt er das
Pferd an, als fiele es ihm schwer, den Weg zu finden. Und er fuhr doch
durch keinen irrsamen Wald, sondern ber etwas, was wie eine offene
Ebene aussah, worauf sich steinige Hgel in Mengen erhoben.

Die ganze Gegend war von weiem, schimmerndem Schnee bedeckt. Er war bei
gutem Wetter still und gleichmig gefallen, er lag nicht in Haufen oder
Wirbeln. So weit das Auge reichte, gab es nichts anderes als die gleiche
glatte Ebene und die gleichen steinigen Hgel.

Grim, mein Hund, sagte Torarin, wenn wir dies heute abend zum ersten
Male shen, dann wrden wir wohl glauben, da wir ber eine groe Heide
zgen. Aber wir wrden uns wohl darber verwundern, da der Boden so
eben ist und der Weg ohne Steine oder Gruben. Was ist dies fr eine
Gegend, wrden wir sagen, wo es weder Grben noch Zune gibt, und wie
kommt es, da kein Strauch und kein Hlmchen aus dem Schnee hervorguckt?
Und warum sehen wir keine Flsse oder Bchlein, die doch sonst selbst in
der strengsten Klte ihre schwarzen Furchen durch die weien Felder
ziehen?

Torarin ergtzte sich sehr an diesen Gedanken, und auch Grim fand
Gefallen an ihnen. Er regte sich nicht von seinem Platz auf der
Wagenladung, sondern lag still und blinzelte.

Aber gerade, als Torarin seine Rede geschlossen hatte, fuhr er an einer
hohen Stange vorbei, an der ein Bschel festgebunden war.

Wenn wir hier fremd wren, Grim, mein Hund, sagte Torarin, dann
wrden wir uns wohl fragen, was dies fr eine Heide sei, wo sie
dieselben Zeichen aufstellen, wie man sie auf dem Meere benutzt. Dies
kann doch wohl nicht das Meer selber sein, wrden wir schlielich sagen.
Aber das wrde uns wohl ganz unmglich vorkommen. Was so stetig und
sicher daliegt, sollte das bloes Wasser sein? Und alle diese
Felsenhgel, die da so fest vereint ruhen, sollten es nur Inseln und
Schren sein, die durch wallende Wellen geschieden wren? Nein, wir
knnen es nicht glauben, da dieses mglich sei, Grim, mein Hund.

Torarin lachte, und Grim lag noch immer still und regungslos. Torarin
fuhr weiter, bis er um einen hohen Felsenhgel bog. Da stie er einen
Ausruf aus, als htte er etwas Merkwrdiges gesehen. Er tat sehr
erstaunt, zog die Zgel an und schlug die Hnde zusammen.

Grim, mein Hund, und du wolltest nicht glauben, da dies das Meer sei!
Jetzt siehst du doch, was es ist. Richte dich auf, dann wirst du sehen,
da hier vor uns ein groes Fahrzeug liegt. Du wolltest das Seezeichen
nicht kennen, aber hierin kannst du dich nicht tuschen. Jetzt kannst du
wohl nicht mehr leugnen, da es das Meer selbst ist, worber wir
ziehen.

Torarin blieb noch eine Weile stehen und betrachtete ein groes
Fahrzeug, das im Eise eingefroren dalag. Es sah ganz verirrt aus, wie es
da mit der glatten weien Schneedecke um sich herum dalag.

Aber als Torarin sah, da ein schwacher Rauch aus dem Hinterteil des
Fahrzeugs aufstieg, fuhr er hin und rief den Schiffer an, um zu hren,
ob er ihm Fische abkaufen wolle. Er hatte nur noch ein paar Dorsche auf
dem Grunde seines Wagens, da er im Laufe des Tages zu allen den Schuten
gefahren war, die in den Schren eingefroren lagen, und ihnen Fische
verkauft hatte.

Da an Bord sa der Schiffer mit seinen Leuten in trbseligster Laune.
Sie kauften dem Handelsmanne Fische ab, nicht weil sie sie gebraucht
htten, sondern um jemanden zu haben, mit dem sie sprechen knnten.

Als sie zu Torarin hinunter aufs Eis kamen, steckte dieser eine
unschuldige Miene auf.

Er begann mit ihnen vom Wetter zu sprechen. Seit Menschengedenken hat
es kein so schnes Wetter gegeben wie heuer, sagte Torarin. Seit
beinahe drei Wochen haben wir jetzt ruhige Luft und strenge Klte. Das
ist anders, als wir es sonst in den Schren gewohnt sind.

Aber der Schiffer, der mit seiner Galeasse voll Heringstonnen dalag und
in einer Bucht nahe bei Marstrand eingefroren war, gerade als er sich
anschicken wollte, ins Meer hinaus zu steuern, sah Torarin ingrimmig an
und antwortete:

Ja so, das nennst du schnes Wetter?

Wie sollte ich es sonst nennen? sagte Torarin. Er sah unschuldig aus
wie ein Kind. Der Himmel ist klar und ruhig und blau, und die Nacht ist
ebenso schn wie der Tag. Nie zuvor habe ich es erlebt, da ich so Woche
fr Woche auf dem Eise umherfahren konnte. Das Meer friert hier drauen
nicht so hufig zu, und wenn es einmal einen Winter vereist war, so kam
immer gleich ein Sturm und ri es in wenigen Stunden wieder auf.

Der Schiffer stand finster und verdstert da; er antwortete gar nicht
auf Torarins Geschwtz. Da begann Torarin zu fragen, warum er sich nicht
nach Marstrand hinein begebe. Es ist ja eine Wanderung von nicht mehr
als einer Stunde ber das Eis, sagte Torarin.

Darauf erhielt er auch keine Antwort. Torarin begriff, da der Mann die
Galeasse keinen Augenblick verlassen wollte, aus Furcht, nicht zur
Stelle zu sein, wenn das Eis brche. Selten habe ich jemanden mit so
sehnsuchtskranken Augen gesehen, dachte Torarin.

Aber der Schiffer, der nun Tag fr Tag zwischen den Schren
eingeschlossen dagesessen hatte, ohne sein Segel hissen und ins Meer
hinaussteuern zu knnen, hatte inzwischen mancherlei Gedanken gedacht,
und er sagte zu Torarin:

Du, der da berall herumzieht und von allem reden hrt, was sich
zutrgt, weit du, warum Gott dieses Jahr die Wege ins Meer hinaus
solange verschliet und uns alle in Gefangenschaft hlt?

Als er dies sagte, hrte Torarin zu lcheln auf, aber er stellte sich
unwissend und sagte: Jetzt wei ich nicht, wie du dies meinst.

Je nun, sagte der Schiffer, ich lag einmal einen ganzen Monat im
Hafen von Bergen, und es blies alle Tag Gegenwind, so da kein Schiff in
See stechen konnte. Aber an Bord von einem der Schiffe, die im Hafen
eingeschlossen waren, war ein Mann, der in Kirchen gestohlen hatte, und
er wre entkommen, wenn der Sturm nicht gewtet htte. Nun gelang es
ihnen, auszukundschaften, wo er sich befand, und sobald er ans Land
gebracht war, kam sogleich schnes Wetter und guter Wind. Verstehst du
nun, was ich meine, wenn ich frage, ob du weit, warum Gott die Pforten
des Meeres verschlossen hlt?

Torarin stand nun eine Weile schweigend da. Es sah aus, als htte er
nicht bel Lust, mit ernsten Worten zu entgegnen. Aber er schlug es sich
aus dem Sinn und sagte: Du wirst ganz kopfhngerisch davon, da du hier
zwischen den Schren eingeschlossen dasitzest. Warum begibst du dich
nicht nach Marstrand? Ich will dir sagen, da dort ein frhliches Leben
gefhrt wird. Da gehen Hunderte von Fremden herum, die nichts anderes zu
tun haben, als zu tanzen und zu trinken.

Warum geht es denn dort so frhlich zu? fragte der Schiffer.

Ach, sagte Torarin, dort sind Seeleute, deren Schiffe eingefroren
sind wie das deine. Da sind auch eine Menge Fischer, die eben ihren
Heringfang beendigt hatten, als sie durch das Eis verhindert wurden,
heimzufahren. Und da gehen vielleicht hundert schottische Sldlinge
herum, die von ihrem Kriegsdienst beurlaubt sind und hier auf die
Gelegenheit warten, heimzufahren nach Schottland. Glaubst du, da alle
diese die Kpfe hngen lieen und die Gelegenheit verabsumten, sich
frohe Tage zu machen?

Ja, es mag wohl sein, da die Leute sich vergngen knnen, aber mir ist
es nun einmal am liebsten, hier zu warten, sagte der Schiffer.

Torarin warf einen raschen Blick auf ihn. Der Schiffer war ein groer
magerer Mann. Seine Augen waren hell und wasserklar, mit schwermtigem
Blick. Diesen Mann kann ich nicht froh machen, und ein andrer auch
nicht, dachte Torarin.

Noch einmal begann der Schiffer aus freien Stcken mit ihm zu sprechen.
Diese schottischen Krieger, sagte er, sind das ordentliche Leute?

Sollst du sie am Ende nach Schottland hinberfhren? sagte Torarin.

Ja, sagte der Schiffer, ich habe eine Ladung nach Edinburg, und einer
von ihnen ist eben hier bei mir gewesen und hat mich gebeten, sie
mitzunehmen. Aber ich liebe es nicht, mit solchen wilden Gesellen an
Bord zu segeln, und ich habe ihn um Bedenkzeit gebeten. Hast du etwas
ber sie gehrt? Glaubst du, da ich es wagen kann, sie aufzunehmen?

Ich habe nichts anderes von ihnen gehrt, als da sie tapfere Leute
sein sollen. Sicherlich kannst du sie mitnehmen.

Aber in demselben Augenblick, wo Torarin dies sagte, richtete sich sein
Hund auf dem Wagen auf, streckte die Schnauze in die Luft und begann zu
heulen.

Torarin brach da sogleich das Lob der Schotten ab.

Was hast du nur, Grim, mein Hund? sagte er. Findest du, da ich gar
zu lange auf dem Eise stille stnde und die Zeit verschwtzte?

Er machte sich bereit, weiterzufahren. Ja, lebt wohl, hier drauen,
sagte er.

Torarin fuhr durch den schmalen Sund zwischen der Kleeinsel und der
Kuhinsel nach Marstrand zu. Als er soweit gekommen war, da er Marstrand
sehen konnte, merkte er, da er sich nicht allein auf dem Eise befand.

Im klaren Mondenschein sah er einen hohen Mann in stolzer Haltung ber
den Schnee wandern. Er sah, da er einen federgeschmckten Hut und reich
ausstaffierte Kleider mit weiten Puffen trug.

Sieh da, sagte Torarin zu sich selbst, da geht Sir Archie, der
Anfhrer der Schotten, der heute abend auf der Galeasse gewesen ist, um
sich die berfahrt nach Schottland zu sichern.

Torarin war dem Manne so nahe, da er schon seinen langen Schatten
eingeholt hatte, der hinter ihm herglitt. Sein Pferd setzte gerade die
Hufe auf die Hutfedern des Schattenbildes.

Grim, sagte Torarin, sollen wir ihn fragen, ob er mit uns in die
Stadt fahren will?

Der Hund begann sich sogleich aufzurichten, aber Torarin legte ihm
beschwichtigend die Hand auf den Rcken. Sei nur ruhig, Grim, mein
Hund! Ich sehe, da du die Schottischen nicht liebst!

Sir Archie hatte nicht bemerkt, da ihm jemand so nahe war. Er ging
weiter, ohne sich umzusehen. Torarin bog ganz sachte zur Seite, um an
ihm vorbeizukommen.

Aber im selben Augenblick gewahrte Torarin hinter dem schottischen Herrn
etwas, was noch einem zweiten Schatten glich. Er sah etwas, was lang und
dnn und grau war und ber den Boden hinschwebte, ohne Fuspuren auf dem
Wege zu hinterlassen und ohne den weien Schnee zum Knirschen zu
bringen.

Der Schotte ging mit groen Schritten vorwrts. Er sah sich weder nach
rechts noch nach links um. Aber der graue Schatten glitt von rckwrts
an ihn heran, so nahe, da es aussah, als wollte er ihm etwas ins Ohr
flstern.

Torarin fuhr behutsam vorwrts, bis er in gleiche Linie mit ihnen beiden
kam. Da sah er das Gesicht des Schotten im klaren Mondschein. Er ging
mit zusammengezogenen Augenbrauen und sah unmutig aus, als wrde er von
einem Gedanken beschftigt, der ihm Mibehagen verursachte.

Gerade als Torarin an ihm vorbeifuhr, drehte er sich um und blickte
hinter sich, als htte er jemandes Anwesenheit bemerkt.

Torarin sah deutlich, da hinter Sir Archie eine junge Jungfrau in
schleppendem, grauem Gewande einherschlich, aber Sir Archie sah sie
nicht. Als er den Kopf wandte, stand sie regungslos still, und Sir
Archies eigener Schatten legte sich dunkel und breit ber sie und
verdeckte sie.

Sir Archie wandte sich sogleich um und setzte seine Wanderung fort, und
wieder eilte die Jungfrau herbei und ging so, als ob sie ihm etwas ins
Ohr flstere.

Aber als Torarin dies sah, packte ihn ein Grauen, das er nicht zu
bemeistern vermochte. Er schrie laut auf, und er hieb auf sein Pferd
ein, so da er in vollem Galopp mit der schweitriefenden Mhre vor der
Tre seiner Htte anlangte.



Verfolgung

1

Auf jener Seite der Marstrandsinsel, die dem Schrenarchipel zugekehrt
und von einem Kranz von Inselchen geschtzt war, lag die Stadt mit allen
ihren Husern und Bauwerken. Da bewegten sich die Menschen in Straen
und Gchen, da lag der Hafen, der voll von Booten und Schiffen war, da
wurden Heringe eingesalzen und Fische gereinigt, da lag die Kirche und
der Kirchhof, da waren das Rathaus und der Marktplatz, und da stand
mancher hohe Baum, der sich im Sommer grn belaubte.

Aber auf jener Hlfte der Marstrandsinsel, die vom offenen Meere umgeben
und nicht von Inseln oder Schren geschtzt wurde, gab es nichts anderes
als einsame nackte Klippen und zerklftete Bergvorsprnge, die ins Meer
hineinragten. Da war Heidekraut mit braunen Kpfchen und stechendes
Gestrpp von Dornenbschen, Hhlen fr Ottern und Fchse, Nester fr
Eidergnse und Mwen, doch keine Wege, keine Huser und keine Menschen.

Torarins Htte aber lag hoch oben auf dem Kamme der Insel, so da sie
auf der einen Seite die Stadt hatte und auf der anderen die Wildnis. Und
wenn Elsalill die Tr ffnete, lagen vor ihr breite nackte
Felsenplatten, von denen sie weit nach Westen blicken konnte, bis zu dem
dunkeln Rande, wo das Meer offen wogte.

Aber alle die Seeleute und Fischer, die in Marstrand eingefroren waren,
pflegten an Torarins Htte vorbeizugehen, um die Klippen zu ersteigen
und zu sehen, ob Buchten und Sunde noch nicht angefangen htten, ihre
Eisdecke abzuwerfen.

Elsalill stand manches liebe Mal in der Haustr und sah ihnen nach, wie
sie dort hinaufgingen. Sie war herzenstraurig nach dem groen Kummer,
der sie getroffen hatte, und sie dachte: Mich dnkt, da alle glcklich
sind, die etwas haben, wonach sie sich sehnen knnen. Aber ich habe auf
der weiten Welt nichts zu erwnschen.

Eines Abends sah Elsalill, wie ein hochgewachsener Mann, der einen
breitrandigen Hut mit einer groen Feder trug, oben auf den
Felsenplatten stand und nach Westen bers Meer hinausblickte wie alle
die andern. Und Elsalill sah sogleich, da der Mann Sir Archie war, der
Anfhrer der Schotten, der unten auf der Brcke mit ihr gesprochen
hatte.

Als er auf dem Heimwege zur Stadt an der Htte vorbeikam, stand Elsalill
noch immer in der Tr, und sie weinte.

Warum weinst du? fragte er und blieb vor ihr stehen.

Ich weine, weil ich nichts habe, wonach ich mich sehnen kann, sagte
Elsalill. Als ich Euch auf der Klippe stehen und ber das Meer
hinausblicken sah, da dachte ich: Sicherlich hat er dort oben auf der
anderen Seite des Meeres ein Heim, wohin er nun fahren will.

Da wurde es Sir Archie weich ums Herz, so da er sagte: Seit langen
Jahren hat niemand mit mir von meinem Heim gesprochen. Wei Gott, wie es
auf meines Vaters Hof steht. Als ich siebzehn Jahre zhlte, zog ich von
dort fort, um in fremden Heeren zu dienen.

Damit trat Sir Archie in die Htte zu Elsalill, und er begann mit ihr
von seinem Elternhause zu reden.

Und Elsalill sa stumm da und hrte Sir Archie lange und inbrnstig zu.
Sie fhlte sich glcklich ber jedes Wort, das sie Sir Archie sagen
hrte.

Aber als die Zeit herankam, wo Sir Archie gehen wollte, bat er Elsalill,
sie kssen zu drfen.

Da sagte Elsalill nein und eilte fort zur Tre, aber Sir Archie stellte
sich ihr in den Weg und wollte sie zwingen.

In demselben Augenblick ging die Tr der Htte auf, und die Hausmutter
kam sehr hastig herein.

Da wich Sir Archie von Elsalill zurck. Er bot ihr nur die Hand zum
Abschied und eilte von dannen.

Aber Torarins Mutter sagte zu Elsalill: Es war recht von dir, da du
mir Botschaft sandtest. Es ist nicht ziemlich fr eine Jungfrau, mit
einem solchen Manne wie Sir Archie allein in der Htte zu sein. Das
weit du wohl: ein Sldling hat weder Ehre noch Gewissen.

Ich htte Euch Botschaft gesandt? sagte Elsalill erstaunt.

Ja, antwortete die Alte, als ich auf der Brcke bei der Arbeit stand,
kam ein kleines Jungfrulein, das ich nie zuvor gesehen habe, und sagte,
du schicktest mir Gre und btest, ich solle heimkommen.

Wie sah die Jungfrau aus? fragte Elsalill.

Ich sah sie nicht so genau an, da ich dir sagen knnte, wie sie
aussah, antwortete die Alte. Aber eines merkte ich, sie ging so leicht
ber den Schnee, da kein Laut vernehmbar war.

Als Elsalill dies hrte, wurde sie ganz bleich, und sie sagte: Dann war
es wohl einer von Gottes Engeln, der Euch Kunde brachte und Euch nach
Hause fhrte.


2

Ein anderes Mal sa Sir Archie in Torarins Htte und plauderte mit
Elsalill.

Die beiden waren allein. Sie sprachen frhlich miteinander und waren
ganz vergngt.

Sir Archie sa da und sprach mit Elsalill davon, da sie ihn nach
Schottland begleiten solle. Dort wolle er ihr ein Schlo bauen und sie
zu einer vornehmen Burgfrau machen. Er sagte ihr, sie wrde hundert
Zofen unter sich haben und am Hofe des Knigs tanzen.

Elsalill sa stumm da und lauschte jedem Worte, das Sir Archie zu ihr
sagte, und sie glaubte sie alle. Und Sir Archie fand, da er niemals ein
Mgdlein getroffen hatte, das so leicht zu betren gewesen wre wie
Elsalill.

Pltzlich ward Sir Archie ganz stumm und sah hinab auf seine linke Hand.

Was habt Ihr, Sir Archie, warum sprecht Ihr nicht weiter? fragte
Elsalill.

Sir Archie ffnete und schlo die Hand krampfhaft. Er wand sie hin und
her.

Was ist Euch, Sir Archie? fragte Elsalill. Ihr habt doch nicht am
Ende Schmerzen in Eurer Hand?

Da wendete sich Sir Archie mit verstrtem Gesicht Elsalill zu und sagte:
Siehst du das Haar, Elsalill, das sich um meine Hand schlingt? Siehst
du die lichte Haarlocke?

Als er zu sprechen begann, sah die junge Jungfrau nichts, aber noch ehe
er geendet, sah sie, wie eine Schlinge aus hellem, feinem Haar sich ein
paarmal um Sir Archies Hand ringelte.

Und die junge Jungfrau sprang entsetzt auf und rief: Sir Archie, wessen
Haar ist dies, das Ihr um Eure Hand geschlungen habt?

Sir Archie blickte bestrzt und ratlos zu ihr hin. Ich fhle, Elsalill,
da es wirkliches Haar ist. Es legt sich khl und weich um die Hand.
Aber wo ist es hergekommen?

Die Jungfrau sa da und starrte die Hand mit Augen an, die ihr aus dem
Kopfe zu treten schienen.

So lag meiner Milchschwester Haar um die Hand dessen geschlungen, der
sie ttete, sagte sie.

Aber nun begann Sir Archie zu lachen. Rasch zog er seine Hand zurck.

Sieh, sagte er, du und ich, Elsalill, wir lassen uns erschrecken wie
kleine Kinder. Es war nichts anderes als ein paar starke Sonnenstrahlen,
die durch das Fenster hereinfielen.

Aber die junge Jungfrau brach in Trnen aus und sagte: Nun dnkt mich,
da ich wieder auf der Ofenmauer lge und she die Mrder am Werk. Ach,
ich hoffte doch bis zuletzt, da sie meine allerliebste Milchschwester
nicht finden wrden, aber endlich kam doch einer von ihnen und zog sie
von der Mauer herunter, und als sie entfliehen wollte, da wickelte er
ihr Haar um seine Hand und hielt sie fest. Aber sie lag auf den Knien
vor ihm und sagte: 'Sieh meine Jugend an. Verschone mich! Lasse mich
wenigstens solange leben, da ich begreifen lerne, warum ich zur Welt
gekommen bin! Ich habe dir doch nichts zuleide getan, warum willst du
mich tten? Warum willst du mir nicht das Leben gnnen?' Und er hrte
nicht auf sie, sondern ttete sie.

Als Elsalill dies sagte, stand Sir Archie mit gerunzelter Stirne da und
blickte zur Seite.

Ach, wenn ich dem Manne einmal begegnete! sagte Elsalill. Sie stand
mit geballten Fusten vor Sir Archie.

Du kannst dem Manne nicht begegnen, sagte Sir Archie. Er ist tot.

Aber die Jungfrau warf sich auf die Bank und schluchzte. Sir Archie,
Sir Archie, warum habt Ihr mich dazu gebracht, an die Toten zu denken?
Den ganzen Abend und die Nacht mu ich nun weinen. Geht von mir, Sir
Archie, denn jetzt habe ich fr nichts andres Sinn als fr die Toten,
nun mu ich an meine Milchschwester denken, daran, wie freundlich sie
mir gewogen war.

Und es gelang Sir Archie nicht, sie zu trsten, und er wurde von ihren
Trnen und Klagen vertrieben und ging zu seinen Zechgenossen.


3

Sir Archie konnte nicht begreifen, warum sein Sinn stets von so trben
Gedanken erfllt war. Er verga sie nicht, wenn er bei Elsalill sa und
mit ihr plauderte, und nicht, wenn er bei seinen Kameraden war und mit
ihnen trank. Wenn er auch die Nchte in den Seeschuppen durchtanzte,
konnte er sich ihrer doch nicht entschlagen, und er entging ihnen nicht,
wenn er gleich meilenlange Strecken ber das gefrorene Meer wanderte.

Warum mu ich stets dessen eingedenk sein, woran ich mich nicht
erinnern will? sagte Sir Archie zu sich selbst. Es ist mir, als
schliche jemand mir immer nach und flsterte mir ins Ohr.

Es ist mir, als spnne jemand ein Netz um mich, sagte Sir Archie, um
alle meine Gedanken einzufangen und mir diesen einzigen brig zu lassen.
Ich kann den Jger nicht sehen, der das Netz auswirft, aber ich hre
seine Schritte, wenn er mir nachschleicht.

Es ist mir, als ginge ein Maler vor mir her und bemalte alles, was ich
betrachte, mit demselben Bilde, sagte Sir Archie. Ob ich die Blicke
zum Himmel oder zur Erde wende, so sehe ich doch nichts anderes als eine
einzige Sache.

Es ist mir, als se ein Steinklopfer auf meinem Herzen und hmmerte
einen einzigen Kummer hinein, sagte Sir Archie Ich kann den
Steinklopfer nicht sehen, aber Tag und Nacht hre ich, wie sein Hammer
klopft und schlgt. Du steinernes Herz, du steinernes Herz, sagt er,
jetzt mut du nachgeben. Jetzt will ich einen Kummer in dich
hineinhmmern.

Sir Archie hatte zwei Freunde, Sir Philip und Sir Reginald, die ihm
allenthalben folgten. Es bekmmerte sie, da er immer unfroh war und
nichts ihm Glck zu bringen vermochte.

Was fehlt dir? pflegten sie zu sagen. Warum sind deine Augen so
brennend, und warum sind deine Wangen so bleich?

Sir Archie wollte ihnen nicht sagen, was ihn qulte. Er dachte: was
wrden meine Genossen von mir denken, wenn sie erfhren, da ich mich
etwas Unmnnlichem hingebe? Sie wrden mir nicht mehr gehorchen, wenn
sie wten, da ich von Reue ber eine Tat gemartert werde, die
notwendig war.

Doch als sie immer mehr in ihn drangen, sagte er zu ihnen, um sie auf
falsche Fhrte zu leiten:

Es ergeht mir in diesen Tagen so wunderlich. Da ist eine Jungfrau, die
ich erobern will, aber ich kann sie nicht erringen. Immer stellt sich
mir etwas in den Weg.

Vielleicht liebt dich die Jungfrau nicht? sagte Sir Reginald.

Ich glaube sicher, da ihr Sinn mir zugeneigt ist, sagte Sir Archie,
aber es gibt etwas, was ber ihr wacht, so da ich sie nicht gewinnen
kann.

Da fingen Sir Reginald und Sir Philip zu lachen an, und sie sagten: Die
Jungfrau wollen wir dir schon verschaffen. --

Am Abend kam Elsalill einsam durch das Gchen gegangen. Sie kam mde
von der Arbeit, und sie dachte bei sich selbst: Dies Leben ist hart,
und es macht mir keine Freude. Es graut mir davor, den ganzen Tag
dazustehen und den Fischgeruch zu spren. Es graut mir, wenn ich die
anderen Frauen mit so harten Stimmen lachen und scherzen hre. Es graut
mir vor den hungrigen Mwen, die ber die Tische fliegen und mir die
Fischstcke aus den Hnden reien wollen. Wenn doch jemand kommen und
mich von hier fortnehmen wollte! Ich wrde ihm bis ans Ende der Welt
folgen.

Als Elsalill an der Stelle ging, wo das Gchen am finstersten war,
traten Sir Reginald und Sir Philip aus dem Schatten und grten sie.

Jungfrau Elsalill! sagten sie. Wir bringen dir Kunde von Sir Archie.
Er liegt krank daheim in der Herberge. Er sehnt sich danach, mit dir zu
sprechen, und bittet, da du uns zu ihm nach Hause folgen mgest.

Elsalill begann sich zu ngstigen, da Sir Archie sehr krank sein
knnte, und sie kehrte sogleich mit den beiden schottischen Herren um,
die sie zu ihm fhren wollten.

Sir Philip und Sir Reginald nahmen sie in die Mitte. Sie lchelten
einander zu und dachten, da nichts leichter sein knnte, als Elsalill
zu betren.

Elsalill war in groer Hast und Eile. Sie lief beinahe das Gchen
hinab. Sir Philip und Sir Reginald muten gewaltig ausschreiten, um ihr
folgen zu knnen.

Aber als Elsalill so rasch vorwrtseilte, begann vor ihrem Fue etwas zu
rollen. Es war etwas, was vor sie hingeworfen wurde, und sie wre fast
darber gestolpert.

Was ist das, was vor meinen Fen rollt? dachte Elsalill. Es mu ein
Stein sein, den ich aus der Erde gelst habe und der nun den Abhang
hinunterrollt.

Sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen, da sie sich nicht von
dem, was dicht vor ihren Fen rollte, hindern lassen wollte. Sie stie
es beiseite, aber es kam alsogleich zurck und rollte vor ihr das
Gchen hinunter.

Elsalill hrte, da es wie Silber klang, als sie es fortstie, und sie
sah, da es blinkte und schimmerte.

Das ist kein gewhnlicher Stein, dachte Elsalill. Mich dnkt, es ist
eine Silbermnze. Aber sie hatte es so eilig, zu Sir Archie zu kommen,
da sie sich nicht die Zeit nahm, sie von der Strae aufzulesen.

Aber wieder und wieder rollte das Ding vor ihre Fe, und sie dachte: Du
kommst rascher vorwrts, wenn du dich bckst und es aufhebst. Du kannst
es weit weg werfen, wenn es nichts ist.

Sie beugte sich hinunter und hob es auf. Es war eine groe Silbermnze,
die wei in ihrer Hand leuchtete.

Was ist es, was du da auf der Strae findest, Jungfrau? sagte Sir
Reginald. Es leuchtet so wei im Mondenschein.

Sie gingen da gerade an einem der groen Seeschuppen vorbei, wo fremde
Fischer wohnten, solange sie ihrer Beschftigung wegen in Marstrand
waren. Vor dem Eingang hing eine Hornlaterne, die einen schwachen Schein
auf die Strae warf.

La uns sehen, was du gefunden hast, Jungfrau, sagte Sir Philip und
blieb unter der Laterne stehen.

Elsalill hielt die Mnze zum Laternenschein empor, und kaum hatte sie
einen Blick darauf geworfen, als sie schon ausrief: Dies ist eines von
Herrn Arnes Geldstcken! Ich erkenne es wieder. Dies ist eines von Herrn
Arnes Geldstcken!

Was sagst du da, Jungfrau? fragte Sir Reginald. Warum sagst du, da
dies eines von Herrn Arnes Geldstcken sei?

Ich kenne es, sagte Elsalill. Ich habe oft gesehen, wie Herr Arne es
in der Hand hielt. Ja, sicherlich ist dies eines von Herrn Arnes
Geldstcken.

Rufe nicht so laut, Jungfrau! sagte Sir Philip. Hier kommen schon
Leute, die herbeieilen, um zu hren, warum du so schreist.

Aber Elsalill achtete nicht auf Sir Philip. Sie sah, da die Tre zu dem
Seeschuppen offen stand. Mitten im Raume brannte ein Feuer, und rings um
die Flamme saen eine Menge Mnner in ruhigem, bedchtigem Gesprche.

Elsalill eilte zu ihnen hinein. Sie hielt die Mnze hoch erhoben.

Horchet auf, ihr Mnner alle! rief sie. Jetzt wei ich, da Herrn
Arnes Mrder am Leben sind. Seht her, ich habe eines von Herrn Arnes
Geldstcken gefunden!

Alle Mnner wandten sich ihr zu. Da sah sie, da Torarin, der
Fischmakler, auch im Kreise sa.

Womit kommst du da, Jungfrau, und was rufest du? fragte nun Torarin.
Wie kannst du Herrn Arnes Geldstcke von anderen Mnzen unterscheiden?

Ich mu wohl diese Mnze von allen anderen unterscheiden knnen, sagte
Elsalill. Sie ist alt und gro, und sie hat einen Ausschnitt am Rande.
Herr Arne sagte, sie sei aus der Zeit der alten norwegischen Knige, und
niemals trennte er sich von ihr, um einen Einkauf zu bezahlen.

Nun erzhle, wo du sie gefunden hast, Jungfrau, sagte ein anderer
Fischer.

Ich habe sie auf der Strae gefunden, wo sie vor meinen Fen rollte,
sagte Elsalill Da hat sie wohl einer der Mrder fallen lassen.

Es mag wahr oder unwahr sein, was du sagst, versetzte Torarin. Aber
was knnen wir dabei tun? Wir knnen die Mrder nicht dadurch finden,
da du weit, da sie durch eine unserer Gassen gegangen sind.

Die Fischer fanden, da Torarin klug gesprochen hatte. Und sie setzten
sich wieder um das Feuer zurecht.

Komm du mit mir heim, Elsalill, sagte Torarin. Dies ist keine Stunde,
zu der eine Jungfrau auf Gassen und Mrkten herumlaufen soll.

Als Torarin dies sagte, sah Elsalill sich nach ihren Begleitern um. Aber
Sir Reginald und Sir Philip hatten sich fortgeschlichen, ohne da sie es
gemerkt hatte.



Im Rathauskeller

1

Die Wirtin des Rathauskellers zu Marstrand machte eines Morgens die
Tren auf, um Treppe und Flur zu kehren. Da sah sie eine junge Jungfrau
auf einer Treppenstufe sitzen und warten. Sie war in ein langes, graues
Gewand gekleidet, das mit einem Grtel um den Leib zusammengenommen war.
Das Haar war licht, und es war weder aufgesteckt, noch geflochten,
sondern hing zu beiden Seiten des Gesichtes glatt hinunter.

Als die Tre geffnet wurde, stand sie auf und ging die Treppe in den
Flur hinunter, aber der Wirtin war es, als ginge sie wie eine, die im
Schlafe wandle. Die ganze Zeit hielt sie die Augenlider gesenkt und die
Arme hart an den Krper gepret. Je nher sie kam, desto mehr
verwunderte sich die Wirtin darber, wie zart und feingliedrig sie war.
Auch ihr Gesicht war lieblich, aber es war dnn und durchsichtig, als
wre es aus sprdem Glas geformt.

Als sie zur Wirtin herankam, fragte sie, ob es hier einen Platz gbe,
den sie versehen knnte, und bat, sie in Dienst zu nehmen.

Da gedachte die Wirtin an alle die wilden Gesellen, die des Abends im
Gastzimmer zu sitzen und Bier und Wein zu trinken pflegten, und konnte
sich ein Lcheln nicht verbeien. Nein, hier bei uns gibt es keinen
Platz fr solch ein kleines Jungfrulein wie dich, sagte sie.

Die Jungfrau schlug weder die Augen auf, noch machte sie sonst die
geringste Bewegung, aber sie bat abermals, sie in Dienst zu nehmen. Sie
verlange weder Kost noch Lohn, sagte sie, nur eine Arbeit wolle sie.

Nein, sagte die Wirtin, wenn meine eigene Tochter wre wie du, ich
wrde es ihr abschlagen. Ich gnne dir etwas Besseres, als bei mir zu
dienen.

Die junge Jungfrau ging sachte die Treppe hinauf, und die Wirtin blieb
stehen und blickte ihr nach. Da sah sie so klein und hilflos aus, da
die Wirtin sich ihrer erbarmte.

Sie rief sie zurck und sagte ihr: Vielleicht lufst du grere Gefahr,
wenn du allein in Straen und Gchen umhergehst, als wenn du zu mir
kommst. Du darfst einen Tag bei mir bleiben und Tassen und Teller
waschen, dann kann ich sehen, wozu du taugst.

Die Wirtin fhrte sie in ein kleines Kmmerchen, das sie hinter dem
Kellersaal eingerichtet hatte. Es war nicht grer als ein Schrank, und
da war weder ein Fenster noch ein Guckloch, sondern es bekam nur Licht
durch eine Luke in der Wand zum Schankzimmer.

Steh heute hier, sagte die Wirtin zu der kleinen Jungfrau, und sple
alle die Tassen und Teller, die ich dir durch diese Luke reiche, dann
will ich sehen, ob ich dich in meinem Dienst behalten kann.

Die kleine Jungfrau ging in das Kmmerchen, und sie bewegte sich so
leise, da es der Wirtin war, als wre eine Tote in ihr Grab geglitten.

Sie stand den ganzen Tag dort drinnen, mit niemandem sprach sie, und
niemals steckte sie den Kopf durch die Luke, um die Leute anzusehen, die
in dem Kellersaal aus und ein gingen. Das Essen, das man ihr gab,
berhrte sie nicht.

Niemand hrte sie beim Tellerwaschen klappern, aber wann immer die
Wirtin die Hand durch die Luke streckte, reichte sie ihr die
frischgewaschenen Tassen und Teller, auf denen kein Fleckchen war.

Aber wenn die Wirtin sie nahm, um sie auf die Tische zu stellen, da
waren sie so kalt, da es sie deuchte, sie mten ihr die Haut von den
Fingern brennen. Und ihr schauderte, und sie sagte: Es ist, als nhme
ich sie dem kalten Tode aus den Hnden.


2

Eines Tages hatte es auf den Brcken keine Fische zu reinigen gegeben,
so da Elsalill daheim bleiben durfte. Sie sa allein in der Htte und
spann. Es war ein tchtiges Feuer im Herde und ziemlich hell in der
Htte.

Mitten in der Arbeit fhlte sie einen leichten Hauch, als striche ein
kalter Wind ber ihre Stirn. Sie blickte auf, und da sah sie, da ihre
tote Milchschwester vor ihr stand.

Elsalill legte die Hand auf das Spinnrad, so da es stehen blieb, und
sa still da und betrachtete ihre Milchschwester. Zuerst erschrak sie,
aber sie dachte bei sich: es steht mir nicht wohl an, mich vor meiner
Milchschwester zu frchten. Ob sie nun tot oder lebendig ist, bin ich
doch froh, sie zu sehen.

Mein Liebchen, sagte sie zu der Toten, wnschest du etwas von mir?

Da sprach die andere mit einer Stimme, die ohne Strke und Ton war:
Schwesterchen Elsalill, ich habe mich im Gasthause verdingt, und die
Wirtin hat mich den ganzen Tag stehen und Tassen und Teller waschen
lassen. Nun, am Abend, bin ich so mde, da ich es nicht mehr ertrage.
Ich bin nun hergekommen, um zu fragen, ob du nicht kommen und mir helfen
willst?

Als Elsalill dies vernahm, war es ihr, als ob ein Schleier sich ber
ihren Verstand legte. Sie konnte nicht mehr denken oder wollen oder
Furcht empfinden. Sie konnte nur Freude darber fhlen, da sie ihre
Milchschwester wiedersah, und sie antwortete: Ja, mein Liebchen, ich
will sogleich kommen und dir helfen.

Da schritt die Tote auf die Tre zu, und Elsalill folgte ihr. Aber als
sie auf der Schwelle standen, blieb ihre Milchschwester stehen und sagte
zu Elsalill: Du mut deinen Mantel umnehmen. Drauen weht ein heftiger
Sturm. Und als sie dies sagte, klang ihre Stimme ein bichen deutlicher
als frher und weniger tonlos.

Da nahm Elsalill ihren Mantel von der Wand und hllte sich darein. Sie
dachte bei sich selbst: Meine Milchschwester liebt mich noch. Sie will
mir nichts zuleide tun. Ich bin glcklich, ihr zu folgen, wohin sie mich
auch fhren mag.

Und sie folgte der Toten durch viele Gassen, von Torarins Htte, die auf
einer steinigen Anhhe lag, bis zu den ebeneren Straen am Platze und am
Hafen.

Die Tote ging die ganze Zeit zwei Schritte vor Elsalill. Es war ein
starker Sturm, der an diesem Abend durch die Gassen heulte, und Elsalill
merkte, wenn der Wind sehr heftig kam und sie an die Wand pressen
wollte, da die Tote sich zwischen sie und den Wind stellte und sie, so
gut sie konnte, mit ihrem zarten Leibe schtzte.

Als sie endlich zum Rathause kamen, ging die Tote die Kellertreppe
hinunter und winkte Elsalill, ihr zu folgen. Aber als sie die Treppe
hinuntergingen, blies der Wind das Licht der Laterne aus, die im Flure
hing, und sie standen im Dunkeln. Da wute Elsalill nicht, wohin sie
ihre Schritte wenden sollte, und die Tote mute ihre Hand auf die
Elsalills legen, um sie zu fhren. Aber die Hand der Toten war so kalt,
da Elsalill zusammenzuckte und vor Schrecken zu zittern begann. Da
entfernte die Tote ihre Hand und wickelte sie in einen Zipfel von
Elsalills Mantel, bevor sie wieder versuchte, sie zu fhren. Aber
Elsalill fhlte die Eisesklte durch Futter und Pelzwerk.

Nun fhrte die Tote Elsalill durch einen langen Gang und ffnete dann
eine Tr. Sie kamen in ein kleines, dunkles Kmmerchen, in das durch
eine Luke in der Wand ein schwacher Lichtschein fiel. Elsalill sah, da
sie sich in einem Raume befanden, wo die Wirtin ihr Schankmdchen stehen
zu haben pflegte, um die Tassen und Teller zu waschen, die sie brauchte,
um sie den Gsten auf die Tische zu stellen. Elsalill konnte erkennen,
da ein Wasserschaff auf einem Schemel stand, und in der Luke standen
viele Becher und Gefe, die gesplt werden sollten.

Willst du mir heut abend bei dieser Arbeit helfen, Elsalill? sagte die
Tote.

Ja, mein Liebchen, sagte Elsalill, du weit, da ich dir bei allem
helfen will, was du begehrst.

Damit legte Elsalill den Mantel ab. Sie streifte ihre rmel auf und
machte sich an die Arbeit.

Willst du nun sehr ruhig und still hier sein, Elsalill, da die Wirtin
es nicht merkt, da ich mir eine Hilfe angeschafft habe?

Ja, mein Liebchen, sagte Elsalill, gewi will ich das.

Ja, dann lebe wohl, Elsalill! sagte die Tote. Nun will ich dich nur
um eines bitten. Und das ist, da du mir hiernach nicht allzusehr zrnen
mgest.

Was soll dies bedeuten, da du mir Lebewohl sagst? sagte Elsalill.
Ich will gerne jeden Abend kommen und dir helfen.

Nein, fter als heute abend brauchst du wohl nicht zu kommen, sagte
die Tote. Ich denke, du wirst mir heute nacht so helfen, da dieses
Werk vollbracht ist.

Whrend sie so sprachen, hatte Elsalill sich schon ber die Arbeit
gebeugt. Ein Weilchen war alles still, aber dann sprte sie einen leisen
Hauch auf der Stirne, gerade wie da, als die Tote in Torarins Htte zu
ihr gekommen war. Da sah sie auf und merkte, da sie allein war. Sie
begriff, was es war, das sie wie ein leises Lftchen auf der Stirne
gesprt hatte, und sagte zu sich selbst: Meine tote Milchschwester hat
mich auf die Stirne gekt, ehe sie von mir schied.

Elsalill machte nun zuerst ihre Arbeit fertig. Sie splte alle Schalen
und Kannen ab und trocknete sie. Dann ging sie zur Luke, um zu sehen, ob
neue hingestellt worden wren. Sie fand keine dort, und so blieb sie vor
der Luke stehen und sah hinaus in den Kellersaal.

Es war zu einer Stunde des Tages, wo keine Gste in den Keller zu kommen
pflegten. Die Wirtin sa nicht hinter ihrem Schanktisch, und keiner
ihrer Dienstleute befand sich in der Stube. Die einzigen, die man sah,
waren drei Mnner, die am Ende eines groen Tisches saen. Sie waren
Gste, schienen aber hier ganz heimisch zu sein, denn einer von ihnen,
der seinen Becher geleert hatte, ging zum Schanktisch, fllte ihn aus
einem der groen Fsser, die dort aufgestapelt lagen, und setzte sich
wieder hin, um weiterzutrinken.

Elsalill stand da, als wre sie aus einer fremden Welt gekommen. Ihre
Gedanken weilten bei der toten Milchschwester, und sie konnte nicht
recht unterscheiden, was sie sah. Es dauerte nicht lange, bis sie
merkte, da die drei Mnner am Tische ihr wohlvertraut und lieb waren.
Denn die dort saen, waren keine anderen als Sir Archie und seine beiden
Freunde, Sir Reginald und Sir Philip.

In den letzten Tagen war Sir Archie nicht zu Elsalill gekommen, und sie
war froh, ihn zu sehen. Sie wollte ihm sogleich zurufen, da sie da,
ganz in der Nhe wre, aber da dachte sie, wie wunderlich es war, da er
gar nicht mehr zu ihr kam, und sie verhielt sich still. Vielleicht hat
er eine andere lieb gewonnen, dachte Elsalill. Vielleicht denkt er jetzt
an sie.

Denn Sir Archie sa ein kleines Stck von den anderen entfernt. Er sa
stumm und starrte gerade vor sich hin, ohne zu trinken. Er nahm am
Gesprche nicht teil, und wenn seine Freunde etwas zu ihm sagten, fand
er es meist nicht der Mhe wert, darauf zu antworten.

Elsalill hrte, da die anderen versuchten, ihn aufzumuntern. Sie
fragten ihn, warum er nicht trinke. Sie rieten ihm sogar, zu Elsalill zu
gehen und mit ihr zu plaudern, um wieder froh zu werden.

Ihr sollt euch nicht um mich bekmmern, sagte Sir Archie. Eine andere
liegt mir im Sinn. Stets sehe ich sie vor mir, und stets hre ich ihre
Stimme mir im Ohr erklingen.

Und Elsalill sah, da Sir Archie dasa und auf eine der breiten Sulen
starrte, die die Kellerdecke trugen. Nun sah sie auch, was sie frher
nicht bemerkt hatte, da ihre Milchschwester an dieser Sule stand und
Sir Archie ansah. Sie stand ganz regungslos in ihrem grauen Gewande, und
es war nicht leicht, sie zu unterscheiden, wie sie sich da eng an die
Sule drckte.

Elsalill stand muschenstill und blickte in das Gemach. Sie merkte, da
ihre Milchschwester die Augen aufgeschlagen hatte, als sie Sir Archie
ansah. Die ganze Zeit, die sie mit Elsalill verbracht hatte, war sie mit
gesenkten Augen einhergegangen.

Aber ihre Augen waren das einzige, was an ihr furchtbar war. Elsalill
sah, da sie gebrochen und trbe waren. Sie waren ohne Blick, und das
Licht spiegelte sich nicht mehr in ihnen wieder.

Nach einer Weile begann Sir Archie wieder zu wehklagen. Ich sehe sie
immer. Sie folgt mir auf Schritt und Tritt, sagte er.

Er sa der Sule zugekehrt, wo die Tote stand, und starrte sie an. Aber
Elsalill begriff, da er die Tote nicht sah. Er sprach nicht von ihr,
sondern von jemandem, der stets in seinen Gedanken war.

Elsalill blieb an der Luke stehen und verfolgte alles, was geschah. Sie
dachte, da sie gar zu gerne wissen wollte, wer es wre, an den Sir
Archie bestndig dachte.

Pltzlich merkte sie, da die Tote sich auf die Bank neben Sir Archie
gesetzt hatte und ihm etwas ins Ohr flsterte.

Aber Sir Archie wute noch immer nichts davon, da sie ihm so nahe war
und da sie dasa und ihm ins Ohr flsterte. Er merkte ihre Gegenwart
nur durch die furchtbare Angst, die ber ihn kam.

Elsalill sah, da Sir Archie, nachdem die Tote ein paar Augenblicke
neben ihm gesessen und ihm ins Ohr geflstert hatte, seinen Kopf in die
Hnde sinken lie und weinte: Ach, htt' ich doch niemals die junge
Jungfrau gefunden! sagte er. Ich bereue nichts anderes, als da ich
die junge Jungfrau nicht verschonte, als sie mich anflehte.

Die beiden anderen Schotten hrten zu trinken auf und sahen Sir Archie
erschrocken an, der solchermaen alle Mnnlichkeit ablegte und sich der
Reue hingab. Ein Weilchen saen sie ratlos da, aber dann ging einer von
ihnen zum Schanktisch hin, nahm die grte Trinkkanne, die dort stand,
und fllte sie mit rotem Wein. Dann ging er auf Sir Archie zu, schlug
ihm auf die Schulter und sagte: Trinke, Bruderherz: Noch whrt Herrn
Arnes Schatz! Solange wir die Mittel haben, uns solchen Wein zu schaffen
wie diesen, braucht der Kummer nicht Macht ber uns zu gewinnen.

Aber in demselben Augenblick, in dem dies gesprochen war: Trinke,
Bruderherz! Noch whrt Herrn Arnes Schatz, sah Elsalill, wie die Tote
sich von der Bank erhob und verschwand.

Und zugleich sah Elsalill drei Mnner vor sich, die groe Brte und
zottige Fellgewnder hatten und mit Herrn Arnes Leuten kmpften. Und nun
erkannte sie, da dies die drei Mnner waren, die im Keller saen: Sir
Archie, Sir Philip und Sir Reginald.


3

Elsalill verlie das Kmmerlein, wo sie gestanden und die Becher der
Wirtin gesplt hatte, und schlo sacht die Tre hinter sich zu. In dem
schmalen Gange davor blieb sie stehen. Sie lehnte sich an die Wand und
stand da wohl eine Stunde regungslos.

Whrend sie so stand, dachte sie bei sich selbst: Ich kann ihn nicht
verraten. Was er auch Bses getan haben mag, ich bin ihm doch von ganzem
Herzen gut. Ich kann ihn nicht auf das Rad und an den Galgen bringen.
Ich kann nicht sehen, wie sie ihm Hand und Fu abbrennen.

Der Sturm, der den ganzen Tag gerast hatte, nahm zu und wurde immer
gewaltiger, je mehr der Abend vorschritt, und Elsalill hrte sein
starkes Brausen, wie sie da in der Dunkelheit stand.

Nun ist der erste Frhlingssturm gekommen, dachte sie. Nun ist er
gekommen in aller seiner Gewalt, um das Meer frei zu machen und das Eis
zu brechen. In ein paar Tagen werden wir offenes Wasser haben, und dann
wird Sir Archie von dannen ziehen, und niemals kehrt er wieder. Er wird
keine ferneren Missetaten in diesem Lande begehen. Wozu soll es dann
frommen, da er gefangen und gestraft wird? Weder die Toten noch die
Lebenden haben Freude daran.

Elsalill zog den Mantel um sich. Sie dachte, da sie heimgehen und sich
still an ihre Arbeit setzen wolle, ohne irgendeiner Menschenseele das
Geheimnis zu verraten.

Aber bevor sie noch den Fu erhoben hatte, um zu gehen, hatte sie auch
schon ihr Vorhaben aufgegeben und blieb stehen.

Sie stand still und hrte den Sturm brausen. Sie dachte wieder daran,
da es nun bald Frhling werden wrde. Der Schnee wrde schmelzen und
die Erde sich in Grn kleiden.

Da Gott sich erbarme, was wird dies fr ein Frhling fr mich, dachte
Elsalill. Nicht Freude noch Glck kann mir nach dieses Winters Klte
mehr grnen.

Es ist nur ein Jahr her, dachte sie, da war ich so glcklich, da der
Winter zu Ende war und der Frhling kam. Ich erinnere mich an einen
Abend, der war so schn, da es mich nicht daheim auf dem Hofe litt. Da
nahm ich mein Schwesterlein an der Hand, und wir wandelten hinaus auf
die Flur, grnes Laub zu holen, um die Ofenmauer zu schmcken.

Sie stand da und rief sich ins Gedchtnis, wie sie und ihre
Milchschwester ber einen grnen Pfad gewandert waren. Und da, neben dem
Wege, hatten sie eine kleine junge Birke gesehen, die abgehauen worden
war. Man sah es am Holze, da sie vor einigen Tagen gefllt war. Aber
nun merkten sie, da der arme abgehauene Baum zu grnen begonnen hatte
und da seine Bltter sich aus den Knospen entfalteten.

Da war ihre Milchschwester stehengeblieben und hatte sich ber den Baum
gebeugt. Ach, du armes Bumchen, sagte sie, was hast du wohl Bses
begangen, da du nicht sterben kannst, wenn du gleich abgehauen bist?
Warum mut du deine Bltter entfalten, als ob du noch lebtest?

Da hatte Elsalill gelacht und ihr geantwortet: Er grnt wohl so
lieblich, damit der, der ihn abgehauen hat, sieht, welchen Schaden er
getan hat, und Reue darber fhlt.

Aber ihre Milchschwester hatte nicht gelacht. Ihr waren die Trnen in
die Augen gekommen.

Dies ist eine groe Snde, einen Baum in der Zeit des Knospenspringens
zu fllen, wo er so voll Kraft ist, da er nicht sterben kann. Es ist
furchtbar fr einen Toten, wenn er nicht Ruhe findet in seinem Grabe.
Die tot sind, haben nicht mehr viel Gutes zu erwarten, nicht Liebe noch
Glck kann sie erreichen. Das einzige Gute, was sie noch begehren, ist,
in stiller Ruh' zu schlummern. Wohl mu ich weinen, wenn du sagst, da
die Birke nicht sterben kann, weil sie an ihren Mrder denkt. Es ist
wohl das hrteste Schicksal fr einen, der des Lebens beraubt wurde,
nicht in Ruhe schlummern zu knnen, weil er seinen Mrder verfolgen mu.
Die Toten haben nichts anderes zu erstreben als einen Schlummer in
Ruhe.

Als Elsalill sich daran erinnerte, begann sie zu weinen und die Hnde zu
ringen.

Meine Milchschwester findet keine Ruhe in ihrem Grabe, sagte sie,
wenn ich nicht meinen Geliebten verrate. Wenn ich ihr hierin nicht
beistehe, mu sie ber die Erde irren, ohne Ruhe und Rast. Meine arme
Milchschwester, sie hat keinen anderen Wunsch mehr, als Ruhe in ihrem
Grabe zu finden, und die kann ich ihr nicht geben, ohne da ich den, den
ich lieb habe, auf das Rad und an den Galgen bringe.


4

Sir Archie trat aus dem Kellersaal und ging durch den schmalen Gang.
Jetzt war die Laterne, die an der Decke hing, wieder angezndet, und bei
ihrem Scheine sah er, da eine junge Jungfrau dastand und sich an die
Wand lehnte.

Sie war bleich, und sie stand so still, da Sir Archie erschrak und
dachte: Jetzt endlich steht die Tote, die mich alle Tage verfolgt, vor
meinen Augen.

Als Sir Archie an Elsalill vorbeikam, legte er seine Hand auf ihre, um
zu erfahren, ob es wirklich eine Tote wre, die da stand. Und die Hand
war so kalt, da er nicht sagen konnte, ob sie einer Toten oder einer
Lebenden angehrte.

Aber als Sir Archie Elsalills Hand berhrte, zog sie sie zurck, und da
erkannte Sir Archie Elsalill.

Er glaubte, da sie um seinetwillen hergekommen wre, und er wurde sehr
froh, als er sie sah. In demselben Augenblick durchfuhr ihn ein Gedanke.
Jetzt wei ich, was ich tun will, damit ich die Tote vershne, und damit
sie davon ablasse, mich zu verfolgen.

Er nahm Elsalills Hnde zwischen seine und fhrte sie an seine Lippen.
Gott segne dich dafr, da du heute abend zu mir gekommen bist,
Elsalill, sagte er.

Aber Elsalills Herz war zu Tode betrbt. Sie konnte vor Trnen Herrn
Archie nicht einmal sagen, da sie nicht hergekommen war, um ihn zu
treffen.

Sir Archie stand lange schweigend da, aber die ganze Zeit ber hielt er
Elsalills Hnde in seinen beiden. Und je lnger er so stand, desto
klarer und schner wurde sein Gesicht.

Elsalill, sagte Sir Archie, und er sprach mit groer Feierlichkeit.
Seit mehreren Tagen bin ich nicht zu dir gekommen, weil ich von
schweren Gedanken geqult war. Sie haben mir niemals Ruhe gelassen, und
ich glaubte, da ich auf dem Wege sei, den Verstand zu verlieren. Aber
heute abend steht es besser mit mir, und ich sehe vor meinen Augen das
Bild nicht mehr, das mich qulte. Und als ich dich hier drauen fand, da
sagte mir mein Herz, was ich tun sollte, um meiner Qual fr alle Zeit
los und ledig zu werden.

Er beugte sich hinunter, um Elsalill in die Augen sehen zu knnen, aber
als sie mit gesenkten Lidern dastand, fuhr er fort:

Du zrnst mir, Elsalill, weil ich mehrere Tage nicht zu dir gekommen
bin. Aber ich konnte nicht kommen, denn wenn ich dich sah, wurde ich
noch mehr an das erinnert, was mich qulte. Wenn ich dich sah, mute ich
noch mehr an eine junge Jungfrau denken, gegen die ich bel gehandelt
habe. Ich habe auch sonst gegen viele Menschen bel gehandelt, Elsalill,
aber mein Gewissen verfolgt mich um nichts anderes, als um dieses, was
ich gegen die junge Jungfrau begangen habe.

Als Elsalill noch immer schwieg, ergriff er wieder ihre Hnde und fhrte
sie an seine Lippen und kte sie.

Hre nun, Elsalill, was mein Herz mir sagte, als ich sah, da du dort
drauen standest und auf mich wartetest: Du hast an einer Jungfrau
unrecht gehandelt, darum sollst du an einer anderen shnen, was du ihr
zuleide getan hast. Du sollst sie zu deinem Weibe nehmen, und du sollst
so gut gegen sie sein, da sie niemals Kummer fhlt. Du sollst ihr
solche Treue bewahren, da du sie an deinem letzten Lebenstage mehr
liebst als an deinem Hochzeitstage.

Elsalill stand noch immer unbeweglich mit niedergeschlagenen Augen da.
Da legte Sir Archie die Hand auf ihren Kopf und richtete ihn empor. Ich
mu wissen, Elsalill, ob du hrst, was ich sage, sagte er.

Da sah er, da Elsalill so heftig weinte, da groe Trnen ber ihre
Wangen rollten.

Warum weinst du, Elsalill? fragte Sir Archie.

Ich weine, Sir Archie, sagte Elsalill, weil ich eine allzu groe
Liebe zu Euch in meinem Herzen trage.

Da trat Sir Archie noch nher an Elsalill heran und legte seinen Arm um
ihren Leib. Hrst du, wie der Sturm drauen heult? sagte er. Das
bedeutet, da das Meer bald frei ist, und da Schiffe und Fahrzeuge
wieder in mein Heimatland ziehen knnen. Sage mir nun, Elsalill, ob du
mir dort hinber folgen willst, so da ich an dir gut machen kann, was
ich an einer anderen verbrochen habe?

Sir Archie begann Elsalill flsternd von dem herrlichen Leben zu
erzhlen, das ihrer harrte, und Elsalill fing an, bei sich selbst zu
denken: Ach, da ich doch nicht wte, was er Bses getan hat. Dann
wrde ich ihm folgen und glcklich mit ihm leben.

Sir Archie kam ihr immer nher, und als Elsalill aufblickte, sah sie,
da sein Gesicht ber sie gebeugt war, und da er sie eben auf die
Stirne kssen wollte. Da erinnerte sie sich an die Tote, die jngst bei
ihr gewesen war und sie gekt hatte. Sie ri sich von Sir Archie los
und sagte: Nein, Sir Archie, ich werde Euch niemals folgen.

Doch, sagte Sir Archie, du mut mir folgen, Elsalill, sonst strze
ich ins Verderben.

Er begann der Jungfrau immer zrtlichere Worte zuzuflstern, und wieder
dachte sie bei sich selbst: Wre es nicht Gott und den Menschen
wohlgeflliger, wenn er sein bses Leben shnen und ein rechtschaffener
Mann werden knnte? Wem frommt es wohl, wenn er gestraft und gettet
wird?

Als Elsalill so zu denken begann, kamen ein paar Mnner vorbei, die in
den Kellersaal gingen. Wie Sir Archie merkte, da sie auf ihn und die
Jungfrau neugierige Blicke warfen, sagte er zu ihr:

Komm, Elsalill, ich will dich heimgeleiten. Ich will nicht, da jemand
sieht, da du zu mir in den Kellersaal gekommen bist.

Da blickte Elsalill auf, als kme es ihr pltzlich in den Sinn, da sie
einen anderen Auftrag zu erfllen hatte, als Sir Archie zu lauschen.
Aber ihr Herz tat ihr so weh, als sie daran dachte, sein Verbrechen zu
verraten. Wenn du ihn dem Bttel auslieferst, dann mu ich brechen,
sagte ihr Herz zu ihr. Aber Sir Archie hllte die Jungfrau enger in
ihren Mantel und fhrte sie hinaus auf die Strae. Dann ging er mit ihr
bis zu Torarins Htte. Und sie merkte, wie er sich jedesmal, wenn der
Sturm sehr ungestm an sie heranbrauste, vor sie stellte und sie
schtzte.

Elsalill dachte die ganze Zeit, whrend sie so gingen: meine tote
Milchschwester wute nichts davon, da er sein Vergehen shnen und ein
guter Mensch werden will.

Sir Archie flsterte noch immer Elsalill die holdseligen Worte ins Ohr.
Und je lnger Elsalill ihm lauschte, desto grer wurde ihre Zuversicht.

Nur damit ich Sir Archie solche Worte in mein Ohr flstern hre, hat
mich meine Milchschwester herbeschieden, dachte sie. Sie liebt mich so
inniglich. Sie will nicht mein Unglck, sondern mein Glck.

Und als sie vor der Htte stehenblieben, fragte Sir Archie Elsalill noch
einmal, ob sie ihm bers Meer folgen wolle? Und Elsalill antwortete, mit
Gottes Hilfe wolle sie ihn geleiten.



Die Friedlose

Am nchsten Tage hatte der Sturm aufgehrt. Es war nun mildes Wetter,
aber das konnte dem Schnee nicht viel anhaben, sondern das Meer war
ebenso verschlossen wie nur je.

Als Elsalill am Morgen erwachte, dachte sie: Sicherlich ist es besser,
wenn ein Missetter sich bekehrt und nach Gottes Geboten lebt, als wenn
er gestraft und gettet wird.

Im Laufe des Tages sandte Sir Archie einen Boten zu Elsalill, der ihr
einen breiten Armreif aus Gold brachte.

Und es beglckte Elsalill, da Sir Archie dran gedacht hatte, ihr eine
Freude zu bereiten, und sie dankte dem Boten und empfing die Gabe.

Aber als er gegangen war, mute sie daran denken, da Sir Archie diesen
Reif mit Mnzen aus Herrn Arnes Schatz gekauft hatte. Sie konnte es
nicht ertragen, ihn vor Augen zu sehen, als sie daran dachte. Sie ri
ihn vom Arm und warf ihn weit von sich.

Was fr ein Leben wird das fr mich werden, wenn ich stets denken mu,
da ich von Herrn Arnes Schatz lebe, dachte sie. Wenn ich einen Bissen
zu den Lippen fhre, mu ich da nicht an die geraubten Goldstcke
denken, und wenn ich ein neues Kleid bekomme, dann mu es mir in den
Ohren klingen, da dies fr unrechtmiges Gut gekauft ist? Jetzt sehe
ich doch, da es mir nicht mglich ist, Sir Archie zu folgen und sein
Leben mit ihm zu leben. Ich werde es ihm sagen, wenn er zu mir kommt.

Als der Abend anbrach, kam Sir Archie zu ihr. Er war voll Freude, denn
keinerlei bse Gedanken hatten ihn geqult, und er glaubte, dies komme
daher, weil er versprochen hatte, an einer jungen Jungfrau gut zu
machen, was er an der anderen verbrochen hatte.

Als Elsalill ihn sah und ihn reden hrte, vermochte sie nicht, ihm zu
sagen, da sie betrbt war und sich von ihm trennen wollte.

Alle die Sorgen, die an ihr nagten, verga sie, wenn sie so sa und Sir
Archie zuhrte.

Der nchste Tag war ein Sonntag, und da ging Elsalill zur Kirche. Sie
ging sowohl zur hohen Messe wie zum Abendgesang.

Als sie bei der hohen Messe sa und dem Geistlichen lauschte, hrte sie
ganz in der Nhe jemanden schluchzen und weinen.

Sie glaubte, es sei einer von jenen, die neben ihr in der Bank saen,
aber ob sie gleich nach rechts und nach links ausblickte, so sah sie
doch nichts anderes als ruhige und feierliche Menschen.

Gleichwohl hrte sie deutlich, da jemand weinte, und es deuchte sie,
da der Weinende ihr so nahe wre, da sie ihn erreichen mte, wenn sie
nur die Hand ausstreckte.

Elsalill sa da und hrte, wie es seufzte und schluchzte, und sie dachte
bei sich selbst, da sie nie etwas gehrt hatte, was so todesbetrbt
geklungen htte.

Wer ist es, der so tiefen Kummer trgt, da er so bittere Trnen
vergieen mu? dachte Elsalill.

Sie schaute sich um, und sie beugte sich ber die nchste Bank vor, um
es zu sehen. Aber alle saen stumm da, und niemandes Gesicht war von
Trnen berstrmt.

Da dachte Elsalill, da sie wohl nicht zu fragen und zu grbeln
brauchte. Hatte sie doch vom ersten Augenblick an gewut, wer es wre,
der neben ihr weinte.

Mein Liebchen, flsterte sie, warum zeigst du dich mir nicht, wie du
ehegestern tatest. Du weit ja doch, da ich gerne alles tun will, was
in meinen Krften steht, um deine Trnen zu trocknen.

Sie horchte nach einer Antwort, aber sie erhielt keine. Sie hrte nur,
wie die Tote neben ihr schluchzte.

Elsalill versuchte, darauf zu hren, was der Priester auf seiner Kanzel
sagte, aber sie konnte dem nicht recht folgen, was er sprach. Und sie
ward ungeduldig und flsterte: Ich wei eine, die mehr Grund hat zu
weinen als sonst irgend jemand, und das bin ich selbst. Htte meine
Milchschwester mich nicht wissen lassen, wer ihre Mrder sind, so knnte
ich hier jetzt in Lust und Freude sitzen.

Whrend sie dem Weinen lauschte, wurde sie immer erzrnter, so da sie
dachte: Wie kann meine tote Milchschwester von mir verlangen, da ich
den verrate, den ich lieb habe? Niemals htte sie selbst so etwas
begehen wollen, wenn sie noch am Leben gewesen wre.

Sie sa in die Kirchenbank eingeschlossen, aber sie konnte sich kaum
still halten. Sie wiegte den Krper hin und her, und sie rang die Hnde.
Nun wird mich dies wohl den ganzen Tag verfolgen, dachte sie. Wer wei,
fuhr sie fort und wurde immer ngstlicher, wer wei, ob es mir nicht
mein ganzes Leben lang folgen wird?

Aber immer tiefer und schwerer wurde das Schluchzen, das sie neben sich
hrte, und schlielich rhrte es doch ihr Herz, so da sie selber zu
weinen anfing.

Wer so weint, mu wohl einen furchtbar schweren Kummer tragen, dachte
sie. Dem mu wohl ein Leid auferlegt sein, das schwerer ist, als ein
Lebender fassen knnte.

Als der Gottesdienst zu Ende war und Elsalill die Kirche verlassen
hatte, hrte sie das Schluchzen nicht mehr. Aber auf dem ganzen Heimwege
ging sie selbst daher und weinte, weil ihre Milchschwester keine Ruhe
finden konnte in ihrem Grabe.

Aber als abends wieder Gottesdienst gehalten wurde, ging Elsalill
abermals zur Kirche, denn sie mute wissen, ob ihre Milchschwester noch
dort se und weinte.

Und sowie Elsalill in die Kirche trat, hrte sie sie, und ihre Seele
erbebte in ihr, als sie das Schluchzen vernahm. Sie fhlte, da ihre
Strke verging, und sie hatte keinen andern Willen mehr, als der Toten
zu helfen, die friedlos unter den Menschen umherwanderte.

Als Elsalill aus der Kirche kam, war es noch so hell, da sie sehen
konnte, wie einer von denen, die vor ihr gingen, blutige Fustapfen auf
dem Schnee hinterlie.

Wer kann das sein, der so arm ist, da er mit nackten Fen geht und
blutige Fuspuren im Schnee hinterlt? dachte sie.

Alle, die vor ihr gingen, sahen aus wie wohlgestellte Leute. Sie waren
alle fein suberlich gekleidet und hatten Schuhe an den Fen.

Aber die roten Fustapfen waren nicht alt. Elsalill sah, wie sie sich in
der Schneerinde abdrckten.

Das ist jemand, der sich auf weiten Wegen wund gegangen hat, dachte sie.
Gott lasse ihn nicht mehr lange wandern, bis er unter ein schirmend Dach
kommt und Ruhe findet.

Sie wollte gerne wissen, wer es war, der eine so schwere Wanderung
gemacht hatte, und sie folgte den Fustapfen, obgleich sie so von ihrem
eigenen Wege abweichen mute.

Aber pltzlich merkte sie, da alle Kirchenbesucher eine andre Richtung
eingeschlagen hatten, und da sie sich allein auf dem Wege befand. Aber
dennoch zeichneten sich noch immer die blutroten Fustapfen vor ihr ab.

Es ist meine arme Milchschwester, die da geht, dachte sie da, und sie
erkannte bei sich selbst, da sie die ganze Zeit gewut hatte, da jene
es war.

Ach, mein armes Schwesterlein, ich glaubte, du wandeltest so leicht
ber die Erde, da du deinen Fu nicht an den Boden stieest. Aber
keiner der Lebenden kann verstehen, wie schmerzensreich deine Wanderung
sein mag.

Die Trnen strzten ihr in die Augen, und sie seufzte: Da sie doch
keine Ruhe finden kann in ihrem Grabe. Weh' mir, da sie hier so lange
umherirren mute, da ihre Fe blutig geworden sind.

Bleib' stehen, mein liebes Schwesterlein, rief sie, bleib' stehen,
damit ich mit dir sprechen kann.

Aber als sie so rief, sah sie, wie die Fustapfen sich noch rascher vom
Schnee abhoben, als ob die Tote ihre Schritte beschleunigte.

Jetzt flieht sie vor mir. Sie erwartet von mir keine Hilfe mehr, sagte
Elsalill.

Die blutigen Fustapfen brachten sie ganz auer sich, und sie rief:
Mein herzallerliebstes Schwesterlein, ich will alles tun, was du
willst, auf da du Ruhe findest in deinem Grabe.

Kurz nachdem Elsalill diese Worte gesprochen hatte, kam eine
hochgewachsene Frau, die hinter ihr gegangen war, auf sie zu und legte
die Hand auf ihren Arm.

Wer bist du, der du hier ber die Landstrae gehst und weinst und die
Hnde ringst? sagte die Frau. Du gleichest einem kleinen Jngferchen,
das am Freitag zu mir kam und in meine Dienste treten wollte und dann
fortblieb. Oder bist du's vielleicht gar selber?

Nein, ich bin's nicht selber, sagte Elsalill, aber wenn es so ist,
wie ich meine, da Ihr die Wirtin vom Ratskeller seid, so wei ich, von
welcher Jungfrau Ihr sprecht.

Dann mut du mir sagen, warum sie von mir fortging und nicht
wiederkam, sagte die Wirtin.

Sie ging von Euch fort, sagte Elsalill, weil sie nicht die Reden
aller der Missetter hren wollte, die in Eurem Saale saen.

Wohl sitzen manche wilde Gesellen in meinem Saal, aber keine
Missetter, sprach die Wirtin.

Und doch hrte die Jungfrau, wie drei Mnner, die dort saen,
miteinander sprachen, erwiderte Elsalill, und einer von ihnen sagte:
'Trink, Bruderherz! Noch whrt Herrn Arnes Schatz.'

Als Elsalill dies gesagt hatte, dachte sie: Nun habe ich meiner
Milchschwester geholfen und erzhlt, was ich gehrt habe. Mge nun Gott
mir helfen, da die Wirtin es sich nicht einfallen lt, meinen Worten
Glauben zu schenken, dann trage ich keine Schuld.

Aber als sie an dem Gesichte der Wirtin sah, da sie ihr glaubte, da
erschrak sie gar sehr und wollte fliehen.

Doch bevor sie noch einen Schritt tun konnte, hatte die schwere Hand der
Wirtin mit sicherem Griff die ihre gefat, so da sie nicht entrinnen
konnte.

Hast du erzhlen hren, da solche Worte in meinem Kellersaal gefallen
sind, Jungfrau, sagte die Wirtin, dann geht es nicht an, da du dich
aus dem Staube machst. Du mut mir zu jenen folgen, die die Macht und
den Willen haben, die Mrder zu greifen und sie der Strafe zu
berantworten.



Sir Archies Flucht

Elsalill kam in den Kellersaal, in ihren langen Mantel gehllt, und ging
zu einem Tische, an dem Sir Archie sa und mit seinen Freunden zechte.
Es waren eine Menge Gste um die Tische geschart, aber Elsalill kmmerte
sich nicht um alle die staunenden Blicke, die ihr folgten, als sie
hinging und sich an die Seite dessen setzte, dem sie gut war. Sie dachte
nur, da sie die letzten Augenblicke, in denen Sir Archie noch seine
Freiheit hatte, mit ihm beisammen sein wollte.

Als Sir Archie Elsalill kommen und sich neben ihm niederlassen sah, da
stand er auf und setzte sich mit ihr an einen Tisch, der weit unten im
Saale hinter einer Sule verborgen stand. Sie konnte sehen, da es ihm
nicht gefiel, da sie zu ihm in den Keller gekommen war, da es nicht
Brauch war, da junge Jungfrauen sich dort sehen lieen.

Ich habe Euch keine lange Botschaft zu sagen, Sir Archie, sagte
Elsalill, aber Ihr mt doch wissen, da es nicht bei mir steht, Euch
in Euer Land zu folgen.

Als Sir Archie Elsalill dies sagen hrte, da erschrak er gar sehr, denn
er frchtete, wenn er Elsalill verlre, wrden die bsen Gedanken wieder
Gewalt ber ihn erlangen.

Warum willst du mir nicht folgen, Elsalill? sagte Sir Archie.

Elsalill sa bleich wie der Tod, ihre Gedanken waren so verwirrt, da
sie kaum wute, was sie ihm antwortete.

Es tut nicht gut, einem Landsknecht zu folgen, sagte sie. Niemand
wei, ob so einer Treu' und Gelbnis hlt.

Bevor Sir Archie noch antworten konnte, trat ein Seemann in den
Kellersaal.

Er ging auf Sir Archie zu und sagte ihm, da er von dem Schiffer der
Galeasse ausgesandt sei, die hinter der Kleeinsel eingefroren lag. Nun
lie der Schiffer sagen, da Sir Archie und alle seine Mannen an diesem
Abend ihre Habseligkeiten in Ordnung bringen und an Bord kommen sollten.
Der Sturm htte sich aufs neue erhoben. Das Meer war bis weit nach
Westen frei geworden. Es knnte wohl sein, da noch vor Tagesanbruch der
Weg nach Schottland offen wre.

Du hrst, was er sagt, sagte Sir Archie zu Elsalill. Willst du mich
geleiten?

Nein, sagte Elsalill, ich will Euch nicht geleiten.

Aber im tiefsten Herzen war sie sehr froh, denn sie dachte: Nun kann es
sich doch so fgen, da er von dannen zieht, ehe noch die Wache kommt
und ihn greift.

Sir Archie stand auf und ging zu Sir Philip und Sir Reginald und sprach
von der Botschaft. Geht Ihr vor mir heim nach der Herberge, sagte er,
und macht alles bereit! Ich mu noch ein paar Worte mit Elsalill
sprechen.

Als Elsalill sah, da Sir Archie zu ihr zurckkam, streckte sie die
Hnde gegen ihn aus. Warum kommt Ihr zurck, Sir Archie? sagte sie.
Warum eilet Ihr nicht hinunter zum Meere, so rasch Eure Fe Euch
tragen knnen?

Denn ihre Liebe zu Sir Archie war so gro. Sie hatte ihn wohl um ihrer
lieben Milchschwester willen verraten, aber sie wnschte nichts
sehnlicher, als da er entrinnen mchte.

Nein, ich will dich zuerst noch einmal bitten, da du mit mir kommst,
sagte Sir Archie.

Ihr wit doch, Sir Archie, da ich Euch nicht folgen kann, sagte
Elsalill.

Warum kannst du nicht? sagte Sir Archie. Du bist ein so einsames und
armes Mgdlein, da keine Menschenseele danach fragt, was aus dir wird.
Aber wenn du mit mir kommst, will ich dich zu einer mchtigen Frau
machen. Ich bin ein vornehmer Mann in meinem Heimatlande. Du wirst in
Seide und Gold gekleidet gehen, und du wirst an des Knigs Hof den
Reigen fhren.

Elsalill zitterte, da er bei ihr verweilte, whrend noch die Flucht
mglich war. Sie hatte kaum die Ruhe, ihm zu antworten: Zieht nun von
hinnen, Sir Archie! Ihr sollt nicht lnger verweilen, um mich zu
bitten.

Ich will dir etwas sagen, Elsalill! sagte Sir Archie und sprach mit
immer weicherer Stimme zu ihr. Als ich dich zuerst sah, da dachte ich
nur daran, dich zu locken und zu betren. Ich habe dir so manchesmal
zuvor goldene Berge versprochen, aber seit ehegestern abend meine ich es
ehrlich mit dir. Und nun ist es mein Wille und mein Wunsch, dich zu
meinem Ehegemahl zu machen. Du kannst mir vertrauen, so wahr ich ein
Edelmann und ein Krieger bin.

Im selben Augenblick hrte Elsalill, da bewaffnete Mnner ber den
Marktplatz vor den Keller zogen. Wenn ich ihm nun folge, dachte sie, so
kann er noch entrinnen. Ich ziehe ihn ins Verderben. Um meinetwillen
verweilt er hier so lange, da die Wache ihn ergreifen kann. Aber ich
kann doch dem Manne nicht folgen, der alle die Meinen gemordet hat,
dachte sie.

Sir Archie, sagte Elsalill, und sie hoffte, da sie ihm Furcht
einjagen wrde. Hrt Ihr nicht, da bewaffnete Mnner ber den Markt
gezogen kommen?

Freilich hre ich es, sagte Sir Archie. Es hat wohl irgendwo in einer
Schenke eine Schlgerei gegeben. Sei unbesorgt, Elsalill, es sind nur
ein paar Fischer, die ber Wetter und Wind in Zank geraten sind.

Sir Archie, sagte Elsalill, hrt Ihr nicht, da sie vor dem Rathause
haltmachen?

Elsalill zitterte vom Scheitel bis zur Sohle, aber Sir Archie merkte es
nicht, sondern war ganz ruhig.

Wo sollten sie wohl sonst haltmachen? sagte Sir Archie. Sie mssen
doch die Unruhestifter herfhren, um sie im Rathause ins Gefngnis zu
werfen. Hre nicht auf sie, Elsalill, hre auf mich, der dich bittet,
ihm bers Meer zu folgen!

Aber Elsalill versuchte noch einmal, Sir Archie zu erschrecken.

Sir Archie, sagte sie, hrt Ihr nicht, wie die Gewappneten die Treppe
zum Rathauskeller hinuntersteigen?

Freilich hre ich es, sagte Sir Archie, sie kommen wohl her, um eine
Kanne Bier zu leeren, nachdem sie ihre Gefangenen in sicheren Gewahrsam
gebracht haben. Denke nicht an sie, Elsalill, sondern denke daran, da
morgen du und ich ber das freie Meer in mein teures Vaterland ziehen.

Aber Elsalill war leichenbla, und sie zitterte so, da sie kaum
sprechen konnte.

Sir Archie, sagte sie, seht Ihr nicht, wie sie dort oben beim
Schanktisch mit der Wirtin sprechen. Sie fragen sie wohl, ob einer von
denen, die sie suchen, hier zu finden sei?

Sie machen wohl mit ihr aus, da sie ihnen in dieser strmischen Nacht
einen starken heien Trunk brauen soll, sagte Sir Archie. Du sollst
nicht so sehr zittern und bangen, Elsalill. Du kannst mir ohne Furcht
folgen. Ich sage dir, wenn mein Vater mich jetzt mit dem edelsten
Frulein in meinem Lande vermhlen wollte, ich wrde ihr nein sagen.
Komm du getrost mit mir bers Meer, Elsalill! Du wirst dem grten Glck
entgegenziehen.

Unten an der Tre versammelten sich immer mehr Landsknechte, und
Elsalill wute vor Angst nicht mehr aus noch ein. Ich kann es nicht mit
ansehen, da sie kommen und ihn greifen, dachte sie. Sie beugte sich zu
Sir Archie und flsterte ihm zu:

Hret Ihr nicht, Sir Archie, da die Mnner die Wirtin fragen, ob Herrn
Arnes Mrder hier im Saale sind?

Da warf Sir Archie einen Blick durch das Gemach und sah die
Landsknechte, die mit der Wirtin sprachen. Aber er sprang nicht auf, um
zu fliehen, wie Elsalill erwartet hatte, sondern er beugte sich hinab
und sah Elsalill tief in die Augen. Hast du, Elsalill, mich erkannt und
verraten? fragte er.

Ich habe es um meiner lieben Milchschwester willen getan, auf da sie
Ruhe finde in ihrem Grabe, sagte Elsalill. Gott wei, was es mich
gekostet hat, es zu tun. Aber flieht nun, Sir Archie! Noch ist es Zeit.
Noch haben sie nicht Tren und Vorsaal verrammelt.

Du Wolfsjunges! sagte Sir Archie. Als ich dich zum ersten Male auf
den Brcken sah, da dachte ich, da ich dich tten sollte.

Aber Elsalill legte ihre Hand auf seinen Arm. Flieht, Sir Archie, ich
kann nicht stillsitzen und sehen, wie sie kommen und Euch greifen. Wollt
Ihr nicht ohne mich fliehen, so werde ich Euch in Gottes Namen folgen.
Aber bleibt nicht lnger um meinetwillen hier, Sir Archie. Alles, was
Ihr begehrt, will ich fr Euch tun, wenn Ihr nur Euer Leben rettet.

Aber Sir Archie war jetzt sehr zornig, und er sprach hohnvoll zu
Elsalill.

Nun wirst du niemals, o Jungfrau, in goldgestickten Schuhen durch weite
Schlogemcher wandeln. Nun kannst du dein Leben lang hier in Marstrand
bleiben und Heringe putzen. Niemals bekommst du einen Gatten, der Schlo
und Lehen hat, Elsalill. Dein Mann wird ein armer Fischer sein, und
deine Wohnstatt eine Htte auf der kahlen Schre.

Hret Ihr nicht, wie sie alle Tren besetzen und mit gestreckten Lanzen
alle Eingnge bewachen? fragte Elsalill. Warum eilet Ihr nicht von
hinnen? Warum flieht Ihr nicht hinunter aufs Eis und verbergt Euch auf
einem Schiffe?

Ich fliehe nicht, weil es mich ergtzt, mit dir Zwiesprach zu halten,
Elsalill, sagte Sir Archie. Denkst du auch daran, da es jetzt mit
aller Freude fr dich vorbei ist, Elsalill? Denkst du auch daran, da es
jetzt aus ist mit meiner Hoffnung, meine Schuld zu shnen?

Sir Archie, flsterte Elsalill und erhob sich in ihrer groen Angst,
jetzt sind sie bereit. Jetzt kommen sie, um Euch zu greifen. Flieht,
ach flieht! Ich will zu Euch auf das Schiff kommen, wenn Ihr nur
flieht.

Du brauchst dich nicht so zu ngstigen, Elsalill, sagte Sir Archie.
Wir haben noch Zeit, ein weniges miteinander zu plaudern. Die
Landsknechte haben es nicht im Sinn, sich hier auf mich zu strzen, wo
ich mich verteidigen kann. Sie wollen mich wohl auf der engen
Kellertreppe fangen. Da wollen sie mich auf ihre langen Lanzen spieen.
Das ist es ja, was du mir immer gewnscht hast, Elsalill.

Aber je erschrockener Elsalill sich zeigte, desto ruhiger wurde Sir
Archie. Sie flehte ihn an, zu fliehen, aber er lachte nur.

Du sollst nicht so sicher sein, Jungfrau, da die Landsknechte mich
fangen knnen. Ich habe schon schlimmere Gefahren bestanden als diese
und bin mit heiler Haut davongekommen. Da sah es vor ein paar Monaten in
Schweden rger fr mich aus. Da hatten ein paar Verleumder Knig Johann
gesagt, seine schottische Garde wre ihm nicht treu. Und der Knig
glaubte ihnen. Er lie die drei Anfhrer in den Turm werfen, und ihre
Mannen wies er aus seinem Reich und lie sie bewachen, bis sie ber die
Grenze waren.

Flieht, Sir Archie, flieht! bat Elsalill.

Du sollst um meinetwillen nicht bange sein, Elsalill, sagte Sir Archie
und lachte hart auf. Heute abend bin ich wieder der alte, jetzt bin ich
wieder in meiner Laune von einst. Jetzt sehe ich die junge Jungfrau
nicht mehr vor meinen Augen, da wei ich mir schon zu helfen. Ich will
dir von den dreien erzhlen, die in Knig Johanns Gefngnis saen. Die
schlichen sich eines Nachts, als die Wchter berauscht waren, aus dem
Turm und machten sich davon. Dann flchteten sie zur Grenze. Aber
solange sie in des Schwedenknigs Land wanderten, wagten sie nicht zu
verraten, wer sie waren. Sie wuten sich keinen anderen Rat, Elsalill,
sie verschafften sich Kleider aus zottigen Fellen und sagten, sie wren
Gerbergesellen, die ber Land gingen, um Arbeit zu suchen.

Aber jetzt begann Elsalill zu merken, wie verndert Sir Archie gegen sie
war. Und sie begriff, da er sie hate, seit er wute, da sie ihn
verraten hatte.

Sprecht nicht so, Sir Archie! sagte Elsalill.

Warum mutest du mich betrgen, als ich dir am meisten glaubte? sagte
Sir Archie. Jetzt bin ich wieder so, wie ich frher war. Jetzt lasse
ich es mir nicht einfallen, jemanden zu schonen. Und jetzt wirst du
sehen, da mir alles wieder glcken wird wie einst im Leben. Waren wir
nicht bel daran, ich und meine Genossen, als wir endlich Schweden
durchwandert hatten und hierher an die Kste kamen? Wir hatten kein
Geld, um uns ehrliche Kleider zu kaufen. Wir hatten kein Geld, um die
berfahrt nach Schottland zu bezahlen. Wir wuten uns keinen andern Rat,
als in den Pfarrhof von Solberga einzudringen.

Sprecht nicht mehr davon! sagte Elsalill.

Doch, jetzt sollst du alles hren, Elsalill, sagte Sir Archie. Es
gibt eins, was du nicht weit, und das ist, da wir zuerst, als wir in
den Pfarrhof gekommen waren, zu Herrn Arne gingen, ihn weckten und ihm
sagten, da er uns Geld geben solle. Wenn er es gutwillig tte, wollten
wir ihm nichts zuleide tun. Aber Herr Arne fing Hndel mit uns an, und
da muten wir ihn niederwerfen. Und nachdem wir ihn gettet hatten,
muten wir auch seine Leute alle fllen.

Elsalill unterbrach Sir Archie nicht mehr, aber es wurde kalt und leer
in ihrem Herzen. Sie schauderte, als sie Sir Archie sah und hrte, denn
whrend er sprach, bekam er ein grausames, blutdrstiges Aussehen. Was
wollte ich tun? dachte sie. Bin ich toll gewesen, und habe ich den
geliebt, der alle die Meinen gemordet hat? Mge Gott mir meine Snde
vergeben!

Als wir glaubten, da alle tot seien, sagte Sir Archie, schleppten
wir die schwere Geldtruhe aus dem Hause. Dann legten wir ringsherum
Feuer an, damit die Menschen glaubten, Herr Arne sei verbrannt.

Ich habe einen Wolf im Walde geliebt, sagte Elsalill zu sich selbst.
Und ihn habe ich vor der Strafe retten wollen!

Aber wir fuhren aufs Eis hinunter und flohen bers Meer, fuhr Sir
Archie fort. Wir hatten keine Furcht, solange wir das Feuer zum Himmel
lodern sahen; aber als wir es abnehmen sahen, erschraken wir. Wir wuten
nun, da Leute dorthin gekommen waren, die die Feuersbrunst gelscht
hatten, und da man uns nachsetzen knnte. Da fuhren wir ans Land
zurck, wo wir eine Flumndung mit schwachem Eise gesehen hatten. Wir
hoben die Geldtruhe vom Schlitten und fuhren weiter, bis das Eis unter
dem Pferde brach. Da lieen wir dieses ertrinken und sprangen selbst zur
Seite. Wenn du nicht eine Jungfrau wrest, Elsalill, wrdest du
begreifen, da dies khn gehandelt war. Wir haben uns wie Mnner
benommen.

Jetzt war Elsalill ganz still. Sie sa da und fhlte einen brennenden
Schmerz im Herzen. Aber Sir Archie hate sie und war es froh, sie zu
qulen. Darauf nahmen wir unsere Grtel und befestigten sie an der
Truhe und begannen sie zu ziehen. Aber da die Truhe Spuren auf dem Eise
hinterlie, gingen wir ans Land, rissen einer Tanne die ste ab und
legten Tannenreisig unter die Truhe. Dann streiften wir unsere Schuhe ab
und wanderten ber das Eis, ohne Spuren zu hinterlassen.

Sir Archie hielt inne, um einen hohnvollen Blick auf Elsalill zu werfen.

Obschon dies alles uns trefflich geglckt war, waren wir doch bel
dran. Wohin wir auch mit unsern blutigen Kleidern kmen, mten wir
erkannt und ergriffen werden. Aber hre nun dies, Elsalill, so da du es
allen jenen sagen kannst, die es unternehmen wollen, uns nachzusetzen,
damit sie verstehen, da wir nicht zu denen gehren, die sich leicht
fangen lassen! Hre dies: als wir ber das Eis in der Richtung nach
Marstrand gingen, da trafen wir auf dem Meere unsre Landsleute und
Kameraden, dieselben, die Knig Johann aus seinem Lande verwiesen hatte.
Sie hatten Marstrand des Eises wegen nicht verlassen knnen, und sie
halfen uns in unsrer Not, so da wir zu Kleidern kamen. Seither sind wir
ohne Fhrnis hier in Marstrand umhergegangen. Und keine Gefahr htte uns
frder bedroht, wenn du nicht treulos gewesen wrest und mich nicht
verraten httest.

Elsalill sa still da, der Schmerz war zu gro fr sie. Sie konnte kaum
fhlen, da ihr Herz schlug.

Aber Sir Archie sprang auf und rief:

Und auch heute abend wird uns nichts Bses widerfahren. Davon sollst du
Zeuge sein, Elsalill.

Und damit ergriff er Elsalill mit seinen beiden Hnden und hob sie
empor. Und mit Elsalill vor sich, wie mit einem Schild, eilte Sir Archie
durch den Kellersaal dem Ausgange zu. Und die Landsknechte, die als
Wachen vor der Tre standen, streckten ihre langen Hellebarden gegen ihn
aus, aber sie konnten sie nicht gebrauchen, aus Furcht, Elsalill zu
verwunden.

Als Sir Archie auf die enge Treppe kam, streckte er Elsalill wieder vor
sich aus. Und sie schtzte ihn besser als der prchtigste Harnisch, denn
die Krieger, die dort aufgestellt waren, konnten keinen Gebrauch von
ihren Waffen machen. So kam er ein gutes Stck die Treppe hinauf, und
Elsalill fhlte, wie ihr des Himmels freie Luft entgegenwehte.

Aber Elsalill empfand keine Liebe mehr zu Sir Archie, sondern den
tdlichsten Ha, und sie dachte nur daran, da er ein bser Mrder war.
Und als sie nun sah, da sie ihn mit ihrem Leibe schtzte, so da er
nahe daran war, zu entrinnen, da streckte sie ihre Hand aus und zog eine
der Lanzen, die die Krieger hielten, an sich heran und richtete sie auf
ihr Herz. Nun will ich meiner Milchschwester so dienen, da dies Werk
endlich vollbracht sei, dachte Elsalill. Und beim nchsten Schritte, den
Sir Archie ber die Treppe machte, drang die Lanze in Elsalills Herz.

Aber da stand Sir Archie schon auf der obersten Stufe. Und die
Kriegsleute fuhren zurck, als sie sahen, da einer von ihnen die
Jungfrau verwundet hatte. Und er eilte an ihnen vorbei.

Als Sir Archie auf den Marktplatz kam, hrte er aus einem Gchen
Feldgeschrei und schottische Rufe: Zu Hilfe! Zu Hilfe! Fr Schottland,
fr Schottland!

Das waren Sir Philip und Sir Reginald, die die Schotten gesammelt hatten
und nun kamen, um ihn zu retten.

Und Sir Archie eilte ihnen entgegen, und rief mit lauter Stimme:
Hierher! Hierher! Fr Schottland! Fr Schottland!



ber das Eis

Als Sir Archie ber das Eis wanderte, hielt er noch immer Elsalill im
Arm.

Sir Philip und Sir Reginald schritten an seiner Seite. Sie wollten ihm
erzhlen, wie sie den Anschlag entdeckt hatten, und wie es ihnen
geglckt war, die schwere Geldtruhe auf die Galeasse zu schaffen und
ihre Landsleute zu versammeln, aber Sir Archie achtete nicht auf sie. Er
schien einherzugehen und mit der zu sprechen, die er in seinen Armen
trug.

Wer ist es, den du mit dir fhrst? fragte Sir Reginald.

Das ist Elsalill, antwortete Sir Archie. Ich will sie mit hinber
nach Schottland nehmen. Ich will sie nicht hier zurcklassen. Hier wrde
sie nie etwas andres sein als ein armes Fischermdchen.

Nein, das kann wohl nicht dein Ernst sein, sagte Sir Reginald.

Hier wrde ihr niemand etwas anderes geben als Kleider aus grober
Wolle, sagte Sir Archie, und in einem engen Bettlein aus harten
Planken mte sie schlafen. Ich will sie in die weichesten Kissen
betten, und aus Marmor will ich ihre Ruhestatt auffhren lassen. Ich
will sie in die kostbarsten Pelze hllen, und ihre Fe sollen Schuhe
mit Juwelenspangen umschlieen.

Frwahr, du denkst ihr groe Ehren zu, sagte Sir Reginald.

Ich kann sie nicht hier daheim zurcklassen, sagte Sir Archie. Denn
wer wrde hier wohl Zeit finden, an solch ein armes kleines Ding zu
denken? In wenigen Monaten schon wrde sie von allen vergessen sein.
Niemand wrde sich nach ihr umsehen, niemand sie in ihrer Einsamkeit
aufsuchen. Aber wenn ich einmal meine Heimat erreiche, dann will ich ihr
dort eine schne Wohnstatt erbauen lassen. Da soll ihr Name in den
harten Stein eingegraben sein, so da niemand ihn vergit. Da werde ich
selbst jeden Tag zu ihr kommen, und da wird alles so herrlich geschmckt
sein, da die Leute von weit und breit herbeistrmen werden, um sie zu
besuchen. Da werden Tag und Nacht Kerzen und Lampen brennen, und da wird
Musik und Gesang erklingen, als wre da ein ewiges Fest.

Frwahr, du denkst ihr groe Ehren zu, sagte Sir Reginald noch einmal.

Ich mu es so fgen, da sie es gut hat, sagte Sir Archie. Sie ist
es, die die bsen Gedanken von mir ferne hlt. Wenn ich sie verlasse,
weicht das Glck von mir.

Der Sturm brauste ihnen heftig entgegen, wie sie ber das Eis wanderten.
Er ri Elsalills Mantel los und lie ihn flattern wie eine Fahne.

Willst du mir einen Augenblick helfen, Elsalill zu tragen, sagte Sir
Archie, damit ich den Mantel um sie legen kann?

Sir Reginald empfing Elsalill in seinen Armen, aber in demselben
Augenblick erschrak er so heftig, da er sie zwischen seinen Hnden auf
das Eis hinuntergleiten lie.

Ich wute nicht, da Elsalill tot ist, sagte er.


Wellenrauschen

Die ganze Nacht schritt der Schiffer der groen Galeasse auf dem hohen
Verdeck auf und nieder. Es war dunkel, und der Sturm pfiff um ihn her.
Er kam bald mit Schnee und bald mit Regen herangetrieben. Noch immer lag
das Eis fest und sicher rings um die Galeasse, so da der Schiffer
eigentlich ruhig in seiner Koje htte schlummern knnen.

Aber er blieb die ganze Nacht wach. Einmal ums andre fhrte er die Hand
ans Ohr und horchte.

Es war nicht leicht, zu erraten, worauf er horchte. Alle seine Leute
hatte er an Bord und auch alle die Reisenden, die er nach Schottland
bringen wollte. Die lagen jetzt alle in den Schiffsrumen und schliefen.
Keiner von ihnen fhrte ein Gesprch, dem der Schiffer htte lauschen
knnen.

Als der Sturm ber die festgefrorene Galeasse herangeflogen kam, strzte
er sich ber das Fahrzeug, gleichsam wie aus alter Gewohnheit, um es vor
sich hin bers Meer zu treiben. Und als die Galeasse noch immer still
lag, packte sie der Sturm wieder und wieder an. Es rasselte in allen den
kleinen Eiszapfen, die im Takelwerk und an den Tauen hingen. Es knackte
und knisterte im Schiffsbug. Es knatterte in den Masten, die so gefat
wurden, da sie nahe daran waren, zu zersplittern.

Das war keine stille Nacht. Man vernahm es wie ein leichtes Knirschen in
der Luft, wenn der Schnee herangesaust kam. Man hrte Klatschen und
Pltschern, wenn der Regen niederpeitschte.

Aber im Eise tat sich eine Spalte nach der andern auf, und dabei hrte
man ein Donnern, als lgen Kriegsschiffe im Meere, die harte Schsse
gegeneinander lsten.

Aber auf dies alles horchte der Schiffer nicht.

Er ging die ganze Nacht auf und nieder, bis ein grauer Schein sich ber
den Himmel verbreitete, aber er hrte dennoch nicht, was er hren
wollte.

Endlich erklang durch die Nacht ein singendes, eintniges Brausen, ein
wiegender, kosender Laut, wie von fernem Gesang.

Da eilte der Schiffer quer ber die Ruderbnke in der Mitte der Galeasse
zu dem hohen Aufbau im Kiel, wo seine Leute schliefen. Steht jetzt
auf, rief er ihnen zu, und fasset Bootshaken und Ruder. Nun wird bald
die Stunde der Befreiung angebrochen sein. Ich hre das Brausen des
offenen Wassers. Ich hre der freien Wellen Gesang.

Die Mnner erhoben sich alsogleich aus ihrem Schlummer. Sie standen auf
dem Posten lngs der Schiffsseiten, whrend der Morgen langsam anbrach.

Als es endlich so hell wurde, da sie sehen konnten, was sich in der
Nacht zugetragen hatte, fanden sie, da Buchten und Sunde, weit hinaus
ins Meer, offen wogten. Aber in der Bucht, in der sie eingefroren lagen,
klaffte nicht eine Spalte im Eise, fest und ungebrochen lag es da.

Und in dem Sunde, der aus der Bucht fhrte, hatte sich eine hohe
Eismauer aufgetrmt. Die Wellen, die davor frei spielten, schleuderten
eine Eisscholle nach der andern hinauf.

Drauen im Sunde wimmelte es von Segeln. Das waren alle die Fischer, die
in Marstrand eingefroren gewesen waren und jetzt von dannen eilten. Die
See ging hoch, und Eisstcke tanzten noch ber die Wogen, aber die
Fischer gnnten sich wohl nicht die Zeit, auf ein ruhiges, gefahrloses
Meer zu warten, sondern traten ihre Fahrt an. Sie standen im Bug ihrer
Boote und hielten scharfen Ausguck. Die kleinen Eisstcke drngten sie
mit dem Ruder weg, aber wenn die groen kamen, rissen sie das Steuer
herum und wichen aus. Auf der Galeasse stand der Schiffer in dem
hochaufgebauten Achterteil und sah ihnen nach. Er merkte wohl, da sie
eine beschwerliche Fahrt hatten, aber er sah auch, wie einer nach dem
andern sich durchschlug und das offene Meer erreichte.

Und als der Schiffer die Segel ber die blaue Flut gleiten sah, da
packte ihn die Sehnsucht so stark, da seine Augen sich feuchten
wollten.

Aber sein Schiff lag still, und vor ihm trmte sich das Eis zu einer
immer gewaltigeren Mauer auf.

Drauen auf dem Meere schwammen nicht nur Fahrzeuge und Boote, sondern
zuweilen kamen auch kleine weie Berge von Eis herangesegelt. Das waren
gewaltige Eisschollen, die aufeinander geschleudert worden waren und
jetzt sdwrts trieben. Sie blinkten in der Morgensonne wei wie Silber,
und zuweilen leuchteten sie so rot, als wren sie mit Rosen bestreut.

Aber mitten durch den zischenden Sturm ertnten laute Rufe. Bald klang
es wie singende Stimmen, und bald wie schmetternde Fanfaren. Ein starker
Jubel jauchzte aus diesen Lauten. Es war so, da einem das Herz aufging,
wenn man sie hrte. Sie kamen von einem langen Zuge von Schwnen, die
vom Sden heranflogen.

Aber als der Schiffer die Eisberge gen Sden ziehen und die Schwne gen
Norden fliehen sah, da kam eine solche Sehnsucht ber ihn, da er die
Hnde rang.

Weh mir, da ich hier weilen mu! rief er. Wann kommt der Eisbruch
hier in diese Bucht? Vielleicht mu ich noch viele Tage hier liegen und
warten.

Als er gerade so dachte, sah er einen Mann ber das Eis heranfahren. Er
kam aus einem engen Sunde in der Richtung von Marstrand, und er fuhr so
ruhig ber das Eis, als wte er nicht, da die Wellen wieder anfingen,
Boote und Schiffe zu tragen.

Als er an die Galeasse heranfuhr, rief er zum Schiffer hinauf:

Guter Freund, hast du etwas zu essen, wie du da im Eise festgefroren
liegst? Willst du mir nicht gepkelte Heringe abkaufen oder getrockneten
Kabliau oder gerucherten Aal?

Der Schiffer lie es sich nicht einfallen, ihm zu antworten. Er erhob
die geballte Faust gegen ihn und fluchte.

Da stieg der Fischkrmer von seiner Fuhre herunter. Er nahm ein Bund Heu
aus dem Schlitten und legte es dem Pferde vor. Dann erkletterte er das
Verdeck der Galeasse.

Als er vor dem Schiffer stand, sprach er zu ihm mit groem Ernste:

Ich bin heute nicht hier, um Fische zu verkaufen. Aber ich wei, da du
ein frommer Mann bist. Darum bin ich hergekommen, um dich zu bitten, da
du mir eine Jungfrau zur Stelle schaffest, die die schottischen Krieger
gestern mit auf das Schiff gefhrt haben.

Ich wei nichts davon, da sie eine Jungfrau hierher gefhrt htten,
sagte der Schiffer. Keine Frauenstimme habe ich in dieser Nacht an Bord
des Schiffes vernommen.

Ich bin Torarin, der Fischkrmer, sagte der andre, du hast wohl schon
von mir gehrt? Ich habe im Pfarrhof von Solberga mit Herrn Arne in
derselben Nacht zu Abend gegessen, in der er gettet wurde. Seither habe
ich Herrn Arnes Pflegetochter in meinem Hause gehabt, aber gestern nacht
wurde sie von seinen Mrdern geraubt, und sie haben sie wohl mit hierher
auf das Fahrzeug gebracht.

Sind Herrn Arnes Mrder an Bord meines Fahrzeugs? rief der Schiffer
entsetzt.

Du siehst, da ich ein so geringer und schwacher Mann bin, sagte
Torarin. Mein einer Arm ist lahm, darum frchte ich mich, mich auf
irgendein gewagtes Vorhaben einzulassen. Ich wei schon seit ein paar
Wochen, wer Herrn Arnes Mrder sind, aber ich wagte nicht, zu versuchen,
Rache an ihnen zu nehmen. Aber weil ich geschwiegen habe, sind sie jetzt
entkommen, und es ist ihnen geglckt, die Jungfrau fortzufhren. Doch
jetzt habe ich mir gesagt, da ich in dieser Sache nichts mehr zu
bereuen haben will. Ich will es wenigstens versuchen, die junge Jungfrau
zu retten.

Wenn Herrn Arnes Mrder hier auf dem Schiffe sind, warum kommt dann
nicht die Stadtwache heraus und greift sie?

Ich habe die ganze Nacht und den ganzen Morgen gebeten und gesprochen,
sagte Torarin. Aber die Wache wagt sich nicht hier heraus, sie sagt,
hier wren hundert Sldlinge an Bord, und sie wage es nicht, den Kampf
mit ihnen aufzunehmen. Da dachte ich, da ich in Gottes Namen wohl
allein herausfahren und dich bitten mte, mir die Jungfrau zur Stelle
zu schaffen, denn ich wei, da du ein frommer Mann bist.

Aber der Schiffer sagte ihm nichts ber die Jungfrau. Er dachte nur an
das andre. Wie kannst du wissen, da die Mrder hier an Bord sind?
sagte er.

Torarin wies auf eine groe Eichentruhe, die zwischen den Ruderbnken
stand.

Ich habe diese Truhe zu oft in Herrn Arnes Haus gesehen, als da ich
sie nicht kennen sollte, sagte er. Darin liegt Herrn Arnes Schatz, und
wo sein Schatz ist, da sind wohl auch seine Mrder.

Diese Truhe gehrt Sir Archie und seinen beiden Freunden, Sir Reginald
und Sir Philip, sagte der Schiffer.

Ja, sagte Torarin und sah den Schiffer fest an, so ist es. Sie gehrt
Sir Archie und Sir Philip und Sir Reginald.

Der Schiffer stand eine Weile schweigend und sah sich nach allen Seiten
um. Wann glaubst du, da hier in der Bucht der Eisbruch kommt? sagte
er zu Torarin.

Es ist heuer wunderlich, sagte Torarin. In dieser Bucht pflegt das
Eis frh zu schmelzen, denn hier ist starke Strmung. Aber wie es jetzt
steht, mut du dich in acht nehmen, da du nicht ans Land gedrngt
wirst, wenn das Eis in Bewegung kommt.

Ich denke an nichts andres, sagte der Schiffer.

Wieder stand er ein Weilchen stumm da. Er wandte das Gesicht dem Meere
zu. Die Morgensonne leuchtete hoch am Himmel, und die Wellen warfen
ihren Glanz zurck. Hin und wieder zogen die befreiten Schiffe, und die
Meervgel kamen mit Freudenschreien vom Sden geflogen. Die Fische
hielten sich am Wassersaum, sie machten hohe Sprnge und schnellten
glitzernd aus dem Wasser, bermtig nach der Gefangenschaft unter dem
Eise. Die Mwen, die drauen an der Eiskante Jagd gehalten hatten, kamen
jetzt in groen Scharen ans Land, um in den bekannten Revieren zu jagen.

Der Schiffer konnte diesen Anblick nicht ertragen. Bin ich ein Freund
von Mrdern und Missettern? sagte er. Soll ich mir die Augen
verschlieen und nicht sehen, warum Gott meinem Fahrzeug die Pforten des
Meeres nicht auftut? Soll ich vergehen um der Ungerechten willen, die
ihre Zuflucht hierher genommen haben?

Und der Schiffer ging zu seinen Leuten und sagte ihnen: Ich wei jetzt,
warum wir hier eingeschlossen liegen mssen, whrend alle andern
Fahrzeuge ins Meer hinausziehen. Das ist, weil wir Mrder und Missetter
an Bord haben.

Darauf begab sich der Schiffer zu den schottischen Sldlingen, die noch
im Schiffsraum lagen und schliefen. Liebe Leute, sagte er zu ihnen,
verhaltet euch noch ein Weilchen still, was ihr auch fr Rufen und
Lrmen an Bord hren mget! Wir mssen Gottes Geboten folgen und keine
Missetter unter uns dulden. Wenn ihr mir gehorcht, verspreche ich euch,
da ich euch die Truhe ausliefern will, in der Herrn Arnes Schatz ist,
und ihr sollt ihn untereinander teilen drfen.

Aber zu Torarin sagte der Schiffer: Gehe hinunter zu deinem Schlitten
und wirf deine Fische aufs Eis. Du wirst jetzt eine andere Ladung zu
fhren haben.

Darauf brach der Schiffer mit seiner Mannschaft in die Kajte ein, wo
Sir Archie und seine Freunde schliefen. Und sie strzten sich ber sie,
whrend sie noch im Schlummer lagen, um sie zu binden.

Und als die drei Schotten sich zu verteidigen suchten, da schlugen sie
sie hart mit ihren xten und Spaken und sagten zu ihnen: Ihr seid
Mrder und Missetter. Wie, glaubtet ihr, ihr wrdet eurer Strafe
entgehen? Wisset ihr nicht, da Gott um euretwillen die Pforten des
Meeres verschlossen hlt?

Da riefen die drei Mnner laut nach ihren Kameraden, da sie kommen
sollten und ihnen helfen.

Ihr sollt nicht nach ihnen rufen, sagte der Schiffer. Sie kommen
nicht. Sie haben Herrn Arnes Schatz zum Teilen bekommen, und sie sind
dabei, die Silbermnzen in ihren Hten zu messen. Um dieses Geldes
willen ist dieser bse Handel geschehen, und um dieses Geldes willen
kommt nun die Strafe ber euer Haupt.

Und ehe noch Torarin die Fische aus dem Schlitten geladen hatte, kamen
der Schiffer und seine Mannschaft zu ihm aufs Eis hinab. Sie fhrten in
ihrer Mitte drei Mnner, die wohl gefesselt waren. Sie waren jmmerlich
geschlagen und ohnmchtig von ihren Wunden.

Gott hat nicht vergeblich nach mir gerufen, sagte der Schiffer. Sowie
ich seinen Willen verstanden habe, habe ich ihn befolgt.

Sie legten die Gefangenen auf Torarins Schlitten, und Torarin fuhr mit
ihnen durch enge Buchten und Sunde, wo das Eis noch festlag, nach
Marstrand.

Aber am Nachmittage stand der Schiffer noch auf der hohen Warte seines
Fahrzeugs und blickte auf das Meer. Ringsumher war alles noch
unverndert, und die Eismauer vor dem Fahrzeug trmte sich hher und
immer hher auf.

Als es zu dmmern begann, sah der Schiffer ein kleines Huflein Menschen
von der Landseite her ber das Eis ziehen und sich seinem Schiffe
nhern.

Es whrte lange, bis er die Kommenden so deutlich zu unterscheiden
vermochte, da er sehen konnte, was es fr Leute waren. Doch dachte er
gleich, da sie alt und gebrechlich sein mten, denn sie kamen nur
langsam vorwrts.

Endlich, als sie ganz nahe waren, sah er, da an der Spitze des Zuges
zwei Priester in Mantel und Kragen schritten. Der eine war jung und der
andre sehr alt. Hinter ihnen gingen ein paar alte Mnner, die eine Bahre
trugen, und zu allerletzt kam eine alte, alte Frau, die von zwei
Dienerinnen gesttzt wurde.

Sie blieben auf dem Eise unter dem Schiffe stehen, und der alte
Geistliche sagte zum Schiffer:

Wir sind hergekommen, um eine junge Jungfrau zu holen, die tot ist. Die
Mrder haben gestanden, da sie ihr Leben hingab, damit sie nicht
entrnnen, und jetzt kommen wir, um sie zu holen, auf da sie mit allen
den Ehren begraben werde, die ihr gebhren, und Ruhe unter den Ihren
finde.

Da wurde Elsalill gefunden und hinunter aufs Eis gebracht. Sie wurde auf
die Bahre gelegt, die die alten Mnner trugen, und der alte Priester
dankte dem Schiffer und wanderte wieder an der Spitze seiner Leute dem
Lande zu.

Aber wie sie sich wendeten, um zu gehen, sah der Schiffer, da eine
junge Jungfrau, die er frher nicht gesehen hatte, neben der Bahre
einherging, und sie beugte sich einmal ums andre zu der Toten hinunter
und herzte sie zrtlich.

Aber wie die Trauernden dahinschritten, brachen Sturm und Wogen hinter
ihnen herein und schleuderten das Eis empor, ber das sie eben gewandert
waren. Und kaum waren sie mit Elsalill hinter einer Landzunge
verschwunden, als das Eis auch schon zersplittert war und die groe
Galeasse den Weg frei hatte, hinaus ins offene Meer.





Reors Geschichte


War da ein Mann, der hie Reor. Er war aus Fuglekrr im Kirchspiel
Svarteborg und galt fr den besten Schtzen der Gegend. Er wurde
getauft, als Knig Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war
fortab ein eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schn
aber nicht hochgewachsen, stark aber sanft. Er zhmte junge Fohlen mit
Blick und Wort allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die
kleinen Vglein an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf,
und die Natur hatte groe Macht ber ihn. Das Wachstum der Pflanzen und
das Knospen der Bume, das Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der
Sprung des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten
und der Wechsel der Witterung, dies waren die Hauptgeschehnisse in
seinem Leben. Schmerz und Freude bereitete ihm derlei, und nicht das,
was sich unter den Menschen zutrug.

Eines Tages tat der geschickte Jger einen guten Fang. Er traf im tiefen
Waldesdickicht einen alten Bren und erlegte ihn mit einem einzigen
Schu. Die scharfe Spitze des groen Pfeiles drang in das Herz des
Gewaltigen, und er sank dem Jger tot zu Fen. Es war Sommer, und der
Pelz des Bren war weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schtze ihn
ab, rollte ihn zu einem harten Bndel zusammen und ging mit dem
Brenfell auf dem Rcken weiter.

Er war noch nicht lange gewandert, als er einen beraus starken
Honigduft versprte. Der kam von den kleinen, blhenden Pflanzen, die
den Boden bedeckten. Sie wuchsen auf dnnen Stielen, hatten lichtgrne,
glatte Bltter, die sehr schn gedert waren, und auf der Spitze des
Stengels ein kleines Bschelchen, das dicht mit weien Blten besetzt
war. Die kleinen Kronen waren nach winzigem Mastabe geraten, doch aus
ihnen ragte eine kleine Brste von Stempeln auf, deren bltenstaubgefllte
Knpfchen auf weien Saiten zitterten. Reor dachte, whrend er so unter
ihnen einherging, da diese Blumen, die einsam und unbemerkt im
Waldesdunkel standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der
starke honigse Duft war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres
Daseins weit unter die Bume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag
etwas Bengstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher
gefllt und ihre Tischlein gedeckt, der geflgelten Gste harrend, aber
niemand kam. Sie sehnten sich zu Tode in ihrer trben Einsamkeit in dem
dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern
zu wollen, weil die schnen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu
Gaste zu sein. Da wo die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte
es ihn, als sngen sie zusammen ein eintniges Lied: Kommt, ihr schnen
Gste, kommt heute, denn morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem
trocknen Laub.

Doch es sollte Reor vergnnt sein, das frohe Ende des Blumenmrchens zu
sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste
Lftchen und sah einen weien Schmetterling im Dunkel zwischen den
dicken Stmmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als
wte er den Weg nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem
andern tauchte im Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der
weibeschwingten Honigsucher versammelt war. Aber der erste war der
Anfhrer, und er fand, vom Dufte geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das
ganze Schmetterlingsheer herangestrmt. Es strzte sich auf die
sehnschtigen Blumen, wie der Sieger sich auf die Beute strzt. Wie ein
Schneefall von weien Flgeln senkten sie sich auf sie herab. Und nun
gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede Blume. Der Wald war voll von
stillem Jubel.

Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigse Duft auf
dem Fue, wohin er auch ging. Und er empfand, da sich drinnen im Walde
eine Sehnsucht verbarg, strker als die der Blumen. Da da etwas war,
was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt
hatten. Er ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als
harrte er eines groen unbekannten Glckes. Das einzige, was ihn
ngstigte, war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was sich
nach ihm sehnte.

Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weie Schlange. Er bckte
sich, um das glckbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm
aus den Hnden und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich
zusammen und lag still, doch als der Schtze wieder nach ihr griff,
glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor
ganz und gar darauf erpicht, das klgste der Tiere zu besitzen. Er lief
der Schlange nach, aber konnte sie nicht erreichen, und sie lockte ihn
von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden.

Dieser war mit Fhren bestanden, und in einem Fhrenwalde findet man
selten Rasen. Aber jetzt verschwand pltzlich das trockene Moos und die
braunen Nadeln, Farrenkruter und Preiselbeerbsche zogen sich zurck,
und Reor fhlte seidenweiches Gras unter seinen Fen. ber der grnen
Matte zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln,
und zwischen den langen schmalen Blttern zeigten sich die kleinen,
halberblhten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
und darber breiteten die hochstmmigen Fhren ihre knorrigen, braunen
ste mit dichten Nadelbscheln. Doch zwischen diesen konnten die
Sonnenstrahlen viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend hei.

Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht
aus dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
moosigen Steinflchen, die frischen Brche, da wo der Winterfrost
zuletzt gewaltige Blcke gelst hatte, die groen Stauden Steinwurz, die
die braunen Wurzeln in erdgefllte Spalten drngten, und die zollbreiten
Abstze, wo die Sulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
eine grasgrne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen
Mtzen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.

Diese Felswand schien in allen Stcken jeder andern Felswand zu
gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, da er gerade vor die Giebelwand
einer Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und
Flechten die groen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich
drehte.

Er glaubte jetzt, da die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlpfen konnte,
und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er sprte jetzt wieder den
honigsen Duft der sehnschtigen Blumen und merkte, da hier oben unter
der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam
still: kein Vogel rhrte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als
hielte alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und
zu lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht
allein war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefhl, als ob
jemand ihn beobachtete, es war ihm, als wrde er erwartet. Er empfand
keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte
er bald etwas beraus Schnes zu sehen bekommen.

In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich
nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blcke gekrochen, die
der Frost von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weien
Schlange sah er den lichten Leib eines Mdchens, das im weichen Grase
lag und schlief. Sie lag ohne andere Decke, als ein paar spinnwebdnne
Schleier, gerade als htte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die
Nacht hindurch im Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die
zitternden, federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch ber der
Schlafenden, so da Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Krpers
gewahren konnte. Er trat auch nicht nher, um besser zu sehen, aber sein
gutes Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das Mdchen und
die Felswand, damit die den Stahl frchtende Riesentochter nicht in den
Berg fliehen konnte, wenn sie erwachte.

Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wute er
sogleich, das Mgdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch
war er nicht recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln
sollte.

Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
Menschen, dem groen ernsten Walde und dem strengen Berge. Sieh,
sagten sie, dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsere schne
Tochter. Besser ziemt sie dir als die Tchter der Ebene. Reor, bist du
der edelsten Gabe wrdig?

Da dankte er in seinem Herzen der groen wohlttigen Natur und beschlo
das Mdchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und
da er dachte, da sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte
angenommen hatte, sich bei dem Gedanken, da sie so unverhllt dagelegen
habe, schmen wrde, lste er die Brenhaut von seinem Rcken, entrollte
das steife Fell und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bren ber
sie.

Doch als er dies tat, erdrhnte hinter der Felswand ein Lachen, vor dem
die Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als htte jemand
in groer Angst gewartet, der lachen mute, als er ganz pltzlich davon
befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drckende Hitze hatten nun
auch ein Ende. ber das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die
Nadeln begannen ihren rauschenden Gesang. Der glckliche Jger fhlte,
da der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter
der Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden wrde.

Die Schlange schlpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag
in Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in
die grobe Brenhaut, so da nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell
hervorguckte. Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im
Berge war, war sie doch zart und fein gebaut, und der starke Schtze hob
sie in seine Arme und trug sie fort durch den Wald.

Nach einem Weilchen fhlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut
abhob. Da sah er auf und merkte, da die Riesentochter erwacht war. Sie
sa ganz ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann
aussah, der sie trug. Er lie sie gewhren, er machte grere Schritte,
aber sagte nichts.

Da mute sie wohl gemerkt haben, wie hei ihm die Sonne auf den Kopf
brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum
ber seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht
auf, sondern hielt ihn so, da sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte.
Da deuchte es ihn, da er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte.
Stumm trug er sie hinab zu seiner Mutter Htte. Doch sein ganzes Wesen
durchbebte Glckseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims
stand, da sah er, wie die weie Schlange, die Glck ins Haus bringt,
unter die Grundmauer schlpfte.





Das Mdchen vom Moorhof

1

Es ist in einem Thingsaal, weit drauen auf dem Lande. Am Richtertisch,
hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein groer, stark gebauter Mann
mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat
er einen Fall nach dem andern entschieden, und schlielich ist etwas wie
berdru und Dsterkeit ber ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es
die Hitze und Schwle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrckt, oder die
Schuld an dieser schlechten Laune die Beschftigung mit allen diesen
kleinlichen Zwistigkeiten trgt, die aus keinem andern Grunde entstanden
zu sein scheinen, als um die Hndelsucht und Unbarmherzigkeit und
Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.

Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute
durchgefhrt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines
Erziehungsbeitrages.

Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das
Protokoll des frheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfhrt man
frs erste, da die Klgerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte
ein verheirateter Mann.

Weiter geht aus dem Protokoll hervor, da der Beklagte erklrt hat, die
Klgerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden
lassen. Er gibt zu, da die Klgerin eine Zeitlang auf seinem Hof in
Dienst gestanden hat; er aber habe sich whrend dieser Zeit in keinerlei
Liebeshndel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche
Untersttzung von ihm zu begehren. Die Klgerin jedoch hat an ihrer
Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist
dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht
verurteilt werden wolle, der Klgerin die verlangte Untersttzung zu
zahlen.

Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem
Gerichtstisch. Die Klgerin ist sehr jung und sieht ganz verschchtert
aus. Sie weint vor Scham und trocknet mhsam ihre Trnen mit einem
zusammengeknllten Taschentuch; es scheint, als knne sie es nicht
auseinanderfalten. Sie trgt schwarze Kleider, die ziemlich neu und
ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, da man versucht ist,
zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anstndig vor Gericht
erscheinen zu knnen.

Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, da er ein
wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein
zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl
steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als fnde
er ein besonderes Vergngen daran, da zu stehen, aber er macht auch
durchaus keinen befangenen Eindruck.

Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten
und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,
den Eid zu schwren.

Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er
fngt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des
Pfarrers darber hervor, da er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides
kenne und kein Hinderungsgrund fr ihn vorliege, ihn zu schwren.

Whrend dieser ganzen Zeit hat die Klgerin nicht aufgehrt zu weinen.
Sie scheint unberwindlich scheu zu sein und hlt die Augen hartnckig
zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, da
sie dem Beklagten ins Gesicht sehen knnte.

Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar
Schritte nher an den Richterstuhl heran, als htte sie etwas
einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht mglich,
scheint sie zu sich selbst zu sagen, er knne nicht Ja gesagt haben. --
Ich habe nicht recht gehrt ...

Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem
Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,
um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.

Die Klgerin hrt, da jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie
zwingt sich, den Blick so weit zu heben, da sie ber den Tisch hinsehen
kann, und da bemerkt sie, da der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.

Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie
hlt sich wieder zurck. -- Es ist ja nicht mglich, da er den Eid
ablegt. Der Richter mu ihn doch daran hindern.

Der Richter war ein so kluger Mann, und er wute gar wohl, was die Leute
in seiner Heimat dachten und fhlten. Er mte doch wissen, wie streng
alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe
betrifft. Sie kannten keine rgere Snde als die, die sie begangen
hatte. Wrde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es
nicht wahr gewesen wre? Der Richter knnte wohl wissen, welche
furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung
allein, sondern auch alles mgliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst
nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten
sie kaum in ihrer Htte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie
hinauszuwerfen. Nein, der Richter mte wohl begreifen, da sie keine
Untersttzung von einem verheirateten Mann verlangt htte, wenn ihr kein
Recht darauf zustnde.

Der Richter knnte doch nicht glauben, da sie in einer solchen Sache
lge, da sie so furchtbares Unglck auf sich herabbeschworen htte,
wenn sie einen andern htte anklagen knnen als einen verheirateten
Mann. Und wenn er dies wte, mte er den Eid doch verhindern.

Sie sieht, da der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein
paarmal durchliest. Darum fngt sie zu glauben an, da er eingreifen
werde.

Es ist auch richtig, da der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet
seine Blicke ein paarmal auf die Klgerin, aber dabei wird der Ausdruck
des Ekels und des berdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer
deutlicher. Es sieht aus, als wre er ungnstig gegen sie gestimmt.
Selbst wenn die Klgerin die Wahrheit spricht, -- sie ist ja doch eine
schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme fr sie
empfinden.

Es kommt manchmal vor, da der Richter in einen Proze eingreift als ein
guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behtet, sich ganz und
gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er mde und unlustig, und er
denkt an nichts anderes, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu
lassen.

Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er
hoffe, da dieser die verhngnisvollen Folgen eines falschen Schwurs
genau bedacht habe. Der Beklagte hrt ihn mit derselben Ruhe an, die er
die ganze Zeit ber an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und
nicht ohne Wrde.

Die Klgerin hrt dies mit dem uersten Schrecken. Sie macht ein paar
heftige Bewegungen und pret die Hnde zusammen. Nun will sie vor dem
Richterstuhl sprechen. Sie kmpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer
Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnrt. Das
Ende ist doch, da sie kein hrbares Wort hervorbringen kann.

Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird
ihn hindern, seine Seele zu verschwren.

Bis dahin hat sie nicht glauben knnen, da es geschehen wrde. Aber
jetzt packt sie die Gewiheit, da es unmittelbar bevorsteht, da es im
nchsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel
berwltigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemchtigt
sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die
Augen erstarren ihr im Kopfe.

Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwren.
Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, -- deshalb
darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.

Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas
Geheimnisvolles und Grliches um diese Snde. Es gibt keine Gnade,
keine Vergebung fr sie. Die Tore des Abgrundes ffnen sich von selbst,
wenn der Name des Meineidigen genannt wird.

Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben htte, -- sie htte
gefrchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt
zu sehen, ihm aufgeprgt von Gottes Zorn.

Whrend sie so dasteht und immer grere Angst sich ihrer bemchtigt,
hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel
zu legen hat. Dann schlgt der Richter im Gesetzbuch nach, um die
Eidesformel zu finden.

Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen
Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich ber
den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.

Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurckgehalten. Sie
glaubt, da er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen
werde.

Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht
hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann
macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen knne.
Und der Beklagte fngt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht
einen kleinen Fehler, so da der Richter von vorn anfangen mu.

Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt wei sie,
da er falsch schwren, da er Gottes Zorn fr das zuknftige Leben auf
sich herabschwren will.

Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hnde. Und es ist
alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.

Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind
lag im Sterben. An wen sonst htte sie sich um Hilfe wenden sollen?

Nie htte sie auch geglaubt, da er eine so schreckliche Snde begehen
knnte.

Jetzt hat der Richter den Eid noch einmal vorgesprochen. In wenigen
Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine
Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelscht werden kann.

Gerade als der Beklagte anfngt, den Eid nachzusprechen, strzt sie vor,
schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reit die Bibel an
sich.

Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine
Seele nicht verschwren. Er darf nicht.

Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und
ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem
Gericht zusammenhngt, und sie glaubt, da, was sie jetzt getan hat, sie
auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es
auch kosten mge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwren
will, luft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm
Widerstand.

Du darfst den Eid nicht schwren! ruft sie. Du darfst nicht!

Was jetzt vorgeht, erweckt natrlich das grte Staunen. Die
Versammelten drngen zum Richtertisch, die Geschworenen erheben sich,
der Protokollfhrer springt auf, das Tintenfa in der Hand, damit es
nicht umgestrzt werde.

Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: Ruhe! und alle die
Menschen bleiben regungslos stehen.

Was fllt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen? fragt der
Richter die Klgerin mit harter und strenger Stimme.

Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,
ist ihre Beklommenheit gewichen, so da sie antworten kann: Er darf den
Eid nicht ablegen!

Sei still und gib das Buch zurck! ruft der Richter. Aber sie gehorcht
nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Hnden.

Er darf den Eid nicht ablegen! ruft sie mit ungezgelter Heftigkeit.

Ist es dir so sehr darum zu tun, den Proze zu gewinnen? fragt der
Richter in immer schrferem Ton.

Ich will die Klage zurckziehen! ruft sie mit lauter, schneidender
Stimme. Ich will ihn nicht zwingen, zu schwren!

Was schreist du da? fragt der Richter. Hast du den Verstand
verloren?

Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hrt
selbst, wie sie schreit. Der Richter mu wohl glauben, da sie toll
geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen
kann. Noch einmal kmpft sie mit sich selbst, um Macht ber ihre Stimme
zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,
whrend sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:

Ich will die Klage zurckziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich
hab' ihn noch lieb. Ich will nicht, da er falsch schwrt!

Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem
Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hnde auf
den Tisch gesttzt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.
Whrend der Richter sie betrachtet, geht eine groe Vernderung mit ihm
vor. Alle Schlaffheit und Mivergngtheit, die in seinen Zgen gelegen
hat, schwindet, und das groe, grobe Gesicht wird durch die Rhrung
geradezu schn. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.
Ich will mich nicht darber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten
so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.

Pltzlich aber sprt der Richter, da seine Augen sich mit Trnen
fllen, und da zuckt er beinahe beschmt zusammen und wirft einen
raschen Blick um sich. Da sieht er, da die Schreiber und die
Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt
haben, um das Mdchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die
Bibel an die Brust gepret. Und er sieht einen Schimmer auf ihren
Gesichtern, als htten sie etwas richtig Schnes gesehen, das sie bis in
das tiefste Herz erfreut hat.

Hierauf sieht der Richter auch ber das versammelte Volk hin, und ihm
ist, als sen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als htten sie
gerade jetzt das gehrt, wonach sie sich am meisten sehnten.

Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der
mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.

Der Richter wendet sich abermals an das arme Mdchen. Es soll so sein,
wie du es willst, sagt er. Die Klage wird zurckgezogen, diktiert er
dem Protokollfhrer.

Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.
Was denn? Was denn? schreit ihn der Richter an. Hast du vielleicht
etwas dagegen? Der Beklagte lt den Kopf noch tiefer sinken und sagt
dann kaum hrbar: Ach nein, es ist wohl am besten so.

Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den
schweren Stuhl zurck, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur
Klgerin hin.

Ich danke dir, sagt er und reicht ihr die Hand.

Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet
die Trnen mit dem zusammengerollten Taschentuch.

Ich danke dir, sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so
leicht und behutsam, als wre sie etwas gar Feines und Kostbares.


2

Niemand darf glauben, da das Mdchen, das eine so schwere Stunde vor
dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas
Rhmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, da sie vor der ganzen
Gemeinde beschmt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, da
der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschttelt hatte.
Sie glaubte, dies bedeutete nur, da die Verhandlung zu Ende sei, und
sie ihrer Wege gehen knne.

Sie sah auch nicht, da die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und
da ihr mehrere die Hand drcken wollten. Sie schlich sich nur davon und
wollte fort. Aber unten an der Tr herrschte ein groes Gedrnge. Der
Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drckte sich
an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verlie. Sie
meinte, da alle andern vor ihr hinausgehen mten.

Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wgelchen
angespannt vor der Freitreppe. Gudmund sa darin, die Zgel in der Hand,
und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das
aus dem Thingsaal strmte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: Komm her,
Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.

Aber obgleich sie ihren Namen hrte, -- sie konnte nicht glauben, da er
sie rief. Es war nicht mglich, da Gudmund Erlandsson sie kutschieren
wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und
schn und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte
nicht glauben, da er etwas mit ihr zu tun haben wolle.

Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm
vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.

Hrst du nicht, Helga, da du mit mir fahren kannst? fragte Gudmund,
und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte
es nicht in ihren Kopf hineinbringen, da Gudmund es gut mit ihr meine.
Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und
wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu
hren. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief
vom Thingplatz fort, um auer Hrweite zu sein, wenn das Lachen begnne.

Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der
Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen groen Hof und war nicht
vermgend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing
gefahren, um einige Urkunden fr seinen Vater zu holen, aber da er noch
eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein
hergerichtet. Er hatte das neue Wgelchen genommen, dessen Lackierung
keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide
glnzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote
Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem
kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln
geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein
Feiertagsgewand, aber er wute, da er mnnlich und stattlich darin
aussah.

Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen
gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war
ihm nicht lang erschienen. Als er ungefhr auf halbem Wege war, fuhr er
an einem armen Mdchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als
knnte es vor Mdigkeit kaum einen Fu vor den andern setzen. Es war
Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei
jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin
sie gehe, und als er erfuhr, da sie zum Thing wolle, bot er ihr an,
mitzufahren. Sie dankte und stieg rckwrts auf den Wagen, auf das
schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte
sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berhren. Es war auch
nicht seine Absicht gewesen, da sie sich neben ihn setze. Er wute
nicht, wer sie wre, aber er vermutete, da sie die Tochter irgendeines
armen Kleinhuslers wre, und fand, es sei wohl genug Ehre fr sie, wenn
sie rckwrts aufsitzen drfte.

Als sie an einen Hgel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte
begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heie, und wo sie
daheim sei. Als er hrte, da sie Helga hie und von einem Waldgtchen
stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. Bist
du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst, fragte er. Das letzte
Jahr wre sie daheim gewesen, frher htte sie einen Dienstplatz gehabt.
Bei wem denn? fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure
es lange, bis die Antwort kam. Im Sternhof, bei Per Martensson, sagte
sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht
gehrt werden. Aber Gudmund verstand sie doch. Ja so, du bist also
die, sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,
richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.

Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut
ber den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein
Weilchen verhielt sich das Mdchen still, aber bald fhlte Gudmund seine
Hand auf seinem Arm. Was willst du? fragte er, ohne den Kopf zu
wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen knne. Ach, warum
denn? sagte Gudmund in verchtlichem Tone. Fhrst du nicht gut? --
Ja, danke, aber ich gehe doch lieber. Gudmund kmpfte ein wenig mit
sich selbst. Es war rgerlich, da er gerade an diesem Tage eine solche
wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, da er
sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder
vertreiben knnte. Halte, Gudmund, sagte das Mdchen noch einmal. Sie
sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zgel an. -- Wenn sie durchaus
aussteigen will, dachte er, brauche ich sie doch nicht zu zwingen,
gegen ihren Willen zu fahren. Sie war schon unten auf der Strae, bevor
noch das Pferd ganz stehengeblieben war. -- Ich glaubte, du wutest, wer
ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren, sprach sie, sonst
wre ich gar nicht eingestiegen. Gudmund sagte kurz: Beht Gott! und
fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, da er sie kenne.
Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind gesehen; aber sie
hatte sich verndert, seit sie herangewachsen war. Zuerst war er sehr
froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmhlich begann er mit sich
selbst unzufrieden zu werden. Er htte kaum anders handeln knnen, aber
er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.

Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog
er von der Strae ab, fuhr ein enges Gchen hinauf und kam zu einem
prchtigen groen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, ffnete
sich die Eingangstr, und eine der Tchter zeigte sich auf der Schwelle.
Gudmund zog den Hut und grte, und dabei huschte eine leichte Rte ber
sein Gesicht. Ich mchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,
sagte er. -- Nein, Vater ist zum Thing gefahren, antwortete die
Tochter. -- So, so, ist er schon fort? sagte Gudmund. Ich bin
hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren
mchte. Ich will auch zum Thing. -- Ach, Vater ist immer so
berpnktlich, klagte die Tochter. -- Es ist ja weiter kein Schade
geschehen, sagte Gudmund. -- Vater wre gewi gern mit einem so
prchtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren, sagte das
Mdchen freundlich. Gudmund lchelte ein wenig, als er das Lob hrte. --
Ja, da mu ich also wieder abziehen, sagte er. -- Du willst nicht
hereinkommen, Gudmund? -- Danke schn, Hildur, aber ich mu ja zum
Thing. Ich darf nicht zu spt kommen.

Gudmund fuhr nun geradeswegs zum Thinghause. Er war sehr vergngt und
dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schn, da
gerade Hildur herausgekommen war, und da sie den Wagen und die Decke
und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles
bemerkt.

Es war das erste Mal, da Gudmund auf einem Thing war. Er fand, da es
da sehr viel zu hren und zu erfahren gbe, und blieb den ganzen Tag
dort. Er sa im Thingsaal, als Helgas Sache gefhrt wurde, und sah, wie
sie die Bibel an sich ri und Gerichtsdienern und Richter standhielt.
Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrckt hatte,
stand Gudmund hastig auf und verlie den Saal. Rasch spannte er das
Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, da Helga sehr
tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so
verschchtert, da sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor
der Ehre, die ihr zugedacht war, flchtete.

An demselben Tag kam Gudmund spt abends zum Moorhof. Das war ein
kleines Gehft auf dem Abhang des bewaldeten Hgels, der das Kirchspiel
abschlo. Der Weg, der hinfhrte, war nur im Winter bei Schlittenbahn
fahrbar, und Gudmund hatte zu Fu gehen mssen. Es war ihm recht sauer
geworden, vorwrts zu kommen. Fast htte er sich an Stock und Stein die
Beine gebrochen, auch hatte er Bche durchwaten mssen, die den Pfad an
mehreren Stellen durchschnitten. Wre nicht Vollmond gewesen, so htte
er berhaupt nicht hinfinden knnen; und er dachte, da das ein
beschwerlicher Weg wre, den Helga an diesem Tag hatte gehen mssen.

Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Hhe des
Hgels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals
unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn gengend, um zu wissen, da er
richtig gegangen war.

Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht
und sehr schwer zu bersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr
und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehft umgab. Die Htte
selbst stand am oberen Rand der Einzunung. Davor breitete sich ein
abschssiger Hof aus, mit kurzem, grnem Gras bewachsen, und unterhalb
des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grnem
Torfdach. Es war ein geringes und rmliches Anwesen, aber es lie sich
nicht leugnen, da es dort oben schn war. Das Moor, nach dem das
Gtchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nhe und sandte Nebel
empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglnzend heranwlzten
und einen Kranz um den Hgel bildeten. Der hchste Gipfel ragte noch aus
dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich
scharf gegen den Himmel ab. Unten ber dem Tal lag der Mondschein so
hell, da man die Felder und Gehfte und einen geschlngelten Bach
unterscheiden konnte, ber dem der Nebel wie der leichteste Duft
schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, da
das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehrte,
nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem
Waldgut hausten, immer unter diesen Bumen gehen mten. Sie konnten
unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhhne und Bergeulen und
Luchse und Heidelbeerkraut.

Gudmund ging ber die Wiese auf die Htte zu. Durch das Fenster drang
Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick
hinein, um zu sehen, ob Helga in der Htte wre. Auf einem Tisch am
Fenster brannte ein kleines Lmpchen, und davor sa der Hausvater und
flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem
ein schwaches Feuer brannte, sa die Hausmutter. Sie hatte den
Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehrt, um mit einem
kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man
hrte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte. Ihr
Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;
aber wie sie sich so ber das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen
sanften Ausdruck, und sie lchelte dem Kleinen ebenso zrtlich zu wie
seine eigene Mutter.

Gudmund sphte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der
Htte entdecken. Da schien es ihm am besten, drauen zubleiben, bis sie
kme. Er wunderte sich, da sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wre
sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen
Imbi zu nehmen? Aber bald mte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor
Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.

Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten
aus. Es war ganz ruhig. Kein Lftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob
ihn nie vorher eine solche Stille umgeben htte. Es war, als hielte der
ganze Wald den Atem an und stnde da und wartete auf etwas Merkwrdiges.

Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein
Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. Ich mchte
wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, da ich hier bin,
dachte Gudmund. Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und
sich die ganze Nacht nicht heimwagen.

Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, da er nun auf einmal
soviel mit dieser Huslerdirne zu schaffen hatte.

Als er vom Thing heim kam, war er wie gewhnlich zu seiner Mutter
hineingegangen, ihr alles zu erzhlen, was er whrend des Tages erlebt
hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer
verstanden, gegen den Sohn so zu sein, da er noch ebensoviel Vertrauen
zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und
konnte nicht gehen, sondern sa den ganzen Tag still in ihrem
Lehnstuhl. Es war immer eine gute Stunde fr sie, wenn Gudmund von einer
Reise heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.

Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzhlte, sah er, da die Mutter
gedankenvoll wurde. Lange sa sie stumm da und sah gerade vor sich hin.
Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mdchen zu stecken, sagte sie
dann. Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglck gekommen
ist. Es kann wohl sein, da sie sich dem, der ihr jetzt beistnde,
dankbar erweisen wrde.

Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht
mehr selbst helfen, sondern mute bestndig jemand um sich haben, der
ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der
auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht
leicht zu befriedigen, und auerdem wollten alle jungen Mgde lieber
eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es
sicherlich der Mutter eingefallen, da sie die Helga vom Moorhof in
Dienst nehmen knnte, und Gudmund fand, da dies ein guter Vorschlag
sei. Helga wrde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wre wohl
mglich, da ihnen auf diese Weise fr lange geholfen wre.

Am schwersten wird es mit dem Kinde sein, sagte die Mutter nach einer
Weile, und Gudmund begriff, da sie ernsthaft an die Sache dachte. --
Das mu wohl bei den Groeltern bleiben, sagte Gudmund. -- Es ist
nicht ausgemacht, da sie sich von ihm trennen will. -- Sie wird es
sich abgewhnen mssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.
Ich finde, da sie frmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem
Moorhof ist wohl Schmalhans Kchenmeister.

Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu
sprechen. Man merkte, da ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie
verhinderten, einen Entschlu zu fassen.

Gudmund begann nun zu erzhlen, wie er den Amtmann auf lvkra
aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie ber das
Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, da er
sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergngt. Wie sie
so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl sa, war es ihre stete Beschftigung,
Plne fr die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf
den Gedanken verfallen, da er es versuchen solle, um die schne
Amtmannstochter zu werben. Das war die prchtigste Heirat, die er machen
konnte. Der Amtmann war ein richtiger Grobauer. Er hatte den grten
Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war eigentlich
tricht, zu hoffen, da er sich mit einem Eidam begngen wrde, der kein
greres Vermgen hatte als Gudmund, aber es war immerhin mglich, da
er sich nach dem richtete, was seine Tochter wollte. Und da Gudmund
Hildur gewinnen knnte, wenn er nur wollte, davon war die Mutter fest
berzeugt.

Dies war das erste Mal, da Gudmund die Mutter merken lie, wie der
Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes
und ein breites von Hildur und von allen den Reichtmern und Vorteilen,
die dem zufallen wrden, der sie einmal bekme. Aber bald stockte das
Gesprch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grbeleien versunken
war. Knntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich mchte sie doch
sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme, sagte sie schlielich. --
Das ist schn, da du dich ihrer annehmen willst, Mutter, entgegnete
Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekme, mit
der sie zufrieden wre, wrde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres
Leben fhren. Du wirst sehen, da du mit dem Mdchen zufrieden sein
wirst, fuhr er fort. -- Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer
anzunehmen, sagte die Mutter.

Als es zu dmmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund
ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schnes Wetter,
die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein bergossen da.
Da fiel es ihm ein, da er heute schon in den Moorhof gehen und die
Botschaft der Mutter bestellen knne. Wre morgen schnes Wetter, dann
wrde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, da weder er noch
irgendein andrer Zeit htte, hinzugehen.

Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hrte er zwar keine
Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abstnden die
Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes
Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu
merken, da die Laute von dem Schuppen herkmen, und ging auf diesen zu.
Als er sich nherte, hrte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, da
sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff
Gudmund, wer dort drinnen war. Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt
und weint? rief er und stellte sich in die Trffnung, damit das
Mdchen nicht entwischen knnte, ehe er mit ihm gesprochen htte.

Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war
Helga, die da sa und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu
unterdrcken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhrt, und seiner
Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wute, da er
sie nicht sehen konnte.

Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, da es ihr nicht
leicht fiel, die Trnen zurckzudrngen. Sie war noch nicht in der Htte
gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrt. Sie hatte nicht den Mut
dazu gehabt. Als sie in der Dmmerung den steilen Hgel hinaufstieg und
daran dachte, da sie den Eltern jetzt sagen mte, sie habe keinen
Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte sie solche
Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie ihr sagen
wrden, da sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte drauen zu
bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt htten; dann brauchte sie
vielleicht nicht vor dem nchsten Tage von der unglcklichen Sache zu
sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber
whrend sie so dasa und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu
Bewutsein, wie unglcklich und ausgestoen sie war. Alle Schmach und
Angst, die sie hatte erleiden mssen, und alle Schmach und Angst, die
ihrer noch harrten, stand vor ihr und drckte sie mit Bleischwere zu
Boden. Sie weinte ber sich selbst, darber, da sie so elend war, und
da niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie
einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.
Je mehr sie sich gemht hatte, in die Hhe zu kommen, desto tiefer war
sie gesunken. Alle Bsche und Strucher, nach denen sie gegriffen,
hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen
versuchte, um sich aufrechtzuhalten, lie sie im Stich. Niemand wollte
ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schlielich
ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam
niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewi ihre Bestimmung, zugrunde zu
gehen.

Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:
das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm
hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so
elend wre, da kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann
knnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wre auch fr
das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es
gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber
wenn Helga einmal fr immer aus dem Wege wre, dann wrde sich die
Gromutter des Kindes wohl so annehmen, als wre es ihr eigenes.

Sie begriff nicht, da sie mitten in ihrem grten Elend etwas getan
hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung ber sie gegeben wrde.
Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, da das Moor der einzige
Zufluchtsort fr sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr
weinte sie.

Es war darum nicht so leicht fr sie, die Trnen zu unterdrcken. Es
dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.

Gudmund war nichts verhater, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die
grte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich
nun einmal die Mhe gemacht htte, zur Htte hinaufzuklettern, mte er
seinen Auftrag auch ausfhren.

Was ist dir denn? sagte er in barschem Ton zu Helga. Warum gehst du
nicht ins Haus? -- Ach ich getraue mich nicht, antwortete Helga, und
ihre Zhne schlugen aufeinander. Ich getraue mich nicht.

Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen
Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor
deinen leiblichen Eltern Angst haben. -- O ja, o ja, die sind viel
schlimmer als alle andern. -- Warum sollten sie denn gerade heute so
bse sein? -- Ich bekomme ja kein Geld. -- Na, du bist doch ein so
tchtiges Mdel, da du fr dich und dein Kind das Brot verdienen
kannst. -- Ja, aber mich will doch niemand nehmen.

Pltzlich fiel es Helga ein, da die Eltern ihre Stimmen hren und
herauskommen und fragen knnten, wer da sprche. Und dann wre sie
gezwungen, ihnen alles zu erzhlen. Dann knnte sie sich nicht in das
Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund
vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie
fest. -- Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen
habe. -- La mich gehen, rief sie und blickte ihn wild an. -- Du
siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest, sagte er; denn jetzt
stand sie drauen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. -- Ja,
das wrde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das tte, sagte
Helga und warf dabei den Kopf zurck und sah ihm gerade in die Augen.
Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rckwrts auf deinem Wagen
mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mut du
doch selbst einsehen, da es fr solch ein armes Wurm, wie mich, am
besten ist, wenn ich ein Ende mache.

Gudmund wute nicht, was er beginnen solle. Er wnschte sich weit weg,
aber er fhlte auch, da er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht
verlassen konnte. Hr mich jetzt an! Versprich nur, da du anhrst, was
ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen wohin du willst. -- Ja, das
versprach sie. -- Kann man hier nirgends sitzen?

Drben steht doch der Hackblock. -- Also geh hin und setze dich und
sei still! Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. -- Weine jetzt
nicht mehr! sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht ber sie
zu gewinnen. Aber das htte er nicht sagen sollen, denn sie lie
sogleich den Kopf in die Hnde sinken und weinte heftiger denn je.

Weine nicht! sagte er und war nahe daran, mit dem Fu auf die Erde zu
stampfen. Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir. --
Nein, keinem kann es schlechter gehen. -- Du bist jung und gesund, du
solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so
geplagt, da sie sich nicht rhren kann, aber sie klagt nie. -- Sie ist
nicht so verlassen von allen wie ich. -- Du bist auch nicht verlassen.
Ich habe mit Mutter ber dich gesprochen, und Mutter hat mich zu dir
geschickt. Das Schluchzen hrte auf. Man vernahm gleichsam das groe
Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas
Wunderbares wartete. Ich soll dir bestellen, da du morgen zu Mutter
kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen; ob du zu
uns in Dienst gehen willst. -- Das will sie mich fragen? -- Ja, aber
zuerst will sie dich sehen. -- Wei sie, da ...? -- Sie wei
ebensoviel von dir wie alle andern.

Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mdchen auf, und
im nchsten Augenblick fhlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er
erschrak frmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureien. Aber
dann fate er sich und blieb stehen. Er begriff, da das Mdchen so
auer sich vor Freude war, da sie nicht wute, was sie tat; in diesem
Augenblick hrte sie sich dem rgsten Schurken an den Hals werfen
knnen, nur um in dem groen Glck, das ber sie gekommen war, ein klein
wenig Mitgefhl zu finden.

Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben
bleiben! sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte
wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. Ich kann dir jetzt sagen, da
es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen, sagte sie. Ich danke dir,
da du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet. Gudmund hatte
bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fhlte er, wie sich etwas
warm und zrtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr
bers Haar. Da zuckte sie zusammen, als htte er sie aus einem Traum
geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. Ich danke dir, da
du gekommen bist! sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im
Gesicht geworden, und er errtete auch.

Ja, so kommst du also morgen zu uns, sagte er und streckte die Hand
aus, um ihr Lebewohl zu sagen. -- Ich werde nie vergessen, da du heute
abend zu mir gekommen bist, sagte Helga, und die groe Dankbarkeit
bekam die Oberhand ber ihre Befangenheit. Ach ja, es ist vielleicht
ganz gut, da ich da war, sagte er ruhig, fhlte sich aber doch recht
zufrieden mit sich selbst. Jetzt gehst du doch ins Haus? sagte er. --
Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.

Gudmund hatte pltzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an
einem hat, dem man hat helfen knnen. Er stand da und zauderte und
wollte nicht gehen. Ich mchte dich gern unter Dach und Fach sehen,
bevor ich gehe. -- Ich dachte, sie sollten sich lieber erst
niederlegen, bevor ich hineingehe. -- Nein, du mut gleich gehen, damit
du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst, sagte er und fand es
recht vergnglich, so fr sie zu sorgen.

Sie ging sogleich auf die Htte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und
stolz, da sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie
sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
als sie ihm nachkam. Bleib hier drauen stehen, bis ich drinnen bin! Es
geht leichter, wenn ich wei, da du drauen bist. -- Ja, sagte er,
ich werde hier bleiben, bis du das rgste berstanden hast.

Nun ffnete Helga die Httentr, und Gudmund merkte, da sie sie leicht
angelehnt lie. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem
Helfer fhle, der dort drauen stand. Er machte sich auch kein Gewissen
daraus, alles zu hren und zu sehen, was drinnen in der Htte geschah.

Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter
legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte
einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.

Bist du da? Setz dich und i, sagte sie. Dann ging sie zum Herd und
legte ein Stck Holz nach. Ich habe das Feuer nicht ausgehen lassen,
damit du dir die Kleider trocknen und dich erwrmen kannst, wenn du
kommst. Aber i jetzt zuerst! Das hast du wohl am ntigsten.

Helga war die ganze Zeit an der Tr stehengeblieben. Ihr sollt mich
nicht so gut aufnehmen, Mutter, sagte sie mit leiser Stimme. Ich
bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Untersttzung verzichtet.

Es ist heute abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und
gehrt hat, wie es dir ergangen ist, sagte die Mutter. Wir wissen
alles.

Helga blieb an der Tr stehen und machte, als wte sie weder aus noch
ein.

Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und
rusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend
berdacht hatte. Es ist nmlich so, Helga, sagte er: Mutter und ich,
wir wollten immer anstndige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es
uns vorgekommen, als ob du Unehre ber uns gebracht httest. Es war so,
als htten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Bse zu
unterscheiden. Aber als wir nun hrten, was du heute getan hast, da
sagten wir uns, Mutter und ich, da die Leute jetzt doch sehen knnen,
da du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, da wir
vielleicht auch noch Freude an dir erleben knnen. Und Mutter wollte
nicht, da wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine
ordentliche Heimkehr hast.


3

Helga vom Moorhof kam jetzt nach Nrlunda, und da ging alles gut. Sie
war willig und anstellig und dankbar fr jedes freundliche Wort, das man
ihr sagte. Sie fhlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie
vordrngen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie
lieb gewonnen.

In den ersten Tagen sah es aus, als frchte sich Gudmund, mit Helga zu
sprechen. Er hatte Angst, da das Mdchen sich etwas einbilde, weil er
ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unntige Sorge. Helga
hielt ihn fr viel zu herrlich und hoch, als da sie gewagt htte, ihre
Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, da er sie nicht
fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.

In demselben Herbst, da Helga nach Nrlunda kam, machte Gudmund viele
Besuche bei der Familie des Amtmanns auf lvkra, und es wurde viel
darber gesprochen, da er alle Aussicht htte, dort im Hause
Schwiegersohn zu werden. Volle Gewiheit, da seine Werbung Erfolg
hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der
Amtmann mit Frau und Tochter nach Nrlunda, und es war ganz klar, da
sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen wrde,
wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.

Das war das erstemal, da Helga das Mdchen, welches Gudmund heimfhren
wollte, aus der Nhe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig
Jahre, aber das Merkwrdige an ihr war, da niemand sie ansehen konnte,
ohne zu denken, welche stattliche und prchtige Hausmutter einmal aus
ihr werden wrde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schn,
und sah aus, als wenn sie gerne fr viele um sich zu sorgen htte. Sie
war nie scheu oder verschchtert, sondern sprach viel und schien alles
besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in
der Stadt zur Schule gegangen und trug die schnsten Kleider, die Helga
je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden
Eindruck. Reich und schn, wie sie war, htte sie wohl jeden Tag einen
Mann von Stand heiraten knnen, aber sie sagte immer, sie wolle keine
feine Dame werden und mit den Hnden im Scho dasitzen. Sie wollte einen
Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Buerin.

Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,
der so prchtig aufgetreten wre. Sie htte nicht geglaubt, da ein
Mensch in allen Stcken so vollkommen sein knnte. Und es duchte sie
ein groes Glck, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.

Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn
Helga an den Tag zurckdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die
Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee
gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des
Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht
das Mdchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so
da Helga die Frage deutlich hrte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und
da hatte die andere etwas geantwortet, was Helga nicht hren konnte.
Aber es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fnde, da sie
eine solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel
Kummer, aber sie suchte sich damit zu trsten, da es die Mutter und
nicht Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.

An einem Sonntag im Vorfrhling fgte es sich, da Helga und Gudmund
zusammen aus der Kirche kamen. Als sie ber den Kirchenhgel wanderten,
waren sie inmitten einer groen Schar von andern Kirchenbesuchern
gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schlielich waren
Helga und Gudmund allein.

Da fiel es Gudmund ein, da er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht
mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in
voller Strke wieder. Recht oft whrend des Winters hatte er an ihre
erste Begegnung gedacht und dabei immer gefhlt, wie etwas Ses und
Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,
pflegte er sich die ganze schne Nacht wieder zurckzurufen: den weien
Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshhe, das lichte Tal
und dann das Mdchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor
Freude geweint hatte. Je fter er sich den Vorfall zurckrief, desto
schner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in
Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer
vorstellen, da sie mit dabeigewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit
ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu
wnschen, da sie fr ein Weilchen dieselbe wre wie an jenem Abend.

Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rhmte sie sehr,
sagte, da sie das schnste und klgste Mdchen in der ganzen Umgegend
sei, und beglckwnschte Gudmund dazu, da er eine so ausgezeichnete
Frau bekme. Du mut ihr sagen, da sie mich immer auf Nrlunda bleiben
lt, sagte sie. Es wird so schn sein, unter einer solchen Frau zu
dienen.

Gudmund lchelte ber ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige
Antworten, als wren seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja
recht, da ihr Hildur so gut gefiel, und da sie sich ber seine Heirat
so freute.

Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen? fragte er. -- Ja,
gewi. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle
gegen mich wart. -- Hast du dich nach dem Walde gesehnt? -- Ach ja,
anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr. -- Ich glaubte, wer im Wald daheim
ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.

Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des
Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber
jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lcheln, das sie
wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer hchsten Not
gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern
verheiraten wollte, war sie dessen gewi, da er ihr ein guter Freund
und getreuer Helfer bleiben wrde.

Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fhlte, da sie Vertrauen zu ihm
haben knnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als mte sie ihm
alles erzhlen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander
gesprochen hatten. Ich will dir sagen, da ich in den ersten Wochen auf
Nrlunda eine recht schwere Zeit hatte, begann sie. Aber du darfst es
Mutter Ingeborg nicht wiedererzhlen. -- Wenn du willst, da ich
schweigen soll, so schweige ich. -- Denk' dir nur, da ich anfangs so
furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald
hinaufzulaufen. -- Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wrst froh, bei
uns zu sein. -- Ich konnte nichts dafr, sagte sie entschuldigend.
Ich sah wohl ein, welches Glck es fr mich war, hier sein zu drfen.
Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu
schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und
wollte mich in den Wald zurckfhren. Es war mir, als verriete ich
einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.

Das war vielleicht ..., begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz
inne. -- Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich
wute ja, da es ihm gut ging, und da Mutter freundlich zu ihm war. Es
war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefhl, als wre ich ein wilder
Vogel, den man in einen Kfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich mte
sterben, wenn man mich nicht loslie.

Nein, da es dir so schlecht ging! sagte Gudmund, und dabei lchelte
er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst
wiedererkennte. Jetzt war es, als lge nichts zwischen ihnen, sondern
als htten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof
voneinander getrennt. Helga lchelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von
ihrer Qual zu sprechen. Keine Nacht schlief ich, sagte sie; kaum
hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Trnen zu flieen, und wenn
ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz na. Am Tag, wenn ich
unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrcken; aber
sowie ich allein war, schossen mir die Trnen in die Augen.

Du hast schon viel geweint in deinem Leben, sagte Gudmund, aber sah
gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,
als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrckten Lachen einherginge. --
Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging, sagte sie
und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verstndlich zu
machen. Es kam eine Sehnsucht ber mich, die mich von mir selbst
forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glcklich fhlen. Nichts war
schn, nichts war vergnglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.
Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male
in die Stube trat.

Aber, verwunderte sich Gudmund, sagtest du nicht eben, da du bei uns
bleiben willst? -- Ja, gewi sagte ich das. -- Du sehnst dich also
jetzt nicht mehr? -- Nein, es ist vorbergegangen. Ich bin geheilt.
Warte nur, du wirst schon hren!

Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer ber den Weg und ging an ihrer
Seite weiter. Die ganze Zeit lchelte er. Es schien ihm Freude zu
machen, sie reden zu hren; aber er legte dem, was sie erzhlte, wohl
nicht viel Gewicht bei. So allmhlich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es
schien ihr, als ob alles leicht und hell wrde. Der Weg von der Kirche
war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht
mde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzhlen, weil
sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig fr sie,
sich auszusprechen. Sie htte ebenso vergngt sein knnen, wenn sie
stumm neben ihm einhergegangen wre.

Als ich am allerunglcklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines
Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und ber den Sonntag
daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hgel zum Moor
hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, da ich nie mehr nach Nrlunda
zurckkommen wrde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, da ich
eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, da ich es nicht bers
Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu
bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual
rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine
Einbildung gewesen wre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter
hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehrte mir
nicht mehr. Und es war ja gut, da es so war; aber es fiel mir doch
schwer, mich daran zu gewhnen.

Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen? warf
Gudmund hin. -- Ach nein. Als ich am Montag morgen erwachte und daran
dachte, da ich jetzt gehen mte, kam die Sehnsucht wieder ber mich.
Ich lag da und weinte und ngstigte mich, denn das einzige Recht und
Richtige war doch, da ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefhl,
als mte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich
zurckkehrte. Aber da fiel mir pltzlich ein, was ich einmal gehrt
hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und
sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner
Sehnsucht befreit. -- Na, das ist ein Heilmittel, das leicht anzuwenden
ist, sagte Gudmund. -- Ja, wenn es damit nur nicht die Bewandtnis
htte, da man sich nachher irgendwo anders heimisch fhlen kann. Geht
man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat, dann sehnt man
sich ebensosehr dorthin zurck, als man sich frher von dort weggesehnt
hat. -- Kann man die Asche nicht wieder dorthin mitnehmen, wohin man
geht? -- Nein, das kann man nur einmal im Leben tun. Dann gibt es keine
Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefhrlich, so etwas zu versuchen.

Ich htte nie so etwas gewagt, sagte Gudmund, und sie hrte sehr wohl,
da er sie nur neckte. -- Ich hab' es doch gewagt, sagte Helga. Es war
besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten, als
undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit, und
wie ich nach Nrlunda zurckkam, bentzte ich einen Augenblick, wo
niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.

Und jetzt glaubst du, da die Asche dir geholfen hat? -- Warte, du
wirst schon hren, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und
dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso
heftig wie frher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an
diesem Tage sehr viel drinnen und drauen zu tun; und als ich am Abend
im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer
angezndet.

Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hren, wie es kam, sagte
Gudmund. -- Ja, denke nur, schon als ich ber den Hof ging, kam es mir
vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wre, und als ich die Tr
ffnete, da hatte ich das Gefhl, da ich in unsere eigene Stube kam,
und da Vater und Mutter am Feuer saen. Ja, dies flog nur an mir vorbei
wie ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz
erstaunt, wie schn und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter
Ingeborg und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend,
als ihr da im Feuerschein saet. Es war ein kstliches Gefhl,
hereinzukommen, und das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt,
da ich fast laut aufgeschrien und in die Hnde geklatscht htte. Es
schien mir, als ob ihr wie verwandelt wret. Ihr wart mir nicht mehr
fremd, sondern ich konnte mit euch ber alles reden. Du kannst dir
denken, da ich mich freute; aber dabei mute ich mich doch immer wieder
wundern. Ich fragte mich, ob ich denn verhext wre, und sieh, da fiel
mir pltzlich die Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.

Ja, das ist seltsam, sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an
Zauber und Hexerei; aber es mifiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen
sprechen zu hren. Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum
Vorschein gekommen, dachte er. Kann man begreifen, da jemand, der so
viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?

Ja, gewi war es seltsam, sagte Helga. Und dasselbe hat sich den
ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war
es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wre. Aber es ist
auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,
aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle
Hausgenossen Abend fr Abend versammeln. Das wird, mcht' man sagen, so
vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und
manchmal ist es mrrisch und schlechter Laune. Es ist, als lge es in
seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es
mir, als wre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gbe es
allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.

Aber wenn du nun gezwungen wrest, aus Nrlunda fortzumachen? sagte
Gudmund. -- Dann mu ich mich all mein Lebtag danach sehnen, erwiderte
sie, und man hrte an ihrer Stimme, da sie dies im tiefsten Ernst
sagte. -- Ja, ich werde gewi nicht der sein, der dich vertreibt, sagte
Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton. -- Dann
begannen sie kein neues Gesprch, sondern wanderten stumm bis zum
Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die neben
ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im vorigen Jahr
durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas Frisches und
Rosiges. Die Zge waren klein und rein, das Haar umgab den Kopf wie ein
Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht klug werden.
Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte rasch
hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu werden,
doch mute sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.

Gudmund fragte sich, ob er sich wnsche, da Hildur so wre; aber das
wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. --

Ein paar Wochen spter erfuhr Helga, da sie im April von Nrlunda fort
msse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen
wollte.

Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg
begann davon zu sprechen, sie wrden an ihrer neuen Schwiegertochter so
viel Hilfe haben, da sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten
brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten
Stelle gehrt, wo es Helga viel besser gehen wrde als bei ihnen.

Helga brauchte nicht mehr zu hren: sie verstand, da sie fort msse,
und erklrte sogleich, da sie gehen wolle; aber eine andere Stelle
wolle sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurck.

Man merkte wohl, da sie auf Nrlunda Helga nicht aus freiem Willen
kndigten.

Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, da es ein frmlicher
Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider
und Schuhe zu, da sie, die nur mit einem Bndel unter dem Arm gekommen
war, ihre Besitztmer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte.

Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus, sagte
Mutter Ingeborg. Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich
ziehen lasse! Du weit wohl, da es nicht mit meinem Willen geschieht.
Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du
keine Not leiden mssen.

Sie machte mit Helga ab, da sie ihr Laken und Handtcher weben solle.
Und sie gab ihr Arbeit fr mindestens ein halbes Jahr.

Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam nicht
herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der Tr
stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, da er gar nicht
merkte, was vorging. Sie mute hinausgehen, um ihm Lebewohl zu sagen.

Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: Ich danke
dir fr all die Zeit! und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte
sagen wollen, sie she ein, da es unmglich fr ihn sei, sie zu
behalten, und da alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst htte es so
fr sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, da die Spne rings um
ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschlieen, etwas zu sagen.

Aber das Merkwrdigste an der ganzen Sache war, da der Bauer selbst,
der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr.

Gudmunds Vater war ein kleines, trockenes Mnnchen mit kahlem Scheitel
und schnen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, da er
zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es
gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte,
dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mute,
um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im
Rechnungfhren und geno unter den Mnnern des Kirchspiels groes
Vertrauen. Er bekam auch alle mglichen kommunalen Auftrge und war
angesehener als so mancher, der einen schnen Hof und groen Reichtum
besa.

Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und lie
nicht zu, da sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf
dem Moorhof angelangt waren, sa er lange in der Htte und sprach mit
Helgas Eltern und erzhlte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg
mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele
Dienstleute brauchten, mten sie sie nach Hause schicken. Sie htte
gehen mssen, weil sie die Jngste wre. Sie htten es unrecht gefunden,
jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente.

Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern
bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hrten,
sie htte so groe Bestellungen erhalten, da sie sich mit ihrer Weberei
das Brot verdienen knne, waren sie es recht zufrieden, da sie nun
daheim blieb.


4

Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage
geliebt htte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, da Helga aus
Nrlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den
er mehr bewundert und geachtet htte. Kein junges Mdchen schien ihm
Hildur an die Seite gestellt werden zu knnen, und er war sehr stolz
darauf gewesen, da er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber
Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie wrden
reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefhl, da es sich
in dem Heim, wo Hildur das Regiment fhrte, gut leben lassen mte. Er
dachte auch gern daran, da er viel Geld haben wrde, wenn er mit ihr
verheiratet wre. Er knnte seine Wirtschaft verbessern, knnte alle
verfallnen Htten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so da er ein
richtiger Grobauer wrde.

An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er
abends nach lvkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu
sprechen und hatte gesagt, da sie nicht nach Nrlunda kommen wolle, ehe
die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als
einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, da es Hildur ernst
war. Gudmund fhrte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so
jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu
verwundern, da sie ins Unglck gekommen wre, wo sie an einen so
schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine
Mutter sich ihrer angenommen, htte sie sich immer gut betragen. Es
kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoen, sagte er. Da knnte
sie ja wieder ins Elend kommen.

Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. Wenn das Mdchen auf Nrlunda
bleibt, so komme ich nie hin, sagte sie. Ich kann eine solche Person
in meinem Hause nicht dulden. -- Du weit nicht, was du tust, sagte
Gudmund. Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind
alle froh, da sie zu uns gekommen ist; frher war Mutter oft
verdrielich und schlechter Laune. -- Ich zwinge dich ja nicht, sie
fortzuschicken, sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund
ihr in dieser Sache nicht den Willen tte, entschlossen, die Heirat
aufzugeben. -- Nein, es soll so sein, wie du willst, sagte Gudmund
schlielich. Er fand, da er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft
aufs Spiel setzen knnte. Aber er sah sehr bla aus, als er so nachgab,
und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt.

Diese Sache nun lie Gudmund befrchten, da Hildur vielleicht nicht
ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, da
sie ihren Willen ber den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war:
er konnte sich nicht verhehlen, da sie im Unrecht war. Er sagte sich,
da er ihr gern nachgegeben htte, wenn sie sich groherzig gezeigt
haben wrde; aber nun schien es ihm, da sie nur kleinlich und herzlos
gewesen wre.

Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, sa er und suchte und
sphte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder
zeigen wrde. Nun sein Mitrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht
lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewnscht
htte. Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,
murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich,
wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten wrde, wenn man sie auf die
Probe stellte. Er suchte sich damit zu trsten, da alle Menschen zuerst
an sich selbst dchten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah sie vor
sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich gerissen
hatte, er hrte, wie sie rief: Ich will die Klage zurckziehen. Ich hab
ihn noch lieb. Ich will nicht, da er falsch schwrt. So htte er sich
Hildur gewnscht. Helga war ihm ein Ma geworden, nach dem er die
Menschen beurteilte, -- wahrlich, es gab nicht viele, die ein so
liebevolles Herz hatten.

Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den
Gedanken, da er von der Heirat abstehen knnte. Er suchte sich
einzureden, da sein Mimut nichts andres sei als leere Grillen. Vor
einigen Wochen erst hatte er sie ja fr die Beste gehalten, die es gbe.

Wre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann htte er sich
vielleicht zurckgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der
Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits groe
Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die
gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund
htte er fr einen Bruch anzufhren vermocht? Was er gegen Hildur
einzuwenden hatte, war so unbedeutend, da es sich auf seinen Lippen in
Luft verwandeln wrde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen.

Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf
oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, lie er sich Bier oder Wein
geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen
geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit
Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich qule.

Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsicht, sie zu treffen. Aber
er glaubte, da Helga ihn fr einen schlechten Kerl halte, weil er dem
Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war,
und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklren, noch sich
rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen.

Doch eines Morgens, als Gudmund gerade ber die Strae ging, begegnete
er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und
schlo sich ihr an. Sie schien ber seine Gesellschaft nicht gerade
erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm
fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht
recht wute, wie er ein Gesprch einleiten solle.

Da kam vom andern Ende der Strae ein Gefhrt heran. Gudmund ging in
Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen
und wendete sich nun pltzlich zu ihm. Es hat keinen Zweck, da du mit
mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns
aus lvkra gefahren. Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen
und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nchsten
Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite
weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne da er ihr ein Wort gesagt
hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst,
als er seit lange gewesen war.


5

Es war bestimmt, da Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten
Pfingstfeiertag auf lvkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor
Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkufe fr einen
Begrungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Nrlunda
stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen
Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wuten, da dies Gudmunds
letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anla, ein
groes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, da
Gudmund trinke, und es gelang ihnen schlielich, ihn ganz bewutlos zu
machen.

Am Samstag morgen kam er so spt nach Hause, da sein Vater und der
Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in
den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, da
sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. Das sieht ja aus, als wenn
ich heute nacht eine Schlgerei gehabt htte, sagte er und versuchte,
sich zu besinnen, was geschehen wre, erinnerte sich jedoch nur, da er
gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war,
aber wohin sie sich dann begeben htten, das konnte er sich nicht
zurckrufen. Es war, als versuchte er, in eine groe Dunkelheit
hineinzustarren. Er wute nicht, ob sie sich nur auf den Straen
herumgetrieben htten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wren. Er
konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein
Pferd eingespannt htte, und er hatte gar keine Erinnerung an die
Heimfahrt.

Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und
gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee.
Niemand sagte etwas ber Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein
stillschweigendes bereinkommen zu sein, da er in diesen letzten Wochen
die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte.

Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern.
Whrend er so dasa und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann
wieder in die Schale go, um ihn abkhlen zu lassen, wurde Mutter
Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben
gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte fr Spalte vor, und
Gudmund, der Vater und die andern saen da und hrten zu.

Unter anderm las sie einen Bericht vor ber eine Schlgerei, die in der
vorhergehenden Nacht auf dem groen Marktplatz zwischen einer Schar
betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die
Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von
ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen
auf die Polizeistation, und da man keine uere Verletzung an ihm
entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle
Bemhungen waren jedoch vergebens, und schlielich entdeckte man, da
eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines
ungewhnlich groen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn
eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mrder war mit dem
Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der
Schlgerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man
wrde ihn bald finden.

Whrend Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin,
fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen
gleichgltigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen,
drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als
htte er sich daran verbrannt. Er rhrte den Kaffee nicht mehr an,
sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen.
Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, da er
mit aller Macht versuchte, sich ber etwas klar zu werden.

Endlich stand er auf, streckte sich, ghnte und ging langsam auf die Tr
zu. Ich mu mir ein bichen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag
nicht aus dem Hause gewesen, sagte er und verlie das Zimmer.

Ungefhr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine
Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu
holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund
vorbergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die
der Wohnstube, sondern auf ein kleines Grtchen, in dem ein paar hohe
pfelbume standen. Unterhalb des Grtchens lag ein Sumpfland, wo um die
Frhlingszeit groe Wasserpftzen waren, die aber im Sommer fast ganz
austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson
fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den
Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen
Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das
kleine Grtchen, sprang ber einen Zaun und entfernte sich in der
Richtung nach der Strae.

Sowie der Sohn auer Sehweite war, verlie Erland ebenfalls das Haus und
begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte
sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fu gestoen war. Es
war ein groes Taschenmesser, dessen grte Klinge abgebrochen war. Er
drehte es nach allen Seiten und besah es genau, whrend er noch immer im
Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein
paarmal heraus und betrachtete es prfend, ehe er wieder ins Haus
zurckging.

Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging
sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berhren, das in der Wohnstube
aufgetischt stand.

Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das
Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hren. Er stand
auf, zog die Gardinen zurck und sah, da Gudmund zum Morast
hinunterging. Dort legte er Strmpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser
hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er
lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen,
kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater
da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich
wieder schlafen.

Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd
einzuspannen begann, kam der Vater ber den Hof. Du hast vergessen, das
Geschirr zu putzen, sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und
Wagen waren schmutzig und ungescheuert. -- Ich hab an andre Dinge zu
denken gehabt, sagte Gudmund mrrisch und fuhr davon, ohne etwas
dergleichen zu tun.

Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach lvkra und
blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um
Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die
Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rhrte nichts
an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er
tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne da jemand
wute, worber.

Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in
den Stall gefhrt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er
streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins
Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem
Kmmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief
ber das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor.
Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er,
etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser
hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann
Wasser aus den kleinen Pftzen zu schpfen, als wollte er sie
trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer
wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den
ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als
Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause
sich schon zu rhren begannen. Da war er so mde und bernchtig, da er
im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen.

Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf
dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte
nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit
aufzustehen, und schlo die Tr. Nach einer Weile kam Gudmund in die
Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war
bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte
ihn je so schn gesehen. Die Zge waren wie von einem inneren Schein
verklrt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus
Fleisch und Blut bestnde, sondern nur noch aus Wille und Seele.

Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr
schwarzes Kleid angelegt und einen schnen Seidenschal ber die
Schultern gehngt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch
alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. ber dem Herde stak
frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schne Decke, und viele
Schsseln standen darauf.

Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stck
aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er
ihr ein guter Sohn gewesen war, wnschte ihm Glck fr sein zuknftiges
Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wute ihr Worte gut zu
setzen, und Gudmund war sehr gerhrt. Immer wieder traten ihm die Trnen
in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrcken. Auch
der Vater sprach ein paar Worte. Es wird schwer fr deine Eltern sein,
dich zu verlieren, sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in
Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schttelten
ihm die Hand und dankten ihm fr die Zeit, die nun zu Ende war.
Bestndig hingen Gudmund die Trnen in den Wimpern. Er rusperte sich
und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort
ber die Lippen.

Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit
beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann
wieder, um zu sagen, da es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als
Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, da alles so spiegelblank
war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie
fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert;
alte Holzhaufen und andres Germpel, das Zeit seines Lebens dort
gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstr standen
ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing
ein groer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrne
Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Trnen auszubrechen. Er
drckte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die
Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. Willst du
etwas? sagte der Vater. -- Ach nein, sagte Gudmund. Es ist wohl am
besten, wenn wir uns auf den Weg machen.

Bevor sie weit vom Hofe waren, mute Gudmund noch einmal Abschied
nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete,
wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mndete. Der Vater, der
kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. Ich hab auf euch
gewartet, weil ich Gudmund Glck wnschen mchte, sagte Helga. Gudmund
beugte sich aus dem Wagen und schttelte Helga die Hand. Er glaubte zu
sehen, da sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerndert. Sie lag
wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Nrlunda. Aber jetzt
trachtete sie, frhlich auszusehen, und lchelte ihm zu. Er war wieder
sehr gerhrt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe
stand, da er nicht sprach, ehe die Not am hchsten war, fiel ein: Ich
glaube, ber diesen Glckwunsch freut sich Gudmund mehr als ber
irgendeinen andern. -- Ja, das ist sicher, sagte Gudmund. Sie
schttelten sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter.
Gudmund beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein
paar Bumen verdeckt wurde, ri er pltzlich den Fusack fort und erhob
sich, als wolle er aus dem Wagen springen. -- Willst du Helga noch etwas
sagen? fragte der Vater. -- Nein, ach nein, antwortete Gudmund und
setzte sich wieder zurecht.

Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemchlich. Es
war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren.
Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen.

Pltzlich lie Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und
brach in heftiges Schluchzen aus. Was ist dir? fragte Erland und zog
die Zgel so pltzlich an, da das Pferd mit einem Ruck stehen blieb. --
Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien' es nicht. -- Du hast
doch nichts Bses getan? -- Doch, Vater, das habe ich. -- Das wollen
wir doch nicht glauben. -- Ja, ich hab einen Menschen erschlagen.

Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der
Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater
lie das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: Ich bin
froh, da du es selbst gesagt hast. -- Wutet Ihr es denn schon,
Vater? -- Ich sah schon Samstag abend, da irgend etwas nicht in
Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast. -- Ach so, _Ihr_
habt das Messer gefunden! -- Ich hab es gefunden, und ich sah, da die
eine Klinge abgebrochen war.

Ja, Vater, ich wei, da die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir
doch nicht denken, da ich es getan haben soll. -- Es ist wohl im
Rausch geschehen. -- Ich wei nichts, ich kann mich an nichts erinnern.
Ich sehe es an meinen Kleidern, da ich bei einer Rauferei war, und ich
wei, da die Messerklinge fort ist. -- Ich verstehe, da du es
verschweigen wolltest, sagte der Vater. -- Ich dachte, die andern waren
gewi ebenso sinnlos betrunken wie ich und knnen sich an nichts
erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das
Messer, und darum hab -- ich es fortgeworfen. Ich kann mir denken, da
du dir die Sache so zurechtgelegt hast. -- Ihr versteht, Vater: ich
wei nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben
gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, da ich es getan habe. Und da
sagte ich mir, ich brauchte doch nicht fr etwas zu leiden, was ich
nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, da es eine Tollheit
war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus,
und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern nacht und
heute nacht suchen. -- Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen? --
Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten knnte, und ich
versuchte zu tanzen und vergngt zu sein, damit mir niemand etwas
anmerkte. -- War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne zu
gestehen? Das ist eine groe Verantwortung. Sahst du nicht ein, da du
Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich
entdeckt? -- Ich dachte, da ich sie am besten verschonte, wenn ich
nichts sagte.

Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr
eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem
Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte
gesagt.

Ich wte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist, sagte er. --
Weil Helga kam und mir Glck wnschte. Da brach etwas Hartes in mir.
Ich war so gerhrt ber sie. Ich war auch heute morgen ber Mutter und
ber Euch gerhrt, und ich wollte sprechen und sagen, da ich eure Liebe
nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete
Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte,
sie mte mir eigentlich bse sein, weil ich doch schuld daran bin, da
sie von daheim fort mute.

Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, da wir dies gleich den
Amtmann wissen lassen mssen, sagte der Vater. -- Ja, antwortete
Gudmund mit leiser Stimme. Ja, gewi, fgte er gleich darauf lauter
und fester hinzu, ich will Hildur nicht in mein Unglck hineinziehen.
Sie wrde es mir nie verzeihen. -- Die lvkraleute halten ihre Ehre
hoch, sie wie andere, sagte der Vater, und das magst du wissen,
Gudmund: als ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich
mu es dem Amtmann erzhlen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht
entschlieest, es selbst zu tun. Wie htte ich schweigend zusehen und
Hildur einen heiraten lassen knnen, dem jede Stunde eine Anklage wegen
Mordes droht.

Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. Das
wird das Schwerste fr dich sein, sagte er. Wir mssen es so
einrichten, da es bald berstanden ist. Ich denke, der Amtmann und
seine Familie werden es recht von dir finden, da du dich selbst
angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.

Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequlter aus, je mehr sie sich
lvkra nherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen.

Ich habe einmal eine hnliche Geschichte gehrt, sagte er. Ein
Brutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht
seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, da er es war, der
den tdlichen Schu abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage spter sollte
er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut
und sagte: 'Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in
das Elend hineinziehen, das mich erwartet.' Aber sie stand schon fertig
geschmckt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und
fhrte ihn in den Saal, wo die Gste versammelt waren und alles fr die
Trauung bereit war. Und sie erzhlte allen mit lauter Stimme, was ihr
der Brutigam eben gesagt hatte. 'Dies erzhle ich, damit alle wissen,
da du nicht falsch gegen mich gewesen bist,' sagte sie dann und wendete
sich an den Brutigam. 'Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen
lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglck
gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit
dir tragen.'

Als der Vater mit seiner Erzhlung zu Ende war, waren sie gerade bei der
langen Gasse angelangt, die nach lvkra fhrte. Gudmund sagte mit einem
wehmtigen Lcheln zu ihm: So wird es uns nicht ergehen. -- Wer wei,
antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den Sohn an
und mute wieder staunen, wie schn der an diesem Tage war. Es sollte
mich nicht wundern, wenn ihm etwas Groes und Unerwartetes widerfhre,
dachte er.

Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich
schon bei den Brautleuten versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren.
Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie
saen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die
Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hrte, wie die Pferde
im Stalle stampften, whrend sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann
sa allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem
Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt
Ausschau, um den Brutigam zu sehen, bevor der sie erspht htte.

Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, da sie
mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen mten. Bald standen sie
alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte.

Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener
Schlgerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in
der Nacht vom Freitag auf Samstag, sagte Gudmund so rasch, als leiere
er eine Lektion herunter. -- Ja freilich habe ich davon gelesen, sagte
der Amtmann. -- Ich war nmlich in jener Nacht in der Stadt, fuhr
Gudmund fort.

Jetzt kam keine Antwort. -- Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob
alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, da er nicht
weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. -- Gudmund war
von ein paar Freunden eingeladen. -- Er hat in jener Nacht wohl zu viel
getrunken, denn als er heimkam, wute er gar nicht, was mit ihm
geschehen war. Aber man merkte es ihm an, da er bei einer Rauferei
gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen. Gudmund sah, wie das
Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er
selbst wurde ruhiger. Ein Gefhl des Trotzes erwachte in ihm, und er
ergriff wieder das Wort: Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und
ich von der Schlgerei las und von der Messerklinge, die in der
Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer
hervor und sah, da eine Klinge fehlte. -- Das sind schlimme
Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund, sagte der Amtmann. Es wre
richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt httest. -- Gudmund
schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. -- Es war nicht so
leicht fr Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr
gro. Er verliert sehr viel durch dieses Gestndnis. -- Ja, wir mssen
noch froh sein, da er jetzt gesprochen hat, so da wir nicht in das
Elend hineingezogen werden, sagte der Amtmann bitter.

Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug
Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der
groen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz
unbewut getan zu haben. Als sie merkte, da Gudmunds Blicke auf ihr
ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein.

Es ist ja noch gar nicht bewiesen, da Gudmund der Schuldige ist,
sagte der Vater, aber ich begreife: Ihr wollt, da die Hochzeit
aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklrt haben. -- Es hat wohl wenig
Zweck, von Aufschub zu sprechen, sagte der Amtmann. Ich denke, Gudmund
ist seiner Sache recht sicher, und wir knnten uns wohl darber einigen,
da es zwischen ihm und Hildur ein fr allemal aus ist.

Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinber und
streckte die Hand aus. Sie sa ganz regungslos da und schien ihn nicht
zu sehen. Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur? Jetzt sah sie
auf, und ihre groen Augen blitzten ihn kalt an. -- Hast du mit dieser
Hand das Messer gefhrt? fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine
Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. -- Ja, jetzt bin ich meiner
Sache sicher, sagte er. Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit
aufzuschieben.

Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer
Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie
hinauskamen, und berall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tr
nach der Kche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in
eiliger Geschftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und
Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und groer Tpfe,
die Kupferkasserollen, die sonst die Wnde schmckten, waren
heruntergenommen und im Gebrauch. Ach, da sie alle diese Zurstungen
fr meine Hochzeit machen! dachte Gudmund, als er vorberging.

Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie
er so durch das Haus wanderte. Er sah den Esaal, wo groe Tische mit
langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch
die Kleiderkammer, wo auf dem Boden groe Truhen standen und an den
Wnden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof
hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prchtige Pferde
wurden aus dem Stall gefhrt und schne Wagendecken in die Kutschen
gelegt. Er sah ber ein paar Hfe, die von Scheunen, Stllen, Schuppen,
Vorratskammern und noch vielen andern Gebuden umgeben waren. Das alles
htte mein sein knnen, dachte er, als er sich in den Wagen setzte.

Mit einem Male kam bittere Reue ber ihn. Er wre am liebsten aus dem
Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles
nicht wahr, was er erzhlt htte. Er htte ja nur mit ihnen spaen und
sie erschrecken wollen. Es war doch unerhrt tricht von ihm gewesen, zu
bekennen. Was ntzte es, da er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache
fr keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses Gestndnis
hatte nichts anderes zur Folge, als da auch er ins Verderben gestrzt
wurde.

In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig
gewnscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mute, fhlte er erst,
was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was
an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, da sie eigenwillig
und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der
Umgegend, und durch sie wre er zu groer Macht und Ehre gekommen.

Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch
um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wre er zur Kirche gefahren, und
alle, die ihn gesehen, htten ihn beneidet. Und heute htte er zu oberst
an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wre er mitten in Tanz und
Frhlichkeit gewesen. Es war sein groer Glckstag, der ihm nun entging.

Erland drehte den Kopf einmal ums andere dem Sohne zu und sah ihn an. Er
war jetzt nicht so schn und verklrt, wie er am Morgen gewesen war,
sondern sa stumpf und schwerfllig da mit erloschenem Blick. Der Vater
htte wohl gerne gewut, ob der Sohn sein Gestndnis bereue, und er
wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch fr richtiger, zu
schweigen.

Wohin wollen wir jetzt fahren? fragte Gudmund nach einer Weile. --
Wre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen? -- Du mut zuerst
nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst, sagte der
Vater. Du hast in den letzten Nchten wohl nicht viel Schlaf gefunden.
-- Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht. -- Sie wird nicht so
erstaunt sein, sagte der Vater, sie wei ebensoviel wie ich. Sie wird
sich freuen, da du gestanden hast. -- Ich glaube, Mutter und ihr alle
miteinander daheim seid froh, mich ins Gefngnis zu bringen, sagte
Gudmund bitter. -- Wir wissen, da du viel verlierst, weil du recht
gehandelt hast, sagte der Vater, wir knnen nicht anders: wir mssen
uns freuen, da du dich selbst berwunden hast.

Gudmund glaubte es nicht ertragen zu knnen, nach Hause zu fahren und
allen den Leuten zuzuhren, die ihn rhmen wrden, weil er seine Zukunft
vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu mssen,
bevor er sich mehr Ruhe erkmpft htte. Nun fuhren sie an der Stelle
vorber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. Wollt Ihr hier halten, Vater?
Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr. --

Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. Komm nur, sobald du kannst,
nach Hause, damit du dich ausruhst, sagte er.

Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bumen
verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh,
allein zu sein, so da er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er
fhlte eine unvernnftige Wut gegen alles, er stie Steine fort, die ihm
im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen groen Ast
abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug
den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Htte vorbei und kletterte den
Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiterzukommen. Er hatte den
Pfad verlassen; und um den nchsten Gipfel zu erreichen, mute er ber
ein breites Flubett voll kantiger Felsblcke gehen. Es war eine
gefhrliche Wanderung ber die scharfen Felskanten, und er konnte sich
Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wute er
sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer
Gefahr auszusetzen. Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich
hier oben niemand, dachte er. Aber was tut das? Ich kann ebensogut
hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefngnismauern sitzen.

Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten spter stand er auf der
Hhe. ber den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste
Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht.
Er sah Tler und Seen, dunkle Wlder und fruchtbare cker, Kirchen und
Herrenhfe, kleine Bauernhtten und groe Drfer. Weit in der Ferne lag
die Stadt, in einen weien Schleier von Sonnenrauch gehllt, aus dem ein
paar funkelnde Trme aufragten. Durch die Tler schlngelten sich Wege,
und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes
Reich, was er da sah.

Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite
Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Groes in dieser Landschaft
vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und
unbedeutend.

Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen
hatte, da der Versucher Jesus auf einen hohen Berg gefhrt und ihm alle
Herrlichkeit der Welt gezeigt htte, so war er immer der Meinung
gewesen, die beiden mten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ...
Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir
geben, wenn du niederfllst und mich anbetest.

Da kam es ihm pltzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen
eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der
Versucher auf einen hohen Berg gefhrt und ihm alle Herrlichkeit der
Macht und des Reichtums gezeigt? Verschweige nur das Bse, das du getan
hast, sagte er, und ich will dir dies alles geben. Wie Gudmund daran
dachte, kam ein klein wenig Befriedigung ber ihn. Ich habe ja nein
geantwortet, sagte er; und pltzlich begriff er, worum es sich fr ihn
gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen htte, wre er dann nicht all sein
Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer,
mutloser Mann wre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht
vor der Entdeckung htte stets auf ihm gelastet. Nie mehr htte er sich
als ein freier Mann fhlen knnen.

Eine groe Ruhe kam ber Gudmund. Er wurde ganz glcklich, weil er
einsah, da er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage
zurckdachte, schien es ihm, da er in einer groen Dunkelheit getappt
htte. Es war wunderbar, da er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte.
Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, da er nicht in der Irre
gegangen war. Ich danke es dem, da sie daheim alle so gut gegen mich
waren, dachte er, und die beste Hilfe war doch, da Helga kam und mir
Glck wnschte.

Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er
sich, er msse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, da er den
Frieden mit sich selbst gefunden htte. Als er nun aufstand, um zu
gehen, bemerkte er, da ein Stck weiter unten Helga auf einem
Felsenvorsprung sa.

Sie hatte dort nicht die groe weite Aussicht -- nur ein kleines
Stckchen des Tales war fr sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Nrlunda
lag, und sie sah vermutlich ein Stck des Hofes. Als Gudmund sie
erblickte, fhlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mhsam und
ngstlich gearbeitet hatte, leicht und frhlich zu klopfen begann, und
zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glcksgefhl, da er
stehen blieb und ber sich selbst staunte.

Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das? dachte er, whrend das
Blut durch seinen Krper strmte und das Glck ihn mit solcher Macht
packte, da er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit
erstaunter Stimme zu sich selbst: Aber ich hab ja sie lieb! Nein, da
ich das bisher gar nicht wute!

Es packte ihn mit der Strke eines befreiten Wasserfalls. Er war die
ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu
ihr hinzog, hatte er zurckgedrngt. Jetzt erst war er frei von dem
Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben.

Helga! rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr
hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei
um. Hab keine Angst! Ich bin es nur. -- Aber bist du denn nicht in der
Kirche und wirst getraut? -- Ach nein, aus der Hochzeit wird nichts.
Sie will mich nicht haben, Helga.

Helga richtete sich auf. Sie prete die Hand aufs Herz und schlo die
Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, da es nicht Gudmund sei,
der da kam. Ihre Augen und Ohren mten hier im Walde verhext worden
sein. Aber schn und herrlich war es doch, da er sich zeigte, wenn auch
nur als Traumerscheinung; und sie schlo die Augen und blieb regungslos
stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten.

Aber Gudmund war wild und toll von der groen Liebe, die in ihm
aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die
Arme um sie und kte sie, und sie lie es geschehen; denn sie war ganz
betubt und benommen vor berraschung. Es war ja zu wunderbar, da er,
der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut,
wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder
Doppelgnger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin
kssen.

Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga kte, wachte sie auf und stie
ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu berschtten. Ob er
es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun htte? Ob ein Unglck
geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben htte? Ob Hildur krank
sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerhrt htte?

Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von
seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzhlen, wie alles zugegangen war.
Whrend er sprach, sa sie still da und hrte mit tiefer Andacht zu.

Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzhlte.
Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewhnliches Messer sei, das er
gehabt htte, als sie noch auf Nrlunda diente.

Ja, gerade das war es, sagte er. -- Wieviel Klingen waren denn
abgebrochen? fragte sie. -- Nicht mehr als eine.

In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie sa mit gerunzelter Stirn da
und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewi. Sie
entsann sich deutlich, da sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie
fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie
es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er war
ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen wollen.
Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt und gar
nicht bemerkt, da es zerbrochen war.

Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzhlte weiter
von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu
Ende kommen lassen. Als sie hrte, wie er von Hildur geschieden war,
erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglck, da sie ihn mit
Vorwrfen berhufte. Das ist deine eigne Schuld, sagte sie. Da kommt
ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der
furchtbaren Botschaft. So htte sie nicht geantwortet, wenn sie bei
Sinnen gewesen wre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es
schon in diesem Augenblick. -- Meinethalben mag sie bereuen, soviel sie
will, sagte Gudmund. Ich wei jetzt, da sie eine ist, die immer nur
an sich selbst denkt. Ich bin froh, da ich sie los bin.

Helga prete die Lippen aufeinander, damit ihr das groe Geheimnis nicht
entschlpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum,
Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft
zwischen Gudmund und seiner Braut. Knnte sie nicht versuchen, die
beiden mit Hilfe dessen, was sie wute, zu vershnen?

Wieder sa sie stumm da und grbelte, bis Gudmund davon zu sprechen
begann, da er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt htte.

Aber das erschien ihr als das grte Unglck, das ihm an diesem Tage
widerfahren war. Schlimm war es schon, da die vorteilhafte Heirat zu
scheitern drohte, noch schlimmer aber, da er um eine wie sie werben
wollte. Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen, rief sie und sprang
pltzlich auf. -- Warum soll ich es dir nicht sagen? fragte Gudmund und
erblate. Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du
Angst vor mir? -- Nein, nicht deshalb. Sie wollte ihm erklren, da er
in sein eigenes Verderben renne, aber er hrte ihr gar nicht zu. -- Ich
habe gehrt, da es frher einmal Frauen gab, die den Mnnern zur Seite
standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche Frauen
nicht mehr. Helga erzitterte. Sie htte die Arme um seinen Hals
schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mute sie
vernnftig sein. -- Es ist ja wahr, ich htte dich nicht an demselben
Tage, wo ich ins Gefngnis soll, bitten drfen, mein Weib zu werden.
Aber der Gedanke, da du auf mich warten wrdest, bis ich wieder frei
wre, htte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen. --
Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund. -- Alle Menschen
werden mich jetzt als einen Missetter betrachten, als einen, der sich
besuft und mordet. Ach, wenn es nur eine gbe, die mich mit Liebe
ansehen knnte! Das wrde mich besser aufrechterhalten als alles andre.
-- Du weit, da ich nie etwas andres als Gutes von dir denken werde,
Gudmund.

Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel fr sie. Sie
wute gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand
nichts, sondern begann zu glauben, da er sich geirrt habe. Sie knnte
nicht dasselbe fr ihn empfinden wie er fr sie. Er kam ganz dicht an
sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen.
Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Nrlunda
hinunterzusehen? -- Ja, das tu ich. -- Sehnst du dich nicht Tag und
Nacht hin? -- Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen. --
Und mich magst du gar nicht? -- O ja, aber ich will dich nicht
heiraten. -- Wen hast du denn gern? -- Helga schwieg. -- Per
Martensson? -- Ja, ihm hab ich gesagt, da ich ihn gern habe, sagte
sie und war ganz zermartert.

Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an.
Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich, sagte
er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum
nchsten Felsabsatz und verschwand unter den Bumen.


6

Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg
hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehenzubleiben und
eilte dann, so rasch sie konnte, ber die Waldhgel hinunter auf den
Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr
Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach lvkra fahren knnte. Sie
sagte, es glte das Leben, da sie hinkme, und versprach, dafr zu
zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der
unterbliebenen Hochzeit erzhlt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig,
und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige
Botschaft fr die Leute auf lvkra zu haben schien.

In lvkra sa Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen
Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar
andre Buerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war
ungewhnlich still und bla; es sah aus, als wrde sie jeden Augenblick
krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle
tadelten ihn und schienen es als ein Glck fr Hildur anzusehen, da sie
von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rcksicht auf
die Schwiegereltern gezeigt. Er htte ihnen schon am Pfingsttage sagen
mssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so groes Glck
bevorstnde, der mte besser auf sich achten. Und einige
beglckwnschten Hildur, da sie dem Schicksal entging, einen zu
heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, da er nicht mehr wute,
was er tat.

Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand
auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tr hinaus war, kam ihre
beste Freundin, ein junges Bauernmdchen, und flsterte ihr zu: Unten
ist jemand, der mit dir sprechen will. -- Ist es Gudmund? fragte
Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. -- Nein,
aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten
hat, keinem als nur dir selbst sagen. Nun hatte Hildur den ganzen Tag
dagesessen und gedacht, da jemand kommen msse, der diesem Elend ein
Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, da ein so schreckliches
Unglck sie treffen sollte. Sie meinte, es msse etwas geschehen, das es
ihr mglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem
Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von
einer Botschaft Gudmunds hrte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends
zu Helga hinaus, die vor der Kirchentr stand und auf sie wartete.

Hildur wunderte sich wohl, da Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie
dachte, er htte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin
gefunden, und begrte sie freundlich.

Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drben auf der
andern Lngsseite des Hofes lag. Ich wei keinen andern Ort, wo wir
allein sprechen knnen, sagte sie. Wir haben noch das Haus voll
Leute.

Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr
ins Gesicht. Bevor ich etwas sage, mu ich erst wissen, ob du Gudmund
lieb hast, Hildur. Hildur zuckte vor Emprung zusammen. Es war ihr eine
Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu mssen, und sie
hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber nun
war die Not am hchsten, und so zwang sie sich, zu antworten: Warum,
glaubst du, htte ich ihn sonst heiraten wollen? -- Ich meine, ob du
ihn noch lieb hast, Hildur? -- Hildur wurde wie zu Stein, aber unter dem
forschenden Blick der andern konnte sie nicht lgen. -- Vielleicht habe
ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute, sagte sie, jedoch so leise,
da man glauben konnte, es tte ihr weh, die Worte auszusprechen.

Dann komm gleich mit mir, sagte Helga. Ich habe drunten auf der
Strae einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann
knnen wir gleich nach Nrlunda fahren. -- Wozu soll es gut sein, da
ich hinfahre? fragte Hildur. -- Du mut hinfahren und sagen, da du
Gudmund angehren willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und da
du treu auf ihn warten wirst, whrend er im Gefngnis sitzt. -- Warum
soll ich das sagen? -- Damit alles zwischen euch wieder gut wird. --
Aber das ist ja unmglich. Ich will doch keinen heiraten, der im
Gefngnis gesessen hat.

Helga prallte ein paar Schritt zurck, so als wre sie an eine Mauer
gestoen. Aber sie fate rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, da,
wer mchtig und reich war wie Hildur, so denken mute. Ich wre nicht
hierher gekommen und htte dich nicht gebeten, nach Nrlunda zu fahren,
wenn ich nicht wte, da Gudmund unschuldig ist, sagte sie. Jetzt war
es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. -- Weit du das, oder
ist es nur etwas, was du glaubst? -- Es wre besser, wenn wir uns
gleich in den Wagen setzten, dann knnte ich es dir unterwegs erzhlen,
Hildur. -- Nein, erst mut du mir alles sagen. Ich mu wissen, was ich
tue. Helga war so voll brennenden Eifers, da sie kaum stillstehen
konnte, aber sie mute sich doch bequemen, Hildur zu erzhlen, woher sie
wte, da nicht Gudmund der Tter sei. Hast du das Gudmund nicht
gleich gesagt? -- Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer wei
es. -- Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir? -- Damit es
zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald erfahren, da er
nichts Bses getan hat, aber ich will, da du wie von selbst zu ihm
kommst, Hildur, und es gut machst. -- Ich soll nicht sagen, da ich von
seiner Schuldlosigkeit wei? -- Du sollst ganz von selbst kommen,
Hildur, und ihm nie verraten, da ich mit dir gesprochen habe. Sonst
verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.

Hildur hrte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch
nie im Leben begegnet war, und sie war bemht, es sich klarzumachen.
Weit du, da ich es war, die verlangte, da du aus Nrlunda
fortkommst? -- Ich wei wohl, da es nicht die Leute auf Nrlunda
waren, die mich forthaben wollten. -- Ich kann gar nicht verstehen, da
du heute zu mir kommst und mir helfen willst. -- Wenn du jetzt nur
mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden! Aber Hildur sah Helga an,
noch immer in dieselben Grbeleien versunken. -- Vielleicht hat Gudmund
dich lieb, warf sie hin. Aber nun ri Helga die Geduld. -- Was htte er
denn an mir! sagte sie heftig, du weit doch, Hildur, da ich nichts
andres bin als eine arme Huslerdirne, und das ist noch nicht einmal das
Allerschlimmste.

Die beiden jungen Mdchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und
saen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht,
sondern lie es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur sa da und
sah Helga an. Es war, als knne sie sich nicht genug ber sie wundern,
und als dchte sie mehr an sie als an irgend etwas andres.

Als sie in die Nhe des Hofes kamen, bergab Helga Hildur die Zgel.
Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich
komme in einer Weile nach und erzhle die Geschichte mit dem Messer.
Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, da ich dich
geholt habe.

Gudmund sa in der Wohnstube auf Nrlunda neben Mutter Ingeborg und
sprach mit ihr. Der Vater sa etwas abseits und rauchte. Er sah
zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung, jetzt
gehe alles, wie es sollte, so da er nicht einzugreifen brauchte.

Ich wte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben wrdet, wenn Ihr
Helga als Schwiegertochter bekommen httet, sagte Gudmund. Mutter
Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: Ich werde jede
Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur wei, da sie dich
so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann liebhaben soll.

Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren
sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie
trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer,
sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tr stehenbleiben
wie ein armes Bettelmdchen.

Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann
wendete sie sich an Gudmund. Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.
Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen
Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor
Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu ber ihre Lippen:
Ich war wohl -- -- ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen
sagte. -- Ach, wir haben dich damit so pltzlich berfallen, sagte
Gudmund. Sie wurde noch rter und beschmter. Ich htte es mir besser
berlegen sollen. Wir knnten -- es sollte doch -- -- -- Es ist schon am
besten, wie es ist, Hildur. Darber ist nichts mehr zu reden; aber es
ist schn, da du gekommen bist.

Sie schlug die Hnde vors Gesicht, holte sehr tief Atem, da es klang
wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. Nein, sagte sie.
Es geht nicht. Ich will nicht, da du mich fr besser hltst, als ich
bin. Jemand kam zu mir und sagte, da du unschuldig bist, und riet mir,
hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht
sagen, da ich schon wei, da du unschuldig bist. Denn dann wrdest du
nicht soviel daran finden, da ich komme. Jetzt sage ich dir: ich
wnschte, ich wre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es
nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewnscht,
da es wieder gut zwischen uns werden knnte. Und wie es auch kommen
mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, da du unschuldig bist.

Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur? fragte Gudmund. -- Das
darf ich nicht sagen. -- Ich wundere mich, da es jemand wei. Vater
kommt eben jetzt vom Brgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert.
Und es ist die Antwort gekommen, da der wahre Tter schon gefunden
ist.

Als Gudmund dies sagte, fhlte Hildur, wie die Beine unter ihr
zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst,
weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen,
da er ganz auerhalb ihrer Macht war. Ich sehe schon, du kannst es
nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin. -- O
doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur, sagte er in demselben
ruhigen Ton. Davon wollen wir nie mehr sprechen.

Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und sa da, als wartete sie auf
etwas. Es ist nur ein groes Glck, Hildur, sagte er und kam heran und
ergriff ihre Hand, da es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir
klar geworden, da ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie
schon lange lieb, aber ich wei es erst seit heute. -- Wer ist die, die
du lieb hast, Gudmund, kam es tonlos von Hildurs Lippen. -- Das kommt
ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat mich
nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.

Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging.
Aber sie fhlte in diesem Augenblick, da sie, die Grobauerntochter,
mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts fr Gudmund
bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm
zu zeigen, da sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem
uerlichen.

Ich will, Gudmund, da du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die
du gern hast.

Gudmund stand schweigend da. Denn wenn es Helga ist, dann wei ich, da
sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte,
damit es zwischen uns wieder gut wrde. Sie wute, da du unschuldig
bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern lie es mich zuerst wissen.
-- Gudmund sah ihr fest in die Augen. Findest du darin ein Zeichen, da
sie eine groe Liebe fr mich hat? -- Dessen kannst du sicher sein,
Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber
haben als sie. Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor
Hildur stehen. Aber du? Warum sagst du mir das? -- Ich will Helga an
Edelmut nicht nachstehen. -- Ach, Hildur, Hildur! sagte er, legte die
Hand auf die Schultern und schttelte sie, um seiner Rhrung Luft zu
machen. Du weit nicht, nein, du weit nicht, wie gut ich dir in
diesem Augenblick bin. Du weit nicht, wie glcklich du mich gemacht
hast -- -- --

       *       *       *       *       *

Helga sa am Wegrand und wartete. Sie sa da, das Kinn in die Hand
gesttzt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und
dachte, wie glcklich sie jetzt sein mten.

Whrend sie so dasa, kam ein Knecht aus Nrlunda vorber. Als er sie
sah, blieb er stehen. Du hast doch von Gudmund gehrt, Helga? -- Ja,
das hatte sie. -- Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der
richtige Tter ist schon verhaftet. -- Ich wute, da es nicht wahr
sein konnte, sagte Helga.

Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so,
drben wuten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Nrlunda zu
gehen, um es zu erzhlen.

Sie fhlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so
eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran,
da Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen msse. Aber jetzt erst
stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, fr die,
die man lieb hatte, nichts sein zu drfen. Jetzt brauchte Gudmund sie
nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie
gnnte ihr kaum, da sie es ansah.

Sie dachte daran, da sie aufstehen und nach Hause gehen msse. Aber die
Hgel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wute gar
nicht, wie sie hinaufkommen solle.

Da kam ein Wagen aus Nrlunda. Hildur und Gudmund saen darin. Jetzt
fhren sie wohl nach lvkra, um zu sagen, da sie sich ausgeshnt
htten. Und morgen fnde dann die Hochzeit statt.

Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zgel
und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter.

Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. Ich bin froh, da du hier
sitzest, Helga, sagte er. Ich glaubte, ich mte nach dem Moorhof
hinaufgehen, um dich zu treffen.

Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest
umklammert, und sie sah es seinen Augen an, da er jetzt wute, wie es
um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen.





Das Schweituch der heiligen Veronika

I

In einem der letzten Jahre der Regierung des Kaisers Tiberius begab es
sich, da ein armer Winzer und sein Weib sich in einer einsamen Htte
hoch oben in den Sabiner Bergen niederlieen. Sie waren Fremdlinge und
lebten in der grten Einsamkeit, ohne je den Besuch eines Menschen zu
empfangen. Aber eines Morgens, als der Arbeiter seine Tre ffnete, fand
er zu seinem Staunen, da eine alte Frau zusammengekauert auf der
Schwelle sa. Sie war in einen schlichten, grauen Mantel gehllt und sah
aus, als wre sie sehr arm. Und dennoch erschien sie ihm, als sie sich
erhob und ihm entgegentrat, so ehrfurchtgebietend, da er daran denken
mute, was die Sagen von Gttinnen erzhlen, die in der Gestalt einer
alten Frau die Menschen heimsuchen.

Mein Freund, sagte die Alte zu dem Winzer, wundere dich nicht
darber, da ich heute nacht auf deiner Schwelle geschlafen habe. Meine
Eltern haben in dieser Htte gewohnt, und hier wurde ich vor fast
neunzig Jahren geboren. Ich hatte erwartet, sie leer und verlassen zu
finden. Ich wute nicht, da aufs neue Menschen Besitz davon ergriffen
hatten.

Ich wundere mich nicht, da du glaubtest, da eine Htte, die so hoch
zwischen diesen einsamen Felsen liegt, leer und verlassen stehen wrde,
sagte der Winzer. Aber ich und mein Weib, wir sind aus einem fernen
Lande, und wir armen Fremdlinge haben keine bessere Wohnsttte finden
knnen. Und dir, die nach der langen Wanderung, die du in deinem hohen
Alter unternommen hast, mde und hungrig sein mu, drfte es
willkommener sein, da die Htte von Menschen bewohnt ist, anstatt von
den Wlfen der Sabiner Berge. Du findest jetzt doch ein Bett drinnen, um
darauf zu ruhen, sowie eine Schale Ziegenmilch und einen Laib Brot, wenn
du damit vorlieb nehmen willst.

Die Alte lchelte ein wenig, aber dieses Lcheln war so flchtig, da es
den Ausdruck schweren Kummers nicht zu zerstreuen vermochte, der auf
ihrem Gesicht ruhte. Ich habe meine ganze Jugend hier oben in den
Bergen verlebt, sagte sie. Ich habe die Kunst noch nicht verlernt,
einen Wolf aus seiner Hhle zu vertreiben.

Und sie sah wirklich so stark und krftig aus, da der Arbeiter nicht
daran zweifelte, da sie trotz ihres hohen Alters noch Strke genug
bese, um es mit den wilden Tieren des Waldes aufzunehmen.

Er wiederholte jedoch sein Anerbieten, und die Alte trat in die Htte
ein. Sie lie sich zu der Mahlzeit der armen Leute nieder und nahm ohne
Zgern daran teil. Aber obgleich sie sehr zufrieden damit schien, grobes
in Milch aufgeweichtes Brot essen zu drfen, dachten doch der Mann und
die Frau: Woher kann diese alte Wanderin kommen? Sie hat gewi fter
Fasane von Silberschsseln gespeist, als Ziegenmilch aus irdenen Schalen
getrunken.

Zuweilen erhob sie die Augen vom Tische und sah sich um, als wolle sie
versuchen, sich wieder in der Htte zurechtzufinden. Die drftige
Behausung mit den nackten Lehmwnden und dem gestampften Boden war
sicherlich nicht sehr verndert. Sie zeigte sogar ihren Wirtsleuten, da
an der Wand noch ein paar Spuren von Hunden und Hirschen sichtbar waren,
die ihr Vater dorthin gezeichnet hatte, um seinen kleinen Kindern eine
Freude zu machen. Und hoch oben auf einem Brett glaubte sie die Scherben
eines Tongefes zu sehen, in das sie selbst einst Milch zu melken
pflegte.

Aber der Mann und sein Weib dachten bei sich selbst: Es mag freilich
wahr sein, da sie in dieser Htte geboren ist, aber sie hat doch im
Leben so manches andere zu bestellen gehabt als Ziegen melken und Butter
und Kse bereiten.

Sie merkten auch, da sie oft mit ihren Gedanken weit weg war und da
sie jedesmal, wenn sie wieder zu sich selbst zurckkam, schwer und
kummervoll seufzte.

Endlich erhob sie sich von der Mahlzeit. Sie dankte freundlich fr die
Gastfreundschaft, die sie genossen hatte, und ging auf die Tr zu.

Aber da duchte sie den Winzer so beklagenswert einsam und arm, da er
ausrief: Wenn ich mich nicht irre, war es keineswegs deine Absicht, als
du gestern nacht heraufstiegst, diese Htte so bald zu verlassen. Wenn
du wirklich so arm bist, wie es den Anschein hat, dann wird es wohl
deine Meinung gewesen sein, alle die Jahre, die du noch zu leben hast,
hierzubleiben. Aber jetzt willst du gehen, weil wir, mein Weib und ich,
schon von der Htte Besitz genommen haben.

Die Alte leugnete nicht, da er richtig geraten hatte. Aber diese
Htte, die so viele Jahre verlassen gestanden hat, gehrt dir ebensogut
wie mir, sagte sie. Ich habe kein Recht, dich von hier zu vertreiben.

Es ist aber doch deiner Eltern Htte, sagte der Winzer, und du hast
sicherlich mehr Anspruch darauf als ich. Wir sind berdies jung, und du
bist alt. Darum sollst du bleiben, und wir werden gehen.

Als die Alte diese Worte hrte, war sie ganz erstaunt. Sie wendete sich
auf der Schwelle um und starrte den Mann an, als wenn sie nicht
verstnde, was er mit seinen Worten meinte.

Aber nun mischte sich das junge Weib ins Gesprch.

Wenn ich mitzureden htte, sagte sie zu dem Manne, wrde ich dich
bitten, diese alte Frau zu fragen, ob sie uns nicht als ihre Kinder
ansehen und uns erlauben will, bei ihr zu bleiben und sie zu pflegen.
Welchen Nutzen htte sie davon, wenn wir ihr diese elende Htte
schenkten und sie dann allein lieen? Es wre furchtbar fr sie, einsam
in der Wildnis zu hausen. Und wovon sollte sie leben? Es wre dasselbe,
als wollten wir sie dem Hungertode preisgeben.

Aber die Alte trat auf den Mann und die Frau zu und betrachtete sie
prfend. Warum sprecht ihr so? fragte sie. Warum beweist ihr mir
Barmherzigkeit? Ihr seid doch Fremde.

Da antwortete ihr die junge Frau: Darum, weil uns selbst einmal die
groe Barmherzigkeit begegnet ist.


II

So kam es, da die alte Frau in der Htte des Winzers wohnte, und sie
fate groe Freundschaft fr die jungen Menschen. Aber dennoch sagte sie
ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen, da
sie es nicht gut aufgenommen htte, wenn sie sie danach gefragt htten.

Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
groen, flachen Felsplatte saen, die vor dem Eingang lag, und ihr
Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
heranstieg.

Es war ein hoher, krftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie ein
Ringer. Sein Gesicht trug einen dstern, herben Ausdruck. Die Stirn
ragte ber den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
drckten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
mit raschen Bewegungen.

Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald er
ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionr, einer, der seinen
Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
seiner Heimat begriffen ist.

Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
unschlssig stehen. Der Arbeiter, der wute, da der Weg ein kleines
Stck oberhalb der Htte ein Ende hatte, legte den Lffel nieder und
rief ihm zu: Hast du dich verirrt, Fremdling, da du hierher zu dieser
Htte kommst? Niemand pflegt sich die Mhe zu machen, hier
heraufzuklettern, es sei denn, er htte eine Botschaft an einen von uns,
die wir hier wohnen.

Whrend er so fragte, trat der Fremdling nher. Ja, es ist so, wie du
sagst, antwortete er, ich habe den Weg verloren, und jetzt wei ich
nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
Weilchen ruhen lt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen mu, um zu
einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.

Mit diesen Worten lie er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
Htte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lcheln ab. Hingegen
zeigte es sich, da er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
sie aen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und ihrer
Arbeit, und sie antworteten ihm frhlich und rckhaltlos.

Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
auszufragen: Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben, sagte
er. Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten und
Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgendeinem
Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzhlen?

Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die Alte
ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen machte,
das bedeutet, man mge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was man sage.

Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: Ich sehe, da du
mich fr einen Legionr hltst, und du hast wirklich nicht so ganz
unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit fr uns
Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein groer Feldherr. Das war
die Zeit seines Glckes. Jetzt hat er nichts anderes im Sinn, als sich
vor Verschwrungen zu hten. In Rom sprechen alle Menschen davon, da er
vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den Senator
Titius greifen und hinrichten lie.

Der arme Kaiser, er wei nicht mehr, was er tut, rief die junge Frau.
Sie rang die Hnde und schttelte bedauernd und staunend das Haupt.

Du hast wirklich recht, sagte der Fremdling, whrend ein Zug tiefster
Dsterkeit ber sein Gesicht ging. Tiberius wei, da alle Menschen ihn
hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.

Was sagst du da? rief die Frau. Warum sollten wir ihn hassen? Wir
beklagen ja nur, da er nicht mehr ein so groer Kaiser ist wie am
Anfang seiner Regierung.

Du irrst dich, sagte der Fremde. Alle Menschen verachten und hassen
Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, da er in Zukunft noch
unverbesserlicher sein wird als bisher.

Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch rgern Ungeheuer
machen knnte, als er schon ist? fragte der Mann.

Als er dies sagte, merkte die Frau, da die Alte ihm abermals ein
warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, da er es nicht sehen
konnte.

Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
eigentmliches Lcheln um seine Lippen.

Du hast vielleicht gehrt, da Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer die
Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind Glcksjger
und Heuchler, die seine bsen und hinterlistigen Handlungen ebenso
preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch, wie
gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals frchtete, ihn wissen zu lassen,
was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger war als
Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.

Jawohl, ich habe von ihr reden hren, sagte der Arbeiter. Man sagte
mir, da der Kaiser ihr immer groe Freundschaft bewiesen habe.

Ja, Tiberius wute ihre Ergebenheit und Treue zu schtzen. Er hat diese
arme Buerin, die einst aus einer elenden Htte in den Sabiner Bergen
kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst in Rom weilte,
lie er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um sie immer in
seiner Nhe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen ist es besser
ergangen als ihr. Sie wurde in einer Snfte ber die Strae getragen,
und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der Kaiser nach Capreae
bersiedelte, mute sie ihn begleiten, und er lie ihr dort ein Landhaus
voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.

Sie hat es wahrlich gut gehabt, sagte der Mann.

Er war es nun, der das Gesprch mit dem Fremden allein weiterfhrte. Die
Frau sa stumm und beobachtete staunend die Vernderung, die mit der
Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein Wort
gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliches Aussehen ganz
verloren. Die Schssel hatte sie von sich geschoben und sa jetzt starr
und aufrecht, an den Trpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.

Es ist des Kaisers Wille gewesen, da sie ein glckliches Leben
geniee, sagte der Fremdling. Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
nun auch sie ihn verlassen.

Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
warmen, milden Stimme zu sprechen. Ich kann doch nicht glauben, da die
alte Faustina am Hofe so glcklich gewesen ist, wie du sagst, sagte
sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. Ich bin gewi, da sie
Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigener Sohn wre. Ich kann mir
denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und ich kann
auch begreifen, welch ein Kummer es fr sie war, da er sich in seinem
Alter dem Mitrauen und der Grausamkeit berlie. Sie hat ihn sicherlich
jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar fr sie gewesen, immer
vergeblich zu bitten. Schlielich hat sie es nicht mehr ertragen knnen,
ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.

Der Fremdling beugte sich berrascht ein wenig vor, als er diese Worte
vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
niedergeschlagen und sprach sehr leise und demtig.

Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,
antwortete er. Faustina ist am Hofe wirklich nicht glcklich gewesen.
Aber es scheint doch seltsam, da sie den Kaiser in seinem hohen Alter
verlie, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt hatte.

Was sagst du da? rief der Mann. Hat die alte Faustina den Kaiser
verlassen?

Sie hat sich, ohne da jemand darum wute, von Capreae weggeschlichen,
sagte der Fremde. Sie ist ebenso arm gegangen, wie sie gekommen war.
Sie hat nichts von allen ihren Schtzen mitgenommen.

Und wei der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist? fragte die
junge Frau mit ihrer sanften Stimme.

Nein, niemand wei mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte eingeschlagen
hat. Man hlt es jedoch fr wahrscheinlich, da sie ihre Zuflucht in
ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.

Und der Kaiser wei auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?
fragte die junge Frau.

Nein, der Kaiser wei nichts darber. Er kann doch nicht glauben, da
sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie wei doch, da er
niemals an ihrer Uneigenntzigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer noch,
da sie freiwillig zu ihm zurckkehren wrde, denn niemand wei besser
als sie, da er jetzt ganz ohne Freunde ist.

Ich kenne sie nicht, sagte das junge Weib, aber ich glaube doch, da
ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte Frau
ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frmmigkeit erzogen worden,
und sie hat sich immer hierher zurckgesehnt. Sicherlich htte sie
dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt htte.
Aber ich begreife, da sie nun hiernach, da ihre Lebenstage bald zu Ende
gehen mssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst zu denken. Wenn
ich eine arme Frau aus den Bergen wre, htte ich vermutlich ebenso
gehandelt wie sie. Ich htte mir gedacht, da ich genug getan htte,
wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient habe. Ich wre
schlielich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen, um meine Seele
Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich von mir scheidet,
um die lange Fahrt anzutreten.

Der Fremdling blickte die junge Frau trb und schwermtig an. Du
bedenkst nicht, da des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen knnte, wenn
Mitrauen und Menschenverachtung sich seiner bemchtigen. Denke dir
dies, fuhr er fort und bohrte seine dstern Blicke tief in die des
jungen Weibes, in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
hate, keinen, den er nicht verachtete, keinen.

Als er diese Worte bitterer Verzweiflung aussprach, machte die Alte eine
hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest in
die Augen und antwortete: Tiberius wei, da Faustina wieder zu ihm
kommt, wann immer er es wnscht. Aber zuerst mu sie wissen, da ihre
alten Augen nicht mehr Laster und Schndlichkeit an seinem Hofe schauen
mssen.

Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und
seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schtzen.

Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
fragenden Blicken. Ist das auch _dein_ letztes Wort? schien er sagen zu
wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten sich nicht
von ihnen lsen.

Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so mge er ihr auch
die Ruhe ihrer letzten Tage gnnen, sagte die junge Frau.

Der Fremde zgerte noch, aber pltzlich erhellte sich sein dsteres
Gesicht. Meine Freunde, sagte er, was man auch von Tiberius sagen
mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andere, und das
ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese alte
Frau, von der wir gesprochen haben, diese Htte aufsuchen sollte, so
nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht ber jedem, der ihr
beisteht.

Er hllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
den er gekommen war.


III

Nach diesem Vorfall sprachen der Winzer und sein Weib nie mehr mit der
alten Frau vom Kaiser. Untereinander wunderten sie sich darber, da sie
in ihrem hohen Alter die Kraft gehabt hatte, allem dem Reichtum und der
Macht zu entsagen, an die sie gewohnt war. Ob sie nicht doch bald zu
Tiberius zurckkehren wird? fragten sie sich. Sie liebt ihn sicherlich
noch. In der Hoffnung, da dies ihn zur Besinnung bringen und ihn
bewegen werde, sich von seiner bsen Handlungsweise zu bekehren, hat sie
ihn verlassen.

Ein so alter Mann wie der Kaiser wird niemals mehr ein neues Leben
beginnen, sagte der Arbeiter. Wie willst du seine groe Verachtung der
Menschen von ihm nehmen? Wer knnte vor ihn hintreten und ihn lehren,
sie zu lieben? Bevor dies geschieht, kann er nicht von seinem Argwohn
und seiner Grausamkeit geheilt werden.

Du weit, da es einen gibt, der dies in Wahrheit vermchte, sagte die
Frau. Ich denke oft daran, wie es wre, wenn diese beiden sich
begegneten. Aber Gottes Wege sind nicht unsre Wege.

Die alte Frau schien ihr frheres Leben gar nicht zu entbehren. Nach
einiger Zeit gebar das junge Weib ein Kind, und als die Alte nun dieses
zu pflegen hatte, schien sie so zufrieden zu sein, da man glauben
konnte, sie htte alle ihre Sorgen vergessen.

Jedes halbe Jahr einmal pflegte sie sich in den langen grauen Mantel zu
hllen und nach Rom hinunterzuwandern. Aber dort suchte sie keine
Menschenseele auf, sondern ging geradewegs zum Forum. Hier blieb sie vor
einem kleinen Tempel stehen, der sich auf der einen Seite des herrlich
geschmckten Platzes erhob.

Dieser Tempel bestand eigentlich nur aus einem auergewhnlich groen
Altar, der unter offenem Himmel auf einem marmorgepflasterten Hofe
stand. Auf der Hhe des Altars thronte Fortuna, die Gttin des Glcks,
und an seinem Fue sah man eine Bildsule des Tiberius. Rund um den Hof
erhoben sich Gebude fr die Priester, Vorratskammern fr Brennholz und
Stlle fr die Opfertiere.

Die Wanderung der alten Faustina erstreckte sich niemals weiter als bis
zu diesem Tempel, den die aufzusuchen pflegten, die um Glck fr
Tiberius beten wollten. Wenn sie einen Blick hineingeworfen und gesehen
hatte, da die Gttin und die Kaiserstatue mit Blumen bekrnzt waren,
da das Opferfeuer loderte und Scharen ehrfrchtiger Anbeter vor dem
Altare versammelt waren, und wenn sie vernommen hatte, da die leisen
Hymnen der Priester ringsumher erklangen, dann kehrte sie um und begab
sich wieder in die Berge.

So erfuhr sie, ohne einen Menschen fragen zu mssen, da Tiberius noch
unter den Lebenden weilte und da es ihm wohl erging.

Als sie diese Wanderung zum drittenmal antrat, harrte ihrer eine
berraschung. Als sie sich dem kleinen Tempel nherte, fand sie ihn
verdet und leer. Kein Feuer flammte vor dem Bilde, und kein einziger
Anbeter war davor zu sehen. Ein paar trockene Krnze hingen noch an der
einen Seite des Altars, aber dies war alles, was von seiner frheren
Herrlichkeit zeugte. Die Priester waren verschwunden, und die
Kaiserstatue, die ohne Hter dastand, war beschdigt und mit Schmutz
beworfen.

Die alte Frau wendete sich an den ersten Besten, der vorberging. Was
hat dies zu bedeuten? fragte sie. Ist Tiberius tot? Haben wir einen
andern Kaiser?

Nein, antwortete der Rmer, Tiberius ist noch Kaiser, aber wir haben
aufgehrt, fr ihn zu beten. Unsere Gebete knnen ihm nicht mehr
frommen.

Mein Freund, sagte die Alte, ich wohne weit von hier in den Bergen,
wo man nichts davon erfhrt, was sich drauen in der Welt zutrgt.
Willst du mir nicht sagen, welches Unglck den Kaiser getroffen hat?

Das furchtbarste Unglck, erwiderte der Mann. Er ist von einer
Krankheit befallen worden, die bisher in Italien unbekannt war, die aber
im Morgenlande hufig sein soll. Seit diese Seuche ber den Kaiser
gekommen ist, hat sich sein Gesicht verwandelt, seine Stimme ist wie die
Stimme eines grunzenden Tiers, und seine Zehen und Finger werden
zerfressen. Und gegen diese Krankheit soll es kein Mittel geben. Man
glaubt, da er in ein paar Wochen tot sein wird, wenn er aber nicht
stirbt, so mu man ihn absetzen, denn ein so kranker, elender Mann kann
nicht weiter regieren. Du begreifst also, da sein Schicksal besiegelt
ist. Es ntzt nichts, die Gtter um Glck fr ihn anzuflehen. Und es
lohnt sich auch nicht, fgte er mit leisem Lcheln hinzu. Niemand hat
von ihm noch etwas zu frchten oder zu hoffen. Warum sollten wir uns
also um seinetwillen Mhe machen?

Er grte und ging, doch die Alte blieb wie betubt stehen.

Zum erstenmal in ihrem Leben brach sie zusammen und sah aus wie eine,
die das Alter besiegt hat. Sie stand mit gebeugtem Rcken und zitterndem
Kopfe da, und mit Hnden, die kraftlos in der Luft tasteten.

Sie sehnte sich, von dieser Stelle fortzukommen, aber sie hob die Fe
nur langsam und bewegte sich strauchelnd vorwrts. Sie sah sich um, um
etwas zu finden, was sie als Stab gebrauchen knnte.

Nach einigen Augenblicken gelang es ihr doch, mit ungeheurer
Willensanstrengung die Mattigkeit zurckzudrngen. Sie richtete sich
wieder empor und zwang sich, mit festen Schritten durch die
menschenerfllten Gassen zu gehen.


IV

Eine Woche spter wanderte die alte Faustina die steilen Abhnge der
Insel Capreae hinan. Es war ein heier Tag, und das furchtbare Gefhl
des Alters und der Mattigkeit berkam sie wieder, whrend sie die
geschlngelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm, die
zu der Villa des Tiberius fhrten.

Dieses Gefhl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
sich alles whrend der Zeit, die sie fern gewesen war, verndert hatte.
Frher waren immer groe Scharen von Menschen diese Treppen hinauf- und
heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt, die sich von
riesigen Lybiern tragen lieen; von Sendboten aus den Provinzen, die von
langen Sklavenzgen geleitet ankamen; von Stellensuchenden und von
vornehmen Mnnern, die eingeladen waren, an den Festen des Kaisers
teilzunehmen.

Aber heute waren diese Treppen und Gnge ganz verdet. Die graugrnen
Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf ihrem
Wege bemerkte.

Sie staunte, da alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
Kaisers konnte hchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
Edle Gewchse in schnen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
Zerstrer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar Stellen
die Balustrade niedergebrochen.

Aber am allerseltsamsten deuchte sie doch die vllige Menschenleere.
Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
lassen, so muten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
von Kriegsknechten und Sklaven, von Tnzerinnen und Musikanten, von
Kchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
Haushalt des Kaisers gehrten.

Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein paar
alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saen. Als sie
sich ihnen nherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.

Sei gegrt, Faustina, sagte der eine. Ein Gott schickt dich, um
unser Unglck zu lindern.

Was ist dies, Milo? fragte Faustina. Warum ist es hier so de? Man
hat mir doch gesagt, da Tiberius noch auf Capreae weile?

Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er htte auch mich und Tito
fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert htten, ihm zu gehorchen. Und
du weit doch, da wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
Mutter gedient haben.

Ich frage nicht nur nach Sklaven, sagte Faustina. Wo sind die
Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
schmeichelnden Speichellecker?

Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen, sagte der Sklave.
Der Senator Lucius und Macro, der Anfhrer der Leibwache, kommen jeden
Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
nahen.

Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten. Der
Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:

Was sagen die rzte ber Tiberii Krankheit?

Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
nicht einmal, ob sie rasch oder langsam ttet. Aber eins kann ich dir
sagen, Faustina, da Tiberius sterben mu, wenn er sich weiter weigert,
Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, da sie vergiftet sein knnte.
Und ich wei, da ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet zu
werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frhern Tagen, wird es dir
vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit kannst
du sein Leben um viele Tage verlngern.

Der Sklave fhrte Faustina durch mehrere Gnge und Hfe zu einer
Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
ber die schnen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genieen.

Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen mit
aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zgen. Seine Hnde und Fe
waren mit weien Binden umwickelt, aber aus den Banden kamen halb
abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
waren staubig und besudelt. Man sah, da er nicht imstande war, aufrecht
zu gehen, sondern ber die Terrasse hatte kriechen mssen. Er lag mit
geschlossenen Augen am uersten Ende der Balustrade und regte sich
nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina flsterte
dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: Aber, Milo, wie kann sich ein
solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile dich, ihn von
hier fortzuschaffen!

Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.

Csar Tiberius, sagte er, endlich habe ich dir frohe Kunde zu
bringen.

Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
zurck und konnte kein Wort mehr hervorbringen.

Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stolz ausgesehen hatte, da
man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer Sibylle gleichkommen. In
diesem Augenblick war sie in kraftloser Greisenhaftigkeit
zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes Mtterchen mit trbem
Blick und tastenden Hnden vor sich.

Denn wohl hatte man Faustina gesagt, da der Kaiser furchtbar verndert
sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehrt, sich ihn als den
krftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das letzte Mal
gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hren, da diese Krankheit
langsam wirke, und da sie Jahre brauche, um einen Menschen zu
verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten, da
sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.

Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
stand stumm neben ihm und weinte.

Bist du endlich gekommen, Faustina? sagte er, ohne die Augen zu
ffnen. Ich lag da und whnte, du stndest hier und weintest ber mich.
Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, da dies nur ein Trugbild
gewesen sein knnte.

Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und bettete
ihn in ihren Scho.

Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefhl sen
Friedens erfllte ihn, und im nchsten Augenblicke versank er in ruhigen
Schlummer.


V

Einige Wochen spter wanderte einer der Sklaven des Kaisers der einsamen
Htte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der Winzer und
seine Frau standen in ihrer Tr und sahen die Sonne im fernen Westen
sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und grte sie. Dann
zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Grtel stak und legte
ihn dem Manne in die Hand.

Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
erwiesen hast, sagte der Sklave. Sie lt dir sagen, du mgest dir fr
dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung erbauen,
die nicht so hoch oben in den Lften liegt, wie die Horste der Adler.

Die alte Faustina lebt also wirklich noch? sagte der Mann. Wir haben
sie in Klften und Smpfen gesucht. Als sie nicht zu uns zurckkehrte,
glaubte ich, sie htte in diesen elenden Bergen den Tod gefunden.

Erinnerst du dich nicht, fiel die Frau ein, da ich nicht glauben
wollte, da sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie wrde zum Kaiser
zurckgekehrt sein?

Ja, gab der Mann zu, so sagtest du wirklich, und ich freue mich, da
du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
armen Kaisers willen.

Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden zu
erreichen, bevor die Dunkelheit anbrche, aber dies lieen die beiden
Eheleute nicht zu. Du mut bis zum Morgen bei uns bleiben, sagten sie,
wir knnen dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles erzhlt hast, was
Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser zurckgekehrt? Wie
war ihre Begegnung? Sind sie nun glcklich, da sie wieder vereint
sind?

Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Htte, und
beim Abendbrot erzhlte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
Rckkehr.

Als der Sklave seine Erzhlung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
die Frau regungslos und staunend sitzenblieben. Ihre Blicke waren zu
Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die sich
ihrer bemchtigt hatte.

Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: Glaubst du nicht,
da dies eine Fgung Gottes ist?

Ja, sagte die Frau, sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen ber
das Meer in diese Htte gesendet. Gewi war dies seine Absicht, als er
die alte Frau an unsre Tr fhrte.

Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
wieder an den Sklaven.

Freund, sagte er zu ihm. Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
bringen! Sag ihr dies, Wort fr Wort! Solches kndet dir dein Freund,
der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schnheit und blhend in
Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
gelitten, die nun Tiberius befallen hat.

Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
immer grerm Nachdruck fort.

Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so sag
ihr, da meine Frau und ich aus Palstina in Asien stammen, einem Lande,
wo diese Krankheit hufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, da die
Ausstzigen aus Stdten und Drfern vertrieben werden und auf den
Pltzen wohnen und ihre Zuflucht in Grbern und Felsenhhlen suchen
mssen. Sage Faustina, da mein Weib von kranken Eltern stammt und in
einer Felsenhhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
Krankheit befallen.

Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lchelnd
das Haupt und sagte zu ihm: Wie willst du, da Faustina dies glaube?
Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blte gesehen? Und sie
wei ja, da es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.

Doch der Mann erwiderte: Es wre das beste fr sie, wenn sie mir
glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie mge
Kundschafter hinber nach Nazareth in Galila senden. Da wird jeder
Mensch meine Aussage besttigen!

Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgendeines Gottes
geheilt worden? fragte der Sklave.

Ja, antwortete der Arbeiter, wie du sagst, so ist es. Eines Tages
verbreitete sich das Gercht unter den Kranken, die in der Wildnis
wohnten: 'Sehet, es ist ein groer Prophet erstanden, in der Stadt
Nazareth in Galila. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er kann
eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn legt.' Aber
die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht glauben, da dieses
Gercht Wahrheit sei. 'Uns kann niemand heilen,' sagten sie. 'Seit den
Tagen der groen Propheten hat niemand einen von uns aus seinem Unglck
retten knnen.'

Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine
Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt Nazareth
zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie ber weite
Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen war und ein
bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken, schwarzen Locken
lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen und zogen sie zu ihm
hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief sie ihm zu: 'Komm mir
nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo kann ich den
Propheten aus Nazareth finden?' Aber der Mann fuhr fort, ihr
entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: -- 'Warum
suchest du den Propheten aus Nazareth?' -- 'Ich suche ihn, auf da er
seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit heile.' Da
trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. -- Aber sie
sprach zu ihm: 'Was frommt es mir, da du deine Hand auf meine Stirn
legst? Du bist doch kein Prophet?' -- Da lchelte er ihr zu und sagte:
'Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und zeige
dich den Priestern.'

Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir, weil
ich glaube, da ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht
erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah
sie einen Mann, der zur Jagd auszog, ber das weite Feld reiten. Als er
ihr so nah gekommen war, da er sie hren konnte, rief sie ihm zu:
'Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo
ich den Propheten aus Nazareth finden kann?' -- 'Was willst du von dem
Propheten?' fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. -- 'Ich will
nur, da er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund mache von
meiner Krankheit.' Aber der Mann ritt noch nher. -- 'Von welcher
Krankheit willst du geheilt werden?' sagte er. 'Du bedarfst doch keines
Arztes.' -- 'Siehst du nicht, da ich eine Unreine bin?' sagte sie. 'Ich
stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhhle geboren.' Aber
der Mann lie sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten, denn sie war hold
und lieblich, wie eine eben erblhte Blume. -- 'Du bist die schnste
Jungfrau im Lande Juda,' rief er. -- 'Treibe nicht auch du deinen Spott
mit mir,' sagte sie. 'Ich wei, da meine Zge zerfressen sind und meine
Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres klingt.' Aber er sah ihr tief
in die Augen und sprach zu ihr: 'Deine Stimme ist klingend wie die
Stimme des Frhlingsbchleins, wenn es ber Kieselsteine rieselt, und
dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus weicher Seide.'

Zugleich ritt er so nahe an sie heran, da sie ihr Gesicht in den
blanken Beschlgen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. 'Du sollst
dich hier spiegeln,' sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das
zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflgel. --
'Was ist dies, was ich sehe?' sagte sie. 'Das ist nicht mein Gesicht.'
'Doch, es ist dein Gesicht,' sagte der Reiter. -- 'Aber meine Stimme,
klingt sie nicht rchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen ber einen
steinigen Weg gezogen werden?' -- 'Nein, sie klingt wie die sesten
Weisen eines Harfenspielers,' sagte der Reiter.

Sie wendete sich und wies ber den Weg. 'Weit du, wer der Mann ist, der
eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?' fragte sie den
Reiter. 'Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus
Nazareth,' sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hnde zusammen,
und ihre Augen fllten sich mit Trnen. 'Oh, du Heiliger! Oh, du Trger
von Gottes Macht!' rief sie. 'Du hast mich geheilt!'

Aber der Reiter hob sie in den Sattel und fhrte sie zu der Stadt auf
dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den ltesten und Priestern und
berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau
nach allem, aber als sie hrten, da die Jungfrau in der Wildnis von
kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, da sie
geheilt sei. 'Gehe dorthin zurck, von wannen du gekommen bist,' sagten
sie. 'Wenn du krank warst, mut du es dein ganzes Leben lang bleiben. Du
sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner
Krankheit anzustecken!'

Sie sagte zu ihnen: 'Ich wei, da ich gesund bin, denn der Prophet aus
Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.'

Als sie dies hrten, riefen sie: 'Wer ist er, da er die Unreinen rein
machen knnte? Alles dies ist ein Blendwerk bser Geister. Kehre zurck
zu den Deinen, auf da du nicht uns alle ins Verderben strzest!'

Sie wollten sie nicht fr geheilt erklren, und sie verboten ihr, in der
Stadt zu verweilen. Sie verordneten, da jeglicher, der ihr Schutz
gewhre, gleichfalls als unrein erklrt werde.

Als die Priester dieses Urteil gefllt hatten, sagte die junge Jungfrau
zu dem Manne, der sie drauen auf dem Felde gefunden hatte: 'Wohin soll
ich mich wenden? Mu ich zurck in die Wildnis zu den Kranken gehen?'

Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: 'Nein
wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshhlen gehen,
sondern wir beide wollen fortziehen, ber das Meer in ein andres Land,
wo es nicht Gesetze gibt fr Reine und Unreine.' Und sie -- -- --

Aber als der Winzer in seiner Erzhlung so weit gekommen war, erhob sich
der Sklave und fiel ihm in die Rede. Du brauchst mir nichts mehr zu
erzhlen, sagte er. Stehe lieber auf und fhre mich ein Stck Weges,
du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine Heimfahrt
antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der Kaiser und
Faustina knnen deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu frh
erfahren.

Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die
Htte heimkam, fand er seine Frau noch wach.

Ich kann nicht schlafen, sagte sie, ich denke daran, da diese beiden
sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der sie hat.
Es ist, als mte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn schleudern.


VI

Die alte Faustina war in dem fernen Palstina, auf dem Wege nach
Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, da der Auftrag, den Propheten zu
suchen und ihn zum Kaiser zu fhren, einem andern als ihr anvertraut
werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem
fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch
durch Gaben entlocken knnen. Aber vielleicht gewhrt er es uns, wenn
jemand ihm zu Fen fllt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser
befindet. Und wer kann die rechte Frbitte fr Tiberius tun, wenn nicht
die, die unter seinem Unglck ebenso schwer leidet wie er selbst.

Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu knnen, hatte die alte Frau
verjngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe
berstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht
eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise
ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Rmer, die Krieger und die
Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.

Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfllte das Herz der alten Frau
mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frhlings, und die
Ebene von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten hatten,
war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf der Fahrt
des zweiten Tages, als sie in die Berge von Juda eindrangen, verlieen
die Blumen sie nicht. Alle die vielfrmigen Hgel, zwischen denen der
Weg sich durchschlngelte, waren mit Obstbumen bepflanzt, die in
reichster Blte standen. Und wenn die Reisenden es mde wurden, die
weirosigen Blten der Aprikosen und Pfirsichbume zu betrachten,
konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub
ruhen lieen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen
Wachstum so rasch war, da man es mit den Augen verfolgen zu knnen
meinte.

Aber nicht nur Blumen und Frhlingsgrn machten die Wanderung lieblich.
Der grte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die
an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen und
Stegen, von einsamen Hhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene kamen
Wandrer. Wenn sie die Strae nach Jerusalem erreicht hatten, schlossen
sich die einzelnen Reisenden zu groen Scharen zusammen und zogen unter
frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf einem
schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Shne und Tchter, seine Eidame
und Schwiegertchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so groes
Geschlecht, da es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte Mutter,
die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Shne auf ihre Arme gehoben,
und sie lie sich stolz durch die ehrfrchtig zur Seite weichenden
Scharen tragen

Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrbtesten mit Freude
erfllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern mit einer
dnnen weigrauen Wolkenschicht berzogen, aber keinem der Wandrer kam
es in den Sinn, sich zu beklagen, da der harte Glanz der Sonne gedmpft
war. Unter diesem verschleierten Himmel strmten die Wohlgerche der
blhenden Bume und des jungen Laubes nicht so rasch wie sonst in den
weiten Raum, sondern sie verweilten ber Wegen und Fluren. Und dieser
schne Tag, der mit seinem schwachen Licht und seinen reglosen Winden an
die Ruhe und den Frieden der Nacht gemahnte, schien allen den
vorwrtseilenden Menschenscharen etwas von seinem Wesen mitzuteilen, so
da sie frhlich, aber doch weihevoll weiterzogen, mit gedmpfter Stimme
uralte Hymnen singend, oder auf seltsamen, altertmlichen Instrumenten
spielend, aus denen Tne kamen, die gleich dem Summen der Mcken oder
dem Zirpen der Heimchen waren.

Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde
auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren
Zelter zu grerer Eile, whrend sie zu einem jungen Rmer, der sich an
ihrer Seite hielt, sagte: Mir trumte heute nacht, da ich Tiberius
she und er mich bte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade
heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dnkt, die Gtter wollten mir eine
Mahnung schicken, es nicht zu verabsumen, an diesem schnen Morgen
hinzuwandern.

Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die hchste Hhe eines
langgestreckten Bergrckens erreicht, und dort hielt sie unwillkrlich
an. Vor ihr lag ein groer, tiefer Talkessel, von schnen Anhhen
umkrnzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich
der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.

Aber das enge Bergstdtchen, das mit seinen Mauern und Trmen, einem
krnenden Geschmeide gleich, auf der flachen Hhe des Felsens lag, war
an diesem Tage tausendfltig vergrert. Alle die rings um das Tal
ansteigenden Hhen waren von bunten Zelten und einem Gewhl von Menschen
bedeckt.

Es wurde Faustina klar, da die ganze Bevlkerung des Landes sich in
Jerusalem sammelte, um irgendein groes Fest zu feiern. Die entfernter
Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen. Die
hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im Anzuge.
Alle die lichten Bergeshhen hinunter sah man sie kommen, gleich einem
ununterbrochenen Strome von weien Gewndern, Gesngen und Festesfreude.

Lange berschaute die alte Frau diese heranstrmenden Menschenmengen und
die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Rmer, der an ihrer
Seite ritt:

Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk mu nach Jerusalem gekommen sein.

Es ist in Wirklichkeit so, antwortete der Rmer, der von Tiberius
ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang
in Juda gelebt hatte. Sie feiern jetzt das groe Frhlingsfest, und da
ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.

Faustina besann sich keinen Augenblick. Ich freue mich, da wir an dem
Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,
sagte sie. Dies kann nichts andres bedeuten, als da die Gtter unsere
Fahrt beschtzen. Hltst du es nicht fr wahrscheinlich, da er, den wir
suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist, um
an dem Feste teilzunehmen?

Du hast wirklich recht, Faustina, sagte der Rmer. Er ist vermutlich
hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fgung der Gtter. So stark
und krftig du auch bist, du kannst dich doch glcklich preisen, wenn du
nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galila hinauf machen mut.

Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und
fragte sie, ob sie glaubten, da der Prophet aus Nazareth sich in
Jerusalem befinde.

Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen, antwortete einer
der Wandersleute. Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen, denn er
ist ein frommer und gerechter Mann.

Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Hhe, die stlich von
der Stadt lag. Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbumen
bewachsen ist? sagte sie. Dort pflegen die Galiler ihre Zelte
aufzuschlagen, und da erhltst du die sichersten Nachrichten ber den,
den du suchst.

Sie zogen weiter, einen geschlngelten Pfad bis in die Tiefe des Tales
hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt
auf seinem Gipfel zu erreichen.

Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsumt, und auf
ihnen saen und lagen eine unzhlige Menge Bettler und Krppel, die die
Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.

Whrend der langsamen Fahrt kam eine der jdischen Frauen auf Faustina
zu. Sieh dort, sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der Mauer
sa, dies ist ein galilischer Mann. Ich erinnere mich, ihn unter den
Jngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo der zu
finden ist, den du suchst.

Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.
Es war ein armer alter Mann mit groem, graugesprenkeltem Barte. Sein
Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebrunt, und seine Hnde waren
schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien im
Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, da er
nicht einmal zu den Vorberziehenden aufsah.

Er hrte auch nicht, da Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mute
seine Frage ein paarmal wiederholen.

Mein Freund, man hat mir gesagt, da du ein Galiler seist. Ich bitte
dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?

Der Galiler fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er
endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn, in
den sich Entsetzen mischte. Was sagst du da? brach er los. Warum
fragst du mich nach dem Manne? Ich wei nichts von ihm. Ich bin kein
Galiler.

Die jdische Frau mischte sich jetzt ins Gesprch. Ich habe dich doch
mit ihm gesehen, fiel sie ein. Hege keine Furcht, sondern sage dieser
vornehmen Rmerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell
finden kann.

Aber der erschrockene Jger wurde immer erbitterter. Sind heute alle
Menschen wahnsinnig geworden? rief er. Sind sie von einem bsen Geiste
besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem Manne
fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, da ich den
Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich habe
ihn niemals gesehen.

Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler,
die neben ihm auf der Mauer saen, begannen gleichfalls seine Worte zu
bestreiten.

Freilich hast du zu seinen Jngern gehrt, sagten sie. Wir wissen
alle, da du mit ihm aus Galila gekommen bist.

Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: Ich habe
es heute in Jerusalem nicht aushalten knnen um dieses Mannes willen,
und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier drauen unter den Bettlern
in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, da
ich ihn nie gesehen habe?

Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. La uns weiterziehen,
sagte sie. Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm knnen wir nichts
erfahren.

Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als
zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die ihr
hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie solle sich
in acht nehmen. Sie zog die Zgel an und sah, da dicht vor den Fen
der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube ausgestreckt
lag, gerade da, wo das Gedrnge am lebhaftesten wogte, mute man es ein
Wunder nennen, da er nicht schon von Tieren oder Menschen
niedergetreten war.

Der Mann lag auf dem Rcken und starrte mit erloschenen, glanzlosen
Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren
Fe dicht neben ihm niedersetzten. Er war rmlich gekleidet und
berdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand ber
sich geschttet, da er aussah, als suche er sich zu verbergen, um
leichter berritten oder niedergetreten zu werden.

Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege? fragte
Faustina.

In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorbergehenden
anzurufen. Bei eurer Barmherzigkeit, Brder und Schwestern, fhret eure
Pferde und Lasttiere ber mich hin! Weichet mir nicht aus! Zertretet
mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet mich zu
Staub!

Sulpicius fate Faustinas Pferd am Zgel und fhrte es zur Seite. Das
ist ein Snder, der Bue tun will, sagte er. Lasse dich dadurch nicht
aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man mu sie ihre eignen Wege
gehen lassen.

Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: Setzet eure Fersen auf mein
Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe in
meine Augen versenken!

Aber Faustina brachte es nicht ber sich, an diesem Elenden
vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen knnte,
aufzusehen. Sie hielt noch immer neben ihm.

Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,
drngte sich jetzt wieder an sie heran. Dieser Mann hat auch zu den
Jngern des Propheten gehrt, sagte sie. Willst du, da ich ihn nach
seinem Meister frage?

Faustina nickte, und die Frau beugte sich ber den Liegenden.

Was habt ihr Galiler an diesem Tage mit euerm Meister gemacht? fragte
sie. Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn sehe ich
nirgends.

Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straenstaube
lag, auf seine Knie empor. Was fr ein bser Geist hat dir eingegeben,
mich nach ihm zu fragen? sagte er mit einer Stimme, die voll
Verzweiflung war. Du siehst ja, da ich mich in den Straenstaub
geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mut du
noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?

Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst, sagte die Frau. Ich wollte
ja nur wissen, wo dein Meister ist.

Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide
Zeigefinger in die Ohren.

Wehe dir, da du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst, rief er.
Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore drngte,
und strzte, vor Entsetzen brllend, von dannen, whrend seine
zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flgeln umflatterten.

Es will mich bednken, da wir zu einem Volke von Narren gekommen
sind, sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch den
Anblick der Schler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte ein
Mann, der solche Tollhusler zu seinen Begleitern zhlte, imstande sein,
etwas fr den Kaiser zu tun?

Auch die israelitische Frau schaute betrbt drein, und sie sprach mit
groem Ernste zu Faustina: Herrscherin, zgere nicht, den aufzusuchen,
den du finden willst. Ich frchte, es ist ihm etwas Bses zugestoen, da
seine Jnger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden zu
hren.

Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwlbung und kamen
in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe
unmglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere muten die
Reiter haltmachen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen Weg
zu bahnen. Die Menschen hrten nicht auf, sich in einem dichten und
unaufhaltsamen Strome vorbeizuwlzen.

Wahrlich, sagte die alte Frau zu Sulpicius, Roms Straen sind stille
Lustgrten im Vergleiche zu diesen Gassen.

Sulpicius sah bald, da fast unbersteigliche Schwierigkeiten ihrer
harrten.

In diesen berfllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu
reiten, sagte er. Wenn du nicht allzu mde bist, wrde ich dir raten,
zu Fue zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit
weg, aber wenn wir hinreiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor
Mitternacht ans Ziel.

Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und
berlie es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Rmer
die Stadt zu Fu zu durchwandern.

Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum Herzen
der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine halbwegs breite
Strae, die sie bald erreichen muten.

Sieh dort, Faustina, sagte er, wenn wir erst in dieser Strae sind,
sind wir bald am Ziele. Sie fhrt uns geradeswegs zu unserer Herberge.

Aber als sie eben in diese Strae einbiegen wollten, begegnete ihnen das
grte Hindernis.

Es begab sich, da in demselben Augenblick, wo Faustina die Strae
erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte der
Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener vorbeigefhrt
wurde, der gekreuzigt werden sollte.

Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung
mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestmem Laufe durch die Strae,
streckten die Arme verzckt in die Hhe und stieen ein unverstndliches
Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie nicht alle Tage
zu sehen bekamen.

Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewndern, die zu
den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehren schienen. Hinter denen
wanderten Frauen, von denen viele trnenberstrmte Gesichter hatten.
Eine Anzahl Arme und Krppel schritten vorbei und stieen Schreie aus,
die in die Ohren gellten.

O Gott! riefen sie, rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!
Schicke einen Helfer in seiner uersten Not!

Endlich kamen ein paar rmische Kriegsknechte auf groen Pferden. Sie
wachten darber, da niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstrze
oder ihn zu befreien versuche.

Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der
gekreuzigt werden sollte, zu fhren hatten. Sie hatten ihm ein groes,
schweres Kreuz aus Holz ber die Schulter gelegt, aber er war zu schwach
fr diese Brde. Sie drckte ihn, da sein Krper ganz zu Boden gebeugt
wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, da niemand sein Gesicht sehen
konnte.

Faustina stand in der Mndung des kleinen Nebengchens und sah die
schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, da er
einen Purpurmantel trug und da eine Dornenkrone auf sein Haupt gedrckt
war.

Wer ist dieser Mann? fragte sie.

Einer der Umstehenden erwiderte: Das ist einer, der sich zum Kaiser
machen wollte.

Dann mu er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig
erstrebenswert ist, sagte die alte Frau wehmtig.

Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer langsamer schritt er
vorwrts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu grerer Eile
anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
blieb mit dem Kreuze ber sich liegen.

Da entstand ein groer Aufruhr. Die rmischen Reiter hatten die grte
Mhe, das Volk zurckzuhalten. Sie zckten ihre Schwerter gegen ein paar
Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten bemht waren.
Die Henkersknechte suchten ihn durch Schlge und Ste zu zwingen, da
er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen des Kreuzes. Endlich
ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es fortzuheben.

Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlgen, und von seiner
Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Bscheln, klebrig von Schwei und
Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten, als
kmpften sie, um einen Schrei zurckzudrngen. Die Augen starrten
trnenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.

Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
gleichsam in einer Vision ein schnes und bleiches Gesicht mit
herrlichen, majesttischen Augen und milden Zgen, und sie ward
pltzlich von Trauer und Rhrung ber das Unglck und die Erniedrigung
dieses fremden Mannes ergriffen.

O du armer Mensch, was hat man dir getan? rief sie und trat ihm einen
Schritt entgegen, whrend ihre Augen sich mit Trnen fllten. Sie verga
ihre eigene Sorge und Unruhe ber dieses gequlten Menschen Not. Ihr
war, als mte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich den
andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreien.

Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch nher an sie
heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
ihn verfolgten und qulten. Er umfate ihre Knie. Er schmiegte sich an
sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.

Die Alte beugte sich ber ihn, und whrend ihre Trnen strmten, fhlte
sie die seligste Freude darber, da er gekommen war und bei ihr Schutz
gesucht hatte. Sie legte ihren Arm um seinen Hals, und so wie eine
Mutter zu allererst die Trnen aus den Augen des Kindes trocknet, so
legte sie ihr Schweituch aus khlem, feinem Linnen auf sein Gesicht, um
die Trnen und das Blut fortzuwischen.

Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben des
Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich. Ungeduldig
wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast fort. Der
Todgeweihte sthnte auf, als er von der Freistatt fortgefhrt wurde, die
er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.

Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurckzuhalten, und als ihre
schwachen, alten Hnde nichts vermochten und sie ihn fortfhren sah, war
es ihr, als htte ihr jemand ihr eigenes Kind entrissen, und sie rief:
Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf nicht!

Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
fortfhrte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
kmpfen und ihn ihnen entreien.

Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.

Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden, und
dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der Kaufmann
war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und bereitete
der Alten ein Lager auf dem Steinboden.

Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
befallen, da sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
niederlegen mute.

Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lrm und das
Gedrnge in der Stadt sind ihr zu viel geworden, sagte Sulpicius zu dem
Kaufmanne. Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, da das Alter ihn
nicht schlielich niederwerfen knnte.

Dies ist auch fr jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag, sagte
der Kaufmann. Die Luft ist fast zu drckend beim Atmen. Es sollte mich
nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekmen.

Sulpicius beugte sich ber die Alte. Sie war eingeschlummert und
schlief, mit ruhigen, regelmigen Atemzgen nach der Ermdung und der
Gemtsbewegung.

Er ging und stellte sich in die Ladentr, um die Volksmenge zu
beobachten, whrend er auf ihr Erwachen wartete.


VII

Der rmische Landpfleger in Jerusalem hatte eine junge Frau, und in der
Nacht vor dem Tage, an dem Faustina in die Stadt einzog, lag die und
trumte.

Sie trumte, da sie auf dem Dache ihres Hauses stnde und auf den
groen, schnen Hofplan niedershe, der nach der Sitte des Morgenlandes
mit Marmor ausgelegt und mit edeln Gewchsen bepflanzt war.

Aber auf dem Hofe sah sie alle Kranken und Blinden und Lahmen
versammelt, die es auf der Welt gab. Sie sah die Pestkranken vor sich,
mit beulengeschwollenen Krpern, die Ausstzigen mit zerfressenen
Gesichtern, die Lahmen, die sich nicht zu rhren vermochten, sondern
hilflos auf der Erde lagen, und alle Elenden, die sich in Qualen und
Schmerzen krmmten.

Und sie drngten sich alle zum Eingange, um in das Haus zu kommen, und
einige der Vordersten klopften mit harten Schlgen an die Tr des
Palastes.

Endlich sah sie, da ein Sklave die Tre ffnete und auf die Schwelle
trat, und sie hrte, wie er fragte, was sie wollten.

Da antworteten sie ihm und sprachen: Wir suchen den groen Propheten,
den Gott auf die Erde gesandt hat. Wo ist der Prophet aus Nazareth, er,
der aller Qualen Herr ist? Wo ist er, der uns von allen unsern Leiden
erlsen kann?

Da antwortete der Sklave in stolzem, gleichgltigem Tone, so wie
Palastdiener zu tun pflegen, wenn sie arme Fremdlinge abweisen.

Es hilft euch nichts, nach dem groen Propheten zu suchen. Pilatus hat
ihn gettet.

Da erhob sich unter allen den Kranken ein Trauern und Jammern und
Zhneknirschen, so da sie nicht ertragen konnte, es zu hren. Ihr Herz
wurde von Mitleid zerrissen, und Trnen strmten aus ihren Augen. Aber
wie sie so zu weinen anfing, war sie erwacht.

Wieder war sie eingeschlummert und wieder trumte sie, da sie auf dem
Dache ihres Hauses stnde und auf den groen Hof hinabshe, der so weit
war wie ein Marktplatz.

Und siehe da, der Hof war voll von allen Menschen, die wahnsinnig und
toll waren und von bsen Geistern besessen. Und sie sah solche, die
nackt waren und solche, die sich in ihr langes Haar hllten, und solche,
die sich Kronen aus Stroh geflochten hatten und Mntel aus Gras, und
sich fr Knige hielten, und solche, die auf dem Boden krochen und Tiere
zu sein whnten, und solche, die bestndig ber einen Kummer weinten,
den sie nicht zu nennen vermochten, und solche, die schwere Steine
heranschleppten, die sie fr Gold ausgaben, und solche, die glaubten,
da die bsen Dmonen aus ihrem Munde sprchen.

Sie sah, wie alle diese Leute sich zum Tore des Palastes drngten; und
die zuvorderst standen, klopften und pochten, um Einla zu finden.

Endlich tat sich die Tr auf, und ein Sklave trat auf die Schwelle und
fragte sie: Was ist euer Begehr?

Da begannen sie alle zu rufen und zu sagen: Wo ist der groe Prophet
aus Nazareth, er, der von Gott gesandt ist und der unsere Seele und
unsere Vernunft wiedergeben soll?

Sie hrte, wie der Sklave ihnen im gleichgltigsten Tone antwortete:

Es fhrt zu nichts, da ihr nach dem groen Propheten sucht. Pilatus
hat ihn gettet.

Als dies Wort gesprochen war, stieen alle die Wahnsinnigen einen Schrei
aus, der dem Brllen wilder Tiere gleich war, und in ihrer Verzweiflung
begannen sie, sich selbst zu zerfleischen, da das Blut auf die Steine
flo. Und da sie, die trumte, all ihr Elend sah, begann sie die Hnde
zu ringen und zu jammern. Und ihr eigener Jammer hatte sie aufgeweckt.

Aber wieder war sie eingeschlummert, und wieder befand sie sich im
Traume auf dem Dache ihres Hauses. Und rings um sie her saen ihre
Sklavinnen, die ihr auf der Zimbel und der Laute vorspielten, und die
Mandelbume streuten ihre weien Bltenbltter ber sie hin, und die
Blumen der Kletterrosen dufteten.

Whrend sie da sa, sprach eine Stimme zu ihr: Geh zu der Balustrade,
die dein Dach umgibt, und sieh hinunter auf deinen Hof.

Aber im Traume weigerte sie sich und sagte: Ich will nicht noch mehr
von jenen sehen, die sich heute nacht auf meinem Hofe drngen.

In demselben Augenblick hrte sie von dort ein Rasseln von Ketten und
ein Pochen schwerer Hmmer und ein Klopfen von Holz, das gegen Holz
schlug. Ihre Sklavinnen hrten zu singen und zu spielen auf und eilten
zum Dachgelnder und sahen hinab. Und auch sie konnte nicht still sitzen
bleiben, sondern sie ging hin und sah auf den Hof hinunter.

Da sah sie, da der Hof ihres Hauses von allen armen Gefangenen erfllt
war, die es auf der Welt gab. Sie sah die Leute, die sonst in dunkeln
Kerkerlchern mit schweren Eisenketten gefesselt lagen. Sie sah die
Leute, die in den dunkeln Gruben arbeiteten, ihre Hmmer schleppend,
herankommen, und die, die Ruderer auf den Kriegsfahrzeugen waren, kamen
mit ihren schweren, eisengeschmiedeten Rudern. Und die, die verurteilt
waren, gekreuzigt zu werden, kamen und schleppten ihre Kreuze, und die,
die gekpft werden sollten, kamen mit ihren Beilen. Sie sah die, die als
Sklaven nach fremden Lndern gefhrt worden waren und deren Augen vor
Heimweh brannten. Sie sah alle elenden Sklaven, die gleich Lasttieren
arbeiten muten und deren Rcken blutig waren von Geielhieben.

Alle diese unglcklichen Menschen riefen wie aus einem einzigen Munde
und sprachen: ffne, ffne!

Da trat der Sklave, der den Eingang bewachte, zur Tr hinaus, und er
fragte sie: Was ist euer Begehr?

Und sie antworteten wie die andern: Wir suchen den groen Propheten aus
Nazareth, der auf die Erde gekommen ist, um den Gefangenen ihre Freiheit
und den Sklaven ihr Glck wiederzugeben.

Der Sklave antwortete ihnen in mdem und gleichgltigem Tone: Ihr knnt
ihn hier nicht finden. Pilatus hat ihn gettet.

Als dies Wort gesprochen war, duchte es sie, die trumte, da sich
unter allen diesen Unglcklichen ein solcher Ausbruch der Lsterung und
des Hohnes erhebe, da sie vernahm, wie Erde und Himmel erzitterten. Sie
selbst war starr vor Schrecken, und ein solches Beben durchfuhr ihren
Krper, da sie erwachte.

Als sie ganz wach war, setzte sie sich im Bette auf und sagte zu sich
selbst: Ich will nicht mehr trumen. Jetzt will ich mich die ganze Nacht
wachhalten, um nichts mehr von diesem Entsetzlichen sehen zu mssen.

Aber beinahe in demselben Augenblick, wo sie dies gedacht hatte, hatte
der Schlummer sie aufs neue berwltigt, und sie hatte ihren Kopf auf
das Kissen gelegt und war eingeschlummert.

Wieder trumte sie, da sie auf dem Dache ihres Hauses se, und ihr
kleines Shnlein liefe dort oben auf und ab und spielte Ball.

Da hrte sie eine Stimme, die zu ihr sprach: Geh zur Balustrade, die
das Dach umgibt, und sieh, wer die sind, die auf dem Hofe stehen und
warten.

Aber sie, die trumte, sagte zu sich selbst: Ich habe in dieser Nacht
genug Elend gesehen. Mehr kann ich nicht ertragen. Ich will bleiben, wo
ich bin.

In demselben Augenblick warf ihr Shnlein seinen Ball so, da er ber
die Balustrade fiel, und das Kind eilte hin und kletterte auf das
Gitterwerk. Da erschrak sie und lief hinzu und erfate das Kind.

Aber dabei warf sie einen Blick hinunter, und noch einmal sah sie, da
der Hof voller Menschen war.

Aber dort in dem Hofe waren alle Menschen der Erde, die im Kriege
verwundet worden waren. Sie kamen mit verstmmelten Krpern, mit
abgehauenen Gliedern und groen, offenen Wunden, aus denen das Blut
strmte, so da der ganze Hof davon berschwemmt wurde.

Und neben ihnen drngten sich dort alle Menschen der Erde, die ihre
Lieben auf dem Schlachtfelde verloren hatten. Es waren die Vaterlosen,
die ihre Verteidiger betrauerten, und die jungen Frauen, die nach ihren
Geliebten riefen, und die Alten, die nach ihren Shnen seufzten.

Die vordersten von ihnen drngten zur Tr, und der Trsteher kam wie
frher und ffnete.

Er fragte alle diese Leute, die in Fehden und Kmpfen verwundet worden
waren: Was sucht ihr in diesem Hause?

Und sie antworteten: Wir suchen den groen Propheten aus Nazareth, der
Krieg und Streit verbieten und Frieden auf Erden bringen wird. Wir
suchen ihn, der die Lanzen zu Sensen machen wird und die Schwerter zu
Rebenmessern.

Da antwortete der Sklave ein wenig ungeduldig: Kommt doch nicht mehr,
um mich zu qulen! Ich habe es schon oft genug gesagt. Der groe Prophet
ist nicht hier. Pilatus hat ihn gettet.

Damit schlo er das Tor. Aber sie, die trumte, dachte an allen den
Jammer, der nun ausbrechen mute. Ich will ihn nicht hren, sagte sie
und strzte von der Balustrade fort. In demselben Augenblicke war sie
erwacht. Und da hatte sie gesehen, da sie in ihrer Angst aus dem Bette
gesprungen war, hinunter auf den kalten Steinboden.

Wieder hatte sie gedacht, da sie in dieser Nacht nicht mehr trumen
wollte, und wieder hatte der Schlummer sie berwltigt, so da sie die
Augen schlo und zu trumen begann.

Noch einmal sa sie auf dem Dache ihres Hauses, und neben ihr stand ihr
Mann. Und sie erzhlte ihm von ihren Trumen, und er trieb seinen Spott
mit ihr. Da hrte sie wieder eine Stimme, die zu ihr sagte: Geh und
sieh die Menschen, die auf deinem Hofe warten.

Aber die dachte: Ich will sie nicht schauen. Ich habe heute nacht genug
Unglckliche gesehen.

In demselben Augenblick hrte sie drei harte Schlge an das Tor, und ihr
Mann ging zur Balustrade, um zu sehen, wer es wre, der Einla in sein
Haus begehrte.

Aber kaum hatte er sich ber das Gelnder gebeugt, als er auch schon
seiner Frau winkte, sie solle zu ihm kommen.

Kennst du diesen Mann nicht? sagte er und wies hinunter.

Als sie in den Hof hinuntersah, fand sie, da er von Reitern und Pferden
erfllt war. Sklaven waren damit beschftigt, Eseln und Kamelen ihre
Brden abzuladen. Es sah aus, als wre ein vornehmer Reisender
angekommen.

An der Eingangstr stand der Fremde. Es war ein hochgewachsener alter
Mann mit breiten Schultern und trber, dstrer Miene.

Die Trumerin erkannte den Fremdling sogleich, und sie flsterte ihrem
Manne zu: Das ist Csar Tiberius, der nach Jerusalem gekommen ist. Es
kann kein anderer sein.

Auch ich glaube ihn zu erkennen, sagte ihr Mann und legte gleichzeitig
den Finger auf den Mund, zum Zeichen, da sie stillschweigen und darauf
horchen solle, was unten auf dem Hofe gesprochen wrde.

Sie sahen, da der Trhter herauskam und den Fremden fragte: Wer ist
es, den du suchst?

Und der Reisende antwortete: Ich suche den groen Propheten aus
Nazareth, der mit Gottes wunderttiger Kraft begabt ist. Kaiser Tiberius
ruft ihn, auf da er ihn von einer entsetzlichen Krankheit befreie, die
kein anderer Arzt zu heilen vermag.

Als er gesprochen hatte, neigte sich der Sklave sehr demtig, und sagte:
Herr, zrne nicht, aber dein Wunsch kann nicht erfllt werden.

Da wendete sich der Kaiser an seine Sklaven, die unten im Hofe warteten,
und gab ihnen einen Befehl.

Da eilten die Sklaven herbei, einige hatten die Hnde voll Geschmeide,
andere hielten Schalen voll Perlen, wieder andere schleppten Scke mit
Goldmnzen.

Der Kaiser wendete sich an den Sklaven, der die Pforte bewachte und
sagte: Dies alles soll ihm gehren, wenn er Tiberius beisteht. Damit
kann er allen Armen der Erde Reichtum schenken.

Aber der Trhter neigte sich noch tiefer denn zuvor und sagte: Herr,
zrne deinem Diener nicht, aber dein Verlangen kann nicht erfllt
werden.

Da winkte der Kaiser noch einmal seinen Sklaven, und ein paar von ihnen
eilten mit einem reich bestickten Gewande herbei, auf dem ein
Brustschild aus Juwelen erglnzte.

Und der Kaiser sprach zu dem Sklaven: Sieh hier: was ich ihm biete, ist
die Macht ber das Judenland. Er soll sein Volk als der hchste Richter
lenken. Mge er mir nun zuerst folgen und Tiberius heilen.

Aber der Sklave neigte sich noch tiefer zur Erde und sagte: Herr, es
steht nicht in meiner Macht, dir zu helfen!

Da winkte der Kaiser noch einmal, und seine Sklaven eilten mit einem
goldenen Stirnreif und einem Purpurmantel herbei.

Sieh, sagte er, dies ist des Kaisers Wille: er gelobt, ihn zu seinem
Erben zu ernennen und ihm die Herrschaft ber die Welt zu geben. Er soll
die Macht haben, die ganze Erde nach dem Willen seines Gottes zu
regieren. Mge er zuerst nur seine Hand ausstrecken und Tiberius
heilen!

Da warf sich der Sklave vor den Fen des Kaisers zu Boden und sagte mit
wehklagender Stimme: Herr, es steht nicht in meiner Macht, dir zu
gehorchen. Er, den du suchst, ist nicht mehr. Pilatus hat ihn gettet.


VIII

Als die junge Frau erwachte, war es schon voller, klarer Tag, und ihre
Sklavinnen standen da und warteten, um ihr beim Ankleiden behilflich zu
sein.

Sie war sehr schweigsam, whrend sie sich anziehen lie, aber endlich
fragte sie die Sklavin, die ihr Haar strhlte, ob ihr Mann schon
aufgestanden sei. Da erfuhr sie, da er gerufen worden war, um ber
einen Verbrecher zu Gericht zu sitzen.

Ich wrde gern mit ihm sprechen, sagte die junge Frau.

Herrin, sagte die Sklavin, dies wird sich mitten in der Untersuchung
schwer bewerkstelligen lassen. Wir werden dir Nachricht geben, sowie sie
beendigt ist.

Sie sa nun schweigend, bis sie fertig angekleidet war. Dann fragte sie:
Hat jemand von Euch von dem Propheten aus Nazareth sprechen hren?

Der Prophet aus Nazareth, das ist ein jdischer Wundertter,
antwortete eine der Sklavinnen sogleich.

Es ist seltsam, Gebieterin, da du gerade heute nach ihm fragst, sagte
eine andere der Sklavinnen. Er ist es eben, den die Juden hierher in
den Palast gefhrt haben, damit der Landpfleger ihn verhre.

Sie bat sie, alsogleich zu gehen und sich zu erkundigen, wessen er
angeklagt werde, und eine der Sklavinnen entfernte sich. Als sie
zurckkehrte, sagte sie: Sie beschuldigen ihn, da er sich zum Knig
ber dieses Land machen wolle, und sie rufen den Landpfleger an, er mge
ihn kreuzigen lassen.

Aber als des Landpflegers Frau dies hrte, erschrak sie gar sehr und
sagte: Ich mu mit meinem Manne sprechen, sonst geschieht heute hier
ein furchtbares Unglck.

Als die Sklavinnen ihr noch einmal sagten, da dies unmglich sei, da
begann sie zu zittern und zu weinen. Und eine von ihnen wurde gerhrt
und sagte: Wenn du dem Landpfleger eine geschriebene Botschaft senden
willst, so will ich versuchen, sie ihm zu berbringen.

Da nahm sie alsogleich einen Stift und schrieb einige Worte auf ein
Wachstfelchen, und dieses wurde dem Pilatus gegeben.

Aber ihn selber traf sie den ganzen Tag ber nicht allein, denn als er
die Juden fortgeschickt hatte und sie den Verurteilten zum Richtplatz
fhrten, war die Stunde fr die Mahlzeit angebrochen, und zu dieser
hatte Pilatus einige von den Rmern eingeladen, die sich zu dieser Zeit
in Jerusalem aufhielten. Es waren der Anfhrer der Truppen und ein
junger Lehrer der Beredsamkeit und noch einige andere.

Dieses Mahl war nicht sehr frhlich, denn die Frau des Landpflegers sa
die ganze Zeit ber stumm und niedergeschlagen, ohne an dem Gesprche
teilzunehmen.

Als die Tischgste fragten, ob sie krank oder betrbt sei, erzhlte der
Landpfleger lachend von der Botschaft, die sie ihm am Morgen gesandt
hatte. Und er neckte sie, weil sie geglaubt hatte, ein rmischer
Landpfleger wrde sich in seinen Urteilen von den Trumen eines Weibes
lenken lassen.

Sie antwortete still und traurig: Wahrlich, dies war kein Traum,
sondern eine Warnung, die von den Gttern kam. Du httest den Mann
wenigstens diesen einen Tag noch leben lassen sollen.

Sie sahen, da sie ernstlich betrbt war. Sie wollte sich nicht trsten
lassen, wie sehr sich die Tafelgste auch bemhten, sie durch ein
unterhaltendes Gesprch diese leeren Hirngespinste vergessen zu lassen.

Aber nach einer Weile erhob einer von ihnen den Kopf und sagte: Was ist
dies? Haben wir so lange bei Tisch gesessen, da der Tag schon zur Neige
gegangen ist?

Alle sahen nun auf, und sie merkten, da eine schwache Dmmerung sich
ber die Natur senkte. Es war vor allem seltsam zu sehen, wie das ganze
bunte Farbenspiel, das ber allen Dingen und Wesen gebreitet liegt,
sacht erlosch, so da alles einfarbig grau erschien.

Gleich allem andern verloren auch ihre eigenen Gesichter die Farbe. Wir
sehen wirklich wie Tote aus, sagte der junge Schnredner mit einem
Schauer. Unsre Wangen sind ja grau und unsre Lippen schwarz.

Whrend diese Dunkelheit immer tiefer wurde, nahm auch das Entsetzen der
jungen Frau zu. Ach, mein Freund, rief sie schlielich, erkennst du
auch jetzt nicht, da die Unsterblichen dich warnen wollen? Sie zrnen,
weil du einen heiligen und unschuldigen Mann zum Tode verurteilt hast.
Ich denke mir, wenn er jetzt auch schon ans Kreuz geschlagen sein mu,
kann er doch sicherlich noch nicht verblichen sein. La ihn vom Kreuze
nehmen! Ich will mit meinen eignen Hnden seiner Wunden pflegen. Erlaube
nur, da er ins Leben zurckgerufen werde.

Aber Pilatus antwortete lachend: Sicherlich hast du recht damit, da
dies ein Zeichen der Gtter ist. Aber keineswegs lassen sie die Sonne
ihren Schein verlieren, weil ein jdischer Irrlehrer zum Kreuzestode
verurteilt ist. Vielmehr knnen wir erwarten, da wichtige Ereignisse
eintreten werden, die das ganze Reich betreffen. Wer kann wissen, wie
lange der alte Tiberius -- -- --

Er vollendete den Satz nicht, denn die Dunkelheit war so tief geworden,
da er nicht einmal den Weinbecher sehen konnte, der vor ihm stand. Er
unterbrach sich daher, um den Sklaven zu befehlen, eiligst ein paar
Lampen hereinzubringen.

Als es so hell geworden war, da er die Gesichter seiner Gste sehen
konnte, mute er die Verstimmung bemerken, die sich ihrer bemchtigt
hatte.

Sieh doch, sagte er ein wenig unmutig zu seiner Gattin, nun scheint
es dir wirklich gelungen zu sein, die Tafelfreude mit deinen Trumen zu
verscheuchen. Aber wenn es schon durchaus so sein mu, da du heute an
nichts andres denken kannst, dann la uns lieber hren, was du getrumt
hast. Erzhl es uns, und wir wollen versuchen, den Sinn zu deuten!

Dazu war die junge Frau sofort bereit. Und whrend sie Traumgesicht auf
Traumgesicht erzhlte, wurden die Gste immer ernster. Sie hrten auf,
ihre Becher zu leeren, und ihre Stirnen zogen sich kraus. Der einzige,
der noch immer lachte und alles einen Wahnwitz nannte, war der
Landpfleger selbst.

Als die Erzhlung zu Ende war, sagte der junge Rhetor: Wahrlich, dies
ist doch mehr als ein Traum, denn ich sah heute zwar nicht den Kaiser,
aber seine alte Freundin Faustina in die Stadt einziehen. Es nimmt mich
nur wunder, da sie sich nicht schon im Palaste des Landpflegers gezeigt
hat.

Es geht ja wirklich das Gercht, da der Kaiser von einer entsetzlichen
Krankheit befallen sei, bemerkte der Anfhrer der Truppen. Es scheint
auch mir mglich, da der Traum deiner Gattin eine Warnung von den
Gttern sein kann.

Es liegt nichts Unglaubliches darin, da Tiberius einen Boten nach dem
Propheten ausgesandt hat, um ihn an sein Krankenlager zu rufen, stimmte
der junge Rhetor ein.

Der Anfhrer wendete sich mit tiefem Ernst an Pilatus: Wenn der Kaiser
wirklich den Einfall gehabt hat, diesen Wundertter zu sich rufen zu
lassen, dann wre es besser fr dich und fr uns alle, wenn er ihn
lebend trfe.

Pilatus antwortete halb zrnend: Ist es diese Dunkelheit, die euch zu
Kindern gemacht hat? Mann knnte glauben, ihr wret alle in Traumdeuter
und Propheten verwandelt.

Aber der Hauptmann lie nicht ab, in ihn zu dringen: Es wre vielleicht
nicht so unmglich, das Leben des Mannes zu retten, wenn du einen
eiligen Boten abschicktest.

Ihr wollt mich wohl zum Gesptt der Leute machen, antwortete der
Landpfleger. Sagt selbst, was sollte in diesem Lande aus Recht und
Ordnung werden, wenn man erfhre, da der Landpfleger einen Verbrecher
begnadigt, weil seine Frau einen bsen Traum getrumt hat?

Es ist doch Wahrheit und kein Traum, da ich Faustina in Jerusalem
gesehen habe, sagte der junge Rhetor.

Ich nehme es auf mich, mein Vergehen vor dem Kaiser zu verantworten,
sagte Pilatus. Er wird begreifen, da dieser Schwrmer, der sich
widerstandslos von meinen Knechten mihandeln lie, nicht die Macht
gehabt htte, ihm zu helfen.

In demselben Augenblick, wo diese Worte ausgesprochen wurden, wurde das
Haus von einem Getse erschttert, das wie heftig grollender Donner
klang, und ein Erdbeben lie den Boden erzittern. Der Palast des
Landpflegers blieb unversehrt stehen, aber unmittelbar nach dem Erdbeben
vernahm man von allen Seiten das entsetzeneinflende Krachen von
einstrzenden Husern und fallenden Sulen.

Sowie eine Menschenstimme sich Gehr verschaffen konnte, rief der
Landpfleger einen Sklaven zu sich.

Eile zum Richtplatz und befiehl in meinem Namen, da der Prophet aus
Nazareth vom Kreuze genommen werde!

Der Sklave eilte von dannen. Die Tischgesellschaft begab sich vom
Speisesaale in das Peristyl, um unter offnem Himmel zu sein, falls das
Erdbeben sich wiederholen sollte. Niemand wagte ein Wort zu sagen,
whrend sie der Rckkehr des Sklaven harrten.

Dieser kam sehr bald wieder. Er blieb vor dem Landpfleger stehen.

Du hast ihn am Leben gefunden? fragte dieser.

Herr, er war verschieden, und in demselben Augenblick, wo er seinen
Geist aufgab, geschah das Erdbeben.

Kaum hatte er dies gesagt, als ein paar harte Schlge am ueren Tor
ertnten. Als sie diese Schlge hrten, zuckten alle zusammen und
sprangen empor, als wre wieder ein Erdbeben losgebrochen.

Gleich darauf erschien ein Sklave.

Es sind die edle Faustina und Sulpicius, des Kaisers Verwandter. Sie
sind gekommen, um dich zu bitten, du mgest ihnen helfen, den Propheten
aus Nazareth zu finden.

Ein leises Gemurmel ging durch das Peristyl, und leichte Schritte wurden
hrbar. Als der Landpfleger sich umsah, merkte er, da seine Freunde von
ihm zurckgewichen waren, wie von einem, der dem Unglck verfallen ist.


IX

Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den Kaiser
aufgesucht. Sie erzhlte ihm ihre Geschichte, und whrend sie sprach,
wagte sie kaum ihn anzusehen. Whrend ihrer Abwesenheit hatte die
Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich
selbst: Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wre, so htten sie
mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequlten Menschen sagen
mute, da alle Hoffnung vorber ist.

Zu ihrem Staunen hrte ihr Tiberius aber mit der grten
Gleichgltigkeit zu. Als sie ihm erzhlte, da der groe Wundertter am
selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte, und
wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter der
Schwere ihrer Enttuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: Du
grmst dich also wirklich darber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben in
Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertter nicht benommen,
den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen hast.

Da sah die Alte ein, da Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus
Nazareth erwartet hatte.

Warum lieest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn
du sie die ganze Zeit ber fr fruchtlos hieltest?

Du bist mein einziger Freund, sagte der Kaiser. Warum sollte ich dir
eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu
gewhren?

Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, da der Kaiser sie zum
Besten gehalten hatte.

Siehst du, das ist deine alte Hinterlist, sagte sie aufbrausend. Das
ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.

Du httest nicht zu mir zurckkehren sollen, sagte Tiberius. Du
httest in deinen Bergen bleiben mssen.

Fr einen Augenblick sah es aus, als wrden die beiden, die so oft
aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der
Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorber, wo sie
ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern knnen. Sie senkte die Stimme
wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu
behalten, abstehen.

Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet, sagte sie. Ich habe ihn
gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein
Gott. Ich war wahnsinnig, da ich ihn in den Tod gehen lie.

Ich bin froh, da du ihn sterben lieest, sagte Tiberius. Er war ein
Majesttsverbrecher und Aufrhrer.

Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.

Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem ber ihn gesprochen,
sagte sie. Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt
wurde.

Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er doch
darum gewi nicht besser als irgendein andrer, sagte der Kaiser mde.
Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod
verdient htte?

Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun, weswegen
sie bis dahin unschlssig gewesen war. Ich will dir doch eine Probe
seiner Macht geben, sagte sie. Ich sagte dir vorhin, da ich mein
Schweituch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich jetzt
in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?

Sie breitete das Schweituch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den
schattenhaften Umri eines Menschengesichtes abgezeichnet.

Die Stimme der Alten zitterte vor Rhrung, als sie fortfuhr: Dieser
Mann sah, da ich ihn liebte. Ich wei nicht, durch welche Macht er
imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen fllen
sich mit Trnen, da ich es sehe.

Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut und
Trnen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien. So
allmhlich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das
Schweituch eingedrckt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die
stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den Mund,
dessen Lippen im Leid zu beben schienen.

Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat das
Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male die
Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und whrend sie zu ihm
von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine
Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.

Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. Ist
dies ein Mensch? fragte er sacht und leise. Ist dies ein Mensch?

Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Trnen begannen ber
seine Wangen zu strmen. Ich traure ber deinen Tod, du Unbekannter,
flsterte er.

Faustina, rief er endlich, warum lieest du diesen Mann sterben? Er
htte mich geheilt.

Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.

Du Mensch, sagte er nach einer Weile. Wenn ich nicht mein Heil von
dir empfangen kann, so kann ich dich doch rchen. Meine Hand wird schwer
auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.

Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber lie er sich zu Boden
gleiten und sank vor dem Bilde auf die Knie.

Du bist der Mensch, sagte er. Du bist, was ich nie zu sehen gehofft
habe. Und er deutete auf sich selbst, sein zerstrtes Gesicht und seine
zerfressenen Hnde. Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere und
Ungeheuer, aber du bist der Mensch.

Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, da er die Erde berhrte.
Erbarme dich meiner, du Unbekannter! sagte er, und seine Trnen
benetzten die Steine.

Wenn du am Leben geblieben wrest, so htte dein bloer Anblick mich
geheilt, sagte er.

Die arme alte Frau erschrak darber, was sie getan hatte. Es wre klger
gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie hatte von
Anfang an gefrchtet, da sein Schmerz allzu gro sein wrde, wenn er es
she.

Und in ihrer Verzweiflung ber den Kummer des Kaisers ri sie das Bild
an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.

Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszge waren
verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es war,
als htte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der
Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten: und sie
hatte in demselben Augenblick entfliehen mssen, in dem er Liebe und
Mitleid gefhlt hatte.

       *       *       *       *       *

Aber am nchsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.

Der erste Bote ging nach Rom und befahl, da der Senat eine Untersuchung
anstelle, wie der Landpfleger in Palstina sein Amt verwalte, und ihn
bestrafe, wenn es sich erweisen solle, da er das Volk unterdrcke und
Unschuldige zum Tode verurteile.

Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen
zu danken und sie fr den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben
hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als
sie alles bis zu Ende gehrt hatten, weinten sie still, und der Mann
sagte: Ich wei, da ich meiner Lebtag darber nachgrbeln werde, was
geschehen wre, wenn diese beiden sich begegnet wren. Aber die Frau
erwiderte: Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu groer Gedanke,
da diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wute, da die
Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.

Der dritte Bote ging nach Palstina und brachte von dort einige von Jesu
Jngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu verknden,
die der Gekreuzigte gepredigt hatte.

Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem
Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jngerin des
groen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie
Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das
wahre Bild ihres Erlsers zu bringen.





Die Legende vom Vogelnest


Hatto, der Eremit, stand in der Einde und betete zu Gott. Es strmte,
und sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die
windgepeitschten Grasbschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern.
Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den
Bart in den Grtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit
Sonnenaufgang streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel
empor, eben so unermdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so
wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Groes zu
erbitten.

Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren
hatte. Er hatte selbst verfolgt und geqult, und Verfolgung und Qualen
anderer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte.
Darum zog er hinaus auf die groe Heide, grub sich eine Hhle am
Fluufer und wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron
Gehr fanden.

Hatto, der Eremit, stand am Flugestade vor seiner Hhle und betete das
groe Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jngsten
Gerichts ber diese bse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die
posaunenblasenden Engel an, die das Ende der Herrschaft der Snde
verknden sollten. Er rief nach den Wellen des Blutmeers, um die
Ungerechtigkeit zu ertrnken. Er rief nach der Pest, auf da sie die
Kirchhfe mit Leichenhaufen erflle.

Rings um ihn war die de Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am
Fluufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem
groen, kopfhnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrne
Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des
holzarmen Flachlandes diese frischen Jahresschlinge geraubt. Jeden
Frhling trieb der Baum neue geschmeidige Zweige, und an strmischen
Tagen sah man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart
um Hatto, den Eremiten, flatterten.

Das Bachstelzenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen
den emporsprieenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem
Tage mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig
peitschenden Zweigen fanden die Vgel keine Ruhe. Sie kamen mit
Binsenhalmen und Wurzelfserchen und vorjhrigem Riedgras geflogen, aber
sie muten unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten
Hatto, der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu
lassen, damit das Nest der kleinen Vglein fortgefegt und der Adlerhorst
zerstrt werde.

Natrlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und
vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunhnlich solch ein
alter Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm ber Stirn und
Wangen, da sein Kopf fast einem Totenschdel glich, und nur an einem
kleinen Aufleuchten tief in den Augenhhlen, sah man, da er Leben
besa. Und die vertrockneten Muskeln gaben dem Krper keine Rundung, der
emporgestreckte nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen
Knochen, die mit verrunzelter, harter, rindenhnlicher Haut berzogen
waren. Er trug einen alten, eng anliegenden, schwarzen Mantel. Er war
braungebrannt von der Sonne und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und
sein Bart waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein
bearbeitet, bis sie dieselbe graugrne Farbe angenommen hatten, wie die
Unterseite der Weidenbltter.

Die Vgel, die umherflatterten und einen Platz fr ihr Nest suchten,
hielten Hatto, den Eremiten, auch fr eine alte Weide, die ebenso wie
die andre durch Axt und Sge in ihrem Himmelssterben gehemmt worden war.
Sie umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurck, merkten sich
den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvgel und
Strme, fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch fr
ihn, wegen seiner Nhe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer
und ihrem Speicher. Eines der Vgelchen scho pfeilschnell herab und
legte sein Wurzelfserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.

Der Sturm hatte gerade aufgehrt, so da das Wurzelfserchen ihm nicht
sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten
gab es kein Aufhren. Mgest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des
Verderbens vernichten, auf da die Menschen sich nicht mit noch mehr
Snden beladen. Mchtest du die Ungebornen vom Leben erlsen! Fr die
Lebenden gibt es keine Erlsung.

Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfserchen flatterte aus
der groen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vgel kamen
wieder und versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine
Finger einzukeilen. Da legte sich pltzlich ein plumper, schmutziger
Daumen ber die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wlbten sich
ber die Handflche, so da eine friedliche Nische entstand, in der man
bauen konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.

Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann ffnest du
des Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das
Ma deiner Geduld nicht erschpft und die Schale deiner Gnade leer? O
Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?

Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des
Jngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glhte. Unter dem
roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vgel; ber den Boden
wlzte sich eine Schar flchtender Tiere. Doch whrend seine Seele von
diesen Fiebervisionen erfllt war, begannen seine Augen dem Flug der
kleinen Vgel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit
einem vergngten kleinen Piepsen ein neues Hlmchen in das Nest fgten.

Der Alte lie es sich nicht einfallen, sich zu rhren. Er hatte das
Gelbde getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Hnden
zu beten, um so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhren. Je matter sein
Krper wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn
erfllten. Er hrte die Mauern der Stdte zusammenbrechen und die
Wohnungen der Menschen einstrzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen
eilten an ihm vorbei, und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der
Vernichtung, hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schnen
Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Geieln schwingend, die aus
weien Blitzen geflochten waren.

Die kleinen Bachstelzen bauten und zimmerten fleiig den ganzen Tag, und
die Arbeit machte groe Fortschritte. Auf dieser hgeligen Heide mit
ihrem steifen Riedgras und an diesem Fluufer mit seinem Schilf und
seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur
Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Glhend vor Eifer und Vergngen flogen
sie hin und her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim
Dachfirst angelangt.

Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und
mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie
aus, wenn sie sich dumm anstellten, er rgerte sich, wenn der Wind ihnen
Schaden tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich
ein bichen ausruhten.

So sank die Sonne, und die Vgel suchten ihre vertrauten Ruhesttten im
Schilf auf.

Wer abends ber die Heide geht, mu sich herabbeugen, so da sein
Gesicht in gleicher Hhe mit den Erdhgelchen ist, dann wird er sehen,
wie sich ein wunderliches Bild von dem lichten Abendhimmel abzeichnet.
Eulen mit groen, runden Flgeln huschen ber das Feld, unsichtbar fr
den, der aufrecht steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig,
behend, die schmalen Kpfchen auf schwanhnlich gebogenen Hlsen
erhoben. Groe Krten kriechen trge vorbei. Hasen und Wasserratten
fliehen vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer Fledermaus,
die Mcken ber den Flu jagt. Es ist, als htte jedes Erdhgelchen
Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die kleinen Vgelchen auf dem
schwanken Schilf, geborgen vor allem Bsen auf diesen Ruhesttten, denen
kein Feind nahen kann, ohne da das Wasser auspltschert oder das Schilf
zittert und sie aufweckt.

Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse
des gestrigen Tages seien ein schner Traum gewesen.

Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest
zu, aber das war verschwunden. Sie guckten suchend ber die Heide hin
und erhoben sich gerade in die Luft um zu sphen. Keine Spur von einem
Nest oder einem Baum. Schlielich setzten sie sich auf ein paar Steine
am Fluufer und grbelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und
drehten das Kpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?

Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit ber den Waldgrtel auf
dem jenseitigen Fluufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich
auf denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war
ebenso schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze
von etwas, was wohl ein drrer, aufrecht ragender Ast sein mute.

Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter ber die
vielen Wunder der Natur nachzugrbeln.

Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Hhle fortscheuchte
und ihnen sagte, es wre besser fr sie, wenn sie niemals das Licht der
Sonne gesehen htten, er, der in den Schlamm hinausstrzte, um den
frhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Flu
hinaufruderten, Verwnschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bsem
Blick die Hirten der Heide ihre Herden behteten, kehrte nicht zu seinem
Platz am Flu zurck, den kleinen Vgeln zuliebe. Aber er wute, da
nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen Bchern seine verborgene
mystische Bedeutung hat, sondern auch alles, was Gott in der Natur
geschehen lt. Jetzt hatte er herausgefunden, was es bedeuten konnte,
da die Bachstelzchen ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte, da
er mit erhobenen Armen betend dastehen sollte, bis die Vgel ihre Jungen
aufgezogen hatten, und vermochte er dies, so sollte er erhrt werden.

Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jngsten
Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken
den Vgeln. Er sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister
flatterten rund herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine
Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie auen an, das
sollte anstatt Tnche oder Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras,
und das Weibchen nahm Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das
Nest innen damit, das war die Einrichtung und Mblierung.

Die Bauern, die die verderbliche Macht frchteten, die die Gebete des
Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu
bringen, um seinen Groll zu besnftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.

Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt, sagten sie und
frchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an
seine Lippen und fhrten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und
getrunken hatte, verjagte er die Menschen mit bsen Worten, aber sie
lchelten nur ber seine Verwnschungen.

Sein Krper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger
und Schlge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er
ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage-
und wochenlang emporgestreckt, und whrend das Bachstelzenweibchen auf
den Eiern lag und das Nest nicht mehr verlie, suchte er nicht einmal
nachts seine Hhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen
zu schlafen, unter den Freunden der Wste gibt es so manche, die noch
grere Dinge vollbracht haben.

Er gewhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die ber den
Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und
schtzte das Nest so gut er konnte.

Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide
Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwnzchen
und beratschlagen und sehen seelenvergngt aus, obgleich das ganze Nest
von einem ngstlichen Piepsen erfllt scheint. Nach einem kleinen
Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste Mckenjagd aus.

Eine Mcke nach der andern wird gefangen und heimgebracht fr das, was
oben in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am
allerrgsten. Den frommen Mann strt das Piepsen in seinen Gebeten.

Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die
Gabe, sich zu rhren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen
starren in das Nest herab.

Niemals hatte er etwas so hilflos Hliches und Armseliges gesehen:
kleine, nackte Krperchen mit ein paar sprlichen Flumchen, keine
Augen, keine Flugkraft, eigentlich nur sechs groe, aufgerissene
Schnbel.

Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden
wie sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem groen Untergang
ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch
Vernichtung zu erlsen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme fr
diese sechs Schutzlosen.

Wenn die Buerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht
mit Verwnschungen. Da er fr die Kleinen dort oben notwendig war,
freute er sich, da die Leute ihn nicht verhungern lieen.

Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Kpfchen ber den Nestrand. Des
alten Hatto Arm sank immer hufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah
die Federn aus der roten Haut sprieen, die Augen sich ffnen, die
Krperformen sich runden. Glckliche Erben der Schnheit, die die Natur
den beflgelten Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre
Anmut.

Und unterdessen kamen die Gebete um die groe Vernichtung immer
zgernder ber Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben,
da sie hereinbrechen wrde, wenn die kleinen Vgelchen flgge waren.
Nun stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater.
Denn diese sechs Kleinen, die er beschtzt und behtet hatte, konnte er
nicht opfern.

Frher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein
eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine
Kind die groen, gefhrlichen Menschen lehren mu, kam ber ihn und
machte ihn unschlssig.

Manchmal wollte er das ganze Nest in den Flu schleudern, denn er
meinte, da die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Snden sterben
drfen. Mute er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Klte, vor Hunger
und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade
als er noch so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die
Jungen zu tten. Da ergriff Hatto den Khnen mit seiner linken Hand,
schwang ihn im Kreise ber seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft
des Zornes in den Flu.

Und der Tag kam, an dem die Kleinen flgge waren. Eines der
Bachstelzchen mhte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand
hinauszuschieben, whrend das andre herumflog und ihnen zeigte, wie
leicht es war, wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen
sich hartnckig frchteten, da flogen die beiden Alten fort, und zeigten
ihnen ihre allerschnste Fliegekunst. Mit den Flgeln schlagend,
beschrieben sie verschiedene Windungen, oder sie stiegen auch gerade in
die Hhe wie Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen
still in der Luft.

Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht
lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen
Puff mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen
sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermuse, sie
sinken, aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht,
und verwenden sie dazu, so rasch als mglich das Nest wieder zu
erreichen. Die Alten kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurck, und der
alte Hatto schmunzelt.

Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.

Er grbelte nun in vollem Ernst nach, ob es fr unsern Herrgott nicht
auch einen Ausweg geben konnte.

Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde
wie ein groes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er
Liebe zu denen gefat, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen
Kindern der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu
vernichten gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen Vgel
erbarmte.

Freilich waren die Vgel des Eremiten um vieles besser als unsers
Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen, da Gottvater dennoch
ein Herz fr sie hatte.

Am nchsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der
Einsamkeit bemchtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an
seiner Seite herab, und es deuchte ihn, da die ganze Natur den Atem
anhielt, um dem Drhnen der Posaune des Jngsten Gerichts zu lauschen.
Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurck und setzten
sich ihm auf Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor
ihm. Da zuckte ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto.
Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vgel
anzusehen.

Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt,
nickte er jemandem, den er nicht sah, vergngt zu. Du bist frei, sagte
er, du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch
deines nicht zu halten.

Und es war ihm, als hrten die Berge zu zittern auf und als legte sich
der Flu gemchlich in seinem Bett zur Ruhe.





Frher erschienen im gleichen Verlage:


+Selma Lagerlf+

+Gesammelte Werke+

Einzige autorisierte deutsche Original-Ausgabe in zehn Bnden

Einband von _Alphons Woelfle_

Mit einem Bilde der Dichterin von _Carl Larsson_

In 10 Leinenbnden 38,50 Mark

In 10 Halbfranzbnden 55 Mark



_Carl Busse_ schreibt in _Velhagen & Klasings Monatsheften_:
Gleichzeitig ist eine hbsche Gesamtausgabe ihrer Werke erschienen, und
sie enthlt jene prachtvollen Schpfungen, vor denen man unvergeliche
Stunden verbringt ... Die Eindrcke, die man aus diesen Werken mitnimmt,
gehren zu den grten, die die moderne Literatur berhaupt vermittelt.

_Tgliche Rundschau, Berlin_: Man knnte Schnitzlers Werke wohl in
seiner Bibliothek entbehren, die von Selma Lagerlf kaum. Ein Born von
unerschpflich schnen Mrchenstunden ist in diesen zehn braunen Bnden
vorhanden. Eine Schar von zehn Freunden. Was soll in Krze ber sie hier
gesagt werden. Sie sind helle, kstliche _deutsche Dichtung_.

_Ostdeutsche Rundschau, Wien_: ... einer Dichterin, die zu den wenigen
gehrt, die auch noch in kommenden Jahrhunderten genannt werden.


+In Einzelausgaben+

sind frher von Selma Lagerlf im gleichen Verlage erschienen:


Jerusalem I (In Dalarne), Roman, 15. Auflage

Jerusalem II (Im heiligen Land), Roman, 14. Aufl.

Gsta Berling, Roman, 16. Auflage

Eine Herrenhofsage, Roman, 8. Auflage

Die Wunder des Antichrist, Roman, 5. Auflage

Liljecronas Heimat, Roman, 12. Auflage

Jans Heimweh, Roman, 15. Auflage

Herrn Arnes Schatz, Erzhlung, 4. Auflage

Der Fuhrmann des Todes, Erzhlung, 10. Auflage

Christuslegenden, 18. Auflage

Legenden und Erzhlungen, 5. Auflage

Die Kniginnen von Kungahlla, Erzhl., 6. Aufl.

Unsichtbare Bande, Erzhlungen, 3. Auflage

Ein Stck Lebensgeschichte, Erzhlungen, 9. Auflage

Trolle und Menschen, Erzhlungen, 7. Auflage

Schwester Olives Geschichte, Erzhlungen, 5. Auflage

Die sieben Todsnden, Ausgew. Erzhl., 8. Auflage

Wunderbare Reise, Ein Kinderbuch, 27. Auflage


+Selma Lagerlf+

+Gsta Berling+


Roman 16. Auflage

Geheftet 4 Mark, gebunden in Leinen 5,50 Mark, in Leder 7 Mark


_Hermann Hesse in der Neuen Zricher Zeitung_: Alle, die schon ein
Lagerlfsches Buch gelesen haben, werden in eigenem Antrieb jedes neue
Werk der Dichterin auffinden und lesen. Ihre frheren Schpfungen,
obenan der herrliche Gsta Berling, sind Ereignisse gewesen, und jede
von ihnen bedeutete eine Bereicherung der Weltliteratur. Damit mchte
ich freilich nicht gesagt haben, der Wert dieser Dichtungen sei ein
ausschlielich oder auch nur vorwiegend literarischer. An guter
Literatur in diesem Sinn leiden wir ja keinen Mangel. Aber die Werke der
Schwedin sind so voll von rein menschlichem Wert, so voll Wrme, Tiefe,
Herzlichkeit und lauterem Gefhl, da man beim Lesen, wenigstens beim
erstmaligen Lesen, gar nicht daran denkt, ihren literarischen Qualitten
die gebhrende Aufmerksamkeit zu schenken. Erst nachtrglich merkt man
dann, wieviel erstaunliche Kunst dahinter steckt. So ist es ja bei allen
echten Dichterwerken -- man verliert sich an sie wie an eine Naturgewalt
... Und erst viel spter, beim zweiten und dritten Wiederlesen, freut
sich der ruhiger gewordene Sinn auch am Entdecken des Knstlerischen, am
Einzelnen wie an der Organisation des Ganzen, und geht mit immer neuen
Freuden den unzhligen groen und kleinen Schnheiten nach.

_Berliner Tageblatt_: Gsta Berling gehrt der Weltliteratur an. Die
ganze dster-wilde Kraft der nordischen Mythologie offenbart sich hier.
Auch dies ist ein Buch, in dem Wunder genug geschehen; aber wenn die
Dichterin uns hier einmal treuherzig anspricht: Ihr Kinder spter
Zeiten! Ich verlange ja nicht, da jemand diese alten Geschichten
glauben soll, so kann man ihr ehrlich entgegenhalten, da sie diese
alten Geschichten vermge ihrer Kunst, die hier auf ihrer Hhe steht,
glaubhaft dargestellt hat. Man glaubt ihr diesen Gsta Berling, diesen
prchtigen Don Juan, den Haupthelden des Kavalierhauses mit den zwlf
sonderbaren Insassen, der zum Leben verurteilt ist und Anderer Leben
vernichtet ... Mit virtuoser Selbstverstndlichkeit verwebt sie
Alltgliches mit Mrchenhaftem ...


+Selma Lagerlf+

+Jerusalem+


Roman Zwei Bnde

I. In Dalarne 15. Auflage

Geheftet 3,50 Mark, in Leinen gebunden 5 Mark

II. Im heiligen Lande 14. Auflage

Geheftet 4 Mark, in Leinen gebunden 5,50 Mark


_Neue Zricher Zeitung_: Wenn ich Selma Lagerlf lese, habe ich das
Gefhl, das mich als Kind bei den Mrchen berkam, die seltsame
Spannung: Was wird wohl Wunderbares noch geschehen? Diese Spannung
empfinde ich bei jeder ihrer kleinen Erzhlungen, bei jedem Kapitel
ihrer greren Werke. Sie beginnt ganz schlicht und einfach, als ob sie
das Alltglichste erzhlen wollte. Gleichgltig lt man sich mitnehmen,
aber bald horcht man auf und wird gespannt und lauscht, -- und mir ist es
dann immer, als ob ich jetzt etwas erfahren sollte, wonach ich schon
lange gesucht: die Lsung eines ewigen Rtsels, ein Groes, Tiefes,
Geheimnisvolles. Hinter jeder ihrer Erzhlungen steht ein Teil dieses
ewig Groen, allgemein Gltigen, ein Stck tiefste Welterkenntnis, eine
Offenbarung. In letzter Linie wohl eine Offenbarung ihres eigenen
wunderbaren Wesens, ihrer Persnlichkeit, die von einem geradezu
mythischem Reichtum ist. -- In der Heimat wurzelt die Kunst der
Dichterin, aber sie ist merkwrdig vielseitig und reich. Eine groe
Sehnsucht treibt sie aus dem Norden nach dem Sden ... Oskar Levertin
meint, noch nie sei der Sden in so verliebtem Sonnenlicht gesehen, so
bezaubernd, mit einer solchen Stimmung von Paradiesesfrhling
geschildert worden.

_Hamburger Fremdenblatt_: Wer zum ersten Male in ein Buch von Selma
Lagerlf hineinblickt, fhlt sich von einem tiefen Staunen erfat, das
bald in Bewunderung bergeht. Schon auf der ersten Seite des Buches
tritt dem Leser jener groe Zug entgegen, der alle Werke von Bedeutung
charakterisiert und den man trotzdem sehr schwer definieren kann. Die
hohe Einfachheit und Schnheit des Stils, die von verhaltener Kraft
getragene Ruhe der Schilderung und der weite, freie Blick, alles dies
erinnert an die besten Werke der Weltliteratur. Alle Lichtseiten des
Buches werden aber bertroffen von der Kunst und Tiefe der
Menschenzeichnung.


+Selma Lagerlf+

+Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgnsen+

Ein Kinderbuch

Folgende Neuauflagen sind erschienen:

Vollstndig unillustrierte Ausgabe in zwei Bnden

10. Tausend

Geheftet 5 Mark, in Leinen gebunden 8 Mark

Vollstndig illustrierte Ausgabe in einem Bande

Mit 8 farbigen Vollbildern und 95 Textillustrationen

von _Wilhelm Schulz_

7. Tausend

Geheftet 7,50 Mark, in Leinen gebunden 10 Mark

Die ursprnglich dreibndige Ausgabe, die eine sehr groe Verbreitung
gefunden hat, ist vergriffen und wird nicht mehr neu aufgelegt.


_Freisinnige Zeitung, Berlin_: Diese Wunderbare Reise ist ein
Mrchenbuch, wie es sein mu, ein solches, nach dem die Groen nicht
minder gern immer wieder greifen werden als unsere Kleinen. Wenn irgend
jemand, so ist Selma Lagerlf dazu berufen, uns Mrchen zu erzhlen, die
ebensowohl fr die Kinderseelen passen, wie auch den Gereifteren
gengen. Aber ist es denn ein Mrchenbuch? Ein Junge wird in ein
Wichtelmnnchen verwandelt, und die Tiere reden. Aber doch glauben wir
kein Mrchen zu lesen. Nein, wir lesen berhaupt nicht, wir sind selbst
mitten dabei, wir erleben mit Nils Holgersson und allen den Tieren alle
die Abenteuer auf der Reise durch Schweden. Und es kommt uns vor, als
knnte alles gar nicht anders sein. Das ist, weil Selma Lagerlfs
Dichterhand uns mitverzaubert hat, ... Beseelung der Natur, das ist das
Geheimnis, das uns dieses Buch der Selma Lagerlf zu einem kstlichen
Besitz macht.


+Selma Lagelf+

+Jans Heimweh+

Roman 15. Auflage

Geheftet 4 Mark, in Leinen gebunden 6 Mark


_Otto Stoel im Tag_: ... Keines anderen Dichters Wort besitzt heute
so viel ausstrmende Menschheitskraft, segnende Menschenliebe, werbende
Gte, eratmende Gotteskindschaft, als der Nachtigallenruf dieser
wunderbaren Frau: Selma Lagerlf.

_Mnchen-Augsburger Abendzeitung_: Rhrender, erschtternder kann die
von dem einfachen Menschen scheu verborgene Liebe zu seinem Kinde, die
er schier vor sich selbst verbirgt, nicht geschildert werden: es drckt
sich darin die erwrmendste Menschenliebe und eine vollendete
Seelenkunde aus. Als erhhender Vorzug kommt eine unendlich schlichte
Darstellung, deren geluterte Kunst man gar nicht merkt, dazu. In der
Ausmalung der engen Umgebung, in der diese Menschheitstragdie sich
abspielt, wie in der Landschaftsschilderung zeigt die Verfasserin ihre
bekannte hohe Kunst. Alles ist zu einer wundervollen Einheit
zusammengestimmt, aus der sich jene tief herzbewegende Wirkung des
Buches ergibt. _Stirius_.

_Daheim, Berlin_: Von allen Weihnachtsbchern, die es zu empfehlen gibt,
mu leidigerweise das Werk einer Auslnderin weit voranstehen. Aber
diese Auslnderin ist nicht nur stammverwandten Bluts -- sie ist auch
eine Dichterin, die sich eben durch ihr nordisches Menschentum
dichterisch ber den Hader der Nationen hinaushebt und nicht einem Volk
mehr, sondern der Menschheit angehrt. ber allem Gefhl fr das
Vaterland hilft der Krieg in seinen grten Augenblicken dem
Menschlichen zum Recht; ber alle literarische Richtungen, Meinungen,
Absichten und knstlerischen Ziele hinweg tritt in diesem Buch das
Menschliche so kstlich, rein und selig-erfllt ans Licht, wie es einst
aus Gottes Herzen in die Menschenseele hineinflo. Es handelt sich um
den Roman Jans Heimweh von Selma Lagerlf. Es ist nicht patriotisch,
und dennoch mu man es gestehen: in unserm groen, geistig so
fruchtbaren und gesegneten Deutschland haben wir kaum einen lebenden
Schriftsteller, der auch nur entfernt das tiefe Herz der Schwedin
aufwge ...


Druck von Hesse & Becker in Leipzig

Buchbinderarbeit von E. A. Enders in Leipzig


       *       *       *       *       *


Anmerkungen zur Transkription:

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 10: Er ist wild, trotzig, verwegen, -> Er (Anfhrungszeichen ergnzt)
p 60: neben ihm der alte Olaf, der Pferdeknecht -> Olof
p 71: Er dachte: was wrden meine Genossen (Anfhrungszeichen ergnzt)
p 87: wie sie ihm Hund und Fu abbrennen -> Hand
p 90: Da kannst mir vertrauen -> Du
p 130: stand Gudmund Erlandsons -> Erlandssons
p 156: und empfand Sehnsicht -> Sehnsucht
p 158: Whrend Mutter Jungeborg -> Ingeborg
p 173: Ich wei jetzt -> Ich wei jetzt (Anfhrungszeichen ergnzt)
p 175: Du weit nicht, nein, du weit nicht (Anfhrungszeichen ergnzt)
p 177: Jetzt war es -> Jetzt war es (Anfhrungszeichen entfernt)
p 178: Jetzt sollst du allein ... habe. -> Jetzt sollst du allein ...
habe. (Anfhrungszeichen ergnzt)
p 200: Uns kann niemend heilen -> niemand
p 219: Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wre (Anfhrungszeichen ergnzt)
p 223: Wahrlich, dies -> Wahrlich, dies (Anfhrungszeichen ergnzt)

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
wurden prinzipiell beibehalten.

Formatierung:

Gesperrter Text wurde mit Unterstrich markiert: _text_
Fettgedruckter Text wurde mit Pluszeichen markiert: +text+




Transcriber's Notes:

The table below lists all corrections applied to the original text.

p 10: Er ist wild, trotzig, verwegen, -> Er [added closing quote]
p 60: neben ihm der alte Olaf, der Pferdeknecht -> Olof
p 71: Er dachte: was wrden meine Genossen [added opening quote]
p 87: wie sie ihm Hund und Fu abbrennen -> Hand
p 90: Da kannst mir vertrauen -> Du
p 130: stand Gudmund Erlandsons -> Erlandssons
p 156: und empfand Sehnsicht -> Sehnsucht
p 158: Whrend Mutter Jungeborg -> Ingeborg
p 173: Ich wei jetzt -> Ich wei jetzt [added opening quote]
p 175: Du weit nicht, nein, du weit nicht [added opening quote]
p 177: Jetzt war es -> Jetzt war es [removed opening quote]
p 178: Jetzt sollst du allein ... habe. -> Jetzt sollst du allein ...
habe. [added opening and closing quotes]
p 200: Uns kann niemend heilen -> niemand
p 219: Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wre [added opening quote]
p 223: Wahrlich, dies -> Wahrlich, dies [added opening quote]

The original spelling and minor inconsistencies in the formatting have
been maintained.

Formatting:

Spaced Text (gesperrt) was marked using Underscore: _text_
Bold Text was marked using Plus Sign: +text+





End of the Project Gutenberg EBook of Die schnsten Geschichten der Lagerlf, by 
Selma Lagerlf

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
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