The Project Gutenberg eBook, Darwinismus und Sozialismus, by Ludwig Bchner


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Title: Darwinismus und Sozialismus
       Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft


Author: Ludwig Bchner



Release Date: March 6, 2007  [eBook #20757]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DARWINISMUS UND SOZIALISMUS***


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DARWINISMUS UND SOZIALISMUS

oder

Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft.

von

PROF, DR. LUDWIG BCHNER.







Leipzig
Ernst Gnthers Verlag
1894.






Der Zustand der menschlichen Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart
bietet fr das Auge des Menschenfreundes in vielfacher Beziehung ein wenig
erfreuliches Bild. Es zeigt uns riesige Gegenstze von hchstem Glck und
von tiefstem Elend, Grenzenlose Armut neben grenzenlosem Reichtum,
grenzenlose Gewalt neben grenzenloser Ohnmacht, grenzenloser berfluss
neben grenzenloser Entbehrung, bermass von Arbeit neben Nichtsthuerei und
Faulenzertum, politische Freiheit neben wirtschaftlichem Knechttum,
fabelhaftes Wissen neben tiefster Unwissenheit, Schnes und Herrliches
jeder Art neben Hsslichem und Abstossendem jeder Art, hchste Erhebung
menschlichen Seins und Knnens neben dessen tiefster Versunkenheit, blder
dumpfer Aberglauben neben hchster Geistesfreiheit -- das ist der
Charakter einer Gesellschaft, welche in der Grsse und dem Widerstreit
dieser Gegenstze die schlimmsten, hinter uns liegenden Zeiten politischer
Unterdrckung und Sklaverei noch berbieten zu wollen scheint. Von jeher
haben die Menschen untereinander und gegen ihr eignes Geschlecht in einer
Weise gewtet, im Vergleich mit welcher die wildesten und grausamsten
Bestien als fromme Lmmer erscheinen mssen. Aber wenn auch diese Zeiten
wildester Barbarei und Zerfleischungswut in zivilisieren Lndern
grsstenteils vorber sind, so wiederholen sie sich doch in andrer Form in
jenen erschtternden gesellschaftlichen Tragdien von Mord, Selbstmord,
Hungertod, unverschuldeter Krankheit, frhzeitigem Tod, Arbeitslosigkeit
u. s. w., welche wir beinahe tagtglich an uns vorber mssen ziehen
lassen, ohne im Stande zu sein, ihre schreckliche Wiederkehr zu verhten
oder ohne ihnen mehr als eine kurze Regung des Mitleids schenken zu
knnen. Tagtglich sehen wir Menschen aus Mangel der notwendigsten
Lebensbedrfnisse schnell oder langsam zu Grunde gehen, whrend dicht
neben ihnen der besser situierte Teil der Gesellschaft in berfluss und
Wohlleben erstickt, und whrend der National-Wohlstand einen nie
gesehenen, aber in der Regel nur Einzelnen zu Gute kommenden Aufschwung
nimmt. Wenn wir sehen, dass Hunderttausende in ppigkeit verderben,
whrend Millionen dasselbe Schicksal erleiden durch Darben und Entbehren,
so wird man beinahe versucht, jenem englischen Schriftsteller Recht zu
geben, welcher fragt: Ist es in Ordnung, dass Millionen beinahe Hungers
sterben, damit einige Tausende an Dyspepsie (Magenberladung) zu Grunde
gehen?

Die Statistik hat die traurige Thatsache an das Liebt gebracht, dass die
durchschnittliche Lebensdauer der Armen kaum etwas mehr, als die Hlfte
der Lebensdauer der Reichen betrgt. Also wird der Arme durch die einfache
Thatsache seiner Armut nicht bloss um den Genuss des Lebens, sondern auch
um das Leben selbst gebracht. Am schwersten lastet dieser Fluch der Armut
auf der armen, unschuldigen Kinderwelt, welche schon mit ihrem ersten
Atemzuge den Keim eines frhen Todes oder spterer Krankheit in sich
aufnimmt, und zwar hauptschlich durch gesellschaftliches Verschulden. Die
Statistik zeigt, dass im Durchschnitt schon die Hlfte aller Kinder der
Armen vor Erreichung des fnften Lebensjahres dieses irdische Jammerthal
wieder verlsst infolge von Mangel, schlechter Pflege u. s. w. Der riesige
nationalkonomische Schaden dieses fortwhrenden zwecklosen Kommens und
Gehens springt in die Augen. Alle die Millionen Ausgaben an Geld und
Arbeit, welche auf diese Kleinen verwendet worden sind, gehen mit ihrem
Tode fr die Gesamtheit unwiderbringlich verloren und knnen nie wieder
durch deren sptere Thtigkeit ersetzt werden.

Muss es nicht das Herz des Menschenfreundes auf das Tiefste betrben, wenn
er die Kinder der Armen in Pftzen und Kothaufen nach Speiseresten whlen
sieht, welche den Reichen fr ihre Hunde und Katzen zu schlecht sind --
oder wenn er hren muss, dass ganze Scharen von Kindern morgens ohne
Frhstck in die Schulen getrieben werden -- oder wenn er von
verzweifelten Vtern oder Mttern lesen muss, welche sich und ihre Kinder
einem freiwilligen Tode opfern, um dem Tode durch Hunger oder Entbehrung
zu entgehen -- oder wenn er sehen muss, wie eine politische oder
geschftliche Krisis ganze Scharen fleissiger Arbeiter ohne Nahrung fr
sich selbst und fr die Ihrigen auf das Pflaster wirft -- oder wenn er
beobachten muss, wie die Zunahme der Verbrechen gegen Leben und Eigentum
zumeist einem heimlich gefhrten Kriege der Besitzlosen gegen die
Besitzenden entspringt -- oder wenn er die berzeugung gewinnen muss, dass
Egoismus und Selbstsucht die Grundsulen sind, auf denen die menschliche
Gesellschaft aufgebaut ist, u. s. w.? Wenn wir unsre grossen Stdte, unsre
mchtigen Industriebezirke durchwandern, so haben wir fast bei jedem
Schritte Gelegenheit, zu bemerken, wie unmittelbar neben, ber und unter
den Sttten des Reichtums, und Glanzes die Hhlen des Lasters und Elends
sich verbergen, wie neben brechenden Tischen und bersatten Magen der
hohlugige Hunger still seine Qualen duldet, und wie neben Wohlleben und
bermut jeder Art die hoffnungslose Entbehrung entweder scheu und
ngstlich in schmutzige Winkel sich verkriecht oder in dsterer
Verzweiflung schreckliche Thaten gegen Staat und Gesellschaft ausbrtet.
Ein sehr berechtigtes Sprchwort sagt: Wer nicht arbeitet, der soll auch
nicht essen. Aber wie viele essen, die nicht arbeiten oder nie gearbeitet
haben, und wie viele arbeiten, die sich nicht satt essen knnen! Woraus
der unabweisbare Schluss folgt, dass diejenigen, welche arbeiten, nicht
bloss fr sich, sondern auch fr die Erhaltung eines ganzen Heeres von
Mssiggngern thtig sein mssen. Man wende nicht ein, dass diese
Mssiggnger von den Anstrengungen oder Verdiensten ihrer Vorfahren leben,
da gerade die notwendigsten Lebensbedrfnisse nicht zum voraus geschaffen
werden knnen und, wenn verzehrt, notwendig vorher durch die Anstrengungen
der Mitlebenden erzeugt worden sein mssen.

Aber diese ungleiche Verteilung gilt nicht bloss fr die =materielle=,
sondern auch fr die =geistige= Nahrung. Wie viele Talente oder Genies
mssen den Pflug des Alltaglebens ziehen, weil ihnen nicht das Glck an
der Wiege gelchelt hat, whrend oft die beschrnktesten Kpfe auf den
Sesseln der Macht oder Gelehrsamkeit sich breit machen. Gerade die
idealste geistige Arbeit belohnt sich in der Regel am schlechtesten.
Philosophen und Dichter sind in der Regel geborene Proletarier und ernten
erst nach ihrem Tode die Ehren, welche ihnen im Leben htten zukommen
mssen, whrend hastige und oberflchliche Fabrikarbeit nach dem Geschmack
des grossen Haufens sich schon whrend des Lebens am besten lohnt, Man
denke beispielsweise an die erbrmliche, an den Haaren herbeigezogene
Situationskomik in unserm deutschen Lustspiel, die nur Hohlkpfe ergtzen
kann und trotzdem auf unsern Bhnen, welche geistige Erziehungsanstalten
fr das Volk sein sollten, alle besseren Erzeugnisse mehr oder weniger in
den Hintergrund drngt. Ebenso wie den Theatern, die sich ganz vom
zahlenden Publikum abhngig machen, ergeht es unsern Zeitungen und
Wochenschriften, deren hchstes Ideal die Abonnentenzahl bildet und bilden
muss, und welche darum in der Regel weit mehr Gewicht auf den zeitweiligen
Geschmack des Publikums neben den Interessen ihrer Leiter und Eigentmer
legen, als auf Verbreitung von Wahrheit und Aufklrung. Ein hnlicher
Vorwurf kann, wenn auch in minderem Grade, der Buch-Litteratur nicht
erspart werden, in welcher mnnlicher Gradsinn und philosophische
berzeugungstreue sicher sind, berall gegen einen Berg von Gemeinheit,
Unwissenheit, Verleumdung oder Teilnahmlosigkeit ankmpfen zu mssen,
whrend elende, auf Neugier oder Sensation berechnete oder den Vorurteilen
der Masse schmeichelnde Machwerke ebenso sicher sind, tausende von
begierigen Lesern zu finden. Welchen grenzenlos nachteiligen Einfluss
diese notgedrungene Unterwrfigkeit unter den gerade herrschenden Geist
oder Geschmack oder unter eingewurzelte Vorurteile des lesenden Publikums
haben muss und bereits gehabt hat, ist zu bekannt, als dass es mehr als
einer Hinweisung darauf bedrfte. Wie oft wird man, wenn man das Facit
unsrer Zeitungs- und Buchlitteratur zu ziehen versucht, an das bittere
Wort =Shakespeares= erinnert: Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss
und hinausgepeitscht wird, whrend Madame Schosshndin (d. h. die Lge) am
Feuer stehen und stinken darf.

Wenn man sich nun die Frage nach den Ursachen dieser betrbenden
Erscheinung vorlegt, so glauben wir die Antwort in einem Zustand zu
finden, dessen genauere Kenntnis uns durch die jetzt alle
andern Wissenschaften an Erfolg und Bedeutung weit berragende
=Naturwissenschaft= an die Hand gegeben wird. Es ist jener unerbittliche
=Kampf= um das =Dasein= oder jener Existenzkampf, welcher seit =Darwin=
eine so grosse Berhmtheit erlangt hat. Er ist zunchst hergenommen aus
der Pflanzen- und Tierwelt, wo er zu einer wesentlichen Ursache der
Umwandlung und des Fortschritts wird, indem in der Regel nur die
Krftigsten, Fhigsten, durch die eine oder andre Eigenheit Bevorzugten
den Sieg in diesem Kampf oder Wettbewerb ber ihre Genossen davontragen.
Anlass zu Bemitleidung giebt uns dieser Kampf in der Regel nicht, weil der
Tod schnell ist, weil er ohne volles Bewusstsein erlitten wird, und weil
in der Regel nur die persnliche Tchtigkeit oder Eigenart entscheidend
ist. Es ist ein Kampf, welcher von den Einzelnen mit den im ganzen
gleichen Mitteln des Krieges oder der Flucht oder des Wettbewerbs gefhrt
wird, und wobei der Einzelne keine Bevorzugung vor andern durch den Schutz
der Gesellschaft geniesst. Die Flle und der Reichtum der Natur steht
ihnen allen ziemlieh gleichmssig zu Gebot, und es giebt keine
Privilegien, welche dem einen verbieten wrden, etwas zu nehmen, was dem
andern gestattet ist. Nur individuelle Kraft oder Fhigkeit ist
entscheidend. Wenn das Tier seine Hhle oder sein Nest allerdings auch
sein Eigentum nennt, so muss es doch gewrtig sein, in diesem Besitz
jederzeit durch andre Strkere gestrt oder daraus verdrngt zu werden.

Ganz anders aber gestaltet sich infolge seiner sozialen Einrichtungen
dieser Kampf bei dem Menschen, welcher, wenn er zur Welt kommt, bereits
alle oder alle guten Pltze an der Tafel des Lebens besetzt findet und,
wenn ihm nicht Geburt, Reichtum, Rang u. s. w. zu Hilfe kommen, von
vornherein dazu verurteilt ist, seine Krfte und sein Leben im Dienste und
zum Vorteil derjenigen, welche im Besitze sind und welchen dieser Besitz
durch die Gesamtheit garantiert wird, aufzubrauchen. Daher siegt hier
nicht immer der Beste, sondern der Reichste, nicht der Tchtigste, sondern
der Mchtigste, nicht der Fhigste oder Fleissigste, sondern der durch
seine soziale Stellung Bevorzugte, nicht der Klgste, sondern der
Verschmitzteste, nicht der Redlichste, sondern derjenige, welcher die
mannigfachen Hilfsmittel politischer und gesellschaftlicher Ausbeutung in
der Hand hat und dieselben am Schlauesten zu benutzen versteht. Daher es
denn auch, da sich dieses Verhltnis von Generation zu Generation
forterbt, nicht anders sein kann, als dass mit der Zeit jener Zustand
extremer gesellschaftlicher Ungleichheit daraus erwchst, welcher den
Charakter der gegenwrtigen Gesellschaft bildet und in immer steigendem
Masse bilden wird, und welcher bereits geschildert worden ist. brigens
bietet der Daseinskampf des Menschen zwei ganz verschiedene Seiten dar,
welche man strenge auseinander halten muss. Die eine Seite besteht in dem
=Kampf des Menschen gegen die Natur= und deren die freie Entfaltung seiner
Krfte beengende Schranken, -- ein Kampf, den er bekanntlich mit dem
allergrssten Erfolge gefhrt hat und mit tglich grsserem Erfolge fhrt.
An diesem Erfolge nehmen alle Menschen in grsserem oder geringerem Masse
teil oder knnen daran teilnehmen.

Die zweite Seite stellt sich dar als der =Kampf des Menschen gegen
seinesgleichen=, welcher indessen ebensowohl ein direkter wie ein
indirekter Kampf oder Wettbewerb um die Existenzbedingungen sein kann.
Dieser Kampf ist in demselben Masse, wie der Kampf gegen die Natur
leichter geworden ist, schwerer, grausamer und unerbittlicher geworden.
Auch wird derselbe um so heftiger, je grsser der Fortschritt auf
materiellem Gebiete wird, und je mehr die Zahl der Menschen und der Umfang
ihrer Bedrfnisse zunimmt. Durch ihn sind Egoismus und Individualismus zu
Weltherrschern geworden. Es ist ein allgemeiner Konkurrenz-Kampf oder ein
Krieg aller gegen alle, wobei der Tod des einen das Brot des andern, das
Unglck des einen das Glck des andern bedingt. Der mchtige Trieb der
Selbsterhaltung und der Zwang des gesellschaftlichen Egoismus berwiegt
alles; ein Widerstand gegen denselben ist nicht mglich, ausser bei
schwerer Strafe der Widerstrebenden. Denn wo das Wohl oder Interesse des
Einzelnen in Frage kommt, da kennt der gesellschaftliche Egoismus in der
Regel ebensowenig Mitleid oder Schonung, wie der Tiger, wenn er sein Opfer
zerreisst; und man kann oder darf dieses dem Einzelnen nicht einmal zum
Vorwurf machen, da der Trieb oder das Interesse der Selbsterhaltung
innerhalb eines gesellschaftlichen Organismus, wie er zur Zeit noch
besteht, ihm sein Verhalten gebieterisch vorschreibt, wenn er nicht den
eignen Untergang herbeifhren oder beschleunigen will. Selbst der
aufopferndste Menschenfreund kann sich diesem Gebot des Egoismus nicht
entziehen, ohne sich selbst den grssten Gefahren auszusetzen. Es ist
gewissermassen eine grosse und allgemeine Flucht oder ein Wettrennen der
Furcht vor der Not und Entbehrung des Lebens, ohne Mitleid oder Hilfe fr
die dabei zu Boden Sinkenden, hnlich jenem berchtigten bergang der
grossen Armee ber die Beresina, wo jeder nur fr die eigne Rettung
besorgt war und besorgt sein musste. Wer nicht niedergetreten sein will,
muss selbst niedertreten und dem allgemeinen Feldgeschrei folgen: Rette
sich wer kann! Unterliege wer muss! Auch hat sich durch Gewohnheit das
Gefhl des Einzelnen fr die Schrecken eines solchen Zustandes nach und
nach in hnlicher Weise abgestumpft, wie es sich gegen die Schrecken einer
Schlacht bei den Kmpfenden abzustumpfen pflegt.

Wer kennt nicht das berhmte Buch des Amerikaners =Bellamy=, worin
derselbe den Zustand der menschlichen Gesellschaft mit einer grossen,
bequem eingerichteten Kutsche vergleicht, welche von einer kleineren
Anzahl von Menschen besetzt ist, whrend die grssere davor gespannte
Mehrzahl diese Kutsche mit Aufbietung aller Krfte ber Berge und Thler,
durch Smpfe und Morste schleppt, getrieben von der Peitsche des Hungers,
der als Kutscher auf dem Bocke sitzt! Ich halte das Gleichnis, wie alle
Gleichnisse, in vieler Beziehung fr schief oder hinkend, aber im grossen
und ganzen muss es doch das Richtige getroffen haben, wie der beispiellose
Erfolg des Buches beweist. Derselbe wre nicht denkbar, wenn nicht eine
grosse Mehrzahl von Menschen tief von der berzeugung eines unnatrlichen
und ungerechten Zustandes der heutigen menschlichen Gesellschaft
durchdrungen wre und in dem Buche mehr oder weniger eine Offenbarung der
eignen, sie bewegenden Gefhle gefunden htte.

Es wird wohl nicht viele geben, welche ernstlich zu leugnen wagen, dass
ein solcher Zustand der Gesellschaft von den grssten konomischen und
moralischen Nachteilen begleitet ist und begleitet sein muss. Einerseits
erzeugen Armut, Besitzlosigkeit und Mangel an Erziehung und Bildung die
meisten Verbrechen gegen Staat und Gesellschaft, whrend andrerseits
bertriebener Reichtum Mssiggang und allerhand Laster im Gefolge hat;
wodurch Staat und Gemeinde gentigt werden, eine kostspielige Justiz mit
allen ihren hsslichen Anhngseln und eine ebenso kostspielige Armenpflege
zu unterhalten. In moralischer Beziehung erzeugt der allgemeine
Konkurrenzkampf hssliche Leidenschaften, wie Neid, Hass,
Mitleidlosigkeit, Geldgier, Hartherzigkeit, gegenseitige Verfolgungssucht
statt gegenseitiger Liebe und Untersttzung. Jeder denkt und handelt nur
fr sich und sein eignes Interesse, weil er weiss, dass im Notfall kein
anderer fr ihn eintreten oder dass er an der Gesamtheit keine Sttze
finden wrde. In einer richtig organisierten Gesellschaft msste der
Gewinn des Einzelnen zugleich der Gewinn der Gesamtheit sein und
umgekehrt, und das Motto derselben msste heissen: Einer fr alle und
alle fr einen, whrend jetzt in der; Regel das Gegenteil stattfindet.
Unsre grssten Gewinne erzielen wir durch eine der traurigsten Ursachen
oder durch den Tod derjenigen, welche uns im Leben die liebsten waren,
indem wir sie beerben. Der Baumeister und alle bei Bauten beschftigten
Arbeiter mssen sich freuen, wenn Huser einstrzen oder abbrennen; die
Grubenarbeiter desgleichen, wenn hunderte ihrer unglcklichen Kameraden im
Dunste der Bergwerke ersticken; der Arzt muss sich freuen, wenn es viele
Krankheiten giebt; der Advokat nhrt sich von Prozessen, welche seinen
Mitbrgern Ruhe und Vermgen rauben; der Richter muss Gefallen haben an
grossen Kriminalprozessen; die Offiziere mssen sich freuen, wenn das
grsste bel, welches die Menschheit betreffen kann, der Krieg ausbricht,
weil sie davon Befrderung erwarten; der Familienvater muss sich freuen,
wenn seine Nachkommenschaft mglichst klein bleibt, obgleich der
eigentliche Zweck der Familie dabei verloren geht; der Wirt oder der
Verkufer geistiger Getrnke muss sich freuen, wenn die Trunksucht, und
die verlorenen Tchter des Volkes mssen sich freuen, wenn die Unzucht
zunimmt; alle Handwerker und Produzenten mssen sich freuen, wenn die von
ihnen erzeugten Gegenstnde bermssig rasch verbraucht werden; ein
Gewitter oder Hagelschlag wird trotz des durch solche Naturereignisse
angerichteten Schadens von dem Glaser oder Versicherungsagenten gern
gesehen; wie denn berhaupt beinahe alles, was dem einen Schaden, dem
ndern Verdienst bringt

Man knnte noch lange mit Aufzhlung hnlicher Beispiele fortfahren, aber
diese Vermehrung wrde am dem Resultat nichts ndern.

Dazu kommt der demoralisierende Charakter der Arbeit selbst, welche in der
Regel nicht aus Interesse fr das Gemeinwohl, sondern aus Zwang der
Umstnde geleistet wird. Der heutige Arbeiter ist ein Sklave wie ehedem,
nur mit dem Unterschiede, dass ihn nicht die Peitsche des Herrn, sondern
diejenige des Hungers in die Abhngigkeit von seinem Arbeitgeber treibt.
Aber dieser Arbeitgeber selbst ist wieder ein Sklave -- ein Sklave des
Kapitals, der Konkurrenz, der Geschftskrisen, der Strikes, der Verluste
und oft in weit schlimmerer Lage, als der von ihm bezahlte Arbeiter.

Ist so der Widersinn des Systems schon gross genug in =moralischer=
Beziehung, so ist er noch grsser in =konomischer= Hinsicht, Denn whrend
die Erde so viele Nahrungsstoffe hervorbringt, dass die ganze lebende
Menschheit reichlich damit versorgt werden knnte, und bei richtiger, von
gemeinsamen Grundstzen geleiteter Bewirtschaftung noch viel mehr
hervorbringen knnte, und whrend der Nationalwohlstand und die Ansammlung
kolossa. Reichtmer in einzelnen Hnden eine nie gesehene Hhe erreichen,
mssen wir fortwhrend mitten im berfluss jene Szenen von Hunger,
Entbehrung, unverschuldetem Kranksein und frhzeitigem Sterben erleben,
die bereits geschildert worden sind. Wie heuchlerisch ist die Frsorge des
Staates fr seine Brger, um dieselben vor der kleinsten Versndigung
gegen Leben, Eigentum oder Gesundheit zu schtzen, whrend er ruhig
zusieht oder duldet, dass fortwhrend Tausende durch Not, Elend und
Entbehrung schnell oder langsam in einen bald freiwilligen, bald
unfreiwilligen Tod getrieben werden, oder dass durch mangelhafte Erziehung
und Ernhrung eine an Geist und Krper verkrppelte Jugend emporwchst,
die mit der Zeit die Strafgerichte beschftigt, die Gefngnisse fllt oder
der Armenpflege zur Last fllt. Man erlsst scharfe Gesetze gegen
Tierqulerei, aber man hat kein Auge fr jene entsetzliche
Menschenqulerei, welche erlaubt, dass blasse, schwindschtige Mdchen
oder Frauen, ja ganze Bevlkerungen, wie die schlesischen und
erzgebirgischen Handweber, Tag und Nacht fr Lhne arbeiten, welche kaum
hinreichen, sie vor dem Hungertode zu schtzen; oder dass andre tausende,
um desselben Zweckes willen, Leben und Gesundheit in absolut schdlichen
Fabrikationszweigen zum Opfer bringen; oder dass barfssige, kaum mit
Lumpen bekleidete Kinder bei Wintersklte in den Strassen unsrer Stdte
umherirren; oder dass ein Dutzend Menschen in einem Wohnraume
zusammengedrngt ist, der kaum fr einen Einzigen hinreicht, whrend ein
andrer zehn oder zwlf Zimmer und mehr fr sich allein zur Verfgung hat;
oder dass die Wohnungen der Armen oft schlechter sind, als die Hundehtten
und Pferdestlle der Reichen; oder dass vielen nichts brig bleibt, als
ihre Nchte im Freien zuzubringen, auf die Gefahr hin, dafr verfolgt und
bestraft zu werden, whrend beispielsweise in Berlin 40000 Wohnungen leer
stehen; oder dass es Menschen giebt, welche aus Hunger und Nahrungssorgen
schnell oder langsam zu Grunde gehen, whrend der blosse Abfall von dem
Tische der Reichen oder ein geringer Prozent ihres berflusses solches
verhten knnte, u. s. w. u. s. w.

Wenn man in Gebirgsgegenden sehen muss, wie sich fette Weiber von
keuchenden und schwitzenden Menschen mit hchster Gefahr fr deren Leben
und Gesundheit auf hohe Aussichtspunkte hinaufschleppen lassen, bloss um
eines armseligen Geldlohnes willen, so muss man mit Hass gegen eine
Gesellschaftsordnung erfllt werden, welche dem Gott Mammon erlaubt, seine
elenden Geldsklaven ebenso zu den niedrigsten Sklavendiensten und zur
blinden Unterwrfigkeit unter seine Gebote zu zwingen, wie es ehedem den
Herrn ber Sklaven oder Leibeigene zu thun erlaubt war. Ich wiederhole,
dass es im allgemeinen nur wenige geben wird, welche diese nackten
Thatsacheu zu leugnen oder den damit verbundenen Zustand als solchen zu
verteidigen wagen. Man erkennt die sozialen Schden und Widersinnigkeiten
als solche an, wie ja schon daraus hervorgeht, dass die dadurch
hervorgerufene Litteratur mit zahllosen Besserungsvorschlgen fast
unabsehbar geworden ist. Aber -- so pflegt man diesen Vorschlgen
gegenber zu antworten -- der Zustand ist leider nicht zu ndern. Es war
von jeher so und wird immer so sein und bleiben. Ungleichheit ist ein
notwendiges Attribut der menschlichen Gesellschaft. Zu allen Zeiten hat es
Adel und Stnde, Reiche und Arme gegeben, und die grosse Masse ist immer
nur zum Arbeiten und Gehorchen dagewesen. Vernunft und Gerechtigkeit in
sozialer Beziehung sind immer Ideale geblieben; und alle
Gesellschafts-Idealisten, Plato mit seinem Vernunftstaat an der Spitze,
haben in der Praxis stets schmhlich Schiffbruch gelitten. Wollte man auch
heute alle Besitztmer gleichmssig verteilen, so wrde sehr bald wieder
die alte Ungleichheit da sein. Auch wrde, wie eine Berechnung leicht
ergiebt, eine solche allgemeine Verteilung des Besitzes dem Einzelnen
verhltnismssig nur sehr geringen Gewinn einbringen.

Man versumt dabei nicht, an die grossen Wohlthaten der Konkurrenz zu
erinnern, welche den eigentlichen Sporn der Arbeit und des Fortschritts
bildet und welche es zu Wege gebracht hat, dass sich heutzutage durch die
Billigkeit der Erzeugnisse die Konsumtion mehr oder weniger nach der
Produktion richtet, whrend man frher allgemein der Meinung war, dass das
umgekehrte Verhltnis das allein richtige oder mgliche sei.

Aber wie soll diesen Einwnden begegnet, wie soll geholfen werden? Diese
Frage ist um so schwieriger zu beantworten, als bis jetzt alle die
zahllosen Versuche und Vorschlge zur Lsung der sozialen Frage erfolglos
geblieben sind. Dies darf jedoch den Menschenfreund nicht abschrecken,
immer wieder von neuem an Mittel der Abhilfe zu denken. Es muss geholfen
werden und -- was die Hauptsache ist -- es =kann= geholfen werden.

Es =muss= geholfen werden, wenn man nicht riskieren will, dass jede
politische Umwlzung oder Erschtterung der Gegenwart (und an solchen
fehlt es ja niemals) von schweren sozialen Erschtterungen begleitet sein
wird. Ein allgemeines Gefhl sozialer Unbehaglichkeit oder
Ungerechtigkeit, namentlich in den niederen Schichten der Bevlkerung, hat
sich der Mehrzahl der Menschen bemchtigt, und eine knftige Revolution
wird nicht, mehr, wie in der ersten und zweiten franzsischen Revolution,
vor dem Eigentum stehen bleiben. An deutlichen Anzeichen dieser in den
Tiefen der Volksseele tigerartig grenden Leidenschaften und Gelste fehlt
es ja in keiner Weise; dieselben werden sich zu gelegener Zeit Luft
machen, ohne dass man im Stande sein wird, durch Gewaltmassregeln etwas
andres zu erreichen, als die Erziehung von Mrtyrern und Fanatikern. Die
Nihilisten in Russland, die Communards in Frankreich, die Sozialdemokraten
in Deutschland, die Fenier, die Irredentisten, die Dynamiteriche, der sein
Haupt immer mehr erhebende und frmlich Schule machende Anarchismus sind
gewissermassen nur die Sturmvgel oder Warnungssignale einer kommenden
Umwlzung; und der Staatsweise oder Staatslenker, der sie unbeachtet
lassen wollte, wrde dem Schiffer gleichen, der die sein Schiff vor dem
Sturm umflatternden Seemven nicht beachtet oder dieselben mehr als
Verfolgungs-Objekte, denn als Warner behandelt. Denn wer seine Zeit damit
verbringt, Jagd zu machen auf die Mven, wird vom Sturm berrascht und
beschdigt werden an Leben und Gut. (Radenhausen.)

Sollte es aber auch, was ja nicht unmglich wre, gelingen, durch
Gewaltmassregeln jeden Versuch einer sozialen Umwlzung dauernd zu
unterdrcken, so wrde doch damit die geschilderte Unzufriedenheit und
Unbehaglichkeit aus dem Schosse der Gesellschaft nicht nur nicht entfernt,
sondern nur noch vermehrt oder gesteigert werden. Es wrde mit der Zeit
eine Art heimlichen Kriegszustandes zwischen den besitzenden und den
nicht-besitzenden Klassen der Gesellschaft entstehen, welcher die Ruhe und
das Glck des Gemeinwesens nicht weniger alterieren wrde, als ein offener
Krieg. Denn wenn man beispielsweise erfhrt, dass im Jahre 1864 in England
dreitausend Personen ein jhrliches Einkommen von ungefhr 500 Millionen
Mark, oder mehr als das jhrliche Gesamteinkommen aller Ackerbauarbeiter
von ganz England und Wales, unter sich teilten, so wird man einen
dauernden sozialen Frieden auf dem Boden eines solchen Missverhltnisses
wohl kaum fr mglich halten drfen.

Glcklicherweise fehlt es nicht an der Mglichkeit, diesem Zustand zu
begegnen oder den drohenden Sturm nicht zum Ausbruch kommen zu lassen,
ohne dass man ntig htte, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen, und zwar mit
Hilfe einer Anzahl friedlicher Reformen, welche, auf dem Boden der
jetzigen Gesellschaftsordnung stehend, von da langsam und allmhlich zu
einem besseren Zustand der Dinge hinberleiten -- vorausgesetzt, dass es
gelingt, die Mehrzahl der Menschen von der Wohlthtigkeit und
Notwendigkeit solcher Massregeln zu berzeugen. Wir sehen hierbei
selbstverstndlich ab von jener radikalen oder radikalsten Lsung der
sozialen Frage, wie sie der =Kommunismus= verlangt. Ein solcher Zustand,
wobei der gesamte Besitz gemeinschaftlich und die Arbeit ganz frei oder
freiwillig sein wrde, und von dem noch einmal ausfhrlicher die Rede sein
wird, wre wohl denkbar, ist aber fr jetzt in grsserem Massstabe
unausfhrbar, teils wegen der allgemeinen Abneigung gegen denselben, teils
wegen der Schwche der menschlichen Natur, welche durch lange Jahre des
Egoismus und Individualismus fr Ertragung derartiger Idealzustnde
unfhig geworden ist. Ein solcher Zustand wrde erst mglich sein am Ende
einer langjhrigen Erziehung des menschlichen Geistes im Sinne des
Altruismus und Kollektivismus oder der allgemeinen Bruder- und
Menschenliebe.

Es bleibt sonach nichts brig, als Ausschau nach andern Mitteln oder
Hilfen zu halten. Hier wird uns denn wieder der richtige Fingerzeig
gegeben durch die =Naturwissenschaft=, welche heutzutage bestimmt sein
drfte, nicht bloss die =geistige=, sondern auch die =soziale= Befreiung
der Menschheit zu bewirken.

Ich komme dabei zurck auf den von dieser Wissenschaft in das rechte Licht
gesetzten =Kampf um das Dasein=, welcher leider unter den gegenwrtigen
gesellschaftlichen Verhltnissen noch ganz den Charakter des rohen
Daseinskampfes der Natur trgt, nur mit dem Unterschied, dass er =hier=
mit mehr oder weniger =gleichen=, dort mit sehr =ungleichen= Mitteln
gekmpft wird.

Da lautet denn das erlsende Losungswort: =Ersetzung der Naturmacht durch
die Vernunftmacht=, d. h. mglichste Ausgleichung der Mittel und Umstnde,
unter denen und mit denen gekmpft wird. An die Stelle des Einzelkampfes
um das Dasein muss ein gemeinsamer Kampf aller =fr= das Dasein treten.
Mit ndern Worten: die Stelle des rohen Naturkampfes muss ein
gemeinschaftlicher, durch Vernunft und Gerechtigkeit geregelter sozialer
Kampf um die Lebensbedingungen ersetzen.

Der Kampf, wie er unter den jetzigen sozialen Verhltnissen gefhrt wird,
verdient den Namen eines eigentlichen Kampfes, eines Wettbewerbs mit
gleichen Mitteln weit weniger, als denjenigen einer gesetzlich geregelten
=Unterdrckung=. Oder wie wre anders der Kampf eines Menschen zu
bezeichnen, den man, allenfalls mit einem hlzernen Sbel bewaffnet, gegen
Flinten und Kanonen schicken wollte Oder der Wettlauf eines Menschen mit
blossen Fssen mit einem andern, der Pferde oder Eisenbahnen zur Verfgung
htte! Oder wie wre anders der Wettbewerb zwischen zwei Menschen zu
bezeichnen, von denen der eine alle Vorteile von Rang, Reichtum,
Erziehung, Bildung, sozialer Stellung u. s. w. fr sich htte, whrend der
andre ber nichts verfgte, als ber die Kraft seiner nackten Arme und
seines ungebildeten Verstandes!

Der Ausgang eines solchen Kampfes oder Wettbewerbs ist zum voraus
entschieden. In der Regel ist das Schicksal des einzelnen Menschen schon
in seiner Geburt besiegelt und das gesellschaftliche Sklaventum
desjenigen, dessen Wiege in der Htte eines armen Mannes gestanden hat,
mit seinem ersten Atemzuge entschieden. Die Fesseln einer niederen
Geburt, sagt J. C. =Fischer=[1] schleppen wir durch das ganze Leben, und
an ihnen zerschellt oft die unerhrteste Anstrengung eines ganzen Lebens.

Zwar wird man entgegnen, dass man sehr eklatante Ausnahmen von dieser
Regel kennt. Man wird z. B. an den vor kurzem gestorbenen Amerikaner =Jay
Gould= erinnern, der als armer Hirtenjunge in Amerika einwanderte und als
beispielloser Millionr starb. Diese Ausnahmen oder Glcksflle knnen und
sollen nicht geleugnet werden; aber sie sind eben nur beraus seltene
Ausnahmen, welche die Regel nicht umstrzen. In der Regel erhalten sich
Rang und Reichtum bei einzelnen Familien oder Stnden oder
Gesellschaftsschichten fr unbestimmt lange Zeiten.

Glcklicherweise fehlt den unterdrckten Klassen der Gesellschaft das
volle Bewusstsein oder die volle Empfindung ihrer Lage. Die Macht der
Gewohnheit stumpft ihr Gefhl dafr ab und lsst sie dasjenige, was doch
nur Menschenwerk ist, als eine unvermeidliche Fgung des Schicksals
betrachten. Wenn dies nicht so wre, wrden wir schon lngst jene soziale
Revolution haben, welche fortwhrend angekndigt wird, aber dennoch nicht
kommen will. Auch hat es die Natur weise so eingerichtet, dass das Glck
mehr im Charakter und Temperament des Einzelnen, als in den usseren
Lebensumstnden liegt. Wer ein glcklich angelegtes Temperament hat, wird
sich in jeder Lebenslage mehr oder weniger wohl fhlen, whrend ein
Melancholiker oder ein zu ngstlichkeit und Trbsinn geneigter Mensch
durch keine Glcksumstnde froh oder zufrieden gemacht werden kann.

Trotzdem zeigen die bereits angefhrten Umstnde und Erscheinungen
deutlich, dass sich die Gesellschaft im grossen und ganzen in hohem Grade
unwohl fhlt und einer kommenden Umwlzung entgegensteuert. Die
erschreckende Ausbreitung der Sozialdemokratie wre unbegreiflich, wenn
nicht das Bewusstsein ihrer gedrckten Lage in den unteren Schichten der
brgerlichen Gesellschaft in fortwhrendem Zunehmen begriffen wre.
Thatsache ist, sagt F. A. =Lange= in seiner vortrefflichen Schrift ber
die Arbeiterfrage[2], dass der Kampf um das Dasein gerade jetzt wieder in
der mchtigsten und entscheidendsten Schicht der Nation in seiner ganzen
ermattenden Schwere empfunden wird, und dass die Geister beginnen, der
Einfrmigkeit dieses Druckes berdrssig zu werden.

Eine nderung dieses trben Zustandes ist, wie gesagt, nur mglich durch
eine grssere Ausgleichung in den Mitteln, womit jeder einzelne seinen
Kampf um das Dasein kmpft -- eine Ausgleichung, welche sich vor allen
Dingen auf die Besitzes-Verhltnisse zu erstrecken hat. Ferner durch die
Umwandlung des Einzelkampfes in eben gemeinschaftlichen, solidarisch
verbundenen Kampf aller gegen die bel des Lebens, welche da sind Hunger,
Klte, Elend, Entbehrung, Krankheit, Alter, Unfall, Invaliditt und Tod,
oder durch Herbeifhrung eines Zustandes, in welchem das Wohl des
Einzelnen mehr oder weniger identisch wird mit dem Wohl der Gesamtheit und
umgekehrt -- ein Zustand, in welchem das schne Wort zur Wahrheit wird:
Einer fr alle und alle fr einen.

Ein solcher Zustand wre, wie ich glaube, sehr leicht herbeizufhren, ohne
das der Arbeits- und Erwerbstrieb des Einzelnen darunter Not leidet, so
dass jeder die Frchte seines eigenen Fleisses, seiner eigenen Thtigkeit
und Intelligenz geniesst und zwar durch Herbeifhrung einer Vershnung
zwischen den Einzel- und den Gesamt-Interessen.

Allerdings muss zugegeben werden, dass eine =vollstndige= Ausgleichung in
dieser Richtung -- wenigstens fr den Anfang -- kaum als mglich gedacht
werden kann. Aber auch schon eine =teilweise= Ausgleichung muss und wird
von den wohlthtigsten Folgen begleitet sein und wird voraussichtlich
allmhlich zu einem Zustande hinberleiten, der eine gnzliche Lsung der
sozialen Frage in Aussicht stellt. Namentlich wird der an sich so
wohlthtige Sporn der Konkurrenz durch diese Lsung nicht abgeschwcht,
sondern im Gegenteil geschrft werden, indem jeder nur die Frchte seines
eigenen Fleisses geniessen und nicht auf Kosten andrer wird leben knnen.
Auch ist die Lsung mglich ohne Verwischung der natrlichen
Ungleichheiten der Gesellschaft durch Geburt, Familie, Wohnort, Anlage,
inneres Bedrfnis, geistige und krperliche Vorzge, Verschiedenheit der
Beschftigung u. s. w. Diese natrlichen Ungleichheiten oder
Verschiedenheiten knnen nicht beseitigt werden, weil in der Natur des
Menschen und der Dinge selbst gelegen. In einer Vershnung des
Individualismus mit dem Kollektivismus, vulgo Sozialismus, oder in einer
richtig organisierten bereinstimmung der Interessen und Bedrfnisse des
Einzelnen mit den Interessen und Bedrfnissen der Gesamtheit scheint daher
das ganze soziale Problem der Zukunft zu liegen. Es ist schlechthin
undenkbar, sagt W. E. =Backhaus=[3], dass in einem Staatsganzen, dessen
Einrichtungen auf dem Vernunftgesetz beruhen, Sozialismus und
Individualismus als feindliche Krfte gegeneinander wirken sollten. Die
innige Verbindung des individualistischen Gedankens mit dem
sozialistischen, des Individuums mit der Gesellschaft bedeutet in Wahrheit
die Durchfhrung des grossen staatswirtschaftlichen Grundgesetzes, nach
welchem der Vorteil des Einzelnen stets auch der Vorteil der Gesamtheit
sein soll. Es ist hohe Zeit, dass der Konflikt zwischen Einzel- und
Gesamtinteressen im wirtschaftlichen Leben der Vlker seine Lsung finde
-- eine Lsung, welche nicht in der Hand dunkler Schicksalsmchte, sondern
einzig und allein in der Hand des Menschen selbst liegt. Sozialwirtschaft
und Individualwirtschaft gehren in einem Staatsganzen zu einander; sie
ergnzen und frdern sich gegenseitig; sie gehren zusammen wie Leib und
Seele u. s. w.

Was nun die Mittel dieser Vershnung oder der sozialen Erlsung betrifft,
so knnen dieselben dreierlei Art sein. Sie heissen

1) Abschaffung der sog. Bodenrente oder Zurckfhrung des von Natur- und
Rechtswegen allen gehrigen Eigentums an Grund und Boden in den Besitz der
Gesamtheit (mit selbstverstndlichem Einschluss der Wasserkrfte und des
Bergbaues).

2) Reform d. h. allmhliche, gradweise bis zur vielleicht gnzlichen
Abschaffung sich steigernde Reform der Erbrechte.

3) Umwandlung des Staates in eine allgemeine, solidarisch verbundene
Versicherungsgesellschaft gegen Krankheit, Alter, Unfall, Invaliditt und
Tod.

Was den ersten Punkt betrifft, so kann es wohl kaum einen weniger
anfechtbaren Grundsatz des Naturrechts geben, als denjenigen, dass die
Mutter Erde, die uns alle erzeugt hat, die aber von niemand erzeugt worden
ist, und ohne welche menschliches Dasein eine Unmglichkeit sein wrde,
nicht einzelnen, sondern allen gehrt. Gleichwie der Mensch ein Produkt
der Erde ist, so muss auch sein Dasein in dem Anrecht an den Besitz
derselben begrndet sein. Der Mensch ist nichts und vermag nichts ohne den
Beistand der Mutter Erde und ihrer nie versiegenden Kraft; er kann nichts
erwerben, nichts hervorbringen, nichts besitzen ohne Benutzung ihrer
Krfte und ihrer Gaben. Daraus folgt, dass nach den einfachsten
Grundstzen der Billigkeit und Gerechtigkeit die Benutzung dieser Gaben
und Krfte jedem zur Welt Gekommenen in gleicher Weise zur Verfgung
stehen muss, und dass das Recht an den Grund und Boden ein ebensolches
Naturrecht ist, wie das Recht, die freie Luft zu atmen oder das der Erde
entquellende Wasser zu trinken oder sich von der Sonne bescheinen zu
lassen. Leider wird diesem Grundsatz in der Wirklichkeit in greulicher
Weise Hohn gesprochen. Eine Reihe von Umstnden, wie Gewalt, Eroberung,
Krieg, Vererbung, Kauf, Schenkung, Feudal- und Lehnsgterwesen u. s. w.
haben es im Laufe der Zeit dahin gebracht, dass eine Minderheit durch den
Besitz von Grund und Boden zur Beherrscherin der ganzen Menschheit
geworden ist, bis schliesslich alles so verteilt war, dass kein Platz oder
Raum fr den zu spt Gekommenen brig geblieben, und dass dieser, wenn er
nicht selbst zufllig als Besitzer geboren ist, in der Luft hngen bleiben
msste, wenn er nicht sofort das Recht der Niederlassung dadurch erkaufen
wrde, dass er seine von der Natur ihm verliehenen Arbeitskrfte denen,
welche im Besitz des Bodens und der Arbeitsmittel sind, leibeigen giebt.
Die ungeheure Macht der Gewohnheit hat es dahin gebracht, dass die grosse
Mehrzahl der Menschen diesen rechtlosen Zustand als etwas Natrliches oder
Selbstverstndliches hinnimmt, whrend derjenige, der den Ursachen
desselben nachgeht, alsbald findet, dass das private Eigentum an Grund und
Boden nicht von der Natur, sondern von Gewalt und Usurpation herkommt Auch
war dieses Naturrecht im frhesten Altertum fast berall mehr oder weniger
anerkannt, so in Palstina, Griechenland, Italien, Germanien, Gallien,
Indien, China, Japan, Peru u. s. w. Schon in den ltesten geschichtlichen
Urkunden unsres Geschlechts finden wir den Gedanken der Gemeinsamkeit des
Bodens deutlich ausgesprochen, so namentlich in der Bibel, deren
zahlreiche darauf bezgliche Aussprche an Deutlichkeit nichts zu wnschen
brig lassen. Zwar war bei den alten Hebrern der Grund und Boden
Familieneigentum; aber alle fnfzig Jahre fand eine Neuverteilung des
Bodens statt. Ebenso erkannte der chinesische Denker =Laotse= in dem
Besitz der Erde ein allen Menschen vom Weltall-Gott anvertrautes heiliges
Gut. Dementsprechend war das Bodeneigentumsrecht in China nur ein
Nutzungsrecht und nur als solches bertragbar, whrend das Eigentum selbst
der durch den Staat reprsentierten Gesamtheit verblieb und in der Theorie
noch bis auf den heutigen Tag verbleibt. Erst infolge einer langen Reihe
von Gewaltmassregeln und Usurpationen konnte die individuelle Aneignung
des Grundes und Bodens in China durchgesetzt werden. Ebenso war es in
Japan, wo erst die mongolischen Eroberer mit Gewalt das Feudalsystem
einfhrten. Die Indier kannten vor der englischen Eroberung weder das
Recht der Verusserung des Grundeigentums, noch das Testament.

Nach =Backhaus= (a. a. O.) erscheint es als hchst wahrscheinlich, wenn
nicht als gewiss, dass Grund und Boden im Anfang der Geschichte berall
Gemeinbesitz der Vlker gewesen sind. Auch haben sich die alten
Philosophen dafr erklrt. =Aristoteles= erklrt, dass Grund und Boden
notwendig Gemeingut sein msse, und =Plato= verlangt, dass jedem Brger
ein gleich grosses oder gleich ertragsfhiges Stck Land als unteilbar und
unverusserlich zur Benutzung bergeben werde. Auch hatten Rom und
Griechenland anfangs dementsprechende Acker-Verfassungen. In Sparta hielt
das Verbot des Bodenverkaufs und des Testaments lange Zeit die Gleichheit
des Besitzes aufrecht; und in Athen unterwarfen =Solon= und seine
Nachfolger das individuelle Eigentum berhaupt schweren Beschrnkungen,
wahrscheinlich als Reminiscenzen eines anfnglichen Kommunismus, Auch in
Rom hat sich das individuelle Eigentum an Grund und Boden nur nach und
nach aus dem gemeinsamen herausgebildet. Anfangs Gemeinde-Eigentum wurde
es spter zum Eigentum der einzelnen Familien und Geschlechter, welche
letzteren in Bezug auf den Besitz gewissermassen nur eine einzige Person
bildeten. Erst mit dem Gesetz der zwlf Tafeln und mit der Einfhrung der
Rechte von Verkauf und Testament gewann das individuelle Eigentum das
bergewicht ber das gemeinsame. Das grosse Grundeigentum verschlang
allmhlich das kleine, und es entstanden Zustnde, wie wir sie jetzt noch
in England zu beobachten Gelegenheit haben. Sicher ist es auch, dass nach
altem =germanischem= Recht der grsste und unentbehrlichste Teil des
bewirtschafteten Bodens oder die sog. Aussenmark Gemeinbesitz der
Markgenossen war, whrend die sog. Binnenmark dem Einzelnen nur in der
Eigenschaft als Verwalter gehrte. Eine Ausnutzung und Ausbeutung des
Grundbesitzes und der Bodenkraft durch Einzelne zum Zwecke des
ausschliesslich eignen Vorteils war den alten Deutschen gnzlich
unbekannt. Und diesem Bodenrecht und dem dadurch bethtigten Gemeinsinn
verdankten die alten Germanen ihre Freiheit und ihre unerschpfliche
Kraft. Erst dem dmonisch wirkenden Geist der rmischen Gesetzgebung mit
ihrer bermssigen Betonung der persnlichen Besitz- und Eigentumsrechte
gelang es, auch im alten Germanien ein Privatrecht auf den Bodenbesitz zu
schauen. Es war das Nessushemd, welches die sterbende Roma dem
germanischen Riesen arglistig vermachte. Aber so urgesund waren die alten
germanischen Rechtseinrichtungen, dass sich Reste des Gemeinde-Eigentums
unter verschiedenen Bezeichnungen bis heute in einzelnen deutschen Landen
und Ortschaften erhalten haben. Der Zeitschrift Freiland, dem Organ der
Deutschen Gesellschaft fr Bodenbesitzreform, ist es gelungen,
nachzuweisen, dass in Deutschland noch mehr als hundert Ortschaften
existieren, welche im glcklichen Besitze von Gemein-Eigentum an Grund und
Boden geblieben sind. Noch weit mehr ist diese Einrichtung erhalten
geblieben in einem grossen Teile von Russland, sowie in manchen Drfern
Serbiens und Kroatiens, auch bei vielen asiatischen Horden in der Form des
russischen sog. Mir, wobei das Land gemeinschaftlich von allen
Gemeindemitgliedern besessen und bebaut und die Ernte gleichmssig
verteilt wird. In der Schweiz findet sich ein berrest dieser alten
Einrichtung in der Form des sog. Allmend. In ganz Afrika besteht nach
=Letourneau=[4] die Individualisierung und Mobilisierung, des
Grundeigentums nur ausnahmsweise. Ebenso ist es mit dem eingeborenen
Amerikanertum, bei welchem die Jagd- und Fischgrnde nicht dem Einzelnen,
sondern dem Stamm oder der Tribus angehren. In Java besteht noch berall
Gemeinsamkeit des Bodens und eine Verfassung, welche sich sehr derjenigen
des bereits erwhnten russischen Dorfsystems Mir nhert. Bei den alten
Peruanern bestand nach =Prescott=[5] ein systematisch durchgefhrter und
von oben geleiteter Kommunismus, welcher zur Folge hatte, dass es keine
Armut und keinen Mangel gab, und dass fr Alte, Schwache, Kranke oder vom
Unglck Betroffene ausreichend gesorgt war u. s. w.

Wendet man diese Erfahrungen auf die Vorgeschichte des Menschen an, so ist
man wohl gentigt, anzunehmen, dass, wie Verfasser in seiner Schrift ber
das goldene Zeitalter nher ausgefhrt hat, die wilden Horden der Urzeit
das persnliche Eigentumsrecht so wenig oder in so beschrnkter Weise
kannten oder achteten, wie die Wilden der Gegenwart; -- und zwar nicht
bloss bei Jgern und Fischern, bei denen ein festes Eigentum an Grund und
Boden kaum mglich war, sondern auch bei Ackerbauern. Nur die Waffen und
Werkzeuge, welche sich der Einzelne selbst angefertigt hatte, galten als
sein persnliches Eigentum, obgleich es nach =Plutarch= sogar noch den
alten Lacedmoniern erlaubt war, sich der Pferde, Hunde und Werkzeuge
ihrer Nachbarn zu bedienen, wenn diese keinen Gebrauch davon machten.

Die Rckkehr zu den alten Zustnden oder die Rckgabe des von Natur- und
Rechtswegen allen gehrigen Besitzes von Grund und Boden an die Gesamtheit
ist brigens -- auch abgesehen von allen sozialen oder naturrechtlichen
Grnden -- eine solche konomische oder staatswirtschaftliche
Notwendigkeit, dass sie auf die Dauer trotz allen Widerstrebens gar nicht
umgangen werden kann. Denn bei dem riesigen Anwachsen der Bevlkerung in
den europischen Lndern giebt es kein andres Mittel, um den Boden auf
seine usserste Ertragsfhigkeit auszubeuten. Es kann und darf daher dem
einzelnen Besitzer eines Grundstcks nicht berlassen bleiben, ob und bis
zu welchem Grade er dasselbe ertragsfhig machen will oder nicht, sondern
es muss dem Boden im Interesse der Gesamtheit alles abgerungen werden, was
ihm irgend abgerungen werden kann. Dieses kann aber nur geschehen durch
den auf die Grundstze der wissenschaftlichen Landwirtschaft gesttzten
Grossbetrieb, sowie dadurch, dass kein Fleckchen Erde nach Massgabe seiner
Lage und Beschaffenheit unbenutzt bleibt, whrend der Privatbetrieb hierin
ganz willkrlich und sehr oft unrationell verfhrt oder verfahren kann.
Nirgendwo tritt dieses deutlicher zu Tage, als in England, wo bekanntlich
der gesamte, fr Ackerbau bestimmte Grund und Boden bei einer Bevlkerung
von ca. 35 Millionen in den Hnden von nur 14-15000 Eigentmern sich
befindet, welche daraus -- in der Regel arbeitslos und ohne jede eigene
Bemhung -- eine jhrliche Rente von nicht weniger als 4000 Millionen Mark
ziehen, Von dem riesigen Gter-Komplex des Herzogs von Sutherland z. B.
(11 Mill. Acker) befinden sich nur ca. 23000 Acker unter Cultur; und das
Gesamtertrgnis berechnet sich im Durchschnitt auf =eine= Mark pro Acker,
whrend dasselbe in einzelnen Teilen auf das Vierzigfache gesteigert
werden knnte. Aber die unermesslich reichen englischen Landlords ziehen
es vor, aus kulturfhigern Boden, auf welchem sich tausende fleissiger
Menschen ernhren knnten, Schaftriften oder Wildparks oder Rennbahnen
oder herrschaftliche Grten u. s. w. zu machen, und nehmen keinen Anstand,
die Ansiedler oder Einwohner zu diesem Zweck unbarmherzig auszutreiben;
und hnliches geschieht, wenn auch nicht in gleich hohem Grade, wie in
England, berall. So besitzen in Deutschland die zehn grssten
Grundbesitzer ein Neuntel der gesamten angebauten Bodenflche
Deutschlands, whrend Frankreich hinsichtlich der Verteilung von Grund und
Boden weit besser daran ist. Sogar in Amerika, wo doch berfluss an Grund
und Boden vorhanden ist, machen sich die traurigen Folgen des privaten
Bodenbesitzes bereits in solcher Weise geltend, dass die bekannte Schrift
des Amerikaners H. =George= ber Fortschritt und Armut, worin jener Besitz
als Hauptquelle des sozialen bels dargestellt wird, Millionen von Lesern
finden konnte. Es war eine der thrichtesten und zugleich ungerechtesten
Handlungen oder Versumnisse der amerikanischen Staatsverwaltung, dass sie
nicht, was ihr ein Leichtes gewesen wre, das unermessliche Landgebiet,
das ihr zu Gebote stand, von vornherein fr National-Eigentum erklrte und
parzellenweise an Private verpachtete, sondern dasselbe teils an
Monopolisten und Privatgesellschaften verschenkte, teils zu
Schleuderpreisen an Private wegwarf, teils der willkrlichen
Besitzergreifung berliess. Eine Ausnahme hat man nur mit dem grossen
Nationalpark im Staate Colorado gemacht, welcher beinahe so gross ist, wie
das Knigreich Sachsen -- aber nicht zu nationalkonomischen, sondern zu
Zwecken des Privatvergngens fr Reiche und Vermgende. Htte man es mit
dem gesamten Grund und Boden so gemacht, so msste jetzt ein
unermesslicher, nicht zu erschpfender Nationalreichtum des amerikanischen
Volkes die Folge sein, whrend dieser riesige Schatz jetzt nur dem
Privatnutzen dient. Am auffallendsten und ungerechtesten erscheint ein
solcher Privatnutzen dort, wo durch einfache Vermehrung der Bevlkerung
der Wert des Grundeigentums oft bis in das Ungemessene steigt, wie
namentlich in der Mitte und Nhe wachsender Grossstdte, wo oft
Landstrecken, welche vorher beinahe keinen Wert hatten, binnen kurzer Zeit
zu wahren Goldfeldern fr ihre Besitzer werden, -- und zwar ohne jedes
eigne Zuthun oder Verdienst der letzteren, lediglich durch den Fleiss und
die Thtigkeit der Gesamtheit, welche nichtsdestoweniger dieses Resultat
ihres Fleisses ohne jeden Abzug dem einzelnen Privateigentmer in den
Schoss wirft.

Was nun die Art und Weise des bergangs des Privatbesitzes an Grund und
Bodens in denjenigen des Staates oder der Gesamtheit betrifft, so ist
dieses eine sekundre Frage, welche von den verschiedenen Verteidigern der
Bodenbesitzreform in verschiedener Weise beantwortet wird. Es versteht
sich dabei von selbst, dass von einer gewaltsamen Aneignung nicht die Rede
sein kann, sondern nur von einer Ablsung der Rente oder des Bodens selbst
gegen massige und abschtzungsweise festzustellende Entschdigung, Denn,
wenn sich auch, wie nachgewiesen, sehr viele und vielleicht gerade die
bedeutendsten Besitztitel an Grund und Boden nicht aus rechtlichem Erwerb,
sondern aus den Zeiten der Gewalt herschreiben, so darf doch, da nach
Verlauf so langer Zeit Untersuchungen ber die Rechtlichkeit der
Erwerbstitel nicht mehr angestellt und die Nachkommen nicht fr die Snden
der Voreltern verantwortlich gemacht werden knnen, niemand in seinen
jetzt bestehenden Rechtsansprchen gekrnkt oder benachteiligt werden.

Die weitgehendste Art und Weise wre ein Rckkauf nach vorheriger
Abschtzung -- wobei kleinere Gter oder Grundstcke nach ihrem vollen
Wert bezahlt, sehr grosse aber einer gewissen Reduktion des Preises
unterworfen werden mssten, -- entweder gegen bar oder gegen eine in Form
von Pfandbriefen auszugebende Staatsrente. Allerdings wrden hierzu fr
den Anfang grosse Geldmittel notwendig sein; aber sie wrden kein
ernstliches Hindernis bilden, wenn durch Annahme meines zweiten Vorschlags
auf Einschrnkung der Erbrechte der ganze Bodenbesitz oder wenigstens der
grsste Teil desselben im Laufe eines oder weniger Menschenleben an den
Staat zurckfallen wrde. Dazu kme sodann der durch Zunahme der
Bevlkerung und rationellere Bewirtschaftung des Bodens im Grossbetrieb
fort und fort steigende Bodenwert, welche Steigerung unter allen
Umstnden, als durch die Gesamtheit erarbeitet, auch der Gesamtheit oder
dem Staate zu Gute kommen msste.

Die erklrten Anhnger der Bodenbesitzreform, welche sich in Deutschland
zu einem besonderen Bund mit einer Anzahl von Zweigvereinen
zusammengethan haben und im Besitze eines besonderen, in Berlin
erscheinenden Organs unter dem Titel Freiland sind, scheinen in ihrer
Mehrzahl der Ansicht zu sein, dass die berfhrung des Grundbesitzes,
bez. der Grundrente, aus den Hnden einzelner in die Hnde der
Gesamtheit, welche laut Statut den Zweck ihrer Bestrebungen bildet,
hinreichend sei, um, wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar eine
vollstndige Lsung der sozialen Frage herbeizufhren. Sie erwarten davon
durch Beseitigung des Hypothekenwesens in letzter Linie die Beseitigung
der Macht des Privatkapitals an Grund und Boden, sowie derjenigen des
mobilen Kapitals berhaupt, indem sie den berwiegenden Privatbesitz an
Grund und Boden fr die Ursache aller sozial-wirtschaftlichen Drangsale
und fr die Grundlage aller wirtschaftlichen Unfreiheit erklren.
Namentlich wird dadurch nach =Backhaus= (a. a. O.) dem furchtbar wtenden
Schrecknis des Dmons =Zins=, welcher noch weit frchterlicher ist, als
der Kriegsdmon, weil er keinen Frieden kennt und sich ununterbrochen
vermehrt, ein gewisser Halt geboten werden. Der Zins hat die ganze
Gesellschaft in ein einziges grosses Kriegslager verwandelt, in welchem
ihm tglich Menschenopfer ohne Zahl dargebracht werden. Denn unter der
Herrschaft des Privatbodenmonopols und seiner Wirkungen ist die
berwltigende Mehrheit jedes Volkes den Grossgrundherren und
Grosskapitalisten in hnlicher Weise zinspflichtig geworden, wie
seinerzeit die kleinen Brger Roms und die unterjochten Vlker den
rmischen Latifundienbesitzern und Grosskapitalisten zinspflichtig waren.

Wenn nun Verfasser bloss im Sinne der bisherigen Schule der
Badenbesitzreformer zu reden htte, so knnte er hier abbrechen, da diese
Schule, wie gesagt, Grnde zu haben glaubt, um von der Verwirklichung
ihrer Bestrebungen eine endgltige Beseitigung des sozialen Elends zu
erwarten. Da er aber diese Erwartung nicht zu teilen vermag, so ist er
gentigt, im Sinne seines tiefer gehenden Ausgleichs in den Mitteln, mit
denen der Einzelne seinen Kampf um das Dasein zu bestehen hat, zur
Errterung seines zweiten Vorschlags hinsichtlich der Beschrnkung, bezw.
Beseitigung der Erbrechte oder des Erbkapitalismus berzugehen.

Verfasser ist sich wohl bewusst, dass er mit diesem Vorschlag
gewissermassen in ein Wespennest sticht und sich auf kritische
Anfeindungen jeder Art gefasst machen muss. Denn wo das persnliche
Interesse des Einzelnen in das Spiel kommt, da hat jede ruhige und
gerechte berlegung ein Ende. Das Recht, seinen Kindern und Kindeskindern
dasjenige zu hinterlassen, was er selbst erworben hat, will sich niemand
nehmen lassen, Auch hat der Einzelne darin vollkommen recht, solange er
sich auf dem Boden der bestehenden gesellschaftlichen Verhltnisse weiss.
Aber ein ganz anderes ist es, wenn der Sozialreformer Verhltnisse
voraussieht, welche ganz anders geartet sind und geartet sein mssen. Denn
so wie politische Revolutionen nicht mit Rosenwasser gemacht werden, so
knnen auch soziale Reformen von erfolgreicher Wirkung nicht mit halben
oder unzureichenden Massregeln gemacht werden. brigens darf ich mich zur
Untersttzung meines Vorschlags vor allen Dingen darauf berufen, dass die
Erbschaftssteuer lngst als eine der gerechtesten und am wenigsten
drckenden anerkannt und angewendet worden ist, und dass man derselben nur
eine grssere Ausdehnung, namentlich in der indirekten Erbfolge, zu geben
braucht, um meinem Vorschlage mehr und mehr nahe zu kommen. Auch mehren
sich die Anhnger einer solchen Idee der Besteuerung in der gelehrten wie
ungelehrten Welt von Jahr zu Jahr, und es fehlt nicht an angesehenen,
selbst konservativen Staatsrechtslehrern, welche sich im Prinzip dafr
aussprechen, wie =Brinz=, =Rscher=, =Marlo=, =Umpfenbach=, =Schffle=,
=Pfizer=, =Bluntschli=, =Baron=, =Hallier= u. s. w. Dass die eigentlichen
Sozialisten zustimmen, versteht sich beinahe von selbst. Schon der Basler
Internationale Arbeiterkongress von 1869 hat Abschaffung des privaten
Grundeigentums und des Erbrechts in sein Programm aufgenommen; und der
franzsische kollektivistische Sozialisten-Kongress von 1880 setzte als
letzten Punkt seines Programms Abschaffung des Erbrechts fr
Seitenverwandte und jedes direkten Erbrechts von mehr als 20000 Franks
fest. Auch das Programm der englischen Radikalen acceptiert ganz und voll
die beiden genannten Forderungen. Unter den neueren Schriftstellern
radikaler Richtung hat sich namentlich =Max Nordau= in seinem berhmten
Buch ber die konventionellen Lgen der Kulturmenschheit mit
durchschlagenden Grnden auf den Boden dieser Anschauung gestellt Nach
meiner Meinung ist eine solche Reform der Erbrechte oder eine
Beschrnkung, resp. Abschaffung des Erbkapitalismus =eine einfache
Forderung der sozialen Gerechtigkeit=. Denn niemand wird es als dieser
Forderung entsprechend ansehen knnen, dass unter den Menschen, welche,
wenn auch mit verschiedenen Eigenschaften, doch mit demselben Anrecht an
Existenz auf die Welt kommen, der eine gewissermassen mit dem Breilffel,
der andre mit dem Hungerlutscher im Munde geboren wird. Niemand wird es
als Ausfluss natrlicher Gerechtigkeit betrachten knnen, wenn der eine
schon in der Wiege auf Millionen sich wlzt oder einen grossen Teil des
Grundes und Bodens, welcher allen gehren sollte, sein eigen nennt, ohne
dass er das geringste persnliche Verdienst dabei hat, whrend der andre,
wie des Menschen Sohn, nicht weiss, wo er sein Haupt hinlegen soll, um von
den Mhen und Lasten seines armseligen Daseins auszuruhen. Man
vergegenwrtige sich die Caprice jenes reichen Englnders, welcher sein
ganzes grosses Vermgen einer ihm persnlich ganz fremden Dame vermachte,
bloss weil er Gefallen an ihrer schnen Nase gefunden hatte, und hnliche
Beispiele einer total unsinnigen Vererbung an unbedrftige Erben. Man
denke an die Vermchtnisse an die tote Hand oder an die Kirche, welche nur
zum Schaden der Allgemeinheit verwendet werden, an die hssliche
Erbschleicherei, an die zahllosen Erbstreitigkeiten, welche oft die
tiefste Entzweiung ganzer Familien herbeifhren und den hsslichsten
Trieben der Menschennatur Nahrung geben, an die Nachteile der
Fideikommisse, an die durch stete Vererbung aufrechterhaltenen ungeheuren
Privatvermgen, welche einen Staat im Staate, eine Geldmacht innerhalb der
Staatsmacht darstellen, an die Vererbung an ganz entfernte Seitenlinien,
deren Angehrige den Erblasser nie gesehen oder gekannt haben u. s. w. Das
sog. =Testament= oder freie Verfgungsrecht ber die Hinterlassenschaft
ist auch durchaus kein Ausfluss des Naturrechts, sondern eine Erfindung
spterer Zeiten, wahrscheinlich rmischen Ursprungs; es war z. B. im alten
Deutschland ganz unbekannt. Die lteste Stufe des Eigentums war vielmehr,
wie die ausgezeichneten Untersuchungen von =Laboulaye= und =Laveleye= ber
die Entstehung der Eigentumsbegriffe nachgewiesen haben, das
=Gemein-Eigentum=. Erst das rmische Recht mit seiner bermssigen,
bereits erwhnten Betonung des Individualismus und der persnlichen
Besitz- und Eigentumsrechte machte dem ehemaligen Zustand der Dinge ein
Ende und trieb die letzteren im Sinne des persnlichen Egoismus auf die
Spitze -- ein Verhltnis, an dem wir heute noch leider schwer zu kranken
haben. Heute hat, wie =Lavelaye= sagt, das Eigentum seinen ehemaligen
sozialen Charakter ganz verloren. Vollstndig verschieden von dem, was es
im Anfang war, hat es nichts Gemeinsames mehr an sich. Privilegiert,
fessellos, ohne Rckhalt oder Verpflichtung scheint es, ohne Rcksicht auf
die Interessen der Gesamtheit, keinen andern Zweck als das Wohlsein des
Individuums zu verfolgen u. s. w.

Das Eigentumsrecht, sagt =Laboulaye= in seiner preisgekrnten Schrift
ber die Geschichte dieses Rechts, ist eine Schpfung der Gesellschaft
... Jedesmal wenn die Gesellschaft etwas darin ndert, ist sie in ihrem
Recht, und niemand kann sich dagegen im Namen eines ltern Rechtes
auflehnen; denn vor ihr und nach ihr gibt es nichts. In ihr ruht die
einzige Quelle und der Ursprung des Rechts.

Der Einzelne darf sein Erworbenes oder Ererbtes schon um deswillen nicht
beliebig verschenken, weil sein Erwerb kein rein persnlicher, sondern nur
mglich ist in der Gesellschaft und durch deren Mitwirkung. Eines der
eklatantesten Beispiele dieser Art ist die bereits erwhnte enorme
Wertsteigerung des Grundes und Bodens im Innern und in der Umgebung
grosser, in der Entwicklung begriffener Stdte, welche dem einzelnen
Besitzer ohne jedes eigne Verdienst Millionen in den Schoss wirft und der
Gesamtheit durch die enorme Steigerung der Wohnungsmieten keinen Nutzen,
sondern nur Schaden bringt. Es ist ein Zustand frmlicher Lohnsklaverei
der Nicht-Besitzenden gegenber den Besitzenden, welchem durch die
Gesetzgebung lngst ein Damm htte entgegengesetzt werden sollen.

Selbstverstndlich knnte eine so durchgreifende soziale Massregel, wie
die Beschrnkung der Erbrechte, nicht pltzlich oder auf einmal, sondern
nur allmhlich und ohne allzu grosse oder allzu pltzliche Beleidigung
privater Interessen in das Leben gerufen werden. Aber gerade in dieser
Mglichkeit einer allmhlich sich steigernden Einfhrung liegt ein
Hauptvorteil des Vorschlags, wobei Praxis und tgliche Erfahrung der
Theorie jederzeit zur Hlfe kommen oder unter die Arme greifen knnen. Auf
diesem Wege wird es auch nicht schwer werden, zu einer Entscheidung
darber zu kommen, ob man bis zu einer gnzlichen Aufhebung der Erbrechte
oder nur bis zu einer gewissen Grenze der Einschrnkung gehen soll.

Der Hauptnutzen oder Hauptvorteil des ganzen Vorschlags besteht in dessen
ausgleichender Gerechtigkeit oder darin, dass jeder nur die Frchte seines
eignen Fleisses, seiner eignen Ttigkeit und nicht diejenigen der
Thtigkeit oder des Glcks seiner Vorfahren ohne jede eigne Bemhung
gemessen wrde. Shne reicher Eltern haben in der Regel das Privileg, roh,
unwissend, faul oder lderlich zu sein, so dass grosser, namentlich
unverdienter Reichtum oft mehr zum Fluch als zum Segen wird. Von Geburt
Reiche oder Vornehme werden von den meisten Menschen als Wesen hherer Art
angesehen, denen man sich nur mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht nhern
drfe, obgleich diese Drohnen der Gesellschaft weit unter denen stehen,
welche ihr Leben selbst gemacht haben. Dem berhmten und berchtigten
Ausspruch =Proudhons= Eigentum ist Diebstahl liegt insofern ein sehr
berechtigter Gedanke zu Grunde, als nur der durch eigne Arbeit erworbene
Besitz rechtmssiges Eigentum genannt werden kann, whrend der ohne eigne
Bemhung ererbte Besitz sehr wohl als eine Art von Diebstahl an dem
Vermgen oder an der Arbeitskraft der Gesamtheit betrachtet werden kann.
Denn wenn der durch Erbschaft reich gewordene Teil der Gesellschaft bis zu
einem gewissen Grade in einem Zustand von Wohlsein und verhltnismssigem
Nichtsthun lebt, so ist dieses nur dadurch mglich, dass er sein Geld fr
sich arbeiten lsst, d. h., da das Geld nicht selbst arbeitet, durch die
Leiden, die Arbeit und die Entbehrung rmerer Mitmenschen, welche den Zins
aufzubringen haben. Nicht dasjenige Eigentum soll angetastet werden,
welches durch eignen Fleiss und eigne Sparsamkeit erworben worden ist,
sondern nur dasjenige in gewissen Schranken gehalten werden, welches seine
Entstehung dem Fleisse oder den Glcksumstnden anderer verdankt. Wer
darin eine Ungerechtigkeit erblicken wollte, msste seine eignen Begriffe
von Gerechtigkeit haben.

Ein weiterer nicht hoch genug zu veranschlagender Nutzen oder Vorteil
meines Vorschlags besteht darin, dass durch dessen Ausfhrung der
bermssigen Anhufung grosser Privatvermgen in einzelnen Hnden, welche,
wie bereits bemerkt, einen Staat im Staate, eine Geldmacht gegenber der
Staatsmacht darstellen, eine unbersteigliche Schranke gesetzt wird. Die
enormen Nachteile einer solchen Anhufung in politischer Beziehung sind
namentlich dort bemerkbar, wo, wie z. B. in Amerika, die unglckliche
Manchesterdoktrin herrschend ist, und wo mitunter grosse oder reiche
Eisenbahngesellschaften einen ganzen Staat politisch vllig in der Gewalt
haben. Die amerikanischen Eisenbahn-Direktoren spielen bei der enormen
Ausdehnung und Wichtigkeit des dortigen Eisenbahnwesens in der Gegenwart
eine hnliche Rolle, wie sie die Feudalherren des Mittelalters gespielt
haben, und brechen in Folge schlechter Verwaltung oder mangelhaften
Bahnbaues jedes Jahr einigen hundert oder tausend Personen beinahe
ungestraft die Hlse oder mindestens Arme und Beine. Ja, man verhehlt sich
in Amerika nicht die Gefahr, dass sich mit der Zeit das Eisenbahn-Monopol
sogar den Congress und die Bundesregierung dienstbar machen werde. Aber
auch in Europa liegt die Gefahr oder Mglichkeit vor, dass der Einfluss
grosser Geldmchte unter Umstnden im Stande ist, ber Krieg und Frieden
zu entscheiden oder parlamentarische Krperschaften unter ihren Willen zu
beugen. Ist ja doch das Geld heutzutage eine alles bestimmende Macht und
Gott Mammon der einzige Gott, zu dem noch mit wahrer Inbrunst gebetet zu
werden pflegt!

Der letzte und hauptschlichste Vorteil meines Vorschlags beruht aber
darin, dass der Staat, ohne die verhasste Steuerschraube in Anwendung
bringen zu mssen, auf die leichteste Weise in den Besitz hinreichender
Geldmittel kommt, um alle im Interesse der Allgemeinheit notwendigen
Massregeln durchfhren zu knnen, wie Erziehung und Erhaltung der Kinder,
wo die Einzelfamilie dazu nicht ausreicht, Unentgeltlichkeit des gesamten
Unterrichts, Versorgung von Witwen und Waisen, Abschaffung des Pauperismus
und unverschuldeter Arbeitslosigkeit, Beschaffung der Arbeits- oder
Produktionsmittel, Besorgung des Verkehrswesens u. s. w. Wenn man bedenkt,
dass nach den Verffentlichungen des preussischen Finanzministeriums
allein in Preussen jhrlich =zwlfhundert Millionen Mark= vererbt werden
-- eine Schtzung, welche brigens nach ndern viel zu gering ist und auf
mehr als das Doppelte veranschlagt werden kann -- so erhellt daraus, wie
gross das Ertrgnis einer solchen Massregel, obendrein im Verein mit dem
staatlichen Bezug der Bodenrente, sein msste.

Natrlich hat man gegen dieselbe und ihre Ausfhrbarkeit eine Menge von
Einwnden bereit, unter denen die zu befrchtende Beeintrchtigung des
Erwerbstriebs, die Gefahr der Verschwendung und die Umgebung des Gesetzes
durch Schenkung unter Lebenden neben befrchteter Schdigung der Familie
die Hauptrolle spielen. Ein nheres Eingehen auf diese Einwnde wrde die
Grenzen dieser kleinen Schrift berschreiten. Ich muss mich daher
begngen, auf mein Buch ber die Stellung des Menschen in Natur und
Gesellschaft zu verweisen, in dessen dritter Abteilung ich jene Einwnde
gengend entkrftet zu haben glaube, und wo auch im Anschluss daran die
wichtige Kapitalfrage eingehend errtert ist.

Nur das mag hier nicht unerwhnt bleiben, dass der Einfluss des Erbrechts
im Vergleich mit dem Eigentumsrecht =als Antrieb zur Arbeit= als ein
ziemlich untergeordneter betrachtet werden darf. Allerdings knnen wir
alle Tage von solchen, welche einer bertriebenen Sparsamkeit huldigen und
unntigerweise Schtze aufhufen, die Versicherung hren, =dass sie nur
fr ihre Kinder sparten=. Aber derjenige msste ein schlechter Kenner der
menschlichen Natur sein, der dieser Versicherung einen mehr als sehr
bedingungsweisen Glauben beimessen wollte, Man spart zumeist fr sich
selbst und aus Freude am Besitz, und betrgt nur sich oder andere mit dem
Vorwand, dass man es der Nachkommen halber thue, -- was ja schon daraus
erhellt, dass gerade unter denjenigen, welche keine Leibeserben haben, die
grssten Geizhlse und Sparsimpel angetroffen werden. Im Gegenteil wrde
es ein viel natrlicherer Gesichtspunkt sein, wenn solche, die ihre
Reichtmer oder ihren Wohlstand durch eigne Anstrengung erworben haben,
von ihren Kindern oder Erben dieselben Anstrengungen, dieselbe Arbeit
verlangten oder erwarteten, statt dass sie sich mit Anstrengung aller
Krfte bemhen, denselben ein Lotterbette zu bereiten, auf dem sie sich
von Kindesbeinen an nur behaglich auszustrecken haben. Wir knnten in
dieser Beziehung von den Tieren lernen, welche ja auch mit rhrendster
Sorgfalt fr die Ernhrung und Erziehung ihrer Kleinen sorgen, aber
dieselben von dem Augenblick an, wo sie im stande sind, sich durch eigne
Anstrengung zu erhalten, sich selbst berlassen. So sollte es _mutatis
mutandis_ auch bei den Menschen sein. In der That hat sich Verfasser
whrend seines Aufenthaltes in Amerika erzhlen lassen, dass dort,
namentlich in der Stadt Newyork, sehr reiche Familien die
Gewohnheit haben, einen grossen oder grssten Teil ihres Vermgens
wissenschaftlichen, knstlerischen oder humanitren Anstalten zuzuwenden
oder zur Grndung sog. Philantropien herzugeben und ihre Angehrigen auf
diese Weise zur Arbeit zu zwingen, geleitet von dar Erfahrung, dass Shne
sehr reicher Familien in dem Bewusstsein dieses Reichtums sehr hufig in
Faulheit und Liederlichkeit verderben. Aber im ganzen mgen dieses wohl
nur rhmliche Ausnahmen sein. Denn Reichtum und Geld bergen leider eine
dmonische Gewalt der Anziehung in sich, welche diejenigen, die einmal auf
diesem Wege sind, nicht ruhen und die Begierde nach mehr in demselben
Grade wachsen lsst, in welchem dieselbe befriedigt wird. Der Durst nach
Geld und Besitz hat daher das Eigentmliche, dass er durch Befriedigung
nicht gestillt, sondern nur strker angeregt wird. Gleichzeitig bt diese
Befriedigung bei der Mehrzahl der Menschen einen nachteiligen Einfluss auf
den Charakter aus, macht geizig, hartherzig und egoistisch und gibt nur
ausnahmsweise einzelnen Anlass, mit ihrem Reichtum aus eignem innerem
Antrieb den schnen und edlen Seiten der menschlichen Natur Genge zu
thun.

Alledem wird ein klug angelegtes Erbschaftssteuergesetz, welches das
Erbschaftsamt ermchtigt, die Erbschaften im Namen des Staates mit
Beschlag zu belegen und die Erbschaft, soweit es notwendig und zweckmssig
ist, fr die Kinder, im brigen aber fr den Staat zu verwalten, auf die
wohlttigste Weise entgegenwirken. Es wird der bertriebenen Sparsamkeit,
dem Geiz, der Habgier, dem nutzlosen Aufspeichern und der allzu grossen
Anhufung des Reichtums in den Hnden einzelner einen gewissen Damm
entgegensetzen, ohne dabei den Einzelnen desjenigen Antriebs zum Erwerb zu
berauben, welcher in der ersten Sorge fr die Nachkommenschaft und in der
Liebe zur Arbeit ruht. Denn, wie Prof. =Hallier=[6] treffend bemerkt, es
kann kaum etwas Ehrloseres geben, als die Arbeit als eine Last zu
betrachten und sie nicht um ihrer selbst willen hochzuschtzen. Wer gesund
ist und bei guten krperlichen oder geistigen Krften, fr den ist die
Arbeit der hchste Lebensgenuss. Und der Reiche sollte so ehrlos sein,
sich auf die Faulbank zu legen, weil er weiss, dass der Mehrerwerb nicht
zum Verderben seiner Kinder, sondern zum Wohl des Staates, zum Wohl seiner
Mitbrger verwendet wird? Ist jemand mit Glcksgtern gesegnet, so hat er
doppelt und dreifach die Pflicht, sich durch Arbeit dieser Gter wert zu
zeigen. Der Mssiggnger ist ehrlos.

Im Anschluss an diese schnen Worte darf man die gegrndete Hoffnung
aussprechen, das Bewusstsein, dass er mit seiner Arbeit nicht bloss fr
sich und die Seinigen, sondern auch bis zu einem gewissen Grade fr die
Gesamtheit wirkt, werde erhebend und veredelnd auf den Einzelnen wirken
und damit jenen Zustand vorbereiten helfen, wo das Glck des Einzelnen mit
dem Glck der Gesamtheit zusammenfllt, und wo somit der Einzelne das, was
er auf der einen Seite zu verlieren glaubt, auf der andern wieder mit
Zinsen zurckerhlt.

Was meinen dritten und letzten Vorschlag betrifft, so geht derselbe, wie
bereits gesagt, auf Umwandlung des Staates in eine grosse, allgemeine,
solidarisch verbundene =Versicherungsgesellschaft= gegen Alter, Krankheit,
Unfall, Invaliditt, unverschuldete Not und Tod. Schon mit dieser einen
Massregel wrde der grsste Teil des sozialen Elends mit einem Schlage aus
der Welt geschafft und die kostspielige, oft mehr Schaden als Nutzen
bringende Armenpflege entbehrlich gemacht werden, Es wrde keine Elenden
und Verlassenen ohne eigne Schuld mehr geben, und das grosse Prinzip
gesellschaftlicher Gegenseitigkeit wrde zur Richtschnur nicht bloss fr
einzelne Kreise, sondern fr die ganze menschliche Gesellschaft werden.
Die Gesellschaft selbst mit ihren verschiedenen Gliederungen wrde dabei
keine nderung erleiden, sondern gerade so fortbestehen, wie bisher, und
jedem Einzelnen wrde gegeben oder geholfen werden je nach seinen
Verhltnissen oder Bedrfnissen, seiner Lebenslage, seiner sozialen
Stellung und nach den Opfern, welche er durch seine Arbeit oder sein
Vermgen zur Erhaltung des Staates bringt oder gebracht hat. Allerdings
wird man entgegnen, dass diese Opfer dadurch nicht vermindert, sondern
wesentlich erhht werden mssten. Aber eine solche Rcksicht kann nicht in
das Gewicht fallen gegenber den enormen Vorteilen einer derartigen
Einrichtung, auch wrde die Last dadurch, dass sie auf den Schultern aller
Staatsbrger ohne Ausnahme ruht, fr den Einzelnen nicht allzuschwer
werden. Man vergesse nicht, welche enormen Opfer jetzt schon von privater
Seite fr alle die verschiedenen Versicherungs- und Ersparniszwecke
gebracht, und welche kaum mehr erschwingliche Lasten den Gemeinden durch
die fortwhrend steigenden Ausgaben fr Armenpflege auferlegt werden. Auch
bersehe man nicht den enormen moralischen Vorteil, welcher darin liegt,
dass jeder in dem Bewusstsein lebt und arbeitet, dass er nicht jeden
Augenblick unverschuldet ein Ausgestossener oder Verlassener der
Gesellschaft werden, oder dass seine Hinterbliebenen nicht die Beute des
Hungers und Elends werden knnen; man vergesse endlich nicht, dass die
materiellen Opfer, welche der Staat fortwhrend zur Abwehr der Verbrechen
gegen Person und Eigentum aufzuwenden gentigt ist, um ein sehr
Bedeutendes reduziert werden mssten. Wenn der Staat, wie dieses z. B, im
Grossherzogtum Hessen geschieht, jeden einzelnen Gebudebesitzer zwingt,
an einer staatlichen Versicherung seines Besitzes gegen Feuersgefahr
teilzunehmen, und auf diese Weise eine Solidaritt aller hausbesitzenden
Staatsbrger gegen Schdigung ihres Eigentums durch Feuer herstellt, warum
soll er nicht das Recht haben, die gleiche Solidaritt der Staatsbrger
gegen die weit bedenklichere Schdigung durch Krankheit, Alter,
Invaliditt und Tod herzustellen? Und wie leicht und einfach wrde eine
solche Maschinerie zu lenken oder zu leiten sein im Vergleich mit den
komplizierten und persnlich belstigenden Gesetzesbestimmungen des
=Bismarck=schen Staatssozialismus, in dem sich kaum ein Rechtsgelehrter
zurechtzufinden vermag.

Immerhin ist es mit Freuden zu begrssen, dass die Einfhrung dieses
Staatssozialismus den schlagenden Beweis dafr geliefert hat, dass die
Notwendigkeit einer meinem Vorschlag hnlichen Massregel in offiziellen
wie parlamentarischen Kreisen gengend anerkannt ist. Nur wird man dabei
leider allzusehr an das bekannte Sprichwort erinnert: Wasch mir den Pelz
und mach mich nicht nass. An sich recht verdienstlich, ist dieser
Staatssozialismus doch nur ein schwacher Versuch auf dem Wege sozialer
Reformen und ganz unfhig das soziale Elend als solches zu heben. Ja er
kann insofern gefhrlich werden, als er, weil er nicht halten kann, was er
verspricht, zu schdlichen Tuschungen fhrt und damit radikaleren
Reformen entgegenwirkt. Dasselbe gilt von den vielen
Privatwohlthtigkeitsanstalten gegen Bettel, Trunksucht, Armut,
Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot u. s. w., sowie von den Bestrebungen zur
religisen, sittlichen oder intellektuellen Hebung der unteren
Volksklassen oder zur Hebung der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe oder
zur gemeinsamen Beschaffung von Produktions- und Konsumtionsmitteln auf
dem Weg der Selbsthilfe, oder von den Versuchen, das alte Innungswesen
wieder neu zu beleben oder durch Feststellung eines Normallohnes und einer
Normalarbeitszeit die Lage der arbeitenden Klassen zu verbessern, und
dergl. Alle diese Dinge sind, wie =Backhaus= (a. a. O.) richtig bemerkt,
Scheinmittel, Schnheitspflsterchen, welche wohl hier und dort den
Anblick der sozialen Not verbergen oder eine vorbergehende Linderung
herbeifhren, aber in der Tiefe das bel weiter wuchern lassen.

Ebenso unzureichend wie der Staatssozialismus ist das private
Versicherungswesen und dabei mit so vielen und grossen Nachteilen
behaftet, dass daraus =Bismarcks= Plan zur Verstaatlichung des
Lebensversicherungswesens hervorwuchs, ein Plan, welcher bekanntlich an
dem Widerspruch der Parlamentarier und Manchester-Mnner gescheitert ist.
brigens ist mein Vorschlag wesentlich verschieden von jenem Plan, da nach
demselben die Versicherung nicht freiwillig, sondern obligatorisch fr
jeden Staatsbrger sein soll, je nach dessen Stand, Vermgenslage oder
Arbeitsverdienst. Sollten die Staatseinknfte fr den beabsichtigten Zweck
nicht ausreichen (was bei Annahme meiner beiden ersten Vorschlge kaum
denkbar wre), so msste der Versicherungsbeitrag als Steuer erhoben
werden, so lange der Versicherte arbeitsfhig ist.

Die Ausfhrung weiterer Einzelheiten wrde auch hier wieder zu weit
fhren. Ich erlaube mir daher auf einen im zweiten Band meiner Schrift
Aus Natur und Wissenschaft enthaltenen Aufsatz ber die bernahme des
Lebensversicherungswesens durch den Staat zu verweisen.

Dieses sind die Grundzge der von mir in Vorschlag gebrachten
=Sozialreform= im Gegensatz zu derjenigen der =Sozialdemokratie=, einer
Reform, welche selbstverstndlich nur auf =friedlichem= Wege durchgefhrt
werden soll und kann, und zwar nur durch Gewinnung einer grsseren Zahl
einflussreicher Mnner auf dem Wege allmhliger berzeugung.

Zwar versichert uns die Sozialdemokratie ebenfalls, dass sie nur auf
friedlichem Wege ihr Ziel zu erreichen wnsche; aber dieses drfte doch
nur eine Klugheits-Versicherung sein. Schon das Wort Demokratie deutet
auf Volksherrschaft und damit auf eine Umwlzung der politischen
Verhltnisse, Ehe ich indessen auf nhere Darlegung des wichtigen
Unterschiedes von =Sozialreform= und =Sozialdemokratie= eingehe, bedarf es
vorher der Bemerkung, dass meine Vorschlage gar nichts mit Kommunismus zu
thun haben. Ich beabsichtige weder eine Aufhebung des Privateigentums,
noch eine Beschrnkung der persnlichen Freiheit, sondern ganz im
Gegenteil eine grssere Entfaltung oder Entwicklung der letzteren durch
Entfernung der den Einzelnen hemmenden Schranken im Kampfe um das Dasein,
sowie dadurch, dass im Notfall die Ergreifung der hilfreichen Hand des
Staates jedem offen steht, letzteres nicht als ein Almosen, sondern als
ein durch geleistete Arbeit erworbenes Recht. Wer unter solchen Umstnden
und bei freier Bahn fr Entfaltung seiner Krfte nichts leistet, der
verdient sein Schicksal. Er geht nicht an den Umstnden oder an der
Ungerechtigkeit der Gesellschaft, sondern an sich selbst zu Grunde.

Zwar ist der Kommunismus an sich durchaus nicht etwas so Schreckliches und
Monstrses, wie sich die meisten Menschen vorzustellen pflegen. Man kann
sich, wie bereits bemerkt, sehr wohl einen Staat auf kommunistischer
Grundlage vorstellen, in welchem alles Besitztum gemeinsam und die Arbeit
ganz freiwillig sein wrde -- vorausgesetzt, dass die durch lange Jahre
und entsprechende Gesellschaftszustnde grossgezogenen egoistischen Triebe
und Neigungen der menschlichen Natur sich in altruistische umgewandelt
htten, was natrlich nur sehr langsam und allmhlich geschehen knnte.
Auch sind durchaus nicht alle bis jetzt bekannten kommunistischen Versuche
misslungen, und da, wo sie misslungen sind, ist dieses oft weniger Folge
innerer Unmglichkeit, als vielmehr des Drucks usserer ungnstiger
Umstnde inmitten einer auf ganz anderen Grundlagen aufgebauten
Gesellschaftsordnung gewesen.[7] Besteht doch schon im jetzigen Staats-
und Gemeindeleben eine nicht geringe Menge kommunistischer Einrichtungen,
die smtlich, wenn die einseitige und engherzige Manchester-Doktrin
richtig wre, mehr oder weniger ausgemerzt werden und der fast immer
unzureichenden Privatthtigkeit berlassen bleiben mssten. Man denke nur
an die Steuern und deren mannigfache Verwendung zu Zwecken des
Gemeinwohls, an die Staatsschulden, an denen jeder Einzelne partizipiert,
an die Militrpflicht, welche jeden Einzelnen ntigt, selbst Leben und
Gesundheit im Interesse der Gemeinschaft aufzuopfern, an die sog.
Expropriationsgesetze, an das vom Staat auf ffentliche Kosten, geleitete
Unterrichtswesen und an den Schulzwang, an Eisenbahnen, Strassen und
ffentliche Bauten, an Staatsposten und Staatstelegraphen, an das
ffentliche Gesundheitswesen, an Gemeinde-Versorgung und Armenpflege, an
staatliche Massregeln zur Hebung der Landwirtschaft, an die staatliche
Beaufsichtigung von Fabriken, Bergwerken, Banken, Huserbau u. s. w., an
ffentliche Brunnen, Museen, Bibliotheken, Promenaden, Versorgungshuser,
Hospitler u. s. w. Alle diese Dinge, jede Besteuerung der Brger von
Staats- und Gemeindewegen zu andern Zwecken, als Polizei, Rechtspflege und
Militr, also fr den Schutz des Individuums nach innen und aussen, sind
mehr oder weniger sozialistische oder kommunistische Einrichtungen, welche
der Manchester-Doktrin, die in dem Staat nur eine Polizei-Anstalt zur
Sicherung von Person, Eigentum und ffentlicher Sicherheit erblickt, also
denselben gewissermassen die Rolle eines bezahlten Schutzmannes spielen
lsst, direkt zuwiderlaufen.

Aber alles dieses hindert nicht, dass zur Zeit eine noch so starke und
allgemeine Abneigung der Menschen gegen jede Art kommunistischer
Staatsgestaltung besteht, dass jedes weitere Wort darber als berflssig
erscheint. Es mssten erst, wie gesagt, lange Jahre des Altruismus und
Kollektivismus vorausgegangen sein, um dieser Abneigung einigermassen Herr
werden zu knnen.

Einstweilen muss es gengen, wenn man im Stande sein wird, an der Hand der
von mir gemachten Vorschlge eine grssere Ausgleichung zwischen Staats-
und Privatbesitz oder zwischen den Interessen des Einzelnen und denen der
Gesamtheit herbeizufhren. Es ist dasselbe Programm, welches der berhmte
National-konom =Schffle= in seiner Quintessenz des Sozialismus
aufgestellt hat, indem er diese Quintessenz in der =Ersetzung des
Privatkapitals durch das Kollektiv-Kapital= findet. Auch stimmt es im
wesentlichen mit dem erweiterten Programm, welches =Bebel= in seiner
Schrift ber die Frau fr den Sozialstaat der Zukunft voraussetzt, wenn
er verlangt, dass die Begriffe von Staat und Gesellschaft sich knftighin
decken, und dass der heutige Gegensatz zwischen sozialer und politischer
Organisation verschwinden solle.

Die Wohlthtigkeit einer solchen Einrichtung oder einer Vershnung
zwischen Einzel- und Gesamt-Interessen kann nicht besser deutlich gemacht
werden, als durch eine Vergleichung des staatlichen Organismus mit den
Einrichtungen des tierischen oder menschlichen Organismus. Hier findet
eine fortwhrende Strmung der Lebenssfte von der Peripherie nach dem
Zentrum und umgekehrt von dem Zentrum nach der Peripherie statt. Je
lebhafter und ungehinderter diese Strmung vor sich geht, um so besser ist
der Stand der Gesundheit und des Wohlseins, whrend Stockungen dieses
Sfteaustausches an einzelnen Stellen des Krpers Krankheit und Verderben
herbeifhren.

Ebenso verhlt es sich im Staat und in der menschlichen Gesellschaft,
welche sich um so wohler befindet, je lebhafter der Austausch und
Ausgleich zwischen Privat- und Gesamtleistung ist. Die grossen
Privatvermgen gleichen den Eiterbeulen oder Blutstockungen, welche, indem
sie sich an einzelnen Stellen festsetzen, den beschriebenen Austausch
stren und verderblich auf den Gesamt-Organismus zurckwirken. Durch die
Wirkung meiner Vorschlge wird eine solche Strung ferner nicht mehr
mglich sein. Denn sie bewirken ein fortwhrendes Zurckstrmen des
Privatbesitzes in den Besitz der Gesamtheit und von da wieder eine
Verteilung nach der Peripherie oder unter die Einzelnen. Die grosse
Staatskasse muss gewissermassen das Herz des staatlichen Organismus
bilden, welches einerseits seinen befruchtenden und ernhrenden Inhalt
durch zahllose Kanle in die Organe und Gewebe des staatlichen Krpers
treibt und denselben andrerseits aus ebensovielen Kanlen und Adern wieder
an sich saugt. Ohne das verhasste kommunistische Teilen wird
gewissermassen in jedem einzelnen Augenblick geteilt und ein Zustand
hergestellt, in welchem das schne, bereits fter zitierte Wort einer fr
alle und alle fr einen zur Wahrheit wird.

Der Heimfall aller Gter an den Staat nach dem Tode ihrer Erwerber, sagt
M. =Nordau= (a. a. O.) schafft ein nahezu unerschpfliches gemeinsames
Vermgen, =ohne den individuellen Besitz aufzuheben=. Jedes Individuum hat
dann ein Eigen- und ein Gesamt-Vermgen, wie es einen Tauf- und einen
Familien-Namen hat.... Indem das Individuum fr sich arbeitet, arbeitet es
zugleich fr die Gesamtheit, welcher eines Tages der ganze berschuss
seines Erwerbs ber den Verbrauch zu gute kommen wird. Das Gesamtvermgen
bildet das ungeheure Sammelbecken, welches aus dem berfluss der einen dem
Mangel der andern abhilft und nach jedem Menschenalter die immer wieder
entstehenden Ungleichheiten in der Gterverteilung ausgleicht, welche
Ungleichheiten die Vererbung im Gegenteil fixiert und mit jeder Generation
schroffer macht.

Ganz verschieden von diesem, auf friedlichem Wege durchzufhrenden
Programm der =Sozialreform= ist dasjenige der =Sozialdemokratie=, welche,
wenigstens in Deutschland, zur Zeit an der Spitze der ganzen
sozialistischen Bewegung steht und die offen ausgesprochene Hoffnung
nhrt, Staat und Gesellschaft mit der Zeit in ihrem Sinne umwandeln zu
knnen, Diese Hoffnung ist eine trgerische und wird es auch wohl bleiben.
Der Hauptvorwurf, den man der Sozialdemokratie machen kann und machen
muss, ist der, dass sie den Begriff der Sozialreform und der sozialen
Frage berhaupt viel zu enge fasst. Denn sie macht aus der grossen
Gesellschaftsfrage, welche die ganze Menschheit zu umfassen hat, eine eng
begrenzte =Arbeiterfrage=, welche obendrein, wenn man die Sache bei Licht
betrachtet, nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern umfasst. Die
allgemeinen Menschheitsrechte und Menschheitsinteressen schliessen
selbstverstndlich auch die Rechte und Interessen der Arbeiter ein,
whrend nicht das Umgekehrte der Fall ist und die Rechte und Interessen
der Arbeiter (im engeren Sinne) nicht die allgemeinen Menschheitsrechte
einschliessen. Auch die Hoffnung der Sozialdemokraten, dass sie, zunchst
und aus praktischen Grnden von den Interessen und Rechten der
handarbeitenden Klassen ausgehend und auf dieselben gestutzt, mit der Zeit
dahin kommen werden, auch die allgemeinen Menschheits-Interessen in
Angriff zu nehmen oder die grosse soziale Frage zu lsen, drfte, wie noch
nher gezeigt werden wird, eine sehr illusorische sein.

Der eigentliche Vater der heutigen Sozialdemokratie ist =Ferdinand
Lassalle=, welcher durch sein Auftreten im Beginn der sechziger Jahre die
damals fast berall sich bildenden Arbeiterbildungsvereine und die nach
=Schulze=-Delitzsch'schem Muster errichteten Konsum-, Rohstoff- und
Vorschuss-Vereine mit einem Schlage zu Fall und durch seine Versprechungen
knftiger Seligkeiten die Masse der Arbeiter auf seine Seite brachte. Auch
wird er neben =Karl Marx=, welcher als der geistige Vater der ganzen
Bewegung anzusehen ist, immer noch von der Masse der Sozialdemokraten als
eine Art Apostel oder Heiliger verehrt, obgleich seine Theorien lngst als
falsch erkannt und selbst von der heutigen Schule der Sozialdemokratie
mehr oder weniger verlassen sind. Insbesondere hat sich seine grosse
Hoffnung auf das allgemeine Stimmrecht, vermittelst dessen, wenn einmal
eingefhrt, er alle seine Plne zu erreichen hoffte, als durchaus
illusorisch erwiesen. Wir sind in Deutschland bereits seit ber zwanzig
Jahren im Besitze des allgemeinen Stimmrechts oder des allgemeinen,
gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts fr die Wahlen zur obersten
Vertretung des deutschen Volkes oder des Reichstags. Und was ist whrend
dieser langen Zeit mit Hilfe einer bis dahin unerhrten Agitation von den
sozialdemokratischen Fhrern erreicht worden? Dass ein verhltnismssig
kleines Huflein ihrer Anhnger, welches allerdings durch Rhrigkeit und
Talent die schwache Zahl einigermassen wett macht, Sitz und Stimme im
deutschen Reichstag erlangt hat, whrend sich z. B. der Einfluss der
=katholischen= Wahlleitung mehr als dreimal so stark erwiesen hat.
Allerdings hat sich die sozialdemokratische Partei neuerdings mit aller
Macht auf den Versuch geworfen, ihre Agitation auf das Land zu bertragen
und die grosse Masse der lndlichen Bevlkerung, welche ja bei allgemeinen
Wahlen in der Regel den Ausschlag giebt, fr sich zu gewinnen. Aber man
kann fast mit Bestimmtheit voraussagen, dass dieser Versuch bei dem
berwiegend konservativen Sinn der Landbevlkerung und deren politischer
Apathie scheitern wird. Sollte dieses aber nicht der Fall sein und sollte
der von den Sozialdemokraten gehoffte Erfolg wirklich frher oder spter
eintreten oder auch nur in Aussicht stehen, so wrden die besitzenden und
im Besitze der Gewalt befindlichen Klassen der Gesellschaft langst dafr
gesorgt haben, dass eine solche Umnderung oder Einschrnkung des
allgemeinen Wahlrechts, die ein derartiges Resultat unmglich machen
wrde, eingetreten wre. Es ist ein sehr naiver Glaube der
Sozialdemokraten, dass sich die herrschenden Klassen der Gesellschaft an
der Hand des allgemeinen Stimmrechts einfach den Hals wrden zudrehen
lassen; denn niemand lsst sich gutwillig abschlachten. Daher die
Durchfhrung des sozialdemokratischen Programms schliesslich nur durch
=Gewalt= mglich sein wrde. Aber selbst in diesem Falle wrde eine solche
Herrschaft unmglich von langer Dauer sein, da eine Beherrschung der
Bildung durch die Unbildung ein Unding und nur zeitweise mglich ist.
Schon der griechische Philosoph =Xenophanes= hat den beherzigenswerten
Ausspruch gethan: Besser als die Strke von Mnnern und Rossen ist die
Einsicht.

Dazu kommt, dass eine Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen,
wie sie die Sozialdemokratie anstrebt, eine reine Utopie ist und immer
eine solche bleiben wird. Die menschliche Arbeit in ihrer Gesamtheit ist
ein viel zu kompliziertes und mannigfaltiges, durch das Verhltnis von
Angebot und Nachfrage beherrschtes Rderwerk, als dass sich dasselbe auf
breaukratische Weise beherrschen oder regeln liesse. Wollte man eine
solche Beherrschung dennoch durchfhren, so wrde und msste daraus eine
unertrgliche Breaukratie und Tyrannei und eine Beschrnkung der
persnlichen Freiheit resultieren, welche zehnmal schlimmer wre, als die
gegenwrtige Beschrnkung durch den monarchisch-breaukratischen Staat,
Der grosse amerikanische Bodenbesitz-Reformator =Henry George=, dem gewiss
niemand eine tiefe Einsicht in nationalkonomische Verhltnisse abstreiten
wird, nimmt keinen Anstand, eine solche Organisation der Arbeit von oben
herab geradezu als egyptische Despotie zu bezeichnen.

In gleicher Weise nennt der entschiedene Sozialist =Th. Hertzka=[8] die
Tyrannei einer solchen Arbeitsordnung unertrglich und Freiheit und
Gerechtigkeit unvereinbar mit dem unerhrtesten Zwange, der jemals gebt
worden ist. Dazu wre die in solcher Weise gebte soziale Gerechtigkeit
der Tod alles Fortschritts und aller Zivilisation, In einer Gesellschaft,
in der alles arbeiten muss, um nur auskmmlich satt zu werden, knnte es
keine Wissenschaften, keine Knste, keine Freiheit und kein Glck geben.

Wer kennt nicht =Eugen Richters= sozialdemokratische Zukunftsbilder? Es
mag darin manches verzeichnet oder falsch aufgefasst oder bertrieben
sein; aber im grossen und ganzen ist doch der unertrgliche Zustand, der
die Folge einer solchen breaukratischen Beherrschung der Arbeit sein
msste, richtig und wirkungsvoll gekennzeichnet. Die Sozialdemokraten
werden zwar das alles nicht Wort haben wollen; aber solange sie sich nicht
deutlicher als bisher ber die Art und Weise erklren, wie sie sich ihren
Zukunftsstaat vorstellen, mssen sie sich derartige Imputationen schon
gefallen lassen.

Eine ebensolche Unmglichkeit, wie die Organisation der gesamten Arbeit,
ist die Erzielung des vollen Arbeitsertrages fr den einzelnen
Lohn-Arbeiter, wie sie die Sozialdemokratie verlangt. Es ist dies eine
geradezu unbegreifliche Forderung. Wo bliebe unter solchen Umstnden die
Belohnung der (geistigen oder krperlichen) Arbeit des Unternehmers, des
Fabrikherrn, des Geschftsgrnders? Wo das Risiko? Wo die Geschftskrisen?
Wo die Verzinsung des Kapitals? Wo die Belohnung jenes erfinderischen oder
organisatorischen Genies, welches unter Umstnden die alleinige Seele des
ganzen Geschfts ist? Soll z. B. der Auslufer oder Druckerteufel einer
Zeitung oder eines litterarischen Unternehmens, welches der Thtigkeit
eines talentierten Schriftstellers und eines unternehmenden Verlegers
seine Entstehung und seine Prosperitt verdankt, gleichen Anteil an dem
Ertrag des Geschftes haben, wie der Grnder und Leiter desselben? Soll
der taglhnende Maurer, welcher bei dem Bau eines Hauses keine andre
Aufgabe hat, als einen Stein auf den ndern zu setzen, denselben Anteil an
dem Ertrag des fertigen Hauses haben, wie der Baumeister und Kapitalist,
welcher die dazu ntigen Mittel geliefert bat? Wer wrde im Angesicht
einer solchen Ntigung berhaupt noch Geschfte machen oder Fabriken
grnden wollen, bei denen er der Hilfe von Lohnarbeitern bedarf? Und
welcher Kapitalist wrde so einfltig sein, sein Geld fr solche
Unternehmungen herzuleihen, bei denen er nicht mehr verdient, als der
einzelne Lohnarbeiter? Alle von Seiten der Sozialdemokratie auf die
kapitalistische Produktionsweise und auf das sog. Lohnsystem gehuften
Vorwrfe passen in der Regel nur auf ganz grosse industrielle
Unternehmungen und auf solche Geschfte, bei denen es sich =nur= um
arbeitende Hnde und um Kapital handelt, whrend berall dort, wo ein
Geschft oder eine Fabrik durch die schpferische Thtigkeit eines
Einzelnen bestellt, der Mehrgewinn oder die flschlicherweise sog.
Kapitalprmie des Unternehmers oder Organisators sehr wohl verdient ist.

Der schier unbegreifliche Irrtum aller bisherigen sozialen Schulen, sagt
=Hertzka= (a. a. O.), liegt darin, dass sie, um das Anrecht des
Arbeitenden auf den vollen Ertrag zu verteidigen, den Nachweis liefern zu
mssen glaubten, dass Arbeit allein produktiv sei, Unternehmerschaft,
Boden und Kapital aber nicht. Dies knnte nur dadurch gendert werden,
dass der Arbeitende sein eigener Unternehmer, Grundbesitzer und Kapitalist
wird u. s. w.

Allerdings wollen die Sozialdemokraten fr den einzelnen Unternehmer den
Staat, welcher alle Produktionsmittel liefern soll, substituieren. Aber
sie vergessen, dass der Staat dabei ganz denselben Nachteilen unterliegt
oder dieselben Gefahren luft, wie der Privat-Unternehmer. Der Staat ist
ja kein Zauberer, welcher nur die Wnschelrute zu bewegen braucht, um
Schtze aus den Tiefen der Erde hervorzuzaubern, oder der das christliche
Wunder mit den Broten und Fischen wiederholen knnte, sondern er ist nur
die Gemeinschaft aller Brger; und was er dem einen giebt, muss er aus der
Tasche des andern nehmen. Nur ein Staat, welcher durch Bodenrente und
Erbschaftsbeschrnkung ungewhnlich grosse Geldmittel in die Hand bekme,
knnte mglicherweise so weitgehenden Anforderungen gerecht werden. Dazu
kommt, dass der volle Arbeitsertrag, wie ihn die Sozialdemokraten
verlangen, nicht einmal als ein besonders grosses Glck fr den einzelnen
Lohnarbeiter angesehen werden knnte. Wenn eine Fabrik, welche einige
hundert Menschen beschftigt, ihrem Besitzer oder Grnder einen noch so
grossen Reingewinn abwirft, so wrde dieser Reingewinn, welcher allerdings
in der Hand des Einzelnen sehr gross erscheint, wenn er gleichmssig unter
alle Arbeiter verteilt wrde, die Glcksumstnde des einzelnen Arbeiters
nur sehr wenig zu verbessern im Stande sein.

Die Sozialdemokraten wissen so vieles und manches von den nachteiligen
Wirkungen des Klassenstaates und der Klassenherrschaft zu berichten; aber
sie selbst streben eine Klassenherrschaft weitgehendster Art an, indem sie
den industriellen und Fabrikarbeiter zu einer bevorzugten
Gesellschaftsklasse erheben, der alle Krfte des Staates mehr oder weniger
dienstbar gemacht werden sollen -- wobei sie berdies ganz vergessen, dass
ihre Vorschlge immer nur einem verhltnismssig kleineren Teil der
arbeitenden Bevlkerung zugute kommen, und dass ein sehr grosser Teil
brig bleibt, welchem durch Beschaffung der sog. Produktionsmittel von
Staatswegen berhaupt nicht zu helfen ist, da sie solcher
Produktionsmittel gar nicht bedrfen. Man denke z. B. nur an die sehr
grosse Klasse der =Dienstboten= und an so viele andre Zweige menschlicher
Thtigkeit, welche sich in jene Schablone nicht einfgen lassen! berdies
passt jene Schablone, wie bereits gesagt, nur fr solche
Fabrikationszweige, welche bereits fix und fertig dastehen und nichts
weiter als Kapital und arbeitender Hnde bedrfen, whrend ihre Anwendung
bei neuen oder in der Entwicklung begriffenen Fabrikationszweigen
mindestens ihre grossen Gefahren oder Unzutrglichkeiten haben msste.

Wie mit dem Wort Arbeiter, so wird auch mit dem. Wort Proletarier von
der Sozialdemokratie schreiender Missbrauch getrieben. Ist es nicht
wahrhaft tragikomisch, fragt =Backhaus= (a. a. O.) das Proletariat zur
herrschenden Klasse machen zu wollen? Zu einer =Klasse=, obgleich das
Klassenwesen die Sozialisten und Kommunisten mit grimmigem Hass erfllt?
Und nun gar zur =herrschenden= Klasse, obgleich sie die Herrschaft keiner
Klasse dulden wollen? Ist es nicht ein unlsbarer Widerspruch, die
hchste politische Macht im Proletariat konzentrieren und alle
Produktionsinstrumente in seinen Hnden vereinigen zu wollen? Als ob die
vielen andern Elemente der brgerlichen Gesellschaft, welche nicht zum
Proletariat, auch nicht zum Proletariat als herrschender Klasse gehren,
einfach nicht da wren oder, wenn als daseiend betrachtet, als willenlos,
gefhllos, kopflos, als lebendig tot angesehen werden knnten....
Jedenfalls knnte das Proletariat als solches diese ihm zugedachte Rolle
nicht durchfhren, ohne seiner Eigenschaft als Proletariat verlustig zu
gehen. Denn es knnte doch nur der Ausdruck des Lcherlichen in seiner
hchsten Potenz sein, die Beherrscher der Gesellschaft als Proletariat
zu bezeichnen, d. h. als die arme, kmmerlich von der Hand in den Mund
lebende Arbeiterbevlkerung, welche dem Staate nicht mit Geld, sondern nur
mit ihren Kindern dienen kann u. s. w.

Nein -- der =wahre= Sozialismus will im Gegensatz zu diesem falschen
Sozialismus keine Herrschaft einzelner Gesellschaftsklassen oder keine
Bevorzugung einzelner Berufskreise, sondern eine Befreiung der =ganzen=
Gesellschaft (mit Einschlug auch der =geistigen= Arbeiter, welche oft noch
weit schlimmer daran sind, wie die krperlichen Arbeiter) durch eine
grssere Ausgleichung des Besitzes und der Mittel, mit denen jeder
Einzelne seinen Kampf um das Dasein kmpfen muss. Im Grunde sind wir ja
alle Arbeiter oder sollten es wenigstens sein, mit Ausnahme der
verhltnismssig wenigen, welche von dem aufgespeicherten, Fett ihrer
Vorfahren leben. Wer nicht arbeitet, soll oder sollte auch nicht essen.
Aber dabei soll der einzelne keine Arbeitsmaschine sein, wie im
sozialdemokratischen Staat, sondern seine volle persnliche Freiheit und
Selbstndigkeit geniessen. Denn nur dadurch, dass an die Seite der
=politischen= Freiheit auch die =wirtschaftliche= Befreiung gesetzt wird,
kann die Lsung des sozialen Problems gefunden werden. =Sozialdemokratie=
dagegen bedeutet, wie schon der Name besagt, bloss eine nderung der
Person des auf sozialem Gebiete Herrschenden; statt der vielen kleinen
Herren soll es einen einzigen geben, das ganze Volk. Gewiss, dieser
alleinige Herrscher wrde den kleinen Tyrannen gegenber den gewaltigen
Vorzug haben, dass er sich das Wohl aller zum Zwecke setzte, whrend diese
nur auf ihr eigenes Wohl bedacht sind. Aber die Freiheit ist selbst dem
wohlwollendsten Herrscher vorzuziehen u. s. w. (Hertzka.)

Wenn man alles das bedenkt, so muss man unwillkrlich auf die Vermutung
kommen, dass die ganze sozialdemokratische Bewegung von den Fhrern mehr
als Mittel zum Zweck, denn als wirkliche Zukunftspolitik betrachtet wird.
Dieselben sind viel zu gescheit oder einsichtig, um nicht den riesigen
Unterschied zwischen friedlicher Sozialreform und gewaltsamer
Sozialdemokratie zu begreifen. Aber sie sind einmal auf dem von
=Marx-Lassalle= angebahnten Wege zu weit vorwrts gegangen, um zurck zu
knnen, und betrachten die von ihnen beherrschten oder geleiteten
Arbeitermassen gewissermassen als Handhabe fr eine sptere Verwirklichung
ihrer Zukunftsplne. In Bezug auf diese im Dunkel der Verborgenheit
schwebenden Zukunftsplne hapert es denn freilich sehr, gewaltig. Man hat
schon sehr hufig an die Fhrer der deutschen Sozialdemokratie das
Verlangen gestellt, dass sie sich des Nheren ber die Art und Weise
auslassen mchten, in welcher sie sich die Gestaltung ihres
sozialdemokratischen Zukunftsstaates vorstellten. Gewiss ist ein solches
Verlangen sehr berechtigt, denn niemand wird so thricht sein, sich ohne
den dringendsten Anlass in eine Ungewisse Zukunft zu strzen, wenn er
nicht weiss, dass ihm diese Zukunft Besseres bringen wird als die
Gegenwart. Wer die heutige Gesellschaftsordnung von Grund aus umgestalten
will, hat doch vor allem andern die Verpflichtung, sich ein genaueres Bild
von derjenigen Ordnung zu machen, welche an die Stelle jener gesetzt
werden soll. Mit allgemeinen Versprechungen ist da nicht geholfen, Wenn
die Arbeitermassen dennoch diesen allgemeinen Versprechungen vertrauen und
denen folgen, welche sie ihnen machen, so erklrt sich dieses mit
Leichtigkeit daraus, dass sie von dem an sich sehr berechtigten Gefhl der
Unzulnglichkeit ihrer Lebenslage durchdrungen und bereit sind, jedem zu
folgen, der ihnen Besserung dieser Lage verspricht, ohne sich viel
Kopfzerbrechens ber die Art und Weise dieser Besserung und die
Mglichkeit oder Unmglichkeit ihrer Ausfhrung zu machen. Da sie nicht
viel zu verlieren haben, so ist ihnen jede nderung willkommen, bei
welcher mglicherweise ein Gewinn in Aussicht steht. Anders ist es dort,
wo die Aufgabe einer ernsten Prfung solcher Zukunftsplne gebieterisch an
den Denker und Menschenfreund herantritt. =Aber welche Antwort erhlt
derselbe auf seine ==Frage nach der sozialdemokratischen Zukunft?= Dass
man diese Zukunft nicht voraussehen und heute noch nicht sagen knne, wie
sich die Dinge spter gestalten wrden. Zunchst kme es nur darauf an,
den alten Klassenstaat einzureissen, das brige werde sich dann schon von
selbst machen. Man knne die Entwicklung der gesellschaftlichen Dinge in
der Zukunft ebensowenig voraussagen, wie man die Entwicklung der
Geschichte voraussagen knne; noch weniger knne man ihr jetzt schon
Gesetze vorschreiben; eines werde sich schon ganz von selbst aus dem
andern entwickeln.

Eine solche Antwort ist freilich sehr bequem, aber in keiner Weise
gengend, und kein verstndiger oder aufrichtiger Sozialist kann sich
damit zufrieden geben. Man schttet ein trbes Glas Wasser nicht aus,
bevor man ein reines vor sich stehen hat, und jedenfalls ist der jetzige
Zustand mit allen seinen Mngeln besser, als die Aussicht auf ein dunkles,
sozialdemokratisches Chaos, von dem niemand sagen kann, ob sich daraus
Gutes oder Schlechtes fr die Menschheit entwickeln wird.

Unter solchen Umstnden bleibt behufs Beurteilung des sozialdemokratischen
Programms nichts brig, als sich an dasjenige zu halten, was darber
offiziell bekannt geworden ist. Eine solche Verffentlichung liegt vor in
dem auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Erfurt (14.-21. Oktober
1891) beratenen und beschlossenen Programm der Partei. Wenn man nun dieses
Programm unbefangen prft, so findet man sehr bald Grund zu erstaunen
teils ber die verhltnismssige Bescheidenheit der darin aufgestellten
Forderungen, teils ber das Nichtssagende, berflssige oder sich selbst
Widersprechende einzelner derselben. Auch ist das Programm im Grunde noch
ganz nach Marx-Lassalleschen Grundstzen gemodelt, obgleich man diese
Grundstze lngst als nicht mehr haltbar oder bestimmend erklrt hat.

Was dabei zunchst die in der Einleitung verlangte Verwandlung des
kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln (Grund und Boden,
Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel) in
gesellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in
sozialistische, fr und durch die Gesellschaft betriebene Produktion
betrifft, so kann eine solche allgemein hingestellte Forderung ohne
nheres Eingehen in die Einzelheiten einer so durchgreifenden Massregel
kaum mehr als den Wert einer Phrase beanspruchen, -- abgesehen davon, dass
die darin liegende Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen, wie
bereits nachgewiesen wurde, als eine Utopie oder Unmglichkeit betrachtet
werden muss.

Gehen wir zu den einzelnen Programmpunkten ber, so sind dieselben
eigentlich weit mehr politischer, als sozialistischer Natur und
bereinstimmend mit den Forderungen der politischen Demokratie. An erster
Stelle figuriert die schon von =Lassalle= so scharf betonte Forderung des
=allgemeinen Stimm- oder Wahlrechts= -- eine Forderung, welche ja an
solcher Stelle deswegen als berflssig erscheint, weil sie einmal zum
Teil bereits erreicht ist, und weil sie zweitens mit einer der
bekanntesten und am wenigsten bestrittenen Forderungen der politischen
Demokratie zusammenfllt. Auch muss hier nochmals an die bereits
hervorgehobene Unzuverlssigkeit dieses Rechtes, sowie daran erinnert
werden, dass dasselbe ein zweischneidiges Schwert ist, welches bei seiner
unbehinderten Anwendung ebensowohl =gegen= als =fr= die Sozialdemokratie
entscheiden knnte. So lange die jetzige politische, soziale und religise
Abhngigkeit der Whlermassen besteht, kann das allgemeine Stimmrecht
nicht einmal als der wirkliche Ausdruck des Volkswillens betrachtet
werden, ganz abgesehen davon, dass dieser allgemeine Volkswille durchaus
nicht immer das Richtige trifft, sondern sich mitunter in den grssten
Gegenstzen bewegt. Braucht man doch zum schlagenden Beweise dessen nur an
das bekannte Plebiszit des dritten Napoleon zu erinnern, welcher
nichtsdestoweniger wenige Jahre spter, nachdem er den allgemeinen Hass
der Nation auf sich geladen hatte, mit Schimpf und Schande davon gejagt
wurde. Oder an die Proklamierung der Volkssouvernitt in Frankreich im
Jahre 1789, welche whrend eines ganzen Jahrhunderts nur fortwhrend auf-
und abwogende politische Kmpfe zwischen den verschiedensten Meinungen und
Regierungsformen ohne positives Resultat zur Folge gehabt hat! Wenn der
Arbeiter nach der Weisung seines Arbeitgebers, der Beamte nach derjenigen
seiner Regierung, der katholische Whler blindlings nach dem Kommando
seiner Priester oder Kaplne stimmt, oder wenn der Bauer demjenigen
zujubelt, der ihn durch Anwendung oratorischer oder materieller Mittel fr
sich zu gewinnen versteht, wenn endlich das Interesse des Volkes oder der
Whler selbst an der Wahl ein so geringes ist, dass es nur durch
knstliche Aufstachelung erregt werden kann, so wird man zugestehen
mssen, dass das Resultat einer solchen Wahl oft sehr wenig nach Vernunft
und Gerechtigkeit schmecken wird. Die grosse Masse mit ihrer Unbildung
oder Unwissenheit, ihrer Denkfaulheit, ihrer Unselbstndigkeit und
materiellen Abhngigkeit, ihrer Unterwrfigkeit unter Herkommen und
Gewohnheit oder mit ihrer ganzen grobmaterialistischen Weise, zu
denken und zu fhlen, ist das grosse Hemmnis an der Uhr der
Menschheitsentwicklung, welche diese Entwicklung zurckhlt und oft die
riesigsten Anstrengungen einer aufgeklrten und fr das Wohl der
Menschheit begeisterten Minderheit mehr oder weniger vereitelt.

Das unbegrenzte Vertrauen der Sozialdemokratie in das allgemeine
Stimmrecht fr Verwirklichung ihrer Zukunftsplne drfte daher zum
mindesten als sehr zweifelhaft bezeichnet werden. Wre dieses aber auch
nicht der Fall, und sollte es gelingen, die Arbeitermassen so unter den
Ruf ihrer Fhrer zu zwingen, dass diese auf dem Wege des allgemeinen
Stimmrechts die politische Macht in ihre Hnde zu bekommen Aussicht
htten, so wrde man, wie bereits bemerkt, seitens der herrschenden
Klassen lngst einer solchen Eventualitt durch geeignete Massregeln
vorgebeugt oder aber sich auf einen ernsten Konflikt vorbereitet haben.
Also bliebe auch hier wieder nur der Weg gewaltsamer Einwirkung oder der
Revolution, deren Ausgang mindestens sehr zweifelhaft sein und welche
vielleicht oder wahrscheinlich das Gegenteil des von der Sozialdemokratie
Gewollten zur Folge haben wrde.

Die zweite der aufgestellten Forderungen verlangt =direkte Gesetzgebung
durch das Volk=, wobei es aber gnzlich unklar gelassen wird, wie man sich
eine solche Einrichtung des nheren vorstellt Vielleicht hat man an die
Schweiz gedacht, wo die Annahme oder Verwerfung wichtiger Gesetzesentwrfe
durch direkte Volksabstimmung entschieden wird. Was aber in der kleinen
Schweiz mglich ist, ist es nicht in grossen Staaten, wo eine solche
Volksabstimmung die grssten Unzutrglichkeiten haben msste. Auch darf
man nicht vergessen, dass diese Abstimmungen infolge der Dummheit und
Unbildung der grossen Massen oft in sehr reaktionrem Sinne ausfallen und
die wohlthtigsten Reformen vereiteln. In streng katholischen Lndern oder
Gegenden wren davon die schwersten Gefahren fr Geistes- und
Gewissensfreiheit, welche hohen Gter doch auf der Fahne der
Sozialdemokratie stehen, sicher zu erwarten.

Der dritte Punkt verlangt =Volkswehr an Stelle der stehenden Heere=. So
berechtigt eine solche Forderung an und fr sich ist, so thricht ist sie
doch unter der Konstellation der augenblicklichen politischen,
Verhltnisse. Fr das zwischen zwei grossen, zum Angriff bereiten
Militrmchten eingekeilte Deutschland wrde die Erfllung einer solchen
Forderung der reine politische Selbstmord sein, abgesehen davon, dass die
Vornahme einer so tiefgreifenden Umnderung uns fr krzere oder lngere
Zeit in einen Zustand militrischer Schwche oder Unfhigkeit versetzen
msste, der uns zur willkommenen Beute unsrer raubgierigen Nachbarn machen
wrde.

Was die diesem Programmpunkt angehngte Forderung der Schlichtung =aller
internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege betrifft=, so
ist diese Forderung diejenige aller aufrichtigen Friedensfreunde, aber fr
die Gegenwart leider wie so viele andre sozialdemokratische Wnsche
verlorene Liebesmh.

Der vierte Punkt verlangt mit Recht die Beseitigung aller
polizeilichen Einschrnkungen der =freien Meinungsusserung= und des
=Versammlungsrechtes=. In einem freien oder Volksstaat drfte sich das so
sehr von selbst verstehen, dass dessen Erwhnung in dem Programm als ganz
berflssig erscheint.

Der fnfte Punkt verlangt =politische und soziale Gleichstellung der
Frau mit dem Manne=, -- eine Forderung, mit welcher auch
nicht-sozialdemokratische Gelehrte und Schriftsteller vielfach
bereinstimmen, welche also nicht als charakteristisch fr das
sozialdemokratische Programm angesehen werden kann.

Dasselbe gilt von dem sechsten Punkt, welcher die so oft von allen
vorgeschrittenen politischen Parteien verlangte und in Amerika lngst
durchgefhrte =Trennung des Staates von der Kirche= verlangt.

Nicht minder aber auch von dem siebenten Punkt, welcher Weltlichkeit der
Schule und den bereits vielfach eingefhrten obligatorischen,
unentgeltlichen =Volksunterricht= fordert.

Der achte Punkt verlangt abermals Dinge, die lngst als Forderungen
liberaler Gesetzgebung anerkannt sind, wie Unentgeltlichkeit der
=Rechtspflege=, Berufungsrecht, Entschdigung unschuldig Verurteilter,
Abschaffung der Todesstrafe, Dabei findet sich aber auch die Forderung der
=Rechtsprechung durch vom Volk gewhlte Richter=. Das Beispiel Amerikas,
wo diese Einrichtung Korruption und Bestechlichkeit grossgezogen hat,
htte die Verfasser des Programms von der Einfgung dieses Punktes
abhalten sollen.

=Die Unentgeltlichkeit des rztlichen Beistandes= (mit Einschluss der
Totenbestattung), welche der neunte Punkt verlangt, mag ihre Vorteile
haben, hat aber andrerseits auch ihre grossen Nachteile. brigens ist
durch Einrichtung des Krankenkassenwesens dieser Forderung wenigstens bis
zu einem gewissen Grade bereits Genge gethan.

Der zehnte Punkt bezieht sich auf die wichtige Frage der =Besteuerung=,
ber deren Einzelheiten bekanntlich die auseinandergehendsten Meinungen
bestehen. Im allgemeinen decken sich die sozialdemokratischen Forderungen
in diesem Punkt so ziemlich mit denjenigen aller Fortschrittsfreunde.

An diese zehn Punkte schliesst sich eine Reihe von Forderungen an, welche
speziell =zum Schutze der Arbeiterklasse= aufgestellt sind. Dabei muss
denn vor allem wieder der Ausdruck Arbeiterklasse Wunder nehmen, da
doch, wie bereits bemerkt, der erbittertste Kampf der Sozialdemokratie
gegen alle Klassengegenstze und gegen den sogenannten Klassenstaat
gerichtet ist. Wie lsst sich damit die Aufstellung einer besondern, von
der brigen Gesellschaft abgesonderten Arbeiterklasse vereinigen, unter
welcher, wenn man der Sache auf den Grund geht, doch nur die besitzlosen
Handarbeiter verstanden sein knnen? Warum sollen diese Handarbeiter eine
besondre Klasse bilden? In einem richtig organisierten Staate sind =alle=
Arbeiter oder sollen es sein, einerlei ob sie mit Hand oder Fuss oder Kopf
oder sonst irgendwie arbeiten; daher ein Gegensatz oder Unterschied
zwischen Arbeitern im sozialdemokratischen Sinne und den brigen
Staatsangehrigen gar nicht mehr gemacht werden kann. Dennoch verlangt das
sozialdemokratische Programm fr seine Arbeiter einen besonderen Schutz
des Staates und zwar in folgenden Punkten:

An =erster= Stelle steht die bekannte Forderung des =Normalarbeitstages=
von acht Stunden -- eine Forderung, welche bekanntlich nur auf
internationalem Wege mit Erfolg durchgefhrt werden knnte und daher, so
lange eine solche Durchfhrung nicht in Aussicht steht, als utopistisch
bezeichnet werden muss. Dazu kommt, dass die Mehrzahl der Arbeiter selbst
von einer solchen Bestimmung nichts wissen will, da sie darin eine schwere
Beschrnkung der persnlichen Freiheit und eine Beeintrchtigung ihres
Verdienstes erblicken, In klaffendem Widerspruch mit dieser Forderung
steht brigens die durch die Zeitungen bekannt gewordene Thatsache, dass
in den sozialdemokratischen Partei-Druckereien in Berlin und Frankfurt a.
M. ein neun- bis zehnstndiger Arbeitstag besteht. -- Nhere Bestimmungen
beziehen sich auf Verbote der Kinder- und (unntigen) Nachtarbeit, auf
eine bestimmte Ruhepause und Verbot des Drucksystems, welchen Forderungen
man umsomehr zustimmen kann, als es zur Durchfhrung derselben keines
sozialdemokratischen Staates bedarf.

Die an =zweiter= Stelle aufgefhrten Forderungen beziehen sich teils auf
staatliche berwachung der gewerblichen Betriebe und gewerblichen
Hygieine, teils auf Errichtung einer Art von Arbeitsministerium. Der
ersten Forderung ist bereits durch Anstellung staatlicher
Fabrikinspektoren in den meisten Kulturlndern mehr oder weniger Genge
geschehen, whrend sogenannte Arbeitsministerien unsres Wissens bis jetzt
nur in Frankreich eingefhrt, in ndern Lndern durch Gewerbs- und
landwirtschaftliche Behrden ersetzt sind.

Der =dritte= Punkt verlangt rechtliche Gleichstellung der
landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen
Arbeitern. Da in einem Rechtsstaat alle Staatsbrger ohne Ausnahme gleiche
Rechte geniessen, so bleibt dieser Punkt ohne nhere Erluterung unklar.

Der =fnfte= und letzte Punkt, welcher bernahme der gesamten Arbeiter
Versicherung durch den Staat verlangt, trifft mehr oder weniger mit der
dritten unsrer eigenen sozialreformatorischen Forderungen zusammen und
bleibt nur bezglich der von uns verlangten obligatorischen Versicherung
fr alle Staatsbrger ohne Ausnahme weit hinter derselben zurck.

Was dagegen die noch weiter angefgte Forderung der massgebenden
Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung betrifft, so hat sich der
Verfasser des Programms wohl nicht ganz klar gemacht, was er damit sagen
will. Verwalten ist etwas ganz anderes und erfordert ganz andre
Fhigkeiten und Kenntnisse, als den Hammer schwingen oder die Nadel
fhren; und die Herren Arbeiter werden daher notgedrungen gar nicht anders
knnen, als diese Thtigkeit ndern, dazu besser befhigten Krften zu
berlassen. Wie wenig die Arbeiter, wenn sie unter sich sind, im Stande
sind, ihre eignen Angelegenheiten zu verwalten, hat sich ja bei
tausendfaltigen Gelegenheiten gezeigt. Uneinigkeit, Neid, Mangel an
gegenseitigem Vertrauen oder an Geschftskenntnis, nicht selten
Unehrlichkeit der Fhrer oder Kassierer, mangelhafte Verwaltung u. s. w.
haben ja bekanntlich die grosse Mehrzahl der von Arbeitern gegrndeten
sogenannten Produktiv-Assoziationen alsbald wieder zu Grunde gehen lassen,
whrend die wenigen, welche sich erhalten konnten, ihren idealen Zweck
ganz aus dem Auge verloren, indem die Grnder und Geschftsteilhaber sehr
bald in die Klasse der Bourgeois und kleinen Kapitalisten emporstiegen und
die von ihnen beschftigten Arbeiter nunmehr gerade so als Lohnsklaven
behandelten, wie es die verhassten Kapitalisten und Fabrik-Barone thun.
Man sieht daran recht deutlich, dass den meisten Menschen das
eigene Interesse hher steht, als alles andre, und dass jede
Gesellschafts-Ordnung, welche nicht mit diesem Interesse rechnet und
dasselbe in Einklang mit den Interessen der Gesamtheit zu bringen weiss,
vorerst wenigstens ihr Ziel verfehlt. --

Wirft man nun einen Rckblick auf die hier nach einander aufgefhrten
Punkte des sozialdemokratischen Partei-Programms, so wird man bei
vorurteilsfreier Betrachtung nicht umhin knnen, einzusehen, dass
dieselben mehr oder weniger ohne ernsthaften Hintergrund und in keiner
Weise geeignet sind, das sozialdemokratische Eldorado herbeizufhren. Sie
sind, wie bereits bemerkt, teils unausfhrbar, teils mehr oder weniger
schon ausgefhrt, teils decken sie sich mit lngst anerkannten und
teilweis bereits ausgefhrten Forderungen des brgerlichen Liberalismus
oder der politischen Demokratie. Ihre Aufstellung drfte mehr einem
Bedrfnis der Fhrer, den von ihnen gefhrten Massen etwas Positives an
die Hand zu geben, als einem in der Sache selbst liegenden Bedrfnis
entsprungen sein. Das eigentliche Ziel oder die Umwandlung der gesamtem
Waren-Produktion in eine von der Gesellschaft betriebene bleibt dabei
ebenso unbestimmt und nebelhaft, wie vorher, und deckt sich nicht mit dem
weit grsseren und =alle= Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme umfassenden
Begriff der Arbeit als solcher.

Dagegen ist =mein= Programm der Sozialreform klar, durchsichtig und ohne
Anwendung von Gewalt leicht durchfhrbar, sobald es gelungen sein wird,
die Mehrzahl der Menschen auf friedlichem Wege von der darin liegenden
Gerechtigkeit, sowie von seiner Ntzlichkeit und Notwendigkeit zu
berzeugen. Die Wahl zwischen beiden Wege gesellschaftlicher Befreiung
knnte daher, wie mir scheint, nicht schwer sein.

brigens will Verfasser von der Sozialdemokratie nicht Abschied nehmen,
ohne, ihr das Verdienst zuzugestehen, dass sie einerseits durch ihre
Agitation eine grosse und wichtige Menschenklasse auf das Missliche und
Unbefriedigende ihrer Lebenslage aufmerksam gemacht, und dass sie
andrerseits vielfache Anregung zur Besprechung und Inangriffnahme der
sozialen Frage berhaupt gegeben hat. Dieses Verdienst wird auch ohne
Lsung der sozialen Frage im sozialdemokratischen Sinne fr Herbeifhrung
einer besseren gesellschaftlichen Zukunft seine Frchte tragen.

Sollte sich indessen Verfasser in einer Beurteilung der
sozialdemokratischen Lehren geirrt haben so erklrt er sich gerne bereit,
Belehrung anzunehmen. Ihm gilt es nicht um Beifall, sondern nur um
Wahrheit und Besserung. Denn er hlt es mit dem Narren in =Shakespeares=
Was lhr wollt, der da sagt: Je mehr Freunde, desto schlimmer, je mehr
Feinde, desto besser. Denn durch meine Freunde werde ich hintergangen,
whrend ich durch meine Feinde an Selbsterkenntnis zunehme. Im Hinblick
auf diesen Gedanken glaubt derselbe die vorstehende Auseinandersetzung
schliessen zu drfen mit einer Zitation der schnen Worte unsres grossen
Liederdichters =Rckert=:

    Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen,
    Das sind die Weisen.
    Die beim Irrtum beharren,
    Das sind die Narren.




ANMERKUNGEN


    1 Die Freiheit des menschlichen Willens, Leipzig 1871.

    2 Duisburg 1865.

    3 Allen die Erde, Leipzig 1893.

    4 Die Sozial Wissenschaft nach der Ethnologie, Paris 1880.

    5 Geschichte der Eroberung Perus, Leipzig.

    6 Die sozialen Probleme und das Erbrecht. Mnchen 1892.

    7 Entsprechende thatschliche Nachweise fr diese Behauptung finden
      sich in meiner fter zitierten Schrift ber den Menschen (S.
      CXXXXI-CXXXXV.)

    8 Sozialdemokratie und Sozialliberalismus Dresden und Leipzig 1891.



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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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