The Project Gutenberg EBook of Der Gehlfe, by Robert Walser

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net


Title: Der Gehlfe

Author: Robert Walser

Release Date: December 23, 2008 [EBook #27598]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHLFE ***




Produced by Jana Srna and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net







  [ Anmerkungen zur Transkription:

    Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
    Im Original nicht in Fraktur gedruckter Text wurde mit _ markiert.

    Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
    lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
    der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.
  ]




                              Der Gehlfe


                                 Roman
                                  von
                             Robert Walser


                       Verlag von Bruno Cassirer
                                Berlin




Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Tre eines
alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. Es wundert
mich beinahe, dachte der Dastehende, da ich einen Schirm bei mir
habe. Er besa nmlich in seinen frheren Jahren nie einen Regenschirm.
In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen braunen
Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von
einer Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen:
C.Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um ber
irgend etwas gewi sehr Belangloses nachzudenken, dann drckte er auf
den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem
Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen.

Ich bin der neue Angestellte, sagte Joseph, denn so hie er. Er solle
nur eintreten und hier, die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins
Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.

Joseph stieg eine Treppe, die eher fr Hhner als fr Menschen gemacht
schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische
Bureau ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging die Tre auf. An
den festen Schritten ber die hlzerne Treppe und am Traufmachen hatte
der Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung besttigte nur
die vorausgegangene Gewiheit, es war in der Tat niemand anderes als
Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur Tobler. Er machte
ziemlich groe Augen, er schien rgerlich zu sein und war es auch.

Warum, sagte er, Joseph strafend anblickend, kommen Sie denn eigentlich
heute schon? Ich habe Sie doch erst fr Mittwoch bestellt. Ich bin noch
gar nicht soweit eingerichtet. Haben Sie's so eilig gehabt? Wa?

Fr Joseph hatte dieses Weglassen des Schlu-s am Was etwas Verchtliches.
So ein verstmmeltes Wort klingt ja auch nicht gerade wie eine freundliche
Liebkosung. Er erwiderte, da man ihn im Stellenvermittlungsbureau darauf
aufmerksam gemacht habe, da er heute, Montag frh, anzutreten habe.
Wenn das ein Irrtum sei, so bitte er um Entschuldigung, er aber knne
wahrhaftig nichts dafr.

Sieh da, wie hflich ich bin! dachte der junge Mann und mute
innerlich unwillkrlich ber sein Betragen lcheln.

Tobler schien nicht geneigt, sofort entschuldigen zu wollen. Er redete
noch einige Male um dieselbe Sache herum, wobei sein ohnehin roter Kopf
emprt zu errten begann. Er begriff nicht, es nahm ihn dies und jenes
Wunder, schlielich, nachdem sich sein Erstaunen ber den
vorgekommenen Fehler beruhigt hatte, meinte er zu Joseph schrg hinber,
er knne dableiben.

Fortschicken kann ich Sie ja jetzt doch nicht mehr. -- Haben Sie
Hunger? setzte er hinzu. Joseph bejahte ziemlich gleichmtig. Er
wunderte sich aber sogleich ber die Ruhe seiner Antwort. Vor einem
halben Jahr noch, dachte er rasch, wrde mich die Hochbeschaffenheit
einer derartigen Frage eingeschchtert haben, und wie!

Kommen Sie, sagte der Ingenieur. Mit diesen Worten fhrte er seinen
neuangeworbenen Beamten ins Ezimmer hinauf, das im Erdgescho gelegen
war. Das Bureau lag unter der Erdlinie im Keller. Im Wohn- und Ezimmer
sprach der Herr folgendes:

Setzen Sie sich. Irgendwo, das ist ganz egal. Und essen Sie, bis Sie
satt sind. Hier ist Brot. Schneiden Sie soviel davon ab wie Sie wollen.
Genieren Sie sich nur nicht. Schenken Sie nur mehrere Tassen ein. Kaffee
ist genug da. Und da ist Butter. Die Butter ist zum Zugreifen da, wie
Sie sehen. Und da haben Sie auch Konfitre, falls Sie ein Liebhaber
davon sind. Wollen Sie Bratkartoffeln dazu essen?

O ja, warum nicht, ganz gern, hatte Joseph den Mut zu sagen. Worauf
Herr Tobler nach Pauline, der Magd, rief und ihr auftrug, das Gewnschte
rasch zuzubereiten. Nachdem das Frhstck beendet war, gab es unten im
Kontor, inmitten der Zeichenbretter und Zirkel und umherliegenden
Bleistifte, zwischen beiden Mnnern ungefhr folgende Auseinandersetzung:

Er msse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen Kopf als Angestellten haben.
Eine Maschine knne ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und geistlos
in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er so gut sein und es gleich
auf der Stelle sagen, damit man von Anfang an wisse, woran man mit ihm
sei. Er, Tobler, bentige eine Intelligenz, eine selbstndig arbeitende
Kraft. Wenn Joseph glaube, er sei keine solche, so mge er so freundlich
sein, usw. Hier drckte sich der technische Erfinder in Wiederholungen
aus.

Ach, sagte Joseph, warum sollte ich denn keinen Kopf haben, Herr
Tobler? Was mich betrifft, ich glaube und hoffe des Bestimmtesten, da
ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie glauben
werden, von mir verlangen zu drfen: brigens, meine ich, bin ich hier
oben (das Haus Tobler stund auf einem Hgel) ja vorlufig nur
probeweise. Die Art unseres gegenseitigen bereinkommens hindert Sie in
keiner Weise, mit mir, wenn Sie es fr notwendig erachten,
augenblicklich Schlu zu machen.

Er wolle, fand es Herr Tobler fr passend zu sagen, nicht hoffen, da es
soweit komme. Joseph mge nichts fr ungut nehmen von dem, was er,
Tobler, da soeben gesagt habe. Er habe eben nur geglaubt, gleich von
Anfang an klaren Wein einschenken zu sollen, und er sei der Meinung, da
das fr beide Teile nur vom Guten knne gewesen sein. Alsdann wisse
jeder, woran er mit dem andern sei, und so sei es am besten.

Gewi, bekrftigte Joseph.

Nach dieser Rcksprache wies der Vorgesetzte dem Untergebenen den Platz
an, woran er schreiben knne. Es war dies ein etwas zu enges, schmales
und zu niedrig gebautes Sitzpult mit einer Schieblade, worin sich die
Markenkasse und einige kleinere Bcher befanden. Der Tisch, denn nur
ein solcher war's und gar kein wahrhaftiges Pult, stand dicht an einem
Fenster und an der Gartenerde. Darber hinaus erblickte man in der Tiefe
den ausgedehnten See, weiter das anderseitige Seeufer. Das alles sah
heute sehr trbe aus, denn es regnete noch immer.

Kommen Sie, sagte pltzlich Tobler, und er lchelte in etwas, wie es
Joseph schien, unziemlicher Art zu seinen Worten, meine Frau mu Sie
doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen. Kommen Sie mit,
ich werde Sie ihr vorstellen. Und dann mssen Sie auch das Zimmer sehen,
wo Sie schlafen werden.

Er fhrte ihn hinauf in die erste Etage, wo den beiden eine schlanke,
hohe Frauenfigur entgegentrat. Das war sie. Eine gewhnliche Frau,
wollte rasch der junge Angestellte denken, aber er setzte sogleich in
Gedanken hinzu: und doch nicht. Die Dame betrachtete den Neuen
ironisch und gleichgltig, aber ohne Absicht. Beides, das Kalte und das
Ironische, schien ihr angeboren zu sein. Sie streckte ihm nachlssig, ja
sogar trge die Hand dar, er ergriff sie und verneigte sich vor der
Herrin des Hauses. So nannte er sie im geheimen, nicht, um sie zu
etwas Schnerem zu erheben, im Gegenteil, um sie rasch im stillen zu
krnken. Diese Frau benahm sich in seinen Augen entschieden zu
hochmtig.

Ich hoffe, es wird Ihnen hier bei uns gefallen, sagte sie mit einer
seltsam hochklingenden Stimme und verzog dazu ein wenig ihren Mund.

Ja, sag du das nur. Sehr hbsch. Ei seht mal, wie freundlich. Wollen ja
sehen. Auf diese Art hielt es Joseph fr angezeigt, fr sich ber jene
wohlwollenden Worte nachzudenken. Alsdann wurde ihm sein Zimmer gezeigt,
es lag oben im kupfernen Turm, es war also ein Turmzimmer, gewissermaen
ein romantisches und vornehmes. brigens erschien es hell, luftig und
freundlich. Das Bett war sauber, o ja, in solch einem Zimmer wrde
sich's wohnen lassen. Nicht bel. Und Joseph Marti, so hie er mit
seinem ganzen Namen, legte den Koffer, den er mit hinaufgenommen hatte,
auf dem Parkettboden ab.

Spter wurde er in die Geheimnisse der Toblerschen geschftlichen
Unternehmungen kurz eingeweiht und mit den Pflichten, die er zu erfllen
hatte, im allgemeinen vertraut gemacht. Es ging ihm dabei eigentmlich,
er verstand nur die Hlfte. Was denn nur mit ihm sei, dachte er und
machte sich Vorwrfe: Bin ich ein Betrger, ein Schwtzer? Will ich
Herrn Tobler hintergehen? Er verlangt einen 'Kopf' und ich, ich bin
heute absolut kopflos. Vielleicht da es morgen frh oder bereits heute
abend besser geht.

Das Mittagessen schmeckte ihm ausgezeichnet.

Wiederum dachte er besorgt. Wie? Hier sitze ich und esse, wie es mir
seit vielleicht Monaten nicht mehr gemundet hat, und kapiere nichts von
den Winkelzgen der Unternehmungen Toblers? Ist das nicht Diebstahl? Das
Essen ist wundervoll, es erinnert mich lebhaft an zu Hause. Solche Suppe
hat Mutter gemacht. Wie krftig und saftig das Gemse ist, und das
Fleisch. Wo kriegt man in der Grostadt dergleichen?

Essen Sie, essen Sie, trieb Tobler an, in meinem Haus wird tapfer
gegessen, haben Sie das verstanden? Nachher wird aber auch gearbeitet.

Der Herr sehe, er esse ja, erwiderte Joseph mit einer Schchternheit,
die ihn beinahe zornig machte. Er dachte: Wird er mich nach acht Tagen
auch noch zum Essen antreiben? Wie schmachvoll, zu empfinden, wie sehr
mir dieses fremde Essen schmeckt. Werde ich diesen unverschmten Appetit
durch entsprechende Leistungen rechtfertigen?

Er nahm sich von jeder Speise noch einmal auf seinen Teller. Ja, er kam
aus den Tiefen der menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen,
schweigsamen, kargen Winkeln der Grostadt. Er hatte seit Monaten
schlecht gegessen.

Ob man ihm dies etwa anmerke, dachte er und errtete.

Ja, ein ganz klein wenig merkten das Toblers sicher. Die Frau
betrachtete ihn mehrfach fast mitleidig. Die vier Kinder, zwei Mdchen
und zwei Knaben, sahen ihn wie etwas Wildfremdes und Sonderbares von der
Seite her an. Diese ungeniert fragenden und forschenden Blicke
entmutigten ihn. Solche Blicke erinnern eben an die Angeflogenheit an
etwas Fremdes, an die Behbigkeit dieses Fremden, das fr sich eine
Heimat darstellt, und an die Heimatlosigkeit desjenigen, der nun so
dasitzt und die Pflicht hat, sich mglichst rasch und guten Willens in
das behagliche fremde Bild heimatlich einzufgen. Solche Blicke machen
einen frieren im heiesten Sonnenschein, sie dringen kalt in die Seele,
bleiben da einen Moment kalt liegen und verlassen sie wieder, wie sie
gekommen sind.

So. Jetzt an die Arbeit, rief Tobler. Und beide verlieen den Tisch
und begaben sich, der Herr voran, in das Bureau hinunter, um da, wie der
Befehl lautete, zu arbeiten.

Rauchen Sie?

Ja, Joseph rauche ganz gern.

Nehmen Sie sich einen Zigarrenstumpen aus dem blauen Paket dort. Sie
drfen whrend der Arbeit ruhig rauchen. Ich tu's ja auch. So. Und nun
sehen Sie einmal hierher, das da, aber sehen Sie sie ordentlich an, sind
die zur 'Reklame-Uhr' erforderlichen Papiere. Knnen Sie gut rechnen? --
Dann um so besser. Es handelt sich nun in erster Linie -- was tun Sie
da? Mein junger Mann, die Asche gehrt in den Aschenbecher. Ich habe
gern Ordnung zwischen meinen eigenen vier Wnden -- also in erster Linie
handelt es sich, nehmen Sie einen Bleistift zur Hand, nun, sagen wir, um
die Zusammenstellung, um die genaue Gewinnberechnung dieses
Unternehmens. Nehmen Sie Platz hier, ich werde Ihnen sogleich die
ntigen Angaben machen. Und da Sie mir geflligst aufpassen, denn ich
sage meine Sachen nicht gern zweimal.

Werde ich taugen? dachte Joseph. Es war wenigstens gut, da zu einer
so schwierigen Arbeit geraucht werden durfte. Ohne Zigarrenstumpen wrde
er jetzt an der Rechtbeschaffenheit seines Kopfes ehrlich gezweifelt
haben.

Whrend der Angestellte nun schrieb, wobei ihm der Prinzipal von Zeit
zu Zeit ber die Schulter in die entstehende Leistung hinabblickte,
spazierte dieser, eine krumme, langstielige Zigarre zwischen den
schnen, blendend weien Zhnen tragend, im Bureau auf und ab, um
allerhand Zahlen anzugeben, die jeweils flink von einer heute noch ein
wenig ungebten Angestelltenhand nachgezeichnet wurden. Der bluliche
Rauch hllte beide arbeitende Gestalten bald gnzlich ein, drauen vor
den Fenstern schien sich das Wetter aufhellen zu wollen, Joseph warf ab
und zu einen Blick durch die Scheibe und merkte die Vernderung, die
sich leise am Himmel vollzog. Einmal bellte der Hund vor der Tre.
Tobler trat auf einen Moment hinaus, um das Tier zu beruhigen. Nach
Verlauf zweier Arbeitsstunden lie Frau Tobler durch eines der Kinder
zum Nachmittagskaffee rufen. Es sei drauen im Gartenhaus gedeckt, weil
das Wetter sich gebessert habe. Der Chef ergriff seinen Hut und sagte zu
Joseph, er solle jetzt Kaffeetrinken gehen und nachher das flchtig
Geschriebene ins reine setzen, bis er damit fertig sei, werde es wohl
Abend geworden sein.

Dann ging er. Joseph sah ihn den Hgel durch den abstrzenden Garten
hinuntergehen. Welch eine stattliche Figur er hat, dachte er, er blieb
noch eine ganze Weile so stehen und begab sich dann zum Kaffee in das
hbsche, grnangestrichene Gartenhaus.

Whrend des Imbisses fragte ihn die Frau: Sind Sie stellenlos gewesen?

Ja, antwortete Joseph.

Lange?

Er gab ihr Auskunft, und sie seufzte jedesmal, wenn er von gewissen
klglichen Menschen und Menschenverhltnissen sprach. Sie tat das ganz
leicht und obenhin, und sie behielt auerdem die jeweiligen Seufzer
lnger als gerade ntig war im Mund, als habe sie sich jedesmal an der
Annehmlichkeit dieses Tons und Empfindens weiden knnen.

Gewissen Menschen, dachte Joseph, scheint es Vergngen zu machen, an
bedauerliche Dinge zu denken. Wie diese Frau Nachdenklichkeit mimt. Sie
seufzt, wie andere lachen, genau so frhlich. Ist das jetzt meine
Herrin?

Spter strzte er sich in seine Reinschrift. Es wurde Abend. Morgen frh
wrde es sich ja zeigen, ob er eine Kraft oder eine Null, eine
Intelligenz oder eine Maschine, ein Kopf oder ein Hohlkopf sei. Fr
heute war es seines Erachtens nach genug. Er rumte seine Arbeit
zusammen und ging in sein Zimmer, froh darber, fr eine kleine Zeitlang
allein sein zu drfen. Er fing nicht ohne Wehmut an, seinen Handkoffer,
seine ganze Besitzung, langsam, Stck fr Stck, auszupacken, wobei er
der unzhlbaren Umzge gedachte, zu deren Erledigung er sich nun schon
so viele Male dieses Kfferchens bedient hatte. Schlichte Sachen werden
einem so lieb, das empfand der junge Angestellte. Wie es ihm hier
bei Tobler wohl gehen werde, fragte er sich, whrend er die paar
Wschestcke, die er besa, in absichtlich suberlichster Manier in den
Schrank legte: Gut oder schlecht, ich bin einmal da, gehe es wie es
gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mhe zu geben, indem er
ein Knuel alter Faden, Bindfadenteile, Halsbinden, Knpfe, Nadeln und
abgerissene Leinenfetzen auf den Fuboden warf. Wenn ich nun schon
einmal hier esse und schlafe, will ich mich geistig und krperlich
dafr auch anstrengen, murmelte er weiter, wie alt bin ich jetzt?
Vierundzwanzig! Das ist keine nennenswerte Jugend mehr. Ich bin
zurckgeblieben im Leben. Er hatte den Koffer geleert und stellte ihn
in eine Ecke. Sobald er glaubte, da es ungefhr Zeit sei, ging er zum
Abendessen, spter noch zur Post ins Dorf hinein, spter schlafen.

                   *       *       *       *       *

Im Laufe des nchsten Tages glaubte er sich mit dem Wesen der
Reklame-Uhr dadurch bekannt gemacht zu haben, da er begreifen
lernte, da dieses gewinnbringende Unternehmen eine dekorative Uhr sei,
die Herr Tobler im Begriff war an Bahnverwaltungen, Restaurateure,
Hoteliers &c. zu verpachten. Solch eine wirklich uerst hbsch
aussehende Uhr, kalkulierte Joseph, wird beispielsweise in einen oder in
mehrere Straenbahnwagen gehngt, und zwar an eine mglichst in aller
Menschen Augen stechende Stelle, damit die fahrenden und reisenden
Mitmenschen ihre Taschenuhren danach richten knnen und jederzeit
wissen, wie spt oder wie frh es am Tage ist. Diese Uhr ist wahrhaftig
nicht schlecht, meinte er allen Ernstes, um so weniger, als sie den
Vorzug hat, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein. Zu diesem Behufe hat
man ihr ja ein einfaches oder doppeltes Adlerflgelpaar aus scheinbarem
Silber oder gar Gold angehngt, zwecks zierlicher Bemalung. Und was wird
man anderes darauf malen wollen als die genauen Adressen von Firmen,
die sich dieser Flgel oder Felder, wie der technische Ausdruck lautet,
zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld;
infolgedessen hat man sich, wie mein Herr, der Herr Tobler, ganz richtig
sagt, an nur erste Handels- und Fabriksfirmen zu wenden. Die Betrge
sind jeweilen zum voraus, und zwar laut auszustellender Vertrge, in
monatlichen Raten, zu bezahlen. Die Reklame-Uhr kann brigens beinahe
berall im In- und Ausland Aufstellung finden. Auf sie setzt, wie es mir
schien, Tobler die wichtigsten Hoffnungen. Freilich kostet die
Herstellung der Uhren und deren kupfernen und zinnernen Zieraten viel
Geld, auch der Dekorationsmaler will ja sein Geld haben, dafr aber
laufen eben die Inseratengelder hoffentlich und sehr wahrscheinlich
regelmig ein. Was sagte doch heute frh Herr Tobler? Er hat ziemlich
viel Geld geerbt, hat nun aber bereits sein gesamtes Vermgen in die
'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spa, zehn- bis zwanzigtausend
Mark in Uhren zu werfen. Gut, da ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt
habe, es scheint mir ein stark im Gebrauch bestehendes, brigens sehr
klipp und klares Wort zu sein, das ich vielleicht schon in nchster Zeit
in meinen Korrespondenzen werde anwenden mssen.

Joseph steckte sich einen Stumpen in Brand.

Eigentlich ein ganz netter Aufenthalt, dieses technische Bureau hier.
Das meiste an der hiesigen Geschftsfhrung ist mir allerdings noch ganz
unverstndlich. Ich habe immer das Neue und Fremde schwer begriffen. Ich
erinnere mich, o ja. Im allgemeinen werde ich von den Leuten fr klger
gehalten als ich bin, manchmal auch nicht. Das alles ist ja berhaupt
so merkwrdig.

Er nahm einen Streifen Papier zur Hand, strich den Firmenkopf mit ein
paar Federstrichen durch und schrieb rasch folgendes:

                              Liebe Frau Wei!

    Sie sind wahrhaftig der erste Mensch, an den ich von hier oben aus
    schreibe. Der Gedanke an Sie ist der erste und leichteste und
    natrlichste von allen den vielen Gedanken, die mir gegenwrtig im
    Kopf surren. Sie werden sich oft ber mein Betragen gewundert haben
    in der Zeit, die ich bei Ihnen zubrachte. Wissen Sie noch, wie Sie
    mich oft aus meinem dumpfen, einsiedlerischen Dasein, aus all meinen
    blen Gewohnheiten haben aufrtteln mssen? Sie sind eine so liebe,
    gute, einfache Frau, und vielleicht erlauben Sie mir, Sie lieb zu
    haben. Wie oft, ja beinahe alle vier Wochen, bin ich zu Ihnen ins
    Zimmer getreten, um Sie kurz zu ersuchen, mit der monatlichen Miete
    Geduld zu haben. Sie haben mich nie gedemtigt, doch ja immer, aber
    mit Gte. Wie dankbar ich Ihnen bin und wie froh ich bin, Ihnen dies
    sagen zu drfen. Was machen und leben Ihre Frulein Tchter? Die
    Grere ist ja nun wohl bald verheiratet. Und Frulein Hedwig, ist
    sie immer noch in der Lebensversicherungsgesellschaft ttig? Wie ich
    frage! Sind diese Fragen nicht uerst dumm, da ich Sie doch erst
    vor zwei Tagen verlassen habe! Mich dnkt, liebe, verehrte Frau
    Wei, ich sei jahre- jahre- und jahrelang bei Ihnen gewesen,
    so schn, ruhig und lang mutet mich der Gedanke an das
    Bei-Ihnen-gewesen-sein an. Kann man Sie kennen gelernt haben,
    ohne da man Sie hat lieben lernen mssen? Sie haben immer zu mir
    gesagt, ich sollte mich schmen, so jung zu sein und dazu so wenig
    unternehmenslustig, weil Sie mich stets haben in meinem dunkeln
    Zimmer sitzen und liegen sehen. Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihr Lachen
    haben mich immer getrstet. Sie sind zweimal so alt wie ich und
    haben zwlfmal so viel Sorgen und erscheinen nur so jung, jetzt noch
    viel mehr als da ich noch bei Ihnen war. Wie konnte ich immer so
    wortkarg zu Ihnen sein. brigens bin ich Ihnen ja noch Geld
    schuldig, nicht wahr, und ich bin beinahe froh darber. uere
    Beziehungen knnen dann innere lebendiger erhalten. Zweifeln Sie
    nie an meiner Achtung vor Ihnen. Wie dumm ich spreche. Ich wohne
    hier in einer hbschen Villa und kann des Nachmittags jeweilen im
    Gartenhaus, wenn schnes Wetter ist, Kaffee trinken. Mein Chef ist
    zurzeit ausgegangen. Das Haus liegt auf einem, man darf sagen,
    grnen Hgel, unten neben der Landstrae, hart am Seeufer, fhrt die
    Eisenbahn vorbei. Ich wohne sehr nett in einem, es kommt mir ganz
    herrschaftlich vor, hochgelegenen Turmzimmer. Mein Herr scheint ein
    braver Mann zu sein, etwas hochtrabend. Mglich, da es zwischen uns
    eines Tages persnliche Keilereien gibt. Ich wnsche es nicht.
    Wirklich nicht, denn ich mchte in Frieden leben. Leben Sie wohl
    Frau Wei. Ich habe mir ein schnes, wertvolles Bild von Ihnen
    bewahrt, es lt sich nicht einrahmen aber ebenso wenig vergessen.

Joseph faltete den Streifen zusammen und steckte ihn in ein Kuvert.
Er lchelte. Fr ihn hatte das Andenken dieser Frau Wei etwas
Freundliches, warum, darber wute er selber kaum recht Bescheid. Da
hatte er nun an eine Frau geschrieben, die dem Eindruck zufolge, den er
ihr von seiner Person hinterlassen hatte, einen so raschen und beinahe
gefhlvollen Brief gar nicht erwarten durfte und sicher auch nicht
gewrtigte. Hatte die zufllige Menschenbekanntschaft einen so groen
Einflu auf ihn? Liebte er es, zu berraschen und zu behexen? Aber der
Brief schien ihm nach kurzer Durchsicht und Prfung passend und er
machte sich, da es ohnehin Zeit dazu war, auf den Weg zur Post.

Mitten im Dorf blieb pltzlich ein von oben bis unten ruiger junger
Mensch vor ihm stehen, schaute ihn lachend an und streckte ihm die Hand
entgegen. Joseph spielte den Erstaunten, da er sich wirklich nicht
entsinnen knnte, an welchem Ort und zu welcher Zeit im bisherigen Leben
ihm diese schwarze Erscheinung konnte begegnet sein. Du auch hier,
Marti? rief der Mensch, und nun erkannte ihn Joseph, es war ein Kamerad
aus der krzlich erst berstandenen Militrdienstzeit, er begrte ihn,
schtzte aber dringende Auftrge vor und verabschiedete sich wieder.

Ja, das Militr, dachte er, indem er seines Weges weiter ging, wie
wirft es die Menschen aus allen nur denkbaren Lebensgebieten auf einen
einzigen Empfindungspunkt zusammen. Kein so feinerzogener, im brigen
gesunder, junger Mensch lebt im Lande, der es sich nicht eines Tages
mte gefallen lassen, aus seiner bisherigen, sortierten Umgebung
herauszutreten, um mit dem erstbesten, ebenfalls jungen Bauern,
Kaminfeger, Arbeiter, Kommis oder gar Tunichtgut gemeinschaftliche Sache
zu machen. Und welche gemeinschaftliche Sache! Die Luft in der Kaserne
ist fr einen jeden dieselbe, sie wird fr den Baronensohn fr gut
genug, und fr den geringsten Landarbeiter fr angemessen befunden. Die
Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen groen, bis
heute noch immer unerforschten Abgrund, in die Kameradschaft. Diese
herrscht, denn sie fat alles zusammen. Die Hand des Kameraden ist fr
keinen eine unreine, sie darf es nicht sein. Der Tyrann Gleichheit ist
oft ein unertrglicher, oder scheint es zu sein, aber was fr ein
Erzieher ist er, was fr ein Lehrer. Die Brderlichkeit kann mitrauisch
und kleinlich im kleinen sein, sie kann aber auch gro sein, und sie ist
gro, denn sie besitzt die Meinungen, die Gefhle, die Krfte und Triebe
aller. Wenn ein Staat es versteht, den Sinn der Jugend in diesen Abgrund
zu lenken, der gro genug wre fr die Erde wieviel mehr fr ein
einzelnes Land, so hat er sich damit nach allen offenen Richtungen hin,
an allen vier Grenzen, mit Festungen umgeben, die unbezwinglich sind,
weil es lebendige, mit Fen, Gedchtnissen, Augen, Hnden, Kpfen und
Herzen ausgestattete Festungen sind. Den jungen Leuten tut wahrhaftig
eine strenge Lehre not.

Hier unterbrach der Angestellte seine Gedanken.

In der Tat, er rede und denke da wie ein Feldhauptmann, dachte er
lachend. Bald darauf befand er sich wieder zu Hause.

                   *       *       *       *       *

Joseph hatte in einer Elastique-Fabrik gearbeitet, ehe er zum Militr
kam. Er erinnerte sich jetzt jener vormilitrischen Zeit und sah vor
sich ein altes, lngliches Gebude, einen schwarzen Kiesweg, eine enge
Stube und ein bebrilltes, strenges Prinzipalengesicht. Er war dort, wie
man sagt, aushilfsweise engagiert gewesen, nur so vorbergehend. Er
schien mit seiner ganzen Persnlichkeit nur ein Zipfel, ein flchtiges
Anhngsel zu sein, ein nur einstweilen geschlungener Knoten. Beim
Antritt der Stellung war ihm bereits lebhaft der Austritt aus derselben
vor Augen getreten. Der Lehrling im Elastique-Geschft war ihm in allem
ber. Joseph mute diesen unausgewachsenen Menschen bei jeder
Gelegenheit um Rat fragen. Aber eigentlich krnkte ihn das nicht einmal.
O er war schon an so vieles gewhnt gewesen. Er arbeitete kopflos, das
heit, er mute sich gestehen, da ihm mancherlei durchaus notwendige
Kenntnisse abhanden gekommen waren. Gewisse, fr andere Menschen
erstaunlich leicht zu erfassende Dinge prgten sich ihm so merkwrdig
schwer ein. Was war da zu machen gewesen. Sein Trost und sein Gedanke
war die Vorbergnglichkeit der Stellung. Er wohnte bei einem alten,
spitznasigen und -mundigen Frulein, die eine sehr sonderbare, hellgrn
gestrichene Stube bewohnte. Auf einer Etagere befanden sich einige alte
und moderne Bcher. Das Frulein war, wie es schien, eine Idealistin,
aber keine feurige, sondern eher eine durch und durch erfrorene. Joseph
bekam rasch heraus, da sie einen eifrigen Liebesbriefwechsel
unterhielt, und zwar, wie er eines Tages aus einem achtlos auf dem
runden Tisch liegenden, langen Schreiben ersah, mit einem nach
Graubnden ausgewanderten Buchdrucker oder Architektenzeichner, er
konnte sich dessen jetzt nicht mehr so recht genau entsinnen. Er las
rasch den Brief, er hatte das Gefhl, da er dadurch keine sehr
bedeutende Ungerechtigkeit begehe. brigens war der Brief kaum der
verstohlenen Lektre wert, man htte ihn ruhig drfen an alle Sulen der
Stadt plakatieren, so wenig Geheimnisvolles und dem Fernstehenden
Unverstndliches enthielt er. Er war den Bchern, die die Welt liest,
nachgeschrieben und enthielt vorzugsweise khnlinierte und schraffierte
Reisebeschreibungen. Die Welt sei doch herrlich, hie es da, wenn man
sich die Mhe nehme, sie zu Fu zu durchwandern. Dann wurden der Himmel,
die Wolken, die Halden, die Geien, Khe, Kuhglocken und die Berge
beschrieben. Wie wichtig das alles war. Joseph hatte eine kleine Stube
nach hinten gehend inne, dort las er. Sowie er nur dieses Stbchen
betrat, fing ihm auch gleich die Bcherlektre ber den Kopf zu flattern
an. Er las da so einen von jenen groen Romanen, an denen man monatelang
lesen kann. Die Kost hatte er in einer Pension von Technikumsschlern
und Kaufmannslehrlingen. Er hatte groe Mhe, sich mit dem jugendlichen
Volk einigermaen zu unterhalten und schwieg daher meist bei Tisch. Wie
war das alles fr ihn erniedrigend. Auch da war er ein Knopf, der nur
lose hing, den man gar nicht mehr festzunhen sich abmhte, da man zum
voraus wute, da der Rock doch nicht lange getragen werde. Ja, seine
Existenz war nur ein provisorischer Rock, ein nicht recht passender
Anzug. Nahe bei der Stadt lag ein runder, mig hoher Rebhgel, der oben
mit Wald gekrnt war. Nun, das war frs Spazierengehen ganz artig. Die
Sonntagvormittage verlebte Joseph regelmig dort oben, whrend welcher
Erholung er sich jedesmal in ferne, beinahe krankhaft schne Trumereien
verwickelt sah. Unten in der Fabrik ging es weniger schn zu, trotz des
zunehmenden Frhlings, der seine kleinen duftenden Wunder an den Bumen
und Struchern zu entfalten begann. Der Prinzipal machte Joseph eines
Tages ganz gehrig herunter, ja, er machte ihn schlecht, er nannte ihn
geradezu einen Betrger, und weswegen? Das war auch wieder so eine
Kopftrgheit gewesen. Hohle Kpfe knnen ja nun allerdings einem
Handelsgeschft erheblichen Schaden zufgen. Man kann schlecht rechnen,
oder aber, und das ist das Schlimme, man rechnet einfach gar nicht.
Fr Joseph war es so schwer gewesen, eine in englischer Pfundwhrung
aufgestellte Zinsenrechnung zu prfen. Dazu fehlten ihm die paar
Kenntnisse, und statt das nun offen dem Geschftsherrn einzugestehen,
wovor er sich schmte, setzte er unter die Rechnung, ohne sie wahrhaft
geprft zu haben, die lgnerische Besttigung. Er schrieb mit Bleistift
ein M zu der Schluzahl, was so viel zu bedeuten hatte als die feste und
ruhige Tatsache des Richtigbefundes. An diesem einen Tage nun kam es
pltzlich durch eine mitrauische Frage seitens des Prinzipals heraus,
da die Prfung nur geschwindelt, und da ja Joseph gar nicht imstande
war, eine derartige Rechnung im Kopf zu lsen. Das waren eben englische
Pfund, und Joseph wute mit solchen absolut nicht umzugehen. Er
verdiene, sprach der Vorgesetzte, mit Schimpf und Schande fortgejagt zu
werden. Wenn er etwas nicht verstehe, so sei das keine Unehrenhaftigkeit,
wenn er aber Verstndnis lge, so sei das Diebstahl. Man knne es nicht
anders nennen, und Joseph solle sich in Grund und Boden hinab schmen. O
das war ein tobendes Herzklopfen fr ihn gewesen. Er sprte eine
schwarze, fressende Welle ber seinem ganzen Dasein. Die eigene, sonst,
wie ihm immer schien, nicht schlechte Seele schnrte ihn von allen
Seiten zu. Er zitterte so heftig, da die Zahlen, die er eben schrieb,
nachher ungeheuerlich fremd, verschoben und gro aussahen. Aber nach
einer Stunde war ihm so wohl. Er ging zur Post, es war eben schnes
Wetter, er ging so, und da meinte er, ksse ihn alles. Die kleinen sen
Bltter schienen alle in einem liebkosenden, farbigen Schwarm auf ihn
zuzufliegen. Die vorbergehenden, im brigen ganz alltglichen Menschen
sahen so schn aus, zum rein An-den-Hals-werfen. Er schaute glcklich in
alle Grten hinein, zum offenen Himmel hinauf. Wie rein und schn waren
die weien, frischen Wolken. Und das satte, se Blau. Joseph hatte das
eben Vorgefallene, das Wste, nicht vergessen, er trug es beschmt mit
sich, aber es hatte sich in etwas Unbekmmert-Leidvolles, in etwas
Ebenmig-Verhngnisvolles verwandelt. Er zitterte noch ein wenig und
dachte: Also mu man mich mit Demtigungen zur reinen Freude an der
Welt Gottes aufpeitschen? Nach Feierabend trat er gemtlich in einen
ihm wohlbekannten Zigarrenladen. Eine Frau hauste dort, eine womglich,
ja wahrscheinlich und nur zu sehr wahrscheinlich kufliche Frau. Joseph
pflegte sich in ihrem Laden Abend fr Abend auf einen Stuhl zu setzen,
eine Zigarre dazu zu rauchen und zu plaudern mit der Inhaberin. Er
gefiel ihr, das merkte er bald. Wenn ich dieser Frau gefalle, so
erweise ich ihr einen kleinen Dienst, regelmig bei ihr zu sitzen,
dachte er und tat auch so. Sie erzhlte ihm ihre ganze Jugend und
manches Schne und Unschne aus ihrem Leben. Sie alterte schon und hatte
ein ziemlich hlich geschminktes Gesicht, aber gute Augen leuchteten
aus demselben hervor, und ihr Mund: wie oft wird er geweint haben,
dachte Joseph. Er blieb immer artig und hflich bei ihr, als ob dieses
Betragen selbstverstndlich gewesen wre. Einmal streichelte er ihr die
Wangen, und er bemerkte die Freude, die sie ber dieser Bewegung
empfand, sie errtete und ihr Mund zuckte, als ob sie htte sagen
wollen: zu spt, mein Freund. Sie war frher eine Zeitlang Kellnerin
gewesen, aber was hatte das alles zu bedeuten, da doch der ganze
Anhngezipfel nach ein paar Wochen abgetrennt wurde. Der Chef schenkte
Joseph zum Abschied eine Gratifikation, trotz jenes Vorfalles mit der
englischen Geldwhrung, und wnschte ihm Glck in die Kaserne. Jetzt
kommt eine Eisenbahnfahrt durch ein frhlingverzaubertes Land, und dann
wei man nichts mehr, denn von da an ist man nur noch eine Nummer, man
bekommt eine Uniform, eine Patronentasche, ein Seitengewehr, eine
regelrechte Flinte, ein Kppi und schwere Marschschuhe. Man ist nichts
mehr Eigenes, man ist ein Stck Gehorsam und ein Stck bung. Man
schlft, it, turnt, schiet, marschiert und gestattet sich Ruhepausen,
aber in vorgeschriebener Weise. Selbst die Empfindungen werden scharf
berwacht. Die Knochen wollen anfnglich brechen, aber nach und nach
sthlt sich der Krper, die biegsamen Kniescheiben werden zu eisernen
Scharnieren, der Kopf wird frei von Gedanken, die Arme und Hnde
gewhnen sich an das Gewehr, das den Soldaten und Rekruten berall hin
begleitet. Im Traum hrt Joseph Kommandoworte und das Knattern der
Schsse. Acht Wochen lang dauert das so, es ist keine Ewigkeit, aber
bisweilen scheint es ihm eine.

Doch was soll das alles, da er doch jetzt in Herrn Toblers Hause lebt.

                   *       *       *       *       *

Zwei oder drei Tage sind noch keine gar so sehr lange Zeit. Dieser
Zeitraum gengt nicht einmal, um sich in einem Zimmer ganz
zurechtzufinden, wie viel weniger in einem immerhin stattlichen Haus.
Joseph war ja ohnehin schwer von Begriff, wenigstens bildete er sich das
ein, und Einbildungen sind nie gnzlich ohne grundlegende Berechtigung.
Das Toblersche Haus war berdies noch zweiteilig, es bestund aus einem
Wohnhaus sowohl wie aus einem Geschftshaus, und Josephs Pflicht und
Schuldigkeit war, beide Sorten Huser ergrnden zu lernen. Wo Familie
und Geschft so nah beieinander sind, da sie sich, man mchte sagen,
krperlich berhren, kann man das eine nicht grndlich kennen lernen und
zugleich das andere bersehen. Die Obliegenheiten eines Angestellten
liegen in solch einem Haus weder ausdrcklich da noch ausdrcklich dort,
sondern berall. Auch die Stunden der Pflichterfllung sind keine exakt
begrenzten, sondern erstrecken sich manchmal bis tief in die Nacht
hinein, um bisweilen pltzlich mitten am Tag fr eine Zeitlang
aufzuhren. Wer das Vergngen haben darf, nachmittags drauen im
Gartenhaus in Gesellschaft einer gewi gar nicht blen Frau Kaffee zu
trinken, mu nicht bse werden, wenn er abends nach acht Uhr rasch noch
irgend eine dringende Arbeit erledigen soll. Wer so schn zu Mittag
it, wie Joseph, mu dies durch verdoppelte Leistungen wieder gut zu
machen suchen. Wer Stumpen rauchen darf whrend der Geschftsstunden,
der darf nicht brummen, wenn ihn die Herrin des Hauses um einen
huslichen oder familiren Dienst kurz ersucht, auch wenn der Ton, womit
dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher ein befehlshaberischer als ein
schchtern bittender sein sollte. Wer hat alles Annehmliche und
Schmeichelnde immer zusammen? Wer wird so anmaend der Welt gegenber
sein, von ihr nur Kissen zum Daraufruhen zu verlangen, ohne zu bedenken,
da die samtenen und seidenen, mit feinem Flaum gefllten und gestopften
Kissen Geld kosten? Aber Joseph denkt gar nicht so. Man mu bedenken,
da Joseph nie viel Geld auf einmal besessen hat.

Frau Tobler fand an ihm etwas Seltsames, sozusagen Unalltgliches, ohne
ihn aber auch nur im geringsten gut zu beurteilen. Sie fand ihn ziemlich
lcherlich in seinem dunkelgrn gefrbten, abgetragenen und erbleichten
Anzug, aber auch in seinem Benehmen wollte sie etwas Komisches entdeckt
wissen, worin sie in gewisser Beziehung recht hatte. Komisch war sein
undezidiertes Auftreten, sein augenscheinlicher Mangel an
Selbstbewutheit, und komisch waren auch seine Manieren. Hinwiederum
mu bemerkt werden, da Frau Tobler, eine Brgersfrau von echtester
Abstammung, sehr leicht geneigt war, vieles komisch zu finden, was auch
nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise fremd berhren konnte.
Wenn das aber so ist, so wollen wir uns weiter nicht darber aufregen,
da eine solche Frau einen solchen jungen Menschen komisch fand, sondern
berichten, was sie zusammen redeten. Versetzen wir uns wieder in das
Gartenhuschen und in die Fnf-Uhr-Abend-Stunde.

Es ist doch ein prchtiger Tag heute, sagte Frau Tobler.

O ja, es sei wirklich herrlich, sagte seinerseits der Gehlfe. Er drehte
sich, am Tisch sitzend, halb um, und schaute in die bluliche Ferne. Der
See war ganz blablau. Ein Dampfschiff mit klingender Musik fuhr gerade
vorber. Man konnte die wehenden Tcher unterscheiden, die dort unten
von den Vergngungsreisenden geschwenkt wurden. Der Rauch des
Dampfschiffes flog nach hinten und wurde von der Luft eingesogen. Die
Berge am andern Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schne Tag
ber den See verbreitete, kaum zu sehen. Sie schienen aus Seide gewoben
zu sein. Ja, die ganze runde Aussicht war blau, selbst das nahe Grn
und das Rot der Dcher sahen sich blulich an. Man hrte ein einziges
Gesumme, wie wenn die ganze Luft, der ganze durchsichtige Raum leise
gesungen htten. Auch das Summen und Surren hrte und sah sich blau an,
beinahe! Wie schmeckte wieder einmal der Kaffee. Warum denke ich an zu
Hause, an die Kindheit, wenn ich diesen sonderbaren Kaffee trinke?
dachte Joseph.

Die Frau fing an, von der letztjhrigen Sommerfrische am
Vierwaldstdtersee zu reden. Dieses Jahr gebe es, sagte sie, leider
nichts aus so etwas. Keinen Gedanken! Und dann sei es ja hier wirklich
auch ganz schn. Man brauche eigentlich gar keine Sommerfrische mehr,
wenn man so wohnen knne, wie sie. Im Grunde genommen sei man fast immer
sehr unbescheiden, man habe stets Wnsche, und das sei ja auch ganz
natrlich -- Joseph nickte -- aber zuweilen hnele es einer wirklichen
Arroganz.

Sie lachte. Wie seltsam sie lacht, dachte der Untergebene und fuhr
fort zu denken: An diesem Lachen knnte einer, der sich darauf
versteifen wollte, Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend,
wo diese Frau her ist. Es ist ein behindertes Lachen, es kommt nicht
ganz natrlich zum Mund heraus, als wre es frher durch eine
allzupeinliche Erziehung stets etwas im Zaum gehalten worden. Aber es
ist schn und fraulich, ja, es ist sogar ein bichen frivol. Nur
hochanstndige Frauen drfen so lachen.

Inzwischen hatte die Frau lngst weitergesprochen, und zwar von jener
geradezu ideal schnen und traulichen Sommerfrische. Ein junger
Amerikaner habe sie jeden Tag in der Gondel auf den See hinausgerudert.
Das sei noch ein Kavalier gewesen. Und dann war es doch fr eine
verheiratete Frau, wie sie eine sei, reizvoll und neu, einmal ein paar
Wochen ganz allein sein zu knnen und dazu noch in solch einer schnen
Gegend. Ohne Mann und ohne die Kinder. Man brauche dabei noch lange
nicht an was Unfeines zu denken. Man tue den ganzen Tag nichts, esse
kstlich und liege da so im Schatten, unter solch einem herrlichen,
breitstigen Kastanienbaum, wie dort, wo sie das letzte Jahr gewesen
sei, einer war. Solch ein Baum. Immer wieder she sie ihn und sich
selbst drunter. Sie habe auch ein kleines, weies Hndchen gehabt, sie
habe es immer zu sich ins Bett genommen. So ein feines, sauberes
Geschpfchen. Nun, dieses Tier habe sie in dem reizenden Gefhl, das ihr
vorgegaukelt habe, sie sei eine Dame, eine wirkliche Dame, noch
bestrkt. Spter habe sie es weggeben mssen.

Ich mu an die Geschfte gehen, sprach Joseph und erhob sich.

Ob er so fleiig sei?

Nun, man tut, was man fr seine Pflicht hlt. Mit diesen Worten
entfernte er sich. Im Bureau trat ihm eine unsichtbar-sichtbare
Erscheinung entgegen: die Reklame-Uhr. Er setzte sich an den
Schreibtisch und fing an zu korrespondieren. Der Briefbote kam, um eine
Nachnahme zu prsentieren, es war ein geringer Betrag, Joseph bezahlte
aus seiner Privattasche. Dann schrieb er ein paar Briefe im Interesse
der Reklame-Uhr. Was man fr so eine Uhr nicht alles aufwenden mute!

Sie ist wie ein kleines oder groes Kind, solch eine Uhr, dachte der
Angestellte, wie ein eigensinniges Kind, das der bestndigen,
aufopfernden Pflege bedarf, und das nicht einmal dankt dafr. Gedeiht
denn eigentlich dieses Unternehmen, wchst dieses Kind? Man merkt wenig
davon. Ein Erfinder liebt seine Erfindungen. Diese kostspielige Uhr ist
Tobler beinahe ans Herz gewachsen. Was aber denken andere Leute von
dieser Idee? Eine Idee mu hinreien, mu berwltigen, sonst ist es
eine schwere Sache, sie zu praktizieren. Was mich selber betrifft, so
glaube ich fest an die Mglichkeit einer Realisierung derselben, und ich
glaube deshalb daran, weil es meine Pflicht ist, weil ich dafr bezahlt
werde. Zwar, wie steht es denn nun mit meinem Gehalt?

Es war in diesem Punkt tatschlich noch nichts abgemacht worden.

Bis zum Sonntag verlief alles ruhig. Was htte passieren sollen? Joseph
war folgsam und bemhte sich, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen.
Aber warum htte er besonders mimutig sein sollen, wo ja doch vorlufig
nur Ursache zur Zufriedenheit fr ihn vorhanden war. Im Militrdienst
ist er auch nicht verzrtelt worden. In das Wesen der Reklame-Uhr drang
er immer tiefer ein und glaubte bereits, sie vollstndig erfat zu
haben. Was hatte es zu bedeuten, da zwei Wechsel zu je vierhundert Mark
nicht bezahlt wurden. Man schob den Verfalltag dieser Billetts einfach
auf einen Monat hinaus, es war sogar riesig nett fr Joseph, an den
Aussteller der Akzepte schreiben zu drfen: Bitte, haben Sie noch
Geduld. Die Finanzierung meiner Patente lt nur noch kurze Zeit auf
sich warten. Bis dahin wird es mir mglich geworden sein, die flligen
Verpflichtungen prompt einzulsen.

Er hatte mehrere solcher Briefe zu schreiben, und er freute sich ber
die Leichtigkeit, mit der er den gesamten kaufmnnischen Stil
beherrschte.

Das Dorf hatte er bereits halb durchstbert. Zur Post zu gehen war ihm
jedesmal ein groes Vergngen. Es gab zwei Wege, einen dem See entlang,
auf der breiten Landstrae, und einen ber den Hgel, an Obstbumen und
Bauernhusern vorbei. Er whlte fast immer den letztern. Ihm schien das
alles sehr einfach.

Am Sonntag erhielt er von Tobler eine gute, deutsche Zigarre nebst fnf
Mark Taschengeld, damit er sich hie und da etwas leisten knne.

Das Haus lag so schn da in dem hellen Sonnenschein. Es schien Joseph
ein wahres Sonntagshaus zu sein. Er ging den Garten hinunter, die
Badehose in der Hand schwenkend, an den See, zog sich in einer
verfallenen Badehtte, durch deren Bretterritzen die Sonne
hineinleuchtete, behaglich aus und warf sich nachher ins Wasser. Er
schwamm weit hinaus, es war ihm so wohl zumute. Welchem Badenden und
Schwimmenden, wenn er nicht gerade am Ertrinken ist, ist es nicht wohl
zumut? Es kam ihm vor, als wlbe und runde sich die heitere, warme,
glatte Seeoberflche. Das Wasser war frisch und lau zugleich. Vielleicht
strich ein leiser Windzug darber her, oder irgend ein Vogel flog ber
seinem Kopf, hoch in der Luft, daher. Einmal kam er einem kleinen Boot
nahe, ein einzelner Mann sa drin, ein Fischer, der friedlich den
Sonntag verangelte und verschaukelte. Welche Weichheit, welche
schimmernde Helle. Und mit den nackten empfindungsvollen Armen macht man
Schnitte in dieses nasse, saubere, gtige Element. Jeder Sto mit den
Beinen bringt einen ein Stck vorwrts in diesem schnen, tiefen Nassen.
Von unten her wird man von warmen und khlen Strmen gehoben. Den Kopf
taucht man, um den bermut in der Brust zu bewssern, auf kurze Zeit,
den Atem und den Mund und die Augen zudrckend, hinab, um am ganzen Leib
dieses Entzckende zu spren. Schwimmend mchte man schreien, oder nur
rufen, oder nur lachen, oder nur etwas sagen, und man tut's auch. Und
dann von den Ufern her, diese Gerusche und hohen, fernen Formen. Diese
wundervollen hellen Farben an solch einem Sonntagsmorgen. Man pltschert
mit den Hnden und Fen, steht im Wasser schwebend und trapezturnend,
mchte man sagen, aufrecht, immer dazu die Arme bewegend. Und es gibt da
kein Untersinken. Nun pret man noch einmal die Augen geschlossen in das
flssige, grne, feste Unergrndliche hinab und schwimmt ans Land.--

Wie herrlich das war!

Zum Mittagessen hatten sich Gste eingefunden.

                   *       *       *       *       *

Dieses mit den Gsten ist Folgendes: Josephs Vorgnger im Amt war ein
gewisser Wirsich gewesen. Diesen Wirsich hatten die Toblers sehr lieb
gewonnen. Sie erkannten in ihm einen anhnglichen Menschen und schtzten
seine Tchtigkeit hoch. Er war ein exakter Mensch, aber er war es nur in
der Nchternheit. Solange er nchtern war, verfgte er ber fast alle,
ja man darf sagen, alle Angestelltentugenden. Er war ber die Maen
ordnungsliebend, er besa Kenntnisse sowohl auf kaufmnnischem wie auf
dem juristischen Gebiet, er war fleiig und energisch. Seinen Chef wute
er zu jeder Zeit und in beinahe allen vorkommenden Fllen in
vertrauenerweckender und berzeugender Weise zu vertreten. Zudem hatte
er eine saubere Handschrift. Hell von Verstand und mit lebhaftem
Interesse begabt war es diesem Wirsich ein Leichtes gewesen, die
Geschfte seines Brotherrn zu dessen vollkommener Zufriedenheit ganz
selbstndig zu fhren. In der Fhrung der Bcher war er sogar
mustergltig. Alle diese Eigenschaften nun konnten zuzeiten mit einem
Mal gnzlich verschwimmen, und zwar in der Trunkenheit. Wirsich war kein
junger Mann mehr, er zhlte ungefhr fnfunddreiig Jahre, und das ist
ein Alter, wo gewisse Leidenschaften, wenn sie der Trger nicht vorher
gelernt hat zu bezwingen, ein schreckliches Aussehen und eine furchtbare
Ausdehnung anzunehmen pflegen. Der Alkoholgenu machte jeweils, das
heit von Zeit zu Zeit aus diesem Menschen ein wildes, unvernnftiges
Tier, mit dem begreiflicherweise nichts anzufangen war. Mehrfach wies
ihm Herr Tobler auch die Tr und befahl ihm, seine Sachen zu packen und
sich nie wieder blicken zu lassen. Wirsich ging dann auch, fluchend und
Beleidigungen ausstoend, zum Haus hinaus, kehrte aber jeweils, sobald
er wieder er selber geworden war, mit einem zerknirschten
Armesndergesicht zu der Schwelle zurck, die nie wieder zu betreten er
ein paar Tage vorher im Unfug und Wahnsinn seiner Betrunkenheit heftig
geschworen hatte. Und Wunder: Tobler behielt ihn immer wieder. Er hielt
ihm bei solcher Gelegenheit je eine gesalzene Strafpredigt, wie man sie
auch ungezogenen Kindern gegenber anwendet, sagte ihm aber dann, er
knne dableiben, man wolle ber das Vergangene einen Schleier werfen und
es nochmals mit ihm probieren. Das geschah vier oder fnf Male. Wirsich
hatte etwas Unwiderstehliches an sich. Dies trat besonders hervor, wenn
er den Mund zu einer Bitte oder Abbitte auftat. Er erschien in diesem
Fall so vollkommen reuig und unglcklich, da es den Toblers warm und
hei wurde und sie ihm verziehen, ohne da sie sich Rechenschaft gaben,
warum eigentlich. Dazu kam noch der sonderbare, wie es schien, tiefgehende
Eindruck, den es Wirsich verstand auf die Personen weiblichen Geschlechtes
zu machen. Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, da auch Frau Tobler
diesem fremdartigen Zauber, diesem Unerklrlichen, nicht widerstand. Sie
respektierte ihn, solange er ruhig und vernnftig blieb, und mit dem
Rohling und Wstling hatte sie ein ihr selber ganz unerklrbares
Mitleiden. Schon sein ueres war ja wie fr das Urteil der Frauen
geschaffen. Seine scharfen, mnnlichen Gesichtszge, in der Schrfe und
Sicherheit durch eine blasse Hautfarbe noch untersttzt, sein schwarzes
Haar, seine tiefliegenden, groen, dunklen Augen gefielen ebenso
unwillkrlich wie eine gewisse Trockenheit, die seinem ganzen sonstigen
Auftreten und Wesen anhaftete. Eine solche Hausbackenheit macht in der
Regel den Eindruck der Herzensgte und der Charakterfestigkeit, zwei
Erscheinungen, denen keine fhlende Frau widersteht.

Und so kam es, da Wirsich immer wieder von neuem angenommen wurde. Was
eine Frau beim Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem, lachendem,
reichem Ton sagt, bleibt nie gnzlich ohne Einflu, hier um so weniger
als ja Tobler selber diesen unglckseligen Menschen immer gern hatte
leiden mgen. Die Mutter des Wirsich kam regelmig bei Anla einer
Wiederanstellung ihres Sohnes in die Villa hinauf, um fr denselben zu
danken. Auch sie mochte man gern leiden. brigens sind einem ja die
Menschen, die man Macht und Einflu hat fhlen lassen, immer lieb. Die
Wohlhabenheit und Gutbrgerlichkeit demtigt gern, nein, vielleicht das
nicht gerade, aber sie schaut doch ganz gern auf Gedemtigte hernieder,
was eine Empfindung ist, der man eine gewisse Gutmtigkeit, aber auch
eine gewisse Roheit nicht absprechen kann.

Eines Nachts nun trieb es Wirsich doch zu bunt. Er kam aus der an der
Landstrae gelegenen, stark von allerhand vagabundierendem Volk,
darunter unsaubern Weibern, frequentierten Wirtsstube zur Rose
vollstndig berauscht, schreiend und tobend, nach Hause und begehrte
Einla. Da man ihm diesen verweigerte, zertrmmerte er mit Hilfe eines
Hackenstockes, den er bei sich trug, die Haustrscheibe und dann das
Gitter derselben, soweit ihm das gelang. Auch drohte er mit
frchterlicher und unkenntlicher Stimme mit Anznden des ganzen
Nestes, wie er sich in der Wildheit und Zerstrtheit seines Kopfes
ausdrckte, brllte, da ihn nicht nur die Nachbarschaft, sondern auch
die weiter in der Umgegend wohnenden Leute hren muten, und gefiel sich
in schmhlichen Verwnschungen gegen seine Wohltter. Schon hatte er,
von den Krperkrften aller Besinnungslosen und Unempfindlichen
untersttzt, beinahe die Tre eingeworfen, das Schlo und der Riegel
wackelten schon bedenklich, als Herr Tobler, der, wie es schien, endlich
die Geduld verloren hatte, die Tre von innen her aufri und ber den
Trunkenbold mit einem Hagel von Stockschlgen herfiel, der denselben zu
Boden auf den Kies warf. Auf den nicht zu miverstehenden Befehl
Toblers, sich sofort vom Platz wegzubegeben, da sonst weitere und
hnliche Hiebe seiner harren wrden, erhob sich Wirsich auf allen
Vieren, um aus dem Garten zu rutschen. Einige Male fiel die Gestalt des
Sufers, vom Mond beleuchtet, so da die Obenstehenden jede seiner
ungeheuerlichen Bewegungen verfolgen konnten, wieder an die Erde, stund
wieder auf und warf sich endlich, einem plumpen Bren hnlich, vollends
zum Garten an die Landstrae hinaus, worauf sie sich gnzlich verlor.

Zwei Wochen nach diesem nchtlichen Vorfall hielt Tobler ein
umfangreiches Entschuldigungsschreiben Wirsichs in der Hand, worin der
beltter in scheinbar geradezu klassischem Stil Besserung versprach
und bat, Herr Tobler mchte ihn doch noch ein einziges Mal anstellen, da
sich Wirsich sonst der bittersten Not preisgegeben she. Beide, er
sowohl als seine alte Mutter, bten instndig um eine nochmalige, wenn
auch letzte Zuwendung der alten, wohltuenden Gunst, die er, er bekenne
es schmerzhaft und aufrichtig, nun schon so oft verscherzt habe.
Wirsich, hie es in dem Schreiben zum Schlu, sehne sich so sehr nach
dem Haus, nach der ganzen ihm lieb und wert gewordenen Familie, nach der
Sttte der frheren Wirksamkeit zurck, da er sich sagen msse,
entweder er drfe auf eine Neubelebung all dieser Dinge hoffen und
darber froh sein, oder der Riegel sei ihm ein fr allemal zugeschoben
und fr ihn bleibe nur noch die Verzweiflung, die Reue, die Scham und
die Bitternis brig.

Es war indessen zu spt. Der Riegel war in der Tat schon vorgeschoben,
es war schon ein Ersatz im Haus. Gleich am nchsten Morgen nach jener
wsten Nachtszene hatte sich Tobler nach der Hauptstadt in das Bureau
fr Stellenvermittlung begeben und hatte dort Joseph verpflichtet. Das
obige Schreiben gelangte an demselben Tage wie Joseph ins Toblersche
Haus.

Die sonntglichen Gste aber waren niemand anders als Wirsich und seine
Mutter.

                   *       *       *       *       *

Von der Bewegung des Badens erfrischt begrte Joseph seinen Vorgnger
herzlich. Vor der alten Frau machte er eine leichte Verbeugung. Er sah
wohl auf den ersten Blick, da die Stimmung am Mittagstisch eine
ziemlich gedrckte war. Man sprach wenig, und das Wenige der
Unterhaltung war allgemeiner Natur. Etwas Klgliches, Zimperliches hatte
sich rund um das weie Tischtuch und um die dampfenden und duftenden
Speisen und um die Menschengesichter herum breit gemacht. Herr Tobler
machte seine grten Augen, im brigen war er frhlich und freundlich
und ermunterte seine Gste in wohlwollend-herablassendem Ton,
zuzugreifen. Jedes Essen schmeckt nach jedem Baden, auch im Freien,
unter solch einem blauen Himmel, will fast jedes Essen schmecken, dieses
heutige Essen aber fand Joseph geradezu herrlich, so einfach es auch
war. Auch den andern schien es zu munden, nicht zum mindesten der alten
Frau Wirsich, die sich heute mit einem Schein von feinerem Weltgebaren
umgeben hatte. Wo mochte diese rmliche Dame sonst wohnen, und wie? In
welchen Zimmern und in was fr Umgebungen? Wie drftig und mager sie
aussah! Gleichsam sparsam oder gespart oder sprlich sah sie aus,
besonders neben dieser ppigen, brgerlichen, in Flle und Wrme
geborenen und erzogenen Frau Tobler. Frau Wirsich und Frau Tobler. Ja,
das waren, wenn es in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede
vom klarsten, reinsten Wasser.

Immer ein bichen hochmtig sieht Frau Tobler aus, aber wie gut steht zu
den Linien ihres Gesichtes und Krpers diese bestndige, zarte Spur von
Hochmut. So etwas will man von ihrer Figur gar nicht wegwnschen, denn
es gehrt ganz einfach dazu, wie der tnende, unaussprechliche Zauber zu
einem Volkslied. Dieses Lied klingt fein und in den allerhchsten Tnen,
Frau Wirsich verstand und empfand es gar wohl. Wie klglich das eine
Lied ertnte und wie voll das andere. Herr Tobler schenkte Rotwein ein.
Er wollte auch Wirsich einschenken, aber die Mutter verdeckte rasch das
Glas ihres Sohnes mit der alten, verkncherten Hand.

Ah bah, warum denn jetzt nicht? Er mu doch auch etwas trinken, rief
Tobler.

Da strzten pltzlich Trnen in die Augen der alten Frau. Alle sahen es
und erbebten. Wirsich wollte seiner Mutter irgend etwas zuflstern, aber
eine steife, steinerne Macht, deren er sich nicht zu erwehren
vermochte, lhmte ihm den Gebrauch der Zunge. Er sa da wie ein
Stockfisch und schaute auf sein eigenes, zaghaftes Essen hinab. Frau
Wirsich hatte die Hand zurckgenommen, gleichsam erklrend, es sei ihr
nun gezwungenermaen ganz gleichgltig, ob jetzt ihr Sohn trinke oder
nicht. Ihre Bewegung sagte: Ja, schenkt ihm nur ein. Es ist ja doch
alles verloren! Wirsich nippte ein wenig an dem Glas, er schien eine
unwiderstehliche Scheu zu haben vor dem Genu des Dinges, das ihn von
einer in der Tat fr ihn gemtlichen Weltposition herabgestrzt hatte.

O Frau Wirsich, deine verweinten Augen trben ja ganz deine paar
angenommenen, glnzenden Weltmanieren. Wie hattest du dir vorgenommen,
dich fein zu bewegen, und wie hat dich nun dein Gram berwltigt. Deine
alten Hnde, die wie Stirnen durchfurcht sind, zittern recht sehr. Was
spricht dein Mund? Nichts? Ei, Mutter Wirsich, man mu sprechen in guter
Gesellschaft. Sieh, sieh, wie dich eine gewisse andere Dame anschaut.

Frau Tobler schaute Frau Wirsich mit besorgten, aber kalten Augen leicht
von der Seite her an, indem sie zugleich die Locken ihres jngsten
Kindes, das neben ihr sa, streichelte. Eine wirklich wohlhabende Frau!
Von der einen Seite strahlte die kindliche Zrtlichkeit und
Zutulichkeit zu ihr hinauf, und die andere Seite erfllte das Weh einer
menschlichen Schwester. Beides, sowohl das Liebliche wie das Traurige,
schmeichelte der Frau. Sie sagte leise etwas Trstliches zu Frau
Wirsich, worber diese nur abwehrend aber demutvoll den Kopf schttelte.
Man hatte jetzt gespeist. Herr Tobler reichte sein Zigarrenetui herum,
die Herren rauchten. Diese Sonne, diese wundervolle Berg- und See- und
Wiesenumgebung. Und dann diese schmale, vorsichtbende Unterhaltung von
diesem Huflein Menschen. Ja, man mu schonen, andere sind auch
Menschen! Der Gesichtsausdruck der Herrin des Hauses sagte das lebhaft.
Aber gerade dieses stumme Zuverstehengeben, da man schonen wolle, war
schonungslos. Es war vernichtend.

Die beiden Frauen sprachen dann ber die Kinder Tobler; sie schienen
beide erfreut zu sein, einen, jeglichen Ton der Verletzung entfernenden,
Gesprchsstoff gefunden zu haben. Auch fand sich das ganz von selber.
Man verga sich eben ein bichen. Von Zeit zu Zeit ruhte das Auge der
alten Frau auf Josephs Gestalt, Gesicht und Benehmen, wie um die Vorzge
und Schwchen desselben herauszustudieren und sie in Gedanken mit der
Sohnes-Erscheinung zu vergleichen. Die Knaben sprangen bald von ihren
Pltzen weg und spielten im Garten, die Mdchen folgten ihnen, so da
die erwachsenen Herrschaften allein am Tisch sitzen blieben. Inzwischen
kam die Magd mit einem hlzernen Tablett in der Hand, um den Tisch
abzurumen. Man erhob sich. Tobler trug Joseph auf, die Glaskugel
hinaus zu tragen, letzterer schickte sich an, den Befehl auszufhren.
Die Glaskugel war der Stolz der ganzen Villa Tobler.

Sie hing an kleinen Ketten und Angeln in einem zierlichen, eisernen
Gestell, und war verschiedenfarbig, so da sich die umliegenden
Weltbilder in runder, gleichsam aufeinandergetrmter Perspektive grn,
blau, braun, gelb und rot darin abspiegelten. Sie war ungefhr so gro
wie ein berlebensgroer Menschenkopf, aber zusammen mit dem Fugestell
wog sie sicherlich ihre achtzig oder neunzig Pfund und war schwer zu
tragen. Bei Regenwetter durfte sie nie drauen im Freien stehen bleiben.
Man trug sie immer hinaus und hinein, hinein und hinaus. Wurde sie
einmal na, so schimpfte Herr Tobler sehr heftig. Die nasse Kugel tat
ihm direkt weh, wie es denn Menschen gibt, die mit gewissen, toten
Besitztmern wie mit etwas durchaus Lebendigem umgehen und umgegangen
wissen wollen. Joseph sprang daher sehr rasch nach der schnen,
farbigen Glaskugel, weil er die Vorliebe Toblers zu derselben bereits
Gelegenheit gehabt hatte kennen zu lernen.

Nachdem er den Wunsch und die Schnwetterlaune und -Freude seines
Meisters erfllt hatte, entwischte er flink den Augen der brigen, trieb
sich die Treppen empor und verschwand in sein Turmgemach. Wie ruhig und
still es hier oben war. Hier fhlte er sich befreit, von was, das wute
er eigentlich gar nicht einmal. Aber es gengte, dieses Gefhl zu haben;
die wahre Ursache sei, dachte er, ja sicherlich irgendwie und wo
versteckt da, aber was bekmmerten ihn jetzt Ursachen. Etwas Goldenes
schien um ihn herum zu schweben. Er besah sich einen Moment lang im
Spiegel: O er sah noch ganz jung aus, gar nicht so wie Wirsich. Er mute
unwillkrlich lachen. Es trieb ihn, die Photographie seiner verstorbenen
Mutter zur Hand zu nehmen. Sie stand da so auf dem Tische. Warum sie
also nicht nehmen und betrachten? Er schaute sie ziemlich lange, wie ihn
deuchte, an, und legte sie dann wieder an ihren Platz zurck. Dann zog
er ein anderes, jngeres Bild aus der Tasche seines Rockes, es war das
Portrt einer Tanzschlerin, eines Mdchens, das er in der Grostadt
kennen gelernt hatte. Diese ganze, ferne, menschenerfllte Grostadt.
Dieses belebte, hohe Bild, wie entschwunden schien es ihm, wie lang
schon entschwunden. Er mute in diesen Gedanken hinein wieder
unwillkrlich lachen. Er machte gewichtige Schritte im Zimmer auf und
ab, rauchend natrlich. Ob es denn eigentlich durchaus immer ntig sei,
so einen Stengel im Mund zu tragen? Wie herrlich die frische Berg- und
Seeluft durch seine erhhten vier Wnde strich. Und hier hatte Wirsich
gehaust? Der Mann mit dem Leidensantlitz? Joseph bog seinen atmenden
Kopf zum Fenster hinaus, an die sonntgliche und mittgliche
Welt-Freiheit. Und ich habe fnf Mark Taschengeld, und kann den Kopf zu
solch einem frstlich gebauten und gelegenen Fenster hinausstrecken?--

Unten im Bureau ging es indessen mehr gedmpft als frstlich zu. Der
Ton, in dem Herr Tobler und sein ehemaliger Angestellter, Herr Wirsich,
sich dort unterhielten, war ein sehr, sehr gedmpfter, ja, beinahe ein
dumpfer.

Das mssen Sie selbst zugeben, sagte Tobler, da von einer
Wiederaufnahme unserer frheren, gegenseitigen Beziehungen vorlufig die
Rede nicht mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigefhrt, nicht ich,
ich wrde Sie gerne behalten haben. Nichts veranlat mich, den Marti
wegzuschicken, er macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut mir
leid, Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber Sie sind selbst schuld. Es
hat Ihnen niemand befohlen, mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen
Jungen zu behandeln. Machen Sie nun alles Weitere mit sich selber ab.
Was ich anstandshalber tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten zu
verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine Zigarre. Da. Nehmen
Sie.

Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ndern liee?

Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie sich brigens nur, was Sie
mir in jener saubern Nacht zugebrllt haben, und Sie werden begreifen,
da es zwischen uns keine Anknpfungen mehr geben kann.

Aber Herr Tobler, das war doch alles die Trunkenheit, nicht ich
selber.

Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber! Das ist es ja gerade. Ich
habe zu fnf oder sechs oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er
selber! Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der Mensch besteht
nicht aus zweierlei Dingen, sonst wre wahrhaftig das ganze Erdenleben
eine zu bequemliche Sache. Wenn da jeder kommen knnte mit: 'das bin
nicht ich selber gewesen', wenn er einen Bock geschossen hat, was
wrden dann noch Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben? Nein, nein,
man sei in Gottesnamen der, der man ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art
kennen gelernt. Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein
Kind, als ein Schohndchen zu betrachten? Sie sind ein erwachsener
Mann, und man verlangt von Ihnen, da Sie wissen, was man zu tun hat.
Mit verborgenen Leidenschaften, oder wie die Dinger heien mgen, von
denen die Philosophen reden, sehe ich mich nicht zu rechnen gentigt.
Ich bin Geschftsmann und Familienvater und mu mich verpflichtet
fhlen, der Torheit und dem Unanstand den Eingang in mein Haus zu
verbieten. Sie waren so weit immer fleiig, warum sind Sie mir mit
Unfltigkeiten gekommen? Sie wrden mich ja auslachen. Einfach auslachen
wrden Sie mich, und htten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm genug
wre, Sie wieder anzunehmen. Ich habe Ihnen meine Meinung jetzt gesagt,
lassen Sie uns Schlu machen.

Es ist also aus zwischen uns?

Vorlufig, ja!

Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautre hinaus, ging in den Garten,
wo er seiner Frau einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich dann
neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die Zigarre zwischen den Zhnen
schaute er abwrts sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese Weise
unbewut das vollendete Bild herrschaftlicher Mittagsruhe.

Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich festwurzelte, da, wo er
zufllig stehen geblieben war, kam unversehens Joseph hinein. Beide
maen sich einen Moment mit den offenen Augen. Danach aber hielten sie
es fr am passendsten, sich ber die Fortentwicklung der Toblerschen
technischen Unternehmungen zu unterhalten, welches Gesprch aber sehr
rasch in ein unausstehliches Stocken und Brechen geriet, bis es
vollstndig abbrach. Wirsich bemhte sich, den oberhalb ber den
Tatsachen Stehenden zu spielen und erteilte seinem Nachfolger allerhand
Ratschlge und praktische Winke, die jedoch nicht besonders lebhaft
anschlugen.

Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es hie jetzt fr die beiden
Besucher, sich zu entschlieen und Abschied zu nehmen. Da gab man sich
denn die Hnde, und nachher sah man, insofern man oben auf dem Hgel
zurckblieb, zwei unsicher gehende und auftretende Personen lngs des
brillanten, auf je einen Meter Abstand mit je einem vergoldeten Stern
gezierten Gartengitters der Landstrae zusteuern. Ein wehmtiger
Anblick war das. Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf aber
brach sie ber irgend etwas in ein Gelchter aus, und da war es deutlich
zu hren, wie der Seufzer und das Gelchter ein und dieselbe Klangfarbe,
ein und denselben Ton hatten.

Joseph stand etwas abseits und dachte: Da gehen sie, der Mann und die
alte Frau. Man sieht sie schon nicht mehr, und hier oben sind sie
bereits halb vergessen. Wie rasch vergit man das Benehmen und Gebrden
und Tun der Menschen. Da laufen sie nun, was sie knnen, die staubige
Landstrae entlang, um zur rechten Zeit auf dem Bahnhof zu sein oder an
der Schiffshaltestelle. Sie werden beide auf dem langen Weg, zehn
Minuten zu gehen ist lang fr zwei Geschlagene und Sorgenvolle, kaum ein
Wort reden, und doch werden sie reden, eine sehr verstndnisvolle
Sprache, eine stumme, eine nur zu wohlverstndliche. Das Leid hat seine
ganz eigene Manier zu reden. Und nun lsen sie die Billetts, oder sie
haben sie vielleicht schon, es gibt ja bekanntlich Retourbilletts, und
der Zug braust heran, und die Armut und die Ungewiheit steigen zusammen
in den Eisenbahnwagen. Die Armut ist eine alte Frau mit verkncherten,
begehrlichen Hnden. Sie hat heute versucht, bei Tisch Unterhaltung zu
machen, wie eine Dame, aber es ist ihr nicht recht gelungen. Nun fhrt
sie dahin, an der Seite der Ungewiheit, in welcher sie, wenn sie recht
genau schaut, ihren eigenen Sohn erkennen mu. Und der Wagen ist voller
vergnglicher Leute, voller Sonntagsausflgler, die singen, johlen,
plaudern und lachen. Ein junger Bursch hlt sein Mdchen im Arm, um sie
ein ums andere Mal auf den ppigen Mund zu kssen. Wie furchtbar weh
kann die fremde Freude einer unmutigen Seele tun! Aber die arme, alte
Frau fhlt sich an Hals und Herz geschnitten. Sie mchte vielleicht
jetzt laut um Hlfe schreien. Weiter geht es. O, dieses ewige Gerassel
der Rder. Die Frau nimmt ihr rtliches Taschentuch aus der Rocktasche,
um die gar zu dummen und aufflligen Trnen zu verbergen, die strmisch
aus ihren alten Augen flieen. Wer so alt ist, wie diese Frau, nein, der
sollte nicht mehr weinen mssen. Aber was kmmern sich die Dinge dieser
sonderbaren Erde um die Gebote der edlen Schicklichkeit? Die Hmmer
fallen ganz blind drauflos, manchmal auf ein arm' Kind, manchmal, merke
dir das, Frau, auf eine Greisin. Und jetzt sind Mutter und Sohn an Ort
und Stelle und werden aussteigen. Wie wird es jetzt bei ihnen zu Hause
aussehen?

Er wurde aus seinen Gedanken durch Toblers wohltnende Stimme
aufgeweckt. Was er da so allein mache? Er solle kommen und ihm helfen,
den Rest Rotwein noch auszutrinken. Ein wenig spter sagte der Hausherr
zu ihm:

Ja, ja. Der Wirsich ist nun endgltig verabschiedet. Ich hoffe, da ein
gewisser Anderer besser zu schtzen wei, was einer hat, wenn er hier
oben leben darf. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wen ich unter diesem
'gewissen Andern' verstehe. Sie lachen. Ja, lachen Sie meinetwegen. Das
aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie irgendwelche Gelste haben, ich
meine, so Sonntags, was ja auch keinem jungen gesunden Menschen zu
verargen ist, so machen Sie, da Sie in die Stadt kommen, dort ist
gesorgt fr so was, mehr wie genug. In meinem Hause, haben Sie
verstanden, dulde ich nichts Derartiges. Der Wirsich hat sich gerade
dadurch hier ein fr allemal unmglich gemacht. Hier mu Anstand
herrschen.

Dann wurde ber Geschftliches gesprochen.

Vor allen Dingen, meinte Herr Tobler, msse jetzt Geld flssig gemacht
werden, das sei die Hauptsache. Es komme darauf an, einen Kapitalisten
fr die technischen Erfindungen zu gewinnen, womglich einen
Fabrikherrn, damit mit der Massenanfertigung der patentierten Artikel
gleich begonnen werden knne. Immerhin, wer nur Geld ins Haus bringe,
der sei ihm willkommen. Seinetwegen mge es ein Schneidermeister sein,
zu verstehen von der ganzen Sache brauche solch ein Geldgeber gar
nichts, dazu sei er da, er, Tobler.

Setzen Sie folgendes Inserat auf.

Joseph zog einen Bleistift und ein Notizbuch aus der Tasche. Es wurde
ihm folgendes diktiert:

                         Fr Kapitalisten!

    Ingenieur sucht Anschlu an Kapitalisten zwecks Finanzierung
    seiner Patente. Gewinnbringendes, absolut risikofreies
    Unternehmen. Offerten unter...

Und dann knnen Sie morgen frh, wenn Sie ins Dorf gehen, ein neues
Paket Stumpen zu fnfhundert Stck nach Hause bringen. Man mu doch
etwas zu rauchen hier haben.

Es wurde allmhlich Abend.

Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, eine Parketteriebesitzerin und
deren Tochter, ein langgewachsenes, sommersprossiges Mdchen, beide aus
der nchsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und seiner eigenen fing
Tobler ein im ganzen Lande verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an.
Sonst spielen dieses Spiel nur Mnner, aber es wurde nach und nach auch
bei den Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten besseren, nmlich bei
solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag ber,
und das gerade sind ja die Besseren.

Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin und die Tochter
derselben, spielten ausgezeichnet Karten, am besten und schneidigsten
das Frulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. Wenn das Frulein einen
Trumpf ausspielte, so kam sie jedesmal in gehrige Aufregung, ganz so,
wie es sich fr Spielratzen ziemte, auch klatschte sie mit ihrer
weiblichen Faust wie der lteste und verbohrteste Spieler auf die
Tischplatte und schrie hinwiederum echt mdchenhaft auf, sobald die
Sache zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig und ihr Gesicht
recht unschn. Ihre Mutter betrug sich klug und gesittet. Wie wre es
mglich, eine ltere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches
Betragen zu offenbaren?

Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, das er noch nicht
einmal Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, zusah: es ist interessant,
diese drei Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die eine tut es
gelassen, sie lchelt dabei, das ist die lteste. Meine Frau Tobler da
aber ist vollstndig weg. Ganz reit der Zauber des Spiels sie hin. Ihr
Gesicht drckt die echte, leidenschaftliche Spielerlust aus. Dies
verschnt ihr Gesicht gewissermaen. brigens ist sie die Herrin, und
mir steht es in keinerlei Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist
wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenber. Aber die
dritte, dieses Mnnerfrulein da, behte, ist das eine! Die verdreht die
Augen, whrend sie setzt und spielt, denkt gewi Wunder was fr fremde
Dinge und hlt sich unbedingt fr die Schnste, Beste und Gescheiteste.
Nicht auf zwei Meter Entfernung, in Gedanken, mchte man der einen Ku
geben. Ein verdorbenes Mdchen. Sieh da, was fr eine spitzige Nase sie
hat. Da erfrre einer bei der kleinsten Berhrung. Und in wie falschen
Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt und aufschreit. Ich halte sie
fr eine schlechte, teuflische Person, neben ihr aber meine Frau da fr
einen Engel.

Er wrde weiter so rsoniert haben, wenn nicht Frau Tobler pltzlich auf
den Gedanken gekommen wre, den sie auch sogleich aussprach, heute
abend einmal auf dem See Gondel zu fahren. Es sei so schn heute abend,
und das bichen Geld, was es koste, das sei doch gar nicht gro der Rede
wert. Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so hatte niemand etwas
wider den Plan einzuwenden, nicht einmal Tobler selber, der brummend
beistimmte. Joseph wurde, als ein richtiger Mann fr alles, ins Dorf
geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten Boot lngs des Ufers, ohne
sich irgendwie aufhalten zu lassen, denn es msse jetzt, da es beginne,
Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nhe der Villa zu fahren. Unten
in einer Art Hafen wrde man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich
schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits verschmhte es, die Partie
mitzumachen. Ebenso konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen,
dagegen beschlo Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. Das Frulein
erklrte sich bereit, nicht nur mitfahren, sondern sogar tchtig
mitrudern zu wollen, worauf die Hausfrau sich fr die Lustfahrt in
Bereitschaft setzen ging.

Man wartete schon an der Landungsstelle unterhalb der Villa Tobler auf
den breiten Steinplatten eines alten, auer Gebrauch gestellten Dammes,
als endlich das Schiff, von Joseph gerudert, anlangte. Alle begannen
einzusteigen, Frau Tobler zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums
andere, reichen konnte. Die beiden Knaben gebrdeten sich sehr
unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr ihres wilden, unachtsamen
Wesens aufmerksam, worauf sie sich stiller verhielten. Die Mdchen
waren ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Hnden fest an den
Rndern des Bootes. Zuletzt stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das
Fahrzeug an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. Und dann ging
es auf einmal los, Joseph ruderte, er verstand es ganz gut, aber es ging
langsam vorwrts, doch verlangte niemand, da es schneller vorwrtsgehen
sollte. Wie khl auf einmal die Welt wurde. Frau Tobler sah auf die
Kinder, ermahnte sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu
bewegen, da sonst ein groes Unglck geschhe und sie alle zusammen ohne
Erbarmen ertrinken mten. Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen
Worte, hielten sich still, auch die Knaben, denn es war ihnen jetzt, so
mitten drauen in der Nacht und mitten im murmelnden Wasser, in diesem
leise dahingleitenden Boot doch etwas ngstlich zumute. Frau Tobler
sagte leise, wie schn es sei, hier, und welch guten Gedanken sie, wie
es ihr scheine, gehabt habe, solches vorzuschlagen. Da geniee man doch
einmal wieder etwas, und ihr Mann wrde besser getan haben, mitzukommen.
Aber, setzte sie hinzu, fr so etwas habe er keinen Sinn. -- Wie khl,
wie schn!

Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend schwamm im
dunkelglitzernden Wasser Leo, der groe Hund, nach. Man rief ihn.
Namentlich riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben Frau Tobler lag
deren seidenes Schirmchen. Ein befederter Hut schmckte ihren lnglich
geschnittenen Kopf. Ihre Hnde und Arme waren von langen, weien
Handschuhen umschlossen. Das Frulein schwatzte in einem fort. Aber Frau
Tobler, die sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab nur
zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas wie eine schne, glckliche
Naturtrumerei schien ihr die gewhnlichen Tagesdinge und deren
umfangreiches Gerede unwichtig und unwert gemacht zu haben. Ihre groen
Augen leuchteten ruhig und schn mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob
Joseph nicht mde werde vom Rudern, fragte sie. O nein, was sie denke,
antwortete er. Das Frulein wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau
Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst in zu starke Bewegung
gerate. Es brauche ja gar nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert
werde, um so lnger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und das sei ihr
lieb, denn das sei schn.

Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen her. Sie ist in der
Ntzlichkeit und Reinlichkeit aufgewachsen, in Gegenden, wo die
Brauchbarkeit und die Besonnenheit als das Hchste gelten. Sie hat
wenig romantische Gensse in ihrem Leben gehabt, aber eben deshalb liebt
sie sie, denn sie schtzt sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem
Mann und der Welt sorgsam verbergen mu, weil man keine berspannte
Gans sein will, ist deswegen nicht tot, sondern lebt sein
eigentmliches Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages kommt
eine kleine mit groen Augen grende und bittende Gelegenheit, und da
darf dann das Halbvergessene einmal erwrmen und lebendig werden, aber
das wiederum nur fr kurze Zeit. Wer mit seiner Genufreude und Gier vor
die ffentlichkeit treten darf, wem solches die Lebensverhltnisse
leicht und gefllig erlauben, der stumpft in der Seele und im Herzen nur
zu bald, alles, was darin gebrannt hat, auslschend, ab. Nein, diese
Frau hat keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht nichts von
den Gesetzen der Schnheit, aber gerade deshalb fhlt sie, was schn
ist. Sie hat nie Zeit gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen,
ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran gedacht, was hoch und
was niedrig sei, aber der hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das
tiefere Gefhl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit, netzt ihr mit
dem nassen Flgel das Bewutsein.

Ja khl war's und dunkel um das langsam fahrende Schiff herum. Der See
war ganz ruhig. Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen
Empfinden und mit der undurchdringlichen Schwrze der Nacht. Vom Ufer
her blitzten die zerstreuten Lichter und kamen ein paar Gerusche her,
darunter eine helltnende Mnnerstimme, und jetzt hrte man vom
jenseitigen Strand her eine warme Handharfe ertnen. Die Tne dieser
Musik schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges um den
dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. Alles schien eine
sonderbare Genugtuung, Befriedigung und Bedeutung bekommen zu haben. Das
Tiefe setzte sich an das unergrndlich Nasse an. Die Frau hielt ihre
Hand leicht in das Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das
Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, das schne, tiefe Wasser.
Einmal fuhr ein anderes Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem
Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stie einen leisen berraschungs-,
ja beinahe Schreckensschrei aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen,
es schien sich pltzlich in ihre Nhe geworfen zu haben, aus weiter
unbekannter Ferne her, oder aus der Tiefe heraus. Der Himmel war ber
und ber mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und umdrehte. Die
Frau sagte, sie frstele jetzt beinahe ein wenig, und sie warf sich ein
Tuch, das sie mitgenommen hatte, ber die Achsel. Joseph schien es,
indem er sie anschaute, als lchle sie da so im Dunkel, genau wrde er
es nicht haben unterscheiden knnen. Wo ist unser Leo, fragte sie. Dort,
dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der Knabe.

Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus der Wasserflche singend
empor und macht einen neuen, groen See aus dem Raum zwischen Himmel und
See. Sie hat keine Gestalt, und dafr, was sie darstellt, gibt es kein
Auge. Auch singt sie, aber in Tnen, die kein Ohr zu hren vermag. Sie
streckt ihre feuchten, langen Hnde aus, aber es gibt keine Hand, die
ihr die Hand zu reichen vermchte. Zu beiden Seiten des nchtlichen
Schiffes strubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes
Wissen wei das. Kein Auge sieht in das Auge der Tiefe. Das Wasser
verliert sich, der glserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff
scheint jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und sicher
fortzuschwimmen.--

Es mu zugegeben werden, da Joseph sich ein wenig zu sehr seinen
Einbildungen berlassen hatte. Er merkte kaum, da die Fahrt zu Ende
war, als man auch schon ans Land anstie, das heit an einen dicken
Pfahl, der in der Nhe des Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler,
der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen zu, er knne auch
besser aufpassen. Es nehme ihn wirklich Wunder, in welchen Landesteilen
Joseph rudern und steuern gelernt habe. Aber es war durchaus kein Unheil
entstanden, alle stiegen wohlbehalten aus. Den Rest der Nacht verbrachte
man in einem hbschen, menschenbesetzten Biergarten, wo Tobler Bekannte
antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur mit seiner Frau, mit denen er
sich in grozgigen Gesprchen zu schaffen machte. Die kleine, lustige
Beamtenfrau erzhlte von ihren Hhnern und Eiern und von dem
schwungvollen Handel mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte
viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft als mein
Angestellter den Leuten vorgestellt. Ein junges, franzsisches Mdchen,
eine Warenhausverkuferin, trippelte an der Gesellschaft vorber. _Une
jolie petite franaise_, sagte die Kontrolleursfrau, offenkundig voller
Vergngen, ein paar franzsische Worte aus dem Gedchtnis frei hersagen
zu drfen. Das ist immer so in deutschen Landen, da die Leute sich
freuen, zeigen zu knnen, da sie Franzsisch verstehen.

Meine Herrin, dachte Joseph, versteht kein Wort Franzsisch. Die
Arme!

Spter ging man gemeinschaftlich nach Hause.

                   *       *       *       *       *

Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war und eine Kerze angezndet
hatte, hielt er, anstatt sich sogleich ins Bett zu legen,
halbausgezogen, und am Fenster stehend, folgendes Selbstgesprch: Was
leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich will, sogleich
ungestrt zu Bett legen, um in einen sehr wahrscheinlich gesunden und
tiefen Schlaf zu versinken. Ich bekomme in Biergrten Bier zu trinken.
Ich kann mit Frau und Kindern Gondel fahren, ich habe zu essen. Die Luft
hier oben ist eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, so
wre ich ein Lgner, wenn ich sie tadelte. Licht und Luft und
Gesundheit. Aber was gebe nun ich dafr? Ist das etwas Reelles und
Gewichtiges, was ich zu bieten vermag? Bin ich klug und gebe ich das Ma
meiner Klugheit auch wirklich voll her? Was sind das fr Dienste, die
ich bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet habe? Alles was
recht und gut ist, aber ich bin felsenfest davon berzeugt, da mein
Herr und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen hat. Sollten
mir der Schneid, die Initiative, die Begeisterungsfhigkeit fehlen? Das
ist mglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwrdig umfangreichen
Portion Ruhe ausstaffiert zur Welt gekommen. Aber schadet denn das
etwas? Freilich schadet es, denn die Unternehmungen Toblers verlangen
leidenschaftliche Anteilnahme, und die Ruhe der Seele hnelt bisweilen
der trockenen Gleichgltigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum
Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern meines Ichs
angepackt? Bin ich davon erfllt? Ich mu gestehen, ich denke nur allzu
oft an ganz andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehlfe, ist
Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm unter in die Angelegenheiten
Fremder, du it ja auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren Frauen
und Kindern auf dem See schiffahren, liegst in Fremder Kissen und Betten
und trinkst Fremder Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen
den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind hier bei Toblers nicht
deshalb, da wir es nur schn haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein
bichen sauer zu machen. Hopp!

Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er lschte die Kerze und warf
sich ins Bett. Aber noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwrfe
seiner Kopflosigkeit.

Im Traum sah er sich mit einem Mal in die Wohnstube der Frau Wirsich
versetzt. Er wute, wo er war und wute es doch nicht recht, es war
ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm ganz voll Seewasser.
Waren die Wirsichs Fische geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine
Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der er mit Vorliebe zu
rauchen pflegte. Auch Tobler selber schien ganz in der Nhe zu sein, man
hrte seine metallene Mnnerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. Diese
Stimme schien das Wohnzimmer umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die
Tre auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht als sonst, und
setzte sich in einen Winkel des Zimmers, das fortwhrend zitterte unter
der starken Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube
zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben zitterten. Und wie
hell es dazu immer war. Es war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht,
sondern ein wsseriges, glsernes Licht. Nun ja, man befand sich eben
unter Wasser. Frau Wirsich war mit einer weiblichen Handarbeit
beschftigt, aber pltzlich zerflo ihr die ganze Arbeit in etwas
Glitzernd-Schneidendes, und Joseph sagte dazu: sieh da, Trnen! Warum
er das wohl gesagt hatte? In diesem Augenblick donnerte und krachte
Toblers Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der Armut herum. Aber
die alte Frau lchelte nur dazu, und wie man das Lcheln nher
betrachtete, war es der Hund Leo, noch ganz na von der eben
unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare Stimme ging langsam in ein
Suseln ber, wie Bltter im heien, leisen Sommermittagswinde etwa zu
lispeln und zu suseln pflegen. Da erschien Frau Tobler in tiefschwarzem
Seidenkleide, warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie trat auf
Frau Wirsich mit vornehmer Wohltterinnengebrde langsam zu, aber
pltzlich schienen ihre Gefhle eine andere Richtung angenommen zu
haben, denn sie fiel der Frau um den Hals und kte sie. Toblers Stimme
brummte dazu etwas, was, das konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich,
dachte Joseph, findet er die Herzensberwallung seiner Frau ziemlich
berflssig. Da verwandelte sich auf einmal die Wirsichsche Wohnung in
den Laden jenes hlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes, bei
dem Joseph frher tglich auf einem Stuhl gesessen hatte, um Geschichten
aus ihrem Mund anzuhren. Auch jetzt erzhlte sie eine Geschichte, eine
lange und eintnige und traurige, und merkwrdig, trotzdem sie lang war,
dauerte ihre Erzhlung kaum einen Moment. Trume ich das nur, oder
erlebe ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein Zigarrenweib mit
einer Frau Wirsich zu schaffen? Da drang ein kstlich gebautes und
geschweiftes, goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib stieg ein, und
fort ging es mit ihr, weit fort, bis sie sich in einem schwarzen,
grellen, scharfen Luftraum verlor, aber ein Pnktchen von ihr blieb in
der hohen Luft hngen. Wieder machte der Traum einen Sprung und zwar ins
Toblersche Kontor hinunter, dort sah sich Joseph im bloen Hemd
schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles schaute ihn fragend
an, durchdringend und fragend. Was das alles war, was ihn beobachtete,
konnte er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es war scheinbar
die ganze, lebendige Welt. berall waren Augen, die sich boshaft an
seiner sonderbaren Ble erfreuten. Das Bureau war ganz grn vor
Schadenfreude, stechend grn. Da suchte er sich zu erheben, um von
diesem Punkte der Scham fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben,
es war ihm entsetzlich zumut und er erwachte.--

Er empfand einen brennenden Durst, stand auf und trank ein Glas Wasser.
Darauf trat er ans Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles ganz
still, das weiliche Mondlicht umzauberte und umflsterte die Gegend.
Und so warm war es. Die kleinen, alten Arbeiterhuser dicht unterhalb
des Hgels schienen in ihrer Form zu schlafen. Kein einziges kleines
Menschen- und Lampenlicht mehr! Die Seeflche war von Dunst umwoben, man
sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels unterbrach kurz die
Stille der Nacht. Solch ein Mondlicht, wie das noch den Schlaf
versinnbildlichen konnte. Das war eine Stille, das. Joseph erinnerte
sich nicht, je so etwas gesehen zu haben. Er wre beinahe am offenen
Fenster selber eingeschlafen.

Am Morgen versptete er sich.

Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.

Joseph hatte die Unverschmtheit, zu sagen, es werde ja doch wohl auf
ein paar Minuten nicht ankommen. Da aber kam er schn an. Erstens bekam
er ein bses Gesicht anzuschauen, zweitens wurde ihm folgendes gesagt:

Sie haben pnktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Mein Haus und mein
Geschft sind kein Hhnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, wenn
Sie nicht erwachen knnen. brigens, wollen Sie oder wollen Sie nicht?
Wenn Sie den guten Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen wir
kurzen Proze mit Ihnen. In der Stadt gibt es genug Leute, die froh ber
eine solche Stelle sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. Man
kann sie heutzutage ja auf der Strae auflesen. Von Ihnen aber erwarte
ich Pnktlichkeit, verstanden, sonst -- ich will das jetzt nicht mehr
aussprechen.

Joseph schwieg wohlberdachtermaen.

Eine halbe Stunde spter war Herr Tobler der gtigste Herr und
freundlichste Mann seinem Gehlfen gegenber. Er htte ihn beinahe aus
berlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti zu ihm. Bis jetzt
hatte er immer Herr Marti gesagt.

Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich ein auenstehender, er
war in der Idee der Vaterlandsliebe zu suchen. Der folgende Tag war
nmlich der 1. August, und an diesem Tage feierte man allgemein im Land
das alljhrlich wiederkehrende Jubelfest zur Erinnerung an eine
hochherzige und wackere Tat der Vorfahren.

Joseph mute ins Dorf laufen, um fr den morgigen Tag allerhand Lampen,
Lampions, kleine Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien
zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Auerdem hatte er so rasch wie mglich,
wunderbarerweise beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen
verstand, einen hlzernen, zwei Meter hohen und breiten Rahmen zu
bestellen, sowie zwei Fahnentcher, ein dunkelrotes und ein weies. Das
Tuch wrde dann ber den Rahmen gespannt, und das Ganze ergbe das
Wappen des Landes, nmlich ein groes rotes Feld mit dem weien Kreuz in
der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden Nacht vor die Fassade
der Villa Tobler. Hinter den Rahmen und das Bild wrde man brennende
Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch schimmere und jedermann
aus der weiteren und weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten
she.

Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen alle die notwendigen
Gegenstnde an. Leute stellten sich pltzlich ein, um an der Dekorierung
des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so
begann man, berall an Gesimsen und Nischen, an Borden und Fenstern und
Gittern Fhnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. Sogar in die
Bsche und festeren Gewchse des Gartens legte und hing und stellte
und klemmte man die Beleuchtungsapparate an, so da in der ganzen
Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum
bevorstehenden Feuerwerk vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie
glcklich sah Tobler aus. Das war etwas fr ihn. Fr Feste und deren
schne Inszenierung schien er wie kaum ein zweiter geschaffen zu
sein. Bestndig trat er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas
anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange zu krmmen, eine schief
hngende, elektrische Lampe gerade zu drehen oder um blo dem Ding
zuzuschauen. Seine Reklame-Uhr schien er vergessen oder wenigstens
verschoben zu haben. Natrlich war diese ganze Veranstaltung etwas
Freudiges, Feierliches und Geheimnisvolles fr die Kinder, die sich
nicht genug wundern konnten und fragen konnten und denken konnten, was
das eigentlich nun zu bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage genug
fr den Festtag zu tun, so da ihm gar keine Zeit blieb, darber
nachzusinnen, ob die Dienste, die er Tobler leistete, wirklich auch
wahre Dienste seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lcheln, und
das Wetter--.

Davon sagte Tobler, da, wenn das so anhaltend prachtvoll schn sei, man
ruhig etwas Besonderes in Szene setzen knne. Auch brauche man bei einer
solchen Gelegenheit das bichen Kosten nicht zu scheuen. Das sei
schlielich fr das Vaterland, und traurig msse es um den Mann und
Menschen stehen, der nicht auch ein bichen Vaterlandsliebe im Leibe
habe. Man mache ja da absolut nicht mehr als wie anstndig sei, zu
bertreiben brauche man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen Sinn
mehr fr derartiges habe, wer nur noch die ganze Zeitlang auf seinem
Beruf und Geldschrank hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schnes
Heimatland zu haben, der knne jeden Tag nach Amerika oder nach
Australien abdampfen, das komme solch einem doch ganz genau auf ein und
dasselbe heraus. brigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er,
Tobler, mge es nun einmal eben gern so, und damit drfe es gut sein.

Von Josephs Turm herab flatterte eine schne, groe Fahne. Je nachdem
der Wind wehte, machte sie mit ihrem leichten Leib einen khnen, stolzen
Schwung, oder sie bog sich beschmt und mde zusammen, oder sie
kruselte und schwang sich kokett um die Stange, wobei sie sich in ihren
eigenen, grazisen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln schien. Und dann
auf einmal wieder wehte sie hoch und breit und weit empor, einer
Siegerin und starken Beschtzerin hnlich, um allmhlich von neuem
rhrend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. Dieses
prachtvolle Blau am Himmel.

Geschftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmglich. Die
Post (es wunderte einen, da sie heute berhaupt kam) brachte eine
ziemlich hohe Rechnung betreffend die krzlich erst stattgefundene
Ausfhrung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches man
eine so schne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung prgte
sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar deutlich,
beinahe mathematisch genau, als htte man der Stirn den genauen
Zahlenbetrag mssen ablesen knnen. Als Beigabe zur patriotischen Feier
war solches nicht gerade besonders erbaulich.

Der kann warten, sagte der Chef, indem er die Faktura Joseph dicht
neben den aufs Pult herabgebeugten, denkenden und korrespondierenden
Kopf warf. Joseph sprach durch die Nase: natrlich! als sei er bereits
jahrelang im Geschft ttig gewesen, als kenne er mehr als zur Genge
schon die Verhltnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden und Hoffnungen
seines Herrn. berdies fand er es heute fr passend, gutmtige Tne und
Gebrden an den Tag zu legen. Bei so schnem Wetter--

Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, Rechnungen zu
prsentieren, bemerkte Tobler. Er war gerade mit Zeichnen beschftigt,
und zwar mit der Skizzierung der Tiefbohrmaschine.

Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht wenigstens die
Bohrmaschine, murmelte er zu Joseph hinber, und von dem
Korrespondenztisch her klang zur Antwort wieder ein:

Natrlich!

Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den 'Schtzenautomaten', der reit
alles heraus, redete der Skizziertisch, worauf die Abteilung fr
kaufmnnisches Wesen antwortete:

Selbstverstndlich!

Glaube ich eigentlich an das, was ich da sage? dachte Joseph.

Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl, rief Tobler.

Aha! machte der Gehlfe.

Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaen
klaren Begriff von diesen Sachen habe.

Ach ja, glaubte der Schreiber erwidern zu drfen.

Ob er den Brief an das staatliche Patentamt aufgesetzt habe?

Nein, noch nicht. Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.

So machen Sie doch, zum Kuckuck!

Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, ergab es sich, da das
Schreiben falsch war, es wurde zerrissen und mute noch einmal geschrieben
werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde
ausgezeichnet. Auerdem erhielt er von seiner Frau Wei aus der Stadt
eine Antwort auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb, er brauche
mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, das habe gute Zeit. Der Brief
war im brigen ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber hatte er
denn etwas anderes erwartet? Nicht im geringsten. Er hielt gottlob diese
gute Frau nie fr geistreich.

Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte Wunde unter den Ohren am
Hals der Frau Tobler.

Woher sie das habe?

Sie erzhlte ihm, es komme von einer Operation her, und sie werde sich
wahrscheinlich ein zweites Mal an derselben Stelle mssen operieren
lassen, da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: da werfe
man fr so eine Sache viel Geld aus, in den Rachen der allezeit
kostspieligen Arzneikunst, und von einer wirklichen Heilung sei dann
doch nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die rzte und Professoren,
sagte sie, nehmen fr den kleinsten, dem Auge des gewhnlichen
Sterblichen kaum bemerkbaren Schnitt mit der Lanzette ein kleines,
halbes Vermgen in Empfang, und wofr? Dafr, da sie irgend einen
Fehler begehen, damit man nach kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und
sich von neuem kurieren lassen knne.

Ob es denn schmerze?

So! Bisweilen! sagte die Frau.

Dann erzhlte sie Joseph den Hergang der Operation. Wie man sie
aufgefordert habe, in einen groen, leeren Saal zu treten, in welchem
nichts anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und
vier gleichmig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern htten
eine wie die andere ausgeschaut, so leer und fhllos. Ihre Gesichter
seien einander so hnlich gewesen wie vier gleich groe und
gleichfarbige Steine. Alsdann habe man ihr befohlen, und zwar in
sonderbar barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle nicht
bertreiben, aber sie msse schon sagen, da ihr entsetzlich zumute
geworden sei. Nicht ein Zug, nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit
sei um sie herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck der
Hrte und der Herzensverlassenheit gemacht. Nicht ein Schein einer
milden Miene, nicht die Spur eines trstenden oder beruhigenden Wortes.
Als ob ein bichen gtiges Wesen sie htte vergiften, anstecken oder gar
tten knnen. Sie meine, das heie die Vorsicht und die Korrektheit denn
doch gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschlfert, und von da
an habe sie natrlich nichts mehr empfunden und nichts mehr gewut, bis
es vorbei war. Und vielleicht, schlo sie ihren Bericht, msse ja das
alles so sein. Man empfinde es nur als berflssig herzlos. Der wahre
Arzt drfe aber vielleicht gar kein Herz haben, wer knne das
beurteilen.

Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch das Haar.

Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal dort -- hinlegen zu
mssen, sei ihr abscheulich und peinlich. Und auch noch wegen etwas
anderem. Joseph knne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, ihrem Mann
mit so etwas zu kommen, wo die ganze finanzielle Lage, Joseph msse das
ja wissen, sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, wenn sie
keine Ursache zu auergewhnlichen Ausgaben habe. Dieses dumme Geld; wie
schnde doch eigentlich die bestndige Sorge um so etwas sei. Nein, da
msse sie, und sie lchelte, zuerst das neue Kleid haben, das sie sich
schon lngst wnschte, ehe sie den rzten wieder etwas gebe. Das knne
ihretwegen noch eine Zeitlang warten.

Joseph dachte: Der Herr will die Schlosserwerksttten warten lassen und
die Frau die rzte.--

Der 1. August!

Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne besondere Dinge
vorbergegangen. Der Abend ist wieder da, es ist der Festabend. Schon
fngt man an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne dringen die
dumpfen Schlge der Bllerschsse zu den Ohren der um das Haus
Versammelten. Tobler hat fr einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der
Mechaniker, der den Schtzenautomaten in Arbeit hat, ist vom
Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung zu Toblers herbergekommen.
Auch die beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im Gartenhaus und
hat die Weine bereits angestochen. Tobler glnzt vor Festnachtfreude,
schon jetzt, und je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, um so
feuriger drckt sich dieser eigentmliche Glanz auf seinem rtlichen
Gesicht ab. Joseph zndet Kerzen und Lampen an, er mu sich unter jeden
Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. Vom Dorf her hrt
man ein murmelndes Singen und Lrmen, als msse dort, in der Entfernung
eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude herrschen. Neue
Schsse! Diesmal donnern sie vom andern Seeufer herber. Tobler ruft:
Ah, die da drben machen auch schon Ernst! Er ruft Joseph zu sich
heran, um ihm etwas zu trinken, und neue ergiebige Winke bezglich
der elektrischen Beleuchtung des groen Wappenschildes zu geben. Der
Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen des groen,
heiligen Vaterlandes.

Wie tnte doch da die sonore Stimme des Herrn Tobler, an diesem groen
Abend. Bald flogen die knisternden und zischenden Raketen in die Hhe,
oder es platzte ein Feuerteufel. Auch ganze Glutschlangen sprangen, von
der Hand des eifrigen Gehlfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,
wahrhaftig, es konnte bald einem Mrchen aus Tausendundeine Nacht
gleichen. Wiederum, pum, ein Schu aus der Ferne. Die im Dorf schossen
jetzt auch. Tobler rief: Nun? Kommt ihr auch bald einmal? Ihr seid doch
immer die Sptesten. Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker! -- Er
lachte aus vollem Halse, ein geflltes Glas schimmernden, hellgoldenen
Weines in der Hand schwenkend. Seine verhltnismig kleinen Augen
sprhten, als htten sie Feuerwerk abgeben mgen.

Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe und -schlange nach der
andern. Joseph glich einem heldenmtigen Kanonier in der heien
Schlacht, so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle Stellung und
Haltung eines Kmpfers angenommen, der scheinbar entschlossen war, sein
letztes bichen Blut fr die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne
eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen Momenten glauben ja
die Menschen Wunder was zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und
Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es bedarf nur des Weines und
des Gewehrdonners, und der Wahn des Auergewhnlichen ist
zusammengewoben, fest genug, eine ganze, lange, ruhige, bescheidene
Nacht zu durchschwrmen. Auch Joseph war, wie sein Herr, vom
Herzensfeuer der Festnacht ergriffen worden.

Schiet, ihr Ftzel!

Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, und er meinte
damit jene paar Leute, die sich immer einen gewissen spttischen Ton
herausnahmen, wenn er angefangen hatte, am Biertisch von seinen
technischen Erfindungen zu reden. Durch seinen Ausdruck und Ausruf
zeigte er diesen Schlappschwnzen, wie seine abermalige, kurze
Ansprache lautete, deutlich seine Verachtung.

Aber Karl!

Frau Tobler mute hell auflachen.

Berauschend schn war's, als jetzt von den fernen, unsichtbaren Bergen
herab, gleichsam im hohen Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zndeten
und brannten. Auch Hornrufe, gro und wuchtig tnende, kamen aus weiter
Hhe und Ferne herabgeklungen, langsam den metallenen Atem ausstoend
und ihn lange anhaltend. Das war schn, und alles, was Ohren hatte,
horchte. Ja, wenn die Berge selber zu tnen und zu reden anfangen, mu
wohl bald das kleine Gezische und Geknatter der hastigen Raketen
schweigen. Bergfeuer brennen still aber lang, whrend der Sprhregen der
Nhe emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg und
Gerusch, aber auch gleich wieder ins Nichts zusammensinkt.

Mit dem Eindruck, den das groe, erleuchtete Wappenschild mit der roten
und weien Farbe machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er lie daher
noch ein paar Flaschen bringen und konnte sich mit Einschenken in die
verschiedenen Glser gar nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute
msse eins ber den Durst genommen werden.

Und so klangen denn die Glser eifrig aneinander, der Glserklang
vermischte sich mit dem Gelchter, das ber allerhand rasch ersonnenen
und ausgefhrten Torheiten erschallte. Die Wangen waren so hei wie der
Ausdruck der Augen. Die Kinder hatte Frau Tobler natrlich schon lngst
in die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen wurde
heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen und pltzlich der alten
Dame aus der Parkettfabrik auf die Nase gesetzt, da er kleben blieb.
Tobler lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank zu lachen, er
mute sich die Backen festhalten, da diese zu zerspritzen drohten.

Schlielich klingelte und lchelte das Fest mit dem letzten Glas Wein an
den Lippen der Teilnehmer aus. Die Lust am Spetreiben erlahmte und
sank jeden Augenblick, hintenber taumelnd, in Schlaf. Die Frauen
standen auf und gingen nach Hause, wogegen die Mnner sich noch eine
halbe Stunde, allmhlich wieder ernsthaft werdend, im Gartenhaus
aufhielten.

                   *       *       *       *       *

Das Dorf Brensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die Toblersche
Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt
von der groen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie fast alle
Drfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch eine
ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrhrender, stattlicher,
herrschaftlicher oder ffentlicher Bauten aus. Auch sind viele
angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die
ebenfalls schon ein ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel
haben hier vor ungefhr hundertfnfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr
oder minder primitiven Rder und Gurten geschwungen, und sie haben sich
bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland,
sondern auch in der brigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die
Kaufleute und Fabrikanten sind aber nicht blo im Gelderwerb hngen und
stecken geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der
Geschmacksnderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch heute
sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewut. Sie lieen sich in
den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige
Gebude aufrichten, deren unaufdringliche aber grazise Form der
zufllige Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann.
Jene reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlchen und Huser mit
Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, da, wie man ahnen
kann, damals ein schnes, solides husliches Leben regiert und bestanden
haben mu. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten vornehmen
Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie verstecken
ihre Huser gern in ltere, bereits durch ein tchtiges Wachstum
ausgezeichnete Grten, denn ihnen ist der Sinn fr die Besonderheit und
Schlichtheit durch die bertragungen des gleichen Blutes geschenkt und
gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Brenswil oder
Brensweil viele armtige und elendigliche Bauwerke, und in diesen
wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen
Schnheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natrliche
berlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so
lang und so gutbegrndet weiterbestehen wie das wohlhabende und
ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das
feinere Weltleben fortexistieren.

Ja, Brensweil ist ein hbsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen
und Straen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl
stdtisches als drfliches und lndliches Wesen und Treiben. Wenn man
hier eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so mu
man nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein,
sondern man mu sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird
eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch
Kaleschen mit streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so
sehr fabelhafte Seltenheit. Sie brauchen nicht Grfinnen oder Baroninnen
zu gehren, solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau
gebhren, um so mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbeflei
wirklich zum alten Land- und Stadtadel zu zhlen ist.

Ein reizendes Nest, wrde ein gebildeter Fremder von Brensweil sagen.
Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft
sogar auf das Drecknest, und zwar nur deshalb, weil einige
Brensweiler, mit denen er am Stammtisch des Segelschiffes zu sitzen
pflegt, an die gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so
recht glauben wollen.

Denen wolle er es schon zeigen. Die mchten ihre Augen eines Tages schn
aufreien, sagt er in letzter Zeit fters.

Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat ihn
veranlat, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu whlen? Darber herrscht
folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren ein
einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer groen Maschinenfabrik
gewesen. Da hat er eines Tages eine grere Summe Geldes geerbt und
dadurch den Plan genhrt, sich selbstndig zu machen. Ein noch
verhltnismig so junger und heibltiger Mann ist in allen Dingen, so
auch in der Ausfhrung von heimlichen Plnen, stets etwas rasch, und das
ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder
Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so
nennt sie sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend,
schner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der
nicht allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas
fr ihn! Er macht kurzen Proze und kauft sich das Grundstck. Er kann
als freier unabhngiger Erfinder und Geschftsmann wohnen, wo es ihm
beliebt, er ist an keinerlei Scholle gebunden.

Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen, der
Tobler nach Brensweil gefhrt hat. Das Heim kann stehen, wo es will,
wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfgender und
-bestimmender Herr sein, und er ist es.

                   *       *       *       *       *

Am frhen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im Bureau
ein wenig den Schtzenautomaten an, der schlielich auch studiert sein
wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand, auf welchem
die ausfhrliche Beschreibung dieser Maschine nebst zeichnerischen
Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun mit dieser Nummer
zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte man ja bereits
beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, sich mit
Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es ihm
gelang, sich mit dem innern und uern Wesen dieser Nummer zwei vertraut
zu machen.

Der Schtzenautomat erwies sich als ein Ding, hnlich den
Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhfen und in
allerlei ffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem
Schtzenautomaten nicht eine Platte Sigkeit, Pfefferminz oder
dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche
war also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und
verschrfte, auf ein anderes Lebensgebiet geschickt bertragene. Auch
war der Toblersche Automat bedeutend grer, er war ein dickes, hohes
Gestell von einem Meter und achtzig Hhe und dreiviertel Meter Breite.
Der Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht hundertjhrigen
Baumstammes. Am Automaten war in ungefhrer Manneshhe ein Schlitz
angebracht, zum Hineinwerfen oder -fgen des Geldstckes oder der Mnze,
die fr Geld erhltlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu
warten, dann an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun
in eine offene Schale strzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu
nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere
Konstruktion beruhte auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie
auf einem abwrts gleitenden Kanal zur Befrderung der Patronen, die
sich in gleichmigen, der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen
in einer Art von Kamin zu dreiigen von Stcken aufeinandergetrmt
befanden; zog man nun an dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff,
so fiel eben eines der im Kamin befindlichen Stcke uerst elegant
heraus, und der Apparat funktionierte weiter, das heit er blieb still,
bis ein zweiter oder ein dritter Schtze des Weges daherkam und ihn von
neuem zu der eben beschriebenen Bettigung reizte. Aber noch mehr! Der
Automat hatte den Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem
eine kreisrunde ffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf
der Mnze und Ziehen am Griff des Hebels eine schnbemalte
Reklamescheibe zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus
einem Reifen verschiedenartig gefrbten Papieres, der mit der ganzen
Hebelvorrichtung in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand,
derart, da der Sturz eines Patronenpckchens jeweilen eine erneute
Reklame unmittelbar und exakt an die kreisrunde ffnung schob, indem
sich der Papierreifen stckweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war
in Felder abgeteilt, die Besetzung und Bentzung der einzelnen Felder
kostete Geld, und dieses Geld mute die Kosten der Anfertigung des
Automaten brillant herausschlagen: Aufzustellen ist der Schtzenautomat
auf Schtzenwiesen gelegentlich der zahlreich stattfindenden
Schtzenfeste. Was die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung
von Bestellungen und Auftrgen wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur
erste Firmen zu wenden. Wenn man annehmen darf, da smtliche Felder mit
Reklamen besetzt werden, und man darf das wohl annehmen, so verdient da
Tobler (Joseph war mit seinen Gedanken so sehr beschftigt, da er
anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen schnen Haufen Geld, denn
was die Inserate einbringen, das bersteigt bei weitem die Kosten der
Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir
zehn Automaten, tritt natrlich eine wesentliche Preisermigung ein.

Der Kassenbote der Brensweiler Sparbank trat ein.

Natrlich ein Wechsel, dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf,
nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schttelte es
hin und her, prfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich
nachdenkliches und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei
gut, man werde vorbeikommen.

Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm sogleich
die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu
ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.

Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mute gleich telephoniert
werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig
Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf
den zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten
ruhig, ja sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam!
Leute, die Geld von Tobler haben wollten, muten in Zukunft noch ganz
anders, noch viel krftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das
gebot das Zartgefhl Herrn Tobler gegenber. Der Chef durfte jetzt unter
keinen Umstnden an diese widerwrtigen Bagatellen erinnert werden. Der
hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den konnten jetzt nur die groen
Sorgen beschftigen. Dafr hatte ja Tobler einen Angestellten, damit
dieser womglich intelligente und geistreiche Kerl ihm die kleinlichen
Unannehmlichkeiten abnahm, sich dicht an der Tr aufstellte, um
ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefrdern.
Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafr rauchte er jetzt auch wieder
einmal einen von den eben aus dem Dorf herspedierten, neuen
Zigarrenstumpen.

Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschften nachgegangen
und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da
jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das wrde fatal
sein.

Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce Fr Kapitalisten hin
sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich
schon in allernchster Zeit einmal in Brensweil zwecks Besichtigung der
betreffenden Erfindungen vorsprechen.

Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besa. Dagegen war
die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank-
und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus groe
Reichtmer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle
Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlssig. Diese Handschrift
entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Krperhaltung, einem
unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie
war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Klte strmte sie aus,
sicher war er das Gegenteil eines heibltigen Gesellen, der so
schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Hflichkeit und
Bndigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des
blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfmiert trat dieser Herr
Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam.
Tobler wrde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, da er, toll
vor rger, ganz auer sich kme. brigens hatte er den Befehl
zurckgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen
und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschrft hatte er
Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umstnden wegziehen zu lassen,
sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause
wre. Womglich lie sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling
eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, da der
zu nobel fr so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers
eins hatten, durfte fr jedermann, auch fr die hchstgestellte und
erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein.
Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es
war, glaubte Joseph, gengend gesorgt fr ihn.

Aber Joseph war es doch ein wenig bange.

Wie nett es sich brigens fr ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal
sich auerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch
von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwhrenden
Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man bestndig Angst, etwas
knnte kommen und die frhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil
umschlagen. War er gehssig und bissig, so hatte man die mehr wie saure
Pflicht, sich selber fr einen struben Gauner zu halten, weil man sich
unwillkrlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah.
War er gleichmtig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem
gleichmigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dnnen Schaden
anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spltchen
verletzt fhle. War der Herr spaig aufgelegt, so verwandelte man sich
augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier
nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gtig,
so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fhlte man sich
verpflichtet zu lcheln.

Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau
schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die
beiden Knaben, denen sah man das Vergngen ber des strengen Vaters
Abwesenheit von weitem an. Es war etwas ngstliches fort, wenn Tobler
weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.

Bin ich eine solche duckmuserische Angestelltenseele? dachte Joseph.
Da kam Silvi, das ltere der kleinen Mdchen, und rief zum Mittagessen.

Nachmittags, Joseph sa gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau
Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.

Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand, sagte die Frau zum Gehlfen.

Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstre
gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre
habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme
der Ankmmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei
leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er
bitte, eintreten zu wollen.

Der Herr sagte seinen Namen. Ah Herr Fischer! rief Joseph aus. Er
verneigte sich etwas zu frhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes
Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte.

Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo
derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann,
whrend er sich mit einer gewissen berlegenheit nach allen Seiten
umschaute.

Joseph erklrte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben in
Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur
Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam
alles, was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes
auseinanderzusetzen.

Der Fremde, der mit Interesse zuzuhren schien, fragte, indem er die
Adlerflgel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Hhe der
angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen
Falle leicht mglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits
Reklame-Auftrge eingelaufen seien?

Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bichen nachdenklich schien
er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas frh, zu seinen
Gunsten auslegte.

Dieser erwiderte, die Summe drfte wohl kaum als zu hoch gegriffen
betrachtet werden, im Gegenteil, und Auftrge seien bereits in ganz
erfreulicher Anzahl da.

Und die Uhr kostet?

Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er ein
ganz klein wenig, er wute selbst nicht warum, stotterte. In der
Ungewiheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen
gemtlichen Stumpen anznden, verwarf aber dieses pltzliche Gelste als
nicht ganz schicklich. Er errtete.

Wie ich sehe, sprach Herr Fischer, handelt es sich hier um ein
scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits
ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Drfte ich mir erlauben, einige
kleine Notizen zu machen?

Aber bitte!

Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und
Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er
aufgeregt? Jedenfalls, das sprte er deutlich, war er schon darauf
vorbereitet, zu sagen, dem Herrn drfte es vielleicht angenehm sein, im
Garten eine Tasse Kaffee zu trinken.

Meine Frau wartet unten, bemerkte leicht der andere. Er schrieb
einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Pltzlich war er
fertig. Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist
mit seinen verstndnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er
wollte den Mund auftun, um zu sagen, er knne ja rasch hinunterspringen
und die Dame, die unten wartete, heraufholen.

Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persnlich nicht
angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergngen
werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst fr
die erhaltene, liebenswrdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden.

Schade, nahm wieder der andere das Wort, ich wrde mich uerst
wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschlieen knnen.
Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, da
sie sich rentieren wird. Wollen Sie die Gte haben, und Ihrem Herrn Chef
eine hfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen.

Man kann ja -- War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte?

Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen. Sollte
man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Mu Joseph sich
nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er mu nun ins Gartenhaus
gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um derselben zu
sagen, wie unverantwortlich kopflos er sich benommen hat.

Das ist dumm, sehr dumm, dachte er.

Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben damit
beschftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prgel zu verabreichen. Sie
weinte und sagte, es sei nicht schn, was sie fr Unholde von Kindern
habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trbe ums Herz:
Auf der einen Seite eine weinende und erzrnte Frau, auf der andern
Seite ein ironisch winkender und grender Kapitalist, und im
Hintergrund die Ahnung von der Mibilligung Toblers.

Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und go
sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: Warum nicht nehmen, wenn es
doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das
herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.--

War das dieser Herr Fischer? fragte die Frau. Sie hatte die Augen
getrocknet und schaute nach der Landstrae hinunter. Dort unten stand in
der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des
Toblerschen Besitztums zu ergtzen.

Ja, antwortete Joseph, ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es
war unmglich, er sagte, er msse absolut gehen. brigens hat man ja fr
alle Flle seine Adresse.

Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen. Nein,
er hatte nicht sein Mglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer
aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine
freche, frivole Lge.

Frau Tobler sagte bekmmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr bel
nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stcken.

Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mdchen, sa auf einem
Gartenstein und sang in leisen, dummen Tnen. Frau Tobler befahl ihr zu
schweigen. Wie das hei war, sonnig, gelblich und blulich. Der Geldmann
war jetzt nicht mehr zu sehen.

Sie haben wohl ein wenig Angst? sagte die Frau und lchelte.

O wegen der Angst, entgegnete Joseph trotzig, das ist das wenigste.
brigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will.

Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und
msse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen.
Natrlich habe er jetzt ein wenig Angst, man knne ihm das ja ganz schn
ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn Karl
nicht knnen. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter
absetzen, auf das drfe Joseph immerhin sich gefat machen.

Sie lachte hell und schn auf und fuhr fort zu sprechen.

Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr Mann
andern Menschen einzuflen verstehe. Fr Fernerstehende habe er beinahe
etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft,
und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die
geringste Angst vor Tobler.

Wirklich? machte Joseph. Er war ruhiger geworden.

Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie msse nicht hell von Verstand
sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Tuschung hingeben knne.
Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrche ihres Mannes eher als ein
Lustspiel, als wie eine Tragdie, sie msse jedesmal, sie wisse selbst
nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei
das nie merkwrdig, sondern immer natrlich an ihr erschienen, aber sie
wisse wohl, da es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen
und den Mund vor Verwunderung aufreien, darber, da es eine
anscheinend so unselbstndige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen
des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal
gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle
aufgesammelten schlechten Eindrcke, die ihm die Welt hinterlassen habe,
auslasse, in solchen Fllen habe sie ntig, Gott zu bitten, ihr die
Kraft zu einem Gelchter zu geben. Man gewhne sich brigens nach und
nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur eine
unselbstndige Frau sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder
ernsthaft ber die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt,
der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein
andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt
sei, nur ein vorbergehender sein knnen.

Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches
an sich.

Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedrfnis,
einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile
ein wenig zurechtdenken, aber er fand die passenden und beruhigenden
Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch
dort wurde er dieses beschmende Gefhl des Unheimlichen nicht los. Um
es endgltig zu bewltigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es
noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und
trstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt
erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im
Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu
bekommen, er wrde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut
brauchen knnen, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich
sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu
spritzen. Das dnne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schnen,
hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Grser und Bume
herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man
empfand whrend dieser Arbeit eine eigentmlich gemtliche und fest
geschlossene Zugehrigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so
viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich
nicht allzuwst anschimpfen.

Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmglich,
kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der
Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen.

Wie schn wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen
Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?

Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht
einer so hbschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, da
er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu
Herzen nhme.

Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn
geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die
Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das
war so schn anzusehen, da der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und
alle diese Bilder stren, leichtsinnig abgewiesen wurde.

Gegen zehn Uhr hrten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten
heraufkommen, es waren die seinen.

Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hrt, ist dieser
Nherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist
dann nie eine berraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.

Tobler war mde und gereizt, aber das war nichts berraschendes, denn so
pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hrbar
auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hgels
Mhe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen
ins Haus hinein, um sogleich das Gewnschte herbeizuholen, glcklich
darber, seinem Vorgesetzten fr eine halbe Minute wenigstens aus dem
Wege zu gehen.

Als er mit den Rauchutensilien zurckkam, hatte sich die Lage der Dinge
bereits verndert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch
alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhrt khn, wie es Joseph erschien,
den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen
kann, weil er fhlt, da er es zu unmig tte.

Also Herr Fischer war da, wie ich hre, sagte er, wie haben ihm die
Dinger gefallen?

Sehr gut!

Die Reklame-Uhr?

Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein
ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein.

Haben Sie ihn auch auf den Schtzenautomaten aufmerksam gemacht?

Nein.

Warum nicht?

Herr Fischer hatte so groe Eile, seiner Frau wegen, die unten am
Gartentor wartete.

Und Sie haben sie warten lassen?

Joseph schwieg.

Und ich mu einen solchen Tropf von Angestellten haben, schrie Tobler,
auerstande, die Wut und den geschftlichen Jammer, die ihn verzehrten,
lnger zurckzuhalten, ich mu das Unglck haben, von der eigenen Frau
und einem nichtsnutzigen Gehlfen betrogen zu werden. Da soll der Teufel
Geschfte machen.

Er wrde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn Frau
Tobler sie nicht glcklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand
niedersauste, etwas weiter gerckt htte.

Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen, rief die Frau,
und zu sagen, ich betrge dich, das verbiete ich dir. Sonst wei ich
dann auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient
nicht, da er mit Ausdrcken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn
ganz fort, wenn du dich durch ihn geschdigt glaubst, aber mach keine
solche Szenen.

Sie hatte das als unselbstndige Frau natrlich weinend gesprochen,
aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt,
Tobler war sofort ruhig geworden, das Gewitter war am Vorbergehen. Er
fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun knne, um sich die
Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen
frh msse sogleich telefoniert werden.

Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine groe Rolle. Die
kaufmnnischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen
werden.

Schon der bloe Gedanke, da man ja diesem Herrn Fischer morgen frh
telephonieren knne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen
wieder aufleben. Wie war es denn mglich, da, wenn man derartige
Hilfsmittel zur Verfgung hatte, das Geschft zu Schanden gehen konnte?

Und Tobler wrde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankndigung in
den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem entflohenen
Vogel einen persnlichen Besuch abzustatten.

Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon lngst wieder
heiter und vergngt geworden war, als habe die Aufregung innerlich
weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die spte Nacht hinein
Karten. Joseph msse das Kartenspiel auch lernen, hie es, es sei einer
kein rechter Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.

Am nchsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf
sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends war
die Miene eine gedrckte, zornige und traurige. Das Geschft war nicht
zustande gekommen. Statt der flssigen Gelder gab es eine neue, bittere
Szene im nchtlichen Gartenhaus. Tobler sa da wie das verhaltene
Ungewitter selber und gefiel sich in unschnen, gotteslsterlichen
Verwnschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen mchte die ganze
Erde in Morast versinken, das kme jetzt alles auf ein und dasselbe
heraus. Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer
Unmasse von Schlamm.

Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum
Teufel in die Hlle zu wnschen, gebot ihm Frau Tobler Migung. Er aber
fuhr sie so grausam hart an, da es sie, den Kopf voran, auf die
Tischplatte niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit
sanft gesetzten Schritten davonging.

Sie haben Ihrer Frau wehgetan, wagte Joseph in einem Anflug von
weltmnnischer Ritterlichkeit zu sagen.

Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt, erwiderte Tobler.

Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce fr die tglich
erscheinenden Weltbltter. In dem Inserat kamen Worte vor wie:
Glnzendes Unternehmen, Hchster Gewinn bei absoluter
Risikolosigkeit. Das wrde man gleich andern Tages in die
Annoncenexpedition schicken.

                   *       *       *       *       *

Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fnf Mark in die Tasche.
Er geno wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten zu
drfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute wrde es
wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schn
gelblich und brunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann
vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die
bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler fr eine Manier
besa, zu lachen und einen spttisch von oben herab anzusehen, sobald es
sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein
Schlossermeister gewesen wre, zu dem man sagt: Da. Nehmen Sie. Sie
rauchen gewi auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre. Als ob Joseph
soeben mit Gitteranstreichen oder Trschloausbessern fertig geworden
wre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt htte. Das war die Art,
wie man einem tchtigen Grtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph
nicht Toblers rechte Hand, und durfte man glauben, man zeichnete eine
solche rechte Hand gebhrend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres
zu rauchen darbot?

Er blieb etwas lnger im Bett heute, er ffnete die Fenster und lie
sich im Bett von der weilichen Morgensonne anscheinen und anblenden,
was eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes
auch, wie zum Beispiel der Gedanke an das Frhstck. Wie war heute alles
sonnig und sonntglich. Das Sonnige und das Sonntgliche schienen von
weit her schon Brderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der
innige Gedanke ans ruhige Frhstck, ja, der war auch aus so etwas
Sonnigem und Sonntglichem gewoben, das sprte man jetzt deutlich. Wie
wre es mglich gewesen, heute etwa verdrielich zu sein, oder gar
migestimmt, oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in
allem, in jedem Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem
Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an
der Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im
Gegenteil, es ruhete und lchelte und friedelte einen frmlich an.
Eigentlich war man gedankenlos, und man wute gar nicht warum, aber man
schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit
lag so viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkrlich an
kstlich gedeckte Frhstckstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing
dieses dumme aber beinahe se Sonntgliche schon an.

Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf
die viereckige Plattform, die ihm zur Verfgung stand, hinaus. Von hier
sah man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bume hinber.
Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd,
deckte den Morgentisch drauen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte
der Gehlfe nicht lnger widerstehen, es ri ihn hinunter zu Kaffee,
Brot, Butter und Eingemachtem.

Spter ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da
unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe
lieblichen Gewohnheitsgefhl, an den Schreibtisch, der wie ein
Kchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, es war heute das reine
Tndeln mit der sonst so ernsthaften Feder. Das Wort telephonische
Unterredung erschien ihm ebenso sonntglich geputzt wie das Wetter und
die Welt drauen. Die Redewendung und gestatte ich mir war blau wie
der See zu Fen der Villa Tobler, und das hochachtungsvoll am Schlu
des Schreibens schien nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu
duften.

Er trat zur Bureautr in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntglich,
da man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu
unterbrechen, um rasch den Garten ein bichen inspizieren zu gehen. Wie
das duftete, wie hei es schon war, trotz der noch frhen Morgenstunde.
Da wrde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so genau
kam es sicher nicht darauf an. Ja heute durfte man diese Worte Tobler
ruhig ins Gesicht hineinsagen, er wrde ganz derselben Meinung wie
Joseph sein. Das Nichtdaraufankommen, das war schlielich der ganze
Unterschied zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze
Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und
Blumenduften. Heute abend wrde man den Garten auch wieder einmal recht
tchtig spritzen mssen.

Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten vor, indem er das
dachte. Er trug jetzt die Glaskugel ans Freie hinaus.

Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen neuen Anzug bekleidet,
entgegen und erklrte ihm, da er heute mit Frau und Kindern ausreisen
wolle. Man knne nicht immer zu Hause sitzen, und der Frau msse man
auch einmal eine Freude gnnen. Was Joseph betrfe, so werde der
wahrscheinlich, wie Tobler denke, nach der Stadt fahren, um seine
dortigen Freunde aufzusuchen.

Das la du nur einstweilen meine Sache sein, das mit den Freunden, gab
Joseph dem Herrn im stillen als stumme Antwort zurck. Laut sagte er,
nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm besser so.

Das knnen Sie meinetwegen halten, wie Sie wollen, sprach Herr Tobler.
Ungefhr nach einer halben Stunde stand die kleine Ausflugsgesellschaft,
bestehend aus den beiden Ehehlften Tobler, den beiden Knaben, dem
Frulein aus der Nachbarschaft und der kleinen Dora, reisefertig vor dem
Haus, um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort stattfindenden
kantonalen Sngerfest einen halbtgigen Besuch abzustatten. Frau Tobler
hatte ein schwarzseidenes Kleid an und sah beinahe imponierend darin
aus. Sie empfahl Pauline Obacht ber das Haus an, und zu Joseph sagte
sie in gemtlichem Ton, er mge ebenfalls ein bichen aufpassen auf
alles, was um das Haus herum vorgehe, da er doch, wie sie gehrt habe,
zu Hause bleiben wolle.

Endlich begab man sich fort unter dem Geheul des an der Kette
festgebundenen Hundes, den es bitter zu verdrieen schien, allein
zurckbleiben zu mssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das
Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mdchen schien sich nicht im
geringsten ber die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, zu grmen.
Darin, da allein sie von den vier Kindern dagelassen wurde, erblickte
sie etwas Alltgliches. In der Tat war sie lngst an allerlei
Zurcksetzungen gewhnt, derart, da ihr beinahe schon alles Empfinden
dafr abhanden gekommen war.

Viel Vergngen zu Hause, Marti, hatte Tobler zu Joseph noch gesagt.

Ja viel Vergngen! Sorgen Sie geflligst fr Ihr Vergngen, Herr
Ingenieur Tobler, dachte Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit
einem Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte, oben in
seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte:

Da gehen sie, diese merkwrdigen Herrschaften Tobler, mitsamt dem
sauren Engel aus der Parkettfabrik, auf vergngliche Sngerfahrten, und
die kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwrtiges Huflein
Unrat. Diese Silvi ist nur so ein kleines Hudelchen, fr das das schne
Sonntagswetter zu schade ist. Die schne Frau Tobler mag das Mdchen
nicht ausstehen, es ist ihr zu wenig schn, da mu es eben zu Hause
sitzen. Und dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch haben ihn die
Wut und das Gefhl der Enttuschung von links nach rechts und im Kreis
herum geschttelt, da es ein Jammer gewesen ist, und heute sagt er zu
mir, er wnsche mir viel Vergngen, und ich solle in die Stadt zu
Bekannten und Freunden fahren. Er frchtet, ich wrde mit Pauline,
seiner Dienstmagd, anbandeln, das ist alles.

Er gestand sich, da er zu bitter sei und zwang sich zur Lektre des
Buches. Da ihm aber dies nicht gelingen wollte, legte er das Buch
beiseite, trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder zur Hand und
einen Streifen Papier und schrieb folgendes darauf:

                                 Memoiren.

    Ich habe soeben gehssige Gedanken hegen wollen, aber ich verbiete
    mir das. Dann habe ich lesen wollen, aber ich bin dazu nicht
    imstande gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht ergriffen,
    da habe ich das Buch weggelegt, denn es ist mir unmglich zu lesen,
    ohne begeistert von der Lektre zu sein. So sitze ich nun an diesem
    Tisch und beschftige mich mit der eigenen Person, da ich niemanden
    auf der Welt besitze, der begehrt, von mir irgendwelche Nachrichten
    zu erhalten. Wie lange habe ich nun schon keinen warmen Brief
    geschrieben? Jener Brief an die Frau Wei gibt mir deutlich zu
    verstehen, wie es mich aus dem Kreis nahestehender und teilnehmender
    Menschen herausgeschttelt und -gerttelt hat, wie sehr mir Menschen
    fehlen, die aus natrlichen Grnden ein billiges Recht haben, von
    mir Auskunft ber mein Wesen und Treiben zu fordern. Jener Brief ist
    mit einem ersonnenen und erdichteten Gefhl geschrieben worden, er
    ist wahr, aber er ist zugleich eine Erfindung gewesen, herauserfunden
    aus einem Geist, der erschreckt ist, darber, da ihm einfachere und
    nherliegende Beziehungen vollstndig mangeln. Bin ich ruhig jetzt?
    Ja. Und ich sage zu der mittglichen Stille, was ich jetzt sage.
    Rund um mich herrscht sonntgliche Ruhe, schade, da ich das nicht
    irgend einem Menschen von Gewicht mitteilen kann, denn das wre ein
    ganz hbscher Briefanfang. Doch jetzt will ich mein Wesen ein
    bichen beschreiben.

Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort zu schreiben:

    Ich komme aus gutem Hause, aber ich glaube, ich habe eine etwas zu
    flchtige Erziehung genossen. Ich will mit diesen Worten keineswegs
    meinen Vater oder meine Mutter anklagen, behte Gott im Himmel,
    sondern ich will nur versuchen, ob ich mir klar darber werden kann,
    was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von
    Welt, der die Mhe gehabt hat, mich zu ertragen. Die Verhltnisse,
    in denen ein Kind aufwchst, erziehen dasselbe groenteils. Die
    ganze Gegend und Gemeinde helfen mit, es zu erziehen. Das elterliche
    Wort und die Schule sind freilich die Hauptsache, aber was ist das
    fr eine Art und Weise, mich hier mit meiner eigenen, werten Person
    zu befassen, ich gehe lieber baden.

Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche Gehlfe legte die Feder
beiseite, zerri das Geschriebene und verlie das Zimmer.

Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit Pauline und Silvi. Die ziemlich
roh fhlende Magd suchte unter bestndigem Gelchter, das bei Joseph
bezglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte, dem Kind Manieren
beizubringen, whrend sie doch selber kaum solche besa. Das eitle und
herzlose Bemhen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten Vormachen
und Einexerzieren der Fhrung von Messer und Gabel, wobei irgendwelcher
Erfolg des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal gewnscht
wurde, da ja sonst das Vergngen des barschen und belustigenden
Einstudierens vorbei gewesen wre. Das Kind sa da und schaute mit
groen, tatschlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin, bald den
gleichmtig zuschauenden Joseph an und verschttete in ziemlich
garstiger Weise ihr Essen, worber sich Pauline in einem erneuten und
bertriebenen Entrstungswortesturm berauschte, der fr Silvi ernst,
aber fr Joseph komisch wirken sollte, gleichsam, um zwei
entgegengesetzte Welt- und Lebensanschauungen mit einem Streich zu
befriedigen. Silvi benahm sich so lppisch, da es die Dienstmagd, der
seitens der Mutter des Kindes beinahe unbeschrnkte Herrschaft ber das
kleine Wesen zuerteilt worden war, fr passend fand oder fr ntig
erachtete, den Tunichtgut ohne Umstnde zu ohrfeigen und an den Haaren
zu schtteln, so da Silvi laut aufschrie, nicht vielleicht so sehr des
krperlichen Schmerzes wegen, der brigens gar so geringfgig auch nicht
war, als wegen eines letzten Stmpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten
Kinderstolzes, sich derart von einer fremden Person, wie die Pauline
eine war, maltrtieren lassen zu mssen. Joseph schwieg dazu. Angesichts
des kindlichen Zornes und Schmerzes spielte die Magd handkehrum die
ernstlich Gekrnkte und Beleidigte; das kam daher, weil Joseph gar nicht
lachen wollte, was sie ganz unbegreiflich fand, und auch daher, weil
Silvi nicht ruhig sich hatte schlagen lassen, was sie in ihrer
Gedankenlosigkeit und Roheit als selbstverstndlich vorausgesetzt hatte.
Ich will dich schreien lehren, du Unflat, rief sie, oder krchzte sie
vielmehr, und nahm das Kind, das von seinem Platz weggelaufen war, und
stellte es wieder auf seinen Stuhl, wobei das Geschpfchen hart an die
Rcklehne desselben anprallte. Silvi mute Gabel und Messer von neuem,
und zwar ordentlich, wie ihr die Lehrerin und Erzieherin durch einen
strengen und spitzen Zuruf befahl, in das Hndchen nehmen, um die
wehmtige und appetitlose Mahlzeit gezwungenermaen zu beenden. Sie sah
infolge der verweinten Augen fr Pauline noch viel dmmer und ungerader
als vorher aus, und da lachte denn das Muster aller Erziehungsmethoden
der Welt laut auf. Der Anblick der traurig essenden Silvi mute auf ihre
Lachmuskeln geradezu erschtternd wirken. Der Humor war also wieder da.
Ein schamloses Mundwerk ist nie zu verachten, und so frug denn mit
breiter Stirn, auf der sich buerlich-beschrnktes Erstaunen deutlich
abmalte, Pauline den still dasitzenden Joseph, ob er etwa bse sei, oder
was er sonst habe, da er gar kein Wort rede? Die Dreistigkeit und
Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage machten, zu einem
unertrglichen Eindruck vereint, denselben heftig errten. Er htte
seine Tischnachbarin ttlich angreifen mssen, wenn er es htte
unternehmen wollen, sie von dem Gefhl, das ihn beherrschte, zu
berzeugen. So murmelte er nur etwas und stand vom Tisch auf, welches
Benehmen die Magd in dem Instinkt bestrkte, der ihr weis machte, Joseph
sei in allem ein sehr wenig vertrglicher und vertraulicher Mensch, der
es sicherlich darauf msse abgesehen haben, sie zu krnken und unwirsch
zu machen. Diese neue boshafte Empfindung bekam Silvi sogleich zu
kosten, indem ihr befohlen wurde, den Tisch abzurumen, eine Arbeit, der
sich Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt htte. Das Kind,
eifrig bemht, dem Befehl der Tyrannin und Unterdrckerin nachzukommen,
stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter zu nehmen hatte,
auf die Zehen der kleinen Fe, erfate mit beiden Hnden je eine
Schssel, einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so Stck fr
Stck demtig und sorgsam, und den Kchenwterich stets anschauend, an
den Platz hinaus, wo die Sachen gereinigt werden muten. Es tat dies so,
als trge es in den rmchen und Hndchen jedesmal eine kleine, dornige,
feuchte Krone, die von den eigenen Augen schimmernd na geweinte Krone
des frhen und unabnderlichen Kinderleides.

Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg dahin war sehr hbsch und sehr
still. Natrlich war er, whrend er so ging, von Gedanken an die kleine,
verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch genommen. Pauline kam ihm
wie ein gefriger Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich unter
den Krallen des grausamen Tieres befand. Wie konnte Frau Tobler ihr
zartes Tchterchen diesem Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber war
denn Silvi so zart und die Magd so sehr ein Drache? Vielleicht war alles
das gar nicht so schlimm. Man wrde da leicht zu bertreibungen neigen,
wollte man von der einen Seite sofort das Teuflischste, was es in der
Welt gab, annehmen, und vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der
Unflat Silvi war ja schon ein wenig ein solcher, aber Pauline war
Pauline. Joseph erschien es undenkbar, im stillen etwas Gnstiges von
Pauline aussagen zu drfen, als hchstens etwa, da ihr Vater ein
ehrlicher Bahnwrter und Landmann sei. Aber was hatte das Bahnwrterhaus
mit dem brutalen Vergngen an der Kindermihandlung zu tun? Mglich war
es ja, da der Vater der Pauline ein halber, wtender Stier sein konnte,
was wute man denn Genaues! Aber diese feine, beinahe aristokratische
Toblerdame, diese Mutter, diese aus echt brgerlichen Kreisen
herstammende Frau, die das zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog,
diese Kluge, in mancher Hinsicht sogar Schne, was war es mit der? Was
hatte die fr Ursache, das Kind zu verstoen und zu verschuggen? Joseph
freute sich an diesem kuriosen Wort: verschuggen, er fand es fr die
Eigentmlichkeit, die es benannte, so kennzeichnend. Verstoen, das
erinnerte ein wenig an die Mrchenbcher, aber verschuggen konnte man
heute noch so gut arme, kleine, wehrlose Kinder wie vor aberhunderten
von Jahren. Solches gelang ja sogar in einer Villa Tobler, dem Ort, wo
zwei Feen sich so gern aufhielten, nach Toblers eigener Redensart, der
Anstand (es mu anstndig zugehen bei mir) und die Suberlichkeit (potz
tausend, mehr Ordnung, haben Sie gehrt). Konnten zwei so reizende Feen
etwas so Unsauberes und in der Tat Unanstndiges, wie es die
fortwhrende Demtigung eines kindlichen Gemtes war, in ihrem Beisein
dulden, war das mglich? Wie es schien, ja! Es war eben allerlei
mglich, in dieser Welt, wenn man sich die Mhe und Liebe nahm, auf
einem Wiesenspaziergang ein bichen darber nachzudenken.

Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein paar Bauern standen am Weg.
Zu beiden Seiten desselben streckten sich ppige Wiesen aus, von
hunderten von Fruchtbumen besetzt. Es war alles so eng und zugleich so
weit und so grn. Bald langte er im Wald an, er entdeckte nach kurzer
Zeit des Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser durchzogene
Waldschlucht und machte es sich im Moos bequem, indem er sich einfach
auf den weichen Boden hinfallen lie. Der Bach murmelte so artig, durch
die Bltter der hohen Buchen blitzte die Sonne, so bekannt, so wohlig,
und das saftige Grn umwob die Schlucht wie mit feinen, sen Schleiern.
Hier wre fr eine romantische Geschichte ein schner, passender
Schauplatz gewesen. Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen
ertnten Schsse, da war wohl in ziemlicher Nhe ein Schiestand. Wie
still sonst! Kein Lftchen konnte in diese grne, verborgene Welt
hineindringen. Die Bume htten vorher umfallen mssen, aber es waren
hohe und alte, die hielten einem Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und
heute sah es da oberhalb der Schlucht nicht nach Winden und Wettern aus.
Irgend ein Ritterfrulein in Samtrock und ledernen Handschuhen, das
weie Ro an der Leine fhrend, das reiche, goldene Haar ungebunden
tragend, htte jetzt daherkommen knnen, Joseph wrde sich nicht
allzusehr ber den Auftritt gewundert haben. So sah es hier aus, ganz
nach ritterlichen und frauenhaften Begebenheiten. Aber was konnte viel
Schnes und Ritterliches in der Nhe der Villa Tobler vorkommen? Etwa
gar die Pauline, oder Tobler selber als abenteuerlustiger und ebenso
gekleideter Unternehmer? Unternehmungen, ja, die gab es in Hlle und
Flle, kein Zweifel, aber was fr welche? Was hatten technische
Unternehmungen mit grnen Waldschluchten, weien Rssern, edlen, lieben
Frauengestalten und mit mutigen Taten zu tun? Ritten in frheren
Jahrhunderten die Ritter und Unternehmer auch auf der Reklame-Uhr und
auf dem Schtzenautomaten, oder auf hnlichen Gulen herum? Gab es
damals auch schon verschuggte Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben,
man nannte sie Verstoene, und heute nannte sie da so einer, der
zwischen dem herrlichsten Grn im Moose lag, Verschuggte.

Er lachte. O es war so schn hier. Im Wald ist die Stille eine doppelte.
Ein weiter Ring von Bumen und Gestruchen bildet die erste Stille, und
die zweite, noch schnere, ist der eigene erwhlte Platz. So wie der
Bach murmelte, glaubte man sich schon in lange, khle Trumereien
verstrickt, und so wie man ins Grn hinaufschaute, befand man sich
mitten in silbernen und goldenen und guten Weltanschauungen. Die selber
erdachten, einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen Personen
flsterten leise, sie sagten etwas, oder sie machten blo Mienen,
whrend die Augen eine tief innerliche Sprache fr sich redeten. Die
Gefhle traten nackt und mutig auf, und das Feinstempfundene traf ein
verborgenes, sehnsuchtsvolles Verstndnis an. Die Lippen und Gedanken,
ohne der Zeitrume und Lebensstraen zu bedrfen, kten sich, wenn sie
sich erkannt hatten; auf den Lippen sah man die Freude hochaufbrennen,
und aus den Gedanken heraus sang eine zu Bach, Busch und Waldstille
passende, freundliche Wehmut. Man brauchte nur zu denken, es werde bald
Abend werden, und so schienen auch schon alle bekannten und unbekannten
Landschaften im Abendlicht zu schwimmen. Der Wald ber dem Kopf des
Trumers hob und senkte und wiegte sich leise und tanzte in dem
hinaufgerichteten Auge, und fr das Auge war das Mittanzen keine Frage.
Wie schn ist es hier, sagte Joseph mehrmals still fr sich. Pltzlich
hatte er eine lebhafte Erinnerung aus dem Kindheitleben.

Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine Art Schlucht, aber
eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube, aber eine so seltsame und
zierliche, wie er spter nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche
Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten Buchen- und Tannen- und
Eichenwaldes, er und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf
einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang. Es war auch an
einem Sommersonntag, vielleicht war es auch schon ein wenig gegen den
Herbst zu. Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend und
betreibend, hinterher kamen die Eltern. Die neuaufgefundene Grube erwies
sich als der herrlichste Spielplatz, man beschlo, dazubleiben und die
Eltern hier zu erwarten. Diese kamen an, und auch sie fanden den Ort
reizend, es gibt Naturpunkte, die einfach bercken, so dieser. Die
Rnder der Grube waren von einem wahren, kaum durchdringbaren
Baumdickicht bewachsen, so da es eigentlich nur neugierigen Kindern
aufbewahrt bleiben konnte, den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand
sich an einer Stelle eine breitere ffnung zum bequemen Durchschreiten.
Mutter setzte sich auf ein Rasenbord und lehnte sich mit dem Rcken an
eine Tanne an. Es gab da mitten in der Grube eine kleine Erhhung
natrlichen Ursprunges, die, da sie so hbsch mit jungen Bumen besetzt
war, von selbst zum Sitzen und Liegen einlud. Wem htte das nicht
gefallen mssen? Der Ort, wie er dalag, schien von einer sinnigen
Naturschwrmerhand geschaffen worden zu sein, aber nein, die Natur
selber, so unbekmmert sie sonst ist, war hier gleichsam so zartfhlend
gewesen, indem sie die Traulichkeit und Geschlossenheit selber erschuf.
Rund um die kleine Erhhung streckte und rundete sich eine Spielbahn,
eine Waldwiese, bewachsen von den wunderlichsten Grsern, Krutern und
wilden Blumen, die einen berauschenden, romantischen Duft verbreiteten.
Von der brigen Welt sah man nichts als ein Stck Himmel, das die hohen
Bume am Rand der Grube gesetzmig den Blicken abschnitten. Das Ganze
glich einem Pltzchen in einem weitlufigen, herrschaftlichen Garten,
nicht einer zuflligen Waldstelle. Die Eltern schauten schweigsam dem
Treiben der Kinder zu, die sich, eines das andere, die steilansteigende
Sandwelle der Grube hinauf und hinabjagten, wobei gelacht und geschrieen
wurde. Diese frhen Stimmen. Wie man nur so wild sein konnte. Die
Kinder waren alle darber erfreut, da es der Mutter hier gefiel, da
sie ruhig sitzen bleiben durfte, umweht von den Annehmlichkeiten eines
so hbschen Ruheplatzes. Sie kannten die Wnsche und Bedrfnisse des
Muttergemtes. Bald schien denn auch der ganze Ort erfllt zu sein von
diesem freundlichen, gedankenvollen Gefallen und von dem kindlichen
Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige getroffen zu haben. Ein
sonderbarer Gemtszauber machte die lebhaften Spiele noch um ein
Bedeutendes beliebter und strmischer. Man durfte sich jetzt, da die
Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein wenig Ausgelassenheit ber
das gewhnliche Ma erlauben. Wie es in fast jedem brgerlichen
Familienhaus irgend eine bedrckende Misere gibt: hier war sie
vollstndig neben die Seite gestellt worden, ja, die Welt schien man
vergessen zu haben. Die Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter,
ob sie bse war oder nicht, nein, sie schaute gtig und im brigen
gemessen gradaus. Das war ein gutes Zeichen, und der kleine Grashgel
selbst schien von da an Empfindung bekommen zu haben. Sie ist gut
aufgelegt, flsterten den Kindern die Bltter der rauschenden Bume zu.
Wenn die Mutter lcheln konnte, was eine so groe Seltenheit war, dann
lchelte ihnen die ganze umliegende Welt zu. Mutter war schon damals
krank, sie litt an bergroer Empfindlichkeit. Wie s kam nun den
Kindern das ruhige Daliegen der Frau vor, an der das Unglck herumnagte.
Das Unglck schien von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und so
lispelte und flsterte denn eine Freude in jedem Grashalm der kleinen,
weltentrckten Waldwiese und ein freundlicher Glauben in jeder
Tannennadel. Im Scho der Mutter lagen ein paar Feldblumen, und der
Sonnenschirm lag neben ihr, den Hnden war irgend ein Buch entglitten.
Das Gesicht, das die Kinder frchteten, sah so friedlich aus. Da durfte
man schon toben und schreien und bermtigkeiten einfdeln. Jeder Zug
des Gesichtes sagte: Ja tobt nur, es geht jetzt. Tobt euch nur aus, es
macht nichts. Und der ganze liebliche Ort schien sich gesellig und
strmisch mit im Kreise des Spieles zu drehen. -- Das war eine Grube
gewesen, und hier ist nur eine Waldschlucht, und das Haus Tobler ist in
der Nhe, und es ist eine unverzeihliche Snde, zu trumen, wenn der
Mensch das dreiundzwanzigste Jahr berschritten hat.

Joseph machte sich auf den Heimweg.

                   *       *       *       *       *

Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und zugleich zierlich, als werde
es von lauter Anmut und Lebensgengsamkeit bewohnt! Solch ein Haus ist
nicht leicht umzuwerfen; fleiige, geschickte Hnde haben es dauerhaft
zusammengefgt, mit Mrtel, Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht
es nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was knnen ein paar
geschftliche Verfehlungen solch einem Haus schaden?

Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei Seiten, aus einer sichtbaren
und einer unsichtbaren, aus einem ueren Gefge und aus einem inneren
Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, ja, manchmal
vielleicht noch wichtiger zum Tragen und Sttzen des Ganzen, wie der
uere. Was ntzt es, wenn ein Haus schmuck und gefllig steht, wenn die
Menschen, die es bewohnen, es nicht zu sttzen und zu ertragen vermgen?
Da sind allerdings die geschftlichen und konomischen Fehler von groer
Bedeutung.

Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem Herr Johannes Fischer seine
geldspendende Hand jhlings zurckgezogen hat. Gibt es nur einen
einzigen darlehnfhigen Menschen auf der Welt? Wenn so, dann mute ja
Tobler den Mut wirklich verlieren. Wie kommt er aber dann gerade jetzt
dazu, sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es scheint halt doch,
der Mann hat noch nicht das mindeste verloren, sonst dchte er wohl
kaum an solche Bauereien.

Unten auf der Landstrae stehen fters Menschen still, biegen den Kopf
zur Hhe und schauen sich die Villa gemchlich an, und man gewinnt, wenn
man von oben herabschaut, den Eindruck, da diese zuflligen Beobachter
ber den Anblick erfreut sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim
Anschauen eines so reizend gelegenen Hauses? Schon allein der kupferne
Turm ist ja allen Interesses wert. Der Turm hat ja auch genug Geld
gekostet. Auf die Idee, da die diesbezgliche Rechnung oben im Bureau
im Fach der unbezahlten Rechnungen liegt, wird nicht so leicht jemand,
der in den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu machen Haus
und Garten einen viel zu wohlhabenden Eindruck.

Der Verwalter der Bank von Brenswil ist ja gewi schon ein wenig
nachdenklich geworden, darber, da es im Hause Tobler Sitte sei, die
zur Zahlung prsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben
prolongieren zu lassen, zurckzuweisen. Aber er htet sich, die Gedanken
des Mitrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat,
laut zu uern. Es kann alles nur eine vorbergehende Krisis sein, und
ein Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich
selbst strenger Mann, der wei, was vorlaute Bemerkungen einem
strebenden und mit der Existenz ringenden Geschftsmann fr Unheil
anrichten knnen. Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem
Direktionszimmer leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste,
aber man schweigt, denn man dient dem Handel und dem industriellen
Verkehr der aufblhenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu,
obschon es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hgel zum
Abendstern ein bichen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben
gewhnlich einen feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden
erst dann, wenn die Gewiheit der endgltigen Zahlungsunfhigkeit
buchstblich vorhanden ist. Da kann Tobler also noch ins Fustchen
lachen und froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der
Sparbank von Brenswil wie in einem wohlverschlossenen Grabe.

Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Snger- oder
Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend
eine Kreditquelle liegen und flieen haben, die er eben nur deshalb noch
nicht auftut, weil er diese letzte aller Hlfsbewegungen bis jetzt noch
nicht ntig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn
sie durchs Dorf geht, von allen Seiten frhlich gegrt wird, mit dem
wird es sicher noch nicht so schlimm stehen.

Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte ber Nacht in das
technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte
vorlufig nur Geduld zu haben, die Erfolge muten sich ja einstellen.
Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce widerstehen,
die mit den Worten begann: Glnzendes Unternehmen? Und wenn einer
einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, wrde man ihn schon zu
halten verstehen. Man wrde es nicht so machen wie mit dem Herrn
Fischer, der ja brigens, wenn man sich die Sache recht berlegte,
vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der
daher eigentlich auch gar nicht verdient habe, da man ihn so ernst
nahm.

War die Reklame-Uhr etwa pltzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im
Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flgel
ihrer Reklamefelder, und der Schtzenautomat? War man nicht mit der
Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen
beschftigt? Kam nicht der tchtigste und dienstfertigste aller
Mechaniker fast tglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen?
Andere Leute spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und
prosperierten trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen.

Dazu, um voreilig kleinmtig zu werden, war Herr Tobler nicht nach
diesem Lumpen-Brenswil gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es
durchaus sein mute, auch noch leisten, und zur Genge. Nein, es galt
gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um
die neugierigen, spttischen Nasen herum, was ein lebendiger und
arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in
dem Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschftshauses
auseinanderzugehen drohten. Und deshalb lie Tobler, unbekmmert um das,
was man sich im Dorf in den Wirtshusern in die Ohren flstern wrde,
den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen
Heuwagen voll Geld kosten.

Diese Brenswiler muten nicht triumphieren drfen, das wre noch besser
gewesen! Denen mute man mit aller verfgbaren Gewalt die Freude
versalzen, die diese Menschen empfinden wrden, wenn es so weit kme,
da Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater abzotteln mte.
Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz wrde Tobler
gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaen
fertig hergestellt wre, an die angesehensten Brger des Dorfes, an
solche, die es mit ihm etwa noch ein bichen aufrichtig meinten,
Einladungskarten schicken, damit sie shen, wie fest und wie berlegen
er das Leben betrachtete und anpackte.

Wer sich fr seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fhlte, wer Frau
und vier Kinder sein eigen nannte, den stie man noch nicht so rasch von
einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da
sollten nur ihrer ein paar herankommen, er wrde sie davonjagen mit
Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloen, zornigen Augen. Und wenn
sie dann noch nicht genug htten, die Speck- und Wurstesser, nun, so
wrde es ihm eben einfallen knnen, den einen oder den andern von ihnen
handlich anzupacken und ber den Gartenzaun hinberzuwerfen, Umstnde
wrde er in einem solchen Fall nicht machen.

Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C.Tobler,
technisches Bureau, berall uneingeschrnkten Kredit bei den Handwerks-
und Geschftsleuten von Brenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser
und Zimmermann, Fleischer und Weinhndler, Buchbinder und Buchdrucker,
Grtner und Krschner lieferten ihre Arbeiten und Waren, ohne sofortige
Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine sptere, gelegentliche
Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem Getuschel und
Gezischel in den ffentlichen Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler
schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, blo auf diesen
Fall und fr diese Lage zum voraus einzuben, und das auch nur dann,
wenn ihn ein Mensch oder eine geschftliche Sache gergert hatten.

Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit und Wohlanstndigkeit rings
in die schne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden
Sonne, erhoben von einem grnen, wundervoll zum See und zur Ebene
herablachenden Hgel, umgeben und umarmt von einem wahrhaft
herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und
besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufllig vorbergehenden
Spaziergngern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum
Anschauen. Hell glnzen seine Fensterscheiben und seine weien Gesimse,
brunlich winkt der schne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest
her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majesttischen
Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Gerll um die
schlanke, feste Stange. Dieses Haus drckt in seiner Bauart und an
seinem Bauplatz zweierlei Gefhle aus, das der Lebendigkeit, und das der
Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die
tief in den lieben, alten Grten versteckten Herrenhuser lteren
Ursprungs, aber es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken
mu, es knne sein, da er es unehrenhafterweise verlassen msse, dem
darf bel zumut sein, er hat Ursache.

Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler.

                   *       *       *       *       *

Si-vi, Si-vi!

Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht. Ein
grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Kchenmesser kann ebenso
gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht
zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen wei diese Magd ausgezeichnet,
wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die
Befehlshaberstimme zu einem Suseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt
die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge
auf das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich
genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets weglt. Aber Si-vi klingt
eben spitz, und die Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem
bloen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mdchen spricht niemand
liebevoll.

Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit ganz
natrlichen Dingen zu, da alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen
besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn aus
allen Ecken tnt und fltet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus,
da man glaubt, es msse eine schneeweie Konditorei in unmittelbarer
Nhe sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind
Mandeln, Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist
die Luft um das Mdchen herum von Artigkeiten, Sigkeiten, Knixen und
Liebkosungen.

Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in
Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der
Hand und ein Engelslcheln auf den Lippen. Jedermann geht hin und
schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er mu es beinahe tun, es zwingt
ihn, denn die Kleine ist wirklich schn. Sie ist ganz der Vater,
dieselben dunklen Augen, dieselbe Flle des Gesichts, ein und dieselbe
Nase, berhaupt ganz Herr Tobler.

Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes Abbild der Mutter, eine
zugleich verkleinerte, aber auch ziemlich miratene Photographie
derselben. Armes Kind! Was kann sie dafr, da man sie schlecht
photographiert hat? Sie ist dnn und doch plump. Sie scheint von
Charakter, wenn man bei einem Kind von einem solchen sprechen darf,
mitrauisch, und in der Seele scheint sie falsch und verlogen zu sein.

Wie ist dagegen Dorli entzckend aufrichtig im ganzen Wesen. Deshalb hat
man sie ja auch im ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. Man
macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. Joseph trgt die Dora im
Garten herum, auf den Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so
tut er's. Sie bittet so schn. Der Himmel selber scheint ihr auf den
Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weie, kleine Wolken scheinen diesem
Kinderhimmel alsdann zu entschweben, und irgendwo, meint man, msse
jemand pltzlich angefangen haben Harfe zu spielen. Sie bittet und
befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher Befehl ist immer mit einer
tatschlich schnen Bitte verbunden.

Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schchtern, zu verschlagen dazu,
sie getraut sich nicht recht, es zu tun, aber um bitten zu knnen, mu
man ein unbndiges, krftiges Vertrauen zu sich und zu andern haben.
Wenn man den schnen Mut zu einer flehentlichen Bitte finden soll, mu
eines zum voraus von der Erfllung derselben fest, ja felsenfest
berzeugt sein, aber Silvi ist von niemands Gte berzeugt, da man sie
nur zu rasch und zu unvorsichtig an ganz anderes gewhnt hat. Ein
verprgeltes Hudelgeschpfchen wie Silvi wird leicht von Tag zu Tag
unliebenswrdiger und hlicher zum Anschauen und Ertragen, weil sich
ein solch kleiner Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht nimmt,
sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen Trotz, den nur niemand
einem unentwickelten Kind zutraut, bemht, durch ein immer schlechteres
Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen stets hher zu
reizen. Es ist berhaupt mit der Silvi ganz eigentmlich, es ist einem
fast unmglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. Die Augen
beurteilen sie sogleich schlecht, nur das Herz, wenn man eines hat, sagt
hinterher: Arme, kleine Silvi!

Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, Edi, der Jngere, der
Vernachlssigte. Aber in gewissen Familien sind Knaben hher im
allgemeinen geschtzt als Mdchen, so da es nicht mglich ist, da
einem weniger geliebten Knaben in einem solchen Ma alle gtige, warme
Zuneigung verloren geht, wie es beim verschuggten Mdchen der Fall
sein kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: Walter und Edi sind,
zusammengerechnet, ein hherer Wert als das weibliche Doppelgebild Dora
und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene Naturen, der erste ist
ein wilder, zu Streichen aufgelegter, aber offenherziger Bursche,
whrend Edi gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, ganz wie
Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig spricht, ebenso wie diese. Edi
macht sich auch nie ber Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen
den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht um so natrlicher
empfundenes Einverstndnis. Ja, sie spielen sogar zusammen. Walter wrde
nie mit Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich ber sie lustig
und mihandelt sie oft, weil man den Knaben daran gewhnt hat, nichts
dabei zu empfinden.

Von Silvi mu noch erwhnt werden, da sie fast jede Nacht ihr Bettchen
vernt, trotzdem sie von Pauline regelmig aus dem Schlaf geweckt
wird, um auf das Nachttpfchen gesetzt zu werden. Diesem krperlichen
Makel hat die Kleine hauptschlich die strenge Behandlung, welcher man
sie aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des festen Glaubens,
sie sei zu faul zu erwachen und vom Bett aufzustehen. Pauline hat
Auftrag von Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken unsauber
sei, und zwar jedesmal, und wenn Ohrfeigen nichts ntzen, so solle die
Magd nur den Mbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht eher
etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So hrt man denn oft mitten in
der Nacht ein jmmerliches Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen,
vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen Schimpfnamen, die
Pauline der Snderin glaubt anhngen zu mssen. Morgens mu Silvi das
Hfchen, das sie whrend der Nacht benutzt hat, selber nach unten
tragen. Es ist dies auch eine Verordnung der Mama, die der Ansicht ist,
da es sich fr eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit eigenen Hnden
zu besorgen, die Pauline habe auch sonst noch genug zu tun. Da sitzt
dann das Hutzel- und Hudelkind mit dem bewuten Gegenstand, den sie in
kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem der Treppenabstze und
scheint, wenn man sie so betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die
sonst den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu bekmmern,
verlassen zu sein. Wenn sie sich zum berflu߫ noch widerspenstig
zeigt, sperrt man sie in den Keller, und dann ist des Geschreies und
Polterns gegen die zugeschlossene Kellertre kein Ende, so da sogar
Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, auf den Jammer, der aus der Villa
tnt, aufmerksam werden.

Tobler wei von alledem wenig, er ist ja so selten zu Hause, jetzt geht
er berhaupt immer mehr auf Reisen. Er ist von Geschftssorgen erfllt
und kann sich der Erziehung und berwachung seiner Kinder in nur ganz
geringem Grade widmen. So ein Mann, wie Tobler einer ist, berlt gern
die huslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist und kmpft in
Dingen der Reklame-Uhr und des Schtzenautomaten. Der Mann trgt die
Verantwortung, da mte man hoffen drfen, die Frau trage die Liebe und
die Mhe. Der Mann kmpft mit der Existenz, und die Frau sorgt fr die
Haltung und fr das friedliche Benehmen zu Hause. Inwiefern das Frau
Tobler tut, wird es sich zeigen? Vielleicht.

Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten geben. Die Kinder
Tobler bilden ein sehr ungleichmiges Viereck. An den vier Spitzen des
Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. Walter spreizt seine Beine
und zerreit seinen frechen Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt
am Finger und lchelt und schaut auf die sie bedienende Silvi herab, die
der Prinzessin die Schuhe binden mu. Edi schnitzt an einem Holzstck
herum, das er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die Arbeit, die
das Taschenmesser, dessen er sich bedient, leistet, versunken. Wo ist da
Regelmigkeit? Wie kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht sein?
Pauline schaut zum Kchenfenster heraus. Diese Person aus den weiteren
Volksschichten hat verwunderlicherweise keinen Sinn fr Gerechtigkeit,
oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich das unregelmige
Viereck, die Kinder zerstreuen sich, jedes in seine Art und Weise
hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen,
und in den Weltraum rund um das Haus Tobler herum, in die Schmerzen und
Freuden hinein, in die Demtigungen und in die kosenden Worte, in die
Stube und in den tglichen Kreis, in die Schlafnchte und in den
Fortgang der kindlichen Erfahrungen. Vielleicht ben sie sogar einen
gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder des
Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. Wer kann's wissen.--

                   *       *       *       *       *

Im Laufe der Woche, die im brigen ruhig verlief, waren eines Abends
zwei Leute, Herr und Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern zu
Besuch gekommen. Es war recht gemtlich gewesen, wie man sich
auszudrcken pflegt. Man holte wieder einmal ein Spiel Karten und
jate. Der Ja߫, so hie in der weiten und breiten Landesgegend ein
beliebtes, ja sogar national gefrbtes und angehauchtes Kartenspiel.
Frau Tobler, die es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden ist,
bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, unterrichtete Frau
Doktor Specker in den zahlreichen Kniffen, die dasselbe enthielt,
letztere Dame war darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an diesem
Abend viel gelacht und gescherzt worden. Joseph wurde das Amt eines
Kellermeisters bertragen, er hatte Wein aus dem Keller zu holen und den
Inhalt der Flaschen dann in die Glser zu gieen, und es zeigte sich bei
dieser Gelegenheit, da er einen gewissen Stolz besa, der Tobler dumm
vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen Takt, so da
sich sein Chef nicht zu genieren brauchte, ihn mit den herrschaftlichen
Gsten nher bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, hatte Tobler
laut gesagt, auf welche Worte sich Joseph vor der Dame und dem Herrn aus
dem Dorf verneigte.

Was waren es denn eigentlich fr Leute gewesen? Er war Arzt und dazu ein
noch blutjunger Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar nichts
weiteres vor, als die Besttigung in Weibesgestalt, die Frau des Arztes
zu sein, weiter gar nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und fhrte
sich als solche den ganzen Abend still und schchtern auf. So war Frau
Tobler nicht ganz, der sah man denn doch, namentlich wenn man beide
Frauen miteinander verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, aber an
der Frau Doktor Specker war gar nichts Geheimes. Man a ses Gebck zum
Wein, und die Herren rauchten.

Welch ein junger, glcklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt,
dachte Joseph, indem er sich bemhte, so klug und so knifflig wie
mglich zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt
richtete an den Gehlfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange
er in Brenswil und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle
usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausfhrlich, als ihm die
Zurckhaltung, die Menschen von unstetem Lebenswandel in solchen Fllen
immer eigen ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt,
und es wurden ihm nun in der Spielregel von allen vier Seiten des
Tisches die glnzendsten Reden gehalten, als wrde es gegolten haben,
einen verbohrten, schwerflligen Ketzer zu bekehren.

Gesprochen war im brigen das Alltgliche worden, und das war ja
schlielich das Gemtliche gewesen.

Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen und
kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgngers
Wirsich eine Rolle spielte, dermaen, da von diesem aus dem Hause
Tobler befrderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich
bestndige Rede war. Die Sache war folgende:

Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd aus
der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorluferin von Pauline, ein
nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d.h.
diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren
Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wschestcke und
anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres
gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in
ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war,
die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu
augenfllig und in der Tat unanstndig unterhalten wurden. Auerdem war
die betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als
eine Gefahr fr die Kinder. Sie hatte sich fters pltzlich im bloen
Hemd auf der Treppe und in der Kche gezeigt, indem sie dann steif und
fest und hoch und teuer, und unter Trnen und Krmpfen ihres fetten
Leibes, auf die Vorwrfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es
nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und msse sterben, und was des
zynischen und lppischen Geschwtzes mehr sein mochte. Da die
Herrschaften Tobler genau um die nchtlichen Besuche wuten, die die
lsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es
kluger- und billigerweise geraten, das Dienstverhltnis zu dem
ungesunden und verderblichen Mdchen aufzulsen und ihr den Abschied zu
geben.

Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau
Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem
unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien ber Frau Tobler in der
Gegend, wo sie wohne, Gerchte verstreut worden, dahin deutend, ihre
frhere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein
Liebesverhltnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise
glaube, da sie zum voraus berzeugt sei, da nur lsterliche und
lgenhafte Zungen es seien, die so etwas htten sagen knnen. Aber
verpflichtet habe sie sich gefhlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit
gedient htte, von den abscheulichen Lsterreden Mitteilung zu machen,
um sie zu warnen usw.

Dieser Brief, der natrlich weder orthographisch richtig noch auch nur
vernnftig geschrieben war, versetzte die Empfngerin in die hellste
Entrstung, denn die darin enthaltene Anhnglichkeit eines Dienstboten
an die frhere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein
eines schlimmen Gerchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese
zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man sa drauen im
Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie
ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer
energischen Antwort, die sie der frechen Lgnerin schulde, behlflich zu
sein.

Warum nicht? gern! gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau zur
Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn der
Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affre hineinwickelte,
beinahe krnkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den
erbetenen Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so knne sie
es ja wohl auch noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn
durchaus nicht. Es scheine ihm eben kein Vergngen zu bereiten, ihr zu
dienen, und hflich sei sein Benehmen ihr gegenber heute auch nicht
gerade.

Wieso kein Vergngen? entgegnete Joseph beinahe zornig, erteilen Sie
mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefat
haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die
Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergngen dabei zu sein.

Das war ungezogen. Frau Tobler fhlte das und wandte ihm, indem sie ihn
mit einem erstaunten Blick ma, den Rcken. Joseph kehrte
stillschweigend zu seiner Arbeit zurck.

Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert, im
Bureau, bat sich von dem Gehlfen eine Feder, sowie einen Briefbogen
aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach
und fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes fr sie war, hielt
sie mehrmals whrend der bung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut
ber die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie
fertig geworden, und da konnte sie sich des Bedrfnisses doch nicht
erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen
Meinung zu hren. Der Brief war an die Mutter der heimtckischen Magd
gerichtet und lautete:

                              Geachtete Frau!

    Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner
    ehemaligen Dienstmagd, und da ich es nur gleich sage, ein
    unverschmtes und nichtswrdiges Schreiben. Es werden darin,
    unter dem Schein der Treue und Anhnglichkeit an die Herrschaft,
    Beleidigungen der grbsten Art gegen eine Frau ausgestoen, die,
    weil sie gtig und nachsichtig gewesen ist, nun dafr bestraft wird,
    da sie nicht hart und mitleidlos hat sein knnen. Wit, geachtete
    Frau, da Eure Schande von Tochter mich, whrenddem sie hier im
    Dienst war, bestohlen hat, und da ich sie dem Gericht berliefern
    knnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu
    vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafr,
    da dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich wei, wer es ist,
    und wer die Gerchte sind, die ber mich Schlechtigkeiten und
    Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe
    freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen
    guter Sitte und zchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und
    zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die
    lgnerische Schwtzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine
    schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich in
    die hchste Aufregung versetzt, da Ihr es wisset, Frau! Und nun
    habt acht auf die Bswillige, ich rate es Euch im freundlichen und
    schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme,
    achtenswert seid und nichts dafr knnt, da Euer ausgeschmtes
    Mdchen ein Rf ist. Andernfalls wrde ich mich zu keinen
    so langen und gutmtigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch
    vorstellen knnt, zu strafrechtlichen Maregeln veranlat sehen. Die
    Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn
    es ntig ist, nicht hindern, vor die Schranken der ffentlichen
    Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft
    zu sehen.

                   Somit achtungsvoll, Eure Euch grende
                             Frau Carl Tobler.

Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde
denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil,
wie Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als
in die gegenwrtige Welt, die daran sei, die bestehenden
gesellschaftlichen Rang- und Geburtsunterschiede allmhlich, wenn auch
nur nach auen, zu verwischen und aufzulsen. So schroff drfe
schlielich eine brgerlich geborene Frau einer andern brgerlich
Geborenen nicht schreiben, das knne nur bses Blut erregen und den
Wunsch und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue
im brigen gut, sich gegenber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten,
sondern es dnke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd
ganz einfach Sie, und Sehr geehrte Frau zu sagen, damit ein etwas
herzlicherer und zugleich hflicherer Ton da sei, was sicher nicht
schaden knne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht ans
Briefeschreiben gewhnt, wie er sehe. Dies erhelle sich schon aus dem
Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er whrend des Lesens
bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich gern
dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren.

Er lachte und bemerkte des weitern, er wrde auch die Behauptung, da
das Mdchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er
seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler
sage, zweifle, aber es knnten, sagte er, dumme Geschichten daraus
entstehen, die mehr Verdru als Genugtuung einbrchten. Ob sie Beweise
habe?

Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle
einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig
nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben
knnen. Aber der ganze Brief msse doch in einem energischen Ton
abgefat sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie
lieber schon gar nicht.

Whrend sie schrieb, wurde sie, ohne da sie es merkte, von Joseph
beobachtet, der ihren Rcken und Hals betrachtete. Das schne, frauliche
Haar betupfte und berhrte in kleinen, geringelten Lckchen den
schlanken Hals. Wie schlank berhaupt diese ganze Frauenerscheinung war.
Da sa sie nun und bemhte sich, dem Sinn und Verstand gem, und der
Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu
schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt
unwillkrlich, indem er sie so anschaute, ihr bezglich ihres
gutbrgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand,
Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rhrte etwas am Aussehen dieses
Frauenrckens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten
verzog, wenn der darunter befindliche Leib sich ein bichen bewegte.
War diese Frau schn? Im landlufigen Begriff sicher nicht, im
Gegenteil. Aber auch das Gegenteil entsprach nicht den landlufigen
Begriffen. Joseph wrde noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt
haben, wenn sich die schreibende Frau nicht umgedreht htte. Beider
Augen begegneten sich. Diejenigen des Gehlfen wichen denjenigen der
Frau aus, das schickte sich beinahe so. Joseph empfand und mute
empfinden, da es fast frech gewesen wre, den Blicken der Frau stand zu
halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens waren, das so
vortrefflich den Hochmut widerspiegelte, der der Frau, man konnte es
nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren denn berhaupt
Gehlfenaugen gut, als zum Ausweichen und Niederschlagen, und welcher
andere Ausdruck war diesem andern Augenpaar natrlicher als der Ausdruck
des Erstaunt- und Verwundertseins? Er bckte sich demzufolge wieder auf
seine Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt gar nicht so
besonders zu tun war.

Eine halbe Stunde spter gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen
etwas unfeinen Auftritt.

Frau Tobler, die nun wieder gnzlich beruhigt schien, fing pltzlich an,
lebhaft den Wirsich zu rhmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in
allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er
sich in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel
Wesens zu machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie
Joseph mehrmals spttisch, wie er es empfinden mute, anschaute, was ihn
beleidigte. Er rief deshalb aus:

Dieser ewige Wirsich. Man mchte bald meinen, er sei ein einzig
dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht
mehr hier, da man doch bestndig von seinen geradezu himmlischen
Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn,
man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines
Angestellten zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene,
schwierige Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine
einzige, die brigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig
ein bichen zu viel verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen
und Dienstfertigkeit, Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese
Eigenschaften, und noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere
Dienste, nehmen wir gleichmtig und frhlich hin, weil sich das so
schickt, und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes voll
Auszeichnungen fr die Hingabe derselben Gehalt, Kost und Logis geben.
Und nun bemerken wir eines Tages den dunklen Fleck am schnen Krper,
und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den
Mann sein Bndelchen schnren und fortziehen, wohin er will, aber wir
reden nachher noch einen halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr
lang und breit von ihm und seinen 'guten Eigenschaften'. Man mu
zugeben, da das kein so gar besonders korrektes Verhalten ist,
insbesondere dann nicht, wenn man alle diese kstlichen und kniglichen
Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf die Nase
bindet, wie Sie, gndige Frau Tobler, mir, dem Nachfolger Ihres
Wirsich.--

Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um den aufrhrerischen
Eindruck seiner etwas langen Rede zu besnftigen und zu zerstreuen. Er
hatte ein bichen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen war, und
um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu
geben, lachte er, aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.

Joseph habe nicht ntig, sagte Frau Tobler nach einigem Stillschweigen,
so zu ihr zu reden, einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei
erstaunt, ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. Wenn er so stolz
und empfindlich sei, da er seinen Vorgnger nicht rhmen hren knne,
so sei es fr ihn besser, sich eine Einsiedlerhtte oben im Wald zu
bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen und Fchse leben, unter die
Menschen msse er dann lieber nicht gehen wollen. In der Welt drfe
einer nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie werde im brigen
nicht umhin knnen, ihrem Mann von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren
Rede Kenntnis zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit seinem
Angestellten sei.

Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem Augenblick rief Joseph aus:

Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich bitte um Verzeihung!

Frau Tobler streifte den jungen Mann mit einem Blick der Verachtung, sie
sagte: Das ist schon gescheiter und ging weg.

Ich habe die hchste Zeit gehabt. Dort unten kommt Tobler! dachte
Joseph, und in der Tat kam eben der Chef, heute unerwarteterweise frher
als sonst, nach Hause.

Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was geschehen war, peinlich
genau unterrichtet, sagte Herr Tobler zu Joseph:

Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu behandeln? Was?

Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, als deren Klagen nicht
aufhren wollten, zugerufen, sie solle ihm weggehn mit so dummen
Sachen.

Tatschlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere Dinge zu bedenken.

                   *       *       *       *       *

Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer wieder einmal der stille, von
einer Lampe erleuchtete Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen
Selbstgesprches. Joseph, indem er sich Rock und Weste auszog, sagte
folgendes zu sich:

Ich mu mich besser zusammennehmen, das geht nicht mehr so. Was hat
mich nur antreiben knnen, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen? Achte
und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem Mund einer solchen Dame
herauskommt? Und inzwischen mu sich der arme Herr Tobler auf
Geschftsreisen abplagen, und sein Herr Angestellter treibt in
Gartenhusern, neben einer Tasse Kaffee, solchen Gefhlsunsinn. Solche
Frauengeschichten! Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler an diesem
Wirsich manches Gute zu rhmen wei? Das ist doch so einfach. Dieser
bleiche Ritter mit der Armesndermiene hat ihrem Weibergemt Eindruck
gemacht. Mu mich das aufregen? Wieso denn? Statt stndlich und
halbstndlich an die technischen Unternehmungen zu denken, lasse ich es
mir angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter zu berzeugen. Von
was? Aha, Charakter! Als ob es ntig wre, da ein Ingenieur-Angestellter
Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dmmsten Dinge in einem Kopf,
der sich zu einem wirklich nutzbringenden und geschftefrdernden
Nachdenken verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig Pflichtgefhl?
Ich esse hier Brot und trinke Kaffee und verbinde mit diesen hbschen
Vorteilen und Nutznieungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht nach
schdlicher Gedankenlosigkeit. Und dann halte ich halbstndige Reden vor
einer erschrockenen und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, da sie
mich erbost hat. Was ntzt das Herrn Tobler? Wird dadurch seine
finanziell schwierige Lage leichter? Haben sich dadurch die an den Mann
zu bringenden Geschfte von der Lhmung, die gegenwrtig an ihnen
haftet, erholt? Ich bewohne hier eines der aussichtsfreisten und
schnstgelegenen Zimmer der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft
sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und Fe gelegt worden, und
womit rechtfertige ich ein solches verschwenderisches Entgegenkommen?
Durch Kopflosigkeit! Was geht mich der Wirsich an samt seinen
nchtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel Wichtigeres geht mich viel nher
an, und das ist die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage,
deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen sollte. Im Herzen?
Warum nicht? Das Herz mu bei einer Sache sein, wenn die Finger und die
Gedanken richtig sollen arbeiten knnen. Am Herzen liegen! Nicht umsonst
sagen die Leute so.

Er zergrbelte sich lange darber den Kopf, was man wohl jetzt noch tun
knnte, um der Reklame-Uhr stramm auf die Beine zu helfen, ber welchem
geschftlichen Nachdenken er endlich einschlief.

Mitten in der Nacht erwachte er pltzlich. Er richtete sich in den
Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Tre,
ffnete sie und horchte, und da hrte er die Tne einer widerwrtigen
Szene. Es war Paulines Stimme, die jetzt rief:

Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und dich aufs Tpfchen zu
setzen, du wstes Geschpf? Silvi wimmerte und suchte sich mit
abgebrochenen Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen
mochte, denn zur Antwort auf ihre jmmerlichen Entgegnungen gab ihr die
Magd Hiebe, da es klatschte wie nasse Wsche.

Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, in das Schlafzimmer
der Kleinen, und machte Pauline milde Vorwrfe. Diese aber rief, er habe
sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun habe, und er
solle nur machen, da er fortkomme, worauf sie die Silvi, wie um zu
zeigen, welche Autoritt sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren ri und
ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen, und zwar, zur Strafe, in das
durchnte.

Der Gehlfe entfernte sich wieder, scheinbar demtig das Regiment der
Zuchtmeisterin anerkennend. Morgen oder bermorgen oder wann es sei,
dachte er, indem er sich von neuem schlafen legte, mu ich der Frau
Tobler eine zweite Rede halten. Mag es lcherlich sein. Es nimmt mich
doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter des Hauses Tobler bin
ich verpflichtet, ein Wort fr die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch
ein Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten habe.

Am nchsten Sonntag eilte er per Bahn nach der Hauptstadt, nachdem er
ein Fnfmarkstck wie gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war schnes,
heies Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging den blauleuchtenden See
entlang. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen kam ihm die frher so
wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch eine verhltnismig
nur kurze Abwesenheit einen Ort umgestalten und ganz anders frben
konnte; er htte das nie fr mglich gehalten. Es kam ihm alles so klein
vor. Am Quai, lngs des Seeufers spazierten im grellen Mittagssonnenschein
eine Menge Menschen. Was fr ganz fremde Gesichter! Und so arm
erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich waren es ja Leute aus
dem drftigen, arbeitenden Volk, keine Herren und Damen, aber etwas
Kmmerliches, das nichts mit der Drftigkeit der wirtschaftlichen Armut
zu tun hatte, wob sich um dieses ganze, helle Spaziergngerbild. Es
war nichts anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die ihm
entgegenblendete, und er fhlte es auch und sagte sich, da, wenn einer
bereits seit Wochen in der Toblerschen Villa lebe, er nicht ntig habe,
sich ber den Anblick eines Stdtebildes und dessen Entfremdung zu
verwundern. Bei Toblers gbe es eben dickere, rtere Gesichter und
festere Hnde und ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier in
der leichten Stadt she, wo die Menschen nur zu bald mager und
unscheinbar von Aussehen werden. Das Kleine und Enge sei immer eine
ziemlich groe und bedeutende Welt fr sich, sobald man eine Zeitlang in
nichts anderes mehr hineingeschaut habe, whrend gerade umgekehrt das
Weite und wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich erscheine,
weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt und luftig sei. Im Toblerschen
Haus herrsche eben von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Flle,
und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich, wogegen
die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit ihren breiten und
auseinandergezogenen Rundsichten scheinbar erklten, weil sie nach
nichts Festem ausschauen. Das wirklich Wohltuende sei immer so
bescheiden von Ansehen, whrend wiederum das Toblersche oder Tyrannische
manches Gemtliche und Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern
und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. Das
irgendwo Gefesselt- und Gebundensein sei zuweilen wrmer und reicher
voll zrtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tr und Fenster der
ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit, in deren hellen Rumen den
Menschen oft nur zu bald grimmige Klte oder drckende Hitze anfahre,
aber die Freiheit, die er, Joseph, meine, du liebe Zeit, das sei doch am
Ende das Schicklichste und Schnste und enthalte unsterblichen Zauber.--

Bald kam ihm denn auch das Bild stdtischen Sonntaglebens nicht mehr so
fremdartig und flchtig und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um
so vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm alles. Er lie seine
Augen mitten unter die vielen Spaziergnger spazieren gehen, mit seiner
an die Toblersche Kche gewhnten Nase zog er wieder die Dfte der Stadt
und des Stadttreibens ein, seine Beine marschierten wieder ganz munter
auf stdtischem Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wren.

Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich
hin- und herbewegten. Wie hbsch das war, da man sich unter das
Treiben, Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie
hoch der Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen
Gegenstnden, Krpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und
frhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen
gar nicht strmisch an die steinernen Dmme an. Es war alles so mild, so
bedeckt, so leicht und hbsch, es war ebenso gro wie klein geworden,
ebenso nah wie fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend.
Es schien bald alles, was Joseph sah, ein natrlicher, stiller, gtiger
Traum geworden zu sein, nicht ein gar so sehr schner, nein, ein
bescheidener, und doch ein so schner.--

Unter den Bumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen auf
Bnken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen Bnken
in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte. Er
setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hbsch aussehendes Mdchen.
Es ergab sich in einem durch den Gehlfen eingeleiteten Gesprch, da
sie Mnchnerin sei, die hier in der ihr gnzlich fremden Stadt auf
Arbeit lauere. Sie erschien arm und unglcklich, aber schon so manches
Mal hatte er arme und wehmtige Menschen auf diesen Bnken angetroffen
und angeredet. Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die
Mnchnerin pltzlich, um davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer
Kleinigkeit an Geld helfen knne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber
doch etwas an und verabschiedete sich.

Was saen auf solchen ffentlichen Ruhebnken nicht fr
verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis
herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem
Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein,
was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht
tuschte man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen
Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen irgend etwas vor haben. Und
dieses Mdchen da _vis--vis_, war sie eine Kokotte oder eine
Anstandsdame oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, die die
Welt mit beiden, reichen, warmen Armen den Menschen, einem wundervollen
Blumenstrau hnlich, darbietet, abholdes Zierpflnzchen und -Pppchen?
Oder konnte sie zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein?
Mglich, denn das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben lie sich
nicht so leicht in Kasten und Ordnungen abteilen. Und dort der alte,
zerfallene Mann mit dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er
gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man annehmen, da er etwa
sei? War er ein Bettler? Gehrte er zu den undefinierbaren Gesellen, die
whrend der Woche in der famosen Schreibstube fr Stellenlose sitzen, wo
sie ein paar Mark im Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er
frher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und
Handschuhen? Ah, das Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und
innig demtig machen, und dankbar frs Wenige, fr das bichen se,
freie Luft zum Einatmen. -- Und was war das dort links fr ein feines,
ja sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es
reisende und alle vorhandene Welt im Flug genieende Englnder oder
Amerikaner? Die Dame trug eine zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie
von irgendher angeflogenen Hut, und der Herr lachte, er schien sehr
glcklich, nein, beide! Da sie doch nur immer lachten, es war ja so
schn, zu lachen und sich zu freuen.

Dieser schne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging langsam
weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Strae. An Sonntagen,
ja, da saen eben die reichen Leute zu Hause, die lieen sich heute
recht sprlich sehen; auf die Strae zu gehen, das mochte an diesem Tage
nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes,
verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschn
anzuschauende Mnner und Frauen. Welche Demut in solch einem
verzettelten Spaziergngerbildnis war. Wie bitterlich arm ein
Menschensonntag auftreten konnte. Demtig werden, dachte der Gehlfe,
wie ist das fr so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.--

Und er kam allmhlich durch neue und andere Straen.

Wie viele Straen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus,
und die Hgel hinauf, und den Kanlen entlang, lauter grere und
kleinere Steinblcke, ausgehauen mit Wohnungen fr reichere und rmere
Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue,
oder eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am
zerbrckelnden Gemuer. Joseph ging an einem Polizeigebude vorber, aus
dessen Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines
gemihandelten Menschen entgegentnte, den man geknebelt hielt und mit
Stockschlgen zu bndigen versucht hatte.

Es ging jetzt ber eine Brcke, die Straen erschienen nach und nach
unregelmiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas
Drfliches. Katzen lagen vor den Haustren, und die Huser waren von
kleinen Grten umsumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die
hohen Hauswnde und auf die Bume in den Grten und auf die Gesichter
und Hnde der Menschen. Man war in der Vorstadt.

Joseph trat in eines der neuen Huser, die dieser noch beinahe
lndlichen Gegend ein so merkwrdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen
empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich
anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte
dann. Die Tre wurde aufgetan, und die Frau, die in der ffnung
erschien, stie, wie sie den Gehlfen erblickte, einen leisen
berraschungsschrei aus:

Sie sind es, Joseph? Sie sind es? -- Kommen Sie.

Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer
hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas
steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lchelte und sagte:

Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich.

Einen Augenblick spter sagte sie:

Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann erzhle
mir. Du mut mir sagen, wie du so lange hast leben knnen, ohne mir ein
einziges Sterbenswrtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges Mal
aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest
Wein in der Flasche.

Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der
Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militrdienstzeit
und von der Firma Tobler zu erzhlen. Unten auf der vorstdtischen
Wiese spielten und lrmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein
oder das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen
Betrunkenen singen und johlen hren, einer von jenen Gesellen, die den
Sonntagabend mit wsten, sozusagen brandroten Tnen zu heulen und zu
charakterisieren pflegen.

Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten zuhrte,
sind sehr einfach.

Sie hie Klara und war die Tochter eines Zimmermanns. Zuflligerweise
stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte daher dessen
Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen worden, aber von
der Zeit an, da sie in's Leben trat, vernderten sich ihre
Weltanschauungen vllig, sie ergab sich der Lektre freisinniger
Schriftsteller, wie Heine und Brne. Sie arbeitete in einem
Photographengeschft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und
Buchfhrerin; der Chef des Geschftes verliebte sich in sie, und sie gab
sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu
denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewrtigend, hin und
war sehr glcklich. Sie bewohnte noch immer das vterliche Haus, eine
jngere Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben.
Nach dem Geschft fuhr sie tglich hin, und zurck in ihr Haus, mit der
Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie
zum ersten Mal Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen,
damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergsse,
die von jugendlich-unreifer Art waren, anzuhren.

Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem Namen
Sozialismus hatte sich, einer ppigen Schlingpflanze hnlich, eine
zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Kpfe und um die Krper
der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen, dermaen,
da, was nur Dichter und Schriftsteller hie, und was nur jung und rasch
bei der Hand und beim Entschlu war, sich mit dieser Idee beschftigte.
Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie brennendfarbige,
mit Dften hinreiende Blumen aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister
heraus an die erstaunte und erfreute ffentlichkeit. Die Arbeiter und
ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geruschvoll als ernst.
Es wurden hufig Umzge veranstaltet, an deren Spitze auch Frauen
schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der Luft
daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhltnissen und Ordnungen der
Welt unzufrieden war, schlo sich dieser leidenschaftlichen Gedanken-
und Gefhlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die
Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und
Schwtzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben
und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten
die Feinde dieses Gedankens mit einer Art vergnglichem Hohnlcheln.
Die ganze Welt, Europa und die brigen Erdteile, so hie es damals unter
den jungen und halbreifen Geistern, verbnde und vereinige diese Idee zu
einer frhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei
berechtigt, usw.

Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht edlen
und schnen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen
Meinung kein Wasserstrahl und keine ble Nachrede auszulschen
vermochte, und das sich, einem rtlichen Himmel hnlich, ber die ganze
runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode
war, die Menschheit.

Sie saen oft stundenlang, bis in die spteste Nacht hinein, in der
Stube, die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und
unterhielten sich ber die Wissenschaften und ber herzliche Dinge,
wobei Joseph, so schchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war,
immer das meiste redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin
wie eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenber er seine Gedanken wie
mehr oder weniger gut einstudierte Schulaufgaben zu uern und
aufzuzhlen hatte. Wie schn waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann
nach Hause ging, leuchtete ihm die Frau, die damals noch Mdchen war,
mit einem Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften
Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er
sich zurckbog, um sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.

Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine freie Frau, das heit, sie
fhlte sich sehr bald in der hrtesten Weise durch ihren Freund, den
Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so da
sie ihm eines Abends, sie selber lebte in den rmlichsten Umstnden,
einfach die Tre zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort
sagte: Geh! -- Er war ihrer unwrdig! Sie mute sich das tapfer sagen,
oder sie mute verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die
Menschheit, sondern sie betete ihr Kind an.

Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in
die Arbeit gewhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen
Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet,
und whrend sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines
kleinen Kindes, die Mhen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies
alles empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit
Hndlern und Grossisten wie der geriebenste Geschftemacher. Sie schlo
sich einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein hnliches Geschick wie
sie selber zu kosten bekommen hatte, huslich an und lebte mit ihr in
ein und derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente
aber ungebildete Frau, ein guter Kerl, wie Klara von ihr sagte. Der
Mann dieser Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er
ein durchaus an Verstand und Gemt geradegebauter Mensch, und durchaus
kein religiser Schwrmer war. Zu den Schwrmern war er einfach aus
praktischen Grnden bergetreten. Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du
verlernst dort am besten das Trinken, hatte die eigene Frau zu ihm
gesagt. Ihr Hans trank nmlich.

In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener
Gast hufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben,
eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den
Schranken der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen
sind, ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt drfe man lachen, da man
ein Stck Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften
wurden besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph
sprach kein Wort mehr von der Menschheit. Das war lngst vorber. Je
schwerer es einem wurde, ein rechter Mensch zu werden, desto weniger
mochte man groe Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, recht zu
bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.

Nach und nach kam Joseph sprlicher, und dann geschah es, da er sich
ein ganzes Jahr nicht mehr blicken lie. Ein Tages erhielt Klara dann
pltzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen
drfe? Sie hie ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten,
langen Absenzen, immer wieder.

Und nun sa er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzhlte.

Auch Klara erzhlte, unter anderem, da sie sich bald ehelich
verheiraten werde. Das Kind msse einen Vater haben, und sie selber
bedrfe einer Mannessttze, sie sei jetzt fters unwohl und unfhig, das
Erwerbsleben, das sie so lange gefhrt habe, zu ertragen. Sie sei zu
schwach geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich
darnach, die Mdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand
und von einem guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu
sehen. Sie sei nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den
sie erwhlt habe, habe sich einfach von ihr bereden, rhren und
erwhlen lassen, das Ganze sei eine zu einfache Geschichte, als da sie
lange erzhlt zu werden brauche. Er liebe sie und begehre, begehre und
begehre nur, sie glcklich zu machen. Ob das nicht das Einfachste von
der Welt sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange kenne, zu dem
allem sage? Er solle schweigen, denn sie wisse, da er jetzt nur eine
Artigkeit habe auf die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genge.

Sie gab ihm lchelnd die Hand.

All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schne Vergangene! Wie
gut es gewesen sei, all das Vorbergegangene, und wie recht. Und die
mannigfaltigen Irrtmer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!
Jung sein, das irre, das msse ohne Gedankentiefe reden und handeln,
damit es ein Vorwrts gebe. Nach den Erfahrungen kmen immer noch
Gedanken und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrcke nachher
das Jugendleben.

Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die
Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheien und
nachzusagen.

Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprche, es will keine
geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und
freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte
finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und
Auseinandersetzungen finden, man mchte sagen, nur im musikalischen
Sinne statt.

Ja, das Vergangene kam ber sie, und rauschte um sie herum, und machte
sie die Welt rckwrts, gleichsam treppab, berschauen. Sie brauchten
ihre Gedchtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre
feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es
sprbar nher zu bringen und zu tragen.

Wie oft bin ich launisch und ungroherzig gewesen, sagte Joseph
bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer
wieder zu ihr komme:

Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es, dich
selten zu machen, aber man hat whrend der Pause das Gefhl, du denkest
an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich darber,
wie wenig du dich verndert, wie vortrefflich du es verstanden hast, der
Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du blo in den
nchstbesten Bckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die
Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flchtling der Fall
ist, seiest immer um einen herum gewesen. Andere Mnner, Joseph, wissen
fr immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie
kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurck. Dich
vernachlssigt ein bichen das Leben, hrst du, und deshalb kannst du so
schn deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder
verletzen noch preisen, beides wre unwahr, und wir beide, nicht wahr,
sind bis jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was
du mir bist und was ich dir bin, bleiben wir uns!

Es war Nacht geworden ber den Gesprchen. Sie verabschiedeten sich.

Kommst du bald wieder?

Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie
sage, immer der Alte bleibe, gleichgltig, ob er in Jahrzehnten oder in
vier Tagen wiederkomme.

Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.

                   *       *       *       *       *

Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein
willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr
schiet dir als ein flgelschlagender Vogel ber den etwas poetisch,
wie es scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorber,
und der harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da
wirst du dich in die Brust werfen mssen, wenn du seinem kraftvollen
Willen einigermaen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der Alte,
wie deine Freundin Klara sich ausdrckte, das wird weniger schaden, als
wenn du dir pltzlich einreden wolltest, ein vollkommen Neuer zu
werden. So von einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das
schreibe dir, wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn
aber einen das Leben vernachlssigt, auch so ein Frauensprchlein, und
wie es scheint, ein zutreffendes, so mu man gegen diese in der Tat
unwrdige Vernachlssigung ankmpfen, hrst du, und nicht am
heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmtigen Sonnenuntergangscheines
mit alten Freundinnen ber das Vergangene reden. Man wird so etwas
jetzt geflligst bleiben lassen mssen. Dagegen wird man sich seiner
Pflichten zu erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflge
zuflligerweise nicht ewig andauern, und wird mssen zugeben, da diese
Pflichten bislang von einem gewissen Gehlfen auch so ein wenig
vernachlssigt worden sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn
selber bis jetzt getan hat. Und die Kopflosigkeit? Ist sie nun
endgltig beseitigt worden? So schnell fllen sich Kpfe nicht an, das
mu erarbeitet werden. Dulde du nur keine Trgheit in dir, und so wird,
meint man, nach und nach schon etwas in deinen Kopf kommen. Die
Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach flssigen Kapitalien. Nun
also, gehe auf sie zu, sttze sie, damit sie sich wieder langsam, Glied
fr Glied, erheben und sich in der Meinung und im Urteil der Menschen
ein fr allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, wenn du willst,
wrdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch dafr, da aus dem
Schtzenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere nicht so lange,
zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn Tobler, deinem
Herrn und Meister, so ingenis erdacht und ausgefhrt worden ist, wird
sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefhle jetzt. Man spaziert
nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird sich auch
gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie mglich,
die Bohrmaschine nher ansehen mssen, damit man mit allem, was das
Geschft Tobler betrifft, Bescheid wei. Eine nur zu bescheidene Pflicht
fr denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr schtzt,
helfen darf, im Garten Wsche aufzuhngen. Man mu auch die verborgenen
Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem Ingenieurbureau. Zum
Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -Bewsserer, hat man
Sie nicht hier hinauf auf den grnen Hgel berufen. Sie spritzen mit
Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schmen Sie sich! Und haben Sie auch
schon nur ein einziges Mal an den patentierten Krankenstuhl gedacht?
Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom
Leben vernachlssigt zu werden.--

Das ungefhr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag Morgen frh
im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd mit dem
Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute im Anblick seiner
Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden die
nackten Arme einer Prfung unterworfen. Joseph stellte sich vor den
Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen und
seinen Krper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Krper, und gesund,
fhig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen
Leib ausgestattet mute es eine wahre Snde sein, lnger als fr das
Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte
keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an.

Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten
konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer
Meinung, wie Joseph bereits tchtig erfahren hatte, aber Tobler selber,
der montagete heute. Unter montagen verstund man das lnger als sonst
ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bichen mehr als alle
andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler, der
war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der wrde heute sowieso erst
um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lsungen und Probleme
erscheinen.

Die Haare schienen heute frh auerordentlich schwer zu brsten und zu
kmmen zu sein. Die Zahnbrste erinnerte an vergangene Zeiten. Die
Seife, womit man die Hnde waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett,
und man mute sich bcken und sie aus dem hintersten Winkel
hervorziehen. Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch
gestern prchtig gepat hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie
langweilig das alles war.

An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wre das alles vielleicht
niedlich, belehrend, nett, fein, amsant, ja entzckend gewesen. Joseph
erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf einer
neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische
Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche
Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut,
wie ihn die bessern Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut
nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem
Spiegel, um ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei
Schritte weg von dem niedlichen Ungetm und beobachtete ihn, wie ein
Vorposten den Feind beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen.
Hierauf hngte er ihn an den Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er
versuchte es wieder mit dem Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten
bis oben zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefhl, als ob seine
Persnlichkeit eine benebelte, gesalzene, halbierte geworden sei. Er
trat auf die Strae: er schwankte wie ein schnder Betrunkener, er
fhlte sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, legte den
Hut ab: gerettet! -- Ja, das war eine Hutgeschichte gewesen. Auch
Kragengeschichten, Mntelgeschichten und Schuhgeschichten kamen in
seinem Leben vor.

Er verfgte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frhstcken. Er a
unbndig, geradezu unanstndig. Es befand sich brigens niemand am
Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man
ja auch so nicht auer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger
hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das
war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und
doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches
Vergngen beim Herauslffeln der Bratkartoffeln, und wessen
Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schn
vor, noch etwas ber den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er
dadurch? Nachdem er so weit fertig war, htte er eigentlich aufstehen
knnen, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem
festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom
Etisch? Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen
Erscheinung.

Im Bureau! Erst ein bichen auf und ab gehen, das gehrte doch
schlielich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich
vornahm. Gehrte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein
Geschft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heit, nach
halber Beendigung energisch werden, das heit wiederum, nur dazu
energisch, um sich ber irgend einen billigen Genu herzumachen? Er
zndete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen den
Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versten, und rauchte drauf
los wie das Mitglied eines Rauchklubs.

Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing
an, sich ntzlich zu erweisen.

Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgerumt, wie Joseph sogleich
bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das Guten Morgen, Herr
Tobler legen und den Stumpen von neuem anznden. In der Tat ging von
der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine auerordentliche
Frhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben.
Jede seiner gegenwrtigen Gesten sagte: Nun, jetzt wei ich, wo der
Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschfte eine neue
Wendung eintreten.

Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die
Josephs sonntgliche Vergngungen eingeschlagen htten und rief, als
derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:

Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort
nach der lngern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was?
Jawohl, die Stdte vermgen manches zu bieten, aber man kommt
schlielich doch auch gern wieder zurck. Habe ich recht oder nicht?
Aber was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe,
entschuldigen Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da
gehen Sie heute nur zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie
neu aussehenden Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug,
dann wird sie schon verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im
mindesten zu genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr.
Und ein paar farbige Hemden mit dazugehrigen Brsten und Manschetten,
fr Sie sicher ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der
Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?

Ich habe alle diese Sachen gar nicht ntig, sagte Joseph.

Warum nicht ntig? Sie sehen ja selber, wie bitter ntig Sie's haben.
Machen Sie keine Umstnde, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's,
fertig.

Tobler war ungehalten. Pltzlich dachte er an etwas. Er setzte sich
unter die Mechanik des Probe-Schtzenautomaten auf einen dort stehenden
Stuhl und sagte nach einer halben Minute: Ich wei wohl, was Sie
denken, Marti. Es ist wahr, Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und
Sie werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden Sie sich. Andere
mssen jetzt eben auch Geduld haben. Im brigen will ich nicht hoffen,
da Sie's fr ntig finden, mir deswegen eine bittere Miene zu machen.
So etwas wrde ich keineswegs in meiner Umgebung dulden. Wer so it, wie
Sie essen und eine solche Luft geniet, wie diejenige ist, die Sie hier
oben bei mir einatmen, der hat noch eine lange Strecke zu laufen bis zur
Klage. Sie leben! Denken Sie nur immer ein bichen daran, in welcher
Verfassung Sie dagestanden sind, als ich Sie dort in der Stadt engagiert
habe. Sie sehen wie ein Frst aus. Dafr werden Sie mir denn auch ein
wenig Dank wissen mssen.

Joseph sagte, und es war ihm spter unbegreiflich, wo er die Frechheit
dazu hernahm:

Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie Ihrem Untergebenen, Ihnen zu
sagen, da es mir recht peinlich ist, bestndig an das gute Essen, an
die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, in denen ich schlafe,
erinnert zu werden. So etwas kann einem die Luft, den Schlaf und das
Essen beinahe vollstndig verderben. Was muten Sie mir zu, wenn Sie
glauben, Ursache zu haben, mir den natrlichen Aufenthalt und Genu, den
ich hier oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu mssen? Bin ich
ein Bettler oder ein Arbeiter? Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier
keine Szene, ich setze ganz einfach etwas fr unser gegenseitig
notwendiges Verstndnis auseinander. Ich mchte festgestellt haben
dreierlei. Erstens wei ich Ihnen fr alles, was Sie mir 'bieten', Dank,
zweitens wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem bisherigen Betragen
ruhig entnehmen, und drittens leiste ich etwas, ein Beweis fr dieses
Letztere ist die Tatsache, da mein Gewissen und Ihre Klugheit mich
immer noch hier beschftigt sehen. Was die Kleidergeschenke, die Sie mir
gtigst machen wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment eines
Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem Dank an, ich kann Wsche
und Kleider brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton dieser
Sprache werden Sie mir verzeihen mssen, oder -- Sie werden gezwungen
sein, mich aus dem Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und
dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedrfnis gefhlt, Ihnen zu
zeigen, da ich mich unter Umstnden gegen -- wie soll ich sagen --
Grobheiten wehren kann.

Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie dieses Mundwerk her? Es ist ja
zum Lachen, das. Sind Sie eigentlich nrrisch geworden, Joseph Marti?

Tobler fand es fr das Vernnftigste, laut zu lachen. Aber schon im
nchsten Augenblick zog sich seine Stirne in grimmige Falten:

So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, da Sie imstande sind, etwas zu
leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein groes Maul
macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo
sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen?

Joseph sagte kleinmtig: Hier! Er war wieder vllig befangen. Die
Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und
schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie:

Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf und
seien Sie weniger empfindlich. -- Schreiben Sie!

Und er diktierte folgendes:

    An Herrn Martin Grnen in Frauenberg.

    Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit zwecks Realisierung
    meiner Reklame-Uhr bewilligte Darlehn von fnftausend Mark auf den
    Ersten des kommenden Monates aufkndigen, habe ich erhalten und
    gestatte mir -- haben Sie das? -- Ihnen folgendes zu erwidern: 1.
    ist meine derzeitige finanzielle Lage derart, da es mir eine reine
    Unmglichkeit ist, Ihnen auf den angegebenen Termin den fraglichen
    Darlehnsbetrag zurckzuerstatten; 2. befinden Sie sich in einem
    groben Irrtum, wenn Sie ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf
    so unerwartet rasche Zurckzahlung zu dringen, indem 3. zwischen uns
    bei Abschlu des Darlehens, so viel ich mich erinnere, und wie ich,
    wenn ntig, schwarz auf wei beweisen kann, die Vereinbarung getroffen
    worden ist, -- sind Sie so weit? -- da eine Zurckerstattung der
    Schuldsumme erst dann zu erfolgen hat, sobald die Geschfte der
    Reklame-Uhr ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben.
    4. Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte Darlehen ist nicht
    auer Verbindung speziell dieses Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen,
    sowie die Abzahlung des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen
    des letzteren. 6. Wrde es sich fragen, ob eine so kurzfristige
    Zahlungsforderung in einem Falle, wie dem unsrigen, berhaupt
    gestattet wre. Hauptsache: das geliehene Geld liegt im obengenannten
    Unternehmen und verfllt dem Risiko desselben. -- Sehr geehrter
    Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, nachdem ich Ihnen meinen
    Standpunkt erklrt habe, die Sache noch einmal ernstlich berlegen.
    Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich mich befinde, und Sie
    werden kaum den Mut finden, einen Geschftsmann ruinieren zu wollen,
    der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dagegen stemmt und
    wehrt, in die ihm drohende Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder
    haben wollen, so drngen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr wird sich
    bewhren! Ich hoffe Sie gengend berzeugt zu haben und zeichne
    hochachtungsvoll----

Geben Sie her! Und Tobler unterzeichnete, indem er eine volle Minute
lang, scheinbar gedankenabwesend, in den Anblick des Schreibens
versunken blieb.

Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen privaten Gedanken hin.
Er dachte: So ist er, dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine
hochmtige und drohende Stellung ein, dann duckt er pltzlich klein
zusammen und bittet, zu bedenken usw. Der Herr Grnen werde nicht den
Mut finden, meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn findet? So wie
dieser Brief abgefat ist, so pflegen Verzweifelte zu reden. Zuerst
klingt es hochtrabend, dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch,
dann beiend spttisch, dann auf einmal kleinmtig, dann zornig, dann
flehentlich, dann pltzlich grob, dann Brust hoch und noch ein letztes
Mal in hochmtigem Ton: die Uhr =wird= sich bewhren! Wer beweist das? O
ein solcher pfiffiger Darlehngeber, wie dieser Grnen aus Frauenberg
einer ist, der wird hohnlcheln, wenn er diesen gefhlvollen Brief
liest.--

Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz richtiger, wagte er halblaut
zu seinem Chef zu sagen. Das war ein Funke ins Pulverfa.

Tobler sprang jhlings auf: Was Joseph da Dummheiten zu schwatzen habe.
Wenn er Bemerkungen machen msse, so solle er sie nicht erst eine halbe
Stunde nach Erledigung der Sache vom Mund ablaufen lassen, und dann
solle er sehen, da es keine so lppischen seien, wie die, die er sich
soeben erlaubt habe.

Unsinn! schrie er, ergriff seinen Hut und ging davon.

Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, faltete es zusammen,
steckte es in einen vorher schon adressierten Briefumschlag, klebte zu
und frankierte.

Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der Buchdruckerei angekommen.
Joseph fing an, diese Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu
jeweiliger Briefkuvertgre, damit sie in alle Welt hinaus verschickt
werden konnten. Das Rundschreiben enthielt in hbscher Druckschrift, und
mit Klischee-Abbildungen versehen, die genaue Beschreibung nebst
Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, auch einer Toblerschen
Erfindung. Vor allen Dingen galt es, diesen Dampfbehlter den
zahlreichen, in der Umgebung von Brenswil und weiter im Land herum
verstreuten Fabriken und mechanischen Werksttten anzupreisen, womit man
einen ganz hbschen Gewinn zu erzielen hoffte.

Der Gehlfe faltete bis zur Mittagsessenszeit diese Papiere zusammen,
welche Arbeit fr ihn etwas geradezu Frhliches und Gedankenfrderndes
enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg whrend des Essens,
abgesehen von Dora, die ihren reizenden Mund nicht zu halten vermochte.
Die Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte die langen
Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen Jugendverwilderung an,
indem sie sagte, sie sei wahrhaftig froh ber den baldigen Wiederbeginn
der Schulzeit, es werde nun gottlob bald wieder eine andere Zeit fr die
Schlingel herantreten. Die Autoritt und das Meerrohr des Lehrers
wrden dann vielleicht erreichen, was der Mutter nicht mglich sei:
artiges und aufmerksames Benehmen ihren Buben anzugewhnen. Es sei ganz
gut, wenn es allmhlich Herbst werde. Whrend dieser langen, schnen
Sommertage wisse das kleine Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr,
wo noch irgend eine Gelegenheit sei, bles und Dummes anzustellen.

Bei dem Wort Herbst fhlte sich Joseph in der Seele betroffen. Der
schne Herbst! dachte er. Einen Augenblick spter war er mit Essen
fertig geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, es fehle ihm
Geld, um Briefmarken kaufen zu knnen. Die dadurch unangenehm berhrte
Frau sagte, so solle sie auch noch fr solche Dinge sorgen, seufzte und
hndigte dem Angestellten das Gewnschte schmollend, aber zugleich ein
wenig geschmeichelt, ein. Man mute also zu ihr, der Frau, kommen, um
Markengeld zu erwischen und zu ergattern. Joseph spielte wiederum ein
wenig den Beleidigten.

Schlielich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehlfe. Wie
lstig das war, jedes Zweimarkstck einem Frauenrock abbetteln zu
mssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begngte sich, ihn
von oben herab halb anzuschauen.

Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und Handlanger
damit beschftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mchtigen
Haufen zu trmen. Die Erde war na, es hatte kurz vorher geregnet.

Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler?
brummte Joseph und erreichte die Landstrae. Aus dem Wirtshaus zur
Rose, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tr ein
schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine
ersparten Gehlter und Lhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine
andere Welt hinber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der
Rose unter dem Tisch liegen lie. Im Dorf angekommen, trat der
Gehlfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gem, in das
Restaurant zum Segelschiff ein, und wer sa dort am runden Stammtisch?
Tobler!

Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der
Kneipe.

Gewi mu man in den Zorn gewhnlich rasch eins hinabtrinken, um das
Hitzige, was man in der Brust fhlt, abzukhlen und zu verlschen, und
ebenso natrlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst
Markengeld hat betteln mssen und infolgedessen ziemlich unwirsch
aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man eins zu sich nimmt, zerstreut
werden. Gewi mu und kann man auch das, aber -- es war doch fr einen
Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im Segelschiff pltzlich
bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber
bedeutend an.

So? -- Sie scheinen ja auch Durst zu haben, sagte Herr Tobler
gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte:

Ja! Mu auch sein.

Herr Tobler erwartete im Segelschiff immer die anfahrenden und
abfahrenden Zge, auch jetzt pate er nur auf seinen Zug auf. Das
Restaurant lag in unmittelbarer Nhe des Bahnhofes. Aber wie oft
verpate trotzdem Tobler seine Zge; man konnte, wenn man Wirt hie,
manchmal beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fllen
pflegte er jedesmal zu brummen: Jetzt ist mir das cheibe Zglein schon
wieder an der Nase vorbeigefahren.

Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so da die andern
Wirtsgste es hren konnten: Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heit er
schnell, er solle mit der Montierung der Uhren fr die Utzwil-Stfener-Bahn
unverzglich beginnen. Der Brief mu noch heute abgehen. Das brige werden
Sie wohl wissen.

Joseph schmte sich ein wenig seines redeseligen Prinzipals, wie er
ihn im stillen nannte, er nickte und drckte sich zur Tre hinaus.

Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhndler und lie sich eine ganze
Reihe Gebrauchsgegenstnde fr Bureau und Zeichentisch geben, indem er's
ins Buch aufschreiben lie߫.

Solch ein niedliches Rechnungsbchlein, was ging da nicht alles Mgliche
hinein. Man nahm einfach die Waren und lie munter aufschreiben.

Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich die Frage, wann und ob er
einen gewissen Betrag einkassieren lassen drfe.

O gelegentlich etwa, entgegnete obenhin Joseph. Ich handle sehr
richtig, dachte er, man mu zu den Leuten in oberflchlichem Ton
sprechen, dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man keinen Ernst
zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich zu sein. Htte ich die
Frage dieses Mannes wichtig genommen, so wrde er jetzt Verdacht haben
und schon morgen frh mit der quittierten Note im Bureau erscheinen. Ich
diene meinem Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rhrende
Verdchtigungen von ihm abzulenken.

Whrend dieses Gedankenganges hatte er sich scheinbar aufs Gemtlichste
eine Sammlung Ansichtspostkarten angeschaut. Indem er jetzt den Laden
verlie, lchelte er freundlich, und er wurde ebenso freundlich vom
Besitzer desselben angelchelt.

Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit dem Falzen der Zirkulare zu
schaffen. Fr je ein Zirkular verwendete er vier Hndebewegungen. Er
trumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemtvolle Herumsinnen um
irgend etwas geradezu heraus. Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender
Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor dem Schreibtisch und
Bureaufenster sa auf einer dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie
nhte und unterhielt sich in singender Sprechweise mit ihrem Dorchen.

Was dieses Kind es gut hat! dachte Joseph.

Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken? fragte Frau
Tobler. Sie setzte hinzu: brigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen
Sie. Der Kaffee steht schon.

Im Gartenhaus, whrend des Imbisses, fhlte sich der Angestellte durch
die Freundlichkeit, mit der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu
sagen, er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen zu haben.

Was er damit meine? Sie verstehe nicht.

Nun, wegen dem Wirsich!

Sie sagte, das habe sie lngst vergessen. Fr solche Sachen habe sie
kein haarscharfes Gedchtnis. Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen
sei? Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, Joseph bekennen zu
hren, da es ihm leid sei, sie gekrnkt zu haben. Er drfe ruhig sein,
und er solle sich in allem, was das Geschft ihres Mannes anbelange, nur
immer Mhe geben, das sei die Hauptsache. Ach sie wnsche manchmal, und
besonders in letzter Zeit, ein geschftstchtiger Mensch zu sein, um
Tobler helfen zu knnen. Wenn sie daran denke, von hier fortziehen, das
Haus, das sie so lieb gewonnen habe, verlassen -- zu -- m--ssen----

Trnen standen ihr in den Augen.

Ich will mir Mhe geben! Er schrie es beinahe.

Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu lcheln.

Sie drfen nicht gleich verzagen.

Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmtig genug all diesen
sorgenvollen Dingen gegenber. Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie
ihr scheine, ungerechte Vorwrfe gemacht, deswegen, da sie seine ganze
schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie habe es fr ntig befunden, zu
schweigen dazu. Was denn in einem solchen Fall eine schwache und
ungebte Frau machen knne? Ob sie gar etwa den ganzen, guten Tag lang
jammern, und eine wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und was das
ntze? Das wrde doch einer einigermaen vernnftigen Frau weder
einfallen, noch auch nur anstehen knnen, so etwas wrde sie eher fr
gefhrlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil immer ganz guten
Mutes, und sie wage es, sich im stillen fr diese Haltung zu loben. Ja,
das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen Welt ihr kein
einziges Wesen anerkennen wolle. -- Sie wisse im brigen, wer sie sei,
und sie fhle sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den frhlichen
und gemessenen Lebensmut nicht so bald sinken zu lassen. Daneben fhle
sie wohl, wie schwer es ihr Mann zurzeit habe.

Sie war wieder heiter geworden.

Und was Sie betrifft, Joseph, fuhr sie fort, indem sie den Gehlfen
mit ihren groen Augen anschaute, so wei ich ja, da Sie ernst bei
Ihren Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann wird man nicht alle
Lsungen und trefflichen Leistungen aufs Mal verlangen wollen. Sie
fahren einen nur manchmal ein bichen grob an. Ja, ja!

Sie demtigen mich, aber ich verdiene es, sagte Joseph.

Beide lachten.

Sie sind ein kurioser Mensch, bemerkte Frau Tobler, das Gesprch
beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob
sie die Gte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben
geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er
wnsche dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die
betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.

Nach ungefhr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett,
so den dnnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen
und das Aufklatschen des Wassers auf den Blttern der Bume anzuhren.
Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten
Feierabend. Ein kurioser Mensch, dachte der mit den Schluchen
Beschftigte, und es wollte ihm beinahe trbe zumut werden: Wieso ein
kurioser Mensch?--

Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an, ungehalten,
unfreiwillig. Er hatte es sich eben im Segelschiff gemtlich machen
wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis gesetzt
worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. Mssen die schon
wieder kommen? hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt, konnte
aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den Wirtshausja,
um dafr zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack ein wenig
kindelig war. In der Tat ging es beim Ja unter Berufsjassern eben
viel ernsthafter und mnnlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und
Tobler hatte nachgerade diese husliche, plaudernde, unschuldige
Jasserei ziemlich verachten gelernt.

Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er mchte noch ein wenig in
der frischen Luft spazieren gehen. So, der entzieht sich der Pflicht,
und ich, ich mu dahocken, schien Toblers Gesicht zu sagen, als er
Joseph sich ausreden hrte.

Dieser flchtete an die Natur hinaus. Der Mond beleuchtete zart und
gro die ganze Umgegend. Irgendwo pltscherte ein Wasser. Er ging den
Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die groen
Wegsteine waren wei vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und
zischelte und flsterte es. Es war alles in einen duftenden,
trumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hrte er
Kuzchengeschrei. Einige zerstreute Huser, ein paar zaghafte Gerusche,
und pltzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein
spter Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter
einem halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite
im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph berlie sich vollstndig seinen
Empfindungen.

Pltzlich dachte er wieder an den kuriosen Menschen, der er sei. Was
er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht
umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergngen
durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles?
Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher
gefhrte und das vorauszuahnende zuknftige, das, das war kurios, und
Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte ---- Diese Frauen, wie
sie es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie
talentiert sie waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und
Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl.
Spahaft war das, nicht wahr?--

Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause.

                   *       *       *       *       *

Die Brenswiler oder Brensweiler sind ein gutmtiger, aber zugleich
etwas heimtckischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet,
heimlichfeier Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick
hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger,
irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein
bichen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und
moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine
gesunde brgerliche und politische Freiheit gewhnt gewesen. Aber sie
verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit
und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch Klgerem
aus. Sie schmen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natrlichen
Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein schlechter Hund
sein als ein Tropf von Esel, den man leicht bers Ohr hauen kann. Die
Brenswiler sind nicht leicht bers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder,
der das probieren will, tchtig gewarnt sein lassen. Sie sind
herzensgut, wenn man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im
Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber sie schmen sich auch
ihrer Gte, wie fast jeglicher Gefhlsuerung. Sie lachen mit den
Stockzhnen, wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie
plaudern mehr mit den gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie
schweigen gerne, aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die
leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur
Welt gekommen wren. Spter schweigen sie wieder volle vier Wochen lang.
Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie
Vorzge, wo Fehler besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre
Mngel als ihre guten Eigenschaften ffentlich strahlen zu lassen, damit
ja niemand Bescheid wisse, wie tchtig sie sind. Um so bessere
Handelsgeschfte machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, sagt
man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne Ursache, aber es
sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und um
dieser paar Ausnahmen willen mssen die Brenswiler manches kecke und
ungerechte Wrtlein hren. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust,
diese Krfte zu ben; die Geschmacklosen unter ihnen prahlen deshalb
fters mehr als gut und recht ist und sind verschrieen im brigen Land.
Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken und nchtern, ein
Schlag Menschen, wie geschaffen dazu, bescheidene aber sichere Geschfte
zu machen und dito Erfolge zu erzielen. Die Huser, die sie bewohnen,
sind sauber wie sie selber, die Straen, die sie bauen, sind ein bichen
holperig, genau wie sie selber, und das elektrische Licht, das ihre
Dorfstraen Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum exakt wie sie
selber. Und unter solch ein Volk mute Herr Tobler geraten.

Herr Ingenieur Tobler!

                   *       *       *       *       *

Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwrts. Auch in der Gegend
von Brenswil blieben die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten
natrlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun mssen, sie
vernderten sich, trotz des Herrn Tobler, der vielleicht wnschen
mochte, die Zeit stillstehen zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschfte
nicht gingen, war der unbewute Feind alles dessen, was ruhig und
gleichmig vorwrtsschritt. Der Tag oder die Woche ist solch einem
Menschen stets entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man die
Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man sich langweilt am Anblick
des lahmen Geschftsganges. Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so
murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem mehr seit einigen
Tagen, und machte sie scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so
wnschte er sich ber die Berge in ein spteres Jahrzehnt versetzt, um
alle diese ihn umgebenden Dinge nicht mehr anschauen zu mssen.

Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund irgendwo etwas still,
die Natur schien sich manchmal die Augen reiben zu mssen. Die Winde
wehten anders als bisher, wenigstens schien das oft so, Schatten
huschten an den Fenstern vorbei, und die Sonne war eine andere Sonne
geworden. Wenn es warm war drauen, so sagten ein paar Menschen, echte
Brenswiler, sieh da, wie warm es immer noch ist. Man dankte fr die
Milde, weil man einen Tag vorher, unter der Haustre stehend, gesagt
hatte: Potz blitz, es fngt zu rumoren an!

Hin und wieder runzelte der Himmel seine schne, reine Stirne, oder er
zog sie sogar in Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann war die
ganze Hgel- und Seegegend von grauen, nassen Tchern umhllt. Der Regen
fiel schwer auf die Bume, was nicht hinderte, da man zur Post lief,
wenn man zufllig ein Angestellter des Hauses Tobler war. Herr Martin
Grnen schien sich um die schnen, sanften Wechsel der Jahreszeiten auch
nicht viel zu kmmern, sonst wrde er kaum haben schreiben knnen,
alles, was Tobler an Zahlungsverweigerungsgrnden ihm angebe, das
berhre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner Kndigung.

Und wenn dann das schne Wetter wieder kam, wie glcklich konnte das
einen berhren. Es waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu sehen,
ein Wei, ein Blau und ein Gold, Nebel, Sonne und Himmelsblue, drei
sehr, sehr feine, ja sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren,
drauen im Garten zu essen, man stund dann da so, lehnte sich gegen das
Gitter und dachte darber nach, ob man das schon einmal, irgendwo in der
Jugend vielleicht, knne gesehen haben. Die Wrme und Farbe waren eines
geworden. Ja, sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wrme! Die
Gegend schien zu lcheln, der Himmel schien selber glcklich ber sein
Aussehen geworden zu sein, er schien der Duft und der Inhalt und die
liebe Bedeutung dieses Land- und Seelchelns zu sein. Wie das alles nur
so liegen, stillsein und strahlen konnte. Wenn man ber die Seeflche
hinaus schaute, fhlte man sich, man brauchte nicht einmal Gehlfe zu
sein, von freundlichen, wohltuenden Worten angesprochen. Schaute man in
die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine zarte Melancholie in
einem. Sah man das Haus an, so mute man lachen, obschon die herrische
Pauline gerade am Kchenfenster Teppiche brstete. Die Welt schien
voller Musik zu sein. ber den Kronen der Bume erschienen wie ferne,
verhallende Tne die blendend-leichten-weien Umrisse der Alpen. Man sah
hin und empfand mit einem Mal das alles als unwirklich. Dann war's
wieder anders. Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch die Gegend
schien zu empfinden und ihre Empfindungen zu ndern. Das Empfundene
verlor sich jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja, alles war blau
angefrbt und angehaucht. Und dazu diese Frische, dieses Rauschen von
den Bumen her, in denen immer eine leise, khle Bewegung war. Konnte
man da arbeiten, sich ntzlich erweisen? Ja, man spannte das Waschseil
auf und half der Waschfrau einen Korb nasser Wsche aus dem Keller
hinauf an das golden-blaue Licht der Erde tragen. So etwas zu tun ziemte
sich an einem so schnen, bis in die letzten Winkel von Farben und Tnen
durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen Tage. Und es gab eine ganze
Reihe solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen, sich zum Fenster
hinauslehnen und mehrere Male hintereinander sagen mute: wie
wundervoll!

Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland geworden.

Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschfte war keine neue Wendung,
keinerlei Umschwung, nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die
Sorge und die Enttuschungen gingen wie ermdete, aber an Zucht gewhnte
Soldaten im Schritt vorwrts, sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie
bildeten, Mierfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet, einen
wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam aber stetig vorwrtsbewegte,
gradaus in das Kommende schauend.

Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschftsreisen, als wrde ihn der
Anblick seines reizenden Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berhrt
haben. Er besa ein Generalabonnement fr smtliche Bahnen auf ein
volles Vierteljahr gltig, das er schlielich, da er es sich einmal
angeschafft hatte, auch ausntzen mute. Wo wre denn da die gesunde
Vernunft gewesen? Das Reisen als solches schien ihm berhaupt Vergngen
zu bereiten. Dazu war er der Mann. Im Segelschiff auf den Zug zu
passen, denselben womglich frs erste einmal zu verpassen, dann in den
nchsten einzusteigen, eine gewichtige Geschftsmappe unter dem Arm,
dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den Fahrgsten ein Gesprch
zu beginnen, dem einen oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen
guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden Gegend schlielich
auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen Leuten zu verkehren, bis in
alle Nchte hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen zu pflegen
usw.: das war etwas fr ihn, das glich ihm und seinem Wesen, das lenkte
ihn ab von unwrdigen Gedanken, das half ihm, sich wieder ein bichen er
selber zu fhlen, das war wie sein Anzug, der ihm so prachtvoll sa.

Was hatte er ntig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten
hatte, den er fttern mute? Kme ihm gerade noch recht! Da versauerte
er noch gnzlich das bichen Unternehmungsgeist, das er noch hatte.
Wrde dann nicht mehr viel fehlen und er konnte endgltig die Bude
zuschlieen. Das fehlte noch: zu Hause sitzen und sich von den
Brenswilergesichtern hhnisch anglotzen lassen. Nein, lieber dann
gleich eine Kugel vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.

Und so reiste er eben.

Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die tglichen Lebensbedrfnisse
angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine
hochzuheben, um gemtlich in das Interieur der Toblerschen Familie
blicken zu knnen, an der Tr zu stehen, um jemand, der vorberging, an
das Gefhl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte sich
jetzt schon ein bichen mehr als im Sommer. Sie stund einstweilen da und
prfte das Terrain, im brigen verhielt sie sich still. Es gengte ihr,
da man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war hflich und
vorsichtig. Eine Trschwelle, ein Fenstergesims, ein Pltzchen auf dem
Dach oder unter dem Etisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu
passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem
kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so
da diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand
hinter ihr sei, als ob sie htte fragen sollen: wer hlt sich denn da
hinter mir auf?--

Die paar Gelder, die dem technischen Geschft zuflossen, wurden
sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang
genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch tglich bezahlt sein. Man
lebte und a wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen.
Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn
regelmig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehlfen Verstndnis und
Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe
zu schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus
dem Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den
niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das.

Die Knaben gingen wieder zur Schule, was fr die Mutter eine groe
Erleichterung war, die sich nun fters an die milde, herbstliche Sonne
auf die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden
Stuhl liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte
ihr in angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den
freiesten und besten, welcher schnen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes
Viertelstndchen, nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den
Aufenthalt gestatten mute.

Eines Tages rief sie den Gehlfen zu sich in die Veranda hinaus, sie
mchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler
befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mdchen spielten im
Wohnzimmer.

Was das heute wieder fr schnes Wetter sei, bemerkte Joseph beim
Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz
anderes.

An was denn?

So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen
bestndig daran, ob es nicht viel gescheiter wre, das Haus, wie es da
sei, jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die
Schande des Zwanges, es zu verlassen, das fhle sie, komme ja doch
langsam heran. Mit den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts,
sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.

Wieso jetzt gerade?

Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei
seine Meinung bezglich der Reklame-Uhr herauszusagen.

Ich bin fest davon berzeugt, sagte er, da sie sich auf guten Wegen
befindet. Man mu nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknpfungen
mit weiteren Kapitalisten----

Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. Sie sehe es ihm ja
deutlich an, da er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er
selber nicht glaube. Das sei wenig schn von ihm. Was ihn denn
veranlasse, zu glauben, sie knne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht
aushalten? Wenn er lgen wolle, so sei er ein ungetreuer und
unanhnglicher Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen
weiteren Zweck, ihn noch lnger dazubehalten. Sie habe zu wissen
verlangt, wie und was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine
Meinung herauszusagen. Vor allem wnsche sie zu erfahren, ob der
kaufmnnische Gehlfe ihres Mannes berhaupt fhig eines eigenen
Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' und
Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein ganz unbekanntes Ding sei.

Joseph schwieg.

Was das fr ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben,
ihm einen Befehl erteilen zu drfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen
hinuntergefallen sei? Platz wrde dort schon sein, Lcher seien genug
darin. Was fr ein Stolz das sei bei so wenig uerer Ehre? Toblers
Kleider stnden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden,
wohin er wolle, da sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche.

Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein
paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an
den Schreibtisch. Den Stumpen anzuznden verga er beinahe, er erinnerte
sich jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von
diesen immer vorrtigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an
und er konnte arbeiten.

Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautre und sagte ruhig:

Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie
was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.

Sie schlo die Tr leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte
heftig. Es war ihm eine Unmglichkeit, die Feder in der Hand zu halten.
Das Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Sthle
schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und
ging baden. Rasch noch vor dem Kaffeetrinken, dachte er. Und dieser
Frau hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit!

Das Glck und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genu in den
Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf
seiner stillen, aber schon kalten Oberflche, die wie l dalag, so
ruhig, so fest. Die Frische des Elementes lie den nackten Krper sich
krftiger und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wrter laut
zu: Nicht so weit hinausschwimmen, Sie da drauen. He! Hren Sie
nicht? Joseph aber schwamm ruhig weiter, er frchtete nicht im
geringsten, den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt
mit weiten Armbewegungen die nasse, schne Bahn. Aus der Tiefe des Sees
hauchten ihn eiskalte Strme an: um so schner, und er legte sich auf
den Rcken, die Augen zum wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er
zurckschwamm, hatte er vor den Augen das von den Herbstfarben trunkene
Land, das Ufer, die Huser. Alles lag da, eingehllt in einen seligen
Farben- und Dfterausch. Er stieg aus dem Wasser und kleidete sich an.
Beim Weggehen aus der Anstalt sagte ihm der ngstlich gewordene Wrter,
er htte ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurckschwimmen
knnen; wenn ein Unglck passiere, sei er es, den man verantwortlich
mache. Joseph lachte.

Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es htte ihn zu
sehr gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden
mssen.

Sie saen im Gartenhaus. Unvergleichlich schmeckte Joseph das braune
Getrnk nach dem Bad. Man msse wirklich jetzt die paar warmen Tage noch
profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an zu plaudern von ihrer
Verheiratung, von ihrer frheren Wohnung.

So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen knne, wie es einem
beliebe, das sei doch etwas Reizendes und Ruhiges. Das fnde man
vielleicht nicht so bald wieder----

Joseph unterbrach sie. Er sagte hflich:

Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. Warum denken Sie immer an
das? Ich mchte Sie darauf aufmerksam machen, da ich Ihr gehorsamer
Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? Hier stehe ich vom Tisch auf und
gewrtige die Erlaubnis, mich wieder setzen zu drfen.

Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich setzen. Er tat es.

Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr pltzlich die Laune, sich in die
Reitschule zu setzen, und sie bat den Gehlfen, sie zu stoen und die
Seile anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in die Luft flog und
wieder hinuntersauste, rief sie, das gefalle ihr, und man msse jetzt
noch ein wenig vom Garten profitieren. Bald kme der Winter und dann
heie es nur zu herrisch: Zu Hause sitzen!

Er mute sie jedoch bald aufhalten, da es ihr schwindlig zu werden
drohte. Indem er das tat, atmete er gezwungenermaen den Duft ihres
Krpers, den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen mute, ein. Ihre
Haare berhrten sein Gesicht. Diese vollen, langen Arme! Er ntigte
sich, wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu kssen, durchzuckte ihn
augenblicklich, aber er tat es nicht. Eine Minute spter dachte er mit
Schaudern an diese einfache Mglichkeit, und er war sehr froh, dieselbe
vernachlssigt zu haben.

Sie saen wieder einander gegenber. Sie plauderte ausgelassen:

Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und sie frher bewohnt htten, ein
junger Mensch ihr den Hof gemacht habe, ein so nrrisch verliebter Kerl
-- nein, sie msse schon laut lachen, daran nur zu denken, geschweige
denn, davon zu sprechen. Eines Nachts sei dieser junge, brigens
besseren Kreisen angehrige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen und
habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor niedergestrzt und ihr
seine heie Sehnsucht gestanden. Sie habe ihm vergeblich entrstet
zugerufen und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen. Der Mensch sei
aufgestanden, aber nicht, um sich fortzumachen, sondern um sie zu
umarmen. Noch jetzt, wenn sie sich in jenen frchterlichen Moment
versetze, spre sie den Druck der Hnde, die sich um sie spannten. Sie
habe natrlich um Hilfe gerufen, und da sei zuflligerweise -- und jetzt
komme der lustige Teil der Geschichte -- ihr Mann gerade die Treppe
hinaufgekommen. Er hrt nur die Schreie, strzt sich ins Zimmer, und da
habe er den jungen Mann wirklich wst hergenommen. Den Stock, und der
sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf und Schultern entzweigeschlagen,
so da sie, die Ursache der Prgel, Tobler habe anflehen mssen, den
Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch zu schonen. Ihr Mann habe
denselben dann die Treppe hinuntergeworfen.

Ich mu mich also in acht nehmen, sagte Joseph.

Sie? Es hat nie ein verstndnisloseres Gesicht in der Welt gegeben,
wie das, das Frau Tobler dem Gehlfen zeigte, als sie das sagte.

Sie fing an, sich mit Dora zu beschftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen
tun mge, wandte sie sich pltzlich an diesen. Auf der Post liege das
etwas groe Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie mchte es gar zu
gern heute noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel
verlangt sei, zu wnschen, er mchte das Paket herbeiholen? Es sei
vielleicht zu mhsam, und Joseph habe womglich Wichtigeres zu tun.

Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glcklich
darber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen
zu knnen.

Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton ins
Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das vllige Selbstvergessen
im ffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer
hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mute ihr behilflich sein. Gut,
da der Herr nicht da war. Wie wrde der ber ihre freudige, frauliche
Erregung gehhnt und geschimpft haben.

Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit dem
hochmodern zugeschnittenen Kostm. Es stand ihr prachtvoll. Sie wnschte
von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine Botenluferin,
mute den Gehlfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, Frau
Tobler so schn zu finden. Akkurat wie eine Baronin, sagte er lachend.
Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzglich sehe sie aus,
gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufgen: Ihre Figur tritt sehr
gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau
Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Fr Brenswiler-Augen
drfte das Kleid beinahe zu schn sein. Aber schlielich verdienen diese
Leute auch, da sie erfahren und sehen knnen, was hauptstdtische
Schneiderinnen zu leisten vermgen. Stoff und Form dieses Kostms sind
derart, da man meinen mchte, der Stoff selber habe zu der Form den
Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schnen
Stoff erwhlt zu haben.

ber diese Rede war Frau Tobler ganz glcklich. Sie mochte in
Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lchelnd, sie
getraue sich nicht, in diesem Aufzug ber die Gassen von Brenswil zu
gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in
die Stadt fahre.

                   *       *       *       *       *

Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr. Der Ton,
in welchem die Kassenbeamten der Brenswiler Bank mit Joseph etwas
besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drckte nicht mehr nur Erstaunen,
sondern auch herablassendes Mitleid aus. Schlimm steht es bei euch da
oben auf eurem Hgel, sagte dieser Ton. Erinnerungen und Ermahnungen,
nun doch endlich zu zahlen, liefen tglich per Post im Abendstern ein.
Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend geraucht
wurden.

Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige
Kleinigkeiten, die Tobler spter machen lassen wollte, sobald es mit ihm
wieder einigermaen besser stnde. Die Bauunternehmer reichten ihre
Rechnung ein, sie belief sich auf ungefhr tausendfnfhundert Mark, eine
Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht
mehr beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo
nchtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden
schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten
Jahrhundert leider nicht mehr.

Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern
konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Mnner des
Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nchtlichen Grottenfest an, die
brigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert.
Das tat brigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen,
desto mehr bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch
einige Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte
jetzt verknallt werden. Eine wrdigere Gelegenheit wrde sich nicht so
rasch wieder bieten.

Die drei Mnner, ein Spezereihndler, der Segelschiffwirt und ein
Versicherungsagent, kamen eines Abends bei strmischem Wetter, zu der
festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein
hhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, lnglich
wie ein greres Ofenloch, etwas zu niedrig, so da die Besucher mehr
als einmal die Kpfe anstieen. Ein Tisch wurde in diese Grotte
gestellt nebst ein paar Sthlen, die der Gehlfe und Pauline
herbeischleppten. Eine Lampe war die Beleuchtung.

Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getrnk in die
Glser ergo, worauf er ber die kostenden und schmeckenden und
schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein
solches Weinlein im Hause sei, so ---- Tobler hielt in seiner Ansprache
inne, zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick
aus seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeien
Brenswilern eine Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemt
von einem Mann.

Die Unterhaltung wurde immer frhlicher und ungezwungener. Recht unfeine
Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren auch
da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund,
aufgefangen von laut lachendem Verstndnis. Nur Joseph lachte nicht
viel. Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur
trinken, dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lgen auf dem
Grund der Glser, und man msse kurzen Proze machen und sie austrinken.
Wo Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen.
Frau Tobler sagte, das sei nicht ntig, aber der Ingenieur bestand
darauf.

Geschichten von der anzglichsten Sorte wurden zum besten gegeben. Die
drei Brenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen Wiedergabe
derselben. Wrde Tobler fr jedes Lachen, das an diesem Abend
erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wre er ber
Nacht ein wahrhaft frstlich reicher Mann geworden, hundertmal
wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber
das Gelchter trug nichts ein, es verhallte an den Wnden der kleinen
Grotte, es belustigte blo, aber bereicherte nicht.

Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler! sprach der
Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerhrt und
verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf:

                         Das will ich auch hoffen!

    Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so gibt es
    immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwtze, die dieses Mannes
    Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber steht hoch ber
    diesen Verdchtigungen. Er ist ein Unternehmer und als solcher
    verpflichtet, nicht nur etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis,
    meine Herren, sieht khn, aber es sieht auch oft prahlerisch und
    lcherlich aus, weil es die einzig dastehende und bestndige Aufgabe
    hat, niemandes Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der
    Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem Zeichentisch tun?
    Es entsteht an diesen Orten, aber wollte es da bleiben, wo es
    entstanden ist, so wre es eine bloe, genuschtige Trumerei.
    Hinaus an das Licht der Welt mu es. Es mu sich zeigen, es mu die
    Gefahr, lcherlich und unbrauchbar befunden zu werden, besiegen,
    oder es mu von dieser Gefahr erdrckt werden. Was ntzen der Welt
    die klugen Kpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, was ntzen die
    bloen Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis,
    ein bloer hoher Gedanke rttelt nicht das Kleinste am bestehenden
    Bau der Welt. Die Ideen mssen sich verwirklichen, die Gedanken
    streben nach der Verkrperung. Hierzu braucht es des khnen und
    unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der festen
    und treuen Hand. Eines Fues, der, wenn es ihm endlich, nach vielen
    Widerwrtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht bald
    wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Strme ertrgt, einer, mit
    einem Wort, mnnlichen Seele. Es ist nicht gesagt, da dieser Mann
    glcklich ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden und
    rauschenden Erfolg gekrnt sieht, er erstrebt keine persnliche
    Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es nicht erreicht
    htte, wrde erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, nicht
    er, seine Idee will aber dafr auch alles erreichen. Eine Idee
    stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen.

Auf diese ziemlich romantisch gefrbte Rede lchelten die stillen,
schlauen Brenswilerherren mit erzwungen zugepreten Lippen. Frau Tobler
war im hchsten Grad ngstlich geworden. Das Frulein aus der
Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend zu
verkrpern, so sehr mit offenem Mund sa sie da. Die alte Dame verstund
kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er war
zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues
volles Glas Neuenburger herunterzustrzen. Seine Rede hatte ihn beinahe
strker mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder
alle. Der flchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es
wurde ein Ja߫ beschlossen. Toblers Augen glnzten wieder ganz genau so
fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu
Dutzenden aufgeflogen waren. Ja, fr Feste jeglicher Sorte pat er
prachtvoll, dachte Joseph.

Am nchsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum, nebst ein
paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herber gewehter Bltter. Es
regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand
im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn
ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltglich-praktische
Richtungnahme auf.

Geschfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger zu
erledigen. Das Hauptgeschft bestund nur noch im Abwehren der Glubiger,
die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer Weise, zu
drngen, und im Verzgern und Verschieben der Notwendigkeit, mit Geld
herausrcken zu mssen. Geld, Geld, das mute herbeigeschafft werden mit
allen noch zur Verfgung stehenden Mitteln, aber der Mittel und Wege,
dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die paar
wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser
noch mglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und
schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf
seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten
an, dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er
schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es
auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges,
herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder
auf Haushaltungskonto zu buchen.

Grundstzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in
Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und Vorwrtsfhrendes
zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch berhaupt da zu sein. Eines
Morgens lie der Gehlfe aus Vergelichkeit die Bureautre offen stehen
beim Weggehen nach der Post. Als er zurckkam, gab es eine Szene: Tobler
sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, da kein Geld da sei, noch
lange nicht einzureien. Das verbitte er sich. Wenn auch keine
Barschaften zu entwenden seien, so knne doch jemand, sei es der
Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Tre, unangemeldet, ohne
da ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Bchern und
Papieren herumstbern.

Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die Tre
habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng
auf Ordnung.

Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen
dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschmterweise, nun auf
sie schieben wolle. Er schiebe berhaupt immer alles auf Pauline.

Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der
Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen.

Das waren Tage, das, nasse und strmische, und doch war ein eigener
Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmtig-gemtlich. Die
Nsse und Klte drauen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte
jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und
leuchteten fiebrig die gelben und roten Bltter. Das Rot der
Kirschbaumbltter hatte etwas Glhendes und Wundes und Wehes, aber es
war schn, das vershnte und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze
Wiesen- und Baumland in Schleier und nasse Tcher eingehllt, oben und
unten und in der Ferne und Nhe alles grau und na. Wie durch einen
trben Traum schritt man durch das alles hindurch. Und doch drckte auch
dieses Wetter und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. Man roch
die Bume, unter denen man ging, man hrte reifes Obst in die Wiese und
auf den Weg fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still geworden
zu sein. Die Gerusche schienen zu schlafen oder sich zu frchten, zu
tnen. An den frhen Morgen und spten Abenden drang ber den See der
langdahingeatmete Ton der Nebelhrner, die einander da drauen, Schiffe
ankndigend, das warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute von
hlflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. Dazwischen gab es einmal
wieder einen schnen Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder
schne noch wste, weder besonders freundliche, noch besonders trbe,
weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche, die ganz gleichmig
licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr nachmittags
dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles ruhig und
mattgolden und ein bichen betrbt da lag, wo die Farben still in sich
selber zurcktraten, gleichsam fr sich sorgenvoll trumend. Solche
Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schn, leicht und
vertraut vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos,
beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr
schwer, was ihm vorher schlimm und schwerfllig erschienen war. Eine
angenehme Vergelichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hbschen
Dorfstraen entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und
gedankenvoll anzusehen. Man konnte berall hingehen, es blieb immer
dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht
blickte einen ernst und zart an.

Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein
neues Inserat Fabrikbeteiligung gesucht in die Zeitungen gedruckt. Die
kleinen Geschftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber
abgewiesen, und auf sptere Zeiten vertrstet worden. Im Dorf wurde
infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich
kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie frchtete, beleidigt zu
werden. Die hauptstdtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung
des Preises fr das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund
hundert Mark, eine dem Frauengedchtnis nur zu gut sich einprgende
Summe.

Schreiben Sie ihr, sagte Frau Tobler zum Gehlfen. Es war eben ein Fa
jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde auch
jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natrliche Frohsinn,
der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im
Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit
drei Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten.

Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer
Franzsin: sie solle geflligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan
sei eine Berichtigung nicht gut mglich. Frau Tobler sei brigens mit
der Arbeit nicht ganz so zufrieden wie frhere Male, indem das Jpon zu
eng geraten sei, dasselbe drcke sie unter den Armen. Auf alle Flle
mchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man knne
zurzeit nur nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler
sei mit Geschften und Sorgen zu sehr berladen. Ob das Kleid nicht wohl
erst noch msse gendert werden? Man erwarte hierber Bescheid und man
bitte, davon berzeugt zu sein, usw.

Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschftsherr seine
zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt.

Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Bltter, da
machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an
aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er
vermochte. Der Tag war kalt und finster. Groe, unbestimmbare Wolken
lagerten dster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich
nach dem edlen, heiteren Sommer zurckzusehnen. Die Bume in der
Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre ste waren schwarz und
na. Der Bahnwrter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nhe, er war
ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er
kam nun heran und half Joseph Bltter auflesen, indem er sagte, was in
guten und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen
Zeiten nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler
genossen. Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches
hbsche Trinkgeld, so she er nicht ein, weshalb das immer so andauern
mte, und er sei jedenfalls einer von denjenigen Brenswilern, die es
gut mit dem allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen.

Bald war der ganze Garten gesubert. Auch schon wieder eine Arbeit
erledigt, sagte lachend der Bahnwrter. Ja junger Herr, es gibt
mancherlei Sorten Beschftigungen, und in allem, was man mit
aufrichtigem Bemhen tut, kann ein Stck Ehre liegen. Wenn Sie mir jetzt
ein paar von Herrn Toblers Stumpen zum Rauchen geben wollen, so ist mir
das nicht unwillkommen. Bei dieser Witterung kann man einen glhenden
Stengel schon vertragen.

Frau Tobler lie dem Mann einen halben Liter Sauser geben.

                   *       *       *       *       *

Der Aktienbierbrauerei Brenswil wurde betreffs Besetzung einer Anzahl
Felder oder Flgel der Reklame-Uhr Offerte gemacht. Die Firma schlug ab,
spter vielleicht! Das war ein neuer, peinlicher Mierfolg, der Tobler
veranlate, den Briefbeschwerlwen zu Boden zu schmettern, wo er in
Stcke flog, die der Gehlfe aufhob. Gleichzeitig wurde auf das
technische Bureau ein neues Zahlungsforderungsgeschtz gerichtet. Die
Kanonenkugel verletzte zwar niemanden, aber sie reizte, rgerte und
vermehrte die Unruhe.

Das war niemand anderes als der frhere Agent und Reisende Toblers, ein
gewisser Herr Sutter, der jetzt per eingeschriebenen Briefen
daherzutraben kam, um die rckstndigen Gehlter und Provisionen, die
sich auf die Konzessionserwerbungen fr die Reklame-Uhr bezogen,
einzufordern. Tobler wrde diesem Menschen am liebsten zurckgeantwortet
haben: Du kannst mir in der Gegend von Genua in die Schuhe
hineinblasen, du Narr, was du bist, aber er mute vernnftigerweise
auch diese neue, unangenehme Schuldforderung anerkennen und schrieb dem
Mann: ich kann nicht bezahlen!

Geduld! Herr Tobler sah sich gentigt, von allen seinen Mitarbeitern,
Lieferanten und Mitmenschen Geduld zu verlangen, gleichsam so: Habt
Geduld, ich, Tobler, meine es ehrlich und aufrichtig. Ich bin so
unvorsichtig gewesen und habe mein gesamtes Barvermgen in meine
Unternehmungen geworfen. Treibt mich nicht bis zum uersten. Ich ordne
meine Verpflichtungen, ich kann noch erben, ich besitze noch Ansprche
auf ein mtterliches Erbteil. Auch habe ich ein neues Inserat,
Kapitalien gesucht, in die Zeitungen, die die Welt bedeuten, rcken
lassen. Der Kopf schwindelt mir zwar ein wenig, aber usw.--

Wegen des zu erwartenden Erbteiles unterhandelte jetzt Tobler mit seinem
Advokaten, an welchen man jeden Tag Briefe und Postkarten schrieb.

Das erste Schtzenautomaten-Exemplar war inzwischen fertig geworden, es
funktionierte in der Tat glnzend und erweckte frhliche Hoffnungen.
Diesem Automaten, meinte sein Erfinder, bleibe es womglich noch
vorbehalten, die Reklame-Uhr und das darin geworfene Vermgen zu retten.
Der Hilfsmechaniker lud Joseph eines Tages ein, das fertige Werk zu
besichtigen, und dieser folgte der Aufforderung gerne, umsomehr als der
Herbsttag schn und mild war. Er machte sich zu Fu auf und spazierte
gemchlich gegen das eine gute Stunde weit entlegene Nachbardorf zu,
rechts zur Begleitung der in die Hhe schieende Wald, links der ruhige
See, so lie es sich ganz gut in Geschften die Landstrae entlang
gehen. In der Ortschaft angekommen, erkundigte er sich nach der
mechanischen Werksttte, fand sie nach vielem Suchen in den
durcheinander gekneteten und gebauten Dorfgassen und stand nun vor dem
elegant mit Dekorationsfarben angemalten Schtzenautomaten. Der
Hersteller desselben, indem er Joseph dartat, wie glatt und geruschlos
das Ding lief, brummte, nun erwarte man aber auch von Herrn Tobler eine
angemessene Entlhnung, oder man drfe, meine man, eine solche
gewrtigen, nachdem man doch, was aber Tobler nur nicht anerkennen
wolle, die Hauptsache am Werk getan habe. Mit Springen, Befehle erteilen
und Umherreisen sei eine Sache eben noch lange nicht in Wirklichkeit im
Gang. Dazu bedrfe es der Hnde, die auch tatschlich arbeiten. Ja,
Joseph solle nur seinen Chef davon unterrichten, wie man hierorts die
Sachlage auffasse, es knne nicht schaden, wenn Tobler es wisse.

Joseph schwieg zu allen diesen unzufriedenen Auslassungen und trat bald
den Heimweg wieder an.

Zu Hause rief man ihm schon von Weitem entgegen, es warte ein Herr unten
im Bureau auf Herrn Joseph Marti.

Es war der Verwalter des hauptstdtischen Stellenvermittlungsbureaus,
der Mann, dem der Gehlfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar
verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demtigsten und
sanftesten Manieren hatte. Die Herren begrten sich gegenseitig
freundschaftlich, beinahe brderlich, obschon ein bedeutender
Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste und zerfetzte
Gesicht des Verwalters lie Joseph an lngst berstandene Dinge denken.
Eine armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren Augen auf, sich
selber sah er dort an einem Pult sitzen, dann sah er den Herrn Tobler
zur Tr eintreten, den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er sich
umguckte nach dem passenden Menschen, der diesem Herrn Tobler dienen
konnte. Wie weit das alles schon zurcklag.

Was denn den Herrn Verwalter nach Brenswil hinaufgefhrt habe?

Der ltliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten umschaute,
sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloem Interesse, damit
er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es scheine, Joseph
gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein schlfriger Tag
gewesen, keinerlei Auftrge, da habe er sich eben in den Zug gesetzt
und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur neugierdehalber
komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem Genuvollen das Ntzliche
und Notwendige, und so mchte er sich denn die Frage erlauben, warum ihm
bis heute noch nicht einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe
geschrieben habe, der Betrag, den die bliche Vermittlungsgebhr
ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und Mahnungen nicht
eingetroffen seien?

Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter,
antwortete Joseph.

Wie? Und nicht einmal fr einen so geringen Betrag?

Nein!

Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr
Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte:

Herr Tobler ist whrend all dieser Tage fr Menschen, die Geld von ihm
haben wollen, unter keinen Umstnden zu sprechen. Hiefr bin ich da,
sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen,
Herr Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder
gehen. Bei aller Hochschtzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu
sagen, da man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu
fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir
den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen
Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gesprche einzulassen, sondern
sie khl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als
ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um
mich nach Brenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen
und fleiigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen knne und mich
nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder
fortjagen msse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also
zu bewhren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhltnisse
hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhltnisse.

Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt? fragte der Verwalter. Der
Gehlfe sagte:

Nein, und das gehrt allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht
gefallen. Ich habe hierber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen
wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen
Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden mssen, fr ihn nicht
gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden,
vergangen, und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es!
Und ich lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.

Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen?

Ausgezeichnet!

Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was
gesprochen worden sei, nichts anderes brig, als Herrn Tobler auf
gerichtlichem Wege zu betreiben.

Tun Sie das, sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem abgeschabten
Hut, schaute den Gehlfen vterlich an, gab ihm die Hand und ging.

Joseph nahm ein Stck Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter mit
nichts Wichtigerem beschftigt sah, folgendes darauf:

                            Schlechte Gewohnheit.

    Eine solche ist das Bedrfnis, gleich alles zu bedenken, was mir
    Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir eine
    sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, der mir
    um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen Gestalt
    verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen,
    verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in sein
    Gesicht schaute. Ein Verlust prgte sich sogleich meinem Herzen
    ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas
    berspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich empfinde
    die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich
    gewissenhaft, und nur ab und zu mu ich mir wohl oder bel gebieten:
    Vergi das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste und
    strmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann von dem Gedanken an
    dieses scheinbar Winzige und Nichtige erfllt, durch und durch,
    whrend die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, fr mich
    unerklrlich geworden ist. Diese Momente sind eine schlechte
    Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das was ich
    da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau Tobler.
    Vielleicht hat sie eine Arbeit huslichen Charakters fr mich.--

Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verlie das Bureau. In
der Tat harrte seiner eine husliche Arbeit, die darin bestand, die fr
den Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den
Keller zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden muten. So zog er
denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler
war erstaunt ber seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die
inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein
bichen zu allem brauchen knne. Sie hngte dem Lob eine Lehre an und
bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer
unsicherer und vernderlicher werde, beinahe notwendig, da junge Leute
lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es fr einen jungen
Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen
Dingen umzugehen wisse.

Nachdem die Fenster gewaschen waren, muten sie in die Zimmer getragen,
und in die richtigen Fensterffnungen ordentlich hineingehngt werden.
Frau Tobler ermahnte den Gehlfen zur Vorsicht, stund dabei und sah ein
wenig ngstlich seinen Aushnge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu khn
vorkamen. Wie gut dieser Frau der Ausdruck des Bangens steht, dachte
der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich.

Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, da er
zufrieden, ja glcklich war, sobald es ihm vergnnt wurde, krperlich zu
arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere
Menschenhlfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher
geboren? Htte er in Urwldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben
sollen? Schade, da es in der Nhe von Brenswil keine Blockhuser zu
bauen gab.

Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist brigens nicht so
rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas
Krperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich fters
lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen ber Land,
das Steigen auf Berge, das Abwaschen von Kchengeschirr. Er hatte
letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten
erzhlt. Arme- und Beinbewegungen empfand er als etwas Kstliches. Das
Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als das Nachdenken ber hohe
Dinge. Er schwitzte gern, das lie unter Umstnden tief blicken. War er
der geborne Ziegelsteintrger? Htte man ihn an einen Karren spannen
sollen? Herkules war er jedenfalls nicht.

Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern
Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Brenswil einen Mann
sah, der Scke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald
Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es
Herbstende und man hngt Vorfenster an.

Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch war es
schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war sehr
lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon lngst mit Essen fertig
geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter,
fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte
sich mit an den Tisch, und bald gab er ein frhliches Lied zum besten.
Es wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel.
Zu Bett mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline
trug Dora auf dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die
Waschfrau bewies, da sie ein drolliges, schnelllufiges Mundwerk hatte,
sie erzhlte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und
Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte
es ihm verbieten, denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler
sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die Kinder seien ja jetzt
fort, und ihnen andern allen knne ein ausgelassenes Wort nicht viel
schaden, sie selber hre so etwas auch gern einmal an. Der Zauber des
Weines legte dem schwrzlich anzuschauenden, einugigen Gesellen tolle
Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbndig gelacht, am meisten von
Frau Tobler, die profitieren zu wollen schien, da sie in den letzten
Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte.
Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend Gesellschaft
leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig
fhlende. Auerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus
welchem Grunde, das Bedrfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart,
da sie Vergngen fand, die Glser immer wieder neu zu fllen, bis es
Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran,
unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler
hatte sich berhaupt mehr dem Genu des Gesprches und des Lachens
hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel
vertragen zu knnen. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein
Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der rgerlichen Frage, warum
wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten drauen
sei es stockdunkel, da knne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was
im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren
aufgestanden. Ein wenig spter sagten die Leute schchtern gute Nacht
und gingen. Was das fr eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine
Frau. Diese konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den
Angestellten, der mit der einfachen Schwierigkeit kmpfte, die Treppe
emporzugelangen. Der Herr war mde, so sagte er nicht viel. Gesausert
war worden, es war ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.

Am andern Morgen stand Joseph etwas frher auf und arbeitete extra
fleiig, er empfand Gewissensbisse und frchtete sich vor der Begegnung
seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog
etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher
als je, ja, er machte sogar Witze.

Im Laufe des Tages gestand der Gehlfe Frau Tobler, da er sich
gefrchtet habe. Sie schaute ihn gro an, als begreife sie irgend etwas
an ihm nicht und sagte:

Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Khnheit, Joseph. Auf
die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Sptherbst in den See
hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken. Auch
eine Frau knnen Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es aber
gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler zu
vertreten, so frchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen,
anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie
hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so
scharfausgeprgter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten?
Gerade jetzt, wo es um die uere Weltlage Toblers schlecht steht, mu
es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise hochachten zu
sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie groherzig?
Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden
und bin es doch Ihnen gegenber. Und frchten Sie sich in Zukunft nicht
mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.

Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas spter berraschte Joseph
die Frau oben an der Tre ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe
zufllig offen stehen lassen, im Neglig. Sie stand, ohne an etwas zu
denken, mit entblten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen
der Haare beschftigt. Als sie Joseph hrte und sah, stie sie einen
Schrei aus und warf die Tre zu. Welche herrlichen Arme! dachte der
Gehlfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden
etwas aus altem Germpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand
er ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht
mehr benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhltnismig
lange an, bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.

Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wsche in der Hand, die sie
hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete
ihn, als ob sie ihn berhaupt noch nie gesehen htte. Was fr ein Kind!
Dann legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stberte sie,
und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und
richtete an den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverstndliche
Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unertrglich und er ging
hinunter.

Im Bureau: Frau Tobler wundert sich ber mein Betragen. Dagegen mchte
ich mich fast ber das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche
Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbstndige Frau, die Mutter Silvis?
Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was fr eine
Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses Tobler.
Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung wanken.

Neben der Wohnzimmertre stand Frau Tobler und sprach mit groer
Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um
eine unangenehme Sache. Ihr Rcken zitterte und die Schultern hoben und
senkten sich strmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der
andere Sprecher ein unverschmter Glubiger sein? Ihre Stimme klang so
hoch, da sie in den eigenen Tnen und Bndern zu zerreien drohte.
Endlich war sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie
schmerzvolles Gesicht. Sie hatte whrend des Sprechens geweint.

Wer war das? fragte er.

O, sagte sie, der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat. Er
will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehrt haben, in die
Schranken zurckgewiesen.

Sie sagte nicht, in was fr Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder
nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehlfe nicht mehr den Mut, sie
eine Rabenmutter zu schelten.

Er htte auch ebenso gut ans Telephon gehen knnen. Ob er es denn nicht
klingeln gehrt habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautre ein
wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hren.

Joseph hatte es ganz gut klingeln gehrt, aber er war zu trge gewesen
und er hatte gedacht: Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das
schadet dem Hochmutston nichts.

Walter kam und erzhlte, wie Edi, sein Bruder, einem Brenswiler Herrn
die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des
Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber berrascht
worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem
Mann allerhand Schimpfwrter nachgerufen.

Das msse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler.

An Ihrer Stelle, Frau Tobler, warf Joseph ein, wrde ich selber den
Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich wrde es niemals 'meinem
Mann' sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen,
mit anderweitigen Dingen genug beschftigt, und zweitens sind Sie doch
Edis Mutter und knnen gewi ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit
der Schlingel bestraft werden soll, messen. Hrt Herr Tobler heute abend
wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so
drfte er leicht auer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht
eine grausame, aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gndige Frau,
in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit
derartigen, in der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment
belstigen, den er dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner
Familie von seinen Geschften und Gelderwerbsplnen auszuruhen, und Sie
werden mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich fr Ihren Krnker zu
halten, recht geben. Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses
Tobler gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur
ntzlich zu sein. Sind Sie mir bse, Frau Tobler?

Sie lchelte und schwieg, indem sie es scheinbar fr berflssig fand,
ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Kche hinaus, er ins Bureau
hinunter.

Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie es
gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreter Stimme, er befand sich
in bler Laune. Joseph fhlte sich sogleich unbehaglich beim Klang
dieser Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mute
denn Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein
Gehlfe es sich wohl schmecken lie? Der Appetit verging ihm beinahe,
und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf
zu springen. Tobler hatte seinen berzieher mhsam abgelegt. Joseph
dachte bei sich, vielleicht wre es gut getan gewesen, wenn er vom
Platz aufgesprungen wre und dem Herrn geholfen htte, aus dem Mantel
herauszukommen. Das wrde womglich Toblers schlechte Laune, die man ihm
anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig zuvorkommend? Ob
ihm das an der Mannesehre geschadet htte? Schne Ehre, dazusitzen und
ngstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben. Toblers Auftreten lie
Joseph immer Szenen befrchten. Ja, dieser Mann hatte etwas so
Zurckgebndigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehuftes, etwas
innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden
Moment losbrechen mchte. Und da war es denn wirklich nicht angebracht,
an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das Notwendige
und das Zornesausbruch-Verhtende. Man zog einen berzieher aus, und der
ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzckend
kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. Geradezu freigebig.
Aber Joseph hatte sich geschmt, artig zu sein, und noch etwas, die Frau
tat jetzt, als ob er an einem Schnrchen mechanisch wre aufgezogen
worden, den Mund auf und erzhlte in aufreizendem Tone die Geschichte
und Snde Edis.

Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte demselben einen Schlag an
den kleinen Kopf, der einen starken Mann htte umwerfen knnen, wie mehr
ein derartiges Brschchen, wie der Edi eins war. Alle im Zimmer
zitterten. Frau Tobler senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt
leid, gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben und Sten in die
dunkle Nebenkammer hinein. Walter, der kleine Angeber, war totenbleich
geworden. Dora umklammerte den Arm der Mutter. Diese wagte zu sagen, es
sei genug, Tobler solle sich beruhigen. Dieser sthnte.

Eine unbegreifliche Frau, murmelte Joseph fr sich.

Das msse noch sein, zu der Zeit, da sowieso im ganzen Dorf alles, was
eine Stimme und ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem er
sich an den Tisch setzte. Solche Rangen! Damit jeder Beliebige bald mit
Fingern auf ihn, den Erzieher und Vater, deuten drfe und sagen drfe,
die Jungen machen's halt wie der Alte. So wie man nur einen Fu ins Haus
setze, springe einem eine Widerwrtigkeit entgegen. Da solle einer noch
den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend eine Wendung zu Besserem
mglich. Mit den eigenen Kindern sei man gestraft. Das komme, weil man
sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, zu kleiden und zu
ernhren. Der Teufel auch. Barfu muten sie ihm nchstens zur Schule
gehen, die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben statt Fleisch.
Er werde einen andern Takt einfhren. Aber das sei gar nicht ntig, es
mache sich bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde zu essen da
sein, wolle er sehen, da diese seine Brut ganz anders sich auffhre.

Er versndige sich, und es genge jetzt, sagte Frau Tobler.

                   *       *       *       *       *

Tobler fhrte kein anderes Regiment in seinem Hause ein, Taktstock und
Tonart blieben dieselben im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel
anderes im Kopf, und der Hlfsdirigent war eine zu bescheidene,
zu zufriedene Natur. Dem brauchte man ja nicht einmal die lngst
verfallenen Gehlter auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, mit
dem, was da war. Wolken und Winde flogen auch um das Haus Tobler noch
herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es
den Gehlfen auch nicht ans Fortgehen mahnen.

Eines Tages schneite es. Erster Schnee im Jahr, wie bist du nur so
erinnerungsreich anzuschauen. Altes Erlebtes fliegt mit dir strmisch
dem Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter und Geschwistern
lsen sich deutlich und vielsagend von deinen nassen, weien Schleiern
ab. Es wird einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, mit
deinen unzhligen Flocken. Man glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder
oder eine liebe, zaghafte Schwester. Man hlt die Hand hin, um dich
aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur kleine Stcke von dir. Der
Kbel, der dich auffangen wollte, mte breit und gro sein, wie die
Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich ganz prachtvoll, das
weiche Ding, das du da ber Toblers Haus und Garten in aller Stille
breitest. Frau Tobler ruft erstaunt aus: Es schneit! Die Kinder kommen
mit Geschrei und mit Flocken in den gerteten Gesichtern und mit
Schneestcken in den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird Pauline
im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren und fegen mssen, damit
Herrn Toblers Fe und Schuhe nicht allzu na werden.

Tobler schickte auch seine Buben noch nicht barfu zur Schule. Solch
eine Verordnung hatte ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer
in der netten Villa trotz des wilden Schneegestbers und trotz Klte und
Nsse. Joseph zog seinen berzieher an, wenn er zur Post lief, es war
ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem warm und kleidete hbsch.
Frau Tobler bat den Gehlfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen
mitzubringen, das Lesen fange an in die langen Nchte ganz gut zu
passen. Jassen knne man auch nicht jedesmal nach dem Abendessen. Joseph
ging in die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. Die
Mdchen gingen in kleinen, roten, dicken berkleidern in den Schnee
hinaus, mit Schlitten, um den Hgel hinunterzufahren, aber es ging noch
nicht recht, der junge Schnee war zu na und sa nicht fest genug auf
der steinigen Erde. Leo, der Hund, half mit sich umherzutummeln.

Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen Geruch und Ton haben.
Den Frhling meint man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben, nie
so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerppigkeit jedes neue Jahr
neu und zauberhaft. Den Herbst hat man sich frher nie recht angeschaut,
erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter ganz neu, ganz,
ganz anders wie vor einem oder vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben
ihre eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr da und da zugebracht
zu haben, heit es erlebt und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng
miteinander verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? Die Erlebnisse
knnen ein Jahrzehnt ganz neu frben, wie mehr und wie rascher ein
kurzes Jahr. Ein kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs
zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden und hat, in Gedanken
verloren, gesagt: Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es doch.--

Und das Lange war ihm nicht rasch vorbergegangen, erst als er an
dasselbe dachte, schien es ihm Flgel, Federn und Flaumesleichtigkeit
gehabt zu haben. Es war nun Mitte November, aber wenn er es sich recht
berlegte, so hatte er schon im Mai der Welt diese Miene und diese
Manieren und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine Freundin
Klara sagte, wenig verndert.

Und die Welt, verndert sie sich? Nein. Das Winterbild kann sich ber
die Sommerwelt werfen, aus dem Winter kann Frhling werden, aber das
Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt Masken an und ab, es
runzelt und lichtet die groe, schne Stirne, es lchelt oder es zrnt,
aber bleibt immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es frbt sich bald
bunter, bald matt, bald ist es glhend und bald bla, es ist nie ganz
dasselbe, es verndert sich immer ein wenig und bleibt doch immer
lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen Blitze und donnert
mit seiner gewaltigen Stimme den Donner, es weint den Regen in Strmen
herab und lt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem Mund
herauslcheln, aber an den Zgen und Linien des Gesichtes verndert sich
spurwenig. Manchmal nur fhrt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein
Hagelsturz, eine Fluten-berschwemmung oder ein Vulkanfeuer ber die
ruhige Oberflche dahin, oder es erbebt und erschaudert innerlich von
Welt- und Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt dasselbe. Die
Gegenden bleiben dieselben, Stdteansichten allerdings weiten und runden
sich aus, aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, von einer
Stunde auf die andere, das knnen Stdte auch nicht. Die Strme und
Flsse flieen dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie knnen
versanden, aber sie strzen nicht pltzlich ber ihre Strombetten an die
offene leichte Luft hinaus. Das Wasser mu sich durch Kanle und Hhlen
hindurcharbeiten. Das Strmen und Whlen ist sein uraltes Gesetz. Und
die Seen liegen, wo sie seit langer, langer Zeit liegen. Sie springen
nicht zur Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder. Sie sind
manchmal emprt und schlagen ihre Wasser und Wellen zornig zischend
zusammen, aber sie verwandeln sich weder eines Tages in Wolken noch
eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf der Erde gehorcht
schnen, strengen Gesetzen, wie die Menschen.

Es war also jetzt Winter geworden um Toblers Haus herum.

                   *       *       *       *       *

Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem Joseph geglaubt hatte, in
die Hauptstadt fahren, und sich wieder einmal amsieren zu sollen. In
der Stadt hatte er Nebel in den Straen gefunden, nasse Bltter am
Boden, Bnke in den Anlagen, auf die man sich jetzt nicht mehr setzen
konnte noch mochte, in den innern Gassen Lrm und am Abend vor den
zahlreichen Kneipen grhlende Betrunkene. Eine halbe Stunde lang war er
bei seiner Frau Wei gewesen, um ihr zu erklren, wer Tobler und Frau
Tobler seien, aber eine innere Scham und Ungeduld hatte ihn bei der
ruhigen und gelassenen Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die
Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und hatte ein paar Lokale
zweifelhaften Genres aufgesucht, um sich zu amsieren. War er der
Mensch dazu gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, und im
Wintergarten hatte er mit jungen, gigerlhaften Italienern am Bffet
Hndel angefangen. Ebendaselbst stieg er auf die kleine Varitbhne,
vor aller Anwesenden Augen, und zum grten Gaudium derselben, und fing
an, den Gaukler, der sich dort produzierte, in den Gesetzen des
Geschmackes und der krperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, bis
er schlielich von einer Handvoll Kellner zum Lokal hinausgewiesen
wurde.

In der Klte der Nacht setzte er sich in den Anlagen auf eine Bank, um
sich den Rausch von der herrschenden, rauhen Witterung aus Kopf und
Gliedern hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind sauste und
rttelte in den sten der Parkanlagebume. Das aber schien einem
zweiten, nchtlich hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen,
der sich auf die Bank _vis--vis_ von Joseph gelagert hatte, gnzlich
gleichgltig zu sein. Was konnte das fr ein Mensch sein, und was hatte
ihn veranlat, sich hier, gleich Joseph, in die offene, rcksichtslose
Sturmnacht zu setzen? Tat man solches? Der Gehlfe, irgend ein Unglck
oder einen Schmerz ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu und
erkannte -- Wirsich.

Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich? frug er erstaunt. Sein
Rausch war mit einmal verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann
sagte er:

Wie es mir geht? Schlecht. Wer lge sonst hier im Regen und in der
Klte? Ich bin ohne Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, ich
werde ins Gefngnis kommen.

Er brach in lautes, elendes Weinen aus.

Joseph bot seinem Vorgnger in Toblers Amt ein Goldstck an. Dieser nahm
es, lie es aber zu Boden fallen. Der Gehlfe schrie ihn an:

Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen Sie das Geld. Tobler
selber hat es mir heute zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im
Abendstern haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, aber wir lassen
den Mut keineswegs sinken. Sie, Wirsich, brauchen durchaus nicht zu
sagen, Sie mssen stehlen gehen. Da schlgt man sich lieber mit der Hand
eins auf den Mund, bevor man so etwas sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es
nicht eine Schreibstube fr Arbeitslose? Aber Sie schmen sich wohl,
dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter, der ein sehr, sehr lieber,
mildedenkender, erfahrener Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines
Tages freidenkend genug gewesen und haben uns aus dieser Schreibstube
einen jungen und in der Tat vielleicht nicht ganz tchtigen, wohl aber
brauchbaren und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, geholt, weil
Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie,
fragen Sie morgen frh berall, wo Sie auch mit dem Fu hintreten, nach
Arbeit, und sein Sie berzeugt, man gibt Ihnen irgendwie und wo welche.
Was fr Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich schnde und
kalt abgefertigt werden, aber dann gehen Sie eben weiters, bis Sie
gefunden haben, was Sie in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus
man langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich verbieten, ans
Stehlen zu denken. Der gesunde Kopf soll der Gebieter sein und bleiben,
man soll ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und Schurken
wird. Doch jetzt wrde ich an Ihrer Stelle mit dem Gelde da, das nicht
ich, sondern Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernnftiges
Nachtlager fr den vorbereitenden Schlaf aufsuchen gehen. Sagen Sie, was
macht Ihre Mutter?

Krank! machte Wirsich mehr mit der Hand als mit dem Mund. Joseph rief
aus:

Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen Sie mir nichts, ich wei es, als
ob ich der stndige Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen
wre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn aus jeder Art
schlgt, derart, da er dem fleiigen Zigarrenstummelaufleser nicht mehr
gerade in die Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz auf den
Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm hinauf mit den Augen der Liebe und
Bewunderung geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, ist
krank, aber knnte gesund sein in den alten und ausglimmenden Tagen,
wenn der Gegenstand der Pflege und Liebe recht und tchtig und nur ein
strohhalmdnn wacker tun wollte. Es brauchte ganz wenig, und die alte
Frau wre zufrieden, und sie wrde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen
Stolz neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind wrde sie schon um der Versuche
willen, honett und stark zu bleiben, beinahe anbeten. Und der
Vergeliche und Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste und
letzte Mglichkeit des mtterlichen Gefhlsfeuers, und er ist plump und
grausam genug, auf die Liebe und tage- und jahrelange Freude tppisch zu
treten. Hren Sie, Wirsich, ich mchte Sie am liebsten durchprgeln.

Sie gingen zusammen, um eine Schlafsttte ausfindig zu machen. Im
Gasthaus zum Roten Haus war noch Licht, sie traten in die Gaststube.
Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saen um einen Tisch herum,
einer gab Schelmenstreiche, die er scheinbar vielfach verbt hatte, zum
besten, die brigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen und
etwas zu trinken. Er wrde, dachte er, morgen frh mit dem allerersten
Zug zurck nach Brenswil fahren.

Es war nur noch ein einziges Zimmer im ganzen Gasthof frei. Wirsich und
Marti schliefen daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie
einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe Stunde lang zusammen.
Wirsich war nach und nach munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle
nur von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer wohnen bleiben und hier
fleiig Offertbriefe schreiben, die er, in Kuverts suberlich gesteckt,
selber an Ort und Stelle hintragen knne. Man msse sich unter keinen
Umstnden schmen, Armut und Not an den heiteren Tag zu legen, drfe
aber dabei keine gar zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere das
die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme, nur zu bald an. Eine
Trauermiene sei berdies geschmacklos. Das Persnlich-Hingehen zu den
Geschftsleuten habe das Gute, da diese meist gebildeten und
vernunftvollen Menschen einem etwa ein Fnfmarkstck in die Hand
drckten, da sie den Beweis vor Augen htten, da der Stellensuchende
sich ehrlich Mhe gbe. So htten es etliche und andere, die er, Joseph,
sehr gut kenne, gemacht, und sie htten dabei immer gewisse bescheidene
Erfolge zu erzielen gewut. Namen und Schicksal von Hlfeflehenden
seien den Reichen meist ganz schnuppe, aber diese Herren gben eben
etwas, das sei in guten, alten Firmen und Familien von alters her
gutmtiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich armes msse zu
wirklich vornehmem Wesen hingehen, in aller Ruhe, dort sei es immer noch
am wenigsten am Halse geschnrt und knne atmen und knne sich zeigen,
wie es beschaffen sei und so, wie es eben einmal leide. Man msse, wenn
man schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde, lernen, mit Anstand
und Freiheit zu zeigen, da man bitte, das entschuldige und verstehe
man, das erweiche ein wenig die Herzen und knne niemals die gute und
geschmeidige Sitte verletzen. Voll Haltung msse aber einer dabei sein,
drfe nicht zu greinen anfangen wie ein halbjhriges Wickelkind, sondern
solle zeigen durch sein Benehmen, da er von etwas Groem und Mchtigem,
vom Unglck, darniedergeworfen worden sei. Das ehre wiederum ein wenig
und veranlasse den Hrtesten zur flchtigen, sen, edlen,
anstandsvollen Milde. So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten,
und gehrig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie er zu tun gedenke,
wolle er schlafen, denn er msse frh wieder aufstehen.

Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti, sagte der andere. Dann
schliefen sie ein. Es war schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach
drei Stunden Schlaf und einer dmmernden Eisenbahnfahrt, stand der
Gehlfe wieder im technischen Bureau, zwischen Zeichen- und
Schreibtisch. Jetzt ging er ins Wohnzimmer frhstcken.

                   *       *       *       *       *

Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und zwar als Arrestant, nach der
Stadt zu begeben. Einen zweitgigen Arrest hatte er dafr abzusitzen,
da er die herbstliche Wiederholungsbung versumte. Er meldete sich zur
bestimmten Stunde in der Kaserne an, man nahm ihm die Militrpapiere ab
und fhrte ihn in den Karzer. Dort lagerten auf Pritschen und
untergelegten Mnteln an die fnfzehn jngere und ltere Mnner, die
alle den Neuankmmling musterten. Es roch nach allem mglichen
Schlechten in dem Raum, dessen vergittertes Fenster direkt an den
Straenboden anstie. Ich habe wenigstens zu rauchen, dachte Joseph
und begann, es sich auf einer der Pritschen nach Mglichkeit bequem zu
machen. Bald hatten ihn alle Insassen der bunten Reihe nach
angesprochen. Es waren aller Art Menschen, die hnliche Strafen wie der
Gehlfe zu verben hatten. Einer wie der andere schimpfte. Entweder war
es ein hherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches begangen
haben sollte, oder es wurde irgend einem Staats- oder Zivilbeamten
heimgezndet. Die Gesichter aller dieser fnfzehn oder sechzehn Menschen
drckten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit und Unzufriedenheit
mit der Stumpfheit, die im Raume herrschte, aus. Es lagen welche
Burschen da, die schon wochenlang saen, einer sogar, ein Melker,
monatelang.

Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden lag hier der Tapezierer,
neben dem Maurer und Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und
Schweizer der reiche, jdische Handelsmann, neben dem Schlossergesellen
der Bckermeister. Keiner von den fnfzehn Leuten glich dem andern, aber
alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und Kurzweil trieben.
Da auch wohlhabende und gebildete Leute da waren, hatte seinen Grund in
der gesetzlichen Unmglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen
umzugestalten, so da hier eine Gleichheit der Behandlung herrschte, wie
man sie im ungebndigten, offenen Leben lange suchen konnte.

Pltzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmig an der
Tagesordnung stehendes Spiel arrangiert. Es hie das Schinkenklopfen
und bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen mit der gestreckt
flachen Hand auf den Podex desjenigen, der verdammt war, denselben den
unbarmherzigen Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler mute dem
Dulder die Augen zudecken, damit er sich nicht die Herkunft der Hiebe
und Schlge merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die Person
dessen, der ihn gehauen hatte, so war er frei, und der Ertappte hatte
sich, willig oder nicht, an die unangenehme Stelle des Erlsten
herabzubcken, bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkmpfte Glck des
richtigen Erratens zufiel.

Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs eifrigste betrieben, bis die
Hnde vom Schlagen ermdet waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, du
liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine Bohnen, Rben oder
Blumenkohl, nicht einmal ein kleines Schweinefilet, sondern Suppe und
ein Stck Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem Schluck
Wasser. Die Suppe war auch eine Art Wasser, und die Lffel waren
auerdem noch in ziemlich degoutierender Art und Weise an die
Suppentpfe angekettet, wie wenn einer das Blei htte stehlen wollen,
wozu doch sicherlich kein Grund da war. Aber es war praktisch, dieses
Anketten, und militrisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren
begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt, liebkost und
flattiert zu werden. Der verchtlichen Handlungsweise die verchtliche
Strafe: das stund scheinbar auf dem Egeschirr deutlich und ankltend
geschrieben.

Langweilige, de zwei Tage!

Der Schweizer oder Melker war von allen noch der Lustigste. Diesen
wahrhaft schn anzuschauenden Burschen hatten sie gefesselt
dahergebracht, weil er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier,
der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, da demselben das Blut
zu Mund und Nase hervorspritzte. Fr diese Tat wurde natrlich dem
Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der anfnglichen Strafe
hinzudiktiert, was aber diesen scheinbar unerschrockenen und in Dingen
der schnen Ehre vollstndig gleichgltigen Menschen gar nicht weiter
beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus dem stumpfsinnigen,
gezwungenen Daliegen einen possierlichen und fidelen, monatelang
anhaltenden Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern zu
unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum das Lachen ganz
verhallen und erlahmen. Dieser Melker sprach von Staats- oder
Militrpersonen nie anders als im Tone kindlich-krftiger berlegenheit
und bermutes. Nie kam etwas Giftiges und Wtend-Zurckgehaltenes ber
seine Lippen. Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder wahrhaft erlebt,
erzhlte, hatten alle mehr oder weniger zum Inhalt die Betlpelung und
Nasefhrung irgend welcher Standesmenschen, mit denen dieser schne,
verdorbene Mensch wie mit lcherlichen und hlzernen Puppen umzugehen
gewohnt schien. Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man der
Hlfte seiner Erzhlungen ruhig, und ohne die gesunde Vernunft zu
verletzen, Glauben schenken, denn das schien in der Tat solch ein Mensch
zu sein, herkommend direkt noch von den stolzen und unbndigen Ahnen des
Landes, ausgestattet mit lngst aus den Generationen entschwundenen
Spiel- und Raufkrften, und mit dem Mute begabt, der eben die Gesetze
und Gebote der weiten ffentlichkeit fast notwendigerweise verachtete.
Sonderbarerweise trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten aller
Art trieb, noch zu schrfen, auf dem Lockenkopf eine Militrmtze, die
er Gott wei wo noch von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben all
seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen durchaus den
einfachen, weicheren Empfindungen nicht abhold zu sein, wenigstens hrte
man ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er sehr schn und voll
Taktgefhl tat. Auch erzhlte er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen
und weitlufigen Wanderschaften, die ihn durch das ganze, groe
Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben hatten. Wie er da mit den
Herren und Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob es nun
teilweise aus Schwindel oder aus fortreiender Erzhlerphantasie
bestehen mochte, hchst possierlich und angenehm, ja sogar romantisch
anzuhren. Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schn geschwungenen und
geformten Mund, eine edle und freie und ruhige Gesichtsbildung, und
er wrde vielleicht, mute man, wenn man ihn betrachtete, denken,
unter kriegerischen und khnangelegten Lebensverhltnissen dem Land
auerordentliche Dienste haben erweisen knnen. Alles an ihm sprach von
untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich wenn er sang, was er
zu der Zeit, die Joseph im Loch zubrachte, einmal pltzlich mitten in
der Nacht tat, glaubte man, die Tne und den Zauber der alten, starken
Zeit vernehmen zu sollen. Eine wundervolle, abendliche Landschaft stieg
mit dem Lied wehmtig empor, und man bedauerte den Snger und das
Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers
Veranlagung derart kleinlich und miverstndlich zu verfahren, wie es
tatschlich der Fall war.

Whrend diesen zwei Karzertagen htte der Gehlfe die schnste
Gelegenheit gehabt, ber Verschiedenes nachzudenken, ber sein
bisheriges Leben zum Beispiel, oder ber Toblers schwierige Weltlage,
oder ber die Zukunft, oder ber das Allgemeine Obligationenrecht,
aber er tat es wiederum nicht, er versumte auch diese kostbare
Gelegenheit und begngte sich, den Spen und Liedern und Zoten des
Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter erschienen als smtliche
Nachdenklichkeit der neuen und alten Welt. berdies wurde beinahe alle
zwei Stunden das Schinkenklopfen wiederholt, auch eine Ablenkung vom
Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwrter trat zur rasselnden
Tre herein, um einen der Arrestanten, der fertig war, abzuberufen,
was auch wiederum die geistige Aufmerksamkeit von hheren Dingen den
niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu aber auch denken?

War denn nicht das Erleben und Mitleben der Gedanke, auf dessen Pflege
es am allermeisten ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden des
Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, gengte denn nicht ein
einziger, allgemeiner Gedanke, um im Leben auf guter, glatter Bahn zu
bleiben? Diese reizenden, achtunggebietenden, mhsam zusammenerdachten
achtundvierzig Gedanken, was konnten sie dem jungen Menschen nutzen, da
es doch vorauszusehen war, da er sie morgen verga? Ein einzelner
richtungangebender Gedanke war da gewi viel besser, aber dieser Gedanke
war nicht zu denken, dieser Gedanke zerflo in die Empfindungen.

Einmal hrte Joseph den Melker sagen, das Vaterlndli knne ihm in
seiner ganzen Gre, wenn es wolle, den Buckel hinaufsteigen.

Wie war das natrlich und unrecht gesprochen. Freilich, das Vaterland,
oder der gesetzliche Begriff desselben, schikanierte den Melker, hemmte
ihn, fesselte ihn, diktierte ihm de und gliederzerbrechende
Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrielichkeiten,
Kosten und Schdigungen an der krperlichen Gesundheit. Und so wie der
Melker sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben nicht ganz so
gleichmig behandelte und vorwrtsgeschobene Menschen, wie es das
militrische Gebot blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfllungen
kamen nicht einem jeden so glatt gelegen, wie vielen andern, die aus den
Diensterfllungen sogar ein Lebens- und Weltgeschftchen zu machen
wuten, indem sie sich auf Staatskosten unterhalten und bekstigen
lieen. Manchem ri der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn, ja
manchen konnte er sogar in die bitterste und brutalste Verlegenheit
setzen, indem die paar mhsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige
in das anspruchsvolle Militrtreiben flossen, wovon am Ende der
Dienstpflicht kein Hauch mehr brig blieb. Nicht ein jeder konnte dann
zu Vater und Mutter gehen und um Untersttzung bitten, nicht einen jeden
nahmen dann Kontor, Fabrik oder Werksttte sogleich wieder auf, sondern
er mute oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender,
lernender, erwerbender und zielbewuter Menschen gehrte. Konnte man da
gro zhlen auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine Idee!

Und trotzdem! Mit dem erwrmenden Gefhl, das in diesem gedachten
trotzdem lag, sprang der Gehlfe von seiner Pritsche auf, um sich am
Schinkenklopfen zu beteiligen. Er hatte Glck, er mute nie lange
darhalten. Er erriet die Hand, die ihn schlug, jeweilen sofort. Den
Schlossergesellen erkannte er jedesmal an der Wucht des
Drauflosschlagens, den Tapezierer an der Ungeschicktheit des Schlages,
den Juden an den Fehlschlgen, den Amerikaner an der Zimperlichkeit und
Geniertheit, womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den Melker an
der absichtlich gemilderten und gedmpften Schwungkraft. Der Melker
hatte fr Joseph von Anfang an eine gewisse Zrtlichkeit empfunden. Er
wandte sich jedesmal, wenn er zu erzhlen begann, an diesen, weil er
sah, da der Gehlfe sein aufmerksamster Zuhrer war.

Zu rauchen war den Gefangenen verboten, aber Schulkinder kamen an das
Gitterfenster heran und vermittelten den zierlichsten und schnsten
Tabakschmuggel. Einer der Insassen kletterte auf die Achseln eines
zweiten hinauf und pickte vermittels eines an einen geheimnisvollen
Stock befestigten Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und
geschickt auf und warf dafr die Groschen oder Rappen den kleinen
Verkuferinnen und Schmugglerinnen durchs Fenster zu, derart, da das
Loch immer voller Rauch war. Der Gefangenenwrter, ein anscheinend
gutmtiger Mann, schwieg dazu.

Die zwei Karzernchte waren fr Joseph kalt, frstelnd und schlaflos. In
der zweiten Nacht konnte er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger
Schlaf war es. Er trumte fieberhaft.

Das Vaterlndli des Melkers lag ihm groausgestreckt mit allen seinen
Bezirken und Kantonen vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus
einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, blendenden Alpen.
Zu ihren Fen erstreckten sich himmlisch grne und schne Matten,
umhallt von Kuhglockentnen. Ein blauer Flu beschrieb ein leuchtendes
und friedlich gezeichnetes Band durch die Gegenden, Drfer und Stdte
und Ritterburgen zart berhrend. Das ganze Land glich einem Gemlde,
aber dieses Gemlde lebte; Menschen, Geschehnisse und Gefhle bewegten
sich darin auf und ab wie hbsche und bedeutende Muster auf einem groen
Teppich. Handel und Industrie schienen wunderbar zu gedeihen, und die
ernsten, schnen Knste lagen in brunnenrauschenden Winkeln und
trumten. Man sah die Dichtkunst am einsamen Schreibtisch sitzen und
sinnen und die Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die
zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schn und ermdet von ihren
Schaffenswerksttten heim. Man sah den Wegen am Abendlicht an, da es
Heimwege waren. Weite und schallende und ergreifende Glocken tnten.
Dieses hohe Tnen schien alles, was da war, zu umschallen, zu umdonnern
und zu umarmen. Daraufhin hrte man das feine, silberne Klingen eines
Geienglckchens, und es war einem, als stnde man auf einer
hochgelegenen Bergweide, umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten
her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen herauf und das
Lrmen der menschlichen Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich
diese Bilder von selber, als wren sie auseinandergeblasen worden, und
eine Kaserne hob sich in ihren Fronten deutlich und stolz empor. Vor der
Kaserne stand eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter und
unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst oder Hauptmann sa zu Pferd
und ordnete die Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten,
geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausfhrten. Wunderbarerweise
war aber dieser Oberst kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn
deutlich am Mund und an der weithinschallenden Stimme. Der Melker hielt
nun eine kurze, aber feurige Rede, worin er der militrischen Jugend das
Vaterland ans Herz legte. Trotz allem! dachte Joseph und lchelte. Sie
waren ja in der Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu lcheln
erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein junger, hbscher Leutnant trat
auf den Soldaten Joseph zu und sagte freundlich: Nicht rasiert, Marti.
He? Worauf er sbelklirrend die Front weiterschritt. Joseph griff sich
verlegen unter das Kinn: Noch nicht einmal rasiert bin ich heute! --
Wie die Sonne strahlte. Wie hei es war! Pltzlich gab es im Traum einen
Sto, und ein freies Feld tat sich auf mit einer liegenden,
auseinandergezogenen, halbrunden Schtzenlinie. Die Gewehrschsse
widerhallten in den nahen Waldbergen, die Signale ertnten. Sie sind
tot, strzen Sie um, Marti! rief der auf seinem Pferd das Bild des
Gefechtes berschauende Melker-Oberst. Aha, dachte Joseph, er ist
nett zu mir. Er lt mich hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen. Er
blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war, indem er sich die Zeit
damit vertrieb, Grashalme durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine
Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so dazuliegen! Aber er
sollte jetzt wieder aufspringen und in Reih und Glied treten. Er konnte
nicht, es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte nicht aus dem
Mund herausgehen, er arbeitete daran, Schwei trat ihm auf die Stirn,
Angst in die Seele, und er erwachte und befand sich wieder auf der
Pritsche, dicht neben dem schnarchenden Schlossergesellen.

Nach drei Stunden rief ihn der Wrter. Er war fertig. Er nahm Abschied
von allen. Dem armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte,
drckte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere wieder zurck und
konnte die Strae betreten. Die Glieder waren kalt und steif, im Kopf
summte und lutete und scho noch der Traum. Eine Stunde spter stand er
wieder inmitten der realen, Toblerschen Geschfte. Reklame-Uhr und
Schtzenautomat winkten ihm rgerlich und zugleich hilfeflehend
entgegen, und Joseph schrieb wieder an seinem Schreibtisch.

                   *       *       *       *       *

Sie haben jetzt da eine tchtige Erholungspause gemacht, sprach der
Ingenieur, zwei volle Tage sprt man in einem Geschft wie dem
meinigen. Es heit jetzt doppelt hinter der Arbeit her sein. Hoffentlich
merken Sie sich das, was ich sage. Dazu habe ich natrlich einen
Gehlfen nicht ntig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen zu
lassen. Es wird niemand von mir verlangen drfen, da ich Gehlter
aus----

Er hatte sagen wollen: auszahle, schnitt aber pltzlich seiner Rede,
nachdenklich werdend, den Atem ab. Joseph glaubte nicht ntig zu haben,
auch nur ein Wort zu erwidern.

Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein bildhbsches, kleines Modell
stand auf Toblers Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer
neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, scheinbar voller
Entzcken, hin und her drehte, um den Genu des Anschauens von berall
her zu haben. Sogleich mute sich der Gehlfe dahinter setzen und
Offertbriefe schreiben an verschiedene in- und auslndische, grere
Krankenmbelgeschfte.

Tobler legte das feine Gert durch einfache Schraubendrehung und
Hebelverschiebung glatt zusammen, lie sich das Ding in gutes Papier
einpacken, nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um diesen Unglubigen, den
sarkastischen Brenswilern, zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder
komplett und gangbar gemacht worden sei.

Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter des Ortes zu schreiben,
Tobler knne der morgen frh um neun Uhr stattfindenden Besprechung
bezglich der Streitsache Martin Grnen persnlich nicht beiwohnen, da
ihn dringende Geschfte abhielten. Er erlaube sich daher, dem Herrn
Friedensrichter die ntigen Aufklrungen und Zahlenaufstellungen
schriftlich zu geben, woraus er ersehen knne, da usw.

Da mein Herr Tobler ein Engel ist, lchelte innerlich, nicht ohne
flchtige Bosheit, der Gehlfe. Nachdem dieses Schreiben erledigt war,
galt es ein hnliches, in beinahe noch brskerem Ton gehaltenes
Erklrungsschreiben an das lbliche Bezirksgericht abzufassen. Joseph
wunderte sich wieder einmal ber die Prgnanz seines Briefstiles, sowie
ber die Hflichkeitswendungen, die er pltzlich dem energischen Ton
hie und da einzuflechten wute. Man darf nie zu grob sein, dachte er
bei solchen Seitensprngen in die Gegenden der Artigkeit und des
bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen Brief ziemlich rasch, denn
er hatte die Sache jetzt ja schon so sehr los, ber welchem zufriedenen
Bewutsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, unfehlbaren
Stumpen anzndete. Mochten sie kommen, die Friedensrichtermter und
Bezirksgerichte, und die ebenso zahlreichen wie tckischen amtlichen
Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, sie wrden deswegen noch lange
fortfahren, und zwar ganz ruhig und seelengemtlich, ihre duftenden
Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.

Im Dorf war man allmhlich, zuerst einander es zuflsternd, jetzt aber
es laut auf der Strae erzhlend, einer immer hher steigenden Welle,
aus Einsicht bestehend, hnlich, zu der berzeugung gekommen, da da
oben im Abendstern nichts mehr zu retten sei, wenn man nicht die
ntigen Schritte, wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand der
Betreibungsgesetze einleite. Und so war es denn dahin gekommen, da Herr
Tobler, sowohl was die Firma als was die Haushaltung betreffen mochte,
von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich bestrahlt, beschattet
und betrieben wurde. Es glich einem festtglichen Speerewerfen, wie es
da von links und rechts, von daher und dorther auf das Haus Tobler,
Lcher und Verstimmungen einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts-
oder Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hmisch und zugleich
gemtlich ums Haus und rund um den ganzen Garten herum, als htte er
hier besonders guter Weile gehabt, als wrde es ihm gerade hier oben
ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah aus, als ob der Mann ein
stiller Gartenkunst- und Naturbewunderer gewesen wre.

Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem Baukonsortium oder gar von
einer geographischen Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem
Gedchtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber so sah der Kerl aus. Frau
Tobler hate und frchtete ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von
den Fenstern weg, als wre dieser Mann die personifizierte trbe Ahnung
und Stimmung gewesen. Die Frau hatte recht, denn wenn man sich erkhnte,
dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes Antlitz zu betrachten, so
fror einen, und man fhlte sich unwillkrlich von der eiskalten Hand des
Unheiles berhrt und gestrichen.

Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht eigentmlichsten Art
und Weise. Er verstand es, pltzlich, als htte ihn die dunkle Erde
selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft gleichsam weghauchend,
zu erscheinen. Dann blieb er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um
etwas zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie es schien,
persnlichen Lust und Freude. Dann ffnete er die Tre, trat aber noch
nicht ein, wrde ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb
stehen, anscheinend, um zu prfen, welchen Eindruck sein unheimliches
Benehmen machte. Seine kalten Augen fest auf den unangenehm berhrten
Gehlfen gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um vorlufig
abermals eine Pause zu machen. Nie sagte er guten Tag oder guten Abend.
Fr ihn schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht einmal
die Gottesluft, denn dieser Mann schaute in die Welt hinaus, als ob er
nicht ntig htte, zu atmen. Sein knochiges Gesicht fest
ineinanderklemmend nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus einer
schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd hoch in die Luft und lie sie
auf den Schreibtisch des Gehlfen fallen, schweigend, spitz und hackig,
wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan schien er sich an dem
Bewutsein zu weiden, das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine
trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er dachte in keinerlei
Weise daran, sich zu entfernen, sondern probierte minutenlang, ob es ihm
gelinge, die Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befrdern. Dann
sagte er -- beinahe -- adieu und ging. Dieses Adieu des Mannes war viel
frostiger, als wenn er gar nichts gesagt htte, es klang geistesabwesend
und zugleich bewut kurz und hart. Der Mann schien dann gehen zu wollen,
nein, jetzt tat er jedesmal erst das Schreckliche, er ma mit seinen
Augen die Umgebung, das Haus und den Garten. Dann ging die andere Tre
auf, Frau Tobler erschien aufgeregt im Bureau, mit groen Augen und mit
den angstvollen Worten: Jetzt steht er wieder im Garten! Sehen Sie,
sehen Sie!--

An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war das Wetter meist ein graues,
kaltes, schweigendes Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern
des Hauses waren an den Sockeln na, ein scharfer Seewind blies, neue
Schneegestber oder Regenstrze versprechend, und der See lag da so
bleiern und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine schnen Abend- und
Morgenfarben? Versunken in der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab
es weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die Stunden zeigten alle
dasselbe trbe Aussehen, die Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der
lieben, wohlbekannten Lichtunterschiede berdrssig geworden zu sein.
Zeigte sich in solch einer Naturtrbheit und -Entstelltheit noch der
Mann mit der schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler und der
Angestellte, das Erdbild sei pltzlich umgedreht worden, und man
erblicke die Schattenseite alles Tatschlichen und Gewohnten, nicht mehr
das Natrliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das schne Haus
Tobler aufzuhalten, und das Glck und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja
selbst seine Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, mden,
glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu haben. Wenn dann Frau Tobler
durchs Fenster schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein Winter-
und Nebelsee geworden war, die Melancholie erblickte und empfand, die
sich auf allem Sichtbaren breit machte, mute sie ihr Tuch an die Augen
halten und hineinweinen.

Als einer der wildesten Glubiger und Schuldenforderer erwies sich der
Grtner, der bis dahin stets die Gartenarbeiten besorgt, und die
Gewchse geliefert und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte wie ein
ganzes Bataillon von Schimpfern auf Tobler und dessen ganze Familie und
sagte, er wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gnnen, bis der
Tag da sei und er die Genugtuung habe, diese hochmtige Gesellschaft
gepfndet und aus dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man
hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, halb, um ihn im
geheimen zu krnken, diese rohen Worte, und sofort befahl dieser, die
Pflanzen, die ihm gehrten, und die sich in den Gewchshusern der
Grtnerei befanden, von dort ohne weiteres abholen, und sie nach dem
Keller des befreundeten Versicherungsagenten, des Mannes, der die
Grottennacht mitgemacht hatte, fhren zu lassen. Joseph war mit der
schleunigen Erledigung dieses Befehles betraut, und er hatte keine
Ursache, zu zgern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen nach der
Grtnerei gefahren, und dort wurden dann auch die Pflanzen, darunter ein
bereits ziemlich hochgewachsenes Edeltnnchen, aufgeladen. Der zum
Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die Straen, neben den
augenaufreienden Leuten vorbei, und hielt vor der Wohnung des dem
Fuhrmann bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent selber
half mit abladen und in den Keller tragen, was immer hineingehen mochte.
Das junge edle Tnnchen mute an Schnren befestigt werden, damit es in
den fr sein schlankes und stolzes Wachstum zu niedern Gewlben
wenigstens schrg stehen konnte. Es tat dem Gehlfen weh, den Baum
derart untergebracht zu schauen, aber, was war da zu machen? Tobler
wollte es so, und der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte
Richtschnur fr das Tun des ersteren.

Dieser Versicherungsagent war in der Tat Tobler treu geblieben. Es war
dies ein einfacher aber aufgeklrter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen
Schwierigkeiten rein ueren Geprges einem Manne Freundschaft und
Vertrautheit aufzuknden, den er einmal schtzen gelernt hatte. Er war
nun noch beinahe der einzige, der etwa Sonntags herber in die Villa
kam, um einen Ja inszenieren zu helfen. Etwas zu trinken gab es bei
Toblers immer noch, behte! Da war ja erst noch in den letzten Tagen ein
kleines Fa voll prchtigen Rheinweines aus Mainz angekommen, eine
versptete, aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, die einer
Bestellung aus frheren, besseren Tagen entsprechen mochte. Tobler
schaute gro auf dieses Fa herab, er wute sich gar nicht mehr an den
einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm solchen teuren Wein zu senden,
zu erinnern. Joseph hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin
bestand, den Wein in Flaschen abzuziehen und dann dieselben gehrig mit
Korken zu verschlieen, zu welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche
Geschicklichkeit an den Tag legte, so da Frau Tobler, die dem behenden
Ding zusah, scherzweise fragte, ob er denn frher schon einmal in
Kellereien gearbeitet habe. Auf solche Art gab es im Haus manche muntere
und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich dazu beitrug, ber die
zahlreich vorkommenden, schweren Stunden hinberzuhelfen, was fr alle
ntig genug und eine nicht zu unterschtzende Wohltat war. Da aber wurde
eines Tages Frau Tobler pltzlich krank.

Sie mute sich, so ungern sie das gerade jetzt tat, zu Bett legen, und
man war gezwungen, den Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es
seit vielen Wochen zu vermeiden gewut hatte, den Fu weiter ber die
Schwelle eines Hauses zu setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so
schlimm stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er frchten mute,
da er fr die rztliche Arbeit und fr die Mhe des mitternchtlichen
Ganges durch eine stockdunkle Gegend nicht honoriert werden wrde. Er
trat an das Bett der Frau still heran und tat in Manier und Sprache so,
als wenn er seine freundschaftlichen Besuche nie eingestellt htte,
sondern fortwhrend in bester Verbindung mit der Familie geblieben wre.
Er fragte teilnahmevoll nach den Schmerzen, und danach, seit wann Frau
Tobler sie habe usw. und bte die ernsten Pflichten seines Berufes so
angenehm, als er es vermochte, aus. Tobler zeigte dem Doktor spter,
trotzdem es schon bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen erstes
naturgroes Modell am selben Tag angekommen war. Jetzt knne er ja das
Mbel gleich an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder und
versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was aber nicht recht gelingen
wollte. Nicht noch rasch ein Glas Wein trinken, Herr Doktor? -- Nein.
Der Arzt ging.

So msse sie nun auch noch zu allem unschnen brigen im Bett liegen,
klagte die Frau zu jedem, der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug,
wehklagte sie weiter, da im Haus und im Geschft bald alles
zusammenstrze, mge nun nicht einmal die nackte Gesundheit mehr
bleiben. Krank msse man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein Auge
zum berwachen mehr als ntig geworden sei. Und Geld werde das wieder
kosten, und wo es hernehmen? Sie sei so matt, und sie mchte so gern
munter sein, mchte gern das Schlimmste ertragen. Wo Dora sei? Dora
solle zu ihr kommen.--

Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. Da es aber tagelang so
dauerte und er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mute, zu sagen
hatte, so wagte er es, das Zimmer zu betreten. Er tat es mit der
Zaghaftigkeit des Menschen von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute
ihn lchelnd an und gab ihm die Hand, und er brachte es zustande, ihr
gute Besserung zu wnschen. Wie gro ihre Augen waren. Und diese Hand.
Was fr eine Blsse. War das eine Rabenmutter? Sie fragte, wie es unten
im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benhmen und sagte
schwach, nun msse einstweilen er ein bichen den Erzieher spielen, bis
sie wieder aufstehen knne. Sie sehne sich darnach. Ob auch Pauline noch
recht koche. Und was die Geschfte machten?

Er gab ihr Auskunft und war sehr glcklich ber diesen Moment. Und
dieser Frau, die sogar im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand,
der die Krankheit eher Schnheit zutrug als wegnahm, hatte er eine
Moralrede halten wollen? Wie unrecht und unreif. Und doch, wie
wahrscheinlich! Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um kein Haar
besser als wie immer behandelt.

Wenn Silvi whrend dieser Tage ein Geschrei ausstoen wollte, zischte
ihr Pauline in die Ohren: Bist still! Die Kranke mute geschont
werden.

Bei der nchsten passenden Gelegenheit geschah es sodann, da Tobler
dazu kam, den patentierten Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie
war wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung und wagte es,
die Fehler, die diesem Mbel anhafteten, zu rgen. Vor allen Dingen,
sagte sie, sei der Stuhl zu schwer, er drcke, und dann msse er breiter
gebaut sein, er enge zu sehr ein.

Das war unangenehmer Bescheid von der eigenen Frau. Tobler, der einsah,
da er gewisse Dinge auer acht gelassen hatte, ging sofort daran, die
ntigen nderungen zu treffen, indem er am Zeichentisch ein paar neue
Bestandteile rasch entwarf, um die Muster alsobald an die Schreinerei
senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger Umnderungen, und der
Stuhl konnte dann um so energischer in Fabrikation genommen werden.
Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschfte, sie
seien gespannt auf die Zusendung eines ersten, kompletten Exemplares.

Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man stund mit einer ganz
neubegrndeten Unternehmungsgesellschaft in Verbindung, man hatte
ausfhrlich Offerte eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung
des Geschftsherrn, da dies gewnscht worden war. Man hoffte!

Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen Hause vom Werk aus
abgestellt worden, aus Grnden, die auch allen andern Lieferanten
verboten, weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in den
Abendstern flieen zu lassen. Die Nachricht von der pltzlichen
Ausschaltung des elektrischen Stromes machte Tobler beinahe krank vor
Wut und veranlate ihn, den Herren vom Elektrizittswerk einen ebenso
ohnmchtig zornigen wie berflssig groben Brief zu schreiben, bei
dessen Empfang und Lektre diese Leute, allen voran der Direktor der
Anstalt, in gutmtig-verchtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber mute
man sich nun im Hause Tobler wieder einmal der bescheidenen
Petroleumlampen bedienen, an welches Licht sich alle, auer Tobler, auch
rasch gewhnen konnten. Dieser aber vermite zu sehr, wenn er nachts
spt nach Hause kam, den Anblick seiner geliebten elektrischen
Verandalampe, die ihm jeweilen als das schnleuchtende Wahrzeichen und
als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz seines Hauses
vorgekommen war. Der Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner
Brust mit der groen brigen Wunde und trug dazu bei, seine
Gemtsstimmung noch mehr zu verdunkeln, derart, da der jhe Wechsel
seiner Laune fr alle Mitwohner das tglich zu kostende Brot wurde.

Jetzt aber mute in allererster Linie eine Summe Geldes beschafft
werden, koste es was es wolle. Die dringendsten Verpflichtungen
wenigstens muten beseitigt werden, so galt es eines Morgens, der Mutter
Toblers, einer vermgenden, aber hartnckigen und in ihren Grundstzen
als unerschtterlich bekannten Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar
folgenden:

                               Liebe Mutter!

    Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen sein, in
    welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem
    Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und zum voraus
    schon ttenden Blicken der Schlange. Ich bin von Glubigern derart
    umgeben, da, wenn das Freunde und Gnner wren, ich zu den reichen
    und allbeliebten Menschen zhlen mte; aber leider sind es die
    unbarmherzigsten Leute und ich der Bedrngteste der Menschen. Du
    hast mir, liebe Mutter, frher auch schon mehr als einmal aus der
    Klemme geholfen, ich wei es, und ich bin Dir allezeit im stillen
    dankbar dafr gewesen, so bitte ich Dich denn, und zwar dringendst,
    und so, wie Menschen bitten, denen das Messer der ffentlichen
    Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal noch aus der
    Verlegenheit und sende mir umgehend, wenn es Dir irgendwie mglich
    ist, wenigstens einen vorlufigen Teil der Gelder, die ich nach
    allem, was Recht heit, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter,
    versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, da ich vollkommen von
    Deinem guten Willen abhngig bin, ich sehe auch ein, da Du mich ins
    Verderben strzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das
    wollen knnen? Gegenwrtig ist auch noch meine Frau krank, Deine
    Tochter. Sie liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder
    verlassen drfen, ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es berhaupt
    eines Tages wird verlassen knnen. Du siehst, auch das noch! Was
    soll ein Geschftsmann, der dermaen von Schlgen und Sten
    getroffen worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer
    einigermaen gewut mich ber dem Wasser zu halten, jetzt aber bin
    ich in der Tat am Rande der absoluten Unmglichkeit, mich ferner zu
    halten, angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines
    schnen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn habe
    sich das Le ------ doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz
    auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir
    unverzglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine Mahnung,
    aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld
    mehr, und an den Gedanken, da die Kinder ber kurz oder lang
    nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie meine Frau
    lngst gewhnt. Ich schildere Dir meine Zustnde nicht wie sie sind,
    sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der Sprache zu
    bewahren. Meine Frau grt Dich herzlich und umarmt Dich, ebenso
    Dein Sohn

                                                    Karl Tobler.

    Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen Gelingen meiner
    Unternehmungen felsenfest berzeugt. Die Reklame-Uhr bewhrt sich,
    verla Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehlfe verlt mich, wenn
    er seinen rckstndigen Gehalt jetzt nicht ausbezahlt erhlt.

                                                      Der Obige.

Whrend Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der
Angestellte an seinem Schreibtisch die Mndung des Korrespondenzgeschtzes
auf einen Bruder von Tobler, einen in angesehener Weltstellung in einem
entfernteren Landesteil lebenden Regierungsbaumeister, indem er
demselben, gem den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen,
ans Herz legte, wie miserabel es im Abendstern hergehe und da es
allerhchste Zeit sei usw.

Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder
nein, halt, der Brief mu so abgefat sein, als wrden Sie ihn aus
eigenem Antrieb und Interesse fr Ihren Prinzipal geschrieben haben.
Schreiben Sie ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als
schrieben Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehrt? Ich stehe mit meinem
Bruder nicht gut, Sie aber sind ihm ein vollstndig Fremder. Machen Sie
rasch. Ich mu berlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann mu ich zum
Bahnhof.--

Tobler lachte und sagte:

Das sind Kunststcke, mein lieber Marti, aber man mu sich in
Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem
noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rckstndigen Gehalt. Und dann wollen
wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine
Mutter wird schon mssen. Andernfalls ---- und vergessen Sie nicht, die
ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift
bersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens
noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch.

Wie diesen Mann die Hoffnungen und 'Kunststcke' hinreien, dachte
Joseph.

                   *       *       *       *       *

Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war
auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat.
Sie hatte angefangen, nachlssig zu werden. Die Frau erschien wieder,
mit einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing
leise an, sich den huslichen Geschften und Sorgen wieder zu widmen.
Sie trat leise und schn auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt
still zu lcheln. Ihre Stimme war dnner geworden, ihre Bewegungen
krzer und furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher
wie neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schne Sanftheit
ber ihr ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als htte sie sich von
nun an nie mehr ereifern, als htte sie niemals mehr fr irgend etwas
Partei ergreifen knnen. Mit ihrer Dora verfuhr sie natrlicher, nicht
mehr gar so zuckerig, die Konditorei hrte ein bichen auf zu blhen,
und die Silvi konnte sie anschauen, ohne da ihr der offenbare Zorn ins
Gesicht scho, was vorher beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie
schien im allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens
abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas Edlerem und Schlichterem als
sonst aus, man schaute sie an und empfand so, und sie selber glaubte
auch so empfinden zu mssen. Das Gesicht drckte Kummer aus, aber auch
Freundlichkeit und Gelassenheit und etwas beinahe hoheitsvoll
Mtterliches. Ich bin wieder einigermaen gesund, Gott sei Dank!
schienen alle ihre kleinen Gebrden zu sagen, und diese Sprache mute
eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und Manieren knnen
nicht gut lgen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als lge auf ihm noch
das erregte Zucken frherer unschner Aufregungen, aber im groen
ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: Ich bin ein
wenig besser, feiner und berlegener geworden. Seht mich an. Nicht wahr,
ihr merkt es? -- Ihre Hnde griffen behutsam nach den Handarbeiten oder
Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hnde die Gabe des
Nachdenkens bekommen htten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu
sagen: Wir denken jetzt ber manches, manches viel ruhiger und offener
nach. Wir sind zarter geworden. -- Ja, die ganze Frau Tobler war ein
wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.

Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tchtig geheizt worden. Sie
schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Drauen lag alles im
undurchsichtbaren Nebel. Wie schn das war, da man gar nichts sehen
konnte. Wie gemtlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang
flatterte ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es
in Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder.
Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstdtische
Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und sie mute leise lachen. Sie
wischte ein bichen den Staub von den Mbeln, aber sie rhrte die Mbel
eigentlich mehr nur so an, als wrde sie dieselben haben liebkosen und
gren wollen. Wie ihr alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und
diese paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles in eine
fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. Es lag alles in einem
eigentmlichen, verkleinernden, verzierlichenden Schimmer, es
schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich.

Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war lngst zu kalt im
Hundehaus geworden. Nur whrend der Nacht mute er drauen liegen.

Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es an
unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und manchmal
halben Nchte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der Frau, die
jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die
alte Dame und das Frulein, waren mit Toblers infolge eines Meinungs-
und Rechtsstreites bse geworden. Es handelte sich um einen kleinen, an
beide Nachbargter anstoenden Grundstcksecken, den jeder von beiden
Parteien beanspruchte. Die Sache war zu geringfgig, um vor Gericht
getragen zu werden, aber sie machte bses Blut, es entstanden
Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige freundnachbarliche
Verkehr hrte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder
ber den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt. Die
Freundschaft war damit bndig gebrochen. berhaupt, von welchen Personen
hatte nicht Tobler hnliches gesagt? Fast die meisten sollten es nur
noch einmal wagen, den Fu auf Toblersches Terrain zu setzen, dann
wrden sie schn ankommen!--

So sa man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete meistens
zwei Kpfe, den der Frau und den des Gehlfen, der ihr Gesellschaft
leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das aufgeschlagen auf
dem Etisch lag.

Es vergingen einige Tage. Sie wurden in allen ihren Stunden empfunden,
diese Tage. Man zhlte sie, man rechnete mit ihnen, denn es war nicht
gleichgltig, ob sie rasch oder langsam dahingingen, hing doch das
Bestehen des Hauses Tobler nur noch von Tagen ab. Man verlernte es, an
Monate oder Jahre zu denken, oder man verkrzte die Gedanken-Monate und
-Jahre und veranlate die Erinnerungen zu einem rascheren Erfassen, und
man lebte so und wartete auf die Zeichen, die die Tage gaben. Ein
Gerusch war wichtig, denn es konnte der Briefbote sein, der eine neue,
sorgenvolle Unannehmlichkeit brieflich oder in Form eines
Postzahlungsbegehrens daherbrachte. Irgend Tne waren wichtig, denn es
konnten die Tne der Haustrklingel sein, und es konnte jemand kommen,
der Betrbliches im Sinn hatte. Ein Ruf war wichtig, denn er konnte
bedeutend sein: Heda, Herr Tobler und Frau, konnte diese Stimme rufen,
rasch mit euch jetzt hinaus aus dieser lieblichsten und gewohntesten
aller Menschensttten. Sputet euch, denn es ist Zeit. Ihr habt's lange
genug schn gehabt. -- Solchen schrecklichen Inhaltes konnte irgend ein
Ruf sein. Aber auch die Farben waren wichtig, das Gesicht des Tages, die
Zge und Gebrden dieser, wie es schien, letzten Tage, denn sie sprachen
von den letzten Hoffnungen und letzten Anstrengungen und von der Art,
wie man es machen mute, um auch jetzt noch guter Hoffnung voll zu sein.
Sie redeten so leise, diese Tage. Sie waren keineswegs zornig auf das
Haus Tobler, im Gegenteil, sie schienen es von hoch und von fern, in
Gestalt von Wolken und Genien, beschirmen, ihm zulcheln und es trsten
zu wollen. Diese Tage glichen der Frau Tobler beinahe ein wenig. Auch
die Tage schienen krank gewesen zu sein, und jetzt hatten sie ein ebenso
blasses und weiches Aussehen wie die Frau, um die herum sie sich in der
unabnderlichen Reihenfolge ablsten.

Aber Frau Tobler war nach und nach wieder die frhere Frau Tobler
geworden. Je mehr sie gesundete, desto mehr glich sie wieder sich
selbst. Es wre ja auch gar zu sonderbar zugegangen, wenn sie pltzlich
eine andere htte werden knnen. Nein, so rasch sprang eine lebendige
Menschennatur nicht aus ihrem eigenen Wesen heraus. Dafr war gesorgt,
da das nicht geschehen konnte, und wie! Da die Frau milder ausschaute,
das war nur, weil sie sich noch schwach fhlte.

                   *       *       *       *       *

Eines Abends whrend dieser Zeit saen die Beiden, die Frau und der
Gehlfe, bei der Lampe, im Wohnzimmer. Der Herr war auf der Reise. Wann
war er denn berhaupt nicht auf der Reise? Auf dem Tisch, neben jeder
der zwei Personen stand ein halb geflltes Glas Rotwein. Sie spielten
Karten. Frau Tobler war am Gewinnen, der Ausdruck ihres Gesichtes war
infolgedessen heiter. Sie pflegte immer zu lachen, wenn sie beim
Kartenspielen gewann, und so tat sie auch jetzt. Sie lie ein
naiv-schadenfrohes Lachen aus ihrem Mund springen, das vielleicht zu
einer andern Zeit den Partner gergert htte. Aber Joseph trank einen
Schluck Wein auf den Verlust hinab, und beide setzten das Spiel fort,
indem Frau Tobler die Karten von neuem zu mischen begann. Nach ungefhr
einer Stunde sagte sie, sie wolle gern noch etwas lesen, in dem Buch,
das ihr der Gehlfe heute aus dem Dorf gebracht habe. Das Spiel wurde
unterbrochen, die Frau begann gleich zu lesen, whrend Joseph sich,
unlustig, eine Zeitung oder ein Buch zur Hand zu nehmen, auf das
Ruhebett setzte und anfing, die lesende Frau zu betrachten. Diese schien
sich ganz und gar in die Geschichte, die das Buch enthielt, versenkt zu
haben. Mit der einen Hand strich sie sich von Zeit zu Zeit sorgfltig
ber die scheinbar tief nachdenkende Stirne, whrend ihr Mund sich still
aber unruhig zu bewegen begann, als habe er etwas zu den Geschehnissen
der Lektre mitzusagen gehabt. Einmal stie sie sogar einen leisen aber
kummervollen Seufzer aus und atmete hrbar mit der Brust auf und ab. Wie
das still und sonderbar anzuschauen war! Joseph versank immer mehr in
die Betrachtung der Leserin, und es war ihm, als lese auch er in einem
groen, geheimnisvoll-spannenden Buch, ja es war ihm, als lese er
geradezu im selben Buch wie Frau Tobler, deren Stirne, die er aufmerksam
ansah, ihm den Inhalt desselben auf merkwrdige Weise zu vermitteln und
zu erklren schien.

Wie still sie liest, dachte er, sie noch immer betrachtend. Pltzlich
schaute sie vom Buch auf, groen Auges zu dem Gehlfen hinberschauend,
als sei sie mit ihren Gedanken-Augen in einer weitentfernten Welt
gewesen, und als habe das Auge Mhe gehabt, sich zu entsinnen, was das
sei, was es jetzt sah. Sie sagte:

Sie schauen mich scheinbar die ganze Zeit ber, whrend ich gelesen
habe, an, und ich merke nicht einmal etwas davon. Behagt Ihnen denn das?
Ist es Ihnen nicht zu langweilig?

Nein gar nicht, erwiderte er.

Wie doch so ein Buch fesselt, bemerkte sie und las weiter.

Nach einer Weile schien sie mde geworden zu sein. Die Augen mochten ihr
ein bichen weh tun. Jedenfalls hielt sie inne mit Lesen, sie schlo
aber das Buch noch nicht, als berlege sie, ob sie noch fortfahren solle
oder nicht.

Frau Tobler! sagte Joseph ruhig.

Was? fragte sie.

Sie schlo ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinber, der ihr,
wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine
halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zgernd, er sei
unvorsichtig. Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe
bemerkt, da sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und da
sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmtigen Gesichtsausdruck zur Schau
trage. Pltzlich sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er
schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun
fehle ihm wieder einmal der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund
nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen
einmal zu ihm gesagt habe, nmlich, da er ein komischer Mensch sei. Das
was er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des Anhrens wert. Sie
solle ihm erlauben, schweigen zu drfen.

Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehlfen, sich nher zu ihr
zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen.
Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge
neugierig zu machen, die dann nicht kmen. So etwas sei feig oder
gedankenlos. Sie hre.

Joseph hatte sich auf ihr Gehei an den Tisch gesetzt und sagte, das,
was er zu berichten habe, handle von der Silvi.

Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort:

Erlauben Sie mir, gndige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie
abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man fr dieses Kind
brig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir
Ihre Gte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein groes Unrecht an dem
kleinen Wesen. Was soll aus diesem Geschpfchen spter werden? Wird es
je den Mut und die gehrige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches
Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern mu, da man
es in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das fr eine
Erziehung, ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer
Pauline auszuliefern? So etwas mte die Klugheit verbieten, auch dann
noch, wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darber
nachgedacht habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir
aufrichtig weh getan hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau
Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspre. Ich bin grob, nicht
wahr? So sind eben zuweilen komische Menschen. Doch nein. Ich mchte
ganz anders zu Ihnen reden. Es pat sich nicht so. Ich habe schon zu
viel gesagt, und es kommt heute kein Wort mehr ber meine Lippen.

Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau
Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache,
sich wegen Silvi Vorwrfe zu machen. Das alles komme ihr brigens jetzt
so sonderbar vor. Der Gehlfe aber brauche keine Angst zu haben, sie
verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er meine es
gut.

Sie schwieg wiederum. Spter bemerkte sie, sie liebe eben das Kind
nicht.

Warum nicht? fragte Joseph.

Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unberlegte Frage vor. Sie
liebe eben Silvi nun einmal nicht und mge sie nicht ausstehen. Ob man
sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen knne, und was das fr
ein Gefhl sei, solch ein erzwngtes und hervorgewrgtes? Was sie dafr
knne, wenn es sie mit eisernen Schlgen und Hmmern von der Silvi
fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr
so s sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu
erfahren, und wenn auch; wrden ihr die treffenden Antworten auf solche,
wie ihr scheine, berflssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen
knnen? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, da sie Unrecht begehe.
Schon als ganz kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen
angefangen. Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das
Gefhl, das sie mit dem Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle
probieren, in den nchsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig mit
dem Herzen anschlieen knne, aber sie hoffe wenig von solchen
Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die habe man und empfinde
man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, das heie,
glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie wolle versuchen,
und nun wnsche sie, zu Bett zu gehen, sie fhle sich recht mde.

Sie stund auf und ging zur Tre. An der Schwelle drehte sie sich um und
sagte:

Ich htte es bald vergessen -- gute Nacht, Joseph. Wie zerstreut ich
bin. Lschen Sie die Lampe, bevor Sie hinauf in Ihr Zimmer gehen. Tobler
wird wohl noch lange nicht kommen. Sie haben mir heute abend das Herz
ein wenig erschwert, aber ich bin Ihnen nicht bse.

Ich wollte, ich htte geschwiegen, sagte Joseph.

Machen Sie sich keine Gedanken.

Mit diesen Worten ging sie die Treppe hinauf.

Der Gehlfe blieb mitten im Zimmer stehen. Nach kurzer Zeit erschien
Tobler. Der andere sagte:

Guten Abend, Herr Tobler, hm, was ich da mir zu sagen erlauben wollte:
ich habe vor einer halben Stunde die Unvorsichtigkeit begangen, Ihrer
Frau wieder einmal Grobheiten zu sagen. Ich will Ihnen das zum voraus
bekennen. Ihre Frau Gemahlin wird sich veranlat fhlen, sich ber mich
zu beklagen. Ich beteure, es sind nur Dummheiten, Dinge letzten und
allerletzten Gewichtes. Ich bitte Sie hflichst, keine so groen Augen
machen zu wollen, ich glaube, weder Ihre Augen sind ein Mund noch ich
etwas Verzehrbares, es gibt nichts zu essen an meiner Person. Was den
Ton dieser Sprache betrifft, so erklrt sich dieser daraus, da er von
einem wtenden Gemt diktiert wird. Wre es nicht besser, Sie jagten
Ihren kuriosen Herrn Angestellten jetzt endlich einmal zum Haus hinaus?
Ihre Frau mihandelt das ganze Jahr lang ungestrt die Silvi. Wo haben
Sie Ihre Augen? Sind Sie ein Vater oder nur ein Unternehmer? Gute Nacht,
gute Nacht, ich glaube, ich habe es nicht mehr ntig, zu warten und zu
hren, was Sie auf eine so sonderbare Auffhrung erwidern. Ich darf
annehmen, ich bin entlassen.

Sind Sie betrunken? He!

Tobler rief umsonst. Der Gehlfe war bereits die Treppen
hinaufgestiegen. Vor der Tre des Turmzimmers blieb er pltzlich stehen:
Bin ich ganz toll? Und er lief so schnell er vermochte wieder die
Stufen hinunter. Herr Tobler sa noch im Wohnzimmer. Joseph blieb, wie
vorhin die Frau, auf der Schwelle stehen und sagte, es tte ihm leid,
sich in unziemlicher und unsinniger Art und Weise benommen zu haben, er
bereue, aber er bemerke, da er -- noch nicht entlassen sei. Wenn Herr
Tobler noch Geschftliches zu besprechen habe: Joseph stehe zur
Verfgung.

Tobler schrie so laut er konnte:

Meine Frau ist eine Gans, und Sie sind ein verrckter Kerl. Diese
verdammten Bcher!

Er nahm das Leihbibliothekbuch und schmi es zu Boden. Er suchte nach
beleidigenden Worten in seinem Gedchtnis, fand sie aber nicht. Teils
sagten die, die er gefunden hatte, zu wenig, teils wieder zu viel.
Ruber schwebte ihm auf der Zunge, aber dieses Wort konnte ja gar
nicht beleidigen. Seine Wut kannte infolge seiner Verwirrung keine
Grenzen. Er htte sagen mgen Hund, aber dieses Wort machte dann
wieder alle Vernunft zu schanden. Er schwieg, da er sich auerstande
sah, seinen Gegner in anstndiger Weise niederzuwerfen. Schlielich
lachte er. Nein, er brllte.

Machen Sie, da Sie sofort hinauf in Ihr Nest kommen.

Joseph hielt es fr das Geratenste, sich zu entfernen. Oben angelangt,
blieb er im Zimmer stehen, lange, ohne das Kleinste denken zu knnen.
Nur der eine Gedanke flackerte ihm wie ein Irrlicht vor dem Bewutsein:
Er hatte seinen Gehalt noch nicht und gestattete sich -- solche
Torheiten. -- Wie wrde das morgen werden? Er nahm sich vor, sich der
Frau zu Fen zu werfen. Wie unsinnig! Von der Unmglichkeit, denken zu
knnen, gepeinigt, trat er auf die Plattform hinaus. Es war eine
trockene, kalte Nacht. Der Himmel strahlte und glitzerte und fror voller
Sterne. Es war, als ob die Sterne alle Klte, die herrschte, auf die
Erde hinunterstrahlten. Auf der dunklen Landstrae ging noch ein Mensch.
Die Schuhe klapperten metallen auf den Steinen. Alles da drauen schien
von Stahl oder Stein zu sein. Die Stille der Nacht selber schien zu
tnen, zu klirren. Joseph dachte an Schlittschuhe, dann an Erz, dann
pltzlich an Wirsich. Wie mochte es jetzt dem ergehen? Er hatte das
Gefhl von einem leisen Freundschaftsempfinden fr diesen Menschen. Dem
begegnete er sicher noch wieder irgend einmal. Aber wo? Er trat in sein
Zimmer zurck und zog sich aus.

In diesem Augenblick ertnte ein Schrei Silvis.

Da wird die Kleine wieder aus dem Bett gezogen. Hu, wie kalt, dachte
er. Er horchte noch eine Weile, im Bett aufgerichtet, aber er hrte
nichts mehr und schlief ein.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen schlich er zitternd und mutlos ins Bureau hinunter. Er dachte:
Wird man mich fortjagen? Wie? Ich dieses Haus verlassen?

Ja, er fhlte, wie lieb es ihm geworden war, und er dachte weiter:

Wie ist es mir mglich, zu leben, ohne Dummheiten zu begehen? Und in
diesem Haus konnte ich so hbsch Dummheiten begehen. Wie wird es
anderwrts hiermit bestellt sein? Und wie kann ich daran denken, zu
existieren, ohne von Toblers Kaffee zu trinken? Wer wird mir anderswo
satt zu essen geben? Und so bequem, und so mannigfaltig? An andern Orten
ist das Essen so langweilig, so ganz und gar das Gegenteil von ppig!
Und in wessen sauber zu- und aufgedeckten Betten will ich mich nachher
schlafen legen? Unter einen behaglichen Brckenbogen wohl! Gemach! Ach
Gott, sollte es schon so weit sein? Und wie kann ich fortfahren zu atmen
ohne die Gegenwart dieser auch im Winter reizenden, landschaftlichen
Gegend? Und wie will ich mich dann abends unterhalten, wie jetzt mit der
lieben, prchtigen Frau Tobler? Wem Grobheiten sagen? Nicht alle
Menschen nehmen sie so besonders, so eigen, so schn in Empfang. Wie
traurig. Wie liebe ich dieses Haus! Und wo wird eine Lampe brennen, so
zrtlich, und wo ein Wohnzimmer sein, so heimelig, so herz-voll, wie
Toblers Lampen und Wohnzimmer sind? Wie macht mich das mutlos. Und wie
knnen meine Gedanken, ohne alltgliche Gegenstnde wie Reklame-Uhr,
Schtzenautomat, Krankenstuhl und Tiefbohrmaschine zu haben, ferner
auskommen? Ja, das wird mich unglcklich machen, ich wei es. Ich bin
hier gebunden, ich lebe hier. Wie sonderbar anhnglich ich bin! Und
Toblers tiefe, grollende Stimme, wie bitter werde ich ihren Klang
entbehren. Warum kommt er noch nicht? Ich mchte wissen, woran ich bin.
Ja, alles das. Was? Wo wird wieder solch ein Sommer mich in die ppigen,
grnen Arme und an die blhende und duftende Brust drcken, wie der war,
den ich hier oben habe erleben und genieen drfen? Wo, in welcher
Gegend der Welt, gibt es solche Turmzimmer? Und eine solche Pauline?
Obschon ich mich mit ihr des ftern gezankt habe, gehrt auch sie
schlielich mit zu dem Schnen. Wie es mir elend zumut ist. Hier durfte
ich 'kopflos' sein, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Ich mchte
wissen, an welchen Orten der zivilisierten Welt das sonst noch gestattet
wre? Und der Garten, den ich so oft gespritzt habe, und die Grotte? Wo
gibt man mir das? Menschen wie ich genieen sonst nirgends die
Annehmlichkeit und den Zauber von Grten. Bin ich verloren? Mir ist
elend zumut, ich glaube, ich werde jetzt einen Stumpen rauchen mssen.
Auch das wird mir fehlen. Sei es.--

Als er auch noch an die Fahne im Sommer dachte, sah er sich gentigt, zu
grinsen, um nicht pltzlich wie ein Schwchling weinen zu mssen. Dann
trat Herr Tobler ins Bureau, wie jedesmal, ordentlich guten Morgen
sagend. Nichts von Zum-Haus-hinaus-jagen.

Nichts dergleichen!

Joseph setzte seine demtigste und dienstfertigste Miene auf, er war
unbeschreiblich froh, da es noch nicht so weit war. Er setzte sich
geradezu leidenschaftlich hinter die Erledigung der heute bestehenden
geschftlichen Aufgaben, und er drehte sich alle Augenblicke auf seinem
Stuhl um, damit er sehe, was Tobler an seinem Pult machte. Tobler tat
das Gewhnliche.

Was er da gestern fr einen Anfall gehabt habe? frug der Chef in
unglaublich freundlichem Tone.

Ja, das war dumm, sagte der Gehlfe, bescheiden und beschmt lchelnd.

Er brauche nicht zu ngsten. Seinen Gehalt kriege er schon, brummte
Tobler.

O, ich will gar keinen Gehalt. Ich verdiene ihn nicht.

Dummheiten, sagte Tobler, ich bin, einige Kopflosigkeiten, die Sie
sich haben zuschulden kommen lassen, ausgenommen, zufrieden mit Ihnen.
Und wenn ich die Fabrik bekomme, um deren Beteiligung ich mich beworben
habe, so bleiben wir hoffentlich auch dann noch zusammen. Man wird in
diesem Fall auch einen Buchhalter brauchen knnen.

Spter ging der Chef.

Dora war an diesem Tage krank geworden, nicht ernstlich. Es war nur eine
kleine Erkltung, aber diese gengte, um das Mdchen zu pflegen, als
wre ihr letzter Tag herangekommen. Dora lag auf dem Sofa im Wohnzimmer,
und als Joseph zufllig sagte, er wolle zur Post gehen, es war gegen
Abend, mute er Dora versprechen, ihr ein paar Orangen oder Apfelsinen
aus einer Spezereihandlung mitzubringen, was er denn auch tat.

Whrend des Nachtessens redete Frau Tobler bestndig zu der kleinen,
reizenden Unplichen hinber, in der Richtung nach dem Ruhbett. Silvi
machte groe Augen und hielt den Mund sperrangelweit offen, als dchte
sie darber nach, wie es zugehe, da man so reizend krank sein knne.
Warum war denn eigentlich Silvi nie krank? War das nichts fr sie? Mute
die Natur ihr diesen hbschen Zustand vorenthalten? War sie zu gering,
eine kleine Erkltung bekommen zu drfen? Sie wre so gern einmal
zrtlicher als sonst, ja nur einmal ein bichen wrmer und milder als
sonst behandelt worden. Die Dora! Nein! Silvi schaute ihr Schwesterchen
betrbt und erstaunt an, als wre sie nicht imstande gewesen, es sich zu
erklren, wie die da so schn krank daliegen konnte.

Tu den Lffel aus dem Mund, Silvi. Ich kann das nicht ausstehen! sagte
Frau Tobler. Ihr Gesicht schien in diesem Augenblick zwei Mienen
bekommen zu haben, eine liebliche und glatte fr Dora, und eine darunter
liegende gerunzelte und strenge fr Silvi. Gleichzeitig schaute die
Frau kurz den Angestellten an, als forsche sie auf dessen Gesicht nach
dem, was er dazu etwa denken oder sagen mochte. Aber Josephs Gesicht
lchelte zu Dora hinber.

Es war dies durchaus kein Wunder: die Menschen richten eben ihre Augen
mit Vorliebe dorthin, wo das Schne und Wohlgestaltete zu sehen ist,
nicht dahin, wo in unappetitlicher Weise mit einem Kaffeelffel in einem
ausdruckslosen Mund herumgerhrt wird.

Doras volles Gesicht guckte anmutig zu den schneeweien Bettkissen
heraus, auf denen verstreut, und Hhlen in den Flaum eindrckend, die
mitgebrachten Apfelsinen herumlagen. Dieser reizende, ppige Kindermund.
Diese kleinen, aber beinahe schon bewut schnen und grazisen Bewegungen.
Diese bittende, liebe, leichte Stimme, dieses Vertrauen! Ja, Dora, du
durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht
Gte dir entgegenstrahlen.

Wie arm war da Silvi. Wrde dieses Mdchen je auf den Gedanken gekommen
sein, zu wnschen, man solle ihr Orangen aus den Delikatewarengeschften
mit nach Hause bringen? Unter keinen Umstnden. Dazu wute sie viel zu
gut, wie sehr jedermann geneigt war, ihre Bitten abzuschlagen. Ihre
Bitten waren auch gar keine Bitten, sondern nur gestammelter Neid. Sie
bat erst, wenn Dora lngst ihr gewnschtes hatte. Nie kam sie auf einen
ersten Wunsch. Die Wnsche Silvis waren alle Wunschkopien, ihre Einflle
waren keine Einflle, sondern nur Nachahmungen von solchen, die Dora
zuerst gehabt hatte. Ein echtes Kinderherz nur kommt auf frische
Einflle, ein verprgeltes und verachtetes niemals. Die wahre Bitte ist
immer ersten, nie zweiten Ranges, gerade wie das wahre Kunstwerk. Silvi
war eben nun einmal zweiten, dritten, vielleicht sogar siebenten Ranges.
Alles was sie sagte, war aus falschem Tone geschmiedet und gebacken, und
alles was sie tat, war altbacken. Wie alt Silvi bei ihren bltenjungen
Jahren schon war. Welches Unrecht!--

Joseph hatte das einen Moment berdacht, whrend er Dora anschaute. Wenn
man die anschaute, konnte man sich ein klares Bild von ihrem Gegenstck
machen, und man hatte dann gar nicht ntig, die prfenden und
vergleichenden Augen erst noch lange auf Silvi zu werfen.

Wie das traurig war. Diese zwei ungleichen Kinder! Joseph htte aus dem
Grund seines Denkens heraus hrbar seufzen mgen. Als Dora jetzt in ihr
richtiges Schlafbett hinaufgetragen werden sollte, trat er zu ihr hin
und war so betroffen von dem Anblick ihres keck-unschuldigen Wesens, da
er nicht anders konnte, als ihr die kleine Hand zu kssen. Mit diesem
Huldigungsku wollte er gleichsam die zwei Arten liebkosen, die Dora-Art
und auch die Silvi-Art. Aber wie htte er der zweiten Art tatschlich
huldigen knnen? Unmglich! So versuchte er, wenigstens in Gedanken der
jungen Bitterkeit und Bei-Seite-Geschobenheit etwas Trstendes und
Achtungsvolles zu sagen, indem er das Unausgesprochene mit seinem Mund
auf die Hand der schwesterlichen Liebe und Naturgnade drckte.

Frau Tobler sah es. Sein Betragen fand ihren Beifall. Ein kurioser
Mensch, dieser Marti! dachte sie, da hat er mich gestern der Silvi
wegen ausgescholten, und nun ist er mir selber hier halb verliebt in die
Dora. -- Sie lchelte gndig und sagte zu Dora, da msse sie aber in
Zukunft ihre Hnde suberlicher halten, wenn sie ferner solche Ksse
darauf bekommen wolle und lachte.

Zur Silvi sagte sie, indem sie ihr mit verzogenem Gesicht gute Nacht
sagte, sie solle sich besser zusammennehmen und ihr keine Ursache mehr
geben, streng mit ihr zu sein, dann sei man auch gut zu ihr. Es sei ein
Jammer, wie man sie behandeln und immer wieder strafen msse. Sie
erwarte jetzt einmal gehrig Besserung. Silvi werde auch lter. Marsch.
Sie solle gehen.

Zuerst hatte der Ton dieser kurzen Ansprache liebreich klingen wollen,
dann aber, als sei ihm die Milde unpassend und unmglich vorgekommen,
war er in die Hrte hinbergesprungen, in Abstufungen, bis er zuletzt
selber in einem gebieterischen Marsch sich abbrach.

Als die vier Kinder fort waren, wurde ein Ja߫ angefangen. Der Gehlfe
hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der bung
dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast fortwhrend,
was ihn veranlate, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu whlen, da
er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten hervorzubrechen
pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit
wieder an den Rotweinglsern nippend, wie am Vorabend. Pltzlich sagte
Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:

Wissen Sie es schon, Marti, da mein Mann mich zu meiner
Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen frh
auf die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir mssen ja jetzt
das Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist
sehr geizig, wenigstens hlt sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie
werden sich denken knnen, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt
ist, aber es mu sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr
gesehen habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten mssen, ja
Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, von oben herab, das fhle ich nur
zu deutlich. Es wird so leicht fr sie sein, mich zu krnken, mir weh zu
tun, denn schlielich behandelt man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit
Glachandschuhen jemanden anrhrt. Sie hat mich brigens von jeher ein
wenig 'auf dem Zug' gehabt, ich habe das immer empfunden. Als ob ich von
jeher ihrem Sohn, meinem Mann, nur Unheil gebracht htte. Und so wird
sie mir jetzt natrlich entgegentreten: wie einer Snderin. Sie wird mir
die Kleider, die ich am Leib trage, vorwerfen, die unntige Eleganz
derselben, den unglaublich berflssigen guten Schnitt. Nein, das neue
Kleid werde ich schon nicht anziehen drfen. Das hat auch keinen Zweck.
Eine, die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, ich werde das
alte, schwarze Seidenkleid anziehen, das macht einen sehr unterwrfigen
Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie sehen, andere mssen sich auch zwingen und
dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. Es geht eben so, man wei
gar nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese Welt!--

Wir wollen hoffen, da Sie Erfolg haben, bemerkte der Gehlfe. Sie
fuhr fort:

Dafr schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, da seiner
Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen
Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich
allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren knnte. Ein Stck
Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Mnner nehmen gern die
gemtlosen und trockenen Geschfte auf sich. Wo es sich aber um ein
persnlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit
herzlichen Charakters, um rein seelische berwindungen, da schieben sie
lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewhnlich: 'Geh du! Du
machst das besser als ich!' was man dann noch als eine Art Gnade und
Liebkosung aufzufassen beinahe gezwungen ist.

Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort:

Ja, Sie lachen! brigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur.
Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu
Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, da ich Erfolg haben werde. Im brigen,
was rede ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug
auf Toblers Geschfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, lngst
aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes
Geschftstchtigkeit ist in mir grndlich ins Schwanken geraten. Ich
glaube jetzt berzeugt zu sein, da er nicht gengend Raffiniertheit,
nicht gengend Herzlosigkeit besitzt, um rentable Geschfte machen zu
knnen. Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach nur den Ton
dieser pfiffigen und schlauen Leute angenommen, das uere Betragen, die
Manieren, nicht aber zugleich die Fhigkeiten. Gewi, es mu einer, der
gute Geschfte macht, deswegen kein Blutsauger und schlechter Kerl sein.
Das ist noch lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll,
zu rasch, zu gut und zu natrlich empfindend. Auch zu leichtglubig ist
er. Nicht wahr, Sie wundern sich, mich dermaen reden zu hren, aber
glauben Sie mir, wir Frauen, bestndig an die Enge und an die
Beschrnktheit des Hauses gebunden, wir denken ber mancherlei nach, und
wir sehen auch manches und fhlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge
ein bichen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere
geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im
Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen,
denn wir drcken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend
aus. Unsere Worte regen meistens die geschftsberladenen Mnner nur
auf, aber berzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklren uns mit
dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht,
einverstanden, reden nebenschliche Dinge, die uns immer strker der
Vermutung, da wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und
sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit
seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine
Finger, der Schuh am Fu, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu
gern gut, und das drfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu
wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Plne, das untergrbt
dieselben. Er ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu
gerade, zu pltzlich, deshalb viel zu einfach. Er ist eine schne, volle
Natur, und solche Naturen ressieren mit solchen Unternehmungen nie,
oder fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.

Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lcheln. Sie hatte schon
wieder mit Reden angefangen:

Meinen Karl frchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und
lachen ihn hinter seinem Rcken aus, denn sie gnnen gerade ihm
merkwrdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube
deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu
ungeniert gezeigt hat, dermaen, da es ihnen in die Augen hat stechen
mssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute
htten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was
offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter
Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Hnden gegeben, das ist eine
Schwche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber
unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese
verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm
profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bichen barsch und
laut zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglck, Prahlerei. Wre er
erfolgreich, so wrde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja.
Nein, mein Mann wrde viel besser getan haben, wenn er sich nie
selbstndig gemacht, sich nie auf eigene Fe gestellt, sondern sich in
seiner bescheidenen Stellung als technischer Angestellter still gehalten
htte. Wir waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes
Haus, aber was bedarf es dessen, da doch nur Sorgen in solch ein
eigenes Haus kommen? Nach Feierabend machten wir unsern stillen,
hbschen Spaziergang rund um den Hgel. Es war zu schn, um es derart
eigensinnig von sich wegzuwerfen, aber eines Tages wurde es eben
weggeworfen.

Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler, sagte Joseph. Diese Worte
schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief:

Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu
der Frau des Geschftsmannes, in dessen Bcher man tagtglich
hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und
einer schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch
alles gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrngern meines Mannes mit dieser
fluchwrdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglcklich
gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen.

Sie lief aus dem Zimmer.

Der Gehlfe dachte: Was ist nun da wieder? Mu es bald jeden Abend eine
heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, und
bald kracht es wieder aus Toblers Gemt heraus. Bald schreit die Silvi,
bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, da wir
alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollstndig hinten
hinber schnappten. Dann gute Nacht schnes Haus Tobler! Aber soweit
sind wir noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mtterlichen Gelder
abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in
diesem Hause ist mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht
gewaschen worden. Aber auch das mag gut sein. brigens! Habe ich etwa
wieder einmal Angst? Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler
hat wohl heute wieder im Sinn, im 'Segelschiff' zu bernachten. Das
gehrt scheinbar auch zu meinen Berufspflichten, da ich inzwischen hier
seiner Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern
Gesellschafter?

Er lschte die Lampe und ging zu Bett.

                   *       *       *       *       *

Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft
hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den
Gartenhgel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete
sie ein Stck hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich
nicht etwa wieder zu erklten in der Eisenbahnwagenzugluft und
dergleichen. Man sah von oben herab ein Lcheln im Gesicht der Frau, und
ein Winken mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter
ebenfalls nachwinkte. Wie na alles war. Zu dieser Winterzeit htte es
eigentlich trockener und klter sein knnen, dachte man, und dann
verschwand Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt
verfolgten. Es waren dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben
und Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin
fortgehen gesehen hatte.

Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische Einbildungskraft
htte versteifen wollen, dem Weggang einer Knigin. Joseph, der Vasalle,
htte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu uns modernen
Menschen hinbergrenden getreuen Untertanen gewesen wre, bitterlich
weinen mssen, whrend die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei
ausgestoen haben wrde, wenn sie eine von denjenigen gewesen wre, die
in alten Zeiten schne und hohe Kniginnen, wie die Geschichten lehren,
bedient haben. Und der Hund wre vielleicht ein Drache gewesen, und die
Kinder Knigskinder und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten eine,
die frher immer dabei waren, wenn es solche traurige Abschiede fr
immer gab, als es noch Schlsser, Burgen, Stadtmauern und Trnen der
Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz anders.

Hier handelte es sich nicht um eine immerwhrende Verbannung auf eine
de Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um
einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Knigin
kam hier nicht vor, es sei denn, man htte Frau Tobler als die
sorgenvolle Knigin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz
apart und wunderlich nicht htte sein knnen. Auch keine dstere
Heldengestalt, sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr
Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stck weit das Geleite, um ihr, auch
nicht gerade Trost, sondern nur einige vernnftige Worte zuzusprechen.
Und von einem besonders betrbten Knecht und Vasallen war hier
ebensowenig die Frage und Rede als von einer noch fassungsloseren
Kammerfrau. Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter
niemand, auer den Kindern, und das waren weder Knigs- noch
Frstenkinder, sondern schlichte, brgerliche, wie sie jedes bessere
Haus haben kann. Leo war kein Drache. Er wrde eine solche
mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig bel genommen haben.
Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts.

Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewrtigen habe,
meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurckkehrte. Was ihn
betreffe, er werde und msse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei
lcherlich. Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und
heute erst recht.

Und er beschftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die Handelsabteilung
schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Jol, der sich, wie es
schien, gewaltig fr dieses Werk interessierte. Die Kinder spielten
und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Spter verlie er
das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen.

Ein wenig spter ging auch der Gehlfe weg und zwar zur Post. Auf dem
Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte
nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was
sie dem Chef wrden nachgebrllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt
htten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere
Strae, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum Roten
Haus vermutet htte, Wirsich.

Sie sind wieder hier?

Sie schttelten sich die Hnde. Wirsich schaute ganz vergngt drein, er
sah aus, als wenn ihm eben etwas sehr Entgegenkmmliches passiert wre.
Er sagte zu Joseph, eben sei er neuangestellt worden und zwar in der
Kolonialwarenhandlung Bachmann & Co. Er sei, wie der Gehlfe ihm
angeraten habe, mit fertig geschriebenen und kuvertierten Offertbriefen
in der Tasche, auf die Wanderung, von Geschftshaus zu Geschftshaus
gezogen, und in der Tat habe man ihn fast berall menschenfreundlich
behandelt, aber man habe nirgends eine Stellung fr ihn frei gehabt, bis
er schlielich zu den Herren Bachmann & Co. hineingegangen sei, und dort
sei dann die Sache zu seinem Glck komplett geworden. Und nun glaube er
sich nach langer Zeit endlich wieder als ein gehobener Mensch fhlen zu
drfen. Jedenfalls knne er sagen: Guten Tag, Freund, du siehst, mir
geht es gut. Ob es nun nicht ganz nett sei, zusammen in die nchstbeste
Wirtschaft zu treten und eins auf den Durst hinauf zu nehmen?

Aber gewi. Sehr gern. Aber hren Sie, Wirsich, sagen Sie, knnen Sie's
vertragen? sagte Joseph.

Der andere beteuerte: Natrlich! -- So gingen sie in das zunchst
liegende Restaurant Central, wo sie sich jeder einen Schoppen Bier geben
lieen.

Denn sonst lieber nicht. Es wre schade um die neue Position, glaubte
Joseph gut zu tun, nachzufgen.

Wirsich winkte belustigt mit der Hand ab. Es fiele ihm nicht ein, sagte
er, etwa gar wieder so unvernnftig zu trinken, wie frher. Er habe sich
das jetzt, glaube er, ein fr allemal abgewhnt, so verkommen sei er
denn doch noch lange nicht. Wie es bei Toblers stehe?

Nicht gut, sagte der Gehlfe, und er erzhlte in kurzen Umrissen den
Verfall des Hauses. Wirsich solle sich aber hten, zu plaudern, das
seien Geschftsgeheimnisse und die gingen niemand etwas an.

Wirsich sagte:

So habe ich es dem Grohans, diesem Tobler, doch noch prophezeien
knnen, da er noch einmal zu seinem prahlerischen Haus und Garten
hinausfliegt. In jener Nacht hat er's von mir gehrt, und jetzt gehen
die Worte in Erfllung. Was er andern getan hat, das geschieht ihm nun
selber, und recht geschieht ihm. Ist unsereins kein Mensch? Sind wir
Angestellten ohne die Spur von Empfindung auf diese Welt gekommen? Wir
werden eines Abends einfach zum Haus und zur Lebensexistenz
herausgeworfen, und man glaubt noch, recht und milde getan zu haben.
Pardon, Marti, Sie sind mein Nachfolger und genieen infolge meines
Sturzes einen, wie Sie selber sagen, angenehmen Lebensaufenthalt. Sie
knnen natrlich nichts dafr, da Sie mich vom Posten verdrngt haben.
Was rede ich: durch Sie habe ich ja die neue Stellung gefunden. Also
Entschuldigung. Ich meine nur, der Zorn kann einen fortreien, sich eine
so lange Zeit in der elendesten Verlegenheit und Erniedrigung geschaut
zu haben. Wegen was? Wegen eines Fehlers? Donnerwetter, jetzt trinke ich
grade extra noch eins. Heda, Herr Wirt, oder Sie lieber, Frau
Gastwirtin, bringen Sie mir noch solch einen Schoppen. Sie Marti werden
doch wohl auch noch einen trinken.

Nur bitte ich, sagte Joseph, meinen Chef nicht angreifen zu wollen.
Und dann auch nicht gar so laut, wenn ich bitten darf. Mein
gegenwrtiger Prinzipal ist kein Grohans. Sie werden diesen
unvorsichtigen, und ich gebe gern zu, im Zorn gesprochenen Ausdruck
zurcknehmen. Tun Sie's alsogleich, sonst sind wir geschieden. Ich habe
Ihnen nicht vertrauliche Aufklrungen ber Toblers Lage gegeben, um
diesen Mann hinterher beleidigen zu hren. Im brigen: Prost! Es freut
mich, da es Ihnen gut geht.

Ich sag' ja: im Zorn! entschuldigte sich Wirsich.

Der Streit sei erledigt, bemerkte Joseph. Beide tranken je noch ein
Glas, auf welche Lage eine vierte folgte. Sie wrden so fortgefahren
haben, wenn nicht jetzt die Tre aufgegangen, und Herr Tobler selber ins
Restaurant getreten wre. Er berflog beide Zecher und Angestellten mit
einem zndenden Blick, der den Mnnern genug sagte.

Joseph hatte beim Eintritt des Herrn sofort den Hut abgezogen, den er
vorher ziemlich burschikos auf dem Kopf behalten hatte. Das gebot die
Hflichkeit, und der Toblersche Blick gebot es nicht minder. Er stand
brigens bald auf, da das Gesprch mit Wirsich ohnehin verstummte, rief,
er mchte bezahlen und bewegte sich gegen den Ausgang zu. Ein Wink des
Ingenieurs veranlate ihn jedoch, in dessen Nhe zu treten. Dieser
fragte:

Was will dieser Ungut hier, der Wirsich?

Joseph antwortete: O, er hat eine Stelle gefunden. Hier dicht nebenan,
bei Bachmann & Co. Seit heute. Er freut sich sehr darber.

So? Und er trinkt wohl noch immer gern, was? Der wird sicherlich lange
in der neuen Stellung verbleiben, der! Es ist gut. Waren Sie auf der
Post?

Nein, ich gehe jetzt. Sie werden entschuldigen. Mein Vorgnger hat
mich aufgehalten. Ich werde gleich gehen, und wenn Sie wnschen, da ich
Ihnen die Briefe hieherbringe----

Tobler verneinte, und der Gehlfe entfernte sich.

Auch Wirsich war jetzt aufgestanden, er bezahlte, marschierte unsicher
vorwrts, wute nicht, ob er seinen ehemaligen Vorgesetzten gren
sollte oder nicht, tat es, und sogar tief und demtig, und stie zum
berflu noch an einen Tisch an, bei welcher Gelegenheit er beinahe
umgestrzt wre. Sein Achtungsgru wurde mit keinem Zug einer Miene
erwidert. Tobler wollte nichts mehr mit diesem Menschen zu tun haben.
An der Tr stolperte Wirsich zum zweiten Mal. War das eine schlimme
Vorbedeutung?

                   *       *       *       *       *

Frau Tobler kam mit dem Nachtschnellzug nach Hause gefahren. Herr
Tobler, Pauline und Joseph erwarteten sie am Bahnhof. Der Zug kam
schnaubend und rasselnd an. Allerlei Menschen drngten sich in die Nhe
des langen, schwarzen, prachtvoll-dastehenden Ungetmes heran. Die Frau
stieg aus, Joseph und Pauline sprangen hinzu, um Krbe und Pakete in
Empfang zu nehmen. Mutter Tobler hatte der Sohnesfrau Verschiedenes
mitgegeben, das konnte man ungefhr zum Voraus wissen, deshalb war man
zu dritt am Bahnhof erschienen. In zwei Krben befanden sich teils
pfel, teils Nsse. Die Pakete enthielten Sachen fr die Frau selber und
fr die Kinder.

Dem Gesicht der Ausgestiegenen war abzulesen, da die ganze Sache weder
ganz gut noch auch ganz schlecht abgelaufen war. Es drckte Mdigkeit
und Gelassenheit aus. Es schien, als ob eine Hlfte des Gesichtes ein
bichen gelchelt htte. Im ganzen schien sie ihrem Mann, der sie
neugierig darum befragte, eine gengende und zufriedenstellende Auskunft
gegeben zu haben, denn Tobler schien nicht bel Lust zu haben, rasch
jetzt noch fr eine Weile ins Segelschiff zu gehen. Seine Frau sagte,
sie merke ihm wohl an, wohin er zu gehen wnsche, mit welchen paar
Worten denn auch die bezgliche Erlaubnis erteilt war. Er rief den
Davongehenden noch nach, er sei in mindestens einer Stunde wieder im
Abendstern und verschwand in seiner Stammkneipe.

Die brigen gingen nach Hause. Dem Gehlfen war es eine angenehme
Pflicht, die Krbe, so schwer sie waren, zu tragen. Das war doch
wenigstens wieder einmal etwas Krperliches. Er schritt hinter den
beiden Frauen, hinter der Magd und der Frau, leicht daher, gnzlich
gedankenlos. Ja, das kam von den Krben her. Ich bin zum Laufburschen
geboren, dachte er.

Zu Hause angelangt, gab es einen Schwarm von Fragen, aus der kindlichen
Wibegierde heraus ertnend. Und eine Belagerung der Pakete und
Obstkrbe. Was Gromutter sagen liee, wollten die drei Kinder wissen.
Nur das Vierte nicht. Silvi blieb schlfrig und gleichgltig. Auch die
Geschenke lieen dieses Mdchen gleichgltig. Mich betrifft das nicht,
sagte ihre Miene. Um so mehr muten die Sachen die brigen drei
betreffen. Sie wurden jedoch bald alle samt ihren Forderungen, Fragen
und Neugierden in die Betten geschickt.

Wie bin ich mde, sagte Frau Tobler.

Pauline kniete vor ihr am Boden und zog ihr die Schuhe aus. Sie sa auf
dem Sofa. Joseph, der daneben stand, dachte: Ich mu gestehen, da es
mir nicht unangenehm gewesen wre, wenn sie zu mir gesagt htte: zieh
mir die Schuhe aus! Ich glaube, ich htte mich mit Vergngen gebckt.--

Ein Handschuh entglitt ihr, sofort sprang er hinzu und hob ihn ihr auf.
Sie lchelte matt und dankte und sagte:

Wie sind Sie dienstfertig! So sind Sie nicht immer gewesen. Kommt wohl
mein Mann bald nach Hause? Wie geht es Ihnen, Joseph?

Sehr, sehr gut, gab er zur Antwort. Pauline hatte das Zimmer
verlassen.

Er sei eben noch jung, da spreche er so und msse wohl auch so sprechen,
sagte die Frau. Ihr sei es so schwer zumut.

Haben Sie Verdru gehabt?

Auch! Aber dieser kleine Verdru berhre sie wenig. Sie fhle sich heute
zu allerhand Gedanken hingezogen. Ob Joseph noch jassen mge? Ja? Das
sei nett. Sie habe gerade jetzt eine unglaubliche Lust, Karten zu
spielen. Sie glaube, das helfe ihr.

Sie setzten sich an den Tisch und spielten Karten. Pauline trug etwas zu
essen auf fr Frau Tobler und ging dann wieder. Vielleicht ist diese
Frau zugleich leichtsinnig und schwermtig veranlagt. So kann es sein.
brigens bin ich ein Dummkopf! dachte der Gehlfe.

Sie will mir nicht gern geben, die alte Frau, sagte mitten im Spiel
Frau Tobler.

Wer? Ach so! Die Mutter Tobler! Das kann man sich denken. Aber sie wird
mssen!

Ja eben! machte sie. Sie lachten beide. Wie das wieder leichtsinnig
ist, dachte der Buchhalter und Korrespondent des technischen Bureau
C.Tobler. Die Firma! Schlielich war man denn doch ein gesetzter Mann.
Da saen sie beide wieder zusammen, sie, die unbegreifliche Frau und
er, der kuriose Mensch. Joseph mute laut auflachen. Was er habe?--

O nichts. Dummheiten.

Sie sagte, ernster werdend, er werde sich etwa ihr gegenber keine
Scherze erlauben. Er erwiderte auf diese Bemerkung, er sei der
kaufmnnische Angestellte des Hauses Tobler, worauf sie sagte, sie
hoffe, da er das bestimmte Gefhl habe, er sei das. Er warf die Karten,
die er in der Hand hielt, auf den Tisch, erbebte und erklrte, ein
ernsthafter und solider Angestellter sei's nicht gewohnt, bis in alle
Nchte hinein Karten zu spielen. Er war aufgestanden und ging, indem er
erwartete, sie werde ihn zurckrufen, nach der Tre hin. Sie lie ihn
gehen.

Statt nach oben in sein Zimmer zu gehen, stieg er ins Bureau hinunter,
zndete die dort befindliche Lampe an, setzte sich an seinen Tisch und
schrieb an den Verwalter des Tit. Stellenvermittlungsbureau folgendes:

                            Sehr geehrter Herr!

    Ich bitte Sie hflichst, mich als Bewerber um eine gelegentlich frei
    werdende, passende Stelle gtigst vormerken zu wollen. Ich finde
    mich nicht veranlat, es darauf ankommen zu lassen, eventuell wieder
    auf dem Pflaster zu sitzen. Die Dinge hier oben, Herr Verwalter,
    spitzen sich immer schrfer zu. Ich sage: fr alle Flle! und
    empfehle mich Ihnen

                                     Hochachtungsvoll
                          Ihr aufrichtig ergebener Joseph Marti.

Er war noch nicht so bald mit Kuvertieren und Adressieren dieses
Schreibens fertig geworden, als er vom Garten her Schritte hrte. Eine
halbe Minute spter traten Herr Tobler und zwei andere Herren, offenbar
Stammgste aus dem Segelschiff, ins Bureau ein, laut redend und
lachend, und wie es schien, voll trunkenen bermutes.

Was Joseph noch so spt in der Nacht zu arbeiten habe? fragte mit
unsicherer Stimme Tobler. Er habe wenigstens noch einen wahrhaft
fleiigen und aufopfernden Gehlfen, wie es scheine, bemerkte er weiter,
indem er sich lachend seinen Jakollegen zuwandte. Jetzt aber solle er
nur ruhig Feierabend machen, denn morgen frh sei es auch wieder Tag.
Dann ging er zur Tre, die ins Innere des Hauses fhrte und rief, so
laut er konnte: Pauline!

Herr Tobler? kam die Antwort von oben herab.

Bringen Sie uns ins Bureau ein paar Flaschen von dem Rheinwein. Aber es
mu rasch geschehen.

Joseph hatte kaum ntig, sich von den Herren zu verabschieden, er sagte
kurz gute Nacht und ging weg. Die andern hrten und bemerkten ihn gar
nicht mehr, denn die hatten jetzt ganz anderes zu tun. Die lagen halb am
Boden, halb auf dem Zeichentisch, ohne sonderlich zu achten, auf was sie
saen. Die Sthle wurden als Fuschemel benutzt, und mit den
zeichnerischen Entwrfen Toblers kamen die schlfrigen und lustigen
Kpfe in engste Berhrung. Tobler stopfte, hin und her taumelnd, seine
Tabakpfeife, und als endlich der Wein kam, machte er sich mit vieler
Mhe und Ungeschicktheit an das Geschft des Glserfllens, worauf dann
ein Trinken begann, das halb mit Schnarchen und Hochaufghnen verbunden
und vermischt war. Das bichen gute Vernunft, das der Ingenieur noch zur
Verfgung hatte, glaubte er jetzt mit einem Mal dazu verwenden zu
sollen, den Herren und Kameraden die Toblerschen Erfindungen zu
erklren, er stie aber nur auf ein Gelchter und sonst auf keinerlei
Verstndnis. Der Ernst der mnnlichen Weltanschauung lag in einem fallen
gelassenen und zerbrochenen und seinen Inhalt ausgeschtteten Glas Wein
am Boden. Der mnnliche und menschliche Verstand grhlte und johlte und
lallte, da die Wnde des Hauses beinahe erzitterten. Tobler hatte zu
allem, was er eben inszeniert hatte, jetzt noch die wenig
rcksichtsvolle Idee, seine Frau mit lauter Stimme in das Bureau
hinunterzurufen, um ihr, wie er sagte, seine guten Freunde aus dem Dorf
vorzustellen. Sie kam, steckte aber nur den Kopf durch die Tre, die sie
schchtern geffnet hatte, und verschwand wieder, zurckgeworfen von
dem, wie sie selber andern Tags zu ihrem Mann sagte, widerlichen und
unfltigen Bilde, das sich ihren Augen darbot, und welches ein
hollndischer Trunkenboldszenenmaler nicht berzeugender und
abschreckender htte malen knnen, als wie es hier in Wahrheit und
Wirklichkeit lebte und sich regte. Die Trinkerei hatte mit dem
Verschwinden der Frau noch lange nicht ihr Ende erreicht, im Gegenteil,
sie flammte und kochte und brannte bis zum frhen Morgen und bis zu der
Ermattung, jener vollstndigen, die den strksten Zechern schlielich
ber die Nacken herfllt, um sie zu beugen und der Lnge und Breite nach
unter Tische und Sthle zu strecken. So geschah's auch, und die
ausgelassene Gesellschaft bernachtete unter grlichem Schnarchen im
technischen Bureau, bis Pauline kam, um den Ofen zu heizen. Es war Tag.
Die Gesellen erwachten. Die zwei Brenswiler zottelten in ihre
Dorfschaft und engere Heimat zurck, whrend Herr Tobler nach oben ging,
in sein und seiner Frau Zimmer, um den Rausch und Sturm auszuschlafen.

Pauline hatte eine wahre Heidenarbeit zu verrichten, das verwstete und
entstellte Bureau wieder einigermaen in Ordnung zu bringen. Als Joseph
um acht Uhr unten ankam, sah es noch bitterlich schlimm darin aus, so
da er sich entschlo, sogleich auf die Post zu gehen. Alles lag
durcheinander, Sthle, Zeichnungen, Schreib- und Zeichengegenstnde,
Glser und Pfropfen. Tinte war verschttet, rote und schwarze. Wein
schwamm am Boden. Einer Flasche war der Hals abgeschlagen worden. Es
schienen Bren, nicht nur Brenswiler in dem Raum gewirtschaftet zu
haben, den ein Geruch erfllte, da es schien, als mte man zehn Tage
hintereinander die Fenster offen stehen behalten, um es hier wieder
sauber, gemtlich und wohnlich zu bekommen.

Auf der Post warf Joseph den Brief an den Verwalter in den Kasten. Fr
alle Flle, dachte er.

                   *       *       *       *       *

Am folgenden Tag flossen dem Hause Tobler aus dem elterlichen Vermgen
viertausend Mark zu. Das war wenig, aber es war wenigstens etwas, es
gengte gerade, um die allerungeduldigsten und am schrfsten vorgehenden
Drnger zufriedenzustellen. Joseph hatte lngst eine Glubigerliste
zusammengestellt, und so wurden nun aus dieser bunten Wiese die am
heftigsten duftenden Blumen ausgesucht, um wenigstens vorlufig diese zu
betuben. Unter diesen wtenden und augenblendenden Gewchsen befanden
sich unter andern der Grtner, der gesagt hatte, er wolle nicht eher
ruhen, bis er Tobler gepfndet und vom Ort verjagt she, das
Elektrizittswerk, das so hhnisch mit den Schultern gezuckt, und die
schne Beleuchtung abgestellt hatte, der Schlosser aus der
Nachbarschaft, dieser undankbare Hund, wie Tobler ihn nannte, dem man,
wie man sich vorgenommen hatte, das Geld vor die Fe schmeien wrde,
der Fleischer, und aber von jetzt an keinen Bissen Fleisch mehr aus
dieser Metzgerei! Der Buchbinder, das alte Kamel, der froh sein
drfte usw., die Uhrenfabrikanten, denen man allerdings ihr Drngen
nicht sehr verbeln konnte, der Metallwarenfabrikant, der den kupfernen
Turm gebaut und verrechnet hatte, und einige, die ihr Geld wohl
verdienten.

Ein halber Tag gengte, um diesen lautesten und unverschmtesten
Forderungen den Mund zu verstopfen, aber auch das Geld war damit
verschwunden. Was bedeuteten viertausend Mark fr ein ber und ber
verschuldetes Haus? Ein kleiner Rest dieser Summe wurde der Haushaltung
gegeben, und einen noch winzigeren erhielt Joseph als Gehalt-Anzahlung.

Es war ein sonniger Schneevormittag gewesen, mit blauem Himmel und
Winden und mit Schneensse an der Erde, als der Gehlfe von Haus zu Haus
gegangen war, um Betrge auszubezahlen. Auch beim Betreibungsbeamten war
er vorbeigegangen. Und wie rasch das Geld schwand, das merkte er an der
leichter werdenden Rocktasche.

Gegen den Nachmittag langte ein Schreiben des Advokaten Bintsch an,
worin derselbe erklrte, es sei von der Mutter nichts mehr zu
gewrtigen. Er habe sein Mglichstes versucht, die Frau zu berzeugen;
seine Bemhungen seien aber zu seinem Leidwesen ohne Erfolg geblieben.
Er rate daher Tobler an, mit Ruhe die Folgen dieser Resultatlosigkeit zu
ertragen.

Tobler verzog, whrend er diesen Brief las, sein Gesicht zu einer
schmerzhaft anzusehenden Grimasse. Er schien einen namenlosen Zorn zu
bemeistern. Dann brach es aus ihm los und warf ihn auf einen Stuhl
nieder, als ob Zentnerlasten ihn niedergeschmettert htten. Er keuchte
mit seiner starken Brust, die zu zersprengen drohte, hnlich einem zu
straff angespannten Bogen. Sein Gesicht schaute von unten herauf, als
sei es von oben herab von Fusten niedergepret worden. Auf seinem
Nacken schienen jhzornig wiegende und sausende und stemmende Gewichte
zu liegen, lebendige Gewichte. Die Farbe seines Gesichtes war dunkelrot.
Rund um ihn schien die Luft dick und steinern geworden zu sein, und eine
unsichtbar-sichtbare Gestalt schien sich jetzt dicht neben Tobler zu
erheben, um ihm gemtlich aber kalt auf die zusammenzuckende Achsel zu
klopfen. Die eiserne Notwendigkeit selber schien ihm zugeflstert zu
haben. Mann! Versuche dein Letztes!

Tobler ffnete schwerfllig sein amerikanisches Rollschreibpult, nahm
unter chzen und Rckenbiegungen, als ob er Schmerzen gehabt htte, eine
Feder zur Hand, ein Blatt Papier, um seiner Mutter einen Brief zu
schreiben. Aber die Buchstaben, die er aufsetzte, tanzten ihm vor den
Augen. Das Pult flog an seiner wild gewordenen Empfindung hoch auf, das
Bureau drehte sich, er mute aufhren. Er sagte mit rchelnder Stimme zu
Joseph:

Telefonieren Sie Bintsch und ersuchen Sie ihn, Ihnen zu sagen, wann er
zu einer Besprechung mit mir bereit sein kann. Sagen Sie ihm, es htte
die grte Eile.

Joseph schickte sich sogleich an, dem Befehl Folge zu leisten. Er war
aufgeregt, sprach vielleicht etwas undeutlich, es war mglich, da man
ihn nicht recht verstanden hatte, kurz und gut, es dauerte ziemlich
lange, ehe er mit Doktor Bintsch reden konnte. Hinter ihm her war Tobler
die Treppe hinaufgekommen und stund nun hinter dem Gehlfen, den die
Gegenwart eines so krankhaft erregten Herrn und Meisters noch mehr
verwirrte, derart, da, als nunmehr die gewnschte Verbindung
hergestellt war, er sich mit dem Rechtsanwalt in stammelnden Gesprchen
herumschlug, ohne sich verstndlich machen zu knnen.

Das war zu viel fr Tobler. Mit einem hlich tnenden Wutschrei warf er
den ungeschickten Sprecher zur Seite, da derselbe an den Trrahmen des
Wohnzimmers anflog, und ergriff selber den telephonischen Hrer, um das
verunglckte Gesprch zu Ende zu fhren und sich den erforderlichen
Bescheid selbst sagen zu lassen.

Seine Wut war verflogen, aber er zitterte am ganzen Leib heftig. Er
bekam Fieber und mute sich auf das Ruhbett legen, auf dasselbe, das vor
kurzer Zeit Dora eingenommen hatte. Ist Vater krank? frug diese
jetzt. Frau Tobler, die besorgt neben dem liegenden und sthnenden Manne
stand, sagte zu dem Mdchen: Ja Kind, Vater ist krank. Joseph hat ihn
gergert, wobei sie den Gehlfen mit einem erstaunten und verchtlichen
Blick streifte, der denselben ins Bureau hinunter jagte. An seinem
Schreibtisch angelangt, versuchte er, als ob nichts geschehen wre, zu
arbeiten, aber es war keine Arbeit, was er tat, sondern ein Tappen und
Tasten mit zitternden, zerstreuten Fingern, ein Bemhen, gleichmtig zu
sein, ein Nichtknnen, ein Anderes, ein Nichts, etwas Schwarzes. Sein
Herz klopfte zum Zerspringen.

Spter wurde er zum Kaffee gerufen. Tobler war inzwischen in sein
Schlafzimmer hinaufgegangen. Die Besprechung mit dem Advokaten konnte
erst andern Tags stattfinden, und bis dahin gab es fr den Ingenieur ja
in der weiten Welt, scheinbar und offenbar, vorlufig nichts mehr zu
tun. Welches Bemhen konnte noch einen reellen Zweck haben? Welche Plne
waren nicht lcherlich? Und krank! Es tat dem gehetzten Mann so wohl, zu
denken, er liege im Bett und knne bis am andern Tag ungestrt liegen
bleiben. Er lie sagen, wenn Joseph zur Post gehe, so mchte er ihm ein
paar gute Zigarren mit nach Hause bringen. Und fr Dora ein paar
Orangen, Joseph, fgte Frau Tobler hinzu. Dieser fhrte die Auftrge
aus.

Nach dem Abendessen, die Kinder waren bereits zu Bett gebracht worden,
sagte der Gehlfe zu Frau Tobler, es sei ihm schwer, lnger in einem
Hause zu bleiben, dessen Chef sich nicht scheue, ihn, nachdem er ihn oft
genug schon mit Worten beleidigt habe, nun auch ttlich und krperlich
zu beschimpfen. Das sei zu viel, und er glaube, er tte am besten,
gleich jetzt zu Tobler hinaufzugehen, und es diesem Mann zu sagen, wie
roh und dumm seine Handlungen seien. Er knne nicht mehr arbeiten, das
fhle er deutlich. Einer, den man herumstoe und gegen Tren heranwerfe,
der sei wohl auch nicht imstande, Nutzen zu bringen. Solch einer msse
ein Esel und Taugenichts sein, sonst sei es ja gar nicht mglich, ihn
derart, wie es geschehen sei, zu behandeln. Dies drcke ihm den Atem ab.
Er meine, auch wenn er nichts wie Schindluder all die Zeit her, die er
nun hier oben zugebracht habe, getrieben htte, so knne das krperliche
Schmach und Schande noch nicht einmal rechtfertigen, und er? Ob er nicht
sich immer ein wenig Mhe gegeben habe? Er wenigstens wisse es, da er
hin und wieder mit Liebe und Lust und mit allen seinen Krften
gearbeitet habe, wenn auch die Krfte nicht immer den, er gestehe es,
gerechten Anforderungen htten entsprechen knnen. Ob man so, wie es
geschehen sei, die Versuche, tchtig und aufrichtig zu sein und zu
bleiben, behandle?

Er weinte.

Frau Tobler sagte kalt: Mein Mann ist krank, wie Sie wissen, und eine
Strung wird ihm nicht gerade willkommen sein. Aber wenn Sie Lust haben,
und wenn Sie glauben, es hier oben bei uns nun so pltzlich nicht mehr
aushalten zu knnen, so gehen Sie nur zu ihm hinauf und sagen Sie ihm,
was Sie auf Ihrem Herzen haben. Ich denke, Sie werden den Ihnen und
Ihrem Betragen geziemenden, kurz und bndigen Bescheid erhalten.

Der Gehlfe blieb sitzen. Dann erhob er sich und sagte: Ich gehe noch
rasch auf die Post.

Sie wollen also nicht zu meinem Manne hinaufgehen?

Nein, Herr Tobler sei krank, sagte Joseph, man drfe ihn nicht stren.
Er dagegen habe jetzt noch Lust, einen kleinen Spaziergang zu machen.

Drauen empfing ihn eine klare, kalte Welt. Etwas Hohes und Gewlbtes
von einer Welt. Es war kalt geworden. Die Fe schlugen gegen Steine und
Eisstcke. Ein eiskalter Wind wehte durch die Bume. Durch die ste
derselben schimmerten die Sterne. Sein Herz war voll, er lief wie
besessen. Nein, er mochte nicht fortgehen. Er hatte Angst, Frau Tobler
wrde inzwischen ihrem Mann alles ausplaudern gehen. Infolge dieses
Gedankens beschleunigte und jagte er seine Schritte. Seinen Gehalt hatte
er berdies auch noch nicht endgltig ausbezahlt erhalten. Item. Die
Hauptsache war: im Haus bleiben. Wie unanstndig, mich derart beklagt
zu haben, rief er in die Winternacht hinaus. Er nahm sich vor, Frau
Tobler kniefllig die Hnde zu kssen.

Sie sa noch im Wohnzimmer, als er es wieder betrat. Er fing schon in
der Tre, welche er aber vorsichtig zuschlo, zu reden an:

Ich habe Ihnen zu sagen, Frau Tobler, wie gut, da Sie noch hier
sitzen, da ich mich vollstndig im Unrecht fhle, darum, da ich gegen
meinen Chef Klagen vorgebracht habe. Ich bin zu voreilig gewesen, und
ich bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mich lppisch benommen, und Herr
Tobler, in welche Aufregung hat ihn der unselige Advokatenbrief
geworfen. Waren Sie schon bei Ihrem Mann? Haben Sie es ihm schon sagen
mssen?

Nein, ich habe ihm noch nichts gesagt, antwortete die Frau.

Ich bin froh! sagte der Gehlfe, und er setzte sich. Er fuhr fort:
Und ich bin hieher zu springen gekommen, in der hellen Angst, da Sie
es ihm schon htten knnen gesagt haben. Es tut mir alles leid, was ich
gesagt habe. Man sagt im Sturm der Gefhle, gndige Frau, gar so
manches, was man nicht aussprechen sollte. Ich bin so froh, da Sie noch
nichts gesagt haben.

Das sei vernnftig gesprochen, sagte Frau Tobler.

Ich habe mir vorgenommen, Ihnen zu Fen zu strzen und kniend Abbitte
zu tun, stammelte der Gehlfe.

So etwas sei gar nicht ntig, pfui, entgegnete sie.

Sie schwiegen eine Weile. Es kam dem Angestellten so schn im Zimmer
vor. Das war etwas, das glich einem Heim. Und wie oft war er in frheren
Zeiten durch die bewegten und menschenleeren Gassen gegangen mit dem
kalten und bsen und niederwerfenden Verlassenheitsgefhl im Herzen. Er
war so alt gewesen in seiner Jugend. Wie hatte ihn das Bewutsein,
nirgends zu Hause zu sein, lhmen und innerlich wrgen knnen. Wie schn
war es, jemandem anzugehren, in Ha oder in Ungeduld, in Mimut oder in
Ergebenheit, in Liebe oder in Wehmut. Dieser Menschenzauber in solchen
Heimsttten, wie war Joseph immer davon traurig entzckt gewesen, wenn
er ihn aus irgend einem offen stehen gelassenen Fenster zu sich, dem
Einsamen und Umhergeworfenen und Heimatlosen, herabwiderspiegeln sah, zu
dem auf der kalten Strae Stehenden hernieder. Wie dufteten Ostern,
Weihnachten oder Pfingsten oder das Neujahr zu solchen Fenstern heraus,
und wie arm mutete der Gedanke an, von diesem Goldenen und Uraltschnen
nur den kargen, kaum empfindbaren Widerschein mitgenieen zu drfen.
Dieses schne Vorrecht der Brgerlichen. Diese Gte in den Gesichtern.
Dieses friedliche Weben und Lassen und Leben! Er sagte:

Es ist so dumm, sich gleich so beleidigt zu glauben.

Er habe recht, wenn er das sage, meinte die Frau, indem sie ruhig
fortfuhr, an einem Unterjckchen fr Dora zu stricken oder zu hkeln.
Sie setzte hinzu:

Und mu ich, seine Frau, nicht auch allerhand von ihm dulden und
ertragen? Er ist nun eben einmal der Herr im Hause, und das ist eine
verantwortliche Position, die von den brigen Bewohnern und Gliedern
Duldung und Achtung herausfordert. Freilich soll er nicht beleidigen,
aber kann er sich immer im Zaum behalten? Kann er seinem Zorn sagen:
sei vernnftig? Der Zorn und die Gereiztheit sind halt nicht vernnftig.
Und wir andern, die den unbersehbaren Vorteil haben, seinen
Anordnungen, deren Entwurf und Plan ihn anstrengen, gehorchen zu drfen,
seine Winke, deren Weisheit wir fast immer einsehen, zu befolgen, wir
sollen ihm in Zeiten der Unruhe und der Emprtheit eben ein wenig aus
dem Wege zu gehen verstehen. Wir sollen es gelernt haben, ihn zu
behandeln, denn ein Herr und Gebieter will auch auf eine ganz bestimmte
Art und Weise behandelt werden. Wir sollen geschickt und geschmeidig
sein in Momenten, wo er seiner Gelassenheit und sicheren Krfte nicht
mehr, wie sonst immer, bewut ist, in denen wir ihn unfhig, sich noch,
wie bisher, zu beherrschen, erblicken. Und wenn wir plump, und, nach
unsern Verhltnissen gerechnet, voll Fehler gewesen sind, so mssen wir
nicht allzusehr gekrnkt sein, wenn seine Stimme und das Unma seiner
Sorgen und Qualen uns andonnern. Marti! Glauben Sie mir, auch ich bin
oft voll Wut ber denselben Mann gewesen, der Ihnen heute Unrecht getan
hat, der Sie soll beleidigt und in der unwrdigsten Weise soll gekrnkt
haben. Nun, so setzt man selber eben diese seine Wrde ein bichen herab
und verzeiht, denn -- man mu seinem Herrn und Vorgesetzten verzeihen.
Was sollte aus Unternehmungen, aus Haushalten, aus Geschften aller Art,
aus Husern, ja, was sollte aus der Welt selber werden, wenn die Gesetze
mit einem Mal nicht auch fernerhin einen ein wenig zwicken und stoen
und verletzen drften? Hat man das ganze Jahr lang deshalb die Wohltat
des Gehorchens und Nachahmens genossen, da man dann eines Tages oder
Abends auftreten durfte und sich in die stolze Brust werfen durfte und
sagen durfte: beleidige mich nicht!? Nein, zum Beleidigtwerden ist man
ja allerdings nicht da, aber auch nicht zum Zorn-Anla-Geben. Wenn die
Verwirrtheit nichts dafr kann, da sie sich dumm benimmt, so ist auch
die Wut nicht so rasch fr ihr Schnauben und Toben verantwortlich zu
machen. Und es ist immer die Frage, wo ist man, und wer ist man. Ich bin
jetzt ja zufrieden mit Ihnen, Joseph. Geben Sie mir die Hand. Man kann
reden mit Ihnen, und gehen wir jetzt zu Bett.

                   *       *       *       *       *

Weihnachten nherten sich. Auch ins Haus Tobler mute die festliche Zeit
ja kommen, die Festzeit, das war etwas Unentrinnbares, das war etwas
Flugartiges, das war ein Gedanke, der sich allen Menschen mitteilte, der
alle Empfindungen durchdrang, warum htte er, dieser Gedanke, um die
Villa zum Abendstern herum einen Umweg machen sollen? Wie wre das
mglich gewesen? Wenn ein Haus schon einmal, und dazu noch so hbsch, so
auffllig, wie das Toblersche, in der Welt stund, so gab es ja auch
keine vernnftige oder natrliche Ursache, warum es von irgend etwas,
das in dieser Welt voll Ansehen und Duft bestund, htte sollen verschont
bleiben. Und dann war auch noch die Frage: htten Toblers gern mgen
verschont bleiben?

Nein, sie freuten sich darauf. Tobler sagte, wenn es schon schlimm mit
ihm stehe, so meine er doch, Weihnachten brauchten deshalb nicht etwa
gar ungefeiert an und in seinem Haus vorberzuziehen. So etwas mchte
ihm noch gefehlt haben.

Die umliegende Gegend selber schien sich ja sogar in ihrer Art auf das
schne Fest zu freuen. Sie lie sich ruhig und wohlig mit dicht
herabfallendem Schnee bedecken und hielt so still gleichsam die groe,
breite, alte und weite Hand dar, um aufzunehmen, was da fleiig
herunterstrzte, da alle Menschen beinahe sagten: Seht! Es wird wei,
es weielt in der Welt. Das ist recht, denn das schickt sich fr
Weihnachten.

Bald lag auch das ganze See- und Bergland in einem dicken, festen
Schneeschleier. Die rasch sich etwas einbildenden Kpfe hrten schon das
Klingeln von schnell dahinfahrenden Schlitten, obschon noch gar keine
herumfuhren. Die Weihnachtstische waren auch schon gedeckt, denn das
ganze Land glich einem suberlich wei berzogenen Weihnachtstisch. Und
die Stille und Gedmpftheit und Wrme solch einer Landschaft! Man hrte
alle Gerusche nur halb, als ob die Schlosser ihre Hmmer, und die
Zimmerleute ihre Balken, und die Fabrikrder ihre Schaufeln, und die
Lokomotiven ihre schrillen Pfiffe mit Watte oder mit wollenen Tchern
eingewickelt htten. Man sah nur das Nchste, das, was man mit zehn
Schritten abmessen konnte, die Ferne war ein undurchdringliches
Geschneie und ein fleiiges bermalen mit grauer und weier Farbe. Auch
die Menschen kamen wei dahergestampft, und man konnte unter fnf
Menschen immer einen sehen, der sich den Schnee von den Kleidern
abschttelte. Es war ein Friede da drauen, da man unwillkrlich alle
Weltdinge als befriedigt und erledigt und beruhigt annehmen mute.

Und da mute nun Tobler hinfahren, durch solchen Schneezauber hindurch,
per Eisenbahn nach der Stadt, um eine Zwiesprache mit dem Herrn
Rechtsanwalt Bintsch abzuhalten. Aber an seiner Seite sa wenigstens
seine Frau, die mitfuhr, um einige Geschenksachen im hauptstdtischen
Warenhaus fr das nahe bevorstehende Fest einzukaufen.

Am Abend gab es wieder eine Bahnhofsszene, aber diesmal eine verschneite
und deshalb ein wenig frhlichere. Paulinens Gelchter und Leos
freudiges Gebell warfen in den Schnee dunklere Ton-Flecken, obschon
sonst ein Gelchter und ein Gebell hell zu frben pflegten, aber was kam
gegen die glitzernde Schneeweie an Helligkeit und Schimmer auf? Man
nahm wieder Pakete in Empfang, und eine Dame in Pelzen war ausgestiegen
und sah aus wie die wahrhaftige, reiche und gtige Weihnachtsfrau
selber, und doch war es nur Frau Tobler, die Frau eines Geschftsmannes,
und noch dazu eines ruinierten. Aber sie lchelte, und solch ein Lcheln
kann aus der rmsten und bedrngtesten Frau eine halbe Frstin machen,
denn ein Lcheln erinnert immer an etwas Hochachtbares und
Wohlanstndiges.

Der Schnee blieb liegen bis zum eigentlichen Tage, sauber und fest, denn
es gab kalte Nchte, die die weie Decke knirschend zufrieren machten.
Am Weihnachtstag ging Joseph gegen Abend den bekannten Berg hinauf. Die
kleinen Wege schlngelten sich hellgelb durch die schimmernd weien
Wiesen, die ste der tausend Bume waren mit Reif berglitzert: ein zu
ses Schauspiel! Die Bauernhuser stunden in dieser feinen, weien,
verzweigten Pracht da, wie Schmuck- oder Zierhuser, fr den Anblick und
fr das unschuldige Verstndnis eines Kindes geschaffen. Die ganze
Gegend schien eine hohe Prinzessin zu erwarten: so zierlich und sauber
angezogen sah sie aus. Sie schien ein Mdchen zu sein, ein schchternes
und ein bichen krnkliches, ein unendlich zart veranlagtes. Joseph
schritt hher hinauf, und da hoben sich mit einem Mal die grauen
Schleier, die die untere Erde belegten, zerfasernd auf, durchstochen von
dem feurigsten Himmelblau, und eine Sonne, so warm wie im Sommer, machte
den Spaziergnger an ein eitles Mrchen glauben. Hohe Tannen standen da,
in stolzer, kraftvoller Haltung, mit Schnee beladen, der in der Sonne
zerflo und von den groen sten herabfiel.

Als Joseph mit der bereits begonnenen Nacht nach Hause kam, brannte
schon im Gastzimmer, einem Eckzimmer, das man fast nie betrat, der
Weihnachtsbaum. Frau Tobler fhrte die Kinder zu demselben hinein und
zeigte ihnen die Geschenke. Auch Pauline wurde beschenkt, und Joseph
erhielt eine Kiste Zigarren unter der Bemerkung, da das zwar wenig
aber dafr von Herzen sei. Tobler war bemht, dem Fest einen
gemtlichen, wirtshuselnden Anstrich zu geben, er rauchte die gewohnte
Pfeife und blinzelte mit seinen Augen den Tannenbaum an, der lieblich
umherstrahlte. Frau Tobler lchelte und sagte ein paar schickliche
Worte, zum Beispiel, wie schn doch so ein Bumchen sei. Aber es mochte
ihr nicht so recht zum Mund herauskommen. berhaupt stockte alles ein
bichen, und es verbreitete sich keine sonderliche Freudenandacht um die
paar dastehenden Menschen, sondern es legte sich Wehmut um alles. Auch
war es kalt im Gastzimmer, und wo Weihnachtsfreude htte herrschen
sollen, da durfte es nicht kalt sein. Man ging daher immer ins
Wohnzimmer hinber, um sich dort ein wenig Wrme zu holen, und kam dann
wieder zum Baum. Jeder Weihnachtsbaum ist schn und jeder hat noch
Rhrung erzwungen. Auch der Toblersche war schn, nur die Menschen, die
um ihn herumstanden, konnten sich zu keiner lngeren und tieferen
Rhrung und Freude aufschwingen.

Da htten Sie letztes Jahr sollen dabei gewesen sein, das waren noch
Weihnachten! Kommen Sie. Trinken Sie ein Glas Wein, sagte Tobler zum
Gehlfen und veranlate ihn, ins Wohnzimmer an die Wrme zu treten.
Letzterer machte ein unzufriedenes Gesicht, als wre er der Zigarren
wegen verstimmt gewesen, was er selber nicht genau wute. Man sei halt
dieses Jahr, sagte und seufzte die Frau, nicht in der richtigen Stimmung
fr so etwas. Sie schlug zaghaft vor, noch einen Ja߫ zu machen. Habe
man es das ganze Jahr lang getan, so knne man auch einmal am
Weihnachtsabend zu den Karten greifen, vielleicht werde es dann ein
bichen lustiger im Zimmer. So nahm man zu den Spielkarten Zuflucht.

Der Baum war inzwischen strahlen- und lichterlos geworden. Die Kinder
lie man noch eine halbe Stunde sich mit den Geschenken beschftigen,
worauf sie in die Betten geschickt wurden. Nach und nach
verwirtshuselte die Luft im weihnachtlichen Wohnzimmer gnzlich. Das
Lachen und Benehmen der drei einsamen Menschen, die da Wein tranken,
teils Zigarren rauchten, teils Bonbons aen und miteinander Karten
spielten, verlor alle besondere Scheu und Eigenheit, die etwa noch
htten an einen Festhauch erinnern knnen. Es war das gewhnliche
Benehmen und das allerunfeierlichste Lachen. Die Stimmung, die nun diese
Spieler beherrschte, war aber nicht einmal die gewohnt-gemtliche, denn
-- es war halt doch Weihnachten, und der feinere und schnere Gedanke,
der hie und da aufblitzen mochte, mahnte vorberhuschend an die Snde,
das Fest und den Inhalt desselben derart, wie es geschah, verdorben und
entwertet zu haben.

Ja, einsam waren diese drei Menschen, am einsamsten der Gehlfe, weil er
fhlte, da er als ein hinzugeflogenes Glied einem Haus angehrte, das
langsam aufhrte, ein solches zu sein; weil er sich nicht, wie Herr
Tobler, sagen durfte, er habe das Recht, in diesem Hause zu tun und zu
verhindern oder zu umgehen, was ihm beliebe, da es nicht sein eigenes
war; weil er htte Weihnachten haben und begehen wollen, da er sich doch
einmal in solch einem Hause und in solch einer brgerlichen Familie
befand; weil er des Glaubens gewesen war in den letzten Jahren, er
entbehre viel, solches vermissen zu mssen, und weil er am
migestimmtesten von allen dreien Kartenspielern war und dies als ein
groes Unrecht empfinden mute.

Ist dieses nun heiliger Abend? dachte er.

Die Frau sagte unter anderem auf einmal, es sei doch nicht ganz recht,
an Weihnachten Karten zu spielen. Bei ihnen im Elternhaus wrde es so
etwas nie gegeben haben. Es habe doch eigentlich gar keine Art, wie man
da heute Nacht wieder wirtshusele.

Dadurch in Unlaune versetzt, erwiderte Tobler: So hren wir eben auf!

Er warf die Karten auf den Tisch und rief aus:

Jawohl ist es nicht recht, so etwas am Weihnachtsabend zu tun. Aber was
ist das fr ein Kreis, wir hier? Was sind wir? Uns kann der Wind morgen
zum Haus hinausfegen. Ja, da wo Geld ist, da ist noch Lust, Feste, und
noch dazu heilige, zu feiern. Wo Wohlstand ist, wo Glck, Erfolg und
allgemeine, husliche Freude ist. Wer hat sich drei oder mehr Monate
hindurch unnatrlich um das Gelingen der Lebensgeschfte abplagen
mssen, erfolglos, und will dann mit einem Mal frhliche Feste feiern?
Ist so etwas berhaupt denkbar? Habe ich recht oder nicht, Marti? He?

Nicht ganz, Herr Tobler, sagte der Gehlfe.

Es gab ein langanhaltendes Schweigen, das, je lnger es dauerte, niemand
zu unterbrechen wagte. Tobler wollte etwas von der Reklame-Uhr, die Frau
etwas von Dora, und Joseph etwas von Weihnachten sagen, aber alle
unterdrckten ihre Gedanken. Es war, als ob allen der Mund zugenht
gewesen wre. Pltzlich schrie Tobler:

So tut doch bald eure Schnbel auf und saget etwas. Das ist zu
langweilig, da geht man ja gescheiter ins Wirtshaus.

Ich gehe ins Bett, sagte Joseph und verabschiedete sich. Auch die
andern gingen bald nach oben, und das war Weihnacht gewesen.

                   *       *       *       *       *

Die Neujahrswoche verlief still und eigentmlich gemtvoll, die
Geschfte lagen am Boden, es gab wenig zu tun, auer, um einen seltsamen
Menschen, den Erfinder einer Kraftmaschine, im Kontor von Zeit zu Zeit
zu empfangen. Dieser halb buerlich, halb weltstdtisch angehauchte Kauz
besuchte in dieser Woche das Haus Tobler fast tglich, indem er den Chef
desselben antrieb, er mchte fr das Geniewerk, dessen Entwrfe er im
Bureau liegen lie, ttig sein. Man lachte ber den Mann, dessen Sache
man nicht ernst nehmen konnte, aber Tobler sagte einmal beim Mittagessen
zu den brigen: Lacht doch nicht so. Der Mann ist gar nicht dumm.

Die Begeisterung, mit welcher der Kraftanlagenschpfer das Kind seines
Geistes verfocht und in fast himmelhohe Bedeutung hochhob, gab viel zu
reden und sorgte in gar nicht bler Weise fr die Unterhaltung in der
still und trge dahingehenden Woche. Der seltsame Mensch besa keinerlei
exakte und elegante Bildung, er sprach einesteils wie ein junger Trumer
und Bauer, und andersteils htte man ihn fr einen Schwindler oder
Jahrmarktbudenbesitzer halten knnen, denn eines Tages schlug er Herrn
Tobler die ffentliche und unter Bezahlung von Eintrittsgeld zu
besichtigende Schaustellung der Selbstkrafterzeugmaschine in Stdten und
Grostdten vor, an Orten, wo recht viel Volk sich zu tummeln pflege,
ber welche Idee man gar nicht genug glaubte lachen zu sollen.

Da sollte nun Tobler schon wieder einmal einem anscheinend ganz begabten
Menschen auf die Beine helfen, damit derselbe nicht in einer
Schlosserwerksttte als Arbeiter geistig zu vertrgen und zu erlahmen
brauchte, aber er, Tobler, selber, wie erging es denn ihm, und wo waren
die hlfsbereiten Menschen, die dann auch ihm halfen?

Alle kommen zu ihm, sagte Frau Tobler, alle denken sie an ihn, wenn
sie auf der Suche nach einem Bereitwilligen sind, alle haben sie Lust,
ihn und seine gesellige Natur auszubeuten, und er hilft jedem. So ist
er.

Der Gehlfe machte in dieser Woche krzere und weitere Spaziergnge in
die kalten aber schnen Winterlandschaftsgegenden und -Bilder hinein. Da
gab es Wagenfurchen auf der Landstrae, an die die Fe anschlugen. Da
gab es steifgefrorene Wiesen, die den Berg anliefen, und kalte, rote
Hnde, die man vor den Mund hielt, um hineinzublasen. Dickbemntelte
Menschen begegneten ihm, und Nchte berraschten ihn in unbekannten
Gegenden. Oder es gab da eine Eisbahn auf einem ehemalig herrschaftlich
gewesenen Parkweiher, fahrende und umfallende Menschen jeden Alters und
beiderlei Geschlechtes darauf, mit den Geruschen, die solche
Schlittschuhbahnen auszuzeichnen und abzumalen pflegen. Und dann stand
er pltzlich wieder vor dem Toblerschen Haus, schaute von unten zu ihm
hinauf und sah, wie der kalte Mond es verzauberte, whrend die
halbdunklen Nachtwolken um dasselbe herumflogen, groen, trauernden,
aber lieblichen Frauen hnlich, um es scheinbar in die Hhe zu ziehen,
damit es sich auflse in schner Weise.

Zu Hause war dann alles so sonderbar still, nicht einmal die Silvi mehr
konnte man hren. Die Tugenden und Untugenden des Hauses Tobler schienen
sich beiderseits zufrieden gegeben und sich stumm verbrdert zu haben.
In der Wohnstube sa etwa die Frau in dem Schaukelstuhl, arbeitete etwas
oder las etwas, oder sie hielt Dora auf ihrem Scho und tat gar nichts.

Wie Sie mich im Sommer drauen im Garten gereitschaukelt haben, Marti!
sagte sie einmal. Sie sehne sich nach dem Garten, sie wisse nicht wie.
Wie das schon so lange her scheine. Joseph sei jetzt ein halbes Jahr
hier, und ihr sei es, als sei er schon so viel lnger um sie herum. Wie
doch so etwas derart ins Gefhl komme.

Sie schaute die Lampe an. Der Blick, womit sie das tat, schien zu
seufzen. Sie sagte:

Sie, Marti, haben es eigentlich recht gut, viel besser als mein Mann
und als ich, aber von mir will ich gar nicht reden. Sie knnen von hier
weggehen, Sie packen einfach Ihre paar Sachen, setzen sich in die
Eisenbahn und fahren nach wohin Sie wollen. Sie finden berall Stellung,
denn Sie sind jung, und man glaubt, wenn man Sie vor sich sieht, Sie
seien tchtig, und Sie sind es ja auch. Sie haben mit niemandem auf der
Welt, mit niemandes Eigenheit und Bedrfnis, zu rechnen, es zieht
niemand Sie ab, in die Weite und in die Ungewiheit hinauszuschweifen.
Das ist vielleicht oft bitter, aber wie schn und wie frei kann es sein.
Wenn es Ihnen pat, und wenn es Ihnen die paar kleinen, nicht gar sehr
genierenden Verhltnisse erlauben, so marschieren Sie, und wenn Sie zu
drfen glauben, ruhen Sie an irgend einem festen Punkt und Ort wieder
aus, und wer wollte, und was wollte und knnte Sie daran verhindern? Sie
sind vielleicht manchmal unglcklich, aber wer ist es nicht, manchmal
verzweifelt, aber wessen Seele schonen die Schwierigkeiten? An nichts
Dauerndes sind Sie gebunden, an nichts Hemmendes gefangen und an nichts
Allzuliebevolles gefesselt und angekettet. Es mu Ihnen manchmal
unerhrt luferisch und luftspringerisch zumute sein, da Sie sich
dermaen voller Bewegungs-Erlaubnis erblicken drfen. Und gesund sind
Sie auch, und Ihr Herz mag schon am rechten Fleck sitzen, ich kann es
mir denken, trotzdem Sie sich fters so zaghaft benommen haben.
Vielleicht bin ich undankbar. Ich habe mich nun all die Zeit her mit
Ihnen nett und lang und ruhig unterhalten knnen, und es hat sich
vielleicht gut getroffen, da Sie ins Haus zu fliegen gekommen sind, und
ich habe Sie oft schlecht behandelt--

Frau Tobler! bat Joseph. Sie schnitt ihm das Wort ab und fuhr fort:

Unterbrechen Sie mich nicht. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen,
Ihnen zu raten, wenn Sie einmal von uns fort sind----

Aber ich gehe ja gar nicht fort!--

Sie fuhr weiter:

----fort sind, und gedenken, sich selbstndig zu machen, es anders
anzustellen als mein Mann, ganz anders. Pfiffiger vor allen Dingen.

Ich bin nicht pfiffig, sagte der Gehlfe.

Wollen Sie denn Ihr Lebtag lang Angestellter bleiben?

Er sagte, das wisse er nicht. Er bekmmere sich um Zukunftsfragen nicht
viel. Sie nahm wieder das Wort auf und sagte:

Jedenfalls haben Sie hier oben etwas sehen und sich etwas einprgen
knnen, auch gelernt haben Sie mancherlei, wenn Sie es der Mhe wert
gehalten haben, die Augen zu ffnen, und das werden Sie, so wie ich Sie
einigermaen schon kenne, getan haben. Sie sind ein bichen an
Erfahrung, an Wissen und an Gesetzen reicher geworden, und Sie werden
das alles womglich eines Tages brauchen knnen. Nicht wahr, manches Mal
ist man Ihnen ber den Mund gefahren, und getragen und ertragen haben
Sie manches. Sie muten! Wenn ich so denke -- ach was, ich habe, mit
einem Wort, das Gefhl, Joseph, da Sie uns jetzt bald, bald verlassen.
Nein, sagen Sie nichts. Sagen Sie lieber nichts. Einige Tage werden wir
ja doch wohl schon noch zusammen bleiben, oder nicht? Was meinen Sie?

Ja, sagte er. Es war ihm unmglich, mehr zu sagen.

Am nchsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene
Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung
beifgend:

    Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk. Die
    Zigarren sind mir von meinem gegenwrtigen Herrn zu Weihnachten
    gegeben worden. Du wirst sie gewi gern rauchen, es sind gute, zwei
    davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei fehlen. Wenn ich
    mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden
    Stcke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften
    anhaften, so kommt mir so recht zum Bewutsein, erstens, da ich Dir
    niemals schreibe, zweitens, da ich arm bin, derart, da ich Dir nie
    Geld schicken kann, zwei Mngel, die ich beweinen wrde, wenn ich
    mir das erlauben drfte. Wie geht es Dir? Ich bin berzeugt, da ich
    ein schlechter Sohn bin, aber ich bin ebenso vollkommen von der
    Gewiheit durchdrungen, da ich ein guter Kerl von Sohn wre, wenn
    es einen Sinn htte, Briefe zu schreiben ohne erfreulichen Inhalt.
    Das Leben, mit dem man ehrlich glaubt kmpfen zu sollen, gestattete
    mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe
    gesund und lasse Dir das Essen immer wohlschmecken und fange das
    neue Jahr gut an. Ich will's auch versuchen.

                                               Dein Sohn Joseph.

Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschften nach, dachte er.

                   *       *       *       *       *

Die mndlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand
bewirkten, da derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tnen
gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewute alte Dame dahin
beantwortete, da der Rest der Sohnesansprche bei weitem erschpft sei,
ja, da sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen msse, wie sie
sich in ihren alten Tagen durchschlage, und da von weiteren Auszahlungen
an Karl Tobler die Rede berhaupt nicht mehr sein knne. Derselbe Mann,
fast mchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als
die notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unberlegtheiten zu
tragen. In der Art der Geschfte, in die er sein Vermgen geworfen habe,
knne sie nichts Gewinn- und Existenzversprechendes begrndet erblicken.
Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhchste
Zeit, da Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhltnisse fgen
lerne, die ihn zwngen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun
mssen, zu arbeiten. Fr ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der
selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in
die er sich gestrzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei
nichts mehr zu erwarten.

Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mtterlichen Bescheides
bermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er
gebrdete sich wie ein wildes Tier, stie unnatrliche Schimpfworte
gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen
gewesen wre, und brach dann, wie schon einmal, erschpft zusammen.

Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das nun
so oft schon der Schauplatz ungehriger und unbeherrschter Szenen hatte
sein mssen. Auch Joseph hatte alles Wrdelose und Fassungslose wieder
mit angesehen und angehrt. In diesem Moment wre er am liebsten gleich
auf und davon gegangen, aber wozu es herbeiziehen, dachte er, es
kommt schon von selber. Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und
er frchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr hliche
Empfindungen, eine wie die andere natrlich, aber auch ungerecht. Was
veranlate ihn, nun noch lnger der Angestellte dieses Mannes zu
bleiben? Der Gehalt-Rckstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz
anderes, etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens
diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die
Flecken der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung
waren auch die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und
um so lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden
und geschlossen fhlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt
er sich, an dem pate ihm vieles nicht, das hate er gelegentlich, weil
er sich mchtig von ihm immer angezogen gefhlt hatte.

Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar mild
geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille
Freudentrnen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das lief
als munteres, warmes Wasser die Hnge und Hgel hinunter, dem Seewasser
zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frhlingstag mitten in
den Winter hinein verloren htte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag.
Die beiderlei Sorten Gefhle, die schnen und die schmerzlichen, die
sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehlfen bewegten, reizte
das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie
zugleich, so da es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da
zum letzten Mal den schnen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten
Bumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und
Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren.

Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon an
die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich fr den
Silvesterabend zu einer gemtlichen Zusammenkunft zu verabreden
gedachte.

Der Wirsich? Der sei lngst abgegangen. Das sei ja eine pure
Unmglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen
Tag betrunken gewesen.

Joseph entschuldigte sich und verlie den Laden. Ist das mglich,
dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebude. Im Postfach
lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Wei, auf welcher diese gute
Frau ihm Glck und Gedeihen wnschte. Er lchelte, schlo das Fach zu
und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstrae
einschlug. Das Wirtshaus zur Rose streifend, das an der Strae lag,
erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch sa und den Kopf
schrecklich verzweifelt in die hohle Hand sttzte. Das Gesicht des
unglcklichen Menschen war bla wie der Tod, seine Kleider waren
schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.

Joseph trat nher und setzte sich zu seinem Vorgnger. Viel wurde
zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewutsein des Unheils findet
in der Regel keine Worte. Der Gehlfe trank ziemlich stark, gleichsam,
um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stck Verstndnis nher
zu rcken, indem er fhlte, da hier der nchterne Sinn und Verstand
beinahe unpassend gewesen wre. Die Zeit verging, indem er sich erzhlen
lie, wie es gekommen war, da der andere aus dem guten Lebensposten
wieder verjagt werden mute.

Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen, sagte dann
Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen
unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so gingen sie
zusammen, erst ein Stck gradaus, dann bergauf, ber die freundlichen
Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da htte plaudern und scherzen
knnen, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mdchens oder einer
schnen Dame gegangen wre. Wie man sich, wenn es halb erlaubt gewesen
wre, htte kssen knnen. Auf einer Bank in Bergeshhe vielleicht. Oder
wie man gesprochen htte, etwa mit einem Bruder, oder wie es da htte
sein knnen, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und gutmtiger
lterer Herr gewesen wre. Gelacht wrde man haben, und ein ernstes,
aber ruhiges Wort wrde man schn vor sich hingesprochen haben. Wenn man
aber Wirsich betrachtete, mute man mit den Verhltnissen und Geschicken
der Welt heimlich zrnen und grollen, denn Wirsich bot keinen schnen
Anblick dar.

Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er dazu,
den ganzen halben Tag von Geschft und Haus fern zu bleiben, ohne um
Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwrfe.

Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze Landschaft
schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen, gedmpften
Erdfarben. Das Grn der Matten lchelte aus dem Schnee, dieser war von
der Sonne zu weien Flecken und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es
an, Abend zu werden, und nun htte er doch nicht wnschen mgen, er wre
besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen.

Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fhlte er lebhaft. Dieser
verunglckte Mensch durfte nicht gnzlich allein gelassen werden. Und
jetzt pate die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend
und in die Dmmerungen des Abends. Schon zndeten Menschen in Husern
Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die weicheren
und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen
beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche Verabredung
getroffen zu haben.

Tobler war nicht zu Hause. Die Frau sa im Wohnzimmer, in der
Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezndet, und
Pauline und die Kinder waren noch irgendwo drauen in der Umgebung. Sie
erschrak ber die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen
Gesellen, aber sie fate sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum
er denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darber
aufgeregt, er sei bse, und sie frchte, es werde nun wieder etwas
Unangenehmes geben.

Guten Abend, Wirsich, sagte sie zu dem andern und reichte die Hand,
wie geht es Ihnen?

So! Es geht so, machte der. Joseph ergriff das Wort:

Frau Tobler, wrden Sie mir erlauben, fr heute nacht meinen Kameraden
bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet er sich
in Verlegenheit, wo er bernachten soll, es sei denn in der 'Rose' da
unten, aber ich will mein Mglichstes getan haben, zu versuchen, da
man ihn verhindert, dort zu nchtigen. Wirsich hat soeben seine neue
Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das wei er selber. Sein
Geld hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See strzt, so begeht er
ein Ding, worber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken knnen,
das aber schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Sufer
und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor
Ihnen selber, Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine
ist, keinerlei Takt zu bewahren, weil berhaupt keine Haltung mehr da
ist. Aber er mu nicht heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so
nehme ich ihn als meinen besten Freund und Kameraden ungeniert in ein
Haus mit, in dem ich als Arbeiter ttig, und als Bewohner vertraut bin.
Ich werde jetzt noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am
Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und
lustlos; ich gedenke im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgnger, da
ich es nur sage, ruhig und anstndig zu durchzechen, denn so machen es
heute ja alle Menschen, die glauben, es sich erlauben zu drfen. Ich
werde dann mit Wirsich hieher zurckkehren, um ihn bei mir oben
bernachten zu lassen, mag Herr Tobler das nun bel nehmen oder nicht.
Ich wollte Ihnen das, gndige Frau, im voraus sagen. Vieles, was mich
diese ganze Zeit ber in Erregung hat versetzen knnen, begegnet in
meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das Unglck meines Kameraden
angeschaut habe, der gleichmtigsten und allerschnsten Ruhe. Ich wage
es, dem kommenden Leben tief und sorglos und warm ins Auge zu blicken.
Ich vertraue meinem bichen Kraft aufrichtig, und das ist mehr, als wenn
einer Wagenladungen voller Krfte und Heuschober voll Fhigkeiten htte,
aber denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau
Tobler, Ihnen danke ich, da Sie die Gte hatten, mich anzuhren.

Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in
diesem Augenblick zurck. Der Wirsich ist da, riefen sie in heller,
lustiger Freude aus. Er mute allen die Hand geben, und alle, die
dabeistanden, hatten das seltsame Gefhl, als habe jetzt Wirsich
angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei
er whrend all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wre
er nur in ein anderes Zimmer gegangen und htte dort ein etwas
ausschweifendes, berspanntes Buch gelesen, als htte seine Abschweifung
nur eine Stunde oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die
Wiedersehensfrhlichkeit der Kinder fr ihn.

Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte
aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den
beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber
etwa auch ein bichen aufs Ma schauen und mit Trinken und Feten nicht
allzu hoch ber die Schnur hauen. Da Wirsich hier bei Toblers, wo er
doch frher wie zur Familie gehrt habe, bernachten knne, das verstehe
sich von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden,
damit es keine Szene gebe.

Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter! scholl es aus
Josephs Mund nach dem Haus zurck.

Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwrter ein Lied. Die warme
Mnnerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht
hineinpassen. Das Lied klang so gleichmig und gleichtnend, da man
ihm, als man es hrte, zutraute, es werde noch ber das alte Jahr hinaus
ins neue hinein und hinber tnen wollen.

Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstrae langsam gegen
das Dorf zu.

                   *       *       *       *       *

Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und whrend der Nacht
betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele
Glser sie tranken, welche Art von Gesprchen sie zusammen fhrten, das
zu beschreiben wrde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und
Unbedeutende hinberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen
pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu
handeln pflegt, das heit, sie gaben sich einem langsamen, aber desto
vergnglicheren und desto zielbewuteren Rausch hin. In einem der
zahlreichen Brenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch
mit Freunden sa und merkwrdigerweise ber Religion sprach. Joseph
hrte, so gut er noch hren konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe
seine Kinder gem den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an
nichts, so etwas hre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden
Angestellten, dem gegenwrtigen und dem frheren, schenkte der Ingenieur
infolge seiner heftigen Gesprchsanteilnahme keine Beachtung.

Um zwlf Uhr fingen die Glocken an zu tnen und zu erschallen, um den
Beginn des neuen Jahres lutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz
spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelst von den Chren des
Mnnergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von Fackeln
beleuchtet, das nchtliche Konzert. Joseph bemerkte den
Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wtenden
Handelsgrtner, den rgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter
den Zuschauern und Zuhrern.

Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschfte, bessere, als sonst in
Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das
ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gnnte sich etwas, das er
sich sonst nicht wohl htte erlauben drfen; das ergab schne, fette
Rechnungen, und diese wurden gleich bar bezahlt.

Frau Tobler war in Begleitung Paulinens zu der Mitternachtsmusik
gekommen, still und verschmt, im Gegensatz zu den unverschmten Augen,
die sie unter ihren Mitbrgerinnen antraf, die es sich zur Wonne
machten, die Frau in Verlegenheit zu bringen. Sie war heute eine
einsame, wenig geachtete, wenig beliebte Frau, aber sie ertrug es.

Am spten Morgen erwachten im Turmzimmer zwei noch nicht ausgeschlafene
Kpfe. Es war heller Tag und bereits elf, halb zwlf Uhr, also schon
beinahe Mittag. Schnell kleideten sich Marti und Wirsich an, um hinunter
zu gehen. Im Bureau stund schon Herr Tobler. Sein Zorn, als er den
Sptling und den unberufenen Eindringling erblickte, kannte keine
Grenzen. Er war nahe daran, Joseph zu schlagen.

Nicht nur, rief er aus, da Sie den ganzen vorigen Tag, ohne auch nur
ein Wort der Entschuldigung oder der Benachrichtigung zu sagen,
weggeblieben sind und die Nacht durchgelungert haben, besitzen Sie auch
noch die Frechheit, einen neuen halben Tag zu versumen und zu
verschlafen. Unerhrt ist das. Es gibt ja vielleicht hier unten heute
gar nichts Wesentliches zu tun, zugegeben, aber es kann jemand Geschfte
halber daherkommen, und welchen Eindruck macht dann das, wenn die Magd
dem Ankmmling sagen mu, der Lump von Angestellter liege noch oben in
seinem Nest. Schweigen Sie. Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht links und
rechts, wie Sie's verdienen, ohrfeige. Und hat auch noch die Stirne, in
Gesellschaft eines Menschen anzulangen, der, wenn er sich nicht
augenblicklich jetzt aus dem Staube macht, auf Niewiedersehen, wie ich
ihm befehle, anderes und deutlicheres zu gewrtigen hat. Und kommt an,
mit einer Gelassenheit, die dem erstbesten Galgenvogel, aber nicht dem
schuldbewut sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses
Haus ist noch immer ein Haus und mein Haus, und wegen der Unsicherheit,
in der es sich befindet, darf niemand mich zum Narren und Buben machen,
am allerletzten mein Angestellter, dem ich Lohn ausbezahle, damit er zu
leben hat. Setzen Sie sich ans Pult und arbeiten Sie. Schreiben Sie. Es
gilt einen letzten Versuch mit der Reklame-Uhr zu machen. Nehmen Sie die
Feder zur Hand.

Der Gehlfe sagte mit einer endgltig verletzenden Ruhe:

Zahlen Sie mir den Rest des versprochenen Lohnes aus.

Er wute kaum, was er sagte, er hatte nur das bestimmte
Schlu-Bewutsein. Es wre ihm unmglich gewesen, die Feder in die Hand
zu nehmen, so stark erzitterte er, deshalb sagte er unwillkrlich
dasjenige, was die strkste Mglichkeit darbot, zu Ende mit all diesen
Dingen zu gelangen.

Tobler war denn auch auer aller Fassung.

Machen Sie, da Sie sofort zum Haus hinauskommen. Fort! Zu meinen
Feinden! Ich brauche Sie nicht mehr.

Er berhufte Joseph mit Beleidigungen, zuerst heftigen, dann immer
schwcheren, bis der Ton der Wut gnzlich in Klage und Schmerz
bergegangen war. Joseph stand immer noch da. Es dnkte ihn, mit der
ganzen Welt Mitleiden haben zu sollen, ein wenig auch mit sich, aber
stark und nachdenklich mit allem ihn Umgebenden. Wirsich war lngst
vorlufig in den Garten hinausgetreten. Der Hund wedelte seinen alten
Bekannten an. Frau Tobler aber stand unterdessen am Fenster des
Wohnzimmers und hrte mit gespanntem Ohr durch die Wnde und Mauern, was
von unten her zu ihr durchdringen mochte. Gleichzeitig beobachtete sie
die Bewegungen des im Garten stehenden, frheren Gehlfen.

Ich erledige noch diese paar Briefe, Herr Tobler, dann gehe ich,
sprach's vom Schreibtisch aus.

Ob er ohne Lohn fortgehen wolle? fragte Tobler.

Der andere erwiderte, es sei ihm nicht mehr mglich, zu bleiben, worauf
Tobler sagte, das sei doch wohl nicht so bluternst aufzufassen. Der Chef
nahm seinen Hut und entfernte sich. Nach einer Stunde begab sich der
Gehlfe, so unauffllig er konnte, in sein Turmzimmer hinauf und begann
dort, seine paar Sachen einzupacken. Da nahm er der Reihe nach wieder
diese kleinen, nichts- und fr ihn vielbedeutenden Gegenstnde in die
Hand, um sie suberlich aber rasch in den bereitgehaltenen Koffer zu
stecken. Als er mit Packen fertig war, stellte er sich fr zwei Minuten
an das offene Fenster und schaute noch einmal so recht mit dem dankbaren
Herzen die Gegend an. Dem groen See da unten warf er sogar eine Kuhand
zu, ohne zu berlegen, was er tat, sondern einfach in dem Gefhl des
pltzlich notwendig gewordenen Abschiednehmens.

Von der Plattform aus, auf die er jetzt trat, rief er Wirsich zu:
Warten Sie. Ich komme im Moment. -- Dann ging er die Treppe hinunter,
das Kfferchen in der Hand tragend. Wie ihm das Herz klopfte!

Ich mu nun Adieu sagen, ich mu nun gehen, sagte er zu Frau Tobler.
Diese fragte:

Was hat's denn gegeben? Mssen Sie gehen?

Ja, antwortete der Gehlfe.

Denken Sie ein bichen an mich, wenn Sie fort sind?

Er bckte sich und kte ihr beide Hnde. Sie sagte:

Ja, Joseph, denken Sie ein wenig an Frau Tobler, es wird Ihnen nicht
schaden. Das ist eine Frau, wie viele, keine bedeutende Frau. Lassen
Sie! Kssen Sie mir jetzt nicht mehr die Hand. Sagen Sie meinen Kindern
adieu. Walter! Komm doch. Joseph will uns verlassen. Komm Dora, gib
Joseph die Hand. Kommt. Ja.--

Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort:

Es wird Ihnen sicherlich gut gehen, ich hoffe es und wnsche es, und
ich wei es beinahe. Seien Sie immer ein bichen demtig, nicht zu viel,
Ihren Mann werden Sie immer stellen mssen. Aber brausen Sie nie auf,
lassen Sie die ersten Worte des belwollens immer unbeantwortet; auf ein
heftiges erstes Wort folgt ja so schnell ein zchtiges, sanftes.
Gewhnen Sie sich daran, Empfindlichkeiten in der Stille zu besiegen.
Was Frauen jeden Tag tun mssen das soll auch der Mann nicht wollen ganz
auer acht lassen. Das Weltleben unterliegt ja denselben Gesetzen wie
das husliche Leben, nur greren und breiteren. Nur nie strmisch!
Haben Sie auch alles, was Ihnen gehrt, eingepackt? Gehen Sie jetzt
mit Wirsich? Hren Sie, Marti, nur nie zwangsweise, immer ein bichen
artig. Dann werden Sie schon vorwrtskommen. Ich, ich werde auch bald
fortgehen. Dieses Haus ist verloren. Wir werden, ich und mein Mann und
meine Kinder, irgendwo dann in der Stadt wohnen, wahrscheinlich in einem
billigen Quartier. Man gewhnt sich an alles, und nicht wahr, ein ganz
klein wenig gern sind Sie doch hier bei uns gewesen. Nicht wahr? Es war
doch vieles hbsch. Wollen Sie Tobler nicht auch adieu sagen lassen?

Von Herzen! sagte der Gehlfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:

Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie
verdient, da Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir
alle. Sie sind unser Angestellter gewesen -- nein, gehen Sie jetzt. Viel
Glck, Joseph.

Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar
nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und
ging. Und dann verlieen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.

Unten auf der Landstrae angekommen, machte Joseph halt, zog einen
Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zndete sich denselben an und drehte
sich noch einmal nach dem Haus um. Er grte es in Gedanken, dann gingen
sie weiter.




[ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
steht.

gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mhe zu geben, indem er
gehen kann. Er gelobte sich im stillen, sich Mhe zu geben, indem er

zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld;
zur nutzbringenden Insertion bedienen. Solch ein Feld kostet Geld;

Reklame-Uhr geworfen. Ein sonderbarer Spa, zehn- bis zwanzigtausend
'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spa, zehn- bis zwanzigtausend

Mark in Uhren zu werfen. Gut, da ich mir dieses Wort werfen gemerkt
Mark in Uhren zu werfen. Gut, da ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt

Rang- und Bildungsunterschiede fallen umbarmherzig in einen groen, bis
Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen groen, bis

hei wurde und sie ihm verzeihten, ohne da sie sich Rechenschaft gaben,
hei wurde und sie ihm verziehen, ohne da sie sich Rechenschaft gaben,

einums andere Mal auf den ppigen Mund zu kssen. Wie furchtbar weh
ein ums andere Mal auf den ppigen Mund zu kssen. Wie furchtbar weh

Tiefe setzte sich an das unergndlich Nasse an. Die Frau hielt ihre
Tiefe setzte sich an das unergrndlich Nasse an. Die Frau hielt ihre

Meine Herrin, dachte Josef, versteht kein Wort Franzsisch. Die
Meine Herrin, dachte Joseph, versteht kein Wort Franzsisch. Die

des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal dawaren, und so
des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so

toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum
Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum

Aha! machte der Gehilfe.
Aha! machte der Gehlfe.

Tobler frug Josef, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaen
Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaen

Nein, noch nicht. Josef habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.
Nein, noch nicht. Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.

der Hand des eifrigen Gehilfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,
der Hand des eifrigen Gehlfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,

aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es jetzt einfach eine
aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine

absetzen, auf das drfe Joseph immer sich gefat machen.
absetzen, auf das drfe Joseph immerhin sich gefat machen.

ganz fort, wenn du dich durch ihn geschdigt glaubst, aber mach' keine
ganz fort, wenn du dich durch ihn geschdigt glaubst, aber mach keine

seinem Luftgemach, bequem gemacht hatte:
seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte:

Eine halbe Stunde spter gab es im Gartenhaus beim Kaffetrinken einen
Eine halbe Stunde spter gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen

um dem Empfindlichen von seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu
um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu

Kissen auf! Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Tre,
Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Tre,

Es ergab sich in einem durch den Gehlfen eingeleitenen Gesprch, da
Es ergab sich in einem durch den Gehlfen eingeleiteten Gesprch, da

Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr vonder
Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der

Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten wenn er
Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er

manigfaltigen Irrtmer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!
mannigfaltigen Irrtmer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!

na. Der Bahnwter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nhe, er war
na. Der Bahnwrter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nhe, er war

nichts Wichtigerem beschftigt sich, folgendes darauf:
nichts Wichtigerem beschftigt sah, folgendes darauf:

herum, und so lange die Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es
herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es

teilweise aus Schwindel oder aus fortreiender Erzhlungsphantasie
teilweise aus Schwindel oder aus fortreiender Erzhlerphantasie

Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenwrter trat zur rasselnden
Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwrter trat zur rasselnden

Loch immer voller Rauch war. Der Gefangenwrter, ein anscheinend
Loch immer voller Rauch war. Der Gefangenenwrter, ein anscheinend

im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benehmen und sagte
im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benhmen und sagte

den Etisch lag.
dem Etisch lag.

sah, seinen Gegner in anstniger Weise niederzuwerfen. Schlielich
sah, seinen Gegner in anstndiger Weise niederzuwerfen. Schlielich

durftest vertrauen, da sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht
durftest vertrauen, du sahest jeden Moment aus deiner Frau Mama Gesicht

gedankenlos Ja, das kam von den Krben her. Ich bin zum Laufburschen
gedankenlos. Ja, das kam von den Krben her. Ich bin zum Laufburschen

Winden und mit Schneensse an der Erde, als der Gehlfe von Haus zu zu Haus
Winden und mit Schneensse an der Erde, als der Gehlfe von Haus zu Haus

desselben antrieb, er er mchte fr das Geniewerk, dessen Entwrfe er im
desselben antrieb, er mchte fr das Geniewerk, dessen Entwrfe er im

schuldbewut voll sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses
schuldbewut sein sollenden Angestellten des Hauses Tobler ziemt. Dieses
]





End of the Project Gutenberg EBook of Der Gehlfe, by Robert Walser

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GEHLFE ***

***** This file should be named 27598-8.txt or 27598-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/2/7/5/9/27598/

Produced by Jana Srna and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.net/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.net

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.net),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
