The Project Gutenberg EBook of Candida, by George Bernard Shaw

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Title: Candida

Author: George Bernard Shaw

Release Date: December, 2005  [EBook #9491]
[This file was first posted on October 5, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, CANDIDA ***




E-text prepared by Michalina Makowska







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CANDIDA

Ein Mysterium in drei Akten

George Bernard Shaw

bersetzt von Siegfried Trabitsch







PERSONEN

Pastor Jakob Morell
Candida, seine Frau
Burgess, ihr Vater
Alexander Mill, Unterpfarrer
Proserpina Garnett, Maschinenschreiberin
Eugen Marchbanks, ein junger Dichter

Ort der Handlung: Die St. Dominikpfarre, Viktoriapark, London E.

Zeit: Oktober 1894.




ERSTER AKT

(Ein schner Oktobermorgen im nordstlichen Viertel Londons.  In
diesem ausgedehnten Bezirk sind die Seitengsschen viel weniger
schmal, schmutzig, belriechend und stickig als in dem viele
Meilen entfernten London von Mayfair und St. James.  Hier spielt
sich besonders das unelegante Leben der Mittelklassen ab. Die
breiten, dichtbevlkerten Strassen sind mit hsslichen eisernen
Bedrfnisanstalten, radikalen Klubs und Trambahnlinien, auf denen
Ketten von gelben Wagen endlos einziehen, reichlich versehn.  Doch
Sind die Hauptverkehrsadern mit grasbewachsenen Vorgrtchen verziert,
von denen man nur den kleinen Streifen betritt, der vom Pfrtchen zur
Haustr fhrt.  Jene Strassen werden durch die stumm geduldete
Eintnigkeit sich meilenweit erstreckender hsslicher Ziegelbauten,
schwarzer Eisengitter, Steinpflaster und Schieferdcher arg entstellt.
Anstndig aber unmodern oder gemein und rmlicb gekleidete Leute, die
an dieses Viertel gewhnt sind und sich zumeist in aufreibender Weise
fr andere plagen mssen, ohne sich fr ihre Arbeit zu interessieren,
bilden ihre Bewohner.  Das bisschen ihnen gebliebene Energie und Eifer
gipfelt in der Habgier des Londoner Cockneys und in der Begierde, ihr
Geschft vorwrts zu bringen.  Selbst die Schutzleute und die Kapellen
sind nicht selten genug, die Eintnigkeit zu unterbrechen.  Die Sonne
scheint klar, es ist nicht neblig, und obgleich der Rauch sowohl die
Gesichter und Hnde als auch die Mauern aus Ziegelstein und Mrtel
verhindert, frisch und rein zu sein, so ist er doch nicht schwarz und
schwer genug, um einen Londoner zu belstigen.)

(Diese reizlose Wste hat ihre Oase.  Am ussersten Ende der
Hackneystrasse ist ein durch ein hlzernes Pfahlwerk abgeschlossener
Park von 270 Morgen angelegt.  Er enthlt Rasenpltze, Bume, einen
Teich zum Baden, Blumenbeete, die Triumphe der vielbewunderten
Cockney-Kunst der Teppichgrtnerei sind, und eine Sandgrube, die
ursprnglich zur Belustigung der Kinder vom Meeresufer importiert,
aber schleunigst verlassen wurde, als sie sich in eine natrliche
Ungezieferbrutsttte fr die ganz kleine Fauna von Kingsland,
Hackney und Hoxton verwandelte.  Ein Orchester, ein kleines
Forum fr religise, antireligise und politische Redner,
Cricketpltze, ein Turnplatz und ein altmodischer Steinkiosk bilden die
Hauptanziehungspunkte.  Wo die Aussicht von Bumen oder grnen Anhhen
begrenzt wird, ist es ein hbscher Aufenthaltsort.  Wo sich aber der
Boden flach bis zu dem grauen Lattenzaun hinzieht und man Ziegel und
Mrtel, Reklameschilder, zusammengedrngte Schornsteine und Rauch
gewahrt muss die Gegend (im Jahre 1894), trostlos und hsslich genannt
werden.)

(Die beste Aussicht auf den Viktoriapark gewinnt man von den
Frontfenstern der St. Dominikpfarre; von dort sieht man auf keinerlei
Mauerwerk.  Das Pfarrhaus steht halb frei, mit einem Vorgarten und
einer Vorhalle.  Besucher bentzen die Stufen, die auf die Veranda
fhren, Geschftsleute und Familienmitglieder geben durch eine Tr
unterhalb der Treppe in das Erdgescho, wo ein Frhstckszimmer nach
vorne liegt, das zu allen Mahlzeiten dient; die Kche liegt hinten.
Oben, auf einem Niveau mit der Flurtr, befindet sich das
Empfangszimmer mit seinem breiten Fenster aus geschliffenem Glas, das
auf den Park hinausfhrt.)

(Hier, in dem einzigen Raume, der von den Familienmahlzeiten und den
Kindern verschont bleibt, vollbringt der Pfarrer, Reverend Jakob Mavor
Morell, sein Tagewerk.  Er sitzt in einem starken drehbaren Stuhl mit
runder Lehne am Ende eines langen Tisches, der dem Fenster
gegenbersteht, so da er sich durch einen Blick ber die linke
Schulter an der Aussicht auf den Park erfreuen kann.  Am Ende des
Tisches, an diesen anstoend, befindet sich ein zweiter Tisch, der nur
halb so breit ist und eine Schreibmaschine trgt.--Seine Schreiberin
sitzt davor mit dem Rcken gegen das Fenster.  Der groe Tisch ist
unordentlich mit Zeitungen, Broschren, Briefen, Schubladeeinstzen,
einem Notizheft, einer Briefwage und hnlichen Dingen bedeckt.  In der
Mitte steht ein briger Stuhl fr die Besucher, die mit dem Pfarrer
geschftlich zu tun haben.  Seiner Hand erreichbar steht eine
Papierkassette und eine Photographie in einem Rahmen.  Die Wand hinter
ihm ist mit Bcherregalen zugestellt.  Die theologische Richtung des
Pfarrers kann ein Sachverstndiger an: Maurices "Theologischen Essays"
und einer vollstndigen Ausgabe der Browningschen Gedichte erkennen,
seine politischen Reformideen an einem gelbrckigen Band "Fortschritt
und Armut", den "Essays der Fabier", dem "Traum John Bulls" von
William Morris, dem "Kapital" von Marx und einem halben Dutzend
anderer grundlegender sozialistischer Bcher.  Dem Pfarrer gegenber,
auf der andern Seite des Zimmers in der Nhe der Schreibmaschine, ist
die Tr.  Weiter hinten, dem Kamin gegenber, steht ein Bcherbrett
auf einem Spind, daneben ein Sofa.  Ein starkes Feuer brennt im Kamin
und davor steht ein bequemer Lehnstuhl, ferner ein schwarz lackierter,
blumenbemalter Kohleneimer auf der einen Seite und ein Kindersessel
fr einen Knaben oder ein Mdchen auf der anderen.  Der hlzerne
Kaminsims ist lackiert, und in den kleinen Feldern der nett geformten
Fcher sind winzige Spiegelglser eingelegt, und eine Reiseuhr in
einem Lederetui (das unvermeidliche Hochzeitsgeschenk) steht darauf.
An der Wand darber hngt eine groe Autotypie der Hauptfigur aus
Tizians Assunta.  So sieht der Kamin sehr einladend aus.  Im ganzen
gesehen ist es das Zimmer einer guten Hausfrau, die, was des Pastors
Arbeitstisch betrifft, an etwas Unordnung gewhnt ist, aber trotzdem
die Situation vollkommen beherrscht.  Die Einrichtung verrt in ihrem
ornamentalen Aussehen den Stil der in den Zeitungen annoncierten
"Saloneinrichtung" des unternehmenden Vorstadtmbelhndlers; aber es
ist nichts Zweckloses oder Aufdringliches in dem Zimmer.  Die Tapeten
und die Tfelung sind dunkel und lassen das groe helle Fenster und
den Park drauen krftig hervortreten.)

(Hochwrden Jakob Mavor Morell ist ein christlich-sozialer Geistlicher
der anglikanischen Kirche und ein aktives Mitglied der Gilde von
"Sankt Matthus" und der "Christlich Socialen Union".  Ein starker,
freundlicher, allgemein geachteter Mann von vierzig fahren, krftig
und hbsch, voll Energie und mit liebenswrdigen, herzlichen,
rcksichtsvollen Manieren, mit einer gesunden, natrlichen Stimme, die
er mit der wirkungsvollen Betonung eines gebten Redners benutzt.  Er
verfgt ber einen groen Wortschatz, den er vollkommen beherrscht.
Er ist ein vorzglicher Geistlicher, fhig, was er will zu wem er will
zu sagen und die Leute abzukanzeln, ohne sich ber sie zu rgern,
ihnen seine Autoritt aufzudrngen, ohne sie zu demtigen und, wenn es
sein mu, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen, ohne dabei zu
verletzen.  Die Quelle seiner Begeisterung und seines Mitgefhls
versiegt niemals auch nur fr einen Augenblick; er it und schlft
noch immer ausgiebig genug, um die tgliche Schlacht zwischen
Erschpfung und Erholung glnzend zu gewinnen.  Dabei ist er ein
groes Kind, verzeihlicherweise eitel auf seine Fhigkeiten und
unbewust selbstgefllig.  Er hat eine gesunde Gesichtsfarbe, eine
schne Stirn mit etwas plumpen Augenbrauen, glnzende und lebhafte
Augen, einen energischen Mund, der nicht besonders schn geschnitten
ist, und eine krftige Nase mit den beweglichen, sich blhenden
Nasenflgeln des dramatischen Redners, die aber wie alle seine Zge
der Feinheit entbehrt.)

(Die Maschinenschreiberin, Frulein Proserpina Garnett, ist eine flinke
kleine Person von ungefhr dreiig Jahren, sie gehrt der unteren
Mittelklasse an, ist nett, aber billig mit einem schwarzen Wollrock
und einer Bluse bekleidet, ziemlich vorlaut und naseweis und nicht
sehr hflich in ihrem Benehmen, aber empfindungsfhig und
teilnahmsvoll.  Sie klappert emsig auf ihrer Maschine drauf los,
whrend Morell den letzten Brief seiner Morgenpost ffnet.  Er
durchfliegt seinen Inhalt mit einem komischen Sthnen der Verzweiflung.)

(Proserpina.)  Wieder ein Vortrag?

(Morell.)  Ja.  Ich soll nchsten Sonntagvormittag fr die
Freiheitsgruppe von Hoxton sprechen.  (Er betont mit groer
Wichtigkeit "Sonntag", weil das der unvernnftige Teil des Verlangens
ist.)  Was sind das fr Leute?

(Proserpina.)  Ich glaube, kommunistische Anarchisten.

(Morell.)  Es sieht den Anarchisten hnlich, nicht zu wissen, da sie
am Sonntag keinen Pastor haben knnen.  Schreiben Sie ihnen, sie
sollen in die Kirche kommen, wenn sie mich hren wollen, das kann
ihnen nicht schaden!  Und fgen Sie hinzu, da ich nur Montags und
Donnerstags frei bin.  Haben Sie das Vormerkbuch da?

(Proserpina hebt das Vormerkbuch auf:)  Ja!

(Morell.)  Ist irgendeine Vorlesung fr nchsten Montag angesetzt?

(Proserpina im Vormerkbuch nachschlagend:)  Der radikale Klub von Tower
Hamlet.

(Morell) Nun, und Donnerstag?

(Proserpina.)  Die englische Bodenreform-Liga.

(Morell.)  Was dann?

(Proserpina.)  In der Gilde von Sankt Matthus am Montag.  In der
unabhngigen Arbeitervereinigung, Abteilung Greenwich, am Donnerstag;
am Montag darauf in der soziademokratischen Fderation, Abteilung Mile
End; am folgenden Donnerstag ist die erste Konfirmationsklasse.
(Ungeduldig:)  Ach, ich will lieber schreiben, da Sie berhaupt nicht
kommen knnen; es sind doch nur ein halbes Dutzend unwissende und
eingebildete Hausierer, die miteinander keine fnf Schilling haben.

(Morell belustigt:)  Ah, aber bedenken Sie, es sind nahe Verwandte von
mir, Frulein Garnett.

(Proserpina ihn anstarrend:)  Verwandte von Ihnen?

(Morell.)  Ja!  Wir haben denselben Vater--im Himmel.

(Proserpina erleichtert:)  Oh, weiter nichts?

(Morell mit einer Melancholie, die einem Manne Genu ist, dessen
Stimme sie schon so schn auszudrcken vermag:)  Ah, Sie glauben das
auch nicht,--jedermann sagt es, niemand glaubt es, niemand!  (Schnell
zu seinem Gegenstande zurckkehrend:)  Gut, gut!  Na, Frulein
Proserpina, knnen Sie keinen Tag fr die Hausierer finden, wie ist's
mit dem fnfundzwanzigsten,--der war noch vorgestern frei.

(Proserpina aus dem Vormerkbuch:)  Auch vergeben--an die Fabier.

(Morell.)  Hol' der Geier die Fabier!  Ist der achtundzwanzigste
gleichfalls vergeben?

(Proserpina.)  Bankett in der City.  Sie sind von den Httenbesitzern
zum Speisen eingeladen.

(Morell.)  Das geht, ich werde eben statt dessen nach Hoxton gehen.
(Sie trgt diese Verpflichtung schweigend ein, mit unerschtterlicher
Verachtung gegen diese Hoxtoner Anarchisten, die sich in jeder Linie
ihres Gesichtes spiegelt.  Morell reit das Streifband eines Exemplars
des "Church Reformer" ab, das mit der Post angekommen ist, und
berfliegt den Leitartikel Stewart Hedlams und die Mitteilungen der
Gilde von Sankt Matthus.  Diese Vorgnge werden alsbald durch das
Erscheinen des Unterpfarrers Morells, Alexander Mill, unterbrochen.
Er ist ein junger Mensch, den Morell von der nchsten Missionstelle
der Universitt bezogen hat, wohin er von Oxford gekommen war, um dem
East-End von London die Wohltat seiner akademischen Bildung angedeihen
zu lassen.  Er ist ein eingebildeter, gutgesinnter, unreifer Mann, von
enthusiastischer Natur.  Nichts absolut Unausstehliches ist in seinem
Wesen auer der Gewohnheit, um eine gezierte Sprache zu erzielen, mit
sorgsam geschlossenen Lippen zu reden und eine Menge Vokale schlecht
auszusprechen, als ob dies das Hauptmittel wre, die Bildung Oxfords
unter den Pbel Hackneys zu tragen.)

(Morell, den er durch eine hndische Unterwrfigkeit fr sich gewann,
blickt nachsichtig von seiner Lektre im "Church Reformer" auf und
bemerkt:)  Nun, Lexi, wieder verschlafen, wie gewhnlich?

(Mill.)  Leider ja.  Ich wollte, ich knnte des Morgens leichter
aufstehen.

(Morell freut sich der eigenen Energie:)  Ha, ha! (launig:)  "Wache und
bete", Lexi, "wache und bete".

(Mill.)  Ich wei.  (Er bentzt diese Gelegenheit sofort, um einen Witz
zu machen.)  Aber wie kann ich wachen und beten, wenn ich schlafe;
--hab' ich nicht recht, Frulein Prossi?

(Proserpina scharf:)  Frulein Garnett, wenn ich bitten darf.

(Mill.)  Entschuldigen Sie, Frulein Garnett.

(Proserpina.)  Sie mssen heute alle Arbeit allein erledigen.  (Mill.)
Warum?

(Proserpina.)  Fragen Sie nicht, warum.  Es wird Ihnen wohl bekommen,
Ihr Abendbrot einmal zu verdienen, bevor Sie es essen, wie ich es
tglich tue.  Los, trdeln Sie nicht.  Sie sollten schon seit einer
halben Stunde unterwegs sein.

(Mill starr:)  Spricht sie im Ernst, Herr Pastor?

(Morell in bester Laune--seine Augen glnzen:)  Ja.  Heute werd' ich
einmal bummeln.

(Mill.)  Sie?  Sie wissen ja nicht, wie man das macht.

(Morell herzlich:)  Ha, ha!  Weiichdasnicht?  Diesen Tag will ich ganz
fr mich haben, oder doch wenigstens den Vormittag!  Meine Frau kommt
nmlich zurck, um elf Uhr fnfundvierzig soll sie hier eintreffen.

(Mill erstaunt:)  Schon zurck--mit den Kindern?  Ich dachte, sie
wollte bis Ende des Monats fortbleiben.

(Morell.)  So ist es.  Sie kommt nur fr zwei Tage her, um fr Jimmy
etwas Flanellwsche einzukaufen und um zu sehen, wie wir hier ohne sie
fertig werden.

(Mill ngstlich:)  Aber lieber Herr Morell, wenn das, was Jimmy und
Flussy gefehlt hat, wirklich Scharlach war, halten Sie es fr klug?--

(Morell.)  Unsinn, Scharlach!  Masern waren es, ich habe sie selbst von
der Pycroftstrae aus der Schule nach Hause gebracht; ein Pastor ist
wie ein Arzt, mein Lieber, er mu der Ansteckung ins Auge sehen knnen
wie ein Soldat den Kugeln.  (Er erbebt sich und schlgt Mill auf die
Schultern.)  Trachten Sie, Masern zu bekommen, wenn Sie knnen; Candida
wird Sie dann pflegen, und was fr ein Glcksfall wre das fr Sie,
--was?

(Mill unsicher lchelnd:)  Es ist schwer, Sie zu verstehen, wenn Sie
ber Frau Morell sprechen.--

(Morell weich:)  Mein lieber Junge, seien Sie erst verheiratet!
Verheiratet mit einer guten Frau, und dann werden Sie mich verstehen.
Es ist ein Vorgeschmack von dem Besten, was uns in dem himmlischen
Reich erwartet, das wir uns auf Erden zu grnden versuchen.  Dann
werden Sie sich schon das Bummeln abgewhnen!  Ein braver Mann fhlt,
da er dem Himmel fr jede Stunde des Glcks ein hartes Stck
selbstloser Arbeit zum Wohle seiner Mitmenschen schuldig ist.  Wir
haben ebensowenig das Recht, Glck zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen,
als Reichtum zu verbrauchen, ohne ihn zu erwerben.  Suchen Sie sich
eine Frau wie meine Candida, und Sie werden immer Schuldner sein,
wieviel Sie auch abzahlen.  (Er klopft Mill liebevoll auf den Rcken
und ist im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Mill ihn zurckruft.)

(Mill.)  Oh, warten Sie einen Augenblick, ich verga...  (Morell bleibt
stehen und wendet sich um, die Trklinke in der Hand.)  Ihr Herr
Schwiegervater wird hierherkommen, er hat mit Ihnen zu sprechen.
(Morell schliet die Tr wieder, mit vollkommen verndertem Wesen.)

(Morell berrascht und nicht erfreut:)  Burgess?

(Mill.)  Ja!  Ich traf ihn mit jemandem im Park, in eifrigem Gesprch.
Er sprach mich an und bat mich, Sie wissen zu lassen, da er
hierherkommt.

(Moroll halb unglubig:)  Aber er ist seit Jahren nicht hier gewesen.
Sind Sie sicher, Lexi?  Sie scherzen doch nicht etwa?--

(Mill ernst:)  Nein, Herr Pastor, ganz bestimmt nicht!

(Morell nachdenklich:)  Hm, hm, er hlt es an der Zeit, sich wieder
einmal nach Candida umzusehen, ehe sie gnzlich aus seinem Gedchtnis
verschwindet.  (Er fgt sich in das Unvermeidliche und geht hinaus;
Mill sieht ihm mit begeisterter, nrrischer Verehrung nach.  Frulein
Garnett, die Mill nicht schtteln kann, wie sie mchte, lt ihre
Gefhle an der Schreibmaschine aus.)

(Mill.)  Was fr ein vortrefflicher Mann, welch ein tiefes liebevolles
Gemt!  (Er nimmt Morells Platz am Tisch ein und macht es sich bequem,
indem er eine Zigarette hervorzieht.)


(Proserpina ungeduldig, nimmt den Brief, den sie auf der Maschine
geschrieben hat, und faltet ihn zusammen:)  Ach! ein Mann sollte seine
Frau lieben knnen, ohne einen Narren aus sich zu machen.

(Mill erregt:)  Aber Frulein Proserpina!

(Proserpina geschftig aufstehend, holt ein Kuvert aus dem Pulte, in
das sie, whrend sie spricht, den Brief hineinlegt:)  Candida hin und
Candida her und Candida berall.  (Sie leckt das Kuvert.)  Es kann
einen auer Rand und Band bringen!  (Hmmert das Kuvert, um es fest zu
schlieen.)  Hren zu mssen, wie eine ganz gewhnliche Frau in dieser
lcherlichen Weise vergttert wird, blo weil sie schnes Haar und
eine leidliche Figur hat.

(Mill mit vorwurfsvollem Ernst:)  Ich finde sie ungewhnlich schn,
Frulein Garnett.  (Er nimmt die Photographie zur Hand betrachtet sie
und fgt mit noch tieferem Ausdruck hinzu:)  Wunderbar schn,--was fr
herrliche Augen sie hat!

(Proserpina.)  Candidas Augen sind durchaus nicht schner als meine,
(Mill stellt die Photograpbie fort und sieht sie strenge an,) und ich
wei ganz gut, da Sie mich fr ein gewhnliches und untergeordnetes
Geschpf halten.

(Mill erbebt sich majesttisch:)  Gott behte, da ich von irgendeinem
Geschpf Gottes in dieser Weise dchte.  (Er geht steif von ihr fort
bis in die Nhe des Bcherschranks.)

(Proserpina mit bitterem Spott:)  Ich danke Ihnen, das ist sehr nett
und trstlich.

(Mill traurig ber ihre Verstocktheit:)  Ich hatte keine Ahnung, da
Sie etwas gegen Frau Morell haben.

(Proserpina entrstet:)  Ich habe durchaus nichts gegen sie.  Sie ist
sehr liebenswrdig und sehr gutherzig, ich habe sie sehr gern und wei
ihre wirklich guten Eigenschaften weit besser zu wrdigen, als
irgendein Mann es knnte.  (Mill schttelt traurig den Kopf, wendet
sich zum Bcherschrank und sucht die Reihen entlang nach einem Bande.
Sie folgt ihm mit heftiger Leidenschaftlichkeit.)  Sie glauben mir
nicht?  (Er wendet sich um und blickt ihr ins Gesicht.  Sie fllt ihn
mit Heftigkeit an:)  Sie halten mich fr eiferschtig?  Was fr eine
tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens Sie haben, Herr Alexander Mill!
Wie gut Sie die Schwchen der Frauen kennen, nicht wahr?  Wie schn
es sein mu, ein Mann zu sein und einen scharfen durchdringenden
Verstand zu haben, statt bloe Gefhle, wie wir Frauen, und zu wissen,
da die Ursache, warum wir ihr Vernarrtsein in eine Frau nicht teilen,
nur in gegenseitiger Eifersucht zu suchen sein kann.  (Sie wendet sich
mit einer Bewegung ihrer Schultern von ihm ab und geht an das Feuer,
ihre Hnde zu wrmen.)

(Mill.)  Ach, wenn Ihr Frauen nur ebenso leicht den Schlssel zur
Strke des Mannes fndet wie zu seiner Schwche, es gbe keine
Frauenfrage.

(Proserpina ber ihre Schulter, whrend sie die Hnde vor die Flammen
hlt:)  Wo haben Sie das von Herrn Morell gehrt?  Sie selbst haben es
nicht erfunden,--Sie sind dazu nicht gescheit genug.

(Mill.)  Das ist ganz richtig.  Ich schme mich durchaus nicht, ihm
diesen Ausspruch zu verdanken, wo ich ihm schon so viele andere
geistige Wahrheiten verdanke!  Er tat ihn bei der Jahresversammlung
der freien Frauenvereinigung.  Erlauben Sie mir hinzuzufgen, da ich,
obwohl blo ein Mann, im Gegensatz zu jenen Frauen diesen Ausspruch zu
schtzen wute!  (Er wendet sich wieder an den Bcherschrank in der
Hoffnung, da diese Worte sie vernichtet haben.)

(Proserpina ordnet ihr Haar vor den kleinen Spiegeln des Kamins:)  Wenn
Sie mit mir sprechen, sagen Sie mir geflligst Ihre eigenen Gedanken,
soviel sie eben wert sind, und nicht die Pastor Morells.  Sie geben
niemals eine traurigere Figur ab, als wenn Sie versuchen, ihn
nachzumachen.

(Mill gekrnkt:)  Ich versuche seinem Beispiel zu folgen, aber nicht,
ihn nachzumachen.

(Proserpina kommt wieder an ihn heran auf dem Rckwege zu ihrer Arbeit:)
Jawohl, Sie machen ihn nach.  Warum stecken Sie Ihren Schirm unter
den linken Arm, statt ihn in der Hand zu tragen wie jeder andere?
Warum gehen Sie mit vorgeschobenem Kinn und warum eilen Sie vorwrts
mit diesem eifrigen Ausdruck in den Augen,--Sie, der Sie nie vor halb
zehn Uhr morgens aufstehen?  Warum sagen Sie in der Kirche "Aandacht",
obwohl Sie im Leben "Andacht" sagen?  Bah--glauben Sie, ich wei das
nicht?  (Geht zurck zur Schreibmaschine.)  Da kommen Sie her und
machen Sie sich endlich an Ihre Arbeit; wir haben heute Morgen genug
Zeit verloren.  Hier ist eine Abschrift der Tageseinteilung fr heute.
(Sie reicht ihm ein Memorandum.  Mill schwer beleidigt:)  Ich danke
Ihnen.  (Er nimmt das Papier und steht mit dem Rcken gegen sie an den
Tisch gelehnt und liest.) Sie fngt an, auf der Schreibmaschine ihre
stenographischen Aufzeichnungen zu bertragen, ohne auf Mills Gefhle
zu achten.

(Burgess tritt unangemeldet ein.)  Er ist ein Mann von sechzig Jahren,
derb und filzig geworden durch die notwendige Selbstsucht des kleinen
Krmers, die sich spter durch berftterung und geschftlichen Erfolg
zu trger Aufgeblasenheit milderte.  Ein gemeiner, unwissender,
unmiger Mensch, beleidigend und hochnasig Leuten gegenber, deren
Arbeit wohlfeil ist, ehrfrchtig gegen Menschen von Reichtum und Rang,
aber beiden gegenber ganz aufrichtig und ohne Groll oder Neid.  Da
sie ihn ohne besondere Fhigkeiten sah, hat ihm die Welt keine andere
gut bezahlte Arbeit zu bieten gewut, als unnoble Arbeit, und er wurde
infolgedessen etwas erbrmlich, hat aber keine Ahnung, da er so
beschaffen ist, und betrachtet seinen kommerziellen Wohlstand ganz
ehrlich als den unvermeidlichen und sozial berechtigten Triumph der
Geschicklichkeit, Tchtigkeit, Fhigkeit und Erfahrung eines Mannes,
der im Privatleben bertrieben, leichtsinnig, liebenswrdig und
leutselig ist.  Krperlich ist er kurz und dick, mit einer
schnauzenhnlichen Nase in der Mitte eines flachen, breiten Gesichtes;
unter dem Kinn ein staubfarbener Bart mit einem grauen Fleck in der
Mitte; er hat wsserige blaue Augen mit klagend sentimentalem Ausdruck,
der sich durch die Gewohnheit, seine Stze wichtigtuend zu singen,
auch leicht auf seine Stimme bertrgt.

(Burgess bleibt an der Schwelle stehen und blickt umher:)  Man sagte
mir, Herr Morell sei hier.

(Proserpina sich erhebend:)  Er ist oben, ich will ihn holen.

(Burgess sie frech anstarrend:)  Sie sind nicht dieselbe junge Dame,
die sonst fr ihn schrieb.

(Proserpina.)  Nein.

(Burgess beistimmend:)  Nein, die war jnger.  (Frulein Garnett starrt
ihn an, dann gebt sie mit groer Wrde hinaus.  Er nimmt dies
gleichgltig entgegen und geht an den Kaminteppich, wo er sich
umwendet und sich breitspurig aufpflanzt, den Rcken dem Feuer
zugekehrt.)

(Burgess.)  Sind Sie im Begriff Ihren Rundgang zu machen, Herr Mill?

(Mill faltet sein Papier und steckt es in die Tasche:)  Jawohl, ich mu
gleich fort.

(Burgess wichtig:)  Lassen Sie sich nicht aufhalten; was ich mit Herrn
Morell zu besprechen habe, ist ganz privater Natur.

(Mill aufgeblasen:)  Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich
einzumengen, verlassen Sie sich darauf, Herr Burgess.  Guten Morgen!

(Burgess herablassend:)  Guten Morgen, guten Morgen!

(Morell kommt zurck, whrend Mill sich zur Tr wendet.)

(Morell zu Mill:)  Sie gehen an die Arbeit?

(Mill.)  Jawohl, Herr Pastor.

(Morell klopft ihn liebenswrdig auf die Schulter:)  Da, nehmen Sie
mein Seidentuch um den Hals, es geht ein kalter Wind drauen.  Aber
jetzt machen Sie, da Sie fortkommen.  (Mill, mehr als getrstet ber
Burgess' Schroffheit, freut sich und geht hinaus.)

(Burgess.)  Guten Morgen, Jakob.  Sie verwhnen Ihren Unterpfarrer wie
immer.  Wenn ich einen Mann bezahle und einer auf meine Kosten lebt,
dann weise ich ihm gehrig seinen Platz an.

(Morell etwas kurz angebunden:)  Ich weise meinem Unterpfarrer immer
seinen Platz an, nmlich an meiner Seite als meinem Helfer und
Kameraden.  Wenn es Ihnen gelingt, so viel Arbeit aus Ihren Kommis und
Angestellten herauszukriegen wie ich aus meinem Unterpfarrer, dann
mssen Sie ziemlich rasch reich werden.  Bitte, setzen Sie sich in
Ihren gewohnten Stuhl.  (Er weist mit trockener Autoritt auf den
Armstuhl neben dem Kamin, dann ergreift er einen freien Stuhl und
setzt sich in zurckhaltender Entfernung von seinem Besucher.)

(Burgess ohne sich zu rhren:)  Sie sind ganz der alte, Jakob.

(Morell.)  Als Sie mich das letztemal besuchten--ich glaube, es war vor
drei Jahren--da sagten Sie genau dasselbe.  Nur etwas aufrichtiger.
Ihr wrtlicher Ausspruch war damals: "Derselbe Narr wie immer, Jakob."

(Burgess sich rechtfertigend:)  Vielleicht sagte ich das, aber (mit
vershnender Heiterkeit:)  ich meinte nichts Beleidigendes damit.  Ein
Geistlicher hat das Privilegium, ein wenig nrrisch sein zu
drfen--wissen Sie, das liegt schon in seinem Beruf.  Einerlei, ich
bin nicht hergekommen, um alte Meinungsverschiedenheiten aufzuwrmen,
sondern um die Vergangenheit vergessen sein zu lassen.  (Er wird
pltzlich sehr feierlich und nhert sich Morell.)  Jakob, vor drei
Jahren haben Sie mir bel mitgespielt.  Sie haben mich um meine
Lieferungen gebracht, und als ich Ihnen in meiner erklrlichen
Verzweiflung bse Worte gab, brachten Sie meine Tochter gegen mich auf.
Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu zeigen, da ich ein guter Christ
bin.  (Ihm seine Hand darreichend:)  Ich verzeihe Ihnen, Jakob.

(Morell auffahrend:)  Verdammt frech!

(Burgess weicht zurck mit fast schluchzendem Vorwurf ber diese
Behandlung:)  Ziemt diese Sprache einem Pastor, Jakob?  Und besonders
Ihnen?

(Morell bitzig:)  Nein, sie ziemt ihm nicht, ich habe das falsche Wort
gebraucht,--ich htte sagen sollen: "Der Teufel soll Ihre Frechheit
holen!" Das wrde Ihnen der heilige Paulus und jeder andere brave
Priester gesagt haben.  Glauben Sie, ich habe Ihr Anerbieten vergessen,
als Sie fr das Armenhaus vertragsmig Kleider liefern sollten?

(Burgess in hchster Erbitterung, weil ihm seine Forderung nur recht
und billig erscheint:)  Ich habe im Interesse der Steuerzahler
gehandelt, Jakob,--es war das niedrigste Angebot, das knnen Sie nicht
leugnen.

(Morell.)  Jawohl, das niedrigste, weil Sie schlechtere Lhne zahlten
als irgendein anderer Unternehmer--Hungerlhne,--ach, rger als
Hungerlhne war die Bezahlung, die Sie den Frauen fr ihre Nharbeit
geboten haben.  Ihre Lhne htten die Armen auf die Strae getrieben,
um Leib und Seele zu verkaufen.  (Immer wtender werdend:)  Jene Frauen
waren aus meinem Kirchsprengel, ich habe die Armenpfleger dazu
gebracht, da sie sich schmten, Ihr Angebot anzunehmen, ich habe die
Steuerzahler dazu gebracht, da sie sich schmten, es zuzulassen, ich
habe jeden bis auf Sie dazu gebracht, sich deswegen zu schmen.
(berschumend vor Wut:)  Wie knnen Sie es wagen, Herr,
hierherzukommen und mir etwas vergeben zu wollen und ber Ihre Tochter
zu sprechen und...

(Burgess.)  Beruhigen Sie sich, Jakob,--still, still, regen Sie sich
nicht fr nichts und wieder nichts so auf.  Ich habe ja zugegeben, da
ich unrecht hatte.

(Morell wtend:)  Haben Sie das?  Ich habe nichts davon bemerkt!

(Burgess.)  Natrlich gab ich's zu, so wie ich's noch jetzt zugebe.  Na,
ich bitte Sie um Verzeihung wegen des Briefes, den ich Ihnen
geschrieben habe,--gengt Ihnen das?

(Morell mit den Fingern schnalzend:)  Ganz und gar nicht!  Haben Sie
die Lhne erhht?

(Burgess triumphierend:)  Ja!

(Morell verblfft innehaltend:)  Was?

(Burgess salbungsvoll:)  Ich bin das Muster eines Arbeitgebers geworden.
Ich beschftige keine Frauen mehr, sie haben alle den Laufpa
bekommen, und die Arbeit wird jetzt durch Maschinen verrichtet.  Nicht
ein Mann verdient jetzt weniger als sechs Pence die Stunde, und die
alten gebten Arbeiter bekommen die von den Gewerkschaften
festgesetzten Lhne.  (Stolz:)  Was sagen Sie jetzt?

(Morell berwltigt:)  Ist das mglich?  Na, es ist mehr Freude im
Himmel ber einen Snder, der Bue tut--(Er geht auf Burgess zu mit
einem Ausbruch entschuldigender Herzlichkeit.)  Mein lieber Burgess,
ich bitte Sie herzlichst um Verzeihung wegen der schlechten Meinung,
die ich von Ihnen hatte.  (Seine Hand fassend:)  Und fhlen Sie sich
nicht wohler nach dieser Vernderung?  Gestehen Sie es!  Sie sind
glcklicher, Sie sehen glcklicher aus.

(Burgess klglich:)  Na ja, vielleicht fhle ich mich jetzt glcklicher,
ich mu wohl, da Sie es bemerken.  Tatsache ist, da mein Angebot von
der Behrde angenommen wurde.  (Wild:)  Sie wollte nichts mit mir zu
schaffen haben, ehe ich anstndige Lhne zahlte--der Teufel soll
diese verdammten Narren holen, die ihre Nase in alles stecken mssen!

(Morell lt seine Hand fahren, aufs tiefste entmutigt:)  Das ist also
der Grund, warum Sie die Lhne erhht haben!  (Er setzt sich
niedergeschlagen.)

(Burgess streng, anmaend, lauter werdend:)  Weswegen sollt' ich es
sonst getan haben?  Wohin anders fhrt es, als zu Trunksucht und
Ausschweifungen?  (Er setzt sich wie ein Richter in den groen
Lehnstuhl.)  Das ist alles sehr schn und gut fr Sie: es bringt Sie in
die Zeitungen und macht Sie zu einem berhmten Manne; aber Sie denken
nie an den Schaden, den Sie anrichten, indem Sie die Taschen der
Arbeiter mit Geld anfllen, das sie doch nicht vernnftig auszugeben
verstehen, whrend Sie es Leuten fortnehmen, die gute Verwendung dafr
htten.

(Morell nach einem schweren Seufzer, mit kalter Hflichkeit:)  Was
wollen Sie also heute von mir?  Ich bilde mir nicht ein, da nur
verwandtschaftliche Gefhle Sie herfhren.

(Burgess hartnckig:)  Doch--gerade verwandtschaftliche Gefhle und
nichts anderes!

(Morell mit mder Ruhe:)  Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess springt drohend auf:)  Sagen Sie mir das nicht ein zweites Mal,
Jakob Morell!

(Morell unerschtterlich:)  Ich werde es genau so oft sagen, als es
ntig ist, Sie davon zu berzeugen.--Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess versinkt in einen Zustand von tief verwundetem Gefhl:)  Nun
gut, wenn Sie durchaus unfreundlich sein wollen, dann ist es wohl am
besten, ich gehe.  (Er bewegt sich zgernd gegen die Tr, Morell gibt
kein Zeichen.  Burgess zgert noch.)  Ich habe nicht erwartet, Sie
unvershnlich zu finden, Jakob.  (Da Morell noch immer nicht antwortet,
macht er noch einige zgernde Schritte nach der Tr, dann kommt er
zurck, jammernd:)  Wir haben uns doch immer ganz gut vertragen, trotz
unserer verschiedenen Anschauungen, warum sind Sie mir gegenber jetzt
so verndert?  Ich gebe Ihnen mein Wort, da ich blo aus Freundschaft
hergekommen bin und nicht, um mich mit dem Manne meiner eigenen
Tochter auf schlechten Fu zu stellen.  Seien Sie doch ein Christ,
Jakob, reichen Sie mir Ihre Hand.  (Er legt seine Hand sentimental auf
Morells Schulter.)

(Morell blickt nachdenklich zu ihm auf.)  Schauen Sie, Burgess, wollen
Sie hier ebenso willkommen sein, wie Sie es waren, ehe Sie Ihren
Vertrag verloren?

(Burgess.)  Jawohl, Jakob, das mchte ich wirklich.

(Morell.)  Warum benehmen Sie sich dann nicht wie damals?

(Burgess nimmt seine Hand behutsam weg:)  Wie meinen Sie das?

(Morell.)  Das will ich Ihnen sagen.  Damals hielten Sie mich fr einen
jungen Dummkopf!

(Burgess schmeichelnd:)  Nein, dafr habe ich Sie nicht gehalten, ich--

(Morell ihn unterbrechend:)  Ja, dafr hielten Sie mich!  Und ich hielt
Sie fr einen alten Schurken.

(Burgess will diese schwere Selbstanklage Morells heftig abwehren:)
Nein, das haben Sie nicht getan, Jakob.  Jetzt tun Sie sich selbst
unrecht.

(Morell.)  Doch, das tat ich.  Na, das hat aber nicht gehindert, da
wir ganz gut miteinander ausgekommen sind.  Gott hat aus Ihnen das
gemacht, was ich einen Schurken nenne, und aus mir das, was Sie eben
einen Dummkopf nennen.  (Diese Bemerkung erschttert die Grundfesten
von Burgess' Moral.  Ihm wird schwach, und whrend er Morell hilflos
anblickt, streckt er die Hand ngstlich aus, um sein Gleichgewicht zu
bewahren, als ob der Boden unter ihm wankte.  Morell fhrt im selben
Tone ruhiger berzeugung fort:)  Es ist in beiden Fllen nicht meine
Sache, mit Gott darber zu rechten.  Solange Sie offen als ein sich
selbst achtender, echter, berzeugter Schurke hierherkommen und, stolz
darauf, Ihre Schurkereien zu rechtfertigen versuchen, sind Sie
willkommen.  Aber (und nun wird Morells Ton furchtbar; er erhebt sich
und sttzt sich zur Bekrftigung mit der Faust auf die Rckenlehne des
Stuhles:)  ich mag Sie hier nicht herumschnffeln haben, wenn Sie so
tun, als ob Sie das Muster eines Arbeitgebers wren und ein bekehrter
Mann dazu, whrend Sie nur ein Abtrnniger sind, der seinen Rock nach
dem Winde trgt, um einen Vertrag mit der Behrde zustande zu bringen.
(Er nickt ihm zu, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, dann geht er
zum Kamin, wo er in bequemer Kommandostellung, mit dem Rcken gegen
das Feuer gekehrt, lehnt und fortfhrt:)  Nein, ich liebe es, wenn ein
Mensch wenigstens sich selber treu bleibt, selbst im Bsen!  Also,
nehmen Sie jetzt entweder Ihren Hut und gehen Sie, oder setzen Sie
sich und geben Sie mir einen guten, schurkischen Grund dafr an, warum
Sie mein Freund sein wollen.  (Burgess, dessen Erregung sich gengend
gelegt hat, um in einem Grinsen ausgedrckt werden zu knnen, fhlt
sich durch diesen konkreten Vorschlag sichtlich erleichtert.  Er
berlegt einen Augenblick, und dann setzt er sich langsam und sehr
bescheiden in den Stuhl, den Morell eben verlassen hat.)  So ist's
recht,--nun heraus damit.

(Burgess kichernd gegen seinen Willen:)  Nein, Sie sind wirklich ein
sonderbarer Kauz, Jakob!  (Beinahe enthusiastisch:)  Aber man mu Sie
gern haben, ob man will oder nicht.  Auerdem nimmt man, wie ich schon
sagte, nicht jedes Wort eines Geistlichen fr bare Mnze, sonst mte
die Welt untergehn.  Habe ich nicht recht?  (Er fat sich, um einen
ernsteren Ton anzuschlagen, und die Augen auf Morell gerichtet, fhrt
er mit eintnigem Ernste fort:)  Nun, meinetwegen, da Sie es wnschen,
da wir gegeneinander ehrlich sind, will ich Ihnen zugeben, da ich
Sie--ein wenig--fr einen Narren hielt; aber ich fange an zu glauben,
da ich damals etwas hinter meiner Zeit zurckgeblieben war.

(Morell frohlockend:)  Aha, haben Sie das endlich herausgefunden?

(Burgess bedeutungsvoll:)  Ja, die Zeiten haben sich mehr verndert,
als man glauben sollte!  Vor fnf Jahren noch htte sich kein
vernnftiger Mensch mit Ihren Ideen abgegeben.  Ich wunderte mich
sogar, da man Sie auf Ihrem Posten als Pastor belie.  Ich kenne
einen Geistlichen, der durch den Bischof von London auf Jahre hinaus
seiner Funktionen enthoben wurde, obwohl der arme Teufel nicht einen
Funken mehr religis war als Sie.  Aber wenn heute jemand mit mir um
tausend Pfund wetten wollte, da Sie selbst noch einmal als Bischof
enden werden, ich wrde die Wette nicht anzunehmen wagen.  (Sehr
eindrucksvoll:)  Sie und Ihre Sippschaft werden tglich einflureicher,
wie ich berall merke.  Man wird Sie einmal irgendwie befrdern mssen,
und wre es blo, um Ihnen den Mund zu stopfen.  Sie haben doch den
richtigen Instinkt gehabt, Jakob!  Der Weg, den Sie eingeschlagen
haben, ist der eintrglichste fr einen Mann Ihres Schlages.

(Morell reicht ihm jetzt die Hand mit fester Entschlossenheit:)  Hier
meine Hand, Burgess, jetzt reden Sie ehrlich.  Ich glaube nicht, da
man mich zum Bischof ernennen wird; aber wenn es geschieht, dann will
ich Sie mit den grten Spekulanten bekannt machen, die ich zu meinen
Diners bekommen kann.

(Burgess der sich mit einem verschmitzten Grinsen erhoben und die
Freundschaftshand ergriffen hat:)  Sie bleiben nun mal bei Ihrem Witz,
Jakob.  Unser Streit ist jetzt beigelegt, nicht wahr?

(Die Stimme einer Frau.)  Sag "Ja", Jakob!

(Erstaunt wenden sie sich um und bemerken, da Candida eben
eingetreten ist und sie mit jener belustigten, mtterlichen Nachsicht
betrachtet, die ihr charakteristischer Gesichtsausdruck ist.  Sie ist
eine Frau von dreiunddreiig Jahren, schn gewachsen, gut genhrt.
Man errt, da sie spter eine Matrone sein wird, aber jetzt steht sie
noch in ihrer Blte, mit dem Doppelreiz der Jugend und der
Mutterschaft.  Ihr Benehmen ist das einer Frau, die erfahren hat, da
sie die Menschen immer lenken kann, wenn sie ihre Neigung gewinnt, und
die dies unbekmmert offen und instinktiv tut.  In diesem Punkte ist
sie wie jede andere hbsche Frau, die gerade klug genug ist, aus ihrer
weiblichen Anziehungskraft zu alltglich selbsttchtigen Zwecken so
viel Kapital wie mglich zu schlagen.  Aber Candidas heitere Stirn und
ihre mutigen Augen, der schn geformte Mund und ihr Kinn kennzeichnen
umfassenden Geist und Wrde des Charakters, der ihre Schlauheit im
Gewinnen von Neigungen adelt.  Ein kluger Beobachter wrde, sie
betrachtend, sofort erraten, da wer das Bild der Assunta auch ber
ihren Kamin gehngt haben mochte, ein seelisches Band zwischen den
beiden Frauengestalten geahnt hatte, obwohl er weder ihrem Manne, noch
ihr selbst den Gedanken zutraute, sie mit der Kunst Tizians irgendwie
in Zusammenhang zu bringen.--Sie ist in Hut und Mantel und hat eine
zusammengeschnrte Reisedecke, durch die ihr Schirm gesteckt ist, eine
Handtasche und eine Menge illustrierter Zeitungen in den Hnden.)

(Morell ber seine Nachlssigkeit erschrocken:)  Candida!  Ei nun!--(Er
sieht auf seine Uhr und ist entsetzt, da es schon so spt ist.)  Mein
Schatz!  (Er eilt ihr entgegen und nimmt ihr die Reisedecke ab, indem
er fortfhrt, sein reumtiges Bedauern hervorzusprudeln:)  Ich hatte
die Absicht, dich von der Bahn abzuholen, aber ich bemerkte nicht, da
die Zeit schon um war, (die Reisedecke aufs Sofa werfend:)  ich war so
sehr in Anspruch genommen--(Wieder zu ihr kommend:)  da ich das
verga--oh!  (Er umarmt sie mit reumtiger Ergriffenheit.)

(Burgess etwas beschmt und ungewi, wie er von seiner Tochter
empfangen werden wird:) Wie geht es dir, Candy?  (Candida, noch in
Morells Armen, bietet ihm ihre Wange, die er kt:)  Jakob und ich sind
zu einer Verstndigung gekommen--zu einer ehrenvollen Verstndigung.
Nicht wahr, Jakob?

(Morell heftig:)  Reden Sie nicht von unserer Verstndigung!
Ihretwegen habe ich versumt, Candida abzuholen.

(Teilnahmsvoll:)  Du arme Liebe, wie bist du nur mit deinem Gepck
fertig geworden?  Wie--

(Candida unterbricht ihn und macht sich los:)  Na, na, na! ich war
nicht allein.  Eugen ist mit uns gekommen--wir sind zusammen
hergefahren.

(Morell erfreut:)  Eugen?!

(Candida.)  Ja.  Er plagt sich eben mit meinem Gepck ab, der arme
Junge.  Ich bitte dich, lieber Jakob, geh gleich hinunter, sonst
bezahlt er den Wagen, und das mchte ich nicht.  (Morell eilt hinaus.
Candida stellt ihre Handtasche nieder, nimmt dann ihren Mantel und Hut
ab und legt sie auf das Sofa neben die Decke und plaudert inzwischen.)
Nun, Papa, wie geht's zu Hause?

(Burgess.)  Es lohnt sich nicht mehr, dort zu leben, seit du uns
verlassen hast, Candy.  Ich wollte, du kmst einmal, um nachzusehn und
mit dem Mdchen zu sprechen.--Wer ist dieser Eugen, der dich begleitet
hat?

(Candida.)  Oh, Eugen ist eine von Jakobs Entdeckungen.  Er fand ihn im
verflossenen Juni schlafend auf dem Kai.  Hast du unser neues Bild
nicht bemerkt?  (Ruf das Bild der Assunta zeigend:)  Das haben wir von
ihm.

(Burgess unglubig:)  Was soll das heien?  Willst du mir, deinem
eigenen Vater, etwa einreden, da ein Landstreicher, den man schlafend
auf dem Kai findet, solche Bilder schenkt?  (Strenge:)  Betrg mich
nicht, Candy; es ist ein katholisches Bild, und Jakob hat es selbst
gekauft.

(Candida.)  Du irrst.  Eugen ist kein Landstreicher.

(Burgess.)  Was ist er denn?  (Sarkastisch:)  Ein Edelmann
wahrscheinlich?

(Candida nickt belustigt:)  Jawohl, sein Onkel ist ein Pair--ein
wirklicher, leibhaftiger Graf.

(Burgess wagt es nicht, so eine gute Nachricht zu glauben:)  Nein!

(Candida.)  Ja!  Er trug einen Wechsel auf fnfundfnfzig
Pfund--zahlbar in acht Tagen--in der Tasche, als Jakob ihn am Kai fand.
Er dachte, da er dafr kein Geld bekommen knnte, bevor die acht
Tage um wren, und er war zu schchtern, Kredit zu verlangen.  Oh, er
ist ein lieber Junge, wir haben ihn sehr gern.

(Burgess der so tut, als verachte er die Aristokraten, aber mit
glnzenden Augen:)  Hm, ich dachte mir's, da der Neffe eines Pairs
nicht bei euch im Viktoriapark zu Besuch sein wrde, wenn er nicht ein
bichen verrckt wre.  (Er blickt wieder auf das Bild.)  Ich bin
natrlich mit dem Vorwurf dieses Bildes, als strengglubiger
Protestant, nicht einverstanden, Candy; aber da es ein erstklassiges,
groes Kunstwerk ist, das habe ich sofort erkannt.  Nicht wahr, du
stellst mich ihm vor, Candy?  (Er sieht ngstlich auf seine Uhr.)  Ich
kann aber hchstens noch zwei Minuten bleiben.

(Morell kommt mit Eugen zurck, den Burgess mit feuchten Augen
begeistert anstarrt.  Eugen ist ein seltsamer, scheuer Jngling von
achtzehn Jahren, schlank, weibisch, mit einer zarten, kindlichen
Stimme, einem gehetzten, gequlten Ausdruck und mit einem Benehmen,
das die schmerzliche Empfindlichkeit sehr schnell und pltzlich
gereifter Knaben kennzeichnet, bevor ihr Charakter volle Festigkeit
erreicht hat.  Erbrmlich unentschlossen, wei er nie, wo er stehen
und was er tun soll.  Burgess erschreckt ihn, und er mchte am
liebsten fort von ihm in die Einsamkeit laufen, wenn er es wagte.
Aber die Intensitt, mit der er eine so ganz gewhnliche Lage
empfindet, zeugt doch nur von seiner bergroen nervsen Kraft; und
seine Nasenflgel, sein Mund und seine Augen verraten einen
leidenschaftlich ungestmen Eigensinn, ber dessen uersten Grad
seine Stirne, die schon vom Mitleid gefurcht ist, wieder beruhigt.  Er
sieht absonderlich aus, beinahe wie nicht von dieser Welt--und
prosaische Leute sehen etwas Ungesundes in dieser berirdischen Art,
so wie poetische Menschen darin etwas Engelgleiches sehen.  Seine
Kleidung ist ganz frei; er trgt ein altes Jakett aus blauem Serge,
aufgeknpft, ber einem wollenen Lawn-Tennis-Hemd, mit einem seidenen
Halstuch als Krawatte, zu dem Jackett passende Beinkleider und braune
Schuhe aus Segeltuch.  In diesem Aufzuge hat er augenscheinlich im
Heidekraut gelegen und ist durch das Wasser gewatet; es ist auch nicht
ersichtlich, da er die Kleider jemals abgebrstet hat.  Da er beim
Eintritt einen Fremden sieht, hlt er inne und drckt sich lngs der
Wand nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers weiter.)

(Morell beim Eintreten:)  Kommen Sie.  Sie haben sicher doch eine
Viertelstunde fr uns brig.  Das ist mein Schwiegervater, Herr
Burgess--Herr Marchbanks.

(Marchbanks weicht gengstigt gegen den Bcherschrank zurck:)  Sehr
angenehm--

(Burgess geht mit groer Herzlichkeit auf ihn zu, whrend Morell vor
den Kamin zu Candida tritt:)  Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen,
Herr Marchbanks.  (Ntigt ihn, ihm die Hand zu geben.)  Wie geht es
Ihnen bei diesem Wetter?  Ich hoffe, Jakob versucht nicht, Ihnen
verrckte Ideen in den Kopf zu setzen.

(Marchbanks.)  Verrckte Ideen?  Ach, Sie meinen sozialistische?  Nein,
o nein!

(Burgess.)  Das ist recht.  (Sieht wieder auf seine Uhr.)  Na, jetzt mu
ich aber gehen, da ist nichts zu machen.  Haben Sie vielleicht
denselben Weg, Herr Marchbanks?

(Marchbanks.)  Nach welcher Richtung gehen Sie?

(Burgess.)  Station Viktoriapark.  Um zwlf Uhr fnfundzwanzig geht ein
Zug nach der City.

(Morell.)  Unsinn, Eugen, Sie frhstcken doch hoffentlich mit uns!

(Marchbanks sich ngstlich entschuldigend:)  Nein, ich--ich--

(Burgess.)  Nun, ich will Ihnen nicht zureden.  Ich wette, da Sie es
vorziehen, mit Candy zu frhstcken.  Ich hoffe aber, dafr werden Sie
eines Abends im Brgerklub in Norton Folgate mit mir dinieren,--bitte,
sagen Sie zu!

(Marchbanks.)  Ich danke Ihnen, Herr Burgess.  Wo ist Norton
Folgate?--Unten in Surrey, nicht wahr?

(Burgess, unaussprechlich belustigt, fngt zu lachen an.)

(Candida zu Hilfe kommend:)  Du wirst deinen Zug versumen, Papa, wenn
du nicht sofort gehst; komm am Nachmittag wieder und erklre Herrn
Marchbanks dann, wie man nach dem Klub gelangt.

(Burgess mit schallendem Gelchter:)  In Surrey, ha ha, das ist nicht
schlecht!  Nun, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht
Norton Folgate gekannt htte.

(Betroffen ber den Lrm seiner eigenen Stimme:)  Leben Sie wohl, Herr
Marchbanks; ich wei, Sie sind zu vornehm, um meinen Scherz schlecht
aufzufassen.  (Er reicht ihm abermals die Hand.)

(Marchbanks erfat sie mit nervsem Griff.)  O bitte, bitte!

(Burgess.)  Adieu, adieu, Candy.  Ich werde spter wiederkommen--auf
Wiedersehen, Jakob.

(Morell.)  Mssen Sie wirklich gehen?

(Burgess.)  Lat euch nicht stren.  (Er gebt mit unverminderter
Herzlichkeit hinaus.)

(Morelt.)  Ich werde Sie hinausbegleiten.  (Er folgt ihm, Eugen starrt
ihnen ngstlich nach und hlt seinen Atem an, bis Burgess verschwunden
ist.)

(Candida lachend:)  Nun, Eugen?  (Er wendet sich mit einem Ruck um und
kommt heftig auf sie zu, hlt aber unschlssig inne, als er ihren
belustigten Blick bemerkt.)  Wie gefllt Ihnen mein Vater?

(Marchbanks.)  Ich--ich kenne ihn doch kaum,--er scheint ein sehr
lieber alter Herr zu sein.

(Candida mit leiser Ironie:)  Und Sie werden seine Einladung in den
Brgerklub annehmen, nicht wahr?

(Marchbanks unglcklich, es fr Ernst nehmend:)  Gerne, wenn Sie es
wnschen.

(Candida gerhrt:)  Wissen Sie, da Sie ein sehr lieber Junge sind,
Eugen, trotz all Ihrer Sonderlichkeiten.  Wenn Sie meinen Vater
ausgelacht htten, so wre nichts dabei gewesen, aber es gefllt mir
um so besser von Ihnen, da Sie nett zu ihm waren.

(Marchbanks.)  Htte ich lachen sollen?  Mir war, als ob er etwas
scherzhaftes sagte, aber ich fhle mich Fremden gegenber so bedrckt,
und ich kann Witze nie verstehen.  Es tut mir sehr leid.  (Er setzt
sich auf das Sofa, die Ellbogen auf den Knien und die Schlfen
zwischen den Fusten, mit dem Ausdruck hoffnungslosen Leidens.)

(Candida heitert ihn gutmtig auf:)  Oh, Sie groes Kind,--Sie sind
heute noch rger als sonst.  Warum waren Sie auf der Fahrt in der
Droschke so melancholisch?

(Marchbanks.)  Oh, das war nichts.  Ich dachte darber nach, wieviel
ich dem Kutscher geben sollte.  Ich wei, es ist uerst dumm, aber
Sie wissen nicht, wie schrecklich mir solche Dinge sind,--wie ich mich
davor scheue, mit fremden Leuten zu unterhandeln.  (Frisch und
beruhigend:)  Aber jetzt ist alles gut.  Er lachte mit dem ganzen
Gesicht und berhrte seinen Hut, als Ihr Mann ihm zwei Schilling gab;
ich war im Begriff, ihm zehn zu bieten.  (Candida lacht herzlich,
Morell kommt mit einigen Briefen und Zeitungen zurck, die mit der
Mittagspost gekommen sind.)

(Candida.)  Oh, lieber Jakob, denke nur, er wollte dem Kutscher zehn
Schilling geben,--zehn Schilling fr eine Fahrt von drei Minuten, was
sagst du?

(Morell vor dem Tisch die Briefe berfliegend:)  Machen Sie sich nichts
daraus, Marchbanks.  Der Trieb, zuviel zu bezahlen, ist ein Beweis von
Gromut und viel besser als der entgegengesetzte, und nicht so
gewhnlich.

(Marchbanks wieder in Niedergeschlagenheit verfallend:)  Nein, Feigheit,
Untauglichkeit ist das.  Frau Morell hat ganz recht.

(Candida.)  Gewi hat sie recht.  (Sie nimmt ihre Handtasche auf.)  Und
nun mu ich Sie Jakob berlassen.  Ich nehme an, Sie sind zu sehr Poet,
um sich den Zustand vorstellen zu knnen, in dem eine Frau ihr Haus
wiederfindet, wenn sie drei Wochen fortgewesen ist.  Geben Sie mir
meine Decke.  (Eugen nimmt die eingeschnallte Decke vom Sofa und gibt
sie ihr; sie nimmt sie in die linke Hand, da sie ihre Tasche in der
rechten hlt.)  Nun, bitte, hngen Sie mir den Mantel ber den Arm.
(Er gehorcht.)  Nun meinen Hut.  (Er gibt ihn ihr in die Hand, die das
Gepck hlt.)  Nun ffnen sie mir die Tr.--(Er luft ihr voraus und
ffnet die Tr.)   Danke.  (Sie geht hinaus, und Marchbanks schliet sie
hinter ihr wieder.)

(Morell noch am Tisch beschftigt:)  Sie bleiben selbstverstndlich zum
Frhstck bei uns, Marchbanks.

(Marchbanks erschreckt:)  Ach, ich darf nicht.  (Er sieht rasch nach
Morell hin, weicht aber pltzlich seinem vollen Blick aus und fgt mit
sichtlicher Unaufrichtigkeit hinzu:)  Ich meine, ich kann nicht.

(Morell.)  Sie meinen, Sie wollen nicht.

(Marchbanks ernst:)  Nein, ich mchte wirklich gerne, ich danke Ihnen
sehr, aber--aber--

(Morell leichthin, beendigt seinen Brief und tritt dicht an Eugen
heran:)  Aber--aber--aber--aber!  Unsinn!  Wenn Sie bleiben wollen,
dann bleiben Sie,--Sie werden mich doch nicht berzeugen wollen, da
Sie irgend etwas anderes zu tun haben?  Wenn Sie schchtern sind,
machen Sie einen Spaziergang durch den Park und schreiben bis halb
zwei Uhr Gedichte, und dann kommen Sie wieder und essen tchtig.

(Marchbanks.)  Ich danke Ihnen.  Ich wrde das sehr gern tun, aber ich
darf wirklich nicht.  Die Wahrheit ist, da mir Frau Morell gesagt hat,
da ich's lieber nicht tun sollte.  Sie sagte, sie glaube nicht, da
Sie mich zum Frhstck einladen wrden, aber wenn Sie es tten, dann
wnschten Sie es doch nicht ernstlich.  (Schmerzlich:)  Sie sagte, ich
wrde das schon verstehen, aber ich verstehe es nicht.--Bitte, sagen
Sie ihr nichts davon, da ich es Ihnen wiedererzhlt habe.

(Morell belustigt:)  Oh, ist das alles?  Was halten Sie von meinem
Vorschlag, in den Park zu gehen und diese Frage damit zu erledigen?

(Marchbanks.)  Wie?

(Morell in guter Laune herausplatzend:)  Na, Sie Dummkopf.  (Aber dies
geruschvolle Wesen verletzt sowohl ihn selbst als auch Eugen.  Er
hlt inne und fhrt mit liebevollem Ernst fort:)  Nein, Scherz beiseite,
mein lieber Junge! in einer glcklichen Ehe wie die unsere ist die
Rckkehr der Frau in ihr Haus etwas sehr Heiliges.  (Marchbanks sieht
ihn rasch an, und errt beinahe im voraus, was er sagen will.)  Aber
ein lieber Freund, eine wirklich vornehme, sympathische Seele ist bei
einer solchen Gelegenheit nicht im Wege,--der erstbeste Besucher wre
es allerdings.  (Der gehetzte, erschreckte Ausdruck kommt pltzlich
und lebhaft in Eugens Gesicht, sowie er begreift.  Morell, mit seinen
eigenen Gedanken beschftigt, fhrt, ohne es zu bemerken, fort:)
Candida dachte, ich wrde Sie vielleicht lieber nicht hier haben, aber
sie hatte unrecht.  Ich habe Sie sehr lieb, Eugen; und ich mchte es
auch Ihretwegen, da Sie sehen, wie schn es ist, so glcklich
verheiratet zu sein wie ich.

(Marchbanks.)  Glcklich?  Ihre Ehe?  Das meinen Sie, das glauben Sie
wirklich?

(Morell heiter:)  Ich wei es, mein Junge.  Laroche-foucauld behauptet
zwar, da es hchstens passende, aber keine glcklichen Ehen gbe.
Sie knnen sich nicht vorstellen, wie wohl es tut, einen so
abgefeimten Lgner und verderbten Zyniker zu durchschauen!  Ha, ha!
Nun aber fort in den Park und schreiben Sie Ihr Gedicht! und vergessen
Sie nicht: Punkt halb zwei Uhr!  Wir warten niemals mit dem Essen auf
jemand.

(Marchbanks wild:)  Nein, halten Sie ein, Sie sollen es auch nicht!
Ich will alles ans Licht bringen.

(Morell verwundert:)  Wie?  Was wollen Sie ans Licht bringen?

(Marchbanks.)  Ich mu mit Ihnen sprechen.  Es gibt etwas, das zwischen
uns erledigt werden mu.

(Morell mit einem belustigten Blick nach der Uhr:)  Jetzt?

(Marchbanks leidenschaftlich:)  Jawohl, jetzt.  Ehe Sie dieses Zimmer
verlassen.  (Er weicht ein paar Schritte zurck und steht so, als ob
er Morell den Weg zur Tr versperren wollte.)

(Morell ernst, ohne sich zu rhren, da er begreift, da es sich um
etwas Ernstes handelt:)  Ich will es gar nicht verlassen.  Ich dachte,
Sie wollten gehen.--(Eugen ist von seinem sicheren Ton verwirrt und
wendet ihm, sich krmmend vor Verdru, den Rcken zu.  Morell geht zu
ihm hin und legt die Hnde auf seine Schultern, fest und gtig, ohne
Marchbanks Versuche, ihn abzuschtteln, zu beachten.)  Na--setzen Sie
sich ruhig und erzhlen Sie mir, was los ist.  Und bedenken Sie eines:
wir sind Freunde und brauchen nicht zu frchten, da einer von uns
anders als geduldig und gtig zu dem andern sein werde, was wir
einander auch mgen zu sagen haben.

(Marchbanks windet sich hin und her:)  Oh, ich werde mich nicht
vergessen, ich bin nur (bedeckt sein Gesicht verzweifelt mit den
Hnden:)  auer mir vor Entsetzen!  (Dann lt er die Hnde fallen, und
sich mutig vorwrts gegen Morell wendend, fhrt er drohend fort:)  Sie
werden ja sehen, ob Geduld und Gte da am Platz sind.  (Morell,
unerschtterlich wie ein Felsen, sieht ihn nachsichtig an.)  Betrachten
Sie mich nicht so selbstgefllig!  Sie halten sich zwar fr strker
als mich, aber ich werde Sie aufrtteln, wenn Sie ein Herz im Leibe
haben.

(Morell mit mchtigem Vertrauen:)  Mich aufrtteln, mein Junge?  Nur zu!
Nur zu!  Heraus damit!

(Marchbanks.)  Zuerst--

(Morell.)  Zuerst?

(Marchbanks.)  Ich liebe Ihre Frau!  (Morell fhrt zurck, und nachdem
er Eugen einen Augenblick uerst erstaunt angestarrt hat, bricht er
in heftiges Lachen aus.  Eugen wird stutzig, verliert aber seine
Fassung nicht und steht emprt und verachtungsvoll da.)

(Morell setzt sich, um sich auszulachen:)  Aber, mein liebes Kind,
natrlich lieben Sie Candida.  Jeder liebt sie, man kann nicht anders;
das freut mich nur, aber (er sieht seltsam zu ihm auf:)  halten Sie
Ihren Fall fr etwas, ber das man auch nur zu sprechen braucht?  Sie
sind unter zwanzig und Candida ist ber dreiig,--sieht das nicht
einer Dummenjungenliebe hnlich?

(Marchbanks heftig:)  Sie wagen, so von ihr zu sprechen!  Sie glauben,
da Ihre Frau diese Art Liebe einflen kann!--Das ist eine
Beleidigung gegen sie!

(Morell erhebt sich rasch und verndert den Ton:)  Gegen sie?  Nehmen
Sie sich in acht, Eugen.  Ich war geduldig.  Ich hoffe, geduldig zu
bleiben.  Aber es gibt Dinge, die ich mir verbitten mu.  Zwingen Sie
mich nicht, Ihnen die Nachsicht zu zeigen, die ich einem Kinde
gegenber haben wrde.  Seien Sie ein Mann.

(Marchbanks mit einer Bewegung, als wrfe er etwas hinter sich:)  Oh,
lassen Sie dieses Geschwtz beiseite.  Ich bin entsetzt, wenn ich
denke, wieviel die Arme davon hat anhren mssen in den langen Jahren,
in denen Sie Candida selbstschtig und blind Ihrem Dnkel geopfert
haben!  (Sich nach ihm umwendend:)  Sie, der Sie nicht einen Gedanken,
nicht ein Gefhl mit ihr gemeinsam haben.

(Morell mit philosophischer Ruhe:)  Ihr scheint das alles aber recht
gut zu bekommen.  (Ihm gerade ins Gesicht blickend:)  Eugen, Sie machen
sich zum Narren--zu einem sehr groen Narren.  Es ist zu Ihrem eigenen
Besten, wenn man Ihnen das offen und ehrlich sagt.

(Marchbanks.)  Oh, glauben Sie, ich wte das alles nicht?  Glauben Sie,
da die Dinge, ber die Leute zu Narren werden, weniger wirklich und
wahr sind, als die, bei denen sie vernnftig bleiben?  (Morells Blick
wird zum ersten Male unsicher, er wendet instinktiv sein Gesicht ab
und steht horchend, bestrzt und nachdenklich da.)  Diese Dinge sind
noch viel wahrer, sie sind berhaupt die einzigen Dinge, die wahr sind.
Sie sind sehr ruhig und mavoll und rcksichtsvoll gegen mich, weil
Sie sehen knnen, da ich, was Ihre Frau betrifft, ein Narr bin.  So
wie der alte Mann, der eben hier war, zweifellos sehr weise ber Ihren
Sozialismus denkt, weil er sieht, da Sie sich dabei zum Narren machen.
(Morell wird sichtlich immer bestrzter, und Eugen ntzt seinen
Vorteil aus, ihn heftig mit Fragen bedrngend:)  Beweist dies, da Sie
unrecht haben?  Beweist Ihre sichere berlegenheit mir gegenber, da
ich unrecht habe?

(Morell sich zu Eugen wendend, der seinen Platz behauptet:)  Marchbanks,
irgendein Teufel hat Ihnen diese Worte in den Mund gelegt.  Es ist
leicht, frchterlich leicht, in einem Menschen den Glauben an sich
selbst zu erschttern.  Dies auszuntzen, um eines Menschen Seele zu
verwirren, ist Teufelswerk.  Hten Sie sich davor!

(Marchbanks unbarmherzig:)  Das wei ich!  Es geschieht absichtlich.
Ich sagte Ihnen ja, ich wrde Sie aufrtteln.  (Sie sehen einander
einen Augenblick drohend in die Augen, dann findet Morell seine Wrde
wieder.)

(Morell mit edler Gte:)  Eugen, hren Sie mich an.  Ich hoffe und baue
darauf, da Sie eines Tages ein glcklicher Mensch sein werden, wie
ich.  (Eugen gibt durch eine zornige, ungeduldige Gebrde zu verstehen,
da er an den Wert dieses Glckes nicht glaubt.  Morell, tief
beleidigt, beherrscht sich mit aller Nachsicht und fhrt mit groer
knstlerischer Beredsamkeit fort:)  Sie werden verheiratet sein und mit
aller Macht und Ihrem besten Knnen daran arbeiten, jeden Erdenfleck,
den Sie betreten, so glcklich zu machen, wie Ihr eigenes Heim es sein
wird.  Sie werden einer von denen sein, die das Himmelreich auf Erden
bereiten wollen, und--wer wei?--Sie mgen ein Pionier oder ein
Baumeister werden, wo ich nur ein demtiger Arbeiter bin.  Sie drfen
nicht glauben, Eugen, da ich in Ihnen, so jung Sie auch sind, nicht
jene Keime sehe, die Greres versprechen, als ich jemals von mir
erwarten darf.  Ich wei ganz gut, da der Geist, der in einem Dichter
wohnt, heilig--da er geradezu gttlich ist.  Sie sollten bei dem
Gedanken daran zittern, bei dem Gedanken, da die schwere
Verpflichtung und die groen Gaben eines Dichters vielleicht einst auf
Ihren Schultern ruhen werden.

(Marchbanks unberhrt und reuelos; die knabenhafte Knappheit seiner
Worte sticht scharf gegen Morells Beredsamkeit ab:)  Nicht davor
zittere ich!  Der Mangel dieser Gaben bei anderen, der macht mich
zittern.

(Morell verdoppelt die Kraft seiner Rede unter dem Einflu seines
echten Gefhls und der Verstocktheit Eugens:)  Dann tragen Sie dazu bei,
jene Gaben in andere und in mich zu pflanzen--und nicht, sie
auszurotten.  Spter einmal, wenn Sie so glcklich sein werden, wie
ich es bin, dann will ich Ihr treuer Glaubensbruder werden.  Ich will
Sie zu dem Glauben fhren, da Gott uns eine Welt geschenkt hat, die
nur unserer eigenen Unvernunft wegen kein Paradies ist, und da jeder
Federstrich Ihrer Arbeit Glck ausst fr die groe Ernte, die
alle--selbst die Geringsten--eines Tages einfhren werden.  Und
endlich will ich Ihnen nicht zum wenigsten zu dem Glauben verhelfen,
da Ihre Frau Sie liebt und in ihrem Heim glcklich ist.  Wir brauchen
solche Hilfe, Marchbanks, wir haben sie immer sehr ntig.  Es gibt so
viele Dinge, die in uns Zweifel wecken, wenn wir uns erst einmal haben
unsern Glauben trben lassen.  Selbst zu Hause sitzen wir wie in einem
Kriegslager, umgeben von einer feindlichen Armee von Zweifeln.  Wollen
Sie den Verrter spielen und sie zu mir einlassen?

(Marchbanks sich umblickend:)  Ist es fr sie hier immer so gewesen?
Da eine Frau mit einer groen Seele, die nach Wahrheit, Wirklichkeit
und Freiheit drstet, blo mit Metaphern, Predigten und abgedroschenen
Redensarten abgespeist wird?  Glauben Sie, da die Seele einer Frau
von Ihrem Predigertalent leben kann?

(Morell tief verwundet:)  Marchbanks, Sie machen es mir schwer, mich zu
beherrschen.  Mein Talent gleicht dem Ihren, sofern es berhaupt einen
echten Wert besitzt: es ist die Gabe, gttliche Wahrheit in Worte zu
kleiden.

(Marchbanks ungestm:)  Es ist die Gabe des Mundwerks, nicht mehr und
nicht weniger.  Was hat Ihre Fertigkeit, schne Reden zu halten, mit
der Wahrheit zu schaffen?--so wenig, wie das Orgelspiel mit ihr zu
schaffen hat.  Ich war niemals in Ihrer Kirche, aber ich war in Ihren
politischen Versammlungen und habe Sie dort das tun sehen, was man die
Menge zum Enthusiasmus hinreien nennt.  Das heit: die Leute regten
sich auf und benahmen sich, als ob sie betrunken wren.  Ihre Frauen
sahen zu und merkten, was fr Narren sie zu Mnnern hatten.  Oh, das
ist eine alte Geschichte, Sie knnen sie schon in der Bibel finden.
--Mir scheint, Knig David in seinem Enthusiasmus war Ihnen sehr
hnlich.  (Ihm die Worte in die Seele hohrend:)  "Aber sein Weib
verachtete ihn in ihrem Herzen!"

(Morell wtend:)  Verlassen Sie mein Haus!  Hren Sie?  (Er gebt
drohend auf ihn los.)

(Marchbanks gegen das Sofa zurckweichend:)  Lassen Sie mich in Frieden,
rhren Sie mich nicht an!

(Morell fat ihn krftig am Aufschlag seines Rockes; er duckt sich auf
das Sofa nieder.)

(Marchbanks schreit leidenschaftlich:)  Halten Sie ein; wenn Sie mich
schlagen, so tte ich mich, ich wrde es nicht ertragen!  (Beinahe
hysterisch:)  Lassen Sie mich los: nehmen Sie Ihre Hand fort!

(Morell langsam, mit nachdrcklicher Geringschtzung:)  Sie kleiner,
winselnder, feiger Hund!  (Er lt ihn los:)  Gehen Sie, sonst fallen
Sie aus Angst in Ohnmacht.

(Marchbanks auf dem Sofa nach Luft schnappend, aber befreit durch das
Zurckziehen von Morells Hand:)  Ich frchte mich nicht vor Ihnen, Sie
frchten sich vor mir!

(Modell ruhig, ber ihn gebeugt:)  Es sieht mir ganz danach aus!

(Marchbanks mit dreister Heftigkeit:)  Ja; es sieht so aus.  (Morell
wendet sich verachtungsvoll ab, Eugen steht hastig auf und folgt ihm.)
Weil ich vor einer brutalen Behandlung zurckschrecke, weil (mit
Trnen in der Stimmt:)  ich nichts anderes tun kann, als heulen vor Wut,
wenn mir Gewalt angetan wird--weil ich keinen schweren Koffer vom
Kutscherbock herabheben kann wie Sie--weil ich mit Ihnen nicht um Ihre
Frau raufen kann wie ein Arbeiter--deshalb glauben Sie, ich htte
Angst vor Ihnen!  Aber Sie irren.  Besitze ich auch nicht Ihren
berhmten britischen Mut, so besitze ich doch auch nicht die britische
Feigheit.  Ich frchte mich vor den Ansichten eines Pastors nicht.
Ich will kmpfen gegen Ihre Ansichten.  Ich will Candida von der
Sklaverei dieser Ansichten befreien, ich will meine eigenen Ansichten
den Ihren entgegenstellen.  Sie jagen mich aus dem Hause, weil Sie es
nicht wagen, Candida zwischen meinen und Ihren Ansichten whlen zu
lassen!  Sie frchten sich vor einem Wiedersehen zwischen Ihrer Frau
und mir.  (Morell wendet sich pltzlich zornig zu ihm; er flchtet
nach der Tr in unfreiwilliger Angst:)  Lassen Sie mich in Ruhe.  Ich
gehe.

(Morell mit kalter Verachtung:)  Warten Sie einen Augenblick: ich werde
Sie nicht berhren, frchten Sie sich nicht.  Wenn meine Frau
zurckkommt, drfte sie wissen wollen, warum Sie fortgegangen sind;
und wenn sie erfhrt, da Sie unsere Schwelle nie wieder berschreiten
werden, dann wird sie darber Aufklrung verlangen.  Nun mchte ich
sie nicht betrben und ihr sagen, da Sie sich wie ein Schuft benommen
haben.

(Marchbanks kehrt mit erneuter Heftigkeit um:)  Sie sollen es--Sie
mssen!  Wenn Sie irgendeine andere Aufklrung als die wahre geben, so
sind Sie ein Lgner und ein Feigling.  Sagen Sie ihr, was ich gesagt
habe, und wie Sie stark und mnnlich waren und mich zerzaust haben wie
ein Hund eine Ratte, und wie ich zurckwich und entsetzt war, und wie
Sie mich einen winselnden kleinen Hund nannten und mich aus dem Hause
jagten!  Wenn Sie ihr das alles nicht sagen werden, so werde ich es
tun!  Ich werd' es ihr schreiben.

(Morell verblfft:)  Warum wollen Sie, da sie das alles erfahren soll?

(Marchbanks mit lyrischer Begeisterung:)  Weil sie mich dann verstehen
und wissen wird, da ich sie verstehe.  Wenn Sie nur ein Wort von
alledem vor ihr verheimlichen--wenn Sie nicht bereit sind, ihr die
reine Wahrheit zu Fen zu legen--wie ich--dann werden Sie bis an das
Ende Ihrer Tage wissen, da sie in Wirklichkeit mir gehrt und nicht
Ihnen.  Leben Sie wohl.  (Er wendet sich zum Geben.)

(Morell in furchtbarer Unrube:)  Halt! ich werde ihr das alles nicht
erzhlen.

(Marchbanks wieder nach der Tr, wendet sich um:)  Sie mssen ihr
entweder die Wahrheit sagen, wenn ich gehe, oder eine Lge.

(Morell zgernd:)  Marchbanks, es ist manchmal entschuldbar--

(Marchbanks ihn unterbrechend:)  Zu lgen--ich wei!  Diesmal wrd es
aber vergeblich sein!  Leben Sie wohl, Herr Pfarrer!  (Wie er sich
endlich zur Tr wendet, geht diese auf und Candida tritt in ibrem
Hauskleid ein.)

(Candida.)  Sie verlassen uns, Eugen?  (Sieht ihn genauer an:)  Aber,
Sie werden doch nicht in diesem Zustand auf die Strae gehen.  Sie
sind ein Dichter, sicherlich!  Sieh' ihn nur an, Jakob!  (Sie fat
Eugen am Rock und zieht ihn nach vorne, ihn Morell zeigend.)  Sieh
diesen Kragen an und diese Krawatte und dieses Haar.  (Zu Eugen:)  Man
mchte glauben, da jemand Sie hat erdrosseln wollen!  (Die beiden
bten sich, ihr schlechtes Gewissen zu verraten.)  Da,--halten Sie
still.  (Sie knpft ihm seinen Kragen, bindet sein Halstuch zu einer
Schleife und ordnet sein Haar.)  So, so!  Nun sehen Sie so nett aus,
da ich es doch fr besser hielte, Sie frhstckten mit uns, obwohl
Sie es eigentlich nicht sollten, wie ich Ihnen schon gesagt habe.  In
einer halben Stunde wird das Essen bereit sein.  (Sie glttet sein
Halstuch noch mit einer letzten Berbrung; er kt ihr die Hand.)
Nicht dumm sein.

(Marchbanks.)  Ich mchte schon bleiben, gewi--falls Ihr verehrter
Herr Gemahl, der Herr Pastor, nichts dagegen einzuwenden hat.

(Candida.)  Soll er bleiben, Jakob, wenn er verspricht, ein braver
Junge zu sein und mir beim Tischdecken zu helfen?  (Marchbanks wendet
den Kopf und sieht Morell ber die Schulter fest an, seine Antwort
herausfordernd.)

(Morell kurz angebunden:)  O ja, gewi; es wre mir lieb.  (Er geht an
den Tisch und tut, als ob er mit den Papieren beschftigt wre.)

(Marchbanks bietet Candida den Arm:)  Decken wir den Tisch.  (Sie nimmt
seinen Arm, dann wenden sie sich zusammen nach der Tr, im Hinausgehen.)
Nun bin ich der glcklichste Mensch von der Welt!

(Morell.)  Das war ich auch--vor einer Stunde.

(Vorhang)




ZWEITER AKT

(An demselben Tage, dasselbe Zimmer spt nachmittags.  Der Stuhl fr
Morells Besucher steht wieder an dem Tisch, der womglich noch
unordentlicher aussiebt als vorhin. Marchbanks, allein und mig,
versucht herauszukriegen, wie die Schreibmaschine arbeitet.
Er hrt jemanden kommen und stiehlt sich schuldbewut fort an
das Fenster und tut so, als ob er in die Aussiebt versunken
wre.  Proserpina Garnett tritt mit ihrem Notizblock ein, der
das Stenogramm von Morells Briefen enthlt.  Sie setzt sich an die
Schreibmaschine und will mit der Abschrift beginnen.  Sie ist viel zu
sehr beschftigt, um Eugen zu bemerken.  Unglcklicherweise versagt
die erste Taste, auf die sie schlgt.)

(Proserpina.)  Himmel!  Sie haben sich mit der Maschine zu schaffen
gemacht, Herr Marchbanks, und es hilft Ihnen nichts, wenn Sie auch
noch so ein unschuldiges Gesicht aufsetzen.

(Marchbanks schchtern:)  Es tut mir sehr leid, Frulein Garnett.  Ich
wollte nur zu schreiben versuchen.

(Proserpina.)  Und dabei haben Sie diese Taste verdorben.

(Marchbanks ernst:)  Ich versichere Ihnen, da ich die Tasten nicht
berhrt habe.  Wahrhaftig nicht.  Ich habe nur ein kleines Rad gedreht.
(Er zeigt unschlssig auf die Kurbel.)

(Proserpina.)  Oh, nun verstehe ich.  (Sie bringt die Maschine in
Ordnung und schwatzt dabei ununterbrochen:)  Mir scheint, Sie dachten,
es wre eine Art Drehorgel.  Man braucht nur die Kurbel da zu drehen,
und die Maschine schreibt einem den schnsten Liebesbrief glatt aufs
Papier, he?

(Marchbanks ernst:)  Ich kann mir vorstellen, da eine Maschine
erfunden werden knnte, die Liebesbriefe schreibt.--Es sind ja immer
dieselben, nicht wahr?

(Proserpina etwas aufgebracht, da jede derartige Unterhaltung--auer
scherzweise einmal--ihren Umgangsformen fernliegt:)  Woher soll ich das
wissen?  Warum fragen Sie mich?

(Marchbanks.)  Entschuldigen Sie.  Ich dachte, da gescheite
Leute--Leute, die Geschfte besorgen, Briefe schreiben und hnliche
Dinge verrichten knnen--auch immer Liebesangelegenheiten haben.

(Proserpina erbebt sich beleidigt:)  Herr Marchbanks!  (Sie siebt ihn
strenge an und gebt sehr wrdevoll zum Bcherschrank.)

(Marchbanks nhert sich ihr demtig:)  Ich hoffe, da ich Sie nicht
beleidigt habe.  Ich htte vielleicht auf Ihre Liebesangelegenheiten
nicht anspielen sollen.

(Proserpina nimmt ein blaues Buch aus einem Fach und wendet sich
scharf nach ihm um:)  Ich habe keine Liebesangelegenheiten!  Wie knnen
Sie es wagen, mir so etwas zu sagen?

(Marchbanks naiv:)  Wirklich?  Oh, dann sind Sie auch schchtern, wie
ich, nicht wahr?

(Proserpina.)  Ich bin gewi nicht schchtern: was meinen Sie damit?

(Marchbanks geheimnisvoll:)  Sie mssen es sein.  Das ist der Grund,
warum es so wenig echte Liebesgeschichten in der Welt gibt.  Wir gehen
alle umher und sehnen uns nach Liebe, sie ist die erste
Naturnotwendigkeit, das heieste Gebet unseres Herzens, aber wir wagen
es nicht, unsere Wnsche zu uern, wir sind zu schchtern.  (Sehr
ernst:)  Oh, Frulein Garnett, was wrden Sie nicht darum geben, ohne
Furcht zu sein,--ohne Scham--

(Proserpina emprt:)  Nein, meiner Treu, das ist stark!

(Marchbanks trotzig und ungeduldig:)  Sagen Sie mir nicht solche
Albernheiten.  Sie tuschen mich doch nicht.  Wozu soll das sein?
Warum scheuen Sie sich, sich mir gegenber so zu zeigen, wie Sie sind?
Ich bin ja selbst genau so wie Sie.

(Proserpina.)  Wie ich?  Bitte, ich wei nicht recht, wollen Sie damit
mir oder sich schmeicheln?  (Sie wendet sich ab, um zur
Schreibmaschine zurckzugeben.)

(Marchbanks tritt ihr geheimnisvoll in den Weg:)  Still!  Ich bin auf
der Suche nach Liebe, und ich finde sie in unermelichen Schtzen in
den Herzen anderer aufgespeichert.  Aber ich wage es nicht, darum zu
bitten,--eine frchterliche Schchternheit schnrt mir die Kehle zu,
und ich stehe da, stumm, rger als stumm, und rede sinnloses Zeug und
stammle trichte Lgen.  Und ich sehe die Liebe, nach der ich
verschmachte, an Katzen und Hunde und verhtschelte Vgel vergeudet,
weil die kommen und darum bitten.  (Beinahe flsternd:)  Man mu Liebe
verlangen,--sie ist wie ein Geist, sie kann nicht sprechen, bevor
nicht zu ihr gesprochen wird.  (Mit seiner gewohnten Stimme, aber mit
tiefer Melancholie:)  Alle Liebe in der Welt ringt nach Worten, aber
sie wagt es nicht, zu sprechen, weil sie zu schchtern ist, zu
schchtern, zu schchtern!  Das ist die Tragik des Lebens!  (Mit einem
tiefen Seufzer setzt er sieb in den Besuchsstuhl und vergrbt sein
Gesicht in den Hnden.)

(Proserpina verwundert, aber ohne ihren gesunden Menschenverstand zu
verlieren,--ein Ehrenpunkt fr sie im Verkehr mit fremden jungen
Mnnern:)  Es gibt aber schlechte Menschen, die diese Schchternheit
gelegentlich berwinden, nicht wahr?

(Marchbanks fhrt beinahe wtend auf:)  Schlechte Menschen!  Das heit
Menschen, die ohne Liebe sind, deshalb sind sie auch ohne Scham!  Sie
haben den Mut, Liebe zu verlangen, weil sie keine brauchen; sie haben
den Mut, sie anzubieten, weil sie keine zu geben haben!  (Er sinkt in
seinen Stuhl und fgt traurig hinzu:)  Aber wir, die wir Liebe haben
und danach brennen, sie mit anderen auszutauschen, wir knnen kein
Wort ber die Lippen bringen.  (Schchtern:)  Finden Sie das nicht auch?

(Proserpina.)  Nehmen Sie sich in acht.  Wenn Sie nicht aufhren, so zu
reden, werde ich das Zimmer verlassen, Herr Marchbanks.  Ich tue es
wirklich!  Das gehrt sich nicht.  (Sie nimmt ihren Sitz vor der
Schreibmaschine wieder ein, ffnet das blaue Buch und macht sich
bereit, daraus etwas zu kopieren.)

(Marchbanks hilflos:)  Nichts gehrt sich, was wert ist, da man
darber spricht!  (Er erhebt sich und wandert verloren im Zimmer umher:
) Ich kann Sie nicht begreifen, Frulein Garnett.  Worber soll ich
denn sprechen?

(Proserpina fertigt ihn kurz ab:)  Sprechen Sie ber gleichgltige
Dinge.  Sprechen Sie ber das Wetter.

(Marchbanks.)  Wrden Sie es ertragen, ber gleichgltige Dinge zu
sprechen, wenn ein Kind neben Ihnen stnde, das vor Hunger bitterlich
weinte?

(Proserpina.)  Vermutlich nicht.

(Marchbanks.)  Nun, ich kann auch nicht ber gleichgltige Dinge
sprechen, whrend mein Herz in seinem Hunger bitterlich weint.

(Proserpina.)  Dann--schweigen Sie.

(Marchbanks.)  Jawohl, darauf luft's immer hinaus, wir schweigen.
Unterdrckt das den Schrei Ihres Herzens--denn es schreit, nicht wahr?
Es mu, wenn Sie berhaupt ein Herz haben.

(Proserpina erhebt sich pltzlich und pret ihre Hand aufs Herz.)  Oh,
es ist vergeblich, arbeiten zu wollen, whrend Sie so reden.  (Sie
verlt ihren kleinen Tisch und setzt sich auf das Sofa.  Ihre Gefhle
sind heftig aufgewhlt.)  Es kmmert Sie gar nichts, ob mein Herz
schreit oder nicht, aber es ist mir so, als mte ich nun doch ber
all das zu Ihnen sprechen.

(Marchbanks.)  Das brauchen Sie nicht; ich wei doch, da es so ist.

(Proserpina.)  Merken Sie sich: wenn Sie jemals behaupten sollten, da
ich derlei gesagt habe, dann werde ich es leugnen.

(Marchbanks mitleidig:)  Ja, das wei ich.  Deshalb finden Sie auch
nicht den Mut, es ihm zu sagen.

(Proserpina aufspringend:)  Ihm?!  Wem?!

(Marchbanks.)  Wem es auch sei.  Dem Manne, den Sie lieben.  Irgend
jemandem.  Dem Unterpfarrer Herrn Mill vielleicht.

(Proserpina verachtungsvoll:)  Herrn Mill?  Wahrhaftig, das ist der
rechte Mann, mir das Herz zu brechen.  Da wren Sie mir noch lieber.

(Marchbanks zurckweichend:)  Nein, wirklich!  Es tut mit leid, aber
daran drfen Sie nicht denken.  Ich--

(Proserpina scharf, geht ans Feuer und bleibt davor stehen, ihm den
Rcken zuwendend:)  Oh, frchten Sie nichts, Sie sind es nicht.  Es ist
gar keine bestimmte Person.

(Marchbanks.)  Ich verstehe.  Sie fhlen, da Sie jeden Mann lieben
knnten, der Ihnen sein Herz anbte--

(Proserpina auer sich:)  Nein, das knnte ich nicht!  Jeden, der mir
sein Herz anbte!  Fr was halten Sie mich?

(Marchbanks entmutigt:)  Es ist vergebens, Sie wollen mir keine
wirklichen Antworten geben, nur diese leeren Worte, die jedermann sagt.
(Er geht nach dem Sofa und setzt sich trostlos nieder.)

(Proserpina die es wurmt, in den Augen eines Aristokraten manierlos zu
erscheinen:)  Wenn Sie originelle Unterhaltung wnschen, dann ist es
besser, Sie sprechen mit sich selbst.

(Marchbanks.)  Das tun alle Dichter; sie sprechen laut mit sich selbst;
und die Welt berhrt sie.  Aber es ist furchtbar einsam, nicht
manchmal auch jemand anders sprechen zu hren.

(Proserpina.)  Warten Sie, bis Herr Morell kommt.  Der wird schon mit
Ihnen reden.  (Marchbanks schaudert.)  Oh, Sie brauchen die Nase nicht
zu rmpfen, er kann besser sprechen als Sie.  (Lebhaft:)  Er wird Ihnen
den kleinen Kopf schon zurechtsetzen.  (Sie ist im Begriff rgerlich
an ihren Platz zurckzugeben, als er, pltzlich erleuchtet, aufspringt
und sie anhlt.)

(Marchbanks.)  Ah, jetzt begreife ich!

(Proserpina errtend:)  Was begreifen Sie?

(Marchbanks.)  Ihr Geheimnis!  Sagen Sie mir, ist es wirklich und
wahrhaftig mglich, da eine Frau ihn liebt?

(Proserpina als ob dies ihr ber den Spa ginge:)  Genug!

(Marchbanks leidenschaftlich:)  Nein, antworten Sie mir!  Ich will es
wissen, ich mu es wissen, ich kann es nicht begreifen.  Ich kann an
ihm nichts finden als Worte, fromme Vorstze, was die Leute Gte
nennen!  Sie knnen ihn deswegen doch nicht lieben!

(Proserpina versucht, ihn durch ihr khles Wesen stutzig zu machen:)
Ich wei ganz einfach nicht, wovon Sie sprechen--ich verstehe Sie
nicht.

(Marchbanks heftig:)  Sie verstehen mich ganz gut.  Sie lgen!

(Proserpina.)  Oh!

(Marchbanks.)  Sie verstehen, und Sie wissen.  (Entschlossen, eine
Antwort zu bekommen:)  Ist es mglich, da eine Frau ihn lieben kann?
Ja oder nein!

(Proserpina ihm gerade ins Gesicht blickend:)  Ja!  (Er bedeckt sein
Gesicht mit den Hnden.)  Was in aller Welt fehlt Ihnen denn?  (Er
nimmt die Hnde herab und sieht sie an.  Erschreckt ber das traurige
Gesicht, das sich ihr darbietet, eilt sie so weit wie mglich von ihm
fort, behlt aber ihre Augen auf ihn gerichtet, bis er sich von ihr
abwendet und nach dem Kinderstuhl am Kamin geht, wo er sich in
tiefster Trostlosigkeit niederlt.  Proserpina eilt zur Tr, die Tr
geht auf und Burgess tritt ein.  Als sie ihn erblickt, ruft sie aus:)
Gott sei Dank, es kommt jemand!  (Setzt sich wieder beruhigt an ihren
Tisch.  Sie legt einen neuen Bogen in die Maschine, whrend Burgess zu
Eugen hinbergebt.)

(Burgess beflissen, sich um den vornehmen Besucher zu kmmern:)  Na,
gehrt sich das, wie man Sie hier sich selbst berlt, Herr
Marchbanks?  Ich bin gekommen, Ihnen Gesellschaft zu leisten.
(Marchbanks siebt zu ihm mit einer Bestrzung auf, die Burgess aber
gar nicht merkt.)  Jakob empfngt eine Deputation im Speisezimmer, und
Candy ist oben und unterrichtet eine junge Nherin, fr die sie sich
interessiert.  Sie sitzt bei ihr und lehrt sie lesen, in einem frommen
Buche: die himmlischen Zwillinge.  (Teilnahmsvoll:)  Sie mssen es hier
recht langweilig finden, so ohne einen Menschen, mit dem Sie reden
knnen, auer der Schreiberin.

(Proserpina uerst erbittert:)  Er wird sich jetzt ganz wohl fhlen,
da er das Glck hat, Ihre gebildete Unterhaltung zu genieen,--das ist
schon ein Trost.  (Sie beginnt mit heftigem Gerusch zu schreiben.)

(Burgess erstaunt ber ihre Khnheit:)  Mit Ihnen hab' ich nicht
gesprochen, soviel ich wei, Sie junges Ding!

(Proserpina scharf zu Marchbanks:)  Haben Sie jemals solche Manieren
gesehen, Herr Marchbanks?

(Burgess mit wichtigtuendem Ernst:)  Herr Marchbanks ist ein Edelmann,
der seine Stellung kennt; das ist mehr, als manche Leute von sich
sagen knnen.

(Proserpina zornig:)  Glcklicherweise gehren Sie und ich nicht zu den
"Damen" und "Herren"; ich wrde Ihnen schon meine Meinung sagen, wenn
Herr Marchbanks nicht zugegen wre.  (Sie zieht den Brief so heftig
aus der Maschine heraus, da er zerreit.)  So! nun habe ich den Brief
verdorben, jetzt kann ich noch mal von vorne anfangen.  Oh, ich kann
mich nicht beherrschen.--Sie dummer alter Schafskopf, Sie!

(Burgess erhebt sich, atemlos vor Entrstung:)  Was, ein dummer alter
Schafskopf bin ich?!  Das ist stark!  (Auer Atem:)  Gut, gut!  Warten
Sie nur, das werde ich Ihrem Prinzipal sagen--ich will Sie lehren--Sie
sollen es sehen!

(Proserpina.)  Ich--

(Burgess sie unterbrechend:)  Genug, Ihr Reden ntzt Ihnen nun nichts
mehr, Sie sollen mich kennen lernen! (Proserpina schiebt ihre Walze
mit einem zornigen Sto herum und setzt verachtungsvoll ihre Arbeit
fort.)  Nehmen Sie keine Notiz von ihr, Herr Marchbanks, sie ist es
nicht wert.  (Er setzt sich stolz wieder hin.)

(Marchbanks frchterlich nervs und verlegen:)  Wre es nicht besser,
wir wrden von etwas anderem sprechen.  Ich--ich glaube nicht, da
Frulein Garnett es bse gemeint hat.

(Proserpina mit fester berzeugung:)  Ob ich es bse gemeint habe!
Doch!

(Burgess.)  Ich will mich nicht so weit erniedrigen, von ihr berhaupt
noch Notiz zu nehmen.  (Eine elektrische Klingel lutet zweimal.)

(Proserpina rafft Notizhlock und Papier zusammen:)  Das gilt mir!  (Sie
eilt hinaus.)

(Burgess ihr nachrufend:)  Oh, wir knnen Sie entbehren.  (Er freut
sich ber den Triumph, das letzte Wort behalten zu haben, und doch
halb und halb geneigt, noch mehr zu sagen, sieht er ihr einen
Augenblick lang nach, dann lt er sich auf seinen Platz neben Eugen
nieder und spricht sehr vertraulich zu ihm:)  Jetzt, wo wir allein sind,
Herr Marchbanks, lassen Sie mich Ihnen einen freundlichen Wink geben,
den ich nicht jedermann geben wrde.  Wie lange kennen Sie meinen
Schwiegersohn Jakob schon?

(Marchbanks.)  Ich wei nicht.  Ich kann mir Daten niemals merken,
--vielleicht einige Monate.

(Burgess.)  Haben Sie nie etwas Sonderbares an ihm bemerkt?

(Marchbanks.)  Nicht da ich wte.

(Burgess ausdrucksvoll:)  Das werden Sie auch schwerlich.  Darin liegt
eben die Gefahr.  Nun--er ist verrckt.

(Marchbanks.)  Verrckt?!

(Burgess.)  Total verrckt.  Beobachten Sie ihn nur, und Sie werden es
selbst finden.

(Marchbanks ngstlich:)  Aber das scheint Ihnen gewi nur so, weil
seine Ansichten--

(Burgess berhrt Eugens Knie mit dem Zeigefinger und drckt es, um
seine Aufmerksamkeit zu erregen:)  Genau dasselbe habe ich frher
gedacht, Heir Marchbanks.  Ich glaubte lange genug, es wren nur seine
Ansichten, obwohl Ansichten zu sehr ernsten Angelegenheiten werden,
sobald Leute danach handeln, wie er; aber danach habe ich nicht
geurteilt.  (Er siebt umher, um sich zu berzeugen, da sie allein
sind, und neigt sich zu Eugens Ohr.)  Was, glauben Sie, hat er heute
morgen in diesem Zimmer zu mir gesagt?

(Marchbanks.)  Was denn?

(Burgess.)  Er sagte mir, da ich--so wahr, als wir hier sitzen--er
sagte ganz ruhig: "Ich bin ein Narr und Sie sind ein Schurke"...  Ich
ein Schurke--bedenken Sie nur--und dann schttelte er mir die Hand
dazu, als ob seine Meinung schmeichelhaft fr mich wre.  Wollen Sie
behaupten, da so ein Mensch nicht verrckt ist?

(Morell von auen "Proserpina" rufend, whrend er die Tr ffnet:)
Schreiben Sie alle Namen und Adressen auf, Frulein Garnett.

(Proserpina aus der Entfernung:)  Jawohl, Herr Pastor!  (Morell tritt
ein, mit den Dokumenten der Deputation in der Hand.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:)  Oh, da ist er.  Beobachten Sie ihn
nur, Sie werden schon sehen.  (Erhebt sich mit wichtiger Miene:)  Ich
bedaure, Jakob, mich bei Ihnen beklagen zu mssen.  Ich tue es nicht
gerne, aber ich fhle, da es meine Pflicht und mein Recht ist.

(Morell.)  Was ist denn geschehen?

(Burgess.)  Herr Marchbanks wird es besttigen, er war Zeuge.  (Sehr
feierlich:)  Ihre Schreiberin verga sich so weit, mich einen dummen
alten Schafskopf zu nennen.

(Morell mit grter Herzlichkeit:)  Oh, sieht das Prossi nicht ganz
hnlich?  Sie ist so aufrichtig, sie kann sich nicht beherrschen.
Arme Prossi, ha, ha!

(Burgess zitternd vor Wut:)  Und erwarten Sie, da ich mir das von
ihresgleichen ruhig gefallen lasse?

(Morell.)  Bah, Unsinn.  Nehmen Sie keine Notiz davon, lassen Sie's gut
sein.  (Er geht an das Schreibpult und legt die Papiere in eines der
Schubfcher.)

(Burgess.)  Oh, ich mache mir nichts daraus.  Ich bin ber derlei
erhaben.  Aber war es recht?  Das ist es, was ich zu wissen wnsche!
--war es recht?

(Morell.)  Das ist eine Frage fr die Kirche und nicht fr Laien.
Wurde Ihnen dadurch irgendein Schaden zugefgt? danach mssen Sie
fragen--selbstverstndlich "nein".  Also denken Sie nicht mehr daran.
(Er lt den Gegenstand fallen, geht nach seinem Platz an den Tisch
und beginnt an seiner Korrespondenz zu arbeiten.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:)  Was habe ich Ihnen gesagt?  Total
verrckt!  (Er geht an den Tisch und fragt mit der Hflichkeit eines
Hungrigen:)  Wann wird zu Tisch gegangen, Jakob?

(Morell.)  Erst nach einigen Stunden.

(Burgess mit klagender Entsagung:)  Dann geben Sie mir, bitte, ein
hbsches Buch, am Kamin zu lesen--sein Sie so gut, Jakob.

(Morell.)  Was fr ein Buch,--ein gutes?

(Burgess beinahe mit einem Aufschrei des Widerwillens:)  Nein.  Irgend
was Lustiges, womit man die Zeit totschlagen kann.

(Morell nimmt eine illustrierte Zeitschrift vom Tisch und bietet sie
ihm an, er ergreift sie demtig:)  Ich danke Ihnen, Jakob.  (Er geht
zurck zum Kamin, lt sich bequem in den groen Stuhl nieder und
liest.)

(Morell whrend er schreibt:)  Candida wird gleich kommen und Ihnen
Gesellschaft leisten.  Sie ist jetzt fertig mit ihrer Schlerin und
fllt die Lampen.

(Marchbanks fhrt empor in wildem Entsetzen:)  Aber das wird ihre Hnde
beschmutzen,--das kann ich nicht dulden, Herr Pastor, das ist eine
Schande; ich werde die Lampen fllen.  (Er wendet sich nach der Tr.)

(Morell.)  Lassen Sie es lieber sein.  (Marchbanks bleibt unschlssig
stehen: ) Sie wrde Ihnen hchstens meine Schuhe zu putzen geben, um
mir die Arbeit zu ersparen, es morgen frh selbst zu tun.

(Burgess mit groer Mibilligung:)  Halten Sie kein Mdchen mehr, Jakob?

(Morell.)  Ja, aber es ist keine Sklavin, und das Haus sieht aus, als
ob ich drei hielte.  Daraus folgt, da jeder mithelfen mu.  Das geht
ganz gut.  Prossi und ich knnen nach dem Frhstck, whrend wir
abwaschen, ber unsere Geschfte sprechen; das Abwaschen macht keine
Mhe, wenn es zwei besorgen.

(Marchbanks geqult:)  Glauben Sie, da jede Frau so grobkrnig ist wie
Frulein Garnett?

(Burgess pathetisch:)  Sie haben ganz recht, Herr Marchbanks,
vollkommen recht,--die ist grobkrnig!

(Morell ruhig und bedeutungsvoll:)  Marchbanks!

(Marchbanks.)  Ja.

(Morell.)  Wie viele Dienstboten hlt Ihr Vater?

(Marchbanks.)  Oh, ich wei nicht.  (Er gebt unbehaglich an das Sofa
zurck, als ob er sich so weit fort wie mglich vor Morells Fragen
retten mchte, setzt sich in groer Verstrtheit und denkt an das
Petroleum.)

(Morell sehr ernst:)  So viele, da Sie es nicht einmal wissen.
(angriffsbereit:)  Immerhin, wenn irgendeine grobkrnige Arbeit zu
verrichten ist, dann klingeln Sie und halsen sie jemand anders
auf--das ist eine der groen Tatsachen in Ihrem Dasein, nicht wahr?

(Marchbanks.)  Oh, qulen Sie mich nicht.  Die eine groe Tatsache hier
ist jetzt, da die wundervollen Finger Ihrer Frau mit Petroleum
beschmutzt werden, whrend Sie bequem hier sitzen und darber Reden
halten--endlose Reden und Predigten--Worte--Worte--nichts als Worte!

(Burgess dem diese Erwiderung sehr gelegen kommt:)  Hrt, hrt!  Besser
konnte er's ihm nicht geben!  (Strahlend:)  Da haben Sie es, Jakob!
Ganz so ist es.  (Candida trat ein, in einer reinen Schrze, mit einer
geputzten und gefllten, zum Anznden fertigen Arbeitslampe.  Sie
stellt sie auf den Tisch neben Morell, damit er sie zur Hand hat.)

(Candida reibt ihre Fingerspitzen gegeneinander, mit einem leichten
Krausziehen ihrer Nase:)  Wenn Sie bei uns bleiben, Eugen, ich glaube,
dann werde ich Ihnen das Fllen der Lampe bertragen.

(Marchbanks.)  Ich werde berhaupt nur unter der Bedingung bleiben, da
Sie mir alle grobe Arbeit bertragen.

(Candida.)  Das ist zwar sehr galant, aber ich mchte doch vorher
wissen, wie Sie sie machen.  (Wendet sich zu Morell:)  Jakob, du hast
in meiner Abwesenheit nicht gehrig nach dem Rechten gesehen.

(Morell.)  Was habe ich denn getan oder nicht getan, meine Liebe?

(Candida ernstlich rgerlich:)  Meine eigene kleine
Lieblingsnagelbrste wurde zum Stiefelputzen verwendet.  (Ein
herzzerreiender Klagelaut entringt sich Marchbanks' Brust.  Burgess
sieht sich erstaunt um, Candida eilt ans Sofa:)  Was ist los?  Sind Sie
krank, Eugen?

(Marchbanks.)  Nein, nicht krank.  Nur Jammer erfat mich, Jammer,
Jammer!  (Er schlgt die Hnde vor das Gesicht.)

(Burgess erschreckt:)  Was haben Sie, Herr Marchbanks?  Oh, das ist
schlimm in Ihrem Alter; Sie mssen trachten, sich das Trinken nach und
nach abzugewhnen.

(Candida beruhigt:)  Unsinn, Papa.  Das ist nur poetischer Jammer.
Nicht wahr, Eugen?  (Streichelt ihn.)

(Burgess verlegen:)  Oh, poetischen Jammer hat er,--verzeihen Sie, das
wute ich nicht.  (Er wendet sich wieder nach dem Feuer, seine
Unberlegtheit bereuend.)

(Candida.)  Was ist's denn, Eugen?  Wegen der Nagelbrste?  (Er
schaudert.)  Es ist ja nichts dabei, lassen Sie's gut sein.  (Sie setzt
sich neben ihn.)  Wollen Sie mir eine hbsche neue schenken, mit
Elfenbeinrcken und eingelegtem Perlmutter?

(Marchbanks sanft und melodisch, aber traurig und schmachtend:)  Nein,
keine Nagelbrste, aber ein Boot, eine kleine Schaluppe, um darin
fortzusegeln, weit fort von der Welt, dorthin, wo Marmorbden vom
Regen gewaschen und von der Sonne getrocknet werden, und wo der
Sdwind die wundervoll grnen und purpurnen Teppiche fegt.  Oder einen
Wagen mchte ich Ihnen schenken; uns hinaufzutragen in den Himmel, wo
die Lampen Sterne sind und nicht tglich mit Petroleum gefllt werden
mssen.

(Morell barsch:)  Und wo es nichts anderes zu tun gibt, als faul,
selbstschtig und unntz zu sein.

(Candida unangenehm berhrt:)  Oh, Jakob, wie kannst du nur alles so
verderben!

(Marchbanks feurig:)  Ja: faul, selbstschtig und unntz, das heit
schn, frei und glcklich sein.  Hat das nicht jeder Mann mit seiner
ganzen Seele fr die Frau gewnscht, die er liebte?  Das ist auch mein
Ideal.  Was ist das Ihre und das all der entsetzlichen Menschen, die
in diesen frchterlichen Huserreihen wohnen?  Predigten und
Schuhbrsten!  Fr Sie die Predigten und fr Ihre Frau die Brste!

(Candida drollig:)  Er putzt die Schuhe, Eugen.  Morgen werden Sie sie
putzen mssen, weil Sie das von ihm gesagt haben.

(Marchbanks.)  Oh, sprechen Sie nicht von Schuhen; Ihre Fe wrden
auch in einer Wildnis schn bleiben.

(Candida.)  Meine Fe wrden auf der Hackneystrae ohne Schuhe nicht
sehr schn aussehn.

(Burgess daran Ansto nehmend:)  Geh, Candy, sei nicht ordinr.  Herr
Marchbanks ist daran nicht gewhnt.  Du hast ihm schon wieder Jammer
eingeflt,--ich meine poetischen Jammer.  (Morell schweigt, scheinbar
ist er mit seinen Briefen beschftigt.  Tatschlich ist er aber ber
seine neue und beunruhigende Erfahrung in sorgenvolle Gedanken
vertieft: je sicherer er seiner moralischen Ausflle ist, desto
sicherer und wirkungsvoller pariert sie Eugen.  Es schmerzt Morell
sehr, da er einen Menschen zu frchten anfngt, den er nicht achten
kann.  Frulein Garnett kommt mit einem Telegramm herein.)

(Proserpina hndigt das Telegramm Morell ein:)  Rckantwort bezahlt,
der Bote wartet.  (Zu Candida, whrend sie zu ihrer Maschine geht und
sich setzt:)  Marie wartet auf Sie in der Kche, Frau Morell.  (Candida
erhebt sich:)  Die Zwiebeln sind gekommen.

(Marchbanks krampfhaft:)  Zwiebeln!?

(Candida.)  Ja, Zwiebeln, und nicht einmal spanische! garstige, kleine
rote Zwiebeln!  Sie knnen mir helfen, sie zu zerschneiden; kommen Sie.
(Sie nimmt ihn am Handgelenk und luft, ihn nachziehend, hinaus.
Burgess erhebt sich verblfft und starrt ihnen, auf dem Kaminteppich
stehend, nach.)

(Burgess.)  Candy sollte den Neffen eines Pairs nicht so behandeln.
Das geht doch zu weit, Jakob.  Hat er fters solche komischen Anflle?

(Morell kurz, ein Telegramm schreibend:)  Ich wei nicht.

(Burgess sentimental:)  Er spricht sehr nett.  Ich habe immer etwas
Sinn fr Poesie gehabt.  Candy schlgt mir darin nach.  Ich mute ihr
immer Mrchen erzhlen, als sie noch ein so kleines Mdchen war.  (Er
hlt die Hand ungefhr zwei Fu hoch ber den Fuboden.)

(Morell beschftigt:)  So, wirklich?  (Er lscht das Telegramm ab und
geht hinaus.)

(Proserpina.)  Haben Sie die Mrchen, die Sie Ihrer Tochter erzhlten,
selbst erfunden?

(Burgess wrdigt sie keiner Antwort und nimmt vor dem Kamin die
Stellung tiefster Verachtung gegen sie ein.)

(Proserpina sehr ruhig:)  Ich htte nie gedacht, da Sie derlei knnten.
brigens mchte ich Sie doch warnen, da Sie so groes Interesse
an Herrn Marchbanks nehmen.  Er ist verrckt.

(Burgess.)  Verrckt!  Was?  Der auch?

(Proserpina.)  Total verrckt!  Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie
sehr er mich vorhin erschreckte--das kann ich Ihnen versichern,
gerade bevor Sie kamen.--Haben Sie das merkwrdige Zeug, das er sprach,
nicht gehrt?

(Burgess.)  So, das ist also der poetische Jammer?  Potztausend, es ist
mir selbst schon ein oder zweimal aufgefallen, da es nicht ganz
richtig mit ihm ist.  (Er durchschreitet das Zimmer und hebt seine
Stimme, whrend er geht:)  Na, das ist ein hbsches Irrenhaus fr einen
Menschen, der auer Ihnen niemanden hat, sich um ihn zu kmmern.

(Proserpina whrend er bei ihr vorbeikommt:)  Ja, wie frchterlich wre
es, wenn Ihnen da etwas zustiee.

(Burgess hochmtig:)  Erlauben Sie sich keine Bemerkungen!  Sagen Sie
Ihrem Prinzipal, da ich in den Garten gegangen bin, meine Pfeife zu
rauchen.

(Proserpina spottend:)  Oh!--(Ehe Burgess erwidern kann, kehrt Morell
zurck.)

(Burgess gefhlvoll:)  Ich gehe in den Garten, meine Pfeife zu rauchen,
Jakob.

(Morell kurz angebunden:)  Schon gut, schon gut!  (Burgess geht
wrdevoll hinaus, wie ein mder alter Mann.  Morell steht vor dem
Tisch, wendet seine Papiere um und spricht zu Proserpina hinber, halb
humorvoll, halb geistesabwesend.)

(Morell.)  Nun, Prossi, warum haben Sie meinen Schwiegervater mit
Schimpfnamen belegt?

(Proserpina wird feuerrot und sieht rasch zu ihm auf, halb
vorwurfsvoll, halb erschrocken:)  Ich--(Sie bricht in Trnen aus.)

(Morell lehnt sich mit leisem Humor zu ihr hinber und trstet sie:)
Oh, lassen Sie, lassen Sie nur! es ist ja nichts dabei: er ist ein
alter Schafskopf, nicht wahr?  (Mit einem krampfhaften Schluchzen
strzt sie nach der Tr und verschwindet, die Tr zuschlagend.  Morell
schttelt resigniert den Kopf, seufzt und geht mde an seinen Stuhl,
wo er sich an die Arbeit setzt.  Er sieht alt und vergrmt aus.
Candida kommt herein; sie hat ihre husliche Arbeit beendet und die
Schrze abgenommen.  Sie bemerkt sofort Morells niedergeschlagenes
Aussehen, setzt sich ruhig auf den Besuchsstuhl und betrachtet ihn
aufmerksam.  Sie schweigt.)

(Morell sieht auf, die Feder einen Moment absetzend:)  Nun, wo ist
Eugen?

(Candida.)  Er wscht sich die Hnde in der Waschkche--unter der
Wasserleitung.  Er wird ein ausgezeichneter Koch werden, wenn er nur
erst seine Furcht vor Marie berwunden hat.

(Morell kurz:)  Gewi, zweifellos.  (Er fngt wieder zu schreiben an.)

(Candida geht nher und legt ihre Hnde sanft auf die seinen, um ihn
aufzuhalten, und sagt:)  Komm zu mir, mein Lieber.  La dich anschauen.
(Er legt seine Feder weg und stellt sich ihr zur Verfgung; sie lat
ihn aufstehen, zieht ihn ein wenig vom Tisch fort und betrachtet ihn
mit kritischen Blicken.)  Wende dein Gesicht einmal gegen das Licht.
(Sie stellt ihn mit dem Gesicht gegen das Fenster.)  Mein alter Junge
sieht nicht gut aus,--hat er sich beranstrengt?

(Morell.)  Nicht mehr als gewhnlich.

(Candida.)  Er sieht sehr bleich und grau, runzelig und alt aus.
(Seine Melancholie nimmt zu und Candida fat sie geflissentlich lustig
an.)  Komm her.  (Sie zieht ihn zum Lehnstuhl:)  Du hast fr heute genug
geschrieben.  berla Prossi alles Weitere, und wir wollen ein
bichen plaudern.

(Morell.)  Aber--

(Candida nachdrcklich:)  Ja, du mut mit mir plaudern.  (Sie zwingt
ihn, Platz zu nehmen, und setzt sich auf den Teppich zu seinen Fen.)
Nun (seine Hnde streichelnd:)  fngst du schon an, besser auszusehen.
Warum gibst du alle diese ermdenden Extraarbeiten nicht auf?  Jeden
Abend gehst du aus, um zu predigen und zu reden.  Freilich, was du
sagst, ist alles schn und gut; aber es ntzt ja nichts: sie geben
nicht das geringste darauf.  Sie sind natrlich deiner Ansicht--aber
was hat man davon, wenn Leute mit einem einverstanden sind und dann
hingehen und das Gegenteil von allem tun, sobald man den Rcken kehrt?
Denke nur an unsere Gemeinde in St. Dominik?  Warum wollen sie dich
jeden Sonntag ber Christentum reden hren?  Nur weil sie mit ihren
Geschften und Geldangelegenheiten sechs Tage lang so sehr beschftigt
waren, da sie am siebenten Tage nichts davon hren mgen.  Da wollen
sie ruhen und sich erbauen, damit sie frisch zurckkehren und besser
als je dem Gelde nachjagen knnen.  Du hilfst ihnen nur noch dabei,
anstatt sie daran zu hindern.

(Morell mit energischem Ernst:)  Du weit sehr gut, Candida, da ich
sie deswegen oft tchtig ausschelte.  Aber wenn ihr Kirchgang ihnen
nichts anderes bedeutet als Ruhe und Zerstreuung, warum whlen sie
dann nichts Lustigeres, Angenehmeres?  Es mu doch etwas Gutes in der
Tatsache liegen, da sie die Kirche am Sonntag schlimmeren Orten
vorziehen.

(Candida.)  Oh, die schlimmen Orte sind eben nicht offen, und selbst
wenn sie es wren, sie wrden sich nicht trauen hinzugehen, aus Angst
gesehn zu werden.  berdies, lieber Jakob, predigst du so
wundervoll, da es fr sie so gut wie ein Schauspiel ist.  Warum,
glaubst du, sind die Frauen alle so begeistert?

(Morell verletzt:)  Candida!

(Candida.)  Oh, ich wei.  Du Ahnungsloser, du glaubst, dein
Sozialismus und deine Religion machen es,--doch wenn's blo das wre,
dann wrden sie tun, was du ihnen sagst, anstatt nur hinzugehen und
dich anzustarren;--sie haben alle Prossis Leiden.

(Morell.)  Prossis Leiden?  Was meinst du damit, Candida?

(Candida.)  Ja, Prossis und das all der anderen Sekretrinnen, die du
hattest.  Warum, meinst du, lt sich Prossi herbei, abzuwaschen,
Kartoffeln zu schlen und sich auf alle mgliche Art zu erniedrigen,
da sie bei dir doch sechs Schillinge in der Woche weniger verdient,
als sie in einem Bureau in der City bekme?  Sie ist verliebt in dich,
das ist der Grund,--sie sind alle in dich verliebt.  Und du bist ins
Predigen verliebt, weil du das so wundervoll kannst.  Und du glaubst,
es sei alles Enthusiasmus fr das Himmelreich auf Erden--und sie
glauben es auch--o du lieber Dummkopf, du!

(Morell.)  Candida, was ist das fr ein schrecklicher, seelenmordender
Zynismus?  Scherzest du oder--ist es mglich--bist du eiferschtig?

(Candida seltsam gedankenvoll:)  Ja, manchmal bin ich etwas
eiferschtig.

(Morell unglubig:)  Auf Prossi?

(Candida lachend:)  Nein, nein, nein.  Nicht eiferschtig a u f
jemanden.  Eiferschtig f  r jemanden, der n i c h t so geliebt wird,
wie er sollte.

(Morell.)  Bin ich das?

(Candida.)  Du?  Nein.  Du bist verwhnt durch Liebe und Verehrung,
mehr, als fr dich gut ist.--Nein, ich meine Eugen.

(Morell betroffen:)  Eugen?

(Candida.)  Es scheint mir ungerecht, da du alle Liebe besitzen sollst
und er keine, obgleich er sie so viel ntiger hat als du.  (Eine
krampfhafte Bewegung schttelt ihn gegen seinen Willen.)  Was ist dir,
qule ich dich?

(Morell rasch:)  Durchaus nicht.  (Er sieht sie mit unruhiger Spannung
an.)  Du weit, da ich dir blindlings vertraue, Candida.

(Candida.)  Du eitler Mann.  Bist du deiner Unwiderstehlichkeit so
sicher?

(Morell.)  Candida, du verletzest mich.  Ich habe an
Unwiderstehlichkeit nie gedacht.  Deiner Frmmigkeit, deiner Reinheit
vertraue ich.

(Candida.)  Was fr hliche, ungemtliche Dinge du mir da sagst,--oh,
du bist wirklich ein Pastor, Jakob, ein Pastor durch und durch!

(Morell ins Herz getroffen, sich von ihr abwendend:)  Das sagt Eugen
auch.

(Candida neigt sich mit lebhaftem Interesse zu ihm, die Arme auf
seinen Knien:)  Eugen hat immer recht.  Er ist ein wundervoller Junge,
ich habe ihn lieber und lieber gewonnen whrend der ganzen Zeit, wo
ich fort war.  Weit du, Jakob, da er, obwohl er selbst nicht die
leiseste Ahnung davon hat, im Begriff steht, sich wahnsinnig in mich
zu verlieben?

(Morell grimmig:)  Oh, er selbst hat nicht die leiseste Ahnung davon,
wirklich?

(Candida.)   Nicht die geringste.  (Sie nimmt ihre Arme von seinen Knien
und wendet sich gedankenvoll ab, wobei sie eine bequeme Stellung
einnimmt, die Hnde im Scho.)   Eines Tages wird er es wissen,--wenn er
erwachsen und erfahren sein wird wie du--da wird er erkannt haben, da
ich es wissen mute!--Ich bin neugierig, was er dann von mir denken
wird.

(Morell.)   Nichts Bses, Candida.  Ich hoffe und vertraue, nichts Bses.

(Candida zweifelnd:)  Das wird davon abhngen...

(Morell erschreckt:)  Abhngen!

(Candida ihn ansehend:)  Ja, es wird davon abhngen, was er bis dahin
erleben wird.  Er sieht sie verstndnislos an.  Begreifst du das
nicht?  Es hngt ganz davon ab, wie und durch wen ihm bewut wird, was
die Liebe eigentlich ist.  Ich meine, es kommt auf die Frau an, die
ihn die Liebe lehren wird.

(Morell ganz verwirrt:)  Nein,--ja,--ich wei nicht, was du meinst.

(Candida erklrend:)  Wenn eine gute Frau sie ihn lehrt, dann wird
alles gut und schn sein, dann wird er mir verzeihen.

(Morell.)   Verzeihen?!

(Candida fortfahrend:)  Aber gesetzt den Fall, da eine schlechte Frau
sie ihn lehrt, wie dies vielen Mnnern, ganz besonders dichterisch
veranlagten, geschieht, die alle Frauen fr Engel halten,--gesetzt den
Fall, sage ich, da er den Wert der Liebe erst dann entdeckt, wenn er
sie fortgeworfen und sich in seiner Unwissenheit selbst erniedrigt hat,
--glaubst du, da er mir dann auch verzeihen wird?

(Morell.)   Dir verzeihen?  Weswegen?

(Candida bemerkt, wie beschrnkt er ist, fhrt etwas enttuscht, aber
sanft fort:)  Verstehst du das nicht?  (Er schttelt den Kopf; sie
wendet sich wieder zu ihm, um es ihm mit zartester Vertraulichkeit zu
erklren.)   Ich meine: wird er mir verzeihen, da ich selbst ihn die
Liebe nicht gelehrt, sondern ihn schlechten Frauen berlassen habe?
meiner Frmmigkeit--meiner Reinheit wegen, wie du es nennst!  Oh,
Jakob, wie wenig du mich doch verstehst, da du nur immer von deinem
Vertrauen in meine Frmmigkeit und Reinheit sprichst.  Ich wrde sie
beide dem armen Eugen so gerne geben, wie einem frierenden Bettler
meinen Schal, wenn nichts anderes mich davon abhielte.  Vertraue auf
meine Liebe zu dir; denn wenn die nicht wre, aus deinen Predigten
wrde ich mir sehr wenig machen--das sind blo leere Phrasen, mit
denen du andere und dich selbst jeden Tag belgst.  (Sie ist im
Begriff aufzustehen.)

(Morell.)  Seine Worte!

(Candida schnell innehaltend, indem sie aufsteht:)  Wessen Worte?

(Morell.)  Eugens!

(Candida entzckt:)  Er hat immer recht.  Er versteht dich, er versteht
mich, er versteht Prossi; und du, Jakob, du verstehst nichts.  (Sie
lacht und kt ihn, um ihn zu trsten; er weicht wie gestochen zurck
und springt auf.)

(Morell.)  Wie kannst du mich kssen, whrend du--oh, Candida!  (Mit
Schmerz in der Stimme:)  Ich htte vorgezogen, da du mir einen
Widerhaken ins Herz gestoen httest, statt mir diesen Ku zu geben.

(Candida erhebt sich beunruhigt:)  Mein Lieber, was ist denn mit dir?

(Morell schttelt sie wild ab:)  Berhre mich nicht!

(Candida erstaunt:)  Jakob!  Sie werden durch den Eintritt Marchbanks'
und Burgess' unterbrochen, der in der Nhe der Tr stehen bleibt und
sie anstarrt, whrend Eugen sich zwischen sie nach vorwrts drngt.

(Marchbanks.)  Ist etwas vorgefallen?

(Morell totenbleich, mit eiserner Selbstbeherrschung:)  Nichts, als da
entweder Sie heute morgen recht hatten, oder da Candida verrckt ist!

(Burgess laut protestierend:)  Was?  Candy auch verrckt?  Das ist
zuviel!  (Er durchschreitet das Zimmer bis zum Kamin, protestiert
whrend des Gehens und klopft dort seine Pfeifenasche aus.  Morell
setzt sich verzweifelt nieder, lehnt sich nach vorne, um sein Gesicht
zu verbergen, und verschlingt seine Finger krampfhaft, damit sie ruhig
bleiben.)

(Candida zu Morell, erleichtert und lachend:)  Oh, du bist nur
verletzt--ist das alles?  Wie konventionell ihr unkonventionellen
Leute doch alle seid!

(Burgess.)  Benimm dich anstndig, Candy.  Was wird Herr Marchbanks von
dir denken?

(Candida.)  Das kommt davon, weil Jakob mir immer predigt, nur mir
selbst Rechenschaft abzulegen und nie darauf zu achten, was andere
Leute ber mich denken knnten.  Das ist auerordentlich schn und gut,
solange ich derselben Meinung bin wie er.  Aber jetzt--weil ich
gerade etwas anderer Meinung war jetzt schau ihn dir an, schau nur!
(Sie weist auf Morell, hchst belustigt.  Eugen beobachtet ihn und
pret seine Hand heftig ans Herz, als wenn ihn irgendein Schmerz
getroffen htte; er setzt sich auf das Sofa wie ein Mensch, der einer
Tragdie beiwohnt.  Burgess auf dem Kaminteppich:)  Sie hat recht,
Jakob, Sie sehen wirklich nicht so wrdig aus wie gewhnlich.

(Morell mit einem Lachen, das ein halbes Schluchzen ist:)  Das kann
schon sein, verzeiht mir alle,--ich wute nicht, da ich eine Strung
verursache.  (Sich zusammenraffend:)  Es ist schon gut, schon gut,
schon gut.  (Er geht zurck nach seinem Platz am Tisch und setzt sich,
um an seinen Papieren wieder mit entschlossener Heiterkeit
weiterzuarbeiten.)

(Candida geht nach dem Sofa und setzt sich neben Marchbanks, noch in
heiterster Stimmung:)  Nun, Eugen, warum sind Sie traurig?  Haben Sie
vom Zwiebelschlen geweint?  (Morell kann sich nicht enthalten, sie zu
beobachten.)

(Marchbanks beiseite zu ihr:)  Ihre Grausamkeit ist es, die mich
traurig macht.--Ich hasse Grausamkeit.  Es ist entsetzlich,
mitanzusehen, wie ein Mensch einem andern weh tut.

(Candida ihn streichelnd, ironisch:)  Armer Junge, war ich grausam?
Habe ich ihn kleine, rote, hliche Zwiebel schlen lassen?

(Marchbanks ernst:)  Oh, halten Sie ein, halten Sie ein: ich meine
nicht mich!  Er hat Ihretwegen furchtbar gelitten.  Ich fhle seinen
Schmerz in meinem eigenen Herzen.  Ich wei, da Sie nicht schuld
daran sind,--es ist etwas geschehen, was geschehen mute; aber nehmen
Sie es nicht so leicht.  Mich schaudert, wenn Sie ihn qulen und dabei
lachen.

(Candida unglubig:)  Ich Jakob qulen?!  Unsinn, Eugen; wie Sie
bertreiben!  Torheit!  (Sie blickt hinber zu Jakob, der seine
Schreiberei hastig fortsetzt; sie gebt zu ihm und steht hinter seinem
Stuhl, sich ber ihn beugend.)  Arbeite nicht lnger, mein Lieber, komm
und plaudere mit uns.

(Morell liebevoll, aber bitter:)  Ach nein: ich kann nicht plaudern,
ich kann nur predigen.

(Candida ihn streichelnd:)  Nun, dann komm und predige!

(Burgess heftig widersprechend:)  Ach nein, Candy! zum Henker mit dem
Predigen!  (Alexander Mill kommt herein und sieht ngstlich und
wichtig aus.)

(Mill beeilt sich, Candida zu begren:)  Wie geht es Ihnen, Frau
Morell?  Wie freue ich mich, da Sie wieder zurck sind.

(Candida.)  Ich danke Ihnen, Herr Mill.  Sie kennen Eugen, nicht wahr?

(Mill.)  O ja!  Wie geht es Ihnen, Marchbanks?

(Marchbanks.)  Danke, gut!

(Mill zu Morell:)  Ich komme eben aus der Gilde von Sankt Matthus.
Die Leute sind furchtbar bestrzt ber Ihr Telegramm.  Es ist doch
hoffentlich nichts geschehen?

(Candida.)  Was hast du denn telegraphiert, Jakob?

(Mill zu Candida:)  Es war vereinbart, da er heute abend dort sprechen
sollte, sie haben den groen Saal in der Marestrae gemietet und eine
Menge Geld fr Plakate ausgegeben.  Der Herr Pastor telegraphierte nun,
da er nicht kommen knnte!  Es traf sie wie ein Blitz aus heiterem
Himmel.

(Candida berrascht, beginnt zu wittern, da etwas nicht in Ordnung
ist:)  Eine Gelegenheit, ffentlich zu sprechen, hast du ausgeschlagen?

(Burgess.)  Zum erstenmal in seinem Leben, das mchte ich wetten;
--nicht wahr, Candy?

(Mill zu Morell:)  Man hat beschlossen, Ihnen ein dringendes Telegramm
zu schicken, mit der Bitte, Ihren Entschlu zu ndern.  Haben Sie es
erhalten?

(Morell mit mhsam verhaltener Ungeduld:)  Ja, ja, ich bekam es.

(Mill.)  Es war mit bezahlter Rckantwort.

(Morell.)  Ja, ich wei.  Ich habe es beantwortet.  Ich kann nicht
kommen.

(Candida.)  Aber warum nicht, Jakob?

(Morell beinahe heftig:)  Weil ich nicht mag!  Diese Leute vergessen,
da ich auch ein Mensch bin; sie halten mich fr eine Redemaschine,
die man jeden Abend zu seinem Vergngen aufziehen kann.  Darf ich
nicht auch einmal einen Abend zu Hause haben, mit meiner Frau und
meinen Freunden?  (Sie sind alle ber diesen Ausbruch erstaunt mit
Ausnahme von Eugen,--sein Ausdruck bleibt unverndert.)

(Candida.)  Oh, Jakob, du weit es selbst: morgen wirst du dann
Gewissensbisse haben, und ich werde darunter leiden mssen.

(Mill eingeschchtert, aber dringend:)  Ich wei natrlich, da diese
Menschen die unvernnftigsten Anforderungen an Sie stellen; aber sie
haben berallhin um einen anderen Redner telegraphiert und knnen
niemanden mehr bekommen als den Prsidenten des Agnostikerbundes.

(Morell rasch:)  Nun, das ist ein ausgezeichneter Mann,--was wollen sie
denn noch mehr?

(Mill.)  Aber er besteht immer so fest auf der Scheidung des
Sozialismus vom Christentum.  Er wird all das Gute, das wir gestiftet
haben, zunichte machen,--natrlich, Sie mssen ja am besten wissen,
aber...

(Er zgert.)

(Candida schmeichelnd:)  O bitte, geh' doch hin, Jakob.  Wir kommen
alle mit.

(Burgess brummend:)  Schau, Candy, la uns lieber gemtlich zu Hause am
Kamin sitzen.  Er braucht ja nicht lnger als zwei Stunden
wegzubleiben.

(Candida.)  Du wirst dich in der Versammlung genau so behaglich fhlen.
Wir werden alle auf dem Podium sitzen und wichtige Leute sein.

(Marchbanks entsetzt:)  Oh, bitte, nicht auf dem Podium; nein!  Jeder
wird uns anstarren,--das hielte ich nicht aus.  Ich werde im
Hintergrund des Saales bleiben.

(Candida.)  Frchten Sie sich nicht.  Man wird viel zu sehr damit
beschftigt sein, Jakob anzustarren als da man Sie bemerkte.

(Morell wendet den Kopf und sieht Candida vielsagend ber die Schulter
an:)  Prossis Leiden, Candida,--nicht?

(Candida lustig:)  Jawohl.

(Burgess neugierig:) Prossis Leiden?  Was reden Sie da, Jakob?

(Morell beachtet ihn nicht, erhebt sich, geht nach der Tr, ffnet und
ruft in befehlendem Ton hinaus:)  Frulein Garnett!

(Proserpina aus der Entfernung:)  Ja, Herr Pastor, ich komme schon.
(Sie warten alle mit Ausnahme von Burgess, der verstohlen zu Mill geht
und ihn beiseite zieht.)

(Burgess.)  Hren Sie, Herr Mill: worin besteht Prossis Leiden?  Was
fehlt ihr?

(Mill vertraulich:)  Ja, ich wei es nicht genau; aber sie sprach recht
seltsame Dinge heute frh;--ich frchte, es ist manchmal nicht ganz
richtig mit ihr.

(Burgess berwltigt:)  Nein,--vier in demselben Haus!  Es mu
ansteckend sein.  (Er geht zurck an den Kamin, ganz in Gedanken
versunken ber die Vernderlichkeit des menschlichen Verstandes in der
Umgebung eines Geistlichen.)

(Proserpina erscheint auf der Schwelle:)  Was wnschen Sie, Herr Pastor?

(Morell.)  Telegraphieren Sie nach der Gilde von Sankt Matthus, da
ich kommen werde.

(Proserpina berrascht:)  Werden Sie denn nicht erwartet?

(Morell gebieterisch:)  Tun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe.
(Proserpina setzt sich erschrocken an die Schreibmaschine und gehorcht.)

(Morell geht hinber zu Burgess.  Candida beobachtet seine Bewegungen
die ganze Zeit ber mit wachsender Verwunderung und Besorgnis.)
Burgess, Sie mchten lieber nicht mitkommen?

(Burgess sich entschuldigend:)  Oh, so drfen Sie das nicht
auffassen--ich meine nur, wissen Sie--weil heute nicht Sonntag ist.

(Morell.)  Das ist schade, ich dachte, Sie wrden gerne mit dem
Vorsitzenden bekannt werden.  Er ist im Provinzialarbeitsausschu und
hat einigen Einflu bei Abschlssen von Lieferungen.  (Burgess wird
mit einem Male lebendig; Morell, der das erwartet hat, hlt einen
Augenblick inne und sagt:)  Sie wollen also doch mitkommen?

(Burgess mit Enthusiasmus:)  Das will ich meinen,--ob ich mitkomme,
Jakob!  Es ist ja stets ein Genu, Sie predigen zu hren!

(Morell wendet sich zu Proserpina:)  Ich werde Sie ntig haben, damit
Sie in der Versammlung einige Notizen machen knnen, Frulein Garnett,
falls Sie nicht schon vergeben sind.  (Sie nickt, aus Angst, sprechen
zu mssen.)  Sie kommen doch auch mit, Lexi?

(Mill.)  Selbstverstndlich.

(Candida.)  Wir kommen alle mit, Jakob.

(Morell.)  Nein!  Du kommst nicht mit, und Eugen kommt nicht mit.  Du
wirst zu Hause bleiben und dich mit ihm unterhalten, zur Feier deiner
Rckkehr.  (Eugen erhebt sich atemlos.)

(Candida.)  Aber Jakob--

(Morell gebieterisch:)  Ich bestehe darauf; Ihr habt beide keine Lust
zu kommen, weder er, noch du!  (Candida will sich dagegen verwahren.)
Oh, denkt nicht an mich, ich werde auch ohne euch eine Menge Menschen
um mich versammelt sehen.  Eure Sthle werden von unbekehrten Leuten
besetzt sein, die mich noch nie gehrt haben.

(Candida beunruhigt:)  Eugen, mchten Sie nicht hingehen?

(Morell.)  Ich wrde mich frchten, mich vor Eugen hren zu lassen; er
ist Predigten gegenber sehr kritisch.  (Sieht ihn an.)  Er wei, da
ich mich vor ihm frchte, er hat mir's heute frh selbst gesagt.  Nun
will ich ihm zeigen, wie sehr ich mich frchte, indem ich ihn hier
allein in deiner Hut lasse, Candida.

(Marchbanks zu sich selbst, mit lebhaftem Gefhl:)  Das ist tapfer; das
ist schn.  (Er setzt sich wieder und hrt mit geffneten Lippen zu.)

(Candida mit ngstlicher Beunruhigung:)  Aber, aber--Ist irgend etwas
geschehen, Jakob?  (Sehr verwirrt:)  Ich kann dich nicht begreifen.

(Morell.)  Ah, ich dachte, ich sei es, der nichts begreifen kann, meine
Liebe.  (Er schliet sie zrtlich in die Arme und kt sie auf die
Stirn, dann blickt er ruhig auf Marchbanks.)

(Vorhang)




DRITTER AKT

(Es ist nach zehn Uhr abends; die Vorhnge sind zugezogen und die
Lampe brennt.  Die Schreibmaschine steht in ihrem Kasten.  Der breite
Tisch ist geordnet worden; alles zeugt davon, da das Tagewerk
vollbracht ist.  Candida und Marchbanks sitzen am Feuer; die Leselampe
steht auf dem Kaminsims ber Marchbanks, der in dem kleinen Stuhl
sitzt und laut liest.  Auf dem Teppich neben ihm liegt ein kleiner
Haufen von Manuskripten und ein paar Bnde Gedichte.  Candida sitzt im
groen Stuhl und hlt einen leichten Schrhaken aus Messing aufrecht
in der Hand; sie sitzt zurckgelehnt und sieht versonnen auf die
funkelnde Messingspitze.  Sie hat die Fe gegen das Feuer hin
ausgestreckt und lt ihre Fersen auf dem Kamingitter ruhen, sich
ihrer Erscheinung und ihrer Umgebung tief unbewut.)

(Marchbanks seine Vorlesung unterbrechend:)  Jeder Dichter, der je
gelebt hat, hat aus diesem Gedanken ein Sonett gemacht.  Er mu es, ob
er will oder nicht.  (Er sieht Candida an, ob sie ihm zustimmt, und
bemerkt, da sie auf den Schrhaken starrt.)  Haben Sie nicht zugehrt?
(Keine Antwort:)  Frau Morell!

(Candida auffahrend.)  Wie!?

(Marchbanks.)  Haben Sie nicht zugehrt?

(Candida schuldbewut, mit bertriebener Hflichkeit:)  O ja.  Es ist
sehr hbsch.  Fahren Sie fort, Eugen.  Ich bin begierig, zu hren, was
dem Engel passiert ist.

(Marchbanks lt das Manuskript aus der Hand auf den Boden fallen:)
Verzeihen Sie, da ich Sie langweile!

(Candida.)  Aber Sie langweilen mich durchaus nicht, wirklich nicht.
Bitte, fahren Sie fort--bitte, Eugen.

(Marchbanks.)  Ich habe das Gedicht ber den Engel vor einer
Viertelstunde beendet.  Ich habe Ihnen seitdem schon verschiedenes
vorgelesen.

(Candida reuevoll:)  Das tut mir wirklich leid, Eugen.  Mir scheint,
der Schrhaken hat mich behext.  (Sie legt ihn nieder.)

(Marchbanks.)  Er hat mich frchterlich gestrt.

(Candida.)  Warum haben Sie mir das nicht gesagt?  Ich htte ihn sofort
weggelegt.

(Marchbanks.)  Ich frchtete, Sie auch zu stren; er glich einer Waffe.
Wenn ich ein Held aus alten Tagen wre, wrde ich mein gezogenes
Schwert zwischen uns gelegt haben.  Wenn Morell gekommen wre, htte
er geglaubt, da Sie den Schrhaken ergriffen haben, weil kein Schwert
zwischen uns liegt.

(Candida verwundert:)  Was?  (Sie sieht ihn mit verwirrten Blicken an:)
Das kann ich nicht recht verstehen.  Ihre Sonette haben mich so sehr
verwirrt!  Warum sollte ein Schwert zwischen uns sein?

(Marchbanks ausweichend:)  Oh, lassen wir das.  (Er bckt sich, das
Manuskript aufzuheben.)

(Candida.)  Legen Sie das wieder hin, Eugen.  Mein Hunger nach Poesie
hat Grenzen, selbst nach Ihrer Poesie.  Sie haben mir lnger als zwei
Stunden vorgelesen--seit mein Mann fort ist--, ich mchte lieber
plaudern.

(Marchbanks erhebt sich, furchtsam:)  Nein, ich darf nicht reden.  (Er
sieht in seiner verlorenen Weise um sich und fgt pltzlich hinzu:)
Ich glaube, ich mache einen Spaziergang im Park.  (Er will nach der
Tr.)

(Candida.)  Unsinn! er ist lngst geschlossen.  Setzen Sie sich auf den
Kaminteppich und plaudern wir, wie Sie es gewhnlich tun!  Ich will
unterhalten werden,--wollen Sie nicht?

(Marchbanks halb entsetzt, halb hingerissen:)  Ja.

(Candida.)  Dann kommen Sie her.  (Sie rckt ihren Stuhl etwas zurck,
um Platz zu machen; er zgert, dann kauert er sich schchtern hin vor
den Kamin, das Gesicht nach oben gekehrt, wirft seinen Kopf zurck auf
ihre Knie und sieht zu ihr empor.)

(Marchbanks.)  Oh, ich habe mich den ganzen Tag so unglcklich gefhlt,
weil ich getan habe, was recht war; und nun, wo ich unrecht tue, bin
ich so glcklich.

(Candida zart, belustigt ber ihn:)  Ja; ich bin berzeugt, nun fhlen
Sie sich wie ein groer, erwachsener, bser Verfhrer--ganz stolz auf
sich, nicht wahr?

(Marchbanks erhebt seinen Kopf rasch und wendet sich ein wenig, um sie
anzublicken:)  Nehmen Sie sich in acht.  Ich bin sogar um vieles
lter als Sie, Sie wissen es nur nicht.  (Er wendet sich auf seinen
Knien ganz herum; mit gefalteten Hnden und die Arme in ihrem Scho,
spricht er mit wachsender Erregung--sein Blut fngt an zu wallen:)
Darf ich Ihnen ein paar schlimme Dinge sagen?

(Candida ohne die leiseste Angst oder Klte und mit vollkommener
Achtung vor seiner Leidenschaft, aber mit einem Schimmer ihres
klugkerzigen mtterlichen Humors:)  Nein.  Aber Sie drfen alles
sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fhlen, was es auch sei, alles!
Ich frchte mich nicht, solange Ihr wirkliches "Selbst" zu mir
spricht und nicht eine bloe Pose--eine galante oder eine gottlose,
oder selbst eine dichterische Pose.  Das verlange ich von Ihnen, bei
Ihrer Ehre und Wahrhaftigkeit!--Nun sagen Sie, was Sie wollen.

(Marchbanks der heie Ausdruck verschwindet vollkommen von seinen
Lippen und Nasenflgeln, seine Augen flammen auf in begeistertem Feuer.)
Oh, jetzt kann ich nicht mehr alles sagen; denn alle Worte, die ich
wei, gehren mehr oder weniger irgendeiner Pose an, alle--bis auf
eines.

(Candida.)  Welches Wort ist das?

(Marchbanks sanft, sich dem melodischen Klang des Namens hingebend:)
"Candida, Candida, Candida, Candida, Candida"--das mu ich jetzt sagen,
da Sie mich bei meiner Ehre und Wahrhaftigkeit fragen, denn ich denke
und fhle niemals "Frau Morell", immer nur "Candida".

(Candida.)  Selbstverstndlich!  Und was haben Sie Candida zu sagen?

(Marchbanks.)  Nichts als Ihren Namen tausendmal zu wiederholen.
Fhlen Sie nicht, da es jedesmal ein Gebet zu Ihnen ist?

(Candida.)  Macht es Sie nicht glcklich, da Sie beten knnen?

(Marchbanks.)  Ja, sehr glcklich.

(Candida.)  Nun, dieses Glck ist die Antwort auf Ihr Gebet.--Wnschen
Sie sich etwas Besseres?

(Marchbanks selig:)  Nein, ich bin im Himmel, wo man wunschlos ist.
(Morell tritt ein; er bleibt an der Schwelle stehen und berschaut mit
einem Blick die ganze Szene.)

(Morell ernst und mit Selbstbeherrschung:)  Hoffentlich stre ich nicht.
(Candida fhrt heftig auf, aber ohne die leiseste Verlegenheit.  Sie
lacht ber sich selbst.  Eugen, noch auf den Knien, schtzt sieh vor
dem Fallen dadurch, da er seine Hnde auf den Stuhlsitz legt; Morell
mit offenem Munde anstarrend, bleibt er in dieser Stellung.)

(Candida im Aufstehen:)  Oh, Jakob, wie du mich erschreckt hast; ich
war so mit Eugen beschftigt, da ich deinen Schlssel nicht gehrt
habe.  Wie ist die Versammlung verlaufen?  Hast du gut gesprochen?

(Morell.)  Ich habe in meinem ganzen Leben nicht besser gesprochen.

(Candida.)  Das ist ausgezeichnet!  Wieviel ist eingegangen?

(Morell.)  Ich verga zu fragen.

(Candida zu Eugen:)  Er mu wundervoll gesprochen haben oder er htte
das nicht vergessen.  (Zu Morell:)  Wo sind die andern?

(Morell.)  Sie verlieen den Saal lange ehe ich fortkommen konnte; ich
glaube, sie essen irgendwo zur Nacht.

(Candida in ihrer hausmtterlichen Art:)  Oh, dann kann Marie zu Bette
gehn; ich will es ihr sagen.  (Sie geht hinaus in die Kche.)

(Morell blickt strenge auf Marchbanks nieder:)  Nun?

(Marchbanks lt sich mit gekreuzten Beinen auf den Kaminteppich
nieder und fhlt sich Morell gegenber ganz sicher, sogar voll
verschmitzten Humors:)  Nun?

(Morell.)  Haben Sie mir etwas zu sagen?

(Marchbanks.)  Nur, da ich mich hier heimlich zum Narren gemacht habe,
whrend Sie ffentlich dasselbe getan haben.

(Morell.)  Ich glaube, kaum auf dieselbe Art.

(Marchbanks springt auf, eifrig:)  Ganz genau auf dieselbe Art.  Ich
habe eben ganz so wie Sie den braven Mann gespielt! ganz so wie Sie.
Als Sie Ihr Heldentum, mich hier mit Candida allein zu lassen,
begannen--

(Morell unwillkrlich:)  Candida?

(Marchbanks.)  Ja, so weit bin ich schon.  Heldentum ist ansteckend,
ich bekam die Krankheit von Ihnen und habe mir geschworen, Candida in
Ihrer Abwesenheit nichts zu sagen, was ich nicht schon vor einem Monat
in Ihrer Gegenwart gesagt htte.

(Morell.)  Und haben Sie dieses Gelbde gehalten?

(Marchbanks setzt sich pltzlich in grotesker Weise in den Lehnstuhl:)
Ich bin bis vor etwa zehn Minuten dumm genug gewesen, es zu halten.
Bis dahin habe ich ihr verzweifelt vorgelesen, meine eigenen
Gedichte--und andere--um einer Unterhaltung auszuweichen.  Ich sah
das Himmelstor offen und weigerte mich, einzutreten....  Sie knnen
sich nicht vorstellen, wie heldenhaft das war und wie ungemtlich....
Dann--

(Morell seine Ungeduld bezhmend:)  Dann?

(Marchbanks geht prosaisch in eine ganz gewhnliche Stellung im
Lehnstuhl ber:)  Dann konnte sie das Vorlesen nicht mehr vertragen.

(Morell.)  Und da haben Sie sich dem Himmelstor schlielich genhert?

(Marchbanks.)  Ja.

(Morell.)  Und dann?  (Wild:)  Sprechen Sie, Mensch!  Haben Sie denn
kein Gefhl fr mich!

(Marchbanks sanft und melodisch:)  Dann wurde sie ein Engel, und ein
Flammenschwert erschien, das mir jeden Zugang versperrte, so da ich
nicht eintreten konnte und nun begriff, da dieses Tor in Wahrheit das
Tor der Hlle war.

(Morell triumphierend:)  Sie hat Sie zurckgestoen!

(Marchbanks erhebt sich mit grimmigem Hohn:)  Nein, Sie Narr!  Wenn sie
das getan htte, wrde ich gar nicht gefhlt haben, da ich schon im
Himmel war.  Mich zurckgestoen... glauben Sie, da mich das gerettet
htte?--Tugendhafte Entrstung!  Oh, Sie sind nicht wert, in einer
Welt mit ihr zu leben.  (Er wendet sich verachtungsvoll von ihm ab
nach der anderen Seite des Zimmers.)

(Morell der ihn ruhig beobachtet hat, ohne seinen Platz zu wechseln:)
Glauben Sie, da Sie dadurch an Wert gewinnen, wenn Sie mich
beschimpfen, Eugen?

(Marchbanks.)  Hier endet der tausendunderste Text.  Morell: ich halte
doch nicht viel von Ihrem Predigen.  Ich glaube sogar, ich selbst
knnte das besser.  Der Mann, den ich jetzt vor mir haben mchte, ist
der Mann, den Candida geheiratet hat.

(Morell.)  Der Mann, den... meinen Sie mich?

(Marchbanks.)  Ich meine nicht Hochwrden Jakob Mavor Morell, Moralist
und Schwtzer.  Ich meine den wirklichen Menschen, den Hochwrden
Jakob irgendwo in seiner schwarzen Kutte versteckt haben mu, den Mann,
den Candida geliebt hat.  Sie knnen die Liebe einer Frau wie Candida
nicht dadurch erreicht haben, da Sie blo Ihren Kragen hinten statt
vorne knpfen.

(Morell khn und standhaft:)  Als Candida einwilligte, mich zu heiraten,
da war ich derselbe Moralist und Schwtzer, den Sie jetzt vor sich
sehen.  Ich trug meinen schwarzen Rock, und meinen Kragen knpfte ich
hinten statt vorne.  Glauben Sie, da sie mich mehr geliebt htte,
wenn ich unaufrichtig in meinem Beruf gewesen wre?

(Marchbanks auf dem Sofa, seine Knchel umfassend:)  Oh, sie hat Ihnen
vergeben, so wie sie mir vergibt, da ich ein Feigling bin und ein
Schwchling, und was Sie einen kleinen winselnden Hund--und so
weiter--nennen.  (Vertrumt:)  Eine Frau wie diese hat gttlichen
Einblick: sie liebt unsere Seele und nicht unsere Narrheiten und
Eitelkeiten und Illusionen, oder unsere Kragen und Rcke, oder die
andern Fetzen und Lappen, in die wir gehllt sind.  (Er denkt darber
einen Augenblick nach, dann wendet er sich mit gespannter Erwartung um,
Morell zu befragen:)  Was ich wissen mchte, ist, wie Sie an dem
Flammenschwerte, das mich zurckgeschreckt hat, vorbeigekommen sind!

(Morell bedeutungsvoll:)  Vielleicht weil ich nicht nach zehn Minuten
unterbrochen wurde.

(Marchbanks verblfft:)  Was?

(Morell.)  Der Mensch kann auf die hchsten Gipfel steigen; aber er
kann nicht lange dort verweilen.

(Marchbanks.)  Das ist falsch.  Dort kann er ewig verweilen! nur dort!
Anderswo findet er keine Ruhe und hat keinen Sinn fr die stille
Schnheit des Lebens.  Wo sollte ich meine seligsten Minuten verleben,
wenn nicht auf den Hhen?

(Morell.)  In der Kche, Zwiebeln schneidend und Lampen fllend.

(Marchbanks.)  Oder auf der Kanzel, Seelen scheuernd die aus billigem
Ton sind.

(Morell.)  Ja, das auch!  Dort habe ich meinen goldenen Augenblick
geerntet und mit ihm das Recht, um Candidas Liebe zu werben.  Ich habe
mir diese Stunde nicht erborgt, noch habe ich sie bentzt, um das
Glck eines andern zu stehlen.

(Marchbanks schreitet ziemlich angewidert dem Kamin zu:)  Ich zweifle
nicht daran, da Sie Ihre Verrichtungen so ehrenhaft erfllt haben,
als ob Sie ein Pfund Kse abgewogen htten.  (Er hlt vor dem Kamin
inne und fgt nachdenklich zu sich selbst, Morell den Rcken kehrend,
hinzu:)  Ich konnte zu ihr nur als Bettler kommen.

(Morell auffabrend:)  Als ein frierender Bettler, der sie um ihren
Schal bat, nicht wahr?

(Marchbanks wendet sich berrascht um:)  Ich danke Ihnen, da Sie sich
auf mein Gedicht beziehen.  Ja, wenn Sie wollen: als ein frierender
Bettler, der sie um ihren Schal bat.

(Morell erregt:)  Und sie verweigerte ihn.  Soll ich Ihnen sagen, warum
sie ihn verweigert hat?  Ich kann es Ihnen sagen, mit ihrer eigenen
Erlaubnis: weil...

(Marchbanks.)  Sie hat ihn nicht verweigert!

(Morell.)  Nicht?

(Marchbanks.)  Sie bot mir alles, worum ich bat: ihren Schal, ihre
Flgel, den Sternenkranz aus ihrem Haar, die Lilien in ihrer Hand, den
aufgehenden Mond zu ihren Fen.

(Morell ihn anpackend:)  Heraus mit der Wahrheit, Mensch!  Meine Frau
ist meine Frau: ich habe genug von Ihrem poetischen Flitterkram,--ich
wei ganz gut, da kein Gesetz Candida an mich binden wrde, wenn ich
ihre Liebe an Sie verloren htte!

(Marchbanks bizarr, ohne Furcht oder Widerstand:)  Packen Sie mich nur
beim Kragen: sie wird ihn dann wieder in Ordnung bringen wie heute
morgen.  (Mit stiller Begeisterung:)  Ich werde wieder die Berhrung
ihrer Hnde fhlen.

(Morell:)  Sie junger Fant, fhlen Sie nicht, wie gefhrlich es ist,
mir das zu sagen!  Oder (mit pltzilicher Befrchtung:)  hat Sie irgend
etwas khn gemacht?

(Marchbanks.)  Ich frchte mich jetzt nicht mehr!  Ich habe Sie bisher
nie leiden mgen, deshalb bin ich bei Ihren Berhrung zusammengezuckt.
Aber heute erkannte ich--als Candida Sie qulites--da Sie sie lieben.
Seitdem bin ich Ihr Freund!  Jetzt knnen sie mich erwrgen, wenn
Sie wollen!

(Morell ihn loslassend:)  Eugen, wenn das keine herzlose Lge ist--wenn
Sie noch einen Funken menschlichen Fhlens haben--so werden Sie mir
sagen, was im meiner Abwesenheit vergefallen ist!

(Marchbanks:)  Was vorgefallen ist?  Nun, das Flamenmenschwere...
(Morell stampft ungeduldig mit dem Fue;),--also im ganz einfacher
Prosa: ich liebte sie so unendlich, da ich nichts weiter wnschte als
das Glck, so lieben zu fr ich und bevor ich--Zote fang vom hchsten
Grafen der Gefr herunterzutaumente--traten Sie ein.

(Morell (scowen leidend:)) Leidenschaftlichem immer nicht erduldig--
immer bleibt ihr noch die ehblines Zweifzig.

(Marchbanks.)  Quall und wnsche jetzt nichts mehr als Candidas
Glck.  (Mit leidenschaftlichem Gefhl:)  Oh, Morell, geben wir sie
beide auf!  Warum soll sie whlen mssen zwischen einem elenden,
nervsen kleinen Kranken, wie ich es bin, und einem starrkpfigen
Pfarrer wie Sie?  Gehen wir auf Pilgerschaft, Sie nach Osten und ich
nach Westen, auf der Suche nach einem wrdigeren Liebhaber, einem
schnen Erzengel mit purpurnen Flgeln.

(Morell.)  Papperlapapp, dummes Zeug!  Oh, wenn sie verrckt genug wre,
mich Ihretwegen zu verlassen, wer sollte sie beschtzen, wer sollte
ihr helfen, wer sollte fr sie arbeiten, wer ihren Kindern ein Vater
sein!  (Er setzt sich verstrt auf das Sofa, seine Ellbogen auf die
Knie gesttzt und den Kopf zwischen den geballten Fusten.)

(Marchbanks schnappt wild mit den Fingern:)  Sie stellt nicht solche
trichte Fragen: sie braucht jemanden, den sie schtzen und behten,
fr den sie arbeiten kann, jemanden, der ihr Kinder anvertraut, um sie
zu beschtzen, ihnen zu helfen und fr sie zu arbeiten, einen
erwachsenen Menschen, der wieder wie ein kleines Kind geworden ist.
Oh, Sie Narr, Sie Narr, Sie dreifacher Narr!  Ich bin der Mann, Morell,
ich bin der Mann!  (Er tanzt aufgeregt herum und schreit:)  Sie
verstehen nicht, was eine Frau ist,--schicken Sie nach ihr, Morell,
schicken Sie nach ihr und lassen Sie sie whlen zwischen--(Die Tr
ffnet sich und Candida tritt ein; er hlt wie versteinert inne.)

(Candida erstaunt an der Schwelle:)  Was um alles in der Welt machen
Sie da, Eugen?

(Marchbanks drollig:)  Ihr Mann und ich haben ein Wettpredigen
veranstaltet, und er verliert dabei.  (Candida sieht rasch nach Morell,
und als sie bemerkt, da er traurig ist, eilt sie hin zu ihm und
spricht sehr rgerlich mit heftigem Vorwurf zu Marchbanks.)

(Candida.)  Sie haben ihn gergert.  Nein, das dulde ich nicht, Eugen,
hren Sie!  (Sie legt ihre Hand auf Morells Schulter und vergit in
ihrem rger ganz ihren weiblichen Takt:)  Mein Liebling soll nicht
gergert werden, ich werde ihn beschtzen.

(Morell sich stolz erhebend:)  Beschtzen?

(Candida nicht auf ihn achtend, zu Eugen:)  Was haben Sie ihm gesagt?

(Marchbanks erschreckt:)  Nichts.  Ich--

(Candida.)  Eugen, nichts?

(Marchbanks jmmerlich:)  Ich meine--ich--es tut mir sehr leid, ich
werde es nicht wieder tun, gewi nicht, ich werde ihn in Ruhe lassen.

(Morell emprt mit einer angreifenden Bewegung gegen Eugen:)  Mich in
Ruhe lassen!  Sie junger--

(Candida ihm ins Wort fallend:)  Sch, nicht doch! la mich mit ihm
reden, Jakob.

(Marchbanks.)  Oh, Sie sind mir doch nicht bse?

(Candida strenge:)  O ja, ich bin--sehr bse.  Ich htte nicht bel
Lust, Sie aus dem Hause zu jagen.

(Morell von Candidas Heftigkeit berrascht und durchaus nicht willens,
sich vor einem andern Mann durch sie retten zu lassen:)  Sachte,
Candida, sachte.  Ich kann mich schon selbst beschtzen.

(Candida ihn streichelnd:)  Ja, Lieber, natrlich kannst du das.  Aber
man darf dich nicht rgern und qulen.

(Marchbanks beinahe in Trnen, sich nach der Tre wendend:)  Ich will
gehen.

(Candida.)  Oh, Sie brauchen nicht zu gehen, so spt kann ich Sie nicht
fortschicken.  (Heftig:)  Aber schmen Sie sich, schmen Sie sich!

(Marchbanks verzweifelt:)  Was habe ich denn getan?

(Candida.)  Ich wei, was Sie getan haben, so genau, als ob ich die
ganze Zeit hier gewesen wre.--Oh, es war unwrdig.  Sie sind wie ein
kleines Kind, Sie knnen Ihren Mund nicht halten.

(Marchbanks.)  Ich wrde lieber zehnfachen Tod erleiden, als Ihnen
einen Augenblick Kummer bereiten.

(Candida mit grter Geringschtzung gegen diese Kinderei:)  Ihr Tod
wrde mir viel ntzen!

(Morell.)  Liebste Candida, dieser Wortwechsel ist kaum am Platz.  Es
handelt sich um eine Angelegenheit zwischen zwei Mnnern, und ich bin
dazu da, sie beizulegen.

(Candida.)  Zwei Mnner?  Nennst du das einen Mann?  (Zu Eugen:)  Sie
schlimmer junge, Sie!

(Marchbanks wird wunderlich liebevoll und mutig, da er ausgezankt
wird:)  Wenn ich mich auszanken lassen soll wie ein kleiner Junge, mu
ich mich auch wie ein kleiner Junge verteidigen drfen.  Er hat
angefangen und er ist grer als ich.

(Candida verliert ein wenig ihre Sicherheit, da sie Morells Wrde
bedroht sieht:)  Das kann nicht wahr sein.  (Zu Morell:)  Du hast doch
nicht angefangen, Jakob, nicht wahr, nein?

(Morell verachtungsvoll:)  Nein.

(Marchbanks entrstet:)  Oh!

(Morell zu Eugen:)  Sie haben angefangen,--heute frh.  (Candida bringt
dies sofort in Zusammenhang mit der geheimnisvollen Bemerkung, die
Jakob nachmittag machte, als er ihr sagte, da ihm Eugen am Morgen
etwas mitgeteilt habe.  Sie sieht ihn mit raschem Verdachte forschend
an.  Morell fhrt fort mit dem Pathos der beleidigten berlegenheit:)
Aber Ihre andere Bemerkung ist richtig.  Ich bin gewi der Grere von
uns beiden und, wie ich hoffe, Candida, auch der Strkere!  Es wre
daher besser, du berlieest die Sache mir.

(Candida ihn wieder besnftigend:)  Ja, Lieber--aber (verwirrt:)  ich
verstehe das nicht wegen heute morgen.

(Morell ein wenig auffahrend:)  Das brauchst du auch nicht zu verstehen,
meine Liebe.

(Candida.)  Aber, Jakob, ich--(Die Hausglocke lutet:)  Oh, wie dumm.
Da kommen sie alle!  (Sie geht hinaus, sie einzulassen.)

(Marchbanks luft zu Morell:)  Oh, Morell, ist das nicht schrecklich?
Sie ist bse auf uns, sie hat mich,--was soll ich tun?

(Morell in seltsamer Verzweiflung, sich in die Haare fahrend:)  Eugen,
es dreht sich mir alles im Kopf, ich werde gleich zu lachen anfangen.
(Er geht in der Mitte des Zimmers auf und ab.)

(Marchbanks folgt ihm ngstlich:)  Nein, nein!  Dann wird sie glauben,
ich htte Sie hysterisch gemacht.  Lachen Sie nicht!  (Man hrt
heftiges Stimmengewirr und Gelchter, das immer nher kommt.
Alexander Mill, dessen glnzende Augen und dessen ganzes Benehmen eine
ungewohnte angeregte Stimmung verraten, tritt mit Burgess ein, der
einen schmierigen und selbstgeflligen Eindruck macht, aber
vollstndig Herr seiner Sinne ist.  Frulein Garnett folgt ihm mit
ihrem schnsten Hut und ihrer besten Jacke, aber obwohl ihre Augen
glnzender sind als frher, ist sie sichtlich in besorgter Stimmung.
Sie stellt sich mit dem Rcken gegen ihren Schreibmaschinentisch, mit
einer Hand sich darauf sttzend, mit der anderen sich ber die Stirne
fahrend, als ob sie etwas mde und schwindlig wre.  Marchbanks
verfllt wieder in Schchternheit und schleicht weg in die Nhe des
Fensters, wo Morells Bcher sind.)

(Mill begeistert:)  Herr Pastor, ich *mu* Ihnen gratulieren, (seine
Hand fassend:)--was fr eine edle, herrliche, von Gott eingehauchte
Ansprache Sie gehalten haben!  Sie haben sich selbst bertroffen.

(Burgess.)  Ja, das haben Sie, Jakob.  Ich bin bis zum letzten Worte
wach geblieben,--nicht wahr, Frulein Garnett?

(Proserpina ungeduldig:)  Oh, ich habe Sie nicht beachtet, ich habe
mich bemht, Notizen zu machen.  (Sie nimmt ihre Notizen heraus,
blickt auf ihr Stenogramm und fngt beinahe zu weinen an.)

(Morell.)  Habe ich zu schnell gesprochen, Prossi?

(Proserpina.)  Viel zu schnell.--Sie wissen, ich kann nicht mehr als
neunzig Worte in der Minute schreiben.  (Sie macht ihren Gefhlen Luft,
indem sie ihr Notizbuch rgerlich neben die Maschine wirft, wo sie es
am nchsten Morgen bereit haben will.)

(Morell besnftigend:)  Nun, nun, das macht ja nichts.  Habt ihr alle
schon zur Nacht gegessen?

(Mill.)  Herr Burgess war so liebenswrdig, uns in's Belgrave
Restaurant zu einem geradezu glnzenden Abendessen einzuladen.

(Burgess mit berschwenglicher Gromut:)  O bitte, bitte, Herr Mill.
(Bescheiden:)  Sie waren mir bei meinem bescheidenen Feste herzlich
willkommen.

(Proserpina.)  Wir haben Champagner getrunken!  Ich hatte noch niemals
welchen gekostet.  Ich bin ganz schwindlig.

(Morell berrascht:)  Ein Champagnersouper!  Das war sehr hbsch von
Ihnen.  Ist meine Beredsamkeit schuld an dieser Verschwendung?

(Mill mit Pathos:)  Ihre Beredsamkeit und Herrn Burgess' Herzensgte.
(Mit erneutem Gefhlsausbruch:)  Was fr ein herrlicher Mensch der
Vorsitzende war, Herr Morell; er hat auch mit uns gespeist.

(Morell bedeutungsvoll Burgess anblickend:)  So, so, der Vorsitzende!
--*jetzt* verstehe ich!  (Burgess verbirgt hinter einem Hsteln ein
Lcheln der Zufriedenheit ber seine diplomatische Geschicklichkeit
und setzt sich an den Kamin.  Mill verschrnkt die Arme und lehnt sich
neben das Bchergestell in einer Stellung, die seine Begeisterung zum
Ausdruck bringt.  Candida kommt mit Glsern, Zitronen und heiem
Wasser auf einem Tablett herein.)

(Candida.)  Wer wnscht etwas Limonade?  Sie kennen unsere Hausregel:
vollkommene Abstinenz!  (Sie stellt das Tablett auf den Tisch, nimmt
den Zitronenpresser zur Hand und blickt fragend umher.)

(Morell.)  Du bemhst dich umsonst, meine Liebe, sie haben alle
Champagner getrunken, Prossi hat ihr Gelbde gebrochen.

(Candida zu Proserpina:)  Sie wollen doch nicht behaupten, da Sie auch
Champagner getrunken haben?

(Proserpina verstockt:)  Ja, das hab' ich; ich bin nur eine Bier-,
keine Champagnerabstinenzlerin.  Ich mag kein Bier.--Sind Briefe fr
mich zur Beantwortung da, Herr Pastor?

(Morell.)  Nichts mehr fr heute.

(Proserpina.)  Dann gute Nacht allerseits.

(Mill galant:)  Wre es nicht geraten, da ich Sie nach Hause begleite,
Frulein Garnett?

(Proserpina.)  Nein, ich danke.  Ich wrde mich heute nacht niemandem
anvertrauen wollen!  Htte ich nur nichts von diesem Zeug getrunken!
Sie geht rasch hinaus.

(Burgess emprt:)  Zeug!  Dieses Mdel wei nicht, was Champagner ist.
Pommery und Greno, zwlf Schilling sechs Pence die Flasche.  Zwei
Glser nacheinander hat sie geleert.

(Morell etwas besorgt:)  Gehen Sie, Lexi, und sehen Sie nach ihr!

(Mill beunruhigt:)  Aber wenn sie wirklich... bedenken Sie, wenn sie in
den Straen zu singen anfngt oder dergleichen!

(Morell.)  Eben darum wre es besser, Sie brchten sie sicher nach
Hause.

(Candida.)  Tun Sie es, Lexi, als guter Kamerad!  (Sie reicht ihm die
Hand und schiebt ihn sanft nach der Tr.)

(Mill.)  Es ist selbstverstndlich meine Pflicht, mit ihr zu gehen.
Ich hoffe aber, es wird nicht ntig gewesen sein.  Gute Nacht, Frau
Morell.  (Zu den brigen:)  Gute Nacht.  (Er geht, Candida schliet die
Tr hinter ihm.)

(Burgess.)  Er war selbst ganz aus dem Huschen in lauter Frmmigkeit
nach dem zweiten Glas.  Heutzutage knnen die Leute nicht mehr trinken
wie frher.  (Den Gegenstand fallen lassend, geht er vom Kamin fort.)
Nun, Jakob, es ist Zeit, das Haus zu schlieen.  Herr Marchbanks,
werden Sie mir auf dem Heimwege ein Stckchen das Vergngen Ihrer
Gesellschaft schenken?

(Marchbanks erschrocken:)  Ja, es ist besser, ich gehe.  (Er eilt nach
der Tr, aber Candida stellt sich ihm in den Weg.)

(Candida mit ruhiger Wrde:)  Sie setzen sich noch, Sie werden noch
nicht gehen!

(Marchbanks eingeschchtert:)  Nein,--ich--ich wollte ja auch nicht.
(Er kommt zurck in das Zimmer und setzt sich gehorsam auf das Sofa.)

(Candida.)  Herr Marchbanks bleibt heute nacht bei uns, Papa.

(Burgess.)  Na, dann sage ich gute Nacht.  Auf Wiedersehn, Jakob.  (Er
schttelt Morell die Hand und geht hinber zu Eugen.)  Lassen Sie sich
ein Nachtlicht an Ihr Bett stellen, Herr Marchbanks, es wird Sie
beruhigen, falls Sie in der Nacht einen Anfall Ihres Leidens bekommen
sollten!  Gute Nacht.

(Marchbanks.)  Ich danke Ihnen, es soll geschehn.  Gute Nacht, Herr
Burgess.  (Sie geben einander die Hnde, Burgess geht zur Tr.)

(Candida hlt Morell zurck, der Burgess begleiten will:)  Bleib' hier,
mein Lieber, ich werde Papa seinen Rock anziehen helfen.  (Sie geht
mit Burgess hinaus.)


(Marchbanks.)  Herr Pastor, es wird eine schreckliche Szene geben.
Haben Sie keine Angst?

(Morell.)  Nicht die geringste.

(Marchbanks.)  Ich habe Sie bisher nie um Ihren Mut beneidet.  (Er
erhebt sich schchtern und berhrt mit seiner Hand flehend Morells
Unterarm:)  Stehen Sie mir bei,--wollen Sie?

(Morell schttelt ihn sanft, aber entschieden ab:)  Jeder fr sich,
Eugen!  Sie--mu nun zwischen uns whlen.  (Er gebt beim Eintritt
Candidas auf die andere Seite des Zimmers, Eugen setzt sich mit seinem
besten Benehmen wie ein schuldbewuter Schulknabe auf das Sofa.)

(Candida zwischen den beiden, sich zu Eugen wendend:)  Tut es Ihnen
leid?

(Marchbanks ernst:)  Ja, unendlich.

(Candida.)  Gut, dann ist Ihnen verziehen.  Nun gehen Sie wie ein
braver kleiner Junge zu Bett, ich mchte mit Jakob ber Sie sprechen.

(Marchbanks erhebt sich mit grter Bestrzung:)  Oh, das kann ich
nicht.--Herr Pastor, ich mu hierbleiben.  Ich will nicht fortgehen.
Sagen Sie es ihr!

(Candida die ihren Verdacht besttigt sieht:)  Was soll er mir sagen?
(Seine Augen vermeiden die ihrigen, sie wendet sich um und bertrgt
ihre Frage stumm auf Morell.)

(Morell wappnet sich fr die Katastrophe:)  Ich habe ihr nichts zu
sagen, ausgenommen--(dabei sinkt seine Stimme zu mavoller, trauriger
Zrtlichkeit herab:)  da sie mein grter Schatz auf Erden ist--wenn
sie mir wirklich gehrt.

(Candida kalt, verletzt, da er seinem Rednerinstinkt nachgibt und sie
behandelt, als ob sie sich unter den Zuhrern der Gilde von St.
Matthus befnde:)  Ich bin berzeugt, da Eugen nicht weniger sagen
kann, wenn das alles ist.

(Marchbanks entmutigt:)  Morell, sie lacht uns aus.

(Morell auffahrend:)  Es gibt da nichts zu lachen.  Lachst du uns aus,
Candida?

(Candida mit stillem rger:)  Eugen ist sehr witzig, ich hoffe, da ich
lachen werde--aber vorlufig frchte ich, mich rgern zu mssen.  (Sie
geht an den Kamin und bleibt dort stehen, ihren Arm auf dem Gesims und
ihren Fu auf dem Gitter, whrend Eugen sich zu Morell hinstiehlt und
ihn beim Arm fat.)

(Marchbanks flsternd:)  Halten Sie ein, Herr Pastor; sagen wir nichts
mehr.

(Morell stt Eugen fort, ohne ihn eines Blickes zu wrdigen:)  Ich
hoffe, da du mir nicht drohen willst, Candida.

(Candida mit feierlicher Warnung:)  Nimm dich in acht, Jakob!--Eugen,
ich habe gewnscht, da Sie gehen sollen,--gehen Sie oder nicht?

(Morell mit dem Fue stampfend:)  Er wird nicht gehen; ich wnsche, da
er bleibt.

(Marchbanks.)  Ich will gehen.  Ich tue, was Sie wollen.  (Er wendet
sich zur Tr.)

(Candida.)  Bleiben Sie.  (Er gehorcht.)  Haben Sie nicht gehrt, da
Jakob wnscht, da Sie bleiben sollen?  Jakob ist hier der Herr,
wissen Sie das nicht?

(Marchbanks errtend, mit der Wut eines jungen Dichters gegen Tyrannei:)
Was gibt ihm das Recht dazu?

(Candida ruhig:)  Sag es ihm, Jakob.

(Morell bestrzt:)  Meine Liebe, ich bin mir keines Rechtes bewut, das
mich zum Herrn macht; ich bestehe auf keinem solchen Rechte.

(Candida mit schwerem Vorwurf:)  Du weit es nicht?  O Jakob, Jakob!
(Zu Eugen nachdenklich:)  Ich wte gern, ob Sie das verstehen, Eugen...
Nein, Sie sind zu jung.  Nun, ich erlaube Ihnen, zu bleiben und zu
lernen.  (Sie geht von Kamin fort und stellt sich zwischen die beiden.)
Also, Jakob, was ist's?  Komm und sag' es mir.

(Marchbanks flstert ihm ngstlich zu:)  Sagen Sie ihr lieber nichts.

(Candida.)  Bitte!--Heraus damit!

(Morell langsam:)  Ich wollte dich sorgfltig vorbereiten, Candida, um
jedes Miverstndnis zu vermeiden.

(Candida.)  Ja, Lieber, das wolltest du gewi; aber sei unbesorgt, ich
werde nichts miverstehen.

(Morell.)  Nun denn, es--(Er zgert, unfhig, die lange Erklrung zu
finden, die er fr ntig hlt.)

(Candida.)  Nun?

(Morell klipp und klar:)  Eugen behauptet, da du ihn liebst.

(Marchbanks auer sich:)  Nein, nein, nein, nein, niemals, das habe ich
nicht behauptet, Frau Morell, es ist nicht wahr!  Ich sagte, da ich
Sie liebe und er nicht.  Ich sagte, da ich Sie verstehe und da er es
nicht kann.  Und nicht infolgedessen, was sich hier am Kamin
zugetragen hat, habe ich das gesagt,--ganz gewi nicht, auf mein Wort!
schon heute morgen hab' ich es ihm gesagt!

(Candida erleuchtet:)  Heute morgen?!

(Marchbanks.)  Ja!  (Er siebt sie um Glauben bittend an und fgt dann
einfach hinzu:)  Das war auch der Grund, warum mein Kragen in Unordnung
geriet.

(Candida nach einer Pause, weil sie nicht gleich begreift, was er
meint:)  Ihr Kragen!  (Sie wendet sich erschrocken zu Morell, verletzt:)
O Jakob, hast du ihn--?  (Sie hlt inne.)

(Morell beschmt:)  Du weit, Candida, da ich mit meinem Temperament
zu kmpfen habe, und er sagte, (schauernd:)  da du mich verachtest in
deinem Herzen.

(Candida wendet sich rasch zu Eugen:)  Haben Sie das gesagt?

(Marchbanks gengstigt:)  Nein!

(Candida strenge:)  Dann hat mich also Jakob eben angelogen.  Wollen
Sie das behaupten?

(Marchbanks.)  Nein, nein: ich--ich... (herausplatzend mit der
verzweifelten Erklrung:)--es war die Rede von Davids Frau, nicht bei
ihm zu Hause, sondern als sie ihn tanzen sah vor allen Leuten.

(Morell nimmt diesen Fingerzeig mit der Geschicklichkeit eines
Wortkmpfers auf:)  Ja, als er vor dem ganzen Volke tanzte, Candida, in
der Meinung, da er ihre Herzen dadurch rhrte, whrend sie nur an
Prossis Leiden litten.  (Sie ist im Begriff zu protestieren, er winkt
ihr mit der Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und fhrt fort:)
Tue nicht als ob du entrstet wrest, Candida.

(Candida.)  Tun als ob?!

(Morell fortfahrend:)  Eugen hatte recht!  Wie du mir einige Stunden
spter klarmachtest, hat er immer recht.  Er sagte nichts, was du
nicht viel besser selbst gesagt httest.  Er ist der Dichter, der
alles sieht; und ich bin der arme Pastor, der nichts versteht.

(Candida reuevoll:)  rgert dich, was ein nrrischer junge gesagt hat,
weil ich im Scherz etwas hnliches sagte?

(Morell.)  Der nrrische Junge kann mit der Begeisterung eines Kindes
und mit der Verschlagenheit einer Schlange sprechen.  Er hat behauptet,
da du ihm gehrst und nicht mir, und, ob mit Recht oder Unrecht, ich
beginne zu frchten, da es wahr sein knnte.  Ich will nicht
umhergehen von Zweifeln und Verdchtigungen geqult.  Ich will nicht
mit dir leben und ein Geheimnis vor dir haben.  Ich will nicht die
entwrdigende Qual der Eifersucht erdulden.  Deshalb haben wir
beschlossen--er und ich--da du jetzt zwischen uns whlen sollst!  Ich
erwarte deine Entscheidung.

(Candida weicht langsam einen Schritt zurck, verletzt ber sein
Pathos, trotz des aufrichtigen Gefhls, das sie heraushrt:)  Oh, ich
mu also whlen?  Ich nehme an, da eines vollkommen feststeht: da
ich einem o d e r dem andern gehren mu.

(Morell entschlossen:)  Vollkommen; du mut endgltig whlen.

(Marchbanks ngstlich:)  Herr Pastor,--Sie verstehen nicht: sie meint,
da sie sich selbst gehrt.

(Candida sich zu ihm wendend:)  ja, das meine ich, Junker Eugen, und
noch sehr viel mehr, wie Ihr beide sofort herausfinden werdet.  Und
ich frage, meine Herren und Gebieter, was habt Ihr fr meine Wahl zu
geben?  Es scheint, da ich versteigert werden soll.  Wieviel bietest
du, Jakob?

(Modell vorwurfsvoll:)  Cand....  (Er bricht zusammen, seine Augen
fllen sich mit Trnen, und seine Kehle schnrt sich zu, der Redner
wird zu einem verwundeten Tier.)  Ich kann nicht sprechen.

(Candida geht impulsiv zu ihm hin:)  O Liebster!

(Marchbanks in wildem Aufruhr:)  Halten Sie ein, das ist nicht gerecht.
Sie drfen ihr nicht zeigen, da Sie leiden, Morell.--Ich bin auch
auf der Folter, aber ich weine nicht.

(Morell nimmt seine ganze Kraft zusammen:)  Ja, Sie haben recht.  Es
ist nicht Mitleid, worum ich bitte.  (Er befreit sich von Candida.)

(Candida zieht sich frostig zurck:)  Entschuldige, Jakob, ich hatte
nicht die Absicht, dich zu berhren.  Ich warte auf dein Angebot.

(Morell mit stolzer Demut:)  Ich habe dir nichts zu bieten als meine
Kraft zu deinem Schutze, mein ehrliches Wollen fr deine Ruhe, meine
Tchtigkeit und Arbeit fr deinen Unterhalt und mein Ansehen und meine
Stellung fr deine Wrde.  Das ist alles, was einem Manne ansteht,
einer Frau zu bieten.

(Candida ganz ruhig:)  Und Sie, Eugen, was bieten Sie?

(Marchbanks.)  Meine Schwche! meine Trostlosigkeit! meine Herzensnot!

(Candida gerhrt:)  Das ist ein gutes Angebot, Eugen; nun wei ich, wie
ich meine Wahl zu treffen habe.  (Sie hlt inne und blickt seltsam von
einem zum andern, als ob sie beide abschtzte.  Morell, dessen
hochtmtiges Zutrauen sich in herzzerreiende Angst bei Eugens Gebot
verwandelt hat, verliert alle Beherrschung, und kann seine Angst nicht
verbergen.  Eugen dagegen, mit uerst angespannter Kraft, zuckt mit
keiner Wimper.)

(Morell mit halb erstickter Stimme--ein Hilferuf entringt sich den
Tiefen seiner Verzweiflung:)  Candida!

(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:)  Feigling!

(Candida bedeutsam:)  Ich gebe mich dem Schwcheren von beiden.  (Eugen
errt ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird wei wie scbmelzender
Stahl.)

(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:)  Ich nehme
deine Entscheidung an, Candida.

(Candida.)  Verstehen Sie, Eugen?

(Marchbanks.)  Oh, ich fhle, ich bin verloren.  Er knnte die Last
nicht ertragen!

(Morell unglubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:)
Meinst du mich, Candida?

(Candida lchelt ein wenig:)  Setzen wir uns und plaudern wir gemtlich
darber wie drei Freunde.  (Zu Morell:)  Setze dich, mein Lieber.
(Morell nimmt den Stuhl vom Kamin--den Kindersessel.)  Bringen Sie mir
diesen Stuhl, Eugen.  (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn
schweigend, sogar mit etwas wie khler Beherrschung und setzt ihn
neben Morell, etwas hinter ihn.  Sie setzt sich, er geht an das Sofa
und lt sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergrndlich.
Als sie alle sitzen, beginnt Candida,--einen Hauch von Ruhe um sich
breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zrtlichen Stimme:)  Sie
erinnern sich doch, was Sie mir ber sich selbst erzhlten, Eugen: wie
sich niemand um Sie gekmmert hat, seit Ihre alte Amme starb.  Wie
Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brder die
Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie
Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford
zurckzukehren, wie Sie leben muten ohne Behaglichkeit oder
Willkommen, ohne Zufluchtssttte, immer einsam und fast immer ungern
gesehen und miverstanden!  Sie armer Junge!

(Marchbanks der Gre seines Schicksals wrdig:)  Ich hatte meine
Bcher.  Ich hatte die Natur.  Und endlich bin ich Ihnen begegnet.

(Candida.)  Lassen wir das im Augenblick beiseite.  Nun mchte ich, da
Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,--meinen verwhnten
Jungen,--verwhnt von seiner Wiege an.  Einmal alle vierzehn Tage
besuchen wir seine Eltern.  Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und
die Bilder des Helden dieser Familie sehen.  Jakob als Baby, das
wundervollste aller Babys!  Jakob, als er seinen ersten Schulpreis
erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren!  Jakob als der
Fhrer seiner Mitschler beim Cricketspiel!  Jakob in seinem ersten
schwarzen Anzug!  Jakob in allen mglichen ruhmvollen Posen.  Sie
wissen, wie stark er ist--ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan--wie
gescheit er ist--wie glcklich!  (Mit wachsendem Ernst:)  Fragen Sie
Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat,
Jakob die Mhe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit
und glcklich zu sein.  Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs
Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner
Kinder--alles in einer Person--zu sein!  Fragen Sie Prossi und Marie,
wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben,
die uns helfen Zwiebeln schneiden.  Fragen Sie die Geschftsleute, die
Jakob stren und seine prachtvollen Predigten gefhrden wollen, wer es
ist, der sie abschttelt!  Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn
Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es.  Ich habe ihm ein Schlo
von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer
Schildwache davor, um all den tglichen kleinen Lebenssorgen den
Eintritt zu verwehren.  Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es
nicht wei und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er
dazu gekommen ist, es zu sein.  (Mit ser Ironie:)  Und als er dachte,
ich knnte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus
mir werden wrde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir--
(sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze ber das Haar)
seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit fr meinen Unterhalt,
seine Stellung fr meine Wrde, seine (zgernd:)  ah, ich
verwechsle deine wunderschnen Stze und verderbe sie, nicht
wahr, Liebling?

(Morell kniet ganz berwltigt neben ihren Stuhl und umschlingt sie
mit knabenhafter Leidenschaft:)  Alles ist wahr, jedes Wort.  Was ich
bin, hast du aus mir gemacht, durch die Arbeit deiner Hnde und die
Liebe deines Herzens.  Du bist mein Weib, meine Mutter, meine
Schwester,--du bist die Summe aller Liebessorgen fr mich.

(Candida in seinen Armen, lchelnd zu Marchbanks:)  Bin ich Ihnen auch
Mutter und Schwester, Eugen?

(Marchbanks erhebt sich mit einer heftigen Bewegung des Ekels:)  Oh,
niemals!  Hinaus denn in die Nacht mit mir!

(Candida erhebt sich rasch und unterbricht ihn:)  sie werden nicht so
von uns gehn, Eugen!

(Marchbanks mit dem Tonfall eines entschlossenen Mannes, nicht mit der
Stimme eines Knaben:)  Ich wei, wann die Stunde geschlagen hat.  Ich
bin ungeduldig zu tun, was getan werden mu.

(Morell erhebt sich von seinen Knien, beunruhigt:)  Candida, la ihn
nichts bereiltes begehen!

(Candida lchelt Eugen vertrauensvoll an:)  Oh, sei unbesorgt, er hat
gelernt, ohne Glck zu leben.

(Marchbanks.)  Ich ersehne nicht mehr Glck; das Leben kann Hheres
bieten.  Pastor Jakob, ich gebe Ihnen mein Glck mit beiden Hnden hin;
ich liebe Sie, weil Sie das Herz der Frau, ganz ausgefllt haben, die
ich liebte.  Leben Sie wohl!  (Er geht zur Tr.)

(Candida.)  Ein letztes Wort.  (Er hlt inne, aber ohne sich nach ihr
umzuwenden.)  Wie alt sind Sie, Eugen?

(Marchbanks.)  Jetzt bin ich so alt wie die Welt.  Heute morgen war ich
achtzehn Jahre!

(Candida geht zu ihm hin und steht hinter ihm, eine Hand liebkosend
auf seiner Schulter:)  Achtzehn...  Wollen Sie mir zuliebe ein kleines
Gedicht aus zwei Zeilen machen, die ich Ihnen sagen will?  Und wollen
Sie mir versprechen, sich's immer vorzusagen, so oft Sie an mich
denken.

(Marchbanks ohne sich zu rhren:)  Sagen Sie die beiden Zeilen.

(Candida.)  Wenn ich dreiig sein werde, dann wird sie fnfundvierzig
sein; wenn ich sechzig sein werde, dann wird sie fnfundsiebzig sein.

(Marchbanks wendet sich nach ihr um:)  In hundert Jahren werden wir
gleich alt sein!  Aber ich trage ein besseres Geheimnis als das in
meinem Herzen!  Lassen Sie mich jetzt gehen, die Nacht wchst drauen
ungeduldig.

(Candida.)  Leben Sie wohl!  (Sie nimmt sein Gesicht in die Hnde, und
da er ihre Absicht errt und sein Knie beugt, kt sie ihn auf die
Stirne, dann flieht er hinaus in die Nacht.--Sie wendet sich zu Morell,
mit ausgebreiteten Armen:)  O Jakob!  (Sie umarmen einander.  Aber das
Geheimnis in des Dichters Herzen, das kennen sie nicht.)

(Vorhang)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes CANDIDA, von George Bernard Shaw.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, CANDIDA ***

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