The Project Gutenberg EBook of Timon von Athen, by William Shakespeare
#37 in our series by William Shakespeare

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Title: Timon von Athen

Author: William Shakespeare

Release Date: January, 2005 [EBook #7226]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on March 28, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMON VON ATHEN ***




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Timon von Athen.

William Shakespeare

bersetzt von Christoph Martin Wieland


Personen.

Timon, ein edler Athenienser.
Lucius, Lucullus, Sempronius und Ventidius, Schmeichler und falsche
Freunde des Timon.
Alcibiades, ein General der Athenienser.
Apemanthus, ein Cynischer Philosoph.
Flavius, Timons Verwalter.
Flaminius, Lucilius und Servilius, Bediente des Timon.
Caphis, Varro, Philo, Titus, Lucius und Hortensius, Bediente von
den Glubigern des Timon.
Ein Poet.
Ein Mahler.
Ein Juweelen-Hndler.
Ein Galanterien-Krmer.
Ein Kauffmann.
Drey Diebe.
Etliche Senatoren.
Cupido und Masken.
Phrynia und Timandra, Maitressen des Alcibiades.
Verschiedne Bediente, Soldaten, und andre als stumme Personen.
Die Scene, Athen, und ein nicht weit davon gelegner Wald.




Erster Aufzug.



Erste Scene.
(Eine Halle in Timons Hause.)
(Der Poet, der Mahler, der Juweelen-Hndler, der Kauffmann, und
 der Galanterie-Krmer treten durch verschiedne Thren auf.)


Poet.
Guten Tag, mein Herr.

Mahler.
Ich erfreue mich ber euer Wohlbefinden.

Poet.
Ich hab' euch lange nicht gesehen; wie geht's in der Welt?

Mahler.
So da es besser seyn knnte, mein Herr.

Poet.
Nun, das ist etwas bekanntes.  Aber was giebt es vor besondere
Seltenheiten?* Was ist so ausserordentlich, wovon wir nicht in den
Urkunden der Welt mehr als ein Beyspiel finden?--Seht, o Zauberey
der Freygebigkeit!  Alle diese Geister hat deine Macht
zusammenbeschworen, dir aufzuwarten--Ich kenne den Kauffmann.

Mahler.
Ich kenne beyde; der andere ist ein Juweelen-Hndler.

Kauffmann.
O!  es ist ein wrdiger Edelmann!

Juweelen-Hndler.
Das ist ausgemacht.

Kauffmann.
Ein recht unvergleichlicher Mann, von einer unerschpflichen und
immerwhrenden Gtigkeit beseelt.  Er bertrift --


Juweelen-Hndler.
Ich habe hier ein Juweel--

Kauffmann.
O ich bitte euch, lat mich's sehen--Fr den Lord Timon, mein Herr?

Juweelen-Hndler.
Wenn er es so hoch bezahlt als es geschzt ist; doch was das
betrift --

Poet.
Wenn wir um Lohn den Lasterhaften singen,
So wird auch des Gerechten Lobes Glanz
Dadurch beflekt, das wir der Tugend bringen--

Kauffmann

(indem er das Juweel betrachtet.)


Es ist schn geschnitten.

Juweelen-Hndler.
Und reich; was das fr ein Wasser ist!  Seht ihr?

Mahler (zum Poeten.)
Mein Herr, ihr seyd, ducht mich, im Enthusiasmus, ber irgend
einem Werk, das diesem grossen Mann gewidmet werden soll.

Poet.
Es ist eine Kleinigkeit, die mir in einer mssigen Stund' entgangen
ist.  Unsre Poesie ist wie ein Gummi, das daher entspringt, woher es
genhrt wird.  Das Feuer in dem Kiesel zeigt sich nicht eher bis es
herausgeschlagen wird; unsre anmuthige Flamme entzndet sich von
selbst, und berstrmt wie ein reissendes Wasser jeden Damm, der
sie einzwngen will.  Was habt ihr hier?

Mahler.
Ein Gemhlde, mein Herr--Wenn kommt euer Werk ans Licht?

Poet.
An den Fersen meiner Gegenwart, mein Herr.  Lat mich euer Stk
sehen.

Mahler.
Es ist ein gutes Stk.

Poet.
Das ist es; das reicht an vortrefflich.

Mahler.
Ertrglich.

Poet.
Bewundernswrdig!  Was fr eine Wahrheit, welch ein Anstand in
dieser Stellung!  Was fr eine geistige Kraft schiet aus diesem
Auge!  Was fr eine schwangre Einbildungskraft bewegt sich in diesen
Lippen!  Selbst die stumme Gebehrde wird hier zum Ausdruk --


Mahler.
Es ist eine ganz artige Nachffung der Natur; hier ist ein Strich--
Was sagt ihr davon?

Poet.
Ich will nichts sagen, als, er meistert die Natur selbst; eine
knstliche Bewegung lebt in diesen Strichen, die lebhafter ist als
das Leben selbst.  (Einige Senatoren zu den Vorigen.)

Mahler.
Wie viel Aufwart dieser Herr hat!

Poet.
Die Senatoren von Athen!  Glklicher Mann!

Mahler.
Seht, noch etliche.

Poet.
Ihr seht diesen Zusammenflu, diese grosse Fluth von Besuchern--Ich
habe in diesem rohen Werk einen Mann entworffen, den diese
Unterwelt mit berschwenglicher Hochachtung umfat, und in die Arme
schliet.  Meine freye Absicht hlt keinen besondern Lauf, sondern
bewegt sich selbst in einer weiten See von Wachs; keine gesurte
Bosheit vergiftet ein einziges Comma in dem Lauf den ich halte:
sondern er fliegt einen Adler-Flug, khn, in einem fort, und lt
keine Spur zurk.

Mahler.
Wie soll ich euch verstehen?

Poet.
Ich will es euch aufrigeln.  Ihr seht wie alle Stnde, wie alle
Arten von Leute, sowohl die von glatter und schlpfriger als die
von sprder und herber Beschaffenheit, ihre Dienste zu den Fssen
des Lord Timon legen: Sein grosser Reichthum, der an seiner
leutseligen und gtigen Gemthsart hngt, berwltigt alle Arten
von Herzen, und macht sie zu seinen freywilligen Unterthanen; ja,
von dem Spiegelartigen Schmeichler bis zum Apemanthus, der wenige
Dinge so sehr liebt als sich selbst zu verabscheuen; aber auch
dieser giet sich auf die Knie vor ihm hin, und kehrt vergngt, und
durch ein Kopfniken des Timons, in seinen Gedanken, hchst glklich
von ihm zurk.

Mahler.
Ich sah sie mit einander reden.

Poet.
Ich dichte also das Glk, auf einem hohen und anmuthigen Hgel
gethront.  Der Fu des Berges ist mit allen Arten von Personen und
Verdiensten dicht umgeben, die sich bestreben sich auf dem Busen
dieser Sphre festzusezen.  Unter allen diesen Wesen, deren Augen
auf diese allgewaltige Beherrscherin geheftet sind, personificire
ich einen in Timons Gestalt, den Fortuna mit ihrer elfenbeinernen
Hand zu sich winkt, und durch diese Gunst in ebendemselben
Augenblik alle seine Nebenbuhler zu seinen Dienern und Sclaven
macht.

Mahler.
Eine mahlerische Idee!  Dieser Thron, diese Fortuna und dieser Hgel,
mit einem Manne, dem aus den brigen untenstehenden emporgewinkt
wird, und der sein Haupt gegen den schrofen Berg beugt, um zu
seinem Glk hinaufzuklettern, wrde, nach unsrer Kunst, wohl
ausgesonnen seyn.

Poet.
Nein, hrt mich nur weiter: Alle diese, die so krzlich erst seines
gleichen waren, einige besser als er, folgen in diesem Augenblik
seinen Schritten, drngen sich aufwartsam um ihn her, regnen
flsternde Schmeichlereyen in sein Ohr, machen sogar seine
Schuhriemen zu einem Heiligthum, und trinken die freye Luft durch
ihn.

Mahler.
Zum Henker, was wollt ihr mit diesen?

Poet.
Sobald nun Fortuna, in einem Ansto von Wankelmuth den, der kaum
ihr Liebling war, mit Fssen tritt; so seht ihr, wie alle seine
Verehrer, die mit Knien und Hnden sich auf den Gipfel des Berges
hinaufarbeiteten, ihn hinunter schlpfen lassen, ohne da nur ein
einziger seinen ausglitschenden Fu begleiten wollte.

Mahler.
Das ist gemein; ich kan euch tausend moralische Gemhlde zeigen,
die dergleichen plzliche Glks-Streiche weit lebhafter vorstellen
sollen, als Worte.  Doch thut ihr wohl, dem Lord Timon zu zeigen,
da es schon begegnet ist, da erniedrigte Augen den Fu ber dem
Kopf gesehen haben.  * Unser Autor hat, wie der Augenschein zeigt,
seinen Poeten in diesem Stke zu einem schlechten Kerl gemacht.
Damit sein Charakter aber nicht der Profeion selbst nachtheilig
sey, so hat er ihn zu einem eben so schlechten Poeten gemacht, als
er ein schlechter Mann ist.  Ein untrgliches Kennzeichen von dem
falschen Geschmak und unreiffen Urtheil, so er ihm beylegt, ist
seine Liebe zu allem was seltsam, erstaunlich und abentheurlich,
und eine Verachtung alles dessen, was gewhnlich oder der Natur
gem ist.  Warbrton.

(Inspicere tanquam in speculum jubeo)--    (Terent.)



Zweyte Scene.
(Trompeten.  Timon tritt auf, und wendet sich auf eine leutselige
 Art an die verschiednen Personen, die ihm die Aufwartung machen.)


Timon (zu einem Boten.)
Er sizt im Gefngni, sagt ihr?

Bote.
Ja, gndiger Herr; Seine Schulden belauffen sich auf fnf Talente,
seine Mittel sind sehr knapp, seine Glaubiger sehr dringend; er
bittet euch, an diejenige, die ihn eingesezt haben, zu seinem Behuf
zu schreiben, und wrde ohne allen Trost seyn, wenn ihr ihm diese
Gunst versagen wrdet.

Timon.
Der edle Ventidius!  Gut!  Ich bin nicht von der Art, meinen Freund
zu verlassen, wenn er meiner am meisten nthig hat.  Ich wei, er
ist ein Edelmann, der wohl verdient, da man ihm aushelfe; ich will
es thun, ich will die Schuld bezahlen, und ihn befreyen.

Bote.
Euer Gnaden verpflichtet sich ihn auf ewig.

Timon.
Empfehlt mich ihm; ich will ihm seine Ranzion schiken, und ihn,
wenn er wieder frey seyn wird, zu mir einladen.  Es ist nicht genug,
dem Schwachen aufzuhelfen, man mu ihm auch den Arm zum Gehen
leyhen.  Lebt wohl.

Bote.
Ich wnsche Euer Gnaden tausend Wohlergehen.

(Geht ab.)


(Ein alter Athenienser tritt auf.)

Alter Athenienser.
Lord Timon, hrt mich reden.

Timon.
Rede frey, mein guter alter Vater.

Alter Athenienser.
Du hast einen Diener, namens Lucilius.

Timon.
So ist's; was soll er dann?

Alter Athenienser.
Sehr edler Timon, la diesen Mann sogleich vor dich kommen.

Timon.
Ist er hier oder nicht?--Lucilius!--(Lucilius tritt auf.)

Lucilius.
Hier, was befehlen Euer Gnaden?

Alter Athenienser.
Dieser Bursche hier, Lord Timon, dieser dein Diener besucht des
Nachts mein Haus.  Ich bin ein Mann, der von der Jugend an sich Mh
gegeben hat, etwas zu erwerben, und mein Vermgen erheischt einen
gewichtigern Erben, als einen der auf einem hlzernen Teller it.

Timon.
Gut; was weiter?

Alter Athenienser.
Ich hab' eine einzige Tochter, und sonst keinen Anverwandten, dem
ich vermachen knnte was ich erworben habe.  Das Mdchen ist hbsch,
so jung als eine Braut seyn kan, und ich habe keine Kosten gespart,
sie zu den besten Eigenschaften zu erziehen.  Dieser dein Diener
bewirbt sich um ihre Liebe; ich bitte dich, edler Lord, vereinige
dich mit mir, ihm ihren Umgang zu untersagen; ich selbst hab' es
fruchtlos gethan.

Timon.
Der Mann ist ein ehrlicher Mann.

Alter Athenienser.
So wird er's auch hierinn seyn, Timon.  Seine Ehrlichkeit belohnt
ihn durch sich selbst, sie soll ihm nicht meine Tochter kuppeln.

Timon.
Liebt sie ihn?

Alter Athenienser.
Sie ist jung und mannbar; unsre eigene ehmalige Leidenschaften
lehren uns, wie leichtsinnig die Jugend ist.

Timon (zu Lucilius.)
Liebt ihr das Mdchen?

Lucilius.
Ja, mein Gndiger Herr, und sie ist es zufrieden.

Alter Athenienser.
Wenn sie einander ohne meine Einwilligung heurathen, so rufe ich
die Gtter zu Zeugen, da ich meinen Erben aus den Bettlern auf der
Strasse whlen, und ihnen alles entziehen will.

Timon.
Wieviel soll sie zum Brautschaz haben, wenn sie einen Mann
heurathete, der ihr an Vermgen gleich wre?

Alter Athenienser.
Drey Talente frs Gegenwrtige, und knftig alles.

Timon.
Dieser wakere Mann hat mir lange gedient; um sein Glk zu machen,
will ich mich ein wenig angreiffen; es ist eine Pflicht der
Menschlichkeit.  Gieb ihm deine Tochter; so viel du ihr giebst, will
ich ihm auch geben, um zu machen, da er so viel wgen soll als sie.

Alter Athenienser.
Sehr edler Lord, verspreche mir das auf euer Ehrenwort, so soll er
sie haben.

Timon.
Hier hast du meine Hand, mein Ehrenwort ist mein Versprechen.

Lucilius.
Ich danke Euer Gnaden demthigst; nimmer mge mir das Glk gedeyhen,
welches ich nicht eurer Gte schuldig zu seyn erkenne.

(Lucilius und der Alte Athenienser gehen ab.)



Poet.
Nehmet diese Arbeit so gtig auf, als die Wnsche, die ich fr Euer
Gnaden langes Leben thue.

Timon.
Ich danke euch, ihr sollt gleich mehr von mir hren; geht nicht weg--
Was habt ihr hier, mein Freund?

Mahler.
Ein Gemhlde, welches ich Euer Gnaden bitte anzunehmen.

Timon.
Mahlerey ist mir allezeit willkommen.  Seitdem die Falschheit mit
der Natur des Menschen ein Gewerbe treibt, ist ein gemahlter Mensch
soviel als ein natrlicher; gemahlte Figuren sind gerade das, wofr
sie sich geben.  Euer Werk gefllt mir, und ihr sollt finden, da es
mir gefllt; wartet, bis ihr wieder von mir hrt.

Mahler.
Die Gtter erhalten euch!

Timon.
Lebt wol, mein Herr; gebt mir eure Hand, wir mssen heute mit
einander zu mittagessen.  Mein Herr, euer Juweel hat von
allzugrossem Lob gelitten.

Juweelen-Hndler.
Wie, Milord?  Ist es mifllig?

Timon.
Es ist mir bis zum Ekel angepriesen worden.  Wenn ich es bezahlen
sollte, wie es geschzt wird, so mte ich mich zu Grunde richten.

Juweelen-Hndler.
Gndiger Herr, es ist so geschzt wie diejenige, die es verkauffen,
es gerne gben; ihr wit aber wol, da Dinge von gleichem Werth,
wenn sie ungleiche Eigenthmer haben, nach ihren Besizern geschzt
werden; glaubt mir, Gndiger Herr, das Juweel wrde einen noch
grssern Werth erhalten, wenn ihr es trget.

Timon.
Ihr scherzet mit mir, mein guter Mann.

Kauffmann.
Nein, Gndiger Herr, er redt nur die gemeine Sprache, die alle
Leute mit ihm reden.

Timon.
Seht, wer hier kommt--Wollt ihr ausgescholten seyn?



Dritte Scene.
(Apemanthus)* (zu den Vorigen.)

{ed.-* Sehet diesen Character eines Cynikers, sehr fein vom Lucian in
seinem Ausruf der Philosophen gezeichnet, und wie gut Shakespear
ihn copirt hat.  Warbrton.}


Juweelen-Hndler.
Wir wollen's mit Euer Gnaden theilen.

Kauffmann.
Er wird keinen verschonen.

Timon.
Guten Morgen, mein angenehmster Apemanthus.

Apemanthus.
Warte du auf einen Gegengru, bis ich angenehm werde.

Poet.
Wenn werden wir das Glk haben, das zu erleben?

Apemanthus.
Wenn du Timons Hund seyn wirst, und diese Schelmen ehrlich.

Timon.
Warum nennst du sie Schelme?  Du kennst sie nicht.

Apemanthus.
Sind sie nicht Athenienser?

Timon.
Ja.

Apemanthus.
So nehm' ich mein Wort nicht zurk.

Juweelen-Hndler.
Ihr kennt mich, Apemanthus.

Apemanthus.
Du weist da ich dich kenne, ich nannte dich bey deinem Namen.

Timon.
Du bist stolz, Apemanthus.

Apemanthus.
Auf nichts so sehr, als das ich dem Timon nicht hnlich bin.

Timon.
Wo willt du hin?

Apemanthus.
Einem ehrlichen Athenienser das Hirn ausschlagen.

Timon.
Das wr' eine That, wofr du sterben mtest.

Apemanthus.
Richtig, wenn das Gesez eine Todesstrafe auf nichts thun sezt.

Timon.
Wie gefllt dir dieses Gemhlde, Apemanthus?

Apemanthus.
Am besten, weil es nichts bses thut.

Timon.
Arbeitete der nicht gut, der es mahlte?

Apemanthus.
Der arbeitete noch besser, der den Mahler machte; und doch ist er
nur ein schlechtes Stk Arbeit.

Mahler.
Ihr seyd ein Hund.

Apemanthus.
Deine Mutter ist von meinem Stamme; was war sie, wenn ich ein Hund
bin?

Timon.
Apemanthus, willt du mit mir zu mittagessen?

Apemanthus.
Nein, ich esse keine grosse Herren.

Timon.
Wenn du es thtest, wrden die Damen ber dich bse werden.

Apemanthus.
O!  die verschlingen gar die grossen Herren, und kriegen dike Buche
davon.

Timon.
Das ist ein unzchtiger Einfall.

Apemanthus.
So nimmst du ihn auf; nimm ihn fr deine Mhe.

Timon.
Wie gefllt dir dieses Juweel, Apemanthus?

Apemanthus.
Nicht so wol wie Aufrichtigkeit, die doch einen keinen Heller
kostet.

Timon.
Wie viel meynst du, da es werth sey?

Apemanthus.
Nicht werth da ich darauf denke.  Wie steht's, Poet?

Poet.
Wie steht's Philosoph?

Apemanthus.
Du lgst.

Poet.
Bist du keiner.

Apemanthus.
Ja.

Poet.
So lg' ich nicht.

Apemanthus.
Bist du nicht ein Poet?

Poet.
Ja.

Apemanthus.
So lgst du also: schau in dein leztes Werk; worinn du dichtest,
da er ein wrdiger Mann sey.

Poet.
Das ist nicht gedichtet, er ist es.

Apemanthus.
Ja, er ist deiner wrdig, und wrdig dich fr deine Arbeit zu
bezahlen.  Wer sich gerne schmeicheln lt, ist seines Schmeichlers
wrdig.  Gtter!  mcht' ich nur ein grosser Herr seyn!

Timon.
Was wolltest du denn thun, Apemanthus?

Apemanthus.
Eben das was Apemanthus izt thut, einen grossen Herrn hassen.

Timon.
Wie, dich selbst?

Apemanthus.
Ja.

Timon.
Warum denn?

Apemanthus.
Das ich nicht mehr Verstand htte, als ein grosser Herr zu seyn--
Bist du nicht ein Kauffmann?

Kauffmann.
Ja, Apemanthus.

Apemanthus.
Die Handelschaft verderbe dich, wenn es die Gtter nicht thun
wollen!

Kauffmann.
Wenn es die Handelschaft thut, so thun es die Gtter.

Apemanthus.
Die Handelschaft ist dein Gott, und dein Gott verderbe dich!  (Man
hrt Trompeten.  Ein Bote tritt auf.)

Timon.
Was fr Trompeten sind das?

Bote.
Es ist Alcibiades mit etlichen zwanzig Reitern, die ihn begleiten.

Timon.
Ich bitte euch, geht ihnen entgegen, ladet sie zu mir ein--ihr mt
schlechterdings mit mir zu mittagessen--Geht nicht von hier bis ich
euch gedankt habe, und nach dem Essen, zeigt mir dieses Stk; ich
erfreue mich euch zu sehen.  (Alcibiades und seine Begleiter treten
auf.) Sehr willkommen, mein Herr.

(Sie bken sich, und umarmen einander.)

Apemanthus.
So, so!  da euch die Gicht lhme und ausdrre, ihr biegsamen
Gelenke!  Warum sollten auch diese artigen sssen Schelmen einander
nicht lieb haben!  Wahrhaftig das menschliche Geschlecht wird zu
lauter Affen und Meerkazen.

Alcibiades.
Ich sehnte mich so sehr euch zu sehen, da ich es nicht satt werden
kan.

Timon.
Sehr willkommen, mein Herr; ehe wir scheiden, wollen wir einige
Tage mit allerhand Lustbarkeiten zubringen.  Ich bitte euch, lat
uns hinein gehen.

(Sie gehen ab.)



Vierte Scene.
(Apemanthus bleibt; zu ihm Lucius und Lucullus.)


Lucius.
Wie viel ist die Zeit, Apemanthus?

Apemanthus.
Zeit ehrlich zu seyn.

Lucius.
Diese Zeit ist immer.

Apemanthus.
Ein desto schlimmerer Bube bist du, da du sie immer vorbeylssest.

Lucullus.
Gehst du zu des Lord Timons Gastmahl?

Apemanthus.
Ja, um zu sehen, wie Speisen Schelme fllen, und Wein Narren erhizt.

Lucius.
Lebe wohl, lebe wohl.

Apemanthus.
Du bist ein Narr, da du mir zweymal lebe wohl sagst.

Lucullus.
Warum, Apemanthus?

Apemanthus.
Du httest eines fr dich selbst behalten sollen, denn von mir
kriegst du keines.

Lucius.
Hng' dich auf!

Apemanthus.
Nein, ich will nichts thun, das du mir sagst; mache deine
Fordrungen an deinen Freund.

Lucius.
Hinweg du unvertrglicher Hund, oder--ich stosse dich mit den
Fssen hinaus.

Apemanthus.
Ich will fliehen, wie ein Hund vor den Hinterfssen eines Esels.

Lucius.
Er ist ein Antipode der Menschlichkeit.  Kommt, wollen wir
hineingehen, und an Lord Timons Freygebigkeit Antheil nehmen?  In
der That er bertrift die Gte selbst.

Lucullus.
Das thut er.  Plutus, der Gott des Reichthums ist nur sein Haus-
Hofmeister: Das kleinste Verdienst, das sich jemand um ihn macht,
bezahlt er siebenfltig ber seinen Werth; und das kleinste
Geschenk das er annimmt, zieht dem Geber eine Erstattung zu, die
alle gewhnliche Erkenntlichkeit bertrift.

Lucius.
Er hat das edelste Gemth, das jemals einen Mann regiert hat.

Lucullus.
Mg' er lang' in diesem glklichen Stande leben, wollen wir hinein?

Lucius.
Ich will euch Gesellschaft leisten.

(Sie gehen ab.)



Fnfte Scene.
(Ein grosser Saal in Timons Hause.)
(Eine Musik mit Hautbois; Es wird ein grosses Banquet aufgetragen;
 Timon, Lucius, Lucullus, Sempronius und andre Atheniensische
 Senatoren, treten mit Ventidius auf.  Wenn alle herein gekommen sind,
 schlendert auch Apemanthus, mit mivergngtem Gesicht, hinter
 ihnen drein.)


Ventidius.
Hchstgeehrter Timon!  es hat den Gttern gefallen, meinen alten
Vater in seine Ruhe eingehen zu lassen.  Er ist glklich vom
Schauplaz gegangen, und hat mich reich hinterlassen.  Ich gebe euch
also, wie die Dankbarkeit gegen euer gromthiges Herz mich
verpflichtet, diese Talente, durch deren Hlf ich meine Freyheit
wieder erlangt, mit verdoppeltem Dank und Erbietung meiner
Gegendienste zurk.

Timon.
O, das kan nicht seyn, mein rechtschaffner Ventidius; ihr mikennet
meine Freundschaft: Ich gab sie mit willigem Herzen hin; und wer
kan mit Wahrheit sagen, da er gebe, wenn er wieder empfngt?  Wenn
hhere als wir sind es thun, so steht es doch uns nicht an.

Apemanthus.
Ahme ihnen khnlich nach; nzliche Laster sind schn.

Ventidius.
Welch eine edle Denkungsart!

Timon,

(indem er sieht, da seine Gste viele Complimente und Umstnde
machen, eh sie sich sezen.)


Ceremonien sind nur erfunden worden, um falschen Thaten, holen
Bewillkommungen, und erzwungner Gutthtigkeit eine Glasur zu geben;
aber, wo wahre Freundschaft ist, bedarf es nichts dergleichen.  Ich
bitte euch, nehmet Plaz; ihr seyd mir willkommner zu meinem
Wohlstand, als er mir selbst ist.

(Sie sezen sich.)

Lucius.
Wir sind immer davon berzeugt gewesen.

Apemanthus.
Ho, ho, berzeugt gewesen?  Da ihr gehangen wr't!

Timon.
Ha, Apemanthus!  Ihr seyd willkommen.

Apemanthus.
Ich will es aber nicht seyn; ich komme nur, da du mich zur Thre
hinausstossest.

Timon.
Pfui, wie grob du bist!  Ihr habt da einen Humor angenommen, der
einem Mann nicht gut lt; es ist gar nicht hbsch.  Man sagt sonst,
meine Herren, (ira furor brevis est), aber dieser Mann dort ist
immer entrstet.

Apemanthus.
La mich auf deine Gefahr da bleiben, Timon; ich komme,
Beobachtungen zu machen, ich will dich gewarnt haben.

Timon.
Und ich gebe dir keine Acht; du bist ein Athenienser, und also
willkommen; ich mchte fr mich selbst kein Vermgen haben--Ich
bitte dich, la meine Schsseln dich zum Stillschweigen bringen.

Apemanthus.
Ich verschmhe deine Schsseln; ich wollt' eher dran erworgen, eh
ich dir jemals schmeicheln wollte.  O ihr Gtter, wieviel Leute
essen den Timon, und er sieht sie nicht!  Es schmerzt mich, ihrer so
viele zu sehen, die ihren Bissen in eines einzigen Mannes Blut
tauchen; und das unsinnigste ist, da er sie noch dazu aufmuntert.
Mich wundert nur, da es Menschen giebt, die sich bey andern
Menschen sicher halten.  Sie sollten einander ohne Messer einladen,
es wre gut fr ihre Schsseln, und sichrer fr ihr Leben.  An
Beyspielen fehlt es nicht; der Bursche, zum Exempel, der hier zu
nchst an ihm sizt, das Brodt mit ihm theilt, und thut als ob er
auch den Athem mit ihm theilen wollte, ist alle Augenblike
bereitwillig, ihm einen Dolch in das Herz zu stossen.  Es sind
Beweise davon da.  Wr' ich ein grosser Herr, ich htte das Herz
nicht zu trinken, aus Furcht, sie mchten aussphen, wo sie meiner
Luftrhre am besten beykommen knnten; grosse Herren sollten nicht
anders trinken, als mit einem Harnisch um ihre Gurgel.

Timon (indem er dem Lucullus zutrinkt.)
Milord, von Herzen; lat die Gesundheit herumgehen.

Lucullus.
Lat sie diesen Weg gehen, mein werthester Lord.

Apemanthus.
Diesen Weg gehen--Ein braver Kerl; er wei die Zeit wol in Acht zu
nehmen; diese Gesundheiten werden noch machen, da du und dein
Vermgen die Schwindsucht kriegen werden, Timon.

(Er langt ein Stk Brodt und einen Krug mit Wasser aus seiner
Tasche.)

Hier ist etwas, das zu schwach ist, ein Snder zu seyn, ehrliches
Wasser, das noch niemand in den Schuld-Thurm gebracht hat.  Mein
Essen schikt sich zu meinem Trank--

(Er stellt sich hin, das Tisch-Gebett zu sprechen.)

Gastmhler sind zu stolz, den Gttern Dank zu sagen.

Apemanthus (betet:)
(Ihr Gtter, ich spreche euch um keine Reichthmer an, denn ich
achte sie fr Quark; ich bitte fr niemand, als mich selbst.
Verleihet, da ich niemals so ein guter Narr werde, einem Mann auf
seinen Eyd zu trauen, oder einer Hure auf ihre Thrnen, oder einem
Hund, der zu schlafen scheint, oder meinen Freunden, wenn ich ihrer
nthig habe; Amen, Amen.) Izt zugegriffen!  Reiche Leute sndigen,
und ich esse Wurzeln.

Timon.
General Alcibiades, mich ducht, euer Herz ist diesen Augenblik im
Felde.

Alcibiades.
Mein Herz ist allenthalben zu euern Diensten, Milord.

Timon.
Ihr wret lieber bey einem Frhstk von Feinden, als bey einem
Mittag-Essen von Freunden gewesen.

Alcibiades.
Wenn sie so frisch bluten, so ist kein besseres Gericht als sie;
ich wollte meinen Freund zu einem solchen Schmaus wnschen.*

Apemanthus.
Ich wollte also, da alle diese Schmarozer deine Feinde wren,
damit du sie umbrchtest, und mich darauf zu Gaste btest.

Lucullus.
Mchten wir nur das Glk haben, Milord, da ihr uns einmal durch
etwas auf die Probe sezen wolltet, wobey wir euch unsre Ergebenheit
in etwas zeigen knnten; es wrde uns nichts mehr zu wnschen brig
bleiben.

Timon.
O, meine guten Freunde, ich zweifle keinen Augenblik, da die
Gtter fr Gelegenheiten gesorgt haben, wo ich eben so viel Hlfe
von euch erhalten werde; wie wret ihr sonst meine Freunde gewesen?
Warum trget ihr diesen herzrhrenden Namen, vor tausenden, wenn
ihr mein Herz nicht nher angienget?  Ich habe ber diesen Punct
mehr von euch zu mir selbst gesagt, als ihr mit Bescheidenheit zu
euerm eignen Behuf sagen knntet.  Ihr Gtter, denke ich, wozu
brauchten wir Freunde zu haben, wenn wir sie niemals nthig htten;
sie wrden wie liebliche Instrumente seyn, die in Futteralen
aufgehangen sind, und ihre Tne fr sich selbst behalten.  Mein
Vertrauen zu euch geht so weit, da ich mich oft rmer gewnscht
habe, damit ich euch nher kommen mchte; wir sind dazu gebohren,
Gutes zu thun.  Und was knnen wir gewisser und eigentlicher unser
eigen nennen, als die Reichthmer unsrer Freunde?  O!  was fr ein
unschzbarer Trost ist das, so viele zu haben, die, wie Brder,
einer ber des andern Glk und Vermgen schalten knnen!  O Freude,
die schon eine Freude ist, eh sie gebohren werden kan!  Meine Augen
knnen nicht Wasser halten, ducht mich; ihren Fehler zu verbessern,
trink ich euch zu!

Apemanthus.
Du weinst nur, um zu machen, da sie dich trinken.

Lucullus.
Das Vergngen ward auf die nemliche Art in unsern Augen empfangen,
und kam in demselben Augenblik wie ein neugebohrnes Kind hervor.

Apemanthus.
Ho, ho!  ich mu lachen, wenn ich denke, da dieses Kind ein Bastard
ist.

Ein andrer von den Gsten.
Ich versichre euch, ihr habt mich ausserordentlich gerhrt.

Apemanthus.
Ausserordentlich!

(Man hrt einen Trompeten-Sto.)

Timon.
Was will diese Trompete?  was giebt's?  (Ein Bedienter kommt herein.)

Bedienter.
Gndiger Herr, es sind etliche Frauenzimmer draussen, welche gerne
vorgelassen werden mchten.

Timon.
Frauenzimmer?  Was wollen sie?

Bedienter.
Sie bringen einen Vorredner mit, der das Amt trgt, ihr Gewerb
anzubringen.

Timon.
Ich bitte, lat sie hereinkommen.  * Diese Scytische Art zu reden,
ist nicht im Character eines Atheniensers, noch des Alcibiades.  Der
Alcibiades unsere Autors in diesem Stk gleicht dem Alcibiades, den
Plutarch schildert, wie ein Affe einem Menschen; er ist ein Held in
Ostadens Geschmak gemahlt, oder wie--(Dieu le Pere dans sa gloire
ternelle, peint galamment dans le gout de Wateau.)



Sechste Scene.
(Cupido mit etlichen Weibspersonen, die als Amazonen gekleidet
 sind, und ein Balletformiren.)


Cupido.
Heil dir, wrdiger Timon, und euch allen, die seine Gtigkeiten
schmeken!  Die fnf vorzglichsten Sinnen erkennen dich fr ihren
Gutthter, und kommen, deiner berfliessenden Gromuth Dank zu
erstatten.  Das Ohr, der Geschmak, der Geruch und das Gefhl stehen
befriedigt von deiner Tafel auf, diese hier kommen nun, deinen
Augen einen Schmaus zu geben.

Timon.
Sie sind alle willkommen; lat ihnen freundlich begegnet werden;
lat Musik ihren Willkomm machen.

Lucius.
Ihr sehet, Milord, wie ausserordentlich ihr geliebt werdet.

Apemanthus.
Heyda!  Was fr ein Geschweif von Eitelkeit zieht daher!  Sie tanzen,
sie sind dem Tollhaus entloffen, glaub' ich.*

{ed.-* Apemanthus fhrt hier im Original in etlichen Zeilen fort, ber
die Weltfreuden und die Schmeichler loszuziehen; es ist aber,
ungeachtet der Bemhung des Hrn.  Warbrton, so wenig Zusammenhang
in dieser corrupten Rede, da man sie lieber gar weggelassen; da es
ohnehin weiter nichts als eine ganz alltgliche Capucinade ist, an
der man wenig verliehrt.}

(Nach geendigtem Tanz stehen die Gste von der Tafel auf, und
machen dem Timon eine Menge feyrlicher Ehrenbezeugungen: Ein jeder
liet sich sodann eine Amazonin aus, und so tanzen sie paarweise
einen oder Zween muntre Tnze, und hren auf.)

Timon.
Meine schnen Damen, ihr habt unserer Lustbarkeit einen Reiz
gegeben, ohne den sie nicht halb so schn und anmuthig war.  Eure
Gegenwart hat ihr erst einen Werth und lebhaften Glanz gegeben, und
das Vergngen vollkommen gemacht, das ich meinen Gsten zu
verschaffen gewnscht habe.  Ich bin euch sehr dafr verbunden.

Lucius.
Milord, ihr nehmt sie uns gerade wie es am besten gegangen wre.

Timon.
Mesdames, es ist hier in dem Nebenzimmer eine kleine Tafel fr euch
gedekt.  Nehmet einige Erfrischungen, wenn es euch beliebt.

Alle Frauenzimmer.
Mit vielem Dank, Milord.

(Sie gehen ab.)

Timon.
Flavius--

Flavius.
Gndiger Herr--

Timon.
Bringt mir das kleine Kstchen her.

Flavius.
Ja, Gndiger Herr.

(Bey Seite.)

Noch mehr Juweelen?  Man darf ihm nicht einreden, wenn er in einer
Laune ist, sonst sollt ich ihm sagen--Gut!--In der That ich sollte;
wenn es zu spte seyn wird, wird er selbst wnschen, da man ihm
eingeredet htte.  Es ist zu bedauren, da die Freygebigkeit hinten
am Kopf keine Augen hat, damit ein ehrlicher Mann nicht durch ein
allzu gutes Herz unglklich werden knnte.

Lucullus.
Wo sind unsre Leute?

Bedienter.
Hier, Gndiger Herr.

Lucullus.
Unsre Pferde!

Timon.
O meine guten Freunde!

(zu Lucullus.)

Ich hab' euch nur ein Wort zu sagen: Sehet hier Mylord; ich bitte
euch, erweit mir die Ehre, dieses Kleinod anzunehmen und zu tragen,
mein gtiger Lord!

Lucullus.
Ich bin schon so sehr euer Schuldner--

Alle.
Das sind wir alle.

(Lucius, Lucullus, und die brigen gehen ab.)



Siebende Scene.
(Ein Bedienter zu Timon.)


Bedienter.
Gndiger Herr, etliche Edelleute, die krzlich in den Senat
befrdert worden, wollen euch ihren Besuch machen.

Timon.
Sie sind hchstens willkommen.  (Flavius kommt wieder zurk.)

Flavius.
Ich bitte Euer Gnaden, erlaubet mir ein Wort; es geht euch sehr nah
an.

Timon.  Mich?  Nun, so will ich dich ein andermal anhren.  Ich bitte,
sorge davor, da wir ihnen mit etwas aufwarten knnen.

Flavius (vor sich.)
Ich wei kaum womit.  (Ein andrer Bedienter.)

2. Bedienter.
Mit Euer Gnaden Erlaubni, Lord Lucius macht euch aus Freundschaft
und Erkenntlichkeit ein Geschenk von vier milchweissen Pferden, mit
Silber angeschirrt.

Timon.
Ich werde sie auf eine edle Art annehmen;

(zu Flavius.)

Sorget davor, da ihnen wohl gewartet werde.  (Ein dritter
Bedienter.) Was giebt's?  was neues?

3. Bedienter.
Mit Euer Gnaden Erlaubni, der hochgebohrne Lord Lucullus bittet
sich Euere Gesellschaft morgen auf eine Jagd aus, und hat Euer
Gnaden zwo Kuppeln Windhunde hergeschikt.

Timon.
Ich will mit ihm jagen; ich will sie annehmen, und nicht vergessen,
ihm einen schnen Ersaz zu thun.

Flavius (vor sich.)
Wo will das hinkommen?  Er befiehlt uns immer Provisionen zu machen,
und macht grosse Prsente, und alles aus einer leeren Kiste.  Und
doch will er nicht leiden, da ich ihm zeige, was fr ein Bettler
seine Freygebigkeit ist; seine Versprechungen fliegen soweit ber
sein Vermgen hinaus, da er fr alles was er spricht, fr jedes
Wort, schuldig werden mte.  Er ist so gut, da er Intressen
bezahlt, um Andern Freygebigkeiten zu erzeigen.  Alle seine Gter
stehen in den Schuldbchern seiner Glubiger.  Gut!  ich wollte ich
wrde mit einer guten Art meines Diensts entsezt, eh ich gezwungen
werde ihn zu verlassen.  Glklicher ist wer gar keine Freunde zu
fttern hat, als solche, die noch schlimmer sind als seine
erklrten Feinde selbst.  Mein Herz blutet mir vor meinen Herren.

(Er geht ab.)

Timon.
Ihr thut euch selbst unrecht, ihr verringert eure Verdienste zu
sehr.  Hier, Milord, ein kleines Merkmal unsrer Freundschaft.

1. Lord.
Ich nehm' es mit hchstem Dank an.

2. Lord.
Er hat das gromthigste Herz von der Welt.

Timon.
Ah, ich erinnere mich erst izt, Milord, da euch neulich das
Castanien-braune Pferd, worauf ich ritt, wohl zu gefallen schien:
Es ist euer, weil es euch gefllt.

3. Lord.
O ich bitte euch um Verzeihung, Milord, was das betrift.

Timon.
Nehmt mein Wort dafr, Milord; ich wei, niemand kan etwas nach
Verdienst loben, als was er liebt.  Ich schze meines Freundes
Geschmak nach meinem eignen!  ich spreche in vollem Ernst--Meine
Herren, ich werde mich bey euch melden lassen.

Alle Lords.
O!  niemand wird uns so willkommen seyn.

Timon.
Alle Besuche, und besonders die eurigen, sind mir so werth und
angenehm, da es nicht genug ist, wenn ich euch davor danke; ich
knnte Knigreiche unter meine Freunde austheilen, und es nie mde
werden.  Alcibiades, du bist ein Soldat, und also selten reich;
deine Einknfte sind unter den Todten, und deine Lndereyen ligen
in einem Schlachtfeld --

Alcibiades.
Es ist noch Land's genug einzunehmen, Milord.

1. Lord.
Wir sind euch so gnzlich verpflichtet--

Timon.
Das bin ich euch.

2. Lord.
So unendlich verbunden--

Timon.
Alles auf meiner Seite.  Lichter, mehr Lichter!

3. Lord.
Wir wnschen euch eine bestndige Dauer der vollkommensten
Glkseligkeit, Lord Timon.

Timon.
Zum Dienst meiner Freunde.

(Die Lords gehen ab.)



Achte Scene.


Apemanthus.
Was das fr ein Gelerm ist, fr ein Geschnbel, und fr Scharr-
Fsse!  Ich zweifle, ob ihre Beine das Geld werth sind, das man fr
sie ausgegeben hat.  Freundschaft ist voller Hefen; mich ducht,
falsche Herzen sollten niemals gesunde Beine haben.  So tauschen
ehrliche Narren ihr Geld an Complimente.*

{ed.-* Wenn in dieser Rede wenig Sinn und Zusammenhang ist, so mu man
wissen, da sie im Original in Reimen geschrieben ist, wie viele
andre in diesem Stke.  Die Reime scheinen dem Shakespear viel zu
schaffen gemacht zu haben; sein freyer und feuriger Genie geht
darinn wie ein Luffer in Courier-Stiefeln.}

Timon.
Nun, Apemanthus, wenn du nicht mrrisch wrest, so wollt' ich gut
gegen dich seyn.

Apemanthus.
Nein, ich will nichts; denn wenn ich auch noch bestochen wrde, so
bliebe niemand brig, der dich durch die Hechel ziehen wrde, und
denn wrdest du noch mehr sndigen.  Du verschenkst so lange, Timon,
besorg' ich, da du in kurzem dich selbst weggeben wirst.  Wozu
sollen alle diese Gastmhler, dieser Prunk und dieser eitle Aufwand?

Timon.
O wenn du anfngst ber alle Geselligkeit loszuziehen, so schwr
ich, ich will dir keinen Blik mehr gnnen.  Lebe wohl, und komme mit
einer bessern Musik wieder.

Apemanthus.
So--du willt mich izt nicht hren, du sollst auch nicht!  Ich will
dir das einzige Mittel entziehen, was dich noch retten knnte.  O,
da die Ohren der Leute nur fr guten Rath taub sind, und nicht fr
Schmeicheley.

(Geht ab.)




Zweyter Aufzug.



Erste Scene.
(Ein ffentlicher Plaz in der Stadt.)
(Ein Senator tritt auf.)


Senator.
Und unlngst, fnf tausend; dem Varro und dem Isidorus ist er
neuntausend schuldig, und dann meine vorhergehende Schuld; das
macht zusammen fnf und zwanzig--Nimmt denn die Wuth der
Verschwendung kein Ende bey ihm?  Es kan nicht dauern, es kan nicht.
Wenn ich Geld brauche, so darf ich nur einen Bettler-Hund stehlen,
und ihn dem Timon geben; der Hund mnzt mir Geld.  Wenn ich gern
mein Pferd verkaufte, um zehen bessere dafr zu kauffen, gut, so
geb ich mein Pferd dem Timon; ich verlange nichts, ich schenk es
ihm, gleich wirft es mir zehen tchtige Pferde.  Er hat keinen
Thrhter an seiner Pforte, sondern einen Kerl der immer lchelt
und alles einldt, was vorbey geht.  Das kan nicht dauern; es ist
vernnftigerweise unmglich, da eine solche Wirthschaft dauern
knnte.  Caphis, he!  Caphis, sag ich.  (Caphis tritt auf.)

Caphis.
Hier, mein Herr, was habt ihr zu befehlen?

Senator.
Zieh deinen Rok an, und geh in Eile zu dem Lord Timon; treib ihn
fr die Bezahlung der Gelder, die er mir schuldig ist; la dich
durch keine schlechte Weigerung abweisen, oder durch ein: Mein
Compliment an euern Herrn, zum Schweigen bringen, und dir mit der
Mze in der rechten Hand die Thre weisen, so--sondern sag ihm, ich
hab es unumgnglich nthig; der Termin sey verstrichen, und die
Frist die ich ihm gegeben, habe schon meinen Credit geschwcht; Ich
liebe und ehre ihn, aber es sey mir nicht zuzumuthen, da ich den
Hals breche, um seinen Finger zu heilen; Meine Bedrfnisse seyen
dringend, und knnen durch Vertrstungen nicht befriediget werden,
sondern erheischen unmittelbare Hlfe.  Geh; nimm eine ungestme
Mine an, mach' ein Anforderungs-Gesicht; denn ich besorge, wenn
jede Feder in ihrem eignen Flgel steken wird, so wird Lord Timon,
der izt wie ein Phnix schimmert, nur eine nakte Mwe brig bleiben--
Geh, sag ich.

Caphis.
Ich gehe, Herr.

Senator.
Ich gehe, Herr?--Nehmt die Verschreibungen mit euch, und gebt wohl
auf die Datums Acht.

Caphis.
Ich will, Herr.

Senator.
Geh.

(Sie gehen ab.)



Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Halle.)
(Flavius tritt mit verschiednen Obligationen in der Hand auf.)


Flavius.
Keine Sorge, kein Maa noch Ziel!  Er bekmmert sich so wenig um
seine Ausgaben, da er weder darauf denkt wie er sie bestreiten,
noch wie er diesem Strom von Verschwendung Einhalt thun wolle.
Niemals ist so viel Gte mit so viel Thorheit in einem Menschen
beysammen gewesen--Was ist zu thun?--Er wird nicht hren, bis er
fhlt; ich mu freymthig mit ihm sprechen, wenn er von der Jagd
heimkommt!  O!  weh!  weh!  weh!  (Caphis, Isidor und Varro treten auf.)

Caphis.
Guten Abend, Varro; wie, kommt ihr auch um Geld zu fordern?

Varro.
Das wird vermuthlich euer Geschft auch seyn?

Caphis.
Es ist nicht anders, und euers auch, Isidor?

Isidor.
So ist es.

Caphis.
Ich wollte, wir wren alle bezahlt.

Varro.
Mir ist nicht wohl bey der Sache.

Caphis.
Hier kommt der Lord.  (Timon und sein Gefolge treten auf.)

Timon.
Sobald wir zu Mittag gegessen haben, wollen wir wieder fort.  Mein
Alcibiades--Nun, was ist euer Begehren.

(Sie bieten ihm ihre Handschriften hin.)

Caphis.
Gndiger Herr, hier ist eine Rechnung von gewissen Schulden --

Timon.
Schulden?  Woher seyd ihr?

Caphis.
Von Athen, hier, Gndiger Herr.

Timon.
Geht zu meinem Verwalter.

Caphis.
Euer Gnaden wollen mir's zu gut halten, er hat mich diesen ganzen
Monat durch von einem Tag auf den andern vertrstet; mein Herr wird
durch eine dringende Veranlassung genthiget, das Seinige
einzufordern, und bittet demthig, Euer Gnaden mchte, nach dero
bekannten Gromuth ihm sein Recht angedeyhen lassen.

Timon.
Mein ehrlicher Freund, komm den nchsten Morgen wieder.

Caphis.
Nein, Gndiger Herr--

Timon.
Mige dich, guter Freund.

Varro.
Eines gewissen Varro's Bedienter, gndiger Herr.

Isidor.
Von Isidor, er bittet um schleunige Bezahlung.

Caphis.
Wenn Euer Gnaden die Noth wte, worinn mein Herr stekt.  --


Varro.
Die Verschreibung, gndiger Herr, ist schon vor sechs Wochen
verfallen --


Isidor.
Euer Haushofmeister weit mich ab, und ich bin ausdrklich zu Euer
Gnaden geschikt worden.

Timon.
Lat mich nur zu Athem kommen,--

(zu seinen Begleitern)

Ich bitte euch, meine werthesten Herren, gehet hinein, ich werde
euch in einem Augenblik aufwarten--

(Die Lords gehen ab.)

Kommt hieher;

(zu Flavius)

Wie geht das zu, da ich auf eine so schimpfliche Art mit
ungestmen Anfordrungen wegen Schulden, verfallnen Handschriften,
und Vorenthaltung lngst richtig zumachender Zahlungen angefallen
werde?

Flavius.
Mit eurer Erlaubni, meine Herren; es ist izt keine gelegne Zeit
fr euer Geschfte; wartet bis nach Mittag, damit ich Seiner Gnaden
inzwischen begreiflich machen kan, warum ihr noch nicht bezahlt
seyd.

Timon.
Thut das, meine Freunde.

(zu Flavius.)

Seht, da ihnen wohl begegnet werde.

(Timon geht ab.)

Flavius.
Ich bitte euch, kommt herein.

(Flavius geht ab.)



Dritte Scene.
(Apemanthus und ein Harlequin zu den Vorigen.)


Caphis.
Wartet, wartet, hier kommt der Narr mit Apemanthus, wir wollen ein
wenig Spa mit ihnen haben.

Varro.
An den Galgen mit ihm, er wird uns eins anhngen.

Isidor.
Da ihn die Pest,--den Hund!

Varro.
Wie geht's, Narr?

Apemanthus.
Redst du mit deinem Schatten?

Varro.
Ich rede nicht mit dir.

Apemanthus.
Das ist wahr, du redst mit dir selbst.  Komm, la uns gehn.

(Zum Narren.)

Isidor.
Der Narr hangt schon an deinem Rken.

Apemanthus.
Nein, du stehst einzeln.

Caphis.
Weil du noch nicht an ihm bist.  Wo ist der Narr hingekommen?

Apemanthus.
Er hat die lezte Frage gethan.  Arme Schelme und Wucherers Sclaven!
Kuppler zwischen Geld und Mangel!

Alle.
Was sind wir, Apemanthus?

Apemanthus.
Esel.

Alle.
Was?

Apemanthus.
Wenn ihr euch selbst kenntet, so brauchtet ihr mich nicht zu fragen.
Rede du mit ihnen, Narr.

Harlequin.
Was lebt ihr gutes, meine Herren?

Alle.
Grossen Dank, Narr; was macht eure Frau?

Narr.
Sie sezt eben Wasser ber, um solche Hhnchen abzubrhen, wie ihr
seyd.  Ich wnschte wir knnten das Vergngen haben, euch zu
Corinth* zu sehen.

{ed.-* Ein unter gewissen Leuten bliches Wort anstatt Bordell,
vermuthlich von der Ausgelassenheit dieser alten Griechischen Stadt
hergenommen; wovon (Alexander ab Alexandro) sagt:(Corinthi super
mille Prostitutae in templo Veneris assiduae degere &amp;
inflammata libidine quaestui meretricio operam dare &amp; velut
Sacrorum ministrae Deae famulari solebant.) Warbrton.}

Apemanthus.
Grossen Dank fr den guten Wunsch!  (Ein Page zu den Vorigen.)

Narr.
Seht, hier kommt meiner Frauen Page.

Page.
Wie geht's, Capitain, Was macht ihr in dieser weisen Gesellschaft?
Wie befindst du dich, Apemanthus?

Apemanthus.
Ich wollt', ich htte eine Ruthe in meinem Maul, um dir eine
heilsame Antwort geben zu knnen.

Page.
Ich bitte dich Apemanthus, lies mir die Aufschrift auf diesen
Briefen; ich wei nicht, wem jeder gehrt.

Apemanthus.
Kanst du nicht lesen?

Page.
Nein.

Apemanthus.
Es wird also an dem Tag, da du gehngt werden wirst, nicht viel
Gelehrtheit sterben--Dieser ist an Lord Timon, dieser an Alcibiades.
Geh, du wardst ein Huren-Sohn gebohren, und wirst als ein Huren-
Wirth sterben.

Page.
Und du wardst als ein Hund geworffen, und wirst verhungern, wie ein
Hund.  Antworte mir nicht, ich gehe.

(Er geht ab.)

Apemanthus.
Narr, ich will mit euch zum Lord Timon gehn.

Harlequin.
Wollt ihr mich dort verlassen?

Apemanthus.
Wenn Timon bey Hause ist--Ihr drey dient bey drey Wucherern?

Alle.
Ich wollte, sie dienten uns.

Apemanthus.
Das wollt' ich auch--Ein so feiner Streich, als jemals ein Henker
einem Dieb gespielt hat!

Harlequin.
Seyd ihr Drey Wucherers-Leute?

Alle.
Ja, Narr.

Harlequin.
Ich glaub', es giebt in der ganzen Welt keinen Wucherer, der nicht
einen Narren zum Diener hat.  Meine Frau gehrt auch in diese Zunft,
und ich bin ihr Narr; wenn die Leute zu euern Herren gehn um Geld
zu borgen, so kommen sie traurig, und gehn lustig fort; aber in
meiner Frauen Haus gehn sie lustig hinein, und traurig wieder fort.
Wit ihr die Ursach?

Varro.
Ich knnte wol eine sagen.

Harlequin.
So thue es dann, damit wir sehen, da du ein Hurenjger und ein
Lumpenhund bist; wofr du aber, auch ohne das, nichts desto minder
gehalten werden sollst.

Varro.
Was ist ein Hurenjger, Narr?

Harlequin.
Ein Narr in hbschen Kleidern, und dir in etwas hnlich.  Es ist ein
Geist; zuweilen lt er sich in Gestalt eines Edelmanns sehen,
zuweilen in Gestalt eines Advocaten, zuweilen in Gestalt eines
Philosophen, mit zwey Steinen, ohne den Stein der Weisen zu rechnen.
Sehr oft nimmt er die Gestalt eines Soldaten an, und berhaupt ist
keine Gestalt, worinn der Mensch von achtzig Jahren bis zu dreyzehn,
nur immer gesehen werden mag, in welcher dieser Geist nicht spke.

Varro.
Du bist nicht ganz ein Narr.

Harlequin.
Und du nicht ganz gescheidt; ich habe gerade so viel Narrheit, als
dir an Gescheidtheit mangelt.

Apemanthus.
Das ist eine Antwort, deren Apemanthus sich nicht zu schmen htte.

Alle.
Auf die Seite, auf die Seite, der Lord Timon kommt.  (Timon und
Flavius treten auf.)

Apemanthus.
Komm mit mir, Narr, komm mit.

Harlequin.
Einem Liebhaber, einem ltern Bruder, und einem Weibsbild folg' ich
nicht allemal; izt will ich einmal einem Philosophen folgen.

Flavius

(zu den Vorigen.)


Seyd so gut, und spaziert ein wenig dort, ich will gleich mit euch
reden.

(Die Glubiger, Apemanthus und Harlequin, treten ab.)



Vierte Scene.
(Timon.  Flavius.)


Timon.
Ihr sezt mich in Erstaunen: Warum habt ihr mir denn meine Umstnde
nicht eher vollstndig vorgelegt, damit ich meine Ausgaben nach dem
Ertrag meiner Mittel htte einrichten knnen?

Flavius.
Ich hab euch in manchen migen Stunden daran erinnert, aber ihr
wolltet mich nicht anhren.

Timon.
Ausflchte!  Ihr habt vielleicht gerade die Augenblike ausgesucht,
da ich nicht bey guter Laune war; und izt bedient ihr euch dessen,
euch selbst auf meine Unkosten zu entschuldigen.

Flavius.
O!  mein gndiger Herr, ich brachte meine Rechnungen manchmal, und
legte sie euch vor; ihr warfet sie weg, und sagtet, ihr verlasset
euch auf meine Ehrlichkeit.  Wenn ihr, fr irgend ein nichtswrdiges
Geschenk von euern Freunden, mir so oder so viel dagegen zu geben
befahlet, schttelt' ich den Kopf und weinte; ja, ich bertrat oft
die Geseze des Wohlstands und bat euch, ein wenig sparsamer im
Austheilen zu seyn: Ich bekam nicht selten und nicht kleine
Verweise, wenn ich Euch die Ebbe euers Vermgens, und die grosse
Fluth eurer Schulden vorstellte.  Mein allerliebstes Herr, ob ihr
gleich izt zu spt hret, so ist doch noch izt eine Zeit; die Summe
alles dessen, was ihr habt, mangelt nur eine Helfte, um alle eure
Schulden zu bezahlen.

Timon.
Lat alle meine ligende Gter verkauft werden.

Flavius.
Sie sind meistens versezt, einige gar schon verfallen, oder sonst
verussert; und der Rest wird kmmerlich zureichen, die
dringendsten Schulden zu verstopfen; die knftige Zeit rkt heran;
wovon sollen wir unterdessen leben, und wie werden wir zulezt mit
unsrer Rechnung bestehen knnen?

Timon.
Meine Lndereyen erstrekten sich bis nach Lacedmon.

Flavius.
Ach, mein Gndiger Herr, die Welt ist nur ein Wort; wre sie ganz
euer, so da ihr sie in einem Athemzug weggeben knntet, wie
schnell wrde sie weg seyn!

Timon.
Ihr habt recht.

Flavius.
Wofern ihr einigen Verdacht in meine Wirthschaft oder Treue sezet,
so fordert mich vor die schrfesten Richter, und stellt mich auf
die Probe.  Die Gtter seyen mir gndig, so wie ich die Wahrheit
sage!  Wenn alle eure Vorraths-Kammern von schwelgerischen Prassern
erschpft wurden; wenn die Gewlbe und Deken in euern Slen von
Wein truffelten, der in trunknem Muthwillen versprizt wurde; wenn
jedes Zimmer von Lichtern funkelte, und von Spielleuten zertrappt
wurde; zog ich mich oft in einen dunkeln Winkel unter dem Dach
zurk, um meinen Thrnen freyen Lauf zu lassen.

Timon.
Ich bitte dich, nichts mehr,

Flavius.
Himmel!  rief ich aus!  wie gtig dieser Herr ist!  Wie manche
verschwenderische Bissen haben in dieser Nacht Sclaven und Bauren
verschlukt!  Wer ist izt nicht Timons?  Welches Herz, welcher Kopf,
welches Schwerdt, welches Vermgen und Ansehen steht nicht zu
Timons Diensten?  des grossen, des edeln, wrdigen, kniglichen
Timons?  Aber wenn die Mittel hin sind, die diese Lobsprche
erkauften, so ist auch der Athem hin, woraus diese Lobsprche
gemacht waren--Lat nur eine einzige Winterwolke schaudern, so
ligen alle diese Fliegen.

Timon.
Komm, es ist genug geprediget!  Mein Herz kan mir doch wegen meiner
Gtigkeit keinen Vorwurf machen.  Unweislich, nicht unedel hab' ich
weggegeben; warum weinst du?  Kanst du fhig seyn, dir einzubilden,
es werde mir jemals an Freunden fehlen?  Beruhige dich!  Wenn ich die
Gefsse meiner Liebe anzapfen, und den Inhalt ihrer Herzen durch
Borgen auf die Probe sezen wollte, ich knnte mich ihrer Personen
und ihres Vermgens so frey bedienen, als ich dir befehlen kan zu
reden.

Flavius.
Die Gtter geben da die Erfahrung eure Hoffnung erflle!

Timon.
Und gewisser Maassen leisten mir diese Bedrfnisse einen Dienst,
der sie in meinen Augen zu grossen Vortheilen macht; denn durch sie
werd' ich Freunde bewhren.  Ihr werdet sehen, wie sehr ihr euch
ber meine Glks-Umstnde betrgt; ich bin an Freunden reich.
Herein, he!  Flaminius, Servilius!



Fnfte Scene.
(Flaminius, Servilius, und andre Bediente treten auf.)


Servilius.
Gndiger Herr--

Timon.
Ich will euch an verschiedne Orte schiken; Ihr zu Milord Lucius--
ihr zu Lord Lucullus, mit dem ich heut auf der Jagd war--ihr zu
Sempronius; empfehlt mich ihrer Freundschaft; sagt ihnen, ich sey
stolz darauf, da ich endlich Gelegenheit finde, ihre Beyhlfe in
einem mir zugestonen Geldmangel gebrauchen zu knnen; begehrt
fnfzig Talente.

Flaminius.
Nach Euer Gnaden Befehl.

(Flaminius und Bediente gehen ab.)

Flavius (bey seite.)
Lord Lucius und Lucullus!  Hum!

Timon.
Ihr, mein Herr, geht zu den Senatoren, von denen ich, mit des
Staats grstem Vortheil, eine solche Geflligkeit wohl verdient
habe: Sagt ihnen, sie mchten mir augenbliklich tausend Talente
schiken.

Flavius.
Ich bin so khn gewesen, (weil ich wute, da dieses der
gewhnlichste Weg ist) euern Namen und euer Sigel zu einem solchen
Ansuchen bereits zu gebrauchen; allein, sie schttelten die Kpfe,
und ich kam nicht reicher zurk.

Timon.
Was sagst du?  Ist das wahr?  Ist's mglich?

Flavius.
Sie antworteten alle aus einem Mund und mit einer vereinigten
Stimme, sie seyen eben nicht versehen, sie brauchten Geld, knnten
nicht thun was sie wollten; es sey ihnen leid--Ihr seyt ein Mann
von Verdiensten--Aber doch mchten sie gewnscht haben--Sie wissen
nicht--Es htte etwas anders seyn mgen--ein edles Naturell knne
sich verschlimmern--Wre zu wnschen es wr' alles gut--Sey zu
bedauren--Und hiemit geriethen sie ber andre ernsthafte Materien,
nachdem sie mich durch unfreundliche Blike und diese harten Brche,
mit gewissen halben Winken, und einem kaltsinnigen Kopfniken, zu
erstarrendem Stillschweigen gebracht hatten.

Timon.
Ihr Gtter, vergeltet's ihnen!--Ich bitte dich, Mann, sey ruhig!
Die Undankbarkeit ist bey diesen alten Gesellen etwas natrliches.
Ihr Blut ist geronnen, es ist kalt, es fliet selten; der Mangel an
freundlicher Wrme macht sie unfreundlich; die Natur, so wie sie
nach und nach zur Erde herab sinkt, nimmt auch ihre Eigenschaften
an, und wird schwer und unempfindlich.  Geh zum Ventidius--Ich bitte
dich, sey nicht traurig, du bist redlich und ohne Falsch; ich
spreche von Herzen: Es ist nichts an dir auszusezen--Ventidius hat
krzlich seinen Vater begraben, durch dessen Tod er zu einem
grossen Vermgen gekommen ist; wie er arm, im Gefngni, und von
jedermann verlassen war, half ich ihm mit fnf Talenten aus der
Noth.  Gr' ihn in meinem Namen; sag ihm, irgend ein dringendes
Bedrfni sey seinem guten Freunde zugestossen, welches ihn nthige
sich dieser fnf Talente zu erinnern.  Wenn du sie hast, so gieb sie
diesen Leuten, die diesen Augenblik ihre Bezahlung fordern.  Sage
nur niemals, und denk' es auch nicht, da Timons Glksstand mitten
unter seinen Freunden, einsinken knne.

(Er geht ab.)



Flavius.
Wollte Gott, ich knnt' es nicht denken!  Wie geneigt ist ein edles
und gtiges Herz, alle andern auch dafr zu halten.

(Er geht ab.)




Dritter Aufzug.



Erste Scene.
(Des Lucullus Haus in Athen.)
(Flaminius wartet auf Antwort, um vorgelassen zu werden; ein
 Bedienter kommt zu ihm.)


Bedienter.
Ich hab euch bey meinem gndigen Herrn angemeldt; er kommt eben
selbst herab.

Flaminius.
Ich danke euch.  (Lucullus tritt auf.)

Bedienter.
Hier ist Milord.

Lucullus.
Einer von Lord Timons Leuten?  ein Prsent, denk' ich; nun, es trift
recht artig zu; ich trumte diese Nacht von einem silbernen
Handbeken und einer Giekannen.  Flaminius, ehrlicher Flaminius, ihr
seyd recht besonders willkommen, mein Herr;--(bringt mir einen
Becher mit Wein)--Und wie befindet sich dann der wrdigste,
vollkommenste, gromthigste Edelmann in ganz Athen, dein sehr
gtiger lieber Herr und Meister?

Flaminius.
Er ist ganz wohl auf, was seine Gesundheit betrift.

Lucullus.
Nun das freut mich ja recht, da er wohl auf ist--und was hast du
hier unter deinem Mantel, mein lieber Flaminius?

Flaminius.
Mein Treue, nichts als einen leeren Beutel, Gndiger Herr, Euer
Gnaden zu bitten, da ihr ihn aus Freundschaft fr meinen Herrn
fllen mchtet; der, da ihm eben eine dringende Noth zugestossen,
mich zu Euer Gnaden geschikt hat, mit Bitte, ihm mit fnfzig
Talenten auszuhelfen; nicht zweiflend, da ihr ihm eure schleunige
Beyhlfe nicht versagen werdet.

Lucullus.
La, la, la, la,--Nicht zweiflend, sagt ihr?  Ach, leider!  der gute
Herr, er ist ein wakrer Edelmann, das ist wahr; wenn er nur nicht
eine so kostbare Haushaltung fhrte.  Ich hab' oft und viel mit ihm
zu Mittag gegessen, und es ihm gesagt, und bin wieder zum
Nachtessen zu ihm gekommen, um es zu wiederholen, da er seine
Ausgaben einschrnken sollte: Allein er wollte nie keinen guten
Rath annehmen, und lie sich meine Besuche nicht zur Warnung dienen.
Jedermann hat seine Fehler, der seinige ist zuviel Ehrlichkeit.
Ich hab' es ihm oft gesagt, aber ich konnte nie was ber ihn
erhalten.  (Ein Bedienter kommt mit Wein.)

Bedienter.
Gndiger Herr, hier ist der Wein.

Lucullus.
Flaminius, ich habe dich allezeit fr einen verstndigen jungen
Menschen gehalten;--Auf deine Gesundheit!

Flaminius.
Ich danke Euer Gnaden.

Lucullus.
Ich hab immer bemerkt, da du einen muntern fertigen Kopf hast, und
da du gescheidt genug bist, dich selbst nicht zu vergessen, und
dich der Zeit zu bedienen, wenn sie dir Gelegenheit dazu giebt.  Du
hast hbsche Gaben--

(Zu seinem Bedienten)

Geh deines Weges, Schurke--Komm nher, ehrlicher Flaminius; dein
Herr ist ein gtiger Edelmann, aber du bist verstndig, und
begreifst wol, (ob du gleich zu mir gekommen bist,) da es izt
keine Zeit ist Geld auszuleihen, zumal auf blosse Freundschaft,
ohne Sicherheit.  Hier hast du drey Goldgulden, mein guter Junge;
verstehe mich wol, und sage deinem Herrn, du habest mich nicht
gesehen.  Lebe wohl.

Flaminius.
Ist's mglich, da die Welt sich in so kurzer Zeit so verndert
hat?  Weg, verdammte Niedertrchtigkeit,

(er schmeit das Geld weg)

geh' zu dem, dessen Abgott du bist.

Lucullus.
Ha!  Nun seh' ich da du auch ein Narr bist, und wol zu deinem Herrn
taugst.

(Lucullus geht ab.)

Flaminius.
Mge geschmolznes Geld deine Strafe in der Hlle seyn, und diese
Goldstke zu den brigen kommen, die dir glhend in den Rachen
gegossen werden sollen, du verfluchter Heuchler von einem Freund--
Hat Freundschaft ein so schwaches milchichtes Herz, das in weniger
als zwo Nchten gerinnt?  O ihr Gtter, ich fhle den Zorn, worinn
dieses meinen Herrn sezen wird.  Dieser Nichtswrdige hat in diesem
Augenblik noch meines Herren Mahlzeit im Leibe!  Lat es, anstatt
ihn zu nhren, sich in Gall und Gift verwandeln!  Lat es nichts als
Krankheiten in ihm zeugen, und wenn er auf den Tod darnieder ligt,
o!  so lat jedes Theilchen von Nahrungssaft, wofr mein Herr
bezahlt hat, aller seiner heilsamen Kraft beraubt, zu nichts anderm
dienen als durch langsame Pein seine lezte Stunde zu verzgern!

(Geht ab.)



Zweyte Scene.
(Eine ffentliche Strasse.)
(Lucius tritt mit dreyen Fremden auf.)


Lucius.
Wer?  der Lord Timon?  Er ist mein sehr guter Freund, und ein
wrdiger Edelmann.

1. Fremder.
Wir kennen ihn nicht anders, ob wir ihm gleich unbekannt sind.  Aber
ich kan euch soviel sagen, Milord, und ich hab' es von dem
allgemeinen Gerchte, da Lord Timons glkliche Tage vorbey sind,
und da er sich in schlimmen Umstnden befindet.

Lucius.
Ey, nein, glaubt das nicht!  Es kan ihm nicht an Gelde fehlen.

2. Fremder.
Seyd versichert, Milord, es ist noch nicht lange, so war einer von
seinen Leuten bey dem Lord Lucullus, und wollte fnfzig Talente von
ihm entlehnen; er betrieb es ungemein, und machte die Noth sehr
dringend, und doch wurd' es ihm abgeschlagen.

Lucius.
Wie?

2. Fremder.
Was ich euch sage, abgeschlagen, Milord!

Lucius.
Das ist ein seltsamer Zufall!  Nun, bey den Gttern!  ich schme mich
fr den Lucullus.  Einem so angesehnen wakern Mann abzuschlagen!  Er
hat sehr wenig Ehre davon, wahrhaftig.  Was mich betrift so mu ich
bekennen, ich habe einige kleine Hflichkeiten von ihm empfangen,
Geld, Silbergeschirr, Juweelen und dergleichen Kleinigkeiten, die
in der That in keinen Vergleich mit demjenigen kommen, was Lucullus
von ihm hat; aber htt er ihn vorbeygegangen und zu mir geschikt,
ich wollt ihm gewi fnfzig Talente nicht abgeschlagen haben, ob
die Summe gleich nicht gering ist.  (Servilius zu den Vorigen.)

Servilius.
Zu gutem Glk, find' ich hier den Lord Lucius; ich sucht' ihn schon
in der ganzen Stadt--Gndiger Herr!

Lucius.
Servilius!  Es freut mich euch zu sehen.  Lebt wohl, empfehlt mich
euerm wrdigen, tugendhaften Herrn, meinem sehr werthen Freund.

Servilius.
Mit Euer Gnaden Erlaubni, mein Herr schikte--

Lucius.
Ha!  was schikt er?  Ich bin euerm Herrn schon so viel verpflichtet,
er schikt immer: Wie kan ich ihm meine Erkenntlichkeit bezeugen,
meynst du?  Und was schikt er mir dann?

Servilius.
Er schikt Euer Gnaden nur seinen Gru, mit Bitte, ihm wegen einem
dringenden Anlas der ihm zugestossen, mit fnfzig Talenten
auszuhelfen.

Lucius.
Ich wei, da Se.  Gnaden nur Scherz mit mir treibt; es kan ihm
nicht an fnfzigmal fnfhundert Talenten fehlen.

Servilius.
Indessen fehlt es ihm doch dimal an einer viel kleinern Summe,
Gndiger Herr.  Wenn er sie nicht so nothwendig brauchte, wrd' ich
nicht halb so eifrig mich darum bewerben.

Lucius.
Sprichst du im Ernst, Servilius?

Servilius.
Bey meiner Seele, Milord, es ist Ernst.

Lucius.
Was fr ein verwnschtes dummes Thier war ich, da ich mich auf
eine so gute Gelegenheit so sehr an Geld entblt habe, wo ich
htte zeigen knnen, da ich ein Mann bin, der auf Ehre hlt!  Wie
unglklich es doch zutreffen mu, da er mich gerad in einer Zeit
auf die Probe sezt, da ich ausser Stand bin--In der That, Servilius,
bey den Gttern, ich bin ausser Stand--(ein desto dummeres Vieh,
sag ich) Ich wollte diesen Augenblik selbst zum Lord Timon schiken,
und ihn um eine Summe Gelds ansprechen, diese Herren knnen
Zeugschaft geben: Aber izt wollt' ich nicht um alles Geld in Athen,
da ich es gethan htte.  Empfehlt mich Sr.  Gnaden zu geneigtem
Wohlwollen, und ich hoffe, Se.  Gnaden werde keine schlimmere
Meynung dewegen von mir fassen, weil ich nicht im Stande bin, ihm
meine Dienstwilligkeit zu zeigen.  Und sagt ihm in meinem Namen, ich
rechne es unter meine grsten Widerwrtigkeiten, da ich einem so
wrdigen Edelmann nicht zu Gefallen seyn knne.  Mein guter
Servilius, wollt ihr so viel Freundschaft fr mich haben, und ihm
meine eignen Worte hinterbringen?

Servilius.
Ja, Herr, ich will.

(Servilius geht ab.)

Lucius.
Ich will euch eine ziemliche Streke nachsehen, Servilius--Es ist,
wie ihr sagtet; Timon ist hin, in der That; wer kan helfen?  Euer
Diener, meine Herren.

(Er geht ab.)

1. Fremder.
Merkt ihr das, Hostilius?

2. Fremder.
Nur gar zu wohl.

1. Fremder.
Das ist der Lauf der Welt; so denken alle Schmeichler: Wer kan den
seinen Freund nennen, der in Eine Schssel mit ihm taucht?  Denn,
wie mir bekannt ist, war Lord Timon wie ein Vater zu diesem Herrn;
er unterhielt seinen Credit und seine Haushaltung aus seinem Beutel,
und bezahlte sogar seinen Bedienten ihren Lohn.  Er trinkt nie,
ohne da Timons Silber seine Lippen drkt; und dennoch--o!  was fr
ein Ungeheuer ist der Mensch, wenn er aus einer undankbaren Gestalt
hervorgukt!  Er schlgt ihm ab, was gutthtige Leute Bettlern nicht
versagen.

3. Fremder.
Die Menschlichkeit schauert vor einer solchen Gefhllosigkeit.

1. Fremder.
Was mich betrift, so hab' ich in meinem Leben niemals die geringste
Gutthat von Timon genossen, die mich vor andern verbnde, sein
Freund zu seyn; und doch versichre ich, um seines edeln und
wohlthtigen Gemths willen, und aus Hochachtung fr seine Tugend,
wollt' ich ihm die Helfte meines Vermgens geschenkt haben, wenn er
sich in seinem Bedrfni an mich gewendet htte, so sehr lieb' ich
sein Herz; allein, so wie die Welt geht, mu man sein Mitleiden
zurkhalten lernen; denn Klugheit geht ber Gewissen.

(Sie gehen ab.)



Dritte Scene.
(Ein dritter Bedienter des Timon mit Sempronius.)


Sempronius.
Mut' er denn gerade mich damit beunruhigen?  Vor allen andern?  Er
htt' es bey Lord Lucius oder Lucullus versuchen knnen, und nun
ist auch Ventidius reich, den er aus dem Gefngni erledigt hat;
alle diese drey haben ihm ihr Vermgen zu danken.

Bedienter.
O Gndiger Herr, sie sind alle auf die Probe gesezt und falsch
befunden worden; sie haben ihn alle abgewiesen.

Sempronius.
Wie?  Abgewiesen?  Ventidius und Lucullus, beyde ihn abgewiesen?  Und
nun schikt er zu mir?  Drey!  hum--Es zeigt wenig Freundschaft oder
Vernunft auf seiner Seite an.  Mu ich seine lezte Zuflucht seyn?
Seine Freunde, die gleich Aerzten sich auf seine Unkosten
bereichert haben, geben ihn au?  Mu ich nun die Cur bernehmen?  er
hat mir eine schlechte Ehre damit angethan; es verdriet mich, er
htte wol wissen knnen, wer ich bin; ich kan keinen Grund erdenken,
warum er nicht zuerst an mich gekommen ist, wenn er jemands Hlfe
nthig hatte.  Auf mein Gewissen, ich war der erste unter allen die
iemals Gutes von ihm genossen haben; und denkt er denn so unbillig
von mir, da ich der lezte seyn werde, es wett zu machen?  Es wird
allen brigen eine Materie zum Lachen geben, und ich werde der Narr
unter dem Atheniensischen Adel seyn.  Ich wollte dreymal so viel als
er von mir verlangt darum geben, er htte zu mir zuerst geschikt,
wenn es auch nur gewesen wre, um meiner Gemthsart Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen; ich wre so geneigt gewesen ihm Gutes zu
thun.  Aber so geh' nur wieder heim, und seze zu den abschlgigen
Antworten der brigen, in meinem Namen, noch dieses hinzu: Wer
meiner Ehre zu nahe tritt, soll nimmermehr mein Geld zu sehen
kriegen.

(Er geht ab.)

Bedienter.
Vortreflich!  Euer Gnaden ist ein feiner Spizbube.  Der Teufel wute
gewi nicht was er that, wie er die Leute politisch machte; er
schadete sich selbst dadurch; und ich kan nichts anders als glauben,
am Ende werden sie ihn selbst mit ihren Schelmenstreichen zum
Narren machen.--Das waren nun diejenigen, auf die mein Herr seine
besten Hoffnungen gesezt hatte; nun sind alle zurkgetreten, und
ausser den Gttern bleibt ihm niemand brig.  Seine Freunde sind
todt.  Thren, die so manches glkliche Jahr her nie mit ihren
Schlssern bekannt worden, mssen nun gebraucht werden, ihren Herrn
vor dem Ungestm seiner Glaubiger sicher zu stellen.  Das ist alles,
was er von seiner Freygebigkeit davon trgt!

(Er geht ab.)



Vierte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Vorhaus.)
(Varro, Titus, Hortensius, Caphis, und andre Bediente von Timons
 Glubigern treten auf, um auf sein Ausgehen zu warten.)


Varro.
Treffen wir uns hier an?  Guten Morgen, Titus und Hortensius.

Titus.
Ebenmssig, mein werther Varro.

Hortensius.
Caphis, sehen wir einander auch hier?

Caphis.
Ich denke wir haben alle einerley Verrichtung.  Die meinige ist,
Geld zu fordern.

Titus.
Das ist die unsrige auch.  (Philo zu den Vorigen.)

Caphis.
Da kommt auch Herr Philo.

Philo.
Guten Tag allerseits.

Caphis.
Willkommen, Bruder.  Wie viel, denkt ihr, ist es an der Zeit?

Philo.
Nicht weit von neun Uhr.

Caphis.
Schon so viel?

Philo.
Hat sich Milord noch nicht sehen lassen?

Caphis.
Noch nicht.

Philo.
Das wundert mich, er pflegte sonst um sieben Uhr schon zu scheinen.

Caphis.
Ja, aber die Tage haben bey ihm abgenommen; ihr mt bedenken, da
der Lauf eines Verschwenders dem Sonnenlauf gleich ist, aber ich
frchte mit dem Unterscheid, da er nicht wieder von vornen anfangt.
Es ist tiefster Winter in Timons Sekel; das ist, es mag einer tief
genug hinunter langen, und doch nicht viel finden.

Philo.
Das besorg' ich auch.

Titus.
Ihr knnt bey dieser Gelegenheit eine feine Beobachtung machen:
Euer Herr hat euch geschikt, den Timon um Geld anzufodern.

Hortensius.
So ist's.

Titus.
Und er trgt in diesem Augenblik Juweelen, die ihm Timon geschenkt
hat, wofr ich die Bezahlung fordern soll.

Hortensius.
Ich thue es ungern genug.

Caphis.
Das ist seltsam, da Timon mehr bezahlen soll, als er schuldig ist;
und es kommt eben so heraus, als ob euer Herr kostbare Kleinode
trge, und schikte um Geld dafr.

Hortensius.
Die Gtter sind meine Zeugen, da mich diese Verrichtung recht
sauer ankommt; ich wei, mein Herr hat dem Timon geholfen, sein
Vermgen durchzubringen; seine Undankbarkeit macht, da es izt
rger ist, als wenn er's ihm gestohlen htte.

Varro.
Meine Forderung ist dreytausend Cronen; wie viel ist die eurige?

Caphis.
Fnftausend.

Varro.
Das ist viel; aus der Summe sollte man schliessen, euer Herr habe
mehr Confidenz gehabt als der meinige, sonst htt' dieser gewi
seine Fordrung eben so gro gemacht.* (Flaminius zu den Vorigen.)

Titus.
Hier kommt einer von Timons Leuten.

Caphis.
Flaminius!  Herr, ein Wort; ich bitte euch, ist Milord noch nicht
fertig heraus zu kommen?

Flaminius.
Nein, in der That, er ist nicht.

Titus.
Wir warten auf Se.  Gnaden, seyd so gut und sagt ihm das.

Flaminius.
Das hab ich nicht nthig ihm zu sagen, er kennt eure Aufwartsamkeit.
(Flavius, in einen Mantel eingehllt.)

Caphis.
Ha!  Ist das nicht der Verwalter, der so vermummt ist?  Er lauft wie
in einem Sturm davon; ruft ihn, ruft ihn.

Titus.
Hrt ihr, Herr--

Varro.
Mit eurer Erlaubni, Herr.

Flavius.
Was wollt ihr von mir, mein Freund?

Titus.
Wir warten hier wegen gewissen Geld-Summen, Herr.

Flavius.
Wenn euer Geld so gewi wre als euer Warten, so wr' es sicher
genug.  Warum wieset ihr denn eure Rechnungen und Schuld-
Verschreibungen nicht damals vor, als eure verrthrischen Herren
aus meines Herrn Schsseln assen?  Damals konnten sie seine Schulden
anlcheln, und die Interessen in ihren heihungrigen Rachen
hinunter schluken.  Ihr thut euch nur selbst Schaden, wenn ihr mich
aufreizet; lat mich in Ruhe meines Wegs gehen.  Glaubt mir, Milord
und ich sind fertig; ich habe nichts mehr zu rechnen, und er nichts
mehr auszugeben.

Caphis.
Schon recht, aber die Antwort dient nicht--

Flavius.
Wenn sie nicht dienen mag, so ist sie nicht so niedertrchtig als
ihr; denn ihr dient Schelmen.

(Er geht ab.)

Varro.
Wie?  was brummt seine verwalterische Herrlichkeit?

Titus.
Lat es gehen--er ist arm, und das ist Straffe genug.  Wer darf sich
breiter machen, als einer der kein Haus hat, wo er seinen Kopf
hinein steken kan?  Solche Leute drfen sich wol ber Palste
aufhalten.  (Servilius zu den Vorigen.)

Titus.
O, hier ist Servilius; nun werden wir doch eine Antwort kriegen.

Servilius.
Wenn ich euch bitten drfte, meine Herren, zu einer andern Zeit
wieder zu kommen, so wrdet ihr mir einen Gefallen thun.  Denn bey
meiner Seele, Milord ist auf eine seltsame Art unmuthig; sein
leutseliges Wesen hat ihn ganz verlassen, er ist gar nicht wohl auf,
er htet das Zimmer.

Caphis.
Manche hten das Zimmer, die nicht krank sind; und wenn es so bel
mit seiner Gesundheit steht, so ducht mich, sollt' er seine
Schulden nur desto eher bezahlen, und sich einen offnen Weg zu den
Gttern machen.

Servilius.
Ihr gtigen Gtter!

Titus.
Das knnen wir fr keine Antwort nehmen.

Flaminius (hinter der Bhne.)
Servilius, helft--Milord, Milord!  * Ein Wortspiel mit (Confidence),
welches im Englischen Zutrauen und Unverschmtheit heissen kan.



Fnfte Scene.
(Timon lauft in der Wuth heraus.)


Timon.
Wie, ist mir nicht mehr erlaubt zu meiner Thr heraus zu gehen?  Ich
bin immer frey gewesen, und soll nun mein Haus mein Kerker werden?
Mu mich die eisenherzige Grausamkeit der Menschen bis in den Plaz
verfolgen, wo ich ihnen Bankette gab?

Caphis.
Bring dein Gewerb' izt an, Titus.

Titus.
Gndiger Herr, hier ist meine Obligation.

Caphis.
Hier ist die meinige.

Varro.
Und hier die meinige, Milord.

Philo und die brigen.
Und hier die unsrige.

Timon.
Schlagt mich damit zu Boden--Spaltet mich bis an den Grtel.

Caphis.
Aber, Milord--

Timon.
Schneid mein Herz in Stke.

Titus.
Meine ist fnfzig Talente.

Timon.
Rechne sie an meinem Blut ab.

Caphis.
Fnftausend Cronen, Milord.

Timon.
Fnftausend Tropfen zahlen das.  Wie viel ist eure--und eure?

Varro.
Milord!--

Philo.
Milord!--

Timon.
Hier nehmt mich, zerreit mich, und die Gtter zerschmettern euch,
und die so euch geschikt haben!

(Er geht ab.)

Hortensius.
Bey meiner Treue, ich sehe, unsre Herren knnen ihre Kappen nach
ihrem Gelde werfen; diese Schulden knnen wohl verzweifelt genennt
werden, denn der sie bezahlen soll, ist wahnwizig.

(Sie gehen ab.)


(Timon und Flavius kommen zurk.)

Timon.
Sie haben mich ganz ausser Athem gebracht, die Sclaven!  Glubiger!--
Teufel!

Flavius.
Mein theurer Herr--

Timon.
Wie, wenn ich es so machte?

Flavius.
Mein theurer Herr--

Timon.
So soll es seyn!--Mein Verwalter!

Flavius.
Hier, Milord.

Timon.
Du bist schnell da--Geh, lade alle meine Freunde ein, Lucius,
Lucullus, Sempronius, Alle!  Ich will diesen Galgenschwengeln noch
einmal zu schmausen geben.

Flavius.
Ach, mein gtiger Herr, ihr sprecht in der Zerstreuung euers
Gemths; es ist nicht einmal so viel brig, als zu einer mssigen
Mahlzeit nthig ist.

Timon.
Bekmmre dich nicht um das; geh' und lade sie alle ein, la die
Fluth von Schelmen noch einmal herein; mein Koch und ich wollen
schon davor sorgen.



Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Rath-Haus.)
(Die Senatoren und Alcibiades.)


1. Senator.
Milord, ihr habt meine Stimme dazu, das Verbrechen ist blutig, er
mu dafr sterben; nichts muntert die Snden mehr auf als
Barmherzigkeit.

2. Senator.
Sehr richtig; das Gesez mu sie zerschmettern.

Alcibiades.
Heil, Ehre und Mitleiden dem Senat!

1. Senator.
Nun, Feldherr--

Alcibiades.
Ich komme, Euern Herrlichkeiten eine demthige Bitte vorzutragen.
Mitleiden ist der echte Geist der Geseze, und nur Tyrannen machen
einen grausamen Gebrauch davon.  Zeit und Unglk verfolgen einen von
meinen Freunden, der in der Hize seines Blutes in das Gesez
gefallen ist, welches fr diejenige, die unvorsichtiger Weise
hineinpltschern, eine bodenlose Tieffe zu seyn pflegt.  Er ist,
dieses Vergehen bey Seite gesezt, ein Mann von Ehre und Tugend, und
dieses kauft seinen Fehler los.  Auch ist seine That mit keiner
Niedertrchtigkeit beflekt; sondern mit einer edeln Wuth und einem
ruhmwrdigen Stolz sezt' er sich seinem Feind, der seiner Ehre eine
tdtliche Wunde beygebracht hatte, entgegen; nachdem er lange genug
seinen Zorn zurk gehalten, und sich mit einem so gemssigten Eifer
vertheidigt hatte, als ob er nur einen academischen Saz behauptete.

1. Senator.
Ihr bernehmt etwas allzu anstiges, indem ihr euch so viele Mhe
gebt, einer hlichen That einen schnen Anstrich zu geben; ihr
habt nicht anders gesprochen, als ob ihr im Sinn httet, den
Menschen-Mord in Schwang zu bringen, und Schlgereyen auf Rechnung
der Dapferkeit zu sezen, die doch blo von einer unchten
Dapferkeit ihren Ursprung haben, und in die Welt kamen, eh noch
brgerliche Geseze den neugebohrnen Factionen und Zerrttungen
Einhalt gethan hatten.  Der ist wahrhaftig dapfer, der das rgste,
was ein Mensch athmen kan, weislich ertrgt; und, anstatt
Beleidigungen bis zu seinem Herzen dringen, und es in gefhrliches
Feuer sezen zu lassen, sie fr Kletten ansieht, die nur an seinen
Kleidern hangen bleiben --

Alcibiades.
Milord--

1. Senator.
Ihr knnt schwarze Verbrechen nicht wei waschen; Nicht Rache,
sondern Geduld ist Tapferkeit.

Alcibiades.
So vergebet mir dann, gndige Herren, wenn ich wie ein Soldat
spreche.  Warum sind denn die Leute so albern und wagen ihr Leben in
einem Treffen?  Und warum erdulden sie nicht lieber alle Drohungen
des Feindes, schlaffen ruhig dabey ein, und lassen sich von den
Feinden, ohne Wiederstand, die Hlse abschneiden?  Wenn im Erdulden
eine so grosse Tapferkeit ist, was machen wir im Felde?  So sind
also unleugbar die Weiber, die zu Hause bleiben, tapfrer als wir;
so ist der Esel dapfrer als der Lwe; ja ein Kerl der eine Last von
Eisen auf dem Rken trgt, ist weiser dann ein Rathsherr, wenn im
Tragen Weisheit ligt.  O, Milords, wie ihr gro seyd, so seyd auch
gtig und mitleidig; wer kan nicht bey kaltem Blut das Vergehen
eines heissen Bluts verdammen?  Morden, ich gesteh es, ist das
schwerste Verbrechen; aber zu seiner Vertheidigung--Bey allem was
billig ist, dieses macht es gerecht.  Sich seinem Zorn berlassen,
ist Snde; aber wo ist der Mann, der nicht zornig werden kan?  Wgt
das Verbrechen nur nach diesem ab.

2. Senator.
Du verschwendest deinen Athem umsonst.

Alcibiades.
Umsonst?  Die Dienste, die er zu Byzanz und Lacedmon geleistet,
sollten allein vermgend seyn, seine Begnadigung zu erbitten.

1. Senator.
Was ist das?

Alcibiades.
Ich sage, Milords, er hat gute Dienste gethan, und in der Schlacht
manchen von euern Feinden erschlagen.  Wie dapfer hielt er sich nur
in dem lezten Treffen, und was fr ergiebige Wunden macht' er nicht!

2. Senator.
Er ist ein vollkommen lderlicher Mensch; er hat noch eine andre
bse Gewohnheit, die seine Dapferkeit oft in Wein ertrnkt; wenn
gleich keine Feinde wren, so wre das allein genug, ihn zu
bermannen.  Man wei, da er in dergleichen viehischer Raserey die
grsten Ausschweiffungen begangen, und Tumult angefangen hat.  Es
ist uns geklagt worden, seine Tage seyen unnze, und seine im Trunk
verbrausende Nchte gefhrlich.

1. Senator.
Er mu sterben.

Alcibiades.
Hartes Schiksal!  Er htt' im Kriege sterben knnen.  Milords, wenn
euch seine eigne Verdienste nicht bewegen knnen, (obgleich sein
rechter Arm seine Sache gut machen sollte, ohne jemand anderm etwas
schuldig zu werden) so nehmt meine Verdienste zu den seinigen; und
da ich wei, da euer ehrwrdiges Alter Sicherheit liebt, will ich
euch meine Siege, meine Ehrenzeichen zum Pfand seiner Besserung
geben.  Wenn er dieses Verbrechens halben sein Leben dem Gesez
schuldig ist, so lat ihn's im Krieg auf eine dapfre Art in Wunden
ausstrmen; wenn das Gesez scharf ist, so ist es der Krieg nicht
weniger.

1. Senator.
Wir sind um des Gesezes willen da, er stirbt, treib es nicht weiter,
bey den strengsten Folgen unsers Mivergngens; Freund oder Bruder,
wer eines andern Blut vergiet, macht sich seines eignen verlustig.

Alcibiades.
Mu es denn seyn?  Es mu nicht seyn; Milords, ich bitte euch,
mikennt mich nicht.

2. Senator.
Wie?

Alcibiades.
Erinnert euch meiner!

3. Senator.
Was?--

Alcibiades.
Ich kan nicht anders als denken, euer Alter mu mich vergessen
haben; es wre sonst unmglich, da ich so verchtlich in euern
Augen seyn sollte, um eine so gemeine Gnade zu bitten, und
abgewiesen zu werden.  Meine Wunden schmerzen mich um euertwillen.

1. Senator.
Trozt ihr unserm Zorn--er braucht wenig Worte, aber die Wrkung
reicht weit--Wir verbannen dich auf ewig.

Alcibiades.
Mich verbannen?  Verbannt euern Aberwiz, verbannt den Wucher, die
den Senat verachtenswrdig machen!

1. Senator.
Wenn nach zween Tagen Athen dich noch enthlt, so erwart' unser
strengeres Urtheil.  Und damit dein unmchtiger Stolz noch mehr
aufschwelle, soll er diesen Augenblik hingerichtet werden.

(Sie gehen ab.)

Alcibiades.
Die Gtter lassen euch alt genug werden, da ihr nur noch in
Knochen lebet, und euer Anblik alle Welt verscheuche!  Ich bin mehr
als unsinnig; ich habe ihre Feinde von ihnen entfernt gehalten,
indessen da sie ihr Geld gezhlt, und auf Wucher ausgeliehen haben;
Wunden sind mein ganzer Gewinn dabey--Und alles das fr di?  Ist
das der Balsam, den der filzichte Senat in eines Feldherrn Wunden
giet?  Ha!  Verbannung!  Doch es kommt nicht ungelegen; ich bin es
zufrieden, verbannt zu seyn; es ist mir eine gerechte Ursache,
Athen meine Wuth empfinden zu lassen.  Ich will meine mivergngten
Truppen aufmuntern, und alles aufs Spiel sezen.  Es ist Ehre
einzulegen, wenn man es mit einer berlegnen Anzahl aufnimmt.
Soldaten schluken so wenig eine Beleidigung ein, als die Gtter.

(Er geht ab.)



Siebende Scene.
(Verwandelt sich in Timons Haus.)
(Verschiedene Senatoren treten durch verschiedne Thren auf.)


1. Senator.
Guten Tag, mein Herr.

2. Senator.
Ebenfalls; ich denke dieser wrdige Edelmann sezte uns lezthin nur
auf die Probe.

1. Senator.
Ich dachte nur eben auch daran.  Ich hoffe, es steht nicht so
schlimm mit ihm, als er vorgab, wie er seine Freunde auf die Probe
sezte.

2. Senator.
Es sollte nicht seyn, wenn man von diesem neuen Banket schliessen
darf.

1. Senator.
Ich kan nicht anders denken; er hat mir eine ernstliche Einladung
zugesandt, die ich wegen vieler nothwendiger Geschfte gerne
abgelehnt htte; allein, er hat mich so anhaltend bitten lassen,
da ich kommen mute.

2. Senator.
Ich befand mich in gleichen Umstnden, allein er wollte keine
Entschuldigung gelten lassen.  Es ist mir leid, da ich nicht
versehen war, wie er um Geld zu mir schikte.

1. Senator.
Es verdriet mich fr meinen Theil nicht weniger, da ich nun merke,
wie die Sachen stehen.

2. Senator.
Es ist keiner hier, dem es nicht eben so ist, wie uns.  Wie viel
wollt' er von euch entlehnen?

1. Senator.
Fnfzig Talente.

2. Senator.
Fnfzig Talente?

1. Senator.
Wie viel von euch?

2. Senator.
Er schikte zu mir--Hier kommt er.  (Timon tritt mit seinem Gefolg
auf.)

Timon.
Von Herzen willkommen, meine Herren beyderseits--und wie steht es?

1. Senator.
Aufs allerbeste, da wir gute Zeitungen von Eu.  Gnaden hren.

2. Senator.
Die Schwalbe folgt dem Sommer nicht williger, als wir Eu.  Gnaden.

Timon (bey Seite.)
Und verlt den Winter nicht lieber; solche Sommer-Vgel sind die
Menschen--Meine Herren, unsre Mahlzeit wird nicht werth seyn, da
wir so lange drauf warten; Tractirt indessen eure Ohren mit der
Musik, wenn Trompeten-Schall nicht eine zu harte Speise fr sie ist;
wir werden uns gleich sezen knnen.

1. Senator.
Ich hoffe Euer Gnaden werde keinen Unwillen gefat haben, da ich
euch einen leeren Boten zurkgeschikt habe.

Timon.
O mein Herr, lat euch das nicht beunruhigen.

2. Senator.
Mein edler Lord--

Timon.
Ah, mein guter Freund, wie gehts?

(Das Essen wird aufgetragen.)

2. Senator.
Mein hochgeehrtester Herr, ich bin ganz krank vor Schaam, da ich
so ein unglklicher Bettler war, als Euer Gnaden neulich zu mir
schikte.

Timon.
Denkt nicht an das, mein Herr.

2. Senator.
Httet ihr nur zwo Stunden eher geschikt--

Timon.
Lat euch das nicht von angenehmern Erinnerungen abhalten--He,
stellt alles zugleich auf!

2. Senator (zum Ersten.)
Lauter bedekte Schsseln?

1. Senator.
Ein Knigliches Tractament, ich steh' euch dafr.

3. Senator.
Daran ist kein Zweifel, was Geld und die Jahrszeit aufbringen
knnen.

1. Senator.
Wie befindet ihr euch?  Was giebt's Neues?

2. Senator.
Alcibiades ist aus der Stadt verwiesen worden.

1. Senator.
Alcibiades verwiesen?

3. Senator.
Es ist nichts gewissers.

1. Senator.
Wie das?  wie das?

2. Senator.
Ich bitte euch, weswegen?

Timon.
Meine wrdigen Freunde, wollt ihr nicht nher kommen?

3. Senator.
Ich will's euch sogleich sagen--Wir haben ein prchtiges Gastmahl
vor uns.

2. Senator.
Er ist noch immer der vorige Mann.

3. Senator.
Wird es dauern?  wird es dauern?

2. Senator.
Es wird, wenn Zeit und Glk will, und so--

3. Senator.
Ich versteh euch.

Timon.
Ein jeder nehme seinen Plaz, so begierig, als ob er an die Lippen
seiner Liebsten wollte; ihr werdet an allen Plzen gleich gehalten
werden.  Macht nicht eine Stadt-Gasterey daraus, und lat das Essen
kalt werden, eh man einig werden kan, wer zu oberst sizen soll.
Sezt euch, sezt euch!  Die Gtter fordern unsern Dank: "Ihr grossen
Wohlthter, besprengt unsre Gesellschaft mit Dankbarkeit.  Macht,
da ihr fr eure Gaben gepriesen werdet; aber behaltet immer etwas,
das ihr geben knnt, sonst mchten Eure Gottheiten in Verachtung
gerathen.  Leihet einem jeden genug, damit keiner nthig habe dem
andern zu leihen; denn wenn Eure Gottheiten selbst dazu kmen, da
sie von Menschen entlehnen mten, so wrden die Menschen Atheisten
seyn.  Macht die Mahlzeit beliebter, als den der sie giebt.  Lat
keine Versammlung von fnfzehn ohne eine Mandel Bsewichter seyn.
Wenn zwlf Weiber an einem Tisch sizen, so lat ein Duzend von
ihnen seyn--was sie sind--den Rest eurer Feinde, o ihr Gtter, die
Senatoren von Athen, nebst der Grund-Suppe des brigen Volks,
zhlet, ihr Gtter, dem Verderben zu.  Was diese meine Freunde
betrift--So, wie sie fr mich Nichts sind, so segnet sie auch mit
Nichts, und zu Nichts sind sie mir willkommen."

(Man dekt auf, und alle Schsseln sind mit Hunden von verschiedner
Gattung angefllt.)

Etliche von den Gsten.
Was meynen Se.  Gnaden damit?

Andre.
Das wei ich nicht.

Timon.
Da ihr nie keine bessere Mahlzeit sehet, ihr Maul-Freunde; Dampf
und laues Wasser ist euer vollkommnes Ebenbild.  Das ist Timons Leze.
Lebt lang, und von aller Welt verabscheut, ihr glatten, lchelnden,
verwnschten Schmarozer, ihr liebkosenden Zerstrer,
schmeichlerische Wlfe, zahme Bren, ihr Glks-Narren, Teller-Leker,
und Fleisch-Fliegen, ihr Kopf- und Kniebeugenden Sclaven, da alle
ungezhlten Krankheiten von Menschen und Vieh euch in diesem
Augenblik berdeken!  Wo gehst du hin!  Sachte, nimm erst deine
Arzney ein--du auch--und du --

(Er wirft die Teller nach ihnen, und jagt sie hinaus.)

Halt, ich will dir Geld leihen, ich will keines borgen.  Wie?  Alle
in Bewegung?  Von nun an sey kein Gastmahl, wo ein Bsewicht nicht
willkommen sey!  Brenn' auf den Grund ab, Haus; sink', Athen; und
Timon hasse von nun an den Menschen, und alles was menschlich ist!

(Geht ab.)

(Die Senatoren kommen zurk.)

1. Senator.
Wie gefllt euch das, Milords?

2. Senator.
Kennt ihr die Beschaffenheit von Lord Timons Wuth?

3. Senator.
Zum Henker, habt ihr meine Mze nicht gesehen?

4.  Senator.
Ich habe meinen Oberrok verlohren.

1. Senator.
Lord Timon ist nichts bessers als ein Narr, er lt sich lediglich
durch die Laune regieren.  Lezthin schenkt' er mir ein Kleinod, und
nun hat er mir's von meiner Mze abgeworfen.  Seht ihr mein Kleinod
nicht?

2. Senator.
Habt ihr meine Mze nicht gesehen?

3. Senator.
Hier ist sie.

4.  Senator.
Hier ligt mein Rok.

1. Senator.
Wir wollen uns nicht lnger aufhalten.

2. Senator.
Lord Timon ist verrkt.

3. Senator.
Das fhl ich an meinen Beinen.

4.  Senator.
Den einen Tag giebt er uns Diamanten, und den andern Steine.

(Sie gehen ab.)




Vierter Aufzug.



Erste Scene.
(Ein Plaz ausser den Mauern von Athen.)
(Timon tritt auf.)


Timon.
Lat mich noch einmal nach euch zurksehen, o ihr Mauern, die diese
Wlfe umzingeln!  Versink' in den Erdboden, Athen!  ihr vermhlten
Frauen, werdet unkeusch!  ihr Kinder emprt euch wider eure Eltern,
und Sclaven und wahnwizige mgen den ehrwrdigen grauen Senat von
seinen Bnken reissen, und an ihrer Stelle den Staat regieren!  Gieb
dich der allgemeinen Unzucht Prei, unreiffe Jungferschaft, thut es
vor euerer Eltern Augen!  haltet fest, ihr Bankerotierer; eh ihr den
Rken kehret, die Messer heraus, und schneidet euern Glubigern die
Kehlen ab!  Stehlt, ihr Sclaven; euere ehrsamen Herren sind nur
Diebe mit lngern Hnden, und stehlen unter dem Schuz der Geseze.
In deines Herrn Bette, Mdchen; deine Frau ist im Bordell.
Sechszehnjhriger Sohn, rei deinem alten hinkenden Vater die Krke
aus der Hand, und schlag ihm damit das Hirn aus!  Furcht und
Mitleiden, Scheu vor den Gttern, Friede, Gerechtigkeit, Wahrheit,
husliche Zucht, Nacht-Ruhe, Nachbarschaft, Unterricht, Sitten,
Religions-Gebruche, Unterschied der Stnde, Herkommen,
Gewohnheiten und Geseze, artet in euer zerrttendes Gegentheil aus,
und nichts als die Zerrttung bestehe!--Ihr Plagen alle, deren der
Mensch fhig ist, huffet eure ghrenden anstekenden Fieber ber
Athen zusammen; es ist reif zum Untergang!  Du kalte Gicht, mach'
unsre Rathsherren zu Krppeln, damit ihre Glieder so lahm seyn
mgen als ihre Auffhrung!  Zaumlose Ueppigkeit und wilde Frechheit
kriech in die Herzen und in das Mark unsrer Jugend, da sie dem
Strom der Tugend entgegen arbeiten, und sich selbst in
Ruchlosigkeit ertrnken!  Krze und Eyterbeulen berdeken jeden
Atheniensischen Busen, und ihr Kropf sey lauter Aussaz; ein Athem
steke den andern an, damit ihre Gesellschaft (wie ihre
Freundschaft) durch und durch vergiftet sey.  Nichts will ich aus
dir hinaustragen als Naktheit, du abscheuliche Stadt!  Nimm noch,
mit vervielfachten Flchen, diese Versicherung: Timon will in den
Wald, wo er die wildesten Thiere milder als den Menschen finden
wird.  Die Gtter verderben (o hrt mich, ihr guten Gtter alle!)
die Athenienser inner- und ausserhalb ihrer Mauern, und verleihen,
da mit jedem Tage seines Lebens Timons Ha gegen das ganze
Geschlecht der Menschen wachse!

(Geht ab.)



Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in Timons Haus.)
(Flavius mit zween oder dreyen Bedienten.)


1. Bedienter.
Hrt ihr, guter Herr Verwalter, wo ist unser Herr?  Sind wir
verdorben, ist alles aus, ist nichts brig?

Flavius.
Ach, meine lieben Cameraden, was soll ich euch sagen?  So wahr als
ich wnsche, da die wohlthtigen Gtter sich meiner erinnern, ich
bin so arm als ihr.

1. Bedienter.
Da ein solches Haus gebrochen, ein so edler Herr gefallen seyn
soll!  Alles hin!  und nicht ein einziger Freund, der ihm in seinem
Unglk unter die Arme greiffe?

2. Bedienter.
Wie wir uns von einem Bekannten wegwenden, der in sein Grab gesenkt
worden, so schleichen seine Freunde von seinem begrabnen Glksstand
alle hinweg, hinterlassen ihm ihre treulosen Schwre und
Versprechungen; und er selbst, ein dem freyen Himmel preigegebner
Bettler, mit einem Uebel das alle Welt von ihm scheucht, mit
Drftigkeit behaftet, geht, bleibt, gleich der Verachtung, allein.--
Noch mehr von unsern Cameraden.  (Es treten noch einige Bediente auf.)

Flavius.
Lauter zerbrochnes Gerthe eines zerstrten Hauses!

3. Bedienter.
Doch tragen unsre Herzen noch Timons Liverey, das seh' ich in euer
aller Gesicht.  Wir sind noch alle Cameraden, die, da sie ihrem
Herrn sonst nichts mehr dienen knnen, ihre Treu durch ihren Kummer
zeigen.  Unsre Barke ist lek, und wir armen Tropfen stehen auf dem
sinkenden Verdek, und hren die Wellen druen; wir mssen alle in
dem Meer der weiten Luft, jeder so gut er kan, seine Rettung suchen.

Flavius.
Meine guten Cameraden, ich will das usserste meines Vermgens mit
euch theilen.  Wo wir uns jemals wieder antreffen, wollen wir, um
Timons willen, immer gute Freunde seyn, unsre Kpfe schtteln, und
sagen: Wir haben bessere Tage gesehen.  Jeder nehme seinen Antheil;
nein, streket alle eure Hnde aus--Kein Wort mehr --

(Er giebt ihnen Geld, sie umarmen einander und scheiden, der eine
diesen, der andre einen andern Weg.)

Wer wollte sich Reichthum wnschen, wenn Reichthum in Elend und
Verachtung aufhrt?  Wer wollte (nach diesem Beyspiel,) sich durch
einen Traum von schimmerndem Glk und Freundschaft tuschen lassen?
Durch ein Geprnge von Herrlichkeit und Wohlleben, aber alles nur
gemahlt, wie diese gefirniten Freunde!  Mein armer redlicher Herr!
durch sein eignes gutes Herz so weit herunter gebracht!  Durch Gte
zu Grunde gerichtet!  Wie seltsam, da zuviel Gte eines Menschen
grste Snde seyn soll!  Unbegrnzte Gte macht Gtter, und verderbt
Menschen--Mein theurester Herr, einst so glklich um desto elender,
so reich um desto drftiger zu seyn; dein grosser Wohlstand ist die
Gelegenheit zu deinen grsten Widerwrtigkeiten worden!  Ach!  der
gtige Herr!  Er ist in Wuth aus dem undankbaren Siz unnatrlicher
Freunde geflohen, und hat nichts mit sich genommen, was sein Leben
unterhalten, oder diesen Unterhalt verschaffen kan.  Ich will ihm
folgen und ihn aufsuchen; ich will ihm um seines Herzens willen
immer mit bestem Willen dienen, und, so lang ich Gold habe, immer
sein Verwalter bleiben.

(Er geht ab.)



Dritte Scene.
(Der Wald.)
(Timon tritt auf.)


Timon.
O Sonne, Quelle der segensvollesten Einflsse, ziehe faule Dnste
aus der Erde, und vergifte die Luft unter deiner Schwester Kreis--
Zwillings-Brder, zugleich gezeugt, von einer Mutter gebohren und
gesugt, sind im Glke getheilt.  Der Grssere verschmht den
Kleinern.  Die menschliche Natur selbst, sie, die von so unzhlbaren
Uebeln belagert wird, kan zu keinem grossen Glke kommen, ohne sich
ihrer selbst zu schmen.  Erhebt mir diesen Bettler und zieht mir
diesen Lord aus, so wird der Lord so verachtet seyn, als ob er zum
Bettler gebohren worden wre, und der Bettler geehrt werden, als ob
er kein gebohrner Bettler wre.  Es ist die Weide, die des Widders
Seiten spikt, und der Mangel, der ihn mager macht.  Wo ist der, dem
die Aufrichtigkeit seiner eignen unverflschten Seele den Muth
giebt aufzustehen, und zu sagen: Dieser Mann ist ein Schmeichler?
Wenn einer es ist, sind es alle; denn jede Stuffe des Glks findt
ihre Schmeichler eine Stuffe niedriger; der gelehrte Kopf bkt sich
vor dem goldnen Narren; alles ist krumm, es ist nichts gerades in
unsrer verfluchten Natur, als unverbesserliche Bberey.  So sey dann
alle Gesellschaft und alle Gemeinschaft mit Menschen von mir
verabscheut!  Alle von seiner Gattung, ja sich selbst hasset Timon.
Verderben ber das ganze Menschen-Geschlecht!--Erde, gieb mir
Wurzeln.

(Er grbt die Erde auf.)

Wer etwas bessers von dir begehrt, dem wrze den Rachen mit deinem
wrksamsten Gifte!--Was ist hier!  Gold!  gelbes, blinkendes, feines
Gold?  Nein, ihr Gtter, das verlangt' ich nicht von euch; Wurzeln,
gtiger Himmel!  Nur so viel von diesem hier ist genug, wei,
schwarz; schn, hlich; unrecht, recht; niedertrchtig, edel; ein
altes Gesicht, jung; und eine feige Memme, tapfer zu machen.  Ihr
Gtter, wozu das?  warum das?  Ihr Gtter!  wie, das kan eure Priester
von eurer Seite loken, und Leute mit frischem Herzen ins Grab
befrdern; dieser gelbe Sclave kan geheiligte Bndnisse
zusammenktten und auflsen; dem Verfluchten Segnungen, und dem
grindigen Aussaz Anbetung zuziehen; Diebe zu Ehrenstellen erheben
und ihnen neben den Senatoren, Titel, Kniebeugungen und Beyfall
geben: Di ist's, was die bekmmerte Wittwe wieder freyen macht,
und was einer von Geschwren und Krebsschden zerfressenen
Candidatin des Siechenhauses, durch seine balsamische Kraft die
frische Anmuth der Jugendblthe wieder giebt.  Komm, du verdammte
Erde, du gemeine Meze des menschlichen Geschlechts, die so viel
Lermens unter der Rotte der Nationen macht--

(Man hrt von fern einen Marsch.)

Ha, eine Trummel--Du bist sehr lebendig, aber ich will dich doch
begraben; wenn deine podagrische Besizer nicht mehr stehen, kanst
du noch davon lauffen--Doch nein, bleib noch ein wenig da, ich will
dich fr Handgeld gebrauchen.

(Er stekt eine Anzahl Goldstke zu sich.)



Vierte Scene.
(Alcibiades zieht auf eine kriegrische Weise mit Trummel und
 Pfeiffen auf; und Phrynia und Timandra.)


Alcibiades.
Wer bist du hier?  Sprich!

Timon.
Eine Bestie, wie du bist.  Da der Krebs dein Herz dafr durchfresse,
da du mir wieder ein menschliches Gesicht zu sehen giebst!

Alcibiades.
Wie ist dein Name?  Ist der Mensch dir so verhat, und du bist
selbst ein Mensch?

Timon.
Ich bin Misanthropos, und hasse das menschliche Geschlecht.  Was
dich betrift, so wnscht' ich, du wr'st ein Hund, damit ich dich
ein wenig lieben knnte.

Alcibiades.
Ich kenne dich wol; aber was fr Unflle dir zugestossen seyn
mssen, davon wei ich nichts.

Timon.
Ich kenne dich auch, und verlange nicht mehr von dir zu wissen, als
ich wei; zieh deiner Trummel nach, frbe den Boden mit Menschen-
Blut; roth, roth;--Religions-Gebruche, brgerliche Geseze sind
grausam, was soll dann der Krieg seyn?  Diese faule Meze hier hat
mit allen ihren Cherubin-Bliken mehr Zerstrung in sich als dein
Schwerdt.

Phrynia.
Da dir die Lippen verfaulen!

Timon.
Das knnte nur begegnen wenn ich dich kte, und das will ich nicht.

Alcibiades.
Wie kam der edle Timon zu diesem Wechsel?

Timon.
Wie der Mond, weil er kein Licht mehr zu geben hatte; aber ich
konnte mich nicht wieder erneuern wie der Mond, denn es waren keine
Sonnen da, von denen ich htte borgen knnen.

Alcibiades.
Edler Timon, was fr Freundschaft kan ich dir erweisen?

Timon.
Keine, als mich in meiner Meynung zu bestrken.

Alcibiades.
Was ist diese, Timon?

Timon.
Mir Freundschaft zu versprechen, und keine zu halten.  Wenn du mir
keine versprechen willst, so verderben dich die Gtter!  denn du
bist ein Mensch; und wenn du sie hltst, so sollen sie dich
gleichfalls verderben, denn du bist ein Mensch.

Alcibiades.
Es sind mir einige verworrne Nachrichten von deinen Unglksfllen
zu Ohren gekommen.

Timon.
Du sahst sie, wie ich im Wohlstand sa.

Alcibiades.
Ich seh sie izt, damals war eine glkliche Zeit.

Timon.
Wie die deinige izt ist, zwischen einem Paar Mezen.

Timandra.
Ist das der allgemeine Liebling von Athen, von dem die Welt so viel
rhmliches sagte?

Timon.
Bist du Timandra?

Timandra.
Ja.

Timon.
Bleib immer eine Hure; die lieben dich nicht, die dich gebrauchen;
hng ihnen Krankheiten an, wenn sie ihre Lust mit dir gebt haben;
mach einen guten Gebrauch von deinen bittern Stunden, bringe die
Sclaven zu Schwiz-Ksten und Bdern, bring die rosenwangichte
Jugend zur Hunger-Cur*, und zur Dit.

{ed.-* (Tub-Fast), (Tonne-Fasten) im Englischen.  Der Autor zielt auf
die Venerische Seuche und ihre Wrkungen.  Die Cur derselben wurde
in damaligen Zeiten entweder durch (Guaiacum), oder Mercurialische
Salben gemacht; und in beyden Fllen wurde der Patient sehr warm
und eingesperrt gehalten; das erste, damit der Schwei befrdert
werde; und das andre, damit er sich nicht wieder erklte, welches
gefhrlich war.  Das Regimen beym Gebrauch des (Guaiacum), oder
(Lignum Sanctum) (sagt Dr. Friend in seiner Geschichte der Arzney-
Kunst, 2. Theil, S.  380.) war anfangs mit ausserordentlichen
Umstnden begleitet, und so strenge, da der Patient in ein enges
dunkles Loch gesperrt wurde, damit er desto besser schwizen mchte;
und durch diese Veranstaltung wurde, wie sich Fallopius ausdrukt,
der ganze Mensch bis auf die Knochen selbst durchgebeizt.  Wisemann
sagt, in England habe man sich zu diesem Zwek, anstatt der
anderwrts blichen Keller, Bak-Ofen, u.  d.  gl.  einer Tonne bedient.
Was die Unction betrift, so wurde sie zuweilen sieben und dreyig
Tage fortgesezt, wie er S.  375.  bemerkt, und whrend dieser ganzen
Zeit war eine ausserordentliche Abstinenz nothwendig.  Daher dann
das Wort (Tub-Fast.) Warbrton.  ** Ein Provinzial-Wort fr das
Englische (Slut), fr welches dem Uebersezer kein hochdeutsches
Wort bekannt ist.}

Timandra.
An den Galgen, du Ungeheuer.

Alcibiades.
Vergieb, meine liebe Timandra, seine Wiederwrtigkeiten haben
seinen Verstand berwltiget.  Ich habe nur wenig Geld brig, wakrer
Timon, und der Mangel daran verursacht tglichen Aufruhr unter
meiner abgemergelten Kriegs-Schaar.  Ich hrte mit Bekmmerni, wie
das verfluchte Athen, deiner Verdienste uneingedenk, und
undankbarlich der Zeit vergessend, da sie ohne dein Schwerdt und
deine Reichthmer, von ihren Nachbarn mit Fssen zertreten worden
wren --

Timon.
Ich bitte dich, la deine Trummel rhren, und geh' deines Wegs.

Alcibiades.
Ich bin dein Freund, und habe Mitleiden mit dir, mein liebster
Timon.

Timon.
Wie kanst du Mitleiden mit dem haben, den du beunruhigest; ich
wollte lieber allein seyn.

Alcibiades.
Nun, so fahr wohl; hier hast du Gold.

Timon.
Behalt es, ich kan es nicht essen.

Alcibiades.
Wenn ich das stolze Athen in einen Steinhauffen umgekehrt habe --


Timon.
Ziehst du gegen Athen?

Alcibiades.
Ja, Timon, und aus einer gerechten Ursache.

Timon.
Die Gtter verderben sie alle durch deine Hand, und wenn du sie
vernichtet hast, dich auch!

Alcibiades.
Warum mich, Timon?

Timon.
Weil du gebohren wardst, durch Ermordung von Bsewichtern mein
Vaterland zu Grunde zu richten.  Lie dein Gold wieder auf.  Geh
weiter, hier ist noch mehr Gold, geh; sey wie eine Planetarische
Seuche, wenn Jupiter ber irgendeine lastervolle Stadt sein Gift in
die sieche Luft aushngt; la dein Schwerdt nicht einen einzigen
berspringen; schone dem ehrwrdigen Greis nicht um seines weissen
Barts willen, er ist ein Wucherer; schlage die Ehefrau nieder, ihr
Kleid allein ist ehrlich, sie ist eine Kupplerin.  La nicht die
jungfruliche Wange dein schneidendes Schwerdt stumpf machen;
schone dieses milchweissen Busens nicht, der unter dem glsernen
Flor zu den Augen der Mnner emporschwillt, er ist ein schndlicher
Verrther.  Schone nicht des Suglings, dessen kindisches Lcheln
Narren zur Erbarmung zwingt; denk es ist ein Bastard, von dem ein
dunkles Orakel vorhergesagt hat, da er dir die Kehle abschneiden
soll, und zerhak' ihn ohne Bedenklichkeit.  Verschwre dich wider
jeden Gegenstand, der dein Herz erweichen knnte; leg' eine Rstung
um deine Ohren und deine Augen, deren Sthlung weder das Heulen der
Mtter, das Geschrey der Jungfrauen, und das Wimmern der Kinder;
noch der Anblik von Priestern, deren Blut ber ihre heiligen
Kleider herab strmt, nur um eine Nadelspize durchdringen mge.
Hier ist Gold, deine Soldaten zu bezahlen.  Verbreite Verderben um
dich her, geh', und wenn du deine Wuth ausgelassen hast, so verdirb
selbst!  Antworte nicht, geh!

Alcibiades.
Hast du noch Gold?  Ich nehme das Gold an, das du mir giebst, und
lasse dir deinen Rath.

Timon.
Du folgest ihm oder nicht, so falle der Fluch des Himmels auf dich!

Timandra, Phrynia.
Gieb uns auch etwas Gold, guter Timon; hast du noch mehr?

Timon.
Genug, um zu machen da eine Hure ihr Handwerk verschwre und eine--
Kupplerin werde.  Hebt auf, ihr Schltten**, die Schrze auf!  Ihr
seyd nicht eydfhig, ob ich gleich wei, da ihr schwren wrdet;
schwren, da die unsterblichen Gtter die euch hren, vor Entsezen
schaudern mten.  Spart eure Schwre, ich will euerm blossen
Versprechen glauben.  Bleibt immer Huren, und dem, dessen frommer
Zuspruch euch bekehren will, dem macht es dreymal rger als den
brigen; kdert ihn an, brennt ihn bis auf die Knochen; lat nicht
eher von ihm ab, bi euer Feuer ber seinem Rauch Meister wird;
doch sollt ihr dafr alle Jahre sechs Monate eine ganz
entgegengesezte Mhe haben.  Sezt euch falsche Haare an, und dekt
eure arme dnne Schdel mit Aufszen von Todten (wenn schon einige
davon gehangen sind, das hindert nichts); tragt sie, betrgt damit,
und h** immer auf ihren Credit hin; schminkt euch, bis ein Pferd in
euerm Gesicht steken bleiben mchte; der Henker hole die Runzeln!

Beyde.
Gut, gut, nur mehr Gold; glaubt uns, um Gold thun wir was ihr nur
wollt.

Timon.
Set Auszehrung in ihre marklosen Knochen, lhmet ihre dnnen Beine,
und dmpfet den mnnlichen Trieb.  Brecht die Stimme des Advocaten,
da er untchtig werde schlimme Sachen zu fhren, und Rabulisten-
Streiche durch sein Geschrey gut zu machen; stekt den Priester an,
der wider die Triebe des Fleisches eifert und sich selbst nicht
glaubt; herab mit der Nase, platt ab, nehmt ihm den Nasenknrpel
ohne Verschonen, der, seinen Privat-Nuzen ausser Gefahr zu sezen,
das gemeine Beste aufopfert.  Macht krauskpfichte Spizbuben kahl,
und lat auch die jungen Eisenfresser nicht leer ausgehen, die mit
ihren grossen Thaten pralen, und nur nicht eine Narbe davon
aufzuweisen haben.  Verpestet alle Welt, und ruhet nicht, bis ihr
die Quelle der Vermehrung selbst gnzlich verstopft und
ausgetroknet habt.--Hier ist mehr Gold fr euch, bringt alle andre
ins Verderben, dann verfaulet selbst und Misthauffen mgen euer
aller Grab seyn.

Beyde.
Mehr Rath und mehr Geld, guter Timon.

Timon.
Ihr mtet es erst besser verdienen; ihr habt nun euer Handgeld.

Alcibiades.
Rhrt die Trummel, und gegen Athen zu.  Lebe wohl, Timon, wenn es
mir gelungen seyn wird, will ich dich wieder besuchen.

Timon.
Wenn mich die Hoffnung nicht betrgt, werd ich dich nicht mehr
sehen.

Alcibiades.
Ich that dir nie was zu leide.

Timon.
Ja, du redtest Gutes von mir.

Alcibiades.
Nennst du das beleidigen?

Timon.
Die Menschen erfahren es alle Tage.  Geh deines Weges, pake dich,
und nimm deine Dachshunde mit.

Alcibiades.
Wir sind ihm nur beschwerlich; rhrt die Trummel!

(Alcibiades, Timandra und Phrynia gehen ab.)



Fnfte Scene.


Timon.
Da die Natur noch zu eben der Zeit hungern soll, da der Unmuth
ber des Menschen Unbarmherzigkeit sie des Lebens berdrig macht!--
Allgemeine Mutter, du deren unermeliche Schoos und unbegrenzte
Brust alles gebiehrt und suget; o du, deren nemliche Zeugungs-Hize,
woraus der stolze Mensch aufdunset, die schwarze Krte zeugt, und
die blaue Schlange, die goldflekichte Eidechs und den blinden
vergifteten Wurm mit allem andern verabscheuten Ungeziefer, das
Hyperions Feuer belebt: Gieb dem der alle deine menschlichen Shne
hasset, gieb ihm aus deinem unerschpflichen Busen eine einzige
arme Wurzel.  Verstopfe deine fruchtbare gern empfangende Schoo;
la sie nichts mehr fr den undankbaren Menschen hervorbringen.  Geh
nur mit Tygern, Drachen, Wlfen und Bren schwanger; schwill von
neuen Ungeheuern auf, die dein emporgerichtetes Antliz dem
umwlbenden Himmel nie gezeigt hat!--O!  eine Wurzel--habet Dank,
ihr Gtter!--trokne deine lokern Adern auf, und deine vom Pflug
zerrine Schollen, aus denen der undankbare Mensch diese geistigen
Sfte und diese niedlichen Bissen zieht, die sein reines Gemth mit
einem Fett umgeben, woran alle Betrachtung abglitscht.



Sechste Scene.


Timon (zu Apemanthus.)
Wieder ein Mensch?  Pest!  Pest!

Apemanthus.
Ich bin hieher gewiesen worden.  Die Leute sagen, du massest dich an,
meine Lebensart nachzuahmen.

Timon.
So mu es dewegen seyn, weil du keinen Hund hltst, den ich
nachahmen knnte.  Da du die Schwindsucht kriegtest!

Apemanthus.
Es ist an dir nur etwas erzwungnes, eine arme unmnnliche
Melancholey, die blo aus dem Wechsel deines Glks entsprungen ist.
Wozu dieses Grabscheit?  Warum in diesem Walde?  Warum dieser
sclavenmssige Aufzug?  Und diese kummervolle Blike?  Deine
Schmeichler tragen indessen Seide, trinken Wein, ligen weich,
schwimmen in lieblichen Gerchen, und haben vergessen, da jemals
ein Timon war.  Entehre diese Kleidung nicht, die dir das Ansehen
und die Vorrechte eines Censors geben soll.  Sey du izt ein
Schmeichler, versuch' es, dich nun durch eben dieses fortzubringen,
was dich zu Grunde gerichtet hat; beuge deine Knie, und la den
blossen Athem dessen, dem du aufwartest, deine Mze vom Kopf
herabwehen; erhebe seine lasterhaftesten Ausschweiffungen, und
nenne sie vortreflich.  So redte man mit dir; und du gabst deine
Ohren dazu her, den Bierwirthen hnlich, die Schelmen und alles was
zu ihnen kommt willkommen heissen.  Es ist hchst billig, da du ein
Spizbube werdest; httest du noch Vermgen, so wrden Spizbuben es
haben.  Affectire keine Gleichheit mit mir, sag ich dir!

Timon.
Wenn ich dir gleich wre, ich wollte mich selbst wegwerfen.

Apemanthus.
Du hast dich selbst weggeworffen, da du dir selbst gleich warst; so
lang' ein Unsinniger, izt ein Narr!  Wie?  denkst du, die kalte Luft,
dein ungestmer Kammerherr, werde dir ein warmes Hemde reichen?
Meynst du, diese bemooten Bume, die den Adler berlebt haben,
werden wie Pagen hinter dir hertreten, und dir auf einen Wink
zulauffen?  Wird der kalte, mit Eis candirte Bach dir ein Cordial
zum Frhstk geben, um die Unverdaulichkeit der gestrigen
Nachtmahlzeit zu verbessern?  Ruffe den nakten Geschpfen, die der
rauhen Witterung, und den kmpfenden Elementen ihre unverwahrten
Rmpfe entgegen bieten; befiehl ihnen, dir zu schmeicheln; o, du
wirst finden --

Timon.
Da du ein Narr bist; zieh' ab.

Apemanthus.
Du bist mir izt lieber als jemals.

Timon.
Und du mir desto verhater.

Apemanthus.
Warum?

Timon.
Du schmeichelst der Drftigkeit.

Apemanthus.
Ich schmeichle nicht; ich sage nur, da du ein elender Tropf bist.

Timon.
Warum suchst du mich auf?

Apemanthus.
Um dich zu scheeren.

Timon.
Das ist immer die Verrichtung eines Bsewichts, oder eines Narren.
Ducht sie dir kurzweilig?

Apemanthus.
Ja.

Timon.
Was fr ein Schurke du bist!

Apemanthus.
Wenn du diesen schwermthigen kalten Habit angezogen httest,
deinen Stolz zu zchtigen, so httest du wol daran gethan; aber du
thust es aus Noth; du wrdest ein Stuzer seyn, wenn du nicht ein
Bettler wrest.  Freywillige Armuth berlebt ungewisses Wohlleben;
dieses wird immer gefllt und doch nie voll, jene erreicht ihren
hchsten Wunsch auf einmal; der glklichste Stand ist mivergngt,
der elendeste zufrieden.  (Du) solltest zu sterben wnschen, weil du
in einem so armseligen Zustand bist.

Timon.
Nicht weil mir's einer sagt, der noch armseliger ist.  Du bist ein
Sclave, den das Glk nie mit zrtlichen Armen an ihre Brust drkte;
sondern zu einem Hund gebohren.  Wrest du wie wir, von der ersten
Stuffe des Lebens an, durch alle die angenehmen Grade von
Glkseligkeit fortgeschritten, die diese kurze Welt denjenigen
gewhrt, die sich nur besinnen drfen, was sie von allen ihren
Waaren haben wollen: Du httest dich in dem diksten Schlamm der
Lderlichkeit herumgewlzt, deine Jugend in den schndlichsten
Ausschweiffungen verschwendet, und nimmermehr die kalten
Vorschriften der Mssigung und des Wohlstands beobachten gelernt,
sondern wrdest dem verzkerten Spiel vor dir her blindlings
nachgeloffen seyn.  Aber da ich, fr dessen Vergngen die ganze
Welt arbeitete, der die Zungen, die Augen, die Herzen der Menschen
zu seinem Gebot hatte, mehr als ich ihnen Verrichtungen erdenken
konnte, an dem unzhliche hiengen, wie die Bltter an einer Eiche;
die aber alle, von einem einzigen Winter-Ansto, von ihren Zweigen
abgefallen sind, und mich entblt und unbedekt jedem Sturm
ausgesezt gelassen haben: Da ich, der nie etwas anders als bessers
gekannt hat, di ertragen soll, ist etwas schwer.  Dein Wesen fieng
mit Elend an, und die Zeit hat dich dazu abgehrtet.  Warum solltest
du die Menschen hassen?  Sie haben dir nie geschmeichelt.  Was hast
du ihnen geben knnen?  Wenn du fluchen willt, so mu dein Vater,
der arme Lumpenhund, der Gegenstand seyn, der, in einem Ansto von
Brunst, irgend eine Bettlerin berfallen, und dich armseligen Erb-
Lumpenhund zusammgeflikt hat--Hinweg, pake dich!--Wrest du nicht
zum untersten unter allen Menschen gebohren, so wrdest du ein
Spizbube und Schmeichler gewesen seyn.

Apemanthus.
Bist du noch stolz?

Timon.
Ja, da ich nicht du bin.

Apemanthus.
Und ich, da ich kein Verschwender gewesen bin.

Timon.
Und ich, da ich izt noch einer bin.  Wr' aller Reichthum, den ich
hatte, in dir aufgeschttet, so wollt' ich dir Erlaubni geben, ihn
aufzuhngen.  Geh deines Weges--O!  da das Leben von ganz Athen in
dieser Wurzel wre!  So wollt' ich es essen.

(Er it eine Wurzel.)

Apemanthus.
Hier, ich will deine Mahlzeit verbessern.

Timon.
Verbere erst meine Gesellschaft, und pake dich fort!

Apemanthus.
Was httest du gern zu Athen--

Timon.
Dich, in einem Wirbelwind; wenn du willt, so sag ihnen, ich habe
Gold; siehst du, da ich habe.

Apemanthus.
Hier hat es keinen Nuzen.

Timon.
Den besten und sichersten; denn hier schlft es, und thut keinen
gedungnen Schaden.

Apemanthus.
Wo ligst du des Nachts, Timon?

Timon.
Unter dem was ber mir ist.  Wo futterst du des Tags, Apemanthus?

Apemanthus.
Wo mein Magen Speise findet, oder vielmehr wo ich sie esse.

Timon.
Ich wollte, das Gift mte mir gehorchen, und wte meine Gedanken.

Apemanthus.
Wo wolltest du es hinschiken?

Timon.
Deine Schsseln zu wrzen.

Apemanthus.
Das Mittel der Menschlichkeit hast du nie gekannt, sondern nur das
usserste von beyden Enden.  Wie du in deinen vergoldeten Zimmern,
und von ausgesuchten Specereyen umduftet warst, da trieben sie ihr
Gesptte ber deine ausschweiffende Zrtlichkeit des Geschmaks; izt
da du in Lumpen bist, hast du gar keine, sondern wirst des
Gegentheils halben verabscheut.  Hier ist eine Mespel fr dich, i
sie.

Timon.
Ich esse von nichts, was ich nicht leiden kan.

Apemanthus.
Kanst du die Mespeln nicht leiden?

Timon.
Nein, ob sie schon dir gleich sehen.

Apemanthus.
Httest du sie frher nicht leiden knnen, so wrdest du izt besser
mit dir selbst zufrieden seyn.  Hast du jemals einen Verschwender
gekannt, den man noch geliebt hat, nachdem er um seine Mittel
gekommen ist?

Timon.
Wen hast du jemals ohne diese Mittel, wovon du redst, beliebt
gesehen?

Apemanthus.
Mich selbst.

Timon.
Ich verstehe dich, du hast einige Mittel, einen Hund zu halten.

Apemanthus.
Was fr Dinge in der Welt findst du deinen Schmeichlern am
hnlichsten?

Timon.
Weiber--Was wolltest du mit der Welt thun, Apemanthus, wenn sie in
deiner Gewalt wre?

Apemanthus.
Sie den wilden Thieren vorwerfen, damit ich der Menschen los wrde.

Timon.
Wolltest du selbst auch das Schiksal der Menschen haben, oder unter
den wilden Thieren ein wildes Thier werden?

Apemanthus.
Das lezte, Timon.

Timon.
Ein bestialischer Wunsch, den die Gtter dir gewhren mgen!  Wenn
du ein Lwe wrst, so wrde dich der Fuchs betrgen; wrst du ein
Lamm, so wrde der Fuchs dich fressen; wrst du der Fuchs, so
wrdest du dem Lwen verdchtig werden, wenn dich zufallsweis ein
Esel anklagte; wrst du der Esel, so wrde dich deine Dummheit
plagen, und du lebtest immer als ein Frhstk fr den Wolf.  Wrst
du der Wolf, so wrde dir deine Gefressigkeit zur Quaal werden, und
du wrdest oft dein Leben fr dein Mittagessen wagen.  Wrst du das
Einhorn, so wrde dich Stolz und Grimm verderben, und in Ermanglung
eines andern wrdest du die Beute deiner eignen Wuth werden.  Wrst
du ein Br, so wrde dich das Ro tdten; wrst du ein Ro, so
wrde dich der Leopard ergreiffen; wrst du ein Leopard, so wrst
du des Lwen Vetter, und deine Fleken wrden deine eigne Verwandten
gegen dein Leben aufhezen.  Alle deine Sicherheit wr' in Entfernung,
und dein Schuz in der Abwesenheit eines Feindes.  Was fr ein Thier
knntest du seyn, das nicht einem Thier unterworffen wre?  Und was
fr ein Stk Vieh bist du izt schon, da du nicht siehst, wie viel
du bey der Verwandlung verliehren wrdest?

Apemanthus.
Wenn du mir durch irgend ein Gesprch gefallen knntest, so httest
du es izt getroffen.  Das gemeine Wesen von Athen ist ein Wald von
Thieren worden.

Timon.
Wie ist dann der Esel durch die Mauern gebrochen, da du ausser der
Stadt bist?

Apemanthus.
Dort kommt ein Poet und ein Mahler; die Pest der menschlichen
Gesellschaft falle auf dich!  Ich besorge, da sie mich ansteken
mchte, und will mich mit der Flucht retten.  Wenn ich sonst nichts
zu thun wei, will ich dich wieder sehen.

Timon.
Wenn sonst nichts lebendiges mehr ist als du, sollt du mir
willkommen seyn.

Apemanthus.
Du bist das Oberhaupt von allen iztlebenden Narren.

Timon.
Ich wollte, du wrest sauber genug, da ich auf dich speyen knnte.
Da du die Krnke httest!

Apemanthus.
Du bist ein zu schlechter Kerl, als da du jemandem fluchen
knntest.

Timon.
Alle Galgenschwengel werden rein, wenn sie neben dir stehen.

Apemanthus.
Es ist sonst kein Aussaz, als was du redst.

Timon.
Wenn ich dich nenne--Prgeln will ich dich; doch, ich wrde nur
meine Hnde krzicht machen.

Apemanthus.
Ich wollte, meine Zunge knnte machen, da sie abfaulten.

Timon.
Weg, du Gezcht eines rudigen Hunds.  Ich sterbe vor Zorn, da du
in der Welt bist; ich fall' in Unmacht, wenn ich dich ansehe.

Apemanthus.
Da du bersten mchtest?

Timon.
Hinweg, du verabscheuter Raker; ich frchte, du treibst mir einen
H*d*n ab.

Apemanthus.
Vieh!

Timon.
Sclave!

Apemanthus.
Krte!

Timon.
Lumpenhund, Lumpenhund, etc.

(Apemanthus zieht sich zurk, als ob er gehe.)

Ich bin dieser falschen Welt berdrssig, und will nichts in ihr
lieben, als ihre blossen Nothwendigkeiten.  So zgre dann nicht,
Timon, dir dein Grab zu machen, dort, wo der leichte Meerschaum
deinen Grabstein tglich schlagen soll; mache deine Grabschrift,
da der Tod in mir ber andrer Leben lache.

(Er sieht auf das Gold, das zu seinen Fssen ligt.)

O du angenehmer Knigs-Mrder!  du werthe Scheidung zwischen dem
leiblichen Sohn und seinem Vater!  du schimmernder Besudler von
Hymens keuschestem Bette!  du dapfrer Mars!  du immer junger,
frischer, beliebter, und reizender Buhler, dessen Rthe den
geheiligten Schnee, der auf Dianens Schoo ligt, zerschmelzt!  Du
sichtbarer Gott, der Unmglichkeiten zusammenfgt, und einander
kssen macht!  der jede Sprache zu jeder Absicht reden kan!  O du
Probstein der Herzen; denke, dein Sclave, der Mensch, empre sich
wider dich, und seze sie durch deine Macht in eine so zerrttende
Zwietracht, bis die Herrschaft ber die Welt den Thieren bleibt.

Apemanthus.
Ich wollt' es wre so, aber nicht eher, als bis ich todt bin!  Ich
will sagen, du habest Gold; was fr einen Zulauff, du augenbliklich
bekommen wirst!

Timon.
Einen Zulauf?

Apemanthus.
Ja.

Timon.
Deinen Rken, ich bitte dich.

Apemanthus.
Leb' und liebe dein Elend!

Timon.
Leb lange so und stirb so!  Ich bin quitt.

Apemanthus.
Schau, mehr Dinge die wie Menschen aussehen--i, Timon, und
verabscheue sie.

(Apemanthus geht ab.)



Siebende Scene.
(Die Diebe treten auf.)


1. Dieb.
Wo mag er wol sein Geld haben?  Es wird irgend ein armseliges
Fragment, irgend ein briges Bichen sein, das er noch davon
gebracht hat.  Nichts anders, als der Mangel an Geld, und der Undank
seiner Freunde, hat ihn zu dieser Melancholey gebracht.

2. Dieb.
Das Gercht geht, er hab' einen Schaz gefunden.

3. Dieb.
Wir wollen einen Versuch machen; wenn er nichts darnach fragt; wird
er's uns gutwillig geben; aber wenn er so geizig ist, da er's fr
sich allein behalten will, was ist dann zu thun?

2. Dieb.
Er wird den Schaz nicht bey sich tragen; er wird ihn verstekt haben.

1. Dieb.
Ist der nicht Timon?

Alle.
Wo?

2. Dieb.
Der Beschreibung nach ist er's.

3. Dieb.
Er ists, ich kenn' ihn.

Alle.
Gr dich Gott, Timon.

Timon.
He, Diebe.

Alle.
Soldaten, keine Diebe.

Timon.
Beydes, und von Weibern gebohren.

Alle.
Diebe sind wir nicht, aber Leute, die sehr viel Bedrfnisse haben.

Timon.
Euer grstes Bedrfni ist, was ihr aller Orten finden knnet: Was
solltet ihr bedrfen?  Seht, die Erde hat Wurzeln; innert einer
Meile um uns her entspringen hundert Quellen; die Eichen tragen
Eicheln, die Gestruche, Hambutten; die gutthtige Hausmutter,
Natur, legt auf jedem Busch ihren ganzen Kram vor euch aus--
Bedrfnisse?  Warum Bedrfnisse?

1. Dieb.
Wir knnen nicht von Gras, Beeren und Wasser leben; wie Thiere,
Vgel und Fische.

Timon.
Auch nicht von den Thieren, Vgeln und Fischen selbst; ihr mt
Menschen essen.  Doch mu ich euch Dank dafr sagen, da ihr
offenbare Diebe seyd, und euch nicht in heiligere Gestalten
einhllet; denn es herrscht grenzenlose Dieberey auch in
gesezmssigen Lebensarten.  Galgenschwengel, Diebe, hier ist Gold!

(Er giebt ihnen Geld.)

Geht, saugt das flchtige Blut der Traube, bis das hizige Fieber
euer Blut zu Schaum kocht, und entgeht dadurch dem Galgen.  Vertraut
euch keinem Arzt, seine Arzneyen sind Gift, er tdtet mehr Menschen
als ihr beraubt, und nimmt ihnen ihr Geld mit samt dem Leben.
Treibt eure Bubenstke, treibt sie, weil ihr euch dazu bekennt, wie
ein andres Handwerk; ich will euch Beyspiele genug von Dieberey
geben.  Die Sonn' ist ein Dieb, und beraubt durch ihre starke
Anziehung das weite Welt-Meer.  Der Mond ist ein ausgemachter Dieb,
und maut sein blasses Licht der Sonne.  Das Meer ist ein Dieb,
dessen schmelzende Wellen Dmme in salzichte Thrnen auflsen.  Die
Erde ist ein Dieb, die uns das Futter, wovon sie lebt, aus dem
Unrath aller Dinge zusammenstiehlt; ein jedes Ding ist ein Dieb.
Die Geseze, die euch binden und mit Ruthen streichen, haben
ungestraften Diebstahl in ihrer rauhen Gewalt.  Liebt euch selbst
nicht, hinweg, beraubt einander, hier habt ihr mehr Gold; schneidet
Kehlen ab; alle die euch begegnen sind Diebe: Geht nach Athen,
brecht in offne Buden ein, denn ihr knnt nichts stehlen; das nicht
von Dieben verlohren wird; stehlt nichts desto minder, weil ich
euch Gold gebe, und Gold verderbe euch, Amen!

(Er geht ab.)

3. Dieb.
Er hat mir mein Handwerk schier erleidet, indem er mich dazu
aufmunterte.

1. Dieb.
Das ist die allgemeine Bosheit der Menschen; er giebt uns einen
Rath, in Hoffnung, da er uns an den Galgen bringen werde.

2. Dieb.
So will ich ihm glauben wie einem Feind, und meine Profeion
aufgeben.

1. Dieb.
Wir wollen erst warten, bis zu Athen Fried' ist.

2. Dieb.
Es ist kein so schlimmer Zustand, worinn ein Mensch nicht noch gut
werden kan.

(Sie gehen ab.)




Fnfter Aufzug.



Erste Scene.
(Der Wald und Timons Hle.)
(Flavius tritt auf.)


Flavius.
O ihr Gtter, ist jener verworfne, zerstrte Mann mein Herr?  So
abgezehrt, so eingefallen!  O!  ein Denkmal, ein Wunder von
belangewandten Gutthaten!  Was fr eine Vernderung hat eine
verzweiflungsvolle Drftigkeit in seiner Gemthsart gemacht!  Was
fr ein schndlicheres Ding ist auf der Erde als Freunde, die das
edelste Gemth zu einem solchen Verfall bringen knnen!  Wie wohl
schikt sich das Gebott, da wir unsre Feinde lieben sollen*, fr
unsre Zeiten!  Wenn es mir auch frey stnde, wollt' ich sie doch
eher lieben als Schmeichler.--Er hat mich wahrgenommen; ich will
ihm meinen redlichen Kummer zeigen, und bis zum lezten Athemzug
sein treuer Diener bleiben.

{ed.-* Hier vergit unser Autor, da seine Personen keine Christen sind,
noch seyn knnen; kein Wunder, da er durch das ganze Stk
vergessen hat, da sie Athenienser sind.}

(Timon kommt aus seiner Hle hervor.)

Mein theurester Herr.

Timon.
Weg!  Wer bist du?

Flavius.
Habt ihr mich vergessen, mein Herr?

Timon.
Wie magst du fragen?  Ich habe alle Menschen vergessen; wenn du also
gestehen mut, das du ein Mensch bist, so hab ich dich vergessen.

Flavius.
Ein ehrlicher Diener--

Timon.
So kenn ich dich nicht: ich habe niemals ehrliche Leute um mich
gehabt; alle die ich hatte waren Spizbuben, um Galgenschwengeln
beym Essen aufzuwarten.

Flavius.
Die Gtter sind Zeugen, da niemals ein armer Verwalter einen
aufrichtigern Schmerz fr seinen zu Grunde gerichteten Herrn
gefhlt hat, als meine Augen fr euch.

(Er weint.)

Timon.
Wie?  weinst du?  Komm nher, so will ich dich denn lieben, weil du
ein Weib bist; du kanst aus Mitleiden weinen; das kan das
kieselsteinerne Herz des mnnlichen Geschlechts nicht; wenn ihre
Augen bergehen, so geschieht es vor Lachen oder bser Lust.

Flavius.
Ich bitte euch, mein gtiger Herr, mich nicht abzuweisen, und mir
zu verstatten, da ich euern Kummer theile, und so lange dieser
arme Reichthum daurt,

(er zeigt ihm einen Beutel mit Geld,)

euer Verwalter bleibe.

Timon.
Hatt' ich einen Verwalter, der so getreu, so redlich, und nun so
hlfreich ist?  Di knnte mein verwildertes Gemth beynahe zahm
machen.  La mich dein Gesicht sehen; wahrlich, dieser Mann ist von
einem Weibe gebohren.  Verzeihet mir mein allgemeines, keine
Ausnahme machendes, zu rasches Urtheil, ihr unsterblichen, weisen
Gtter!  Ich gestehe nun einen ehrlichen Mann zu; verstehet mich wol,
nur Einen; keinen mehr, ich bitte euch; und der einzige ist ein
Verwalter!  Wie gerne wollt' ich das ganze Menschen-Geschlecht
gehasset haben, und du kaufst dich los; doch alle andre, dich
ausgenommen, mgen meine Flche treffen!  Mich ducht, du seyest
mehr ehrlich als klug; denn, wenn du mich betrogen und verrathen
httest, so httest du desto blder eine andre Bedienstung erhalten
knnen; viele kommen auf diese Art zu ihren zweyten Herren, auf
ihres ersten Herrn Naken.  Aber sage mir aufrichtig, (denn ich mu
immer zweifeln, ob ich gleich niemals weniger Ursach dazu hatte;)
ist nicht diese deine Zrtlichkeit listig und eigennzig, eine
wuchernde Zrtlichkeit, wie reiche Leute Geschenke machen, um
zwanzig mal so viel dafr zurk zu bekommen?

Flavius.
Nein, mein wrdiger Herr, (in dessen Brust Zweifel und Argwohn, ach
leider!  zu spt Plaz nehmen;) ihr httet falsche Freundschafts-
Versicherungen vermuthen sollen, da ihr Bankette gabt.  Das was ich
euch zeige, der Himmel wei es, ist lauter Liebe, Pflicht und
Ergebenheit gegen ein Herz, das seines gleichen nicht hat, Sorge
fr euern Unterhalt und euer Leben; und glaubt mir, es ist kein
Vortheil weder gegenwrtig, noch den ich hoffen knnte, den ich
nicht um diesen einzigen Wunsch vertauschen wollte, euch wieder in
Glk und Wohlstand zu sehen.

Timon.
Gut, ich glaube dir, es ist so; du einzelner ehrlicher Mann, hier,
nimm.

(Er giebt ihm einen Sak mit Gold.)

Die Gtter haben dir aus meinem Elend einen Schaz zugeschikt.  Geh,
lebe reich und glklich; aber mit dieser Bedingung, da du von den
Menschen abgesondert wohnen sollst.  Ha' alle, verwnsch' alle,
thue keinem Gutes; la einem Bettler eh sein verhungertes Fleisch
von den Knochen fallen, eh du ihm ein Almosen gbest.  Gieb den
Hunden, was du den Menschen versagst.  Da Gefngnisse sie
verschlingen, da sie in Schulden verderben, da die Menschen einem
verdorrten Walde gleich sehen, und verpestete Krankheiten ihr
falsches Blut aufleken!  Und hiemit lebe wohl, und gedeyhe!

Flavius.
O lat mich bey euch bleiben, mein gtiger Herr, und euch
unterstzen --

Timon.
Wenn du meinem Fluch ausweichen willst, so sume dich nicht, flieh;
flieh, weil du noch gesegnet und frey bist.  Sieh du keinen Menschen
mehr, und la dich nimmer vor mir sehen.

(Sie gehen auf verschiedne Seiten ab.)



Zweyte Scene.
(Der Poet und der Makler treten auf.)


Mahler.
Nach der Erkundigung, die ich von dem Ort eingezogen habe, kan er
nicht weit von hier sich aufhalten.

Poet.
Was soll man von ihm denken?  bestttigt sich das Gercht, da er
soviel Gold haben soll?

Mahler.
Er hat; Alcibiades erzhlt es, Phrynia und Timandra haben Gold von
ihm bekommen; er schenkt' auch etlichen armen verlaufenen Soldaten
eine grosse Menge davon.  Man sagt, er gab seinem Verwalter eine
starke Summe.

Poet.
So war folglich diese Bankrutt nur eine Prfung seiner Freunde.

Mahler.
Nichts anders; ihr werdet ihn bald in Athen unter den Ersten wieder
glnzen sehen.  Es wird also nicht bel gethan seyn, wenn wir ihm in
dem Unglks-Stand', worinn man ihn versunken glaubt, unsre
Freundschaft bezeugen; es wird uns das Ansehen eines edelmthigen
Betragens geben; und es ist sehr wahrscheinlich, da es uns zu
unserm Zwek fhren wird, wenn es wahr ist, da er so reich seyn
soll.

Poet.
Was habt ihr bey euch, womit ihr ihm aufwarten wollet?

Mahler.
Nichts fr dimal als meinen Besuch; allein ich will ihm ein
vortrefliches Stk versprechen.

Poet.
Ich will ihn auf die nemliche Art bedienen.

Mahler.
So ist's am besten.  Versprechen ffnet das Auge der Erwartung, und
macht sich oft fr etwas, das niemals gehalten wird, zum voraus
bezahlt.  Halten ist allemal der Narr in seinem eignen Spiel; sobald
ein Versprechen gehalten ist, so nzt es, ausser bey der
einfltigern Art von Leuten, dem Geber nichts mehr.  Versprechen ist
hofmnnisch, und ein Stk von der feinen Lebensart; Halten ist eine
Art von leztem Willen oder Testament, welches bey dem, der es macht,
eine grosse Krankheit--am Verstand anzeigt.  (Timon kommt, ohne da
ihn die vorigen Personen gewahr werden, aus der Hle hervor.)

Timon (vor sich.)
Vortreflicher Knstler!  du kanst keinen so schlechten Kerl mahlen
als du selbst bist.

Poet.
Ich besann' mich, was ich sagen will, das ich fr ihn in der Arbeit
habe--Es mu eine Vorstellung von ihm selbst seyn; eine Satyre ber
die Weichlichkeit, die eine Folge des Wohlstands zu seyn pflegt;
mit einer Entdekung der unendlichen Schmeicheleyen, die das Gefolge
von Jugend und Reichthum sind.

Timon.
Must du dich dann in deinem eignen Werk als einen Nichtswrdigen
abschildern?  Willt du deine eigne Laster auf andrer Leute Rken
peitschen?  Thue es, ich habe Gold fr dich.

Poet.
Wir wollen ihn aufsuchen.

Wer einen Vortheil einzuholen
Zu spt kommt, hat sich selbst bestohlen.

Mahler.
Ihr habt recht.

Poet.
Such', was dir fehlt, bey Tag, der unbezahlt dir scheint;
Die Nacht im schwarzen Flor ist niemands Freund.

Kommt!

Timon.
Ich will euch beym Umkehren entgegen kommen--Was fr ein Gott ist
Gold, da er in Tempeln verehrt wird, die verchtlicher sind als
die Oerter, wo Schweine ihre Speise suchen.  Du bist es der das
Schiff ausrehdet, und die beschumten Wellen pflgt; du verschaffst
dem Sclaven Bewundrung und Ehrfurcht; niemals mge dein Dienst
abnehmen, und verderbliche Plagen sollen deine Anbeter umkrnzen!--
Izt ist es Zeit, ihnen entgegen zu kommen.

Poet.
Heil dir, wrdiger Timon.

Mahler.
Einst unser edler Gebieter.

Timon.
Wie, erleb' ich es, noch zween ehrliche Mnner zu sehen?

Poet.
Mein Herr, da wir so viel Gutes von euch genossen haben, und
vernehmen muten, da ihr euch entfernt, und da alle eure Freunde
abgefallen, fr deren undankbare Gemther--(oh,
verabscheuungswrdige Seelen!) alle Ruthen des Himmels nicht
hinreichend sind--Was?  von euch?  dessen Stern-gleiche Gromuth
Leben und Einflsse ihrem ganzen Wesen gab?  Ich komme ganz ausser
mich, und kan keine Worte gro genug finden, die ungeheure Grsse
dieser Undankbarkeit darein zu kleiden.

Timon.
Lat sie nakend gehen, so sehen die Leute sie desto besser; ihr,
die ihr ehrliche Mnner seyd, macht durch das, was ihr seyd, das
was sie sind am besten sichtbar.

Mahler.
Er und ich haben in dem grossen Regen eurer Freygebigkeit gereit,
und ihn auf eine angenehme Art empfunden.

Timon.
Ja, ihr seyd ehrliche Mnner.

Mahler.
Wir sind hieher gekommen, euch unsre Dienste anzubieten.

Timon.
Sehr ehrliche Mnner!  Wie kan ich's euch wett machen?  Knnt ihr
Wurzeln essen, und kaltes Wasser trinken?  Nein.

Beyde.
Wir wollen thun, was wir nur immer knnen, um euch Dienste zu
leisten.

Timon.
Ihr seyd ehrliche Mnner; ihr habt gehrt, da ich Gold habe; ich
bin versichert, ihr habt's gehrt; sagt die Wahrheit, ihr seyd
ehrliche Mnner.

Mahler.
So sagt man, mein edler Lord; allein dewegen kam ich und mein
Freund nicht hieher.

Timon.
Guter ehrlicher Mann; du mahlst das beste Portrait unter allen
Mahlern in Athen; du bist, in der That, der beste; du mahlst
vortreflich nach dem Leben.

Mahler.
So, so, Gndiger Herr.

Timon.
Eben so, mein Herr, wie ich sagte.

(Zum Poet.)

Und was deine Gedichte betrift, deine Verse fliessen so voll und
lieblich, da du in deiner Kunst eben so natrlich bist.  Allein
eben darum, meine ehrlich-gesinnten Freunde, mu ich euch sagen,
ihr habt einen kleinen Fehler; der aber in der That euch nicht sehr
entstellt; auch wnscht' ich nicht, da ihr euch grosse Mhe gbet,
ihn zu verbessern.

Beyde.
Wir bitten Euer Gnaden ihn uns bekannt zu machen.

Timon.
Ihr mchtet es bel aufnehmen.

Beyde.
Mit hchstem Dank, Gndiger Herr.

Timon.
Ist das euer Ernst?

Beyde.
Zweifelt nicht daran, Milord.

Timon.
Es ist niemals einer von euch allein, ohne sich einem Spizbuben
anzuvertrauen, der euch gewaltig hinter's Licht fhrt.

Beyde.
Thun wir das, Gndiger Herr?

Timon.
Das thut ihr, und ihr hrt seine Schmeicheleyen; seht wie er sich
verstellt, kennt seine groben Schelmstke, und doch liebt ihr ihn,
gebt ihm zu essen, und tragt ihn in euerm Busen; aber seyd
versichert, er ist ein ausgemachter Spizbube.

Mahler.
Ich kenne keinen solchen, Gndiger Herr.

Poet.
Noch ich.

Timon.
Schaut ihr, ihr seyd mir lieb, ich will euch Gold geben, wenn ihr
mir diese Schelmen aus eurer Gesellschaft ausstossen wollt; hngt
sie oder erstecht sie, gebt ihnen Gift ein, oder schaft sie sonst
auf eine Art aus der Welt, und kommt wieder zu mir, so will ich
euch Gold genug geben.

Beyde.
Nennet sie, Gndiger Herr, wir mchten sie kennen.

Timon.
Geht ihr auf diese Seite, und ihr auf diese--Aber es sollte jeder
allein seyn--wenn jeder von euch ganz allein und einzeln ist, so
hlt ihm doch ein Erz-Spizbube Gesellschaft.

(Zum Mahler.)

Wenn da wo du bist, nicht zween Spizbuben seyn sollen, so komm ihm
nie zu nah--

(Zum Poet.)

Wenn du nirgends seyn willt, als wo nur ein Spizbube ist, so
verla ihn.  Fort, pakt euch, hier ist Gold;

(Er giebt ihnen Schlge.)

ihr kamet um Gold zu kriegen, ihr Sclaven; ihr habt Arbeit fr
mich;--hier ist eure Bezahlung--Fort--Ihr seyd ein Alchymist, macht
Gold aus diesem; fort, ihr Lumpenhunde!

(Er prgelt sie, und jagt sie fort.)



Dritte Scene.
(Flavius und zween Senatoren treten auf.)


Flavius.
Es ist umsonst, wenn ihr den Timon sprechen wollt; denn er ist so
gnzlich auf sich allein eingeschrnkt, da er nichts was einem
Menschen gleich sieht, ausser sich selbst, um sich leiden kan.

1. Senator.
Fhrt uns zu seiner Hle; es ist unser Auftrag, und wir haben uns
den Atheniensern dazu verpflichtet, mit Timon zu reden.

2. Senator.
Die Menschen sind nicht zu allen Zeiten gleich; Umstnde und Kummer
haben ihm diesen Humor gegeben; die Zeit, die ihm nun die
Glkseligkeiten seiner ehmaligen Tage wieder anbietet, kan ihn
wieder zu dem vorigen Mann machen; fhrt uns zu ihm, es mag gehen
wie es will.

Flavius.
Hier ist seine Hle!  Fried' und Zufriedenheit wohne hier, Lord
Timon!  Timon, schaue heraus, und rede mit Freunden; die Athenienser
grssen dich durch zwey Mitglieder ihres hchst ehrwrdigen Senats;
rede mit ihnen, edler Timon.  (Timon kommt aus seiner Hle heraus.)

Timon.
Du Sonne, anstatt zu erquiken, brenne!--Redet, und dann geht an den
Galgen!  wenn ihr fr jedes wahre Wort eine Blatter kriegtet, und
fr jedes falsche bis auf die Wurzel eurer Zunge gebrannt wrdet,
so wrd' euer Vortrag nicht lange dauern.

1. Senator.
Wrdiger Timon--

Timon.
Ja, solcher Leute wrdig wie ihr seyd, und ihr des Timons.

2. Senator.
Die Senatoren von Athen grssen dich, Timon.

Timon.
Ich dank' ihnen, und wollt' ihnen die Pest dafr zurk schiken,
wenn ich sie kriegen knnte.

1. Senator.
O vergi dessen, an was wir selbst ohne Schaam und Kummer nicht
denken knnen; die Senatoren ruffen dich mit einhelliger
Freundschaft nach Athen zurk, und sind darauf bedacht, dich mit
den ansehnlichsten Ehrenstellen zu berhuffen, die fr dich
erledigt ligen.

2. Senator.
Sie bekennen, da ihre Unachtsamkeit auf deine Verdienste zu
allgemein, zu gro gewesen; die ganze Republik, (die sonst selten
Palinodien zu singen pflegt,) hat durch das Gefhl, wie sehr ihr
Timon mangelt, eine lebhafte Empfindung von dem Unrecht bekommen,
das sie sich selbst angethan, indem sie dem Timon ihren Beystand
entzogen; und sendet uns nun, dir darber ihre reuvolle Bekmmerni
zu bezeugen, und dir zugleich einen Ersaz anzubieten, den ihr
Vergehen nicht um eine Drachme berwiegen soll; ja so berhufte
Summen von Liebe, Ansehn und Reichthum, da sie jede Spur der
vergangnen Krnkungen in deinem Andenken auslschen, und die
Figuren ihrer Liebe so tief in dich eindrken sollen, da sie auf
ewig unauslschlich dauern werden.

Timon.
Ihr bezaubert mich, berrascht mich durch eure Beredsamkeit beynahe
zu Thrnen; leiht mir eines Narren Herz, und die Augen eines Weibs,
so will ich ber diese trstlichen Sachen weinen, wrdige Senatoren.

1. Senator.
La dir also gefallen mit uns zurk zu kehren, und die Ober-
Befehlhabers-Stelle ber unser Athen, dein und unser Athen,
anzunehmen: Du sollt mit allgemeinen Dankbezeugungen eingeholt, und
mit dem vlligen Ansehn der hchsten Gewalt bekleidet werden; so
werden wir bald die wilden Anflle des Alcibiades zurk getrieben
haben, der izt, wie ein ergrimmter Br, den Frieden seines
Vaterlands aufwhlt,

2. Senator.
und sein druendes Schwerdt gegen die Mauern von Athen gezkt hlt.

1. Senator.
Daher, Timon--

Timon.
Gut, mein Herr, ich will; daher will ich, mein Herr; so, nemlich--
Wenn Alcibiades meine Landsleute umbringt, so lat den Alcibiades
vom Timon dieses wissen, da Timon sich nichts darum bekmmert.
Wenn er das schne Athen zu einem Steinhauffen macht, wenn er eure
wakern alten Mnner bey den Brten zieht, und eure keuschen
Jungfrauen der Beflekung des schaamlosen, viehischen, wthenden
Kriegs Prei giebt, so lat ihn wissen--und sagt ihm, Timon hab' es
gesagt--Aus Mitleiden mit euern Alten und mit eurer Jugend kan ich
nicht anders als ihm sagen lassen, da ich--nichts darnach frage.
Und lat es ihn im schlimmsten Sinn nehmen als er will, denn ihre
Messer fragen auch nichts darnach, da ihr Gurgeln zum Antworten
habt.  Was mich selbst betrift, so ist in seinem ganzen zaumlosen
Lager kein so kleines Taschen-Messer, das ich nicht hher schze
und liebe, als die ehrwrdigste Gurgel in Athen.  Und hiemit berla
ich euch der Obhut der Gtter, wie Diebe ihren Htern.

Flavius.
Bleibet nicht lnger, es ist alles umsonst.

Timon.
Wie, ich war eben im Begriff, meine Grabschrift zu schreiben;
morgen wird man sie sehen knnen.  Meine lange Krankheit an
Gesundheit und Leben fngt an sich zu bessern, und Nichts bringt
mir Alles.--Geht, lebt immerhin; Alcibiades sey eure Geissel, ihr
die seinige; und so daurt einander aus, so lang es mglich ist!

1. Senator.
Alles, was wir reden knnten ist umsonst.

Timon.
Und doch lieb' ich mein Vaterland noch; und bin keiner, der an dem
allgemeinen Schiffbruch seine Freude hat, wie die Sage von mir geht.

1. Senator.
Das ist wol gesprochen.

Timon.
Empfehlt mich meinen werthesten Mitbrgern.

1. Senator.
Das sind Worte, die euern Lippen wol anstehen!

2. Senator.
Und in unsre Ohren, wie triumphierende Sieger durch ihre
zujauchzenden Thore, eingehen.

Timon.
Empfehlt mich ihnen, und sagt ihnen, um ihnen in ihren bekmmerten
Umstnden, ihrer Furcht vor feindlichen Streichen, ihren Drangsalen,
ihrem grossen Verlust, ihren Liebes-Aengsten, und andern
dergleichen zuflligen Wehen, die das zerbrechliche Gef der
menschlichen Natur in der ungewissen Reise des Lebens auszustehen
hat, einige Linderung zu verschaffen, woll' ich ihnen noch eine
Probe von meiner gtigen Gemthsart geben, und ihnen ein Mittel
sagen, wodurch sie dem Grimm des Alcibiades zuvorkommen knnen.

2. Senator (leise.)
Das geht ganz gut; er wird mit uns zurk kommen.

Timon.
Ich habe einen Baum, der hier in meinem Einfang wcht, und den ich
zu meinem eignen Gebrauch nchstens fllen mu.  Sagt meinen
Freunden, den Atheniensern, allen ohne Ausnahm, von dem Hchsten
bis zum Niedrigsten; da ein jeder der Lust habe, allem seinem Leid
ein Ende zu machen, unverzglich hieher kommen, und eh noch mein
Baum die Axt gefhlt hat, sich daran aufhngen soll--Ich bitte euch,
richtet es wohl aus.

Flavius.
Beunruhigt ihn nicht lnger, ihr werdet ihn nie anders finden.

Timon.
Kommt nicht wieder zu mir, sondern sagt den Atheniensern: Timon
habe seine immerwhrende Wohnung an dem ussersten Strande der
gesalznen Fluth genommen, wo die ungestmen Wellen sie alle Tage
einmal mit ihrem schwellenden Schaum bedeken werden.  Dahin kommt,
und lat meinen Grabstein euer Orakel seyn.  Schliesset euch nun,
meine Lippen, und macht euern Verwnschungen ein Ende; Pest und
Verderben vollende, was ihr vergessen habt; Grber allein seyen der
Menschen Arbeit, und Tod ihr Gewinn!  Sonne, verbirg deine Stralen!
Timon hat seinen Lauf vollbracht.

(Timon geht ab.)

1. Senator.
Sein Unwille und Gram ist auf eine unzertrennliche Art mit seinem
Wesen zusammengewachsen.

2. Senator.
Unsre Hoffnung auf ihn ist todt; lat uns zurk kehren, und sehen,
was fr andre Mittel uns in dieser ussersten Gefahr noch brig
sind.

1. Senator.
Wir haben keinen Augenblik zu versumen.



Vierte Scene.
(Die Mauern von Athen.)
(Zween andre Senatoren mit einem Boten treten auf.)


1. Senator (zum Bot.)
Du hast grosse Mhe bey deiner Auskundschaftung gehabt; sind denn
seine Linien so voll wie man sagt?

Bote.
Ich habe die geringste Zahl angegeben; zudem, so macht er Anstalten,
unmittelbar vor die Stadt anzurken.

2. Senator.
Wir sind in grosser Gefahr, wenn sie den Timon nicht mit sich
bringen.

Bote.
Ich begegnete unterwegs einem Courier, einem alten guten Freund von
mir; wir sind zwar von entgegenstehenden Partheyen; allein unsre
alte Liebe hatte doch Strke genug, zu machen, da wir wie gute
Freunde mit einander sprachen.  Dieser Mann war in Eile von
Alcibiades nach Timons Hle abgeschikt mit Briefen, worinn er ihn
einlud, seine Parthey wider eure Stadt zu verstrken, um so mehr
als das Unrecht, so dem Timon angethan worden, eine von den
Ursachen sey, die ihn in Waffen gesezt habe.  (Andre Senatoren zu
den Vorigen.)

1. Senator.
Hier kommen unsre Brder.

3. Senator.
Redet nicht von Timon, erwartet nichts von ihm; man hrt schon die
Trummeln der Feinde, und das frchterliche Stampfen ihrer Tritte
fllt die Luft mit Staub.  Hinein, und macht euch gefat; ich
besorge, unsre Gegenwehr werde wenig helfen.

(Sie gehen ab.)

(Ein Soldat geht in den Wald hinein, und sucht den Timon.)

Soldat.
Der Beschreibung nach mu dieses der Ort seyn.  Wer ist hier?
Antworte!  he!  Keine Antwort?--was ist di?--ha!  Timon todt
ausgestrekt?  Irgend ein wildes Thier mu dieses Grabmal aufgewhlt
haben, denn hier lebt kein Mensch.  Er ist todt, so ist's, und di
ist sein Grab--Was ist auf diesem Stein?  Ich kan nicht lesen; aber
ich will die Schrift in Wachs abdruken; unser General versteht
alles, er ist alt an Wissenschaft, obgleich jung an Tagen; anstatt
ihm seinen Freund zu bringen, bring ich ihm seine Grabschrift.

(Er geht ab.)



Fnfte Scene.
(Vor den Mauern von Athen.)
(Trompeten.  Alcibiades zieht mit seinem Heer auf.)


Alcibiades.
Verkndigt dieser feigen und von Wollust aufgelsten Stadt unsre
frchterliche Ankunft.

(Man hrt Schamade schlagen.
Die Senatoren lassen sich auf den Mauern sehen.)

Bis izt habt ihr ohne Scheu euerm ausschweiffenden Uebermuth den
Zgel gelassen, und eure Willkhr zum Zwek der Geseze gemacht.
Lange genug sind ich und andre, die im Schatten eurer Gewalt
schliefen, mit verkehrten Waffen, wie Nachtwandrer, herumgeirret,
und haben unsre Bedrkung umsonst in Klagen ausgehaucht.  Nun ist
die Zeit gekommen, da das berladne Mark unter der bermssigen
Last ausruft: Es ist genug*; nun soll die keuchende Beleidigung
sich in eure grosse Lehnsthle werfen, und ausschnauben; und der
aufgeschwollne Uebermuth vor Angst allen seinen Wind fahren lassen,
und mit emporstrubenden Haaren davon lauffen.

{ed.-* Das Mark wurde fr die Quelle der Strke gehalten.  Das Bild ist
von einem Cameel hergenommen, welches auf den Knien ligt, um seine
Last aufzunehmen; und gleich aufsteht, wenn man ihm mehr auflegen
will, als es tragen kan.  Warbrton.}

1. Senator.
Edler Jngling, da deine ersten Beschwerden nur noch Gedanken waren,
eh du Macht hattest oder wir Ursache hatten dich zu frchten;
sandten wir zu dir, deinen Zorn zu besnftigen, und versprachen,
unsre Undankbarkeit mit berschwnglicher Liebe auszulschen.

2. Senator.
Wir hielten auch durch eine demthige Gesandtschaft, und mit
versprochner Besserung, bey dem verwandelten Timon an, unsrer Stadt
seine Liebe wieder zu schenken; wir sind nicht alle undankbar, und
verdienen nicht alle unter dem allgemeinen Streich des Krieges zu
sinken.

1. Senator.
Diese unsre Mauern sind nicht von den Hnden derjenigen aufgefhrt
worden, von denen ihr Beleidigungen empfangen habt; und es wre
nicht billig, da diese schnen Thrme, diese Tropheen und diese
Schulen, um der Missethat etlicher Privatleute willen fallen
sollten.

2. Senator.
Diejenigen sind nicht einmal mehr am Leben, deren Bestraffung der
erste Beweggrund euers Auszugs war.  Schaam und Verdru ber die
Folgen ihrer Unbesonnenheit hat ihnen das Herz gebrochen.  Ziehe nur,
o edler Lord, mit fliegenden Fahnen in unsre Stadt ein; la, wenn
deine Rache nach einer Nahrung hungert, wovor der Natur grauet, la
durch das fatale Loos den zehnten Mann sterben, und schone der
brigen.

1. Senator.
Nicht alle haben gesndiget; es ist nicht billig, an den
Unschuldigen die Rache zu nehmen, die nur die Schuldigen verdient
haben.  Verbrechen werden nicht mit den Gtern geerbt.  Fhr' also,
theurer Mitbrger, deine Schaaren herein, aber la deinen Zorn
voraussen; schone deiner Atheniensischen Wiege, und dieser
Geschlechter, die in dem Ungestm deines Grimms mit denen, so
gesndigt haben, fallen mten.  Komm, gleich einem Schfer, in die
Hrden, um die angestekten auszusondern, nicht alle zusammen zu
erwrgen.

2. Senator.
Wozu willst du dein Schwerdt wieder uns ziehen, da du uns durch
dein Lcheln leichter zu allem was du willst, zwingen kanst?

1. Senator.
Seze nur deinen Fu gegen unsre verrigelten Thore, und sie sollen
sich ffnen, wenn du dein gtiges Herz vorausschiken willst, uns zu
versichern, da du als Freund einziehen werdest.

2. Senator.
Zieh deinen Handschuh, oder gieb uns ein andres Pfand deines
Ehrenworts, da du deine Macht nur zu deiner eignen
Wiederherstellung, nicht zu unsrer Zerstrung, gebrauchen wollest;
alle deine Kriegsschaaren sollen so lange in unsern Mauern ligen
bleiben, bi deinen Fordrungen vllig genug geschehen seyn wird.

Alcibiades.
So ist dann hier mein Handschuh.  Steigt herab, und ffnet eure
wehrlosen Thore; diese Feinde des Timon und die meinige, deren
Verurtheilung euch selbst bergeben seyn soll, diese allein sollen
fallen; und euch zu zeigen, da ihr von meinen edlern Gesinnungen
nichts zu besorgen habt, so soll keiner von meinen Leuten sein
angewiesenes Quartier berschreiten, oder den Lauf der brgerlichen
Ordnung in den Bezirken eurer Stadt stren, ohne von den
ffentlichen Gesezen zur schrfsten Verantwortung gezogen zu werden.

Beyde.
Di ist sehr edel gesprochen.

Alcibiades.
Kommet herab, und haltet euer Wort.  (Ein Soldat tritt auf.)

Soldat.
Mein edler Obrister, Timon ist todt; an dem ussersten Ufer des
Meers ist sein Grab, und auf dem Grabstein diese Aufschrift, die
ich in Wachs mit mir genommen habe, damit dieser Abdruk der
Dolmetscher meiner armen Unwissenheit sey.

Alcibiades (liet die Grabschrift:)

Hier ligt ein unglklicher Leichnam, von einer
unglklichen Seele verlassen; sucht meinen Namen nicht!  Verderben
ber euch Bsewichter alle, die ich hinter mir lasse!  Hier ligt
Timon, der alle Menschen hassete; geh' vorbey, und fluch' ihm bis
du genug hast, nur verweile dich nicht hier.  Dieses drkt die
lezten Bewegungen deiner Seele wohl aus; ob du gleich unser
menschliches Mitleid verabscheuet, und die Thrnen verschmhest,
die der kargen Natur entfallen; so lehrte dich doch ein edler Stolz,
den ungeheuern Neptun fr ewig auf dein niedriges Grab weinen zu
lassen--Wohlan--die Fehler sollen vergeben seyn--Der edle Timon ist
todt; und sein Gedchtni soll eine unsrer Sorgen seyn--Fhrt mich
in eure Stadt, und ich will mein Schwerdt mit Oelzweigen umwinden!--
Rhrt die Trummeln, und rkt ein--

(Sie ziehen ab.)


Timon von Athen, von William Shakespeare
(bersetzt von Christoph Martin Wieland).





End of the Project Gutenberg EBook of Timon von Athen, by William Shakespeare

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TIMON VON ATHEN ***

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