Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow

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Title: Berlin--Panorama einer Weltstadt

Author: Karl Gutzkow

Release Date: February, 2006 [EBook #9977]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on November 6, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***




Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.




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BERLIN--Panorama einer Weltstadt

von KARL GUTZKOW




Inhaltsverzeichnis


I. "Weltstadt"-Panorama
  Caf Stehely (1831)
  Cholera in Berlin (1831)
  Alte Bauten-neue Bauten (1832)
  Dom, Schauspielhaus-"Sechserbrcke" (1840)
  Blumenausstellung in Stralow (1840)
  Notizen (1841)
  Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)
  Der Geist der ffentlichkeit (1844)
  Mystres de Berlin? (1844)
  Impressionen-z.B.: Borsig (1854)
  Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)
  Neues Museum-Schlokapelle-Bethanien (1854)
  Zur sthetik des Hlichen (1873)

II. Fr und wider Preuens Politik
  ber die historischen Bedingungen einer preuischen Verfassung (1832)
  Drei preuische Knige (1840)
  Das Barrikadenlied (1848)
  Landtag oder Nicht-Landtag (1848)
  Preuen und die deutsche Krone (1848)
  Abwehr einer Verleumdung (1850)
  Varnhagens Tagebcher (1861)
  Vorlufiger Abschlu der Varnhagenschen Tagebcher (1862)

III. Drei Berliner Theatergrssen
  Ernst Raupach (1840)
  Ludwig Tieck und seine Berliner Bhnenexperimente (1843)
  Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)

IV. Aus dem literarischen Berlin
  Der Sonntagsverein (1833)
  Cypressen fr Charlotte Stieglitz (1835)
  Diese Kritik gehrt Bettinen (1843)
  Ein preuischer Roman (1849)
  Eine nchtliche Unterkunft (1870)
  Zum Gedchtnis Wilhelm Hrings (Willibald Alexis) (1872)
  Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)
  Louise Mhlbach und die moderne Romanindustrie (1873)




I. "Weltstadt"--Panorama




Caf Stehely (1831)


Ob man bei Stehely einen Begriff von der Verberlinerung der Literatur
bekommen kann--ganz gewi, oder man mte sich tuschen in dieser stummen
Bewegungssprache, die einen Haufen von Zeitschriften mit wilder Begier
und neidischem Blick zusammentrgt, ihn mit der Linken sichert und mit
der Rechten eine nach der andern vor die starren, teilnahmslosen
Gesichtszge hlt. Die Eisenstange und das Schlo des Journals scheint
mit schwerer Gewalt auch seine Zunge zu fesseln--wer wrde hier seinen
Nachbar auf eine interessante Notiz aufmerksam machen? Ein feindliches
Heer knnte eine Meile von Berlin entfernt sein, kein Mensch wrde die
Geschichte vortragen, man wrde auf den Druck warten und auch dann noch
ein Exemplar durch aller Hnde wandern lassen--fast in der Weise, wie in
Stralow die honetten Leute vor jeder lebhafteren Gruppe vorbeigehen mit
dem trstenden Zuruf, man wrd' es ja morgen gedruckt lesen.

Stehelys Besucher bilden natrlich zwei Klassen, die Jungen und die
Alten, mit der nheren Bezeichnung, da die Jungen ans Alter, die Alten
an die Jugend denken. Jene sind Literaten in der guten Hoffnung, einst
sich so zu sehen, wie man jetzt die Klassiker sieht, weihrauchumnebelt;
diese sind Beamte, alte Offiziers, die in einem Atem von den politischen
Stellungen des preuischen Staats, den Fen der Elsler, den Koloraturen
der Sontag, dem Spiel der Schechner sprechen! Nichts Unerbaulicheres! Vor
dem Gesprch dieser alten Gecken mchte man sich die Ohren zuhalten, oder
in die einsamere Klause des letzten Zimmers flchten. Schon wenn sie
angestiegen kommen, zumal jetzt im Winter; diese dummen, loyalen
Gesichter, diese Socken und Pelzschuhe, deren Tritt nicht das leiseste
Ohr ersphen knnte. Triumphierend rufen sie um die "Staatszeitung",
forschen nach den privatoffiziellen Erklrungen eines H., v. R., v. Wsn.
Hierauf lesen sie die Berliner Korrespondenzen in der "Allgemeinen
Zeitung", die ja wohl der Ausdruck der Berliner ffentlichen Meinung, als
wenn es eine solche gbe, sein sollen, und wenn sie sich dann noch an den
logischen Demonstrationen der Mitteilungen aus der "Posener Zeitung"
gestrkt haben, fallen sie bers Theater her und man mu sie verlassen.
Ihnen am nchsten stehen einige langgestreckte Gardeleutnants und
Referendare, die sich dadurch unterscheiden, da die einen viel sprechen
und wenig denken, die andern wenig denken und viel sprechen. Diese geben
den bergang zu den schon vorhin bezeichneten Jngeren, auf die wir unten
des breiteren zurckkommen mssen.

Es fehlt hier also durchaus nicht an den Mitteln und Elementen, sich ein
Bild der Berlinerei vorzufhren. Man verlasse das Lokal und bei jeder
Aussicht wird man fr sein Bild noch immer treffendere und bezeichnendere
Zge finden. Sogleich die Ansicht einer Kirche, die auerdem, da sie
eine Kirche ist, auch keine ist. Wie ein Luftball, der unten einen
Fallschirm zur Sicherheit trgt, erhebt sich die stolze Vorderseite
dieses Domes, leere Steinmassen und hohler Prunk, und hinten dann das
geschmackloseste Anhngsel einer kappenfrmigen Kuppel, die doch das
Wahre an dem ganzen Lrm ist in ihrer sonntglichen Bestimmung. Wiederum
vom Opernplatz aus furchtbare Steinmassen, Urkunden des Ungeschmacks aus
dem 16ten und 17ten Skulum, Hunderte von Fenstern erinnern an die Zeiten
der Aufklrung und der Illuminaten, die kahlen Kulturversuche finden sich
wieder in diesen leeren Wnden, die sich ohne Unterbrechung 80-90 Fu in
die Hhe gltten. Gilt dies freilich mehr gegen eine vergangene Zeit, so
hlt es doch nicht schwer, das alles wiederzufinden in der
Galanteriewarenmanier der neuesten Bauten, wo der Ernst nur ein
bertnchter ist ...




Cholera in Berlin (1831)


... Im gegenwrtigen Augenblick beschftigt uns am meisten die seit dem
ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter
Journalire erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen
anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die nheren Umstnde des
ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schlu fast
balladenartig. An die Mglichkeit, da die Cholera nach Charlottenburg
(eine halbe Meile von Berlin) kme, hatte man nicht gedacht, der Hof
hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl
Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl pltzlich von
dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer.
Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmnner, die zur
Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in
dem stolzen Bewutsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein
wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die
Wrter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr
man, da bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und
die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun
dieser mit der Spree in Berhrung gekommen ist, will man weder Fische
noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurckgekehrt, und
soviel man wei, wird sich der Knig auf die Pfaueninsel bei Potsdam
begeben.

Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers,
gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21
gestorben sein. Man klagt ber die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der
hiesigen rzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Mnner aus den infizierten
Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt
noch nichts bekannt geworden. Die ffentliche Stimmung ist bis jetzt noch
so ziemlich gemigt, doch sind Vergngungsrter gegenwrtig weniger
besucht, und das Raffen nach Prservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist
allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken
gnzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht
berechnen.




Alte Bauten--neue Bauten (1832)


... In den langweiligen Zeiten der Restauration, vor den militrischen
Rstungen und den Verheerungen der Cholera, waren die Kassen des Staats
reicher gefllt als gegenwrtig. Berlin war in zunehmender Verschnerung
begriffen; die Auffhrung vieler ffentlicher Gebude lie ebensosehr den
Geschmack bewundern, in dem sie angelegt und vollendet wurden, als die
Vorsicht loben, die einem groen Teile unserer Proletairs eine reichliche
Nahrungsquelle sicherte. Diese Baulust ging damals auch auf Privatleute
ber, deren Geld und Unternehmungsgeist Berlin um ein prachtvoll gebautes
Stadtquartier vergrerte. Aber auch von dieser Seite stehen alle Plane
gegenwrtig still. Die beiden ffentlichen Bauten, an die in diesem
Augenblick allein gedacht wird, sind die vllige Umgestaltung des
sogenannten Packhofes, eines Stapelplatzes und Warenlagers fr die
ankommenden Kaufmannsgter, und ein knftiger Neubau der Bauakademie. Wer
in Berlin gewesen ist, wei, da er, um vom Schloplatze nach der
Jgerstrae zu kommen, sich durch die lebhafteste, aber zugleich auch
engste Passage, die Werderschen Mhlen, die Schleusenbrcken, die
Verbindung unserer Alt- und Neustadt, durchwinden mu. Spter wird diese
unbequeme Gegend gelichtet werden. Dicht an der genannten Brcke wird
rechts ein freier Platz beginnen, der die Aussicht nach dem
Packhofgebude und der Werderschen Kirche frei macht. Gewinnen werden bei
einem solchen Projekt die Besitzer jenes Huserwinkels von der
Niederlagstrae bis zur Brcke, verlieren aber mu die kleine, winzige
Werdersche Kirche, deren Unbedeutendheit bei einer groartigern und
freiern Umgebung nur deutlicher hervortreten wird.

Der Bau der obengenannten Akademie hat noch nicht begonnen, aber es kann
auch noch lang mit ihm anstehen, da der gegenwrtige Zustand dieses
Instituts einen so bedeutenden Kostenaufwand nicht vergilt. Diese einst
so blhende Anstalt ist gegenwrtig durch die Erffnung neuer
Provinzialbauschulen und die Gewerbeakademie, die sich unter der Leitung
des Hrn. Beuth, unsers knftigen Handels- und Gewerbeministers, immer
mehr hebt, in die tiefste Zerrttung gesunken, so da die Zahl der an ihr
angestellten Lehrer der der Schler gleichkommen mag. Darum bleibt
vielleicht dieses Bauprojekt einstweilen noch unausgefhrt....




Dom, Schauspielhaus--"Sechserbrcke" (1840)


Von meiner Wohnung aus ist mir ein Blick auf die Umgebungen des Schlosses
gewhrt, auf eine berflle von groen Gebuden, die die Gegend von dem
Anfang der Linden bis zum Dom zu einem der merkwrdigsten Pltze Europas
machen. Strten mich nur nicht am Dom die beiden Zwillingsableger des
groen Turms! Neben einer groen Kuppel, die schon an sich unwesentlich
ist, da sie fr das Innere der Kirche gar keinen Wert hat, sondern nur
als bloe architektonische Verzierung dient, haben sich noch zwei kleine
Schwalbennester wie zwei Major-Epauletts niedergelassen. Man hatte dabei
wahrscheinlich die Isaakskirche in Petersburg vor Augen; aber dort
gehren diese kleinen Trme zum Kultus, indem sie auf einzelne Kapellen
Licht fallen lassen, sie sind so zahlreich bei den russischen Kirchen
angebracht, da sie schon dadurch etwas fr die dortige heilige
Architektur Wesentliches vorstellen. Hier in Berlin, wo man so viel
Russisches in der Politik und den Militruniformen nachahmte, wollte man
auch der Hauptkirche der Stadt eine russische Perspektive geben und
Schinkel war schwach genug, die beiden kleinen Vogelbauer neben den
grern Turm der Kirche zwecklos und unschn hinzustellen. berhaupt
wrden die Gebude der Residenz mehr knstlerischen Wert haben, wenn
Schinkel, ein so reicher, erfinderischer, sinniger Kopf, jenen echten
Knstlerstolz bese, der ihn verhindert htte, nderungen seiner
ursprnglichen Bauplne hinzunehmen. Eine hhere Hand, deren Munifizenz
allerdings ruhmvoll anerkannt werden mu, strich ihm bei vielen seiner
vorgelegten Bauplne meist immer das Charakteristische und Kecke weg.
Alles Hohe, Hinausspringende, Hinausragende (z.B. dreist aufschieende
Trme an den Kirchen) wird von einem an sich ganz achtbaren, aber in
Kunstsachen unbequemen Sinn fr das Bequeme, Bescheidene, Zurckhaltende
weggewnscht. Es ist nicht rhmlich fr Schinkel, da er bei seinen
zahlreichen Baugrundrissen dem Knstlerstolz so viel vergeben hat.

Schinkel hat in seinen geistvoll geschriebenen Erluterungen zu seinen
Bauten auch alle die Umstnde angefhrt, die ihn bewogen, dem
Schauspielhause seine jetzige Gestalt zu geben. Wenn an einem
ffentlichen Gebude die Fassade nicht einmal als Ein- und Ausgang
benutzt wird, wenn man auf einer groen Freitreppe Gras wachsen sieht,
so regt sich unwillkrlich das Gefhl, das Unbenutzte auch fr eine
berladung zu halten. Doch mgen die Kenner ber den uern
architektonischen Wert des Schauspielhauses entscheiden! Das Innere
dieses Theaters, wiederum nicht ausgehend von der speziellen Ansicht
Schinkels, hat ganz jenen gedrckten Miniatur- und Privatcharakter, den
ein Haus, das frher Nationaltheater hie, nicht haben sollte. Es wre
vielleicht nicht ntig gewesen, dies Theater grer, als fr 1200
Menschen zu bauen; aber warum dieser wunderliche Charakter der Isolierung
in der Anlage des Ganzen? Ein Rang ist dem andern unsichtbar. Das
Parterre und die Parkettlogen sehen nichts von den Rngen. Man wei an
einer Stelle des Hauses nicht, ob es an der andern besetzt ist. Eine
bersicht des Ganzen ist nur auf dem Proszenium und Podium mglich, so
da man, um zu wissen, ob das Haus besetzt war, die Schauspieler fragen
mu. Jedenfalls geht durch dieses Privatliche, das dem Hause aufgedrckt
ist, zweierlei verloren. Einmal eine grere gesellschaftliche
Annehmlichkeit. Da sich das ganze Publikum nicht beisammen sieht, da der
eine dem Auge des andern entzogen ist, so fllt der Charakter einer
geselligen Zusammenkunft, der so oft fr eine schlechte Vorstellung
Ersatz geben knnte, in diesem Theater gnzlich weg. Man kann Bruder und
Schwester im Theater haben und sieht sie nicht. Das zweite Unangenehme
dieser winkeligen Bauart ist, da sich das Publikum nicht als solches
bildet. Publikum heit eine Masse, die sich ihrer Kraft ansichtig ist und
das Bewutsein einer Korporation dem Spiel gegenber zu behaupten wei.
Wo man im Parterre nicht sehen kann, welche Mienen der zweite Rang macht,
wo ein Besucher des Theaters nur immer auf den Rcken des andern
angewiesen ist, da kann auch keine Totalitt des Urteils stattfinden;
jeder ist auf sich angewiesen und der Schauspieler bleibt ohne die
richtige Wrdigung seiner Leistung. Mir haben viele Schauspieler gesagt,
da Berlin kein Publikum mehr hat. Der Grund liegt darin, da die
Lokalitt dieses Publikum verhindert, sich als solches kennenzulernen und
auszubilden....

Noch eine Bemerkung will ich hier machen. Von meinem Gasthofe fhrt eine
Brcke auf den Schloplatz. Diese Passage ist nur fr ein kleines
Brckengeld gestattet, welches von einer Gesellschaft, die diese
Verbindung auf eigene Kosten anlegte, erhoben wird. Jeder Brgerliche
zahlt am Ende der Brcke eine Kleinigkeit. Das Militr ist frei. Warum?
Ich denke, weil die gemeinen Soldaten in Berlin herumzuschlendern pflegen
und von der Bedeutung dieses Brckengeldes schwerlich eine Vorstellung
haben. Es wrde ein ewiges Zurckweisen sein, Hndel geben und deshalb
lt man Soldaten frei passieren. Wie aber nun die Offiziere? Wird man
nicht annehmen, da diese eine so kleine Vergnstigung verschmhen und
mit echtem point d'honneur da nicht frei vorbergehen werden, wo eben
eine arme alte Frau oder ein Handwerker seinen Sechser bezahlt? Nein, ein
General geht mit einem Brgerlichen hinber: Der Brgerliche bezahlt, der
General nicht. Ich denke nun jeden Morgen und Abend nach, wie ein so
achtbarer, auf das Feinste seines Ehrgefhls wahrender Stand, das
preuische Garde-Offizier-Korps, sich daran gewhnen kann, von einer
winzigen Steuer, die ihm allerdings erlassen ist, sich so loszusagen, da
er in der Tat von jener Vergnstigung Gebrauch macht. Wr' ich Offizier,
ich wrde es fr beleidigend halten, wollte man mir zumuten, von einer
Steuer dieser Art, die den rmsten trifft, mich zu befreien.

Ich schliee daraus, wie wenig das, was wir Ehre nennen, doch als etwas
Ursprngliches im Menschen ausgebildet ist; denn sehen wir hier nicht,
da eine in diesem Punkte sehr zartfhlende Menschenklasse dennoch in
einer Ehrensache ganz von der Sitte und der Gewhnung abhngen kann und
wie leicht wir ber etwas, das sich der Einzelne nicht gestatten wrde,
hinweggehen, wenn es von allen angenommen wird?




Blumenausstellung in Stralow (1840)


Was rennt das Volk? Was strmt es durch die Gassen? Alles eilt hinaus in
die Gegend des lieblichen Stralow: In die Blumenausstellung, nach dem
Hyazinthen-Flor. Eine halbe Stunde mut' ich mit meinem Wagen Queue
machen, eh' ich vor dem Eingang zu Faust und Moewes aussteigen konnte.
Schon aus weiter Entfernung, mehre Straen vorher, riecht man die von
Hyazinthen parfmierte Luft. Tausende von Menschen drngen sich in
groen, feldhnlichen Grten und bewundern ungeheure Anlagen von
Hyazinthenbeeten, die auf den Effekt hin gepflanzt sind, sich in den
buntesten Schattierungen ablsen, ja sogar groe, riesige Figuren zu
bilden, z.B. einen Floratempel, ein "eisernes Kreuz" und dergleichen
Zusammenstellungen. In Harlem knnen nicht grere Blumenmassen
beisammenstehen. Indessen gerade dies Hollndische ist abstoend. Man
wird gegen den Reiz der Blumen unempfindlich, wenn man sie in Massen
versammelt sieht. Nun gar zur Bildung von allerhand Symbolen mibraucht,
hat die Blume nur noch den Wert der Farbe, und das Freie, Selbstndige,
das Duftige derselben geht mit dieser Bestimmung verloren.

Hier sind meine Berliner recht in ihrem Element. Eine Anlage ohne
Schatten schreckt sie bei der glhendsten Hitze nicht ab. Ein dumpfes
Musikgedudel nennen sie musikalische Unterhaltung. Vorn an der Kasse
zieht man ein Los, zahlt dafr 5 Silbergroschen und gewinnt gewhnlich
nur einen Strau, den man auf dem Gensdarmenmarkt fr 4 Pfennige kauft.
Was liee sich unter dem Titel "Die Blumenverlosung" nicht fr eine
hbsche Lokalposse schreiben. Hier laufen in Berlin soviel "volkswitzige"
Schriftsteller herum, warum erfinden diese Leute nicht dergleichen Spe
fr die Knigsstdter Bhne? Herr Glabrenner schreibt kleine Broschren,
worin er Berliner sogenannte Volkscharaktere sich im geschraubtesten und
gemeinsten Berliner Jargon ber das Hundertste und Tausendste unterhalten
lt; nein; auf der Bhne, im sinnigen Arrangement solcher Lokalscherze
bewhrt sich der Beruf zum Volksschriftsteller. Beckmann z.B. ist ein so
willkommnes Menschengerst, auf welches man die drolligsten Erfindungen
hngen kann. In der Blumenverlosung denk ich mir ihn mit der grnen
Grtnerschrze am Eingang eines Treibhauses und die Gewinste austeilend.
Er entfaltet die Nummer: "Sie erhalten, Madame, einen kleinen Ableger
einer neuerfundenen Pflanze, die erst krzlich auf der Pfaueninsel
entdeckt und aus Amerika hier eingefhrt wurde." Die Dame sagt: "Mein
Gott, das ist ja nichts als eine Maiblume mit einem Salatblatt." Darauf
mte Beckmann replizieren und seine botanischen Kenntnisse entwickeln.
Zum Schlu knnte durch die Blume noch eine Heirat zustande kommen. Warum
schreibt Herr Cerf keine Konkurrenzpreise aus?




Notizen (1841)


Ein Pietist Unter den Linden

Nach einigen sehr staubigen, schwlen Tagen hatte es endlich geregnet.
Der schnste Sonntagmorgen lockte unabsehbare Menschenscharen unter die
Linden. Am Palais des verstorbenen Knigs tritt mich ein Mann mit einem
Orden im Knopfloche an: "Schnes Wetter." "Schnes Wetter." "Das macht
Gott mit einem Wort. Unser Menschenwitz htte das nicht machen knnen."
"Schwerlich." "Und der Herr ist allerwegs mchtig und gro ist sein Name,
ja gro in Ewigkeit." "Amen!" Der Fremde begann hierauf mit krftiger
Stimme und vielem Redetalent eine Auseinandersetzung ber die angeborne
Sndhaftigkeit des Menschen. Da ich ruhig und fast teilnahmslos neben dem
mir gnzlich unbekannten Manne herging, frug er mich mit fast zorniger
Ungeduld: "Ich wei nicht, ob Sie mich verstehen?" "Vollkommen!" "Halten
Sie mich fr einen Schwrmer?" "Ich hre den Lrm, sehe aber kein Licht."
Diese Antwort von dem schlichten Spaziergnger war dem Bekehrer
unerwartet. Er sah mich gro an und ging. Zu Hause fand ich in der
Rocktasche einen Butraktat. (Gedruckt bei Wohlgemuth.)


Die Kandidaten der vakanten mter

Einen rhrend-komischen Anblick gewhrt an jedem Morgen in den ersten
Frhstunden ein Spaziergang durch die oberen Linden und die Wilhelmstrae
bis zur Leipziger Strae hin. Das ist nmlich die Zeit, wo die Kandidaten
aller vakanten und nicht vakanten mter, die Kandidaten aus allen
mglichen geistlichen, Schul-, Justiz- und Regierungsfchern den
mchtigen Ministern und Rten ihre Aufwartung machen. Schwarz gekleidet,
mit weier Binde um den Hals, schieen sie an dir vorber, pltzlich
stehen sie still, berlegen eine erhaltene Antwort oder ein zu stellendes
Gesuch, probieren die eingelernte Rede noch einmal, nhern sich der
verhngnisvollen Tr, haben nicht das Herz, kehren noch einmal um, um
sich zu erholen, und wagen es erst dann mit einem mutigen Entschlu.
Andere wollen eben von der Rechten an die Tr eines Hotels treten, da
begegnet ihnen ein anderer von der Linken. Und doch ist nur eine Stelle
vakant! Jeder bildet sich ein, so frh zu kommen, da er den mchtigen
Mann, der sie vergibt, allein trifft, aber--entsetzliche Tuschung--schon
ist das ganze Vorzimmer gefllt und die eine Lebensfrage, auf deren
Lsung eine seit sieben Jahren verlobte Braut und ein nachgerade
ungeduldig werdendes Schwiegerelternpaar harrt, verschwimmt in den
Lebensfragen von dreiig anderen Menschen, in den Hoffnungen von
ebensoviel anderweitigen Bruten! Geffnet ist hier die geheime Werkstatt
unserer Existenz, offen liegen sie da, die Gruben und Gnge, die der
Fuchs oft schneller durchgrbt, als der still arbeitende Bergmann--ein
Anblick, zugleich komisch und zum Weinen!


Sommertheater in Steglitz

Wie weit bleibt das Sommertheater in Steglitz hinter den Anpreisungen
der Journale und den migsten Erwartungen zurck! Ref. hoffte, ein
niedliches, von Holz und Backsteinen aufgefhrtes, der Wrde Berlins
entsprechendes Theater zu finden und fand eine Bretterbude, nicht besser
als eine Scheune, mit langen hlzernen Bnken und einem Rang, der nichts
als eine Galeriebrstung ist. Die Hitze in dem kleinen Raume ist
unertrglich und verlt man ihn, so wandelt man, wilden Tieren gleich,
in einem abgeschlossenen sandigen Vorplatze umher, nichts sehend als Luft
und Flche. Wer dies Theater einmal gesehen hat, besucht es nicht wieder.
Wenn hier eine Befriedigung der Schaulust geschaffen werden sollte, so
htte man etwas geben sollen nach dem Vorbilde des Hamburger Tivoli. Ein
Sommertheater ist nur unter freiem Himmel geniebar oder es sei denn, da
ein steinerner Bau die ersehnte Khlung spendet. Da eine so armselige
Umgebung nur nachteilig auf das Interesse wirken kann, welches die
Schauspieler selbst in Anspruch nehmen, versteht sich von selbst. Sie
werden vom Publikum verspottet, ihr Ernst wird ironisiert.


Berliner Volkscharakter

Berlin macht von Jahr zu Jahr bedeutendere Fortschritte nach dem Ziele
einer seinem uern Umfange auch innerlich entsprechenden
Grostdtigkeit. Anlagen jeder Art, merkantilische, industrielle,
gesellige, werden in grerem Stile als frher ausgefhrt. Manches, was
noch vor drei Jahren das hiesige Publikum beschftigen konnte, wird jetzt
verachtet, z.B. die Trivialitt der sogenannten Berliner Volksliteratur,
die in "Herrn Buffey auf der Kunstausstellung" den Gipfel des Unsinns und
der widerlichsten Geschmacklosigkeit erreicht hatte. Die Knigstdtschen
Theaterwitze sind im Abnehmen und aus der lgenhaften Verballhornisierung
des Berliner Volks-Charakters, wie dieser sich in "Berlin--wie es it und
trinkt" gezeichnet findet, tritt allmhlich wieder das ursprngliche
Grundelement des Berliners heraus: Harmloseste Gutmtigkeit, Freude am
neckenden, geselligen Scherz, hohe Achtung vor jeder geistigen
Auszeichnung, sinniger Genu der sparsamen, aber oft anmutigen
Schnheiten, die die Natur, im Bund mit der Kunst, dieser gewi noch
einer bedeutenden Zukunft entgegensehenden Hauptstadt geschenkt hat.




Berlins sittliche Verwahrlosung (1843)


Im vergangenen Winter brachte jeder Tag die Kunde eines neuen, in Berlin
verbten Diebstahls. Die dortigen Zeitungen machen aus dem ungesicherten
Zustand der Hauptstadt kein Geheimnis mehr. Die Berliner Diebe erfreuen
sich einer so originellen Organisation, da die Polizei manchen Bewohnern
anzeigen kann, sie wrden in kurzem bestohlen werden. Vierzehn Tage
wachen die Gewarnten: Am fnfzehnten wird richtig bei ihnen eingebrochen.
Ein Artikel der "Vossischen Zeitung" erzhlt, da nachts in den
besuchtesten Straen durch Leiteranlegung sogar die Beletagen bestohlen
werden. Wenn man diese sich tglich wiederholenden kriminalgerichtlichen
Anzeigen liest, mu man glauben, Berlin wrde zum groen Teil von einer
ungebesserten Verbrecherkolonie bewohnt.

Ehe man aus diesem Gefhl gnzlicher Unsicherheit, das gegenwrtig in
Berlin allgemein herrschen soll, einen Schlu auf die sittlichen Zustnde
der norddeutschen Hauptstadt macht, mu man so gerecht sein, einige
Umstnde mit anzuschlagen, die in Berlin dem Diebswesen ganz besonders zu
Hilfe kommen. Geboren in Berlin und selbst einmal durch Einbruch dort
bestohlen, glaub' ich ber diesen Gegenstand, der nachgerade die
Aufmerksamkeit jedes Sitten- und Volksfreundes beschftigen mu, eine
Stimme zu haben.

Den Diebstahl erleichtert in Berlin der Mangel an Aufsicht und die
Einrichtung der Huser. Die Zahl der Nachtwchter ist viel zu klein.
Diese "Schnurren" sind alte ausgediente Militrs oder sonstige
Exspektanten, die aus Verzweiflung einen Dienst ergreifen, den sie fast
nur pro forma versehen. Die Nachtwchter in Berlin sind oft hinfllige
Greise. Mit einem sprlichen Gehalt versehen, sind sie auf die Sporteln
ihres Dienstes angewiesen. Diese bestehen in den Ertrgnissen eines
Privilegiums, das man in fremden Stdten kaum fr mglich halten mchte.
Der Berliner Nachtwchter hat ein Bund von hundert Hausschlsseln am Leib
hngen und schliet jedem auf, der des Abends nach zehn Uhr in das erste
beste Haus einzutreten wnscht. Die Trinkgelder sind seine Revenuen. Man
sieht, da es die Diebe an keinem Ort der Welt so bequem haben, als
in Berlin.

Das Revier des Nachtwchters ist zu gerumig. Er hat mehr Straen unter
sich, als er beaufsichtigen kann. Mit seinen Trinkgeldern beschftigt,
kmmert ihn das Straenleben sehr wenig. Er horcht nur, da man ihn ruft,
um in ein Haus eingelassen zu werden. Gegen Morgen weckt er die Bcker,
die Brot zu backen haben. Die Rundgnge durch die Straen werden ohne
Aufmerksamkeit abgemacht. Der schtzende "Kellerhals", hinter dem er
ausruht, ist sein bequemer Sorgenstuhl. Macht er seinen Rundgang, so
kndigt ihn seine Pfeife schon an und die Diebe haben Zeit, sich whrend
seines Vorbergehens zu zerstreuen.

Berlin mu die Zahl der Wchter verdreifachen und sie unter eine
militrische Disziplin stellen wie Hamburg. Die Hamburger Wchter sind
eine wirkliche Schutzwache gegen die Feinde der Ordnung und des
Eigentums.

Hat man schon aus dem Vorigen gesehen, da die Berliner Huser sich des
Nachts jedem beliebigen Besucher ffnen, so ist der Hausfriede am Tage
nicht gesicherter. In Paris hrt man viel von Betrgereien in den
Kauflden, von Betrgereien in hunderterlei Manieren, wie sie Vidocq in
seinem Lexikon auffhrt, aber wenig von Diebstahl oder gar nchtlichem
Einbruch. Berlin ist eine groe Stadt geworden und war ursprnglich nur
auf eine Mitte1stadt angelegt. Die Straen sind weitlufig, die Reviere
entlegen, die Huser sind meist zweistckig und nur von einigen Familien
bewohnt. Das Institut des Portiers (Hausmeister in Wien) kennt man nicht,
da dafr die Huser zu klein sind. Hier gibt es keine Kontrolle der Ein-
und Ausgehenden. Jeder Hof ist frei, jede Treppe den Bettlern zugnglich.
Den ganzen Tag reit das Klopfen und Klingeln nicht ab. Jeder Mieter ist
froh, sich auf seine Zimmer abschlieen zu drfen und kmmert sich nicht
um den Nachbar, bei dem man, whrend nebenan Gesellschaft ist, alles
ausrumen kann. Whrend mir vor Jahren in Berlin mein ganzes Zimmer
ausgerumt wurde, sa meine Wirtin ruhig im Zimmer nebenan, las den
"Beobachter an der Spree" und strickte Strmpfe.

Lt sich nun auch hierin, da Berlin nicht umgebaut werden kann, keine
Vernderung treffen, so wird doch darum die erhhte Wachsamkeit der
Behrden um so dringender. Ohne eine neue Wchter- und Patrouillen-
Organisation wird in Berlin die Gefahr des Eigentums immer mehr zunehmen.

Dieser Gegenstand lt aber noch tiefere Betrachtungen zu. Ist in Berlin
den Dieben ihr Handwerk erleichtert, wo kommen all die Diebe her? Woher
diese sittliche Verwahrlosung, von der wir tgliche Belege erfahren?
Woher gerade in Berlin diese immer mehr zunehmende Verworfenheit? Harun
Al Raschid, der verkleidet des Nachts durch die Straen ging, Harun Al
Raschid wrde darber sehr tief nachgedacht haben, wenn er diese
Beobachtung an Bagdad gemacht htte.

Es ist wohl mglich, da nach Berlin, wo die Diebe eine so bequeme
Wchter- und Huserordnung antreffen, viel fremdes Gesindel zieht, und
doch steht es fest, da Berlins Unsicherheit grtenteils aus seinem
eignen Schoe entspringt. Die Entdeckungen und Signalemente weisen dies
aus. Es ist ein betrbendes Gestndnis, das man sich nicht ersparen darf:
In Berlin ist die Wurzel des Volkes faul. Die Immoralitt frit wie ein
Krebs um sich. Die Familien sind zerrttet, zu der Armut und
Brotlosigkeit gesellt sich die Neigung zum Verbrechen; die dem Berliner
eigene Keckheit und Verwegenheit steigert das Gelst zum Entschlu, den
einmaligen Entschlu zum immerwhrenden Handwerk; die Zuchthuser liefern
die Verbrecher nicht gebessert zurck, sondern in kurzem sieht sich die
richterliche Gewalt gentigt, den Verbrecher aufs neue einzuziehen und
ihn auf zwanzig Jahre dorthin zu schicken, wo er bereits fnf Jahre
umsonst gesessen.

Es gibt eine moralische Erziehung und eine moralische Unerzogenheit des
Volkes. Die Frchte derselben reifen erst in sptern Jahren. Man wird fr
Berlins gegenwrtige Verwilderung die Ursachen in vorangegangenen Fehlern
suchen drfen. Eine richtige Erkenntnis dieser Fehler mu zu den Mitteln
fhren, sie knftig zu vermeiden. Mein Versuch, diese Erkenntnis zu
befrdern, wird Widerspruch finden. Ich will aber offen meine Meinung
sagen.

Aus dem Mangel an edlem geistigen Stoff, aus dem Mangel wrdiger
ffentlicher Tatsachen ist der zweite Grund dieser sittlichen
Verwahrlosung herzuleiten, die isolierte Vergngungssucht. Auch Wien ist
ohne ffentliche Tatsachen, aber Wien hat kombinierte, nicht isolierte
Vergngungen. Es ist dies keine Wortantithese, sondern ein wirkliches
Sachverhltnis, dessen schdlichen Einflu auf die Sittlichkeit ich
beweisen will. Der Wiener erholt sich an der allgemeinen Freude, an der
Freude, die alle teilen. Seine Natur lockt alle, befriedigt alle. Sein
Vergngen ist durch berlieferung seit Jahrzehnten vorgezeichnet. Musik,
Tanz, Theater, heitere Ausflge in die schnen Umgebungen. In Berlin
isoliert sich alles. Keine ffentliche Vergngung befriedigt und so
entstehen diese Ressourcen, diese Picknicks, diese geschlossenen
Gesellschaften, diese Krnzchen, dies Jagen nach "Privatvergngen", dies
Spelunkenwesen der Weinstuben, Konditoreien, Tabagien. Die Krfte der
Familien berbieten sich, diese Subskriptionsessen und Ressourcenblle
verursachen Ausgaben, die den Handwerker in Schulden strzen, die
Leihhuser fllen sich, der geweckte Libertinismus der Frauen reit die
Mnner in Strudel, wo sie nicht mehr ihrer Sinne, bald auch nicht mehr
ihres Gewissens mchtig sind. Hat man nicht in Berlin eine Diebs- und
Hehlerbande entdeckt in dem Augenblick, als sie sich in einer Reihe von
Kellerstuben zu einem glnzenden Ball vereinigt hatte? Boz kann nichts
Grelleres erfinden und Madame Birch-Pfeiffer nichts Drastischeres in
Szene setzen.

Mu man nicht hier ein spezielles schlechtes Regierungssystem, so mu man
vielleicht den ganzen modernen Staat anklagen. In meinen Pariser Briefen
hab' ich von unserer Politik gesprochen, die nur den Menschen ausbeutet,
nicht ihm hilft, das Genommene zu ersetzen. Ich habe ein Ministerium der
ffentlichen Wohlfahrt vorgeschlagen, das sich mit positiven Schpfungen
beschftigen msse, um das Individuum vor dem Staate zu sichern, den
Acker, den man beernten will, auch zu besen. Hier ist ein neues Ziel,
das eine solche Institution sich stecken mte. Zerstrt diesen
Isolierungstrieb! Bindet die Menschen fr ihre Vergngungen aneinander!
Erfindet etwas im Zeitalter der Erfindungen! Erfindet etwas Geistiges,
etwas Moralisches, neben dem vielen Technischen und Materiellen! Was
knnte Berlin Ersatz geben fr den Mangel einer heiteren und
zerstreuenden Natur? Was knnte diese Tausende von gedankenlos zum Tor
hinauswandelnden Sonntagsspaziergngern vereinigen? Was kann das Innere
der Stadt abends bieten, wenn die Sonne untergegangen ist und man
heimkehrt und nicht in seine vier Pfhle rckkehren will? Denkt doch
darber nach, ihr philosophischen Staatsmnner, die ihr jetzt in Berlin
das Ruder in Hnden habt! Gebt dem Volke nicht etwa polizeilich
angeordnete Spektakel, sondern weckt den Trieb des Volkes, selbst
dergleichen zu erfinden oder sich an dem von fremdher gegebenen Ansto zu
beteiligen. Ehrt die Neigung zur ffentlichkeit! Verbietet nicht, wie das
noch vor vier Jahren in Berlin beim Buchdruckerfest so gehssig war,
ffentliche Aufzge; lat die Menschen sich menschlich austoben, dann
werden sie nicht in die Kellerlcher kriechen und es tierisch tun. Eines
der sichersten Mittel zur Volksveredelung sind die Theater. Ich erinnere
an die wahren Worte, die ich von Guizot in meinen Pariser Briefen
mitteilte: "Ein starker Theaterbesuch leitet alle schlechten Gelste der
niedern Volksklassen ab." Berlins Opernhaus wirkt wenig auf die
Moralitt, das Schauspielhaus erhielt durch den vorigen Knig ganz jenen
Privatcharakter, der in allem die Grundlage so vielen Verderbens fr
Berlin ist, das Knigsstdter Theater hat zwischen Nestroys Possen und
der glnzenden italienischen Oper, wo Rubini per Abend 800 Taler bekommt
und die Preise der Pltze verdreifacht sind, keinen Mittelweg. Das
Theater, in Wien und Paris ein so harmloser Hebel der Sittlichkeit, ist
in Berlin eine knstliche Anstalt, die mit dem Volke in keiner anregenden
Verbindung steht. Entweder mu man in Berlin die Hofbhne entschieden zur
Volksbhne umwandeln, oder Vorstadttheater gestatten, eines fr die
Gegend nach dem Kpenicker Felde zu und ein anderes nach der Richtung des
neuen Hamburger Tores. Nur vorlufig zwei solcher Theater, gut
beaufsichtigt, in Hinsicht der vorzustellenden Stcke vllig freigegeben,
mit niedrigen Eingangspreisen. Zwei solcher Volkstheater, natrlich mit
Aufhebung der bestehenden sogenannten Liebhabertheater, knnten den
auffallendsten Einflu auf die Sittenverbesserung Berlins haben.

Endlich ist der dritte Punkt die Volksbildung selbst und die Religion.
Fr die erste, insoweit sie durch Schulen erreicht wird, ist wohl in
Berlin hinlnglich gesorgt. Nicht umsonst hat man vielleicht der vorigen
Regierung ihr Schulwesen nachgerhmt. Aber es ist eine bekannte Tatsache,
da Kenntnisse an und fr sich noch nicht die Sitten reinigen. Sie
befrdern zuweilen eher die Verschlagenheit und machen nur geschickter zu
den Verbrechen. Aus Rechnen, Lesen und Schreiben wird noch kein
sittlicher Mensch. Der Konfirmandenunterricht wird in Berlin nicht eben
sehr ernst betrieben. Das "Eingesegnetwerden" ist ein mehr brgerlicher,
als geistlicher Akt. Die Zahl der Konfirmanden ist zu gro und dem
Geistlichen fehlt in allem, so auch hier die durchgreifende
Beaufsichtigung seiner Gemeinde. Sie ist bei einer so groen Stadt und
der Freiheit vom Beichtzwange schwer oder ganz unmglich. Tun nun die
Kirchen ihre Pflicht? Wird die Religion so gepredigt, da sie veredelnd
und tief in die Sittlichkeit des Volkes eingreifen kann?

Das ist denn wiederum ein wichtiger und auerordentlich schlagender
Punkt, wo sich die Gebrechen der vorigen Regierung offen zur Schau geben.
Nein, das Christentum hat in Berlin die Wirkung nicht, die es haben
knnte und haben sollte. Christus wird in Berlin in einer Weise
gepredigt, die hchst beseligend, hchst beglckend auf einen Einzelnen
wirken kann. Es gibt wahre Frmmigkeit in Berlin. Es gibt Versammlungen,
in denen man sich mehr erbaut als in den Kirchen, es gibt Kirchen, in
denen ein warmes, fr den Himmel luterndes Christentum sicher mit dem
trostreichsten Erfolge fr das Glck vieler Familien gepredigt wird. Aber
was kann auf unsere Zeit der Pietismus im groen und ganzen wirken? Ein
Lamm rettet man; was geschieht aber, um die tausend Rudigen anzulocken?
Haben wir gesehen, da in Berlin alles Privatsache geworden war, so ist
auch das Christentum dort Privatsache geworden. Einzelne Prediger, wie
Couard, Strau, Arndt haben einen groen Zulauf, aber nur von glubigen
Seelen, von solchen, die sich im Christentum befestigen, nicht von
solchen, die erst fr seine Wahrheiten gewonnen werden. Die Masse geht
nicht in diese Kirchen. Sie wrde gehen, wenn dieser theologische
Radikalismus ihr die Tugend nicht gar zu schwer machte. Man soll dort
einen ganz neuen Menschen anziehen, nicht neue Lappen auf das alte Kleid
flicken, nicht jungen Wein in alte Schluche fllen, sondern ein ganz
neugeborener Mensch werden. Dies Christentum kann nie auf die Masse
wirken, diese Besserungsmethode der Menschheit setzt einen religisen
Heroismus voraus, der sich nur bei wenig Auserwhlten findet und so ist
in Berlin auch die Religion, die erste Springfeder des sittlichen
Volkslebens, aus berreligion ohne durchgreifende Wirkung.

Um dem Christentume Allgemeinheit und Einflu auf die Sittlichkeit einer
Nation zu geben, mu es entweder auf den Aberglauben wirken, wie durch
die mystischen Zauber des Formendienstes im Katholizismus, oder es mu
mit schlichter Einfachheit und berzeugender Wrme auf die moralischen
Grundwahrheiten zurckgefhrt werden. Ein protestantischer Staat kann fr
seinen sittlichen Zweck auf die mitwirkende Kraft des Christentums nur
dann rechnen, wenn er den Predigern einen klaren, gefhlvoll und beredsam
vorgetragenen Rationalismus zur Bedingung macht. Es ist mit der Religion
gerade wie mit der Poesie. Dem Gebildeten mgen Krner, Tiedge und
hnliche Talente sehr tief stehen, aber die Masse findet ihre Rhetorik
sehr schn und begreift nicht, was uns an Novalis, Brentano und selbst an
Goethe mehr anziehen kann. Ein geistvoller Gedanke geht der Menge
verloren, whrend sie einem Gemeinplatze zujubelt. So mgen die Denker
und Gefhlsmenschen im Christentum die tieferen Bezge ansprechen und
beschftigen: Als Religion, als sittliche Hilfsmacht wirkt das
Christentum nur durch eine talentvolle, mit Geschmack und Beredsamkeit
vorgetragene Ausbeute seiner moralischen und gefhligen Grundwahrheiten.
Wer mir Prediger sein wollte, drfte mir mit seiner Rechtfertigungstheorie,
mit der Wiedergeburt, der Genugtuungslehre und der blichen pietistischen
Polemik nicht auf die Kanzel kommen. Htte man in Berlin geistvolle und
beredte nationalistische Geistliche wie Schmaltz in Hamburg, Bckel in
Oldenburg, Friedrich in Frankfurt, Goldhorn in Leipzig, Bretschneider in
Gotha, htte man statt einer Clique junger Kopfhnger eine Schule
wahrhaft menschheitsveredelnder, talentvoller junger Kanzelredner
gestiftet, die Kirchen wrden berfllter und die Gefngnisse
leerer sein.

Man mag gegen Friedrich Wilhelm IV. gestimmt sein, wie man will, soviel
ist gewi, er will seine Lnder im groen Stil regieren. Hier wre denn
Gelegenheit genug zu den glorreichsten Schpfungen.

[Nachtrag:]

In dem Aufsatz: "Berlins sittliche Verwahrlosung" hat man es auffallend
gefunden, da von einem zweiten und dritten Grunde dieses bels die Rede
ist, ohne da des ersten erwhnt wird. Der erste Grund war aus der
Politik und der mangelnden ffentlichkeit unter dem vorigen Knige
hergeleitet, doch mute die nhere Ausfhrung aus unmittelbar vor dem
Druck des Blattes geltend gemachten Rcksichten wegbleiben, deren Natur
jeder Kundige erraten wird. So viel, um wenigstens die logische Ordnung
des Artikels herzustellen.




Geist der ffentlichkeit (1844)


Berlin ist eine Weltstadt geworden. Frher war Berlin nur eine groe
Stadt. Berlin hat an Bewohnerzahl und Umfang unglaublich zugenommen, aber
in dieser uern Vergrerung liegt der auffallende Fortschritt nicht
allein. Er liegt im erweiterten Anschauungs-Horizont, im Durchbruch nicht
allein von Straen und neuen Toren, sondern im Durchbruch alter
Vorurteile und Gewohnheiten, im vermehrten geistigen Betriebskapital, in
der Zunahme eines Selbstbewutseins, das sich mit einem groen sittlichen
Nationalleben in Zusammenhang zu setzen verstanden hat. Es ist
berraschend, wie sich die schlummernden Krfte allmhlich entwickelt
haben. Von unten fngt das an und hrt oben, in idea1ster Hhe, auf. Der
Eisenbahnverkehr hat Berlin endlich in jenen unmittelbaren Zusammenhang
mit andern groen Stdte-Entwickelungen gebracht, der ihm frher fehlte.
Frher bezogen sich nur Potsdam, Brandenburg, Treuenbrietzen, Bernau auf
Berlin, jetzt Leipzig, Magdeburg, die Ostsee und bald Hamburg und
Schlesien. Der frhere kleinstdtische Geist ist gewichen, groe Gasthfe
sind entstanden, die Basis aller gemeinschaftlichen Unternehmungen beruht
auf breiteren Dimensionen. Man sieht das, bewundert es, oder mu
wenigstens seine Freude daran haben.

Was man in auswrtigen Zeitungen als die laufende Tagesordnung von Berlin
besprochen findet, das ist alles keineswegs Erfindung, sondern Tatsache,
durchgesprochene, lebendige Tatsache. Es stehen sich hier wirklich
Parteien und Parteien, Menschen und Menschen gegenber. Es hat sich hier
wirklich ein Geist der ffentlichkeit entwickelt, dem bis zur Stunde zwar
edle und wrdige sowohl, wie dauernde und belebende Organe fehlen, ich
meine die Organe faktischer Institutionen, dessen Ringen und Drngen aber
so mchtig ist, da es Augenblicke geben kann, wo wir uns im Anschauen
dieser Strebungen nach Paris versetzt glauben. So wie jetzt in Berlin mu
es zur Zeit der Restauration in Paris gewesen sein. Das Katheder ist die
vorlufige Volkstribne, die Wissenschaft die vorlufige Politik. Wie das
wogt und treibt! Keine Meinung will mehr allein stehen, eine Bestrebung
lehnt sich an die andere. In Berlin wohnen und nichts wirken, nichts
vorstellen, nichts vertreten, ist der geistige Tod, ist Nullitt, heit
wenigstens Nullitt, und jeder frchtet sie. Man hat angefangen, die
Bedeutung eines ffentlichen Charakters zu fhlen. Die ruhmvol1sten Namen
aus der alten Schule sieht man im Verkehr mit den erst sich machenden aus
der jungen. Unpopulr zu sein, wagt niemand. Jeder mu einen Kreis von
Gleichgesinnten um sich haben, er mu sich nach Anlehnungen umsehen. Kann
er nicht selbst einen Mittelpunkt bilden, so ordnet er sich unter und
wird Stammgast im Salon eines andern. Berlin hat seine Salons, in der Tat
Salons im franzsischen Wortsinne. Ich mu sogar so weit gehen, zu
behaupten, da es mit Geldkosten verknpft ist, in Berlin eine eigene
Meinung zu haben. Man mu seinen offenen Mittwoch, seinen offenen
Freitag, seinen Dienstag haben, um hier ein durchgreifender, ffentlicher
Charakter zu sein. Das ist kostspielig, hier mit Tieck, mit den Grimms,
mit Herrn von Savigny zu rivalisieren. Man mu wnschen, da sich diesen
Gasstrmungen von Ehrgeiz, Tendenz, Zorn, Begeisterung, Rache, ehe es
eine Explosion gibt, bald ein luftreiner Zylinder darbieten mchte, ein
Abzug ins ffentliche, groe Volksleben, durch irgendeine Tatsache, durch
irgendein Ereignis, durch irgendeinen Schritt weiter auf der betretenen
Bahn besonders des Ausbaues der stndischen Institutionen. Dies oder
irgend etwas anderes mu erfunden werden, um diesem Wettkampf von
Meinungen und Leidenschaften eine schne hhere Wahrheit zu geben und
solchen Zerrttungen vorzubeugen, wie sie z.B. jetzt infolge der
traurigen Grimmschen Erklrung, durch welche sich zwei berhmte Namen um
alte Liebe und Hingebung gebracht haben, schon eingetreten sind.

Einige der auf der Reise empfangenen Eindrcke mgen in bunter Reihe hier
wiedergegeben werden.

Am 29. Mrz beschlo Dr. Mundt seine vor einem gemischten Publikum
gehaltenen Vorlesungen ber die Gesellschaftsfrage unserer Zeit. Es war
fnf Uhr. Im Saale des Jagorschen Hauses Unter den Linden versammelte
sich so ziemlich der grte Teil des sthetisch- produktiven Berlins,
Dichter, Gelehrte, Musiker, Glubige und Prfende, Hingegebene und
Zweifelnde, wie dies um so mehr bei einem Gegenstande der Fall sein
mute, dessen ffentliche Behandlung in gewissen Regionen bedenklich
erschienen war. Als sich etwa 150 Personen eingefunden hatten, erschien
der Redner. Ich fhlte mich an die Vortrge von Edgar Quinet im Collge
de France erinnert. Nur schade, da sich Mundt zu sehr auf sein Heft
verlie und einen Gegenstand, der so tief in Herz und Nieren greift,
nicht mit freier Rede um so berzeugender darstellte. Die Wrme der
Begeisterung fehlte dem Redner nicht, eine jeweilige Handbewegung verriet
selbst seine Absicht, das, was er vorlas, als entquollen seinem innersten
Gefhle darzustellen; doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrcken, da
ein selbst ungeregelter Vortrag mit Anakoluthen, Wiederholungen und allen
Klippen eines ungewohnten oratorischen Versuches dennoch eindringlicher
spricht, als ein geschriebenes Heft.

Der Inhalt der Rede erweckte die wrmste Teilnahme. Bot ihr Anfang
demjenigen, der sich mit der Sozialwissenschaft unserer Tage beschftigt
hat, auch nichts Neues, so erhob sie sich doch in ihrem weitern Verlauf
zu einem hheren Aufschwunge, in welchem sich zum ernsten Denker der
sinnige Dichter gesellte. Der Redner sprach von den Rechten der Armen und
den Pflichten der Reichen. Er behandelte jenen ergreifenden Gegenstand
des Pauperismus, der jetzt nur noch alle Federn, bald aber auch
hoffentlich alle Herzen in Bewegung setzen wird. Jene rhrende Humanitt,
welche sich in den Schriften derjenigen Franzosen findet, die sich mit
sozialistischen Fragen beschftigten, hatte, man sah es, in des Redners
Herzen ein Echo gefunden. Er sprach mild und sanft von den Proletariern
der Gesellschaft, und ein gewisses kaltes Phlegma, eine gewisse
doktrinre Selbstzufriedenheit hinderte doch nicht, da in einigen
weihevollen Momenten ein schner Abglanz von Gemt und Wehmut auf seinen
Gesichtszgen hervorbrach. Besonders war die Bemerkung, da jetzt bei den
Fortschritten der Volksbildung der Vater beschmt von seinem aus der
Schule heimkehrenden unterrichteteren Kinde lernen knne, ebenso
geistreich aufgegriffen, wie zart und innig durchgefhrt.

ber manches teile ich nicht des Redners Meinung. Er sprach von Owen und
wrdigte ihn nicht genug, trotzdem, da er mit Achtung von ihm sprach. Er
kam zu oft auf den Mangel an Poesie in Owens System zurck. Poesie ist in
der Sozialfrage ein gefhrliches Wort. Braucht man es zu oft, so kann man
dahin kommen, da am Ende nichts poetischer als die Armut ist, und der
Armut soll doch abgeholfen werden. Wer vom Leben zu viel bunten Effekt
verlangt, dem wird freilich das Ziel einer allgemeinen Glckseligkeit
unpoetisch erscheinen. So manches andere in des ehrenwerten Redners
uerungen lieen mich fast besorgen, er htte das Thema der materiellen
Gesellschaftsfrage nur zum Kanevas von allerhand auf anderm Gebiet
spielenden Anmerkungen gemacht, von Anmerkungen, die ich sehr treffend,
sehr zeitgem, ja sehr freimtig und gegebenen Umstnden gegenber khn
fand, die aber doch nur mehr dem idealen Gebiet angehrten und die
Ansicht vorauszusetzen schienen, man knne Hungernde mit Sonnenlicht
sttigen und Drstende mit den Farben der Blumen trnken. Der Redner
kannte die praktischen Schden, wollte sie heilen und wich wiederum dem
praktischen materiellen Gebiete aus. Doch abgesehen von diesem Einwurf,
der ohnehin auf einem Miverstndnis beruhen kann, hat sich Mundt ein
groes Verdienst erworben, da er in jener unmittelbaren Form, in der
Form der Rede, einen Gegenstand zur Sprache brachte, der immer mehr in
den Vordergrund der Debatten treten und jene welt- und gottweise
Philosophie beschmen wird, die im Webstuhl ihrer Abstraktionen nur
Leichentcher fr das Leben spinnt ...




Mystres de Berlin? (1844)


Das ist gewi charakteristisch! Mein erster Blick auf eine der hiesigen
Zeitungen fiel auf den Vorschlag eines Frhgottesdienstes fr
Droschkenfuhrleute. Wahrlich, dieser Vorschlag verleugnet seinen Ursprung
nicht! Zwar ist derjenige, der ihn zunchst machte, ein Jude (der
Besitzer der Haupt-Droschkenanstalt), aber auch das ist bezeichnend; die
spekulativen Juden, die Juden, die den Geist der Zeit verstehen,
bestreben sich hier, dem berchristentum in die Hnde zu arbeiten. Ein
Frhgottesdienst fr Droschkenfuhrleute! Man mache sich recht klar, was
darunter zu verstehen ist. Man hat nmlich gefunden, da die
Droschkenfhrer von frh bis Mitternacht ihrem Herrn und Lohngeber dienen
mssen. Auch den Sonntag heiligen sie nicht. Um sie nun der Kirche nicht
gnzlich verloren zu geben, lt man ihnen jetzt morgens, wenn sie ihre
Wagen reinigen, wenn sie ihre Pferde anschirren, rasch von einem eigens
bestellten "Droschkenprediger" eine kurze geistliche Rede halten. Man
glaubt, wenn man so etwas erfhrt, in England oder Pennsylvanien zu sein.
Diesem Frhgottesdienst fr Droschkenfhrer mssen, wenn man konsequent
sein will, noch diese Einrichtungen folgen:

Ein Frhgottesdienst fr Brieftrger.

Ein Nachmittagsgottesdienst fr Milchkarrenschieber; denn auch diese
Fuhrleute bringen ja jeden Sonntag die Milch zur Stadt. Gut, ich glaube,
da es wnschenswert ist, auch die Droschkenfuhrleute an die Kirche zu
gewhnen; aber htte die gesunde Vernunft und die Billigkeit jenes
berchristlichen Juden, wahrscheinlich eines Kommerzienrates, nicht einen
andern Ausweg finden knnen? Wie nun, wenn man bei den Droschkenstllen
keinen Gottesdienst errichtet, wohl aber jedem Droschkenfhrer es mglich
gemacht htte, alle vierzehn Tage oder wenigstens alle vier Wochen einen
halben Sonntag frei zu haben, einen halben Sonntag, wo er die Kirche
besuchen kann? Erlaubte das die Dividende des Kommerzienrates nicht? Ihr
habt ein so groes Mitleid mit der Seele des Droschkenfuhrmanns und sorgt
fr seinen Kirchgang, schenkt ihr ihm dann auch, dem geplagten, an seine
Karre gebundenen Menschen, einen Erholungstag? Spannt ihr ihn einmal aus
seinem Joche aus und errichtet einen Aktienverein zu einer Mittagsfreude,
zu einer Nachmittags-Belustigung? Statt da also die hiesigen
berchristen den Kommerzienrat zwingen sollten, jedem Droschkenfuhrmann
alle vierzehn Tage oder alle drei Wochen, die Reihe herum, einen freien
Sonntag zu geben, den er als freier Mensch, Christ und Staatsbrger
anwenden kann, wie er will, schlpfen sie ber den Mibrauch des
privilegierten Droschkenregenten hinweg, sanktionieren die Tatsache, da
kein Droschkenfuhrmann einen freien Sonntag hat, und sorgen nur einzig
dafr, da ihm morgens vor Ausfahren aus dem Stall das Evangelium
gepredigt wird! O ber den frommen Kommerzienrat!

Wenn dem religisen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben
wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die bertriebene Heiligung des
Sonntags kann frmlich alttestamentarisch werden. Wenn sich z.B. Jemand
in den Gedanken vertieft, da die Eisenbahnen an Sonntagen befahren
werden und das Bahnpersonal und die Lokomotivfhrer deshalb nicht die
Kirche besuchen knnen, wrde man einem solchen Gemt nicht zurufen
mssen: Behte dich der Himmel vor Wahnsinn! Der religise Fanatismus,
der sich ferner der Armen und Kranken annimmt, hat Ansprche auf unsere
vollkommenste Hochachtung, er steht den Geboten der reinen Humanitt so
nahe, da man nicht untersuchen mag, welches die Quelle seiner Hingebung,
Aufopferung und Liebe ist; wenn aber die Pflege der Armen strafend, die
Wartung der Kranken lstig und bengstigend wird, dann mu man selbst
gegen so an sich ehrenwerte uerungen des berchristlichen Sinnes kalt
werden. Strafend aber ist die Armenpflege, welche nur dem gibt, den sie
als rechten Glaubens erkennt; lstig und bengstigend ist die
Krankenwartung, die uns zwischen den Schmerzen des Krpers von der
Verworfenheit unserer Seele redet.

Es bereitet sich hier eine Menge praktischer Anwendungen des mildttigen
Christentums vor. Die meisten davon stehen noch auf dem Papiere, einige
sind schon ins Leben getreten, z.B. ein Magdalenenstift zur Rettung
gefallener Mdchen. Was man von letzterem hrt, lt auf eine gesunde und
tatkrftige Ausfhrung dieser an sich lblichen Absicht nicht schlieen.
Schon da diese unglcklichen Personen durch eine eigene Tracht kenntlich
gemacht werden, ist einer jener finstern Nebengedanken, die wir strafende
Armenpflege nannten. Wenn es einen Weg geben kann, um solche Personen
einer sichern Besserung entgegen zu fhren, so kann es nur der sein, sie
auf eine mglichst geruschlose, stillschweigend liebevolle Weise der
Gesellschaft wiederzugeben. Eine schwarze Tracht mag allerdings bewirken,
da der, der sich dem Magdalenenstift in die Arme wirft, gleichsam die
Tr hinter sich auf immer zuwirft und eine fast kartuserartige
Resignation zeigen mu, aber wie wenig Gemter werden einer solchen
Abttung des letzten Restes von Stolz fhig sein! Gerade das, was Ihr
zuerst brechen wollt, diesen letzten Rest von Stolz, gerade das ist nur
das Samenkorn, aus dem sich eine neue Blte des sittlichen Menschen
erheben kann. Was wird das Ende dieses Beginnens sein? Da eine solche
Anstalt hinter ihrer guten Absicht zurckbleibt und, statt gebesserter,
dem Leben wieder gewonnener Verirrten, Heuchlerinnen erzeugt, die, wie es
der Fall ist, beim geringsten verfhrenden Anla wieder in ihre alten
Lasterwege zurckfallen.

Nach allem, was sich hier beobachten lt, sieht man, da man die bel,
an welchen die heutige Gesellschaft krankt, hier mehr als irgendwo
erkannt hat. Man hat sie erkannt, weil man sie fhlt, weil sie sich zu
unabweislich von selbst aufdrngen. Aber in den Mitteln, den
gesellschaftlichen Schden abzuhelfen, vergreift man sich. Man will den
Schden unmittelbar begegnen, statt da sie nur da wahrhaft zu heilen
sind, wo man ihrem ersten Grunde auf die Spur gekommen ist. Die Wurzel
mu man entdecken und den Wurm tten, der an der Wurzel nagt. Das
Begieen des welken Blattes an dem verkrppelten Stamme fristet ihm eine
Weile das frische Ansehen des Lebens, dann aber fllt es ersterbend ab,
weil der aus der Wurzel quellende Balsam des Lebens, der Saft der
Gesundheit ihm strkend nicht zustrmt.

Theodor Mundt sprach in seiner krzlich erwhnten Vorlesung von dem
durchgreifenden Streben unserer Zeit nach "Glckseligkeit und Vergngen".
Ich erschrak, wie er diese Tatsache so ohne weiteres als einen
feststehenden Satz, wahrscheinlich als die Prmisse seiner frhern
Entwickelungen einwerfen und voraussetzen konnte. Und doch stellt sich
diesem Satze, um ihn zu widerlegen, wenig gegenber. Er ist wahr, er ist
bewiesen; bewiesen nicht nur durch den Luxus der Reichen, sondern auch
durch die brennende Sehnsucht und Entsagungsunfhigkeit der Armen. Am
unersttlichsten aber in Zerstreuungen ist der Mitte1stand.
Glckseligkeit und Vergngen ist mehr denn je die Devise des Berliners
geworden. Die ffentlichen und Privatgelegenheiten zu Erholungen aller
Art haben sich reiend vermehrt. Die Straenecken sind tglich mit mehr
als einem Dutzend Zettel beklebt, um zu Zerstreuungen einzuladen. Dabei
ist der Zudrang zu solchen Nahrungszweigen, welche wenig Anstrengung
erfordern, unverhltnismig. Wer frher nicht wute, welches Gewerbe er
treiben sollte, erffnete einen Tabakshandel. Jetzt haben sich dazu
Anlagen von Kaffeehusern, Vergngungsgrten, Konditoreien gesellt, die
mit derselben Schnelligkeit aufschieen, wie hier Mode-, Schnittwaren-,
Kleiderhandlungen und Gewerbelden von solchen erffnet werden, die diese
Gewerbe nicht selber treiben, sondern nur von andern treiben lassen. Und
mitten in diesem Sausen und Brausen von Vergngungen dann jene Zustnde
der Not und des Elends, die Bettina jenen menschenfreundlichen Schweizer
im Anhange ihres Knigsbuches hat schildern lassen--der Gegensatz ist
schneidend.

Auswrts fhlt man diesen Gegensatz fast noch mehr als hier. Auswrts hat
man sich verwundert, wie mitten in diesen Tatsachen des dringendsten
Bedrfens, mitten in diesen beredten Schilderungen der hiesigen Verarmung
pltzlich das Krollsche Etablissement hat auftauchen knnen. Ich gestehe,
als ich diesen von allen Zeitungen fr einen Feenpalast ausgegebenen Ort
besuchte, konnte ich den strenden Gedanken, da diese Schpfung sehr mal
 propos gekommen, nicht unterdrcken. Zum Glck bleibt auch dieser
"Feenpalast" hinter seinem Rufe zurck. Schon in der Ferne, wenn man
durch Staubwolken durchzudringen vermag, sieht das Ganze wie eine groe
Ziegelhtte aus. Man sieht ein Konglomerat von Schornsteinen und
hervorspringenden Hausecken und fhlt sich durch den ersten Eindruck eher
abgestoen als angezogen. Dabei rgert man sich ber die Idee, ein
solches von allen Fremden zu besuchendes Lokal auf die Achillesferse
Berlins, die Sandwste Sahara, auf den Exerzierplatz zu bauen. Der
Berliner Staub, vergessen gemacht durch die freundlichen Anlagen des
Tiergartens, tritt wieder beizend, augenverderbend, unausstehlich in den
Vordergrund; denn recht in den Mutterscho dieses Staubes ist das neue
Gebude gelegt worden. Man betritt es. Alles erscheint daran lckenhaft,
hlzern, durchsichtig, leichte Ware, berechnet auf einen kurzen Effekt.
Mit einem Blick bersieht man die gewaltige Reitbahn des Vergngens.
Keine Abwechslung, kein lauschiges Versteck, keine Mglichkeit des
Alleinseins. Die nackten weien Holzwnde, mit Goldleisten zwar verziert
und hier und da bemalt, aber keine Draperien, keine Vorhnge, das ganze
Lokal auf einen Blick in die flache Hand gegeben. Das Unterhaltende an
den Maskenbllen in der groen Oper zu Paris ist nicht der groe
Tanzraum, sondern das bunte Gewhl auf den Treppen, Korridoren, in den
Foyers, in Einrichtungen, die hier, bis auf einige wenige Logen, nicht
getroffen sind. Man kann allerdings sagen, Paris besitzt ein solches
Etablissement nicht; aber man mu hinzufgen: Wenn man in Paris so
oberflchlich wre, zum bloen Dasitzen, Gaffen und Begafftwerden eine
solche Unterhaltungsanstalt zu begrnden, so wrde sie groartiger,
geschmackvoller, charakteristischer sein. Im Kellergescho dieses Tempels
der Langeweile befindet sich ein so genannter "Tunnel", eine Lokalitt
zum Rauchen, wie sie finsterer, schmutziger, erstickender kaum in London
gefunden werden kann. Man glaubt, da die "Mystres de Paris" hier ihren
Anfang htten nehmen knnen. Man glaubt den tapis franc zu betreten und
sieht sich unwillkrlich nach der Ogresse um. Aber auch die "Mystres de
Berlin" knnten hier anfangen. Gibt es solche? Gedruckt schon eine groe
Anzahl, und die zuerst kamen, von Schubar, schon in dritter Auflage ...
Schade, da sich originelle Kpfe nicht leicht entschlieen werden, in
die Fustapfen eines andern zu treten; wohl aber bliebe es wnschenswert,
da sich jemand der deutschen Zustnde so bemchtigen knnte, wie Eugne
Sue der franzsischen. Hat nicht am Ende auch Sue den Boz nachgeahmt, und
Boz wieder die alten humoristischen Romane der vorigen Jahrhunderte?
Mysterien von Berlin mten grelle Schlaglichter auf Deutschlands
sittliche, gesellschaftliche und intellektuelle Zustnde fallen lassen,
mten die Fackel der Aufklrung nicht nur in die Kellergewlbe der Armut
und des Verbrechens tragen, sondern auch in die trbe Dmmersphre der
Schein- und berbildung, der Lge und Heuchelei....




Impressionen--z.B.: Borsig (1854)


Berlin wchst an Straen, mehrt sich an Menschen, aber man kann des
Abends um neun Uhr doch im Anhaltischen Bahnhofe ankommen und wird, mit
einer Droschke von der Wilhelmstrae zu den Linden fahrend, glauben, in
Herculaneum und Pompeji zu sein; denn selbst die groe Friedrichstrae
gleicht dann schon einer verlngerten Grberstrae. Auf fnf von der
Eisenbahn herwackelnde Droschken zwei Menschen zu Fu, einer auf dem
Trottoir rechts, einer auf dem Trottoir links. Doch es ist eigen mit der
Stille einer groen Stadt. Am Gensdarmenmarkt feierliche Ruhe und in dem
so gespenstisch einsam daliegenden Schauspielhause strmte vielleicht
eben ein vielhundertstimmiges da capo. In seinem Konzertsaale sang
wenigstens Jenny Goldschmidt-Lind.

Wenn man nicht in der Lage ist, seine Ankunft in Berlin vermittels
telegraphischer Depesche irgendeinem Hotelier Unter den Linden anzeigen
und sich eine Suite Zimmer im ersten Stock zweckmig vorrichten zu
lassen, so wird man in der Hauptstadt der Intelligenz immer einige Mhe
haben, sich in seinem Absteigequartier mit dem Wahlspruche auszushnen:
Lndlich, sittlich. Die Rechnungen der Hotels bleiben gewi hinter den
Fortschritten der Zeit nicht zurck, aber die rmlichkeit der
Zimmerausstattungen, das Geprge der auf allen mglichen Auktionen
zusammengekauften Mblierung und die scheinbare Halbeleganz gewisser,
durch bermige Ausnutzung halbverwitterter Verzierungen, z.B. des
unvermeidlichen Wachstuchs auf den Fubden, stellt immer wieder die
rmlichkeit des Berliner Komforts heraus, von den Betten, ihrer Enge,
ihren zentnerschweren Federpfhlen nicht zu reden. Von Doppelfenstern ist
in der lichtliebenden Stadt wenig die Rede. Man erkennt auf diesem
Gebiete immer wieder in Berlin seine alten Pappenheimer und lt sich's
an ihnen gengen, wenn nur dafr die Ausbeute an geistiger Anregung desto
belohnender zu werden verspricht.

Regen und Schnee, Sturm und Klte lassen die groen Schmutzflchen der
Berliner Pltze und Straen doppelt schauerlich erscheinen. Unabsehbar
sind diese Wasserspiegel. Unter den Linden fegen die Straenkehrer eine
ganz eigentmliche breiige Masse zusammen, ein fnftes Element, das
bekanntlich auch nur in oder doch bei Berlin die Erfindung einer gewissen
Plastik aus Straenkot mglich gemacht hat. Ob sich nicht auch aus der
flssigen und kaltgewordenen Lava, die von Kranzler bis zum Victoriahotel
stndlich zusammengekehrt wird, wie aus Chausseestaub eine Terra cotta
fr Eichlers plastisches Kabinett bilden liee? An Ordnung in der
Handhabung der das Eis, den Schnee und den Schmutz betreffenden
polizeilichen Vorschriften fehlt es nicht. An jeder Straenecke der
belebten Gegenden steht ein Konstabler, der nach dem Charakter der
preuischen Monarchie, als einer vorzugsweise spartanischen, auch nur im
Helme des Kriegers fr den ffentlichen Frieden sorgt. Man htte aber die
Neuerung des Helms nicht zu weit sollen um sich greifen lassen. Von der
Ehre, ihn tragen zu drfen, hat man jetzt die Droschkenkutscher
glcklicherweise wieder ausgeschlossen.

Eine in die Augen springende Verschnerung der Stadt, die sie seit
einigen Jahren gewonnen, sind die nun endlich fertiggewordenen
Standbilder auf den groen Granitwrfeln der Schlobrcke. Wohl ber
zwanzig Jahre schon standen diese blanken Quadersteine und harrten ihrer
knftigen Bestimmung. Was hatte man nicht anfangs auf ihnen einst zu
erblicken gehofft? Heilige und Propheten, Panther und Lwen, berhmte
Divisionsgenerale und bewhrte wachsame Residenz-Kommandanten. Jetzt ist
"Das Leben des Kriegers" daraus geworden in griechischer Auffassung. Ob
die vielen Klagen ber allzu groe Natrlichkeit dieser Gruppen einen
Grund haben, lt sich noch nicht recht von dem heutigen Wanderer
beurteilen. Das Schneegestber verdeckt alle Aussicht, der durch die
einfache Trottoirreihe ohnehin beengte Fuboden ist zu na, um irgendwo
bequem nach dem ionischen Himmel aufblicken zu knnen, der sich ber
diesen weien Marmorgruppen ausspannen sollte. Die armen Krieger, wie es
scheint gewhnt an die Ebenen von Griechenland, wo sie als Ringkmpfer
bei den Nemeischen Spielen den Preis gewannen, haben heute dicke
Epaulettes von Schnee auf ihren Achseln liegen. Man darf mit ihnen
einiges Mitleid haben, man darf annehmen, da sie frieren; denn zu
ersichtlich sind sie nach Modellen der schnsten Grenadiere vom ersten
Garderegiment gemeielt; zu ersichtlich ist ihre Nacktheit keine
gewohnte, sondern nur ein zuflliges Ausgezogensein bei einem
gutgeheizten Berliner Atelierofen; zu ersichtlich ist ihre nur auf die
allgemeine Militrpflicht, die ein- und dreijhrige Dienstzeit, die
Manverzeit und ein mobilisiertes Ausrcken nebst endlicher
Errungenschaft eines ehrenvollen Ordens oder einer Anstellung gehende
Allegorie. Die bergroen Flgel der Viktorien sind schon fr die
Harmlosigkeit einer Beziehung auf Griechenland zu verdchtig. Man hat
diese Flgel der Viktorien hier in neuerer Zeit schon zu stereotyp
neupreuisch, d.h. als Cherubimsschmuck, ausgebildet: Es sind dieselben
christlichen Viktorien, die auf Wachschen Bildern das Grab des Heilands
hten, die den Eingang in die Kuppeldachkapelle des Schlosses bewachen
und auch sonst schon in die gewhnlichen Verzierungen der Stadt
bergegangen sind, selbst bei gewerblichen Zwecken. Diese mehr
christlichen als antiken Cherubim wecken in der Bekrnzung der Krieger
immer nur die Vorstellung eines seine Pflicht erfllenden modernen jungen
Landesverteidigers, und darum scheint das Berliner Mitleid um die
erfrierenden jungen Konskriptionspflichtigen und der mehrfach geuerte
Wunsch, ihnen warmhaltende Mntel und Beinkleider zu schenken, nicht ganz
unmotiviert. Nur ber die allzu natrliche Wiedergabe der Natur hat man
sich mit Unrecht beklagt. Die jungen Grenadiere stehen so hoch, die
Granitwrfel haben erst noch einen so ansehnlichen berbau erhalten, da
eine junge Dame schon sehr neugierig sein mu, wenn sie, aus einer
Predigt im Dom kommend, an dem modernen Griechentum auf der Schlobrcke
ein rgernis nehmen will ...

Die Zunahme Berlins an Straen, Husern, Menschen, industriellen
Unternehmungen aller Art ist auerordentlich. Auf Stellen, wo ich mich
entsinne, mit Gespielen im Grase gelegen und an einer Drachenschnur
gebndelt zu haben, sitzt man jetzt mit irgendeiner Dame des Hauses,
trinkt Tee und unterhlt sich ber eine wissenschaftliche Vorlesung aus
der Singakademie. Wo sonst die blaue Kornblume im Felde blhte, stehen
jetzt gromchtige Huser mit himmelhohen geschwrzten Schornsteinen. Die
Fabrik- und Gewerbsttigkeit Berlins ist unglaublich. Bewunderung erregt
es z.B., einen von der Natur und vom Glck begnstigten Kopf, den
Maschinenbauer Borsig, eine imponierende, behbige Gestalt, in seinem
runden Qukerhut in einer kleinen Droschke hin und her fahren zu sehen,
um seine drei groen, an entgegengesetzten Enden der Stadt liegenden
Etablissements zu gleicher Zeit zu regieren. Borsig beschftigt 3000
Menschen in drei verschiedenen Anstalten, von denen das groe
Eisenwalzwerk bei Moabit eine Riesenwerkstatt des Vulkan zu sein scheint.
Es kommen dort Walzen von 120 Pferdekraft vor. Borsig baut gegenwrtig an
der fnfhundertsten Lokomotive. Man berechnet ein Kapital von sechs
Millionen Talern, das allein durch Borsigs Lokomotivenbau in Umsatz
gekommen ist. Es macht dem reichen Mann Ehre, da er sich von den
glcklichen Erfolgen seiner Unternehmungen auch zu derjenigen Frderung
der Kunst gedrungen gefhlt hat, die im Geschmacke Berlins liegt und dem
Knige in seinen artistischen Unternehmungen sekundiert. Er hat sich eine
prchtige Villa gebaut und pflegt einen Kunstgarten, der schon ganz
Berlin einladen konnte, die Viktoria regia in ihm blhen zu sehen.

Fr gewisse industrielle Spezialitten gibt es in Berlin Betriebsformen,
die wenigstens auf dem Kontinente ihresgleichen suchen. Vor dem
Schlesischen Tore liegen die Kupferwerke von Heckmann. Hier werden jene
riesigen Vakuumpfannen geschmiedet, die man in den Rbenzuckerfabriken
ntig hat; hier werden die Kupferdrhte fr die elektrischen Telegraphen
gezogen. Heckmann bezieht sein Material direkt aus England, Schweden und
vorzugsweise Ruland. Ebenso groartig ist Ravens Handel mit
Schmiedeeisen, Blei, Messing, Zinn und allen metallischen Rohprodukten.
Es charakterisiert den Berliner Grokaufmann, der seine ursprnglichen
naiv-brgerlichen Triebe nicht lassen kann, da Raven in einem Anfall
guter Laune smtliche verkufliche Weine in Bordeaux aufkaufte und sich
das Privatvergngen machte, das Modell einer groartigen, aber soliden
Weinhandlung aufzustellen, an der es ihm in Berlin sehr ntig schien.
Goldschmidt und Dannenberger haben Kattunfabriken im Gange, die Tausende
von Menschen, die Bevlkerung kleiner Stadtbezirke, beschftigen,
berdies ein pauperistisches Element enthalten, das eine umsichtige
Behandlung erfordert ...




Quatsch, Kroll und "Satanella" (1854)


Es gibt ein Wort, das man nur in Berlin versteht. Aber auch nur in Berlin
finden sich Erscheinungen, die man damit bezeichnen mu. Es ist dies der
Ausdruck: Quatsch.

Quatsch ist der Anlauf zum Witz, der, auf dem halben Wege stehen
bleibend, dann natrlich noch hinter dem halben Verstande zurckbleibt.
Denn man kann eine halbwegs vernnftige Meinung, ein halbwegs ernstes
Urteil noch immer als eine leidliche Manifestation gesunder Vernunft
gelten lassen. Der halbe Verstand gehrt oft der Mystik an, die bis auf
einen gewissen Punkt auch gewhnlich eine Art Logik fr sich hat. Der
halbe Witz aber ist schrecklich. Er ist das absolut Leere. Er macht die
Voraussetzung, etwas Apartes bringen zu wollen und bleibt in der Grimasse
stecken. Er schneidet ein pfiffiges Gesicht und sagt eine Dummheit.
Quatsch ist nicht etwa der Unsinn. Es lebe unter Umstnden der Unsinn!
Den Unsinn haben sthetiker gttlich genannt, den echten, wahren,
natrlichen Unsinn, der die Hlfte z.B. des Wiener Witzes ausmacht. "Ein
vollkommener Widerspruch fesselt Weise und Toren", sagt Goethe; aber der
relative Widerspruch ist das ewig Gesuchte, das niemals Zutreffende, das
herren- und ziellos Herumtaumelnde und Faselnde, mit einem Wort das
Quatsche.

Berlin ist gro im Quatschen. Es kichert ber jede Grimasse zum Witz,
wenn auch der Witz ausbleibt. Irgendeine zweimal wiederholte
absonderliche Redensart findet unverzglich ihr Publikum. Man findet hier
Menschen, die fr witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere
Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln
und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein
ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie
fallen, sie stolpern ber sich selbst; die Berliner nennen das alles
witzig, whrend ein Vernnftiger es Quatsch nennen mu. Ich sah "Mller
und Schultze bei den Zulu-Kaffern". Der Gegensatz war burlesk genug. Die
wilden Hottentotten mit ihrem rasenden Tanze, ihrem Kriegsgeschrei, ihrem
gellenden Pfeifen, mit Gebrden, die eine Hetze wahnsinniger Affen zu
zeigen schienen und im Grunde Furcht und Entsetzen, Grauen und Mitleid,
solches Gebaren menschlich nennen zu mssen, einflte, und unter ihnen
die beiden Stereotypen des "Kladderadatsch", zwar ziemlich treu im
uern, aber in jedem Worte, das sie sprachen, Vertreter des absolut
Quatschen bis zum Ekel. "Schultze!" "Mller!" "Mller!" "Schultze!" "Bist
du et?" "Ja, ik bin et." "Hurrjeh!" usw. Man denke sich einen solchen
Scherz auf dem Palais-Royal-Thtre in Paris, wir wollen nicht einmal
sagen mit Levassor und Ravel, sondern nur mit Sainville und Kalekaire!
Das Krollsche Theater mag die Mittel nicht besitzen, gute Komiker zu
bezahlen, aber der Text von Cormon, Clairville, Dennery und wie die
Fabrikanten solcher Gelegenheitsscherze in den kleinern Pariser Theatern
heien, wrde nicht so unbedingt nur fade sein. Man mu das Pariser Oh!
Oh! gehrt haben bei jedem abblitzenden Einfall eines solchen
Unsinn-Textes, um zu verstehen, wie die Franzosen auch bei solchen
Veranlassungen witzig und geistreich sein knnen. Diese Berliner
Dramatisierung der Zulu-Kaffern war aber so widerwrtig, als wenn man
sich vorstellen wollte, der Naturgeist selbst erhbe einmal seine
gewaltige Stimme, finge zu reden an und verwechselte dabei mir und mich.

Das Quatsche ist doch wohl in den Berliner dadurch gekommen, da sein
ursprnglich einfacher, sogar naiver und kindlicher Sinn den
Anforderungen einer immer mehr anwachsenden und ber seine geistige Kraft
hinausgehenden Stadt nicht gleichkommt. Schon das verdorbene
Plattdeutsch, das den Volksjargon bildet, trgt den Stempel der
Unzulnglichkeit an sich. Es ist die absolute Sprache der Unterordnung,
der Beschrnktheit; es ist die Sprache der Hausknechte, Hkerinnen,
kleinen Rentiers, der Kinder, des in die Stadt versetzten Bauers. Die
Sprechweise der Gebildeten trgt so sehr noch die Spuren vom Tonfall des
Volksdialekts, da es zu einer ganz freien Sprachbehandlung im Sinne des
reinen Oberdeutschen hier nur bei sehr wenigen kommt. Wird nun ein so
beschrnktes und in seiner Art doch wieder sehr scharf ausgeprgtes
Sprachmaterial bestimmt, dem groen Ideenkreise einer Stadt, die eine
Hauptstadt der deutschen Intelligenz sein will, zum Ausdruck zu dienen,
so entsteht dadurch jenes absolut Alberne, das man eine Art Geistespatois
nennen mchte. Diese Migeburt entstand erst mit der Zeit, wo Berlins
Trieb nach ffentlicher Bewhrung wuchs. Seine Bevlkerung emanzipierte
sich zum Grostdtischen. Die Schusterjungen machten wohl die ffentliche
Meinung schon zu Friedrichs des Groen Zeit; der Knig sagte den
Katholiken, die das Fronleichnamsfest ffentlich feiern wollten: Er htte
nichts dagegen, wenn die Schusterjungen es nicht hinderten. Allein die
literarische Vertretung des Schusterjungentums ist neu und schreibt sich
von den bekannten Eckensteherwitzen her. Dieser Fortschritt war an sich
nicht unwichtig. Es ist mit diesem Neu-Berlinertum viel gesunde Vernunft
zur Geltung gekommen und wer wrde verkennen, da "Kladderadatsch" ganz
Deutschland, von Saarlouis bis Tilsit, vorm Einschlafen geschtzt hat?
Aber die "Gelehrten des Kladderadatsch" sind witzige Auslnder, die sich
nur berlinischer Formen bedienen. Ohne die Schrfe dieses Blattes wrden
diese Formen, wie die Erfahrungen auf den neuerffneten hiesigen Bhnen
zeigen, ganz ins Quatsche zurckfallen.

Die Art, wie hier in neuerer Zeit Bhnen erffnet worden sind (um diese
Fhrte des Geschmacklosen weiter zu verfolgen), ist eine der
unglaublichsten Inkonsequenzen einer Regierung, die in allen andern
geistigen Fchern so auerordentlich schwierig ist. Das Ministerium
Ladenberg ging auf eine so gewissenhafte Revision der Theaterkonzessionen
aus, und in Berlin durften Kaffeehuser und Tanzlokale sich in Theater
verwandeln! Es ist noch ein wahres Glck, da unser Schauspielerstand
durch die sogenannten Tivolitheater nicht ganz verwildert ist, was
freilich in einigen Jahren immer mehr der Fall sein wird; es finden sich
immer noch einzelne Darsteller, die den Ehrgeiz besitzen, mit ihrer Kunst
nicht ganz zugrunde zu gehen. Kaum ist die nchste materielle Not
befriedigt, so werden sie bestrebt sein, den glcklicher gestellten
Kollegen an den Hof- und groen Stadttheatern gleichzukommen und Besseres
und Edleres zu spielen. So hat sich das hiesige Friedrich-Wilhelmstdtische
Theater, besonders durch die Bemhungen der trefflichen HH. Grner und
Ascher, zu einer berraschenden Geschmacksrichtung, die sich in den
schwierigsten sthetischen Aufgaben versucht, emporgearbeitet, allein im
Sommer verwandelt es sich wieder in ein Parktheater und noch ist die
Bevlkerung zu sehr geneigt, an dem Ton Freude zu haben, der auf einigen
andern Theatern im Sinne des Quatsch angeschlagen wird. Theater ber
Theater! Hier gehen Menschen herum, die, ohne die geringste geistige
Bildung, ohne Geldmittel sogar, eine Theaterkonzession in der Tasche
haben; andere glauben sie ohne weiteres durch ein geeignetes Frwort an
hoher Stelle erlangen zu knnen. Einen Zirkus zu erffnen oder eine Bhne
scheint nach den Gesetzen der Gewerbefreiheit einerlei und allerdings hat
jeder Spekulant recht, wenn er sich auf seine Vorgnger beruft und z.B.
fragt: Wie kommt der Caftier Kroll zu einer Bhne, wie kommen zwei
Gebrder Cerf, Handlungsbeflissene, dazu, wie kommt jener einst zum
Gesptt der Vorstdte deklamatorische Vorstellungen gebende Rhetor
Grbert dazu? Wer ist Herr Carli Callenbach, der auch ein Theater
besitzt? Diese Anarchie auf dem dramatischen Gebiete macht dem Freunde
der Literatur ganz denselben Eindruck, wie es dem Freunde militrischer
Ordnung peinlich war, sogenannte Brgerwehr in rundem Hut und berrock
die Armatur der kniglichen Zeughuser tragen zu sehen. Nicht da die
Brgerwehr als solche zu verwerfen war, aber sie bedurfte der
Organisation, sie bedurfte jener Haltung, die dem Waffendienste geziemt;
ebenso verletzt wendet sich die dramatische Muse ab, wenn man ihr opfert
wie dem Gambrinus in bayrischen Bierstuben. Man kann die treffliche
Organisation der Pariser Theater mit diesen Polkawirtschaften Thaliens in
keine Vergleichung bringen, man vergleiche wenigstens die Theater der
Wiener Vorstdte. Die Josephstdter Bhne ist vielleicht diejenige unter
ihnen, die am tiefsten steht und doch hat sie eine bestimmte Spezialitt;
manches Talent, z.B. Mosenthals, entwickelte sich zuerst auf ihr,
"Deborah" erschien zuerst auf der Josephstdter Bhne.

Das Repertoire des Kniglichen Theaters fand ich im Schauspiel sehr wenig
anziehend, "Waise von Lowood", "Deutsche Kleinstdter", "Geheimer Agent"
usw. Es herrscht hier eine Unsitte, mit der sich kein noch so
wohlmeinender sthetischer Sinn vereinbaren lt, nmlich die Befolgung
der Spezialbefehle, welche die einheimischen und fremden hchsten
Herrschaften ber die Stcke aussprechen drfen, die sie zu sehen
wnschen. Es ist dies eine Form des Royalismus, die in der Tat etwas
auffallend Veraltetes hat und in dieser Form in keiner Monarchie der Welt
vorkommt. Bald heit es: "Auf hchstes Begehren", bald: "Auf hohes
Begehren", bald: "Auf Allerhchsten Befehl", bald nur einfach: "Auf
Befehl", unter welcher bescheidenem und auch seltener vorkommenden Form
sich die Wnsche des Knigs zu erkennen geben. Was ist das aber fr eine
Unsitte, da die Kammerherren auch jeder durchreisenden, prinzlichen
Herrschaft die Stcke bestellen, welche diese zu sehen wnschen! Die
geistigen Armutszeugnisse, die sich Prinzen, Prinzessinnen, ab- und
zureisende kleine Dynasten und Dynastinnen mit ihren Wnschen um dieses
Ballet, um jene Oper, um eine kleine Posse geben drfen, sind schon an
sich klglich und fallen ganz aus der Rolle, welche die Monarchie
heutigen Tages zu spielen hat; aber der Gang der Geschfte wird dadurch
auch auf eine Art unterbrochen, unter welcher Kunst und Publikum leiden.
Hat eine Prinzessin eine Empfehlung von auswrts bekommen, die ihr eine
Schauspielerin oder Sngerin berbrachte, so bestellt sie die Stcke, in
denen sie auftreten soll. Kommt der Hof aus Mecklenburg-Strelitz, so legt
man ihm die Stcke vor, die gerade leicht anzurichten sind, er streicht
sich einige an und man liest: "Auf hchstes Begehren: 'Der geheime
Agent'", ein Stck, das jetzt auf jedem Liebhabertheater gesehen werden
kann. Der Knig besitzt so viel Geist, da ihm diese Manifestationen des
Privatgeschmacks seiner Brder oder Neffen oder Vettern ohne Zweifel viel
Heiterkeit verursachen; er sollte aber einen Schritt weitergehen und
diesen Mibrauch der von den Kammerherren vernderten Repertoires im
Interesse der Kunst und des Publikums verbieten. Es macht sich dies
ffentlich kundgegebene Denken und Mitreden der "Herrschaften" in einem
Staate, der ja doch wohl ein konstitutioneller sein soll, sehr wenig nach
dem Geiste der in ihm allein anstndigen ffentlichkeit.

Natrlich ergibt sich unter solchen Umstnden, wo die Groen und
Mchtigen ffentliche Fingerzeige ber ihren eigenen Geschmack geben
drfen, die Frderung des Gedankenvollen und Notwendigen an einer Bhne
weit schwieriger. Wenn sich die Groen "Satanella" oder "Aladins
Wunderlampe" kommandieren, wenn Pferde auf dem Knigsstdter Theater
agieren, Klischnigg, der Affenspieler, und die Zulu-Kaffern auf dem
Krollschen Theater ihr Wesen treiben, kann eine erste Auffhrung eines
neuen Dramas im Schauspielhause nur ein kleines Publikum finden; vor
einem halbbesetzten Hause sah ich die erste Auffhrung des "Demetrius"
von Hermann Grimm. Es war ein kleines Geheimratspublikum aus der Gothaer
Richtung; ein paar Offiziere, einige Professoren, wenig Studenten, auf
zehn Menschen immer ein bestallter Rezensent. Die Darstellung war ebenso
warm wie die Ausstattung glnzend. Das funkelte von Farbenpracht, Frische
und Neuheit der Kostmstoffe, berall, in den kleinsten Ausschmckungen
der Wnde zeigte sich ein vorhergegangenes Studium der betreffenden
Geschichte, Sitten und Kleidertrachten der Zeit, in welcher die Handlung
spielte. Das Stck war eine Anfngerarbeit, die kaum Talent verriet (nur
aus berflle sprudelt der Quell einer geistigen Zukunft, nicht aus einer
Drftigkeit, wo sich Armut den Schein der Einfachheit geben will), aber
die Darstellung ging von einem schnen Glauben an den Wert des Stckes
aus; nirgends sah man ihr eine Mistimmung ber die aufgebrdete,
undankbare und fr die Zeit der besten Saison verlorene Aufgabe an und
mit dem halbunbewuten Pflichtgefhl verband sich die noch immer
auerordentlich ansprechende Natrlichkeit der Hendrichsschen Spielweise.
Rollen, die keine Schwierigkeiten der Dialektik bieten, wird Hendrichs
immer vorzglich spielen. Dieser Knstler ist ein schwacher Hamlet, aber
ein liebenswrdiger und berredender Romeo. In seiner Passivitt liegt
Poesie und da er nur die Konturen ausfllt, die der Dichter ihm
vorzeichnet, so nimmt er durch die Treue und Einfachheit, mit der er sich
seinen Aufgaben unterzieht, berall fr sich ein, wo einmal die Macht der
Gewhnung ein Publikum fr ihn gewonnen hat, wie in Berlin, Frankfurt und
Hamburg, wo er gewohnte Triumphe feiert.

Ich bedauerte, Dessoir nicht beschftigter zu finden. Dieser geistvolle
Schauspieler leidet hier an der blichen Abgrenzung unserer Rollenfcher.
Der Begriff eines Charakterspielers, den er zu vertreten hat, ist so
vieldeutig. Man kann Hamlet als Liebhaber spielen, man kann ihn aber
auch, wie Dawison und Dessoir tun, als Charakterzeichnung geben. Dessoir
ist einer jener Schauspieler, die zwar in jedem Ensemble eine Zierde sein
werden, selbst wenn sie nur zweite Rollen spielen, aber Dessoir hat den
ganzen Beruf, eine Stellung einzunehmen, die ihn zum Matador einer Bhne
macht und jede bedeutende Aufgabe, die nicht ganz dem Liebhaberfache
angehrt, ihm zuweist. Alle die Rollen indessen, auf die ihn sein
knstlerischer Trieb hinfhren mu, sind noch im Besitze der Herren Rott
und Dring. Es spricht fr die geistige Anregung, die Berlin bietet, fr
die Belohnung, die man im Beifall eines natrlich sich hingebenden
Publikums findet, da Dessoir darum doch seinen hiesigen, hchst
ehrenvoll behaupteten Platz mit keinem andern vertauschen mchte.

Vom Schauspiel sagt man an der Verwaltungsstelle, es wrde keineswegs
vernachlssigt und es hat sich seit Dringers Mitwirkung sehr gehoben;
dennoch mu man bei dem Vergleiche der unverhltnismigen Pracht, die
das Opernhaus umgibt, wnschen, es wrde doch endlich ganz von der Musik
und dem Ballett getrennt, es verfolgte seine ernste und schwierige
Aufgabe fr sich allein. Das Schauspiel kann nur ein Stiefkind erscheinen
gegen die Art, wie die Leistungen des Opernhauses nicht etwa von der
Verwaltung geboten, sondern vom Publikum empfangen werden. Neun glnzende
Proszeniumslogen ziehen fast ebensoviel Aufmerksamkeit auf sich wie die
Leistungen der Szene. Das Opernhaus ist das Stelldichein der hhern und
mittlern Gesellschaft, der stete Besuchsort der Fremden, die Sehnsucht
der allgemeinen Schaulust und ein Tempel des Genusses. Nicht Paris und
Wien finden im Ballett ihre speziel1sten sinnlichen Bedrfnisse so
befriedigt wie Berlin. "Satanella" und "Aladins Wunderlampe" sind die
Ballette des Tages, die jeder gesehen haben mu und die derjenige, der
die Mittel besitzt, nicht oft genug sehen kann. Welche Flle von Licht,
Farbe, Glanz aller Art, von Jugend, Schnheit und Gefallsucht! Die
musikalischen Krfte sind hier so gro, da z.B. an einem Abend im
Opernhause der "Prophet" gegeben werden kann, im Schauspielhause die
Zwischenaktmusik zu "Egmont" vol1stndig da ist und noch in der
Singakademie ein Konzert mit der knigl. Kapelle begleitet werden kann.
Es ist dies nur mglich durch die Unzahl von Akzessisten und
Exspektanten, die zwar nicht die Leistungen vorzglich, aber alle Fcher,
auch die des Chors und des Ballettkorps so vol1stndig machen. Auf
dreiig Tnzerinnen, welche die Verwaltung besoldet, kommen ebensoviel
junge, hbsche, talentvolle Mdchen, die unentgeltlich mitwirken, nur um
der Anstalt anzugehren und vielleicht einmal in die besoldeten Stellen
einzurcken. Vor der Auswahl von jungen Leuten, die Eltern und Angehrige
"um Gotteswillen" der Verwaltung zu Gebote stellen, kann diese sich kaum
retten. Daher auf der Szene die berraschendste Massenentfaltung. Die
Kunst der Beleuchtung, der Glanz der Kostme, der Geschmack der
Dekorationen ist aufs hchste getrieben. Da steigen Feentempel aus
der Erde, da senken sich Wolkenthrone mit allen Heerscharen des
orientalischen Himmels nieder, da leuchten und blitzen unterirdische
Grotten von Ede1steinen, da sprudeln natrliche Springbrunnen im
Mondenschein und fallen, vielfach gebrochen, in Bassins herab, an deren
Rndern die lieblichsten Gestalten schlummern. Jede Demonstration der
Szene ist ganz und vol1stndig. Nirgendwo erblickt man die Hilfsmittel
der bloen Andeutung, die an andern Bhnen die Illusion vorzugsweise in
die ergnzende Phantasie der Zuschauer legt; hier ist die Schere der
konomie verbannt, die aus Amazonenrcken von heute fr morgen Pantalons
fr Verschnittene macht. Hier fangen alle Schpfungen immer wieder von
vorn an. Kein Kostmier und Dekorateur ist an die Wiederaufstutzung alter
Vorrte gewiesen; hier regieren jene Warenmagazine, wo es immer wieder
neue Seide, neuen Sammet und fr die geschmackvol1sten Maler neue
Leinwand gibt.

Ein Ballett in Berlin zu sehen wie "Satanella" ist in vieler Hinsicht
lehrreich. Dem sthetiker macht vielleicht die Grazie und herausfordernde
Keckheit z.B. der jungen Marie Taglioni eine besondere Freude, aber die
Vorstellung im groen und ganzen mit allem, was dazu auch von Seiten des
Publikums gehrt, ist kulturgeschichtlich merkwrdig. Dieser Marie
Taglioni sollte man eine Denktafel von Marmor mit goldenen Buchstaben und
mitten in Berlin aufstellen. Sie tanzt die Hlle, aber sie ist der wahre
Himmel des Publikums; sie tanzt die Lge, aber sie verdient ein Standbild
als Gttin der Wahrheit. Denn man denke sich nur dies junge, reizende,
bermtige Mdchen mit ihren beiden Teufelshrnchen an der Stirn, mit dem
durchsichtigen Trikot, mit den allerliebsten behenden Fchen, mit den
tausend Schelmereien und Neckereien der Koketterie, wie nimmt sie sich
unter den ehrwrdigen Tatsachen des gegenwrtigen Berlins aus! Dieser
kleine Teufel da, im rosaseidenen, kurzen Flatterrckchen, ist sie etwa
die in der Vorstadt tanzende Pepita? Nein, sie ist das enfant chrie der
Berliner Balletts, und das Berliner Ballett ist das enfant chrie der
Stadt, des Hofs, ist die Kehrseite der frommen Medaillen, die hier auf
der Brust der Heuchelei von Tausenden getragen werden. Bchsel,
Krummacher, Bethanien, Diakonissen, Campo-Santo, Sonntagsfeier, Innere
Mission--was ist das alles gegen einen Sonntagabend, wenn Berlin in
"Satanella" seine wahre Physiognomie zeigt! Die Prinzen und Prinzessinnen
sind anwesend. Hinten auf der Szene funkelt ein Ordensstern neben dem
andern, jede Kulisse ist von einem Prinzen besetzt, der sich mit den
kleinen Teufelchen des Corps de ballet unterhlt. Der erste Rang zeigt
die Generale und Minister, das Parkett den reichen Brgerstand, die
Tribne und der zweite Rang die Fremden, die den Geist der Residenz in
der Provinz verknden werden, die obern Regionen beherbergen die
arbeitenden Mittelklassen und selbst die halbe Armut, der man sonst nur
Trakttchen in die Hand gibt, hat hier das Frivo1ste aller Textbcher
mhsam nachzustudieren, um die stumme Handlung der Szene zu verstehen.
Welche Wahrheit deckst du doch auf, du echte Berliner, in der
Treibhauswrme der speziel1sten, kniglich preuischen Haus-Traditionen
grogezogene Pflanze, Marie Taglioni geheien! O so werft doch, ihr
besternten Herren, eure Masken ab! Verratet doch nur, da euer
Privatglaube nichts mehr liebt als die Gtter Griechenlands und da nicht
etwa hier der Kultus des Schnen, sondern drauen euer offizielles System
eine Komdie ist.

Satanella verfhrt einen jungen Studenten, dem das Repetieren seiner
Collegia bei Stahl und Keller zu langweilig scheint. Er hat eine
Verlobte, die vielleicht Geibel und "Amaranth" liest, aber niemand wird
zweifelhaft sein, da der junge, knftige Referendar besser tut, sich an
Heinrich Heine, an die schne Loreley und die Taglioni zu halten. Wie
kalt und nchtern ist auch die Liebe eines Frulein Forti gegen die Liebe
einer Satanella! Es geht mit letzterer allerdings bergab und geradewegs
in die Hlle, aber welcher Zuschauer wird der Narr sein und nicht
einsehen, da der Satan den jungen Lebemann nur anstandshalber holt! Kann
das eine echte Hlle sein, in der sogar schon kleine Kinder tanzen, schon
kleine Kinder mit Satanshrnern umherspringen und, wie von Selma Bloch
geschieht, ein recht widerliches Solo tanzen? Kann das die echte Hlle
sein, deren Vorhof die wunderbarste Mondscheinnacht von Gropius mit dem
reizendsten Chteau d'eau und der stillschlummernden antiken Marmorwelt
ist? Wird irgend ein Vernnftiger einrumen, da die Konsistorialrte
Recht haben, wenn sie die Venus von Milo eine schne "Teufelinne", die
Antiken des Vatikan berhaupt, wie Tholuck getan, "schne Gtzen" nennen?
Verwandelt sich all' diese Lust und Liebe, all' diese Freude und
Behaglichkeit nicht vielmehr nur rein "anstandshalber", d.h. um dem
Vorurteil zu gengen, in Pech und Schwefel, und wird irgend jemand eine
solche Vorstellung, wo besternte Prinzen jede Attitde der
Solotnzerinnen beklatschen, mit einer andern Meinung verlassen als der:
Ich fhle wohl, es mu einen Mittelweg zwischen Elisabeth Fry und Marie
Taglioni, einen Mittelweg zwischen Bethanien und dem Opernhause, einen
Mittelweg zwischen den Konzerten des Domchors und Satanella geben? Diese
Berliner Ballettabende wecken einen ebenso groen Abscheu vor der
mtressenhaften Sinnlichkeit, die durch sie hindurchblickt, wie vor der
Kasteiung des Fleisches in der neuen Lehre vom Gefangengeben der Vernunft
und dem fashionablen Bertum, dessen neupreuische Frchte wir
hinlnglich kennen.

Beide Extreme gehen in Berlin auf eine erschreckende Art nebeneinander.
Sie gehen nicht etwa getrennt nebeneinander, sondern im Durchschnitt in
denselben Personen. Die Heuchelei und die Rcksicht auf Karriere mietet
sich einen "Stuhl" in der Matthuskirche, nur damit an dem Schilde
desselben zu lesen ist: "Herr Assessor N. N." und die stille Sehnsucht
des wahren innern Menschen ist hier doch allein--der Genu. Dem Genu
bauen auch andere Stdte Altre; die buntesten, mit Rosen geschmckten
Altre baut z.B. Wien. Aber Berlin ergibt sich immer mehr einer Form des
Genusses, die nur ihm ganz allein angehrt. Es ist dies die Genusucht
eines Fremden, der in vierzehn Tagen durch seine gefllte Brse alles
bezahlt, was man in einer Residenz, die er vielleicht in Jahren nicht
wiedersieht, fr Geld bekommen kann. Es ist die Genusucht des
Gutsbesitzers, der seine Wolle in die Stadt fhrt und sich mit vierzehn
Tagen Ausgelassenheit fr ein Jahr der Entbehrung auf seiner Scholle
entschdigt. Dies Berliner Lecken und Schlecken hat die Bevlkerung so
angesteckt, da man mit Austernschalen die Straen pflastern knnte.
Wohlleben und Vergngen ist die Devise des hiesigen Vegetierens geworden,
nirgend wird man z. B. den Begriff "Bowle machen" jetzt so schleckerhaft
ausgesprochen finden. Die Betriebsamkeit wird durch den Luxus wohl eine
Weile gestachelt werden, an Grostdtigkeit der Unternehmungen fehlt es
nicht; aber wenn die natrlichen Krfte versagen, tritt das Raffinement
ein und das Raffinement des Verkehrs, gewhnlich Schwindel genannt, soll
hier in einem Grade herrschen, der keine Grenzen mehr kennt. Denn was ist
die Grenze, die man Bankrott nennt? Aus Nichts werden die glnzendsten
Unternehmungen hervorgerufen. Mit einem Besitze von einigen tausend
Talern mutet man sich die Stellung eines Kapitalisten zu. Der Kredit gibt
nicht dem Redlichen mehr Vorschub, sondern dem Mutigen. Die
Entschlossenheit des industriellen Waghalses leistet das Unglaublichste.
Wo die grten Spiegel glnzen, wo die goldenen Rahmen tief bis zur Erde
niedergehen, wo in den Schaufenstern der Butiken die fabelhafteste
Scheinflle des Vorrats mit dem Geschmack der Anordnung zu wetteifern
scheint, kann man gewi sein, auf hundert Flle bei neunzig nur eine
Grundlage anzutreffen von eitel Luft und windiger Leere.

Es ist mannigfach schon eine Aufgabe der neuern Poesie, der sozialen
Romantik geworden, den Lebenswirren, die sich aus solchen Zustnden
ergeben mssen, nachzuspren. Der Totenwagen rasselt still und ernst
durch dies glnzende Gewhl. Rauschende Blle, in der Faschingsnacht ein
Wagendonner bis zum frhen Morgen und die Chronik der Verbrechen, die
Statistik der Selbstmorde gibt dem heitern Gemlde doch eine dmonische
Beleuchtung. Erschtternd war mir z.B. die Nachricht, da der Philosoph
Beneke von der Universitt pltzlich vermit wurde und wahrscheinlich
sich entleibt hat. Erst jetzt kam zur Sprache, da dieser redliche
Forscher, der sich in der Erfahrungsseelenkunde einen Namen erworben und
besonders auf die neuere Pdagogik einen ntzlichen Einflu gehabt hat,
seit lnger als zwanzig Jahren nicht endlich ordentlicher Professor
werden konnte und sich mit einem jhrlichen Gehalte von 200 Talern
begngen mute! Zweihundert Taler jhrlich fr einen Denker, whrend es
hier Geistliche gibt, die es auf jhrlich 5000 Taler bringen! Beneke war
ein Opfer des Ehrtriebes, der hier noch zuweilen einen edeln Menschen
ergreift, nicht auf der allgemeinen Bahn des Schwindels gehen zu wollen.
Des Mannes Erscheinen war einfach, war fast pedantisch. Er hatte vor
zwanzig Jahren die etwas steifen Manieren eines Gttinger Professors nach
Berlin gebracht. Seine Vortrge waren etwas ngstlich, seine Perioden
allzu gewissenhaft, sein System knpfte wieder an Hume und Kant an, er
ging ber die endlichen Bedingungen unsers Denkens nicht tollkhn in die
Unendlichkeit; was sind Kennzeichen solcher altbackenen Soliditt in
einer Stadt wie Berlin, wo nur die glnzende Phrase, der saillante Witz
und Esprit, das kecke Paradoxon und jener doktrinre Schwindel etwas
gilt, den Hegel aufbrachte, Hegel, der jahrelang die trivia1sten Kpfe,
die nur in seiner Tonart zu reden wuten oder die es verstanden, ihrem
sogenannten Denken eine praktische Anwendung auf beliebte Religions- und
Staatsauffassungen zu geben, zu ordentlichen Professoren befrdern
konnte! Hamlet ist auch darin das groe und Shakespearen auf den Knien zu
dankende Vorbild aller mit der Welt verfallenen Geistesfreiheit, da er
auf des Knigs Frage, wie es ihm ginge, antwortet: "Ich leide am Mangel
der Befrderung."

--Wer ertrge Den bermut der mter und den Kummer Den Unwert
(schweigendem Verdienst erweist!)




Neues Museum--Schlokapelle--Bethanien (1854)


Eine derjenigen Schpfungen des Knigs, in denen man unbehindert von
irgendeiner drckenden Nebenempfindung atmet, ist und bleibt das Neue
Museum. Der Fremde wird es bei jedem Besuche wiederzusehen sich beeilen,
er wird sich der Fortschritte freuen, die die Vollendung des Ganzen
inzwischen gemacht hat, er wird sich in diesen Rumen aller lstigen
Beziehungen auf lokale Absichten und Einbildungen erwehrt fhlen und im
Zusammenhange wissen nur mit jenen allgemeinen deutschen
Kunstbestrebungen, die uns die Schnheit und Pracht von Mnchen, die
Ausschmckung des kniglichen Schlosses in Dresden, die neuen Plne fr
Weimar und Eisenach, unsere neuen Denkmler, Kunstausstellungen,
Kunstvereine und den Aufschwung unserer Akademien geschaffen haben. Das
Neue Museum liegt in einem versteckten, zur Stunde noch beengten,
unfreundlichen Winkel der Stadt, aber es ist die traulichste Sttte der
Begrung, das heiterste Stelldichein des Geschmacks und der prfenden,
immer mehr wachsenden Neugier der Einheimischen und der Fremden, die
sogleich hierher eilen. Es entwickelt sich langsam, aber reich und
gefllig. Es entwickelt sich unter Auffassungen, die uns wahlverwandt
sind. Wir sind in Italien und in Mnchen vorbereitet auf das, was wir
hier wiederfinden. Diese Rume hat mit den Eingebungen seines Genius
vorzugsweise eine groe, freie Knstlernatur zu beleben, ein Dichter mit
dem Pinsel, ein Denker nach Voraussetzungen, die nicht aus dem mrkischen
Sande stammen. So strt uns denn auch hier kein beliebter byzantinischer
Schwu1st, keine russischen Pferdebndiger, oder Athleten oder Amazonen
erfllen uns, whrend wir an Athen denken wollen, mit lakedmonischen
Vorstellungen; selbst die hier in Berlin berall aushngende Devise:
"Nach einem Schinkelschen Entwurf", strt uns nicht. Man mu Schinkel
einen erfindungsreichen und sinnigen Formendichter nennen, aber er schuf
doch wahrlich zu viel auf dem Papiere, er zeichnete zu viel abends bei
der Lampe; es waren geniale Studien und Ideen, die er ersann von
Palastentwrfen an bis zu Verzierungen von Feilnerschen fen; aber es
fehlte ihm doch wohl eine gewisse Kraft, Reinheit und Einfachheit
des Stils....

Eine zweite groe Schpfung des Knigs ist die (Kuppeldachkapelle des
Schlosses). Sie hat eine halbe Million gekostet und ist unstreitig eine
Zierde des Schlosses nach dem ihm eigentmlichen Geschmack, wenn auch
eben keine Bereicherung der Kunst. Der Baumeister Schadow errichtete die
gewaltige Wlbung auf einem Platze, der bisher im Schlosse unbeachtet
gewesen war, verfallene Wasserwerke enthielt, altem Germpel, freilich
aber auch den vortrefflichen Schlterschen Basreliefs, die jetzt die
Treppe zieren, als Aufbewahrungsort diente. Die Spannung des mehr ovalen
als runden Bogens ist meisterhaft ausgefhrt. Einen berraschenden
Eindruck wird der Eintritt in diesen Tempel jedem gewhren, der sich erst
im Weien Saale an den schnen Formen der Rauchschen Viktoria geweidet
hat und zu ihm dann auf Stiegen emporsteigt, die mit lebenden Blumen
geschmckt sind und mit Kronleuchtern, die nur etwas zu salonmig durch
Milchglasglocken ihre Flammen dmpfen sollen. Man erwartet in der Kapelle
weder diese Gre noch diese Pracht. Bei lngerer Betrachtung schwindet
freilich der erste Eindruck. Das steinerne, mit Marmor und Bildern auf
Goldgrund berladene Gebude wird dem Auge klter und klter. Der Altar,
wenn auch mit einem aus den kostbarsten Ede1steinen zusammengesetzten
Kreuze geziert, die Kanzel, der Fuboden, alles erscheint dann pltzlich
so nur fr die Schwle der sdlichen Luft berechnet, da man das
lebendige Wort Gottes hier weder recht innerlich vorgetragen noch recht
innerlich empfangen sich denken kann. Das Auge ist zerstreut durch das
Spiel aller hier zur Verzierung der Wnde aufgebrachten Marmorarten. Da
gibt es keine Farbe, keine Zeichnung des kostbarsten Bausteins, von der
nicht eine Platte sich hier vorfnde wie in einer mineralogischen
Sammlung. Zu dieser durch die Steine hervorgerufenen Unruhe gesellt sich
die Ungleichartigkeit der Bilder. Sie scheinen alle nach dem Gedanken
zusammengestellt, die Frderer der Religion und des Christentums zu
feiern. Aber auch dies ist ein Galerie- oder Museumsgedanke, kein reiner
Kirchengedanke. Hu, Luther, die Kurfrsten von Brandenburg stehen
vis--vis den Patriarchen und den Evangelisten. Da mu es an der einigen
Stimmung fehlen, die Andacht hebt sich nicht auf reinen Schwingen, man
kann in einem solchen Salon nur einen konventionellen Gottesdienst
halten. Ach, und dieser Fanatismus fr das konventionell Religise sitzt
ja wie Mehltau auf all' unsern Geistesblten! Man denkt nicht mehr, man
prft nicht mehr, man bt Religion nur um der Religion willen. Man ehrt
sie um ihrer Ehrwrdigkeit, man ehrt sie wie man Eltern ehrt, deren
graues Haar unsere Kritik ber die Schwchen, die sie besitzen,
entwaffnen soll. Das ist der Standpunkt der Salon-Religion. Man will
nicht prfen, man will nicht forschen, man umrahmt mit Gold und Ede1stein
die Tradition, die man auf sich beruhen lt. Man schlgt sein
rauschendes Seidenkleid in knstlerische Falten, wenn man im Gebetstuhl
niederkniet; man schlgt sein goldenes Gebetbuch auf, liest halb
gedankenlos, was alte Zeiten dachten, denkt vielleicht mit Rhrung dieser
Zeiten, wo der Glaube von so vielem Blute mute besiegelt werden, gesteht
wohl auch seine eigenen sndigen Einflle und Neigungen ein, gibt sich
den Klngen einer vom Chor einfallenden Musik mit einigen quellenden
Trnen der Nervenschwche und Rhrung hin und verlt die Sttte der
Andacht mit dem Gefhl, doch dem Alten Rechnung getragen, doch eine
Demonstration gegeben zu haben gegen die anstige und in allen Stcken
gefhrliche neue Welt! Das ist die Religions-Mode des Tags. Fr diese
Richtung eines vornehmen Dilettierens auf Religion kann man sich keinen
zweckentsprechendern Tempel denken als die neue Berliner Schlokapelle.
Sie erleichtert vollkommen die manchmal auch wohl lstig werdenden
Rcksichten einer solchen Art von Piett.

Weitentlegen vom Gerusch der Stadt und nur leider in einer zu kahlen,
baumlosen Gegend liegt Bethanien, die seit einigen Jahren errichtete
Diakonissenanstalt. Man fhrt an einer neuen, im Bau begriffenen
katholischen Kirche vorber und bewundert die groartige Anlage dieses
vielbesprochenen Krankenhauses, das sich bekanntlich hoher Protektion zu
erfreuen hat. Dennoch soll die Stiftung eine stdtische sein und ab und
zu wird man von Bitten in den Zeitungen berrascht, die Bethanien zu
untersttzen auffordern, Bitten, die wiederum dies Institut fast wie ein
privates hinstellen. Zweihundert Kranke ist die gewhnliche Zahl, fr
welche die ntigen Einrichtungen vorhanden sind. Dem fast zu luxuris
gespendeten Raume nach knnten noch einmal soviel untergebracht werden.
Man hat hier ein Vorhaus, eine Kirche, einen Speisesaal, Wohnungen der
Diakonissen und Korridore von einer Ausdehnung, die fast den Glauben
erweckt, als wre die nchste Bestimmung der Anstalt die, eine Art
Pensionat, oder Stift oder Kloster zu sein, das sich nebenbei mit
Krankenpflege beschftigt. Ohne Zweifel ist auch die Anlage des
Unternehmens auf eine hnliche Voraussetzung begrndet. Bethanien soll
eine Demonstration der werkttigen christlichen Liebe sein; die Kranken,
mag auch fr sie noch so vortrefflich gesorgt werden, nehmen
gewissermaen die zweite Stelle ein.

Die Oberin der Diakonissen ist ein Frulein von Rantzau. Unter ihr stehen
etwa zwanzig "ordinierte" Diakonissen und eine vielleicht gleiche Anzahl
von Schwestern, die erst in der Vorbereitung sind. Einige der ordinierten
sind auf Reisen begriffen, um auswrts hnliche Anstalten begrnden zu
helfen. Die Tracht der grtenteils jungen und dem gebildeten Stande
angehrigen Damen ist blau, mit einem Hubchen und einer weien, ber die
Schulter gehenden Schrze. Wie grndliche Vorkenntnisse hier
vorausgesetzt werden, ersah ich in der Apotheke, die von zwei Diakonissen
allein bedient wird. Auch ein Lehrzimmer findet sich zu theoretischen
Anleitungen. Die groben Arbeiten verrichten gemietete Mgde, die im
Souterrain an den hchst entsprechenden praktischen Waschhaus- und
Kchenvorrichtungen beschftigt sind. Auch Mnner fehlen nicht. Die
Diakonissen sind berhaupt mehr bei den weiblichen Kranken beschftigt
und mssen die schwerere Dienstleistung, die besonders im Heben und
Umbetten der Kranken besteht, dem strkern Geschlechte berlassen. Man
bekommt auch hierdurch wieder die Vorstellung von einem gewissen Luxus,
der im Charakter der ganzen Anstalt zu liegen scheint. Man kann den damit
verbundenen Tendenzbeigeschmack nicht gut offen bekmpfen, da unfehlbar
ein zwangloses Behagen in der Nhe von Kranken und Sterbenden die ganze
Stimmung unsers Herzens fr sich hat. Die Sauberkeit der Erhaltung, die
reine Luft, das Gefhl von Komfort und Eleganz kommt doch auch den
Kranken selbst zugute.

Einen Freund der Diakonissenanstalten frug ich: Aus welchem Geiste
erklren diese Frauen und Mdchen sich bereit, den Leidenden mit ihrer
Pflege beizustehen? Er erwiderte: Um der Liebe Gottes willen. Unstreitig
bedarf der Mensch, um sich zu seltenen Taten anzuspornen, des Hinblicks
auf einen hhern sittlichen Zweck. Dennoch htt' ich lieber gehrt: Diese
Institution wre von der Menschenliebe hervorgerufen. Ich glaube, der Ton
wrde inniger, die Haltung weniger kaltvornehm sein. Ein Zusammenhalt bei
gemeinschaftlichem Wirken ist ntig, eine gleiche Stimmung mu alle
verbinden. Ob aber dazu eine Kirche, ob Gesang und Gebet beim Essen, ob
das Herrnhuter, in "Gnadau" gedruckte Liederbuch, das ich auf dem Piano
aufgeschlagen fand, dazu gehrt, mcht' ich bezweifeln. Ein anderes ist
der katholische Kultus von Barmherzigen Schwestern, die sich fr
Lebenszeit diesem Berufe hingeben und von der Welt fr immer getrennt
haben; ein anderes diese vorbergehende Wirksamkeit einer Diakonissin,
die nach vorhergegangener rechtzeitiger Anzeige ihren Beruf wieder
aufgeben und immer noch eine Frau Professorin oder Assessorin werden
kann. Fr einen solchen Beruf reicht Herzensgte, Menschenliebe und eine,
durch uere Umstnde hervorgerufene Neigung einen so schwierigen Platz
anzutreten, vollkommen aus. Und sollte denn wirklich im 19. Jahrhundert
die Bildung der Gesellschaft, die Humanitt der Gesinnung, die Liebe zum
Gemeinwohl, die Sorge fr die gemeinschaftlichen Glieder einer Stadt,
eines Staats und einer Nation noch nicht so weit als werkttiges
(Prinzip) durchgedrungen sein, da man, um hier dreiig Frauen in einem
Geiste der Hingebung und Liebe zu verbinden, ntig hat, nach dem Gnadauer
Herrnhuter Gesangbuche zu greifen?

Man wird ein jedes Krankenhaus mit Rhrung verlassen. Auch in Bethanien
sieht man des Wehmtigen genug. Ich trat in ein Krankenzimmer von
Kindern. Abgezehrte oder aufgedunsene kleine Gestalten lagen in ihren
Bettchen und spielten auf einem vor ihnen aufgelegten Brette mit
bleiernen Soldaten und hlzernen Huserchen. Ein blasser Knabe, der an
der Zehrung litt und vielleicht in einigen Wochen stirbt, reichte
freundlich grend die Hand. Einen andern hatt' ich gut auf den
Sonnenschein, der lachend in die Fenster fiel, auf die Lerchen, die schon
drauen wirbelten, auf ein baldiges freies Tummeln im erwachenden
Frhling vertrsten, der Kleine litt am Rckenmark und wird nie wieder
gehen knnen. Ein Krankenhausbesuch ist eine Lehre, die nach "Satanella"
und Aladins "Wunderlampe" sehr ntzlich, sehr heilsam sein kann. Aber
Bethanien verlt man doch mit dem Gefhl, da hier, wie in unserer Zeit
berhaupt, noch mehr Menschen krank sind, als die da offen eingestehen,
des Arztes bedrftig zu sein.




Zur sthetik des Hlichen (1873)


Himmel! Berlin sei unschn? hre ich einen nationalliberalen Enthusiasten
ausrufen, wie kann man einen so unzeitgemen Begriff aufstellen! Sie
machen sich ja Treitschke, Wehrenpfennig und wen nicht alles zu
unerbittlichen Feinden! Jetzt, wo in Berlin alles vollendet, gro, selbst
die Zukunftsgrten von Steglitz und Lichterfelde arkadisch sein mssen!
Die Opportunitt, die groe deutsche Reichs- und deutsche Zentralisations-
frage bedingt den Satz: Berlin ist die Stadt der Stdte! Die Stadt auch
der Schnheit! Hchstens im Sommer, wenn der Staub auch in Leipzig zu arg
wird und die Sauergurkenzeit eintritt, dann gehrt ja Graubnden und die
Schweiz auch zu Berlin!

Beginnen wir bei alledem und umso zuversichtlicher, als die Pointe
unserer pessimistischen Klagen eben auch das Deutsche Reich sein wird.

(Paris), nach den Verheerungen der Kommune, habe ich nicht wiedergesehen.
Aber das alte Paris steht mir in seinem innern Straengewhl, wenn es
gerade geregnet hatte oder noch das Straenpflaster vom Morgentau
beschlagen war und Menschen und fabelhaft geformte Gefhrte aller Art
sich zum Markte drngten, vollkommen als die alte Lutetia, die Kotstadt,
in der Erinnerung. Keineswegs aber findet dies statt von dem Bilde in
Paris in der mchtig ausgedehnten Peripherie des innern Kerns! Da ist es
auf Pltzen, Brcken, Verbindungswegen, Toren, Triumphbgen, selbst
Magazinen und Warenschuppen wie auf Bedrfnis nur nach dem Schnen
angelegt und konsequent durchgefhrt!

Berlin dagegen (ich spreche gar nicht von der Schnheit Wiens) war die
Zentra1stadt eines kleinen Staates, der sich schon ein Jahrhundert lang
sehr fhlte. Er konnte zwar nicht wie Frankreich Millionen, den Schwei
der Untertanen, auf seine Hauptstadt verwenden. Aber Herrscherlaune hat
auch an Berlin gearbeitet, geflickt, herumgeputzt, hat Wlder abgehauen
und kommandiert: Hier wird jetzt ein neues Stadtviertel angelegt! Alle
Mittel schienen dafr gerecht. Ja das Prinz Albrechtsche Palais in der
Wilhelmstrae entstand geradezu aus einem--verweigerten Heiratskonsense
des Despoten, den man gewhnlich Friedrich den Groen nennt. Kolonisten
muten nach dem Lineal bauen. Man sieht denn auch noch jetzt, teilweise
einstckig, diese Htten neben den neuerdings errichteten
Prachtzinshusern auf der Friedrichstadt. Kurzum, es haben seit dem
Groen Kurfrsten immer in Berlin leitende Ideen gewartet, um Berlin zu
einem, dem Ehrgeiz der Hohenzollern wrdigen Schemel an ihrem Throne zu
machen. Schlter, Eosander von Goethe, Knobelsdorff muten sich an
Holland, Versailles und Rom Muster nehmen. Potsdam schadete dann spter
Berlin. Friedrich der Groe, Egoist wie er war, baute lieber Palste fr
sich ganz allein. Die Kirchen, die er auf dem Gensdarmenmarkt erbaute,
waren gleichsam nur "ungern gegeben", halb Marzipan, halb Kommibrot.
Friedrich Wilhelm III. hatte Schinkels Begeisterung neben sich. Der
Monarch war in Paris und hatte sich in Petersburg verliebt, in
Petersburg, wo man auf die kuppelreichen Kirchen und langen prachtvollen
Straenprospekte stolz sein durfte. Seinen Sohn wrde die Geschichte am
besten Friedrich Wilhelm IV., den Kirchenerbauer nennen. Der gekrnte
Romantiker hat um seine zahlreichen neuen Berliner Kirchen herum sogar
trauliche Stellen geschaffen, die uns an San Ambrogio in Mailand, an eine
entlegene Votivkirche Roms erinnern knnten. Seitdem stockt die
Verschnerung Berlins. Die konstitutionellen Regenten tun nicht mehr, als
was ihre nchste Schuldigkeit ist. Was sich neuerdings an Verschnerung
Berlins geregt hat, wird berholt durch die riesenmig gesteigerte
Privat-Bauwut, deren Konsequenz denn auch der hlichste Abbruch, Schutt,
ein trauriger Anblick wie Straburg nach der Belagerung geworden ist.

Groartigkeit und in ihrer Art auch--Schnheit liegt in der Avenue vom
Brandenburger Tor bis zum Schlo; aber man knnte noch hundert Jahre so
fortbauen wie jetzt und brchte doch nicht den Eindruck permanenter
Unschnheit von Berlin fort, wenn nicht das Auge im groen und ganzen, in
der Nhe und in der Perspektive, durch einen greren diktatorisch
befohlenen Schnheitskultus befriedigt wird. Freilich liegt hier der
Schaden. Berlin ist eine demokratische Stadt! Nirgends macht sich das
kleine Gewerbe so ausgedehnt geltend, wie hier! Eine Strae, wo nur
allein elegante Welt sichtbar wrde, gibt es in ganz Berlin nicht!
berall stemmt sich der vom Bau kommende Arbeiter, der Marktkorb der
Kchin, das Produkt des Handwerkers oder die Brde des Lasttrgers
zwischen die Eleganz hindurch. Das nur aus wenigen Fu Breite bestehende
Granit-Trottoir, das vor jedem Hause gelegt ist, lt einen am anderen
dicht vorberstreifen. Der Gebildete kommt nirgends souvern auf, selbst
auf dem Asphalt-Trottoir der Linden nicht. Schon freiwillig weicht er den
Volksgestalten, die sich hier so frei bewegen, wie die Helden der Brse
oder des Kriegsheeres, aus, nur um eine Szene zu vermeiden. Fast jedes
neue Prachtzinshaus hat Kellergeschosse zu Kneipen, zu Lebensmittel-
Betriebslokalen, zu Werksttten. So ist ganz Berlin durchzogen von einem
immerdar werkelttigen Eindruck. Vorstadt und innere Stadt, die berall
geschieden sind, sind in Berlin eine Gesamt-Anschauung in eins.

Die Partie vom Brandenburger Tore bis zum Schlo ist ein Prospekt, der,
wir wiederholen es, seinesgleichen sucht. Bewundernd wird der Fremde bis
zum Dom gelangen und sich von dem Totaleindruck aufs mchtigste gehoben
fhlen. Selbst der Eindruck des Concordienplatzes und seiner Umgebung in
Paris mchte dagegen zurckstehen. Pltzlich aber am Dome sieht der
Wanderer eine kleine Brcke, die in die innere Stadt fhrt. Noch eben
denkt er an Paris, an die vom Quai des Louvre aus so zierlich
geschwungenen Brckchen, die ber die Seine fhren. Welcher Anblick wird
ihm aber hier in Berlin zuteil! Eine Holzbrcke, frher um sechs Pfennige
passierbar und jetzt dem Publikum freigegeben und schwerlich auf
demnchstigen Abbruch wartend, steht augenverletzend hinter den
Grabsttten der Knige, ein Pendant zu den faulenden Fischerksten, die
in dem trben Flusse vom Fue des Schlosses nur allmhlich weichen zu
wollen scheinen, ebenso wie die Torf- und pfelkhne.

Besonders unschn wird Berlin durch die ber alle Beschreibung groe
Ausdehnung, die man dem Holz-, Kohlen-, Steinhandel bis ins innerste
Zentrum der Stadt freigelassen hat. Dieser Handel bedarf der
umfassendsten Rumlichkeiten. Meist besitzen alte Geschfte solche in
Gegenden, die inzwischen durch die Baulust zur fashionablen Stadt gezogen
sind. Nun hat man keineswegs die hlichklaffenden Lcken von Holz-,
Kohlen- und Steinhandlungen etwa verdeckt und mit der Strae in Harmonie
gebracht durch hohe gemauerte Einfriedungen, nein, die einfache,
verwetterte, schwarze Bohlen-Planke, manchmal geflickt, lckenhaft,
verhlicht durchweg die Stadt, wie denn berhaupt der offne
Kohlenverkauf selbst an Orten sichtbar ist, wo ihn geradezu polizeilicher
Befehl entfernen sollte. Er kann, wie z.B. am Schneberger Ufer, eine
ganze elegante Strae entstellen. Endlich ist der ordinre Bretterzaun
doch auch von dem kniglichen Lustschlosse in Bellevue gewichen!

"Aber das Reich! Das Reich!" Ruhe, lieber Streber! An eine partie
honteuse Berlins werden wir bei Gelegenheit des Suchens nach
Reichstagspalaststtten erinnert. Man hat daran gedacht, Raczynski oder
Kroll zu rasieren und ging dabei wahrscheinlich von der Absicht aus, den
Stadtteil, wo die Roon- und Bismarckstraen liegen, mehr in Schwung zu
bringen. Oder wollte man, in Erinnerung an 1848, wo so manche
staatumwlzende Proklamation von einem Stndehause herab verlesen wurde,
das deutsche Kapitol aus strategischen Grnden isolieren? Die Architekten
scheinen durchaus auf eine Akropolis, eine Nachahmung des Bundespalastes
von Washington, bedacht zu sein. Aber bitte, bewahrt doch die Menschheit
vor diesen groen Pltzen, wo man in der Sonne keuchen mu, bis man
endlich die Stufen eines solchen Tempels erreicht hat! Und die Entfernung
von dem groen Meilenzeiger am Dnhofsplatz, um welchen herum doch die
meisten Reichsboten wohnen, ist sie keiner Erwgung wert? Schreckte nicht
die Erinnerung an die Grausamkeit Knig Ludwigs I. von Bayern, der die
neue Mnchener Universitt an die uerste Grenze der Stadt baute und die
Studenten zwang, tglich drei-, viermal den anstrengendsten Weg durch
seine endlose, in der Hitze unertrgliche Ludwigstrae zu machen? Nun
gut, Kroll scheint gerettet. Aber wenn fr einen anderen Plan, den etwa
mit der Kniggrtzer Strae, Grten zerstrt werden mssen, alte
ehrwrdige Linden abgesgt oder im Deckerschen Garten Bume, die zu den
Wundern Nordeutschlands gehren, wenn Millionen fr Grund und Boden
gezahlt werden sollen, so lasse man doch die Grten dem Privatbesitz oder
der ffentlichkeit und im letzteren Falle zum Schmuck der Stadt. Setzt
Statuen auf diese freigelegten Grten! Mehr als jetzt Berlin aufweist!
Man kann auch Fontnen dazu springen lassen, Ruhebnke anlegen,
goldbronzierte Kandelaber aufstellen. Die Gold-Bronzierung des Gueisens
bei Laternen und Gittern, die in Paris an fast allen ffentlichen
Gebuden angebracht ist, macht besonders den Effekt eines Strebens nach
Eleganz, das dann auch die Umgebung nach sich zieht.

Eine partie honteuse Berlins ist jene Gegend vom frheren "Katzenstiege",
jetziger Georgenstrae, rechts von der Friedrichstrae bis zum Gegenber
des Monbijou. In unmittelbarer Nhe eines der schnsten Prospekte der
Welt findet sich der Fremde, der mit Staunen von der Knigswache oder vom
Friedrichsdenkmal die Akademie entlang ein wenig weiter wandert,
pltzlich an der Georgen- und Universittsstraenecke wie unter die
Bedienten-, Kchen- und Remisengebude einer frstlichen Hofhaltung
versetzt. Ein ganzer Stadtteil, die nchste Nachbarschaft des Kaisers,
sein vis  vis sogar, gleicht einem--"Wo die letzten Huser stehen".
In der Tat hie auch frher die vorherliegende, jetzt noch leidlich
gefllige Dorotheenstrae die "Letzte Strae". Wahrlich, hier fngt die
Vorstadt schon an! Links das ehemalige Gropius-Diorama, ein Holzbau, zum
Gewerbe-Museum erhoben, dann Trockenpltze, Milltrmontierung-Aufbewah-
rungen, Kavalleriestlle und das ungeheure schiefwinklige Gebude der
Artilleriekaserne, das an den Wnden vor undenklich fehlendem Kalkbewurf
grauenhaft anzusehen, durch und durch verfallen und zum Abbruch mahnend
ist. Es ist ein Terrain, dessen jetzige Bewohnung auf die groen Flchen
vor den Toren verwiesen werden mu, die schon Kasernen genug aufgenommen
haben. Gefllig liee sich hier der Quai regulieren, die hlzerne
Ebertsbrcke in eine steinerne oder hochgespannte eiserne verwandeln, das
gewaltige Terrain durch ein Reichstagsgebude in Einklang bringen mit der
Brse, dem Museum, dem Schlo, der Universitt und dem grnen Baumkranze,
der drben jenseits der Spree vom Schlo Monbijou herber winkt. Wer
jetzt diese Gegend durchwandert, mu sich sagen, da hier alles den
Charakter entweder des nur momentan Aushelfenden oder des berlebten
trgt. Alles ist arm, unschn, unkaiserlich.

An einigen Punkten Neuberlins, wo dasselbe gleichsam aus einem Gusse
entstanden ist, finden sich, man darf der Wahrheit nichts vergeben,
Eindrcke von einem so erhebenden Reize, als befnde man sich in Genf im
neuen Viertel des Bergues oder in Lyon. Leider sind es Gegenden der
Stadt, die vom Residenztreiben, sogar von den sonst berall
unvermeidlichen "Theatern" zu sehr entlegen sind. Das Luisenufer mit dem
Prospekt auf das Engelbecken, auf die neue katholische Kirche, Bethanien,
im Hintergrunde die neue Thomaskirche--man wnschte, dieser Charakter
wre allgemein festgehalten und fr das Ganze magebend. Hier bildet der
Kanal den Mittelpunkt eines wahrhaft schnen Gemldes. Auch an anderen
Stellen knnte es die volle Spree, wenn ein dekorativer Sinn--des
Monarchen? Des Magistrats? Der Privaten?--den schon gebotenen Anfngen zu
Hilfe kme. So ist, z.B. wenn man von der Wal1strae kommt und die
Waisenhausbrcke betritt, der hier gebotene Rundblick vollkommen von
jener Groartigkeit, die in Wasserstdten wie Hamburg, in den Seestdten
Hollands so mchtig ergreift. Aber leider fehlen alle Nebenbedingungen.
Es fehlen Quais, Regulierungen der durch Huserabbruch offengelegten
Hinterfronten einiger Straen, die mit einer jahrhundertalten Kruste von
Schmutz und Ungeniertheit bedeckt sind, es fehlen ausdrckliche Gebote an
die im Wasser arbeitenden Gewerbe, die Unterlage ihres Tuns und Treibens
dem Auge etwas geflliger zu machen. Selbst der Blick vom durchbrochenen
Kolonnadengang des Mhlendamms ber die Spree hinweg links zur
Stadtvoigtei knnte trotz des mehr als wsten Gegenbers fr die vollere
Wirkung einer belebten, echten Hafenstrae gewonnen werden.

Fr solche und hnliche Ideen schwrmten in alter Zeit die Kronprinzen!
Jetzt, wo der Fiskus fr ein Reichstags-Gebude im Tiergarten auf Grund
und Boden mehr gefordert hat, als selbst die Grnder Unter den Linden
gefordert haben wrden, mu man sich schon begngen, wenn nur die
stdtische Baukommission Knstler zu Referenten hat, die fr Berlins
Zunahme und Wachstum einen gewissen schpferischen Plan im groen und
ganzen verfolgen, ohne dabei die Einzelheiten zu vergessen. Es handelt
sich nicht darum, allmhlich die Netze und Linien eines neuen
Anbauungsentwurfes auszufllen, nicht um die Frontenpracht der Neubauten,
es handelt sich um die Wegschaffung und Milderung der entstehenden
Lcken, um ein richtiges Erhalten und ein richtiges Zerstren. Freilich
ist die Macht des Besitzes so gro, da selbst eine in solchem Grade die
Strae entstellende Novantike wie der sogenannte "Eisbock" noch immer
nicht den Mahnungen der Polizei und Stadtbehrde gewichen ist! Das ist
die Mhle von Sanssouci! Das soll nun gro sein! Begierig bin ich, was
aus der groen neuen Siegesallee im Tiergarten werden wird; noch steht
dem Siegesdenkmal als Gegenpol an der Viktoriastrae eine Litfasule
gegenber.

Auf das Hliche in den Staffierungen der Strae durch ihr gewohntes
Leben, die Wagen, die Droschken, die Bierflaschentransporte, das Hliche
in Gewohnheiten und Manieren, im Sprechen, in der Geltendmachung seiner
berzeugungen selbst beim schnen Geschlecht usw. einzugehen, ist sehr
milich. Habe ich doch ohnehin schon den Zorn zu frchten unserer alles
im rosenroten Lichte sehenden Optimisten.


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II. Fr und Wider Preuens Politik




ber die historischen Bedingungen einer preuischen Verfassung (1832)


Wre Reprsentation das alleinige Element des Liberalismus, so knnte
Preuen in einer frhern oder sptern Zukunft noch der Stimmfhrer
desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kmpfen nicht um Formen,
sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir drfen nur die Initiative
der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingefhrt werden
sollen, wachen, da sich ihre ursprngliche Reinheit erhalte; da sich
nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische,
nicht die Willkr sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern da das Gesetz
es sei, das entscheidet. Oder knnen wir uns mit dem Schwerte bewaffnen
und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte wei nur von Schwertern in der
Hand des Eroberers oder des Richters. Die Vlker demonstrieren nur mit
dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie
ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das bertretene. Werden die
Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preuen eine
lngst versprochene Verfassung erhlt? Nein, dann beginnen sie erst.
Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen
dieses Landes und sehen zu, wie der blankgerstete Krieger seiner Ruhe
pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten
Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht
zurckgetragen. Frchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der
preuische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben mu. Weil noch
nichts entschieden ist, so finden wir berall Gesinnungen gegen Preuen,
keine Meinungen. Man verehrt es oder hat es, fhlt Sympathie oder
Antipathie, aber die Grnde fr das eine gegen das andre kann man nicht
angeben. Wer fr seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis fhren
wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine
Grnde gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor
dem preuischen Namen entweder mit gefalteten Hnden oder mit dem
Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund
ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preuischen Verfassung
offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen
trgen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im
Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht
werden mu. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis
rechtfertigen.

Welches Bedrfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlat? Unstreitig
das Bedrfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer
Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? bereinknfte ber
das, was man sich gegenseitig leisten und so fr Recht ansehen wolle?
Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Vertrge
gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewhrt hat
und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begrndet ist? Die Vlker haben
diese Frage lngst entschieden, ihre Frsten sind noch andrer Meinung:
Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres
Kabinetts feststellen, oder sie erklren sich bereitwillig zur
Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende
Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der groartigen
Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus
verwitterten Pergamentblttern, aus den Heften moderner Doktrinre.
Machen wir die Anwendung auf Preuen. Wenn wir das gegenwrtig dort
herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natrlich nur um
einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von
Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich
ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und
Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu
bedrfen scheinen. Aber wir bedrfen immer mehr, als wir zu bedrfen
scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir
nicht eingestehen, da uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen
wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grundbel der
sogenannten humanen, weisen Regierungen, da sie vor unaufhrlichem
Wohltun das rechte Bedrfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon
alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Hnde voll zu tun
und sind so eilig, da sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher
das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unertrglicher ist, je
geflliger sie sein will. Diese vterliche, ja mtterliche Sorgfalt ist
bekanntlich die Art der preuischen Regierung. Da piepsen die Kleinen
unter den Flgeln der ngstlich wachenden Henne so zrtlich und sind so
voll Rhrung und Dankbarkeit fr all das Gute, was ihnen ohne Verdienst
und Wrdigkeit erwiesen wird, da man hier ordentlich von politischen
Trnen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestrt werden. Der Knig
hat selbst den Grundsatz anerkannt, da der Krieg der Vater aller Dinge
sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsstnden" in einem
hchsten Dekrete versprochen. Da ein solches Versprechen dem Lande wird
gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwrtige Zeit dazu so
ungeschickt sein. Man zgert, man weist die Bitten der Provinzia1stnde
um endliche Gewhrung zurck; man will nicht, da es den Anschein habe,
als gbe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von
dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er
werde dem vterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm
durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille
seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu
ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt drfte die Verfassung
werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten
Europa hingeworfen.

Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten ber den Staat. Nach einer ist
er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Nher bezeichnet sich
dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine
durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum
des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen
will. Die europischen Staaten bieten Beispiele fr die eine Ansicht so
gut, wie fr die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Ruland
haben sich auf dem naturgemesten Wege entwickelt. Ihre politischen
Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet,
sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet grtenteils
das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewhnt hat, immer auf die
Eigentmlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der
Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer
nicht mde wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemte,
unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter
Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Wrttemberg ohne Wrttemberger,
ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne
Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche,
aber kein Deutschland haben. Preuen ist am meisten von der Geschichte
ironisiert worden: Es reprsentiert den Zufall, das, was ist und auch
nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte
Sein auch in Preuen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein
gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preuischen Doktrinre in
lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preuen von keinem Staate
lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am
meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse
sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie wren auf den
Bumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist
nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen:
Selbst die Reformation hat da englisiert werden mssen. Wer bewundert
nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt,
da Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung
einschlagen konnte? Und doch--in Preuen ist jetzt hnliches entdeckt.
Die Doktrinre klagen hier Friedrich II. an, da er in die Regierung
seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der
einseitigen Aufklrung seiner Zeit nicht verleugnen knne; da er den
Adel des Verdienstes hher stellte, als den der Geburt; da er ein
Gesetzbuch gegrndet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in
zu grellem Widerspruche liege. Preuen sei berufen, die historischen
Interessen zu vertreten. Es gbe keinen Fortschritt, als einen durch
frhere Zustnde bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten
Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortfhrer und
Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die
Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese
Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so mten wir uns
auch andchtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die
Zauberformeln, mit denen man in Preuen die Jugend alt macht und das Alte
("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg
ausgebrachter Toast) wieder verjngt. Auf solche sogenannte historische
Bedingungen wird die Verfassung des Landes begrndet sein.

Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Reprsentation.
Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein
frmlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern
zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen bereinkunft. Die
Zeit der Reformation machte diesem Verhltnisse ein Ende. Die Einfhrung
des rmischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben
zusammenhing, zerstrte im Volke sein ursprngliches Rechtsbewutsein.
Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem
Schutze vermgender Frsten gedeihen. Die religise Anregung band die
Gemter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als
sie jener frderlich oder hinderlich waren. Frsten und Brger hatten
dasselbe Interesse, sich gegen die Anmaungen des Adels sicher zu
stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der frstlichen
Souvernitt. Aus frstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die
Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden
wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souvernitt
reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration.
Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die
Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer
Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat
eine Macht gewonnen, die ffentliche Meinung; diese wird in Preuens
nchster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht,
die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu frchten? Ist es nicht der alte
Kampf der Demokratie und Aristokratie?

Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der
preuischen Konstitution einschlagen mgen. Die gegenwrtigen
Provinzia1stnde mssen die Grundlage derselben bilden. Man rhmt die
Liberalitt dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei
Stnde, des Adel-, Brger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes.
Woher aber das entschiedene bergewicht der Aristokratie in den
Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet!
Verjhrte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfrnden,
unverhltnismigen Erla der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne
von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den knftigen
Reichsstnden, so kann man nur wnschen, diese nie ins Leben treten zu
sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den
adeligen Grundbesitzern. Auch die Stdter knnen an Bildung z.B. mit den
Brgern sddeutscher Stdte nicht wetteifern und die sie zum Landtage
schicken, sind meist stdtische Beamte, von der Regierung besttigt, also
mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so
sind sie gegen den Adel in der Minoritt und der Regierung gegenber zu
schwach, wie die Landstnde am Rhein und in Westfalen bewiesen haben.

Die mittelalterlichen Stnde haben ihre Freiheiten und Privilegien
vertreten. Solche besitzen die preuischen nicht oder sollen sie ihnen
noch erteilt werden? Sollen die Znfte wieder eingefhrt werden? Wollen
die preuischen Knige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf
ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Stnde vertreten. Aber
unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermgens, nicht des
zuflligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung
jenes alten Zustandes wre ein vol1stndiger Umsturz des herrschenden
Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann.
Es ist wahr, da die Frsten in den Besitz der meisten Steuern nur durch
ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Stnde bei dringenden
Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fnf oder zehn Jahre
Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis
immer nur momentan, und erst der spter ausgebildete Begriff der
Souvernitt nahm nach gttlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm
menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist
den Stnden mit der Zurckgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr
gedient, weil sie wohl wissen, da jene verhaten Abgaben ihnen weniger
bereitwillig wrden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten
auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne
offnen Angriff auf eine feine Weise plndert, wieder organisiert werden?
Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott
mge es behten vor den Kckeritz und Lderitz und vor den Kracht und
Itzenplitz? Auch die Prlaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur
um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein
Stand mehr, obschon man in Preuen Bischfe und Erzbischfe nach
englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat frher die
Rechte ihrer Prbenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das
Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemhungen der
Regierung die Meinung, da die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet
ist, so ist es in Preuen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt
sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder
genommen werden? Sollen Ritter, Stdte und Geistliche die heilige
Dreizahl bilden? Die preuischen Bauernaufstnde gegen den Adel und
Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. berall mag
man nach historischen Anfngen einer den gegenwrtigen Zeitforderungen
nur einigermaen gengenden Reprsentation forschen, im Preuischen
finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und
pommerschen Herzge sind eigentlich nur zu den Stdten ihrer Territorien
in stndischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht
mehr denkbar ist. Sie waren die rmsten Frsten und die schwchsten
zugleich. Nackt und blo, muten die Stdte sie bekleiden, hungernd, von
ihnen gesttigt werden. Die mrkischen Stdte waren Republiken mit
vol1stndigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation
zurckfhrten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es
nicht einmal Privilegien, die ihnen die Frsten garantierten, sondern was
sie ihnen gaben war Dank und Entschdigung fr den Schutz, den ihnen die
Markgrafen, ursprnglich eine militrische Behrde, angedeihen lieen.
Noch anders war die Lage Preuens. Ein fast ganz unabhngiger Stdtebund,
blhend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel
zur Seite, noch fter gegenber. Hier machte der Landadel mit den
mchtigen Stdten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Knigsberg gemeinschaftliche
Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten,
verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen
Polen ihre und des Landes Selbstndigkeit. Alle diese Verhltnisse hat
die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmglich. Jede
Annherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern
bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preuischen
Monarchie in Sitte und Leben berall die Anklnge der Vergangenheit. Die
Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen
Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen,
sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese
Gegenden ein Schauplatz der unsglichsten Verwirrungen, in denen sich
nichts Altes rein und ursprnglich erhalten konnte. Man denke an die
Strme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Lnder Jlich, Cleve, Berg
erschttert haben! Neben den politischen Umwlzungen, die sich hier ohne
Aufhren folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig-
keiten diese Lnder so zerrissen, da an eine Wiedergeburt hier nur durch
Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist.

Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne
verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum
nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine
dreifache Initiative. Die zweite Kammer wrde dann die materiellen,
vielleicht auch intelligenten Krfte vertreten, die erste aber das Ewige,
das Unvernderliche, das Unvergeliche oder was wei ich. Man denkt an
eine preuische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor
den Mnnern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie fllen
wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Whrend in der
zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten
die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann
einmal, etwa bei einer Verhandlung ber die Erblichkeit, Friedrich der
Groe in die Sitzung trte und anhrte, wie z.B. die neuliche Erklrung
der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestt des
Knigtums zu begreifen, interpretiert wird, knnte er noch glauben, in
der Hauptstadt eines von ihm gegrndeten Staates zu sein?

Wir gehren nicht zu jenen Toren, die die ehrwrdigen Trmmer frherer
Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die
Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Grbern, da auch unsre Zeit
einen so schnen Frhling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen lt. O
wir frchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in
Preuen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit
zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Rtsel hat sie gelst und
auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das
ist aber das Herrliche dieser Zeit, da, wer die Ansicht widerlegt, auch
die Macht berwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein dipus
kommt, strzt sich die Sphinx in den Abgrund.




Drei preuische Knige (1840)


Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die
letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III.
Diese Botschaft mute mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der Knig
msse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt
erschttern. Die husliche Zurckgezogenheit, in der der Verstorbene
lebte, hatte es unmglich gemacht, seit Jahren ber seinen
Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich ffentlich,
so erschrak man zwar ber die in letzter Zeit auerordentlich gealterten
Zge, aber die Haltung des Knigs war von jeher so grad und ritterlich
gewesen, da ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verlie, und man an
eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener
mute man ber den Volksglauben sein. Man machte geltend, da in jedem
Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preuen einen Thronwechsel oder
irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den nchtlichen
Umgngen der weien Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft
erschien der Knig hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im
Theater. Nur die ngstliche Einfhrung Schnleins in die innern Gemcher
des ab und zu als krnkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes
Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist.

Lt sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender Knig
und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des
Geschtzes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Groen
verkndete? Wie drngen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wnsche und Hoffnungen
mssen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre knnen erwachen,
Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen mssen sich
durchkreuzen. Wer hat den Schlssel, um zu erraten, was der jetzt Tote
dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, da
gerade die Erinnerung an den Begrnder der preuischen Monarchie in ihrer
Stellung zu Europa die letzte ffentliche Tatsache im Leben Friedrich
Wilhelms III. sein mute? Ist dies eine Shne der Vergangenheit oder ein
Fingerzeig fr die Zukunft? Den Ratschlu des Weltgeistes umhllen noch
tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die
Sonne sein, die sie erhellt.

Bei den gyptern sprach man ber die toten Knige Gericht. Man wird in
ffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres ber
Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben,
dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand
sich rhmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht
sein Stolz war, und wird ihn vielleicht fr das loben, wofr er sich
selbst getadelt hat. Knige sind wie die Phnomene der Luft. Sie werden
von Tausenden ihres Volkes fr dasselbe verwnscht, wofr sie andern
Tausenden die Heiersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind,
das der Blitz erschlgt, und trnkt die drstende Erde, die nach ihm
schmachtete.

Mag man nun mit Montaigne glauben, da "herrschen" le plus aspre et
difficile mtier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von
Oxenstierna einst ironisch angewandt), da zum Herrschen gerade das
wenigste Hirn gehrt (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es
brigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von
dem, was ber den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der
rhrende Moment oder persnliches Interesse berflssig hinzufgt, so
viel wird selbst die Nachwelt nicht umstoen knnen, da der innige
Zusammenhang der Schicksale, die die preuische Monarchie trafen, mit der
Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erlschendes
Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn
schon frh fr eine stillere Ergebung in das Unglck reif. Die Migung,
die ihn in seinen Leidenschaften und Gefhlen beherrschte, lehrte ihn
auch, das sptere Glck ohne berhebung ertragen. Er nahm die Gaben des
Geschicks mit einem Gefhl an, das ihn auf alles gefat machte, wenn es
nur nicht berraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen
vermeidend bengstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt
auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener
Selbstbeschrnkung, den Preuen, ein innerlich so kraftvoller und nach
auen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne fr seine
Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein
Temperament vor bereilten Entschlieungen geschtzt und diese Tatsache
war vielleicht die glcklichste Erfahrung fr das Wohl des Staates in
einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in
Bewegung setzte und es Staatsmnner gab, die so gern neue Manifeste des
Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut htten und dem Weltlauf mit
kecker Hand in die Zgel gefallen wren. Friedrich Wilhelm III. war nicht
so gro in dem, was er tat, als in dem, was er vermied.

Da man sich in Preuen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorber ist
und den Horizont keine Kriegswolken trben, nach positiven Schpfungen
sehnt und das Feld fr einen groartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun
geffnet sieht, beweist die ngstliche Spannung Preuens, Deutschlands,
Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde.
Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, da
wir hier nicht einen Jngling auftreten sehen, dessen politische Ideen
noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen
gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun
anvertrauten Regierung grndlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt
wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektre er sich Stellen
unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und da es solcher
Stellen und Merkzeichen viele geben msse, beweist der allgemein selbst
in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, lngst
angelegtes und bald hervortretendes System.

Man erschpft sich in Vermutungen ber das politische Glaubensbekenntnis
des neuen Knigs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht
gerade einige talentvolle Brgerliche ihre Berufung zum Ministerium der
Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die
vornehmimponierende und doch gefllige Haltung des neuen Herrschers mit
Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund
der Richtungen, in welchen Steffens und hnliche reaktionre Geister
geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persnlich
kannte, so wird er bald gefunden haben, da die naive Lebensunsicherheit
dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu
seinen politischen Phantasmen und Trumereien Vertrauen einflen kann.
Wie wrde auch die groe Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz fr seinen
ruhmgekrnten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu
politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens
und ihnen hnliche, in Friedrich dem Groen nur einen gekrnten
Jakobiner sehen?

Man rhmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm
Verstandesschrfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes
und hat mehr Sinn fr das Zivile als Militrische. Er liebt den Umgang
mit Gelehrten und Knstlern, von denen viele sich seiner nhern
Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente
hinzugeben, bezeugt der gemtvolle, anspruchslose Brief, den er an
Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der
ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und da ihm selbst der
schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein drfte, beweist der
Umstand, da man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen
wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Groen eher nachzusehen
pflegt, als Kleinen, wei man nichts. Seine Sittlichkeit wird gerhmt. Er
besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung
fr ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft
ausgezeichneten Rednergabe, wei ich nicht. Jedenfalls wrde eine
religise Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern
einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist mglich, da sie die
Frucht einer entweder gemtlichen oder philosophischen Abneigung gegen
einseitige Verstandesreligiositt wre. Es ist kein Zweifel, da der neue
Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist
wahr, da ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so
wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der
Einflu des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts
Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins
Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewi im Auge, wenn auch die Zeit erst
lehren mu, wo es liegt. Fr gedankenlos halte man keine seiner
Unternehmungen. Ratgeber wird er hren, ihnen aber nicht immer folgen.
Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, fr ffentliche Schritte
fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung
ndern, nie aber einen Schritt wieder zurcktun. Es lodert viel Feuer in
ihm und sein Geist wird oft in den schnen Fall kommen, heftigere
Regungen des Gemts zu zgeln. Der gttlichste Triumph, den uns der
Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft
beglcken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann
darnach den Versuch machen, ein Portrt zu zeichnen und mu sich zuletzt
doch eingestehen, da der--Versuch eine Pfuscherei ist.

Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebrtet, so viel kleine
Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, da ich wohl begierig wre, was einer
von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine
Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab),
dem neuen Herrscher ans Herz legen wrde. Mit guten Lehren aus dem
frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, wrde es wohl
ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Frst soll keinem
Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; bndige eine
Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben
nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man
Knigen gegeben hat! Sie werden fast alle lcherlich, wenn man sie auf
bestimmte Flle anwendet, oder sie setzen an Frsten dasjenige als
lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19.
Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind
Ratschlge, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was wrde wohl
mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preuens
zu Ruland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein?
Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von
Jahren den Geschftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er
wird sich lngst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet
haben. Wer die Entwrfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist
leicht mglich, da Friedrich Wilhelm IV. fr Europa einige
berraschungen im Sinne hat.

Man spricht jetzt soviel ber Friedrich II. Was ist es, das an ihm so
auerordentlich gerade jetzt in die Augen sprnge? Will man einen
schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouvernitt?
Nein. Es ist das Persnliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so
bewundert wird. Preu und andere haben so herrliche Zge von der freien,
unabhngigen, entschlossenen Denkungsart dieses Knigs mitgeteilt. Man
hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt wrden fr
staatsgefhrlich erklrt werden. Es ist kein Zweifel, da man mit dieser
Vergtterung Friedrichs des Groen einen Wunsch fr seine Nachfolger
aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik
gegen die Gegenwart.

Was knnte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Groen lernen?
Vieles fr die Personen, weniger fr die Sachen. Nicht alles wrde jetzt
so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben wrde.
Wohl aber wrde man fr die Mittel und fr die Ratgeber lernen knnen.
Theoretiker am Staatsruder wrde er mit Recht fr Schwindler erklren und
das Nchste wrde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich ber
die Religion dachte, war nicht gut fr die Schule, besser schon fr die
Kirche, vortrefflich fr die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der
ihn beseelte, war schlecht fr den Aufbau des Neuen, aber gut zum
Niederreien des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden
Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe
benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich
II. bewundrungswrdig. Man fhlt, wenn man seine Antworten und
Resolutionen liest, da man fr jedes Leiden bei seinem Gemt wohl eben
keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhlfe wrde gefunden haben.
Seine Phantasie und sein Geschftseifer machten ihm das Verstndnis jedes
ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht ntig, wenn man
einen Minister verklagte, zu frchten, da man an eben diesen Minister
wrde verwiesen werden.

Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit
seiner Regierung gebhrt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Grn
des Fichtenhains, der die sterblichen berreste seines Vaters und seiner
Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als da man aus seinem
Auge etwas andres erraten knnte, als Trnen. Er wird nicht damit
beginnen, Schpfungen seines Vaters umzustrzen, er wird niemanden, der
des Seligen Vertrauen besa, aus seiner Nhe entfernen. Aber die
Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten
erledigten Ministerstelle drfte vielleicht das erste Symptom des
Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf
das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit lchelndernster,
mit bangfroher Erwartung.




Das Barrikadenlied (1848)


Barrikaden! Barrikaden! Eine Wehr der Brgerbrust! Jeder Freie ist
geladen, Auf zum Kampfe, Kameraden! Freiheitstod ist Himmelslust! Lat
uns graben, lat uns schanzen! Fsser her und Steine drauf! Trottoire,
glatt zum Tanzen, Wagen mit und ohne Franzen, Alles hlt die Kugeln auf.

Ha! Sie kommen! Nicht gezittert! Nicht den Blick zurckgewandt! Lat sie
schieen! Glas zersplittert! Hinterm Wall sind wir vergittert. Freie
Brder, haltet Stand!

Fat mit scharfem Blick die Rechten! Zielt und drckt die Bchse los!
Offiziere, knnt Ihr fechten? Kommandieren nur den Knechten! Fallt-in
Eures Knigs Scho.

Dann bedacht, auf kurzem Pfade, Bricht die erste, ziehn wir dicht In die
zweite Barrikade, In die dritte, vierte-schade, An die fnfte folgt
Ihr nicht!

So auf Barrikadenbahnen Nur drei Tage sich gewehrt, Und beim vierten Ruf
des Hahnen Unter schwarz-rot-goldnen Fahnen Hat das Volk, was es begehrt!




Landtag oder Nicht-Landtag (1848)


Die Frage, welche jetzt so lebhaft die Gemter bewegt, fing klein an. Der
Unterzeichnete wollte sich am Abend nach der Beerdigung die Anschauung
einer Berliner Volksversammlung verschaffen und begab sich in die Zelte,
wohin eine solche ausgeschrieben war. Er fand etwa tausend Menschen, die
in verworrenem Durcheinander ber Wahlgesetz und Landtag sprachen. Einige
von dem Unterzeichneten zwischen die gehaltenen Vortrge geworfene
Bemerkungen erregten die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Man machte ihn
zum Prsidenten der Versammlung, ein an sich unerquickliches Amt, das er
aber nicht zurckwies, weil wir in einer Zeit leben, wo die Anteilnahme
am gemeinen Wesen ede1ste Brgerpflicht ist. Eine auf Grund der ferneren
Debatte verfate und von den HH. Assessor Jung, Dr. Oppenheim und
Fabrikanten Lipke mitunterzeichnete Adresse gegen Berufung des Landtags
wurde Freitag den 24. dem Minister Arnim berreicht.

Inzwischen ist die Frage zur Parole des Tages geworden und gleichsam das
Symbol der Parteien. Diejenigen, welche in den Begebenheiten des 18. u.
19. Mrz eine Revolution sehen, wollen keinen Vereinigten Landtag mehr,
die, welche nur eine Revolte erblicken, verlangen ihn. Die Grnde, mit
denen man sich bekmpft, sind nicht immer redlich. Ich finde es
unredlich, sophistisch wenigstens, wenn man der groen Masse sagt: Wollt
Ihr einen konstitutionellen Knig? Wollt Ihr eine Kabinettsordre ohne
Beirat der Stnde? usw. Man formuliert die illiberale Frage liberal, und
die Leute, so angeredet, antworten blindlings: Wir wollen einen
konstitutionellen Knig, wir wollen nichts ohne die Stnde usw. Der Knig
ist konstitutionell, aber nur durch eine Konstitution, die wir noch nicht
haben. Der Knig hat sich mit dem Vereinigten Landtag frher als
absoluten Frsten proklamiert, der Vereinigte Landtag bestand neben
diesem absoluten Frsten, folglich kann er jetzt nicht mehr neben dem
konstitutionellen bestehen. Es ist ein Sophisma, wenn man die
Konstitutionalitt des Knigs durch die Berufung des Vereinigten Landtags
beweisen will.

Der Vereinigte Landtag ist ein Berliner Kind, ein Jahr alt; er war etwas
neues, er wirkte vorteilhaft auf unsere politische Atmosphre, vorteilhaft
auch auf Lokal-Interessen. Diese letzteren verdchtigen etwas die
Sympathie, die sich fr ihn zu erkennen gibt. Die Buchhndler haben noch
so viel Bildnisse und Reden-Sammlungen vom vorigen Jahre auf dem Lager:
Man denkt, das alles wird jetzt flott; man hofft eine gewisse Beruhigung,
eine Konsolidierung der Verhltnisse, die Brse will endlich Kurse
notieren. Die frheren Abgeordneten, die da merken, da ihre Stunde
gekommen ist, regen sich auch. Sie mchten gern, das wittern wir in der
Luft, Rmertaten von Entsagung auffhren, recht flatternd den Mantel nach
dem Winde hngen und die Lge noch mehren helfen, die uns so schon
verdchtig genug umspinnt. Das alles sind schlimme Aussichten und
vermehren das Mitrauen in diesen alle Zeit ja rein prekr und von der
kniglichen Gnade abhngig gewesenen Staatskrper.

Man sagt, man knne eine moralische Versammlung nicht tten. Und doch
verlangt Ihr, da sie sich selber tten soll? Ich gestehe, ich mchte
nicht auf den Bnken dieses Landtags sitzen mit dem Bewutsein, da ich
mich berlebt htte, da ich mich hinfort begraben lassen, mich ferner
unmglich machen soll. Viele Mitglieder des Landtags werden so denken,
vielleicht alle. Sie werden zusammenkommen, sich anblicken und die Augen
niederschlagen. Sie werden sagen: Wie kommen wir hieher? Wir sind
Provinzia1stnde, wurden vereinigt ohne konstitutionellen Grundsatz, ohne
Befugnis der Gesetzgebung, ohne Macht und Auctoritt, ja sogar erst die
Periodizitt ist uns als Geschenk, durch den Augenblick, verliehen. Wir
haben uns immer unbehaglich und unheimlich zusammengefhlt, wir haben
immer dahin protestiert, da wir nicht die Stnde, die 1815 versprochen
sind, vorstellen, und so knnen wir nichts anderes tun, als uns in
Provinzia1stnde, was wir sind, auflsen, nach Dsseldorf, Mnster,
Knigsberg, Breslau gehen, fr das Wohl der Provinzen sorgen und uns der
kleinen Freiheiten, die uns das Patent vom 3. Febr. gewhrte, freiwillig
begeben.

Die Politik sollte diesen Fall voraussetzen, sie sollte sich rsten
darauf:

1. da dieser Vereinigte Landtag sehr unvol1stndig erscheinen, 2. sich
fr inkompetent erklren und 3. von der noch grenden Aufregung
vielleicht sogar gewaltsam beanstandet werden wird.

Wnschen das die Minister? Knnen es die Freunde des Friedens und der
Ordnung wnschen?

Ferner: Aus dem Vereinigten Landtag soll das deutsche Parlament beschickt
werden. Und berall regt sich in Deutschland der Protest gegen diese
Idee. Die Frankfurter Versammlung wird erklren, sie wrde von diesen
Provinzia1stnden nimmermehr Deputierte, die das preuische Volk zu
vertreten htten, empfangen. Neue Verwirrung nach einer so wichtigen
Seite hin, der nationalen! Neue Aufforderung, bei Zeiten vorzubeugen und
solchen Verwickelungen dadurch zu entgehen, da man den Vereinigten
Landtag, als solchen, fallen lt. Preuen bedarf in diesem Augenblick so
dringend der allgemeindeutschen Sympathie.

Wir haben ntig erstens eine konstituierende Versammlung, welche die
Konstitution bespricht, und dann erst mgen die neuen Stnde kommen, die
vielleicht wesentlich modifiziert werden durch das (National-Parlament).
Vielleicht ist das letztere wichtiger, als unsere Stnde. Wenn das
deutsche National-Parlament ber vier der wichtigsten Lebensfragen eines
Volkes zu entscheiden hat, werden die Stndekammern aller deutschen
Staaten ohnehin nur gewissermaen zu Provinzia1stnden herabsinken. Warum
streiten wir uns ber das knftige Wahlgesetz? Im Augenblick handelt es
sich nur um eine konstituierende Versammlung fr Preuen, und diese mu
allerdings auf der breitesten Unterlage angelegt sein, nicht ganz
abstrakt-numerisch, aber doch so viel wie mglich. (Dahlmann) hat gewi
Kenntnisse preuischer Verhltnisse genug, um rasch ein solches
Wahlgesetz zur konstituierenden Versammlung zu entwerfen. Er wird
vorurteilslos genug sein, sich dabei an die gegebenen Zustnde des
historischen Augenblickes, nicht an seine Gttinger Diktate zu halten.

Ich komme nochmals auf das obige Sophisma zurck von einem
konstitutionellen Knig, der nichts ohne den Vereinigten Landtag tun
knne. Ich find' es geradezu machiavellistisch. Unser konstitutioneller
Knig ist sehr jung. Er ist es vor allen Dingen durch die Konstitution,
die wir erst bekommen sollen. Ein Pregesetz war rasch erlassen, ohne die
Stnde. Da besorgte man, die Freiheit der Presse msse doch gleich eine
beruhigende Form haben. Jetzt berufe der Knig eine konstituierende
Versammlung durch einen Aufruf an sein ganzes Volk! Die Wahlen, so oder
so modifiziert, wenn nur berwiegend dem Grundsatz der Allgemeinheit
ehrlich entsprechend, werden ihm die Mnner bringen, die allein die
Gegenwart und Zukunft organisieren knnen. Es ist sophistisch, hier von
einem "Gewaltstreich" zu sprechen. Der Knig ist in diesem Augenblick der
Ausdruck der Zeit, er will, was (wir) wollen, er gibt Gesetze, die ihm
die (Lage der Dinge) diktiert. Er kann einfach sagen: Ich habe Euch dies
und das in diesen Tagen versprochen, garantiert ohne die Stnde, Inneres,
ueres, Deutsches, Preuisches, Berlinisches, kein Mensch hat gesagt:
Der Knig darf die Brgerwehr nicht ohne die Stnde geben, die deutsche
Kokarde nicht aufstecken usw., und nur in der Wahlangelegenheit, da wollt
Ihr von stndischer (Zustimmung) sprechen? In der gefhrlichsten Frage,
wo der meiste Egoismus zu frchten steht?

Der Vereinigte Landtag enthlt Elemente, die uns sehr (lieb) und (wert)
sind. Seid gewi, die werden wir alle wiederfinden in den neuen Wahlen!
Die alten Stadtverordneten aber, Gemeinderte usw., die durch Vorrechte
gewhlt wurden und die lrmendste Agitation (fr) den Landtag machen, die
wohl nicht, und das ist gut. Eine Beleidigung des Vereinigten Landtags
erblick' ich auch nicht. Krftig gesprochen kann man sagen: Es fiel so
vieles, warum nicht er? Milder gesprochen mu man sagen: Der Vereinigte
Landtag ist nur ein aus Gnade eines (absoluten) Knigs geschenktes
(Rendezvous). Die Provinzia1stnde sollen nicht sogleich vernichtet
werden. Sie mgen in ihre Provinzen gehen, dort das allgemeine
Wahlgesetz, das die konstituierende Versammlung gegeben hat, sich
mitteilen lassen und sich dort, wo sie geboren sind, auch in der Stille
auflsen oder, wre es der Fall, da das deutsche National-Parlament nur
Provinzia1stnde um sich sehen will, einer neuen Organisation
entgegenharren. Das in (Berlin) Vereinigtsein dieser Stnde ist etwas
rein Arbitrres, Zuflliges gewesen, und keinen Landstand kann es
beleidigen, wenn man gegen diese Vereinigung protestiert.

Also, lat Euch nichts vorreden von Rechtsverletzung, Gewaltstreich,
einseitiger Willkr. Das sind Gruben, die man Eurer guten, ehrlichen,
freien Gesinnung grbt. Wenn wir eine Konstitution haben und darauf
gebaute wahre Stnde des Volkes, dann erst sollen die einseitigen Befehle
von oben aufhren. Jetzt aber, solange nichts rechtlich Bindendes da ist,
wollen wir froh sein, wenn die strmisch gewesenen Vorboten des
angebrochenen Vlker-Frhlings uns noch recht viel solcher Blten vom
Baume der Majestt schtteln, wie diejenigen waren, welche wir in den
jngst vergangenen Tagen als Gesetze und Verheissungen empfingen. Ein
Wahlgesetz gibt jetzt nicht der Knig sondern das Volk, die Zeit, der
Sieg des Augenblicks.

Dr. Karl Gutzkow




Preuen und die deutsche Krone (1848)


Man kann es vom hheren, vaterlndischen Standpunkte aus nicht billigen,
da sich Sddeutschland aus den hiesigen Begebenheiten, die den
gewaltigen Umschwung unserer Verhltnisse hervorriefen, nur die
Ereignisse vom 18. und 19. Mrz herausgreift und auf diese schmerzlichen
Tatsachen hin bei der Wiedergeburt Deutschlands Preuen desavouiert. Denn
was man gegen die Person des Knigs sagt, trifft in diesem Falle das
Land, trifft Preuen und viel empfindlicher Deutschland selbst.

Man bert eine Einigung Deutschlands auf den Grund eines zu whlenden
krzeren oder lngeren Oberhauptes. Seit Pfizers "Briefwechsel zweier
Deutscher" steht es fest, da selbst die freisinnige, deutsche,
hochherzige Bewegungspartei fr die Idee einer preuischen Hegemonie ist.
Die sddeutschen Deputierten, die mit einem Doppelplane der Organisation,
einem monarchischen und einem republikanischen, hierher kamen, vertraten
anfangs denselben Geist, dieselbe Meinung, und noch am 18. und 19. Mrz
soll Preuen pltzlich "unmglich" geworden sein? Darin liegt eine
politische Unklugheit und eine doppelte Ungerechtigkeit.

Um es ganz offen zu sagen, wonach streben wir? Wir mchten smtliche
deutsche Frsten auf eine Art Standesherrenschaft zurckfhren, ihnen in
Frankfurt (einem nicht gut gewhlten Orte; Leipzig, Gotha, Weimar,
Nrnberg wren besser) eine ehrenvolle und wrdige Vertretung ihrer
Interessen und Erinnerungen geben und das ganze Reich durch ein
temporres oder dauerndes, erbliches oder nichterbliches Bundesoberhaupt
regieren lassen. Ohne eine sehr bedeutende Nullifikation unserer Frsten
ginge es dabei nicht ab. Die kleineren scheinen nicht abgeneigt, solchen
Wnschen sich zu fgen; ja sogar grere Frsten, die Knige heien, ob
sie gleich wegen ihres Gebietes nur Herzge oder Landgrafen heien
sollten, ich sage, selbst grere haben Wrme und Gefhl fr das
Gemeinsame genug, da sie freiwillig ihre Souvernitt angeboten und auf
den Altar des Vaterlandes niederzulegen versprochen haben. Ein Knig
sogar, der sich gegen diese Richtung anzustemmen nicht mehr krftig genug
fhlte, entsagte seinem Throne und trat ihn seinem Erben ab, der dieser
idealen Richtung sich verwandter fhlt. Von sterreich wrde man immer
nur einzelne Teile seines Gebietes haben vertreten wissen wollen und wenn
auch die Wiener Bewegung, der Sturz Metternichs eine augenblickliche
Hingabe an das alte Kaiserhaus in uns erwachen lie, sie kann nur
vorbergehend sein. Warum nur vorbergehend? Weil einmal die
Persnlichkeit des gegenwrtigen Kaisers keine ausreichende ist, zweitens
der Wiener Aufschwung der rechten freiheitsgedngten Grundlage im ganzen
Reich ermangelt und drittens in Frankfurt nimmermehr gewnscht werden
kann, da Deutschland wieder in das Schlepptau der europischen Politik
des Hauses Habsburg genommen wird. Was man fr [die] Reorganisation
Deutschlands tut, mu ohne organische Aufnahme sterreichischer Elemente
geschehen. sterreich kann nur ehrenhalber dabei beteiligt sein.

So bliebe immer nur die preuische Anlehnung als die hauptschlichste und
entscheidendste brig. Das schlechte Preuische ist ja im Innern zerstrt
und wird noch mehr zerstrt werden durch Amalgamierung mit dem brigen
deutschen Stoff; das gute Preuische aber ist fr Deutschland so
wesentlich, da es Torheit und Verblendung wre, sollte sich auf ein
einzelnes Faktum, ber das wir noch spter sprechen werden, auf eine
einzige dem Knigtume gegebene Lehre hin diese Idee der vol1sten Aufnahme
Preuens in die deutsche Sache zerschlagen. Welchen Ersatz wollt Ihr in
Heidelberg und Mannheim bieten? Es ist sehr leicht, in tausendfacher
Anzahl Versammlungen ausschreiben, sich in Drohungen und Verwnschungen
ergehen, Lieder singen usw., aber die nchterne Erwgung der Tatsachen
sollte Euch zwingen, Euren Unmut zu beherrschen und ber die Personen
nicht die Sache zu verlieren!

Isoliert man Preuen, isoliert man die Empfindung seines jetzt sich zwar
konstitutionell bindenden Knigs, dessen Persnlichkeit indessen nicht so
nach Gefallen zu beseitigen ist, so knnte der deutschen Wiedergeburt
eine groe Gefahr erwachsen. Der Provinzialgeist reagiert jetzt gegen die
Hauptstadt Preuens, pommersche und uckermrkische Bayards wiegeln die
unzurechnungsfhige altfrnkische Loyalitt der Bauern und den rger des
Adels auf, das Heer ist verstimmt, viele seiner Fhrer sind geradezu
verdchtig, die ganze Maschine der Verwaltung luft noch in den alten
Wellen und Rdern, Polen hofft auf friedliche, unblutige Wiederherstellung
und lt im Adressenrauschen und Fraternittspredigen vielleicht den
Moment der Tat vorbergehen, Ruland, das gerstete, einige, feste wei,
was es will, es trifft, ungehindert von Polen, Preuen unvorbereitet,
uneins, zgernd, den Knig verstimmt, abgekhlt durch Eure Proteste, der
Strom von Osten flutet heran ... und was dann? Sd- und Westdeutschland
haben nur noch eine Einigkeit auf dem Papier und die Erinnerungen an die
militrische Kraft des Reiches sind eben nicht erhebender und
vertrauenerweckender Art.

Preuens historische Bestimmung ist die des Werdens, des Flieens,
Wallens, sich Gestaltens und Ausdehnens. Deutschland, Preuen in sich
aufnehmend, wird allein stark sein. Was weist Ihr Preuen zurck? Ist es
nicht ein neues, das sich mit Euch verschmelzen will? Habt Ihr noch
Mitrauen in das von Euch bespttelte Berlin, dem Ihr in diesem
Augenblick allein den krftigsten Beweis einer in Deutschland doch
mglichen Auflehnung gegen bergriffe und Anmaungen der Gewalt verdankt?
Berlin hat sich nicht nur durch seinen persnlichen Mut zur geistigen
Hauptstadt Deutschlands gemacht, sondern auch durch die Flle von Fragen,
die sich in politischer und sozialer Rcksicht hier allein aufgeworfen
haben. Man kam fast nirgends ber die patriotischen und liberalen
Abstraktionen hinaus, in Berlin lodert es radikal vom Herd des
Volkes auf.

Nenn' ich die Isolierung Preuens in diesem Augenblicke unpolitisch, so
ist sie auch ungerecht und zwar in doppelter Hinsicht. Ungerecht gegen
das preuische Volk, ungerecht sogar gegen den Frsten. Was am 18. Mrz
verbrochen wurde, ist das Verbrechen aller deutschen Frsten. In Wien ist
auf das Volk geschossen worden wie in Berlin, und das Blutbad wrde
ebenso gro geworden sein wie hier, wenn man dort nicht sogleich in der
Absetzung Metternichs eine rasch ausfhrbare Konzession gehabt htte.
Metternich stand schon so schwankend, da er durch eine Straenbewegung
fiel. In Berlin war der Kampf rein eine Schlacht, die man dem Militr als
solchem lieferte, dem Militrstaat, dem Land der Polizeityrannei, kurz,
es war ein fast persnlicher Vernichtungskampf. Jeder deutsche Frst,
umgeben von solchen Generlen, solchen militrisch gesinnten Prinzen,
solchen militrischen jahrhundertalten Arroganzen, htte ebenfalls feuern
lassen. Der Knig braucht darum gar nicht persnlich der "Wrger" und
Schlchter zu sein, fr den ihn die Heidelberger Adresse erklrt. Er ist
ganz einfach der Ausdruck seiner Standesvorurteile, seiner militrischen
Erziehung, das Echo seiner Ratgeber, das weiche Wachs seiner Brder und
sogenannten Jugendfreunde, der Frmmlinge, der Volksverchter jeden
Grades. Rechnet man noch hinzu, wieviel Unruhe und Unselbstndigkeit er
in sich selbst besitzt in dem Gefhl seiner nunmehr achtjhrigen
widerspruchsvollen Regierung, wo ihn, den romantisch gestimmten Epigonen
vergangener Zeitrichtungen, der Sturmwind des Tages ewig im Kreise
umherwirbelte und er bei dem unleugbaren Willen, gut, gerecht, weise,
edel sein zu wollen, und dem Bewutsein, gut, gerecht, weise, edel sich
selbst zu erscheinen, doch der Welt gegenber immer als das Gegenteil
davon hervortrat: so ist es im hchsten Grade ungerecht, die vllige
Umkehr und neue Geburt, zu der er am 20. Mrz die Lust bezeugte, das
Emporhalten des Reichsbanners und den Enthusiasmus eines neuen ihn
innerlichst ergreifenden Menschen abzuweisen und seine warme Hingabe an
die deutsche Sache zu erklten. Noch bedrfen wir, um das, was in
Frankfurt bezweckt wird, auszufhren, der Persnlichkeit unserer Frsten.
Noch kann die Reue, das Bedrfnis nach Popularitt, der geweckte
Enthusiasmus des preuischen Knigs in die Waagschale der Frankfurter
Entschlsse das Gewicht der Entscheidung legen; warum festhalten an dem,
was am 19. in Berlin geschah und wie es in Mnchen, Kassel, Karlsruhe,
Hannover geschehen sein wrde, wenn nicht das Volk gleich anfangs eine
krftige Miene gezeigt htte! Mit Worten ist in Stdten, die ich nicht
nennen will, von unseren Frsten mehr gemordet worden, als hier in Berlin
mit Waffen.

Deutschlands Wiedergeburt unter dem preuischen Banner ist, so lange wir
in der konstitutionellen Monarchie uns bewegen wollen, die einzige
kraftvolle und Zukunft versprechende Lsung des Augenblicks. Wollt Ihr
die Einigung Deutschlands in wahrer Vollendung, so knnt Ihr nur den
Mchtigsten an die Spitze stellen und das, was Ihr an seiner Person
vermissen wollt, durch den Genius seines Volks ersetzen!

Dringen diese Ansichten nicht durch, scheitern sie an einer
unberwindlichen persnlichen Abneigung, so treten folgende Flle ein:
Erstens werden wir um die Ruland in Schach haltende polnische
Insurrektion betrogen, da ein unter den Auspizien des Panslawismus
friedlich geschaffenes Knigreich Polen leicht mit dem Zaren friedlich
sich abfinden drfte. Zweitens htten wir die russische Invasion, die ein
innerlich zerworfenes, militrisch unorganisiertes Deutschland, ein fr
den Augenblick an sich selbst irrgewordenes Preuen vorfnde. Drittens
endlich, wer schtzt uns--vor Verrat, vor einer tief angelegten,
grauenerregenden.... Intrige? All' diese Lose schlummern im Scho der
nchsten Zukunft, wenn Sddeutschland in seinen Ablehnungen und Protesten
so fortfhrt, wie es begonnen, es sei denn, da der Knig von Preuen,
der groen Mission seines Volkes sich unterordnend, den Wink verstnde,
den ihm Gervinus im neuesten Bulletin der "Deutschen Zeitung"
gegeben hat.




Abwehr einer Verleumdung (1850)


In N. 43 dieser Zeitung sagt ein Anonymus, dem die Redaktion sogar die
Ehre erweist, seine bsen Verdchtigungen in den Grodruck des
politischen Textes aufzunehmen, der Unterzeichnete knnte schon deshalb
als "technischer Direktor" des K. Hoftheaters nicht berufen werden,
weil--ihm etwa die ntigen dramaturgischen Kenntnisse mangelten? Nein.
Oder weil von ihm bekannt wre, da er zwar kein republikanischer, aber
doch sonst ein gar schlimmer und bedenklicher Autor wre? Auch das nicht!
Nun, warum denn sonst nicht? Er hat etwas viel, viel rgeres begangen. Er
wre im Jahre 1848 von Dresden ganz besonders zu den "Mrzereignissen"
herbergekommen. Zwar setzt der wohlwollende "Zuschauer" schchtern
hinzu: "Wie es scheint." Verzwicktes "wie es scheint"! Warum nicht
sogleich dreister? Warum nicht sogleich geradezu gesagt, ich htte
Barrikaden befehligt?

Im Mai 1849 hab' ich in Dresden, wohin ich nicht erst zu reisen brauchte,
wirklich eine Barrikade bauen sollen. Fnf Mnner in Sensen hielten mir
Steine entgegen und wollten mich zwingen, Hand anzulegen. Lat mich! Ich
bin kein Baumeister! mut' ich ihnen sagen. Es half nichts: "die Sense
sollte michs schon lehren!" Erst als ich etwas unsanft sagte: Leute, ich
habe fr die deutsche Einheit mehr mit dem Wort getan, als ich hier mit
Steinen tun kann! lie mich die damals souverne Insurrektion meines
Weges ziehen. Freilich! Warum sa ich nicht, wird mein "Zuschauer"
fragen, auch hier versteckt in irgendeinem Keller? Warum war ich an jenem
Mrzsonntage 1848 vor dem Schlosse in Berlin und sah mir dies Wogen und
Wten einer ungebundenen Menschenmasse an? Der schlimme "Zuschauer" sagt,
Herr Polizeiprsident v. Minutoli mte darber auch noch erst Bericht
erstatten. Niemand kann im geschichtlichen Interesse mehr wnschen als
ich, da der freundliche und um den milderen Verlauf jener Tage vielfach
verdiente Herr v. Minutoli seine damaligen Erlebnisse erzhlte. Aber ich
wnschte doch, Felix Lichnowski lebte noch und besttigte mir's, da er
mich aufforderte: "Freund, Sie mssen reden! Sie mssen! Ich lasse Sie
nicht!" "Worber?" "ber was Sie wollen! Ich bin heiser, ich kann nicht
mehr! Nur reden, nur beruhigen!--Nun denn, sagt' ich, ich habe in jenem
patriotischen, angeborenen, mark-brandenburgischen, vaterstdtischen
Drange, von dem man damals noch nicht ahnte, da man ihn spter fr
revolutionren Frwitz erklren knnte, das Wort des Knigs: Kommt und
ratet mir! so aufgefat, da ich ihm einen Brief bergeben lie, worin
ich ihn bat, in die aufgelste Ordnung irgendeinen, die Massen nur legal
zusammenziehenden, die Gemter zerstreuenden neuen Gedanken zu werfen, am
liebsten den der Brgerbewaffnung! "Sprechen Sie darber! Sogleich! Hier!
Heran! Ich lasse Sie nicht mehr fort!" Ich sprach, und die Massen, die zu
allen Konzessionen, die sie kaum verstanden, noch etwas Neues,
Handgreifliches, leicht Verstndliches hinzuempfingen, zerstreuten sich.
Es ist bekannt, da der Knig denen gedankt hat, die an jenem
Sonntagmorgen zum Schlosse hielten. Freilich, sehr exaltiert, sich ohne
Portefeuille fr einen Politiker zu halten! Sehr exaltiert, nicht wie
jener Feigling im "reisenden Studenten" in den Mehlkasten zu springen und
zu rufen: Brennt's noch? Wer damals in den Mehlkasten sprang, der kam
freilich fr immer sehr wei heraus.

Einige Tage grte das, alle ergreifend, noch so fort. Und wenn mein
"Zuschauer" sagt: Vor dem 18. Mrz schon htt' ich "Ttigkeit entwickelt",
so will ich ihm sagen, was ich vor und nach dem 18. Mrz fr "Ttigkeit
entwickelte." Am 6. kam ich mit Weib und Kind nach Berlin, um meinen
Urlaub dort zu verleben. Von da bis zum 18. schrieb ich im Hotel de
Russie mein Schauspiel: Ottfried. Und vom 22. Mrz bis 22. April, also
whrend der vollen Blte der Revolution, sa ich am Krankenbette eines
Kindes, am Sterbebette einer Frau. O Du leidiger "Zuschauer"! Ich
beantworte Deine bse Anklage so ausfhrlich nicht wegen des "technischen
Direktors" (der nicht mir, nur jener Anstalt fehlt), sondern deshalb,
weil diese in Berlin eingerissene Enthllungssprache, dies mystische: Der
war gestern in der und der Strae! Man hat ihn da und dort mit dem und
dem verkehren sehen usw. eine wahre Schmach unserer Zeit ist und an die
trbsten Tage rmischer Delatorenwirtschaft erinnert.

Wenn man von mir sagt, da ich bei dem mir mannigfach eingerumten
Berufe, fr die deutsche Schaubhne theoretisch und praktisch zu wirken
und an jedem Hoftheater die sthetische Initiative ergreifen zu knnen,
doch immer noch so "taktlos" bin, in politischen Dingen mehr links als
rechts zu stehen, so kann ich mich dagegen nicht verteidigen und werd' es
nicht. Aber den Vorwurf, da ich in meinem Leben je gewhlt, agitiert
oder konspiriert htte, weis' ich mit Verachtung zurck.

Dresden, 23. Februar 1850.

Dr. Karl Gutzkow




Varnhagens Tagebcher (1861)


Wir mgen nicht das Schlimme wiederholen, das sich schon reichlich in
manchen Blttern ber Ludmilla Assings neue Mitteilungen aus dem Nachla
ihres Oheims (zwei Bnde, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1861) gesagt findet.
Die Ausdrcke der Anfeindung und Verachtung kommen meist aus der Region,
wo man sich durch die guten Seiten dieser Tagebuchnotizen
getroffen fhlt.

Wer die Zeit von 1835-43 (dies die Jahre, die die vorliegenden zwei
ersten Bnde treffen) mit all dem Unmut und dem Druck persnlichster
Benachteiligung durchlebt hat, dem Varnhagen in seinen Aufzeichnungen
Worte leiht, der entschuldigt das meiste von dem, was andere hier
verurteilen wollen. Ihm bleibt es eine Erquickung, noch einmal bis in die
kleinsten Details jenen traurigen Zeiten der Verfolgung und endlich zu
Fall gekommenen Tyrannei nachzuleben. Ihm gewhrt es einen hohen Genu,
sich sagen zu knnen: An alledem warst auch du mit den tiefsten Atemzgen
deines Lebens beteiligt, fhltest dieselben Gewaltschlge der Schergen,
hofftest auf dieselben Sonnenblicke der bessern Zeit! Bis ins einzelnste
lebt sich ein lteres Geschlecht in diesen Varnhagenschen Mitteilungen
noch einmal wieder sein eigenes Leben durch.

Und auch das ist eine der guten Seiten dieser Verffentlichungen, sie
lehren Hingebung an Zeit und Menschen, Verehrung und Piett vor der
gemessenen Stunde, auch vor fremder Bildung, fremdem Lebensschicksal und
vollends vor dem eigenen, soweit wir nur zu oft geneigt sind, immer nur
in hastiger Erwartung des Zuknftigen unsere Befriedigung zu finden. Je
massenhafter die Zeit ihre Strebungen ansetzt, je verallgemeinerter die
Wirkungen des Zeitgeistes sind, desto erhebender diese Beachtung des
Einzellebens, diese sinnige Beobachtung des Individuellen und
Persnlichen. Letztere Beobachtung ist bei Varnhagen nicht ganz von der
Neugier, noch weniger lediglich vom Gefallen an dem medisanten Geflster
der Gttin Fama eingegeben; sie entspringt aus einem Persnlichkeitskultus,
den wir nicht verwerfen oder um seiner etwaigen Abnormitten willen
verurteilen wollen.

Welche Flle von interessanten Mitteilungen diese beiden Bnde enthalten,
ist in allen Zeitungen schon gesagt worden. Wir knnen allerdings den
verstehen, der die Mglichkeit, solche Tagebcher zu fhren, in mehr
bedenklichen als guten Charaktereigentmlichkeiten finden will; das vor
uns liegende Endergebnis solcher Art oder Unart ist jedoch lehrreich und
ntzlich. So viel lt sich bei jedem einigermaen Urteilsfhigen
voraussetzen, da ihm nicht jede dieser flchtig hingeworfenen uerungen
magebend sein wird--es kann in ihnen getadelt werden, was vielleicht
alles Lobes wert ist--aber luftreinigend wirken diese Explosionen;
Behutsamkeit werden sie nach allen Seiten hin verbreiten. Wie gut tut es
nur allein schon den Hochgestellten und Mchtigen, da sie berall sich
eingestehen mssen: Hier ist zwar nicht durch Anschlag vor Fuangeln
gewarnt, aber hte dich bei jedem Schritt, unvorsichtig und unbedacht
zu sein!

Auch darin mssen wir eine hchst interessante Wirkung dieser
Verffentlichungen sehen, da wir die auerordentliche und fast
unglaublich scheinende (Natrlichkeit) kennenlernen, die in gewissen
hhern Regionen waltet. Mglich, da zwei Dritteile dieser hier vom Hofe,
den Prinzen, den Staatsmnnern Preuens aus den oben genannten Jahren
mitgeteilten Anekdoten unrichtig erzhlt oder leere Erfindungen des
Gerchts sind; dennoch bleibt immer noch genug zurck, um uns ein Bild
dieser steten Agitation zu geben, die um die hervorragenden Erscheinungen
der Erdenmacht sich auf- und abbewegt. So strmt der Zugwind am meisten
um groe, alleinstehende Kirchen und lt schon in der Legende den Teufel
da sein lustigstes Spiel treiben. Varnhagen hat Frsten und Regierende
genug selbst gesprochen, teilt uerungen von erlauchten Lippen genug
selbst mit, die sein eigenes Ohr vernommen, um die Vorstellung zu
erwecken: So also bengstigt euch Herrschende doch die Zeit und die
tausendfache Verpflichtung, die gerade euch stets mahnend zur Seite
steht! So jagen euch die unfertigen Gestaltungen dieser irdischen Welt
hin und her; so bringt der Vorwitz und die Torheit und welche
Leidenschaft der Menschen nicht--! unablssig Wirkungen hervor, deren
Ursachen wir Fernstehenden kaum ahnten! In den Zeitungen stand das alles
so kalt und so abgeschlossen fertig da, was sich hier hinter den Kulissen
so hei siedend und wallend erst formte, so unfertig, so nur wie
vorlufig! Diese Hnde konnten mchtige Fahrzeuge zimmern und doch nicht
dem Sturm und den Wellen gebieten! Wir haben seit langem nicht so auf den
Sieg des Wahren und Gerechten vertraut wie nach der Lektre dieser
Tagebuchmitteilungen, die uns die Gewalthaber der Erde als ebenso
hilfsbedrftige Menschen schildern, wie wir selbst sind.




Vorlufiger Abschlu der Varnhagenschen Tagebcher (1862)


Es wrde berflssig sein, das Erstaunen und die mannigfachen Bedenken
ber die Existenz und die frhzeitige Herausgabe der Varnhagenschen
Tagebcher zu wiederholen. Ihr ffentliches Vorhandensein ist nun einmal
ein Begegnis wie ein Naturphnomen, das sich aller Berechnung entzieht.
Selbst eine Anklage und vor allem die gerichtliche Verfolgung erscheint
uns im vorliegenden Falle wenig angebracht, da man nur einfach zugeben
sollte, da es sich hier um ein literarhistorisches Ereignis, ein
psychologisches Rtsel, um eine in dem Leben eines ausgezeichneten Mannes
uns bis jetzt noch unvermittelt erscheinende Anomalie handelt. Die
Entwaffnung dessen, der durchaus entrstet sein und bleiben will, sollte
in den Vorzgen des Schriftstellers selbst liegen, der uns so lange Jahre
hindurch ein Muster der Migung und des Strebens nach dem Kerngehalt der
Zeit und Welt erschien. Ihn jetzt pltzlich so ganz abirren zu sehen von
derjenigen Bahn, in welcher von ihm so viel Bedeutendes und Bleibendes
geleistet worden ist, das ist eine Erscheinung von so fragwrdiger
Seltsamkeit, da sie uns nur psychologisch, biographisch, zeitgeschicht-
lich beschftigen, am wenigsten Anla geben sollte, die Herausgabe des
Buches zu einem Vergehen zu stempeln. Selbst noch das Irrgewordensein
eines bedeutenden Mannes kann ein Schauspiel bieten, das interessant und
lehrreich ist.

Bis nahe an die Grenze der Unzurechnungsfhigkeit sind allerdings diese
Aufzeichnungen aus den Jahren 1848 und 1849 vorgerckt. Aber waren wir
denn alle, die wir jene Tage miterlebten, frei von einer krankhaften
Exaltation unsers Empfindens und Denkens? Wer htte nicht damals sich
mitten auf die Strae stellen und seine Stimme laut erschallen lassen
mgen, um vor hereinbrechenden Gefahren zu warnen? Falsche Volksfhrer zu
entlarven, Abtrnnige mit feierlichem Protest dem Fluch aller Zeiten
preiszugeben? Beim Rollen und Donnern der Kanonen, bei den Salven, die
auf Volkshaufen abgefeuert wurden, beim Krachen des beginnenden
Barrikadenbaues trieb die aufgeregte Phantasie, die Liebe zum Vaterland,
zur Freiheit, ja wohl auch nur die Vorstellung von unbesonnenen,
falschen, der nchsten Klugheit widersprechenden Maregeln die sonst
ruhigsten Gemter in die Vorzimmer der Minister, in die Kabinette der
Frsten, um ihre Meinungen geltend zu machen. Jeder Tag brachte neuen
Zndstoff, um die Gemter in Flammen zu setzen; und was Varnhagen hier
oft nur mit kurzen Worten niederschrieb: "Es sind Schurken, Halunken,
Bsewichter!" das alles wurde oft genug von uns selbst ausgerufen oder
zwischen den Zhnen gemurmelt. Es liegt uns die treueste, die lebendigste
Vergegenwrtigung einer Zeit vor, die leider fr die Wiederaufnahme
dessen, was sie uns htte bringen sollen, mit einem unfruchtbar und
nutzlos vorbergehenden Jahr nach dem andern sich uns schon zu weit zu
entrcken droht. Eine junge Generation tritt immer mehr in den
Vordergrund, ohne jene Zeit erlebt, ihre Erfahrungen benutzt zu haben. Es
wre ein unermeliches Unglck fr unser Vaterland, wenn die Stunde der
Erlsung von unsern gegenwrtigen, von den Regierungen ja selbst fr
unhaltbar erklrten Zustnden zu einer Zeit schlge, wo die Lehren der
Jahre 1848 und 1849 bereits vergessen wren.

Deshalb schon und um dieser ntzlichen Vergegenwrtigung der Lage willen,
in welche Deutschland bei einer verhngnisvollen Krisis immer wieder aufs
neue wird geraten knnen, sollte man das Exzentrische dieser Publikationen
mit Ruhe hinnehmen. Manche von denen, die hier als "Schurken" und
"Halunken" bezeichnet werden, leben allerdings noch, aber sie mgen doch
nicht glauben, da man sie um deshalb, weil sie hier so genannt worden
sind, nun wirklich dafr halten und in der Geschichte als solche stempeln
wird. Viele davon mgen ernsthaft genug ihr Teil verschuldet haben, aber
auch diese mgen annehmen, da die ffentliche Meinung an ihre Reue und
an manche bessere Besinnung glaubt. Vor allem verrt der Ton dieser
beiden neuerschienenen Bnde, da der Verfasser der "Tagebcher" wirklich
an der Zeit krank war und ber die Tuschung seiner Hoffnungen oft sein
Herz brechen fhlte. Die Wahrheit, mit welcher dieser Schmerz empfunden
und geschildert wird, ist in der Tat erschtternd und vershnt uns nicht
nur mit der Herbheit seiner Aufzeichnungen selbst, sondern berhaupt mit
manchen Zgen in Varnhagens Charakter, mit welchen wir uns frher nicht
hatten befreunden knnen. Wir begegnen hier einem Glauben an die Rechte
der neuen Zeit und an den letztlichen Sieg der Freiheit, einem Glauben an
den Wert und den Adel des Volks, wie er sich schner nicht in den Werken
der berhmtesten Freiheitshelden, nicht reiner bei Franklin findet.

Auch diese neuen Bnde werden vielen Federn Anla bieten, in mannigfacher
Weise auf ihren interessanten Inhalt einzugehen. Unserer Zeitschrift
fehlt dazu der Raum. Nur eine Bemerkung wollen wir nicht unterdrcken,
die auf den politischen Charakter Preuens und Berlins geht. Jene Jahre
waren allerdings die der allgemeinen Verwirrung, aber am verworrensten
sah es doch wohl in Berlin aus. Wir denken hierbei nicht an die
Bassermannschen Gestalten, nicht an die ratlose, hin und her geffte
Brgerwehr, nicht an den zu allen Zeiten schwer zu bewltigenden
Straengeist Berlins, sondern an die Sphre der Intelligenz und der
privilegierten Politiker. Letztere rekrutierten sich eigentmlicherweise
aus frondierenden Beamten und pensionierten oder auf Disposition
gestellten Militrs, wie denn Varnhagen selbst ein solcher zur
Disposition gestellter Diplomat war. Das Hin und Her, das Zutragen,
Besserwissen, die Medisance, das Klatschen gerade dieser Sphre ist so
hchst auffallend, da man die Gefahren des Throns weit weniger versucht
wird in der demokratischen Sphre zu suchen als da, wo der Thron seine
Sttzen zu suchen pflegt. Eitelkeit, Unzuverlssigkeit, Rachsucht,
hmische Schadenfreude verbinden sich hier mit einer miggngerischen
Phantasie, die unausgesetzt sich selbst und andere alarmiert und an einen
Nachen denken lt, der im Sturm nur durch die Unruhe und das Hin- und
Herlaufen seiner Passagiere untergeht. Dies ist ein bedenklicher
Charakterzug jener Menschen und Gegenden, welche bekanntlich die deutsche
Hegemonie und im Fall der Gefahr unsere Kriegsfhrung anstreben. Denkt
man sich diese spezifisch berlinisch-preuischen Elemente beim Beginn
eines Feldzugs oder am Vorabend einer Schlacht, so darf uns so
auerordentlich viel Weisheit, so auerordentlich viel (nur durch die
Furcht!) aufgeregte Phantasie, verbunden mit der im schwatzhaftesten
Dreiachteltakt gehenden Suada, die niemanden zu Worte kommen lt,
ernstliche Besorgnisse einflen.



       *       *       *       *       *

III. Drei Berliner Theatergren




Ernst Raupach (1840)


Raupach scheint jetzt Berlin gegenber einen schweren Stand zu haben.
Selbst seine Freunde fhlen sich in der Teilnahme, die sie ihm sonst zu
schenken pflegten, erschpft. Und doch find' ich, da seine neuern Sachen
nicht schlechter sind, als die frheren, da sie denselben Zuschnitt
haben und dieselbe Kenntnis der Bhneneffekte verraten. Sollte vielleicht
die sehr glckliche Stellung dieses Mannes beneidet werden? Raupach hat
von der knigl. Bhne einen jhrlichen Gehalt von 600 Talern und bezieht
fr jeden Akt seiner Dramen auerdem noch 50 Taler. Seine Dramen (mssen)
zwar nicht angenommen werden, aber sie werden es fast immer, jedenfalls
wird jedes angenommene Stck auerordentlich begnstigt und kann auf
schnel1ste Erledigung rechnen. Wie schne Krfte knnten nicht fr die
Bhne gewonnen werden, wenn man andern dramatischen Talenten nur einen
Teil dieser Begnstigungen zuwendete! Denn nur aus einem intimen
Anschlieen an eine Bhne, die willfhrig selbst schwchere Versuche
darstellte, kann Lust und Kraft frs Theater gezeitigt werden. Wird man
seiner Fehler nicht ansichtig, so lernt man niemals, sie vermeiden. Da
Raupachs Stellung fr die in der dramatischen Literatur aufkeimende
Bewegung hemmend ist, liegt auf der Hand. Seine weitbauschigen Dramen
werden an der hiesigen Bhne nach alten eingegangenen Verpflichtungen
bevorzugt und jhrlich nur vier solcher Dramen--und den andern ist die
Hlfte der Theater-Abende und Memorial-Vormittage entzogen.

Eine Frage ist auch die: (Was treibt Raupach, Dramen zu schreiben?) Der
Ehrgeiz, sich als Theater-Dichter zu bewhren? Nein, er ist dafr
anerkannt. Eine innere Notwendigkeit, ein Drang des Nichtlassenknnen?
Das schon eher: Ich glaube sogar, da Raupach nach dem Ma seiner Krfte
von seinen Stoffen begeistert ist. Nun wird man ihm doch gewi noch zehn
Jahre gnnen mssen: auf jedes Jahr vier Dramen: macht die Aussicht, aus
seinem unverwstlichen Schaffenstrieb noch 40 Dramen zu erhalten! Sollt'
es nicht da eine Grenze geben? Bese Raupach die Vielseitigkeit eines
Kotzebue, dann wre die Aussicht minder abschreckend. Allein immer
derselbe Stelzengang Schillerscher Geschichtsauffassung, immer dieselben
den Schauspielern desselben Theaters auf den Leib zugeschnittenen
Charaktere--man mu das Publikum bedauern, weil es bei aller Mannig-
faltigkeit doch im Grunde nichts Neues sieht, und die Schauspieler,
weil sie die Kraft ihres Gedchtnisses an das nur allzuleicht
Vergngliche verschwenden ...




Ludwig Tieck und seine Berliner Bhnenexperimente (1843)


Es besttigt sich denn wirklich, da nach des Sophokles "Antigone" nun
des Euripides "Medea" die Ehre hat, vom Knigl. Hoftheater in Berlin zur
Darstellung angenommen und zu demnchstiger Auffhrung bestimmt zu sein.
Als den Urheber dieses Planes bezeichnet man ziemlich einstimmig den geh.
Hofrat Tieck. Mendelssohn ist bereits daran, die Chre zu instrumentieren.
Die Philologen freuen sich schon auf die gelehrten Abhandlungen, mit
denen sie die Spalten der Berliner Zeitungen werden fllen knnen.

Die sthetische, lebendige, durch und fr die Zeit lebende Kritik kann
aber in diese Freude nicht einstimmen. Im Gegenteil mu sie dieses
pseudoartistische Treiben mit gerechtem Unwillen erfllen. Sie mu es
unerschrocken aussprechen, da die Vergeudung der Krfte, die eine solche
scheinbare Wiederbelebung des verfallenen Staubes alter Zeiten kostet,
eine unverantwortliche Beeintrchtigung der Gegenwart ist. Ja, nicht nur
eine Beeintrchtigung, sondern eine Beleidigung der Gegenwart.

Tieck miachtet unsere Zeit. Er mag sich in dieser gehssigen Gesinnung
gegen sein Jahrhundert gefallen, wo er will, in seinen Dresdener
Leseabenden, unter den Eichen von Sanssouci, berall, nur nicht da, wo er
durch seinen Einflu der Gegenwart ihr lebendiges Recht, das Recht des
Lebens, entzieht. Ja er mag auf einem Privattheater alle Dramen von
Aeschylus bis Holberg nach seinen Angaben vorfhren lassen, nur eine dem
Volk, eine der Zeit und ihren Rechten angehrende Bhne sollte vor dem
Schicksal bewahrt sein, das Opfer dilettantischer Liebhabereien und
literarhistorischer Proteste gegen die Mitwelt zu werden. Ist Herr v.
Kstner schwach genug, sich freiwillig, aus Kassenzweck, solchen
Chimren, die seinem dramaturgischen Bildungsgange gnzlich fremd,
hinzugeben,--so ist dies schlimm. Ist sein Einflu so gering, da er
unfreiwillig der gehorsame Diener der ihm angedeuteten Wnsche sein
mu,--so ist es noch schlimmer.

Das Mittel, welches Ludwig Tieck ergreift, um unserer Zeit seine
grndliche Verachtung zu erkennen zu geben, ist ein dilettantisches
Experiment, welches, auf Sand gebaut, einen Nutzen fr Kunst und
Literatur nie und nirgends bringen kann. Wird uns "Antigone" bessere
Liebhaberinnen, wird uns "Medea" bessere tragische Mtter bringen?
Bedrfen wir in einer Zeit, wo es der Schauspielkunst gerade an der
Wahrheit der Natur und den unmittelbaren Affekteingebungen gebricht,
jambenkundige Verssprecher und Verssprecherinnen? Bedrfen wir zur
Belebung des Sinnes fr hheres Schauspiel solcher Hilfsmittel, die,
berwiegend von der Musik untersttzt, durchaus ein fr das rezitierte
Drama nur zweideutiges Ergebnis erzielen knnen? Ist die Weltanschauung
der antiken Tragdie eine erhebende fr das Christentum, eine belehrende
fr den modernen Dichter, der ein ganz anderes Fatum zu schildern hat,
als das blinde, hoffnungslose, starre antike? Werden Dichter,
Schauspieler und Publikum sich durch solche aus der Luft gegriffene
Mittel bessern, vervollkommnen, veredeln?

Ich hre, ein derlei praktischer Nutzen wrde auch mit den Zitierungen
jener klassischen Gespenster gar nicht bezweckt. Nun denn, so sei es die
Sache an sich, so sei es das reine Experiment des Literarhistorikers, der
befriedigte Gusto des artistischen Gourmands. Dann mu man herzlich die
Tuschung bemitleiden, in welcher sich jeder befindet, der diese von
Lampen erhellte, im Zimmerraum eingeschlossene und von moderner Musik
untersttzte Tragdie fr die griechische der alten Welt halten kann.
Deckt das Dach einer Reitbahn ab, hebt die Parkett- und Parterrepltze
fr den tanzenden Chor auf, gebt etwas, das ungefhr aussieht, wie die
Ruinen alter Theater in Rom und Sizilien, und wir wollen unsere
Gymnasiasten klassen- und ctusweise in eure antiquarischen Spielereien
fhren! Das, was uns da als des Sophokles "Antigone" und als des
Euripides "Medea" gegeben wird, ist aber auch nicht die Sache an sich,
ist nicht eure unschuldige Gelehrsamkeit, nicht eure harmlose Freude am
Gewesenen. Nein, einen Wechselbalg schiebt ihr uns unter mit ganz offen
polemischer Tendenz. Ihr lgt dem Publikum ein Kunstgenre vor, das nie
existiert hat, als in eurer Eitelkeit, eurem Hasse gegen die Gegenwart,
die das Unglck hat, jnger zu sein als ihr! Um von den "Gtzen des
Tages" abwendig zu machen, erfindet ihr falsche Gtter, Gtter, die nie
existiert haben, Heroen bei Lampenlicht, lgtzen, dipe mit Souffleur-
kastenbegeisterung, Kreons, die auf Abgnge spielen, Chre, die sich auf
den Kontrapunkt verstehen! Lge ist euer Beginnen, Zwitterwesen, luftige
Seifenblase, aus Tonpfeifen erzeugt! Schmt euch, so eure Zeit zu betrgen
und die Kunst zu hintergehen.

Der Grundzug der ganzen literarischen Laufbahn Tiecks ist die Frivolitt.
Frivol nenn' ich alles, was Maschine ist und sich fr Organismus ausgibt,
alles, was Luft ist und Erde sein will, alles, was Willkr ist und den
Schein der Notwendigkeit annimmt. Nie ist Tieck ber das belletristische
Prinzip hinausgekommen, nie durchgedrungen zur sittlichen Idee aller
Kunst. Nie war ihm etwas anderes heilig als die Form; Inhalt war ihm
lstig, Ernst drckend, das Erhabene nur willkommen, wenn es mglicher-
weise in den Scherz umschlagen konnte. Wer liee ihn nicht in dieser
seiner Art gewhren? Er sei, er bleibe ironisch, aber die Ironie hat ihre
Grenzen. Die Ironie hrt auf, wo die Tendenz beginnt. Wir meinen unter
Tendenz nicht irgendeine Pedanterie der Wissenschaft oder eine Tyrannei
der Kunst, wir meinen jene Tendenz vom Willen zur Tat, vom Mittel zum
Zweck, vom Anfang zum Ende. Sei ironisch im Sommernachtstraum deiner
Huslichkeit, deiner Novellen, sei ironisch unter den Puck- und
Trollgeistern, die dich im grnen Waldrevier deiner Talente bewundern und
bedienen--aber la vor den heiligen Rumen des Ernstes deine Schelmenkappe
zurck: Geschichte, Moral, Volksbildung, Kritik und die Bhne, was sie
jetzt ist, die Bhne als Trger und Organ hherer Sittlichkeit: das sind
Begriffe, in welcher die Ironie wenigstens nicht als Regulator auftreten
darf.

Blickt man auf Tiecks literarische Laufbahn zurck, so mu sich
unwillkrlich die Stirne runzeln. Was sieht man? Einen regen, berufenen,
reichausgestatteten Geist, der von seinen Gaben keinen Gebrauch zu machen
wei, wenigstens keinen, der ber einige heitere und witzige Schriften
hinausging. Das Theater schien sein nchster Beruf. Er wre gern
Schauspieler geworden und wrde in dieser Laufbahn, von der ihm Schrder
abriet, vielleicht Groes geleistet haben. Er persiflierte in seinen
unauffhrbaren Komdien Iffland, ohne auch nur die Spur eines Ersatzes
fr ihn geben zu knnen. Er und seine Genossen, die Schlegel, machten
Richtungen lcherlich, von denen sie spter eingestehen muten, da sie
noch lange nicht so verderblich waren, wie die ohnmchtigen romantischen
Produkte, ber welche Tieck in seinen sptern dramaturgischen Blttern
berichten mute. Aus Verzweiflung, da "Ion", "Alarcos", "Oktavian" usw.
fr die persiflierte Richtung keinen Ersatz boten, warf man sich auf
Calderon, Shakespeare, Goethe, die man wiederum so berpries, da sich
zwischen Altem und Neuem frmlich eine unberschreitbare Kluft ffnete
und der Begriff des Klassischen ins Ungeheuerliche, schier
Anbetungswrdige erstarrte. Tieck, der das zu allen Perioden seines
Lebens Neue nur immer tadeln, das Alte aber berschwenglich nur loben
konnte, Tieck hat bei unleugbar reichen Mitteln, bei unleugbarer
Bhnenkenntnis, nicht ein einziges Bhnenstck schreiben knnen. Nicht
ein Trauerspiel, nicht ein Lustspiel, vom Schauspiel zu schweigen, das
diese romantische Koterie nicht auf die unbesonnenste und noch jetzt, fr
jeden Produzierenden gefhrlichste Weise in Verruf gebracht hat. Bei so
viel Witz, bei so viel dramatischer Routine nicht ein Lustspiel! Freilich
mu das Bewutsein solcher Ohnmacht an dem ehrgeizigen Manne nagen und
ihn gegen seine Zeit so mistimmen, da er sich lieber in die antike
Bhne wirft, als frei und tchtig der Gegenwart Rede zu stehen....




Madame Birch-Pfeiffer und die drei Musketiere (1846)


Herr von Kstner scheint sich als General-Intendant zu halten. Eine
Einnahme von 220 000 Talern soll lebhafter fr ihn gesprochen haben, als
alle Verteidigungen der Presse, als smtliche Paragraphen seines mit
Unrecht angefeindeten "Theater Reglements". Ob diese Einnahme rein als
eine Folge der guten Verwaltung oder nicht vielmehr berwiegend ein
notwendiges Ergebnis der gesteigerten Theaterlust und des durch die
Eisenbahnen vermittelten Fremdenzuflusses ist, steht dahin. Jedenfalls
ist es gefhrlich, bei Kunstinstituten, die doch die Berliner Hoftheater
sein sollen, einen zu groen Nachdruck auf Zahlen zu legen. Die
Leidenschaft fr "berschsse" ist eine der gefhrlichsten
Intendanten-Krankheiten. Sie kann sich in ein hitziges Fieber verwandeln,
bei welchem sich alle Begriffe von Geschmack und Kunstsinn verwirren.

Ich sagte, die neuen Berliner Theatergesetze wren mit Unrecht
angefeindet worden. Sie lesen sich streng, waren aber den eingerissenen
alten und den zu verhtenden neuen Mibruchen gegenber eine
Notwendigkeit. Bei ihrer Abfassung htte konstitutionell verfahren werden
sollen, d.h. die Mitglieder der Kniglichen Bhne htten in die
Gesetzgebungs-Kommission eine Anzahl Reprsentanten mssen whlen drfen.
Aller Zeitungslrm und Kulissenrger wre durch dies konstitutionelle
Verfahren vermieden worden. Die Gesetze jedoch, die nun da sind, flossen
aus einem Bewutsein, das offenbar nur das Gute wollte und denselben
Willen bei jedem treufleiigen Knstler voraussetzte. Dagegen sich
auflehnen und einen Lrm schlagen, als wenn dem redlichen Knstlerstreben
das Palladium der Freiheit entwendet wre, verrt geringe berlegung. Die
Theatergesetze des Herrn von Kstner sind nicht ohne Fehler, aber in den
Hauptgrundstzen nur zu billigen.

Auch Verbesserungen des Personals scheinen wenigstens im Schauspiel
beabsichtigt zu werden. Dem Frulein von Hagn soll die Last, das ganze
Repertoire auf ihrem schnen griechischen Nacken zu tragen, endlich
erleichtert werden. Sie fhlt sich gewi sehr glcklich, einen Teil ihrer
Rollen an andere abzugeben und, wenn sie verreist (was sie whrend drei
der besten Theatermonate darf), ihre Partien in andern Hnden
zurckzulassen als in denen ihrer Schwester Auguste. Frulein Viereck ist
vom Wiener Burgtheater, das einen wahren Blumenflor der besten weiblichen
Bhnenkrfte besitzt, nach Berlin bergegangen, eine hohe, plastisch edle
Erscheinung, von etwas herbem Ton und noch nicht taktfest in
empfindungsvollen Modulationen des Vortrags, jedenfalls mehr die Rollen
reprsentierend, als sie schaffend; doch wird das Talent dafr sich schon
mit den Rollen entwickeln. Was Frulein Viereck nicht besitzt, diesen
unmittelbaren poetischen Ausbruch einer "freud- und leidvoll" bewegten
weiblichen Natur, das wird Frulein Wilhelmi aus Hamburg bringen, ein
Talent, das an der Elbe hochgerhmt wird und, wie man vernimmt,
gleichfalls von der gromtigen Entsagung des Fruleins von Hagn Vorteile
ziehen wird. So bildete sich ja in Berlin ein Verein von Liebreiz und
Talent, dessen Erwerbung Herrn von Kstner alle Ehre macht. Clara Stich
fr die Naivitt, Charlotte von Hagn fr die keck gestaltende, geniale
weibliche Charakterrolle, Frulein Viereck fr die Salondamen, Frulein
Wilhelmi fr die schwungvollen jugendlichen Heldinnen der Tragdie, Frau
von Lavallade fr duldende und zurckgesetzte Gemter, Madame Crelinger
fr die Medeen und Dr. Klein'schen Zenobien, Madame Birch-Pf----

Halt! Wir kommen aus der Sphre des Personals in die des Repertoires; denn
es scheint, als htte Herr von Kstner die fruchtbare Bhnendichterin mehr
aus Rcksicht auf ihre Feder, als auf ihre Darstellungsgaben engagiert.
Sie ist ihm als Schriftstellerin bentigter, denn als Mimin. Er wnschte
ihre Stcke gleich aus erster Hand zu haben und benutzte eine durch den
Abgang der Madame Wolff entstandene, allerdings gewaltige Lcke, um diese
mit Madame Birch-Pfeiffer auszufllen.

Ich habe die Verfasserin des "Hinko" in meinem Leben zweimal spielen
sehen. Vor dreizehn Jahren in Mnchen die Maria Stuart und vor zwei
Jahren in Frankfurt am Main Maria Theresia. Beide Male hinterlie sie mir
einen sozusagen groartigen Eindruck. Es war etwas Volles, Gerundetes in
ihrer Leistung. Das klangvolle Organ sprach zwar etwas den bayrischen
Dialekt, was fr Maria Stuart eine eigentmliche Nuance war; aber auf
Maria Theresia pate ohne Zweifel die oberdeutsche Mundart; denn Maria
Theresia hat schwerlich je so gesprochen, wie ein Mitglied der
Kniglichen Bhne in Berlin sprechen sollte. Madame Birch-Pfeiffer
stattete die Kaiserin mit vielem Gemt und mancher derben Gestikulation
aus. Kenner wollten finden, da sie bertreibe, andere, da sie monoton
wre. Genug, ber ihre Verdienste als Knstlerin gestehe ich, kein
Urteil zu haben.

Auch gegen ihre Stcke wage ich, selbst Dramatiker, nichts zu sagen. Sie
ist weit mehr als unsere deutsche Madame Ancelot. In Paris wrde sie wie
der Kolo von Rhodos das ganze Repertoire vom Odon jenseits der Seine
bis zu den Dlassements comiques am Boulevard du Temple beherrschen. Sie
wrde klassisch sein fr das Thtre franais, romantisch fr die Porte
St. Martin. Sie wrde sich bald von ihrer eigenen Phantasie, bald von
deutschen und englischen Romanen (nicht von franzsischen, denn dem
franzsischen Romandichter mu der Dramatiker sein Sujet abkaufen!)
befruchten lassen. Die Bhnenkenntnis, die Kulissen-Phantasie, die
Lampen-Rhetorik dieser Schriftstellerin ist selbst ber eine khle
Anerkennung erhaben. Ihr Talent lobt sich selbst.

Dennoch ist es ein Unglck, da Herr von Kstner in seiner Bewunderung
von Madame Birch-Pfeiffer zu enthusiastisch ist. Er sollte sich darin
migen. Er sollte einsehen, da ein Stck mit folgendem Titel:

(Anna von sterreich.

Schauspiel in vier Abteilungen und sechs Akten, nach dem Roman:

Die drei Musketiere von Alex. Dumas, frei bearbeitet von Charl.
Birch-Pfeiffer.

Erste Abteilung. Ein Taschentuch.

Zweite Abteilung. Der Musketier.

Dritte Abteilung. Der Kardinal

Vierte Abteilung. Zwlf Tage spter.)

mit oder ohne diese Titel-Aushngeschilder nicht auf die Knigliche Bhne
gehrt. Herr von Kstner sollte sich hten, seinen Gegnern mit solchen
Fehlgriffen die Waffen in die Hand zu geben.

Aber in der Tat! Diese drei Musketiere haben sich vom Alexanderplatz auf
den Gensdarmenmarkt verirrt und werden, statt ber die Knigsstdter ber
die Knigliche Bhne schreiten. Die Rollen sind ausgeteilt. Hendrichs,
Dring, die Hagn, die Crelinger, die besten Truppen rcken fr Alexandre
Dumas und seine in die Uniform der Madame Birch-Pfeiffer gesteckten drei
Musketiere ins Feld. Herr von Kstner glaubt die hohe Aufgabe, jhrlich
sich mit 220 000 Talern zu "rechtfertigen", nur durch ein solches
Repertoire lsen zu knnen. Wenn auch Graf Brhl sich im Grabe umdrehen
sollte, wenn auch Graf Redern, auf dem Trottoir Unter den Linden einen
Augenblick still stehend und den neuesten Theaterzettel an einer
Straenecke lesend, lcheln, hchst ironisch lcheln sollte, Herr von
Kstner fhrt doch die drei Musketiere der Madame Birch-Pfeiffer auf!

Frher war das Verhltnis so: Wenn Madame Birch-Pfeiffer ein Stck
gezeitigt hatte, so kam es an die General-Intendantur. Graf Redern sah,
ob diese Arbeit von der fruchtbaren Schriftstellerin selbst herrhrte
oder ob sie sich, wie Khne sagte, wieder einen Roman "eingeschlachtet"
hatte. Die Originalversuche, z.B. "Rubens in Madrid", "Die Gnstlinge"
usw. wurden mit Courtoisie angenommen und gegeben; die "Wrste" aber
gingen hinber in die Knigsstadt. Dort wohnten die Hinkos, die
Pfefferrsels, die Scheibentonis und wie die edlen Gestalten alle heien,
die Madame Birch-Pfeiffer nicht selbst geschaffen hat, sondern aus den
Romanen Storchs, Drings, Spindlers, Bulwers usw. mit der daranhngenden
Handlung entlehnte. Auch die drei Musketiere wrde Graf Redern (nicht als
Kavalier, sondern als Kunstrichter!) in die Knigsstadt geschickt haben.

Herr von Kstner, der noch kein einziges Drama von Julius Mosen gegeben
hat, befolgt ein anderes System. Er wirbt die drei Musketiere bei sich
an, stattet sie mit Glanz aus und wrde auch "Den ewigen Juden", wenn ihn
Mad. Birch-Pfeiffer "bearbeitet" htte, ohne Zweifel fr sich behalten
haben. Ich meine nun, dieses System wre sehr verwerflich und der
allgemeinsten Entrstung wrdig. Ich meine, die Vorgesetzten des Herrn
von Kstner mten ihm entschieden andeuten, da es dem preuischen
Staate mit den 220 000 Talern oder, anders ausgedrckt, mit dem
berschusse von einigen tausend Talern nicht so dringend wre. Ich meine,
da sogar Mad. Birch-Pfeiffer so bescheiden htte sein und sagen knnen:
"General-Intendant, Sie revoltieren die Presse! Geben Sie die Stcke, die
schon zehn Jahr im Pulte der Regie liegen! Machen Sie mir keine Feinde!"
Allein Macht und bermut gehen Hand in Hand. Die Leute dort denken:
Solange wir im Rohre sitzen, schneiden wir uns unsere Pfeifen ...

Deshalb weise Herr von Kstner seinen ber die Maen protegierten
Gnstling in die Schranken, die ihm gebhren! Vielleicht glaubt man
mir's, vielleicht nicht, da ich mit schwerem Herzen an die Abfassung
dieser Zeilen gegangen bin. Ich achte jedes wahre Talent auf der Stufe
seines Wertes. Ich habe noch nie gegen Mad. Birch-Pfeiffer geschrieben;
ich gnne ihr alle nur erdenklichen Erfolge ihrer resoluten Feder; ich
will mich am wenigsten auf eine Analyse ihrer Original-Dramen einlassen,
ich will nicht spotten und selbst fr die ironischen Stellen dieses
Protestes um Nachsicht bitten. Aber die herbste Mibilligung treffe Herrn
von Kstner, der monatelang keine Neuigkeiten auffhrt, in den Berliner
Zeitungen offiziell das Publikum von dieser oder jener maskierten
Vorbereitung unterhlt und dann pltzlich in aller Stille, zur
gnstigsten Theaterzeit, mit einer Birch-Pfeifferiade, die in die
Knigsstadt gehrt, hervortritt! Werden die Berliner Zeitungen das in der
Ordnung finden? Werden sie alle vor "den drei Musketieren" ins Gewehr
treten? Ich fr mein Teil, selbst wenn ich nie eine Zeile fr die Bhne
geschrieben htte, wrde es unverantwortlich finden, da die Berliner
Hofbhne diesen, aus schnder Gewinnsucht oft in nicht vierundzwanzig
Arbeitsstunden zusammengeschriebenen Fabrikenkram in ihr Repertoire
aufnehmen darf.


       *       *       *       *       *


IV. Aus dem literarischen Berlin




Der Sonntagsverein (1833)


Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der
Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, da der
wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fnf Jahren in Berlin
jenen ersten Verein grndete und ihn witzig nicht die sondern den
Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem
Namen zu unterdrcken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen,
als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen.
Saphir wute diese Gesellschaft bald zu bevlkern. Die Zahl seiner
Schler und Verehrer war beinahe ebenso gro als die seiner Feinde.
Saphir zeigte, da der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, da die
Phantasie alle Lcken ausflle und der Gtterfunke auf keine
Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den
seinen Gegnern ausgeschlagenen Zhnen aufwuchs und sich mit Begeisterung
unter seine Fahne stellte.

Die Seidenwarenhndler in der Breiten Strae tobten, da ihre
Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfe maen, um
Scharaden, Logogriphe und Rtsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit
klopfendem Herzen in Saphirs Blttern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf
dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verfhrungsgeschichten
und Schlgereien ins Reine schreiben und bten sich in der literarischen
Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstrae immer willkommen
waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hrten, machten
humoristische Ausflge und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost"
und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres groen
Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwhnen, da fr die Juden ein ewiges
Laubhttenfest der Poesie angebrochen war, da sie sich ihre satirischen
Adern ffnen lieen und unter dem Schutze ihres groen Messias alles
taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals blhte die
Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Frchte, von denen sie zum Besten
der berschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Spter kam
die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswrdigen Freundes
Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden.
Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir
emanzipiert und hren nicht gern, da man sie an die Schule ihrer Talente
erinnert. Die beiden vorliegenden Bnde ["Rosetten und Arabesken.
Novellen, poetische Gemlde und satirische Skizzen der jngern
Serapionsbrder. "] fhren den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des
Sonntagsvereins" und geben den Mastab fr das, was dieser war, ist und
sein knnte.

Zwanzig Kpfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einflle und
Ausflle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Reprsentanten gefunden,
und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die groe Zahl
sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kmen z.B. Ludwig
Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehren,
weil sie krzlich mit zwei groen goldnen Verdienstmedaillen belohnt
worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens-
bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt'
ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergieungen ber die richtige
Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitlufig
und ich begnge mich nur anzuzeigen, da diese beiden Bndchen eine
Musterkarte von Trivialitten, geistlosen Gedankenspnen, kurz von
literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W.
Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt
in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832:

Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorber! Vergebens sucht Ihr es
im Buch der Zeit!

Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher
Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten"
von Wilhelm John erregen allerdings Gelchter, weil sie bewunderungs-
wrdig fade sind. Man hre: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt,
da Enthusiasten hufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind.
Hieraus knnte man schlieen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei,
da sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen knnen." Wie
dumm! Ferner: "Die grbsten Ausflle werden gewhnlich am meisten gegen
diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einflle haben." Ich htte
Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull
es nur mit dem zweiten knnte. Ferner: "Der Witz des Pbels gleicht
mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glnzen."
Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht,
originell zu sein, hat das Originelle an sich, da sie Narren bildet."
Ach! Es ist genug.

Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem
Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine ber dies
Mittelma hinaus.




Cypressen fr Charlotte Stieglitz (1835)


Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt!
Heraus aus deinen ohnmchtigen Zweideutigkeiten, du lederhutiger Eunuch!
Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbckige,
lchelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer
Prderie und Eurer sittlichen Trgheit, die sich gern auf die groen
Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brstet, die kleinste
Pfeife der groen Orgel zu sein? Eure Grundstze sind morsch geworden,
da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen
eingepfhlt habt. Zitternd mt Ihr fhlen, da Ihr bei dem ewigen
Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder
wie sie verndert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft,
unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid!
Ihr erschreckt, da es noch Menschen gibt, welche den innern Proze der
Seele durchmachen; die mit blutigem Schweie daran arbeiten, in den
Geheimnissen des Geistes ein Gebude aufzubauen, und sich lieber unter
seinen Trmmern begraben, als da sie die Welt so hinnhmen, wie sie auf
der Strae, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch
geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist
in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhndige Tod
der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes bese
und es schon aushalten knnte, da man von Nachahmung sprechen wrde,
knnte hier ein unsterbliches Seitenstck zum "Werther" geben. Denn es
sind ganz moderne Kulturzustnde, welche sich hier durchkreuzen, und doch
ist der Grabeshgel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original,
da die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.

Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes ber ihr
Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind
nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hrt man
rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwche, von falscher
Lektre und alles schlgt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten
kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu
zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie
zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat
Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber khne Philosophen
behaupten den alten elenden Satz, da Selbstmord die unzulnglichste
Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, da hier eine ungeheure
Kulturtragdie aufgefhrt ist, und die Heldin des Stckes bis auf den
letzten Moment fr zurechnungsfhig erklrt werden mu vor dem Tribunal
einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier berhaupt
nicht das Urteil, sondern die Erklrung.

Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war
ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war
eine volle, gesttigte; eine Liebe, die sich an groen Tatsachen erwrmt,
und welche allein imstande ist, Mnner zu beglcken. Es war nicht eine
allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die
bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft,
und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfngt.
Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schnheit, die nur um
ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das
hchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte,
angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen sttzt, welche fr
beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf
wechselseitige Zulnglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und
des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfllt, sie hatte Staffage. Beide
Teile standen sich gleich und Eins durfte fr das Andre nicht verantwort-
lich sein. Ideen vermittelten hier Ku und Umarmung. Sinnlicher Platonismus
wartete hier; und ich glaube, die jungen Mnner des Jahrhunderts werden
nicht eher glcklich sein, bis nicht die Liebe berall wieder diesen
idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon
hatte.

Charlotte hatte vor dem Todesstoe in Rahels Briefen gelesen. Rahel wrde
ihren Gemahl niemals haben so unglcklich machen knnen, denn sie wollte
keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen
Umtrieben, dem Genu, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt
anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit
selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie
war kein Zgling der Frivolitt, wie Rahel, zu deren Fen einst die
Mirabeaus und Catilinas des preuischen Staates und der Periode 1806
gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und
immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde;
sondern whlte sich in ihn hinein und zerbrckelte ihn in eine Menge von
Gedankenspnen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel
von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem
Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren!
Charlotte war Position, dichterisch, glubig und immer Seele. Sie beugte
sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing
erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie
nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (knnen wir's?), so
blieb ihr nichts brig, als ihr groer, starker, gttlicher Wille.
Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles
bis auf diese Hhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen
sein; denn wir sagten schon, da hier nichts ohne die Liebe war.

Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Qukerhut,
luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den
Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn
Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die
Philologie, die preuische Geschichte und die deutsche Freiheit,
russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und
nebenbei mute er auf der Knigl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und
Dienstmdchen verkehren, welche fr ihre Herrschaft die entlehnten Bcher
holten, ber welche er das Register fhrte. Himmel, Erde und Hlle lagen
hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man
wollte nicht zugeben, da er originell war. Es ist alles so d und trist
in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo
in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen
war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet
er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrcken
sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel
wies ihn kalt zurck, weil er keine Originalitt antraf. Die
Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung.
Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergttert,
und doch vom Reprsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht
anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die
Freiheit und konnte keine Brcke finden. Er fhlte sich unheimlich in dem
Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden
Eingang in sein empfngliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles
Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne
Schnheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es
frher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglckliche Dichter
ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er sa im Schimmer der
nchtlichen Lampe, Ruhe auf der Strae, das weie Papier, das
Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit
vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der
Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke
sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone
aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben
mu, um ein groer Dichter zu sein? Wo der Ha eines Dante, rechter,
tiefer, ghibellinischer Ha; nicht jener Ha, den wir unglckliche Kinder
unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen
affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo
die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der
rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein groes,
stachelndes, unglckliches Leben? Ach, nichts als Lge, als heitrer
Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lstiger
Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des
Meyers Tochter, die sich fr ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen
Worten und fhle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drckt den
Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge ffentliche
Meinung verlangt, da sie sich zusammenscharen solle und sich
aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So
fhl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht
dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte
er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit,
da gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht
haben; vielleicht dachte er nur an die Persnlichkeit, wie sie zu allen
Zeiten unabhngig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er
fand, da man eine groartige Staffage seines Schicksals haben msse, um
originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im
Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem
Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.

Tricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, da er seine Gattin in
diesen Strudel hineinri. Sie mute wissen, was seine Stirn in Runzeln
zog, und mute teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Hhe,
sein Unglck zu begreifen. Sie fhlte wohl, da dem Manne eine Staffage
seiner Begeisterung fehlte. Das gewhnliche Geschwtz der Tanten, welche
ein Interdikt legen auf Annherungen zwischen ihren Nichten und
sogenannten Schngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei
groer und patriotischer Stdte, welche ihren Tchtern nur angestellte
und offizielle Jnglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bcher
macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes
und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne
brgerliche Rcksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in
Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwtzigen
Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemigten Zone, wenn ihr
glaubt, die nrrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe
sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich
der vierwchentlichen Wsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die
stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gnnte sie ihrem Manne.
Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht
tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen,
blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der
Lge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im
Winter gleichgltig gegen die Hoffnung des Frhlings, resigniert auf den
gewi noch langen Faden der Parze, bereit, das frchterliche Geheimnis
des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Mssen, resigniert auf jede
Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch fr sie liegen konnte.

Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hgel. Die
Neugier ist befriedigt. Was soll man schlieen? Ihr nichts: wir alle
nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer berlebender! Du bist ein
unglcklicher Rest. Aber dein Unglck, das nun da ist, ist ohne Energie.
Dein Unglck berragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du
tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewi, ein Totenopfer steht dir an.
Dante htte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du
die Tatsache berwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in
den Zusammenhang deiner Gedanken, so mut du so gro sein, wie dennoch
Dante und Goethe. Wirst du ffentlich von dem Opfer zehren, das im
Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwre dich, bring' an das
Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du
empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demtigung, da nicht das Ende
eine Komdie sein knnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das
Motiv und die Staffage ist grer als das, was sich darauf bauen lt. Es
ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist,
sondern ein enger Raum von vier Wnden, eine Bhne von drei Wnden; denn
es ist eine Tragdie. Aber noch ist die Tragdie nicht vol1stndig. Ein
Gedicht rundet sie nicht ab.




Diese Kritik gehrt Bettinen (1843)

(Nil divini a me alienum puto.)


Wie man nach einem Mittagsmahle, wo man beizende Speisen zu sich genommen
hat, die uns austrocknen und einen brennenden, kaum zu ertragenden Durst
erzeugen, einen Trunk des reinsten, erquickendsten Quellwassers die
verschmachtende Kehle hinunterschttet und mit Wollust die benetzte Lunge
zum Atmen ausdehnt, so erquickt, so erfrischt das neue Buch Bettinens. Im
Kristallglase ihrer stilistischen Schnheiten, mit all den wunderlichen,
eingeschliffenen Blumen ihrer gewohnten Darstellungsweise kredenzt die
anmutige Zauberin uns diesmal nicht etwa berauschenden Schaumreiz, der
uns die Welt im phantastischen Rosenlichte zeigen soll, nicht sdliches
Rebenblut, durchduftet von den Blten des Orients oder gewrzt von
zerstoenen Perlen der Mrchenwelt, sondern diesmal nur reine, frische
Quellflut, reines kristallhelles Na vom Borne der Natur, aus der
Zisterne der gesunden Vernunft. O welche Labung, dies herrliche,
gedankenklare, gesinnungsfrische Buch! Nach so viel tausend gewrzten
Speisen, die uns die Philosophie dieser Tage aufgetischt hat, nach dieser
tglichen salzigen Heringskost unserer modernen Literatur, nach diesem
ewigen Sauerkohl unserer philisterhaften Denk-, Schreib-, Lese- und
Lebensmethode ein solches Buch! Ein solcher Trunk aus den Bergen, ein
volles Glas, wo die Felsen-Khle mit tausend Tropfen die innere Wand
beschlgt! All ihr modernen Rheinweinpoeten und knallenden
Champagnersnger, das konntet ihr nicht geben, was Bettina gibt, Labung
und Khlung, Erquickung und Strkung, Trost fr das Vergangene und Mut
fr das Werdende!

Das neue Knigsbuch dieser merkwrdigen Frau ist kein Buch in dem Sinne,
da es wie herbstliches Gebltter eine Weile raschele und unterm
Winterschnee vergessen sein wird, sondern es ist ein Ereignis, eine Tat,
die weit ber den Begriff eines Buches hinausfliegt. "Dies Buch gehrt
dem Knig", es gehrt der Welt. Es gehrt der Geschichte an, wie Dantes
"Komdie", Macchiavellis "Frst", wie Kants "Kritik der reinen Vernunft".
Es sagt Dinge, die noch niemand gesagt hat, die aber, weil sie von
Millionen gefhlt werden, gesagt werden muten. Man wird diese Dinge
bestreiten, man wird des Frauenmundes, der sie ausspricht, spotten und
man bestreitet und spottet schon lustig in den Allgemeinen und gemeinen
Zeitungen unserer Tage. Aber bei Erscheinungen dieser Art heit es, das
starke Ende kommt nach. Mit des khnen Strau' "Leben Jesu" ging es
ebenso. Vor dem wahrhaft Bedeutenden erschrickt man erst, ehe man vor ihm
niederfllt.

Wer noch nicht nach den beiden kleinen Bnden gegriffen hat, wer noch
schwankt, ob man ein Buch interessant finden soll, das man nicht wie
einen Roman in einem Zuge, sondern in den "bekannten sieben Zgen", wie
die Studenten sagen, trinken und allmhlich in sich aufnehmen mu, dem
diene folgendes als Erluterung: Das merkwrdige Buch trgt seinen
persischen Titel wirklich mit vollem Recht. Es ist keine Affektation in
diesem Titel. Dies Buch gehrt wirklich dem Knig und mute so heien,
durfte nicht anders. Es ist ein Brief, ein offener Brief, an den Knig
geschrieben und geradezu an Friedrich Wilhelm IV. Es ist eine Adresse der
Zeit, von einem Weibe, einer mutigen Prophetin verfat, und deshalb von
Tausenden von Mnnerunterschriften bedeckt, weil Bettina hier nur das
Organ einer allgemeinen Ansicht, die khne Vorrednerin ist, die Jeanne d'
Arc, die nicht mit ihrem Arme, sondern mit ihrer Begeisterung, mit ihrem
Glauben das Vaterland retten will. Traurig genug, da nur ein Weib das
sagen durfte, was jeden Mann wrde hinter Schlo und Riegel gebracht
haben. In diesem wunderbaren Zusammentreffen von Umstnden, in diesem
Zufall, da eine Frau, der man die "Wunderlichkeit" ihres Genies und
ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen nachsieht, aufsteht und eine
Kritik unserer heutigen Politik, eine Kritik der Religion und der
Gesellschaft verffentlicht, wie sie vor ihr Tausende gedacht, aber nicht
einer so resolut, so heroisch, so reformatorisch-groartig ausgesprochen
hat, darin liegt etwas, was gttliche Vorsehung ist. Dem bedrngten
Kampfe der Zeit ist ein Engel mit feurigem Schwerte zum Entsatz gekommen.
Windet Euch, baut Bcher auf Bcher auf, sprecht Anathema ber Anathema,
die Macht einer Inspiration, die Macht einer Offenbarung, ausgesprochen
in einem Weibe, das keine Professur, keine Ehre und irdische Anerkennung
haben will, diese Glut einer berzeugung, die sich wie ein feuriger Strom
durch die Lande wlzen wird, ist nicht zu dmpfen, nicht auszulschen.
Den Handschuh fr die Freiheit wirft hier die Poesie hin; die Poesie ist
immer ein Ritter, gegen den alle Streiche in die Luft fahren.

Bettina gehrt zu denen, die ohne Falsch wie die Tauben, aber auch klug
wie Schlangen sind. Sie redet zunchst nicht zum Knig von Preuen. Sie
malt zwar seine Politik, die Politik seiner Ratgeber, sie malt einen
Minister nach dem Leben, aber, ihrer Poesie und dem "Anstand" gem,
kleidet sie ihre Polemik in das Gewand der Allegorie. Sie spricht
scheinbar von anno 7, scheinbar von Frankfurt am Main, scheinbar von
Napoleon und lt die Frau Rat, Goethes Mutter, statt ihrer reden.
Sentimentale und Tartffe-Gemter, die immer wollen, da man die Sachen
von den Personen scheidet und deren steter Jammer die "Indiskretionen"
sind, werden es schreckhaft finden, wie man der in geweihter christlicher
Erde auf dem Frankfurter Friedhof schlummernden Frau Rat die
Verantwortung so himme1strmender Gedanken, wie Bettina ihr in den Mund
legt, andichten kann. Wer aber zu Schleiermachers Fen gesessen, wei,
welche Rolle Sokrates in Platons Dialogen spielt. Xenophon, der auch vom
Sokrates berichtet, mag den anregenden Lehrer nur die Dinge reden lassen,
die er wirklich gesprochen hat, Plato aber machte aus Sokrates einen
Begriff, eine poetische Individualitt, wie sie der Dramatiker schafft.
Sokrates spricht beim Plato, was Plato will. Und Sokrates wird dafr im
Jenseits nicht mit Plato zrnen. Der Vater ist verantwortlich fr den
Sohn, der Staat fr den Brger (Bettina fhrt diese Pflicht mit
besonderer Vorliebe aus), der Lehrer fr den Schler. Von groen Menschen
bleiben die Genien nachwirkend und leben fort in dem, was aus ihrem Geist
geboren wird. Und so ist auch jenes Dmonion, jene hhere Weihe und
pltzliche Offenbarung, was der Frau Rat innewohnte, wie dem Sokrates,
nicht mit ihr verweht und verflogen, sondern hat mit geisterhaften
Fittichen auch ihren Sohn Wolfgang umrauscht und umrauscht noch jetzt
Bettinen, die es wagen darf, den khnen Heldengeist jener Frau mitten
unter den Truggespenstern des Tages zu zitieren und sie von den Grimms,
von Ranke, von Humboldt reden zu lassen, als wenn sie vom Pfarrer Stein
und dem Brgermeister von Holzhausen redete.

Der erste Band des Knigsbuches ist der Religion, der zweite dem Staate
gewidmet. Die Beweisfhrung in beiden ist die des ursprnglichsten
Radikalismus. Ein Geist, gefesselt seit Jahrhunderten an Vorurteil, Lug
und Trug, ein Genius, niedergehalten von tausend Rcksichten der
Selbsttuschung und Denkohnmacht, scheint sich hier zu erheben, wie
Pegasus aus dem Joche auffliegt mit seinen geflgelten Hufen, der Bahn
der Sonnenrosse zu. Wie die rosenfingrige Eos streut Bettina Morgenrte
aus. Sie hat die Tafeln eines neuen Gesetzes in ihren khnen Hnden, noch
sind sie leer, aber nicht ein Wort der Lgen, die darauf standen und die
sie mit dem Hauche ihres Mundes von ihnen tilgte, wird wieder auf ihnen
stehen drfen. Sie gibt Negation, aber in der Negation die vol1ste
Positivitt des freien Menschengeistes. Diese Freiheit ist keine
indische. Sie ist kein Behagen, keine trumerische Wollust in sich
selbst, sondern ringende, kmpfende Freiheit, griechische Freiheit, wie
sie sich in der Palstra, in der Akademie, auf den olympischen Spielen
erprobte. Auch diese Freiheit baut, aber nicht lichtscheue Kapellen im
Waldesdunkel, sondern freischwebende Warten und Tempel auf den luftigen
Bergeshhen. Die blinkende Art bahnt den Weg durch Gestrpp und Genist
nicht ins blinde, wilde Ungefhr hinein, sondern nach einem erhabenen,
edlen Plane, nach einem Grundrisse, der das All umfat, Gotteswrde und
Menschenwohl. Sie ist konservativ, diese Polemik im hchsten, im
majesttischen Stil; denn was verdiente mehr konserviert zu werden als
die Natur, die Vernunft und der freie Geist!

Die bliche, salarierte, verdammende und seligsprechende Theologie
unserer Zeit wird ber den ersten Band ihr schwarzes Kleid zerreien und
siebenmal Wehe! rufen. Dieser erste Band steht vom christlichen
Standpunkte auf dem Fundament einer absoluten Glaubensunfhigkeit.
Bettina weist hier jede Vermittelung zwischen der Vernunft und dem Dogma
ab. Kein mystisches Blinzeln mehr mit den geheimnisvollen Mglichkeiten
der Nachtseite des Lebens, keine Deutung mehr, keine Allegorie, sondern
die einfache Frage: Kann Wein Wasser, kann Wasser Wein werden? Man sage
nicht, da sich Bettina durch diese absolute Negation des Christentums
ganz aus den Voraussetzungen der modernen Welt hinauseskamotiert. Ein
Blick auf unsere Zeit und ihre wissenschaftlichen Kmpfe lehrt, da fr
die Freiheit schon unendlich viel gewonnen wre, knnten wir nur auf der
Hlfte des Weges, den Bettina schon zurcklegte, Htten und Zelte bauen,
geschweige Kirchen im Sinne dieser Hlfte. Der Erfolg dieses Buches, wie
weit er der freisinnigen Theologie unserer Tage zu Hilfe kommen wird,
lt sich noch nicht ermessen. Erst mu die wilde Jagd der Gegner kommen.
Warten wir die Gespenster der Wolfsschlucht ab!

Eingreifender aber noch und unmittelbarer wirkend ist der zweite Band.
Man hat diese Partie des Buches kommunistisch genannt. Man hre, was er
enthlt, und erstaune ber dies sonderbare Neuwort: Kommunismus. Ist die
heieste, glhendste Menschenliebe Kommunismus, dann steht zu erwarten,
da der Kommunismus viele Anhnger finden wird.

Dieser zweite Band ist den Verbrechern und den Armen gewidmet. Man hat
schon drucken lassen, Bettina wolle die Verbrecher zu Mrtyrern stempeln
und zge die Diebe den ehrlichen Leuten vor. Das letzte ist kindisch, das
erste ist wahr. Man schreibt so viel Bnde ber die Gefngnisse, ber die
Verbrecher, ber die Straftheorien, man stiftet auch Besserungsanstalten,
und doch bleibt es unwiderleglich, da die wahre Politik, die Politik im
Lichte unserer Zeit, die sein sollte, den Verbrechen zuvorzukommen. Mgen
wir nun an die ursprnglich gute oder ursprnglich bse Menschennatur
glauben, so haben wir doch wenigstens von unserer Erziehung und Bildung
einen so hohen Begriff, da wir von ihrer Anwendung auf die Menschennatur
Wunder voraussetzen. Warum verrichten wir diese Wunder so selten? Warum
milingen sie so oft? Unsere gewhnlichen Quacksalbereien mssen doch
wohl nicht ausreichen, um die immer garstiger werdenden Schden der
Gesellschaft zu heilen. Die alte Leier von den Volksschulen usw. ist ganz
verstimmt, sie lockt keinen Hund mehr vom Ofen, geschweige da sie
bezauberte und Menschen zu Menschen machte. Der Cholera gegenber war es
mit aller Medizin aus. Da schuf man neue Spitler, neue Quarantnen, neue
Gesundheitsdistrikte und behielt vom Alten nichts mehr, als hchstens die
sonst so verachteten Hausmittel. Nun, die moralische Cholera ist da:
jeder Winter z.B. in Berlin bringt die sittliche Brechruhr, nicht etwa
sporadisch, sondern so allgemein, da die Gefngnisse keinen Platz haben.
Guter Gott, man vermehrt die Zahl der Nachtwchter und Gensdarmen, die
Brger treten zusammen und bilden unter sich eine Sicherheitsgarde. Einer
sperrt sich ab gegen den andern und der Strer dieses atomistischen
Staates wird unschdlich gemacht. Wenn eine solche Politik von der Not
des nchsten Augenblicks geboten wird, so mu man sie gelten lassen;
erhebt man aber ihren praktischen Wert zu einer theoretischen, dauernden
Bedeutung, so fragt man billig, ist die christliche Welt darum
achtzehnhundert Jahre alt geworden? Gibt es keinen Ausweg, die Verbrechen
schon im Keime zu ersticken? Ist der Staat immer und ewig nur ein
Konglomerat von Egoismus, in dem sich nur der lauter, rein und glcklich
erhlt, den gleich bei der Wiege die holde Gunst des Zufalls
angelchelt hat?

Neulich hat ein Geistlicher an einem vielbesprochenen Grabe ein
herrliches Wort gesagt. Die Leiche des im Duell gefallenen Herrn von
Gler in Karlsruhe wurde bestattet und der Geistliche, der keinen Beruf
hatte, dieser Leiche so zu schmeicheln, wie es die Zeitungen getan
hatten, uerte in seiner wrdigen Rede, als er vom Duell sprach: Er
mte fr das Christentum errten, wenn er bedachte, da der milde Geist
der Christuslehre noch so wenig in die Menschheit eingedrungen wre, um
nicht Vorkommnisse, wie jenen Streit, fr immer unmglich zu machen. Er
sagte: Errten! Der Geistliche, ein frommer Diener des Wortes, errtete
fr die geringe Wirkung seiner Lehre. Errtet wohl ein Beamter fr den
Staat, der ihn besoldet, ein Minister fr die Lappalien, die er in seinem
Portefeuille einschliet, errten unsere Richter fr die Verbrecher?
Nein. Hchstens der arme Knecht zittert, der die Delinquenten abtun mu.
Was nennen sie denn noch im 19. Jahrhundert Politik? Was konservieren
denn unsere groen Staatsmnner nur als sich? Wie ist es mglich, da
durch diese Politik der Brokratie, der Edikte, der Verbote, der
Allianzen, Paraden, Gleichgewichtsinteressen usw. ein Lichtstrahl jener
wahrhaft konservativen Politik dringen kann, die vor allen Dingen den
Menschen dem Menschen bewahrt? Bettina erhebt sich, wenn sie auf dieses
Gebiet kommt, zur Seherin, zur Prophetin. Sie richtet an den Knig, dem
sie ihr Buch gewidmet hat, so hinreiende, so feurige Apostrophen, da es
rhrend ist, wenn man sich sagen mte, der Brief ist unsterblich, aber
er wird seine irdische Adresse verfehlen.

Wer im zweiten Band jede Behauptung der Frau Rat wrtlich verstehen
wollte, bewiese nur, da er zu den Langweiligen gehrt. Kein Langweiliger
hat Sinn fr den Humor. Humoristisch ist aber ein groer Teil der
sittlichen Revolutionen zu verstehen, die die khne Opponentin mit den
Verbrechern zu stiften vorschlgt. Es ist ihr wahrhaftig nicht darum zu
tun, einen Ruberhauptmann zum Feldherrn, einen Schinderhannes zum
Kriegsminister zu machen, sondern sie beklagt in greller, ihr
eigentmlicher Ausdrucksweise, da das Kapital von Mut, Schlauheit und
Standhaftigkeit, was von den Verbrechern konsumiert wird, nicht auf
edlere und dem Gesamtwohl ntzliche Zwecke verwandt wird. Die Dialektik
dieser Beweisfhrung ist teils berzeugung, teils Neckerei. Es ist
durchaus ein platonisch-sokratischer Geist, der die kunstvollen Gesprche
belebt, mit dem Scharfsinn und dem hohen Fluge der Divination zugleich
gepaart, jene sokratische Ironie, die scherzend die schon gefangenen
Vgel der Gegenpartei wieder flattern lt, um sie nach kurzer Freiheit
wieder aufs neue einzufangen. Fast im schumenden berma dieser Ironie
sind die "Gesprche mit einer franzsischen Atzel" geschrieben. Hier ist
selbst die Frau Rat die berflgelte. Der schwarze Vogel auf dem Ofen mit
seinen klugen Augen, seiner kecken Federhaube auf dem Kopfe, scheint ein
verzauberter Hllenbote zu sein. Der kleine Spitzbube wettert und
schimpft wie ein Kapuziner, der nicht dem Himmel, sondern dem Teufel
dient. Er mchte, da die ganze Welt des Teufels wre und schwtzt die
Dinge, die oben stehen, kopfber nach unten und umgekehrt. Es wird nicht
an Leuten fehlen, die die E1ster beim Wort nehmen und ihre wilden
Plaudereien als bare Blasphemie an die geistlich-weltliche Hermandad
denunzieren werden. Bettina wre mit der phantastischen Lyrik ihrer Seele
humoristisch genug, fr die Atzel aufzutreten und sie zu verteidigen, wie
einst auf einem Konzil sogar die Heuschrecken ihren Anwalt fanden.
Verschluckte einst eine Ratte eine Hostie und verrichtete Wunder, warum
soll der Teufel nicht in eine Atzel fahren? Die Polemik, die nchstens
die evangelische Kirchenzeitung gegen diese Atzel erffnen wird, wird
sehr komisch sein.

Das ausgezeichnete Werk behandelt aber zu ernste Fragen, als da es
komisch schlieen drfte. Es schliet mit dem Septimenakkord des tiefsten
Schmerzes, es schliet erschtternd, herzzerreiend, tragisch. Wessen
Auge ber dieser Schilderung des Elends im Berliner Voigtlande verweilen
kann, ohne in Trnen zu schwimmen, der mu ein Herz von Marme1stein
haben. Bettina teilt die Aufzeichnungen eines edlen Menschen mit, der in
dem sogenannten Berliner Voigtlande die von der Armut bewohnten Huser
durchwanderte, an die Tren pochte, eintrat und sich nach den bittern
Lebensumstnden, die hier zusammengepfercht sind, grndlich erkundigte.
Die Namen sind genannt, die Tren bezeichnet, hier hrt jede Fiktion auf.
Tausende von Menschen leben hier in Hunger und Kummer, schlafen auf
Stroh, stndlich gewrtig, ausgepfndet und auf die Strae geworfen zu
werden mit Greisen und Suglingen, im ewigen Kampf, entweder zu hungern
oder zu betteln oder aus Verzweiflung zu stehlen, gehetzt von der Polizei
und verlassen von jener Behrde, die ihr nchster Schutz und Schirm sein
sollte, der stdtischen Armendirektion. Fr die Mitteilung dieses
Gemldes verdient Bettina den Dank jedes fhlenden Herzens. Jede Trne
dieses Bildes wiegt die kostbarsten Brillanten einer stilistischen
Phantasie auf; dieser echte, lebenswahre Murillo steht hher als jede
idealische Transfiguration. Es kriecht Ungeziefer durch diese Farben,
aber die Farben sind echt und der Frst, dem sie ihr Buch widmete, hat in
dem Augenblick, als er diese Schilderung las, sicher einen Hofball
abbestellt, sicher die Zurstungen eines glnzenden, nur Staub
aufwhlenden Manvers auf die Hlfte des angesetzten Etats reduziert.
Denn nicht die Armut allein durchschneidet hier unser Herz, nein, auch
die Schilderung der Tugenden, die noch in der Verzweiflung dieser
Menschen nicht erstorben sind, die Schilderung einer hochherzigen
Anhnglichkeit an das Vaterland und den Frsten, die sich selbst in
diesen Lumpen noch erhalten hat. Eine arme Bettlerin berbrachte der
Ordenskommission (fnf Orden), die ihr gestorbener Mann im
Freiheitskriege erworben. Die Ordenskommission gab ihr ein fr alle Mal
fnf Taler (kaum den uern Wert der Dekorationen) und nun hungert sie.
Wenn auch die hohen freisinnigen Philosopheme der khnen Frau, die dieses
Werk geschrieben, von den Menschen, die sie in dem (Pfarrer) und dem
(Brgermeister) treffend charakterisiert hat, verworfen werden, von
diesem Anhang kann man nicht glauben, da er spurlos vorbergehen wird.
Nicht nur, da die Berliner Armendirektion, eines der unpopulrsten
Institute der Residenz, einer grndlichen Reorganisation unterworfen
werden mu, auch die hhere, den ganzen Staat umfassende, ja ich nenne
sie die (kommunistische) Frage: was soll geschehen, um den Menschen dem
Menschen zu retten, das Band der Bruderliebe wieder anzuknpfen und einer
unheilschwangern, furchtbar drohenden Zukunft vorzubeugen? Diese Frage
wird um Antwort drngen und die Antwort wird nicht in Phrasen, nicht in
Almosen, sondern in durchgreifenden Schpfungen bestehen mssen. Und der
edlen Frau, die diese Frage dicht an den Stufen des Throns aufwirft, auf
dem Parkett der eximierten Gesellschaft, unter Luxus, sybaritischer
Indolenz und transzendentaler, nichtsnutziger Nasen- und Bonzenweisheit,
dieser edlen Frau steht der bescheidene Feldblumenkranz eines solchen
Verdienstes prangender, als weiland ihre schnsten Blumenkronen aus der
Periode ihrer romantischen Naturmystik.

Mit beklommener Erwartung sehen alle die, welche von dem Buche ergriffen
wurden, nun auf den, dem es gewidmet ist. Numa Pompilius hatte seine
Egeria, eine geheimnisvolle Sybille, die ihm die Weisheit lehrte, mit der
er Rom aus einem Ruberstaate zu einem geordneten Gemeinwesen erhob. Der
Knig von Preuen wird Bettinen nicht zu seinem ersten Minister machen,
aber er hat ihr Buch in der Handschrift durchblttert, er hat die Widmung
gestattet und es mit seinen tausend zensurwidrigen Freiheiten vorweg
gegen die Verfolgung der Polizei in Schutz genommen. So darf Deutschland
und Preuen insbesondere hoffen, da von der mchtigen Beredsamkeit einer
Feuerseele, die hier im Namen der Zeit wie eine Prophetin am Wege ihn
angesprochen, wenn nicht ein begeisternder Funke, der zur Tat zndet,
doch eine warme Erregung, die Schonung und Duldung bt, in ihm
zurckgeblieben ist.




Ein preuischer Roman (1849)


Die kluge und soviel man wute ziemlich demokratisch gesinnte Fanny
Lewald hat einen Roman ("Prinz Louis Ferdinand") geschrieben, der ihr die
Ehre einbringen wird, Mitglied des Treubunds zu werden. Ich sehe ihre
sonst so freiheitglhende Brust schon mit einem Ordenszeichen geschmckt,
das ihr in feierlicher Sitzung unter allen Berliner Offiziers- und
Beamtenfrauen Graf Schlippenbach anheften wird. Denn was auch vom
Standpunkt der Hofdamen aus in diesem biographischen Roman gegen die
Etikette und eine gewisse loyale Piett fr hohe und hchste Personen
gesndigt sein mag, die besonneneren Mitglieder der Preuenvereine wissen
sehr wohl, da man den Royalismus auf alte Art nicht mehr predigen kann.
Dies edle Kern- und Grundgefhl preuischer Herzen kann nicht mehr
berall der Ausflu unmittelbaren Instinktes sein wie weiland, als der
Friedrich-Wilhelm-Staat noch in patriarchalischen Banden schlummerte,
sondern dies Gefhl mu jetzt "vermittelt" werden, in der Sprache der
Neuzeit reden, gemischt und verquickt mit dem Neusilber der Mode. Das hat
Fanny Lewald redlichst getan. Man kann nun doch wieder aufblicken zu
jenen strahlenden Meteoren, die man Prinzen nennt. Man kann doch den
Beweis fhren, da auch in jenen Regionen menschlich empfunden,
liebenswrdig geschwrmt, edel gedacht wird. Man hat doch endlich einmal
den vol1sten Gegensatz gegen diese Irrgnge der Literatur, die schon die
Poesie nur noch bei den Handwerkern und Bauern suchen wollte. Die Grfin
Hahn rettete der Poesie den Adel, Fanny Lewald, die strenge Richterin
Diogenens, rettete ihr wieder die Knige und die Prinzen.

Wir erfahren in diesen drei mit groer Gewandtheit geschriebenen Bnden,
da es an der Grenzscheide des Jahrhunderts einen Prinzen von Preuen
gab, der ein wenig stark von der Geniesucht seiner Zeit angesteckt war,
sich vom Zopf Friedrichs des Groen und derer, die diesen Zopf fr das
Palladium des preuischen Staats hielten, emanzipieren wollte, Musik
trieb, viel Schulden machte, Militrexzesse begnstigte, die Franzosen
und ihre Republik hate und um jeden Preis dem "Korsen" den Glanz
preuischer Waffen fhlbar machen wollte. Als ihm die Diplomatie 1806
seinen Willen tat und den Krieg erklrte, fiel er in dem ersten Gefecht
gegen eine Nation, die er liebte (denn er umgab sich mit Franzosen), aber
deren liberale Grundstze er hate. Es ist dieser Prinz Louis Ferdinand
so oft als eine Heldengestalt, als ein junger tatendurstender Alexander
gerhmt worden, da man sein Leben wohl fr beachtenswert, seinen Tod
rhrend finden kann. Wie aber sieht es mit einer nheren Prfung dieses
Ruhmes aus? Wie mu sich der Biograph, der Dichter stellen, um diese
uerlich blendende Erscheinung ihrem wahren Kern und Wesen nher
zu bringen?

Wir gestehen, da Fanny Lewald ihren Helden vom Gesichtspunkt des Weibes
sehr wahr auffate. Statt aller Kritik ber ihn hat sie sich ganz einfach
in ihn verliebt. Ich finde diesen Zug in ihrem Buche fr den schnsten.
Da ist kein nchternes Rsonnement, da ist keine Prfung, kein Abwgen
von Mehr oder Minder, sie liebt den Prinzen, wie ihn Rahel Levin geliebt
hat. Und gerade das mu den Treubund entzcken, gerade daraufhin kann
Graf Schlippenbach sagen: Seht da eine Demokratin, eine Jdin, eine
eifrige Verfechterin der Grundstze ihrer Freunde Simon und Jacoby, seht
da eine Mrzheldin, die mitten im Zeitalter der Barrikaden Triumphpforten
fr preuische Prinzen baut! Wie wir mit Blumenkrnzen unsern
Garderegimentern entgegenwallen und sie mit Treubundshuldigungen in den
Bahnhfen empfangen, wenn sie mit demokratenblutgefrbten Bajonetten in
ihre Kasernen heimziehen, so jauchzen in diesem Buche Mnner und Frauen
einem Prinzen entgegen, der im Grunde nichts fr die Menschheit leistete,
sich aber als Hohenzoller fhlte! Und eine Demokratin trgt uns hier die
schwarzweie Fahne voran! Eine Feindin der aristokratischen Literatur!
Die berhmte Gegnerin unserer unbertrefflichen Ida!

Fanny Lewald wird sich ber den Grafen Schlippenbach, noch mehr aber ber
mich, der ihn so reden lt, sehr erzrnen. Sie wird, ich seh' es, alle
diese Konsequenzen ihrer Liebe und Begeisterung fr einen preuischen
Prinzen zurckweisen, sie wird, ich hr' es, ausrufen: Kleinliche
Menschen die ihr seid, kann man denn nicht mehr dem Zuge seines Herzens
folgen? Soll denn alles, alles Partei sein? Soll es denn nicht mehr
mglich bleiben, da man jede bedeutende Erscheinung der Menschenwelt,
sie tauche nun auf in einem Auerbachschen Schwarzwald-Dorfe oder einer
George Sandschen Mare au Diablo oder auf dem Parkett der Ministerhotels
und Prinzenpalste, mit Interesse, ja mit Liebe umfat und das Schne,
Wahre, Strebsame auf allen Klimmstufen der Gesellschaft anerkennt? Das
hat sich Fanny Lewald gedacht, als sie diesen Roman schreiben wollte. Sie
hat sich ohne Zweifel noch greres gedacht. Sie hat das Bild eines
zerfallenden Staates zeichnen wollen, sie hat geglaubt, einer sich jetzt
unberwindlich dnkenden Gegenwart den Spiegel der Vergangenheit
vorhalten zu knnen, indem sie im Staat, der Gesellschaft, im Militr und
Zivil die Grundgebrechen schilderte, an welchen der Stolz und die
Eitelkeit jener Tage krankte, ohne es zu wissen. Diese polemische
Tendenz, der auch manche vortreffliche Seite ihres Werkes gewidmet ist,
ermutigte sie, jenes Bild eines Prinzen als Mittelpunkt ihrer Dichtung
festzuhalten und so den Vorwrfen zu begegnen, gegen die sie als strenger
demokratischer Charakter empfindlich sein mute.

Wie dem aber sei, sie ist ihrem weiblichen Herzen zum Opfer gefallen. Sie
hat, angeregt von Varnhagen von Ense, jene bedeutsam Zeit schildern
wollen, wo sich in der Tat trotz Goethes Spott "Musen und Grazien in der
Mark" begegneten und Schlegel, Gentz, Fichte, die Rahel und ihre "Kreise"
mit einem liebenswrdigen, genialen Prinzen des knigl. Hauses in
Beziehungen kamen. Es hatte sie das interessiert, besonders Rahels wegen,
mit der sie sich in ihrem Roman auffallend identifiziert. Aber der Erfolg
ist bei vielen vortrefflichen Eigenschaften ihres Werkes nicht gelungen.
Statt, wie eine knstlerische Intuition ihr sagen mute, den Prinzen
episodisch zu benutzen, stellte sie ihn in den Vordergrund. Statt ihren
Roman z.B. durch eine Figur wie Karl Wegmann zu heben und zu tragen und
alle jene bedeutenden Menschen nur zuweilen in ihr Werk hineinragen zu
lassen, macht sie diese selbst zu Haupttrgern der Handlung und gibt eine
romantische Biographie, statt eines Romans. Prinz Louis bleibt immer der
Mittelpunkt. Sie dichtet ihm Empfindungen an, die zu beweisen sind, sie
gruppiert Menschen um ihn, die sie als edel, mindestens bedeutungsvoll
erscheinen lt, whrend sie doch meist nur frivol und sittenlos sind.
Diese Pauline Wiesel, eine feine Berliner Kurtisane berchtigten
Andenkens, erscheint bei unserer Verfasserin so relativ wertvoll und
interessant, so drapiert mit dem groen Umschlagetuch grell-moderner
Ideen und groblumiger Empfindungen, da man erstaunt, wenn man sich
denken mu: Was wird Diogena zu diesem Buche sagen? Wenn sich bei dieser
Dame die Schichten der aristokratischen Gesellschaft zerbrckeln und in
die ihr eigene grostaffierte Salon- und Boudoir-Romantik zerblttern, wo
Liebe und Skandal bunt durcheinanderlaufen und parfmierte Billetts, von
galonierten Jockeys auf silbernen Tellern prsentiert, alle Schmerzen
"unverstandener" Seelen aushauchen, so gesellt sich hier wenigstens
Gleiches und Gleiches, und wir sind doch bewahrt vor der Fanny
Lewaldschen Zumutung, jene Berliner Beamtentchter interessant zu finden,
die beim Blasen der Gardekrassiere an die Fenster rennen, sich in Helme
und Epauletten verlieben und Prinzen vollends alles gewhren, was Prinzen
nur von Brgerstchtern fordern knnen. Henriette Fromm, Pauline Wiesel
sind "Damen" dieses Berliner Schlages gewesen und verdienten nicht von
der Poesie so ausstaffiert zu werden, wie dies in unserm Gedenkbuch
geschieht. Welche groen Worte sind da an Niederes verschwendet! Welche
gemeinen Gesinnungen bunt aufgeputzt! Wer hat Berlin beobachtet und kennt
nicht jene Buhlerei der Mtter und jungen Frauen um Prinzengunst, wie sie
nach den Tagen der Lichtenau dort Mode war? Spter mgen die Opfer dieser
Zustnde mehr gelernt haben als Madame Rietz wute, sie mgen franzsisch
parliert, Goethe und Schiller gelesen haben und mit Gentz und Schlegel in
Berhrung gekommen sein; sie bleiben aber darum doch, was sie sind, mag
auch Varnhagen von Ense noch so milde Lichter ber sie ausgegossen haben.
Die arme Lewald, in dem Drang das Judentum zu heben und eine Jdin Rahel
Levin mit Prinzen von Preuen in Verbindung gebracht darzustellen, ist
hier von ihrem Herzen und dessen khnsten Flgen geblendet gewesen und
hat eine Sphre fr dichtungswrdig gehalten, die es nicht war. Mamsell
Csar, die Berliner Geheimsekretrstochter, verdiente ebensowenig diesen
Aufwand von Seelenmalerei wie Henriette Fromm, die am Tage nach der
Verlobung an einen konomen mit einem Prinzen auf- und davonging. Ein
Prinz kann doch meist nur von oben herab lieben, von oben herab einer
Brgerlichen schmeicheln, nur in aller Krze sie auffordern: Sei mein!
Einen (Roman) von Gefhl, Entwicklung, Herausstellung der ede1sten Triebe
des Menschen gibt es da hchst selten und im vorliegenden Fall gewi
nicht. Wer kann Fanny Lewald in dieser Verirrung anders folgen als blo
mit einem gewissen anekdotischen Interesse? Zu empfehlen, aufmerksam zu
machen, zu bewundern gibt es da nichts. Man liest es mit Neugier, mit
Spannung, wrde aber erschrecken, wenn die Verfasserin verriete, sie
htte beim Niederschreiben dieser Bltter auch nur im entferntesten
gedacht: (Entnehmt euch daraus etwas!)

Einzelne Schilderungen sind der Verfasserin vortrefflich gelungen;
unstreitig immer die, wo sie sich eines gedrckten, leidenden Zustandes
der Gesellschaft annehmen kann. Sie empfindet mit der Armut, mit dem
gedemtigten Stolze, mit der getretenen Menschenwrde. Sie hat in ihrem
reinen und aufrichtigen Bekenntnis des Judentums eine Schule der
Beobachtung und des Mitgefhls fr die Nachtseiten der Gesellschaft
durchgemacht. Warum erhob sie sich von dem strengen Gericht, das sie ber
die Militrzustnde Preuens von 1806, das Kasernenleben, das Ghetto, die
Bestechlichkeit der Beamten, die Ohnmacht und den Dnkel der Minister
anstellte, nicht auch zur Wahrheit ber ihren aristokratischen Helden
selbst und noch mehr zur Wahrheit ber das prahlende Zuschautragen des
Herzens bei den Weibern, die in diesem Gemlde aufrauschen? Warum wandeln
diese so pomphaft daher und bringen uns den abgenutzten Gefhlskram
unserer blasierten Frauenromane von 1840 zum Kauf? Ist es nicht eitle
Flitterware? Ist nicht selbst Rahels Liebesschmerz und entsagende
Grogefhligkeit um die knigliche Hoheit affektierter Kram? Erschlieen
uns diese Verirrungen, wenn sie stattfanden (und sie mssen es wohl, da
Varnhagen von Ense laut Widmung dieses Werkes Taufpate ist), irgendeine
groe Perspektive auf die Tiefe der Menschenbrust? Ich kann der
Verfasserin berall folgen, wo sie praktisch und verstndig ist. Wo sie
aber Gefhl geben will, Idealitt in ihrem Sinn, da befinden wir uns doch
eben nur in derselben Sphre, die sie an der Grfin Hahn hat bekmpfen
wollen: Ha gegen das bliche, Feindschaft gegen die gewhnlichen Gleise
der Liebe, die sich in ihrer sen Monotonie Jahrtausende lang durch die
Herzen der Menschheit ziehen. Sind euch denn die Mtter, die verheirateten
Frauen ewig gleichgltig und nur diese Rahelen, diese Henrietten und
Paulinen der poetischen Betrachtung wrdig? Es wre eine rechte Erquickung
gewesen, wenn wir in diesem Buche neben den vielen Weibern mit starkem
Herzen auch ein junges, schnes und bedeutendes mit einem nur guten
angetroffen htten.

Das Buch schliet wie eine Symphonie mit unaufgelster Dissonanz! Der
Held stirbt, und--das Ganze ist zu Ende. Alle Fden, welche die
Verfasserin anspann, um uns zu unterhalten, sind zerrissen. Eben noch
Licht, und pltzlich Nacht. Dieser Schlu ist eine Kritik des Werkes. Er
sagt, da mit dem Tode des Helden der ganze Apparat des Romans in Nichts
zusammensinkt, und es im Grunde nur ein Spuk war, der ihn umgab, kein
wirkliches, daseinberechtigtes Leben. Fanny Lewald hat so den Trieb nach
Wahrheit, so die schne, oft grausame Leidenschaft aufrichtiger
berzeugung, da sie unstreitig fhlte: Die Menschen, die ich da mit dem
Prinzen zusammenkettete, sind nach seinem Tod unntz, und keine Seele
mehr wird nach ihnen fragen. Ein ernstes Drama soll wie ein Grab enden,
ein ernster Roman aber wie ein Kirchhof. Das Auge soll mit Schmerz nach
vielen Grbern sich umsehen und nicht wissen, welches von ihnen allen den
Immortellenkranz verdient.




Eine nchtliche Unterkunft (1870)


In jenen, noch dem ersten Drittel unseres Jahrhunderts angehrenden
Tagen, wo Berlin rundum keine andere groe Stadt in der Nachbarschaft
hatte, als eine solche, die erst nach einer Postreise von zwanzig Meilen
zu erreichen war, bildete sich jene noch jetzt nicht vollkommen
berwundene eigentmliche Naivitt oder, nennen wir es beim richtigeren
Namen kleinstdtische Unzulnglichkeit aus, die den Charakter des
Berliner Pfahlbrgertums in manchem bezeichnen drfte. Die Sperre gegen
eine Welt, die damals dem Berliner schon hinter Potsdam fr gleichsam wie
"mit Brettern vernagelt" galt, war eine beinahe hermetische. Daher auch
die Langsamkeit, womit sich der Zeitgeist, die freiheitliche Entwicklung
Preuens erst allmhlich, ja mit Beweisen vlliger Unbeholfenheit und
Unreife anschickte, dem Fortschritt des brigen Europa zu folgen.

Noch bis zur Mrzrevolution befand sich im kniglichen Schlosse, dicht
unter der Wohnung des Monarchen, in jenem Portal, das seit dem Jahre 1848
dem Publikum nicht mehr als Durchgang geffnet ist, ein alter Rumpelkasten,
Portechaise genannt, an deren mit grnem Kattun verhangenem Fenster
unorthographisch zu lesen stand: "Wer sich dieser Portechaise bedienen
will, melde sich in der Nagelgasse." Letztere, jetzt zur "Rathausstrae"
avanciert, begrenzt die sdstliche Front des neuen Rathauses--gelegentlich
bemerkt eines Baues, dessen Groartigkeit den Stil, den krftigen Griffel
des 19. Jahrhunderts in so berwltigendem Mae bezeichnet, da bei allem
Reiz, den ein alter Rest der Vergangenheit, die "Gerichtslaube", fr die
Tafeln der Chronik in Anspruch nehmen darf, ihn die Gegenwart doch fr ihre
berlieferungen an die Zukunft wie einen sinnstrenden--Druckfehler
beseitigen darf.

Und auf dem Gensdarmenmarkt, an derjenigen Seite des "franzsischen
Turms", die dem Wechselgeschft der Herren Brest und Gelpke gerade
gegenber liegt, wuchs nicht nur in den Winkeln, die von den drftigen
Anbauten der beiden stolzen "Gensdarmenmarkttrme" gebildet werden, das
helle, frische, grne Gras, untermischt zuweilen mit "Butterblumen",
sondern es war sogar mglich, da die damalige schutzmannlose, nur auf
jene "Polizeikommissarien" mit den Dreimastern und karmoisinroten Kragen
und Aufschlgen am Rock angewiesene Zeit in einem dieser Winkel--einen
alten ausgedienten Leichenwagen duldete, der entweder durch irgendein
Miverstndnis zur berwinterung dort stehengeblieben oder sonst aus dem
Inventar des Leichenfuhrwesens in der Georgenstrae ausgestrichen war.
Die Deichsel fr die Rosse, die uns zum ewigen Frieden fahren, fehlte
nicht. Aber die schwarze Draperie schillerte schon ins vollkommen
Rtliche. Die Totengrber Hamlets htten hier Betrachtungen anstellen
knnen ber die Vergnglichkeit alles Irdischen. Ludwig Devrient, drben
von Lutter und Wegener kommend und sich auf die Rolle besinnend, die der
groe Mime am Abend zu spielen hatte, mag manchen verstohlenen Blick
hinbergeworfen haben auf den alten Charonsnachen, der manchmal fehlte,
nach kurzer Pause sich aber immer wieder einstellte unter den gewlbten
Trmen, um deren Sulen und Sulchen die Spatzen und die Krhen und die
Habichte nisteten. Berlin, das gegenwrtig alles brauchen kann, selbst
die Denkmler von den Grbern, Berlin, das jetzt die Bronzebilder der
Toten von den Kirchhfen stiehlt, lie diesen alten Leichenwagen
unangetastet.

Abends, wenn der Sturm brauste, die Laternen, ohne Gaslicht und manchmal
quer ber die Straen hinweggezogen, in chzenden Tnen hin und her
schaukelten, die Wagen der Vornehmen und Reichen dumpf ber ein noch
naturwchsiges Pflaster rollten, hier und da ein Leierkasten aus einem
Keller wie ein ferner Unkenruf ertnte und in den Straen jener
gespenstische Mann umging, der ein Fchen in der Hand tragend, aus einer
bis zu seinen Ohren, ja bis zur Nase hinaufreichenden stolzen roten
Kravatte mit einem gewissen wrdevollen Anstand, aber geisterhaft hohl,
den Ausruf hervorprete: "Neunaugen! Neunaugen--!", da schlich sich
frstelnd, die Hnde in abgetragene, viel zu kurze, geflickte Beinkleider
gesteckt, einen verschossenen Frack auf dem ausgehungerten Leibe, einen
mannigfach brchigen, beulenreichen Filzhut auf dem Haupte, eine
verwitterte, magere, kleine Gestalt ber den Markt, auf welchem de
Stille herrschte, nachdem sich eben die Zuschauer des Schauspielhauses,
die vielleicht eine neue Posse von Raupach ausgezischt, verlaufen hatten.

Der sich scheu Umblickende hatte keine Wohnung. Sein Name war von den
Sternen hergekommen. Dort oben am blitzenden Nachthimmel stand die
Konstellation, die ihm den Vornamen gegeben. Besonders zur Winterszeit
leuchtete sein Stern hellauf in einem Licht, das alle andern Sterne
berstrahlte. In den Sternen auch hatte er seine eigentliche Behausung,
nicht in der Dorotheen-, nicht in der Friedrichstadt. Vorsichtig nhert
er sich dem Leichenwagen ... Bist du heute wieder da, alter Freund--? Hat
dich Charon heute Nacht nicht ntig, um vom "Trmchen" im "Voigtland"
eine Leiche auf die Anatomie zu fahren--? Schont der "Leichenkommissarius"
seine Gule, wenn er sie erst hier einspannt, um einen Armen im
"Nasenquetscher" auf Saturns groes Brach- und Nivellierungsfeld, auf den
Friedhof, zu fahren--?.... Und husch--! Die verwitterte Gestalt,
herabgekommen wie der Apotheker von Mantua, der an Romeo Gift verkaufte,
weil die Geschfte der blichen Pharmakopoe so schlecht gingen, hebt die
Vorhangsfetzen des Wagens auf und schiebt sich langsam hinein in ein
damaliges--Asyl fr Obdachlose.

Fand sich wohl ein Stck Holz, eine Planke darin vor--den Trgern mit den
langen Flren am Dreimaster bentigt, um den Sarg in die Grube zu
senken--so rckt sie der lebende Tote so, da sein Haupt mit den langen
weien Haaren eine Sttze findet beim Sichausstrecken. Vielleicht achtet
er auch die neue Beule nicht viel an seinem wettererprobten Zylinder,
wenn er damit dem harten Holz einige Weiche gibt und die hohle, gefurchte
Wange aufsttzt. Ruhen wird er; er wird schlafen. An diesem schwarzen
Wagen huscht die von einem Ball bei "Dalichows" in der Dorotheenstrae
kommende Schne aus dem Volke, der Spieler, der im Hinterzimmer eines
"Italieners"--wir meinen nicht gerade des damaligen Austern-Sala-Tarone
--einen glcklichen Wurf getan, der in der Nacht gerufene Arzt, der um
Mitternacht sein Coup nicht anspannen lassen kann, schnell und scheu
vorber. Selbst der Nachtwchter hlt sich in der Ferne, dort, wo ein
Ruf: "Wchter--!" ihm ein Trinkgeld frs Einlassen in ein verschlossenes
Haus, dessen Schlssel an seinem klirrenden Eisenbunde hngt, sicherer
einbringt, als wenn er hier Posto fate in der dster-unheimlichen Ecke
an einer Kirche, wo vielleicht damals--der junge Fournier als feuriger
Kandidat in franzsischer Sprache predigte und sich nicht trumen lie,
wie bel spter einem Konsistorialrat der Wetteifer mit dem leidenschaft-
lichen Pathos eines Schauspielers bekommen konnte.

Der Obdachlose war ein Dichter ohne Verleger. Er lebte in einer Zeit, wo
die Journale Berlins unter Zensur standen. Ein Absatz von 500 Exemplaren
war schon die allerglcklichste Chance fr--"Belletristik". Ein Honorar
von einem Taler zahlte man fr ein Gedicht, von fnfzehn Silbergroschen
fr eine Reihe von Lckenbern, damals "Aphorismen", "Streckverse",
"Sternschnuppen" oder hnlich genannt. Ach ja, die Sterne, die hatten es
dem halben Polen angetan. Er hatte sich die Sprache Schillers und Goethes
angeeignet, sang Dithyramben, Oden, Bardenlieder--alles in einem Stil,
der an Pindar erinnerte--seiner Unverstndlichkeit wegen. Aber schon in
jener Zeit war die Lektre frivol. Lieber wollte man Clauren lesen, als
Klopstock. Die Gebildeteren hatten gerade van der Velde. Sogar die
sthetiker sprachen zwar von Goethe, nippten aber, wie in dem Hinterzimmer
des "Italieners" Rosoglio, so an den "Teufelselexieren" von Hoffmann. Was
war da der verkommene Trumer, der noch bei Ossian stand und bei Jean
Paul! Der einen Gedanken, der ihm aufgeblitzt bei seinem jeweiligen
Erwachen in seinem dunkeln Leichenwagen (--und wo denken wir wahrer,
fhlen wir tiefer als in der Nhe der Toten!--) nur dadurch schlagend,
zndend, lapidar zu machen glaubte, da er ihn immer enger und enger,
immer epigrammatischer und epigrammatischer, zuletzt in zwei Zeilen
drngte, wie bei Rochefoucauld und Montaigne, jedes Wort eine ganze
Welt--aber--die Zeile laut Quartalsberechnung des Journals drei bis
vier Pfennige!

Dieser Obdachlose hie Orion Julius. Seine Werke stehen nicht in den
Katalogen der Leihbibliotheken. Wer sich aber die Mhe geben will, in
alten Jahrgngen des "Freimtigen", des "Gesellschafters" zu blttern,
der wird dort--dem nchtlichen Bewohner des Leichenwagens am
Gensdarmenmarkt zuweilen begegnen.




Zum Gedchtnis Wilhelm Hrings (Willibald Alexis') (1872)


Einstimmig berichtete die deutsche Presse das im Dezember vorigen Jahres
zu Arnstadt in Thringen erfolgte Ableben Wilhelm Hrings, genannt
Willibald Alexis, mit dem Ausdruck der innigsten Teilnahme. Die
gewandtesten dichterischen Gaben, edle menschliche Eigenschaften, ein
Charakter voll Gesinnung und ein herbes tragisches Schicksal hatten die
Nachrufe, ganz in der ungeteilten Hingebung, wie sie in den Blttern
erschollen, verdient.

Wenn die "Allgemeine Zeitung", diesmal spter kommend als andere Organe
der ffentlichkeit, ihren Nachruf nicht ganz in dem Ton einer bloen
Trauerrede am Grabe hlt, sondern persnlicher auf den Verstorbenen
eingeht, so wolle man darin ein Bestreben erblicken, uns das Bild des
Dahingegangenen recht nahe zu rcken. Schon die Wendung dieser Nachrufe,
da der Tod den Unglcklichen, der fast fnfzehn Jahre in geistiger und
krperlicher Paralyse gelebt hatte, "von seinen Leiden erlste", ist
nicht vollkommen zutreffend. Die liebevol1ste Hingebung einer erst in
sptern Jahren geheirateten Gattin, einer geborenen Englnderin, die
Pflege derselben, die an Geduld ihresgleichen suchte, diese war es, die
erlst wurde. Der Gegenstand eines bewunderungswrdigen Kultus der Liebe
selbst fhlte kaum sein Leid in ganzer Gre. Die Stunden, die Tage, die
Jahre schwanden an dem Beklagenswerten in seinem Rollsessel gleichmig
dahin. Er glaubte, die volle Klarheit seiner Ideen zu besitzen und nur am
Aussprechen derselben verhindert zu sein. Eine in Westermanns
"Monatsheften" gegebene photographische Abbildung der ueren Erscheinung
Hrings in den Tagen seines Leidens zeigt einen--lachenden Demokrit, der
der Welt gegenber sein besseres Teil gefunden zu haben scheint. In der
Tat gibt das Bild den vollen Gegensatz der geistesklaren Zeit des edlen
Toten, wo seine Mienen in der Regel den Ausdruck der Besorgnis, des
ngstlich aufgeregten Beschftigtseins durch die Zeit, des bnglichen
Erwartens dsterer ffentlicher Erlebnisse trugen.

Von "Leiden erlst"? Gewi! Aber doch noch zu modifizieren. Die ganze
Sehnsucht eines an die Bedingungen Norddeutschlands gebundenen Herzens
ging bei Hring auf idyllisches "Am Land"-Wohnen. In seinen jungen Jahren
suchte er einen ihm innewohnenden Trieb, irdische Hilfsquellen, die ihm
zu Gebote standen, zu Spekulationen und sogar im Sinn unserer heutigen
neuen grostdtischen Grnder-Ideen zu verwenden, mit seiner Liebe zur
Natur zu vereinigen. Wie mit Ironie auf seinen Namen suchte er unter den
alten Eichen und in den Fischerhtten Heringsdorfs an der Ostsee den
Besuch eines poetisch gelegenen Seebades zu frdern. Spter gab er seine
dortige Besitzung mit ihren nur relativen Schnheiten auf und zog sich,
seiner ganzen Kraft sich noch bewut und mit literarischen Plnen, deren
einige auch dort noch ausgefhrt wurden, nach Arnstadt, einer ohne
Zweifel--ich kenne den altberhmten Ort nicht--reizend gelegenen Stadt,
die schon manchen Dichter angezogen hat. Da erzhlt man von Hrings
anmutiger Besitzung, von seiner Liebe zur Natur selbst trotz seiner
geschwchten Geisteskrfte. Wenn die Rosen blhten, sammelten liebliche
junge Mdchen, Verwandte seiner Gattin, die sich schon entbltternden
verblhten Blumen und bewarfen damit den im Rol1stuhl Sitzenden. Anakreon
wnschte sich solche Spiele mit der Jugend. Auch unser Dulder lachte
herzlich. Ist ihm also das demokritische Antlitz der Photographie bis
zuletzt geblieben, so rief ihn der Tod aus einer Welt, die er bei alledem
und alledem ungern verlie. Sein Lebensende war keineswegs das seines
gekrnten Widersachers in Sanssouci, der ihm einst auf eine vertrauens-
volle bersendung eines seiner "mrkischen Romane" oder bei einer
sonstigen Annherung, welche Huld und Gte voraussetzte, die bekannt-
gewordenen rauhen, verletzenden Worte entgegenherrschte: "Er htte sich
von ihm in seiner politischen Haltung eines Bessern versehen." Auch
Friedrich Wilhelm IV. hatte das Los, gelhmt zu werden wie Dr. Hring.
Aber jener bot ein Bild des Jammers, wenn er unter den Bumen Sanssoucis,
die den an Plnen und Ideen berreichen genialen Kronprinzen einst unter
sich hatten wandeln, zeichnen, malen, studieren sehen, gefahren wurde und
nichts mehr von der Welt erkannte. Hring lie sich in seinem Rollsessel
an seine Blumen fahren und pflegte diese.

Unsere jngere Generation macht sich das Leben eines solchen
abscheidenden Charakters frherer Tage nach uern Notizen leicht
zurecht. Geboren den 23. Juni 1797, Studierender der Rechte, Referendar,
Mystifikator des Publikums mit einer Nachahmung Walter Scotts--dann eine
Zusammenfassung seiner letzten Ttigkeit, die dem "brandenburgischen
Roman" gewidmet gewesen--und der Kern scheint getroffen zu sein. Und
dennoch bieten diese Momente fr den Forscher, der dem Sein und Werden,
dem Umirren und Wegeverfehlen, dem Suchen und Finden in der Literatur
folgt, bei weitem nicht die gengenden Anhaltspunkte. Man las bisher ber
Hring nur Zusammenfassungen, kurze Resmees einer dahineilenden Zeit,
die ihre Opfer der Piett rasch vollzieht, immer bedacht, nur bald wieder
auf sich selbst zurckzukommen.

Bei solchen Resmees fehlt natrlich auch das Zuviel nicht. Die
"mrkischen Romane" des dahingegangenen Vortrefflichen sind in der Tat
nicht ganz so hoch zu stellen, wie sie etwa die Ankndigung des
Buchhndlers stellt, der sie als Eigentum besitzt und sie gern "in jeder
deutschen Htte eingebrgert" sehen mchte. Diese Romane sind reich an
Vorzgen aller Art. Doch reien sie nicht durch eine mchtige und
eigentmliche Erfindung fort. Es sind sinnig gedachte, doch nur mit
reproduktiver Umstndlichkeit langsam sich fortbewegende Kulturstudien
(bertreibend bis zu Phantasien) ber eine Mark Brandenburg, die jetzt
mit Gewalt aus einer bescheidenen Magd in eine seither verkannte Knigin
aufgeputzt werden soll. Das Toilettenstck ist ja im vollen Gange. Htte
man nicht Berechtigung, jetzt auszurufen: Wollt doch nicht Feigen lesen
von den Disteln, und Trauben von den Dornen! Wollt doch nicht die alten
Gesetze dessen, was schn ist, auf den Kopf stellen! Seitdem unsere
Reichstagsabgeordneten ihre Exkursionen nach Potsdam machen und erstaunt
zurckkehren, dort so herrliche Bume, groe Gewsser, sogar in Berlins
nchster Nhe Spuren von "Gegend" zu finden, hat man die mrkischen
Tannen- und Fichtenwlder, diese durchsichtigen Linienregimenter, beraus
poetisch, ja im verwehten Flugsand und dessen drftiger Vegetation
landschaftliche Stimmung finden wollen. Kauft man dann noch gar in
Grnder-Compagnien diesen Sand mit Fichtenwldern in Masse und will
Deutschland einladen, dort Htten, d.h. Villen, zu bauen, dann zwingt in
der Tat die Auerkurssetzung des Murg- und Nero-Tals, des rauschenden
Waldes um Eisenach oder Berchtesgaden zum Widerspruch--auch gegen die
bertreibung des Poetischen, das sich in Hrings mrkischen Romanen
finden soll. In allem Ernst, durch das Preisen und Aufputzen des
Drftigen, rmlichen, Unzulnglichen der Mark versndigt man sich an
jener Welt, die seither fr schn gegolten hat und deren Zaubergewalt
auch dem mrkischen Romantiker Hring selbst zu oft vor die Seele trat,
als da es ihn nicht mchtig nach dem Sden htte ziehen, zu dem
Gestndnisse zwingen sollen: "Ja in Neapel!" Seine "Wiener Bilder" sind
eine wahre Befreiung des Gemts vom Tifteln einer Stimmung, die sich auch
in Pankow und Schnhausen bei Berlin (ja, ja, die Eichen und Erinnerungen
Schnhausens sind schn, und wre nur dem Park mehr Pflege zu wnschen!)
dem groen Naturgeiste nahe fhlen mchte. In dem frisch geschriebenen
Buche, das wir nannten, wird dem deutschen Sden, der blauen Donau, den
schneebekrnzten Alpen, seinen Menschen und Sitten ihr volles
Recht zuteil.

Vor sechs Jahren, bald nach den Tagen von Kniggrtz und Nikolsburg,
brachte die "Allg. Ztg." einen Aufsatz: "Willibald Alexis und die
'preuische' Dichtung unserer Zeit." Der Verfasser war einer der
begabtesten unserer jngern Erzhler, Wilhelm Jensen. Dieser, selbst aus
Deutschlands nordischer Mark, aus den Herzogtmern, gebrtig, glaubte mit
seinem beredten Frwort einen Beitrag zu geben zur Annherung zwischen
deutschem Sd und Nord. Der Streit, welcher in der Familie gefhrt worden
wre, hie es, mte auch in der Familie geschlichtet werden. "Wenn ein
Dichter oder irgendein Mann der Gegenwart es vermag, die Abneigung
auszutilgen, welche sich des deutschen Sdens gegen den Norden, gegen
Preuen und vor allem gegen dasjenige, was man sich gewhnt hat, als den
Kern und Typus dieses Volkes anzusehen, gegen die Mark Brandenburg und
ihre Hauptstadt bemchtigt hat, so ist es Willibald Alexis." Der junge
Nordlandssohn fordert Sddeutschland auf, an diese Quelle der Vershnung,
"die Werke des Hrn. G. W. Hring", sich zu begeben. Scherenberg, setzt er
hinzu, Hesekiel, Fontane (Namen, die seit Jahren die Ansprche auch der
"Kreuzzeitung" auf den Parna vertreten) reihen sich dann bei dem
Vermittler an den Hauptvertreter der geistigen Vershnung an, welchem der
vielleicht feurigste Mund, der sich je ber einen noch lebenden Autor
ergangen hat, Opfer der Anerkennung bringt, die in der Tat den Leser
fortzureien vermgen, weil der frische Geist der Huldigung Satz fr Satz
zu gleicher Zeit Behauptungen aufstellt, die frappieren, zum Nachdenken
reizen, zuweilen als unhaltbar, oft aber als treffend erscheinen drfen
und somit zuletzt den Leser in einen Strudel von Herrlichkeiten
fortreien, die er alle in Willibald Alexis' Romanen finden soll....

Das Wahre daran sei dahingestellt. Soviel steht fest, Hrings, des
unglcklichen Mannes, dem wir das innigste Andenken bewahren, Entwicklung
ging nicht mit so ausgedehnten Schwingen, nicht mit solchen Adlerflgeln.
Niedrig war der Strich seines Fluges niemals. Niemals--um ebenfalls
mrkisch zu reden--glich er dem Kiebitz, der bald links, bald rechts die
Beine verschrnkend am Meeresstrande dahinstreicht. Nein, was konnte an
sich khner sein, als ein Erstlingswerk mit dem Namen Walter Scotts
einzufhren? Eine Tat, die man damals als Eulenspiege1streich belachte.
Jetzt hat uns die "Kritik des gesunden Menschenverstandes" so
gewissensstreng gemacht, da wir in der Wiederholung eines solchen alten
Literaturspaes einen bedenklichen Kasus verletzter Moral--"Zuchtlosigkeit"
sagten ja wohl die alten "Grenzboten"--erblicken wrden! Aber der
belletristische Trieb des jungen Exreferendars tastete lange bald nach
diesem, bald jenem Gebiete hin, folgte allerlei Impulsen, knstlich
gepflegten Neigungen. Seine Natur lie nichts frei aus einem bervollen
Innern hervorstrmen. Selbst die Chronik der Bhnen Berlins weist einige
dramatische Anlufe auf, die schnell wieder aufgegeben wurden. Die "Allg.
Ztg." bucht einmal die Ereignisse. So darf sie auch die Zeiten nicht
berspringen und die Tage nicht vergessen, wo Hring noch zu den
Unentschlossenen gehrte, wo Ludwig Brne jenen mit gutem Essig und gutem
l (beim Salat will das alles sagen) angerichteten "Hrings-Salat"
schrieb, Erinnerungen an die Zeit, wo Wilhelm Hring und Ludwig Robert,
damals zensurgeme Belletristen der Restaurationsperiode, den zum Besuch
nach Berlin gekommenen Frankfurter Humoristen, der einen allbewunderten
Aufsatz ber die Sontag geschrieben hatte, durch die Straen und
Gesellschaften Berlins fhrten, worauf bei jeder Vorstellung eines
eilends vorberschieenden Bekannten regelmig derselbe Dialog
hervorgebracht wurde. Vorstellung: "Hofrat! Brne!" Verwunderung und
Entzcken: "Brne? Sontag? Gttlich!" Es war die Zeit nach der
Julirevolution, wo so mancher in Liberalismus gar so weise und vorsichtig
machte und nur den Anschauungen des Polizeistaates verfiel. In jenen
Tagen bot besonders die Haltung einer groen Leipziger Buchhandlung mit
ihren einflureichen Blttern und Sammelwerken, die im literarischen
Verkehr wenigstens Nord- und Mitteldeutschlands entschieden den Ton
angaben, den Mittelpunkt fr eine Richtung, der sich auch Hring allzu
eng anschlo. Die junge aufstrebende Bewegung der Geister innerhalb der
schnen Literatur, dann die sich vorzugsweise aus dem Universittsleben
entwickelnde philosophische Kritik wurden von dorther bekmpft. Aus jener
Zeit stammt der "Neue Pitaval", wo schon der Name des Mitherausgebers,
Kriminaldirektors Hitzig, auf diejenige Berliner Sphre schlieen lt,
wo man freisinnig am Teetisch war, im Bro aber tat, was die
Obern wollten.

Und auch darin irren sich unsere schnell zusammenfassenden, nur aus dem
Konversationslexikon orientierten Nekrologe, da sie schon von "groen
Erfolgen" z.B. des "Cabanis" sprechen. Nein, unser wackerer Freund hat
sich redlich mhen, gegen eine "See von Plagen" und "die Pfeile des
Geschicks" rsten mssen. Ein junger Verleger namens Fincke wollte das
Manuskript des "Cabanis" durchaus in sechs Teilen bringen. Da mute der
letzte und vorletzte Band jeder kaum 100 Seiten betragen! Diese
unglckliche Idee, die ein warmes, spannendes Interesse bei einem
sprunghaft, abgerissen gearbeiteten Werk nicht aufkommen lie, wurde nur
durch eine fr jene Zeit des bedruckten Lschpapiers berraschend
geschmackvolle Ausstattung einigermaen wiedergutgemacht. Mimutig ber
die Art, wie sich die Buchhndler zu den Autoren zu stellen pflegen,
begrndete Hring selbst eine Buchhandlung. Die Operationen seines
Kapitals deckte ein anderer Name. Auch hier traten Mierfolge,
Bekmmernisse, Verwicklungen aller Art ein. Die Hoffnung auf eine
Wrdigung seiner mrkischen Romane, die zunchst durch Hrings mchtig
pulsierendes Heimatgefhl und vielleicht auch durch Nachahmung des
vielgepriesenen Kleistschen "Kohlhaas" hervorgerufen wurden, betrog ihn
nur innerhalb Berlins nicht. Nach auen hin fand sich kein Interesse. Nur
die "Inexpressibles" des Hrn. v. Bredow belustigten....

Das Jahr 1848 berraschte unsern rastlos ttigen, immer geistesfrischen
Wilhelm Hring in Italien. Eine Stellung, die er zur "Vossischen Zeitung"
antrat, fhrte ihn rasch in die richtige Strae der Bewegung, bewahrte
ihn vor unklarem Whlen und Handeln in Tagen, wo so viel geirrt, so viel
bereut worden ist. Diesem Entschlu, einem viel gelesenen Blatte seinen
emsigen Flei, seine gewandte Federfhrung, sein reiches Wissen auf allen
Gebieten nutzbar zu machen, widmete er sich mit voller Hingebung. Er tat
es mit befreitem, von Vorurteilen erlstem Sinn. So vieles, worauf auch
er in den vormrzlichen Tagen noch Nachdruck gelegt hatte, war ja
vergessen. Alles Mehr oder Minder, alles So oder So hatte neuen, greren
Geschenken des Jahrhunderts Platz gemacht. Jene vormrzliche Annherung
an einen Frsten, von welchem er Anerkennung seiner patriotischen
Vorliebe fr mrkische Drfer, Sandwege mit einsam frierenden Halmen,
Tannenwlder mit Eichhrnchen und gewissen wie schon gedrrt auf die Welt
kommenden Blten, speziell mrkischen Rispengattungen (ich charakterisiere
eine Naturbetrachtung, die uns mit Adalbert Stifter im Salzkammergut
entzcken, zwischen "Schierke und Elend" nur zur Verzweiflung bringen
kann)--diese Annherung konnte ihm keine Demtigung, keine ffentlich
auferlegte Krnkung mehr bringen. In den vormrzlichen Tagen besuchte ich
ihn in Berlin. Wie leise hauchte er jedes Wort! Wie spionenhaft belauscht
fhlte sich all sein Tun! Ganz in Varnhagens Weise sprte er berall
Ungewitter und Heimliches in der Luft. Dieser Druck war endlich gefallen
und die schnste Frucht der Erhebung durch die Zeit wurde Hrings bester
Roman: "Ruhe ist die erste Brgerpflicht." In diesem ausgezeichneten
Gemlde hatte man nichts von den weglosen Lngen seiner mrkischen Walter
Scottiaden, von den langen Konversationen nicht mithandelnder Personen,
von den gewissen Theater-Reminiszenzen in den Situationen und Charakteren.
Hier waren die historisch erwiesenen Persnlichkeiten wie im Portraitstil
gehalten. Haugwitz, Lucchesini, die Pioniere des preuischen Unterganges,
traten so greifbar und in so spannend verbundenen Situationen vor unser
Auge, da uns noch jetzt, jedesmal wenn die Droschke gemtlich durch die
Linden- oder Brderstrae schlendert, die in den historischen Husern
derselben (wenn sie nicht schon demoliert sind) spielenden Begebenheiten
dieses Romans einfallen. Preuen war durch Olmtz auf die abschssige
Seite der schiefen Ebene geraten. ber dem ganzen Gemlde lag das bange
Vorgefhl neuer verhngnisvoller Strme, die fr das damals von
Manteuffel regierte Preuen heraufziehen mten....




Lyrisches aus dem Zeitungsviertel (1873)


... Fr die bedeutendsten neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der
gebundenen Rede gelten jetzt Hamerling und Scheffel, jener unter
sterreichischen, dieser unter rheinischen Voraussetzungen--wozu die dem
norddeutschen Ohr unertrglichen falschen Reime (reiten und leiden)
gehren. Eingefhrt sind hier beide--dieser durch Studenten, die in
Heidelberg studierten; jener durch Wienerinnen, die sich hieher
verheirateten. Schule, Salon, Konversation und Journalistik haben wenig
zu ihrer Verbreitung getan, und noch jetzt wrde der gebildete Kalkulator
(Rechnungsrat), der einen gefhlvollen Sonntagmorgenspaziergang im
Tiergarten unternimmt, seine Stimmung ganz durch den Dichter Ferrand
befriedigt fhlen, der vor 30 Jahren in Berlin fr einen klassischen
galt. Die Berliner Poeten, die sich spter auf einem traurig
untergegangenen Schiffe "Argo" versammelten, sind teils aus dem Leben
geschieden, teils in andere Winde zerstreut oder an andere Berufszweige,
z.B. Theaterkritiken zu schreiben, bergegangen. Wir kommen hiebei, ohne
diese Metamorphose heute nher zu besprechen, der "Vossischen Zeitung"
sehr nahe, und nehmen vom Bchertisch ein in Goldschnitt gebundenes
zierliches Bndchen: "Gedichte von Hermann Kletke." (Berlin, Schrder
1873).

Wie ein Redakteur en Chef, der sechsmal in der Woche eine Zeitungsnummer
mit zuweilen 10 eng gedruckten Beilagen zu beschaffen hat, der von
hundert Gesuchen, Reklamationen, selbst Erwgungen technischer
Schwierigkeiten mit dem Umbrecher (metteur en pages) stndlich in
Anspruch genommen wird, noch Stimmung gewinnen und diese erhalten kann,
sich der lyrischen Muse zu widmen, begreift sich nur aus dem Gesetz der
Kontraste und dem selbst fr das politische Gebiet zum Rechnungtragen,
zur Rcksichtnahme, zur Migung gestimmten weichen Naturell des hier in
Frage stehenden Dichters selbst. Die heilige Nacht, die, ach! manchem
politischen Redakteur (glcklich, wer um 9 Uhr abschlieen darf!) allein
zur Erholung brig bleibt, spielt denn auch in Verbindung mit dem Mond
und den Sternen, dem Brunnengepltscher, den Wchtern usw. in den
wohlgeformten, nur etwas zu epigrammatisch kurz gehaltenen Gedichten
Kletkes eine hervorragende Rolle. Im Gefolge der Nacht gehen Traum, Tod,
Jenseits, die vollkommenen Gegenstze des Leitartikels, der uns des
Morgens beim Kaffee an die Gegenwart fesselt. Fr jede "Ente", die unser
Dichter in seiner Zeitung wider Willen hat schwimmen lassen mssen,
rudert hier ein Schwan. Die Schwne, die Blumen, die Nachen, die Sonne
und besonders das sonst den Lyrikern wenig zustrmende Gold, der ganze
Apparat der deutschen Lyrik, sind vom Dichter umgesetzt in Situationen
anziehender Art, das Gold in Abendrten, ins Glhen der Mdchenwange, in
den Wellenspiegel des Sees, auch in die Tiefen eines gepriesenen edlen
Charakters. Kurz, es gibt sich ein in dieser nihilistischen Zeit, und
zumal auf dem Gebiete der Publizistik, in der Tat seltenes, kindlich
reines, weihevolles Leben in diesen Gedichten kund. Und keineswegs ist es
ein Leben nach der Richtschnur berlieferter Traditionen. Selbst den
Greis ergreift noch der Reiz des Schnen, die mchtig wieder auflebende
Erinnerung, der Ton geht zuweilen in die dem Saturn trotzende Weise des
Hafis ber--aber bald (und vielleicht zu oft fr diese immer gleiche
Pointe) naht Sturm, oder bricht Nacht herein, oder pocht der Tod an die
Tr und macht so dem vorgefhrten Bild ein Ende. Wenn wir ferner als
tadelndes Wort noch von einer gewissen zuweit getriebenen Knappheit der
Form sprechen, so ist allerdings damit zunchst ein Lob ausgesprochen,
das des Entferntseins jeder phrasenhaften Prolixitt; aber doch ist die
bertragung der stndlichen Parole, die ein Redakteur en Chef im Munde
fhren mu: "Nur kurz! Nur kurz!" auf den lyrischen Mitteilungsdrang
bedenklich. Bei Gedichten ist der Rotstift nicht angebracht. Es ist
diesen zarten Eingebungen schdlich, wenn man sie zweimal lesen mu, um
sie zu verstehen, wie die weiland Gubitzschen Rezensionen in der
"Vossischen Zeitung". In der Tat sind viele der Kletkeschen Gedichte so
kompre in der Form gehalten, so zugleich von irgendeinem zuflligen, dem
Leser nicht sofort gelufigen Umstande veranlat, da es ein lngeres
Verweilen kostet, eine Vertiefung in die gebrauchten Bilder, um in die
Konstruktionen und ihren Sinn einzudringen. Am ungezwungensten bewegt
sich des Dichters Humor. Im Scherz, angeregt von Vorkommnissen des
tglichen Lebens, besonders der Familie, fliet die dichterische Sprache
mit kristallner Klarheit voll und mchtig. Den Gesellschaftsliedern lt
sich unmittelbare Sangbarkeit und vor allem Geschmack nachrhmen.
Letzterer wird doch wohl bei den Trinkliedern unserer Zeit nicht immer
eingehalten? Man glaubt jetzt manches derartige, das dem Jahrhundert
besonders zu gefallen scheint, nur fr eine Tafelrunde gerteter
Nasen bestimmt.




Louise Mhlbach und die moderne Romanindustrie (1873)


Heute ist Auktion des Louise Mhlbachschen Nachlasses! Nicht ihrer
Manuskripte--denn diese gingen mit noch nicht getrockneter Tinte sofort
in die Druckereien--sondern ihrer Mbel, Teppiche, Vorhnge, Pendlen,
Gemlde, Vasen und der gyptischen Andenken, die alle in einer Etage der
Potsdamer Strae charakteristisch gruppiert standen! Hoffentlich hat die
enthusiastische berschtzung, die der so pltzlich der Welt Entrckten
jenseits des Ozeans zuteil wurde, ein reiches Kontingent von
amerikanischen Steigerern herbeigefhrt, das auch fr eine alte
Stahlfeder, die von ihr gebraucht wurde, fnfzig Dollars zu zahlen bereit
ist! Denn ganz Berlin ist erstaunt ber die Zerrttung der Louise
Mhlbachschen Vermgensverhltnisse! Die Verstorbene hatte die
glnzendsten Honorare bezogen. Sie soll vom Khedive auergewhnliche
Geldspenden erhalten haben. Sie gab Diners und Soupers von lukullischer
Flle. Sie reiste ohne die mindeste Einschrnkung wie eine Frstin. Bei
alledem soll fr ihre noch unversorgte Tochter nichts als eine
Schuldenlast vorhanden sein, wodurch die Bedauernswerte vielleicht
gentigt sein drfte, die Erbschaft nur "unter der Wohltat des Inventars"
anzutreten.

Mitten aus angefangenen Romanen, die des Morgens gegen 10 Uhr einer
Stenographin zwei bis drei Stunden lang diktiert wurden, ist die
merkwrdige Frau durch den Tod abgefordert worden, den unerbittlichen
Tod, den sie durch kein Zeichen ihres Lebens und Verhaltens als auch fr
sie schon herannahend geahnt hatte. Wenn es vol1stndig "diesseitige"
Menschen gibt, Individuen, fr die man sich im Jenseits, falls man nicht
mit den alten gyptern an die Seelenwanderung glauben wollte, nirgends
eine passende Unterkunft und Anknpfung denken kann, so sind dies die
reinen Lebens- und Genunaturen. Louise Mhlbach war eine solche. Sie war
die ewig Unerschrockene, immer Mutige, immer auf der Bresche Stehende.
Imperterrita htte sie irgendein Romantiker der Spanier in einem Drama
genannt, das sich vielleicht aus ihrem frhern romantischen Leben selbst
htte formen lassen. Ihren Freunden wird der resolute, mutige, keine
Gefahr oder Anstrengung scheuende, etwas breit-mecklenburgische Klang
ihrer Stimme unvergelich bleiben. Keine Niederlage drckte sie zu Boden.
Die freudigste Zuversicht, Siegesgewiheit, Trotz bei jedem Unternehmen
lag in ihren Zgen, in ihren Worten. Widersprachen die Tatsachen, so
hatte sie der Auswege so viele wie ein Feldherr, der nach einer verlornen
Schlacht doch noch seinen Rckzug imposant zu maskieren versteht.

Auf den "Berliner Bchertisch" knnte nur ihr letztes, von Flchtigkeiten
wimmelndes Werk "Kaiser Wilhelm und seine Helden" gehren, verlegt von
einer hiesigen Buchhandlung (Werner Groe), die nur einen massenhaften
Absatz in den mittlern und untern Regionen anstrebt. Es war eine schon
von ihren zerrtteten Finanzen herstammende Unsitte, da sich die in den
Stoffen bedrngte Frau, die durchaus ihre alten Erfolge wieder erobern
wollte, an lebende mchtige Persnlichkeiten anschlo, schon den
Erzherzog Johann von sterreich als Romanstoff verarbeitete, whrend der
ehemalige Reichsverweser noch ruhig auf seinem Schlo in Steiermark sa,
an Napoleon schrieb (siehe die "Enthllungen aus den Tuilerien"), weil
sie Hortense und die napoleonische Romantik verherrlichen, auch  tout
prix an den Feierlichkeiten bei Einweihung des Suezkanals beteiligt sein
wollte usw. Die Unsitte der "Aktualitt" ist jetzt durch den ehemaligen
Welfenagitator Meding, genannt Samarow, so weit gediehen, da wir Romane
zu lesen bekommen, wo in einer Szene Lasker mit Bismarck ber einen
Kompromi unterhandelt, Herr v. Keudell dabei eine Zigarre raucht und
Lothar Bucher, ans Fenster gelehnt, scheinbar gleichgltig eine englische
Zeitung liest. Die Poesielosigkeit, die Unbildung, das Yankeetum unseres
Zeitalters sind die Befrderer dieses ans Kindische streifenden
Mibrauchs einer raschen und gewandten Feder geworden, die sogar nicht
mehr angesetzt wird. Die Phantasie, die nur den Bogen fllen will,
bedient sich der Stenographie. Yankeetum nennen wir hier jene fast an den
Urzustand von Wilden erinnernde malose Schausucht, die gierig durch die
Masse sich mit eingestemmten Armen Bahn bricht und alles anstaunt, alles
belorgnettiert, alles im Bild anschaulich gemacht sehen will,
Hinrichtungen, Schreckensvorflle, Weltausstellungsspektakel usw. Ganz
Nordamerika leidet an diesem Sensationsfieber, whrend sich doch Europa,
nach einigen Aufregungen, lngst, wenigstens in den Kreisen der Bildung,
beruhigt hat. Sollte man glauben, da ein New-Yorker Blatt Louise
Mhlbach nicht blo nach Wien, sondern auch nach Ems schickte, um dort
das diesjhrige (so stille, friedliche, von nicht der mindesten
"Sensation" begleitete) Erscheinen des Kaisers an der Krhnchen-Quelle zu
beobachten und zu beschreiben! Sie flog von Wien nach Ems, machte dann
selbst in Marienbad eine Kur, erkltete sich, legte sich in Berlin ohne
die mindeste Ahnung ihres gefahrvollen Zustandes ins Bett und ist im
bewutlosen Zustande, ohne Schmerzgefhl, aus dem Leben geschieden. Als
man ihre Leiche neben meinem alten Kampfgenossen Theodor Mundt in die
Grube senkte und manchem des wrdigen Sydow Sargweihe-Rede als zu herb
noch im Ohre klang, htte ich, wenn hier Laien-Grabreden Sitte wren, dem
Thema: "Richtet nicht--!" erwidern mgen: Auch diese Prunk- und
Prahlsucht, die du zu verurteilen scheinst--forsche nur nach,
Priester!--, es lag ihr blo die weibliche Liebe zugrunde! Liebe zuerst
zu ihrem Gatten, der ihr bedeutender, anerkennenswerter erschien, als ihn
die schulmige Wissenschaft Berlins wollte aufkommen lassen, oder
diejenige Berliner Anerkennung, der man nur mit Titeln und Orden
imponieren kann! Die Liebe war es, die auch allmhlich die
mephistophelische, satirische, ja zynisch verbitterte Verachtung der Welt
annahm, die sich allmhlich des Gatten und zurckgesetzten Professors
bemchtigt hatte! Liebe, Liebe allein lie den Schein entstehen, als wenn
die moderne Literatur mit dem Adel, mit der Kaufmannswelt, mit den
tausend Anmaungen und hochgetragenen Nasen der Anmaung ringsum
rivalisieren knnte! Es ist ein alter Satz, den George Sand nur
wiederholt hat, wenn man ihn als von ihr herrhrend anfhrt, da unsere
Fehler die bertreibungen unserer Tugenden sind. Dies auf das allerdings
erschreckende Systme de bascule angewandt, wie Louise Mhlbach
verstanden hat, sich bei den bekannten Lieferanten von Luxus- und
Genugegenstnden einen Kredit von Tausenden zu machen und zu erhalten,
gibt einen Einblick in die Stufenfolge der Entwicklung der Charaktere.
Die Verschwendung dieser Frau war nicht ganz die Folge der persnlichen
Eitelkeit, sondern eine Folge des Widerstandes, den der erlaubte Ehrgeiz
geistig Schaffender der breitspurigen, vom Glcke begnstigten
Alltagswelt leisten mchte. "Erlaubt"--? sagte ich von ihrem Ehrgeiz?
Nun, in Bezug auf "Friedrich der Groe und die Seinen" und "Kaiser
Joseph" mchten wir in unsers Helmerding so kstlich vorgetragenes
Couplet mit dem Refrain: "Dazu gehrt wahrhaftig doch Talent!" mit
einstimmen.

In fast allen Berichten ber die Gegenwartsliteratur findet man den Satz
aufgestellt: da der eigentliche poetische Ausdruck der Zeit der Roman
sei. Besonders bei Einleitungen zu einer Besprechung ber einen neu
erschienenen Roman von N. N. begegnet man regelmig diesem Axiom von
fragwrdiger Tragweite. Htte der betreffende Autor, dessen Zeltkamerad
und wahrscheinlicher tglicher Zigarrenkastengenosse der Rezensent zu
sein pflegt, zufllig ein Drama als epochemachend zu bezeichnen, so wrde
ihm niemand, der die Unzahl der berall erstehenden Theater erwgt und
das trotz der "Krachs" wieder beginnende Billet-Rennen, widersprechen
knnen. Aber genau erwogen ist jener Satz weder fr den Roman noch fr
die Bhne erweislich. Wenn z.B. heute ein origineller, aus Kunst und
Naivitt geschaffener Geist wie Robert Burns der deutschen Literatur,
die hnliches nur in den Anstzen einiger verschollener "Naturdichter"
besitzt, geschenkt werden knnte, warum sollte er nicht in den Vordergrund
treten und wieder auch fr die Berechtigung der Lyrik zeugen knnen! Von
einem Hindurchgehenmssen des sthetischen Begriffs, wie Carrire sagen
wrde, in "welthistorischer Entwicklung", ausschlielich durch den Roman,
scheint mir gar keine Rede. Macht gute Dramen, und alle Welt wird davon
erfllt sein! Macht ein "reizendes" Epos (ich spreche berlinisch), und es
wird auf jedem Toilettentisch liegen!

Schon deshalb mu man jenen Einleitungssatz zu den Rezensionen ber die
Romane von N.N. und N.N. ablehnen, weil die Ablagerung der
schriftstellerischen Impotenz im Roman eine Ausdehnung angenommen hat,
die schreckenerregend ist. Junge Mdchen ohne jede Lebenserfahrung, nur
von den Reminiszenzen ihrer Lektre erfllt, hufen Bogen auf Bogen und
finden Gelegenheit, ihre Konvolute drucken zu lassen. Frauen
"erfinden"--man kann wohl nach dem Sprichwort sagen: "auf Teufelholen"
--Geschichten von geraubten Kindern, unterdrckten Testamenten,
Brandstiftungen, Nichtanerkennungen illegitimer Kinder, Eindringlingen,
die sich, nachdem sie das Herz einer Grfin gewonnen haben, als
Galeerensklaven entpuppen, oder sie nehmen Geschichtsstoffe, die in einer
Weise zusammengeknetet werden, die den Melangen der Kchenrezepte
entspricht. Gewisse Memoiren-Exzerpenten, die jahrein jahraus ihre 8-9
Bnde zusammenbringen, die dann vorher schon in der Unzahl unserer
illustrierten Bltter verwertet worden waren, schreiben mit umso grerem
Vertrauen, als sie nur von Menschen gelesen oder als langweilig beiseite
gelegt werden, die nicht wieder schreiben. Kritik existiert fr diese
Buchmacherei nicht. Wer soll sie ben, wer soll sie lesen, durchblttern,
als hchstens ein auf massenhaftes "Abtun" angewiesener Rezensent in den
"Blttern fr literarische Unterhaltung"? Nur die Reklame hlt sie,
worunter nicht die Anzeige "unterm Strich" zu verstehen ist, sondern die
den obern Zeilen ebenbrtige redaktionelle Meinungsuerung, in der Regel
ein vom Autor oder von dem Verleger selbst besorgtes Referat, das jeden
Tadel ausschliet. Die Redaktionen der meisten hiesigen Zeitungen sind
froh, wenn sie nur irgendwie die Bcherste, die sich bei ihnen
namentlich gegen Weihnachten aufhufen, in solcher Art erledigen knnen.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Berlin--Panorama einer Weltstadt,
von Karl Gutzkow.





End of Project Gutenberg's Berlin--Panorama einer Weltstadt, by Karl Gutzkow

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BERLIN--PANORAMA EINER WELTSTADT ***

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The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03

Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
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following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

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when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*


