The Project Gutenberg EBook of Bergrichters Erdenwallen, by Arthur Achleitner

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Title: Bergrichters Erdenwallen

Author: Arthur Achleitner

Release Date: December 1, 2004 [EBook #14225]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERGRICHTERS ERDENWALLEN ***




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Bergrichters Erdenwallen



Hochlandsroman

von

Arthur Achleitner



Berlin.

Alfred Schall,

Knigliche Hofbuchhandlung

Verein der Bcherfreunde.




Dem groen Criminalisten und Strafrechtslehrer

Herrn Professor Dr. Hans Gro

verehrungsvoll gewidmet.




I.


In groer Erregung umstehen Bauersleute, Knechte und Mgde das Gehft
des Servaz Amareller, Bauers im Hemmernmoos, und besprechen den
unerhrten Fall eines groen Gelddiebstahles. Nach den im Jammerton
immer wieder vorgebrachten Beteuerungen des drren, kleinen Amarellers
ist eine Brieftasche mit ber fnfhundert Gulden, dem Betrag fr
verkauftes Vieh, aus einer gut versperrt gewesenen Truhe gestohlen, ganz
rtselhaft entwendet worden. Gestern noch berzeugte sich Servaz
Amareller durch Abzhlen der Noten von dem Vorhandensein des
Geldbetrages worauf die Truhe wieder sorglich verschlossen und der
Schlssel im Ofenloch versteckt wurde. Heute ist das Geld verschwunden,
wiewohl niemand Fremdes im Hause gesehen und der Schlssel im
Aschenversteck vorgefunden wurde. Die Nachbarn, von der berraschenden
Neuigkeit verstndigt, stimmen dem jammernden Bestohlenen zu, da nur
eines von den Hausleuten selbst den Diebstahl habe vollfhren knnen,
weil sich weder an der Hausthre noch an den mit Eisenstben
vergitterten Fenstern Spuren eines gewaltsamen Eindringens vorfinden
lassen. Schon zweimal haben die Bauern die Front sowie die Seiten des
Gehftes in Bezug auf Anzeichen eines Einbruches von Auen untersucht,
es ist nicht das Geringste zu entdecken. Das Geld ist aber fort, die
Truhe aufgesprengt. Amarellers Jngster mute sogleich nach der
Entdeckung des Diebstahles hinaus zur Gendarmerie zur Anzeige, und jeden
Augenblick steht die Ankunft eines Gendarmen zu erwarten.

Die Bauern errtern in lebhafter Weise die Frage, wer solcher, in Tirol
unerhrter Frevelthat gengend verdchtig sein knnte. Die Inwohner sind
durchaus ehrliche Leute, wenigstens bis gestern seit Jahren gewesen;
ohne uere Anzeichen eines Eindringens kann es nicht anders sein, als
da einer der Dienstboten schuldig des Diebstahls ist. Aber wer?

Einer der Nachbarn warf die Frage auf, ob denn der Hund des Amareller
gar nichts gemeldet habe. Der drre Servaz beteuerte: "Sell ischt frei
aus der Weis'! No nia hat si' a Drcher zurwig'wagg und grad heunt
Nacht mu selle Frevelthat passiren! Ich versteh' 's nuit, wie sall
pper hat zuageahn knnen! Suscht so a scharfer Hund, und grad heunt
Nacht lat er aus, der Saggrasultan! I kann's selm nuit verstiahn!"

Die andern verstehen den Fall, da der als scharf und bissig bekannte
Hofhund einen Dieb eingelassen haben soll, auch nicht.

Der Falgerbauer folgerte daraus, da der Dieb entweder eine Wurst fr
den Sultan mitgebracht oder sich in Abwesenheit des Hundes
eingeschlichen haben mute.

Wohl an zwei Stunden sprachen die Leute ber den rtselhaften Diebstahl
und tranken dabei von Amarellers bereitwillig kredenztem Rthel, weil so
ein erregter Diskurs soviel Durst erzeugt.

Als aber die Gestalt des heranrckenden Gendarmen sichtbar wurde,
schickte man Flasche und Glser sogleich ins Haus zurck, wobei
Amareller sagte, es schicke sich nicht, vor der Obrigkeit Wein zu
trinken, besonders nicht, wenn einem ber fnfhundert Gulden Bargeld
gestohlen worden sind. Knnte das Steueramt erfahren, da einer trotz
des Diebstahles noch Wein im Keller habe, wie leicht knnte es sein,
da das Steueramt einen dafr hher einschtzt in der Steuer.

Der Falger stimmte zu. "Ischt wohr oh und a Gendarm braucht kan Rthel!"

Kurz fiel die Begrung des Sicherheitsmannes aus, der nun nach
Vorschrift und Pflicht den Thatbestand aufnahm und sich vom Amareller
den Fall erzhlen lie. Das verschlang eine weitere Stunde, es ging auf
Essenszeit und gar lieblich dufteten die Schmalznudeln aus dem Hause.
Solcher Mahnung wollten die Nachbarn nun folgen und sich nach Hause
begeben, allein der Gendarm erklrte, da der Herr Bezirksrichter als
Untersuchungsrichter jeden Augenblick mit der Kommission eintreffen
knne, daher die Leute schon dableiben mten.

Jetzt wollte aber keiner der Bauern, die bisher nicht genug ber den
rtselhaften Diebstahl schwtzen konnten, mehr bleiben, und unverhohlen
sagten sie, mit dem Gericht wollen sie nichts zu thun haben. Nun befahl
aber der Gendarm das Verbleiben bis zur Ankunft des Richters, und die
Bauern blieben vor dem Hemmernmooshof, jetzt still und verschlossen.

Bald darauf kam der Richter mit dem Protokollfhrer angefahren, stumm
gegrt von den nun zaghaften, scheu gewordenen Bauern. Nach dem Rapport
des Gendarmen ging der Richter, eine hohe Gestalt mit merkwrdig
scharfen, durchbohrenden Augen und einer hohen Stirne, zum Amtsgeschft
ber, indem er den Amareller als Bestohlenen einem Verhr unterzog.
Servaz hatte noch keine zehn Stze gesprochen, da unterbrach ihn der
Richter mit der Frage: "Ischt der Hofhund mnnlichen Geschlechts?"

berrascht stammelte Amareller. "Wird wohl decht so sein!"

Laut, allen Anwesenden vernehmlich sprach der Richter: "Das ischt eben
die alte und ewig dumme Geschichte. Ihr Bauern haltet immer _mnnliche_
Hunde, Drcher und fahrendes Volk immer Weibchen. Und da wundert ihr
Bauern euch dann, und knnt nicht begreifen, da eure Hofhunde fremde
Leute lautlos einlassen! Geschieht euch ganz recht! Also der Hofhund hat
nicht gemeldet, gut. Habt ihr irgend ein Anzeichen an den Auenseiten
gefunden?"

Servaz verneinte diese Frage und verwies auf die vllig intakt
gebliebenen Fenstergitter.

Langsam ging der Richter von Fenster zu Fenster des Erdgeschosses und
zog einen zusammenlegbaren Mastab aus der Tasche, mit welchem er die
Sprossenentfernung im Gitter ma.

Staunend sagte Amareller. "Mit Verlaub, Herr Richter, durch selle Gitter
wird decht keiner durchschlupfen knnen!"

"Du schweigst, bis du wieder gefragt wirst!" erwiderte der Richter,
namens Ehrenstraer und prfte dann die Vergitterung auf etwaige
Konstruktionsfehler, worauf der Befehl erfolgte, es sollen sich alle
Anwesenden in den Flur des Hauses begeben. Nun widmete der Richter seine
ganze Aufmerksamkeit dem Boden rings um das Gehfte, und suchte nach
Spuren und Fuabdrcken. Um das Haus ist der Boden kiesig, fest, nichts
zu finden. Doch schon in geringer Entfernung wird der Boden,
entsprechend dem bezeichnenden Gehftnamen (Hemmern = Niwurz,
moos-sumpfiger Grund) weich, und der Richter hatte nicht lange zu
suchen, da stie er auch schon auf Abdrcke von Schuhen im moosigen
Boden, eine Fhrte von berraschenden Eigenschaften. Einmal finden sich
die Abdrcke stark nach auswrts gerichtet, wodurch der Richter
kombinierte, da der Erzeuger dieser Fhrte Plattfe habe. Die nchste
Prfung der Fhrte warf aber die Vermutung, da sie vom Diebe herrhren
knnte, ber den Haufen, denn die Fhrte geht gem den Abdrcken im
weichen Boden auf das Haus zu, nicht von demselben weg.

Der Richter wurde von diesem Faktum einigermaen berrascht und ging der
Fhrte entgegen, weiter in den Moorboden hinein, bis sie sich auf den
zur Sicherung der Passanten gelegten Pfadbrettern verlor.

Ist diese Fhrte nun die zum Hause fhrende, so mu jene, welche vom
Hause wegzieht, gefunden werden. Mit der grten Sorgfalt und
Grndlichkeit suchte der Richter nach der Weggangsspur, er mhte sich
ab, und verwendete alle seine Amtserfahrung fr diese Suche, doch
vermochte er nicht einen vom Hause fhrenden Fuabdruck zu finden. So
kehrte Ehrenstraer denn zur zufhrenden Spur zurck, und hob mehrere
Abdrcke mit charakteristischen Ngeleindrcken aus dem Boden aus, um
sie mit grter Sorgfalt zwischen mitgefhrten Pappendeckeln zu
verwahren, und eingebunden der Feldtasche einzuverleiben, die der
Untersuchungsrichter hnlich wie die Offiziere solche umgehngt tragen,
an der linken Hftenseite trgt.

Nun wurde der Protokollfhrer gerufen und demselben alles Einschlgige
ber die gemachten Wahrnehmungen diktiert. Zur grten Verwunderung der
Bauern lie sie der Richter nun einzeln vor das Haus treten, wobei
Ehrenstraer scharf auf die Formation der Fe achtete. Nicht einer von
den Leuten, auch nicht vom Gesinde, hat Plattfe.

Der Richter schickte die berflssig gewordenen Nachbarn nach Hause und
nahm nun die Dienstboten einzeln vor, welche nach der Meinung des
Amareller verdchtig sein mssen, weil die Fenstergitter unbeschdigt
geblieben sind.

Gleich dem ersten Knecht ma der Richter mit dem Zollstab das
Querdurchma des Kopfes, das zur Hlfte der Mund des grenzenlos
berraschten betrug.

"Abtreten! Der nchste vor!" lautete der Befehl. Ein schmchtig gebauter
junger Bursche trat heran, der nun den rechten Arm ber den Kopf
emporstrecken mute. Rasch wurde nun dem Burschen der Kopf nebst dem
emporgestreckten Arme in der Quere gemessen, und das Resultat machte
den Richter stutzig, denn es betrug der Kopfdurchmesser inklusive Arm
genau 14 cm und dieselbe Distanz weisen die Sprossenentfernungen auf.
Fr den Untersuchungsrichter ist dadurch klargelegt, da dieser Bursche
durch die Gittersprossendistanz durchschlpfen kann und da das Gitter
mit 14 cm Sprossenentfernung kein Hindernis fr ein Eindringen von auen
bildet. Ist der Bursche daher der Dieb, so brauchte er nicht von auen
einzusteigen.

Eine Kopfmessung der brigen erachtete der Richter zwecklos, nachdem die
Gittersprossenentfernung die Mglichkeit eines Eindringens von auen
gewhrleistet. Die Untersuchung wurde nun auf das Haus im Innern und die
Truhe ausgedehnt.

Viel bot der Lokalaugenschein nicht. Der Richter fand, da die Truhe wie
ein Koffer geffnet werden konnte, wenn man den Deckel aufschlug. Rostig
und alt war das Schlo; kaum geeignet, einen besonderen Widerstand zu
leisten; ebenso alt und morsch war das Truhenholz. Ehrenstraer besah
sich die Stelle genau, wo der unbekannte Dieb mit einem Instrument
eingesetzt haben mute, um den Deckel aufzusprengen. Deutlich ist zu
sehen, da ein Stemmeisen knapp neben dem Schlosse zwischen dem obersten
Rand der Vorderwand und dem Deckel eingefhrt wurde, das Holz zeigt den
betreffenden Abdruck des Werkzeuges und lt erkennen, da auf das Heft
des Werkzeuges ein Druck nach unten ausgebt worden sein mute. Das
Eisen hat also gleichzeitig in die Vorderwand der Truhe hinunter, mit
dem Schneidende aber auch hinauf auf den Innenteil des Truhendeckels
gedrckt und sohin die ffnung des Deckels erzielt.

Diese Wahrnehmung ergnzte eine weitere Nachforschung, welche ergab, da
um das Mal, welches das Eisen in das Brett drckte, das Holz sehr stark
im Gefge war. Der Eindruck lt erkennen, da das Eisen vorne schmler
gewesen sein mu.

Sorgfltig prfte der Untersuchungsrichter nun auch die Innenseite des
aufgesprengten Deckels und fand, da an der Wirkungsstelle, wo das
Eisenende den Druck ausbte, eine Figuration vorhanden ist, die zackig
nach abwrts luft. Sofort kombinierte der Richter, da das Werkzeug
kein normales Stemmeisen gewesen sein knne, eher eine Art
Schraubenzieher, dessen eine Ecke an der Schneide abgebrochen sein
mute. Dieses Eckenteilchen war aber nicht zu finden, so sehr sich
Ehrenstraer auch abmhte. Nun wurden die Entfernungen der Druckstellen
gemessen und die Resultate dem Protokollfhrer diktiert. Ohne das
Instrument selbst zu haben, ist zu konstatieren, da die Schneide jetzt
38 mm breit ist, da sie vor dem Abbrechen der Ecke 41 mm breit war und
da das Stemmeisen 94 mm von der Schneide gegen das Heft hin gemessen,
eine Breite von 54 mm haben mute.

Weitere Erfolge konnten nicht erzielt werden. Gleichwohl nahm der
gewissenhafte Richter nun noch die Verhre der Dienstboten vor und zwar
wurde zunchst die Kchenmagd Gretl, eine krftige junge Person,
citiert, die zitternd in der Verhrstube erschien.

Ehrenstraer richtete die blichen Vorfragen an die Person in
hochdeutscher Sprache, bekam aber keine Antwort, daher er die Fragen im
Dialekt wiederholte. Jetzt verstand ihn die Magd und gab ihr Nationale
an.

"Hast du in der vergangenen Nacht etwas Besonderes wahrgenommen?" frug
der Richter.

Die Magd wechselte die Farbe, ward bleich, dann wieder rot, ein Beben
lief durch den ganzen Krper, eine unverkennbare Angst war vom Gesicht
abzulesen. Stotternd beteuerte Gretl: "Ich hab' ganz gewi nichts
g'stohlen!"

"Das glaub' ich ja auch! Aber du mut mir schon sagen, was du in dieser
Nacht beobachtet hast. Ischt jemand eingestiegen?"

"Sall woa ich nuit!"

"Ischt jemand an deiner Thr' vorbei?"

"Sall schon!"

"Und was ischt dann geschehen?"

"Ich kann's nicht sagen, ich hab' zu fest g'schlafen und bin erst wach
worden, wie's vorbei war!"

"Was war vorbei?"

Zgernd und in groer Scheu gestand die Dirn, da sie beim Erwachen
einen Strohkranz um den Kopf hatte.

"Hast du einen Burschen in der letzten Zeit abgewiesen?"

Gretl nickte.

"Welcher Bursch' war das?"

"Der Seppel, seller, der heute von Enk gemessen worden ischt mit'm Kopf
und Arm!"

"Also ischt jener Seppl dir aufsssig, er verfolgt dich?"

"Ja, sall ischt schon so!"

"Liegst du allein in der Schlafkammer?"

"Es liegt noch die Stalldirn drinnen in der Nacht!"

"Und diese hat auch nichts gehrt?"

"Nein!"

"Hast nichts gefunden, was der Seppl in der Schlafkammer zurckgelassen
hat?"

"Decht wohl! Ein rotes Tchel hat er vergessen!"

Jetzt wute der erfahrene Richter den Sachverhalt genau, den er der
Dirne aufzhlte: "Der abgewiesene Seppel wollte sich an dir rchen! Er
ischt heute Nacht mit einer rot verhllten Laterne[1] in die Kammer
geschlichen und ihr Dirnen habt fest geschlafen. Zum Hohn und Spott hat
der Seppel dir den Strohkranz auf den Kopf gelegt, den du beim Erwachen
vorgefunden hast."

"Sall ischt richtig! Ich bitt', gn' Herr, verzhlen Sie's nicht
weiter, die Schand' ischt zu gro!" bat die Dirne flehentlich.

"Schon gut! Vom Einbruch hast du nichts wahrgenommen?"

"Nichts, gn' Herr!"

Das Verhr der Stalldirne ergab nur die Besttigung, da der Strohkranz
vorgefunden wurde. Vom Einbrecher selbst fehlt jede Spur. Die
Untersuchung wie das Protokoll wurden geschlossen und die
Gerichtskommission verlie den Hemmernmooshof und dessen laut um sein
verlorenes Geld jammernden Besitzer.

       *       *       *       *       *

In seiner kahlen, drftig mit den allernotwendigsten Gerten, wie Tisch,
Stuhl, kleines Waschservice und Aktenstnder mblierten Kanzlei im
kleinen Gerichtsgebude des Bergstdtchens prparierte der
Bezirksrichter Ehrenstraer sorgfltig die zu Amt gebrachten,
ausgehobenen Spuren, die inzwischen eingetrocknet sind, doch die Ngel
und Schuheiseneindrcke deutlich zeigen. Sie werden dem Akt einverleibt,
der nun ruhen mu, bis der berhmte Zufall seine ersehnte Rolle zu
spielen beliebt. Schon wollte der Richter den Akt dem Rubrum "Buchstabe
A" einverleiben, da fiel Ehrenstraer ein, die Angelegenheit doch nicht
mit der heutigen, nahezu ergebnislosen Untersuchung auf sich beruhen zu
lassen. Der Amtsdiener Perathoner, ein kugelrundes Mnnchen, das in der
Krperflle im schreienden Gegensatz zur mageren Gage stand, erhielt
Befehl, den Gendarmeriewachtmeister zu holen, und geschftig wie immer,
eilte der Diener zur Kaserne.

Ehrenstraer erledigte inzwischen einen Citoakt in seiner ruhigen,
gewissenhaften Weise. So still ist's in dem kahlen, schlechtgetnchten
Raum, da das Kritzeln der Feder auf dem ziemlich rauhen Aktenpapier,
sowie das Summen einiger nach Freiheit lsternen Fliegen an den
geschlossenen, vorhanglosen Fenstern das einzige Gerusch geben.

Ganz in die Arbeit versunken, berhrte der Richter das leise Klopfen
sowie das Aufklinken des Thrschlosses. Erst als eine silberhelle
Mdchenstimme rief: "Lieber Papa!" hob Ehrenstraer den Kopf und blickte
auf.

"Ah, mein Herzensschatz! Tritt nur ein, Emmy! Was fhrt dich zur
Amtszeit zu mir?"

Verlegen, lieblich errtend steht die etwa zwanzigjhrige blonde Tochter
aus erster Ehe vor dem Papa, eine hbsche Erscheinung, und in der
Kopfbildung wie in den Augen von unverkennbarer hnlichkeit mit dem
Vater. Ob der leisen Rge, die Emmy in der Frage Papas sogleich empfand,
bat die Tochter, das Eindringen in die Kanzlei zur Amtszeit gtigst
entschuldigen zu wollen.

"Schon gut, Emmy! Du weit, da ich whrend der Amtsstunden
ausschlielich meinem Berufe angehre und hier Strungen in
Privatangelegenheiten vermieden wissen will. Es mu sonach deinem Besuch
ein besonderes Ereignis zu Grunde liegen! Sprich, mein Kind: Was fhrt
dich hierher?"

Ehrenstraer hatte sich erhoben und trat seiner Tochter nher, die
pltzlich die Arme ausbreitete, dem berraschten Vater um den Hals fiel
und an seiner Brust zu weinen begann.

"Emmy Kind! Was soll denn das bedeuten?"

Unter Thrnen schluchzte die Tochter: "Verzeih, lieber Papa! La mich
weinen an deiner treuen Vaterbrust!"

"Um Gotteswillen! Was bewegt dich so sehr? Was ischt denn vorgefallen?"

Das Mdchen erbebte und weinte heftig, ohne eine Antwort zu geben.

Forschend richtete der Richter seine scharfen Blicke auf die Tochter,
deren Verhalten ihm vllig unfabar erscheint.

"Hat es zu Hause Verdru gegeben, Emmy?"

Die Tochter schttelte den Blondkopf.

"Ischt dir jemand zu nahe getreten? Ich kann das bei den ruhigen
Verhltnissen in unserm Stdtchen nicht glauben. Sprich, mein Kind! Und
vergi nicht: Ich bin zur Arbeit hier verpflichtet! Sprich!"

"Ich kann nicht, lieber Papa!" stammelte Emmy.

"O, Weiber! Widerspruch ber Widerspruch! Da kommst du mir in die
Kanzlei in einem Zustande, der an Fassungslosigkeit grenzt, suchst eine
Aussprache mit deinem Vater und nun du reden darfst, und sollst, heit
es: Ich kann nicht reden! Das verstehe, wer will; ich verstehe es
nicht!"

"Verzeihe, guter, lieber Papa!"

Der Richter wurde stutzig und wiederholte die Worte: "Verzeihe, guter,
lieber Papa! Das klingt gewissermaen verdchtig! Ist im Herzkmmerchen
etwas nicht in der Alltagsordnung, was?"

In groer Verwirrung flsterte Emmy unter erneuter Umarmung dem Vater
zu: "Verzeih' mir, ser Papa! Ich kann nichts dafr--Franz!"

Jetzt lste Ehrenstraer die Umarmung und ernst sprach er: "Was mu ich
hren? Wer ischt Franz? Wie kommt meine engelreine Tochter zu einem
Franz? Wer ischt das? Was hat es gegeben? Ich will nicht hoffen----"

Abwehrend rief Emmy: "Nein, nein, lieber Papa, wie kannst du nur denken!
Ich kenne meine Pflicht! Aber--"

"Was aber?"

Verwirrt stammelte Emmy: "Franz, der Sohn des Cementfabrikanten
Ratschiller, hat mich begleitet auf dem blichen Spaziergang und hat
mich--"

"Nun?"

"..... hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden mchte! Verzeihe mir,
lieber Papa!"

"So? Das ischt ja das Allerneuste! Und der junge Mann scheint nicht zu
wissen, bei wem man zuerst in solchen Angelegenheiten anfrgt?"

Errtend lispelte Emmy: "Verzeihe, Papa! Franz wollte zuerst meine
Meinung wissen, er kommt dann gewi zu dir, um deinen Segen zu
erbitten!"

"Ei, der Tausend! Also perfectum est! Ich mu sagen: Eine solche
Selbstndigkeit htte ich meiner sanften Emmy gar nicht zugetraut! Du
hast dem Cementmenschen also schlankweg dein Jawort gegeben?"

"Doch nicht, lieber Papa! Ich habe nur gesagt, Franz solle um deinen
Segen bitten!"

"Ach, du liebe Einfalt vom Lande!" lachte der Richter auf.

"Bitte, bitte, lieber Herzenspapa, sei nicht bse, und gieb uns deine
Einwilligung!" flehte in holder Verwirrung die Tochter.

"Adagio, lento tempo, Kind! Ein alter Jurist berstrzt nichts! Und im
tempo furioso wird nicht geheiratet. Der alte, goldene Juristenspruch:
"Quis, quid, ubi, quibus auxilius, cur quomodo, quando" gilt auch in
diesem Falle!"

"Papa, ich verstehe kein Wort von dem gelehrten Zeug!"

Ehrenstraer lchelte. "Das glaub' ich gern! Doch genug nun von der
berraschenden Sache! Geh' heim, Emmy, wir werden darber schon noch
reden!"

"Bitte, Herzensvterchen, bitte schn!" schmeichelte das Mdchen.

"Nur nicht pressieren, Kind! Ich hre Stimmen im Warteraum, es wird der
citierte Wachtmeister kommen! Verla mich nun, Kind, mich ruft die
Pflicht! Adieu, Emmy!"

Das Mdchen kte Papa herzhaft und wirbelte dann zur Thre hinaus.

"Eine schne Bescheerung! Aber ein gutes Kind ischt Emmy doch, denn von
dem Werber weg ischt sie zum Vater gelaufen! Eigentlich ganz natrlich,
ich bin ihr ja der einzige und nchste, hm, der einzige drfte ich
gewesen sein!" murmelte der Richter und klingelte dann.

"Herr Bezirksrichter befehlen?" fragte der eintretende Diener.

"Ischt der Wachtmeister da? Soll eintreten!"

"Zu Befehl, Herr Bezirksrichter!" rief Perathoner und schob seine
Kugelgestalt ins Vorzimmer hinaus.

Gleich darauf trat der stmmige Gendarmeriewachtmeister, der wohl in
Uniform war, jedoch nur das Seitengewehr und statt des Federnhutes das
gewhnliche Dienstkppi trug, salutierend ein und stellte sich
militrisch stramm vor dem Richter auf. "Herr Bezirksrichter befehlen?"

"Mein lieber Wachtmeister! Sie werden vom Gendarmen, der heute mit auf
Kommission beim Amareller war, bereits erfahren haben, da wir nicht
viel Erfolg hatten. Ich will den Akt nun nicht schlummern lassen,
vielleicht kann seitens der Gendarmerie gelegentlich eine wertvolle
Wahrnehmung gemacht werden. Ich mchte Sie daher dahin verstndigen, da
nach dem Befund der erbrochenen Truhe im Hemmernmooshofe das gebrauchte
Werkzeug sehr wahrscheinlich ein Schraubenzieher mit einer abgebrochenen
Ecke gewesen ischt. Achten Sie und die Ihnen unterstellte Mannschaft bei
Requisitionen, Besuchen und sonstigen Patrouillen auf hnlich
beschaffene derartige Werkzeuge und erstatten Sie mir dann sogleich
Anzeige."

"Sehr wohl! Haben Herr Bezirksrichter sonst noch Befehle fr mich?"

"Nein! Ich danke Ihnen!"

Mit militrischem Gru trat der Wachtmeister ab. Der Richter wollte sich
weiter seiner Arbeit widmen, doch parierten die Gedanken nimmer, die
sich mit der berraschend gekommenen Verlobung beschftigten. So qulte
sich Ehrenstraer ab, einen Akt fertig zum Expedit zu stellen und
endlich legte er die Feder nieder und ging nach Hause.




II.


Ziemlich am Ende des Stdtchens, in einer Art Villenviertel, stand das
Haus, in welchem der Richter sich vor Jahren eingemietet hatte, weil im
Amtsgebude die Rume zu einer Dienstwohnung nicht ausreichten.
Ehrenstraers zweite Frau hatte sogleich nach der Trauung lebhaft
protestiert gegen eine so kleine Wohnung, auerdem wollte sie nicht, wie
sie sagte, mit Strflingen und Inquisiten unter dem gleichen Dache
wohnen und des weiteren knne man nicht wissen, wie gro die Familie
noch werde. Diese letztere Bemerkung hatte den sonst so ernsten Richter
lachen machen, sie gab den Ausschlag, die groe Wohnung am Stadtende
wurde gemietet und nach kurzen Jahren bevlkerten zwei Mdchen aus
zweiter Ehe das Haus, welches die Umwohner aus guten Grnden mhlich
die "Judenschule" zu nennen pflegten.

Frau Bianca Ehrenstraer stammte aus einer Weinhndlersfamilie Sdtirols
und zeigte in der ueren Erscheinung den Ampezzanertypus. Anfangs ein
feines Figrchen mit sdlndischem Temperament, kohlschwarzen Augen und
blauschwarzem Haar, entwickelte sich die Richterin mit den Jahren zur
korpulenten Frau, die trotz des stndigen Aufenthaltes in reindeutschen
Bezirken mit der deutschen Sprache auf Kriegsfu stand und
wlsche Lebensart beibehielt. Eine Folge davon war ein steter
Dienstbotenwechsel, der dem Gatten das Leben sauer machte und welcher
die Bewohner des Amtsstdtchens jahraus, jahrein mit Gesprchsstoff
versorgte. Heit es doch, ein Dienstbotenvermittelungsbureau in
Innsbruck sei allein gar nicht im stande, bei Bezirksrichters den Bedarf
an Dienstboten zu decken, denn gewechselt wird in jedem Monat, entweder
die Kchin oder das Kindermdel und eine Scheuerfrau ist im Stdtchen
nicht mehr aufzutreiben, weil alle diesbezglich in Frage kommenden
Personen bereits im Hause gewesen sind.

Frau Ehrenstraer oblag am Nachmittag zur Stunde, da der Bezirksrichter
die Kanzlei verlie, der Lektre eines italienischen Romanes, und hatte
sich so sehr darin vertieft, da sie die Anrede der in das Wohnzimmer
gekommenen Kchin Cenzi, einer drallen Unterinnthalerin, berhrte.
Cenzi wiederholte die Frage: "Ich bitt', Frau, was soll zum Abend
gekocht werden?"

Frau Bianca richtete sich auf mit den Anzeichen hoher Entrstung und
zeterte: "Come? Was sein das Manieren? I sono eine gndige Frau, eine
perfetta, wirkliche Gndige! Du mssen sagen 'gn' Frau' zu mir,
capisca?!"

Demtig senkte Cenzi den Kopf und sprach dann: "Gn' Frau, ich bitt',
was soll ich zum Abend richten?"

"Das sein Sachen der cuciniera, ich haben keine Zeit!"

Ratlos stand das Mdchen vor der Gebieterin; erst vierzehn Tage im Haus
und nicht ganz sicher vertraut mit der Kochkunst, wei Cenzi nicht, wie
sie sich zurechtfinden soll, zumal sie von der Sprache der Gndigen
nichts versteht.

"Bring' burro fresco con pane bianco! Kinder wollen Jause!"

Kopfschttelnd entfernte sich das Mdchen, entschlossen, am nchsten
Ersten zu kndigen.

Wenige Augenblicke spter strmten die Tchterchen zweiter Ehe, Mdchen
mit wlschem Typus im Alter von sechs und fnf Jahren, im tempo furioso
lrmend in die Wohnstube und begannen den Speisetisch zu umkreisen,
wobei die Kinder wie toll um burro fresco (frische Butter) und Weibrot
schrieen.

Vergebens gebot Frau Bianca solchem Heidenlrm, die Mdchen kmmerten
sich nicht im geringsten um das tace und lrmten weiter. Mama ri am
Glockenzug, doch als vom Gesinde niemand kam, befahl sie Lina, dem
Kindermdel aufzutragen, die Jause zu bringen.

Lina sprang hinaus, kam aber bald zurck, um in welscher Sprache zu
berichten, da von den Dienstboten niemand zu finden sei.

"Welche Wirtschaft!" zeterte Mama und strmte hinaus. Die Mdchen
benutzten die Abwesenheit der Mutter, um die Tischlade einer Revision zu
unterziehen, sowie im Buffet Nachsuche zu halten. Jubelnd wurde die
Honigflasche entdeckt und ihres Inhaltes beraubt, Schwarzbrot wurde mit
l aus der Karaffe betrufelt und gierig verzehrt. Unter gegenseitigen
Pffen konnte es nicht anders sein, da es Scherben gab, in Trmmern
liegt die Huiliere am Boden und ihr Rest breitet sich zu einem
prchtigen Oval auf dem Teppich aus, Honigspritzer bedecken Tisch und
Sthle. Die jngere Tochter erklomm auf einem Stuhl die Hhe, um im
oberen Schrank des Bffets zur Marmelade zu gelangen, die von den
kleinen Hndchen aber nicht erfat werden konnte. Klirrend fiel das Glas
um und ri noch andere mit und patsch schlug die Marmelade unten am
Boden auf.

"Subito!" schrieen die Racker von Mdchen und begannen den sen Inhalt
aufzutunken, indem sie sich auf den Boden setzten und schlankweg mit den
Fingern die Marmelade zu Munde fhrten. In dieser reizvollen Situation
traf Frau Bianca ihre Sprlinge, und die berraschung war so gro, da
die Richterin im Schrecken die Butterdose fallen lie.

Die Mdchen benutzten die momentane Verwirrung, um in rasenden Sprngen
sich nach auen in Sicherheit zu bringen; Bianca stand allein vor der
Bescheerung, fassungslos fr den Augenblick, doch fand sie sogleich die
Sprache wieder, als Herr Ehrenstraer eintrat und in seiner ruhigen
Weise der Gattin einen "Guten Abend" wnschte.

Ein Wortschwall ergo sich ber den Richter, welcher verwundert den
Scherbenhaufen betrachtete und sich ein spttisches Lcheln nicht
versagen konnte. "Eine schne Bescheerung das! Die Mdels treiben es
bunt!"

Sofort nahm Frau Ehrenstraer Ihre Kinder in Schutz; schuld an den
skandalsen Verhltnissen im Hause seien die Dienstboten und Emmy, die
sich so viel wie gar nicht nach Recht und Pflicht um das Hauswesen
kmmere.

Ein ernster Blick traf die Gattin und ebenso ernst klang die Erwiderung.
"Das Hauswesen und die Fhrung des Haushaltes ischt doch wohl _deine_
Sache als Frau und Mutter! Und Emmy ischt wohl deine Stieftochter,
keinesfalls aber dein Dienstmdchen! Ich hoffe, du wirst dir das merken!
Im brigen drfte Emmy die lngste Zeit im Hause gewesen sein!"

"Come?" rief berrascht die Gattin.

"Emmy war heute zu ganz ungewhnlicher Zeit bei mir in der Kanzlei und
gestand, da der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller sie um ihre Hand
gebeten habe!"

"Welche Neuigkeit! Und was haben du gesagt, carissimo?"

"Die Sache mu denn doch erst geprft und berlegt werden!"

"Ha! Emmy sein also sposa felice, ich gratulieren! Gleich ich wollen der
Braut wnschen Glck!" Mit dem Feuer ihres sdlndischen Temperaments
wollte Frau Bianca forteilen, die Stieftochter, welche ein Zimmer im
oberen Stockwerk bewohnt, aufzusuchen.

Doch der Richter hielt die Gattin zurck. "Keine bereilung, Liebste!
Wir sind noch nicht so weit und"--Ehrenstraer hielt inne, er wollte es
nicht aussprechen, da ihn die bergroe Freude der Gattin ber den
Weggang Emmys aus dem Hause wenig angenehm berhre.

Aber Frau Bianca war Feuer und Flamme fr das Heiratsprojekt und ri
sich los.

"Bleib'! Und sorge dafr, da die Bescheerung da weggeschafft wird! Man
mte sich ja schmen, wenn ein Besuch diese Wirtschaft erblickte!"

"Sollen Domestiken ausputzen! Ich mssen zu Emmy!" Und fort rauschte die
Gattin.

Herr Ehrenstraer begab sich seufzend in seine Stube, die sein Tuskulum
im sonst so lrmerfllten Hause ist, wo er sich einigermaen ungestrt
den Studien seines Faches hingeben kann in den wenigen ihm verbleibenden
freien Stunden. Diesmal sollte dem fleiigen Manne freilich nur ein
Halbstndchen Ruhe beschieden sein, denn die Mdchen hatten es bald los,
da Mama im obern Stockwerk bei Emmy weilt, und sogleich ward ein
Kriegsspiel insceniert, dessen Lrm huserweit zu hren war.

Der seelensgute Vater legte seufzend das juristische Litteraturblatt aus
der Hand und begab sich in den Flur zum Schauplatz des Damenkrieges, um
Ruhe zu gebieten.

Im drolligsten Kauderwelsch erklrten die Mdchen, da sie ja nur ein
Indianerspiel vollfhrten und Papa mge sie nicht stren.

"Kinder, gebt Ruhe! Der Lrm ischt zu gro! Mdchen sollen berhaupt
ruhig spielen. Nehmt euere Puppen! Indianerspiele treiben nur wilde
Buben!"

"Wir sein anche Bubi! Juih!" lrmten die Racker und balgten sich wie
toll.

"Herr meines Lebens! So kann es nicht weiter gehen! Ruhig, Kinder! Oder
es setzt Hiebe ab!"

"Papa uns nit slag!" lachten die Mdchen und wirbelten die Treppe
hinunter, um im Garten weiter zu spielen.

"Eine heillose Wirtschaft!" seufzte Ehrenstraer und zog sich in seine
Stube zurck.

rgerlich kam Frau Bianca von Emmy herunter. Die strmischen
Glckwnsche zur Verlobung hat die Stieftochter hflich, doch khl
entgegengenommen und dafr gedankt mit der Einschrnkung, da Papa seine
Genehmigung noch nicht gegeben habe, daher die Angelegenheit noch nicht
spruchreif sei. Allem weiteren Drngen auf Mitteilung, wo sich das Paar
kennen und lieben gelernt, setzte Emmy Schweigen gegenber und bat
schlielich, ihr die Antwort erlassen zu wollen. So sah denn die
Stiefmama ihre Neugierde unbefriedigt und verletzt zog sie andere Saiten
auf, indem sie scharfen Tones Emmy ersuchte, unten im Wohnzimmer
geflligst Ordnung zu schaffen.

"Ich komme gleich!" hatte Emmy erwidert, als Frau Ehrenstraer grollend
ihre Stube verlie.

"Sangue della Madonna!" rief die Richterin unten angelangt und ballte
die Hnde zu Fusten, als sie von ihren dienstbaren Geistern nicht einen
erblickte, und strmte von Stube zu Stube, bis ein Glockenzeichen sie
zur Korridorthre rief.

"Sangue di Dio! Welche liebe Besuch! Complimenti! Prego, tretten Sie
ein, casa mia stehen Sie zu Dienst!" begrte die Dichterin die
Besucherin, Frau Rosa von Bauerntanz, die Gattin des Bezirksarztes, eine
hbsche, blonde Erscheinung, die freilich unter einer altmodischen
Toilette wenig zur Geltung kommen konnte.

Der Besuch wurde unter lebhaften Beteuerungen der Freude ins Wohnzimmer
geleitet; Frau Ehrenstraer erschrak wohl beim Anblick der noch immer
nicht beseitigten Bescheerung, wute aber sogleich eine Entschuldigung,
indem sie der Besucherin erzhlte, die Bescheerung sei die Folge eines
urpltzlich gekommenen Ereignisses.

"Ein Ereignis!? Ach, erzhlen Sie doch, liebste Frau von Ehrenstraer!"
rief in grter Neugier die Arztensgattin.

"Ja, groe Ereignis! Momento grande! Emmy sein sposa felice!"

"Was ischt sie?"

"Sposa, Braut!"

"Nicht mglich! Mit wem ischt sie denn so geschwind verlobt worden!
Nein, eine solche Neuigkeit! So reden Sie doch, liebste Freundin! Bitte
aber mglichst deutsch, sonst entgeht mir das Wichtigste!"

Eigentlich wei Bianca selbst so viel wie nichts, doch erzhlte sie,
mhsam nach deutschen Worten suchend, da der Sohn des Cementfabrikanten
Ratschiller die Emmy schon seit langer Zeit liebe, es aber bis vor
wenigen Stunden nicht gewagt habe, sich zu erklren.

"Was, der Ratschiller Franz?"

"Si, si! Haben Sie etwas contra?"

Frau von Bauerntanz errtete und bi sich auf die Lippen. Nicht um ein
Rittergut wrde sie jetzt eingestehen, da sie geglaubt, in jenem jungen
Mann einen stillen Verehrer ihrer Person sehen zu drfen. Gewandt
lenkte sie das Thema wieder auf die Verlobungsangelegenheit.

Mit Behagen erzhlte Bianca weiter. Besagter junger Mann htte heute um
Emmy angehalten und die berraschung sei so gro gewesen, da die Kinder
die noch am Boden liegenden Glser htten fallen lassen.

"So? Ja, sind denn die kleinen Kinder in dieser Sache gefragt worden?"

"Come, ich nicht verstehen, was meinen!"

Die Doktorin dachte sich ihren Teil und fragte nach der Antwort, die der
Herr Bezirksrichter als Vater gegeben habe.

"Si, si, haben meine Mann gesagt! Ist gute Partie, der Brutigam sein
molto ricco, sehr reich!"

"So, so! Ich gratuliere bestens! Nein, eine solche Neuigkeit! Aber nun
mu ich trachten, weiterzukommen! Gott! Wird sich die Bezirkshauptmnnin
rgern! Die hat geglaubt, den jungen Ratschiller fr ihre Tochter
bereits eingefangen zu haben und jetzt ist es nichts! Brhwarm soll die
Hauptmnnin diese Neuigkeit erfahren! 'pfehl mich sehr! Hab' die Ehre,
liebste Frau Bezirksrichter, auf Wiedersehen, 'pfehl mich sehr!"

Schneller als sonst blich vollzog sich die Verabschiedung, und Frau
Bianca stand allein, ehe sie noch wute, wie die Doktorin nur aus der
Wohnung gekommen sei. Vom Erkerfenster aus konnte die Richterin sehen,
da Frau von Bauerntanz im Eilschritt der Bezirkshauptmannschaft
zustapfte und mhlich kam Bianca der Gedanke, da die Doktorin nun wohl
mit der Neuigkeit hausieren gehen werde. Ob das nicht verfrht ist?

Eine Ablenkung von solchen nicht gerade angenehmen Gedanken brachte die
Rckkehr Cenzis vom Fleischer und nun folgte eine dramatisch bewegte
Scene, die schlielich mit der sofortigen Entlassung der Kchin endete.
Das Kindermdel wre zwar auch reif zum Davonjagen, doch ist es nicht
angngig, das Personal zur Gnze an ein und demselben Tage zu entlassen.

Bis es Zeit zum Abendimbi wurde, war die Unterinnthalerin mit Sack und
Pack bereits aus dem Hause.

Ehrenstraer erfuhr diese Neuigkeit whrend der Abendmahlzeit und nahm
sie schweigend zur Kenntnis. Wre Emmy nicht eingesprungen, htte die
Familie berhaupt nichts zu essen gehabt.

Der Richter nahm Emmy dann in seine Stube mit, um den Fall
durchzusprechen. Bianca aber brachte die Kinder zu Bett, was natrlich
nicht ohne Spektakel abging und haderte dann mit sich und ihrem
Schicksal, bis es auch fr sie Zeit zur Nachtruhe wurde.




III.


In der Nhe des Bahnhofes der kleinen Amtsstadt befindet sich ein
zweistckiges Haus, dessen groer Schild verkndet: C. Ratschiller,
Cementfabrik. In die Parterrelokalitten sind die Bureaux untergebracht,
die mit einem langen Lagerschuppen in Verbindung stehen, zu welchem ein
eigenes, sogen. Industriegeleise vom Bahnhof zur Einladung des
Portlandcementes[2] fhrt. Die oberen Rume bewohnt die Familie
Ratschiller, bestehend aus dem alten Chef der Firma und dessen Gattin,
einer wrdigen Matrone, dem etwa sechsundzwanzigjhrigen Sohne Franz und
zwei Tchtern.

Die Cementfabrik selbst liegt hinter dem Bergrcken in einem
Seitenthale, etwa eine halbe Stunde vom Stdtchen entfernt und mssen
die Produkte der Tag und Nacht im Betrieb stehenden Fabrik in Fssern
per Fuhrwerk auf der schlechten Vicinalstrae heraus zur Bahn
verfrachtet werden. Emsig arbeiteten die Komptoiristen in der
Schreibstube, wie die Magazinieure eifrig mit der Verladung drauen
beschftigt sind. In der anstoenden Stube soll der Sohn des Hauses
seiner Arbeit, der Korrespondenz, obliegen, doch war Franz in den
letzten Tagen wenig in diesem Raume anzutreffen.

Das Allerheiligste der Arbeitsrume ist dem Chef selbst bestimmt, ein
schlichtes Zimmer, einfach mit Geschftsmbeln versehen, die ein
mchtiger Kassenschrank in der Ecke ergnzt.

Hier arbeitet wohl zehn Stunden des Tages der alte graubrtige
Fabrikherr mit einer wahren Unermdlichkeit, ein leuchtendes Beispiel
fr seine Bediensteten, die es an Emsigkeit nicht fehlen lassen, wenn
sie den "Alten" im Hause wissen. Weilt der Chef aber in der Fabrik
drinnen im Gebirg, dann freilich eilt die Arbeit in den Komptoirs
weniger und wird manches Stndchen mit Marend (Frhstck) und Jause
(Vesperbrot) vertrdelt. Herr Ratschiller sitzt am Schreibtisch und
liest ein Schriftstck, das wenig erfreulichen Inhaltes zu sein scheint,
denn auf der Stirne des Fabrikanten bilden sich groe Falten, und
zeitweilig seufzt der Chef von Sorgen geplagt auf.

"Eine bse Sache," flstert er und drckt mit dem Zeigefinger auf den
Knopf des elektrischen Lutewerkes. Rasch erscheint ein junger
Komtoirist, den der Chef fragt, ob der Fabrikleiter Hundertpfund noch
nicht erschienen sei.

"Nein, Herr Chef!"

"Dann sage, es soll mein Sohn hereinkommen!"

"Herr Ratschiller junior ischt nicht im Komptoir!"

"Es ischt gut!"

Flink verschwindet der junge Mann aus der Nhe des ob seiner Strenge
gefrchteten Chefs.

Eine tiefe Kmmernis prgt sich im Antlitz des alten Herrn aus, der vor
sich hinmurmelt. "Sorgen um Sorgen im Geschft, und Franz dazu--nicht
mehr zu erkennen! So kann es nicht weiter gehen! Wei der Kuckuck, was
in den Burschen gefahren ischt. Werde ihn 'mal streng ins Verhr nehmen
mssen."

Ratschiller verstummte, als ein bescheidenes Klopfen hrbar wurde.

"Herein!"

Auf das Gehei trat der erwartete Fabrikleiter namens Hundertpfund unter
respektvoller Verbeugung ein. Ein schmucker Mann mit pechschwarzem
Schnurrbart und Haupthaar, dabei mit Augen, die einen bezaubernden Glanz
ausstrahlten, sympathisch durch ein bescheidenes Auftreten, das nur fr
Augenblicke sich nderte, wenn der fesche Mann sich jh aufrichtete,
wobei etwas Herrisches zu Tage trat, das sich aber sogleich wieder
verlor, so Hundertpfund seine gewohnte, etwas gebckte Haltung wieder
einnahm. Wie er so bescheiden vor dem Chef stand, und nach dessen
Befehlen fragte, mute er einen sympathischen Eindruck machen, und
Ratschiller blickte seinen bewhrten Fabrikleiter denn auch mit
unverkennbarem Wohlwollen an.

"Entschuldigen Herr Chef gtigst die kleine Versptung! Es gab im
letzten Augenblick noch manches zu besorgen in der Fabrik, auch wollte
ich das Resultat eines Versuches abwarten."

"Welchen Versuches?" fragte gespannt der Fabrikherr.

"Ich habe vom benachbarten Eisenwerk etwas Hochofenschlacke kommen
lassen, und versucht, daraus einen brauchbaren Portlandcement zu
erbrennen.

"Ei der Tausend! Woher haben Sie solche Kenntnisse? Das ischt selbst mir
etwas Neues!"

"Ich las davon, da aus dem Abfallprodukt des Eisen-Verhttungsprozesses
sich Cement erbrennen lassen knne und wollte auf gut Glck den Versuch
machen!"

"Und das Resultat?"

"Befriedigt mich zunchst nicht! Es mu irgendwo noch fehlen!--Auf dem
Weg heraus ist mir der Oberleitner Bauer begegnet!"

"Ich wei!" seufzte der Chef.

berrascht rief Hundertpfund: "Wieso? Haben Herr Chef mich denn
gesehen?"

"Das nicht! Aber vor mir liegt ein Brief, im Auftrag des Oberleitner vom
Advokaten an mich gerichtet, und auf Grund dieses Schreibens kann ich
mir denken, was der Bauer zu Ihnen gesagt haben wird!"

"Ach so!"

"Eine bse Sache! Der Bauer ischt zweifellos von der Konkurrenz
aufgehetzt und zum Protest gegen die Straenbenutzung veranlat worden.
Seinem uns schwer schdigenden Beispiel werden sich sicherlich die
anderen Thalbauern anschlieen, es wird die ganze Gemeinde protestieren
und da zum groen Teile die Strae Eigentum der Gemeinde ischt, so
werden wir ausgesperrt, knnen nicht mehr Fracht fahren! Das bedeutet
fr mich den Ruin! Biete ich eine jhrliche Pauschalsumme fr
Straenbenutzung, so werden mich die Bauern von Jahr zu Jahr steigern,
bis die Summe einfach unerschwinglich wird.

"Es bestehen aber Vorschriften ber die Benutzung ffentlicher Straen
und ich denke, die bernahme der Verpflichtung zur Straenunterhaltung
infolge der Mitbenutzung wird die Behrde veranlassen, uns die Strae
freizugeben."

"Gewi! Aber es steckt die Konkurrenz dahinter, und zweifellos will man
mich in einen langwierigen, kostspieligen Proze verwickeln, whrend
dessen Dauer ich nicht frachten kann. Sie wissen, da wir groe
Lieferungen auf Termin haben. Die Strung in der Verfrachtung bedeutet
fr mich schwere Verluste und schlielich den Bankerott. Ich kann das
Ende solchen Prozesses nicht erwarten! Wie soll ich aber meinen Cement
herausbringen?"

Gelassen antwortete der Fabrikleiter. "Durch die Luft!"

"Wie? Was?"

"Sehr einfach, Herr Chef! Wir legen eine Luftseilbahn an und bringen
unser Produkt durch die Luft zur Bahn--und von dieser die bentigte
Kohle wieder auf gleichem Wege zur Fabrik!"

"Alle Wetter! Ein feiner Gedanke! Aber unser sehr koupiertes Terrain?!"

"Dasselbe bietet einer Weltfirma wie Bleichert u. Co. in Leipzig-Gohlis
in ihrer anerkannten Spezialitt nicht die geringste Schwierigkeit. Mehr
wie 600 m Hngebahnlnge werden wir kaum ntig haben, Spannweiten von
200-500 m, ja bis 700 m sind nichts Ungewhnliches."

"Wei Gott! Ein genialer Gedanke! Aber alles kann doch nicht in der Luft
hngen! Die Seilbahn braucht doch Sttztrger, Verankerungen und
dergleichen mehr!"

"Gewi! Es wird sich zunchst um die Grunderwerbung zu den
Untersttzungen der Laufbahnen handeln."

"O weh! Da kommen wir wieder zu unsern "lieben" Bauern zurck. Wollen
uns diese die Straenbenutzung verweigern, ebenso sicher geben sie mir
auch den ntigen Grund nicht ab!"

"Herr Chef drfen eben nicht sagen, wozu Sie den Grund haben wollen!"

"Wie soll ich das machen?"

"Vom Bahnhof ber die nchsten Wiesen ist der Grund ohnehin Ihr
Eigentum. Von Ihrer Grenze weg drfte in einer Entfernung von annhernd
100 m die erste Untersttzung zu errichten sein. Also mu das
betreffende Wiesenstck angekauft werden. 200 m weiter brauchen wir blo
die Luft und diese zu benutzen wird uns die Behrde sicher erlauben,
und die Bauern hat die Luftbahn nichts zu kmmern."

"Ja, und weiter?"

"Dann kommen wir zum Bergrcken, von dem eine Lngsparzelle vom rar
gepachtet, event. gekauft werden mte. Auf der Hhe auf Staatsgrund
erbauen wir die Verankerungsanlage und von diesem wagen wir, ohne
Sttzen, eine Spannweite von etwa 500 m direkt hinab in die Fabrik, und
wir sind fein heraus, die Bauern haben das Nachsehen bezw. Emporsehen.
Wir verfrachten unsere Kohle und den Cement ber den Kpfen der
liebenswrdigen, aufgehetzten Bauern hinweg."

"Wenn sich das ermglichen liee, heiliger Gott, die grte Sorge wre
von mir genommen."

"Die Hauptsache ist die Grunderwerbung fr die Luft-Seilbahn auf ganz
stille, harmlose Weise. Ich mchte vorschlagen, Herr Chef lassen durch
einen Mittelsmann die Parzellen kaufen und erwerben selbe dann vom
Vermittler. Haben wir diese Flchen, so wird es ein leichtes sein, mit
dem Forstrar ein Abkommen zu treffen."

"Gut! Ich werde die Sache berlegen. Aber was wird die Drahtseilbahn
durch die Luft auf schier 4000 m Lnge kosten?"

"Wenn es sich um den Ruin handelt, darf die Kostenfrage nach meiner
Meinung keine Rolle spielen. Bleichert wird gewi einige Teilzahlungen
gewhren, in zwei, lngstens drei Jahren ist die Anlage bezahlt und C.
Ratschillers Cementfabrik ist gegen alle Anfeindungen durch Anrainer und
Konkurrenz gefeit."

"Ja, wenn das wenn nicht wre!" seufzte der Chef.

"Mit Erlaubnis, Herr Chef, es heit im Sprichwort: Con si et ma nulle
fa!"

"Die Kosten, die Kosten, lieber Hundertpfund! Haben Sie eine Ahnung, was
eine solche Anlage kostet?"

"Ich denke, mit 80000 Gulden wird sie gemacht!"

"Allmchtiger! 80000 Gulden!" sthnte der Fabrikherr.

"Wird nicht viel billiger gemacht werden knnen. An 50000 Gulden
beanspruchen die Lieferungen von Seilen &c. aus den Fabriken von
Bleichert. Reell, sicher, allen Anforderungen und Auflagen der Behrden
mu die Luftbahn entsprechen, sonst erlangen wir die Erlaubnis zur
Anlage und zum Betrieb nicht. Ich sage nochmals: Die Kosten drfen keine
Rolle spielen! Jetzt oder nie, und wenn schon denn schon! Setzen Sie
sich mit Bleichert in Verbindung, ich wette, die Korrespondenz wird das
von mir prophezeite Resultat erbringen. Aber nun ist tiefstes Schweigen
ber den Plan unerlliche Bedingung fr ein Gelingen."

"Ja, ja, gewi!"

"Es darf auch Ihre werte Familie von dem Plan nichts erfahren!"

"Aber, Hundertpfund! Meine Familie steht mir doch am nchsten!"

"Gewi! Aber ein einziges unvorsichtiges Wort der Damen oder des jungen
Herrn, und alles ist verloren! Wenn die Konkurrenz unsern Plan nur zu
ahnen beginnt, ist er schon verloren!"

"O, Gott! Sie haben nicht Unrecht! Aber kann ich mich denn in eine so
kostspielige Sache einlassen, ber eine solche Riesensumme disponieren,
ohne meine Familie zu verstndigen?! Ich mte ja das ganze Vermgen
hinein stecken! Strbe ich vor Vollendung des Planes, meine Familie
wrde bettelarm sein!"

"Bitte, das ist denn doch eine bertreibung! In Ihren Jahren und bei
solcher Rstigkeit! Auch brauchen Sie sicher nicht mehr wie ein Drittel
der Anlagekosten bar zu zahlen, den Rest in Wechseln auf lange Frist!
Doch wie Herr Chef wollen! Ich habe ja nur das Gedeihen und Wachsen der
meiner Leitung anvertrauten Fabrik im Auge, und unter diesem
Gesichtspunkt, angeregt durch die Proteste der Straenbauern, habe ich
den gewichtigen Vorschlag gemacht!"

"Ja, das verkenne ich nicht! Ich danke Ihnen auch herzlich! Und es soll
ber den Plan geschwiegen werden! Nur mit dem Bezirkshauptmann und
Domnenverwalter will ich Rcksprache pflegen!"

"Ich mchte raten, zuerst durch einen Mittelmann den bentigten Grund
fr die erste, wichtigste Sttze zu kaufen. Dann erst ist es opportun,
mit den Behrden in Unterhandlung zu treten. Immer zuerst mit den
Querkpfen verhandeln, diese sind am gefhrlichsten, wenn sie eine
Absicht merken!"

Nach herzlicher Verabschiedung entfernte sich der umsichtige, im
Geschft weitblickende Fabrikleiter.

Ratschiller sen. blieb in einer Art Betubung im Sorgenstuhl sitzen.
Der Plan erdrckt ihn schier, und dennoch ducht er ihm ein Geschenk des
Himmels, eine Erlsung aus einer wahrhaftigen Misere zu sein. Aber 80000
Gulden! Unwillkrlich erhob sich der Chef, ffnete den gepanzerten
Geldschrank und begann den Barbestand zu zhlen, dessen Totalsumme ein
Hohn auf die Riesensumme des Luftbahnplanes ist. Freilich steckt viel im
Grund und Boden, nahezu alles, und eine gewaltige Summe umfassen die
Auenstnde fr gelieferten Cement. Taufende und Abertausende stecken in
laufenden Wechseln und rollen im Clearingverkehr der Post. Ein Vermgen
hat der Ankauf von Berggrnden zum Abbau und zur Mergelgewinnung fr die
Cementbereitung gekostet. Und jetzt der Riesenplan! Ein Teufelskerl,
dieser Hundertpfund!

Der alte Herr vermochte nicht lnger in dem kleinen Komptoir zu
verbleiben, es ist ihm zu enge geworden, er braucht Luft und Bewegung.
Zum malosen Erstaunen der Komptoiristen verlt Ratschiller das Haus
noch vor Beendigung der Breauzeit, und just am Eingang traf er mit
seinem Sohne Franz zusammen, der eben notgedrungen seine Arbeitsstube
aufsuchen wollte.

"Franz, komm mit! Ich habe mit dir zu reden!" sprach ernst der alte
Herr.

Verdutzt gehorchte der Sohn und blickte scheu von der Seite auf den
Vater. Auf einen Rffel war Franz gefat, die Aufforderung zu einem
Spaziergang whrend der Breauzeit wirkt verblffend auf den jungen
Mann. Beide schlugen einen Wiesenpfad ein, der alte Herr voraus,
aufmerksam das Gelnde betrachtend, ber welches nach dem Plan seines
Fabrikleiters die Luftseilbahn einmal fhren soll. Wie Ratschiller sen.
den weiten Raum bis zur Hhe des Bergrckens berblickte, eine wahrhafte
Riesenentfernung fr den gedachten Zweck, entschlpft ihm unwillkrlich
der Satz. "Es geht decht nicht."

Franz hatte eben an sein Heiratsprojekt gedacht und platzte bei Vaters
Worten in der Meinung, da die Bemerkung seinem Plan selbst gelte,
heraus. "Um Gotteswillen, Vater, sag' nicht nein! Ich wrde grenzenlos
unglcklich werden!"

"Du?" fragte berrascht der alte Herr.

"Ja, gewi, lieber Vater! Seit Tagen ringe ich mit mir selbst, ich fand
den Mut nicht, dir einzugestehen, was mein ganzes Denken und Empfinden
ausfllt!"

Der Alte pfiff durch die Zhne und trocken sagte er dann. "Dein
Breauschwnzen mu allerdings einen gewichtigen Grund haben!"

Kleinlaut bat Franz: "Verzeih' mir, Vater! Es ischt so jh und stark
ber mich gekommen, mit einer Macht, die strker war als ich! Ich konnte
nicht anders, und nun ich das beglckende Wort vernommen, bitte ich dich
recht instndig um deine Einwilligung!"

"So? Wozu denn? Was soll ich bewilligen?"

"So ahnst du's nicht, was mich bewegt?"

"Nein!"

"Groer Gott! Steh' mir bei!"

"Du wirst doch nicht Schulden gemacht haben?"

"Nein, nein! Lieber Vater, verzeihe mir: Ich habe mich verlobt!"

Der Alte blieb stehen wie versteinert. Auf dieses Gestndnis war er
nicht vorbereitet.

"Verzeih' mir, Vater!"

"Mit wem hast du dich verlobt?"

"Mit Emmy Ehrenstraer!"

Ein Lcheln flog ber das faltige Gesicht des alten Herrn, verschwand
aber schnell, und khl klang die Erwiderung. "Das Mdchen ischt brav,
ein Engel, hat aber nichts!"

"Ich will arbeiten, Vater! Ich stelle meinen Mann und kann mit eigener
Arbeit eine Frau ernhren!"

"Es geht nicht! Jetzt schon gar nicht! Von deinem Salr kannst du allein
nicht leben, geschweige denn mit Weib und Kind! Mehr zu geben ischt mir
unmglich. Die Zeiten sind zu schlecht, die Ausgaben riesig, wie die
Projekte."

"Welche Projekte?"

"Das ischt meine Sache! Ich kann dir kein Kapital ausfolgen, es steckt
alles im Geschft!"

"Vater, guter Vater! Gieb mir nur die Prokuristenstelle und ich werde es
dir danken immerdar! Mach' mich nicht unglcklich, Vater!"

"Es geht nicht! Das wird Ehrenstraer selbst einsehen! Hast du mit Emmys
Vater schon gesprochen?"

"Nein! Erst wollte ich deine Einwilligung haben! Am Sonntag mchte ich
Herrn Ehrenstraer bitten!"

"Das kannst du thun! Seines Nein bin ich sicher! Vielleicht kuriert dich
das von deinen Schwrmereien. Doch nun wollen wir umkehren! Geh' nach
Hause, Franz! Ich will noch zum Kommissionr Pfahler, hab' mit ihm ein
Wort zu sprechen!"

Gehorsam entfernte sich Franz und lie betrbt den Kopf hngen. Im
Herzen des Vaters regte sich etwas wie Mitleid, doch rief Ratschiller
den Sohn nicht zurck, er murmelte nur. "Soll nur etwas zappeln!
Schlecht ischt seine Wahl nicht! Wollen sehen! Es pat nur nicht in den
Riesenplan!"

Gemchlich begab sich der Fabrikherr zum Kommissionr Pfahler, der sein
Breau in der Nhe des Bahnhofes hatte, und traf ihn eben im Begriff,
das Geschft zu schlieen. Beim Anblick des Fabrikanten ffnete Pfahler
bereitwillig wieder die Thre und bat Ratschiller einzutreten.

"Bitte, nein! Ich will Sie nicht abhalten, die Kndel wrden hart
werden!" sagte gelassen Ratschiller.

"O nein, Herr Ratschiller! Bitte sehr! Wir haben brigens nur
'Grstel', Sie wissen, das bescheidene Tiroler Nationalgericht aus
Fleischresten und Schmorkartoffeln, wie es sich ziemt fr einen armen
Kommissionr! Aber bitte, womit kann ich dienen? Bitte, nehmen Sie
geflligst Platz! Bitte sehr! Apropos, habe schon gehrt, gratuliere!"

"Wozu wollen Sie mir gratulieren?"

"O, bitte sehr! Frau von Bauerntanz, Sie wissen, die hbsche Doktorin,
war so freundlich, mir zu erzhlen, Ihr Herr Sohn sei mit Frulein Emmy
vom Bezirksrichter verlobt. Also baldige Hochzeit, giebt ein feines
Paar, wie geschaffen fr einander. Gratuliere bestens! Kann ich
irgendwie dienen, ich stehe zu Diensten!"

Ratschiller sen. fhlte eine scharfe Zurechtweisung auf der Zunge
sitzen, doch drckte er das Wort zurck, und blitzschnell berlegte er,
da ein Dementi der Verlobung durch den schwatzhaften Kommissionr ein
heilloses Durcheinander im Stdtchen hervorrufen knnte. Und noch ein
Gedanke fuhr dem Fabrikherrn durch den Kopf. "Hren Sie, Pfahler! Ich
danke Ihnen fr Ihren gutgemeinten Glckwunsch! Aber man ischt noch
nicht so weit! Das Paar hat ja noch gar kein Nest! Sie wissen, ich bin
in meinem Hause arg beschrnkt, knnte Zuwachs absolut nicht brauchen!
Die Komptoirs sollen eine Vergrerung erfahren."

"Ja, ja, die Fabrik wchst, sie wird noch die Perlmooser berflgeln!"

"Reden Sie keinen Unsinn, Pfahler! Immer hbsch solid bei der Stange
bleiben! Aber man wird daran denken mssen, dem Paare, wenn es zur
Heirat kommt, ein Huschen, so eine kleine Villa zu bauen. Dazu habe ich
aber keinen geeigneten Grund. Wissen Sie einen feilen Baugrund?"

In rasender Eile zhlte Pfahler die Namen kuflicher Grundstcke auf.

"Das ischt nichts fr mich. Es soll eher etwas sein, das an meine
Liegenschaften stt und anrondiert werden kann. Mein Sohn soll nicht zu
weit ins Komptoir haben."

"Darf es Wiesengrund sein? Freilich arg sonnig dann, bis die Pflanzbume
einmal Schatten geben!"

"Nu, man kann ja grere Bume kaufen!"

"Hm! Wie wre es am Anger, der stt an Ihre Grnde an, die Entfernung
zum Breau ischt minimal und viel drfte der Angerer kaum verlangen.
Soviel ich wei, schwebt eine Klage gegen ihn in einer Schuldsache; er
wird froh sein, Bargeld zu bekommen."

"Nein, nein! Ich mchte dem Mann nichts abdrcken!"

"Wie weit drfte ich gehen in der Vermittelung?"

"Ich wei nicht, ob ich dieser Sache nher treten soll!"

"Wieviel Decimalen brauchen Sie?"

"Unter etlichen Tagwerken wird es nicht gehen! Wer wei, ob der Mann so
viel Grund abgiebt!"

"Aber ich bitte, Herr Ratschiller! Es ischt ja schlechter Wiesengrund,
der Angerer wird froh sein, wenn er ihn zu halbwegs anstndigem Preise
losbringen kann."

"Nun gut, ich nehme, so viel Grund er abgiebt. Den Preis soll er nennen.
Aber wie gesagt, es mu nicht sein, denn aufgeboten ischt das Paar noch
nicht. Ich wei also nicht, ob es zum Villenbau kommt. brigens ein
Prozent Provision und ein Trinkgeld, Sie wissen ja, wie immer!"

"Danke bestens, werde den Auftrag prompt besorgen. Der Grund gehrt
schon Ihnen! 'pfehl mich bestens, habe die Ehre, wnsche wohl zu
speisen, gehorsamster Diener!"

Leicht grend verlie der Fabrikherr den Kommissionr, um sich nach
Hause zu begeben.




IV.


Bezirksrichter Ehrenstraer hielt in seiner Kanzlei den der Zeugin
abgenommenen Vorladungszettel in der Hand, warf einen Blick in den offen
ausgelegten Akt, bedeutete dem Aktuar, das Protokoll zu fhren, und
fragte. "Sie sind also die vorgeladene Zeugin Walburga Deng, Witib des
vulgo Lusner?"

Die Zeugin nickte.

"Sie haben laut und vernehmlich zu antworten!"

"Ja, gn' Herr!"

"Es gengt ja oder nein, alles brige ischt berflssig!"

"Ja!"

"Was knnen Sie zum Falle Kirchhammer vorbringen?"

"Ich mcht' decht sagen, es ischt schon so, wie es die Aignerin
behauptet. Der Kirchhammer Bauer ischt wohl nicht recht richtig im
Schdel, aber stark in der Lieb' zu der Aignerin war er decht."

"Der Bauer bestreitet das!"

"Soll er nur, sell ischt recht kammod, wo er zahlen soll fr sein Kind!
Wird eahm nicht viel nutzen, dem Saggra!"

"Was haben Sie wahrgenommen ber den Verkehr des Bauers mit der
Sldnerin Aigner?"

"Wird nicht langen, ischt er dreimal im Tag zu ihr kommen charmieren,
der Loder!"

"Haben Sie derlei Besuchgnge selber beobachtet?"

"Freilich und wie!"

"Sie wohnen also in nchster Nhe und haben den Bauer fters kommen und
gehen sehen?"

"Ja, gewi auch noch!"

"Wie weit ischt Ihr Wohnort vom Kirchhammerhof entfernt?"

"Ja, so genau kann ich sell nicht sagen. Aber gesehen hab' ich woltern
alleweil viel!"

"Was zum Beispiel?"

"Grad aufs bussen war er aus, der Saggra!"

"Haben Sie das in der Wohnung der Aignerin oder von der Entfernung aus
beobachtet?"

"Wie Sie wollen, Herr Stadt- und Landrichter!"

"Ich mache Sie darauf aufmerksam, da Sie als Zeugin nichts als die
reine Wahrheit zu sagen haben. Ich mache Sie auf die Heiligkeit des
Eides und die Bestrafung des Meineides aufmerksam. Alles, was Sie jetzt
hier aussagen, haben Sie zum Schlusse zu beschwren!"

"Ein Jurament, ganz recht! Den schwersten Eid kann ich schwren, wann
Sie nur wollen!"

"Wie lange ischt es her, da Sie Ihre Beobachtung und Wahrnehmung
gemacht haben wollen?"

"Wird etwa in der Zeit gewesen sein, wie der Loder verliebt war. Spter
hat die Lieb' woltern nachlassen."

"Die Aignerin ischt nebst ihrer Mutter wegen Betrug,
Kindsunterschiebung, angeklagt. Wann haben Sie mit der noch auf freiem
Fu befindlichen Angeklagten das letzte Mal verkehrt?"

"Herr, sell wei ich nimmer!"

"Ischt es so lange schon her?"

"Ah, beleib!"

"Also gestern?"

"Etliche drei Tag' kann's schon gewesen sein."

"Was hat die Aignerin zu Ihnen gesagt?"

"Unschuldig will sie sein und ich glaub's! Ich hab' ja mit eigenen Augen
gesehen, wie der Bauer sie drangsaliert hat mit seiner Lieb'!"

"Also mit eigenen Augen haben Sie das gesehen? Sie scheinen gute Augen
zu haben und recht weit zu sehen. Ihr Witibgtl ischt von der
Slderhtte der Aignerin eine gute Viertelstunde entfernt. So weit ischt
ein Verkehr in der angedeuteten Art kaum mit freiem Auge zu beobachten.
Haben Sie in der Aignerhtte selbst gelegentlich eines Besuches den
Bauer angetroffen?"

"Nein, nie!"

"Wie weit ischt Ihre Wohnung von der Aignerhtte entfernt?"

"Wird decht bei grobem Wetter 1 Stund' sein!"

Ein scharfer, durchdringender Blick musterte die Zeugin. Der Richter hat
bereits Verdacht geschpft, doch will er grndlich und gewissenhaft
vorgehen. Gelassen fragt er weiter: "Wie lange sind Sie schon Witwe?"

"Ich? Ja mein', sell kann ich nimmer raiten!"

"Wie hat Ihr Mann mit seinem Hausnamen geheien?"

"Wie ich selm!"

"Hm! Wo wohnen Sie gewhnlich?"

"In--" Die Zeugin schwieg pltzlich.

"Das gengt!" Nun wandte sich der Richter zum Protokollfhrer und fragte
ihn, wie weit er mit dem Nachschreiben gekommen sei.

"Nur noch wenige Minuten, Herr Bezirksrichter!" antwortete der Gefragte.

"Schn! Sie, Zeugin! Gelt, schlechte Zeiten haben wir halt allweil?"

"Freilich, Herr! Heutzutag' mu man um jeden Kreuzer froh sein und fr
jede Gelegenheit, wo's was zu verdienen giebt!"

"Freilich, freilich! Na, fnf Gulden war die Sach' schon wert?"

Die Zeugin horchte auf und sprach hastig: "So, meint Ihr? Ischt mir
schon recht, wenn ich noch amol einen Fnfer krieg'!"

Der Schreiber berreichte das Protokoll, das Ehrenstraer schnell
ablas, und zwar absichtlich und ausnahmsweise schnell, denn es gilt in
der nchsten Minute den Beweis fr seinen Verdacht zu fassen. Sonst wird
freilich dem Verhrten oder zu vernehmenden Zeugen das Protokoll langsam
und laut vorgelesen.

Ehrenstraer legte das Protokoll auf die Seite des Tisches, wo die
Zeugin stand, gab ihr die mit Tinte gefllte Feder und sagte. "So,
Weibets! Jetzt schreibst da unten deinen Namen hin, gro und recht
deutlich!"

Der Richter, wie der ahnungsvolle Protokollfhrer achteten genau auf
diese Unterschrift.

Langsam kritzelte die Zeugin: "Kathi Hinterstoier."

"So, Weibets! Das htten wir! Vorgeladen ischt die Waldburga Deng, Witib
des vulgo Lusner, und du bischt die Taglhnerin Kathi Hinterstoier von
Bergheim!"

"Je marandjosef! Hat Er mich wirklich dertappt!"

"Freilich! Wirst wohl herin bleiben jetzt im Bezirksgericht! Aber
derweil erzhlst uns, wie es die Aignerin gemacht hat mit dem
Vorladungszettel, gel!"

"Ich hab' eh (ohnehin) nicht recht wollen; ich hab' gleich g'sagt, der
Richter kommt darauf!"

"Also verzhl' nur."

"Ja, gewest ischt 's a so: Den Zettel mit der Vorladung hat decht wohl
die Lusnerwitib 'kriegt und selle wei so viel wie gar nixen. Die
Aignerin war bei ihr und hat ihr zug'redet, sie soll sagen, wie's der
Bauer 'trieben hat. Die Lusnerwitib hat aber nicht wollen. Aftn
(hernach) hat ihr die Aignerin den Ladzettel ab'bettelt und ich hab' ihn
aftn 'kriegt und einen Fnfer dazu. Und so bin ich halt herkommen fr
die Lusnerin."

"Das ischt auch ganz schn von dir! Hab' mir's auch gleich gedacht, da
die Zeugin nicht ganz echt ischt."

Nach diesen Worten schellte Ehrenstraer dem Amtsdiener, der die
"Zeugin" zunchst ins Loch brachte, wo sie der Verurteilung wegen
Irrefhrung harren kann. Und in derselben Stunde wurde der
Verhaftbefehl gegen die Sldnerin Aigner der Gendarmerie zugestellt.

Kurz darauf meldete der Amtsdiener eine Bauersfrau, die instndig um
eine Unterredung bitte, und sogleich vorgelassen sein mchte.

"Na, lassen Sie die Frau herein!" befahl der Bezirksrichter.

Knicksend erschien eine bejahrte Buerin in ersichtlicher Verlegenheit,
blickte sich scheu um und trippelte dann zum Tisch des Richters, wo sie
nochmals knickste und dann anhub:

"Herr kaiserlicher Okta!"

Ehrenstraer horchte auf.

"Ich tht schn bitten, Herr Okta!"

Jetzt verstand der Richter das seltsame Wort und erwiderte:

"Liebe Frau, Sie sind am unrechten Ort! Ich bin der Bezirksrichter,
nicht der Notar!"[3]

"Ich bitt', das ischt gleich! Helfen kann mir nur der Herr da!"

"So, dann verzhl' nur, Buerin!"

"Ja, ich tht halt schn bitten, wenn der Herr kaiserliche Okta meinem
Bauern gebieten tht, er soll nicht gar so strmisch sein, weil mich das
fr die Zeit ruinieren mu. Die schwere Feldarbeit vertragt sich nicht
damit!"

Dem Richter dmmerte eine Ahnung auf und zugleich empfand er einen
Lachreiz, dessen er nur mhsam Herr wurde. Will er doch die naive
Buerin, die voll Vertrauen zu ihm gekommen, nicht durch einen
Heiterkeitsausbruch verletzen, so sehr auch der Appell an den Richter um
Eindmmung der Liebesgefhle eines buerlichen Ehemannes zum Lachen
reizt. Ehrenstraer wrgte denn hervor. "Es ischt recht, Buerin! Geh'
nur wieder heim und sag' dem Bauer, er soll nicht so strmisch sein, das
pat sich nicht fr sein Alter!"

"Sell mcht' ich ihm lieber schriftlich bringen oder noch besser, das
Gericht schickt ihm einen Beselch (Befehl), aftn (hernach) glaubt er's
besser und folgt auch 'm Gericht!"

Jetzt konnte Ehrenstraer das Lachen nimmer verbeien und bedeutete
durch eine Handbewegung der Buerin, da sie sich aus der Kanzlei
entfernen solle.

Gehorsam trippelte das Weiblein hinaus, nahm aber im Zeugenzimmer Platz
und wartete dort.

Der scherzhaften, naiven Scene folgte wie im Aprilwetter sogleich der
Ernst, indem sich einer der Gendarmen zum Rapport meldete.

Der Richter fragte den in voller Wehr militrisch angetretenen Gendarm
Sittl: "Was bringen Sie?"

"Ich bitte gehorsamst um nochmalige Beschreibung des Instrumentes, mit
welchem die Truhe beim Amareller erbrochen worden sein drfte."

Wie froh ist der Richter jetzt, die damalige Untersuchung so genau
genommen und scharf zu Protokoll gegeben zu haben, denn nun kann er dem
Sicherheitsorgan die Beschreibung jenes Instrumentes auf das Genaueste
vorlesen. Ehrenstraer that dies und knpfte daran die Frage, ob Sittl
ein derartiges oder hnliches Instrument vorgefunden habe.

"Zu Befehl, ja, Herr Bezirksrichter!"

"Bei wem?"

"Im Hause des Bauern Weirather, des Nachbars vom Amareller!"

berrascht rief der Richter. "Nicht mglich! Weirather ischt mir selbst
als vllig unbescholtener, allgemein geachteter Mann, in guten
Verhltnissen lebend, bekannt. Ein Diebstahl ischt ihm absolut nicht
zuzutrauen."

"Ich wei auch davon, Herr Bezirksrichter!"

"Wie kamen Sie in sein Haus?"

"Ich wollte kontrollieren, es soll ein Landstreicher bei Weirather
bernachtet haben. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich einige auf dem
Wandklapptisch liegende Werkzeuge und darunter einen groen
Schraubenzieher. Ich dachte, dieses Instrument knnte hnlich demjenigen
sein, mit welchem die Truhe erbrochen worden ischt."

Ehrenstraer ward nachdenklich; die Situation erfordert Vorsicht und
Klugheit, ein Migriff mu vermieden werden. Nach einer Weile fragte der
Richter. "Haben Sie sich in den Besitz des Schraubenziehers setzen
knnen?"

"Nein! Ich wollte zuerst bei Ihnen anfragen."

"Gut! Suchen Sie das Instrument zu bekommen, aber es mu ohne das
geringste Aufsehen geschehen. Der Mann darf keine Ahnung von der
Absicht und dem Zweck haben. Sie drfen mit keinem Blick sich verraten.
Vielleicht knnen Sie bei einem nchsten Patrouillengang eintreten und
den Schraubenzieher in Abwesenheit des Besitzers ungesehen einstecken."

"Das wird wohl nicht mglich sein, denn Weirather lebt ohne Dienstboten
und ischt immer zu Hause."

"Wie ischt mir denn? Der Mann soll sehr geizig sein? Hm! Machen Sie die
Sache auf folgende Art. Sie sprechen vor bei Weirather, bitten ihn um
irgend ein Stck Werkzeug, um eine Schraube an Ihrem Dienstgewehr fester
anzuziehen. Vielleicht gelingt es Ihnen, das Instrument unbemerkt
einzustecken. Dann kommen Sie damit sofort wieder zu mir in die Kanzlei.
Achten Sie auch darauf, ob der Weirather etwa Plattfe hat!"

"Zu Befehl!" Der Gendarm blieb noch stehen.

"Haben Sie noch eine Bemerkung vorzubringen?"

"Ja! Ich wei aber nicht, ob es zur Sache gehrt. In nchster Nhe des
Weirathgutes fand ich zusammengeknllt einen Zettel, aus welchem ich
nicht klug werden kann.

"Geben Sie her!"

Sittl berreichte einen schmierigen, zerknitterten Zettel, den
Ehrenstraer sorgsam glttete und dann betrachtete. Der Zettel war in
folgender Weise bekritzelt:

[Illustration]

Im ersten Augenblick dachte der Richter an eine Geheimschrift, die
vielleicht ein Verbrecher verloren habe. Das Ding sieht sich hchst
rtselhaft an und ist jedenfalls einer Beachtung wert. "Haben Sie
Wahrnehmungen ber Durchzug von Landstreichern gemacht?"

"Ich habe nur von einem Vaganten gehrt und bin demselben nachgegangen.
Er drfte unseren Bezirk aber bereits wieder verlassen haben."

"Hm! Gehen Sie mit dem Zettel zu Weirather und fragen Sie den Mann, ob
vielleicht er ihn verloren oder weggeworfen hat. Wenn dem so sein
sollte, so suchen Sie die Erklrung der Zeichen zu erhalten. Man kann
nicht wissen, was hinter der Sache steckt."

Der Gendarm nahm den geheimnisvollen Zettel wieder zu sich und verlie
mit stramm militrischem Gru das Amtslokal.




V.


Franz Ratschiller kam aus den berraschungen nicht mehr heraus; einmal
erfuhr er, da Papa fr ihn um Emmys Hand bei Ehrenstraer angehalten
und dessen Zusage bekommen habe; Kommissionr Pfahler trug ihm die
Neuigkeit vom Ankauf des Angerergrundes fr einen Villenbau zu, auf
welchem das "Nest" fr das junge Paar gebaut werden solle. Franzen
wirbelte der Kopf und auch die Fe kamen ins Wirbeln, denn Franz lief
zu Ehrenstraer, um sich vom Schwiegerpapa in spe und im besondern von
Emmy die beglckende Kunde bettigen zu lassen.

Eine dritte berraschung enthielt die Mitteilung des alten Ratschiller,
da morgen das Verlobungsdiner stattfinden solle, zu welchem
Bezirksrichters, Doktors u. s. w. geladen seien.

Papa Ratschiller forderte von Franz keinerlei Breauarbeit, ja er
entband den Sohn ausdrcklich von allen dienstlichen Verpflichtungen
unter der Beifgung, da ein verliebter Verlobter nur Unheil im Geschft
anrichten knnte. Es solle Franz daher nur nach Herzenslust schwrmen
und von der Braut trumen. Das lie sich der junge Mann natrlich nicht
zweimal sagen und enteilte in hchster Glckseligkeit.

In seinem Komptoir zog der Fabrikherr freilich das Gesicht in Falten, er
sah nichts weniger denn heiter und sorgenlos aus, als er im
Katasterauszug immer wieder zu rechnen begann. Ratschiller sen. war in
einer Nacht jh erwacht aus schwerem Traum, in welchem ihn ein
entsetzlicher Gedanke gepeinigt hatte, der Gedanke, da Mergelmangel in
den angekauften Grundstcken und Berghalden eingetreten, die
Cementfabrik ohne Steine sei und daher den Betrieb einstellen msse. Der
blanke Ruin und Bankerott. In jener Nacht sa der Fabrikherr wie
erstarrt in seinem Bett und vermochte sich nicht klar darber zu werden,
was nun Traum oder Wahrheit sei. Mitten in der Nacht in das Komptoir zu
gehen und im Katasterauszug nachzurechnen, ist nicht mglich, wrde die
Gattin auch zu sehr erschrecken. So verbrachte der alte Herr in einem
schrecklichen Zustande der Angst den Rest der Nacht im Bett und qulte
sich mit Konkursgedanken. Am frhen Morgen, unter Verzicht auf das
bliche Frhstck, begab sich Ratschiller ins Komptoir und holte die
Schriftstcke und Plne aus der Kasse, um den Besitz an Grund und Boden,
die Zahlen betreffs der Steinbrche einer grndlichen Prfung zu
unterziehen. Die erstmals vorgenommene Addition ergab ein vllig
befriedigendes Resultat, und der Fabrikant atmete erleichtert auf. Dann
aber nagte der schreckliche Zweifel wieder im Kopf, die Besitzzahlen
wurden erneut zusammengezhlt und merkwrdigerweise kam nun heraus, da
die Fabrik in absehbarer Zeit Mangel an Gestein zum Verarbeiten haben
msse. Das wiederholte sich des fteren mit pro und contra und
schlielich wute Ratschiller, der sonst so ruhig und klar denkende Mann
selbst nicht mehr, wie es um seinen Grundbesitz steht. Wen soll er
darber befragen? Der Fabrikleiter bleibt, weil nicht informiert,
auer Betracht. Auskunft ber die Katasterzahlen knnte der
Evidenzhaltungsgeometer geben, aber kein Fabrikherr wird solchen Zweifel
einem Unbeteiligten mitteilen, denn ein Gerede wre nicht zu vermeiden,
und hrt die Konkurrenz davon auch nur ein einziges Wrtchen, so sind
die geschftlichen Folgen gar nicht bersehbar und von einschneidender
Wirkung.

Ratschiller versuchte es, den Grundbesitz graphisch darzustellen, Berg
um Berg, die zur Ausbeutung angekauft sind, zeichnete er auf einen Bogen
Papier und strich davon durch, was im Abbau sich befindet. Es verbleibt
ein stattlicher Rest an Grundbesitz, der auf Jahrzehnte hinaus zum Abbau
reichen wird. Und da kam der grliche Zweifel wieder in der Frage: "Wie
aber, wenn die angekauften Berge nicht das ntige Gestein enthalten?
Wie, wenn die chemische Analyse ergeben wrde, da nur der minderwertige
Romancement erzeugt werden knnte?" In gigantischen Ziffern sah der
Fabrikherr den Ruin vor dem geistigen Auge. Und solche Gedanken qulen
ihn jetzt, da er im Begriffe steht, die groe Luftseilbahn in Scene zu
setzen. Das ntige Grundstck ist erworben, die Behrden haben die
Konzession zur Anlage erteilt, welcher nach den Probefahrten die
Erlaubnis zur Betriebserffnung folgen wird. Mit Bleichert & Co. ist
alles vereinbart, die Drahtmenge &c. unterwegs, der Ingenieur zur
Seilbahnerbauung mu jeden Tag eintreffen, die Plne sind fertig
ausgearbeitet.

Ratschiller ist's, als will ihm der Kopf zerspringen. Wie und wo den
Ausweg finden, wie den geradezu lhmenden Zweifel losbringen?

Am Telephon lrmte die Klingel. Ratschiller trat an den Apparat, der das
"Allerheiligste" mit dem Breau der Fabrikleitung verbindet, und fragte
nach dem Begehr Hundertpfunds.

Wie Musik klingt es Ratschiller aus dem Hrrohr in sein Ohr. "Herr Chef!
Soeben im Eibberg erstmalig mit Janit gesprengt, ein kolossales
Mergellager liegt offen von einer ganz unerwarteten Mchtigkeit.
Gratuliere!"

"Danke!" vermochte der Chef noch zu stammeln; das Hrrohr auf den Haken
zu hngen war er nicht mehr fhig. Vor den Augen ward es schwarz, Hnde
und Kniee zitterten, der alte Mann war einer Ohnmacht nahe. Er schleppte
sich zu seinem Stuhl, lie sich hineinfallen und weinte.

Thrnen wirken immer lindernd. Nach einem Halbstndchen war Ratschiller
wohl, die alte Elasticitt kehrte wieder, froh und heiter packte er die
Schriften und Plne in den Schrank und begab sich in die Privatwohnung
hinauf.

Am Telephon knatterte es, doch konnte wegen Ausschaltung des Hrrohres
die Klingel nicht funktionieren, der Fabrikleiter also keine weitere
Meldung erstatten. Das Knattern ward in den brigen Zimmern nicht
gehrt.

Tags darauf fanden sich die Geladenen zum Verlobungsdiner ein im
glnzend geschmckten Speisesaale der Familie Ratschiller. Die
Wohlhabenheit des Fabrikherrn kndete das feine Mobiliar wie der reiche
Tafelschmuck in Silber und Gold. Alles war festlich gekleidet und in
bester Laune. Die Verlobten strahlten vor Glckseligkeit, die Vter
drckten sich die Hnde, Frau Ehrenstraer berschttete die
Gesellschaft mit einem welschen Wortschwall, und sagte es jedem, der ihr
in den Weg kam, da sie die glcklichste Frau von ganz Tirol sei.
Franzens Schwestern beglckwnschten Emmy unaufhrlich und mengten
Toilettefragen dazwischen, Frau Ratschiller als Hausdame kmmerte sich
mehr um regelrechtes Servieren und kommandierte das Dienstbotenpersonal
in vornehm-ruhiger Art. Wichtig hatten es Herr und Frau Doktor von
Bauerntanz, indem der dicke Gemahl dem Brutigam, der nur mit halbem Ohr
zuhrte, die wichtige Lebensregel auseinandersetzte, da man vor lauter
Liebe niemals auf einen ordentlichen Tarok vergessen drfe. Frau von
Bauerntanz brillierte in ihrer blonden Schnheit und in einem
Seidenkleid, das frher ihr Hochzeitskleid gewesen, und kokettierte
krftig mit Herrn Hundertpfund, welcher mit grter Bereitwilligkeit auf
die Augensprache einging, und der schmucken, ppigen Frau den Hof
machte. Der Fabrikleiter war aber auch ein begehrenswerter, bezaubernder
Mann, der es verstand, mit Damen umzugehen, sich unwiderstehlich zu
zeigen. Wie glnzen doch seine schwarzen Augen, wie sympathisch ist
seine Haltung, anziehend, lockend, so ganz anders als die
Provinzlergestalten in der Herrenwelt des Stdtchens, nicht
schwerfllig, sondern schlank und elegant, ausdrucksvoll jeder Blick,
jede Miene und Geste, schmale Hnde in modernen, feinen Handschuhen,
sonor und weich und wohlklingend die Stimme, verheiungsvoll. Frau von
Bauerntanz wollte nach ihrer ursprnglichen Absicht mit diesem
Idealmanne nur kokettieren, den Kitzel eines Spieles auf sich wirken
lassen, den feschen Mann in sich verliebt machen, um ihn
selbstverstndlich dann in der Kniestellung auszulachen, denn sie fhlt
sich als hochanstndige Frau.

Man nahm Platz an der herrlichen Tafel. Braut und Brutigam zrtlich
nebeneinander, dann immer ein Herr zwischen den Damen. Den Bezirksarzt
traf das Los, die Richterin zur Nachbarin zu bekommen, und er fgte sich
wrdevoll ins Unvermeidliche, wobei er gleichzeitig die drftigen
Sprachkenntnisse des Sdens hervorkramte. Seine Gattin kam neben
Hundertpfund zu sitzen und hatte schon vor dem Champagner ein leuchtend
Rot in den feingeschnittenen hrchen.

Die Festrede hielt Papa Ratschiller in kerniger, kurzer Weise, zu deren
Schlu der Sekt in den Glsern schumte und allseitig das bliche Hoch
auf das Brautpaar erklang. Nun sind die Schleusen der Beredsamkeit
geffnet, der reichlich, schier verschwenderisch gegebene Champagner
that ein briges, die Etikette lockerte sich zur zwanglosen Unterhaltung
und zu freieren Sitten.

bermtig lustig ward Frau von Bauerntanz, die in gierigen Zgen diese
so seltenen Lebensfreuden geno, und es willig duldete, da ihr
Tischnachbar ein Rendezvous forderte. Kichernd nickte sie Hundertpfund
zu und animierte ihn zum weiteren Erzhlen von Pikanterien aus der
Grostadt. Als das Diner zu Ende ging, war die Doktorin es, die den
bezaubernden Nachbar animierte, den Verkehr im Hause durch eine
Staatsvisite aufzunehmen, und Hundertpfund warf ihr einen seiner
feurigen Blicke zu, der die hbsche Frau erglhen machte bis zu den
Haarwurzeln hinauf. Im lustigen, weinfrohen Getriebe blieb das Spiel der
beiden vllig unbeachtet, die andern waren mit sich selbst und den
Flaschen beschftigt.

Spt endete das Fest, und auch das Abschiednehmen und Bedanken fand
einen Schlu. Plaudernd entfernten sich die Gste. Franz begleitete Emmy
nach Hause. Ratschiller sen. fhlte sich nicht recht wohl, er fand Luft
und Cigarrendampf erstickend, und begab sich zur Ruhe, nachdem er der
Gattin jegliche Sorge ausgeredet hatte.

Ruhe! Ja, wenn die Trume nicht wren. Wieder diese entsetzlichen
Traumbilder vom Steinmangel und Konkurs. Ratschiller verbrachte diese
Nacht so schlecht wie die frheren.




VI.


Noch nie befand sich der Richter in hnlicher, fieberhafter Erregung als
eben jetzt, da der Gendarm Sittl seinen Rapport erstattet, und den
Schraubenzieher auf den Amtstisch gelegt hat. Sittl sagte prcis aus,
da der verdchtige Weirather thatschlich Plattfe, den rtselhaften
Zettel als sein Eigentum bezeichnet habe.

"Was ischt 's mit dem Zettel?" fragte hastig der Richter.

"Weirather wollte ihn zurckhaben und wurde ordentlich grob, als ich die
Ausfolgerung verweigerte. Eine Erklrung aber gab er ber den Inhalt des
Zettels nicht. Im Streit gelang es mir aber, den Schraubenzieher zu
erwischen und einzustecken."

"Nun, denn an's Werk!" rief Ehrenstraer, nahm den Akt vom Pult, las die
Mae ber das Instrument heraus und begann am Schraubenzieher zu
messen. Bleich vor Erregung konstatierte der Richter, da die Mae
haarscharf auf den Millimeter stimmten. Genauer ist niemals eine
Untersuchung und Protokollfhrung vorgenommen worden, und nun lohnt sich
solche Genauigkeit in berraschender Weise geradezu wunderbar. Aber es
reicht alles nicht aus, den Weirather zu verhaften. "Wir mssen noch
wissen, ob der Verdchtige den Schraubenzieher bereits vor dem Einbruche
im Besitze gehabt oder erst hintendrein erworben hat. Recherchieren Sie
sofort bei hiesigen Kaufleuten oder auch bei dem Werkzeughndler am
Marktplatze unter Vorzeigung des Instrumentes, das Sie aber nicht aus
der Hand geben drfen.--Kommen Sie aber mglichst rasch zurck!"

Eine andere Arbeit zu beginnen, war dem Richter in solcher Erregung
schlechterdings nicht mglich. Immer wieder las er den Akt Amareller
durch und eine gewie Befriedigung erfllte sein Herz. Wird es doch nur
seiner Grndlichkeit zu danken sein, da Licht in die dunkle Sache
gebracht und ein Verbrecher dem Richter zugebracht werden kann.

Perathoner, der dicke Amtsdiener, meldete einen Herrn, der in
dringlicher Angelegenheit den Herrn Bezirksrichter zu sprechen wnsche.

"Ich habe keine Zeit!"

"Der Herr ischt gut gekleidet, und macht seine Sache sehr pressant!"

"Gut denn, lassen Sie ihn vor! Gott, diese ewigen Strungen!" Wenige
Minuten spter dienerte ein Herr in die Kanzlei, bei dessen Anblick
Ehrenstraer sich des Gedankens nicht erwehren konnte, da er es mit
frecher Zudringlichkeit irgend eines Agenten zu thun habe.

Doch die Anrede des Fremden verscheuchte solche Vermutung, denn der
Besucher begann zu erklren, da er gekommen sei, vom lblichen Gericht
eine Auskunft ber einen gewissen Weirather zu erbitten.

"Weirather? Jenen Geizhals? Ich mu Ihnen bemerken, da das k. k.
Bezirksgericht kein Auskunftsbreau ischt. Wer sind Sie und was wollen
Sie?"

"Ich erlaube mir, mich vorzustellen: Christian Egger aus Innsbruck!"

"Und was wollen Sie?"

"Ich htte gern eine Auskunft ber einen gewissen Weirather, Kaufmann,
allhier."

"Kaufmann?" fragte Ehrenstraer gedehnt. "Kenne keinen Weirather hier,
und wie schon gesagt, das Bezirksgericht ischt kein Auskunftsbreau."

"Entschuldigen Herr Bezirksrichter! Aber vielleicht haben Sie doch die
Gte, mir zu sagen, wie es geschftlich um Herrn Ratschiller steht!"

"Herr, sind Sie des Teufels? Was kmmert das mich!"

"Verzeihung! Ich dachte nur, ein Richter kennt alle Leute im Orte.
Bedauere, wenn ich mich geirrt habe. Vielleicht haben aber Herr
Bezirksrichter selbst Bedarf, unsere Gesellschaft versichert zu uerst
coulanten Bedingungen ..."

"Dacht' ich's doch! Herr, scheeren Sie sich geflligst sofort hinaus!"

"Ich bitte sehr, bitte gleich! Solche Bedingungen gewhrt Ihnen keine
andere Gesellschaft! Wir sind unerreicht in Koulanz, namentlich Beamten
in Staatsstellungen gegenber! Prmien knnen sogar in Monatsraten
bezahlt werden!"

"Hinaus! Das fehlte gerade noch, da ich mir die kostbare Arbeitszeit
von einem Assekuranzagenten wegnehmen lasse. Hinaus, oder ich lasse Sie
durch den Amtsdiener wegfhren!"

"Bedauere sehr! 'pfehl mich, habe die Ehre! Vielleicht berlegen Sie
sich die Sache! Ich bleibe einige Tage hier, wohne im 'Ochsen'. Bitte
sehr, Christian Egger ischt mein Name. Habe die Ehre, mich ganz
gehorsamst zu empfehlen! Ergebenster Diener!"

Mit drohend erhobenem Arm wies Ehrenstraer zur Thre, durch welche der
Agent verschwand.

"Eine solche Frechheit ischt mir doch noch nicht vorgekommen!" sprach
ingrimmig der Richter vor sich hin, und machte zur Beruhigung seiner
Nerven einige Gnge durch das kahle Zimmer.

Mittlerweile kam Sittl zurck mit dem Bescheid des Werkzeughndlers, da
der Schraubenzieher von Weirather schon vor etwa zwei Jahren gekauft
worden sei. Der Hndler erinnerte sich deshalb an diesen Kauf so genau,
weil der Weirather ganz besonders arg feilschte und den Preis drcken
wollte.

Nur um den Geizhals los zu werden, habe der Hndler das Instrument
schlielich zum Selbstkostenpreis abgegeben.

"So, dann wollen wir den sauberen Vogel einfangen!" sagte Ehrenstraer,
zog die Uhr, und ordnete nun an, da der Gendarm Sittl sogleich in
voller Armatur hinaus zu Weirather gehen, und den Bauer verhaften solle,
und zwar in der Weise, da vom Angeschuldigten nichts, aber auch nicht
das Geringste beseitigt werden knne. Ehrenstraer will selbst
nachkommen, und Hausdurchsuchung vornehmen, whrend welcher Weirather
dem Untersuchungsgefngnis eingeliefert werden solle.

So geschah es. Der Richter folgte in Civil mit seinem Aktuar dem
vorausgegangenen Gendarm, und erreichte das Gehft in dem Augenblick, da
der zeternde Bauer die Fesseln um die Hnde erhielt. Der gellende
Protest gegen "Gewalt und Hausfriedensbruch" blieb vllig unbeachtet,
Weirather mute mit.

Ehrenstraer aber begann ruhig und sicher seines Amtes zu walten. Sein
Suchen galt hauptschlich den Schuhen des Verhafteten, die er endlich in
der Kche unter dem Herd entdeckte. Und richtig fand der Richter zu
seiner groen Freude ein Paar Bundschuhe, die das Fueisen sowie die
Reihenfolge der Ngel verkehrt, also das Eisen an der Fuspitze, und
demgem die Ngel in der Richtung zur Ferse eingeschlagen enthalten.
Dadurch ist das Rtsel der seltsamen Fuspur im Moosboden erklrt. Es
gilt nur noch die Schuhe mit den im Akt befindlichen Spurweiten zu
vergleichen. Selbstverstndlich nahm der Richter auch noch smtliche
Papiere Weirathers zur Prfung mit. Der Aktuar trug die Schuhe.

Noch am selben Abend war alles im reinen. Es stimmten die Spuren mit den
Schuhen, und die Papiere ergaben den Beweis fr ein weit verzweigtes
Wuchergeschft. Blo der Zettel ist noch rtselhaft.

Das Verhr am nchsten Morgen blieb resultatlos, Weirather leugnete
alles. Der Richter wurde fast etwas nervs ob solcher Verstocktheit und
sagte dem Bauer den Diebstahl auf Grund der Untersuchungsergebnisse auf
den Kopf zu.

Weirather blieb dabei, von nichts zu wissen.

Als Ehrenstraer auf den rtselhaften Zettel anspielte und versuchte,
durch denselben nheres aus dem Verhafteten herauszubringen, begann
Weirather hhnisch zu lachen.

Der Richter verbot solches Benehmen energisch und drohte mit spezieller
Strafe. Und im Dialekt fgte Ehrenstraer hinzu. "Gieb das Leugnen auf,
es ntzt dich nichts, Weirather! Den Diebstahl beim Amareller hast du
vollfhrt, kein anderer. Es stimmt alles haarscharf, und deine
Verurteilung ischt sicher. Der verdchtige Zettel gehrt dir, du hast es
selbst eingestanden."

Wieder lachte Weirather hhnisch auf und sprach. "Lassen S' Ihnen nicht
auslachen, Herr Richter! Seller Zettel ischt nicht verdchtig!"

"Was soll der Zettel dann bedeuten?"

"Eine Aufschreibung ischt er, weiter nichts!"

"Wieso? Eine richtige Aufschreibung sieht anders aus!"

"Schon mglich, Herr! Aber ich kann's halt nicht anders!"

Ein jher Gedanke durchzuckte den Richter. "Kannst du etwa gar nicht
schreiben und lesen, wie's Brauch ischt?"

"Nein!"

"Dann wren die Zeichen und Ziffern lediglich Notizen aus deinem
Wirtschaftsleben?"

"Ja! Ich kann nur die Ziffern machen, wie sie auf den Tarokkarten
stehen."

"Erklre das, Weirather!"

"Selles Schwein auf dem Zettel hab' ich verkauft und um 25 Gulden und 10
Gulden Anzahlung 'kriegt. Fnf Metzen Kartoffel verkauft um 12 Gulden 50
Kreuzer. Auf die Hand geliehen 50 Gulden 20 Kreuzer."

"Gut! Dann kommt die zweite Abteilung, die mit einem Zeichen, hnlich
einem Wagen beginnt. Was bedeutet das?"

"Sell ischt die Gegenleistung. Mein Schuldner gab mir entgegen: 2
Wagenfuhren, angerechnet mit 5 Gulden, 2 Fa Wein im Wert von 15 Gulden,
Barzahlung 11 Gulden, 15 Klafter Holz, fr die ich 7 Gulden rechne, 25
Bume zu 5 Gulden."

"Na, das Rechnen verstehst du bei allem Mangel der Elementarbildung
vorzglich. Da heit die letzte Aufzhlung wohl so viel, als da du bei
dem Geschft 61 Gulden allweil noch verdient hast?"

"Vom Verdienen lebt der Mensch!"

"Das ischt kein Verdienen mehr, das ischt Wucher! Hast mit dem Amareller
auch solche 'Geschfte' gemacht?"

"Es ischt nie recht 'gangen! Der lat zu wenig aus!"

"Das kann man einem klugen Hausvater auch nicht verbeln. Ich mein'
immer, der Geiz hat dich arg in den Klauen. Wieviel ischt dir der
Amareller schuldig?"

"Nichts mehr!"

"Also hat er dich in der letzten Zeit ausbezahlt? Das wundert mich, denn
er wird nach dem Verschwinden seines Geldes aus der Truhe nicht viel
Bargeld mehr gehabt haben. War der Amareller immer zh im Zahlen?"

Der kordiale Ton in der Rede des Richters veranlate den Verhafteten zum
Plaudern, er schlferte die Besorgnis ein, der Bauer verga auf seine
Situation vor Gericht und redete sich warm. "Ein saumiger Tropf ischt er
allweil g'wesen! Nichts zu kriegen, allweil im Rckstand, allweil
Ausreden, ein Jammerer jahraus und jahrein, und immerfort wieder leihen,
bis er mir so ein halbtausend Gulden schuldig worden ischt!"

Ehrenstraer horchte bei Nennung dieser Summe auf, doch lie er den
sichtlich erbosten Bauer weiterreden.

"Zahlt hat er nicht, auf die Anforderung ischt er grob worden; 's Vieh
hat er verkauft und 's Geld dafr eingesteckt. Ich hab' wieder nichts
'kriegt, und so hab ich mir 's Geld halt selber g'holt!"

Ehrenstraer blinzelte dem Protokollfhrer zu, der inde jedes Wort des
Verhafteten bereits zu Papier gebracht hat und insbesondere die letzte
Aussage fixierte.

Der Richter warf nun in harmloser Weise ein. "Ja, ja, ganz recht,
Weirather! Aber ich mein', der Amareller wird selles Geld nicht
gutwillig hergegeben haben?"

"Ich hab' den Tropf auch nimmer g'fragt. Wo er 's Geld verwahrt, hab'
ich ja gewut, und so bin ich halt es holen 'gangen!"

"Ganz richtig! Du bischt es holen gegangen. Wahrscheinlich in der
Nacht?"

"Freilich!"

"Und wegen des Sultan hast deine Hndin mitgenommen?"

"Ich selber hab' keinen Hund; selle Matz hab' ich z' leihen g'nommen,
und so hat der Sultan keine G'schichten gemacht."

"Dann bist durchs Fenstergitter eingestiegen, gel?"

Der starre Blick des Aktuars brachte Weirather die Gefahr in Erinnerung;
der Bauer berlegte einen Augenblick und dann erklrte er: "So hab' ich
halt gedenkt, knnt' man's machen, aber ich hab' die Sach' dann decht
wieder berlegt und sie dann bleiben lassen. Selles denken ischt aber,
mein' ich, noch keine Snd' und nicht straffllig."

Mit leiser Ironie sprach der Richter. "Das wirst du schon sehen,
Weirather! Bis zum Einsteigen hast jetzt alles schn und ordnungsmig
eingestanden, das ischt die Hauptsache. So, und nun werden wir dich mit
dem Mastab messen."

Der Bauer machte einen Luftsprung vor Schrecken und auf dieses Gerusch
hin erschien Perathoner, der Amtsdiener, vorsichtshalber in der Thre,
so da ein Fluchtversuch unmglich ward.

"Amtsdiener, halten Sie mal den Inquisiten!" befahl der Richter, nahm
den Mastab vom Tisch und nherte sich dem Bauer, der heillos zeterte.

"Ruhig, Weirather! Es geschieht dir weiter nichts! Wir wollen nur
wissen, wie dick dein Schdel ischt!"

"Das braucht Ihr nicht zu wissen, mein Schdel ischt meine Sach', und
die Dicke auch!"

"Ruhig jetzt! Es ischt gleich geschehen!"

"Ich mag aber nicht! Zu was willst meine Schdeldicken wissen?"

"Das kann ich dir schon sagen, Weirather! Ich will wissen, ob du mit
deinem Dickschdel und dem Arm dazu durchs Fenstergitter durchschlupfen
konntest."

"Nicht messen, ich bitt'. Lieber sag ich's freiwillig. Ja, durchkrochen
bin ich!"

"Na, also! Dann ischt die Maprobe nicht mehr ntig! Also zum Protokoll:
Inkulpant gesteht zu, durch das vergitterte Fenster eingestiegen zu
sein."

Weirather stand nun wieder trotzig vor dem Amtstisch, whrend der
Amtsdiener zur Bewachung an der Thre blieb. Der Richter forderte den
Bauer auf, weiter zu erzhlen, doch Weirather blieb stumm.

"Also, du willst nichts weiter sagen. Auch recht. Es wre aber besser,
wenn du dein Gewissen erleichtern wrdest durch ein volles Gestndnis.
Dem Teufel bischt ja decht verfallen infolge des verbten Verbrechens,
der Schwarze wird dich bei lebendigem Leib' holen, mein' ich!"

Verstockt stand der Bauer.

"Wie du willst! Aktuar, ffnen Sie das Fenster!" befahl der Richter, der
nun mit dem Aberglauben der Gebirgler rechnete und daraufhin eine Probe
machen wollte.

Weirather wurde unruhig, es qulte ihn eine ersichtliche Angst, und
kleinlaut fragte er nach dem Grunde des Fensterffnens.

"Warum ich das Fenster ffnen lie, willst wissen? Das kann ich dir
schon sagen. Dem Teufel bischt verfallen und der wird jetzt gleich zum
Fenster hereinfahren und dich holen beim lebendigen Leib'. Damit der
Teufel leichter herein kann, ischt das Fenster aufgemacht worden!"

Jetzt zitterte der Bauer an Hnden und Fen, bebend und klglich schrie
er. "Lot 'n nit einer! Ich sag' alles, macht das Fenster wieder zu!"

"So fang' nur an zu erzhlen!" gebot schmunzelnd der Richter, der seine
Rechnung richtig sah. Ehrenstraer schlo selbst das Fenster, indes der
Aktuar sich wieder schreibfertig machte.

Zgernd, immer den Blick auf das Fenster gerichtet, begann Weirather zu
gestehen, da er sich durch das Gitter zwngte, eine Fensterscheibe mit
Pechpflaster verklebte und dann eindrckte, worauf die Fensterriegel
leicht zu ffnen waren.

"Bischt denn nicht gestrt worden bei dieser Arbeit?" fragte der
Richter.

"Gehrt hab' ich wohl etwas, wird wohl ein Knechtl zu den Madelen
'gangen sein. Sell war gnstig."

"Und dann bischt in die anstoende Kammer, wo die Truhe steht und hast
die Truhe mit dem Schraubenzieher aufgesprengt?"

"Ja, ganz richtig!"

"Das Geld hast genommen?"

"Ischt ja decht mein Geld g'wesen!"

"Das ischt halt Ansichtssache. Wie bischt denn wieder fort?"

"Gleich nur hinten aui!"

"Wieso hinten?"

"Durch 'n Stallgang und Katschaus!"

"So, so! Das gengt! Man fhre den Inkulpaten in seine Zelle!"

Weirather warf noch einen sorgenvollen Blick auf das Fenster und lie
sich dann widerstandslos abfhren.

Zur Erledigung dieses Falles ist nur noch ntig, den Amareller in Bezug
auf sein Schuldverhltnis zu Weirather zu verhren, dann kann der
Inkulpat dem Kreisgericht zur Aburteilung berstellt werden. Und das
Verhr ergab, da Amareller wohl etwas ber hundert Gulden dem Geizhals
schuldig ist, jedoch nicht mehr, und Weirather ein berchtigter Wucherer
sei. Amareller htte gern gewut, ob man den Einbrecher und Dieb schon
gefat habe, doch wurde ihm keine Mitteilung hierber gemacht. Da
Weirather, von dessen Verhaftung man in der ganzen Gegend sprach,
identisch mit dem Dieb sein knnte, hielt selbst Amareller fr
unmglich.

Nun konnte der dickleibig gewordene Akt per Post an das Kreisgericht
abgehen, wohin Weirather im Schubwege transportiert wurde.

"Eine Nummer wieder einmal glcklich erledigt!" murmelte befriedigt der
pflichttreue Richter.




VII.


Winter ist's geworden im Tiroler Land, wei die Fluren, wie die stolzen,
himmelragenden Berge. Wer den Winter mit seinen Schrecken grndlich
kennen lernen will, darf nicht in der Thalung oder im Amtsstdtchen
bleiben, sondern mu in die Hhe wandern, wohin kein Postwgelchen mehr
fhrt, sondern nur schlechte Saumwege, die nach grimmigem Schneefall
auch nicht mehr passierbar sind. Winter in Latschwies auf der Hhe! Die
richtige Einde im unwirtlichen Hochgebirge und dennoch besiedelt. Der
winzige Ort hat seinen Namen eigentlich vllig zu Recht; wo noch
Wiesengrund vorhanden ist, wuchsen die Latschen schier hinein, die
Legfhren mit ihren schwarzgrnen Nadeln. Korn wird nicht reif da
heroben und selbst dem Hafer fliegt der Schnee hufig auf den noch
grnen Halm. Die Latschwieser Hfler treiben etwas Viehzucht und
schtzen sich glcklich, wenn zum Herbst die Erdpfel (Kartoffeln) ebar
geworden sind. Winters ber gleichen die Eindbauern so ziemlich den
Eskimos, und das Eingeschneitwerden sind sie von altersher gewohnt.

Das Drfchen besitzt eine Franziskanerexpositur, ein Klsterl,
alt und baufllig, mit einer Miniaturkirche, und ein Pater des
Franziskanerordens mit einem Frater (dienender Klosterbruder) hat hier
zu wohnen und die kleine Gemeinde zu pastorieren. Hier leben, heit
entbehren, auf alles zu verzichten.

Grau und alt ist Pater Ambros in dieser Expositur geworden, ein Vater
seiner Gemeinde, die in jeder Not und Sorge zum "Eindpater" kommt. Der
schlichte alte Mnch mu den Latschwiesern alles in einer Person sein.
Priester, Arzt, Lehrer, Apotheker, Advokat und Viehdoktor. Pater Ambros
leistet solche Dienste seit Jahren und bekommt nie einen Heller dafr.
Den Mewein schickt das Mutterkloster aus der Amtsstadt und etwas Brot
zweimal im Monat. Sonst ist die Expositur auf die Milde der armen
Gemeinde angewiesen. Fllt eine Kuh oder ein Jungrind ab, giebt es auch
im Klsterl Fleisch, sonst aber mu der Plenten (Buchweizen), Kraut und
die Kartoffel gengen. Im Herbst ist eigentlich die ppigste Zeit fr
die Bewohner der Expositur; da kommt der Jagdherr in die Berge, und von
der Strecke wird dem Klsterl regelmig eine Gemse und ein geringer
Hirsch berwiesen. Von solchem Reichtum giebt aber die Expositur wieder
an die Drfler ab, und so ist's ein stndiger Tauschhandel zwischen der
Gemeinde und dem kleinen Kloster.

Die Bauern haben ihren Eindpater gern, denn er ist wirklich der Helfer
in allen Nten, und dann kostet er der Gemeinde kein Bargeld. Als es
einmal hie, das Klsterl solle aufgelassen und in ein Pfarrhaus mit
einem Weltgeistlichen umgewandelt werden, da protestierten die
Latschwieser energisch und erklrten, ihnen passe der alte Pater besser,
als der gescheiteste Pfarrer. Lieber ein grober Franziskaner als ein
geschniegelter Stadtgeistlicher, der sich vor dem Schnee frchtet und
vom Vieh nichts versteht, so lautete die Meinung in Latschwies, und
richtig setzte die Gemeinde es durch, da Pater Ambros verblieb.

Den Bauschaden im Klsterl besserte man zur Not aus, d.h. Steine,
Mrtel und Holz fuhren die Drfler an, das Bauen aber mute der
Eindpater selber besorgen, und er that es, untersttzt vom Frater
Marian, einem hstelnden, mageren Klosterbruder, der aus dem welschen
Sden stammt und schwer leidet unter dem rauhen Klima des Hochlandes im
Norden Tirols.

Da half aller Zuspruch des an die scharfe Bergluft gewohnten alten
Paters wenig, der Klosterbruder vertrug sie nicht, doch hielt er klaglos
aus und hstelte dazu. Seine Gedanken weilten freilich sehr hufig im
sonnigen Sden.

Jetzt im Winter ist's ein eintnig Leben im Klsterl; der kirchlichen
Verrichtungen sind wenig und auch sonst nur kleine Arbeit. Frater Marian
sgt und hackt Holz, derweil der Eindpater die Kinder in dem zum
Schulzimmer adaptierten Speisezimmer unterrichtet.

Am 27. November war es. Um 10 Uhr entlie Pater Ambros die Schuljugend,
welche im Bereich des Klsterls ruhig und bescheiden von dannen schlich,
hinter der Pforte aber auf dem tiefverschneiten Strlein sofort in
zwei feindliche Teile sich trennte und ein regelrechtes
Schneeballenbombardement erffnete. Dabei konnte es nicht anders sein,
da sich mancher Ball an die Fenster des Klsterls verirrte und dumpf an
die Scheiben fiel, was zur Folge hatte, da der Eindpater den grauen
Kopf hinausstreckte und der Jugend im rauhesten Bergdialekt zurief:
"Pack's enk durch oder ich kimm decht mit 'm groen Stekken!"

Wohl schienen einige Bengels Lust zu haben, Schneeballen nach dem
wrdigen Altpriester zu werfen, doch die verstndigeren Kinder wehrten
ab, und mhlich trollte die Schar davon, bis ber die Kniee im Schnee
watend.

Pater Ambros verlie bald darauf das Klsterl, um einen Krankenbesuch zu
machen, welcher dem Strugglmoidele gilt. Das ist ein altes Weibel, lahm,
schier taub und blind, das von der Gutherzigkeit der Nachbarn mit Milch
und Brot versehen wurde, um nicht zu verhungern. Den Namen mochte das
Weibel aus der Jugendzeit ins Alter herber bekommen haben, denn meist
war der Struggl (Strudel, gerollte Mehlspeise mit Apfel- oder
Topfeneinlage und mit heier Butter bergossen) des Mdels
Lieblingsspeise, und der Volkswitz brachte der damals schwarzhaarigen
Marie den Spitznamen Strugglmoidele auf.

Besagtes altes Weibel hatte den Eindpater um seinen Besuch bitten
lassen, wasmaen dem Moidele das Kirchgehen nimmer mglich ist und es
Gottes Wort doch von Zeit zu Zeit hren mchte.

Der Gang zum Strugglweibele ist zur Sommerszeit insofern keine
Kleinigkeit, als die Htte der Moidel sehr hoch oben liegt und der
Anstieg mhsam ist. Jetzt, im Winter, bei Hochschnee, heit es steigen
und waten mit Kraft und Ausdauer.

Unverdrossen stapft Pater Ambros aufwrts und nach einer Stunde war er
bei der Htte oben. Erst den Schnee abgestreift, dann trat der
Eindpater ein. Richtig hockt's Moidele beim warmen Ofen, den eine
gutmtige Nachbarin dem armen Weibel tchtig angeheizt hatte.

Da es schneehell war, vermochte das Strugglmoidele den Franziskaner zu
erkennen, und dankbar begrte es den Priester: "Gr Enen Gott! Ischt
decht a Plag' mit mir, Hearr!"

"Macht nichts, Moidele! Zum Plagen sind die Leut' auf der Welt! Nun,
wie geht's, Weibele?"

"'s Reien hun ich halt soviel stark und 's Drucken! Ich moan', es werd
mer wohl 's Herz oh bald abdrucken, aftn ischt's gar!"

"Na, na! Nur nicht gleich das Schlimmste glauben, Moidele! Sein Kreuz
mu jeder Mensch tragen, du auch, und mut halt denken, du kommst aftn
leichter in 'n Himmel!"

"Ischt ein Kreuz bei dem Schnee, selles Himmelfahren!"

"Nun, wer wei! Vielleicht kannst in einer linden Sommernacht
auffahren!" lachte gutmtig der alte Pater.

"Wei nit, ob ich's derkraften kann bis zu seller linden Zeit! 's
Rheumatisch hun (habe) ich schun (schon) arg, ich mcht' wirklich gern
beichten!"

"Das kannst ja, Moidele! Ich bin bereit! Hast Reu' und Leid schon
gemacht, so kannst gleich anfangen!" sagte der alte wrdige Priester und
setzte sich zum Weibele auf die Ofenbank.

"Na, Hearr, so than mer nit, so kann ich nit beichten!"

"Warum denn nicht? Ich bin ja da, der Priester, und du bischt das
frommglubige Beichtkind. Was fehlt denn?"

"Die Seichgazen!"

Verwundert sah der Priester auf das alte Weibel; ein solcher Fall ist
ihm in seiner dreiigjhrigen Seelsorgepraxis noch nicht vorgekommen und
trotz aller Erfahrung wei er nicht, was das alte Weibel will.

Eigensinnig beharrte Moidele auf ihrem Willen; ohne Seichgazen kann sie
nicht beichten.

"Ja, was ischt denn selle Seichgazen?"

"Geath 's nur au'n in die Kuchl, ober 'm Schsselg'stll ischt sie, Des
scht sie gleich, die Seichgazen! Geath nur, Hearr, ich thue mich so
viel hart giahn (gehen)!"

"Da bin ich aber selber wirklich neugierig!" murmelte Pater Ambros und
verfgte sich in die rauchgeschwrzte, winzige Kche, um im Dmmerschein
nach der rtselhaften Seichgazen zu forschen. ber dem Schsselgestell
steckt richtig ein Instrument, das der Eindpater als ein viereckiges
Sieb zum Seihen erkennt. Sollte das die geforderte "Seichgazen" sein?

Pater Ambros nahm dieses Kcheninstrument vom Gestell herab und trug es
in die Stube. "Ischt es das rechte?"

"Ja wohl! Selle Gazen mu ich hun (haben)!"

Jetzt wute der alte Pater Bescheid; dieses Kcheninstrument mute bei
dem alten Weibele das--Beichtgitter des Beichtstuhles in der Kirche
ersetzen, Moidele will diese Illusion vor Augen haben.

"Also stellen wir die Gazen auf!" sagte der Eindpater und hielt das
Instrument zwischen sich und dem alten Weibel.

"So, Hearr! Jetzt kann ich beichten!" sagte Moidele.

Nach frommem Zuspruch und dem Versprechen, von den Mehlvorrten des
Klsterls etwas heraufzuschicken, verlie der Priester die Htte, und
stieg vorsichtig den Steilhang durch den Schnee wieder hinab.

Pater Ambros verzehrte mit dem Frater Marian das karge Mittagsmahl,
bestehend aus Bohnensuppe und aufgeschmelzten Plenten. Schon wollte der
Klosterbruder abrumen, da sprach der alte Priester: "Heute wollen wir
uns ein Viertel Rthel gnnen, Marian, denn heute feiern wir ein
Abschiedsfest!"

Verwundert blickte der bleiche, abgehrmte Frater auf Pater Ambros.

"Jawohl, es ischt schon so! Heute nachmittag 1/2-2 Uhr fllt der letzte
Sonnenstrahl auf unser Klsterl. Wir mssen daher von Frau Sonne auf
lange Zeit Abschied nehmen!"

"Ach so! Ich glaubte schon--"

"Auch deine Stunde wird schlagen! Aber fr uns ischt es heute ein
Abschiedsfest. Die Sonne wird uns nun durch volle 87 Tage meiden, weil
sie ber die hohen Berge nicht mehr zu uns herein kann. Wir mssen es
daher wie die alten Spartaner machen und im Schatten kmpfen. Wird am
22. Februar gut Wetter sein, so bekommen wir an diesem Tage wieder den
ersten Sonnenstrahl im neuen Jahre."

Betrbt lie Frater Marian den Kopf sinken.

"Mut nicht mutlos werden, Bruder! Es sind die schlimmsten Tage nicht,
die sonnenlos vergehen und grau in grau verrinnen! Fehlt uns das helle
Licht, thut uns die Dunkelheit nicht so weh. Unsere Pflicht ischt es, zu
dulden; wir mssen wie die Bergbauern in der Einde das gemeinsame
Geschick tragen, gottergeben und gefgig. Nicht jeder kann im sonnigen
Sden leben, der auch nicht alle Wonne in sich schliet. Und wir
Franziskaner sind nicht zu einem wonnevollen Leben bestimmt. Aber zum
Sonnenabschiedstag wollen wir einen Schluck Wein nehmen. Hol ein
Flaschele, Marian!"

Eben will sich der Bruder entfernen und die Flasche Wein holen, da gellt
die Pfortenglocke durch das Klsterl.

"Ei der Tausend! Wer mag wohl so strmisch luten? Sieh' nach, Marian!"

Schlrfenden Trittes begiebt sich der Frater zur Pforte und lt einen
Bergbauernbuben ein, der dringend nach dem Eindpater verlangt. Ambros
kam selbst herbei, zu sehen, was es an der Pforte gebe, und so konnte er
gleich hren, was der Bube will.

"Ich bin der Bub' vom Zacher am Joch! 'm Vaterle hat ein Baumstamm beim
Schlittelen 'druckt und er lat bitten um die baldige Wegzehrung!
'leicht geath's schiech."

"Gleich, Zacher! Hast etwan Hunger?"

"Ich dank'! Ein Trum Brot und ein Eichtel Speck hab' ich schon 'gessen!
Schlaun dich, Pater, es wird gleich wieder wahen (schneetreiben) und
aftn find' ich neammer z'ruck im Schnee!"

Pater Ambros hie den Buben sich in der Pfrtnerstube wrmen und machte
sich zum Versehgang auf das Joch bereit. Hurtig wird der Habit
hochgeschrzt, denn es wird schwer steigen heien, dann bekommt der
Zachenbub' des Paters Bergstock, das Glcklein und die Laterne zu
tragen, indes Ambros ins Kirchlein eilt, um die Bursa mit der hl.
Wegzehrung zu holen.

Still und stetig begann es zu schneien aus dem nun grauverhngten
Firmament.

Pater Ambros mit dem voranschreitenden, das Glcklein schwingenden
Zacherbuben verlt das Klsterl. Nur im nchsten am Strlein liegenden
Gehft ist der rasche Aufbruch zum winterlichen Speisgang beobachtet
worden, und die Inwohner knieen nun im Schnee und bekreuzigen sich.

Leise betend schreitet der Priester an den frommen Leuten vorber, die
dann im Klsterl fragen, wem der Speisgang gelte.

Der arme Zacher am Joch! Und der arme Pater, der durch den Schnee
hinauf mu zur Hhe!

Vor dem Jochberg angekommen, bleibt der Zachenbub' erschrocken stehen.
Alles verweht! Die halbe Stunde hat gengt, seine eigene Spur, die er
beim Abwrtssteigen getreten, vllig zu verdecken. Und jetzt wirbelt das
weie Geflock so dicht herunter, da man kaum auf zehn Schritte voraus
sehen kann.

Auch Pater Ambros hlt inne, er sucht mit den Augen die
Anstiegsrichtung. Die Bursa in der linken Hand haltend, stochert er mit
dem Bergstock in der rechten nach festem Grund. Wohl ber zwei Meter
tiefer Schnee und weich dazu, ohne Harst. Dazu blst der Bergwind aus
dem Klammloch wild und kalt und jagt Flugschnee den Wanderern entgegen.
Ein bses Steigen, aber es mu gewagt werden. Verlangt ja ein Sterbender
nach dem letzten Trost der Religion! Der alte Priester steigt an, er
will voraus Schneetreten, auf da der schwache Bub leichter hinterdrein
steigen kann. Langsam geht es aufwrts, immer wieder sinkt der Pater bis
an die Hften im Schnee ein und es bedarf langer Zeit, bis Ambros sich
wieder herauszuarbeiten vermag. Einige Schritte weiter beginnt dieselbe
Mhe wieder und wieder. Der Eindpater erkennt, da er die Hnde vllig
frei haben mu; er versorgt die Bursa auf seiner Brust unter dem Habit,
zieht das Cingulum fester, und mit einem Gebet auf den Lippen klimmt er
mit Hilfe des Steckens schrittweise durch den immer tiefer werdenden
Schnee aufwrts. Eine Stunde vergeht, und kaum eine Viertelstunde Weges
ist zurckgelegt. Dafr wtet jetzt aber ein Sturm, der jedes Lebewesen
vernichten will, und wild heranbraust. Wind und Schneetreiben ringsum,
so dicht und vehement, da der erschpfte Wanderer die Augen schlieen
mu. Pater Ambros zieht den Buben fest an sich, just in dem Augenblick,
da der kleine Zacher ohnmchtig zusammensinkt.

Ratlos, zu Tode erschpft, steht zitternd und keuchend der Pater im
Schnee. Wohin nun? Wo Rettung finden? Der Blick verwehrt nach oben wie
nach unten, ein wirbelndes, weies Chaos ringsum. Hier steckenbleiben,
heit sterben. Die Gefahr ist da, der weie Tod lauert auf zwei Opfer.
Keine Hilfe! Rufen und Schreien verschlingt der tosende Sturm, es wre
auch unntz, ohne den Wind, denn in dieser Wildnis ist kein Mensch zu
treffen.

Den Pater dauert der Bub, der sein junges Leben lassen mu in der
Schneewste. Doch was gethan werden kann, soll geschehen. Ambros reibt
des Buben Schlfe mit Schnee ein, netzt dessen Lippen mit Schneewasser,
das er in den geballten Hnden erzeugte, und nach langem Bemhen schlgt
der Knabe die Augen auf: "Hoam mcht' ich!" wimmert er.

"Ich auch!" meint der Pater. "Aber zuerst mssen wir schauen, aus dem
gefhrlichen Schneeloch zu kommen!"

Der Sturm lt etwas nach, das Schneetreiben wird schwcher, so da ein
Umblick mglich ist.

Ambros erkennt in der Nhe ein Lebewesen, das mit Aufbietung aller
Krfte dem fesselnden Schnee zu entrinnen sucht. Ein Hirsch ist's, der
seitlich durch den tiefen Schnee ausbrechen und einen schtzenden Ort
oder den Wald erreichen will. Der Hirsch zappelt und sinkt bis an die
Lauscher ein, er arbeitet sich aber wieder hoch, durchrinnt dnnere
Lagen, sinkt in eine Wchte und steuert endlich nach rechts hinber.

"Ihm nach!" flstert der Franziskaner. Der tierische Instinkt wittert
gewi einen Schutzort und diesen sucht der Pater gleichfalls zu
erreichen.

Eine grliche Wanderung ist es, bis Ambros, der den Buben hinter sich
zieht, die breitgeschlagene Hirschfhrte erreicht, auf welcher er nun
gleichfalls alles durchmachen mu, wozu der Hirsch gezwungen war.
Einsinken, herausarbeiten, wieder einfallen und emporklettern. Der
Schnee dringt in die Habitrmel, am Halse ein, na und klebrig sind die
Fe, der um sein Leben kmpfende Priester schwitzt und dampft vor
beranstrengung, und kaum hlt er inne, erschauert der Leib vor Klte.
Der Bub wimmert vor Frost.

Endlich gelingt das schwere Werk. Auf der Hirschfhrte weiterstrebend,
erreicht Ambros eine Breitflche, an deren oberen Ende eine
tiefverschneite Almhtte liegt, von Hochwild umstanden, das aus den
Fugen und Ritzen des Futterstadels gierig Strohhalme und Heufden zieht.

Pltzlich erdrhnt ein Schu, ein Hirsch wird hoch und fllt nach kurzer
Flucht, schlegelnd sinkt er in den Schnee. Aufstubend jagt das Rudel
davon.

Vor Schrecken ist Pater Ambros tief eingesunken und mhsam arbeitet er
sich aus dem Schneeloch heraus. Wer wohl geschossen haben mag?
Berufsjger schieen nicht auf hungerndes Wild am Futterplatze; es wird
ein Wilderer sein. Doch gleichviel, ein Mensch ist hier oben, ein
Mensch, der Erbarmen haben mu mit einem todesmatten Priester und dem
ohnmchtigen Kinde.

"Hilfe!" ruft der Pater, und blitzschnell verschwindet die Gestalt im
Walde.

"Hilfe in hchster Not! Ich bin's, der Eindpater!"

Jetzt erst findet sich die Gestalt mit geschwrztem Gesicht bewogen,
nher zu kommen, und wie der Wilderer das Ordenskleid erkennt, watet er
vllig heran, und hilft dem Pater.

"Verrat' mich fein nicht!" flstert er Ambros zu.

"Gewi nicht! Bring' nur erst den Buben in die Htte!"

Der Wilderer nahm den Zacher auf die Schulter und trug ihn zur Htte, wo
er den Kleinen mit Schnaps labte und zum Leben brachte.

Mittlerweile hat sich auch der Eindpater heraufgeschleppt, und vllig
ermattet nahm er Platz am Herd.

"Nimm einen Schluck Birenen (Moosbeerschnaps), Pater, seller thut dir
oh (auch) gut!"

Wie das erquickte!

Nach kaum halbstndiger Ruhe bat der Priester jedoch um das Geleite des
Mannes zum Zacherhof, wo der Jochbauer im Sterben liege.

"Sell geaht heunt nimmer! Ischt ja schon vllig Nacht 'worden!"

"Ich mu hinber, dem Sterbenden die heilige Wegzehrung bringen!"

"Ah so wohl. Hast aftn auch die Hostien bei dir?"

"Red' nicht lang' und hilf mir hinber zum Zacher!"

"Sell geaht nit! Es ischt schon zu spt, der Schnee zu tief, wt' frei
selm nit hinber in der Nacht! Mut ihn schon selm allein sterben
lassen, den Zacher!"

Eine Mdigkeit berfllt den Pater, taumelnd wankt er und ist dankbar,
da der Wilderer ihm das eigene Heulager in der Ecke anbietet. Kaum
liegt Pater Ambros, schlummert er auch schon ein. Die Anstrengung war zu
gro.

Ruhig schlft auch der Bub auf einem Haufen Daxen.

Wie der Wilderer den schlummernden alten Priester betrachtet,
durchkreuzen seltsame Gedanken seinen Kopf. Gewi will der einsame
Mensch nichts Schlimmes beginnen, als Gebirgler empfindet er Achtung vor
dem Priesterkleid des Mnches, aber ein Gedanke will den Ausgestoenen
nimmer verlassen. Wie hat doch der alte Holzer Christl einst gesagt: Das
beste Mittel fr einen Bchsler bleibe immer die geweihte Hostie, die
man in eine selbst geschnittene Handwunde einlegen und einwachsen lassen
soll, auf da die besondere Kraft der Hostie sich auf den Bchsler
bertrage, der dann schufest wird.[4] Schufest werden, so da alle
Jgerkugeln abprallen am gefeiten Leibe, das wre das Richtige fr den
armen Cajetan heroben. Schufest gegen seine Feinde, welche nach ihm
fahnden und ihn hetzen. Der Cajetan hat es nimmer ausgehalten in der
fremden Kaserne, das Heimweh hat ihn gepackt, und eines Tages ist er
durch und seitdem lebt er heroben in der Wildnis kmmerlich genug.
Sommers ber geht es ja noch gut, da helfen die Almerinnen und sorgen
fr ihn in jeder Weise; aber im Winter ist es hart leben. Freilich, so
lange es so tchtig schneit, knnen die Verfolger nicht herauf und der
Cajetan hat Ruhe vor ihnen. Ist ein Wunder, da der Franziskaner durch
den Wehschnee heraufgekommen ist. Ein Wunder wahrhaftig! Und ob der
Cajetan nicht von solchem Wunder profitieren soll? Er braucht ja blo
eine einzige Hostie fr seinen Zweck, der Eindpater will den Zacher
"versehen", also hat der Geistliche sicherlich mehrere oder doch zwei
Hostien bei sich. Der Zacher langt, wenn er morgen noch am Leben ist,
gewi mit einer Hostie, und ist er gestorben, braucht er gar keine mehr.
Dem Cajetan aber wre mit einer Hostie geholfen. Wenn er daher dem
Franziskaner eine Hostie wegnimmt, knnte Cajetan morgen schon schufest
sein, gefeit gegen die Kugeln seiner Todfeinde. Aufmerksam betrachtete
der Flchtling den schlafenden Pater. Wo dieser wohl die Hostien
verborgen haben mag? Das Fehlen einer einzigen wird er vielleicht gar
nicht merken. "Und mir wre geholfen!" flsterte Cajetan, dem ganz hei
wurde bei diesem Gedanken. Unwillkrlich lie Cajetan sich auf den Boden
nieder, zog die Schneestrmpfe und Schuhe aus, und kroch geruschlos zum
Lager des Paters hin.

Qult diesen ein bengstigender Traum, er wird unruhig, sthnt und legt
sich auf die linke Krperseite.

Cajetan liegt einer Schlange gleich vor dem schlafenden Priester, die
Augen fest auf dessen Oberkrper gerichtet, sphend nach dem Behltnis
der Hostien.

Nichts zu sehen, es ist noch zu finster in der Htte.

Cajetan erhebt sich leise, um fr die etwa ntig werdende Flucht sein
Schiezeug gleich bei der Hand zu haben, und richtet dasselbe bereit.
Dann kriecht er wieder zum Heulager und betrachtet den Franziskaner.

So vergeht Stunde um Stunde, und immer gieriger wird der Ausgestoene
nach dem Mittel zur Erzielung der Schufestigkeit. Jetzt oder nie! So
lange der Pater ruhig bleibt, soll ihm auch nichts geschehen. Wenn er
sich aber wehrt? Soll er ihn wegen der Hostie umbringen?

Cajetan frstelt bei diesem Gedanken. Nein, nein, das will er nicht
thun. Aber freilich, wenn der Pater die Hostie nicht gutwillig hergiebt,
so mu er dazu gezwungen werden.

Es wird mhlich lichter in der Htte. Cajetan hockt am Lager des
Priesters und zieht leise seine Schuhe wieder an. Knnte ja sein, da er
flchten mu, und dazu mu er die Schuhe haben.

Der Schlaf des Eindpaters wird leichter gegen Morgen, die Atemzge
ruhiger.

Wieder betrachtete ihn der Wilderer, und diesmal ist's ihm, als zeige
die Brust eine Erhhung, als sei unter dem Habit ein Gef geborgen.

Soll Cajetan etwa dort den Habit aufschneiden? Mit einem Schnitt des
scharfen Knickers wre das gethan, und dann knnte er das Gef mit den
Hostien in alter Stille herausnehmen. Wenn sich aber der Pater in
diesem Augenblick rhrt, wenn er gar in die Hhe fahren will, so rennt
er die Brust direkt in das Messer.

Cajetan erschauert. Seine Hnde zucken, er wei nicht wie ihm geschieht,
wie von geheimnisvoller Macht geleitet, sind die Hnde auf der Brust des
Mnches, ein vorsichtiges Tasten beginnt, Cajetan befhlt den Behlter
unter dem Habit, das heibegehrte Gef ist vorhanden. Schon zieht er
das Messer, der Habit mu auf der Brust aufgeschnitten werden.

Jh schreckt der Priester zusammen, erwachend ruft er: "Was soll es? Wer
ischt da? Was willst du?" und richtete sich auf.

Blitzschnell ist Cajetan aufgesprungen, das offene Messer hinter dem
Rcken verbergend, suchte er den Geistlichen zu beruhigen. "Nichts,
Hochwrden! Nichts! Ich hab' nur geschaut, ob Ihr noch schlaft! Es ischt
Tag worden drauen!"

Den Mnch befllt eine jhe Ahnung. Mit einem Handgriff an seine Brust
berzeugt er sich, da die Bursa unter dem Habit noch vorhanden ist.
Pater Ambros erhebt sich, er erkennt die Betroffenheit des Wilderers, er
ahnt dessen Absicht, den Frevel, und in heiliger Entrstung, mit
flammenden Worten, zchtigt er den schweren Frevel, den geplanten Raub
einer heiligen Hostie. "Das ischt verruchter Gottesraub! Du bischt dem
Teufel verfallen, verdammt und verworfen! Ausgestoen sollst du sein und
bleiben aus der Gemeinschaft der Christen!"

"Na, na, Pater! Nur das nicht! Nicht exkommunizieren, ich bin eh
(ohnehin) schon elend genug! Schau, Herr! Ich hab' ein Leben, schlechter
wie ein Hund, elendiger wie 's Wild im Wald. Ich hab' weiter nichts
Schlechtes wollen, gleich nur ein wengl kugelfest mcht' ich sein!"

"Frevel, strafwrdiger Frevel ischt das! Mag alles brige begreiflich
erscheinen, solcher Frevel nie und nimmer! Was du gewollt, bleibt ohn'
Verzeihen! Das kann dir nie und nimmer verziehen werden! Ich
exkommuniziere dich! Verflucht bischt du, ausgestoen aus der
Gemeinschaft der Christen!"

Cajetan griff nach dem Schiezeug, mit einem Satz sprang er aus der
Htte.

Nicht lnger will Pater Ambros in dieser Htte bleiben; er weckte den
Buben und trat in die Schneewste hinaus. Klar ist das Firmament
geworden, ein kalter Wintertag ist angebrochen, der Schnee haftig
geworden.

An einzelnen Felsformationen des Gebirges ringsum vermag sich der Pater
zu orientieren, der Bub erkennt auch die Richtung zum Joch, und so
treten beide den Marsch an. Stundenlang heit es waten im Schnee, dann
endlich ist die Jochlhhe erklommen, von welcher auf der anderen Seite
abwrts nur noch ein Viertelstndchen bis zum Zachenhofe ist.

Mde und matt wird das Gehft erreicht. Die weinende Buerin schliet
ihr glcklich wiedererhaltenes, schon aufgegebenes Kind in die Arme, und
dann geleitet sie den Mnch zum toten Zacher. Zu spt gekommen. All' die
furchtbare Mhe war vergebens.

Pater Ambros segnete die Leiche ein und betete fr den Heimgegangenen.
Nach eingenommener Strkung trat der Eindpater den Rckweg an, diesmal
von zwei Knechten begleitet, die ihm den Weg voraus treten.

       *       *       *       *       *

Sonnenwiederkehr ist heute; bei klarem Himmel sendet die Sonne
erstmalig im neuen Jahr wieder ihr Licht auf das Klsterl in Latschwies.
Ein frostiger Tag, dieser 22. Februar, doch er brachte die Sonne wieder,
die der einsam in seiner Zelle sitzende Pater Ambros stillfreudig
begrte. Die 87 sonnenlosen Tage sind vorber, langsam geht es dem Lenz
entgegen. Im Klsterl hat es in dieser Zwischenzeit eine Vernderung
gegeben. Frater Marian ist auf die Bitte des Eindpaters nach dem Sden
versetzt worden, in die sonnige, warme Heimat. Fr ihn ist ein anderer
Klosterbruder heraufgekommen in die Bergwildnis, ein krftiger, junger
Mann, wetterfest, von dem die Latschwieser gleich beim ersten Anblick
sagten: "Der ischt der richtige, der vertragt was!"

Pater Ambros hstelt in seiner Zelle. Jene Schreckensnacht durch die
Schneewste im furchtbaren Sturm, die kalte Nacht in der Htte, all'
dies hat ihm doch bse zugesetzt. Er ist ja kein Junger mehr, der
Eindpater. Aber der "Auswrts" (Frhling) wird es schon bessern.

Der neue Frater Willibald lutet das Ave; es ist Abend geworden in der
Bergeinsamkeit. Unverschlossen ist in dieser kurzen Zwischenzeit die
Klosterpforte. Wer wird auch eindringen wollen in diese Sttte der Armut
und Entbehrung!

Und doch! Eine Gestalt huscht hinein und verbirgt sich.

Zur Matutin erhebt sich Pater Ambros vom Lager, entzndet eine Kerze und
will eben seine Zelle verlassen, da wirft sich eine Mnnergestalt dem
Pater zu Fen und fleht um Barmherzigkeit. Ambros ist erschrocken
zurckgewichen, doch der flehende Ton beruhigt ihn sogleich. "Wer bischt
du und was willst du?" fragte der Franziskaner und leuchtete dem
Burschen in das Gesicht.

"Kennst mich nimmer, Pater? Ich bin der Cajetan, weit noch?"

"Richtig, ja, jener Wilderer und Frevler! Was willst denn du Verworfener
im Kloster?"

"Hilf mir, Eindpater! Die Snd' mcht' ich los haben und Unterschlupf.
Die Gendarmen hetzen mich, Herr! Ich bin oben nimmer sicher! Die F'
erfroren, krank an Leib und Seel', hilf, Einder! Hilf um Gottes und
Jesu willen!"

Mitleidig sprach der alte Priester: "Das ischt freilich schlimm! Doch
ein Gutes erkenne ich dabei, in dir ischt die Reue wach geworden! Das
Gewissen regt sich, und das ischt der Anfang zur Besserung! Du willst
wohl beichten?"

"Ja, Pater! Absolvier' mich um Gottes willen!"

"So sehst du es ein und bereust den furchtbaren Frevel?"

"Ja, Pater! Aber mach's geschwind, ich bin keine Stund' mehr sicher! Ein
Gendarm ischt im Drfl ber Nacht 'blieben, der wird wohl mit Taganfang
kommen!"

"Vor dem Altar und in der Kirche berhaupt bischt du sicher! Zur Beichte
will ich dich lassen, aber kommunizieren kannst du nicht, denn es ischt
nicht gewi, ob du nicht abermals einen Frevel planst und die beim hl.
Abendmahl empfangene Hostie verwenden willst zu aberglubischer That!"

"Nein, nein, gewi nicht! Ich schwr's mit heiligem Eid! Bindet mir die
Hnd' an den Leib, doch lat mich ans Speisgitter! Ihr knnt ja bei mir
bleiben, bis die Hostie zerflossen ischt auf der Zung'! Ich bitt',
sprecht mich los, lasset mich den Frevel wieder gutmachen!"

Der Priester erkannte die Zerknirschung des Ausgestoenen, die Reue ist
echt und tief empfunden. "So komm!"

Im Beichtstuhl des Klosterkirchleins hrte Pater Ambros die Beichte des
Verfolgten, der dann tiefandchtig an das Gitter vor dem Altar kniete,
um das heil. Abendmahl zu empfangen. Frater Willibald war zur Matutin
ins Kirchlein gekommen und sah erstaunt, wie der Pater beim Schein
einiger Altarkerzen den Tabernakel aufschlo und die heil. Handlung des
Sakramentspendens vornahm.

Schon schritt Pater Ambros die Stufen des Altars herab, er reichte dem
Ber eben die geweihte Hostie mit den Worten: "Corpus Domine Jesu
Christi custodiat animam tuam et vitam aeternam, Amen!"

Das Gerusch starker Tritte an der Kirchenthre veranlate den Priester,
forschend in jene Richtung zu blicken.

Eine uniformierte Gestalt ist eingetreten, die den Sturmhut in der
linken Hand trgt und mit der Rechten sich andchtig bekreuzt. Ein
Gendarm ist es.

Der greise Priester zittert vor Erregung. Ahnungslos kniet Cajetan vor
ihm und harrt frommglubig des Empfanges der heil. Hostie. Pater Ambros
reicht dieselbe dem Kommunikanten und unwillkrlich flstert er diesem
zu. "Bleib' knieen, hinten wartet ein Gendarm!"

Cajetan zuckt erschrocken zusammen, die Angst macht ein Gebet unmglich.

Der Gendarm mochte wohl auch in dem Kommunikanten den lngst gesuchten
Flchtling erkannt haben, denn er nherte sich demselben bis zur ersten
Kirchenbank, in welcher er Platz nahm, um hier zu warten.

Verwirrt hatte der Priester den Hostienkelch wieder zum Altar getragen
und im Tabernakel verschlossen. Der Gedanke, wie dem armen Burschen die
Rettung ermglicht werden knnte, bewegte den Eindpater so stark, da
er fr die nchsten Augenblicke nicht wute, was beginnen.

Einer pltzlichen Eingebung folgend, trat Ambros nochmals zu dem
zitternden Menschen und gebot ihm flsternd, in die Sakristei zu kommen,
indem der Pater zugleich das Speisgitter ffnete, um Cajetan in den fr
Priester und Ministrant reservierten Raum vor dem Altar einzulassen.

Schwerfllig folgte Cajetan, den die erfrorenen Fe schmerzten, vor
dem Tabernakel verbeugte er sich tiefdemtig und schritt in die
Sakristei, wohin ihm der Pater folgte, hinterdrein Frater Willibald.

In atemloser Spannung harrte der Gendarm in der Bank.

"Jetzt fort, Gott helfe dir!" flsterte der alte Pater, und Willibald
ffnete die zum Klostergang fhrende Thre.

Trotz der Fuschmerzen raste Cajetan in seiner Todesangst mit jhen
Stzen in den Gang hinaus und verschwand.

"Rasch das Megewand, Willibald, ich will gleich die Messe lesen!" gebot
Ambros.

Frater Willibald verstand diese Absicht nicht sofort und machte
Einwendungen. Es sei zu frh zur Messe und noch keine Andchtigen
erschienen.

"Heute ischt mit Gottes Hilfe eine Ausnahme! Rasch, rasch!"

Willibald gehorchte, und alsbald erschienen Priester und Ministrant
wieder vor dem Altar.

Der Gendarm guckte, er wartete einige Minuten und als er merkte, da der
gesuchte Flchtling nicht wieder aus der Sakristei hervorkam, ward der
Verdacht zur Gewiheit. Schnell bekreuzte sich der Gendarm und verlie
raschen Schrittes das Kirchlein. Fr ihn beginnt der Dienst, er darf
keine Minute lnger weilen. Flink springt der Mann um das Kirchlein
herum, nach dem Ausgang von der Sakristei zu forschen, mit einem Blick
ist der Plan entdeckt; der Flchtling kann nur durch den Verbindungsgang
ins Klsterl entwichen sein. Soll der Gendarm nun in Abwesenheit der
Klosterleute eindringen? Thut er das nicht, so wird er den Deserteur
auch nicht erwischen. Die Pforte ist offen, also hinein, der Dienst ist
unerbittlich.

Vom Flchtling keine Spur; Cajetan ist wie vom Erdboden verschwunden.
Alles Suchen von Zelle zu Zelle, im Dachboden, im Keller, ist vergebens.
Der Hscher suchte nun nach Spuren beim Grtchen und hier wird der
Schnee zum Verrter, eine flchtige Fhrte zeigt den eingeschlagenen Weg
ber die verschneite Wiese hinter dem Klsterl hinan den Berg zum
Hochwald. Die Menschenjagd beginnt.

Nach beendeter Messe kehrte Pater Ambros in seine Zelle zurck, nun eine
Beute unangenehmer Gedanken. Hat er recht gehandelt, da er sich vom
Mitleid leiten lie, oder hat er seine Pflicht gegenber Staat und
Gesetz verletzt, indem er dem Verfolgten zur Flucht verhalf? Zweifel
erfassen ihn, der greise Priester ist mit sich uneins, und selbst ein
Gebet kann ihn von solchen Zweifeln nicht befreien.

       *       *       *       *       *

Von erfolgloser Streife ist der Gendarm ins Amtsstdtchen zurckgekehrt,
und sein erster Gang galt dem Bezirksrichter zur Berichterstattung.

Es war schon dmmerig und knapp vor Schlu der Amtsstunde. Eben wollte
Ehrenstraer die Lampe verlschen, als sich der Gendarm meldete.

"Haben Sie den Flchtling noch immer nicht?" fragte der Bezirksrichter.

"Zu Befehl, Herr Bezirksrichter, nein! Unter den begehenden
Verhltnissen ist es auch ganz unmglich, den Deserteur zu fassen!"

"Wieso?"

Nun erzhlte der Gendarm das Erlebnis im Latschwieser Kirchlein.

Ehrenstraer fhlte zum erstenmale in seiner Dienstpraxis eine
Beklommenheit. Der Fall ist ihm neu und nichts weniger denn angenehm.
Zunchst entlie er den Gendarm mit der Ordre, da die Patrouillen gegen
den Deserteur vermehrt und auch die Jagdgehilfen aufgeboten werden
sollten. Weiteres werde dem Wachtmeister noch zugemittelt werden.
Unschlssig verblieb Ehrenstraer noch in der Kanzlei und berlegte den
Fall. Da der ihm gut bekannte Eindpater aus rein menschlichem Mitleid
so gehandelt, steht auer allem Zweifel. Aber wie qualifiziert sich
diese Handlungsweise? Ist es Begnstigung, um einen Verbrecher der
Bestrafung zu entziehen? Dazu gehrt das Bewutsein beim Pater, da
Cajetan ein Deserteur ist, also eine bestimmte strafbare That begangen
hat, vor deren Folgen der Begnstiger ihn retten wollte. Hatte der Pater
dieses Bewutsein? Kann und soll man berhaupt gegen einen
Ordensgeistlichen, gegen einen wahrhaftigen Mrtyrer seines Berufes
vorgehen? Von einem Vorteil fr den Begnstiger kann ja ohnehin keine
Rede sein. Und bergro ist die Schdigung auch nicht, und fr den Staat
kann es ziemlich gleichgltig ein, ob der Flchtling um einige Tage
frher oder spter eingefangen wird. Unangenehm bleibt der Kasus jedoch
immer, denn der Gendarm hat dienstlich hierber Anzeige erstattet, und
der Untersuchungsrichter ist verpflichtet, der Sache nachzugehen.

"Ja, das werde ich wohl thun mssen, aber heute nimmer!" murmelte der
Richter, nahm Hut und berrock, blies die Lampe aus, und verlie das
Gerichtsgebude.




VIII.


Es lenzte in der Bergwelt unter blichen Strmen und dem Wechsel von
Schneetreiben und Regengssen. Zeitweilig luegte aber auch die wrmer
werdende Sonne zwischen den Wolken hervor und bestrahlte die braungelben
Flchen. Um diese Vorfrhlingszeit ging man bei Ratschiller daran, das
groe Werk der Luftbahn in Scene zu setzen. Ungeheure Mengen von
Eisenteilen fr die Seilbahnwagen, Ausrckerschienen &c. lagen in den
Magazinen, einer ungeheuren Riesenschlange gleich das Seil selbst in
einer Lnge von 3740 m, angefertigt aus besten Tiegelgustahldrhten.

Auf der Angerwiese erhebt sich bereits das erste Sttzgerst aus
massigen Holzblcken, fertig montiert bis auf das noch zu spannende
Seil, angestaunt von den Leuten, die ber die Bedeutung sich nicht klar
zu werden vermochten. Der Vorbesitzer dieses von Ratschiller durch
Pfahlers Vermittelung gekauften Grundes bekundete die grte Neugierde,
denn es wollte ihm nicht einleuchten, da ein so schweres Holzgerst zum
Bau der Hochzeitsvilla ntig sei. Als Angerer aber durch die Arbeiter
der Cementfabrik endlich doch den Zweck erfuhr, da wollte er
protestieren, denn er habe den Grund wohl zur Villa-Erbauung verkauft,
nicht aber zur Errichtung einer Teufelsbahn durch die Luft. Natrlich
erreichte der Mann mit dem Protest nichts, verkauft bleibt verkauft,
doch alarmierte sein Gezeter alsbald die der Ratschillerschen Fabrik
aufsssigen Straenbauern, die nun gegen das Projekt einer Luftbahn
mobil machten, und Gericht und Bezirkshauptmannschaft berliefen, um mit
verdutzten Gesichtern heimzukehren. Nichts zu machen, alles in Ordnung,
genehmigt, hie es bei der Behrde. Also darf Ratschiller
unerhrterweise seinen Cement ber die Kpfe der Menschheit hinweg durch
die Luft herausbringen, er braucht die Strae nimmer und daher auch den
Bauern nichts mehr fr die Straenbenutzung zu bezahlen. Der letztere
Umstand wurmt die Bauern natrlich am meisten, und zornig rannten sie
nun zur Konkurrenz Ratschillers, um bei dieser Rat zu erholen. Aber die
Direktoren dieser Aktiencementfabrik gaben zur Antwort, da jetzt nichts
mehr zu wollen sei, Ratschiller wre der Schlauere gewesen und knftig
werde auch die Aktiencementfabrik sein Beispiel nachahmen und durch die
Luft verfrachten, was bedeutend billiger komme als das Straenfuhrwerk.
Also nichts mehr zu wollen! Die Bauern muten sich zufrieden geben, das
heit, ein Oppositionsmittel giebt es noch: der neuen Luftbahn allen
Schaden und alles Unglck zu wnschen und das Verderben anzubeten.

Bis die Tracenfhrung erledigt, die Bauten fr die Untersttzungen
erstellt, fr die Laufbahn alle Spannvorrichtungen und Verankerungen
angebracht, die Stationen mit den Ausrckern und Telephonen versehen
wurden, verflossen viele Wochen in emsigster Arbeit, doch die
schsischen Monteure wurden zur rechten Zeit fertig, das Riesenseil hing
endlos, d.h. in sich geschlossen, mit vorgeschriebener Spannung und
verbindet das Magazin am Bahnhof ber Wiesen und Berg hinweg mit der
Ratschillerschen Fabrik auf eine Entfernung von 3650 m durch die Luft.
Dann wurden die eigens konstruierten Wagen fr den Transport von Cement
und Kohle im Seil angekuppelt, ebenso die sog. Mitnehmer, und endlich
konnte angetrieben werden mit einer Kraft von elf Pferden.

Obwohl von einer feierlichen Erffnung Abstand genommen war, wohnte die
halbe Bevlkerung des Stdtchens dem Schauspiel bei und besah staunend
das Werk der Luftbefrderung zunchst der leeren Eisenwagen hinauf zur
schwindelerregenden Hhe und ber das Gebirge hinweg.

Hundertpfund befand sich bei der Familie Ratschiller, welche anfangs die
Drehscheibe im Magazin, um welche das Riesenseil sich drehte,
besichtigte und dann sich zum Sttzgerst auf der Angerwiese begab. Hier
hatten sich verschiedene Honoratioren mit ihren Damen des Stdtchens
aufgestellt, die aufmerksam den Erluterungen des Ingenieurs vom
Bleichertwerk lauschten. Insbesondere widmete der Richter Ehrenstraer
diesen Ausfhrungen volles Interesse, wie er das allen Neuerungen
gegenber that, um sein Wissen immer wieder zu erweitern.

Der Ingenieur erklrte zunchst die Tracenfhrung, wonach die Tragseile
beim Bahnhof eine Seehhe von 486 m haben; diese Hhe betrgt im
Scheitel der Bahnstrecke bereits 856 m, um sich dann bei der Fabrik
drinnen auf 538 m zu senken. Die Steigung der Drahtseilbahn schwankt
zwischen Null und 580 pro mille, die horizontale Lnge betrgt 3640 m.
Das Wesentliche der Luftbahn besteht darin, da die eigentliche Laufbahn
der Wagen durch ein starkes ruhendes Stahldrahtseil gebildet wird,
welches in eine seinem Querschnitt und dem Material entsprechende
Spannung versetzt und in gewissen Entfernungen durch Untersttzungen
getragen wird. Die Wagen sind derart am Tragseil aufgehngt, da ihre
tief ausgekehlten Laufrder auf dem Tragseil rollen, whrend das
Wagengehnge seitlich von demselben und das zur Aufnahme der Gter
bestimmte Gef unter demselben hngt und die Untersttzungen der
Tragseile ungehindert passieren kann. Unter den Tragseilen und von den
Wagen getragen befindet sich das endlose Zugseil, welches in gewissen
Entfernungen durch den Kuppelapparat mit den Wagen verbunden und durch
einen feststehenden Motor in Bewegung gesetzt wird, so da Zugseil und
Wagen dieselbe Geschwindigkeit haben. Bei der Ankunft eines Wagens auf
der Station wird diese Verbindung durch eine daselbst angebrachte
Vorrichtung (den sog. Ausrcker) selbstthtig gelst, und der Wagen
kommt zum Stillstand, whrend sich das Zugseil weiterbewegt. Diese
Seilbahn ist eine doppelgeleisige und fr kontinuierlichen Betrieb
eingerichtet, so da sich auf dem strkeren Tragseil immer die mit dem
schwereren Cement beladenen Wagen von der Fabrik zum Bahnhof und
gleichzeitig auf dem schwcheren Tragseil immer die mit Kohle beladenen
oder leeren Wagen zur Fabrik zurckbewegen. Die eigentliche Laufbahn ist
durch auf der freien Strecke angeordnete Verankerungen und
Spannvorrichtungen in mehrere Abteilungen zerlegt, deren jede unabhngig
von der anderen gespannt und dadurch mglichste Soliditt der Laufbahn
erreicht wird. Das strkere Drahtseil hat einen Durchmesser von 32 mm
und eine geringste Bruchbelastung von rund 33270 kg; es wird durch das
angehngte Spanngewicht mit ca. 6600 kg, also ungefhr 1/5 der
Bruchbelastung, gespannt. Das schwchere Tragseil hat einen Durchmesser
von 26 mm und wird bei einer geringsten Bruchbelastung von ca. 21900 kg
mit ca. 4300 kg, also ebenfalls hchstens 1/5 seiner Bruchbelastung,
durch das angehngte Gewicht gespannt.

Auf den Stationen ist mit jedem Tragseil noch eine aufgehngte Schiene
verbunden, die nach der Auenseite der Bahn abgebogen ist. Der vom
Zugseil abgekuppelte Wagen wird durch einen Arbeiter vom Tragseil hinweg
ber die Schiene auf die Weiche geschoben. Auf jeder der beiden
Endstationen sind diese Schienen derart angeordnet, da die an das
Tragseil der einen Bahnseite anschlieende in diejenige, welche auf der
anderen Bahnseite anschliet, bergeht, so da der Wagen von dem einen
Tragseil, die Weiche durchlaufend, auf das andere Tragseil gelangt.

Fr Nebenweichen ist in der Weise gesorgt, da nach Belieben ein
einzelner Wagen aus der Reihenfolge herausgenommen oder auer Betrieb
gestellt werden kann.

Das Zugseil hat 20 mm Durchmesser und eine Bruchbelastung von ca. 17300
kg; die im Zugseil vorkommende grte Spannung betrgt ca. 2100 kg, so
da es also ca. 8fache Sicherheit bietet.

Bei gleichmiger Besetzung der Bahn mit Kohlen- und Cementwagen bei
einer stndlichen Leistung von 36 Tonnen Kohle und 30 Fa Cement betrgt
die erforderliche Betriebskraft ca. 6 Pferdestrken; beim Anlassen der
Bahn erhht sich der Kraftbedarf auf ca. 11 Pferdestrken.

Die Drahtseilbahnwagen sind dauerhaft, ganz aus Eisen und Stahl
hergestellt und die durch lngeren Betrieb der Abnutzung unterworfenen
Flchen mit patentierten Schmiervorrichtungen fr konsistentes l
versehen, welche einen sehr sparsamen Verbrauch bedingen. Die Laufrder
sind aus bestem Tiegelgustahl hergestellt, so da sie selbst nach
Jahren keine Abnutzung erleiden.

Besondere, hier wohl nicht zu erluternde Vorrichtungen garantieren das
Innehalten gewisser Entfernungen der einzelnen Wagen untereinander und
zwar einen Abstand von 150 m von Wagen zu Wagen, ein Nachrutschen ist
ebenso ausgeschlossen, wie eine grere Geschwindigkeit im Laufe eines
einzelnen Wagens. Eine spezielle Einlaufbremse, die auf die Rder der
Wagen automatisch wirkt, vermindert sowohl bei groem Gefll wie beim
Einlauf in die Stationen die Geschwindigkeit.

Hier unterbrach der sich fr die geniale Anlage sehr interessierende
Richter den Vortragenden mit der Frage. "Wieviel Personal ischt denn zur
Bedienung dieser Seilbahn ntig?"

"Auf jeder Endstation und an jedem Ende einer Zwischenstation sind je
1-2 Mann erforderlich zum Zwecke des Ankuppelns der abgehenden Wagen
sowie zum Auskuppeln und zur Schiebung auf die Weiche."

"Danke! Darf man noch fragen, wie sich die Leistung der Bahn gestaltet?"

"Sehr gerne zu Diensten! Die mittlere Geschwindigkeit der Wagen und
somit des Zugseiles betrgt 1,25 m in der Sekunde und werden die Wagen
in Entfernungen von 150 m angekuppelt und gehalten; sie folgen sich also
im Zeitabschnitt von 120 Sekunden, so da stndlich 30 Wagen auf der
Endstation eintreffen. Da die Ladung der Wagen je 120 kg Kohle oder ein
Fa Cement betrgt, so beziffert sich die stndliche Leistung der
Drahtseilbahn auf 36 Tonnen Kohle bezw. 30 Fa Cement."

"Groartig erdacht und ausgefhrt!" sagte der Richter, und meinte dann:
"Es knnte sonach ein Mensch ohne besondere Gefhrdung in einem solchen
Wagen die lustige Fahrt mitmachen!"

"Dem Gewicht nach ohne Anstand! Doch wer nicht vllig schwindelfrei ist,
soll das Wagnis lieber unterlassen. Natrlich mssen die Aufsichtsorgane
zur Kontrolle der Seile zeitweilig die Strecke befahren und hierzu
werden nur absolut schwindelfreie Seilbahnaufseher zur Verwendung
kommen!"

"Wirklich interessant. Fast knnte einen die Lust anwandeln, eine solche
Fahrt zu wagen!" erwiderte Ehrenstraer und verfolgte scharfen Blickes
die Wanderung durch die Luft. Inzwischen hatte Ratschiller sen.
telephonisch den Befehl in die Fabrik geben lassen, es solle nun Cement
geladen und herausbefrdert werden.

Nach etwa einer halben Stunde erschien hoch oben am Scheitelpunkt des
Stadtberges das erste gelbe Fa im Wagen, dessen Fahrt mit allgemeiner
Aufmerksamkeit verfolgt wurde.

Die Bauern standen mit offenem Mund und staunten. Nur der Angerer
machte Bemerkungen, und als das Fa am Seil sich im Steilgehnge senkte,
da rief er: "Aftn kimmt's ins Rutschen, sell hun i mir gleich 'denkt!"

Doch gehorsam, in vorschriftsmiger Entfernung und regelrechtem Tempo
kam das Fa am Seil herab, durchlief die Rollen der Sttzanlagen, und
langte im Magazin an. Hinterdrein nun in 150 m Abstnden Fa an Fa. Da
zeterten der Angerer und im Chorus die Bauern: "Es wird alleweil
schner, jetzt knnen wir unsere Ross' aufhngen und uns dazu!"

Auf Einladung des Fabrikherrn begaben sich die Honoratioren zu einer
"Jause" (Vesperbrot) in Ratschillers Wohnung. Der offerierte Imbi wuchs
sich aber in splendider Weise zu einem reichen kalten Bffet aus, und
alsbald knallten die Propfen aus den rotbehelmten Heidsikflaschen.

Ein Hoch der Industrie!

Hundertpfund hatte geschickt operiert, um neben der lteren Tochter
Josephine zu sitzen zu kommen, der er unverkennbar und ziemlich
ungeniert huldigte. Und das Frulein, um ein Jahr jnger als Franz,
nahm die Aufmerksamkeiten des Fabrikleiters mit der Freude eines
Mdchens, das endlich doch einen Werber bekommt, entgegen.

Die hbsche Doktorin merkte das augenblicklich und wechselte die Farbe.
Nervs zuckten ihre Hndchen, wirre Gedanken durchzuckten ihren
zierlichen Kopf, ein wilder Schmerz peinigte sie, ihr ist, als sollte
sie aufschreien, in wildem Ha auf den Mann strzen, den sie geliebt,
der jetzt ihrer berdrssig, sich zu einer anderen wendet, und da es die
Tochter des reichen Fabrikanten ist, zweifellos ernsthaft um deren Hand
werben wird.

Ekel erfat die kleine Frau und in dieser Empfindung stt sie das
Sektglas so heftig zurck, da es umstrzt und dessen Inhalt sich ber
das kostbar gestickte Tischtuch ergiet.

Verwundert fragte Ehrenstraer, ihr Tischnachbar, was denn der gndigen
Frau fehle.

Jetzt erschrak die Doktorin, und ob des forschenden Blickes aus des
Richters Augen verwirrt, stammelte sie eine nahezu sinnwidrige
Entschuldigung, schtzte Unwohlsein vor, und verlie das
Ratschillerhaus.

Unwillkrlich sagte sich Ehrenstraer, da da etwas nicht in Ordnung
sei, doch grbelte er nicht weiter darber nach. Der alte Fabrikherr
zeigte sich als der Frhlichsten einer, das Gelingen des groen
Unternehmens stimmte ihn zur Freude und Lust. Er hatte auf den Erbauer
seiner Luftbahn bereits einen schwungvollen Toast ausgebracht, und eben
schlug er wieder an sein Glas, und begann zu erzhlen, wer eigentlich
der Vater des ins Werk umgesetzten Gedankens sei.

Hundertpfund brach die Flsterrede mit Frulein Josephine ab, er erriet
sogleich, da der Chef ihm eine Ehrung erweisen will, und bescheiden
senkte er den Kopf.

Richtig brachte Ratschiller sen. ein Hoch auf seinen Fabrikleiter aus,
der den Gedanken zuerst ausgesprochen habe, also der geistige
Veranlasser der neuen Unternehmung sei.

Hell klangen die Glser zusammen.




IX.


Todmde von langer Streifung war Gendarm Sittl ins Stdtchen gekommen,
mde zum Umfallen, doch gewissenhaft schleppte sich der wackere Mann
noch zum Richter, um zu melden, da der Deserteur Cajetan endlich
gefunden worden sei.

Ehrenstraer sa noch bei Lampenschein in der Kanzlei, als Sittl Rapport
erstattete und unwillkrlich rief der Richter: "Endlich!"

"Zu Befehl, ja, Herr Bezirksrichter! Aber der Mann ist tot aufgefunden
worden."

"Armer Teufel!" flsterte Ehrenstraer, und fgte dann laut bei. "Das
weitere wird amtlich verfgt werden. Der Steckbrief und Haftbefehl ist
erledigt! Gehen Sie nur gleich zur Ruhe, Sittl! Sie werden mde sein!"

"Zu Befehl, ja! Nur gestatten Herr Bezirksrichter die Frage, ob mit dem
Tode des Cajetan auch jene Fluchtbegnstigung durch den Eindpater
erledigt ischt?"

"Dem Pater drfte zweifelsohne das ntige Bewutsein einer strafflligen
That gefehlt haben und dadurch entfllt jede weitere Verfolgung der
Angelegenheit. Wir knnen diesen Fall als erledigt betrachten!"

"Zu Befehl! Geruhsame Nacht, Herr Bezirksrichter!"

"Gute Nacht, Sittl! Erholen Sie sich nur recht gut von der strapazisen
Patrouille!"

Bald nach dem Abgang des Gendarmen entfernte sich auch Ehrenstraer aus
dem Gerichtsgebude in der Absicht, seine Huslichkeit aufzusuchen.
Unterwegs traf er jedoch den Bezirksarzt, der ihn einlud, ein
Dmmerschpple im "Ochsen" mitzutrinken.

"Topp, es gilt! Bin sonst zwar kein Wirtshausverehrer, aber auf ein oder
zwei Vierschtele Rthel soll es nicht ankommen!" erwiderte Ehrenstraer.

Im Honoratiorenstbchen des "Ochsen"-Wirtshauses war eine kleine
Tafelrunde von Beamten der Bezirkshauptmannschaft und des Gerichtes
versammelt, welche die beiden eintretenden Herren freundlichst begrte
und ihnen bereitwilligst Platz machte. Der Bezirkskommissar, ein
lebhaftes Mnnchen, wendete sich sogleich an Ehrenstraer mit der
Bemerkung: "Herr Bezirksrichter kommen wie gerufen, um als unser bester
Jurist eine heikle Frage zu entscheiden, ber welche wir eben
debattierten, ohne einen Ausweg finden zu knnen!"

Ehrenstraer liebte nun das "Fachsimpeln" am Wirtshaustische absolut
nicht, doch wollte er sich nicht vorneweg ablehnend verhalten und fragte
daher hflich: "Welche Frage ischt das, meine Herren?"

Lebhaft sprach der Kommissar: "Die Frage lautet: Ischt Selbstmord
strafbar?"

Aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf den Richter, welcher ein
spttisches Lcheln nicht unterdrcken konnte.

Den Kommissar reizte dieses Lcheln der berlegenheit und des Spottes,
sofort zu sagen: "Die Frage ist durchaus nicht lcherlich! Der
Selbstmord wird heutzutage nicht bestraft, weil ihn das Strafgesetzbuch
nicht kennt. Es hat dies aber seine bedenklichen Konsequenzen. Es mu
doch unnatrlich erscheinen, jemanden, der einen anderen, in einer
vielleicht vorbergehenden widerlichen Lage Befindlichen zum Selbstmord
bestimmt hat, vollstndig straffrei zu lassen!"

"Jawohl! Wir mchten auch wissen, ob Selbstmord, streng genommen,
strafbar sein msse!" riefen einige Herren der Tafelrunde.

Ehrenstraer erwiderte in der ihm eigenen Ruhe: "In solcher Form
gestellt ischt diese Frage ein ebenso guter Witz, als wenn man fragt:
Ischt Sterilitt vererblich? Die Frage kann nur lauten: Ischt versuchter
Selbstmord oder Beihilfe zum Selbstmord strflich? Meines Wissens
bestrafen nur England, Nordamerika und Ungarn den versuchten Selbstmord.
sterreich aber nicht. Beihilfe zum Selbstmord, z.B. durch Verabreichung
von Gift, drften wohl alle civilisierten Staaten strafen, sterreich
speziell als bertretung der  431 und 435, eventuell als Vergehen nach
 335 des Strafgesetzbuches. Wenn man mit Worten spielen wollte, liee
sich die gewaltsame Hinderung eines Selbstmordes allerdings als
ffentliche Gewaltthtigkeit durch Beschrnkung der persnlichen
Freiheit auffassen, allein man darf nicht vergessen, da ein Gesetz und
Strafgesetz nicht ein Konglomerat von Worten und Stzen, sondern ein auf
einem wissenschaftlich aufgebauten einheitlichen System beruhendes Werk,
resp. ein Teil eines solchen ischt, und da nach jedem Strafgesetz nur
das, was rechtswidrig ischt, und das ffentliche Wohl verletzt--bei
Verbrechen berdies in hherem Grade--strafbar ischt. Das kann wohl von
der Hinderung des Selbstmordes nicht behauptet werden!"

Die Absicht, durch diese sinngeme Erklrung einer zwecklosen
Wirtshausdebatte ein Ende zu machen, erzielte Ehrenstraer nicht, im
Gegenteil verbissen sich die Herren, Juristen wie Laien, frmlich in
dieses Thema und brachten schlielich die monstrse Behauptung fertig,
da eine Staatsanwaltschaft sich gegen die Strafprozeordnung verfehle,
wenn sie gegen Leute nicht einschreite, welche einen anderen mit Gewalt
von einer Selbstmordshandlung zurckhalten, zu welcher derselbe
berechtigt war.

Dem Richter ward dies zu bunt, kurz erwiderte er: "Das ischt
Rabulistik!" trank aus, zahlte und ging.

Wider Willen beschftigte Ehrenstraer das Thema und zwar just in dem
Augenblick, da er unter der Luftseilbahn der Ratschillerschen
Cementfabrik hindurchschritt und das Knattern der Laufwagenrder beim
Passieren des Sttzbaues ihn aufmerksam machte. Die Gedanken bewegten
sich dahin, da eine Fahrt in einem solchen Wgelchen hoch in der Luft
einem Selbstmord gleichkomme, sofern der Mitfahrende nicht absolut
schwindelfrei und mit der Sache einigermaen vertraut sei.

Wie Ehrenstraer aber in die Nhe seiner Wohnung kam und trotz der
spten Abendstunde seine Mdels lrmen hrte, war das Thema vergessen.




X.


Der nchste Tag im k. k. Bezirksgericht brachte das einmal in der Woche
bliche Spezifikum des sogenannten "Amtstages" und damit eine Qual fr
den Richter, der an diesem Tage Advokat, Rechtslehrer, Notar,
Vermittler, Rater und wo thunlich, Helfer sein mu. Es ist am bestimmten
"Amtstag" jedermann gestattet, sein Anliegen dem Gerichtsvorstand
vorzutragen, Ansuchen, Beschwerden &c. in Streitangelegenheiten und
Strafsachen, sowie im "auerstreitigen Verfahren" (Erbschaften,
Vormundschaftswesen und dergl.) kostenlos zu Protokoll zu geben. Die
ist eine groe Wohlthat fr die Bevlkerung, die jeder Bauer bis in die
entlegensten Einden hinauf genau kennt und von welcher meist
ausgiebiger Gebrauch gemacht wird. Zum Amtstag kommen alle, welche ein
Anliegen bedrckt; zu Ehrenstraer um so lieber, da dieser humane
Richter in den Augen der Bevlkerung ein sogenannter "gemeiner Mann"
ist, d.h. leutselig, warmfhlend und nicht hochfahrend, also ein Herz
fr die Bevlkerung hat. Ein Amtstag verlangt viel Lungenkraft vom
Richter, der Auskunft und Belehrung meist doppelt und dreifach erteilen
mu, bis der Bergbauer verstanden hat und zufriedengestellt ist. Des
weiteren mu der Richter an solchen Tagen eine wahrhaftige Engelsgeduld
haben, denn die Naivitt des Bergvolkes ist gro und unausrottbar.

So frhe Ehrenstraer auch in seiner Kanzlei erschienen war, es warteten
bereits Leute auf den Beginn des "Amtstages" im Vorzimmer, und es fing
der Richter die Amtshandlung an, bevor die Uhr die sonst bliche
Beginnstunde anzeigte.

Perathoner lie die zuerst erschienene Partei vor und aus den
Ladezetteln ersah Ehrenstraer den Zweck sogleich.

Eine Nherin aus dem Mittelgebirge hatte die "mndliche" Vorladung[5]
eines Bauers gefordert, weil dieser sie ffentlich als Hexe verschrieen
habe.

Auf heute war nun der Shneversuch angesetzt und sowohl die Klgerin wie
der Beklagte standen vor dem Richter.

Der Bauer gab auf Vorhalt zu, das Weib als Hexe verschrieen zu haben,
weil die Nherin seiner Kuh einen bsen Blick zugeworfen habe.

"Aber Jrgel! Ein Blick schadet doch nichts!" meinte Ehrenstraer.

"So meinst, Herr Tagrichter! Seit die Hex' im Haus war, giebt meine Kuh
keine Milch mehr, und es war eine so gut milchende Kuh!"

Ehrenstraer bemhte sich im Dialekt eine Zeitlang, derlei Ansichten
als puren Aberglauben hinzustellen und als Unsinn zu erklren, doch der
Bauer schttelte nur den dicken Kopf.

"So willst du das Schimpfwort nicht zurcknehmen, Jrgel?"

"Nu (nein)!"

"Gut; es ischt solches Wort eine Beleidigung, und diese wird bestraft.
Der Jrgel wird daher fnf Gulden Strafe zahlen mssen und zwar gleich
da auf den Tisch!"

"Zahlen thu' ich nix!"

"Dann wirst halt auf drei Tag' eingelocht!"

"Sell mcht' ich mir decht ersparen!"

"So mut du die Beleidigung zurcknehmen!"

"Mu ich dann nix zahlen?"

"Nein!"

"Ich nimm die "Hex'" z'ruck!"

Endlich hatte Ehrenstraer die Leute so weit, da die Nherin die Klage
zurckzog und mit der Revokation zufrieden, sich entfernte. Der Bauer
blieb aber in der Kanzlei stehen, so da der Richter fragte, was denn
noch gewnscht werde.

Jrgel rief gedmpften Tones: "Herr Gerichtshallunk![6] Ich will Euch
nur sagen, _selles Mensch hat mir meine Kuh decht verhext!_" und sprang
zur Thre hinaus.

Auf das Klingelzeichen trat die zweite Partei[7] in die Kanzlei, eine
Frauensperson in den dreiiger Jahren von nichts weniger denn
begehrenswertem uern, die sich verbeugte und sogleich in medias res
eingehend, zum Bezirksrichter sagte. _"Herr Scharfrichter, ich brauchet
einen Kindesvater!"_

Ergraut in der Praxis, unterdrckte Ehrenstraer das Lcheln und
erwiderte. "Und den soll ich Euch wohl verschaffen, was?"

"Ja, gn' Herr! Ich tht' schn bitten, _suchen's Ihnen den besseren aus
von den Mannsbildern_, viere sind es! Der Seppele ischt aber der
mindescht, der hat nix und kann auch nixn zahlen! _Sust_ (sonst) _haben
Sie aber die Wahl!_ Ich bitt'!"

Vergeblich blieb alle Belehrung. Der Richter schickte die naive Person
mit der Mahnung heim, es solle sich das Weibele die Sache derweil
berlegen und selber whlen und dann in drei Wochen wiederkommen.

Kaum war die Person fort, brachte der Amtsdiener die eben eingelaufene
Morgenpost in die Kanzlei, und erlaubte sich die Bemerkung. "Herr
Bezirksrichter, ich glaub', dasmal ischt 'was Besonderes dabei!"

"Warum?"

"Weil ein Briefumschlag mit roter Tinte geschrieben ischt!"

"Schon gut, geben Sie her! Die nchste Partei soll warten, bis ich
klingle!"

Whrend sich Perathoner entfernte, griff Ehrenstraer, den doch die
Neugierde etwas reizte, nach dem Brief mit roter Adresse. "Soll mich
wundern, wenn das nicht mit einer Kindsangelegenheit zusammenhngt!"
dachte der Richter, ri den Umschlag auf und suchte die Unterschrift.
Richtig, anonym, Poststempel vom gestrigen, im Stdtchen aufgegeben.
Der mit roter Tinte geschriebene Brief hatte folgenden Wortlaut:[8]

  "Bittgesuch!

  an das lbliche k. k. Bezirksgericht.

  Da ich mir die Freiheit nehme, mein dringendes Bittgesuch an Sie zu
  richten, wollen Sie doch entschuldigen. Da ich ein lediges
  Frauenzimmer in bedrngten Vermgensverhltnissen bin, so wage ich es,
  meine Notlage an Sie zu melden und sollte es auch fr mich Nutzen
  schaffen, fr welche Zwecke ich es hauptschlich unternehme, so werde
  ich dann, als jetzt nicht Unterzeichnete, mich bei Ihnen persnlich
  schuldig bedanken. Wie ich schon hrte, sind Sie ein guter Vertreter
  Ihrer Unterthanen und man wei ja, da _Sie der Vater aller ledigen
  Kinder im Bezirke sind_. Sie sind also auch ein guter Vertreter der
  ledigen Kinder, deren Vaterpflicht oft entzogen ist und lobe deshalb
  Ihre gutmtige Vorsorge, da Sie diese schon welche derzeit geboren,
  whrend Sie im Orte sind, hauptschlich dessen Vater zu Ihrer Pflicht
  angehalten haben.

  Da es aber noch viele ltere Kinder, welche derzeit von ihrem Vater
  sehr wenig oder noch gar nichts erhalten haben, zur Untersttzung fr
  da Fortkommen, so bitte ich deshalb gehorsamst, Ihre wohlwollende
  Gtte, mchten auch dieser Kinder Vter sammt Vormund einvernehmen,
  welche schon lter sind, da wohl etliche derselben noch keinen Vormund
  haben, und mit der Kindesmutter, auf welcher alle Sorge lastet, wird
  Mutwillen getrieben, so da selbe oft selbst bereits nichts mehr
  anzuziehen hat, noch vielweniger das Kind. Wenn man dann was verlangt
  fr das Kind, so giebt es alle mglichen Ausreden, wenn z.B. das Kind
  und dessen Kind anderer Glaubens-Confesion ist, als der Vater, so
  heit es, mut mir halt das Kind lassen, sonst zahl' ich nichts, wenn
  schon dann auch auf das Kind schlecht geschaut wird beim Vater,--oder
  kannst thun was du willst, es gehrt nicht mein, trotzdem oft im
  Mindesten kein Zweifel noch Ursach' wre, ber die Gewiheit der
  Vaterschaft, oder--ein Bauernsohn kann nichts geben, weil er bei der
  Militr ist, obschon die Interessen vom vterlichen Erbteil vllig
  wren, kurz und gut, wenn oft sonst keine Ausrede ist, so heit es,
  mut mich halt anzeigen, was ich nicht zu frchten habe, berhaupt
  wenn einer schon mehrere Kinder hat, weil ich selbst nicht habe,
  obschon sie es im Vorhinein nicht sagen, das sie nichts haben. Da
  heit es noch oft, so und so viel hab' ich Vermgen und das und jenes
  bekommst du von mir oder ich werde dich heirathen und die einfltigen
  Frauenzimmer lassen sich so unbewut oft bethren, oder wie schon
  vorkommen ischt, da einer ein Geld von etlichen hundert Gulden hatte
  in der Sparkasse, und wie er fr seine fnfte Kindsmutter smtliche
  Kosten zu zahlen hatte, behob er vorlufig den Betrag von der
  Sparkasse, verschwndete den grten Teil davon selbst und das andere
  lieh er sammt Schuldschein Jemanden und sagt nicht wem, ohne fr die
  Kinder was anzuwenden.

  Jetzt gute Herren habe ich erwhnt in diesen Bittgesuch fr mich und
  im Namen aller Betrefenden wie es so hufig unter den gewissenlosen
  Leuten vorkommt und wird noch einmal gebeten um Anordnung und
  Einvernehmung der Persohnen fr Kinder, welche schon frher gebohren
  worden, da Sie noch nicht in der Stadt waren, so wird Ihre Gte viel
  Dank erwerben. Insbesondere bitte ich, das Sie, Herr Bezirksrichter
  und Kindsvater, sich um mich und mein zwlfjhriges Dirndl vor Gericht
  annhmen, weil ich mich schenihre des Weiteren, so mchten Sie die
  Sache kriminalisch doch ohne Angabe meines Nahmens und Wohnortes
  betreiben. Sind Sie doch so wohl!

  Hochachtungsvol und auf Ihre Gtte hoffend

  zeichnet

  N. N."

Ehrenstraer lachte, da ihn die Thrnen in die Augen kamen. "'Vater
aller ledigen Kinder im ganzen Bezirk', das ischt ausgezeichnet! Da mu
ich doch recherchieren lassen, wer die Absenderin dieses famosen Briefes
ischt! Helfen soll ich, aber die Verfasserin des Bittgesuches wnscht
unbekannt zu bleiben. Ein Kunststck, solche Hilfe! Ja, das Bergvolk!"

Wieder ruhig geworden, klingelte Ehrenstraer und abermals trat ein Paar
ein, eine Weibsperson von etlichen 40 Jahren und ein Mann, den
ersichtlich die Jugend nicht mehr plagte. Das Weib begann sogleich ber
die schlechten Zeiten zu jammern, ber Not und Teuerung und Geldmangel.

"Schn! Und was hat der Mann auf dem Herzen?" fragte der Richter.

"Herr Tagrichter! Ich kann's beschwren, da ich nix hab' und nix zahlen
kann!"

"Also wieder die leidige Sache einer Alimentierung! Seid doch gescheit,
Leute, und macht solcher Geschichte durch Heirat ein Ende!"

Unisono rief das Paar: "_Sell sind wir ja eh_ (ohnehin)!"

Nun vermochte Ehrenstraer doch seine berraschung nicht zu verbergen
und rief. "Na, also! Wenn ihr ein kirchlich getrautes Paar seid, was
wollt ihr denn dann vor Gericht?"

Der Mann stammelte beklommen: "Mit Verlaub, Herr Richter! _Verheiratet
sind wir schon, aber jedes mit einem anderen!_"

Um nicht laut auslachen zu mssen, bi sich Ehrenstraer auf die Lippen
und winkte den Leuten, sich zu entfernen.

Die nchste Partei war eine Bergbuerin, die chzend einen Korb in die
Kanzlei schleppte, ihn vor dem Gerichtstisch niederstellte und ber den
weiten Weg zu jammern begann.

"Willst du klagen, Weibets?"

"Freilich, Herr Rat! Der Weg ischt soviel schlecht aus 'm Graben ausser
(heraus)!"

"Ich meine, ob du gegen jemand in einer Streitsache klagen willst?"

"Ah so wohl! Freilich!"

"Wie heit du, Buerin?"

Das Weib strich die Kittelfalte glatt und schwieg.

"Wie schreibst dich denn, Weibets?"

"I kann nit schreiben!"

Mit Engelsgeduld fragte Ehrenstraer abermals nach dem Begehren. Jetzt
stand die Buerin auf, ffnete den Korbdeckel und sagte: "Ich tht schn
bitten, Herr Rat, es san die ersten--_kaufen S' mir den Korb schne
Kerschen_ (Kirschen) _ab!_"

Was wollte der Richter machen! Er lutete, der Amtsdiener fhrte die
Buerin hinaus und bedeutete ihr, da das Hausieren bei Gericht verboten
sei.

Die Uhr zeigte gegen zwlf, da trollte noch ein Bauer herein, der sich
beim Eintritt in die Kanzlei bekreuzte, eine Kniebeugung wie vor dem
Allerheiligsten im Hochaltar der Kirche machte und dann um geneigtes
Gehr bat.

"Red' nur von der Leber weg!"

"Mit Verlaub, gn' Herr! _Ich mcht' klagen, weil meine Alte ein
furchtbares Maul hat!_"

"Was?" rief Ehrenstraer vor berraschung.

"Wohl, wohl, es ischt schun so! Das Weib schimpft von frh bis spat, ich
kann der Alten gar nichts mehr recht machen!"

"Ischt denn dein Weib so eiferschtig? Oder hast du dein Eheweib etwa
vernachlssigt?"

"Na, na, keinen Schein davon!"

"Was thust du denn, wenn das Weib schimpft?"

"Aftn (hernach) schimpf' ich !"

"So! Da kann ich dir nur raten. Thue so, als wenn du torret (taub)
wrest! Je rger das Weib schimpft, desto freundlicher mut du sein.
Deine Alte will dich wohl blo in Zorn bringen. Gelingt ihr das nimmer,
so hrt sie schon zu schimpfen auf!"

Der Bauer stand perplex, mit weit offenstehendem Mund. Dreimal
wiederholte Ehrenstraer seine Meinung, erst zum viertenmale verstand
der Bauer so viel, da er sein Weib "extrig guet" behandeln solle.
Darob schttelte der Bergler den Kopf, bekreuzte sich wieder, offenbar
aus hchstem Respekt vor Kanzlei und Richter und entfernte sich.

Der Richter aber rief ins Vorzimmer hinaus, da jetzt Pause bis drei Uhr
nachmittags gemacht werde, die Parteien also um diese Zeit sich wieder
einfinden sollen. Dann ging Ehrenstraer heim zu Tisch.

Die Wiederaufnahme des Dienstes am Nachmittag brachte schon in der
ersten Partei, die Ehrenstraer persnlich bekannt ist, eine ergtzliche
Scene. Der Grillhofer aus einem Orte, der gut vier Stunden vom Stdtchen
entfernt ist, bat um die Erlaubnis, seinem Herzen Luft machen zu drfen.

Solche Einleitung kennt der Richter aus Erfahrung als sehr gefhrlich in
Bezug auf epische Breite, und seufzend winkt er.

Mit entsetzlicher Weitschweifigkeit schilderte Grillhofer die Situation
daheim, die von ihm und einem Nachbar gemeinsam zu benutzende Brcke,
die Hecheleien gegenseitig &c. Zweimal habe der Nachbar nun schon die
Brcke dadurch unfahrbar gemacht, da er Bume aus derselben
herausgezogen und in den Bach geworfen habe.

Grillhofer machte eine Schnaufpause, die der Richter geschickt benutzte
zur Frage: "Mit welcher Klage willst du den Gegner belangen?"

"Sell mt Ihr schon wissen, Ihr seid ja der kaiserliche Richter!"

"Na, wenn es dir recht ischt, werde ich den Gegner wegen Besitzstrung
vorladen zum nchsten Amtstag!"

"Das ischt mir schon recht!"

Nun fllte Ehrenstraer flink einen Vorladezettel zum nchsten Amtstag
aus und wollte denselben Grillhofer einhndigen behufs bergabe an den
Nachbar.

"Ich dank'! Aber wie ischt es mit dem Wiederkemmen (kommen)?"

"Wenn die Sache zum Austrag kommen soll, ischt beiderseitiges Erscheinen
zweckfrdernd!"

"Also mt' ich in acht Tagen wiederkemmen?"

"Freilich!"

"Na, so ischt es nicht gemeint! _Ich wollt' Enk_ (Ihnen) _nur sagen, was
fr ein boshafter Mensch mein Nachbar ischt! Helfen thu' ich mir schon
selm_ (selber)! Gr Gott, Herr!" Und weg war der Bauer.

Ehrenstraer atmete auf und lie die nchste Partei vor, einen
Salinenarbeiter, der in einer wahren Zerknirschung hereinschlich und
leise zu sprechen begann, da der Richter rief: "Red' er lauter, ich
versteh' kein Wort!" Der Mann zuckte zusammen und blickte hilflos um
sich.

"Will Er klagen?"

Der Arbeiter schttelte den Kopf.

"Braucht Er einen Ratschlag?"

"Ja!"

"In welcher Angelegenheit?"

Leise sprach der Salinenarbeiter:
"Das--Whlen--ischt--so--viel--schwer!"

"Das Whlen? Ja so, wir stehen ja vor der Wahl zum Reichsrat! Da soll
ich, der Richter, dir wohl gar sagen, wen du whlen sollst?"

"Sein thuet's a Elend mit 'm Whlen!"

"Mensch! Die Wahl ischt ja geheim! Es erfhrt ja niemand, wen du gewhlt
hascht!"

"Schun! Aber ich hab' halt decht ngsten!"

"Unbegreiflich! Der Wahlzettel wird ja zugebogen in die Urne gegeben.
Kein Mensch kann wissen, welcher Name darauf steht!"

"Kann sein, kann aber auch nicht sein! Die Sach' ischt elend
gefhrlich!"

"Wieso denn?"

"Ja, schauen S', Herr Tagrichter! Gieb' ich meine Stimm' einem
Liberalen, _so verlier' ich meine Pension als Salinenarbeiter!_"

"Heiliger Gott, welche Einfalt!" schrie Ehrenstraer.

"Sehen S', Herr kaiserlicher Gerichtshof, Sie sagen jetzt selber, die
Sach' ischt gefhrlich!"

"O sancta simplicitas!"

"Ich bitt', reden S' um Gotteswillen nicht in einer fremden Sprach',
mich tht's gleich umbringen."

"Bischt du denn ein Liberaler?"

"Was ischt ds?"

"Mein Lieber, fr dich ischt das Beschte, du legst dich am Wahltag ins
Bett und sagst, du bischt marod! Auf diese Weis' behaltest wenigstens
ganz gewi deine--Pension!"

"Bin ich aber jetzt froh! Ich hab' mir's gleich gedenkt, es ischt a
Elend mit 'm Liberalismus! Ich dank' halt recht schn, Herr Richter!
Und whlen thu' i' nimmer! Es ischt viel zu gefhrlich! Gr Gott!"

Ehrenstraer mute sich setzen, die Beine versagten den Dienst und
herzlich klang das Lachen ber solche Naivitt, die man nicht fr
mglich halten sollte.

Eine Partei zum Amtstag war nicht mehr vorhanden, das Vorzimmer leer.
Schon wollte sich der ausatmende Richter daranmachen, einen Akt in
Angriff zu nehmen, da wurden drauen Stimmen laut und deutlich konnte
Ehrenstraer den Amtsdiener schimpfen hren, da die Vorladung auf den
morgigen Tag laute und man sich daher zu entfernen habe.

Das gute Herz, das Mitleid des Richters fr Leute, die vielleicht einen
vielstndigen Weg zurckgelegt haben, siegte, Ehrenstraer ffnete die
Thre und fragte, was denn los sei.

"Ich bitt', Herr Bezirksrichter!" erwiderte der Amtsdiener. "Der Maroner
ischt erst auf morgen in Grundbuchsachen vorgeladen!"

Scheu und verlegen stand genannter Einschichtbauer mit einem groen, in
der Mitte abgebundenen Sack an der Thre.

Ehrenstraer stieg eine Ahnung auf, da dieser Bauer wahrscheinlich
nicht lesen knnte, auf gut Glck zu Gericht kam und wei Gott welche
Schriften mitbringe zufolge der ergangenen Aufforderung an alle
Grundbesitzer, ihre Urkunden, Schirmbriefe, Kaufvertrge,
Servitutsverbriefungen &c. zu Gerichte einzuliefern.

"Na, weil du einmal da bischt und sonst keine Tagpartei mehr anwesend
ischt, will ich dich vornehmen, Maroner! Komm mit deinem Sack herein!"

Hchlich zufrieden trgt der Bauer seinen Sack in die Kanzlei des
Richters und spricht: "Da bin i, 's hat g'hoaen, i sull alle meene
G'schriften mitbringen und da hun i alles mitbracht!" Wohlgefllig
streichelte Maroner den Sack und auf Gehei ffnete er denselben.

Was Ehrenstraer befrchtete, sollte sich bewahrheiten: Der Bauer hat
die Aufforderung vllig miverstanden und nichts als Ksezettel und
schriftliche Aufzeichnungen ber verkauftes Vieh und Holz zu Gericht
gebracht. Nicht eine der bentigten Urkunden &c. war im Sack.

"Geduld verla mich nicht!" seufzte der Richter, nahm die
Grundbuchsmappe und zeigte dem verdutzten Bauer das ihn betreffende
Blatt. "Da schau her, Maroner, ischt dein Besitztum da wohl richtig
angegeben? Das sind die dir gehrigen Parzellen, und was Wiesen sind,
ischt grn gefarbelt. Verstehst?"

Freudig antwortete Maroner: "_Ischt wuhl schn!_"

"Pa auf! Es handelt sich nicht darum, ob die Mappe schn ischt, sondern
darum, ob deine Grundstcke richtig eingezeichnet sind!"

"Meine Grundstck' sind daham, die lass' ich mir nit wegschleppen!"

"Kannst du lesen und schreiben?"

"Nu (nein)!"

"Also weit du auch nicht, da jeder Bauer, welcher nicht lesen und
nicht schreiben kann, verpflichtet wurde, einen mit solchen Kenntnissen
ausgersteten Vertrauensmann zu Gericht mitzubringen?"

"Der Vorsteher hat dergleichen daher geredet und mein Nachbar ischt
woltern mitgegangen. Er steht unten am Haus und 'traut sich nit einer
(herein)!"

"Hol' ihn herauf!"

Nach wenigen Minuten stand auch dieser Nachbar in der Gerichtsstube,
scheu und ngstlich.

Wieder zeigte Ehrenstraer die Grundbuchmappe, welche der Nachbar
sofort als "sehr schn" bezeichnete und bewunderte.

Die Vermutung, abermals einen Analphabeten vor sich zu haben, erwies
sich als richtig, und so blieb dem Richter nichts anderes brig, als
einen neuen Termin anzuberaumen, und dem Bauern einen Ladezettel fr den
Vorsteher mitzugeben, auf da doch der Bauernbrgermeister als
Vertrauensmann mithelfe bei Fixierung der Grundbesitzverhltnisse im
Grundbuch.

Die Bauern wurden entlassen, gingen aber nicht.

"Was wollt ihr denn noch?"

Maroner trat vor und sprach. "Ich tht' schn bitten! Wie ischt's mit
der--_Zeugengebhr_?"

"Hinaus!" donnerte der Richter.

Erschreckt ergriffen die Bauern nun die Flucht.




XI.


Ratschiller sen. steht totenbleich am Telephonapparat und zittert vor
Schrecken. Kaum vermag er Antwort zu geben auf die Anfrage des
Fabrikleiters, wo neue Sprengungen vorgenommen werden sollen. Heiseren
Tones spricht Ratschiller auf die Membrane: "Sie haben doch krzlich
gemeldet, da im Eibenberg ein groes Mergellager offen gelegt wurde!"

Hundertpfund telefonierte zurck: "Das wohl, Herr Chef! So lautete die
Meldung des Sprengpaliers in der ersten Aufregung. Ich habe kurz darauf
nachgesehen und Sie angerufen, konnte aber keine Antwort von Ihnen
erhalten, weil vermutlich das Hrrohr an Ihrem Apparat ausgeschaltet
war."

"Was wollten Sie melden?"

"Dasselbe, was ich soeben zur Kenntnis gebracht: Die erste Meldung war
unliebsame bertreibung, sie mu leider bedeutend reduziert werden. Der
Eibenberg erscheint mir erschpft, zum mindesten haben wir ohne
besondere Sprengversuche in absehbarer Zeit keinen Stein mehr zu
brennen. Ich frage daher, ob kostspielige neue Sprengungen am Eibenberge
vorgenommen werden sollen oder ob wir einen anderen Ihnen gehrigen Berg
anbrechen sollen. Im letzteren Falle wrde ich um Angabe des
betreffenden Terrains bitten!"

"Allmchtiger Gott!" jammerte der Fabrikherr.

"Ist Ihnen nicht wohl, Herr Chef?"

"Warum haben Sie mir nicht schon frher diese Meldung erstattet? Sie
waren doch kurz darauf bei uns zur Verlobungsfeier!"

"Da war doch nicht die passende Gelegenheit, um solche Hiobspost
vorzubringen! Bitte, was soll geschehen?"

"Lassen Sie am Eibenberg tiefer bohren und sprengen, es mu sich Mergel
vorfinden. Das Gutachten lautet auf bedeutende Mergellager. Ich werde
sobald als mglich selbst hinauskommen. Schlu!"

Mechanisch drehte Ratschiller die Kurbel und brachte den Fernsprecher in
Ordnung. Dann aber wankte der Fabrikherr zu seinem Sorgenstuhl, in den
er sich chzend fallen lie. Das Schlimmste, was einer Cementfabrik
passieren kann, steht bevor. Mergelmangel! Und das in jenem Berg, der
fr schweres Geld gekauft wurde und die grte Ausbeute versprach. Sind
die brigen Terrainerwerbungen gleichfalls mergeltaub, so ist die Fabrik
ruiniert, alles verloren.

Die schlimmen Trume, jene entsetzlichen Ahnungen kamen Ratschiller
wieder in Erinnerung, in greifbare Nhe ist die Katastrophe gerckt. Und
da soll noch Hochzeit gehalten werden!

Vllig verzweifelt holte der Fabrikherr wieder die Mappen hervor, um in
den Katasterblttern und Besitzverzeichnissen nachzuschlagen. Kann ein
Rechnungsfehler, ein Irrtum des Vermessungsbeamten von solch
entsetzlichen Folgen mglich sein? Kann sich ein Bergingenieur so
grlich irren? Der Eibenberg in seiner fr die Fabrikanlage so beraus
gnstigen Situierung mergellos, das ist entsetzlich; mgen die brigen
angekauften Berge auch Brennstein enthalten, sie liegen zu weit
entfernt, der Bruchstein mte per Achse zur Fabrik geschafft,
Bauernstraen benutzt werden, und das ist seit Existenz der
Luftseilbahn geradezu ausgeschlossen, die erbosten Bauern werden die
Straenbenutzung jetzt erst recht verweigern und die Fabrik mu den
Betrieb einstellen.

Zitternd raffte Ratschiller die Papiere zusammen und verschlo sie im
Panzerschrank. Dann arbeitete und hantierte er lngere Zeit in den
Schiebefchern seines Pultes. Bleichen Antlitzes verlie er hierauf die
Geschftsstube, um sich zur Fabrik zu begeben.

Unermdlich bringt die Seilbahn durch die Luft die Cementfsser zum
Magazin am Bahnhof und von da fhren die kleinen Wagen die Grieskohle
wieder zurck zur Fabrik. Die Anlage bewhrt sich ausgezeichnet, der
Betrieb funktioniert tadellos. Man htte das Werk nicht besser
inscenieren knnen. Ratschiller seufzte, sein Auge folgte den Fssern
durch die Luft. Welches frohe Gefhl hat diese Anlage schon in ihm
erweckt, doch mit welcher Bitterkeit betrachtet er die Luftbahn jetzt!
Was ntzt das prchtige Werk, wenn die Fabrik infolge Steinmangels wird
stille stehen mssen! Wie konnte sich der Bergingenieur nur so
frchterlich irren! Der Eibenberg mergellos! Eine Riesensumme ist
dadurch verloren!

In der staubigen und qualmigen Fabrik angelangt, suchte Ratschiller
seinen Fabrikleiter auf, mit welchem er alsbald den Steinbruch am
Eibenberge besichtigte. Ein trostloser Anblick fr einen Cementmenschen,
der Mergel braucht und nur wertlosen Schutt erblickt.

Hundertpfund erstattet Bericht ber die inzwischen vorgenommenen
Bohrversuche. Die Bohreisen gingen so leicht ins Bergesinnere, da das
Fehlen des Gesteins ganz zweifellos sein mu.

"Wie tief ischt gebohrt?"

"Etwas ber vier Meter, Herr Chef!"

"Da bestnde noch eine Mglichkeit, da sich in grerer Tiefe Mergel
eingesprengt vorfindet. Geht es nicht im Schachtwege, so treiben wir
Stollen, und sprengen!"

"Wie Sie befehlen! Nur drfte der Stollenbetrieb ungleich teurer
kommen!"

Ratschiller seufzte, sagte aber dann, es msse alles versucht werden.

Um eine Probe in der Tiefe von vier Metern vorzunehmen, lie der Chef
am Eibenberge mit Janit sprengen. In gesicherter Entfernung wartete man
den Sprengschu ab. Whrend der Vorbereitungen hierzu hatte Ratschiller
gengend Zeit, Umschau nach den ihm gehrigen Grundstcken und Bergen zu
halten. Ein stattlicher Besitz, wenn ihr Inneres den bentigten Stein
birgt. Wertlos freilich, wenn sich diese Voraussetzung nicht erfllt. Da
wrde sich Wiesenwirtschaft noch besser lohnen als Abbau auf Cement.

Kann es mglich sein, da die ganze Berggegend keinen Mergel hat, trotz
der genauen Untersuchungen? Bisher konnte doch ganz flott Portlandcement
erzeugt werden. Und jetzt auf einmal Mangel des Wichtigsten, der
Existenzbedingung fr eine Cementfabrik!

Eine gewaltige Explosion unterbrach den Gedankengang des gequlten
Fabrikherrn. Eine ungeheure Wolke von Staub und Schutt stieg auf,
knatternd und brausend, Steine flogen nach allen Seiten.

"Stein, Stein!" wollte Ratschiller aufjubeln und hastig lief er in die
Richtung, wo Steine niedergefallen waren. Doch auf den ersten Blick
erkannte der Fachmann wertlosen Kalkstein, Marmorbruchteile, keine Spur
vom heiersehnten Mergel.

Der Fabrikherr empfand einen bohrenden Stich im Herzen, ihm ist, als
soll er niedersinken vor Schmerz. Dennoch rafft er sich auf und steigt
zur Sprengstelle, die ein klaffendes riesiges Loch aufweist, doch kein
offengelegtes Gestein. Ein trostloser Anblick fr den Cementmann.

Hundertpfund starrt gleichfalls betrbt in das Riesenloch und trostlos
klingt seine Frage. "Sollen wir wirklich im Stollenbau weitere Versuche
machen?"

"Wir mssen! Doch hab ich selbst jetzt keine Hoffnung mehr! Lassen Sie
aber gleichzeitig im Halberge bohren und sprengen."

Ratschiller erledigte im Fabrikgebude noch einige Geschfte, so mde
und niedergeschlagen er sich auch fhlte.

Unterdessen war es Abend und dunkel geworden. Der Chef entschlo sich
zur Heimwanderung und zwar ber den Bergsattel, wiewohl Hundertpfund
davon abriet, denn der Weg sei steinig, die Brcke ber den Bergbach in
schlechtem Zustand.

"Ach was, Unsinn! Wie oft in meinem Leben bin ich doch schon ber den
Sattel gegangen!" rief Ratschiller aus.

"Dann mchte ich noch sagen, es ist in letzter Zeit ein herabgekommenes
Individuum hier in der Gegend gesehen worden, dessen Herumschleichen mir
verdchtig erschien. Erst gestern abend sah ich den zweifelhaften
Burschen beim Schnaps oben am Eibenberg-Wirtshaus hocken, gemieden
selbst vom schlechtesten unserer Arbeiter. Wenn Sie erlauben, will ich
Sie bis zur Sattelschneide oder zur Kapelle auf der anderen Seite
begleiten."

"Sie wollen mich wohl gruseln machen? Ich danke! Seit reichlich zwanzig
Jahren gehe ich den einsamen Weg und noch niemals ischt etwas, auch
nicht das Geringste passiert! Und dann bin ich immer noch Mann und stark
genug, um es mit jedem Strolch aufzunehmen. Nein, nein, verschimpfieren
Sie mir unser ehrliches Tirolerland nicht! Ein Raubanfall in Tirol?
Unsinn! Schier knnte ich das als Beleidigung auffassen! Sie sind kein
Tiroler, deshalb glauben Sie an eine solche undenkbare Mglichkeit! Gute
Nacht!"

Langsam entfernte sich Ratschiller und schritt lngs der
Gebulichkeiten dem Pfad zu, der in vielfachen Windungen auswrts dem
waldigen Sattel zufhrt. Da es nun sehr rasch dunkelte, konnte der
Fabrikleiter den Aufstieg seines Chefs nicht weiter verfolgen.
Achselzuckend begab sich Hundertpfund ins Gebude, um fr die
Nachtschicht, sowie fr morgen vorzunehmende Sprengungen Anordnungen zu
treffen.

Die Seilbahn wurde auer Betrieb gesetzt ber die Nacht. Die Brennfen
qualmten und sandten ihre brenzlichen Wolken zum nchtlichen Himmel. Wie
lange noch?

Diese Frage fing fr Hundertpfund gleichfalls an, bedeutungsvoll zu
werden und seine Gedanken nahmen eine Richtung, die auf Erwerb einer
neuen, sicheren Stellung hinausliefen. Hat Ratschiller keinen Stein
mehr, so wird fr den Fabrikleiter Frulein Josephine auch
bedeutungslos.




XII.


Ratschillers erwarteten das Familienoberhaupt zu Tische am Abend.
Frulein Emmy, die Braut des glcklichen Franz, weilte im Hause und lie
sich gern bestimmen, zur Abendmahlzeit zu bleiben.

Whrend das Brautpaar zrtlich plauderte und koste, deckte Josephine den
Tisch, und Frau Ratschiller die wrdige Matrone stand an einem Fenster,
das einen Blick auf den vom Sattel herabfhrenden Feldweg gestattete. In
der Dmmerung ist freilich nicht viel mehr zu sehen. Eine bngliche
Unruhe erfate die alte Dame, welche sie sich nicht zu erklren
vermochte. Sollte dem Papa Ratschiller ein Unglck zugestoen sein?

In ihrer Sorge trat die alte Frau vom Fenster zurck und wie sie in den
Lichtkreis kam, den die hellbrennende Hngelampe ausstrahlte, fiel es
Josephinen auf, da Mama entsetzlich bleich sei.

"Was ist dir, Mama?" rief die Tochter und eilte bestrzt herbei. Die
Matrone sprach fast chzend: "Ich wei nicht--mir ischt so bang! Franz,
spring' hinunter ans Telephon und frage, wann Papa von der Fabrik
weggegangen ischt. So spt kam er noch niemals nach Hause!"

"Gleich, Mama! Doch beruhige dich! Vielleicht hat man gesprengt und Papa
wird sich lnger als sonst verhalten haben!" Eilig ging der junge Herr
hinunter und sperrte die Komptoirrumlichkeiten auf, um zum Telephon in
Papas Arbeitszimmer zu gelangen. Lange dauerte es, bis sich am
Fernsprecher in der Fabrik jemand meldete und Hundertpfund Bescheid gab,
da Herr Ratschiller sen. lngst die Fabrik verlassen und sich ber den
Sattel nach Hause begeben habe.

Ob dieser Meldung wurde nun auch Franz besorgt. Hastig begab er sich in
die Wohnung hinauf, erstattete der Mutter Bericht und eilte dann fort,
dem Vater auf dem Feldweg entgegen zu gehen. Die Angst im Kreise der
Familie wuchs, je lnger nun auch Franz verblieb, der bis an den Fu
des Berges lief und ohne Ratschiller zurckeilte.

In der Nhe des "Ochsengasthauses" fiel Franz ein, da Papa sich
vielleicht bei einem Glase Wein in der Wirtschaft strke und schnell
fragte Ratschiller jun. dort nach.

Der Vater ist nicht anwesend, auch von niemandem gesehen worden. Ob
Franzens Bestrzung wurde der als Gast in der Wirtschaft anwesende
Gendarmeriewachtmeister aufmerksam und sogleich erkundigte sich
derselbe, ob etwas passiert sei.

"Der Vater ischt von der Fabrik weg und nicht heimgekehrt! Wir sind in
Sorge! Mama befrchtet ein Unglck!" erwiderte Franz.

"Wissen Sie, auf welchem Wege Herr Ratschiller nach Hause gehen wollte?"

"Laut telephonischer Mitteilung des Fabrikleiters ischt der Vater ber
den Sattel heim!"

"Waren Sie im Berg schon suchen?"

"Nur bis zum Fu des Sattels bin ich gelaufen, fand aber nichts!"

"So wollen wir doch vollends bis zur Sattelhhe nachforschen. Kommen Sie
mit?" fragte der Gendarm und Franz erklrte sich sogleich bereit. Der
Wirt lieh eine Laterne, welche der Wachmeister fr alle Flle mitnahm.

Im Laufschritt begaben sich beide ber die Wiesen zum dichtbestockten
Bergwald und stiegen, nachdem das Laternenlicht angesteckt war, langsam
und forschend ausblickend, den dunklen Pfad hinan.

Unheimlich rauschte es im finsteren Walde und von ferne her donnerte der
Fall des Bergbaches.

Franz empfindet eine wahre Todesangst, ihm ist, als sollte die nchste
Viertelstunde etwas Entsetzliches bringen.

Stumm und stetig steigen beide den steinigen Weg hinan. Sorgsam leuchtet
der diensterfahrene Wachtmeister zum Steilhang und die Bschung
hinunter, sein Adlerauge ist bemht, das Bett des unten tosenden
wasserreichen Baches zu durchforschen. Findet sich auf dem Wege kein
Anzeichen, so mssen das Bachbett und seine Ufer auf dem Rckmarsch noch
besonders abgesucht werden.

Die Wanderer gelangten zur Brcke, die ber den hier stark fallenden
Bach fhrt. Kaum fiel der Laternenschein auf diese morsche Brcke, da
schrie Franz vor Entsetzen auf. Dort liegt ein Menschenkrper...

Der Wachtmeister leuchtet vollends heran: Kein Zweifel, der Fabrikherr
liegt hier in seinem Blute, tot, und wahrscheinlich ausgeraubt.

Vor Schrecken und Entsetzen sank Franz in die Knie, so da der
Wachtmeister ihm frs erste beistehen mute. Dann begann der Mann aber
seines Amtes zu walten. Beim Schein der Laterne konnte auf den ersten
Blick konstatiert werden, da Ratschiller sen., der auf dem Gesichte
lag, eine Schuwunde hinter dem rechten Ohr hat und da am Knopfloch der
ausgerissenen Weste der Befestigungsring der Kette noch vorhanden ist,
die Kette selbst aber abgerissen worden sein mute. Die Leiche war
bereits kalt.

Franz jammerte in fassungslosem Schmerz.

Der Wachtmeister war erschttert von solcher gnzlich unerwarteten
Katastrophe, doch ging er streng dienstlich vor und beauftragte den
jungen Ratschiller, zurckzueilen, dem Bezirksrichter Meldung zu
erstatten und Trger mit einer Bahre herauszubringen.

Franz wankte den Steilpfad in der Finsternis hinunter...

Im schaurigen Bergwald hielt unterdessen der Wachtmeister an der Leiche
des Ermordeten die Totenwache.

ber eine starke Stunde dauerte dieses Warten, dann vernahm das scharfe
Ohr des Gendarmen Stimmen im Walde, das Gerusch von Schritten und
knirschenden Steinchen.

Es ist die Gerichtskommission mit Ehrenstraer an der Spitze und vier
Trger mit der Bahre und Laternen. Franz folgte totenbleich und verstrt
hinterdrein.

Ehrenstraer schttelte den Kopf beim Anblick der Leiche, dieser jhe
Tod wirkt fast lhmend auf den alten Richter. Doch nun beginnt der
unerbittliche Dienst des Untersuchungsrichters. Beim Schein mehrerer
Laternen konstatierte Ehrenstraer den Einschu hinter dem rechten Ohr
und das Fehlen jedes Ausschusses, es mu daher die Kugel noch im Kopfe
stecken. Der Gerichtsschreiber notierte das Diktat whrend der
Untersuchung, die weiter das Fehlen einer Brieftasche, der Uhr und Kette
ergab. Die innere Brusttasche ist an einer Naht aufgetrennt oder
aufgerissen, die Uhrkette offenbar mit Gewalt abgerissen worden, der
Befestigungsring steckt noch am Knopfloch der Weste, diese ist an
mehreren Stellen offen, also aufgerissen worden.

"Mutmalicher Raubmord!" konstatierte der Richter und stenographierte
sich der Vorsicht halber das Untersuchungsergebnis in sein Taschenbuch.
Dann erteilte er den Befehl, es solle der Wachtmeister die Nacht
hindurch patrouillieren und in frhester Morgenstunde Erhebungen beim
Fabrikpersonal, in allen Siedelungen der Umgebung und namentlich auch im
Eibenbergwirtshause anstellen, das Resultat dann ehethunlichst zu
Gerichtshnden bringen.

Die Leiche wurde nun auf die Bahre gelegt, mit einem mitgebrachten Tuch
verdeckt und von den vier Trgern auf die Schultern gehoben. Langsam
erfolgte der traurige Transport zu Thal.

Ehrenstraer vermochte in seiner Erschtterung dem weinenden Ratschiller
jun. nur die Hand zu drcken, das Sprechen war dem alten Beamten in
dieser Stunde unmglich. Beide folgten hinterdrein, whrend der
Wachtmeister vollends zur Sattelhhe hinanstieg und jenseits
hineinschritt in die nachtverhllte Bergwelt.

Wie Flugfeuer verbreitete sich am frhen Morgen im Stdtchen die
schreckliche Kunde, das Wort "Raubmord" erregte die Bevlkerung im
hchsten Mae, und die innigste Anteilnahme am entsetzlichen Geschick
gab sich fr die Familie Ratschiller kund. Emmy eilte zur alten Frau,
die so jh zur Witwe geworden, zum Brutigam, der auf schreckliche Weise
den Vater verloren. So nahe dem hchsten Glck auf Erden, steht das
Brautpaar nun im tiefsten Jammer, vernichtet die Hoffnung, die Zukunft.

Das Gericht mu in doppelter Hinsicht einschreiten. Mit den Geschften
der Regulierung der Hinterlassenschaft betraute Ehrenstraer den
Gerichtsadjunkten Hrhager, die Untersuchung des Falles selbst fhrte
der Richter, dem das Ereignis trotz aller langen Praxis unfalich ist.

So viel Ehrenstraer nachdachte, prfte und berlegte, der Gedanke, da
in absolut sicherer Gegend, kaum dreiviertel Stunde von einer
dichtbevlkerten Fabrik entfernt, zu verhltnismig frher Abendstunde
ein Raubmord sich ereignen konnte, will dem Richter nicht in den Kopf
gehen. Ehrenstraer wartete das Resultat der gerichtsrztlichen
Untersuchung ab, das bis Mittag schriftlich im Gericht vorlag und dahin
lautete, da die Kugel (Rundkugel aus einer Pistole) durch das Gehirn
gedrungen und im Stirnknochen ber dem linken Auge stecken geblieben
sei, daher der Ausschu fehle.

Dieser Befund veranlate den Richter, nun sogleich in der Fabrik
Recherchen vorzunehmen.

Auf dem Wege zum Sattel verhielt sich Ehrenstraer lngere Zeit auf der
Unglckssttte, um ein Bild der Thatmglichkeit zu gewinnen. Der Ruber
mu auf den Fabrikherrn aus nchster Nhe geschossen haben, wofr die
Schuwunde knapp hinter dem rechten Ohre spricht. Bei der vorhandenen
Dunkelheit konnte von regulrem Zielen keine Rede sein.

Mute der einsam gehende Ratschiller aber die Annherung nicht hren?
Hat er sie gehrt, so mute er sich doch nach dem herantretenden
Menschen umwenden; that er das, so war der Schu auf der rechten
Kopfseite unmglich, die Kugel htte linksseitig eindringen mssen.

Ehrenstraer achtete im besonderen auf den Lrm des im starken Gefll
niederbrausenden Baches und thatschlich ist das Gerusch so gro, da
Schritte leicht berhrt werden knnen. Der Bach bildet unter der Brcke
einen Tmpel, von dem das Wasser in weiterem kleinen Sturzfall
niederstrmt. Zu sehen ist hier nichts.

Eine Stunde spter verhrte der Richter den Fabrikleiter, und fragte im
besonderen, ob der Ermordete etwa einen greren Geldbetrag bei sich
gefhrt habe.

Hundertpfund konnte darber keine Auskunft geben, er bezweifelte das
berhaupt, denn es fehle jeder Anla, zur Fabrik persnlich Geld
herauszubringen oder nach Hause zu tragen. Das Kassawesen wird ja im
Komptoir erledigt.

"Pflegte Ratschiller berhaupt eine Brief- recte Geldtasche bei sich zu
tragen?"

"Das thut wohl jeder Geschftsmann hiesiger Gegend, doch dient ein
solches Buch mehr zum Notieren, als zur Geldbewahrung."

"Ein solches Portefeuille fehlte!"

Hundertpfund zuckte die Achseln, er vermochte den Fall nicht zu denken.

Schon wollte der Richter die Fabrik verlassen, da fand sich der
Wachtmeister ein, der sogleich Rapport erstattete, auf Grund dessen
Ehrenstraer den Fabrikleiter wieder vernahm und befragte, ob
Ratschiller von der Existenz eines Stromers im Fabrikbezirk verstndigt
worden sei. Hundertpfund bejahte dies und bemerkte, da Ratschiller
ausdrcklich gewarnt worden sei, die Begleitung bis zur Sattelhhe aber
rundweg abgelehnt habe.

"War Ratschiller auf solchen Gngen bewaffnet?"

"Ich glaube nicht, wenigstens habe ich niemals beim Chef eine Waffe
gesehen. Er fhrte gewhnlich nicht einmal einen Stock mit."

Der Gang war somit vergeblich. Ehrenstraer kehrte in die Stadt zurck,
begleitet vom mden Wachtmeister, der nichts weiter zu erzhlen wute,
als da der gesuchte Vagabund am Eibenbergwirtshause war bis etwa eine
Stunde vor der That. Wohin sich der Stromer gewendet, konnte der
Wachtmeister nicht eruieren.

In seiner Erregung wollte Ehrenstraer nicht zu Hause speisen, er
frchtete den Anblick seiner so schwer getroffenen Tochter Emmy und noch
mehr deren Fragen nach dem Zerstrer ihres Glckes, den der Richter ja
noch gar nicht kennt. Bevor Ehrenstraer aber dazu kam, sich in ein
Gasthaus zu begeben, lieferte einer der Gendarmen einen Burschen ein,
der wegen Landstreicherei unweit des Stdtchens aufgegriffen worden war.

Sogleich rief der Richter telephonisch Herrn Hundertpfund herbei und in
der Zwischenzeit wurde der Stromer nochmals krperlich wegen
Waffenbesitz &c. kontrolliert und alsdann verhrt. Es fand sich aber
weiter nichts, als ein Arbeitsbuch vor, das besagte, da der Eigentmer
ein Schreinergeselle sei, und welches ersichtlich in betreff der
Arbeitsnachweise einige Falsifikate enthlt.

Als Hundertpfund, erschpft vom eiligen Marsche in der Kanzlei des
Richters erschien und den gefesselten Burschen erblickte, erklrte er
sofort, da derselbe mit dem verdchtigen Landstreicher identisch sei.
Unwillkrlich rief der Fabrikleiter aus: "Und wahrscheinlich auch der
Raubmrder!"

Wie verzweifelt wehrte sich der Schreinergeselle gegen diese furchtbare
Anschuldigung.

Ehrenstraer nahm das Verhr wieder auf, nachdem Hundertpfund entlassen
war: "Wo haben Sie die vergangene Nacht zugebracht?"

"In einem Heustadl!"

"Knnen Sie diesen nach der rtlichkeit genauer bezeichnen?"

Der Verhaftete schwieg.

Dafr rapportierte der Eskorteur, da der Geselle auf dem Transport auf
Vorhalt jenen Heustadel nicht zu zeigen vermochte.

Dieser Umstand veranlate den Richter, abermals eine
Lokalaugenscheinnahme an der Brcke am Sattelwege vorzunehmen, und wurde
zu diesem Behufe angeordnet, da der Verhaftete an die Mordstelle zu
eskortieren sei.

Nach Verlauf einer Stunde war man auf der Brcke, und scharf beobachtete
Ehrenstraer den Burschen, der jedoch ruhig blieb und keine besondere
Angst oder Aufregung uerte.

Der Gendarm mit aufgepflanztem Bajonett stand am Brckenende zur
Bewachung.

Mit peinlicher Sorgfalt suchte Ehrenstraer nach weiteren Anzeichen,
insbesondere mchte er den Verbleib der Mordwaffe entdecken. Zufllig
trat der Richter an das hlzerne, wettergraue, alte Brckengelnder und
musterte dasselbe.

Seltsamerweise zeigte dasselbe just ber der Stelle, wo am Boden
Blutspuren ersichtlich sind, eine kleine, ganz frische Beschdigung,
etwa wie wenn man dort am oberen Rande mit einem festen, kantigen
Instrument heftig angestoen htte. Eine starke Kerbung des verwitterten
Holzes ist dies, doch weiter absolut nichts zu sehen. Ehrenstraer ward
ob der ganz frischen Beschdigung dieses Gelnderteiles nachdenklich.
Dieser Umstand knnte vielleicht doch mit dem Mord in irgend einem
Zusammenhange stehen und verdient daher Beachtung. Der Gedanke
erweiterte sich denn auch sogleich zu der Mutmaung, da hier der Mrder
etwas, vielleicht die Waffe, in das Wasser geworfen und dabei das
Brckengelnder beschdigt hat. Ist dem so gewesen, so mu die Pistole
im Tmpel oder sonst wo im Bachbett aufzufinden sein.

Neugierig hatte der Verhaftete dem Richter zugesehen und trat nun
gleichfalls zu jener Stelle am Gelnder.

"Was wollen Sie?" fragte Ehrenstraer barsch.

"Mit Verlaub, gn' Herr! Wenn Ihnen die Sach' da am Gelnder
verinteressiert, so kann ich, mit Verlaub, schon Auskunft geben; ich bin
nmlich Schreiner und versteh' 'was vom Holz!"

Gewohnt in langer Praxis, die geringste Kleinigkeit zu beachten, wies
Ehrenstraer die Einmengung des Verhafteten keineswegs zurck, sondern
fragte ihn vielmehr, ob der Geselle die Kerbe im Holz des Gelnders fr
frisch gemacht halte.

Der Bursche besah sich die Beschdigung genau und erklrte sie lteren
Datums. "Wie alt dann?"

"Von heut' ist sie sicher nicht!"

Jetzt war Ehrenstraer fest entschlossen, im Bachbett auf das Genaueste
zu forschen, der Grndlichkeit halber persnlich. Der Gendarm wurde mit
dem Verhafteten in die Stadt zurckgeschickt. Ehrenstraer erledigte
sich des Rockes, der Schuhe und Socken, und kletterte nun hinab. Durch
Steinwrfe in den Falltmpel unter der Brcke konnte die Tiefe
einigermaen taxiert werden; das Wasser wird bis zu den Knieen reichen.
Leider ist nicht auf den Grund zu sehen, das Wasser schumt und strudelt
zu viel.

Bevor der Richter einstieg, begab er sich zum Tmpelrand, ber welchem
das Wasser erneut in etwa klafterhohem Falle niederstrzt. Sorgsam
betrachtete Ehrenstraer diesen brausenden Wassersturz und kombinierte
dabei, da die ins Wasser geworfene Mordwaffe entweder im Tmpel liegen
oder vom Sturzfall weggerissen sein msse, daher weiter unten irgendwo
liege.

Wieder blickte der Untersuchungsrichter auf den Schaumsturz. Zu seiner
grten berraschung flattert zeitweilig ein Stck einer Schnur aus der
Gischtflut, welches das Wasser alsbald wieder einfngt, worauf das
Baumeln in der Luft fr einige Sekunden wieder erfolgt.

Kein Zweifel, die Schnur ist an etwas befestigt und dieses Etwas mu
sich im Tmpel hart am Rande befinden. Flink eilt Ehrenstraer die
Steilbschung wieder hinan, streift die Hemdrmel so hoch als mglich an
den Armen auf und steigt nun in den Tmpel hinein.

Was liegt jetzt an Nsse und Klte, da sich eine Spur bietet.

Langsam tastet Ehrenstraer Schritt fr Schritt dem Tmpelrande zu,
beugt sich so tief als mglich nieder, und sucht mit den Hnden den
Tmpelgrund ab. Nichts weiter zu greifen, als Steine. Die erhoffte
Schiewaffe liegt also nicht im Grunde. Was hat aber die Schnur dann zu
bedeuten? Der Richter hebt Stein um Stein aus der Tiefe und wirft sie
dann wieder weg. Doch schon der nchste Stein, ein Stck Bruchmergel in
Dreieckform, bietet, was der Beamte sucht. Der Stein ist mit einer
Schnur umwickelt und deren Ende flattert im Sturzfall. Was kann das
bedeuten? War am Ende der Schnur vielleicht die Pistole gebunden, die
von den Sturzwellen abgerissen und weggeschleudert worden ist?

Ehrenstraer schreitet aus dem Tmpel zur Bschung und verwahrt den Fund
in seinem Rock. Es gilt jetzt, die Waffe zu suchen und zu finden.

Unterhalb des letzten Schaumsturzes wird die Suche aufgenommen. Im Eifer
achtet Ehrenstraer gar nicht, da der Gischt ihn durchnt und die
scharfkantigen Bachsteine seine Fe ritzen. Er sucht thatschlich mit
Hnden und Fen im Wasser des zweiten Tmpels, als wollte er Krebse
fangen. Nichts zu finden als Steine und faulende Holzstcke, Astwerk.

Schon will der Richter die Suche aufgeben, da stt sein Fu auf einen
harten Gegenstand und im Nu wird dieser herausgefischt--es ist die
Pistole.

Wie ein kostbar Kleinod trgt Ehrenstraer diese Waffe, welche es
ermglichen wird, den Mrder zu finden. Rasch macht der Beamte wieder
Toilette, birgt die Pistole nebst Stein und Schnur in seiner Rocktasche
und eilt zurck in die Stadt.

In seiner Kanzlei eingeschlossen, begann Ehrenstraer die Waffe zu
untersuchen. Die einlufige Pistole ist abgeschossen, so wenig oder gar
nicht abgentzt. Wem mag sie gehren?

Aus einem Schchtelchen nimmt der Richter die wenig deformierte Kugel,
die der Gerichtsarzt aus dem Schdel Ratschillers losgelst hatte und
probiert es, dieselbe in den Lauf zu stecken. Das Kaliber pat genau.

"Groer Gott! Es ischt--Selbstmord!" stammelte Ehrenstraer, vor dessen
geistigem Auge sich nun klar die Situation abspiegelt. Es kann keinen
Zweifel geben, da Ratschiller absichtlich den Mergelstein mit der
Schnur umwickelt, die Pistole darangebunden, auf der Brcke am Gelnder
den Stein nach abwrts gehngt und sich die Kugel hinter dem rechten Ohr
ins Gehirn gejagt hat.

Unmittelbar nach dem Schu mu er die Pistole aus der Hand gelassen
haben, der Stein ri sie im Fallen ber das Gelnder hinunter in den
Tmpel. Hierbei mu die Pistole am Gelnder heftig angeschlagen und jene
Beschdigung im verwitterten Holz erzeugt haben. Durch den Wellenschlag
wurde der Knoten aufgerissen, die Pistole in den zweiten tieferliegenden
Tmpel geschleudert, whrend der umwickelte Stein im ersten Tmpel
liegen blieb und das Schnurende im Schaumsturz baumelte, bis es
Ehrenstraer entdeckte und herauszog.

Wie gelhmt sitzt der Untersuchungsrichter in seinem Sessel, die Wucht
dieser Entdeckung drckt ihn nieder.

Was mag den alten Fabrikherrn in den Tod getrieben haben? Weshalb
versuchte Ratschiller den Selbstmord so zu gestalten, da man an
Raubmord glauben sollte?

Das mu eruiert werden; ebenso wie es der Feststellung bedarf, da die
Waffe Eigentum des Fabrikherrn gewesen.

Unwillkrlich mute Ehrenstraer seiner Tochter Emmy gedenken, und ein
tiefer Seufzer entstieg seiner Brust. Wie schmerzlich, da er, der
Vater, das Glck seiner Tochter in seiner Eigenschaft als
Untersuchungsrichter vernichten mu und wahrscheinlich auch die Existenz
der Ratschillerschen Familie.

Wie freute es ihn, in allen bisherigen Fllen, wenn die sorgsam gefhrte
Untersuchung erfolgreich durchgefhrt werden konnte. Und diesmal
bereitet die Untersuchung namenlose Qual.

Mu der Selbstmord amtlich und ffentlich klargelegt werden? Der Jurist
bejaht die Frage; der gefhlvolle Mensch mchte sie verneinen.

Ehrenstraer will vor allem das Motiv kennen lernen und deshalb lie er
den Gerichtsadjunkten zu sich bitten, der die Hinterlassenschaft
dienstlich zu ordnen hat.

Hrhager war damit so weit gekommen, um aus den Papieren Ratschillers
konstatieren zu knnen, da Bargeld knapp ist.

"Passiv?" fragte schier ngstlich der Richter.

"Nein! Die Auenstnde sind sehr bedeutend. Alle Flligkeiten der Firma
in nchsten Zeiten sind mir noch nicht gengend bekannt."

"War Ratschiller in einer Lebensversicherung?"

"Ja, und auffallend hoch versichert!"

"Bei welcher Gesellschaft?"

"Bei der Triestiner!"

"Die Triestiner zahlt meines Wissens Todesflle durch Selbstmord nicht
aus; ich werde in die Police Einsicht nehmen!"

"Es soll doch Raubmord vorliegen, nicht?" warf Hrhager ein.

"Ich kann im jetzigen Stadium der Untersuchung keinen Aufschlu geben!"
erklrte Ehrenstraer ausweichend.

"Bitte sehr! Ich dachte nur, unter Amtskollegen--!"

"Bedauere, heute ischt mir dies thatschlich noch nicht mglich.
Hingegen bitte ich um alle Papiere Ratschillers und berhaupt um den
ganzen Akt, sobald Sie fertig sind!"

"Ich stehe zu Diensten, Herr Bezirksrichter!" sagte Hrhager und
entfernte sich etwas verstimmt.

Spt am Abend begab sich Ehrenstraer nach Hause und sein erstes war,
der armen Tochter Emmy Trost zuzusprechen, die sich in ihr Kmmerlein
zurckgezogen hatte.

Wie schmerzlich war es dem Vater, andeuten zu mssen, da die
Verhltnisse nach dem pltzlichen Tode Ratschillers einen Verzicht auf
die Verbindung nahelegen.

Unter Thrnen fragte Emmy nach den Grnden, und Ehrenstraer vermochte
nur zu sagen: "Ich frchte, es wird nicht anders gehen."

"Hast du des Mrders Spur entdeckt, Papa?"

"Ich kann keine Auskunft geben, liebes Kind. Die Untersuchung ischt kaum
erffnet, geschweige denn abgeschlossen."

Schluchzend warf sich Emmy an des Vaters Brust und flehte um seinen
Beistand. Sie will Franz treu bleiben, auch wenn durch den Tod
Ratschillers das Unglck ber die schwer heimgesuchte Familie
hereinbrechen sollte.

So trstete denn Ehrenstraer unter schmerzlichem Lcheln sein Kind und
zog sich nach dem kurzen Abendimbi in seine Stube zurck, wohin Bianca
in ihrer Neugierde ihm folgen wollte.

Hflich, doch bestimmt lehnte Ehrenstraer diese Begleitung ab, er will
und mu allein sein, um den Fall zu studieren.

Beleidigt suchte die lebhafte Gattin die Kinderstube auf. Wozu hat man
einen Beamten zum Gemahl, wenn man in interessanten Fllen aus der
Untersuchung keine Mitteilungen erhlt, dachte die Gattin, welche mit
ihren Informationen im Falle Ratschiller gerne den befreundeten Damen
gegenber geprahlt htte und nun so viel wie gar nichts wei.

Am nchsten Morgen besuchte der Richter Franz Ratschiller im Komptoir
und sprach ihm vor allem herzliches Beileid aus, wofr der schier
gebrochene junge Mann innig dankte. Es war fr Ehrenstraer peinlich,
Franz erffnen zu mssen, da die Untersuchung auch im Komptoir des
Verstorbenen ihre Fortsetzung finden msse, der unerbittliche Dienst
kennt keine Rcksicht. So schonungsvoll als mglich erbat der Richter
die Erlaubnis einer Nachsuche im Arbeitsgemache Ratschillers sen. und
Ausfolgung der Pultschlssel und, wiewohl verwundert ob solcher Bitte,
die ja eigentlich ein Befehl ist, gab Franz die Schlssel ab mit dem
Beifgen, da alle Papiere von dem Gerichtsadjunkten bereits abgenommen
worden seien.

Ehrenstraer befand sich allein im Arbeitsraume des toten Fabrikherrn,
und schlo Fach um Fach zunchst des Schreibpultes auf. Ein Ldchen im
Innersten enthielt die Uhr und die offensichtlich abgezwickte Kette, an
welcher der Befestigungsring fehlte.

"Also doch! Glied um Glied reiht sich aneinander!" flsterte
Ehrenstraer, der im nchsten Ldchen das vermite Portefeuille vorfand
und ein scharf geschliffenes Federmesserchen, dessen eine Klinge offen
stand und vom Fdchen einer aufgetrennten Naht umwickelt war. Alles
Zeichen fr eine wohlvorbereitete Tuschung ber den Selbstmord.

Ehrenstraer nahm alle diese Gegenstnde an sich, dann bat er Franz,
einzutreten. Das Schwierigste sollte sich nun abspielen und soll dabei
dem Sohne doch fr jetzt noch verheimlicht bleiben.

Der Richter erffnete Franz, da es gelungen sei, die Mordwaffe
aufzufinden.

"Und vom Mrder haben Sie noch keine Spur?"

"Doch! Ich kann hierber aber noch nicht sprechen. Dagegen mchte ich
Ihnen die Waffe zeigen!" sagte Ehrenstraer und nahm die Pistole, welche
er ad hoc bei sich fhrte, aus der Tasche.

Kaum hatte sie Franz erblickt, schrie er. "Um Gotteswillen! Das ischt ja
Papas Schiezeug, das er stets ungeladen im Nachttischchen liegen hatte
zur Beruhigung der immer ngstlichen Mama! Mit dieser Pistole kann doch
Papa nicht erschossen worden sein!"

Fr den Untersuchungsrichter gengte die Agnoszierung der Waffe als
Eigentum des Fabrikanten vllig.

"Es mu ein Irrtum oder die Pistole vom Mrder vorher gestohlen worden
sein! O Gott, wie entsetzlich ischt doch dieses Ereignis!" jammerte
Franz.

Ehrenstraer wollte seine Entdeckung noch nicht kundgeben, auerdem noch
einige Versuche am Thatorte anstellen, weshalb er von Franz sich
verabschiedete und den Weg zur Sattelbrcke einschlug.

Dort angekommen, suchte der Untersuchungsrichter einen hnlichen Stein,
band eine zweite Schnur daran, sowie die Pistole und operierte in der
Weise, wie mutmalich Ratschiller es gethan haben mochte. Diese
Versuche ergaben, da die Sache thatschlich ganz gut geht und da die
Pistole jedesmal das Brckengelnder verletzt.

Dies in Verbindung mit den Resultaten der heutigen Versuche in
Ratschillers Komptoir, mu den letzten Zweifel beseitigen, die
Untersuchung dieses Falles kann geschlossen werden.

Tieftraurig kehrte Ehrenstraer zur Stadt zurck, versunken in Gedanken.
Diesmal wird die Erfllung der beschworenen Dienstpflicht qualvoll nach
jeder Richtung.

Eine Verheimlichung des eklatanten Selbstmordes mu als ausgeschlossen
betrachtet werden. Was aber wird die Aufdeckung von Amts wegen zur Folge
haben?

Zunchst die Verweigerung eines kirchlichen Begrbnisses durch das
zustndige Pfarramt. Die Beerdigung hat schon heute nachmittag zu
erfolgen. Welch neuen, tiefen Schmerz im Hause Ratschiller mu die
Verweigerung des kirchlichen Begrbnisses hervorrufen!--An
Geistesgestrtheit ist nicht zu denken, der Selbstmord ist geradezu mit
Raffinement vorbereitet worden, die Tuschung so geschickt gemacht, da
ihr ein Anfnger in der Gerichtspraxis zweifellos zum Opfer gefallen
wre.

Eine zweite Folge der Bekanntgabe des Untersuchungsresultates wird sein,
da sich die Versicherungsgesellschaft weigern wird, die Police zu
honorieren. Die Familie Ratschiller wird keinen Heller erhalten, die
eingezahlten Prmien sind rettungslos verloren. Inwieweit die
Bekanntgabe des Selbstmordes das Geschft selbst und den Fabrikbetrieb
berhren und schdigen wird, Ehrenstraer vermag das gar nicht
auszudenken. Mglicherweise zeitigt der Fall vollstndigen Bankerott der
Firma.

Und wie schmerzlich ist der Fall fr Ehrenstraer selbst und seine
Tochter!

Darf sich aber ein Richter von solchen Erwgungen leiten oder
beeinflussen lassen? Die Antwort auf eine solche Frage mu ein starres
Nein sein, die Amtspflicht kennt keine Rcksicht, darf sie nicht kennen.

Eine andere Frage drngte sich dem gepeinigten Richter auf, die
Zeitfrage. Ist es zwingend notwendig, das Untersuchungsresultat schon
heute bekannt zu geben?

Sonst vergehen oft Monate, bis eine Untersuchung abgeschlossen werden
kann. Ist es nicht Zufall gewesen, da Ehrenstraer in so kurzer Zeit,
binnen zwei Tagen, dem Selbstmord auf die Spur kam?

Hlt der Richter mit der Bekanntgabe wenigstens einige Stunden zurck,
so wird doch das kirchliche Begrbnis ermglicht, und ein bitterer
Schmerz bleibt der armen Familie erspart.

Aber was wird das in diesem Falle dupierte Pfarramt sagen, wenn es
erfhrt, da das Gericht vom Selbstmord schon vor der Begrbnisstunde
Kenntnis hatte? Wer kann den Untersuchungsrichter in dieser Beziehung
kontrollieren? Niemand! Aber was sagt das eigene Bewutsein, das
Pflichtgefhl?

"O Gott! Es ischt qualvoll!" sthnte Ehrenstraer und rang nach einem
definitiven Entschlu um so heier, je mehr er sich der Stadt nherte.

Im Bezirksgerichte herrschte rege Thtigkeit, hervorgerufen durch die
unerwartete Ankunft des inspizierenden Prsidenten vom Kreisgericht. Die
Kunde von dem Raubmord war durch den Telegraphen auch im Kreisgericht
sehr schnell bekannt geworden und hatte den Prsidenten, der ohnedies
eine Inspektion des Bezirksgerichtes beabsichtigte, veranlat, sich
sofort in das Amtsstdtchen zu begeben. Da Ehrenstraer nicht anwesend
war, nahm der Prsident unterdessen die Inspizierung im Gerichte vor und
lie sich von dem Adjunkten ber den berraschenden "Fall Ratschiller"
soweit als mglich informieren.

Als Ehrenstraer in seiner Kanzlei erschienen war, wurde der Prsident
sogleich verstndigt, der nun den Richter aufsuchte und sich in den Fall
vertiefte, indem er den Akt zu lesen begann mit wachsendem Erstaunen.

"Das ischt ein Fall von groem Interesse!" rief der Prsident
nach beendigter Lektre und ersuchte um Mitteilung weiterer
Untersuchungsergebnisse, die noch nicht zu Papier gebracht sind.

Ehrenstraer erstattete ausfhrliche Meldung, die mehrere Stunden
beanspruchte, da der Prsident jedes einzelne Moment der Untersuchung
berprfte und besprach.

Das Raffinement in der Vorbereitung des Selbstmordes und die versuchte
Tuschung berraschte selbst den alten, diensterfahrenen Prsidenten,
welcher rckhaltslos die Sorgfalt in der Fhrung dieser Untersuchung
lobend anerkannte und dann zu einer Errterung der durch den
aufgedeckten Selbstmord geschaffenen Situation berging.

"Wahrscheinlich stand der Verstorbene in finanziellen Schwierigkeiten?"
fragte der Oberbeamte.

"Aus den Bchern ergiebt sich wohl ein geringer Barbestand, doch sind
bedeutende Auenstnde zu gunsten der Firma vorhanden. Ratschiller war
ungewhnlich hoch in der Lebensversicherung eingekauft."

"Richtig, die Police liegt ja im Akt. Die Assekuranzsumme wollte
Ratschiller vermutlich fr die Relikten retten, daher der
Tuschungsversuch. Mir will indes scheinen, als ob das Motiv zum
Selbstmord doch tiefer liege, auf einem Gebiete, das wir in den Bchern
nicht vorfinden. Haben Sie hierber Erhebungen gepflogen?"

Ehrenstraer stutzte, an das gewissermaen treibende, zwingendste Motiv
hat er noch nicht gedacht und deshalb auch nicht darnach geforscht. Wo
aber suchen, wie vorgehen?

"Ich wiederhole meine vollste Anerkennung fr die bisher von Ihnen
gefhrte Untersuchung und die erzielten, berraschenden Resultate. Der
Akt kann aber nicht frher geschlossen werden, bis nicht ber das
Urmotiv vllige Klarheit geschaffen ischt. Mich interessiert der Fall
auerordentlich; wenn Herr Kollege gestatten, beteilige ich mich
untersttzend an den weiteren Erhebungen. Ich mchte das Grundmotiv
wahrhaftig selber kennen lernen, und scheue die Mhe keineswegs. Glauben
Sie, da wir im Fabrikbetrieb einen Anhaltspunkt finden knnten?"

"Die Mglichkeit ischt vorhanden. Der Fabrikleiter drfte zweifellos von
Schwierigkeiten und dergleichen Kenntnis haben."

"Sind Herr Kollege zufllig ber die Cementfabrikation eingehender
informiert?"

"Ich denke diese Frage mit ja beantworten zu knnen!"

"Was kann einem Cementfabrikanten beispielsweise eine enorme
Schwierigkeit verursachen?"

"Steinmangel!"

"Heureka! Da haben wir ja das Urmotiv! Ergiebt sich bei Ratschiller
thatschlich Mangel an brauchbarem Stein, und davon mu der Fabrikleiter
unbedingt Kenntnis haben, so ischt das Motiv fr den Selbstmord
sonnenklar aufgedeckt!"

Ehrenstraer bi sich auf die Zunge; an die Mglichkeit hat er wirklich
nicht gedacht.

Feierliches Glockengelute war in diesem Augenblick hrbar.

Ehrenstraer seufzte erleichtert auf, das Gelute gilt dem Fabrikherrn,
dessen Leiche eben zu Grabe getragen wird. So ist denn das kirchliche
Begrbnis gesichert, ohne Pflichtverletzung des Untersuchungsrichters.

Da der Prsident nun andere Fragen an den Gerichtsvorstand richtete, kam
Ehrenstraer der Fall des Eindpaters in Erinnerung und fragte er daher
an, ob eine spezielle Vernehmung des alten Priesters in der Einde
stattfinden msse.

"Glauben Sie, da der Geistliche das Bewutsein der Beihilfe gehabt
hat?"

"Nein, ich halte dies fr ganz unwahrscheinlich!"

"Dann schlagen wir die Sache nieder, der betreffende Akt kann
geschlossen werden."

Es dmmerte, als die Gerichtsherren ins Freie traten und sich nach der
Verabredung, morgen frh der Cementfabrik einen Besuch abzustatten,
voneinander trennten.




XIII.


Hundertpfund war kurz nach dem Verlassen des Gerichtsgebudes auf dem
Marktplatz der hbschen Doktorin in die Hnde gelaufen. Beide waren ob
dieser unerwarteten Begegnung berrascht und Frau von Bauerntanz wute
nicht, wie sie sich dem Fabrikleiter gegenber verhalten sollte. Seit
jenem Abend bei Ratschillers war der Verkehr abgebrochen geblieben, Rosa
grollte und hatte das Haus des Cementfabrikanten gemieden.

Beim Anblick der in ihrer Verwirrung um so hbscheren Frau empfand
Hundertpfund etwas wie Reue ber die verbte Vernachlssigung Rosas und
blitzschnell schossen die Gedanken durch seinen Kopf, da mit dem Tode
Ratschillers das Heiratsprojekt ja doch hinfllig und seine Stellung in
der Fabrik wackelig sei. In der Zwischenzeit aber knnte der Scherz
einer geheuchelten Verehrung ausgesponnen werden.

Der huldigenden Ansprache Hundertpfunds setzte Frau Rosa eisiges
Schweigen entgegen, doch duldete sie, da der hbsche Mann ihr zur Seite
ging und eine Verteidigungsrede loslie, die in der Behauptung gipfelte,
da es ihm mit einer Werbung um Josephine ja doch nicht ernst gewesen
sei.

Ohne es zu wollen, sprudelte Frau Rosa die Frage heraus. "Weshalb haben
Sie mich aber dann die lange Zeit ignoriert?"

"Ich mute aus der Art Ihres Abganges doch auf Ungnade schlieen und
schwer genug habe ich unter dieser Ungnade gelitten!"

"Wer das wohl glaubt!" spottete Frau Rosa.

"Gndige Frau thun mir eben absichtlich Unrecht! Das ist so die
Handlungsweise schner Damen! Je schner eine Frau, desto grausamer wird
sie sein!"

"Wie weit sind Sie denn mit Frulein Ratschiller gekommen?"

"Aber ich bitte Sie! Erstlich fehlte mir jede ernstliche Absicht, und
dann macht ja doch die Katastrophe im Hause Ratschillers jedes Projekt
berhaupt zu nichte!"

"Ja, es ischt ein frchterliches Ereignis. Gott sei's gedankt, da man
wenigstens den Mrder so rasch hinter Schlo und Riegel sehen konnte!
Sind Sie nher ber die aufregende Sache informiert?"

"Ich komme soeben vom Bezirksrichter, doch wurden mir Mitteilungen nicht
gemacht."

"Schade! Ich htte gern Nheres erfahren! Gott, wie mu es im Hause
Ratschiller jetzt aussehen! Welch ein Durcheinander! Ob der alte Herr
wohl ein Testament hinterlassen hat? Ich glaube, gar zu viel werden die
Erben nicht erhalten! Du lieber Himmel! Ich will ja gewi nichts bles
nachreden, aber der Aufwand war doch immer arg! Bei jeder Gelegenheit
Champagner in Strmen!"

"Sie haben aber doch immer tapfer mitgehalten, gndige Frau!"

Rosa bi sich auf die Lippe und ein bser Blick traf den Begleiter, der
rasch einzulenken versuchte und beteuerte, da er es nicht so schlimm
gemeint habe.

Das Thema wollte Frau von Bauerntanz indes keineswegs verlassen, und der
Fabrikleiter ist nach ihrer Meinung noch immer die der Firma am
nchsten stehende und sicher bestinformierte Persnlichkeit, weshalb
Frau Rosa immer eifriger ihre Fragen an Hundertpfund richtete.

Das Paar war im Gesprch auf dem Wiesenpfad bis an den Fu des waldigen
Sattels gekommen und jetzt erst gewahrte Frau Rosa dies zu ihrem
Schrecken: "Gott, wir sind ja in der Nhe der Mordsttte! Ich gehe
keinen Tritt weiter! Bitte, begleiten Sie mich zurck! Ich frchte mich!
Vielleicht lauert ein Mrder auf mich!"

"Aber gndige Frau! Kommen Sie nur mit! In meiner Begleitung wird Ihnen
gewi nichts passieren!"

"Nein, nein! Unter keinen Umstnden gehe ich an der Schaudersttte
vorber!"

"Dann schlage ich vor, wir biegen seitlich ab, steigen auf bis zum
Rangierhaus oben, von da ab knnen wir auf der Seilbahn zur Fabrik
fahren!"

"Sind Sie toll geworden? Ich auf der lebensgefhrlichen Luftbahn
fahren--!"

"Die Sache ist keineswegs gefhrlich, man mu nur ruhig im Wgelchen
sitzen! Ich stehe gut, da wir mit heiler Haut unten in die Fabrik
gelangen!"

Die Absicht, Frau Rosa in die Waldeinsamkeit zu locken, milang trotz
der Neugierde und Klatschsucht, die hbsche Frau weigerte sich auf das
Entschiedenste.

Den Weg zur Stadt nochmals zurckzulegen, wollte nun Hundertpfund nicht,
das Interesse erlosch augenblicklich und khl verabschiedete er sich.

Verstimmt kehrte die Doktorin in die Stadt zurck, indes Hundertpfund
ber den Sattel zur Fabrik marschierte.




XIV.


Ehrenstraer wurde am Morgen durch dringende Arbeiten in der Kanzlei
festgehalten und dadurch gezwungen, den Ausflug zur Fabrik auf den
Nachmittag zu verschieben. Der hiervon verstndigte Prsident fhrte
inzwischen die Gerichtsinspektion vllig durch, wobei er auch in die
Amtsstube des Kanzlisten geriet, und zwar in dem Augenblick, als dieser,
ein brbeiiger, alter Schreiber, einen Bergbauer scharf rffelte.

Natrlich beendete der Kanzlist augenblicklich die derbe Rede, doch der
Prsident hatte rasch die Situation erfat und beeilte sich, dem
Gerichtsschreiber auseinanderzusetzen, da Hflichkeit auch bei Gericht
gebt werden msse.

"Sehr wohl!" erwiderte unter tiefer Verbeugung der Kanzlist.

"Jawohl! Ich mu dringendst ersuchen, alle zu Gericht kommenden
Parteien, auch widerhaarige Bergbauern, mit grter Hflichkeit zu
behandeln. Die Leute haben ein Recht darauf zufolge der berlegenen
Bildung, welche den Beamten Noblesse zur unabweisbaren Pflicht macht!"

"Wie Ew. Gnaden befehlen!" echote der Kanzlist.

In diesem Augenblick prasselte der Amtsdiener in die Stube mit der
Meldung, da schon wieder so ein Bergrammel drauen sei, und mit dem
Herrn Kanzlisten reden wolle.

Ob der Unterbrechung seiner Rede ergrimmt, rief der Prsident.
"Donnerwetter, das Luder soll warten, bis ich ausgesprochen habe!"

Das Grinsen auf den Gesichtern des Kanzlisten und Amtsdieners verschwand
schnell, als der Prsident sie zu fixieren begann und erneut sich ber
das Gebot der Hflichkeit auslie, auch im Falle, da sich das Bergvolk
der bernamen gegenber Gerichtspersonen bedienen sollte.

Der Kanzlist wie der Amtsdiener standen, wie die Salzsulen so starr
und blickten in hchstem Erstaunen auf den Oberbeamten.

"Haben Sie mich verstanden?" fragte er weiter.

Der Kanzlist erwiderte devot. "Mit Verlaub, Ew. Gnaden, nein!"

"Sie wissen doch, was ein bername ischt?"

Aus dem Gesichtsausdruck konnte der Prsident ersehen, da der Mann das
absolut nicht wei, weshalb der Beamte darauf hinwies, da ein bername
gleichbedeutend mit Spitznamen oder Vulgonamen sei.

"Wissen Sie, wie die Bergbauern z.B. Sie selbst, den Gerichtskanzlisten,
unter sich zu benennen pflegen?"

Der Kanzlist schttelte den Kopf.

"Das knnen wir vielleicht gleich eruieren!" sagte der Prsident, der
sich einen Spa versprach und den Amtsdiener beauftragte, den wartenden
Bauer hereinzubringen.

Alsbald stand der knorrige Gebirgler in der Stube, arg verlegen darber,
da sich auer dem ihm bekannten Kanzlisten noch ein Herr in der Kanzlei
befand.

Der Prsident fragte gleich, aus welcher Gemeinde der Bauer sei.

"Aus Latschwies, gn' Herr!"

"Ah, kenne ich! Das ischt ja die witzigste Gemeinde von ganz Tirol! Dort
besteht die Gepflogenheit ganz besonders, jedermann mit einem bernamen
zu belegen. Sagt 'mal, hat nicht auch der Gerichtskanzlist hier einen
Beinamen?"

"Ich wt' nicht, Ew. Gnaden!" stotterte der Bauer.

"Nur grad' heraus mit der Sprache! Wie nennt Ihr, wenn Ihr zu Hause oder
im Wirtshause beim Rtel den hiesigen Gerichtskanzlisten?"

"Sell kann ich decht nicht gut sagen in der Kanzlei!"

Dem Kanzlisten wurde etwas schwl.

"Ischt der Name denn so gefhrlich?" fragte schmunzelnd der Prsident.

"Ich glaub' decht nicht, da der Herr Kanzlist a Freud' htt' wenn er
ihn hret!"

"So? Jetzt mchte aber schon ich auch den Namen wissen! Red' nur frei
'raus, es geschieht dir gar nichts!"

Der Latschwieser zog sich langsam und rcklings gehend zur Kanzleithre
hin und griff nach der Klinke.

"Halt! Dageblieben! Heraus mit dem bernamen!" rief der amsierte
Oberbeamte.

"Wenn's decht sein mu. _Tintenschlucker_ hoat er, der Herr Kanzlist!"
schrie der Bauer und sprang zur Thre hinaus.

Der Prsident schmunzelte ber das geahnte Resultat dieser kleinen
Namensforschung und trstete den in hchster Verlegenheit stehenden, bis
ber die Ohren rot gewordenen Kanzlisten. "Na, nehmen Sie es nicht zu
tragisch! Wer wei, welche bernamen uns selbst zugelegt sind!"

Nach diesen Worten lie sich der Oberbeamte den Bogen reichen, welchen
der Kanzlist eben am Tisch zur Lektre liegen hatte. Es war dies ein
Bericht einer Gemeindevorstehung im Mittelgebirge mit folgendem
Wortlaut.

  "Lbliches k. k. Bezirksgercht! Der gehorsamst Underzeichnete kann
  nix dafir, das beim Gercht gleichzeidig zwei Dirnen gleichen Namens
  eingeliefert worden sind. Auf die Anfrage, ob eine der beiden Dirnen
  mit Namen Anna Mayer identisch mit der im Polizeiblatt
  ausgeschriebenen, berichtigten Anna Mayer sei, wird gehorsamst
  erwdert: Die eine Anna Mayer ischt mit der berichtigten und
  ausgeschriebenen Anna Mayer _nahezu identisch_, die zweite Anna Mayer
  ischt mit der berichtigten Anna Mayer _schon mehr als identisch_!"[9]

"Ja, die Vorsteherberichte!" sprach der Prsident leise, legte den Bogen
wieder auf den Tisch und verlie die Amtsstube des aufatmenden
Kanzlisten.

Um dem Inspektionsbeamten bei Tisch Gesellschaft leisten zu knnen,
speiste Ehrenstraer mit dem Prsident im Gasthof und nachmittags
begaben sich beide ber den Sattel zur Cementfabrik.

Im langsamen Anstieg wurde der Fall Ratschiller abermals
durchgesprochen. Ehrenstraer konnte mitteilen, da eine Anfrage der
Triestiner Assekuranzanstalt eingelaufen sei, ob die Nachricht von dem
Raubmord, begangen an dem hochversicherten Cementfabrikanten Ratschiller
auf Wahrheit beruhe.

"Das Gericht ischt doch keine Auskunftei!" meinte der keuchende
Oberbeamte.

"Zum mindesten wird sich die Gesellschaft bis zum Abschlu der
Untersuchung gedulden mssen."

Ein mchtiger Knall unterbrach das Gesprch, und gleich darauf ertnten
abermals gewaltige Schsse.

"Was ischt denn los?" fragte der Prsident.

"Mutmalich Sprengschsse!"

"Aber sehr krftige. Wahrscheinlich Dynamit!"

"Ratschiller lie mit dem ungleich krftiger wirkenden Janit sprengen."

Nach einer halben Stunde Weges erreichten die Beamten die Fabrik, welche
wie ausgestorben schien. Nirgends war ein Arbeiter zu sehen, selbst die
qualmenden Brennfen waren ohne Bedienung. Ehrenstraer richtete
forschende Blicke in die bergige Umgebung und gewahrte alsbald einen
Knuel lebhaft erregter Menschen am Eibenberge.

Sogleich begaben sich die Herren ebenfalls hinauf.

Hundertpfund erblickte sie, eilte ihnen in hochgradiger Erregung
entgegen und rief. "Ein kolossaler Erfolg! Eine beispiellose
berraschung!"

Der Richter fragte hastig. "Was ischt geschehen?"

"O! Wenn der arme Chef das vor wenigen Tagen erlebt htte! Wir haben
neuerdings soeben gesprengt und ein Mergellager ist blogelegt von einer
auerordentlichen Mchtigkeit! Wir haben auf Jahrzehnte hinaus reichlich
Brennstein zu Portlandcement!"

Ehrenstraer stand betroffen und der Prsident fragte. "So hatte man vor
einigen Tagen vermeintlich Mangel an Stein?"

"Ja! Die frheren Sprengungen waren nahezu gnzlich erfolglos! Noch vor
drei Tagen war der Chef, Gott hab ihn selig, trostlos ber den
Steinmangel! Und heute dieser riesige Erfolg! O, wenn Ratschiller das
noch erlebt htte!"

Der Prsident wechselte mit Ehrenstraer einen bedeutungsvollen Blick;
dann besichtigten die Herren unter Hundertpfunds Fhrung den Steinbruch,
woselbst auch Laien erkennen konnten, da ein mchtiges Mergellager
geffnet sei.

Das Gutachten des Bergingenieurs war also doch vllig richtig,
Ratschiller sen. hat sich zu frh der Verzweiflung berlassen und ist
bereilt aus dem Leben geschieden.

Hundertpfund eilte in die Fabrik, um die berwltigende Neuigkeit
telephonisch dem jungen Fabrikherrn zu melden.

Fr die Gerichtsherren war das Urmotiv des Selbstmordes gefunden, ein
weiteres Verweilen zwecklos, weshalb der Rckweg angetreten wurde unter
lebhafter Errterung dieser berraschenden Schicksalsfgung.

Am Abend reiste der Prsident ab.

Tags darauf beendete Ehrenstraer die Untersuchung, und schlo den Akt
Ratschiller in Bezug auf den klargelegten Selbstmord. Der verhaftete
Streuner wurde in Freiheit gesetzt.

Fr den gewissenhaften Richter kam nun die schmerzlichste Stunde, die
Bekanntgabe des Untersuchungsergebnisses an den jungen Ratschiller von
Amts wegen.

Franz ward auf nachmittags drei Uhr citiert und pnktlich fand er sich
in der Kanzlei des Richters ein.

Ehrenstraer war bleich, in nervser Erregung, als er nach kurzer
Begrung dem jungen Ratschiller erffnete: "Ich habe Ihnen amtlich
mitzuteilen, da nach abgeschlossener, gewissenhafter Untersuchung kein
Raubmord vorliegt!"

"Um Gotteswillen, was dann?"

"Es ischt mir hchst schmerzlich, Ihnen die volle Wahrheit sagen zu
mssen. Ihr Herr Vater, Gott hab' ihn selig, hat seinem Leben selbst ein
Ende gemacht!"

"Allmchtiger Gott!" sthnte Franz in namenloser Qual, fassungslos,
verzweifelnd.

Liebreich versuchte Ehrenstraer zu trsten und dem schier gebrochenen
Mann Mut zuzusprechen.

Nach etwa einer Stunde verlie Franz totenbleich das Amtshaus.

Die Kunde vom aufgedeckten Selbstmord erzeugte eine noch viel grere
Erregung in der Bevlkerung als vorher die Nachricht vom Raubmord.




XV.


Die ersehnte Ruhe im Amt sollte dem Richter nach den Aufregungen der
letzten Tage nicht werden; der tgliche Posteinlauf sorgte dafr, da
der Chef Arbeit genug bekam. Und was enthlt der Einlauf fr
Sonderbarkeiten. Aus langer Praxis kennt Ehrenstraer die Protokolle von
Gemeindevorstehern und niederen Polizeiorganen, gelassen ffnet er Brief
um Brief.[10] Gelesen, wenigstens durchflogen mu werden, ehe die
Verteilung an Adjunkt und Kanzlist erfolgen kann.

Diesmal ist ein verlangtes Leumundszeugnis dabei, das auffllig kurz
gehalten, den Leumund eines Mannes wie folgt schildert. "Der Angefragte
besitzt _auer seiner Frau und drei Kindern nichts Bewegliches_ und
seine Eltern sind _hoffentlich_ schon gestorben."

Mit einem mden Lcheln legt der Richter das Schreiben weg und durchflog
den nchsten Bericht ber eine Pfndung mit folgendem Inhalt: "Post Nr.
13. Im hohen Auftrag lblichen k. k. Bezirksgerichtes wurden dem N. N.
gepfndet 4 schwarze Schafe, 2 davon sind aber wei. Die Pfndung ging
soweit anstandslos vor sich, doch ist der Betroffene des Gehorsams nicht
besonders bedacht, weshalb die Exekution in gnzlicher Abwesenheit des
Schuldners vorgenommen wurde. Sonst ist der Betreffende noch nie zu
Gerichtshanden gekommen. Indem dieser Bericht unterthnigst bersndet
wird, sei gemeldet, da die Vertilgung der Mayen-Kefer von Erfolg war.
Aus diesem Grunde bittet der gehorsamst Unterzeichnete um Bewilligung
der Hypothekeintragung nebst Sammlung fr die Armen-Schulschwestern."

Ein drittes Amtsschreiben trgt den Vermerk "Cito" und unwillkrlich
widmet Ehrenstraer diesem Stck grere Aufmerksamkeit. Klipp und klapp
besagt das Schreiben: "Der neuen Kronenwhrung mu die gehorsamst
unterzeichnete Gemeindevorstehung groe Bedenken entgegenstellen,
dieweilen der Senner auf der Kreuzalm verdchtig ist, falsches Geld zu
machen. Wir bitten daher, es mge eine Gerichtsdeputirung der Sache
nachgehen. Bis jetzt sind an zwanzig falsche Geldstcke eingefangen, die
der gehorsamst Unterzeichnete in Verwahr hat. Gleichzeitig wird geneigte
Auskunft erbeten, wie es infolge der Geldneuerung mit Ma und Gewicht
gehalten werden soll. Meines Wissens mu jetzund auch hlzernes Glas,
das der heilige Benedikt in unserer Kirche als Kelch in der Hand trgt,
frisch geaicht werden, allwo ich sonst keine Verantwortung bernehmen
knnte."--

Die Folge der Lektre dieses Berichtes war eine Depesche mit dem
Auftrage, die angeblichen Falsifikate sofort an das Bezirksgericht
einzusenden.

Sodann wollte Ehrenstraer nach dem Paket greifen, auf dessen Adresse
als Absender ein benachbartes Bezirksgericht genannt ist, da verlangte
im Vorzimmer ein Bauer erregt nach dem Herrn Bezirksrichter, und
Perathoner meldete, da der Bauer Tobias Haid in dringlicher
Angelegenheit den Herrn Gerichtsvorstand zu sprechen wnsche.

"Soll eintreten!"

Angesichts der groen Aufregung dieses Mannes hie Ehrenstraer selben
sich setzen. Widerwillig gehorchte Haid, erhob sich aber schon beim
nchsten Satze wieder.

"Sitzen bleiben!" gebot der Richter.

Schwerfllig lie sich der erregte Bauer in den Sessel zurckfallen und
fuchtelte dabei mit den Armen wie verrckt in der Luft herum.

Das erprobte Mittel zur Beruhigung aufgeregter Leute verfngt bei diesem
Menschen nicht, sitzend schweigt der Bauer.

"So bleib' halt stehen und erzhle!"

Der weitschweifigen Darstellung entnahm Ehrenstraer, da der Bauer Haid
in verwichener Nacht auf der Strae zum Amtsstdtchen im finsteren Walde
von einem Unbekannten angefallen und mihandelt worden sei, und da sich
Haid nur durch schnelle Flucht habe retten knnen.

Der Richter notierte sich die Meldung, obgleich sie ihm unwahrscheinlich
deucht. Eine Personalbeschreibung vermochte Haid nicht zu geben, es sei
zu finster und der Schrecken zu gro gewesen.

Nachdem der Bauer entlassen war, ffnete Ehrenstraer das Paket,
welches eine mehrbogige Thatschrift und in sorgfltiger Umwickelung eine
Mtze enthielt, wie solche in der Gegend hufig getragen werden.

Und die Zuschrift des benachbarten Amtsgerichts besagt, da vor einiger
Zeit ein Mann in finsterer Nacht von einem Unbekannten angefallen und
schwer verletzt worden sei. Vom Thter habe man nicht die geringste
Personbeschreibung, jedoch drfte ihm die beiliegende, auf der Strae
vorgefundene Mtze gehren.

Unwillkrlich brachte Ehrenstraer die eben erfolgte Anzeige des Haid
mit der Meldung des Nachbargerichtes in Verbindung und aufmerksam las er
das Schriftstck nochmals durch, wobei er das Postskriptum fand, in
welchem der Adjunkt anfragt, ob nicht eine mikroskopische Untersuchung
der Mtze durch den dortigen Gerichtsarzt angezeigt sein wrde.

Eigentlich rgerte den alten Richter diese Bemerkung eines jungen
Adjunkten; doch war Ehrenstraer in langer Praxis zu sehr gewohnt, auf
die geringste Kleinigkeit zu achten, und aus diesem Grunde wollte er
auch ber diese, etwas naseweise Meinung nicht achtlos hinweggehen. So
griff Ehrenstraer denn zur Mtze und betrachtete sie aufmerksam. Zu
sehen ist gar nichts, eine Mtze wie jede andere, im Stirnleder etwas
durchgeschwitzt, also seit lngerer Zeit im Gebrauch.

Wrde vom Nachbargericht nicht eine schwere Krperverletzung gemeldet,
man knnte die Anzeigen als ziemlich wertlos betrachten. Im brigen kann
es dem wenig beschftigten Gerichtsarzt Dr. von Bauerntanz nicht
schaden, wenn er Arbeit bekommt. Ehrenstraer schrieb daher einige
Zeilen, worin er um mikroskopische Untersuchung der beiliegenden Mtze
und um baldigen Bericht bat.

In vorsichtiger Verpackung mute Perathoner die Mtze zum Gerichtsarzt
tragen.

Zwei Tage vergingen im ruhiger gewordenen Dienst. Als am Morgen des
dritten Tages Ehrenstraer in gewohnter Weise amtierte, wurde ihm die
sorglich verpackte Mtze nebst Brief eingehndigt. Etwas spttisch wog
der Richter den Brief in der Hand, als wollte er das Gewicht des
Resultats einer mikroskopischen Untersuchung prfen. Das Lcheln erstarb
bei der Brieflektre, Dr. von Bauerntanz lieferte ein geradezu
verblffendes, wahrhaftiges Signalement, das Ehrenstraer dem Arzt
nicht zugetraut htte. Klar und bestimmt heit es im Bericht. "Der
Besitzer der Mtze ist ein krftiger, zur Korpulenz geneigter Mann in
mittleren Jahren, mit schwarzem und graumelierten, neuerdings kurz
verschnittenen Haaren und beginnender Glatze."

berrascht starrt Ehrenstraer auf diesen kurzen und doch vielsagenden
Bericht. Dieses Signalement pat auf das Schrfste auf den "Rosenwirt"
im Stdtchen. Aber es ist undenkbar, da dieser allgemein geachtete Mann
eine schwere Krperverletzung sich htte zu schulden kommen lassen.
Eines solchen Verbrechens ist dieser Mann gar nicht fhig, eine
Verhaftung auf Grund dieses Signalements unmglich, sie wrde eine
unerhrte Blamage bringen.

Wie der Doktor nur dazu gelangt sein kann, ein solches Signalement zu
geben? Das grenzt an Hexerei oder Frivolitt! Sollte Bauerntanz sich
einen Scherz mit dem Richter erlaubt haben? Dann wehe ihm; dienstlich
giebt es keine Spe; die Sache ist zu wichtig, es gilt ein Verbrechen
aufzudecken, den Thter ausfindig zu machen, die Untersuchung kennt
keine Scherze.

Den Gedankengang Ehrenstraers unterbrach der Besuch des
Gerichtsarztes. Dr. von Bauerntanz grte und ging sofort zum Zweck
seines Erscheinens ber, indem er sagte. "Ich glaube, es wird Ihnen ein
Kommentar zum kurzen Signalement erwnscht sein und solche Errterung
giebt man am besten mndlich!"

"Sie sehen mich thatschlich berrascht, Herr Doktor! Ich bitte, nehmen
Sie Platz! Wie sind Sie nur auf den Gedanken gekommen, den "Rosenwirt",
der allgemein als Ehrenmann bekannt ist, durch solches Signalement
gewissermaen zu portrtieren?"

"Portrtiert habe ich niemanden! Wer der Thter ischt, hat den
Gerichtsarzt gar nicht zu kmmern! Die von mir bethtigte Untersuchung
mittels Mikroskop entwickelte sich in folgender Weise: "In der Mtze am
Innenleder klebten zwei Haare, die unter dem Vergrerungsglase eine
graue Farbe zeigten, in ihrer Marksubstanz aber noch zahlreiche
pechschwarze Pigmentzellen hatten. Daraus ergiebt sich, da sie auf
einem Schwarzkopf saen, der jedoch bereits die ersten grauen Haare hat.
Die Schnittflche der vorgefundenen zwei Haare war scharf, der Mann hat
sich vor kurzer Zeit das Kopfhaar scheren lassen. Die Haarwurzeln waren
betrchtlich atrophiert, gestatten also die Schlufolgerung, da diese
Haare, die in ihrer Epithelialschicht mehrere von Schwei herrhrende
warzenfrmige Hervorragungen zeigten, wahrscheinlich am Rande einer
beginnenden Glatze gewachsen waren.

Der Mann schwitzt stark am Kopfe, also ischt der Mann zur Korpulenz
geneigt, das ischt eine Regel, die fast immer zutrifft. Aus diesen
Resultaten ergab sich das eingeschickte Signalement, das, wie ich glaube
annehmen zu drfen, zutreffend ischt!"

Ehrenstraer schritt erregt im Zimmer auf und ab; heiseren Tones
erwiderte er: "Alle Achtung vor Ihrer Wissenschaft! Aber das Signalement
pat haarscharf auf den "Rosenwirt" und dem ischt eine Krperverletzung
nicht zuzutrauen!"

"Ja, was das Gericht auf Grund dieser mikroskopischen Untersuchung thut,
das hat den Arzt nichts zu kmmern! Das Signalement ischt richtig, dafr
stehe ich ein! Das Weitere ischt Sache des Untersuchungsrichters!"

Dr. von Bauerntanz mochte etwas mehr Anerkennung erwartet haben, doch
Ehrenstraer schien geradezu traumverloren zu sein. So entfernte sich
der Gerichtsarzt, khl grend, und der Richter blieb in tiefen Gedanken
in der Kanzlei zurck. Das Signalement bereitet ihm wirkliche Sorge in
betreff der einzuleitenden Manahmen. Nur keine Migriffe, keine
bereilung! Aber eine Probe soll angestellt werden dahin, ob auch andere
Menschen aus dem rztlichen Signalement den "Rosenwirt", herausfinden.
Ehrenstraer lie sich den Gendarmenwachtmeister kommen, der zufllig zu
Hause war und daher sogleich erscheinen konnte. Ihm las der Richter das
Signalement vor und der Wachtmeister platzte in grter berraschung
heraus. "Das ischt ja der 'Rosenwirt'! Was hat denn selles Mandl
angestellt?"

"Das kann ich noch nicht sagen! Bringen Sie mir den Mann, achten Sie
aber bei bermittelung des Vorfhrungsbefehles auf dessen Benehmen und
etwaige Anzeichen von Schrecken &c. Finden Sie ihn nicht zu Hause, so
warten Sie auf ihn irgendwo. Es soll alles mglichst ohne Aufsehen
geschehen! Eine eigentliche Verhaftung soll es nicht sein! Haben Sie
mich verstanden?"

"Zu Befehl, Herr Bezirksrichter!"

Der Wachtmeister ging und schon nach einer Stunde brachte er den heillos
erregten "Rosenwirt" in die Gerichtskanzlei.

Indes der Gendarm sich entfernte, bernahm der Aktuar den Dienst der
Niederschrift des Verhrs.

Ehrenstraer richtete in mhsam erkmpfter Ruhe die Frage an den
aufgeregten Wirt: "Wo haben Sie die Nacht vor drei Tagen verbracht?"

Wie weggeblasen schien die Aufregung des Vorgefhrten, und mit einer
geradezu verblffenden Ruhe erwiderte der Wirt: "In seller Nacht war ich
daheim!"

Alle weiteren Fragen in Kreuz und Quer beantwortete der Wirt mit
unerschtterlicher Ruhe und nannte Zeugen fr sein Alibi. Die Situation
verschob sich, diesmal ist der Richter aufgeregt, der Vorgefhrte
gelassen. Ehrenstraer fhlte das Unangenehme dieser Situation, welche
schlimm fr einen Untersuchungsrichter ist. Sein Blick fiel auf den
eifrig kritzelnden Aktuar, mit welchem Ehrenstraer schon vor Jahren
vereinbart hatte, bei Verhren etwaige Wahrnehmungen zur unmerklichen
Meldung dadurch zu bringen, da der Aktuar seine Beobachtung oder eine
Vergelichkeit des Richters in der Fragestellung auf die Unterlage des
Protokollbogens niederschreibt.

Ehrenstraer bemerkte dieses fr dritte Personen ganz unverfngliche
Kritzeln, hielt mit dem Diktieren inne, trat zum Schreiber und las das
Gekritzel, whrend er scheinbar den Faden zum Weiterdiktieren suchte.

Das Gekritzel besagte. "Der Mann starrt auffllig auf den Tisch, ist die
Mtze ihm gehrig?"

Da die Mtze mit einem Bogen Papier verdeckt war, konnte sie der Wirt
doch nicht sehen. Sollte er sie aber doch gesehen haben, so wrde sein
aufflliges Hinstarren allerdings sehr verdchtig sein.

Ehrenstraer fand jetzt die Ruhe wieder und gelassen nahm er die Mtze
in die Hand, wobei er den Wirt scharf im Auge behielt. Dieser zwang sich
ersichtlich zum Ruhigbleiben, doch das Flackern im Auge vermochte er
nicht ganz zu unterdrcken.

"Kennen Sie diese Mtze?"

"Nein!"

"Ich meinte nur? Sie gehrt wahrscheinlich dem Tobias Haid!"

"Das glaub' ich auch!"

"Kennt Ihr den Haid?"

"Nein!"

"Wie knnt Ihr dann glauben, da die Mtze dem Haid gehrt?"

Der Wirt schwieg und senkte die Augenlider.

"Ihr knnt gehen, Rosenwirt!"

Unwillkrlich stie dieser einen Seufzer der Erleichterung aus, den
sowohl Ehrenstraer wie der Aktuar hrten, und trollte mit auffallender
Hast hinaus.

Ein verzwickter Fall: Verdchtige Anzeichen sind vorhanden, doch scheint
eine Verhaftung doch verfrht. Zum mindesten mchte Ehrenstraer den
Fall mit Haid vorher geklrt wissen.

Und diese Klrung brachte der nchste Morgen mit einem Schreiben des
Nachbargerichts inhaltlich der Anzeige, da vor jenem Gericht ein Brger
von dort angegeben habe, in fraglicher Nacht im Walde auf der Bergstrae
gegen Mitternacht einem hchst verdchtigen Manne begegnet zu sein. In
der Voraussetzung, da in jener entlegenen Berggegend um Mitternacht der
Unbekannte nichts anderes als ruberische Absichten haben konnte, sei
jener Brger auf den Ruber losgesprungen, habe ihm mehrere Hiebe
verabreicht, worauf der Unbekannte die Flucht ergriffen habe.

"Wenn da nicht Haid und jener Brger sich gegenseitig als Ruber
betrachtet und geprgelt haben, will ich mein Geschft aufgeben!" rief
Ehrenstraer und lud beide Mnner vor.

Das Ergebnis dieser Citation war wenige Tage spter ein alle Teile
belustigendes: Beide Mnner hatten sich bei der Begegnung im Bergwald um
Mitternacht vor einander gefrchtet, waren aus Angst aufeinander
losgesprungen, und jeder hieb los, um dann eiligst die Flucht zu
ergreifen. Von ruberischer Absicht konnte bei Haid wie beim Brger
keine Rede sein. Soweit war dieser Fall zur allgemeinen Befriedigung
erledigt.

Blieb nur noch die Geschichte mit dem mikroskopischen Signalement, und
in dieser Sache sollte Ehrenstraer wieder einmal den Wert einer
gutgeschulten Gendarmerie erproben. Wiewohl ohne speziellen Auftrag,
lediglich durch den damaligen Vorfhrungsbefehl aufmerksam gemacht,
beobachtete der Wachtmeister den "Rosenwirt" unauffllig und schritt in
dem Augenblick zur Kontrollierung, als der Wirt die Flucht ergreifen
wollte. Die heftige Gegenwehr veranlate den Wachtmeister, den rabiat
gewordenen Wirt vor den Richter zu bringen, der eben den
Verhaftungsbefehl niederschrieb. Unter dem Eindrucke seiner Verhaftung
und des entdeckten Fluchtversuches gab der Wirt das Leugnen auf,
anerkannte die Mtze als sein Eigentum und gestand die schwere
Krperverletzung zu.

Somit war diesmal ein Verbrecher mit Hilfe des Mikroskopes entdeckt
worden, und Ehrenstraer hielt frder den klugen, jungen Adjunkten hoch
in Achtung.

Das Frohgefhl einer befriedigenden Erledigung dieser Flle wich am
nchsten Tage einer beispiellosen berraschung, die den alten Richter
hpfen machte. Unter dem Briefeinlauf fr das k. k. Bezirksgericht
befand sich eine Geldanweisung auf 18 Gulden, aufgegeben von jener
Gemeindevorstehung, welche den Umlauf falschen Geldes gemeldet hatte.
Der findige Bauernbrgermeister hatte die Depesche des Gerichts
inhaltlich der Anforderung zur Einsendung der Falsifikate dahin
aufgefat, da er die falschen Gulden- und Kronenstcke auf dem Postamt
seines Wohnortes mittels--Postanweisung einzahlte, und das gutglubige
Postfrulein hatte die Falsifikate ruhig entgegengenommen und wieder
hinausgegeben. Ehrenstraer vollfhrte einen Indianertanz in seiner
Kanzlei, dann aber ordnete er sogleich eine Kommission in dieser Sache
an und noch am Nachmittag reiste er selbst in Begleitung seines Aktuars
und des Wachtmeisters nach jener Gemeinde ab.




XVI.


Whrend die Kommissionsmitglieder vor dem Gemeindehause warteten,
nahm in der Gemeindekanzlei der Bezirksrichter den genialen
Bauernbrgermeister vor, wie es sich angesichts des verbten
Geniestreiches gebhrt. Ehrenstraer rffelte den Mann im breiteten
Dialekt, damit der Vorsteher sicher jedes Wort verstehe, doch hatte es
Schwierigkeiten, dem Manne die begangene Dummheit begreiflich zu machen.

"Ischt denn die Anweisung falsch ankemma (angekommen)?" fragte der
Vorsteher immer wieder.

"Deine haarstrubende Dummheit besteht ja darin, da du das angesammelte
falsche Geld wieder ausgegeben hascht!"

"Sell hun (habe) i ja mssen!" beteuerte der Vorsteher.

"Warum denn?"

"I hun ja decht gutes, echtes Geld fr das falsche hergegeben!"

"Wieso?"

"Na ja! Der Kerschenwirschth (Wirt) hat g'sagt, i als Vorsteher mt'
das falsche Geld konfiskalieren von Polizei wegen--"

"Und da hast du dem Wirschth fr die Falsifikate echtes Geld gegeben?"

"Freilich! Sunst htt' 's mir ja der Wirschth nt eing'hndigt! Er, hat
er g'sagt, kunnt den Schaden nit allein tragen! Er hat ja an' Wein und
sonstiges ausg'folgt und das falsche Geld dafr in Zahlung nehmen
mssen!"

Ehrenstraer hustete ob dieser Darstellung.

"I mcht' glei' nur bitten um a milde Straf'!"

Was wollte der Richter angesichts solcher Dummheit machen! Er begann das
Verhr in praktischer Weise zu erweitern und fragte, weshalb auf dem
Senner der Kreuzalpe der Verdacht einer Mnzflschung liege.

"Weil er in der letzten Zeit viel 'schwarzes Mehl' eingekauft hat!"

"Hat der Senn das schwarze Mehl selber gekauft?"

"Der Krmer sagt nein!"

"Wer hat dann gekauft?"

"Dem Senn sein G'spusi (Geliebte)!"

"Und hat selles Dirndl mit Falschgeld bezahlt?"

"Das wissen wir nit!"

Ehrenstraer erkannte, da von diesem Prachtexemplar eines
Dorfhuptlings nichts weiter zu erforschen ist und die Erhebungen in
anderer Richtung angestellt werden mssen.

Verdchtig bleibt die Existenz eines weiblichen Wesens in der Sache,
denn bei Mnzflschungen wird immer ein Weib hauptschlich die
Verbreiterin der Falsifikate sein, das ist eine alte Gerichtserfahrung.
Ehrenstraer lie sich sagen, wo die Dirne zu finden ist, und beendete
das Verhr mit dem Auftrage, es solle der Vorsteher so weit als mglich
die Falsifikate konfiszieren und zwar ohne dafr Entschdigung zu zahlen
und die gesammelten Mnzen in einem verschlossenen Sacke an das Gericht
schicken.

Beim Dorfkrmer erfuhr der Richter lediglich, da Ursula, des
Kreuzalpsenners Geliebte, in letzter Zeit hufig Pulver holte und
bezahlte. Da die Silberstcke falsch waren, kam erst hinterdrein auf,
als der Krmer seine Weinschuld beim Wirt bezahlen wollte, und
verschiedene Kronenstcke als falsch beanstandet wurden.

Ehrenstraer warf ein: "Weit du denn, Krmer, ob gerade das von der
Ursula gezahlte Geld falsch war?"

"Das ischt decht leicht zu erraten! Das Pulver braucht der Senn decht
nur zum Wildschieen und die Urschi ischt sein Schatz! Also ischt au'
das Geld nicht in Ordnung!"

Da die Untersuchung nun bei der Ursula beginnen mu, war klar, doch
wenig angenehm, denn es wird der Richter gezwungen sein, einen
beschwerlichen Aufstieg zur Urfahrnalm, wo die Ursula als Sennin thtig
ist, zu machen. Dazu ist es aber fr den heutigen Tag zu spt, man mu
daher im Drflein bernachten.

Die Freuden des kommissarischen Landaufenthaltes konnte Ehrenstraer am
Abend vollauf genieen; zum Imbi fettes, gesottenes Schaffleisch und
saueren Rtel, zur Nachtruhe ein schweres Hhnerfedernbett, dessen
Gestell um schier einen halben Meter zu kurz ist. Doch kostete dieses
bernachten nur zehn Kreuzer pro Mann.

Der Feldzugsplan war verabredet, es marschieren der Aktuar und der
Wachtmeister zur Kreuzalpe, bleiben aber unterwegs versteckt und warten,
bis von der Alm aus der Richter mit dem Taschentuch das Zeichen zum
raschen Anmarsch giebt.

Die Besuche und ersten Erhebungen will Ehrenstraer selbst vollfhren.

Wrde der Aufstieg dem Vergngen gelten, der Ausflugstag knnte nicht
schner sein, ein prachtvoller Morgen im schnsten Sonnenglanz, die
tiroler Wunderwelt zeigt sich in allen Zaubern, im Bergwald jubilieren
die Finken und Grasmcken, die geschftigen Meisen piepsen ihr
allerliebstes "Zizibeh--Zizibeh" und gucken dann dem einsamen
Bergwanderer neugierig nach.

Fr die Reize der Umgebung hatte Ehrenstraer, so sehr er sonst ein
begeisterter Naturfreund ist, diesmal wenig Sinn; ihn beschftigt zu
sehr die Frage, auf welche Weise dem Paare beizukommen sein knnte,
wenn wirklich just bei diesen Leutchen etwas an der Sache sein sollte.
Besonders wahrscheinlich ist das nicht, wiewohl die Praxis ja solche
Flle kennt und Falschmnzerei auf der Alp vorgekommen ist.

Hher stieg die Sonne, es ward hei, bis Ehrenstraer endlich die
Urfahrnalm zu Sicht bekam. Nach einem halben Stndchen war die dstere,
Khlung verheiende Htte erreicht, und aufatmend lie sich der Richter
auf der Bank vor der verwitterten Htte nieder. Niemand zu Hause, doch
steht die Thre offen; Ehrenstraer suchte die Umgebung ab, und
erblickte denn auch bald die Sennerin, die mit schwerem Grasbndel auf
dem Kopf von der Bergmahd zurckkam.

Entgegen sonstigem Almbrauch fiel die Begrung des Bergsteigers seitens
der derbknochigen Sennin Ursula frostig aus, und die Frage nach dem
Begehr klang eher abwehrend denn einladend.

"Ein Schaalerl Humorsuppe (Kaffee) knntest mir decht geben fr mein
Geld und gute Worte!" meinte lchelnd der Beamte.

"Ich hun koanen!"

"Na, so gieb mir halt einen Weidling Milch fr einen Sechser!"

Ein forschender Blick streifte den Besucher, dann holte Urschi die
verlangte Milch aus dem Kellerchen und stellte sie nebst einem
Blechlffel auf den Tisch in der Htte, wo inzwischen Ehrenstraer Platz
genommen hatte.

Die Geldmnze, welche der Richter sogleich auf den Tisch legte,
ignorierte Urschi, weshalb Ehrenstraer mglichst harmlos sagte.
"Brauchst keine Angst zu haben, mein Geld ischt echt!"

Jh wendete sich die Sennin nach dem Sprecher um und warf ihm einen
stahlharten Blick zu.

"Bischt vielleicht schon ausgeschmiert worden mit falschem Geld, weil du
so grimmig schaust?"

"Wer seid 's s denn, Herr?"

"Ich? O mein', ich bin gleich nur so ein Schulmeisterle aus Innsbruck
und mach' eine Spritztour!"

"So? Na, dann behalt' nur den Sechser, die Milch kostet nix!"

"Auch recht! Ich dank' halt recht schn! Unser einer mu die Kreuzer
zusammenhalten, auf da ein Gulden d'raus wird!"

Die Sennin schien sich zu beruhigen, das anfngliche Mitrauen wich,
das Schulmeisterle ist nicht verdchtig.

"Bischt zum erstenmal bei uns herinnen im Birg?"

"Ja! Ischt prchtig schn bei Enk! Sag' Sennin, habt Ihr viel Gamselen
im Birg?"

"Bischt du 'leicht a Jaager?"

"'s Gamselen schieen, sell wr' halt mein Leben! Aber ein alter
Schulfuchs kommt halt nicht dazu! Ein einzigesmal auf 'm Rumer Joch hab'
ich ein Gamsele g'schossen und gut ischt's 'gangen, war weit und breit
kein Jger und kein Gendarm!"

Die Zutraulichkeit wuchs infolge dieses Gestndnisses eines
Wilddiebstahles, Ursula lachte. "Hascht den Bock gut versilbern knnen?"

"La mich aus mit dem Versilbern! Wei man denn heutzutage, welches Geld
echt ischt!"

Wieder ein forschender Blick.

"Mit dem neuen Geld ischt es ein Kreuz, die guten Silbergulden wollen
sie einziehen und die neuen Kronen kennt kein Mensch voneinander. Gleich
gestern hab' ich ein solches Stckl erwischt und hinterdrein war es
falsch."

"Wo denn? Decht net in unserem Drfl unten?"

"Na, na! Ischt merkwrdig: berall heit es, das neue Geld ischt falsch
und grad daherinnen hrt man davon nix!"

Ein spttischer Zug huschte ber die scharfgeschnittenen Lippen der
starkknochigen Sennin. "Kennst du 'leicht selles Geld gut auseinander?"

"Wie sollt' denn grad' ich dazukommen?!"

"Ischt es war, da die Silbergulden ein'zogen werden sollen?"

"Die nchsten Jahr' noch nicht!"

"Da bin ich aber froh!"

"Warum?"

"Ja, wit Herr! Bald hun' ich den zweiten Strumpf voll mit Silbergulden
und aftn kann ich heiraten!"

"Ah, da gratulier' ich!"

"Ja, ich halt' 'was drauf, lauter gutes, altes Geld, nt so das
neumodische G'lump! Hat mir erscht vor etlichen Tgen ein Herr zwei
Kronen oder wie man's nennt, g'schenkt fr 's bernachtbehalten und
selles neumodische G'lump mcht' gern los sein!"

"Mchst wohl einen Silbergulden dafr haben?"

"Wenscht so gut sein willscht, Schulmoaster!"

"Gern!" erwiderte der Richter und zog sein Portemonnaie hervor, um einen
Silbergulden herauszunehmen.

Da die Sennin ihre Kronen in der Tischlade ohne besondere Verwahrung
liegen hatte, erschien verdchtig. Ehrenstraer beobachtete die Person
sehr scharf, als sie vermied, die Geldstcke irgendwie auf dem
Ahorntisch klingen zu lassen, und selbe ihm in die Hand geben wollte.

Der Richter sprte augenblicklich, da sich die Kronen etwas fettig
angriffen und sah den matten Schimmer; es sind also wirklich
Falsifikate. In grter Harmlosigkeit vollzog Ehrenstraer das
Tauschgeschft, bei welchem die Sennin eine Sicherheit bekundete, die
darauf schlieen lt, da Urschi das Verbreiten von Falsifikaten schon
lngere Zeit hindurch bte. Sonderbar bleibt nur, da sie es bei einem
wildfremden Menschen sogar auf der Alm probiert. Vielleicht aber hlt
sie den angeblichen Schulmeister fr harmlos genug, den Schwindel zu
verben.

Zufrieden mit der Durchfhrung seiner Rolle und den erwischten
Falsifikaten wollte Ehrenstraer nun das Gesprch auf den Senn
berleiten, doch wich Ursula geschickt aus mit der Beteuerung, da sie
seit Jahren nicht auf die Kreuzalm gekommen sei und den dortigen Senn
kaum einmal gesprochen htte.

"Ischt die Fernsicht besonders schn auf der Kreuzalm oben?"

"Ich glaub' nit?"

"Na, probieren mcht' ich's decht! Jetzt bin ich schon so weit heroben,
da kommt es auf das Stnderl nimmer an!"

"Was? Ein Stnderl? Gut drei Stunden rechnet man auffi! Und sehen
thuscht nixen! Der Senn ischt a wildes Mannsbild und zum Essen kriegst
au' nixen! Ich rat' dir gut. Bleib' bei mir! Ich koch' dir an Retzel
(Schmarren, Mehlspeise) grad nobel und auf a Tupfele Schnaps kommt's mir
au' nit an!"

Diese Haltung der Urschi veranlate Ehrenstraer, unverweilt
aufzubrechen, doch bte er die Vorsicht, vorzugeben, da er noch einen
Spaziergang ber den Almgrund machen und zum Essen zurckkehren wolle.

Damit durfte der Richter hoffen, Ursula auf ihre Alm zu bannen und einer
rechtzeitigen Warnung des Sennen vorzubeugen.

Eine Schwierigkeit bot freilich die Unkenntnis des zur Kreuzalp
fhrenden Steiges, doch wird hoffentlich die mitgefhrte
Generalstabskarte Aufschlu erteilen.

"Kimm fein g'wi wieder in einer Stund'!" rief Urschi dem fortgehenden
vermeintlichen Schullehrer nach. Ehrenstraer stapfte gelassen dem Walde
zu und studierte scharf das anzeigende Terrain. Ein steiniger Kuhweg
verliert sich oben am Rhododendrongestrpp. Auf der Karte ist dieser Weg
eingezeichnet, der Richter findet auch die Hhendifferenz mit etwa 120 m
angegeben, also kann die Kreuzalm in sptestens einer Stunde erreicht
werden. Es gilt nun, den Wald schrg zu durchqueren und unterhalb der
eingesprengten Felswandeln an den Steig zu gelangen, der aufwrts fhrt.
Das ist nun leichter gesagt als gethan, zumal in der Mittagshitze, und
Ehrenstraer ist kein Junger mehr. Aber ein Sohn der Berge bewahrt sich
eine gewisse Steigfhigkeit bis in spte Tage. Mag der Schwei von der
Stirne rinnen, der Atem pfeifen, der Steiger ist im Dienst, es mu sein.

Der Wald will kein Ende nehmen; sollte sich Ehrenstraer vergangen, im
Kreise bewegt haben? Der Zeit nach scheint dem so zu sein, die Uhr zeigt
den Umflu von bald zwei Stunden. Eine Orientierung im Bergwald ist
nicht mglich, die Fichten verwehren jeden Ausblick. Ein Glck, da der
allzeit vorsichtige Beamte den kleinen Kompa in der Westentasche
stecken hat, mit dessen Hilfe und der Karte die Richtung einigermaen
festgestellt werden kann. Richtig war es ein Abweichen nach links, statt
streng nach rechts. Schon nach weiterem halbstndigen Steigen
versperrten die Wandeln das Aufwrtsstreben, Ehrenstraer bog daher nach
rechts vollends aus und kam an die Waldlisiere, bald darauf waren Spuren
eines verfallenen Steiges zu entdecken. Noch eine Viertelstunde scharfen
Ansteigens, da erwartete den keuchenden Richter eine berraschung. Der
Aktuar und der Wachtmeister hielten im Schatten einer Felsnase Rast und
bei ihnen sa schimpfend----Ursula.

Ehrenstraer guckte, reden konnte er nicht, er mute erst seine Lunge
in Ordnung bringen.

Die Situation wurde von den aufspringenden Kommissionsmitgliedern
sogleich aufgeklrt; der Wachtmeister glaubte die in grter Eile
heraufspringende Sennerin bis zur Ankunft des Richters unter allen
Umstnden festhalten zu mssen.

"Brav gemacht, Wachtmeister! Die wackere Ursula ischt verhaftet!"

Im selben Augenblicke hatte ihr der Gendarm auch schon die Kettenfessel
um die Handgelenke gebunden. Auf die Flut von Schimpfworten achteten die
Herren weiter nicht.

Ehrenstraer wiederholte nun die Ordre, da die Kommission samt der
verhafteten Sennerin sehr langsam so weit vordringen sollte, bis das
optische Signal mit dem Taschentuch gesehen werden knne, und stapfte
sodann zur Kreuzalpe hinauf.

Das Herannahen eines Herrn hatte der Senn alsbald bemerkt und sein
Mitrauen wachgerufen, doch ergriff er keineswegs die Flucht.
Ehrenstraer that, als bewundere er die Fernsicht, er blieb absichtlich
an einer Stelle, welche einen prchtigen Fernblick gestattete, stehen.
Erst nach einer Weile trat er zur Htte und rief hinein.

Mrrisch fragte der stmmige Bursche, was der Herr wolle, erklrte aber
rundweg, nichts verabreichen zu knnen, weil er nichts besitze.

Auf ein Gesprch lie sich der verschlossene Senn nicht ein, so blieb
dem Richter nichts weiter brig, als auf das Nahen des Gendarmen zu
warten. Die Situation war nicht eben erfreulich; will der Verdchtige
fliehen, so kann ihm die Flucht nicht verwehrt werden, es giebt noch
andere Pfade als den von der Kommission besetzten. Die Ankndigung einer
Verhaftung ist zwecklos, vielleicht verfrht, wenn nicht gefhrlich.

Auf der Bank vor der Htte ausruhend, blickte Ehrenstraer mit gewisser
Sehnsucht den Steig hinunter und hielt das Taschentuch zum Signalisieren
bereit. Doch ehe von seinen Leuten noch etwas zu sehen war, ertnte ein
schriller Kuzchenruf[11] aus der Tiefe herauf, der den Sennen
augenblicklich veranlate, herauszuspringen und Umschau zu halten.

Ehrenstraer kannte den Warnruf und wute, da eingeschritten werden
msse. "Im Namen des Gesetzes, Ihr seid verhaftet!" rief Ehrenstraer
und bekannte sich als den Bezirksrichter aus der Amtsstadt.

Der Senne zuckte wohl etwas zusammen, blieb aber wie angewurzelt stehen,
sein Blick galt keineswegs dem Beamten, sondern dem Schauspiel am Steig
unten. Die Kommission war im Anstieg und die gefesselte Ursula bemhte
sich, den Kuzchenruf zu wiederholen, whrend der Wachtmeister bestrebt
war, der Sennerin den Mund zuzuhalten. Mit einem Male kam Leben in den
krftigen Burschen, in mchtigen Stzen sprang er den Steig hinunter.
Ehrenstraer schrie gellend einen Warnungsruf nach, den der Wachtmeister
sogleich hrte und beachtete.

Bevor noch der Senne den Angriff vollfhren konnte, stand der Gendarm
mit dem Gewehr schon schufertig im Anschlag. Ursula mag jetzt zetern,
so viel sie kann und will. Der Senne prallte zurck und ergab sich;
willig lie er sich die Kette um die Handgelenke legen.

Man begab sich nun vllig hinauf zur Kreuzalpe, in deren Htte
Ehrenstraer die Hausdurchsuchung mit seinem Aktuar vornahm, whrend der
Wachtmeister das gefesselte Paar bewachte.

So viel aber der erfahrene Richter nachforschen mochte, er fand nichts,
absolut nichts vom Handwerkszeug des Falschmnzers. Schon wollte er den
Aktuar beauftragen, den nahe der Htte angelegten Dngerhaufen mit einer
Mistgabel zu durchstochern, da fiel Ehrenstraer an der Hngeuhr im
Stbchen auf, da die Uhrgewichte seltsamerweise in Gradelzeug eingenht
sind. Derlei hat der Richter noch niemals gesehen und sofort schnitt er
den grauen Stoff mit dem Federmesser durch. Welche berraschung! Statt
der Gewichte hatte der schlaue Falschmnzer nagelneue Silberfalsifikate,
lauter falsche Kronenstcke, eingenht und dieselben als Uhrgewicht
benutzt, die er vor Entdeckung wohl geschtzt glauben mochte. Nun kann
es keinem Zweifel mehr unterliegen, da sich auf dieser Alpe auch der
Prgestock und sonstige Utensilien vorfinden mssen. Aber wo?

Ehrenstraer hielt inne im mhsamen Suchen und berdachte die Flle aus
der Praxis. Am hufigsten pflegen Leute zum Vergraben den Keller zu
benutzen und die Alpe hat ein Kellerchen zur Aufbewahrung von Milch und
Kse. "Aktuar, bringen Sie mir rasch einen Kbel Wasser!" rief
Ehrenstraer.

Nach wenigen Augenblicken war das Gewnschte zur Stelle und der Richter
begab sich damit in das Kellerchen, auf dessen Boden er reichlich und
pltzlich die Wassermenge ausgo und die Wirkung dieses Gusses auf das
Erdreich scharf beobachtete. Richtig ist eine Stelle vorhanden, an
welcher das Wasser sehr rasch einsank und zugleich Luftblasen
ausfliegen.

Das beweist, da hier die Erde lockerer, vor kurzem ausgegraben worden
ist.

Nun lie sich Ehrenstraer eine Schaufel reichen, mit welcher er zu
graben begann. Eine Viertelstunde spter waren die hier vergrabenen
Utensilien gefunden, das Geheimnis ist entdeckt.

Und beim Ansichtigwerden dieser Gegenstnde und Vorzeigen der an der Uhr
gefundenen Falsifikate legte der Senne ein volles Gestndnis ab, das
sofort zu Protokoll genommen wurde. Das Flscherpaar transportiert der
Wachtmeister hbsch zu Fu nach der Amtsstadt, whrend der Aktuar im
Auftrage seines Chefs den Gemeindevorsteher von der zwangsweisen
Entfernung des Paares von den beiden Almen verstndigte.

Es war nun Sache der betreffenden Alpbesitzer, schleunigen Ersatz zur
Wartung des Almviehes &c. hinaufzusenden.

Mit voller Befriedigung ber die erfllte Dienstpflicht konnte
Ehrenstraer nach Hause fahren.




XVII.


Es kam fast nie vor, da Herr Ehrenstraer in seinem Hauswesen sich in
die Kche verirrte, meist verbrachte er die wenige freie Zeit in seiner
Studierstube oder im Wohnzimmer bei Gattin und Kindern, aus welch
letzterem ihn freilich der Lrm seiner Mdels bald wieder verjagte.
Eines Abends kehrte der Richter aus der Kanzlei nach Hause zurck, und
im Korridor seiner Wohnung vernahm er ein lebhaftes Gesprch, das ihn
veranlate, in die Kche zu treten. Frau Bianca dankte in ihrer
sdlndischen Lebhaftigkeit eben einer Buerin fr berbrachte Butter
und einen mchtigen Topf Honig, worauf die Gebirglerin bat, es mge die
gndige Frau Richterin ein gutes Wort beim Bezirksrichter einlegen, auf
da er die Sache nicht so scharf nehme mit ihrem Sohne.

Ehrenstraer stieg alles Blut zu Kopf beim Anhren dieser Worte, hastig
trat er vollends ein und in flammender Entrstung wies er jegliche Gabe
zurck. Die auf den Tod erschrockene Buerin mute augenblicklich ihre
Sachen an sich nehmen und das Haus verlassen.

"Ma, prego carissimo!" vermochte die berraschte Gattin noch zu rufen,
dann verschlug es ihr die Rede, denn Ehrenstraer nahm seine Frau am Arm
und zog sie in seine Studierstube, um der Gemahlin den Standpunkt
darber klar zu machen, was es fr einen Richter heit, unbestechlich
und unantastbar in seinem Privatleben zu sein.

Bianca stand betubt, wie erstarrt; in solcher Entrstung, so zornig hat
sie den Gatten noch nicht gesehen. Was er alles gesagt, verstand sie
nicht, aber sie fhlte es, da der Gemahl ihr Verhalten aufs hchste
tadelnswert findet, da er nichts weniger denn hflich ist. Der Stolz
bumte sich in ihr auf und im Stolzgefhl fand sie auch die Sprache
wieder, um mit welscher Verve zu protestieren, da wegen einer solchen
Bagatelle ein solcher Spektakel aufgeschlagen werde.

"Tace!" schrie Ehrenstraer, "schweig!" Die Ehre ischt des Richters
hchstes Gut, das kostbarste Juwel seine Unbestechlichkeit! Der Richter
mu tadellos, unantastbar vor der Welt und in seiner Gemeinde stehen!
Wenn du dieses Gebot nicht verstehst und fhlst, dann mu es dir
begreiflich gemacht werden und zwar in einer Weise, da du diese Stunde
frs ganze Leben nicht mehr vergit!

Nicht die mindeste Kleinigkeit darf ohne Bezahlung angenommen werden!
Die Entgegennahme auch nur einer winzigen Bagatelle schndet des
Richters Ehre, macht ihn unwrdig seines heiligen Amtes! Ich beklage es
tief, da mein eigenes Weib sich herabwrdigt, Geschenke anzunehmen, den
Versuch einer Bestechung zu dulden. Ich verbiete das auf das schrfste
und erklre dir, da eine Wiederholung dieser hlichen Handlung mich
zwingen wrde, die Konsequenzen in der schrfsten Art zu ziehen!"

"Sangue della Madonna!" rief Bianca. "Das sein annuncio della divorzio,
du wollen dich lassen scheiden!" In einer Redeflut begann die lebhafte
Frau ihren Gedanken Ausdruck zu geben, da es unerhrt sei, wegen
solcher Bagatellsachen eine solche Scene zu machen und die eigene Frau
zu mihandeln. Und im Zorn regnete es Vorwrfe ber das Jammerleben an
der Seite eines Mannes, der nichts anderes kenne als sein Amt und die
"Verfolgung armer Leute". Das sei kein Leben mehr, wenn man selbst fr
Geld schier nichts bekomme, wenn man keinen Mann zum Spazierengehen und
Vergngen habe und gezwungen sei, jahraus und jahrein hinter den Mauern
einer durchaus ungengenden Wohnung zu vertrauern. Dazu habe sie nicht
geheiratet! Und andere Leute seien froh, wenn ihnen von den Bauern etwas
Ntzliches ins Haus gebracht werde! Das Ehrgefhl drfe nicht
bertrieben werden, ein Happen Butter, fr welches sie der Buerin ein
abgelegtes Kinderkleidchen schenken wollte, verdiene nicht so ein
Aufhebens. berhaupt habe sie das Leben in der kleinen Stadt satt, schon
lange satt. Die Mdels brauchen eine bessere Schule, die hiesige genge
keineswegs, und sie selbst in ihren besten Jahren sei nicht gewillt, in
diesem langweiligen Neste zu verbauern und zu versauern. Wolle der Herr
Gemahl in seinem bertriebenen Ehrgefhl weiter drangsalieren, gut, den
Antrag auf Scheidung knne sie selbst stellen, doch werde sie diese
Angelegenheit von einem welschen Gericht entscheiden lassen, ein
deutsches Gericht sei hierin zu befangen. Und die Mdels werde sie
selbst mitnehmen und dafr sorgen, da sie in der Heimat der Mutter
erzogen und der Muttersprache erhalten bleiben. Mit der thrnenreichen
Behauptung, da diese Tedeschi immer Barbaren seien und bleiben, schlo
die heftige Errterung, auf welche Ehrenstraer lediglich erwiderte, da
seine Kinder deutsch zu bleiben haben und seine Anordnungen auf das
strengste beachtet werden mssen.

Der Eintritt Emmys gab der aufgeregten Frau sofort Anla, mit einer
neuen Anklage vorzugehen, die in der Behauptung gipfelte, da
Ehrenstraer seine Liebe den Kindern zweiter Ehe vorenthalte und
ausschlielich Emmy zuwende, was beweise, da er eben seine erste
verstorbene Frau noch immer liebe und die zweite Frau grblich
vernachlssige, aus ihr lediglich einen Dienstboten machen wolle.

Erschrocken rief Emmy: "Aber, Mama! Bist du von Sinnen?" Die Taktik
ndernd, ging Frau Bianca sofort zum Angriff gegen die Stieftochter
ber, wissend, da sie den Gatten in Emmy am schrfsten treffen knne.
Und gleich der erste Hieb brachte die Stieftochter zum schmerzlichen
Aufschreien, indem Bianca behauptete, das Heiratsprojekt habe den alten
Ratschiller in den Tod getrieben.

"Kein Wort weiter!" gebot Ehrenstraer, dem die Adern schwollen. Der
Anblick des Gatten mochte Bianca doch einschchtern, sie schwieg und
rauschte hinaus.

Weinend warf sich Emmy an des Vaters Brust und auch Ehrenstraer
zerdrckte eine Thrne im Auge. Langsam begann er dann zu sprechen, der
Tochter zu schildern, was er gelitten whrend der Untersuchung im Falle
Ratschiller, wie grlich es war, der Familie durch Aufdeckung des
Selbstmordes solch' bitteren Schmerz und pekuniren Schaden bereiten zu
mssen, und auch dem eigenen Kinde.

"Sprich nicht von mir, teurer Vater! Ich habe es berwunden!"

"Die Zeit wird den Schmerz lindern, vielleicht fgt der allmchtige Gott
doch noch euch zusammen! Ich will gerne bei Gelegenheit sehen, wie sich
bei Franz die Verhltnisse entwickelt haben!"

Ein inniger Ku drckte den Dank und wohl auch eine stille Hoffnung
aus. Emmy verlie den herzensguten Vater.

Im Richterhause verblieb eine Schwle zwischen den Ehegatten, die einen
schweren Sturm anzukndigen schien. Bianca brachte es fertig, zu
schweigen, sich khl zu verhalten, und die Mdels empfanden die Spannung
so sehr, da sie fast stumm umherschlichen und jeglichen Lrm
unterlieen. Dagegen schrieb die Richterin viel und trug ihre Briefe der
Sicherheit halber selbst zur Post.

Wohl wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, doch das Verweilen am
Familientische war peinlich, man schwieg sich aus. Die fatale Situation
wurde nicht besser durch eine erhebliche Qualittsverminderung der
Tischgerichte, die von der boshaft gewordenen Gebieterin absichtlich
herbeigefhrt ward.

Eine Woche ertrug Ehrenstraer diese Vernachlssigung, eines Tages aber
gestattete er sich eine diesbezgliche Bemerkung, auf welche sofort die
schnippische Antwort erfolgte, da um diese Jahreszeit in solchem Nest
eben nichts Besseres zu haben sei. Genge diese Kost dem unantastbaren
Herrn Richter nicht, so mge der gndige Herr auswrts essen.

"Bianca, sei vernnftig!" mahnte Ehrenstraer.

"Bin ich! Wird nicht mehr lange dauern!"

"Was soll das heien?"

Bianca verlie, ohne Antwort zu geben, die Stube.

Ehrenstraer kmpfte mit sich, die Entrstung wollte ihn bermannen. Da
war es Emmy, die seinen Zorn verscheuchte durch die liebreichen Worte:
"Lieber Vater! Es ischt ja meine Mama trotz alledem!"

Diesem Auftritte sollte alsbald eine nicht gerade angenehme berraschung
folgen durch die Ankunft von Biancas Mutter. Frau Zuccatis Einzug in das
Richterhaus vollzog sich geruschvoll, mit echt welschem Lrm, der durch
die Aufregung der alten Italienerin und deren Gejammer ber die
unmenschliche Behandlung, so ihre arme Tochter von dem deutschen
Barbaren erlitten, noch gesteigert ward.

Diese Klagen und Verwnschungen fanden bereits auf der Treppe statt, so
da die Parterrebewohner gleich sozusagen aus erster Hand Kenntnis von
den neuen Verhltnissen und einer drohenden Katastrophe bei Ehrenstraer
erhielten.

Den dramatischen Hhepunkt erreichten die Lamentationen natrlich in
der Wohnung selbst, nachdem die Mdels die mitgebrachten Leckerli in die
Mndchen gesteckt erhalten hatten. Dann hielten die welschen Damen
Kriegsrat mit grter Zungengelufigkeit, wobei beide immer gleichzeitig
sprachen und keine auf die andere hrte.

Emmy erhielt von der Ankunft der Frau Zuccati durch das Dienstmdchen
Kenntnis und im ersten Schrecken darber flchtete Emmy aus dem Hause zu
Papa, der sich in der Kanzlei befindet und unbedingt verstndigt werden
mu.

Ehrenstraer guckte verdutzt auf seine Tochter, das Ereignis wirkt auch
auf ihn berraschend und lie ahnen, da Bianca mit solcher Verstrkung
einen Schlag zu fhren beabsichtige.

Der Richter hielt es fr gut, sich sogleich ins Treffen zu stellen und
damit zu verhindern, da der unausbleibliche Streit etwa im
Gerichtsgebude zum Austrag kam. Von Emmy begleitet, begab sich
Ehrenstraer nach Hause, und kam eben recht, um einer Tierqulerei ein
Ende zu machen, mit welcher seine Mdels eben angelegentlicht
beschftigt waren, indem die Kinder ein Ktzchen, dessen Pfoten sie mit
Stricken gebunden hatten, "streckten" und um so wilder jauchzten, je
jmmerlicher das gepeinigte Tier schrie.

Ein paar Hiebe mit der Flachhand um die Ohren gengten zur Beendigung
der Tierqulerei und heulend flchteten die Mdels voraus und hinauf zur
Mutter, um deren Schutz zu erflehen. Ehrenstraer unterdrckte die ihm
auf der Zunge liegende Bemerkung ber solche Erziehungsresultate, und
schritt mit Emmy die Treppe hinauf.

Wie eine Henne ihre Kchlein, so beschtzte Frau Bianca ihre Tchterchen
und hielt sie umschlungen, whrend Frau Zuccati sogleich den Kampf
erffnete durch die Mitteilung in gebrochenem Deutsch, da sie gekommen
sei, den unhaltbaren "skandalsen" Zustnden ein Ende zu machen.

Der Ton dieser Ankndigung veranlate den Richter zur ironischen
Erwiderung: "Wie's beliebt Frau Zuccati!"

"Come? Was wollen Sie?"

"Zunchst begre ich Sie in meinem Hause! Sind Sie zu Besuch Ihrer
Tochter, meiner Frau, gekommen, heie ich Sie willkommen! Wollen Sie
aber versuchen, Zwietracht in mein Eheleben zu bringen, so diene Ihnen
zur Kenntnis, da ich nicht gesonnen und Mann genug bin, um jedem
derartigen Versuche ein rasches Ende zu machen!"

"Molto bene! Meine Tochter haben mir geschrieben alles! Ich wissen alles
und werden machen der misericordia eine finita! Ich Ihnen sagen, da
filia mia nicht mehr bleiben in loco! Ich nehmen meine Tochter und ihre
Kinder mit--"

"Was wollen Sie?" rief erregt Ehrenstraer.

Bianca erhob sich und mit theatralischer Emphase rauschte sie auf den
Gatten zu. "Si! Meine Mutter sprechen die verit! Ich werde gehen mit
ihr! Ich habe das Leben hier satt!"

"Bianca!" rief Ehrenstraer in schmerzlicher berraschung.

"Si! Gehen oder du kompetierst um Versetzung an ein Giudizio
distretturale im Trento!"

Frau Zuccati untersttzte dieses Ultimatum mit vollster Lungenkraft und
suchte die Forderung zu begrnden durch den Hinweis, da Bianca gem
ihrer Nationalitt ein Recht besitze, in einem Lande zu leben, dessen
Sprache die ihrige sei.

"Ah! Der Nationalittenstreit nun gar in die Ehe verpflanzt! Es wird ja
immer schner! Warum hat denn Bianca meine Werbung um ihre Hand nicht
gleich in der ersten Stunde aus Nationalittsgrnden abgelehnt?"

Frau Zuccati sprudelte heraus. "Weil sie wollte kommen unter Hauben!"

"Sic! Also erstickte dieses Streben das Nationalittsgefhl! Bravo! Ich
bin Ihnen dankbar fr dieses Gestndnis! Aber die Ehe ischt ein festes
Band! Den Wohnsitz zu ndern steht nicht in meiner Macht, ganz abgesehen
davon, da ich keine Lust verspre, als deutscher Beamter im Welschland
zu domizilieren. Auch beherrsche ich die italienische Sprache nicht, um
ein Gericht in diesem Idiom zu leiten! brigens ischt alles Gerede
hierber vllig zwecklos! Bianca ischt mein Eheweib, hat am Altar
gelobt, in Leid und Freud' mit mir durchs Leben zu gehen, ihr Platz
ischt an meiner Seite und dabei bleibt es!"

"No, no!" zeterte die Richterin. "Ich bleibe nicht mehr in diesem Nest!
Ich werde gehen! Wenn schon nicht nach dem Sden, so gehe ich mit den
Kindern in grere Stadt! Ich wollen nicht versauern und verbauern in
loco!"

Frau Zuccati wollte wieder eine Rede loslassen, da machte Ehrenstraer
der Scene ein Ende durch die Erffnung, da er kraft seiner Wrde und
Macht als Familienoberhaupt sich jede Einmischung verbitte und hiermit
Frau Zuccati ernstlich auffordere, binnen 24 Stunden das Haus zu
verlassen.

Ehrenstraer ging und lie die welschen Damen in Verblffung zurck.




XVIII.


Die trben Gedanken Ehrenstraers wurden zurckgedrngt durch einen
Besuch in der Kanzlei. Ein Bauer, namens Maldoner, dessen Gehft in
nchster Nhe des Stdtchens liegt, stolperte unbeholfen und verlegen in
die Amtsstube, drehte den Hut im Kreise und blieb vor dem Richter
stehen.

"Nun, Maldoner, was bringt Ihr oder was wollt Ihr von mir?"

"Herr Stadtrichter! Ich htt' eine groe Bitt'!"

"So sprecht nur frei von der Leber weg!"

"Schon! Aber es ischt eine heikle Sach'! Wissen S', Herr Stadtrichter:
Ich hunn ppas (etwas) Ruben (Rben) an'baut, schne Mhren sind's
worden, aber fechsen kann ich selle nit!"

"Warum denn nicht?"

"Gleich nit zum glauben! Selle Mhren werden alleweil weniger und decht
hun ich selle nit geholt!"

"Ihr meint also, da sie Euch gestohlen werden?"

"Knnt' schon sein! Ich htt's auch nit gedenkt, da es mglich wr' vom
Nachbar!"

"Wer ischt Euer Nachbar?"

"Der Widschwenter Michel war' es, wenn Euer Gnaden nix dagegen htten!"

"Ihr glaubt also, dieser Widschwenter stiehlt Eure Rben! Wenn ich nicht
irre, ischt besagter Widschwenter ein gutsituierter Mann, von dem ich
nicht glauben kann, da er Rben stiehlt!"

"Gesehen hun ich ihn freilich nit beim Stehlen! Wenn ich aber mein
Rubenfeld anschaue, kann's decht nit anders sein, als da die Mhren
gestohlen werden!"

"Kann der Diebstahl nicht von anderer Seite verbt werden?"

"Ich glaub' nit!"

"Warum nicht?"

"Weil ein anderer Dieb decht zu weit zu gehen htt'!"

"Habt Ihr sonst keinen Verdacht?"

"Gleich nur auf den Widschwenter!"

"Warum soll dieser anstndige Mann just ein Mhrendieb sein?"

"Weil seine Rosse gar so viel gut ausschauen!"

Ehrenstraer blickte den Bauer verwundert an; solche Folgerung
berrascht den alten Richter, dessen weitere Fragen und Folgerungen
jedoch keinen Erfolg haben.

Maldoner bleibt bei seiner Mutmaung und seine uerungen drehen sich im
gleichbleibenden Kreise.

Der Richter notiert sich den Fall und belehrt den Bauer dahin, da alle
Vorbereitungen getroffen werden sollen, um den Dieb in flagranti
abzufassen. Einige Nchte werde Maldoner doch wohl opfern knnen und
aufpassen. Gelingt es, den Dieb zu erwischen, so solle sogleich Anzeige
erstattet werden. Damit war Maldoner entlassen.

Den Richter beschftigte die seltsame uerung Maldoners, das sonderbare
Motiv eines Rbendiebstahles zu recherchieren und eine oder mehrere
Nachtpatrouillen in der Weise einzuleiten, da jene zwei Gehfte
berwacht werden.

"Herr Bezirksrichter! Haben S' das Unglck schon gehrt?" Mit diesen
Worden strzte Perathoner, der dicke Amtsdiener in die Kanzlei und
fuchtelte erregt mit den Armen in der Luft.

"Was ischt geschehen?"

"Grad hab' ich's gehrt! Das Drahtseil der Luftbahn soll gerissen sein,
oder sonst ein Unglck und die Frau von Bauerntanz ischt aus einem
Luftwgele herabgefallen!"

"Nicht mglich! Tot?"

"Ich wei sonst nichts Nheres!"

Eine Flut von Gedanken strmte auf den betroffenen Richter ein, welcher
zum Gendarmerielokal eilte, um Nheres ber die Unglcksstelle zu
erfahren. Wie kam die Doktorin in einen Luftbahnwagen? Welches Motiv
liegt da zu Grunde? Ist es ein Unglcksfall? Oder ist ein Verbrechen
verbt worden? Im Gendarmerielokal erfuhr Ehrenstraer von der
Wachtmeisterin lediglich, da ihr Mann bereits zur Fabrik geeilt, Sittl
jedoch auf Patrouille sei. So blieb dem Richter nichts anderes brig,
als zu Ratschiller zu gehen und dort Erkundigungen zu erheben. Aber im
Komptoir wute man nichts. Ratschiller jun. ist nicht anwesend, von der
Fabrik keine Meldung da.

Ehrenstraer lie einen Komptoiristen telephonisch in der Fabrik
anfragen, doch erfolgte keinerlei Antwort. Somit entschlo sich der
Richter sogleich, ber den Sattel bergeinwrts zu gehen, schickte aber
vorsichtshalber zum Bezirksamt und lie Trger requirieren.

Ein Stndchen spter langte Ehrenstraer schier atemlos in der
Cementfabrik an, deren Arbeiter zum Teil anwesend, zum anderen Teil auf
den Stadtberg zur Hilfeleistung geeilt sind. Genaues wute niemand
anzugeben, und Hundertpfund, der Fabrikleiter, ist nicht da. Es hie
lediglich, da die Frau von Bauerntanz von einem Arbeiter blutberstrmt
unweit des Verankerungsgebudes am Stadtberg aufgefunden wurde. Ein
Streckenarbeiter sei mit dieser Meldung zur Fabrik gelaufen, der andere
Arbeiter hingegen zur Stadt gelaufen, um den Wachtmeister zu
verstndigen.

Von Bruch des Drahtseiles knne keine Rede sein, denn die Luftbahn
funktioniere tadellos und sei ununterbrochen im Betriebe.

Auf dem Wege zum Stadtberg kam dem Richter der Transport entgegen:
Arbeiter trugen die arme Frau auf einer aus Fichtenstmmchen
hergestellten Bahre, und an der Spitze des Zuges schritt Hundertpfund,
ersichtlich verstrt, an der Seite des Wachtmeisters.

"Um Gotteswillen, was ischt geschehen?" rief ihm Ehrenstraer entgegen.

"Herr Bezirksrichter! Ein tiefbedauerliches Unglck!" stammelte der
Fabrikleiter und trat zur Seite, um die Arbeiter mit der Tragbahre
vorbeischreiten zu lassen. Hintendrein folgte nun Hundertpfund mit
Ehrenstraer, der Mhe hatte, seiner Erregung Herr zu werden.

"Wie kam die Doktorin auf die verrckte Idee, in einem Luftwagen
spazieren zu fahren?" forschte der Richter.

Hundertpfund erwiderte befangen und bebenden Tones: "Ich zeigte der Frau
von Bauerntanz, die sich fr unsere Luftbahn lebhaft interessierte, die
Hauptverankerung auf der Schneide des Stadtberges und animierte sie, die
an sich bei ruhigem Verhalten im Wagen gefahrlose Fahrt vom Stadtberg
hinunter zur Fabrik mit mir zu unternehmen!"

"Sie sind aber nicht herabgestrzt?"

"Ich fuhr ja nicht mit!"

"Warum nicht?"

"Wir standen im Durchlaufsraum des Verankerungsgebudes. Frau von
Bauerntanz empfand Vergngen an der Sache und hpfte pltzlich in einen
durchlaufenden Wagen, der im normal raschen Laufe mit ihr davonrollte,
ehe ich mich hineinschwingen konnte. Lachend fuhr die Dame durch die
Luft im Rollwagen davon."

"Und was thaten Sie nun?"

"Ich empfand nun doch Angst, verlie das Verankerungsgebude und lief
dem Luftwagen nach, soweit das bestockte und bergige Terrain dies
erlaubte. Ein gellender Schrei belehrte mich, da ein Unglck geschehen
sein mute; ich eilte dem Gehr nach in der Richtung der Seilbahn und
fand die Dame abgestrzt am Waldboden liegen."

"Wie erklren Sie sich diesen Sturz?"

"Mutmalich ein Schwindelanfall oder ein unvorsichtiges Hinausbeugen,
wodurch der Wagen umkippte!"

Ehrenstraer fhlte sich durch diese Angaben nicht befriedigt, seine
Gedanken kehrten immer wieder zu der Frage zurck. Wie kommt die Dame
allein mit dem Fabrikleiter in jene einsame, entlegene Gegend und auf
den Gedanken, eine so waghalsige Fahrt durch die Luft zu unternehmen?

Da der Zug eben in der Fabrik anlangte, konnte Ehrenstraer nicht
weitere Fragen an Hundertpfund richten; die bewutlose Dame wurde in die
Dienstwohnung des Fabrikleiters gebracht und dieser selbst verlangte
telephonisch rztliche Hilfe und Leute aus dem Krankenhause. Unterdessen
traf aber schon Dr. von Bauerntanz selbst ein, der in grter Bestrzung
an die Lagersttte seiner Gattin trat und sich von Ehrenstraer eine
kurze Schilderung des Thatbestandes erbat. Hundertpfund hatte sich still
entfernt.

Der rztliche Befund ergab zunchst Arm- und Beinbruch; wahrscheinlich
auch eine Gehirnerschtterung; starke Quetschwunden am Kopf. Der
Bezirksarzt bemhte sich um seine Gattin und ein bald erschienener
Stadtarzt untersttzte ihn dabei. Ehrenstraer besprach den Fall mit dem
Wachtmeister, welcher nur rapportieren konnte, da er in dem Augenblick
zur Unglcksstelle gekommen sei, als der Fabrikleiter die Dame auf die
Bahre legte.

"Wie hat er sich dabei benommen?"

"Sehr aufgeregt!"

"Haben Sie etwa wahrgenommen, da ihn Ihr Erscheinen erschreckte?"

"Mir ischt nichts Diesbezgliches aufgefallen."

"Halten Sie es fr angezeigt, da eine Dame solche gefhrliche Luftfahrt
allein unternimmt?"

"Nein, Herr Bezirksrichter!"

Ehrenstraer begab sich, vom Wachtmeister begleitet, abermals hinauf zum
Verankerungsgebude, um die Situation zu studieren. Regelmig kamen auf
dem einen Drahtseil die mit Cementfssern beladenen Wagen herauf, liefen
durch das Holzgebude durch und rollten weiter zur groen Spannung, die
zum Bahnhofmagazin fhrt; auf dem anderen Seil bewegten sich in
fixierten Abstnden die Wagen mit Grieskohle, wovon jedoch auch viele
leer zur Fabrik liefen. Das Durchlaufen durch das Verankerungsgebude
vollzieht sich in kaum einer Minute. Diese Spanne Zeit wrde aber
vollstndig gengen, um einer Person, die bereits im Wgelchen sich
befand, das Herausspringen im allerletzten Augenblick zu gestatten,
falls diese Person eben nicht mitfahren wollte.

Hundertpfund--so kalkulierte der Richter--konnte also im durchlaufenden
Wagen gewesen sein, gleichsam um durch seine Mitfahrt die Dame zu
beruhigen, er konnte aber ebensogut auf die Rampe herausgesprungen sein,
bevor dieser Luftwagen die Station verlie.

Welches Motiv konnte er zu solchem Verhalten gehabt haben? Weshalb lie
er die Dame die grausige Fahrt allein machen? Welchen Gewinn konnte er
erhoffen, wenn der Dame beispielsweise der Sturz das Leben kostete?

Ehrenstraer stellte sich in Gedanken diese Fragen, doch fand er keine
Antwort darauf es hapert in der Prmisse.

Man kehrte in die Fabrik zurck; die noch immer bewutlose Doktorin
wurde nun in die Stadt getragen. Es fiel dem Richter auf, da sich
Hundertpfund ferne hielt; der Mann weicht also aus, doch wem gilt dies?
Will der Fabrikleiter mit dem Gatten der Doktorin nicht in Berhrung
kommen oder weicht er dem Richter aus? Gesetzt den Fall, er scheut die
Begegnung mit dem Gatten, so fragt sich, weshalb er mit diesem nicht
zusammenkommen will?

Ein jher Gedanke scho Ehrenstraer durch den Kopf und dieser Gedanke
lt sich ausspinnen, an ihn reiht sich logisch die Situation im
einsamen Berge, im Verankerungsgebude, doch reit der Faden im Moment,
da der Richter sich fragt, weshalb der Mann die Dame allein die Fahrt
antreten lie. Ist das Zufall oder Absicht gewesen?

Hierber mu Klarheit geschaffen werden, wenn nicht augenblicklich, so
spter.

Schon wollte Ehrenstraer den Rckmarsch antreten, da erschien
Hundertpfund arg verstaubt an einem der Brennfen. Die Bitte um eine
kurze Begleitung konnte der Fabrikleiter nicht gut abschlagen und so
ging Hundertpfund an der Seite des Richters ein Stck Weges mit.

"Wenn nur der unglckselige Sturz keine anderen Folgen als Knochenbrche
haben wird!" meinte im Gesprch Ehrenstraer.

"Gott gebe es! Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Vorwrfe mich qulen!"

"Interessierte sich die Doktorin denn so sehr fr die Luftbahn?"

"Gewi! Schon seit lngerer Zeit! Indes war es bisher nicht zu einem
Ausflug auf den Stadtberg gekommen. Und gerade die heutige erste
Besichtigung mute ein solches Ende finden!"

"Sie haben wohl die Doktorin am Fue des Berges erwartet?"

"Ich bitte, Herr Bezirksrichter, wollen Sie mich verhren?"

"Geben Sie rckhaltslos Antwort auf meine Fragen, so wird der Fall am
ehesten zum Abschlu gebracht werden knnen!"

"Sie glauben doch nicht an eine Absicht meinerseits?"

"Glauben heit hier nichts wissen! Ich kann nicht wissen, wie sich die
Sache abgespielt hat, weil ich ja nicht dabei war. Es ischt aber meine
Pflicht Klarheit zu schaffen."

"Groer Gott! Sie halten mich doch nicht fr einen Verbrecher!"

"Wo trafen Sie die Doktorin?"

"Am Fue des Stadtberges!"

"Zufllig?"

Hundertpfund zgerte mit der Antwort.

"Ich halte eine zufllige Begegnung nicht wahrscheinlich!" bemerke der
Richter. "Nehmen wir also Verabredung an. Eine Verabredung setzt eine
Korrespondenz oder ein frheres Rendezvous voraus. Sie verkehrten hufig
im Doktorhause?"

"Ja, frher! Dann erfolgte eine Unterbrechung."

Ehrenstraer erinnerte sich jetzt an jenes seltsame Verhalten der
Doktorin und ihren jhen Abgang aus der Gesellschaft bei Ratschiller,
und forschte weiter: "Weshalb wurde der Verkehr abgebrochen?"

"Bitte, Herr Bezirksrichter, erlassen Sie mir die Antwort aus Grnden
privater Natur!"

"Gut! Wann nahmen Sie den Verkehr wieder auf?"

"Zur Zeit der Ratschiller-Katastrophe infolge einer zuflligen
Begegnung."

"Haben Sie nicht die Empfindung, da der Aufenthalt einer verheirateten
Dame oben auf dem Stadtberge, im Gebude in Gegenwart eines ledigen
Herrn etwas sonderbar ischt?"

Hundertpfund bat jetzt, aus dienstlichen Grnden in die Fabrik
zurckkehren zu drfen und diesem Ansuchen willfahrte Ehrenstraer, der
nun auf dem Wege zur Stadt sich ganz in diesen Fall vertiefen konnte.

Der Marsch hatte Hunger und Durst erzeugt, weshalb der Richter im
"Ochsen" zusprach und sich eine "Jause" gnnte. In gleicher Absicht fand
sich kurz darauf der Bezirkskommissr im Gasthause ein, wiewohl dieser
Beamte auf den Richter wegen des damaligen Ausdruckes "Rabulistik" eine
Art Privathle hegte. Der Kommissar gnnte sich daher ein Spottwort,
indem er auf die Anwesenheit der Ehrenstraerschen Schwiegermutter
anspielte und beifgte, da die welsche Gndige wohl eine Leidenschaft
fr Spazierfahrten hege.

"Wieso?" fragte Ehrenstraer.

"Na, vor einer Stunde ist ja Ihr ganzer Harem, Frulein Emmy
ausgenommen, zu Wagen fort!"

"Ja, ja, ich wei!" log Ehrenstraer, den ein unbehagliches Gefhl
beschlich, dann trank er das Glas aus, zahlte und entfernte sich unter
hflichem Gru.

Jetzt langsam nach Hause zu gehen, mute sich der Richter zwingen, er
wei, da ihn die neugierigen Augen jenes Beamten verfolgen und will
jeden Anschein vermeiden, als ob jene Anspielung auf die Spazierfahrt
ihm flinke Beine machen wrde.

Endlich aber im Hause angekommen, macht Ehrenstraer die Stufen doppelt
und strmte hinauf. Welche Bescheerung!

Emmy steht in hchster Bestrzung vor geleerten Kasten, es ist kein
Zweifel mglich, da die Stiefmutter Bianca mit den Kindern und mit Sack
und Pack das Haus verlassen hat.

"Vater! Alle sind fort! Es ischt schrecklich!"

Ehrenstraer fand im ersten Augenblick kein Wort, sein Atem ging hastig,
die seelische Erschtterung ist zu gro. Sein Weib hat ihn verlassen
ohne ein Abschiedswort. Emmy umschlang mit den Armen den armen Vater und
flsterte: "Nun hast du nur noch mich und ich bleibe bei dir, lieber,
guter, armer Vater!"

"Ja, du bischt ein braves Kind, das einzige Wesen, das bei mir aushlt!
Da es so kommen mute!"--




XIX.


Die fluchtartige Abreise der Richterin erregte im kleinen Stdtchen
Sensation, die strker wirkte, als die Verunglckung der Doktorin. An
Gesprchsstoff hatten die mnnlichen und weiblichen Klatschbasen sonach
keinen Mangel, nur wuten sie die Reise nicht recht zu deuten. Begehrte
Auskunftspersonen wurden daher die Dienstboten Ehrenstraers, denen auf
Schritt und Tritt aufgelauert wurde und von welchen zu erkunden war, da
Frau Bianca mit Kindern und Mutter wahrscheinlich fr immer abgereist
sei, weil sie in dem Nest nicht mehr bleiben wollte. Diese Mitteilung
mute den Lokalpatriotismus verletzen, sie bewirkte einen Umschwung der
ffentlichen Meinung zu gunsten des allgemein verehrten, nun treulos
verlassenen Richters. Ehrenstraer litt schwer, doch lie er sich durch
den Schmerz nicht beugen, er suchte und fand Trost bei seiner wackeren
Tochter und in treuer Pflichterfllung. Lebte und arbeitete er gerne im
Stdtchen, das ihm zur zweiten Heimat geworden, so liebte er das traute
Bergdomizil jetzt erst recht innig samt den damit verbundenen
Entbehrungen. Eine wehmutsvolle Liebe! Verlie ihn doch die Gattin, weil
sie zu wenig Vergngen hatte im Stdtchen.

Am Benehmen der Ortsbewohner konnte Ehrenstraer erkennen, da ihm eine
gesteigerte Verehrung entgegengebracht wird, eine Art Dankbarkeit, da
doch er aushlt im Stdtchen, das seine genuschtige Frau
geringschtzte und verlie. Ein kleiner Trost freilich, aber doch ein
Trost. Der Dienst drngte die schmerzlichen Gedanken bald zurck, es
giebt im Amt keine Ruhezeiten, fr einen Untersuchungsrichter schon gar
nicht, so dieser seinen Dienst genau nimmt und wei, wie schwierig
dieses Amt ist. Pflegte doch Ehrenstraer jngeren Krften stets zu
versichern, da vom Gerichtsbeamten immer Kraft und frischester Eifer,
ausdauernde Gesundheit, umfangreiches, stets gegenwrtiges juridisches
Wissen in strafrechtlichem wie civilrechtlichem Fache, Menschenkenntnis,
gewandtes Benehmen, offener Sinn und Energie, Takt und Mut verlangt
werden, und da erforderlichen Falles Gesundheit und Leben im Dienst
eingesetzt werden mssen.

Nach solchen Grundstzen arbeitete Ehrenstraer und ward dadurch seinen
unterstellten Beamten ein leuchtend Beispiel zur Nachahmung im schweren
Amte.

Der Richter war lngst im gewohnten Dienstgeleise, da im Stdtchen die
Wogen der Disputation noch hoch gingen, und ruhig amtierte er einen Fall
nach dem anderen. Maldoner fand sich wieder ein, um zu berichten, da er
zwar den Dieb noch nicht abgefangen, dagegen einen seltsamen Fund
gemacht habe und zwar steckten in einer Scheunenecke zwei Scke mit
Korn, gezeichnet M.W.

Ehrenstraer horchte einigermaen verwundert auf.

"Ich mein' decht, das Korn hat mir der Widschwenter Michel
heimlicherweise in die Scheune gesteckt, aber die Mhren hat er mir
decht gestohlen!"

"Dann sollten die zwei Scke Korn wohl eine Entschdigung fr die
gestohlenen Rben sein?"

"Sell knnt' schon mglich sein!"

"Entspricht der Wert des Kornes dem Verlust an Rben?"

"Wohl, wohl!"

"Beharrt Ihr dann noch auf der Diebstahlsanzeige?"

"Na, na! Aber wissen mcht' ich decht, ob es der Widschwenter ischt!"

"Fr mich ischt der Fall nun abgethan. Ihr knnt dem Widschwenter jedoch
sagen, da er zu mir kommen soll, ich htte mit ihm zu reden!"

Bald nach Abgang Maldoners wurde die Post gebracht, amtliche
Schriftstcke, unter welchen Ehrenstraer auch einen an ihn gerichteten
Privatbrief fand. Die leise Hoffnung, da das Brieflein von Bianca sein
knnte, zerstrte sofort die ungelenke Handschrift auf der Adresse. Und
ebenso ungelenk war der Brief geschrieben, im Sinn wie in der Schrift
folgenden Inhalts.

  "Gehorsamster Herr Strafrichter! So leid es mir thuet, das Sie von
  Ihrer Frau verlasen worden sind, mu ich doch so freindlich sein und
  anfragen, ob Sie nicht vielleicht Kleider zum Ausbessern haben. Ohne
  Frau reien oft leichter Knpfe und Hosen. Ich bin Ihnen zwar nicht
  persnlich bekannt, aber dennoch Schneider von Profession, habe mich
  aber nebenbei immer mit dem Kriminal befat. Ich habe mir dadurch
  geistig zu sehr angestrengt und bin etwas nervis geworden, im brigen
  besitze ich einen guten Humor ohne Socialdemokrat zu sein. Nun aber
  die Abreise, was nicht schn ist von Ihrer Frau und meine
  Arbeitslosigkeit, von der Bauernschneiderei wird man niemals nicht
  fett, macht mir so viel Sorgen, bin erst 22 Jahre alt und besitze
  trotzdem eine tadellose Vergangenheit. Sie werden vielleicht denken,
  ich knnte beim Schneidermeister in hiesiger Stadt Arbeit finden, dem
  mu ich Ihnen entgegnen, ich bin im Kriminal gebildet, und mchte zur
  Heilung das Kneip'sche Verfahren anwnden, bin deswegen in die Nhe
  vom stedtischen Schwimmbad gezogen. Wenn Sie etwas Arbeit in Ihrer
  Einsamkeit fr mich haben, so bite ich nochmals darum, lasen Sie mir
  dieselbe zukommen, vielleicht kann ich spter einmal es vergelten.
  Fr meinen erfllten Wunsch im Voraus dankend zeignet Hochachtend
  Cyprian Tschiggfrei. Wenn Sie so gut sind, schicken Sie mir aber
  keinen Schandarmen, die wenn ich sehe, werde ich immer nervis.
  Nochmals mit gehorsamster Hochachtung der Obige."

"Den Brief heb' ich mir auf!" flsterte Ehrenstraer. Eine Stunde mochte
verflossen sein, da meldete der Amtsdiener den Bauer Michael
Widschwenter.

"Soll hereinkommen!"

Durch die Thre wand sich die hagere Gestalt Widschwenters, der in der
rechten Hand ein Taschentuch hielt und sich beim ersten Schritt in die
Amtsstube mit feierlicher Umstndlichkeit das Gesicht damit abwischte.
Ehrenstraer stutzte; die Temperatur ist nicht danach, da sich jemand
Schwei vom Gesicht abwischen knnte. Unwillkrlich mute der Richter an
Aberglauben denken, der bekanntlich mancherlei Variationen speziell vor
Gericht aufweist und in dieser Erwgung achtete Ehrenstraer scharf auf
das Verhalten dieses Bauers. Widschwenter richtete sich nach dem
Abwischen des Gesichtes etwas auf und knpfte dann sofort einen Knoten
in das Tuch, den er fest in der Hand hielt.[12] Jetzt erst wagte es der
Bauer, den Blick auf den Richter zu lenken, und zaghaft klangen die
Worte: "Herr Stadtrichter! s habt's mich holen lassen!"

"Ganz richtig, Widschwenter! Ich mchte mit Euch etwas besprechen und
zwar mchte ich von Euch erfahren, warum Eure Ross' so prchtig
ausschauen!"

Der Bauer stand wie ein lebloser Holzklotz starr und blickte den Richter
an, als ob dieser in einer fremden Sprache geredet htte.

Ehrenstraer wiederholte den Satz, der Bauer gab kein Zeichen eines
Verstndnisses. Sollte der Mann taub sein?

Der Satz wurde nun geschrieen, Widschwenter stand regungslos. Nun machte
der Richter die Probe auf Simulation der Schwerhrigkeit, indem er den
eisernen Briefbeschwerer in die Hand nahm, in scheinbarer Absicht zur
Thre ging und im Rcken Widschwenters das schwere Eisenstck zu Boden
fallen lie.

Der Bauer rhrte sich nicht, zweifellos ist er also Simulant. Denn ein
wirklich Schwerhriger hrt solchen Lrm durch die Schallleitung des
Bodens und Krpers doch oder fhlt wenigstens die Erschtterung, der
Simulant aber glaubt, da er dies auch nicht hren drfe und wendet sich
daher nicht um.

Ehrenstraer hob den Briefbeschwerer vom Boden auf und begab sich wieder
an den Schreibtisch.

Ersichtlich drckte der Bauer den Knoten im Taschentuch und richtete
einen fragenden Blick auf den Gerichtschef.

"Also der Widschwenter will heute nicht gut hren! Da mssen wir ihn
schon auf etliche Tage einsperren, vielleicht bessert sich dann das
Gehr!" sprach der Richter absichtlich leise.

Erschrocken platzte der Simulant heraus. "Ich bitt', Herr Stadtrichter,
nur nit einsperren, ich hr' blo auf einem Ohr nit b'sonders!"

"So, so! Also hrst jetzt doch besser, das ischt recht! Nun sag' mir,
Widschwenter, wie ischt es mit deine Ross'? Selle fressen halt
gestohlene Rben gerne, nicht?"

"Wohl, wohl! Das ischt eine alte Sach'. Das Gras vom Nachbar macht die
Kh' viel Milch und seine Rben die Ross' stark und gerund!"

"Also hast du dem Maldoner die Mhren genommen?"

"I hun ihm dafr zwei Sack Korn 'geben, also hat er decht keinen
Schaden!"

"Also Diebstahl aus Aberglauben! Na, der Maldoner hat die Anzeige
zurckgenommen, du hast Ersatz geleistet, bleibst aber ein Dummkopf,
weil du solche Sachen glaubst!"

"Kann schon sein, gn' Herr! Aber helfen thuan selle Sachen decht und
das ischt die Hauptsach'! Werd' ich jtzund nit eing'sperrt?"

"Nein! Aber wenn du noch eine einzige Mhre stiehlst, holt dich der
Gendarm, merk' dir das, Widschwenter!"

"Saggra! Htt's nit 'glaubt, da selles Todtentchel so wenig nutzt! Mu
decht ein Tropf g'wesen sein, seller Todter!"

Ehrenstraer entlie schmunzelnd diesen Originalmenschen, der hastig
davontrollte, und wandte sich dann zur Erledigung der Aktenstcke.

Nachmittags sprach der Richter im Hause des Bezirksarztes Bauerntanz
vor, um sich nach dem Zustand der Doktorin zu erkundigen. Der
Bezirksarzt konnte mitteilen, die Brche sind eingerichtet, Gipsverbnde
angelegt, die Patientin ist bei Sinnen, die Gehirnerschtterung nicht so
schwer, als anfangs befrchtet wurde, doch drfe niemand vorgelassen
werden.

"So besteht Hoffnung auf Wiederherstellung?"

"Mglich ischt es ja; das Gedchtnis ischt vllig verschwunden, meine
Frau vermag sich an nichts zu erinnern, ich qule sie selbstverstndlich
nicht mit weiteren Fragen. Wissen mchte ich aber, wie meine Frau auf
den absurden Gedanken verfallen konnte, auf der Luftbahn eine Fahrt zu
machen. Ob da nicht der Fabrikleiter dahintersteckt?"

"Zweifellos hat er die Gndige dazu animiert."

"Werde mir den Mann gelegentlich vorfangen!"

Weiter wollte Ehrenstraer auf dieses Thema nicht eingehen, er empfahl
sich unter Wnschen auf baldige Genesung der Doktorin. Der Sache auf
den Grund zu gehen, ist der Richter fest entschlossen, er wittert etwas
und vermag an einen Zufall nicht zu glauben. So kam es denn zu einer
abermaligen Vernehmung; Hundertpfund wurde vorgeladen und erschien
pnktlich, wenn auch in gedrckter Stimmung, in der Kanzlei des
Gerichtsvorstandes. Ehrenstraer, dem der Aktuar zur Protokollfhrung an
der Seite sa, begann das Verhr ruhig--ernst mit der Frage, weshalb
Hundertpfund die Dame zur Fahrt bewogen habe. Im verzweiflungsvollen
Tone erwiderte der Fabrikleiter. "Verzeihen Herr Bezirksrichter: Ich
kann diese Frage nicht beantworten!"

"Weshalb nicht?"

"Aus Grnden diskreter Natur!"

"Damit kommen wir nicht vom Fleck. Verweigern Sie die Antwort, so kann
ich nicht an den von Ihnen behaupteten unglcklichen Zufall glauben!"

"Um Gotteswillen! Sie werden mich doch nicht fr einen Verbrecher
halten?"

"Um meine persnliche Meinung handelt es sich nicht! So lange nicht
aufgeklrt ischt, ob die Mglichkeit der Absicht zur Herbeifhrung des
Sturzes besteht, ebensolange ischt der Verdacht gerechtfertigt!"

"O Gott, ich soll verdchtig sein!" jammerte Hundertpfund.

"Es thut mir leid, doch kann ich es nicht ndern. Fr das Gericht liegt
der Fall zur Stunde ohne Ihre Aufklrung folgendermaen: Sie
unterhielten Beziehungen zur Dame, Sie lockten Sie hinauf, als Sie
mutmalich des Verhltnisses berdrssig geworden,--"

"Halten Sie ein! Ich kann dies nicht anhren! Nein, tausendmal nein! Sie
verirren sich in Mutmaungen!"

"So klren Sie die Sache auf! Oder ischt es Ihnen lieber, wenn ich nach
erfolgter Gesundung die Dame vernehme?"

"Das wre noch schrecklicher!"

"Ich mu aber klar sehen und erfahren, ob dem Falle Absicht zu Grunde
liegt!"

"Sie wollen mich zu einer Indiskretion der Dame gegenber zwingen!"

"Der Untersuchungsrichter darf bertriebene Rcksicht nicht ben!"

"Aber um Himmelswillen, ich kann doch nicht zugeben, da ffentlich
bekannt wird, was geheim bleiben mu."

"Von einer ffentlichen Bekanntgabe ischt zunchst berhaupt nicht die
Rede, es wird die Untersuchung durchgefhrt. Ergiebt sich, da der
Verdacht hinfllig wird, so wird die Untersuchung geschlossen, und
niemand erhlt Kenntnis von den Aussagen der Vernommenen."

Hundertpfund atmete auf. "So wrde es ein Geheimnis bleiben, was unter
vier Augen gesprochen wurde?"

"Unter sechs Augen! Der Aktuar mu die Aussage zu Papier bringen!"

"Dann bedaure ich, nichts aussagen zu knnen!"

"Die Folgen haben nur Sie selbst zu tragen!"

"Und welche wrden dies sein?"

"Ihre Verhaftung und die Vernehmung der Dame nach ihrer
Wiederherstellung!"

"Groer Gott! Wenn Sie nur glauben wollten, da nur ein unglcklicher
Zufall vorliegt. Unter vier Augen will ich Ihre Frage ja beantworten, um
die Vernehmung der Dame unntig zu machen!"

Ehrenstraer gewhrte diese Bitte und schickte den Aktuar auf kurze Zeit
hinaus.

Nach Verlauf einer Viertelstunde war Hundertpfund entlassen, und der
Richter teilte dem herbeigerufenen Aktuar mit, da das angefangene
Vernehmungsprotokoll vernichtet werden knne.

Verwundert blickte der Aktuar auf seinen Chef.

"Ja, ich habe mich geirrt! Seit vielen Jahren wieder einmal! Unfehlbar
ischt kein Untersuchungsrichter und mir soll dieser Fall selbst im Alter
eine Witzigung sein. Man mu nicht immer Verbrechen wittern wollen!
Besorgen Sie die Vernichtung durch Verbrennen des Protokolls in meinem
Ofen hier!"

Das geschah rasch, die Flamme verzehrte gierig den Papierbogen. Bei
dieser Gelegenheit geriet der Aktuar in unsanfte Berhrung mit den
zersprungenen Kacheln des wackeligen, alten Ofens, und krachend strzte
dieser ein.

"Gott sei Dank!" rief Ehrenstraer. "Wie oft habe ich um Bewilligung
eines neuen Ofens petitioniert und immer vergeblich. Die Rauchqualen
werden nun fr immer ein Ende haben. Schreiben Sie einen Bericht an das
Obergerichtsprsidium, da mein Ofen eingestrzt ischt! So hat denn
alles auch eine gute Seite, damit auch mein Irrtum!"




XX.


Der Weihnachtsabend war gekommen mit strenger Klte und viel Schnee, in
welchem das Amtsstdtchen schier erstickte. Kaum die ntigsten Steige
waren eingeschaufelt, wer die Strae berqueren wollte, mute waten. Das
bichen Leben auf den erstarrten Straen erstarb vllig, bis auf
Schneeballen werfende Jungens und wenige Gebirglerfuhrwerke zeigte sich
niemand im Freien; das Schneetreiben war zu arg.

Still ging es im Hause des Richters zu; Emmy waltete ihres Amtes als
Haushlterin, die nur ein Mdchen zur Verrichtung der groben Arbeit
hielt. Verstummt der einstige Kinderlrm, es ist still geworden wie in
einem Kloster.

Emmy richtete die wenigen Geschenke fr den Vater zurecht, auf da doch
ein klein wenig Weihnachten gefeiert werde. Die reichsdeutsche
Weihnachtsfeier mit Kerzenschimmer im Tannenbumchen und all dem
wonnigen Zauber kannte man in Ehrenstraers Familie nicht. Und fr die
diesmaligen Weihnachten ist ja gar keine besondere Veranlassung zu einer
besonderen Feier gegeben. Der Vater einsam und verlassen wie die
Tochter, ferne die Gattin und die Kinder.

Ehrenstraer kam frher am Nachmittag nach Hause als sonst, es war ihm
am heiligen Abend denn doch zu kahl in der Amtsstube, zu de und einsam
bei seinen Akten. Die Geschenke fr Emmy hatte er in der Kanzlei
verwahrt und trug selbe jetzt ins Haus.

"Stille Weihnachten heuer!" meinte der Richter mit wehmtigem Lcheln
und legte die Paketchen auf den Tisch der Wohnstube.

"Verzage nicht, Vater! Es geschieht alles nach Gottes heiligem Willen
und Gott legt dem Menschen nicht mehr auf, als der Sterbliche tragen
kann!"

"Ja, ja! Mu schon so sein! Wie ischt's, Emmy, soll ich dir dein
Weihnachten jetzt gleich oder beim Lampenschein bergeben?"

"Bitte, lieber Vater! Es ischt traulicher beim Lampenschein!"

"Dann sorge aber, da wir heute Punsch bekommen! Hat der Fischer den
gewnschten Karpfen geliefert?"

"Nein! Er lie sagen, bei dieser Klte knne er berhaupt keinen Fisch
liefern!"

"Macht auch nichts! In der Grostadt sind wir ja nicht und der Mensch
mu sich bescheiden. Aber ein Flschchen Punsch haben wir doch?"

"Ja, ein einziges vermochte ich aufzutreiben, es war glcklich das
letzte beim Krmer!"

"Es geht nichts ber eine weise Verproviantierung! Eigentlich leben wir
doch in einem richtigen Landnest!"

"Willst du fort von hier, Vater?"

"Wie kommst du auf diesen Gedanken?"

"Weil Vterchen auf unser Stdtchen zu schelten beginnt, genau wie--."

Emmy brach pltzlich ab.

"Genau wie--ja, ich wei, was du sagen wolltest! Nein, nein, ich
empfinde keine Sehnsucht, von hier wegzukommen!"

Mehr fr sich flsterte Ehrenstraer: "Die ersten Weihnachten seit der
Trennung! Wie es ihnen wohl ergehen mag drunten im Sden?! Auer den
Anwaltsbriefen kein Lebenszeichen! Wer htte solchen Starrsinn fr
mglich gehalten?"

Emmy nherte sich dem Vater und bat schmeichelnd, es mge Papa keine
trben Gedanken aufkommen lassen am heiligen Abend. Noch seien ja Vater
und Tochter beisammen!

"Du bischt ein gutes Kind, Emmy! Aber versauern sollst du nicht in
unserer Einsamkeit, ich kann das nicht verantworten!"

Lchelnd erwiderte Emmy: "Vaterle will mich doch nicht gewaltsam
fortschicken?"

Die Korridorschelle begann zu klingeln, sie mute energisch von
Mnnerhand gezogen worden sein.

"Doch nicht Besuch?" meinte Ehrenstraer und zndete fr alle Flle die
Hngelampe an, whrend Emmy in den Korridor hinausging, wo das
Dienstmdchen bereits die Thr geffnet hatte und den Besucher einlie.

Trotz des schwachen Scheines des Korridorlmpchens erkannte Emmy
sogleich Herrn Ratschiller und bestrzt rief sie aus: "Franz, du?!"

"Ja, ich! Gott zum Gru, Emmy! Ischt der Vater schon zu Hause?"

"Du willst zum Vater?"

"Ja! Und selbstverstndlich auch zu dir!" lchelte Franz Ratschiller,
entledigte sich des Mantels und Hutes, schttelte die letzten
Schneespuren von den Stiefeln und bat munter um gndigen Einla.
Verwundert ffnete Emmy die Thre zum Wohngemach und rief hinein:
"Vater! Herr Ratschiller will uns besuchen!"

"Ei der Tausend! Willkommen!" Dem Besucher entgegenlachend, reichte ihm
Ehrenstraer herzlich die Hand zum Grue und bat, Platz zu nehmen.

Franz blieb stehen und begann in feierlichem Tone zu sprechen:
"Verzeihen Herr Bezirksrichter mein sptes Eindringen! Ich kann den
heiligen Abend nicht vorbergehen lassen, ohne Ihnen, Frulein Emmy,
eine innige und herzliche Bitte zu unterbreiten! Ich bitte heute um mein
Christkindl, um die Hand Emmys zum zweiten Male!"

Emmy schluchzte, berrascht stand der Vater.

"Ich kenne kein greres Glck auf Erden als die eheliche Verbindung mit
Emmy! Gewhren Sie mir dieses Glck als Weihnachtsgabe! Meine
Verhltnisse seit jener Katastrophe kennen Sie zur Genge, ich kann
beifgen, da das Geschft besser denn je geht und blht, da meine
Mutter vllig einverstanden ischt und von meinem Werbegang Kenntnis hat!
Ich bitte in dieser weihevollen Stunde inniglichst um Ihr 'Ja', um Ihren
Vatersegen!"

Tiefe Rhrung hatte sich des alten Mannes bemchtigt, zitternd sprach
er: "Ihr wiederholter Antrag ehrt mich, doch wollen Sie bedenken, was
inzwischen in meinem Hause sich ereignet hat."

"Tief beklage ich dieses Ereignis, doch kann dasselbe mich keinen
Augenblick beirren, um die Tochter eines Ehrenmannes im edelsten Sinne
des Wortes zu bitten!"

"Ich danke Ihnen! Die Antwort selbst soll Emmy Ihnen geben!"

Ratschiller wandte sich an die Tochter, die in Thrnen ausbrach.

"Emmy, willst du mich glcklich machen am Weihnachtsabend, glcklich
fr ein ganzes Leben?"

"Franz! Ich liebe dich wie vordem, aber ich kann dir nicht angehren!"

Ein Wehruf entrang sich der Brust des jungen Mannes und in
leidenschaftlicher Aufwallung fragte er: "Emmy! Um Himmelswillen, warum
nicht?"

Emmy umarmte den Vater, an seiner Brust liegend, schluchzte sie: "Ich
kann doch meinen guten, alten Vater jetzt nicht verlassen! Ich bin ja
das einzige Wesen, das ihm in der Einsamkeit verbleibt!"

Ehrenstraer kte in tiefer Rhrung den Kopf seines Lieblings und
sprach: "Nein, nein! Dieses Opfer nehme ich nicht an! Meinetwegen darf
mein Kind nicht auf ein Lebensglck verzichten! Ob ich allein bleibe
oder nicht, das hat nichts zu sagen. Viel wichtiger ischt mir, meinen
Liebling glcklich zu wissen! Herr Ratschiller, ich nehme Ihre Werbung
an und gebe meinen Segen!"

Sanft wollte Ehrenstraer die Umarmung lsen, doch Emmy umschlang den
Vater leidenschaftlich: "Ich lasse meinen guten Vater nicht allein!"

"Sei vernnftig, Emmy! Schau, ich verliere ja dich nicht, im Gegenteil,
ich bekomme einen Sohn zur Tochter!"

Franz dankte bewegt und fgte bei, da der Schwiegervater ja nur ins
Ratschillerhaus zu ziehen brauche, um nicht allein zu sein.

Da blinzelte Emmy zum Vater empor: "Will Vterchen das thun?"

Was wollte der liebe alte Herr in diesem Augenblick thun: er nickte. Und
nun wirbelte Emmy berglcklich zu Franz und gab ihm den Verlobungsku.

"Na, also! Braucht das Arbeit, bis junge Leute glcklich werden!" lachte
gutmtig spttelnd der Richter und zerdrckte eine Thrne im Auge.

Nun holte Franz sein Weihnachtsgeschenk fr die liebe, schne Braut aus
der Tasche, eine Perlenkette, bei deren berreichung er bat, auf den
Aberglauben, da Perlen Thrnen bedeuten, nichts zu geben.

Auch fr Papa Ehrenstraer hatte Franz eine Gabe, ein Virginieretui aus
feinem Leder, doch der Richter lehnte das Geschenk hflich und dabei
bestimmt ab unter dem Hinweis, da seine Stellung ihm nicht gestatte,
Geschenke, gleichviel von wem sie kommen, anzunehmen.

"Aber! Ich bin doch Ihr Schwiegersohn!"

"Noch nicht de facto! Sind Sie es, dann kann allenfalls ber die
Mglichkeit disputiert werden! Heute mu ich dankend ablehnen!"

Die Leutchen wollten nicht streiten und lieen den alten Herrn gewhren.

Es folgte die gegenseitige Bescherung zwischen Vater und Tochter, dann
wurde mit Punsch die Verlobung gefeiert.

Auf die Bitte Franzens, nun die geliebte Braut seiner Familie zur
Bescherung zufhren zu drfen, nickte Ehrenstraer und bald stapften die
Verlobten ins Ratschillerhaus.

Der alte Richter sa nun allein und verlassen zu Hause.




XXI.


Im Hause des Bezirksarztes machte Frau Rosa die ersten Gehversuche auf
Krcken gesttzt und ihr Gatte half ihr bei diesem Beginnen, wobei er
sie trstete ber das unvermeidlich gewordene Ungemach, da ein Fu
krzer bleiben werde. "Rosel wird halt hinken frs weitere Leben!"
meinte Dr. von Bauerntanz. "Ich bin eben ein Pfuscher!"

"Sag' doch das nicht! Mir geschieht ganz recht, das ischt die gerechte
Strafe! Ich hab's nicht besser verdient!"

"Wieso denn, Rosel?"

Die Doktorin errtete bis an die Haarwurzeln hinauf und humpelte zum
Gatten. Die Krcken fortwerfend, setzte sie sich auf seine Knie, legte
das Kpfchen an seine Brust und begann reumtig zu beichten, da sie
zwar sehr leichtsinnig gewesen, mit dem Feuer gespielt htte, doch nicht
gefallen sei.

"Du warst aber doch oben allein mit ihm, Rosel?"

Erglhend gestand die Doktorin: "Ja! Verzeihe mir! Ich habe gefehlt,
fast htte ich dem Drngen nicht widerstanden! Im letzten Augenblick
aber ri ich mich los und kaum wissend, was ich that, sprang ich, nur um
fortzukommen, in einen der eben durchlaufenden Luftbahnwagen, der mich
entfhrte. In der groen Aufregung vermochte ich nicht ruhig zu sitzen,
der Wagen kam ins Schwanken, ich fiel heraus und strzte in die Tiefe!"

Still ward es in der Stube. Der Doktor kmpfe mit seinen Empfindungen
eine Weile und weinend lag sein Weib an seiner Brust.

Dann nahm er Rosas Kopf in die Hnde und kte die Gattin mit einem
langen verzeihenden Ku auf die zitternden Lippen.

"Ich danke dir aus tiefstem Herzen fr deine Gnade und Gte!"

"Still, Rosel! Es soll vergeben und vergessen sein! Warst halt ein
Gansel! Aber eine Strafe kann ich dir und dem Hansdampf nicht erlassen,
das bin ich mir und meiner Mannesehre schuldig!"

"Was verlangst du?" fragte bestrzt die reuige Gattin.

"Frau Rosel, alias Gansel, setzt sich an ihres ehrsamen Gatten
Schreibtisch und kritzelt an jenen faden Gecken eine Epistel des
Inhalts, da die Unterzeichnete ihrem Ehegatten reumtig alles
eingestanden und die berzeugung gewonnen habe, nicht nur strflich
leichtsinnig, sondern auch sehr albern gehandelt zu haben. Von tieferen
Gefhlen sei niemals etwas vorhanden gewesen und nur eine dumme Frau
konnte an dem faden Gefasel eines Schrzenjgers vorbergehend Gefallen
finden. Mit der Ihnen gebhrenden Achtung ergebenste Rosa von
Bauerntanz!"

"Aber lieber Mann!" wand Rosa ein.

"So und nicht anders wirst du schreiben. Das sei die Strafe!"

Und der Doktor trug seine Gattin zum Schreibtisch, setzte sie wie ein
Kind in den Sessel und richtete Papier und Feder zurecht. Und Frau Rosa
schrieb gehorsam die harte Epistel, die natrlich nach Frauenart ein
Postskriptum bekam, in welchem die Schreiberin einen spttischen
Glckwunsch zur Verlobung mit Frulein Josefine aussprach fr den Fall,
da der in seinen moralischen Anschauungen federleichte Herr
Hundertpfund es nicht vorziehe, vom Schauplatz seiner Thtigkeit
baldigst zu verschwinden.

"Echt weiblich!" spottete der Doktor und trug dann den Brief persnlich
zur Post.

Die Wirkung dieses Briefes war am Sylvestertage die schriftliche
Kndigung des Dienstverhltnisses an den Chef der Firma Ratschiller auf
vier Wochen laut Handelsgesetz. Franz war ob dieser Kndigung nicht eben
erfreut und ging mit dem Schreiben zum Schwiegervater in spe, um ihn um
Rat zu fragen. Ehrenstraer lachte bedeutsam und riet, die Kndigung
ohne Weiteres anzunehmen. Mehr darber knne nicht gesagt werden. Je
eher der Mann aus der Gegend verschwinde, desto besser sei es.

Und so nahm denn Franz Ratschiller die Kndigung an und schrieb die
Stelle eines Fabrikleiters aus, die, weil gut bezahlt, auch bald wieder
besetzt werden konnte.

Vier Wochen darauf verschwand Hundertpfund ohne Abschied aus dem
Stdtchen.




XXII.


Die Hochzeit Emmys mit Franz Ratschiller war schon auf einen Tag im Mrz
festgesetzt und alle Vorbereitungen dazu im Gange. Ehrenstraer hatte
als liebender, frsorglicher Vater das Seinige dazu gethan, die
Ausstattung in Innsbruck und Wien bestellt und die kleine Mitgift
flssig gemacht.

Da kam eines Morgens eine Nachricht, welche das ganze Bezirksgericht in
Bewegung setzte. Ehrenstraer erhielt das Dekret, inhaltlich der
Ernennung zum k.k. Landesgerichtsrat mit Versetzung in dieser
Diensteigenschaft an das Strafgericht in Innsbruck. Vom letzten
Gefangenaufseher bis herauf zum Gerichtsadjunkten kam die Beamtenschaft,
um dem verehrten Chef zu dieser hochehrenden Auszeichnung die
Glckwnsche zu berbringen, und gerhrt dankte Ehrenstraer fr diese
freundliche Aufmerksamkeit. Zugleich fgte er aber bei, da er in seiner
Diensteseigenschaft im liebgewordenen Stdtchen zu verbleiben wnsche
und daher auf die Befrderung Verzicht leisten werde. Die Beamtenschaft
staunte, doch freute sie sich, da der allverehrte Vorstand dem Gericht
erhalten bleiben wrde.

Whrend sich die Kunde vom Verzicht mit Blitzesschnelle im Stdtchen
verbreitete, schrieb Ehrenstraer an das Prsidium die Bitte um
Belassung in seiner bisherigen Stellung, in welcher er absterben mchte.

Als einer der ersten Gratulanten aus dem Stdtchen erschien Ratschiller,
den Ehrenstraer humorvoll bat, mit einem Schwiegervater, der "nur"
Bezirksrichter zu sein und bleiben wnsche, gtigst zufrieden sein zu
wollen.

"Ich tauge nicht mehr in die Stadt und will Bezirksrichter bleiben!"
fgte Ehrenstraer hinzu.

"Und wir knnen darob nur glcklich sein!" versicherte Franz.

Wenige Tage darauf erhielt Ehrenstraer einen Brief, der ihn unfhig zu
jeglicher Arbeit machte. Der alte Richter zitterte schon beim Anblick
der Handschrift und die Lektre machte ihn weinen. Bianca gratulierte
zur Befrderung und gestand reumtig ein, schlecht gehandelt zu haben.
Der Verzicht auf die Versetzung nach Innsbruck habe ihr die Augen
geffnet, das Herz gerhrt und demtig bitte die bisher Verblendete um
die Erlaubnis zur Rckkehr an die Seite des Mannes, den sie so schwer
gekrnkt und nicht verstanden habe. Willig werde sie alles frder
ertragen, auf jegliches Vergngen verzichten, wenn ihr nur das
heiersehnte Glck einer Verzeihung werde, wenn sie zurckkehren drfe.
Eine Stunde spter trug der elektrische Funke die Worte nach dem Sden:
"Alles verziehen! Kommt sofort! Dein Gatte!"

Glcklich vereint, wurde Hochzeit gehalten, zu der sich auch die
hinkende Doktorin mit ihrem Gatten einfand. Ehrenstraer blieb
Bergrichter, bis zum 70. Geburtstage seine Pensionierung unter
Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes erfolgte. Und von Jung und Alt
verehrt, verlebte Ehrenstraer im kleinen, trauten Stdtchen den Abend
seines Lebens glcklich und zufrieden, genannt der Bergrichter.


Funoten:

[1] Vergl. das geniale Werk von Prof. Dr. Gro: "Handbuch fr
Untersuchungsrichter." Im Gebirge existiert ein Brauch, da Burschen mit
rotverhngten Laternen in die Schlafstuben der Dirnen schleichen und die
derbsten Scherze verben. Es wird behauptet, da das rote Licht die
Leute eher schlafen mache, als da es dieselben aufwecke.

[2] Einem Josef Aspdin in Leeds (England) gelang es bei seinen
Versuchen, die natrlichen hydraulischen Mrtelbildner, Purzolan- und
Roman-Cement, durch knstliche zu ersetzen, unter Beobachtung eines
bestimmten Mischungsverhltnisses und einer entsprechend hohen
Temperatur beim Brennen ein Produkt zu erhalten, das sich als ganz
hervorragendes hydraulisches Mrtelmaterial erwies. Aspdin benannte es
"Portland-Cement", weil es, wenn es in Wasser erhrtet, einem
vorzglichen Baustein jener Gegend, dem "Portlandstone" in Farbe und
Haltbarkeit auffallend glich. Vergl. Dr. . Schoch, Die moderne
Aufbereitung und Wertung der Mrtel-Materialien.

[3] In den Alpenlndern deutscher Zunge bis hinein nach Niederbayern
sagt das Bauernvolk "Okta" fr Notar.

[4] Dieser Aberglaube ist heute noch im Bergvolk verbreitet, man glaubt
an die unfehlbare Wirkung, doch bringe solcher Frevel, weil ein Bund mit
dem Teufel, einen schweren Tod mit sich. Der Betreffende knne erst
dann sterben, wenn ein Priester die Hostie wieder aus der Hand
herausschneide, in welchem Moment die Schusicherheit verloren gehe und
der Bund mit dem Teufel wieder aufgehoben werde. Nheres hierber bei
_Dr. Hfler_, Volksmedizin und Aberglaube, 1888.

[5] Allgemein wird am Amtstag in Streitfllen eine sog. "mndliche"
Vorladung des Gegners verlangt; diese "mndliche" Vorladung ist aber
eine schriftliche, die jedoch nicht wie alle brigen Ladungen durch das
Gericht, sondern durch die Klagspartei zuzustellen ist. Ein Erscheinen
auf solche "mndliche", i.e. schriftliche Ladung zum Austrag des Falles
am betr. Amtstag ist aber nicht obligatorisch. Der umstndliche Vorgang
ist nach reichsdeutschen Begriffen mit einem einzigen Worte zu
bezeichnen: "Shneversuch".

[6] Mit diesem Ausdruck ist "Gerichtsadjunkt" gemeint. Nach gtiger
Mitteilung befreundeter Gerichtsbeamter sind folgende Titulaturen im
Bergvolk den Richtern gegenber blich: "Herr Kaiserlicher Rat, Herr
Gerichtshof, Herr Scharfrichter, Herr Tag- und Nachtrichter, Herr
Gerichtshallunk, Herr Stadt- und Landrichter."

[7] Alle angefhrten Flle sind der Wirklichkeit und Praxis entnommen,
keineswegs Phantasie der Verfassers.

[8] Genaue Copie des Originals.

[9] Nach dem Original wrtlich kopiert. D.V.

[10] Nach den Originalen wrtlich kopiert. D.V.

[11] Der Ruf des Baumkauzes gilt als Warnung und lautet, in Noten
gesetzt, ungefhr:
[Lilypond:
\score
{
  \notes <<
  {
    g''8\noBeam g''8 fis''4 f''2\fermata \bar "||"
  }
  \lyricsto ""
  \new Lyrics
  \lyrics
  {
    Ju- hu- hu huuh!
  }>>
  \midi
  {
    \tempo 4 . = 120
  }
  \paper
  {
    linewidth = 80 \mm
  }
}
]

[12] Ein Aberglaube sdslavischen Ursprungs, der weit herauf in das
Gebirge reicht, lautet dahin, da man bei Citirung vor Gericht ein Tuch,
mit welchem einem Verstorbenen das Kinn aufgebunden wurde, bei sich
fhren mute. Wischt man sich vor dem Richter damit das Gesicht ab, so
unterliegt man nicht, und solange der Knoten im Tuche nicht aufgelst
ist, kann einem das Gericht "nichts anhaben". Vergl. Dr. Gro "Handbuch
fr Untersuchungsrichter" I.





End of Project Gutenberg's Bergrichters Erdenwallen, by Arthur Achleitner

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BERGRICHTERS ERDENWALLEN ***

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1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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